Palästinensische Schriftsteller und Aktivisten lehnen Rassismus und

Antisemitismus bei Gilad Atzmon ab / vorgelegt von Ali Abunimah
13.03.2012

Ohne Rücksichten: Ein Aufruf, Rassismus und Antisemitismus bei Gilad Atzmon
zurückzuweisen.

Anmerkung: Dieses Statement wurde erstmals vom US Palestinian Community Network
veröffentlicht und ist von allen Unterzeichnern verfasst.

Gilad Atzmon, ein in Israel geborener Musiker, der gegenwärtig in England lebt, macht es sich
selbst seit vielen Jahren zur Aufgabe, für die palästinensische Bewegung die Natur ihres
Kampfes und die ihn untermauernde Philosophie zu definieren. Er hat das auf seinen
verschiedenen Blogs und Internet Outlets, in Reden und Artikeln gemacht. Zur Zeit reist er
durch die Vereinigten Staaten, um für sein neuestes Buch mit dem Titel The Wandering Who
zu werben.

Mit diesem Schreiben möchten wir darauf aufmerksam machen, dass mitstreitende
palästinensische Organisatoren, mit Palästina solidarische Aktivisten und Freunde des
palästinensischen Volkes nicht mit Atzmon übereinstimmen und möchten auf die Gefahren
einer Unterstützung von Atzmons politischer Arbeit, seiner Schriften und der Nutzung der
Plattformen, die sie verbreiten, hinweisen. Wir tun dies als palästinensische Organisatoren
und Aktivisten, die über Kontinente, Kampagnen und ideologische Positionen hinweg tätig
sind.

Atzmons politische Überzeugungen beruhen hauptsächlich auf einer Behauptung, die als
Ausgangspunkt für bösartige Angriffe auf jeden dienen kann, der mit seiner obsessiven
Ansicht über "Jewishness" nicht übereinstimmt. Er behauptet, jede jüdische Politik sei
"Stammespolitik" und notwendigerweise zionistisch. Für Atzmon ist Zionismus kein koloniales
Siedlerprojekt, sondern durch die Geschichte hindurch ein "jüdisches" Projekt und von der
Selbstdefinition als Jude nicht zu trennen. Deshalb, behauptet er, könne man sich nicht als
Jude bezeichnen und sich gleichzeitig in der Solidaritätsarbeit für Palästina engagieren, denn
sich als Jude zu identifizieren bedeute Zionist zu sein. Damit können wir nicht mehr
übereinstimmen. Ja, wir glauben, dass Atzmons Argument selbst zionistisch ist, weil es mit
der zionistischen Ideologie und Israel übereinstimmt, wenn die einzige Möglichkeit Jude zu
sein bedeutet, Zionist zu sein.

Wir Palästinenser haben durch zwei Jahrhunderte orientalistischer, kolonialistischer und
imperialistischer Herrschaft über unsere Heimat stand gehalten. Und so betrachten wir solche
Worte als unmoralisch und vollkommen abseits der tiefsten Grundüberzeugungen von
Humanismus, Gleichheit und Gerechtigkeit, auf denen der Kampf um Palästina und seine
nationale Bewegung beruht. Unzählige palästinensische Aktivisten und Organisatoren, ihre
Parteien, Vereinigungen und Kampagnen haben das vergangene Jahrhundert hindurch
bezeugt, dass unser Kampf niemals gegen Juden oder den Judaismus gerichtet war, und es
niemals sein wird, gleichgültig wie sehr der Zionismus darauf besteht, die Juden seien unsere
Feinde. Vielmehr richtet sich unser Kampf gegen den Zionismus, eine moderne europäische,
koloniale Siedlerbewegung, ähnlich den Bewegungen in vielen anderen Teilen der Welt, die
darauf abzielen, die indigene Bevölkerung zu vertreiben und auf ihrem Land neue
europäische Gesellschaften zu gründen.

Wir versichern noch einmal, dass es in der historischen und grundlegenden Analyse unseres
Kampfes keinen Platz für irgend welche Angriffe auf unsere jüdischen Verbündeten, auf Juden
oder den Judaismus gibt; auch nicht für die Leugnung des Holocaust; und nicht für
Verbindungen in irgendeiner Form mit Verschwörungstheorien oder weit rechts stehenden,
orientalistischen und rassistischen Argumenten, Vereinigungen und Gruppierungen. Dem
Zionismus einschließlich der illegalen Macht der Institutionen, die hinter der Unterdrückung
der Palästinenser stehen, und dem illegitimen Gebrauch jüdischer Identität zum Schutz und
zur Legitimierung von Unterdrückung den Kampf anzusagen, darf nie zu einem Angriff auf
jüdische Personen werden, oder zu Geringschätzung und Leugnung jüdischer Geschichte in
all ihren verschiedenen Ausprägungen führen.

Wir betrachten tatsächlich jeden Versuch, sich mit einer antisemitischen oder rassistischen
Ausdrucksweise einzulassen oder diese anzunehmen, auch wenn sie in einer
selbstdefinierten antiimperialistischen und antizionistischen Grundüberzeugung angewendet
wird, als Bestätigung und Legitimierung des Zionismus. Zusätzlich zu seiner Immoralität
verschleiern diese Worte die grundlegende Rolle von Imperialismus und Kolonialismus bei der
Zerstörung unserer Heimat, der Vertreibung ihrer Bevölkerung und der Aufrechterhaltung der
Systeme und Ideologien von Unterdrückung, Apartheid und Besatzung. Das hat mit einer
wahren Solidarität mit Palästina und seinem Volk nichts zu tun.

Es war immer klar, was das palästinensische Volkes anstrebt: Selbstbestimmung. Und dieses
unveräußerliche Recht können wir nur über Befreiung, Rückkehr der Flüchtlinge (die absolute
Mehrheit unseres Volkes) und gleiche Rechte für alle durch Dekolonisierung erlangen. So
stehen wir an der Seite aller und jeder Bewegung, die Gerechtigkeit, Menschenwürde,
Gleichheit und soziale, kulturelle und politische Rechte fordert. Bezüglich der Prinzipien und
des Geistes unseres Befreiungskampfes werden wir niemals Kompromisse eingehen. Wir
werden keinen falschen Sinn einer Zweckmäßigkeit zulassen und uns damit in eine Allianz mit
denen bringen, die bösartig oder auf andere Weise versuchen, uns und unsere politische
Verbrüderung mit allen Befreiungskämpfen und Bewegungen für Gerechtigkeit anzugreifen.

Es ist unsere kollektive Verantwortung als Palästinenser, ob in Palästina oder im Exil, die
Führung und Orientierung in unserem Graswurzel-Befreiungskampf zu behaupten. Wir
müssen die Integrität unserer Bewegung schützen, und dafür müssen wir darauf achten, dass
die, denen wir eine Plattform bieten, auch tatsächlich deren Prinzipien vertreten.

Wenn das palästinensische Volk Selbstbestimmung und Dekolonisierung unserer Heimat
fordert, so tun wir das im Versprechen und in der Hoffnung auf einen Staat, der auf
Gerechtigkeit gegründet ist, wo alle frei sind, alle gleich sind und alle willkommen sind.

Bis zu Befreiung und Rückkehr.


Unterzeichnet:

Ali Abunimah
Naseer Aruri, Professor emeritus, University of Massachusetts, Dartmouth
Omar Barghouti, Menschenrechtsaktivist
Hatem Bazian, Lehrstuhlinhaber, American Muslims for Palestine
Andrew Dalack, National Coordinating Committee, US Palestinian Community Network
Haidar Eid, Gaza
Nada Elia, US Academic and Cultural Boykott of Israel
Toufic Haddad
Kathryn Hamouda
Adam Hanieh, Lektor, School of Oriental and African Studies (SOAS), London
Mostafa Henaway, Tadamon, Kanada
Monadel Herzallah, National Coordinating Committee, US Palestinian Community Network
Andrew Kadi
Abir Kobty, palästinensischer Blogger und Aktivist
Joseph Massad, Professor, Columbia University, NY
Danya Mustafa, Israeli Apartheid Week US National Co-Coordinator & Students for Justice in
Palestine, University of New Mexico
Dina Omar, Columbia Students for Justice in Palestine
Haitham Salawdeh, National Coordinating Committee, US Palestinian Community Network
Sobhi Samour, School of Oriental and African Studies (SOAS), London
Khaled Ziada, SOAS Palestine Society, London
Rafeef Ziadah, poet and human rights advocate

The Electronic Intifada 13.03.2012 - Übersetzung Karin Nebauer
Quelle: Palestinian writers, activists disavow racism, anti-Semitism of Gilad Atzmon