Ganz schön erfolgreich

Wie das Äußere
die Karriere beeinflusst
Heft 27 I Oktober 2014
AKAD. Das Hochschulmagazin.
Schön & schlau
Gutes Aussehen fördert die Karriere –
aber nur, wenn das Gesamtpaket stimmt.
Bitcoin
Die neue Digitalwährung
erobert das Netz.
Gemeinsam stark
Studie zum Potenzial gemischter
Doppelspitzen in Führungsetagen.
Fernstudiums-USP
Wie man sein Fernstudium im
Job richtig vermarktet.
Geahnt haben wir es ja schon immer, doch nun
belegen es zahlreiche Studien: Wer attraktiv ist,
hat deutlich bessere Chancen im Job und auf
anderen Märkten, wo es sich und seine Person
„anzupreisen“ gilt. Doch ein hübsches Gesicht
allein reicht noch nicht zum gewünschten Erfolg,
denn es ist immer noch der Gesamteindruck, der
zählt. „Übereinstimmung“ heißt hier die Devise.
Daher haben wir uns in den Beiträgen zum The-
menschwerpunkt unter anderem damit befasst,
welche Strategien anzustreben sind, wenn es gilt,
sich beim aktuellen oder künftigen Arbeitgeber
ins rechte Licht zu rücken.
Darüber hinaus bietet diese Ausgabe wieder neue
Forschungserkenntnisse der AKAD University wie
etwa zu atypischen Beschäftigungsverhältnissen
oder dem Erfolgspotenzial gemischter (nämlich
männlicher und weiblicher) Doppelspitzen in
Unternehmen. Und wie gewohnt gibt es wieder
viel zu erfahren aus der AKAD-Hochschulwelt,
etwa in Porträts neuer Professoren oder Absolven-
ten. Wir halten Rückschau auf Veranstaltungen
und Jubiläen und stellen neue Buchpublikationen
der Forschungsreihe vor. Nach vorn blicken wir
mit einem Beitrag zum kommenden AKAD Forum
im November, der sich mit dem aktuellen Komplex
„Data Mining“ beschäftigen wird (Seite 42–43).
Alle Studierenden und Absolventen laden wir ganz
herzlich zur Teilnahme am AKAD Forum ein.
Ich wünsche Ihnen einen goldenen Herbst und
viel Vergnügen beim Lesen dieser Ausgabe, Ihr
Dr. Jörg Schweigard
Chefredakteur
EDITORIAL
Warum wir uns für dieses
Thema entschieden haben ...
EDITORIAL
AKAD. DAS HOCHSCHULMAGAZIN. 27 I Oktober 2014 2
16 Business-Etikette
Wir stellen fünf besondere
Stil-Ratgeber fürs Berufsleben vor
19 Schönheitsideale
Was finden wir schön und warum?
Fragen an den Soziologen Johannes
Krause
AKAD Wissen
23 Neu: Hochschulzertifikat
Innovationsmanagement
Der neunmonatige Studiengang macht
fit für internationale Projektteams
24 Atypische Beschäftigung
AKAD-Absolvent untersucht die
sozialen Folgen von Leiharbeit & Co.
26 Chef und Chefin
Diplom-Arbeit zeigt: „Gemischte
Doppelspitzen“ führen am besten
28 AKAD forscht
In der Wissenschaftsreihe sind drei
neue Bände erschienen
AKAD Leben
30 Meldungen
Neues aus der AKAD-Welt
32 Absolventenbefragung 2014
Für die Mehrheit hat sich das
Fernstudium gelohnt – beruflich
und finanziell
33 Professoren im Portrait
Dirk Rilling, Studienleiter Maschinen-
bau an der AKAD University
34 Projekt Erdnussbutter
AKAD-Absolventin Susanne Schröder
ist Projektmanagerin in Afrika
36 Alle Absolventen auf einen Blick
März bis August 2014
42 AKAD Forum 2014
Rund um das Schwerpunktthema
„Big Data“ warten spannende
Workshops und Seminare
INHALT
AKAD. DAS HOCHSCHULMAGAZIN. 27 I Oktober 2014 3
In dieser Ausgabe
Dress for Success?
Fünf Stil-Guides erklären, wie
man sich auf dem schmalen Grat zwi-
schen Business-Etikette und individueller
Persönlichkeit bewegt.
16
Wettbewerbsvorteil
Wie wirkt sich das Äußere auf
die Karriere aus? Der Soziologe Johannes
Krause hat diesen Zusammenhang
erforscht.
19
Reihe AKAD Forum
Drei Neuerscheinungen zu den
Themen Unternehmensnetzwerke,
Wissensmanagement und Homo
oeconomicus.
28
Magazin
4 News
Nachrichten über den grünen
Tellerrand hinaus
6 Bitcoin
Die neue Währung für den
Online-Handel
8 Impressum/Leserbriefe
9 Preisrätsel
Zu gewinnen: die Buchpakete
„Führung“, „Soft Skills“ und
„Knigge international“
10 Fernstudienexperte
Markus Jung gibt Tipps, wie man
als Fernhochschul-Absolvent bei
Personalern punktet
Titel
12 Humankapital Schönheit
Ist ihr Einfluss auf die Karriere wissen-
schaftlich belegt? Ein Überblick
AKAD. DAS HOCHSCHULMAGAZIN. 27 I Oktober 2014
MAGAZIN
4
Teilzeitjobs vom
Wühltisch?
In Deutschland sind 71,5 Prozent der
Frauen zwischen 20 und 64 Jahren
berufstätig − höher ist der Anteil nur
in den Niederlanden und den skandi-
navischen Ländern, wie die IG Metall
nach Zahlen des Statistischen Bundes-
amtes mitteilte. Allerdings arbeiten
45 Prozent der berufstätigen Frauen
hierzulande in Teilzeit, bei den be-
rufstätigen Müttern sind es sogar
69 Prozent. Zudem sind zwei Drittel
der insgesamt über sieben Millionen
Minijobber in Deutschland weiblich.
Teilzeitarbeit und Minijob sind also
mehrheitlich in Erwerbsbiografien von
Frauen zu finden und haben natürlich
Auswirkungen auf die zu erwartende
Altersrente. Dass diese Problematik
eine ganze Frauengeneration, näm-
lich die der „Babyboomer“, betrifft,
belegt und illustriert das aktuelle
Buch „Die verratene Generation“.
Ob es allerdings noch zeitgemäß ist,
dass Autorin Kristina Vaillant Teilzeit-
arbeit pauschal als „Wühltisch des Ar-
beitsmarktes“ bezeichnet? Hier lohnt
sich vielleicht ein Blick auf die jungen
Arbeitnehmer der Generation Y, die
(qualifizierte) Teilzeitjobs mit Work-
Life-Balance verbinden. Oder auf un-
sere holländischen Nachbarn: Die
Niederlande haben im europäischen
Vergleich mit fast 50 Prozent den
höchsten Anteil der Teilzeitkräfte an
allen Beschäftigten. Teilzeitarbeit gilt
dort als absolut bewusst gewähltes
Arbeitszeitmodell (Quelle: FAZ).
Lesetipp: Christina Bylow/Kristina
Vaillant: Die verratene Generation.
Pattloch Verlag 2014, 16,99 Euro.
Büroluft:
gesünder mit Grün
Wir wussten es ja schon immer: Grün-
pflanzen verbessern das Büroklima. Das
bestätigt jetzt auch eine Studie der Tech-
nischen Universität Sydney. Die australi-
schen Forscher haben herausgefunden,
dass Pflanzen in schadstoffbelasteten
Räumen wie eine „grüne Leber“ wirken
und die Giftstoffe mit speziellen Enzymen
in ungefährliche Substanzen umwan-
deln. Eine hohe Schadstoffbelastung,
etwa in neu eingerichteten Büros, könne
durch Pflanzen um 50 bis 70 Prozent
verringert werden. Diese Erkenntnis ist
volkswirtschaftlich durchaus relevant,
denn das sogenannte „Sick-Building-
Syndrom“ (SBS) spielt in der Arbeitswelt
eine immer größere Rolle. Nach Schät-
zungen des Hauptverbands der gewerb-
lichen Berufsgenossenschaften (HVBG)
leiden in den Industrieländern bereits bis
zu 30 Prozent der Büroangestellten unter
der gebäudebezogenen Gesundheitsstö-
rung, die sich meist in Symptomen wie
Dauerschnupfen oder Kopfschmerzen
äußert. Neben ihrer Entgiftungsfunktion
binden Pflanzen auch Staubteilchen in
der Luft und erhöhen die Luftfeuchtig-
keit. Zudem tun sie der Psyche gut: Grün
wirkt über das Auge ausgleichend auf
das zentrale Nervensystem. Aber Vor-
sicht: Nicht jedes belastete Büroklima
kann mit Grünpflanzen kuriert werden!
Wenn Messungen ergeben, dass tat-
sächlich Gifte in der Luft sind, besteht
Handlungsbedarf für das Unternehmen.
Mit dem Fernbus
zum nächsten
Seminar
So langsam nehmen sie richtig Fahrt
auf: Die Fernbuslinien, die seit der Libe-
ralisierung des Fernbusverkehrs in
Deutschland Anfang 2013 an den Start
gegangen sind und ihr Liniennetz konti-
nuierlich ausbauen. Im Unterschied zu
den europäischen Nachbarländern galt
hier bis 2013 ein Verbot, Fahrgäste in-
nerhalb Deutschlands zu befördern und
damit der Bahn Konkurrenz zu machen.
Nun nehmen die Buslinien der Bahn
einen Teil des Fahrgastkuchens weg:
40 Millionen Euro habe die Bahn 2013
durch die neue Konkurrenz verloren,
schreibt Spiegel Online. Tatsächlich sind
44 Prozent der Fernbuskunden frühere
Bahnfahrer – das hat das Berliner IGES-
Institut durch eine unabhängige Befra-
gung in Kooperation mit dem Portal
„FahrtenFuchs“ herausgefunden. Wa-
rum ein Bahnkunde zum Fernbus wech-
selt? Gründe seien vor allem die günsti-
gen Ticketpreise, die Anbindung auch
kleinerer und mittelgroßer Städte sowie
die Vielzahl umsteigefreier Verbindun-
gen, sagt Christoph Gipp vom IGES-In-
stitut. Web-Tipp für die Reiseplanung:
www.busliniensuche.de
Abwanderung zum Fernbus –
womit sind Kunden bisher gereist?
Anteile der üblicherweise bisher genutzten Verkehrs-
mittel in Prozent; Mehrfachnennungen waren möglich
Quelle: IGES Institut 2014
Sonstiges 1 %
Fernbus 3 %
Flugzeug 4 %
Nahverkehrs-
züge
14 %
Fernzüge
(ICE, IC, EC etc.)
30 %
Neukunde 10 %
Privater Pkw
15 %
Pkw
(Mitfahrt
ohne
Bez.)
4 %
Pkw
(Mitfahrt mit Bez.)
19 %
MAGAZIN
AKAD. DAS HOCHSCHULMAGAZIN. 27 I Oktober 2014 5
Nur belgische Singles zahlen mehr
MINT-Arbeitsmarkt aktuell
Chinesen halten deutsche Firmen für beste Arbeitgeber
76 Prozent der Chinesen zwischen 18 und 34 Jahren haben ein
gutes bis sehr gutes Bild von deutschen Unternehmen als Arbeit-
geber – fast jeder Fünfte bescheinigt den Firmen hierzulande ein
Top-Image. Das ist ein Ergebnis der Studie „War for Talents 2014“,
die im Auftrag der Unternehmensberatung Staufen unter 3 000
jungen Erwachsenen durchgeführt wurde. Damit haben deutsche
Firmen bei jungen Chinesen ein deutlich besseres Image als Unter-
nehmen aus den USA, Großbritannien und Frankreich, die nur von
jedem zehnten Befragten die Bestnote erhielten.
(Quelle: Staufen AG 2014)
Rund 7,3 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte arbeiten in
Deutschland in einem MINT-Beruf, so die neuen Zahlen der Arbeitsagentur. Das
Kürzel MINT hat ja inzwischen in der Öffentklichkeit eine gefühlte Omniprä-
senz erreicht − aber was steckt tatsächlich hinter dem Begriff, der so unter-
schiedliche Bereiche wie Mikrobilogie und Fahrzeugtechnik subsumiert?
Die Zahlenverhältnisse zeigen, dass bei MINT die Technik klar dominiert: 86 Pro-
zent der MINT-Arbeitnehmer arbeiten in einem technischen Beruf, dagegen hat
nur jeder 20. seinen Schwerpunkt in der Mathematik oder den Naturwissen-
schaften. Was viele nicht wissen: MINT steht nicht nur für akademische Berufe,
im Gegenteil – gut 60 Prozent der MINT-Arbeitnehmer haben eine duale oder
schulische Berufsausbildung. Die restlichen 40 Prozent können einen Meister-
oder Technikerabschluss oder ein Hochschulstudium vorweisen.
Einen Fachkräftemangel sieht die Arbeitsagentur bei Ingenieuren im Maschi-
nenbau, Fahrzeugbau und Elektrotechnik, Mechatronik und Automatisie-
rungstechnik.
Mehr unter statistik.arbeitsagentur.de. Web-Tipp für Frauen, die einen
MINT-Beruf anstreben: www.mint.arbeitsagentur.de
Die Kluft zwischen der Steuerlast von Allein-
stehenden und der Besteuerung von Fami-
lien ist in Deutschland im internationalen
Vergleich besonders groß, wie die OECD-
Studie „Taxing Wages – 2014“ zeigt. Allein-
stehende müssten hierzulande eine „rekord-
verdächtige Abgabenlast“ tragen, schreibt
die FAZ unter Berufung auf die Studien -
ergebnisse. So zahlt ein Single Steuern in
Höhe von 49,3 Prozent seines Brutto -
einkommens. Damit liegt Deutschland bei
der Besteuerung von Alleinstehenden auf
Platz 2 der internationalen Rangliste – nach
Belgien. Steuerlich begünstigt wird hinge-
gen nach wie vor die klassische Familie mit
einem Alleinverdiener und zwei Kindern:
Hier liegt Deutschland deutlich weiter hin-
ten auf Platz 11 (Steuerlast: 34 Prozent des
Bruttoeinkommens). Die OECD berücksich-
tigt in ihrer Studie nicht nur die Einkom-
mensteuer, sondern auch die Sozialabga-
ben, Transfers wie das Kindergeld und allen
zustehende Abzüge.
Mehr unter www.oecd.org/berlin/ publi -
kationen/taxing-wages.htm
7,3 Millionen MINT-Beschäftigte näher betrachtet
Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in MINT-Berufen
(Frauen und Männer)
Quelle: Bundesagentur für Arbeit 2013
1) Einkommensteuer und Sozialabgaben der
Arbeitnehmer und Arbeitgeber 2013
2) verheiratet
Quelle: OECD 2014
MINT-Tätigkeitsfelder
Anforderungsniveaus
360 000 Mathema tiker
und Naturwissenschaftler
6 289 000 Techniker
637 000 Informatiker
Akademische Fachkräfte
1 135 000 Experten
Nicht akademische Fachkräfte
1 658 000 Spezialisten
(z. B. Meister, Techniker)
4 493 000 Fachkräfte
(mit Berufsabschluss)
86 %
62 %
23 %
16 %
9 %
5 %
Alleinstehende
55,8
49,3
49,1
48,9
47,8
41,6
40,7
31,5
22,0
44,5
41,6
41,0
38,4
38,2
34,8
33,8
27,0
9,5
1. Belgien
2. Deutschland
3. Österreich
4. Frankreich
6. Italien
11. Griechenland
14. Spanien
24. Großbritannien
29. Schweiz
1. Griechenland
2. Frankreich
3. Belgien
4. Österreich
5. Italien
9. Spanien
11. Deutschland
19. Großbrit.
31. Schweiz
Alleinverdiener, zwei Kinder
2)
So hoch ist die Steuer- und Abgabenlast
OECD-Rang nach Höhe der Abzüge
1)
(in Prozent der Arbeitskosten)
AKAD. DAS HOCHSCHULMAGAZIN. 27 I Oktober 2014 6
D
er Online-Handel boomt. Kaffeebohnen, Bahn-
tickets, Computerspiele: Lediglich Schuhe und
Klamotten kaufen die Deutschen lieber im Laden ein als
im Internet. Die Waren werden bargeldlos mit wenigen
Mausklicks bezahlt. Doch es gibt bei jeder Bestellung
auch einen Haken: Wer das Geld sofort überweisen will,
geht ein Risiko ein. Wer auf Kreditkarte setzt, der läuft
Gefahr, dass Betrüger die Nummer kopieren und selbst
auf Shopping-Tour gehen. Wer Online-Bezahldienste
wie ClickandBuy und Paypal beauftragt, der muss Ge-
bühren für jede Überweisung in Kauf nehmen. Ist das
wirklich die Zukunft der Online-Bezahlung? Ganz und
gar nicht. Es geht auch anders.
Noch fristen Online-Währungen wie Litecoin, Peercoin
und Dogecoin ein Nischen-Dasein. Den Sprung zum
prominenten Währungs-Star hat lediglich die Krypto-
währung Bitcoin geschafft. Mit
guten Chancen, die klassischen
Bezahlsysteme im Netz abzulö-
sen. Der Vorteil: Bitcoin gehört
allen Nutzern und wird nicht
von zentralen Banken verwal-
tet. Bitcoins werden direkt von
einem Nutzer zum anderen übertragen, ohne Zwischen-
stopp. Das Geld wird in digitalen Geldbörsen-Dateien
namens „Wallets“ gespeichert. Doch nicht nur die
Menge des Geldes wird von den Rechnern der Nutzer
aufgezeichnet, sondern jede einzelne Transaktion. Die
dezentrale Speicherung sorgt dafür, dass Überweisun-
gen immer klappen und das System nicht zusammen-
bricht, weil etwa ein Server ausfällt. Für den Bitcoin-
Bitcoin
Eine Digitalwährung erobert das Netz.
Von Jörg Breithut
Besitzer bedeutet das jedoch: Er muss gut auf seine
Daten aufpassen. Denn wird die Geldbörse aus Verse-
hen gelöscht oder die Festplatte zerstört, dann ist das
Geld weg.
Schwachstellen der Online-Börse
Bitcoins werden verschlüsselt übertragen, daher können
weder Finanzbehörden noch der Staat die Überwei-
sungen nachvollziehen. Auch für Geheimdienste ist es
nahezu unmöglich, die Bitcoin-Transfers auszuspähen.
Diese Anonymität verleitet aber auch zu illegalen
Geschäften. Wie auf dem Portal „Silk Road 2.0“. Die
Online-Plattform setzt voll auf Bitcoin. Der Grund: Die
Betreiber sind darauf angewiesen, dass die Kunden
anonym bleiben, um sie vor Staatsanwaltschaft und
Polizei zu schützen.
Schließlich verkaufen die Mit-
glieder hier keine Staubsauger
und Schallplatten, sondern Ko-
kain und Amphetamine. „Silk
Road 2.0“ ist das bekannteste
Online-Portal für Drogen und
Waffen. Nur über das Tarnkap-
pen-Netzwerk Tor ist die Plattform erreichbar. Die ille-
galen Geschäfte bleiben jedoch nicht immer ungestraft.
Kunden und Lieferanten werden immer wieder bei
Online-Drogendeals erwischt, weil die Pakete per Post
verschickt und am Zoll kontrolliert werden. Erst im
Oktober vergangenen Jahres verhaftete das FBI den
Betreiber der Vorgängerplattform „Silk Road“.
Bei Bitcoin-Börsen lässt sich das Digitalgeld in Euro und
Dollar umtauschen. Mt. Gox war eine dieser Börsen.
Doch seit Anfang dieses Jahres gibt es Mt. Gox nicht
mehr. Betrugsfälle und Zahlungsengpässe haben die
MAGAZIN
„Digital currency is going
to be a very powerful
thing.“
John Donohoe, E-Bay CEO
7 AKAD. DAS HOCHSCHULMAGAZIN. 27 I Oktober 2014
Der Autor
Jörg Breithut arbeitet als freier Journalist in Stuttgart.
Ein schneller Internetanschluss ist ihm wichtiger als
fließend Wasser, da er vor allem über Netz- und IT-The-
men schreibt. Bei Twitter ist er unter @joergbreithut zu
finden.
Börse in die Insolvenz getrieben. Ein herber Rückschlag
für Bitcoin. Mit allen Mitteln versuchten die Mt. Gox-
Betreiber die schmutzigen Geschäfte einzudämmen.
Die Börse zwang ihre Kunden sogar, richtige Namen
zu verwenden. Wer sich weigerte, seinen Klarnamen
anzugeben, wurde ausgeschlossen. Damit sollte ver-
hindert werden, dass die anonymen Nutzer illegale
Geschäfte abwickeln. Ein technischer Defekt zwang
Mt. Gox schließlich dazu, das Geschäft aufzugeben.
Kriminelle Hacker bereicherten sich an einer Schwach-
stelle im Überweisungssystem der Bitcoin-Börse. Sie
überlasteten die Server während einer Transaktion,
was dazu führte, dass die Beträge in der virtuellen
Geldbörse des Empfängers landeten, aber die Über-
weisung nicht protokolliert wurde. Insgesamt verlor
Mt. Gox 850 000 Bitcoins, was etwa einem Betrag
von 350 Millionen Euro entspricht. Ein Teil des Geldes
tauchte zwar in Geldbörsen auf, die eigentlich als leer
galten. Doch das Geld genügte nicht: Im Februar
meldete Mt. Gox Insolvenz an.
Hochspekulatives Online-Produkt oder
verlässliche Währung?
Aber selbst der Untergang großer Bitcoin-Börsen konnte
den Siegeszug der Digitalwährung bisher nicht stoppen.
Mittlerweile setzen sich auch die etablierten Währungs-
institute mit dem Phänomen der Kryptowährung aus-
einander. Die Finanzexperten sind sich allerdings noch
nicht ganz sicher, ob Bitcoin den Währungsmarkt
revolutionieren wird. In China etwa unterbindet die
Notenbank so oft wie möglich die Geschäfte mit
Bitcoin. Die Begründung: Es handle sich um ein hoch
spekulatives Online-Produkt und keine verlässliche
Währung (Quelle: www.pbc.gov.cn).
Die Bank of America hingegen prophezeit Bitcoin eine
rosige Zukunft. Die Experten gehen in einem Bericht
davon aus, dass die Währung wohl eines der wichtigs-
ten Zahlungsmittel im Online-Handel werden wird. In
einem Punkt sind sich die Banken weltweit jedoch
einig: Die extremen Kursschwankungen bremsen den
Aufstieg der Kryptowährung. Internetriesen wie Ama-
zon, Apple und Google werden in ihren Shops wohl
erst dann Bitcoins zulassen, wenn sich der Kurs
einigermaßen stabilisiert hat.
Die Währung ist in den vergangenen Jahren förmlich
explodiert. Wer sich vor ein paar Jahren mit Bitcoins
eingedeckt hat, ist heute reich. Im Jahr 2011 hat man
noch für weniger als zehn Dollar einen Bitcoin bekom-
men. Anfang diesen Jahres durchbrach der Kurs bereits
die 1 000-Dollar-Marke. Sprich: Wer vor einigen Jahren
10 000 Dollar in Bitcoins investiert hat, ist heute Millio-
när – und kann seine digitalen Münzen bereits in eini-
gen Geschäften ausgeben. Ein Sportwagenhändler aus
dem US-Bundesstaat Kalifornien prahlt damit, dass bei
ihm nicht nur Kreditkarten angenommen werden, son-
dern Fahrzeuge im Geschäft auch mit Bitcoins bezahlt
werden können. Im Dezember vergangenen Jahres
hat der erste Kunde dort seinen Sportwagen mit der
Digitalwährung bezahlt. Auch hierzulande haben sich
bereits einige Händler der Bitcoin-Bewegung ange-
schlossen: Ein Plattenladen und ein Teehändler in Berlin
nehmen die Währung entgegen, und wer für den Bund
für Umwelt und Naturschutz spendet, darf ebenso mit
Bitcoins bezahlen.
MAGAZIN
Quelle: www.finanzen.net, Stand August 2014
Bitcoin – Euro Chart
28.8.13
200
6.11.13 15.1.14 26.3.14 4.6.14 13.8.14
400
600
800
1 000
Wenn ein Fernstudierender eine Marke wäre,
wie lautete sein Markenkern?
Die Besonderheit eines Fernstudiums sehe ich in der
Kombination von Theorie und Praxis. Anders als im
klassischen Präsenzstudium kann ein Fernstudierender
hier sein Wissen unmittelbar in der Praxis anwenden
und ausprobieren – was den Chef sicher freut: Wohl
jeder Arbeitgeber hat ein Interesse am aktuellen und
anwendungsorientierten Wissen seines Mitarbeiters,
und ein Fernstudierender bringt dieses mit. Der Fern-
studierende sollte dieses Alleinstellungsmerkmal er-
wähnen und am besten auch anhand von Beispielen
belegen, wenn er etwa sein neues Wissen konkret in
einem Projekt umgesetzt hat.
Sie kennen viele Fernstudierende, die dank ihres
Fernstudiums eine Karriere hingelegt haben.
Wie haben sie sich positioniert?
Solchen Fernstudierenden ist es in der Regel gelungen,
ihrem Arbeitgeber erfolgreich zu vermitteln, dass sie
sich selbst gut organisieren können und in der Lage
sind, sich schnell in neue Inhalte einzuarbeiten und
diese auch praktisch anzuwenden.
Wie sollte man sich verhalten, wenn der Arbeit-
geber die Studienmethode „Fernstudium“ nur
rudimentär kennt?
Inzwischen sollte eigentlich jeder Arbeitgeber von der
Methode Fernstudium gehört haben. Andernfalls
muss man gegebenenfalls mit Vorurteilen aufräumen:
dass man eben nicht im stillen Kämmerchen vor sich
hin gelernt hat, sondern in Projekten und Teams mit
Kommilitonen und Dozenten zusammenkommt, und
dass man auch im Fernstudium netzwerken kann. Die
Befähigung, eine Doppelbelastung von Job und Studi-
um zu vereinen, also die Soft Skills wie Durchhaltever-
mögen oder Belastbarkeit, kommen außerdem an
Pluspunkten hinzu.
Wie sollte sich ein Fernstudierender verhalten,
der sich noch im Studium befindet, jedoch nach
einem neuen beruflichen Tätigkeitsfeld Ausschau
hält?
In dem Fall sollte bei der Bewerbung durchklingen, dass
das Fernstudium durch eine gute Organisierbarkeit zu
bewältigen war und weiterhin ist und dass es in keinem
Fall die berufliche Einsatzfähigkeit einschränkt. Vielleicht
kann man auch kurz darlegen, dass man vor allem am
Von den Vorzügen,
ein Fernstudierender
zu sein
Fernstudienexperte Markus Jung gibt Tipps,
wie man seine Fertigkeiten richtig und zur
richtigen Zeit an den Chef oder Personaler bringt.
MAGAZIN
AKAD. DAS HOCHSCHULMAGAZIN. 27 I Oktober 2014 10
Seit Markus Jung selbst ein Fernstudium
der Informatik absolvierte, hat ihn das
Thema Fernstudium nicht mehr losge-
lassen. Der Kölner betreibt seit 2004
„Fernstudium-Infos.de“, ein Internet-
portal für Fernstudierende und Interes-
sierte. Die Expertise, die er über die Jahre
in seinem Forum gesammelt hat, fasste
er mit Co-Autorin Anne Oppermann in einem kompakten Ratgeber
zusammen. Die „100 Fragen und Antworten zum Fernstudium“
erschienen 2011 bereits in zweiter Auflage im Feldhaus Verlag.
Wochenende lernt, sodass dem potenziellen Arbeit -
geber klar wird, dass man mit dem Studium nur Vorteile
und keine Nachteile mitbringt.
Wie hebt man sich von Mitbewerbern mit einem
staatlichen Präsenzstudium ab? Sollte man den
Unterschied überhaupt betonen?
Man sollte schon die bereits erwähnten Vorteile an-
sprechen, die zu einem Fernstudium gehören. Jedoch
sollte man nicht den Eindruck erwecken, dass ein
Fernstudienabschluss von der Wertigkeit etwas anderes
sei als der eines staatlichen Präsenzstudiums. Hier ge-
nügt ein Hinweis auf die staatliche Zulassung der pri-
vaten Hochschulen und auf die Akkreditierung der
Studiengänge, die deren Gleichwertigkeit belegen.
Wie sollte ein Fernstudent sein Studium in einer
Bewerbung präsentieren?
Auch wenn man in einer schriftlichen Bewerbung kaum
in die Tiefe gehen kann, sollte man schon im An-
schreiben auf die eine oder andere Besonderheit des
Fernstudiums eingehen. Zum Beispiel durch eine the-
matische Einbindung an passender Stelle, um eine der
ausgeschriebenen Qualifikationen zu untermauern. Im
Lebenslauf selbst würde ich nur kurz im akademischen
Feld das Fernstudium mit dem Studienfach angeben.
Manche Arbeitgeber glauben, dass ein
Fernstudium Ressourcen des Arbeitnehmers von
der Arbeit abzieht. Wie sollte man sich hier
verhalten?
Wenn man beim Vorfühlen schon bemerkt, dass beim
Arbeitgeber Vorbehalte gegenüber einem Fernstudium
vorhanden sind, weil dies vermeintlich die Flexibilität
einschränkt oder Ähnliches, sollte man sich während
des Studiums zurückhalten und dann eben am Ende
das fertige Zeugnis vorlegen. Wenn man sich mit dem
Gedanken trägt, den Arbeitgeber zu wechseln, sollte
man das Fernstudium diesem gegenüber auf keinen Fall
kommunizieren, insbesondere dann, wenn das Studien-
fach keine oder wenige Bezüge zur aktuellen Arbeit hat.
Auf der anderen Seite kommt es in der Praxis aber auch
gar nicht so selten vor, dass Arbeitgeber zwar erst ein-
mal Vorbehalte haben, nach einer gewissen Überzeu-
gungsphase jedoch das Engagement ihrer Mitarbeiten-
den fördern, finanziell oder zeitlich. Das ist vor allem
dann der Fall, wenn sich das Studienfach mit dem
Arbeitsinhalt deckt und die Zusatzqualifikation einen
Mehrwert für den Arbeitgeber bedeutet.
Sie betreiben seit zehn Jahren Ihre Fernstudenten-
Plattform. Wie hat sich aus Ihrer Sicht in dieser
Zeit das Bild des Fernstudiums in der öffentlichen
Wahrnehmung verändert?
Das Thema berufsbegleitendes Studium und Fernstu-
dium ist inzwischen viel bekannter geworden. Insbeson-
dere das akademische Angebot ist präsenter und auch
die Wertigkeit und Vergleichbarkeit mit einem klassi-
schen Studienabschluss. Die Bologna-Reform mit den
neuen Abschlüssen Bachelor und Master hat das Thema
beschleunigt, da ja der Master per se vor allem berufs-
begleitend studiert werden soll. Ich stelle auch persön-
lich fest, dass man das Thema Fernstudium seltener
erläutern muss als früher, da die Medien dies öfter
thematisieren und es Gemeinwissen wird.
Bleiben wir beim Stichwort Medien. Hat sich
dort das Bild des Fernstudiums verändert?
Die Berichterstattung ist heute in den meisten Fällen
sachlich. So hat sich das früher etwas verstaubte Bild
eines Fernstudiums mit Lernbriefen via Postbote im
stillen Kämmerlein hin zur moderneren Spielart gewan-
delt. Zuletzt tauchten in Artikeln verstärkt Bezüge zu
aktuellen technischen Entwicklungen auf. So etwa die
Frage, inwieweit im Fernstudium mobile Endgeräte ein-
gesetzt werden können oder ob die MOOCs (Massive
Open Online Courses) auch hier Anwendung finden.
Die Fragen stellte Jörg Schweigard.
MAGAZIN
AKAD. DAS HOCHSCHULMAGAZIN. 27 I Oktober 2014 11
„Don’t hate
me because I’m
beautiful“
„Schöne“ Menschen haben im Berufsleben einen Vorteil,
was ihnen auch Neider einbringt. Zu den erfolg -
versprechenden äußeren Attributen zählt jedoch
nicht nur ein hübsches Gesicht, vielmehr muss
die ganze Erscheinung in sich stimmig sein.
Von Jörg Schweigard
AKAD. DAS HOCHSCHULMAGAZIN. 27 I Oktober 2014
TITEL
12
D
ie Vorliebe der Menschen für Schönheit ist so
alt wie die Hochkulturen. Schon in der Antike
schrieb man schönen Menschen per se positive Eigen-
schaften zu. Anders als in vielen heutigen Studien be-
trachtete man damals jedoch nicht nur den Träger der
Schönheit, sondern auch die Wirkung auf den Betrach-
ter. So sporne eine schönes Gegenüber zu Tapferkeit,
Freigiebigkeit und Fleiß an (Andreas Hergovich, Psycho-
logie der Schönheit, 2002). Das Schöne hatte demnach
eine motivierende Kraft, die im alten Griechenland
nicht vor den Stufen der Vergänglichkeit haltmachte,
da für jedes Alter, auch für Greise, ein eigenes Schön-
heitsideal galt.
Obwohl viele Erkenntnisse zur Wirkung von Schönheit
nicht neu sind, beschäftigt sich die moderne Forschung
erst seit den 1990er-Jahren detailliert mit diesem
Thema.
Schönheit rechnet sich im Job
Pädagogen weisen schon seit Längerem darauf hin,
dass Lehrer die hübschen Kleinen besser behandeln
und zensieren. Mittlerweile stellten auch Ökonomen
und Soziologen in ihren Forschungen fest, dass sich
diese Ungleichbehandlung im
Berufsleben fortsetzt. So weist
beispielsweise eine Studie
der Leuphana Universität Lü-
neburg von 2011 nach, dass
attraktive Menschen in
Deutschland bessere Chan-
cen auf dem Arbeitsmarkt
haben und auch mehr ver-
dienen. Das schönste Drittel
erhielt rund zehn Prozent mehr Gehalt als die weniger
Attraktiven. Ökonomisch gesehen wäre demnach
Schönheit ein knappes Gut, das sich auf dem Arbeits-
markt auszahlt. Und sie verbessert die Jobchancen:
Laut Studienleiter Christian Pfeifer wirkt der Unter-
schied zwischen Dutzendgesicht und ausgesprochener
Schönheit bei der Jobsuche genauso stark wie ein Uni-
versitätsabschluss. Pfeifer erklärt sich den Befund da-
mit, dass gutaussende Menschen beim Bewerbungs-
gespräch einen besseren ersten Eindruck machen und
dadurch kompetenter wirken. Im Beruf setze sich dies
fort: Da Kunden einem hübschen Gesicht mehr ver-
trauten, helfe Schönheit besonders in vertrieblichen
Berufsfeldern. Zudem vermutet der Wissenschaftler,
dass sich das größere Selbstbewusstsein der Schönen
auch auf die Produktivität der Arbeitsleistung auswirkt.
Die These, dass sich optische Vorteile im Beruf in klin-
gender Münze auszahlen, bestätigt auch der texanische
Ökonom Daniel Hamermesh mit seinen Forschungen.
Zuerst ließ er von Probanden 15 Jahre alte Fotos von
Jurastudenten bewerten und verglich dann die Zensu-
ren in der Schönheitsskala mit den Gehältern der in-
zwischen etablierten Juristen. Die weniger attraktiven
Personen erhalten heute ein bis zehn Prozent weniger
Gehalt als der Durchschnitt, die besonders attraktiven
lagen fünf Prozent darüber. Hamermesh schlussfolgert
aus diesen Werten fatalistisch, dass Selbstsicherheit
oder gute Kleidung nicht entscheidend seien, sondern
schlicht die Optik: „Die bei Studienabschluss Schöneren
waren später auch die Erfolgreichen“ (FAZ, 17.1.2008).
Für die Soziologin Catherine Hakim ist dieses „eroti-
sche Kapital“ schöner Men-
schen, wie sie es in ihrem
gleich namigen Buch (2011)
nennt, eine wirtschaftliche
und gesellschaftliche Res-
source, die ihr Potenzial vor
allem dann entfaltet, wenn
weitere Qualitäten dazu-
kommen: „Erotisches Kapi-
tal ist nicht minder wertvoll
als Geld, Bildung und gute Beziehungen“, so ihr Fazit.
Und sie liefert auch eine Erklärung, weshalb diese
Form des Humankapitals bisher nicht thematisiert
wurde. Nach ihrer Meinung hätten die meinungsfüh-
renden Eliten dieses Faktum lange geflissentlich über-
sehen, da sie hierauf keinen Monopol anspruch erhe-
ben konnten.
„Was uns an der sichtbaren
Schönheit entzückt,
ist ewig nur die unsichtbare.“
Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach
(1830–1916), österreichische Erzählerin,
Novellistin und Aphoristikerin
TITEL
AKAD. DAS HOCHSCHULMAGAZIN. 27 I Oktober 2014 13
Zentimeter für Zentimeter mehr Gehalt
Ein methodisch schwieriger Teil des Designs solcher
Studien ist für die Wissenschaftler die Definition von
Schönheit. Jedoch zeigten die Einordnungen der Pro-
banden, dass viele das Wahrgenommene ähnlich be-
urteilen. Wichtigstes Merkmal ist neben einem attrak-
tiven, symmetrischen Gesicht die Körpergröße und
der Körperumfang. Laut Deutschem Institut für Wirt-
schaftsforschung DIW (2010) verdienen in Deutschland
größere Männer mehr als kleine, jeder Zentimeter
macht 0,6 Prozent des Bruttogehalts aus. Bei der Inter-
pretation der Ursachen geraten die Wissenschaftler ins
Spekulieren. Es gebe in der
Psychologie Hinweise, dass
Größe unbewusst mit Selbst-
bewusstsein und Durchset-
zungsvermögen gleichge-
setzt werde, fiel Studienautor
Guido Heineck dazu ein (SZ,
17.5.2010). Der Umstand,
weshalb sich bei Frauen die Körpergröße nicht ent-
scheidend niederschlug, blieb freilich ohne Erklärung.
Im Beruf kommt es sicher nicht nur auf die Äußerlich-
keiten an, und es gibt zwischen den Branchen auch
große Unterschiede. Von einem IT-Systemadministrator
erwartet man vermutlich nicht, dass er außerhalb des
Kundenverkehrs im feinen Tuch daherkommt.
Dennoch haben sich auch in der Selbstwahr-
nehmung der Arbeitnehmer die Ansprüche in
den letzten Dekaden verschoben. Heutzutage
schlägt die gepflegte, „schöne“ äußere Er-
scheinung einige der gängigen beruflichen
Qualitätsmerkmale ins Feld. Die Hambur-
ger Ökonomin Sonja Bischoff befragt seit
den 1980er-Jahren regelmäßig Füh-
rungskräfte, welche Fähigkeiten
und Merkmale ihnen den Start
in die Karriere erleichtert haben.
Auch hier zeigen die Ergebnisse
ihrer 2010 veröffentlichten Studie
„Wer führt (in) die Zukunft?“,
dass das Merkmal „Äußere Erscheinung“ gegenüber
weiteren Sekundärtugenden oder dem „Vitamin B“
zulegen konnte. Von 1991 bis 2008 legte der Aspekt
„Äußere Erscheinung“ von 15 Prozent der Mehrfach-
nennungen auf 32 Prozent zu und überflügelte damit
„Sprachkenntnisse“ (26 Prozent) und „persönliche
Beziehungen“ (24 Prozent).
„Quasimodos machen seltener Karriere“ titelte Zeit
Online (4.6.2012) zu diesem Befund, doch lassen sich
ein gepflegtes Auftreten, Körperhaltung und ein ge-
wisser Habitus auch einüben, wenn es nicht von Kin-
desbeinen an in gehobenen Elternhäusern ohnehin
trainiert wurde. Die Elitesoziologie gewinnt aus ihren
Studien die Erkenntnis, dass
der Habitus eher den Aus-
schlag für eine Karriere in
der Wirtschaft gibt als die
individuelle und quantifizier-
bare Leistung. Ist es schon
nicht derselbe Stallgeruch,
an dem sich die Zöglinge der
Oberschicht erkennen und fördern, so lässt sich doch
zumindest am selbstsicheren Auftreten, das in feinem
Zwirn und mit guten Manieren sicher leichter gelingt,
das „Erfolgsgen“ erkennen: Das rückt akademische
Meriten und Fachkenntnisse überhaupt erst in den
Fokus der Betrachtung. Demnach wäre ein Akademiker,
der sich wie ein Student kleidet, in der Wahrnehmung
Dritter „ein Student“. Und eine Führungskraft in
Schlabberlook nimmt keiner so richtig ernst. Ein
Gemeinplatz, und dennoch: Die meisten Menschen
urteilen nach dem ersten Eindruck. Details kommen
später und verrücken ein einmal gefasstes Bild nur
langsam, wenn überhaupt.
Erst sehen, dann (vielleicht) fühlen
Der Machtpolitiker Niccolò Machiavelli schrieb im 16.
Jahrhundert in seinem Werk „Der Fürst“: „Jeder sieht,
was du scheinst; nur wenige fühlen, was du bist.“
Und er wusste auch: „Die Menschen urteilen im allge-
meinen mehr auf Grund ihrer Augen als ihres Gefühles;
„Schönheit liegt im Auge
des Betrachters.“
Thukydides (um 455–396 v. Chr.),
griechischer Flottenkommandant im
Peloponnesischen Krieg und Historiker
AKAD. DAS HOCHSCHULMAGAZIN. 27 I Oktober 2014
TITEL
14
soziale Abstiegssorgen aufeinandertreffen, den Wunsch
nach Selbstversicherung, wobei der Körper zum Medi-
um wird. Wer seinen Körper nicht unter Kontrolle hat,
wird als undiszipliniert und faul kategorisiert. Studien
zufolge sind Sport, Fitness oder Wellness überwiegend
Mittelschichtspraktiken; schlechte Ernährung, Rauchen
und Fettleibigkeit verortet man automatisch bei den
Unterschichten. „Der Körper wird zur ‚authentischen‘
Visitenkarte einer Zugehörigkeit zum Club der Leis-
tungswilligen; er bezeugt die employability“, so Alken-
meyer.
Zum Trost für alle, die ihrem Selbstbild noch nicht ent-
sprechen, sei folgende Studie anempfohlen, die einen
Hinweis darauf gibt, dass sich nicht alle vom schönen
Schein blenden lassen. Die 2010 im „Journal of Expe-
rimental Social Psychology“ erschienene Arbeit
„Don’t hate me because I’m beautiful” ist eine der
seltenen Ausnahmen, die nachweist, dass Attraktivität
auch hinderlich sein kann. Rund 2 700 Probanden be-
werteten inhaltlich identische Bewerbungen, die einzig
nach Geschlecht und Attraktivität des Bewerbungsfotos
variierten. Das Ergebnis für die Frauen: Männer bevor-
zugten die attraktiven Bewerberinnen zu rund 50 Pro-
zent, wohingegen sie bei Frauen nur in 11,7 Prozent
der Fälle ausgewählt wurden und folglich keine Vorteile
genossen. Insbesondere Personalerinnen erteilten ihnen
eine Abfuhr. Dasselbe widerfuhr den schönen Männern,
denen die Personaler die Durchschnittstypen vorzogen.
Die Psychologen erklärten sich das Phänomen
damit, dass Personaler und Personalerinnen
die schönen Bewerber gleichen Geschlechts
als Bedrohung empfinden könnten und
empfahlen aufgrund der Studienergebnisse,
künftig ganz auf Fotos und Namen in den
Bewerbungen zu verzichten.
denn die Gabe zu sehen hat jeder, aber zu fühlen nur
wenige.“
Übertragen auf unser Thema hieße das: Das Bildungs-
niveau oder die Position im Unternehmensorgani-
gramm müssen mit dem Habitus korrelieren. Und dazu
gehört mehr als ein ebenmäßiges Gesicht. Der Status
eines Menschen wird in der Regel nicht an einem
Merkmal gemessen, sondern an deren Summe.
„Wenn eine Person sehr gebildet ist, (…) so kann diese
in der Regel nur dann einen entsprechenden Status er-
reichen, wenn das passende gesellschaftliche Umfeld
gegeben ist“, erläutert die Hannoveraner Sozialwis-
senschaftlerin Paula-Irene Villa. „Man sieht und hört
Menschen anhand vieler körpergebundener Zeichen
wie Kleidung, Körperhaltung, Stimmführung, Ge-
schmacksvorlieben an, welchen Platz sie in der sozialen
Welt einnehmen.“
In unserer medialen und von Bildern dominierten Welt
hat sich der Wert des äußeren Eindrucks nicht nur in
der Wirtschaft verschoben. Auch unsere gewählten
Volksvertreter müssen mehr an sich arbeiten, sich an-
ders inszenieren als früher. Einen Politiker wie Helmut
Kohl könnten heute auch findige PR-Profis nicht mehr
als Typus eines dynamischen Reformers verkaufen.
Kohls Ziehtochter Angela Merkel verpasste sich mit
ihrem Aufstieg zur Kanzlerin einen Karrierehaarschnitt –
und es blieb beileibe nicht bei diesem Merkmal ihrer
professionalisierten Außenwirkung. Bundesumwelt-
minister Peter Altmaier sah sich gar bemüßigt, wegen
seines „markanten“ Aussehens unter Bezugnahme
auf Kohl darauf hinzuweisen, dass man vom Äußeren
nicht auf Inhalte schließen könne (Wirtschaftswoche,
5.6.2012).
Die stählernen Körper der Mittelschicht
Folglich arbeiten alle Aufstiegswilligen an dem, was sie
selbst ändern können und was ihnen nicht gegeben
wurde. Und sei es, um das Selbstwertgefühl zu heben.
Der Gesellschaftswissenschaftler Thomas Alkenmeyer
konstatiert gerade in den kleinbürgerlichen Schichten,
in denen erwartungsfrohe Aufstiegshoffnungen und
TITEL
AKAD. DAS HOCHSCHULMAGAZIN. 27 I Oktober 2014 15
„Das Spiel mit dem Stil“
Höchste Erwartungen weckt das Buch „Stilgeheimnisse“
von Modedesignerin und Imageberaterin Katharina
Starlay. Es erhebt den Anspruch, tatsächlich nützliche
und zeitgemäße Anleitungen für Frauen zu liefern, die
in der Geschäftswelt ganz nach oben kommen wollen −
auch wenn das Coverbild mit dem neckischen violetten
Tüllschleier dazu nicht ganz passen will. Grundannah-
me der Autorin: Es kommt für jede Frau darauf an, den
richtigen Mittelweg zu finden zwischen den Extremen
„unsichtbare Business-Maus mit grauem Anzug“ und
„sexy Sekretärin mit High Heels“. Wie frau hier zu ei-
nem Gleichgewicht und dem individuellen Stil kommt,
erklärt Katharina Starlay auf 222 Seiten mit detailrei-
chen Berichten und Geschichten. Dabei belässt die Au-
torin es nicht bei Ratschlägen zum „Look“: „Guter Stil
ist in meinen Augen die Kombination aus einer attrak-
tiven und gepflegten Erscheinung mit der Wertschät-
zung gegenüber anderen Menschen, durch die eine Per-
sönlichkeit überhaupt erst gewinnend und charisma-
tisch wird“, erklärt sie auf www.stilgeheimnisse.de.
Die aufmerksame Leserin muss zwar hier und da fest-
stellen, dass auch in „Stilgeheimnisse“ Banalitäten
verkündet werden à la „tägliche Gymnastik mildert die
Spuren des Älterwerdens“. Trotzdem erweist sich der
Titel als ein sehr viel tiefgründigeres Buch, als es das
Cover vermuten lässt.
„Erfolg mit Takt & Stil“
„Erfolg mit Takt & Stil“ ist ein klassischer Benimm-Rat-
geber und hebt sich somit auch dadurch von den an-
deren Titeln ab, dass das Thema „Kleidung“ im Inhalts-
verzeichnis nicht den Löwenanteil einnimmt. Autorin
Susanne Helbach-Grosser, selbstständige Persönlich-
keitstrainerin, legt den Schwerpunkt auf die Frage,
wie man sich in verschiedenen Situationen den gesell-
schaftlichen Konventionen folgend angemessen ver-
hält. Dabei nimmt sie knifflige Situationen im Geschäfts-
leben ebenso in den Blick wie klassische Gastgeber -
situationen im In- und Ausland. Hier erfährt man bei-
spielsweise, wie man richtigen Small Talk macht, wann
Duzen oder Siezen angebracht ist und ob man seinen
Gast bitten darf, die Schuhe auszuziehen. Ratschläge
gibt es auch zu Online-Benimm und Verhalten in Sozia-
len Netzwerken. Die Autorin verzichtet dabei auf eine
betont trendige Wortwahl: Schon im Inhaltsverzeichnis
stehen nach dem Motto „What you see is what you
get“ unter den Kapitelüberschriften die wichtigsten
Fragen, die an entsprechender Stelle beantwortet wer-
den. In den Kapiteln selbst werden die Informationen
zum Teil stichpunktartig in Checklistenform präsentiert,
was dem Buch den Charakter eines praktischen, fun-
TITEL
Wer erfolgreich sein will, muss auch so
aussehen – aber das reicht noch nicht:
Ein stilvolles Auftreten ergibt sich erst aus
dem Zusammenspiel zwischen Kleidung und
innerer Einstellung, da sind sich die aktuellen
Business-Stilratgeber einig.
Von Heike Wienholz
Von schöner Verpackung
und guten Manieren
AKAD. DAS HOCHSCHULMAGAZIN. 27 I Oktober 2014 16
Katharina Starlay: Stil -
geheimnisse. Die unschlag-
baren Tricks und Kniffe für
erfolgreiches Auftreten.
3. Aufl., Frankfurter
Allgemeine Buch 2014,
17,90 Euro (Hardcover).
Susanne Helbach-Grosser:
Erfolg mit Takt & Stil.
Umgangsformen aktuell –
Empfehlungen für Eilige.
expert verlag 2014,
29,80 Euro (Taschenbuch).
Anke Schmidt-Hildebrand/
Dietrich Hildebrand:
Image + Stil = Erfolg.
Maßgeschneiderte Tipps für
den perfekten Business-Auf-
tritt. Redline Verlag 2014,
17,99 Euro (Taschenbuch).
Stephanie Palm/Ursula
Scholz: Stil & Profil für
Beruf und Bewerbung.
individueller – professioneller
– erfolgreicher. Anaconda
Verlag 2010,
9,95 Euro (Hardcover).
TITEL
dierten Nachschlagewerks verleiht. Bei aller Nüchtern-
heit schafft Helbach-Grosser es aber mit ihrer direkten
und impulsiven Sprache, dass auch das Schmunzeln in
„Erfolg mit Takt & Stil“ nicht zu kurz kommt.
„Image + Stil = Erfolg“
Ähnlich im Aufbau und der praktischen Herangehens-
weise ist der Ratgeber „Image + Stil = Erfolg“. Aller-
dings legt Autorin Anke-Schmidt-Hildebrand, Diplom-
Modedesignerin, getreu dem Motto „Kleider machen
Leute“ ihren Schwerpunkt auf den perfekten Business-
Look aus Kleidung, Frisur und Make-up. Hier erfahren
Leserin und Leser in verschiedenen Kapiteln für die
Business-Frau und den Business-Mann, was Stoffe und
Farben kommunizieren oder sogar, wie beim Herren-
hemd ein korrekter Musterverlauf im Bereich Passe-
Ärmel-Einsatz auszusehen hat. Inhaltlich abgerundet
wird der Ratgeber mit Kapiteln zu „innere Haltung und
Ausstrahlung“ und „Körpersprache“. Das Buch ist
sehr ansprechend und übersichtlich gestaltet: Einzelne
Elemente wie Checklisten und Tipps sind typografisch
abgesetzt, und an vielen Stellen werden die Beschrei-
bungen mit skizzenhaften Zeichnungen verdeutlicht.
Fazit: ein Buch, das im Rahmen geltender Business-
Etikette fundiertes Hintergrundwissen für die individu-
elle Performance liefert.
Frau zeigt, was in ihr steckt
„Stil & Profil für Beruf und Bewerbung“ sticht unter
den Stilratgebern gleich zweifach heraus: zum einen
durch die vielen bunten Bilder der Fotografin Ursula
Scholz, die eine positive Grundstimmung erzeugen.
Zum anderen dadurch, dass Autorin und Typberaterin
Stephanie Palm eine Mission hat: Frauen coachen Frau-
en zum Erfolg. Der Ratgeber soll „Frauen Mut machen,
aus dem stilistischen Einheitsgrau herauszutreten“ −
denn Erfolg, eigener Stil und weiblicher Ausdruck lassen
sich nach Meinung der Autorin verbinden. Das Buch
leistet aber nicht nur Typberatung, sondern setzt früher
AKAD. DAS HOCHSCHULMAGAZIN. 27 I Oktober 2014 17
Stephanie Palm/Ursula
Scholz: Stil & Profil für Beruf
und Bewerbung. individueller –
professioneller – erfolgreicher.
Anaconda Verlag 2010,
9,95 Euro (Hardcover).
Ingrid Chladek: Dress for success –
souverän im Job. Ein Handbuch für
Business-Männer. Wirtschaftskammer
Österreich 2009, 25 Euro (Broschur;
Bezug über webshop.wko.at).
TITEL
AKAD. DAS HOCHSCHULMAGAZIN. 27 I Oktober 2014 18
an, nämlich bei der Persönlichkeitsentwicklung: Mit
dabei sind Tests und Fragebögen, mithilfe derer die
Leserinnen die eigenen Talente, Qualitäten und Poten-
ziale erkennen und diese durch das optimierte Outfit
gekonnt zur Geltung bringen sollen.
Insgesamt ein positiver, gezähmt-kämpferischer Rat-
geber mit Checklisten und Fallbeispielen für Business-
Frauen und solche, die es werden wollen. Kleines
Manko: Weder aus dem Titel noch aus dem Klappen-
text geht hervor, dass sich das Buch ausschließlich an
Frauen richtet.
„Dress for Success“ für den Mann
... und es gibt ihn doch: den Stil-Ratgeber speziell für
Business-Männer! Fündig wird man im Online-Shop der
Wirtschaftskammer Österreich. Da sich die meisten der
einschlägigen Ratgeber vor allem an Frauen richten,
könnte man ja meinen, nur diese müssten für den be-
ruflichen Erfolg Nachhilfeunterricht nehmen in Auftre-
ten, Stil und Business-Etikette. In „Dress for success −
souverän im Job“ macht Autorin und Business-Coach
Ingrid Chladek allerdings klar, dass auch Männer am
Thema Mode „schon lange nicht mehr vorbeikommen“
und mit korrekter Kleidung im Beruf mehr erreichen
können. Neben den zu erwartenden Tipps zu Anzügen,
Krawatten und Hosenträgern fasst Chladek aber klar
und sachlich auch weniger geschmeidige Themen an:
Zum Beispiel erklärt sie, was unter der persönlichen
Distanzzone bei Gesprächen zu verstehen ist, wie kor-
rektes Verhalten gegenüber weiblichen Kollegen im All-
gemeinen und wertschätzendes Verhalten gegenüber
der eigenen Assistentin im Besonderen aussieht. Ein
weiteres Plus dieses Ratgebers: Er differenziert bei den
Empfehlungen zum Kleidungsstil zwischen unterschied-
lichen Unternehmensumfeldern wie der Kreativbran-
che, dem Umweltbereich oder dem Außendienst. Da -
rüber hinaus versorgt „Dress for Success“ den Leser
mit verschiedenen Checklisten, u. a. zu Do’s und Don‘ts
im Geschäftsleben, und erklärt die schwierigsten He-
rausforderungen wie das Binden eines Krawatten -
knotens in Bildern. Fazit: ein einzigartiger, unterhaltsam
geschriebener Ratgeber, der seine Informationen in
kompakter Form vermittelt und der trotz des für eine
Schwarz-Weiß-Broschur happigen Preises empfohlen
werden kann.
„Schöne Menschen haben einen
Wettbewerbsvorteil“
Der Sozialwissenschaftler Johannes Krause erklärt im Interview,
wie sich das Äußere auf die Karriere auswirkt – und warum es
trotzdem wichtig ist, dass wir geltende Schönheitsideale nicht
unreflektiert übernehmen.
Sie erforschen seit mehreren Jahren den Zusam-
menhang von Attraktivität und Erfolg. Was reizt
Sie an diesem Thema?
Für die Soziologie ist es ein spannendes Phänomen,
dass etwas, was im Wesentlichen nicht änderbar ist,
trotzdem so immens zur sozialen Strukturierung bei-
trägt – und das mehr oder minder unbewusst.
Unterscheiden Sie zwischen Schönheit und Attrak-
tivität oder verwenden Sie die beiden Begriffe
synonym?
In der Forschung wird beides synonym verwendet.
Natürlich empfinden wir im Alltag häufig auch das als
attraktiv, was man Ausstrahlung nennt, sozusagen
den inneren Schein einer Person. Da in der Forschung
aber nur die wirklich messbaren und damit rein kör-
perlichen Aspekte relevant sind, hat die Ausstrahlung
keinen Einfluss auf unsere Arbeit.
Trägt Schönheit denn nun zum beruflichen
Erfolg bei?
Ja, grundsätzlich trägt Schönheit zum beruflichen Erfolg
bei. Studien zeigen ganz eindeutig, dass attraktive
Menschen höhere Gehälter, unattraktive niedrigere
bekommen. Außerdem belegen Untersuchungen, dass
im menschlichen Miteinander attraktiven Personen
bestimmte Verfehlungen eher nachgesehen werden,
sie werden mit mehr Respekt behandelt und sie be-
kommen eine stärkere Aufmerksamkeit.
Warum ist das so?
Wir schreiben schönen Menschen ganz automatisch
bestimmte sozial erwünschte Eigenschaften zu und
verpassen ihnen damit einen grundsätzlichen Wettbe-
werbsvorteil.
Dann zu den Gegenbeispielen: Wann ist Schönheit
im Job hinderlich?
Wenn attraktive Personen unsere Erwartungen nicht
erfüllen, fällt die Sanktionierung häufig härter aus.
Insbesondere wenn es sich um Vergehen handelt, bei
denen die Attraktivität als Mittel zum Zweck eingesetzt
wurde, Stichwort Heiratsschwindler. Das heißt im Fach-
jargon „beauty penalty“.
Daneben haben insbesondere attraktive Frauen im Job
das Problem, dass ihnen in männlich dominierten Beru-
fen häufig nachgesagt wird, dass sie eine bestimmte
Position wegen ihres guten Aussehens haben. Ein Bei-
spiel: Die Mechaniker-Meisterin, die eine eigene gut
laufende Werkstatt hat und dazu noch gutaussehend
TITEL
AKAD. DAS HOCHSCHULMAGAZIN. 27 I Oktober 2014 19
ist, wird vor allem von Bran-
chenkollegen schnell so be-
wertet, dass sie nur wegen
ihres Äußeren so erfolgreich
ist. Die tatsächlichen Befä-
higungen spielen also keine Rolle mehr, dies
bezeichnet man als den „beauty is beastly“-Effekt.
Was genau empfinden wir an Frauen und
Männern als schön?
Bei Frauen wird das sogenannte Kindchenschema –
also große Augen, eine kleine Nase, eine relativ hohe
Stirn – in Kombination mit Reifekennzeichen wie hohen
Wangenknochen oder ausgeprägten Sexualorganen als
attraktiv empfunden. Dieser Mix ist übrigens entschei-
dend, denn auf Basis der evolutionären Argumentation
signalisieren Frauen mit diesen Eigenschaften: Ich bin
reif genug, um Nachkommen zu zeugen – und jung
genug, um viele Nachkommen zu zeugen. Bei Männern
gelten zum Beispiel ein ausgeprägtes Kinn, markante
Wangenknochen oder ein tiefer Haaransatz als attraktiv.
Und geschlechterunabhängig gelten eine reine Haut
oder keine Augenringe als Anzeichen für Gesundheit –
was bei der Fortpflanzung ja ebenfalls ein wichtiger
Aspekt ist und deswegen als schön und anziehend
empfunden wird.
Rubensfiguren galten im 16. und 17. Jahrhundert
als schön, heute haben die sogenannten Mager-
Models den Attraktivitätsbonus. Worauf gründet
diese Veränderung?
Sie sprechen hier die kulturelle Komponente an. Dabei
werden Dinge in den Vordergrund gerückt, die kulturell
schwer zu erreichen sind. Wenn wir uns also in einer
Gesellschaft befinden, in der eine kalorische Unterver-
sorgung der Normalfall ist, dann werden füllige Körper
zum Ideal. Und wenn man sich in einer Gesellschaft
befindet, in der eine kalorische Überversorgung leicht
zu erreichen ist, ist Schlankheit das erstrebenswerte
Ideal, da es anzeigt, dass ich mich disziplinieren kann.
Hat Schönheit auch eine soziale Komponente?
Sicher. Ein Beispiel hierfür: Wir in der westlichen Welt
sind von Büroarbeit geprägt und gebräunte Haut gilt
daher als Distinktionsmerkmal, das anzeigt, ich kann es
mir leisten, Zeit im Freien zu verbringen. Andersherum
funktioniert es für Gesellschaften, in denen ein Großteil
der Bevölkerung noch auf dem Feld arbeitet: Hier ist
die hellere Haut eine attraktive Besonderheit.
Was werden wir in 50 oder 100 Jahren als schön
empfinden?
Aktuell ist es auf jeden Fall so, dass sich die Gesellschaf-
ten weltweit dem westlichen Ideal annähern und das
hiesige Schönheitsideal adaptieren. In Asien lassen sich
beispielsweise immer mehr Menschen ihre mandel -
förmigen Augen wegoperieren. Sie wollen also Idealen
entsprechen, die kulturell gar nicht bei ihnen, aber
weltweit als verankert wahrgenommen werden.
Wenngleich es wenig verlässliche Hinweise dafür gibt,
kann ich mir vorstellen, dass auch die Medien einen
Einfluss haben, da in asiatischen Commercials vermehrt
Westeuropäer gezeigt werden.
Morgens tusche ich meine Wimpern und lege
Rouge auf – das passiert ohne groß darüber
nachzudenken. Warum habe ich mir das ange-
wöhnt?
Das ist ein bisschen so wie das Links-und-rechts-
Schauen beim Überqueren der Straße. Das Streben
nach dem geltenden Schönheitsideal haben Sie viel-
leicht unbewusst so weit verinnerlicht, dass Sie die Frage
danach, warum Sie das machen, nicht mehr korrekt
beantworten können. „Ich mache es für mich, weil ich
mich dadurch schöner fühle“, ist die Antwort vieler
Frauen in den von Ihnen angesprochenen Beispielen.
Schlussendlich heißt das aber nichts anderes als: Ich
habe das Schönheitsideal so weit verinnerlicht, dass
ich gar nicht mehr wiedergeben kann, dass ich das de
facto für das gängige Schönheitsideal mache.
Man könnte aber auch sagen: Automatismen, wie
das angesprochene Links-rechts-Schauen beim
Überqueren der Straße, erleichtern den Alltag …
Natürlich. Es strukturiert den Alltag und sorgt dafür,
dass man nicht über jeden einzelnen Handgriff nach-
TITEL
AKAD. DAS HOCHSCHULMAGAZIN. 27 I Oktober 2014 20
denken muss – Internalisierung ist also nicht per se
negativ. Aber ich finde es ganz entscheidend, dass man
sich hin und wieder bewusst vor Augen führt, was man
tut und warum man es tut. Will heißen: Achte ich auf
meine Ernährung, weil ich gerne lange leben möchte,
oder achte ich nur deswegen darauf, um einem
Schlankheitsideal zu entsprechen – und, noch wichtiger:
Ist es das wirklich wert? Es wird also meiner Meinung
nach nur dann problematisch, wenn man viele Dinge
tut und sich gar nicht gewahr macht, wohin diese
führen. Und das gilt nicht nur für die Schönheitsideale,
sondern auch für alle anderen Dinge, die normativ
reguliert sind.
Welchen Stellenwert haben radikale äußerliche
Veränderungen, wie zum Beispiel Schönheits-
operationen, auf unsere Wahrnehmung von
Schönheit – verändern sie diese vielleicht sogar?
Schönheitsoperationen, die man tatsächlich im äußeren
Erscheinungsbild einer Person als solche wahrnehmen
kann, werden von der Masse nicht als attraktiv bewer-
tet. Wenn man sich also hat liften lassen und nicht
mehr aufhören kann zu lächeln, wird das als abnormal
und damit von der Mehrheit als unattraktiv empfunden.
Auch besonders prägnante Körpermodifikationen wie
Tattoos im Gesicht, am Hals oder auf den Händen fal-
len in diese Kategorie. Oder die sogenannten Body-
modifications wie Cuttings, Brandings oder Implantate.
Die wirklich beste Schönheitsoperation ist daher die,
bei der Sie aussehen wie vorher – nur besser. In dem
Moment, wo es künstlich wirkt, sprechen Sie plötzlich
nur noch eine sehr kleine Subpopulation an,
die ein künstliches Ideal zum Ziel hat.
Aber Tattoos und Piercings sind ja längst
nicht mehr abnormal, sondern zum
gängigen Erscheinungsbild in unserer
Gesellschaft geworden ...
Natürlich sorgen gewisse Trends dafür, dass
manche Dinge eine gewisse Normalität er-
reichen – etwa Piercings oder Tattoos an
weniger exponierten Körperstellen als den
eben angesprochenen. Die letzten Trends,
die mir hier einfallen, sind das Lippen- und
Augenbrauenpericing oder das Steiß-Tattoo.
Diese Dinge sind zwar mittlerweile Norma -
lität, aber nicht normativ gewünscht und
daher auch nicht zum gängigen Schönheits-
ideal avanciert.
Johannes Krause ist Di-
plom-Soziologe und wis-
senschaftlicher Mitarbeiter
im Fachbereich Soziologie
der Heinrich-Heine-Uni -
ver sität Düsseldorf. Vor
Kurzem veröffentlichte das
Fachmagazin „Analyse &
Kritik“ Krauses Beitrag „Schönheitssoziologie – ein
Überblick“ (Jg. 36, Heft 1).
TITEL
AKAD. DAS HOCHSCHULMAGAZIN. 27 I Oktober 2014 21
Beeinflusst der Bildungsgrad die Vorstellung von
Schönheit?
Wir streben alle ein ähnliches Ideal an, die Vorstellung
ist also die gleiche. Nur die Art und Weise, wie wir es
verfolgen, kann vom Bildungsgrad abhängen. Bei
Frauen gilt zum Beispiel: Je höher der Bildungsgrad,
umso wichtiger wird es ihnen, die eigene Schönheit
unauffällig zu betonen. Je niedriger der Bildungsgrad,
umso offensiver wird beispielsweise der eigene Körper
zur Schau gestellt. Das angestrebte Ideal, ein schlanker
Körper mit ansprechenden Proportionen, ist also der
gleiche – nur die Präsentation ist eine andere.
Die Fragen stellte Lisa von Zobeltitz.
Zudem bekommen die Studierenden Einblicke in fort-
schrittliche Unternehmenskulturen, Innovationsnetz-
werke und unterschiedliche Kreativitätstechniken.
Die Absolventen des Zertifikatsstudiums erhalten ein
Advanced Certificate in Technology Management
(ACTM) der AKAD University.
Komplette Anrechnung auf den Master-Studien-
gang „Technisches Management“
Das Zertifikatsstudium vermittelt Kenntnisse auf Master-
Niveau und eignet sich damit für alle, die bereits einen
akademischen Abschluss oder entsprechende Berufs-
erfahrung mitbringen und ihre Kompetenzen zielge-
richtet erweitern möchten. Das Zertifikatsstudium bietet
diese Möglichkeit, ohne dass
die Teilnehmer sich gleich für
den kompletten Master-Studi-
engang entscheiden müssen.
Es kann aber durchaus der erste
Schritt zum Master-Abschluss
sein: Absolventen des Zertifi-
katsstudiums können unter An-
rechnung aller bereits erbrach-
ten Leistungen problemlos in
den fachlich entsprechenden
Master-Studiengang „Techni-
sches Management (M. Sc.)“
einsteigen − und sparen anteilig
die entsprechenden Studien-
gebühren.
i
AKAD WISSEN
AKAD. DAS HOCHSCHULMAGAZIN. 27 I Oktober 2014 23
Innovations-
management:
fit für internationale
Projektteams
Das neue Zertifikatsstudium vermittelt in neun Monaten das Rüstzeug für Aufgaben
im Veränderungs- und Innovationsmanagement. Besonderen Wert legt die
AKAD University auf die internationale Ausrichtung des Lehrgangs.
Von Heike Wienholz
U
nternehmen, die von innovativen Ideen und
neuen technischen Entwicklungen leben, brau-
chen neben den Technikern auch kompetente Projekt-
manager: Diese haben den kompletten Innovations-
prozess im Blick und gestalten ihn von der Idee über
die Produktentwicklung bis zur Markteinführung.
Wer eine solche Position anstrebt, sollte sowohl spezielle
Kenntnisse im internationalen Projektmanagement als
auch ein Verständnis für technisches Qualitätsmanage-
ment und interkulturelle Kompetenz mitbringen.
Diese Inhalte vermittelt das neue Zertifikatsstudium
„Internationales Innovationsmanagement“ an der
AKAD University. Die neunmonatige akademische
Weiterbildung richtet sich vor allem an (angehende)
Führungskräfte, die sich Kompetenzen im internatio-
nalen Projektmanagement aneignen möchten, um sich
für Aufgaben in weltweit agierenden Unternehmens-
verbänden zu qualifizieren.
Managementtechniken und
cross-cultural Innovation
Der Studienschwerpunkt liegt auf interdisziplinären,
führungsrelevanten Inhalten wie Managementtechni-
ken, strategische Unternehmensführung, Innovations-
management sowie Technisches Projekt- und Qualitäts-
management. Die länderübergreifenden Kompetenzen
erwerben die Teilnehmer durch Lerneinheiten und Semi-
nare in interkultureller Kommunikation, cross-cultural
Innovation und internationalem (Projekt-) Management.
Wer sich noch in diesem Jahr für den
neuen Zertifikats studiengang ein-
schreibt, profitiert vom Einführungs-
preis: Dieser liegt bei monatlich
314 Euro, ab 2015 gilt der reguläre
Preis von 348 Euro im Monat.
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tierten Zertifikatsstudiengängen
gibt es online auf
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Beschäftigte im Normalarbeitsverhältnis Atypisch Beschäftigte
Laut Statistischem Bundesamt
befindet sich etwa jeder vierte
Beschäftigte in Deutschland
in einem atypischen
Arbeitsverhältnis.
Von Lisa von Zobeltitz
Ist atypische
Beschäftigung
unsozial?
N
ach Angaben des Statistischen Bundesamtes
ging der Beschäftigungsaufbau seit der Wieder-
vereinigung mit einem erheblichen strukturellen Wandel
der Arbeitswelt einher: So ist die Zahl atypischer Be-
schäftigungsverhältnisse von 1991 bis 2011 um 3,67
Millionen gestiegen. Das entspricht einem Plus von
86,3 Prozent. Unter atypischen Beschäftigungsverhält-
nissen versteht man Teilzeitbeschäftigungen mit bis zu
20 Wochenarbeitsstunden, befristete Beschäftigun-
gen, Zeitarbeit und geringfügige Beschäftigungen wie
Mini- und Midi-Jobs. Nach den Erhebungen des Statis-
tischen Bundesamtes befand sich 2012 etwa jeder
vierte in Deutschland Beschäftigte in einem atypischen
Arbeitsverhältnis (s. Grafik).
Soziale Nachhaltigkeit und atypische
Beschäftigung – ein Widerspruch?
Greift man die Argumentation vieler Arbeitgeber auf,
dann heißt es: Die Schaffung atypischer Beschäftigungs-
verhältnisse geht nicht auf Kosten der regulären, unbe-
fristeten Jobs. Recht geben ihnen hierbei auch die Erhe-
bungen des Statistischen Bundesamtes, die besagen,
dass in den letzten Jahren nicht nur die Zahl der atypi-
schen, sondern auch die der typischen Arbeitsverhält-
nisse gestiegen ist. Positiv betrachtet könnte man also
meinen: Weniger Arbeitslose sind weniger Arbeitslose –
egal in welcher Beschäftigungsart sie sich befinden.
Kritisch wird es jedoch, wirft man einen Blick hinter
die Kulissen. Stefan Weyand, Absolvent der AKAD Quelle: Statistisches Bundesamt
Normalarbeitsverhältnisse und atypisch Beschäftigte
in Prozent, Entwicklung von 1997–2012
82,5 % 17,5 %
74,5 % 25,5 %
75,4 % 24,6 %
1997
2007
2012
AKAD. DAS HOCHSCHULMAGAZIN. 27 I Oktober 2014
AKAD WISSEN
24
University, hat genau das getan: In seiner Abschluss -
arbeit beschäftigte er sich mit dem Thema „Soziale
Nachhaltigkeit und atypische Beschäftigung – ein Wi-
derspruch?“. Sein Fazit: „Unter dem Druck des Flexi-
bilisierungsbedarfs und vor dem Hintergrund hoher
Arbeitslosenzahlen wurden atypische Beschäftigungs-
verhältnisse durch staatliche Reformen institutionalisiert
und sind heute für viele Erwerbstätige Alltagsrealität.
Leiharbeit, Mini- und Midijobs, Teilzeitarbeit und zeit-
befristete Verträge ermöglichen den Unternehmen zwar
die nötige Flexibilität, bieten jedoch im Vergleich zur
klassischen Daueranstellung wenig Spielraum für so-
ziale Nachhaltigkeit.“
Ein von existenzieller Not freies Leben für
atypisch Beschäftigte liegt in weiter Ferne
Stefan Weyand hat sich in seiner Studie insbesondere
mit den Aspekten Chancengleichheit, soziale Sicher-
heit, Partizipation und Arbeitskontext – wie Entlohnung,
Beschäftigungsstabilität und berufliche Qualifizierung
– beschäftigt. Dabei stellte er fest, dass ein atypisches
Beschäftigungsverhältnis wenig Spielraum für Chancen-
gleichheit und die sogenannte Verteilungsgerechtigkeit
bietet. Verteilungsgerechtigkeit bedeutet, dass alle
Menschen die gleiche Chance erhalten sollen, ihre
existenziellen Bedürfnisse zu stillen. „Fakt ist jedoch,
dass ein von existenzieller Not freies Leben für atypisch
Beschäftigte in weiter Ferne liegt“, bringt der Studien-
autor seine Recherchen auf den Punkt. So hätten die
Festangestellten sowohl bei der Verteilung als auch
bei der Bezahlung von Arbeit und Leistung deutlich
bessere Chancen.
Besonders kritisch verhält es sich für Leiharbeiter. Stefan
Weyand: „Betrachtet man alle Formen der atypischen
Beschäftigung, haftet insbesondere der Leiharbeit ein
Partizipationsdefizit an. Das heißt: Die Teilhabe an be-
trieblichen Mitbestimmungen ist ebenso mangelhaft wie
die Unterstützung durch die Betriebsräte. Nicht zu ver-
gessen, dass Betriebsvereinbarungen der entleihenden
Betriebe grundsätzlich nicht für Leiharbeiter gelten“.
Sprungbrett oder Drehtür?
Ähnlich verhält es sich bei der Förderung beruflicher
Qualifikationen und Kompetenzen: Zwar wird dieser
Nachhaltigkeitsaspekt durch die sich anbahnende de-
mografische Krise zunehmend relevant – aktuell findet
er jedoch noch kaum Berücksichtigung. Denn die zeit-
liche, oftmals auch räumliche Einschränkung, die mit
einer atypischen Beschäftigung einhergeht, verhindert
die Teilnahme an Weiterbildungsmaßnahmen. Und
Alternativen werden vom Arbeitgeber eher selten an-
geboten. Bleibt einzig die Hoffnung, dass eine atypische
Beschäftigung den Weg in ein „reguläres“ Arbeitsver-
hältnis ebnet ...
Stefan Weyand zitiert in seiner Arbeit hierzu Martin
Dietz und Ulrich Walwei (2007): So erweise sich die
Hoffnung, das geringfügige Beschäftigungsverhältnis
könne als Sprungbrett für den Einstieg in die Vollbe-
schäftigung dienen, selten als realistisch. Vielmehr
komme es häufig vor, „dass Personen in atypischen
Beschäftigungsformen feststecken (Einsperreffekt),
oder dass sich Drehtüreffekte ergeben“.
„Atypische Beschäf-
tigungsverhältnisse
bringen höhere
Armutsrisiken mit
sich. Sie sind deutlich
häufiger als Normal-
arbeitsverhältnisse
mit niedriger Bezah-
lung, instabilen Be-
schäftigungsverläu-
fen, Perspektivlosig-
keit, schlechten
Arbeitsbedingungen
und wiederkehrender
Arbeitslosigkeit
verbunden.“
Katrin Altpeter (SPD),
Sozialministerin Baden-
Württemberg
„Betriebe sollen über
Jahre hinweg Perso-
nalausfälle kompen-
sieren [Anm. d. Red.:
Anspielung auf das geplante
Rückkehrrecht von Teil- in
Vollzeit und Elterngeld Plus,
wonach die dreijährige Eltern-
zeit über mehrere Jahre
gestückelt werden kann].
Und wenn sie dabei
auf Befristungen,
Zeitarbeit oder Teil-
zeit zurückgreifen,
werden sie von der
Politik geprügelt.“
Peer-Michael Dick,
Hauptgeschäftsführer der
Arbeitgeber Baden-Würt-
temberg
Quelle: Stuttgarter Zeitung, 3.5.2014
AKAD WISSEN
AKAD. DAS HOCHSCHULMAGAZIN. 27 I Oktober 2014 25
Gemeinsam
stark?
AKAD-Absolventin Bettina Banaj hat in ihrer Diplom-Arbeit das Potenzial
von männlichen, weiblichen und gemischten Doppelspitzen in deutschen
Führungsetagen untersucht.
Von Lisa von Zobeltitz
B
is zum heutigen Tag zeichnet sich die unterneh-
merische Praxis durch einen überwiegend männ-
lichen Anteil an Führungskräften aus. Doch Faktoren
wie der demografische Wandel sowie die anhaltenden
Diskussionen um eine Frauenquote prognostizieren
einen Paradigmenwechsel. Bettina Banaj hat daher in
ihrer Diplom-Arbeit an der AKAD University das Poten-
zial gemischter Doppelspitzen in der Unternehmens-
führung untersucht.
Online-Befragung und Experteninterviews
untermauern Attraktivität von Doppelspitzen
So führte die Unternehmensberaterin im Rahmen ihrer
Diplom-Arbeit eine Online-Umfrage durch, an der 123
Personen (62 Frauen, 61 Männer) teilnahmen, und in-
terviewte des Weiteren Experten aus den Branchen
Werkzeugbau, Weiterbildung, Existenzgründungsbera-
tung und IT. Aus beiden Befragungen wurde ersichtlich,
dass viele eine Doppelspitze, unabhängig vom Ge-
schlecht, einer Einzelperson oder einem mehrköpfigen
Team vorziehen. Bettina Banaj: „In kleinen und mittel-
ständischen Unternehmen sind Doppelspitzen bereits
vermehrt anzutreffen, aber auch Großunternehmen
oder Parteien stehen ihnen zunehmend offen gegen-
über.“ Schließlich würden die Vorteile von Doppel -
spitzen aus naheliegenden Gründen überwiegen, ist
sich die Studienautorin sicher: „Der Ausgleich von Defi-
ziten und Schwächen wird von vielen Mitarbeitern und
Führungskräften als vorteilhaft bewertet. Dies betrifft
sowohl Aspekte der Persönlichkeit oder der Kompe-
tenzen der Führungspersonen als auch die gesteigerte
Qualität und Nachhaltigkeit von Entscheidungen. Aller-
dings müssen bestimmte Voraussetzungen geschaffen
werden, zum Beispiel sollten die Aufgaben unter den
beiden Führungskräften klar zugewiesen sein.“
Gemeinsam urteilt, kommuniziert – und lebt es
sich besser
Die Umfrageteilnehmer bevorzugten bei manchen
Themen eine rein männliche, bei anderen eine rein
weibliche und dann wieder die gemischte Führungs-
spitze. Welches Geschlecht konkret bei welchen Inhal-
ten bevorzugt wird, überraschte Bettina Banaj jedoch:
„Ich habe mich wirklich gewundert, wie traditionell,
beinahe schon klischeehaft manche Antworten aus-
fielen.“ So halten zum Beispiel die meisten Befragten
(67,5 Prozent) hinsichtlich der „Konsequenz und Ver-
bindlichkeit von Entscheidungen“ eine männliche
Doppelspitze für erfolgversprechend. Und die „Beur-
teilung unternehmerischer Kennzahlen“ trauen einer
AKAD WISSEN
AKAD. DAS HOCHSCHULMAGAZIN. 27 I Oktober 2014
AKAD WISSEN
26
weiblichen Doppelspitze gerade mal 19,5 Prozent zu.
Bei „zwischenmenschlichen“ Themen wie der „Kun-
den- und Serviceorientierung“ hingegen liegen die
Damen vorn, ebenso bei der Mitarbeiterorientierung:
Hier trauen nur 35,8 Prozent der Befragten einer männ-
lichen Doppelspitze zu, dass sie die Relevanz dieses
Themas ausreichend bewertet; auch die gemischte
Spitze schneidet schlechter ab als die rein weibliche.
Gemischte Doppelspitzen hingegen werden von den
meisten Befragten bei folgenden Themen als vorteilhaft
erachtet: „Realistische Situations- und Umfeldeinschät-
zungen“ (78,9 Prozent) und „Sachliches, lösungsorien-
tiertes und angemessenes Kommunikationsverhalten“
(71,5 Prozent). Außerdem waren sich von den 123
Teilnehmern über zwei Drittel (69,1 Prozent) sicher,
dass das Betriebsklima bei einem gemischten Doppel
besser sei als bei einer rein weiblichen (34,1 Prozent)
oder männlichen (37,4 Prozent) Führungsspitze.
Die Unterschiede liegen in Nuancen
Der in der Befragung teilweise ganz eindeutige Kompe-
tenzenzuspruch findet sich jedoch nicht in der Realität
wieder: „Experten sind sich sicher, dass die Unter -
schiede zwischen den Geschlechtern als Führungskräfte
vielfach in Nuancen liegen“, weiß Bettina Banaj von
ihren Recherchen. Deswegen hält sie es auch für sinn-
voll, dass sich Unternehmen hinsichtlich der dynami-
scheren und komplexeren Systemänderungen für das
Thema Diversität bewusst öffnen: „Im Moment liegt
vielerorts Potenzial brach – durch die Etablierung weib-
licher Führungskräfte erscheinen Unternehmen auch
anderen sehr gut ausgebildeten Frauen als attraktiver
Arbeitgeber. Wer also rechtzeitig auf den Zug auf-
springt, hat meiner Meinung nach einen enormen
Wettbewerbsvorteil, der nicht zuletzt zur zukünftigen
Sicherung der Unternehmensexistenz beitragen kann.“
i
Gestaltung von Führungsspitzen in deutschen
Parteien
Die Grafik macht deutlich, dass diejenigen Parteien
den höchsten Frauenanteil bei den Mitgliedern
aufweisen, die in ihren Statuten eine verpflichtende
Quote festgelegt haben. Dies sind Bündnis 90/ Die
Grünen, Die Linke und die SPD.
Anteil der Frauen an den Mitgliedern der politischen
Parteien in Deutschland am 31. Dezember 2012
Quelle: Statista 2014
Mit jeweils nahezu zwei Fünfteln ist der Frauenanteil inner-
halb derjenigen Fraktionen am höchsten, welche gemischte
Doppelspitzen präferieren (Bündnis 90/ Die Grünen, Die
Linke). Die CDU hat zwar eine Parteivorsitzende, erreicht
aber bei den Mitgliedern lediglich einen Frauenanteil von
etwas mehr als einem Viertel; beinahe genauso wie die FDP,
welche weder mit einer Quote noch mit einer Doppelspitze
agiert. Der niedrigste Wert wird bei der CSU dokumentiert:
Nicht einmal jedes fünfte Mitglied ist eine Frau.
Grüne
Linke
SPD
CDU
FDP
CSU
37,8 %
37,7 %
31,5 %
25,6 %
23,0 %
19,5 %
Die Autorin
Bettina Banaj hat an der AKAD University BWL
studiert. Der Titel ihrer Diplom-Arbeit lautet:
„Untersuchung der Potenziale von gemischten
Doppelspitzen in den Führungsetagen deutscher
Unternehmen zur Bewältigung der anstehenden
Herausforderungen“. Bettina Banaj arbeitet als
Unternehmensberaterin bei der RKW Baden-Würt-
temberg GmbH, ist „Europäische Botschafterin für
Unternehmensgründungen für Frauen“ und als
„Professional Speaker“ der „German Speaker
Association“ eine gefragte Rednerin zu den Themen
gemischte Doppelspitzen und Frauen in Führungs-
positionen. Im Juli 2014 hat Bettina Banaj anlässlich
des ersten „Heilbronner Erfolgstages“ eine Impuls-
rede zum Thema „gemischte Doppelspitzen“
gehalten.
AKAD WISSEN AKAD WISSEN
AKAD. DAS HOCHSCHULMAGAZIN. 27 I Oktober 2014 27
AKAD. DAS HOCHSCHULMAGAZIN. 27 I Oktober 2014
AKAD WISSEN
28
Neuerscheinungen
im AKAD Forum
Drei neue Bände thematisieren
neue Unternehmensnetzwerke,
den zweifelhaften Homo oeconomicus
und Aspekte des Wissensmanagements.
Unternehmensnetzwerke
Der Band des Autorenduos Marc Dralle und Torsten
Olderog, einem Absolventen und einem Professor der
AKAD University, widmet sich den Instrumenten der
Mehrwertgenerierung in kommerziellen Unterneh-
mensnetzwerken.
Solche haben in den letzten Jahren stetig an Bedeutung
gewonnen und stellen ein neues Feld der Dienstleis-
tungswertschöpfung dar. Diese sehr speziellen Netz-
werkdienstleistungen verlangen nach eigenen, speziell
ausgerichteten Managementansätzen. Ausgangspunkt
für die Überlegungen dieses Buches ist daher die Frage,
wodurch in derartigen Netzwerken die Optimierung
von Netzwerkleistungen erfolgen oder wie ein Netz-
werkbetreiber die Wertschöpfung der Teilnehmer för-
dern kann. Vor diesem Hintergrund leiten die Autoren
zunächst auf theoretischer Basis Instrumente der
Mehrwertgenerierung ab. Danach werden im Rahmen
einer empirischen Untersuchung konkrete Instrumente
der Wertschöpfung identifiziert, um abschließend einen
umfassenden Instrumentenkasten mit den wichtigsten
Stellhebeln für den Betrieb eines kommerziellen Unter-
nehmensnetzwerks zusammenzustellen. Ein Praxisbei-
spiel verdeutlicht abschließend den Instrumenteneinsatz
anhand eines konkreten, kommerziellen Unterneh-
mensnetzwerks.
Abgesang auf den Homo oeconomicus
In diesem vom Reihenherausgeber Jörg Schweigard
edierten Sammelband widmen sich sechs Beiträge aus
verschiedenen ökonomischen und naturwissenschaft-
lichen Disziplinen der Unberechenbarkeit des Menschen
in der Ökonomie, die dem tradierten Bild des rein nut-
zenorientierten und rationalen „homo oeconomicus“
zuwiderläuft.
Die Aspekte, welche neun Hochschulprofessoren bei-
steuern, sind facettenreich: Im ersten Beitrag hinterfragt
Rainer Berkemer (AKAD University) das Bild der Main-
stream-Ökonomie vom Homo oeconomicus. Die Vor-
stellung eines vollständig rational handelnden Individu-
ums sei nicht mehr haltbar. Der Autor hinterfragt diesen
Denkansatz mit Erkenntnissen der experimentellen Wirt-
schaftsforschung, insbesondere aus der Spieltheorie.
Beim Eintreten und dem Verstehen von Schadensereig-
nissen hilft das statische Bild des rationalen Menschen
oft nicht weiter. So werden zwar Fehler häufig auf das
Versagen eines Individuums zurückgeführt, meist sind
jedoch mehrere Quellen ursächlich. Das Autorenteam
um Stephan Schöning (WHL) befasst sich in seinem
Beitrag mit Modellen wie dem „Dirty Dozen“, die bei
einer Betrachtung der Ursachen menschlicher Fehler
zu differenzierten Erkenntnissen führen.
Wie steht es um die Moral des ökonomisch-rational
handelnden Menschen? Schon Kleinkinder können fai-
res und unfaires Verhalten unterscheiden. Funktioniert
möglicherweise der Markt nur deshalb, weil er auf
einem solchen moralischen Grundstock aufsetzt? Bernd
Remmele (WHL) nähert sich dieser These mit Erkenntnis-
sen aus der evolutionären Anthropologie. Hierzu gehört
beispielsweise der Befund, dass bei der Entwicklung von
Marc Dralle/Torsten Olderog:
Instrumente der Mehrwertgenerierung in kommerziellen
Unternehmensnetzwerken.
Identifikation, Analyse und Bewertung – mit einem Praxisteil.
Renningen 2014 (AKAD Forum; Bd. 5).
Jörg Schweigard (Hrsg.):
Der unberechenbare Faktor Mensch.
Kritische Beiträge zum Modell des Homo oeconomicus.
Renningen 2014 (AKAD Forum; Bd. 6).
Constanze Weis:
Prozessorientiertes Wissensmanagement.
Anforderungen an die Wissensbasis der administrativen
Fernstudierendenbetreuung.
Renningen 2014 (AKAD Forum; Bd. 7).
AKAD WISSEN
AKAD. DAS HOCHSCHULMAGAZIN. 27 I Oktober 2014 29
Märkten mit Eigentumsordnung und entwickeltem
Geldsystem auch die Erwartung „gerechter Preise“ eine
Rolle spiele – insbesondere für Güter des täglichen Be-
darfs, zu denen auch Wohnraum und Energie zählen.
Daniel Markgraf (AKAD University) geht in seiner Stu-
die der Frage nach, was einen Unternehmer konkret
ausmacht. Unter anderem bietet das psychologische
Modell der „Big Five der Persönlichkeit“ einen vielfach
untersuchten Erklärungsansatz, mit dem Gründungs-
willige ihr unternehmerisches Profil überprüfen können.
Nach dem Modell sind die fünf wichtigsten Wesenszüge
einer Person Extraversion (die nach außen gewandte
Haltung eines Menschen), emotionale Stabilität, Intel-
lekt (Vorstellungskraft), Verträglichkeit und Gewissen-
haftigkeit.
In seinem Beitrag zur „Dynamik von Menschenmassen“
greift Michael Schreckenberg (Universität Duisburg-
Essen) das Thema aus physikalischer Sicht auf: Aus
grundlegenden Erkenntnissen über die Dynamik gra-
nularer Materie (z. B. Sandkörner, Kieselsteine), also
dem Verhalten vieler Einzelteile in bestimmten Situa-
tionen zueinander, leitet er die Dynamik von Menschen-
massen ab.
Das ökonomische Menschenbild erfährt auch durch die
Erkenntnisse aus den Social Media eine Modifikation.
Die neuen Medien eröffnen Kommunikationsräume, die
nicht einfach zu kontrollieren sind. So verändert sich
etwa das Lernen, wenn es sich zunehmend in diese
Medien verlagert. Michael Klebl (WHL) diskutiert in sei-
nem Beitrag didaktische und strategische Einsatzmög-
lichkeiten, die uns die Social-Media-Lernwelten bieten.
Wissensmanagement
Der Band „Prozessorientiertes Wissensmanagement“
stammt von Constanze Weis, langjährige Programm-
Managerin der AKAD University, die sich seit 2007 mit
der Konzeption technischer Fernstudiengänge be-
schäftigt. Ihr Buch behandelt den Umgang mit Wissen
und Informationen in kundenorientierten Betreuungs-
prozessen. Theoretisch-wissenschaftliche Untersuchun-
gen werden mit Experteninterviews zur Identifizierung
kennzeichnender Prozesse, des Wissensbedarfs und
der Anforderungen zur Struktur einer Wissensbasis
verknüpft. Die Ergebnisse bieten Handlungsempfeh-
lungen und weitergehende Ansatzpunkte forschungs-
orientierter Arbeit.
AKAD Forum
Schriftenreihe der AKAD University
http://expertverlag.de/akad-forum
AKAD. DAS HOCHSCHULMAGAZIN. 27 I Oktober 2014
AKAD LEBEN
30
Die Universität Leipzig war im Frühjahr 2014 der Gast-
geber des 17. AKAD-Gesprächskreises Personal – HRM
(Human Ressources Management). Personalentwickler
Thomas Arndt referierte vor den interessierten Studie-
renden und Absolventen der AKAD University über
aktuelle Schwerpunkte des Personalmanagements an
der Hochschule. Großen Anklang fand nach der an-
schließenden Fragerunde die Führung mit Anne Ploetz
über den Universitätscampus. Zu sehen gab es neben
dem beeindruckenden neuen Hauptgebäude auch die
Räumlichkeiten der Universitätsbibliothek.
In dem Gesprächskreis treffen sich einmal jährlich perso-
nalwirtschaftlich interessierte Studierende und Absol-
venten der AKAD University mit Personalexperten, um
Alles begann anno 1959. Die Reform be dürf -
tigkeit des deutschen Bildungswesens
wurde gerade erkannt, da gründete sich
in Stuttgart bereits die Akademikerge-
sellschaft für Erwachsenenbildung mbH
Seit 55 Jahren entstehen bei AKAD Karrieren
(AKAD), um die große Nachfrage an berufsbeglei -
tenden Weiterbildungsangeboten zufriedenzustellen.
Anfangs bereiteten sich Berufstätige auf das Abitur vor,
doch bald erweiterte sich das Angebot sukzessive über
Lehrgänge bis hin zum Studienangebot. „Mancher
Karriere hat ein berufsbegleitendes Studium bei uns
auf die Sprünge geholfen oder sie überhaupt erst mög-
lich gemacht“, weiß der Präsident der AKAD University,
Professor Paul Nikodemus. „Mit einem Studienangebot
von 40 Bachelor-, Master- und Zertifikatsabschlüssen
in den Bereichen Wirtschaft, Technik und Business
Communication weist die AKAD University ein einzig-
artiges Programmportfolio auf, das im Fernhochschul-
bereich neue Maßstäbe setzt.“
Leipziger Gesprächskreis
Personal
aktuelle personalwirtschaftliche Aufgaben aus der Sicht
von Theorie und Praxis zu diskutieren sowie die Gele-
genheit zum Netzwerken zu schaffen. Unter Leitung
von Sieglind Lippert kam der Gesprächskreis in den
vergangenen Jahren bereits mit Personalfachleuten
unterschiedlichster Branchen zusammen. Dazu zählten
namhafte Unternehmen wie Siemens, IKEA oder BMW.
Die erste AKAD Hochschule im Verwaltungsgebäude
der früheren Werft Nobiskrug in Rendsburg, 1989
AKAD-Veranstaltungsplakat
an einer Litfaßsäule in
Garmisch-Partenkirchen, 1966
AKAD LEBEN
AKAD. DAS HOCHSCHULMAGAZIN. 27 I Oktober 2014 31
Im Mai 2014 veranstaltete das Studierenden- und
Absolventennetzwerk AKADalumni an der AKAD Uni-
versity in Stuttgart eine Podiumsdiskussion im Rahmen
der Reihe „DIALOG – Wissenschaft trifft Wirtschaft“.
Das Thema „Chinesische Investoren kaufen weltweit
ein – Bedrohung oder Chance?“ ist brandaktuell:
Chinesische Investoren – Bedrohung oder Chance?
2013 wurden so viele Firmenübernahmen deutscher
Mittelständler in chinesische Hände gemeldet wie nie
zuvor. Das Ziel der ausländischen Investoren: der Zu-
gang zu deutscher Spitzentechnologie.
Die rund 40 Teilnehmer erfuhren aus erster Hand von
einem chinesischen Investor dessen Motivlage und
strategische Überlegungen für sein Engagement in
Deutschland. Jaons Xia (CEO der Anhui Zhongding
Sealing Parts Co. Ltd., China) berichtete zusammen
mit Norbert Hettstedt (Geschäftsführer der NH Unter-
nehmensentwicklung und Vorstand AKADalumni e.V.)
über einen konkreten Fall.
Die wissenschaftlichen Hintergründe der zahlreichen
weltweiten chinesischen Firmenübernahmen und die
damit einhergehenden kulturellen Differenzen veran-
schaulichte Professor Torsten Bügner, Experte für Wirt-
schaftssprachen und Wirtschaftskommunikation an
der AKAD University. Moderiert wurde die Runde von
Professor Dirk Rilling, Studienleiter Maschinenbau an
der AKAD University.
Seit dem Gründungsjahr 1959 haben so viele Berufs-
tätige im Fernstudium ein Zertifikat oder einen Hoch-
schulabschluss erlangt, dass AKAD 2014 die 60 000ste
Absolventin auszeichnen konnte: Katharina Klaas aus
Freiburg im Breisgau. „AKAD bietet ein sehr flexibles
Studiensystem, das mit meinen beruflichen und fami-
liären Verpflichtungen gut zu vereinbaren ist“, erzählte
die 50-Jährige, „zum Beispiel werden Seminare und
Prüfungen mehrmals im Jahr und an unterschiedlichen
Orten angeboten.“ Die Industriekauffrau arbeitet als
Koordinatorin des Dual Career Services an der Universi-
tät Freiburg. Dieses Arbeitsfeld führte in Kombination
mit dem Fernstudium zu einigen Synergieeffekten:
„Ich konnte meine Projektarbeit und die Bachelor-
Thesis zu einem Thema schreiben, mit dem ich mich
auch beruflich beschäftigt habe. Umgekehrt hat auch
meine berufliche Tätigkeit durch die intensive wissen-
schaftliche Beschäftigung mit einzelnen Themen stark
profitiert“, erklärte sie. Als nächstes Ziel hat sich Katha -
rina Klaas ein betriebswirtschaftliches Master-Studium
mit Schwerpunkt Personalmanagement gesetzt. Im
Rahmen der Auszeichnung als 60 000ste Absolventin
erhält sie ein Stipendium für den kompletten Master-
Studiengang an der AKAD University. Die „Badische
Zeitung“ aus Freiburg veröffentlichte anlässlich der
Auszeichnung unter dem Titel „Später Aufbruch, der
sich lohnt“ (8.5.2014) ein großes Porträt über die
Südbadenerin.
AKAD feiert 60 000ste
Absolventin
Katharina Klaas nimmt ihre Bachelor-Urkunde von Prof. Dr. Paul Nikodemus,
Präsident der AKAD University, entgegen.
Teilnehmer der Podiumsdiskussion: Jaons Xia (links) und Norbert Hettstedt
AKAD LEBEN
Fernstudium fördert Fortkommen
AKAD hat zwei Absolventenjahrgänge zu ihrer Karriereentwicklung befragt.
Die Antworten zeigen: Ein berufsbegleitendes Studium zahlt sich aus.
Von Heike Wienholz
I
m Mai und Juni diesen Jahres hat AKAD zum dritten
Mal eine Absolventenstudie durchgeführt. Befragt
wurden diesmal alle Absolventinnen und Absolventen,
die in den Jahren 2012 und 2013 ihr AKAD-Studium
erfolgreich abgeschlossen haben.
Vom Sachbearbeiter zum Projektleiter
Die Ergebnisse zeigen, dass ein Fernstudium neben
einer anspruchsvollen Berufstätigkeit machbar ist und
sich für die große Mehrheit der Absolventen gelohnt
hat – beruflich und finanziell. Dies zeigt sich im Karriere-
schub, der mit dem Studienabschluss verbunden war:
40 Prozent der Absolventen, die als Sachbearbeiter ihr
Studium begonnen haben, arbeiten heute als Projekt-
leiter, Gruppenleiter oder Referenten. Der Anteil der
Absolventen, die als Abteilungsleiter tätig sind, hat sich
fast verdoppelt, der Anteil der Bereichsleiter hat sich
sogar mehr als vervierfacht.
62 Prozent verdienen über 50 000 Euro pro Jahr
Über finanzielle Handlungsvollmacht verfügen heute
38 Prozent der Absolventen (vor dem Studium: 21 Pro-
zent). Der Anteil der Absolventen mit Personalverant-
wortung hat sich mit 36 Prozent im Vergleich zu vor
dem Studium (18 Prozent) verdoppelt.
Die meisten der Befragten konnten mit dem Studium
auch ihr Gehalt deutlich verbessern: Während fast drei
Viertel (73 Prozent) der Befragten vor dem Studium
unter 50 000 Euro pro Jahr verdient haben, liegt das
Einkommen von 62 Prozent der Absolventen nach
dem Studium bei mehr als 50 000 Euro pro Jahr.
Da verwundert es auch wenig, dass die überwiegende
Mehrheit der AKAD-Absolventen ihr Studium im Rück-
blick insgesamt sehr positiv beurteilt: 96 Prozent der
Befragten sind mit ihrer ehemaligen Hochschule zu-
frieden und würden sich erneut für ein Fernstudium
bei AKAD entscheiden. Die hohe Zufriedenheit drückt
sich auch in der Weiterempfehlungsbereitschaft aus:
98 Prozent würden AKAD ihren Freunden, Bekannten
oder Kollegen weiterempfehlen.
Zufrieden mit vermittelten Kompetenzen
Die Ergebnisse der Befragung zeigen auch, was die
Absolventen im Rückblick auf ihr AKAD-Studium be-
sonders schätzen: Das sind beispielsweise die Kompe-
tenzen, die vermittelt wurden − insbesondere das breite
Grundlagenwissen, die Fähigkeit zum selbstständigen
Arbeiten und das fachübergreifende Denken.
Zur Zufriedenheit trägt auch die gute Studierbarkeit der
AKAD-Programme bei: 37 Prozent der Befragten konn-
ten ihr Studium in der Regelstudienzeit abschließen –
trotz der Doppelbelastung durch Studium und Beruf.
Damit liegen die AKAD-Absolventen fast gleichauf mit
dem Durchschnitt an allen bundesweiten Präsenz-
hochschulen (39 Prozent), obwohl sich dort die Stu-
dierenden ausschließlich aufs Studium konzentrieren
können. Gründe für eine längere Studienzeit bei AKAD
lagen hauptsächlich im beruflichen Bereich (81 Prozent).
40 Prozent gaben familiäre Gründe an.
Alle Branchen vertreten
AKAD-Absolventen sind in allen Branchen zu finden.
28 Prozent arbeiten in der Industrie, 17 Prozent in der
Finanzbranche, jeweils rund 10 Prozent im IT-Bereich
und im Dienstleistungssektor.
Die Verbundenheit der Ehemaligen mit „ihrer“ Universi-
tät zeigt sich auch daran, dass die Hälfte der Befragten
Mitglied bei AKADalumni e.V. ist und so den Kontakt
zur Hochschule, den Professoren und den Kommilito-
nen lebendig hält.
53,5
27,2
18,1
36,9
4,7
7,8
1,4
6,3
16,0
10,7
1,0
1,0
1,0
4,9
6,4
Sachbearbeiter
Projekt-, Gruppenleiter, Referent
Abteilungsleiter
Bereichsleiter
Facharbeiter
Geschäftsführer, Vorstand
Lehrer, Dozent
Selbstst. Unternehmer, Freiberufler
vor dem Studium
nach dem Studium
Funktion vor und nach dem Studium (in Prozent)
40 Prozent der als Sachbearbeiter gestarteten Studierenden sind
nach dem AKAD-Studium Projektleiter, Gruppenleiter oder Referenten
AKAD. DAS HOCHSCHULMAGAZIN. 27 I Oktober 2014 32
Warum sind Sie Professor geworden?
Ich hatte in Malaysia ein Engagement in der Industrie
und bin dort eher zufällig wieder in der Lehre gelandet.
Meine Erfahrungen aus dem Ingenieurberuf weiterzu-
geben, empfinde ich als sehr befriedigend.
Was fasziniert Sie an Ihrem Fachgebiet,
dem Maschinenbau?
Mich fasziniert die große Bandbreite an Themen: Das
fängt beim „klassischen“ Bau von Maschinen an, reicht
über strömungstechnische Anwendungen bis dahin,
dass Wissenschaftler gerade den wohl kleinsten Ver-
brennungsmotor der Welt erfunden haben.
Was charakterisiert den typischen
Maschinenbauer?
Ich denke, den gibt es nicht. Allerdings würde ich sagen,
eines zeichnet alle Ingenieure aus: die grundsätzliche
Frage nach dem „Wie kann ich’s machen?“.
Warum sollten junge Menschen Maschinenbau
studieren?
Das Faszinierende heutzutage ist die sichtbare, immer
schneller werdende Digitalisierung unserer Welt. Und so
interessant dieser Prozess ist, jemand muss ja die gan-
zen Geräte bauen. Sicher, ein Computerchip
wird von Elektrotechnikern und Informa-
tikern entwickelt. Aber spätestens
wenn er produziert werden soll,
braucht es Maschinen und daher
auch Ingenieure, welche diese ent-
wickeln. Als Maschinenbauer neh-
me ich also aktiv an der (Neu-)Gestal-
tung der Welt teil.
Wie wollen Sie den Frauenanteil in Ihrem
Studiengang steigern?
Es stimmt, gerade der Maschinenbau ist eine Domäne
mit deutlichem Männerüberschuss. Dabei hat sich ge-
zeigt, und das stimmt auch mit meinen Erfahrungen
überein, dass Frauen, wenn sie sich für ein technisches
Studium entscheiden, mit ihren Leistungen im oberen
Drittel liegen. Das sollten wir prominenter in Szene
setzen.
Was ist in Ihrem Leben
außer der Arbeit wichtig?
Musik ist mir sehr wichtig. Also,
nicht nur konsumieren, sondern
auch selbst machen. Und natür-
lich regelmäßiges Kochen − das
ist meine Art zu meditieren.
Haben Sie ein „Stecken-
pferd“, das Ihnen besonders
am Herzen liegt?
Ich habe eine Schwäche für
gute Gestaltung, insbesondere
für den relativ neuen Zweig der
Generativen Gestaltung. Dazu
kommt mein gesteigertes Inte-
resse an Themen wie Ergono-
mie und Big Data/Datability.
Was war Ihr Berufswunsch in der Grundschule?
Da wollte ich wohl, wie fast alle Jungs, meinem Vater
nacheifern, also: Schiffmann werden.
Wo auf der Welt würden Sie am liebsten
leben?
Ich hatte das Glück, die letzten acht Jahre
in Südostasien verbringen zu können. Eine
faszinierend pulsierende Region. Wenn’s
um den Ruhesitz geht (falls es so etwas
überhaupt gibt), dann wohl eher süd-
belgische Ardennen oder Zypern.
Welche prominente Persönlich-
keit aus Geschichte oder
Gegenwart beeindruckt Sie
besonders?
Steve Jobs, Lee Kuan Yew, weil
beide Ihren Pfaden rein intuitiv gefolgt sind. Der eine
hat einen Großteil unseres modernen Lebens mitge-
prägt, der andere hat aus einem äußerst mittelmäßi-
gen Fischerdorf eines der reichsten Länder der Welt
entwickelt, Singapur.
AKAD LEBEN
AKAD. DAS HOCHSCHULMAGAZIN. 27 I Oktober 2014 33
Professoren im Portrait
Dirk Rilling ist seit Juli 2014 Professor für Allgemeinen
Maschinenbau an der AKAD University.
Steckbrief
Name: Dr.-Ing. Dirk Rilling
Gebürtig aus: Heilbronn
Akademische Ausbildung:
Studium der Metallurgie und Werkstoff-
technik/Wärmetechnik und Industrieofen-
bau; Promotion an der RWTH Aachen
Vor der Berufung an die AKAD
University: Systemingenieur bei Silicon
Graphics, Düsseldorf; Leiter Forschung und
Entwicklung bei Muehlbauer Technologies
in Melaka/Malaysia; Senior-Dozent an der
Multimedia University in Melaka/Malaysia
Projekt Erdnussbutter
Nach über 25 Jahren als Hausfrau und Mutter kehrte
AKAD-Absolventin Susanne Schröder zurück ins
Berufsleben. Heute arbeitet sie als Projektmanagerin in
Sierra Leone.
Von Lisa von Zobeltitz
S
eit Februar 2014 leitet Susanne Schröder im
westafrikanischen Sierra Leone ein Projekt zur
Produktion von Erdnusspaste. Klingt ungewöhnlich?
Nicht für die 50-jährige Nordrhein-Westfälin: „Ich en-
gagiere mich schon seit vielen Jahren ehrenamtlich in
Sierra Leone, bin oft hingereist und kenne die Situation
vor Ort.“ Eine Erfahrung, die im alltäglichen Austausch
mit Regierungsvertretern, Mitarbeitern oder kooperie-
renden Unternehmen von großem Wert ist, allein
jedoch nicht ausgereicht hätte: „Die internationalen
Organisationen, bei denen ich mich beworben habe,
meinten, ich müsste auf jeden Fall einen Bachelor
haben.“ Dass Susanne Schröder bereits einen Abschluss
als staatlich geprüfte Betriebswirtin besaß, reichte nicht
aus. Also entschied sich die Mutter dreier erwachsener
Kinder für das „International Business Communication“-
Studium an der AKAD University – und legte den
Grundstein für ihren heutigen Job als Projektverant-
wortliche des „Project Peanut Butter“.
Das Ziel: keimfreie Kalorien
Beim „Project Peanut Butter“ geht es um die Herstel-
lung einer Paste aus Erdnüssen, die im weiteren
Produktionsprozess unter anderem mit Vitaminen und
Milchpulver angereichert wird. Diese Paste wird
schließlich in 90-Gramm-Tütchen verpackt und an sol-
che Gemeinschaften und Familien in Sierra Leone ver-
teilt, deren Kinder an starker Unterernährung leiden.
„Die Vorteile der Erdnusspäckchen sind, dass jedes
einzelne 500 Kalorien beinhaltet und dass die Kinder
die Paste direkt aus der Folie saugen können. In Ge-
bieten, in denen sauberes Wasser eine Seltenheit ist,
wird so gewährleistet, dass die Nahrung nicht durch
gesundheitsschädliche Keime verunreinigt wird – wie
beispielsweise bei Milchpulver, das erst angerührt
werden muss.“ Zu den Abnehmern der Erdnussbutter
zählen das Gesundheitsministerium Sierra Leones,
Unicef oder Ärzte ohne Grenzen.
AKAD. DAS HOCHSCHULMAGAZIN. 27 I Oktober 2014
AKAD LEBEN
34
Susanne Schröders Aufgabe dabei ist, grob gesagt,
das Projekt am Laufen zu halten. Als „eine Art Mädchen
für alles“ überwacht sie die Produktion, kümmert sich
um das Personal, organisiert die Beschaffung der Roh-
stoffe, führt Verhandlungen mit den Auftraggebern –
und hin und wieder auch mit Vertretern der Regierung:
„Neulich diskutierte ich mit dem Finanzminister darü-
ber, dass wir einige Rohstoffe weiterhin zollfrei ein -
führen dürfen. Normalerweise ist dies gemeinnützigen
Organisationen erlaubt, dennoch wird der Import seit
einiger Zeit strenger reglementiert. Da ich jedoch weiß,
dass es ein erklärtes Ziel des Präsidenten ist, mehr
Arbeitsplätze für junge Leute zu schaffen und wir in
unserem Projekt ebensolche Stellen anbieten, konnte
ich schnell die richtigen Argumente finden, die uns
die zukünftige Zollfreiheit sicherten“, erklärt Susanne
Schröder mit berechtigtem Stolz.
Fokussiert, engagiert, enthusiastisch –
und dennoch kein Job in Sicht
Die Nordrhein-Westfälin ist eigentlich das, was sich
jeder Arbeitgeber wünscht: fokussiert, engagiert, en-
thusiastisch. Doch vor Februar 2014, vor Sierra Leone,
war das nicht genug: „Ich habe mich jahrelang erfolg-
los beworben. Ich denke einigen war ich zu alt, andere
trauten einer Hausfrau wohl nicht zu, dass sie etwas
zum Unternehmenserfolg beitragen kann“, erinnert
sich die heute 50-Jährige. „Alles in allem war es wirk-
lich eine frustrierende Zeit – obwohl ich im Nachhinein
denke: Ohne diese Zurückweisungen und die daraus
resultierenden Konsequenzen und Aktionen würde
ich heute nicht in Sierra Leone sein.“
Ein weiteres Hindernis auf dem Weg zu ihrem Traumjob
war zudem die Distanz: Knapp 7000 Kilometer liegen
zwischen Susanne Schröders Heimatdorf Kirchlengern
und Freetown, zwischen ihr und ihrer Familie. „Ich
zweifelte, ob ich diese Entfernung zwischen uns brin-
gen wollte, aber mein Mann hat mir den Rücken
gestärkt und immer wieder gesagt: Das ist Dein Land,
das ist der Job, den Du Dir schon so lange wünschst –
und schließlich war es ja erst mal ‚nur‘ für ein Jahr.“
Auch wenn dieses noch nicht vorbei ist, macht sich
Susanne Schröder bereits Gedanken über das Danach:
„Ich würde gerne weiter hier arbeiten, allerdings
müssten sich die Rahmenbedingungen ändern. Zum
Beispiel möchte ich mehrere Wochen im Jahr zu Hause
bei meiner Familie verbringen. Mal sehen, ob sich mein
Chef hier auf einen Kompromiss einlässt.“
„Ich bin gespannt, was die Zukunft bringen wird“
Sollte es klappen, hat die 50-Jährige bereits einiges
auf der Agenda. Bisher konnten mithilfe des „Project
Peanut Butter“ rund 8 000 Kinder aus der akuten
Unterernährung herausgeholt werden und ein Alter
erreichen, ab dem sie nicht mehr so anfällig für Krank-
heiten sind wie in den frühen Kinderjahren. Ein tolles
Ergebnis, doch Susanne Schröder will mehr: „Im
Moment versuche ich herauszufinden, welche Folge-
projekte nach dem Einsatz unserer Erdnusspaste greifen
oder ob es hier noch Handlungsbedarf gibt. Falls nicht,
schwebt mir eine Verquickung mit dem von mir mit -
initiierten Projekt ‚Driving Doctor‘ vor.“ Die Mitarbeiter
des „Driving-YMCA-Doctor for Sierra Leone“ grund-
versorgen kostenlos schwangere Frauen und Kinder in
entlegenen Dörfern medizinisch, sodass für die Men-
schen lange und gefährliche Fußmärsche in die nächste
Gesundheitsstation nicht mehr nötig sind. Außerdem
kümmern sie sich um die Gesundheitserziehung, die
Vermittlung von hygienischen Grundkenntnissen und
die Aufklärung über Ursachen und Vermeidung von
HIV/AIDS. Susanne Schröder: „Wie Sie sehen, kämpfe
ich immer an mehreren Fronten – und bin gespannt,
was die Zukunft diesbezüglich bringen wird.“
AKAD LEBEN
AKAD. DAS HOCHSCHULMAGAZIN. 27 I Oktober 2014 35
AKAD. DAS HOCHSCHULMAGAZIN. 27 I Oktober 2014 42
AKAD LEBEN
Z
iel des Wissenschaftsforums ist ein Austausch
zwischen Forschung und Praxis. Neben zahlrei-
chen Workshops und Seminaren zum Schwerpunkt-
thema wird Professor Swen Schneider von der Frankfurt
University of Applied Sciences die Keynote Speech
halten. Schneider ist Studiengangsleiter des Masters
„Strategisches Informationsmanagement“ und forscht
zu den Themen Web 2.0, Business Intelligence und Big
Data.
Herr Schneider, bei der Web-Recherche findet
man viele Erklärungen, was „Big Data“ bedeutet.
Können Sie uns eine kurze Definition geben?
Eine wissenschaftlich korrekte Definition gibt es (noch)
nicht. Immer wenn solche neuen Entwicklungen entste-
hen, gibt es unterschiedliche Definitionen, die dann von
den involvierten Gruppen diskutiert werden, bis nach
einer Weile eine „einvernehmliche“ Definition entsteht.
Big Data ist das automatisierte Sammeln, Systematisie-
ren und Auswerten von umfangreichen Datenmengen
aus unterschiedlichen Datenquellen, vorrangig aus
Unternehmenssystemen, Sozialen Netzwerken und
von Sensoren.
Über welche Aspekte des Themas werden Sie in
Ihrem Vortrag sprechen?
Mein Beitrag geht der Frage nach, wie es zu Big Data
kam, welche Konsequenzen dies für Unternehmen und
Personen hat und vor welchen zukünftigen Herausfor-
derungen wir stehen.
Denn die Frage ist ja, wie wir die steigende Komplexität
durch die große Menge an Daten aus unterschiedlichen
Quellen bewältigen können − systemtechnisch, aber
auch durch spezielle Analysesoftware. In diesem Zusam-
menhang werde ich auch auf ethische Fragestellungen
eingehen.
Wo begegnen wir als Privatpersonen Big Data
im Alltag und wissen es vielleicht nicht einmal?
Da gibt es viele Beispiele: bei der Paketnachverfolgung,
beim Einkauf von Waren, die mit einem RFID-Chip ver-
sehen sind, und natürlich bei der Benutzung von Face-
book oder Apps auf dem Smartphone. Aber auch Ver-
sicherungen erfassen zum Beispiel Daten zu Fahrver-
halten und Kilometerstand aus unserem Auto, um uns
dann einen entsprechenden Tarif anbieten zu können.
Da denken viele natürlich erst mal an das Thema
Datenschutz, also die negativen Effekte.
Wo liegen Ihrer Meinung nach die Chancen von
Big Data?
Big Data in Verbindung mit Business Intelligence wird
zu einer Erleichterung unseres Lebens beitragen und
uns alltägliche Dinge abnehmen, wie zum Beispiel die
Regelung der Heizung, wenn wir nach Hause kommen.
Auch werden uns mehr Informationen zur Verfügung
stehen, um bessere Entscheidungen zu treffen, oder wir
bekommen schon Entscheidungsvorschläge basierend
auf den vielen Daten, die von uns und unserer Umge-
bung gesammelt wurden. Aber natürlich birgt die
AKAD Forum 2014
Am 22. November 2014 veranstalten AKADalumni und AKAD University in Stuttgart
das 6. AKAD Forum. Schwerpunktthema in diesem Jahr: „Big Data is the new oil“.
AKAD. DAS HOCHSCHULMAGAZIN. 27 I Oktober 2014 43
Sammlung und Analyse auch erhebliche Risiken und
fördert viele offene Fragen wie die des Datenschutzes
oder ethische Fragestellungen zutage.
Big Data wird ja auch als „volkswirtschaftlicher
Produktions-, Wettbewerbs- und Wachstums -
faktor“ oder als „Rohöl des Informationszeitalters“
bezeichnet. Worin besteht dieser Wert und wer
kann ihn nutzen?
Im Privaten wird Big Data unsere Verhaltensweisen ver-
ändern, genauso wie das Mobilfunk und Smartphones
bereits getan haben. Es werden mehr Vorgänge auto-
matisiert im Hintergrund ablaufen, basierend auf unse-
ren vorher festgelegten Regeln. In der Industrie können
Wettbewerbsvorteile generiert werden, indem man
vor anderen Wettbewerbern Informationen erhält oder
seinen Kunden besser kennt. Auch eine höhere Auto-
matisierung (Industrie 4.0) bringt Kostenvorteile, so-
dass in bestimmten Segmenten zum Teil auch wieder
in Deutschland produziert werden kann. Es kommt zu
einer individualiserten Massenproduktion (mass custo-
mization), zum Beispiel bei den Autokonfiguratoren
im Internet bei der Automobilherstellung.
Die Fragen stellte Heike Wienholz.
AKAD-Studierende und -Absolventen
sind herzlich zum Forum eingeladen.
Für Studierende und AKADalumni-
Premiummitglieder ist die Teilnahme
kostenfrei; AKADalumni-Basismitglieder
können für den vergünstigten Beitrag
von 69 Euro teilnehmen.
Vorträge und Workshops
Prof. Dr. Rainer Berkemer
Zur Verantwortung von Kybernetik und Spieletheorie
In seinem Bestseller „Ego“ hinterfragte Frank Schirrmacher die Rolle der modernen
Informationstechnik. Viele der kritisierten Entwicklungen führt er auf die Kybernetik
zurück, die zur Fremdbestimmung des Menschen durch Maschinen führen könnte.
Nur antimodernistische Kritik oder Wahrheit?
Prof. Dr. Wolfgang Bohlen
Neue Transparenz im Rekrutierungsprozess in Zeiten von Big Data?
Plattformen wie XING und Co. verändern die traditionellen Recruiting-Formen.
Für Bewerber, Researcher und Unternehmen ergeben sich daraus Chancen,
aber auch Risiken. Müssen Personaler bei der Rekrutierung nun genauer
hinschauen oder wissen sie bereits alles?
Prof. Dr. Torsten Bügner
Öffentlichkeit und Privatheit – interkulturell betrachtet
Privates und Öffentliches verschmelzen immer mehr: Durch die Datensammelwut
von Politik und Wirtschaft lässt sich Privatheit nur schwer aufrechterhalten. Gleich-
zeitig wird der öffentliche Raum immer mehr privatisiert. Ist im Zeitalter von Big Data
mit einer globalen Etikette im Hinblick auf Öffentlichkeit und Privatheit zu rechnen?
Alexander Graf:
Big Data in der Realtime-Kommunikation mit Konsumenten
Bereits heute verwenden Unternehmen Realtime-Data, um Verkaufs- und Serviceprozesse
zu optimieren und Nutzerentscheidungen zu beeinflussen. Dies wird in Zukunft noch
intensiviert werden. Am Beispiel führender Technologieanbieter (LivePerson, IBM) werden
heutige Nutzung und künftige Möglichkeiten von Realtime-Data vorgestellt und diskutiert.
Prof. Dr. Daniel Markgraf
Big Data – Anytime, Everywhere, Anyone
Die verfügbare Datenmenge wird immer größer. Überall und fortlaufend hinterlassen
wir unsere Spuren in dieser Datenwüste. Dies zu umgehen, wird immer schwerer – und
gleichzeitig wird es immer einfacher, diese Datenmenge zu nutzen. Dabei nicht den
Kunden aus den Augen zu verlieren, ist eine neue Herausforderung.
Dr. Oliver Meyer-van Raay
Big Data – Herausforderungen für den Datenschutz
Sind bei Big-Data-Anwendungen personenbezogene Daten betroffen, muss der Daten-
schutz beachtet werden. Schwierigkeiten bereiten unbestimmte Rechtsbegriffe wie
„Erforderlichkeit“ der Datenverarbeitung oder das Zusammenspiel verschiedener Gesetze.
Der Vortrag erläutert anhand von Beispielen die datenschutzrechtlichen Anforderungen
bei Big Data.
Prof. Dr. Dirk Rilling
Auswerten – Aussagen treffen
Täglich werden Trillionen Byte an Daten erzeugt und gespeichert. Um aus Werten Aussagen
zu extrahieren, spielen statistische Methoden eine Hauptrolle. Für die Bearbeitung von
Ausgangswerten werden im Workshop verschiedene Werkzeuge und ihr Einsatz vorgestellt.
Prof. Dr. Franz-Karl Schmatzer
Big Data challenges Computer Technology?
Dieser Grundlagenvortrag gibt eine Einführung in Big Data: Welche neuen Techniken
wird es in naher und fernerer Zukunft geben, z. B. Quantencomputer, die unsere heutige
IT bei Datenanalyse und Datensicherheit massiv herausfordern können, oder optische
Speichersysteme zur langfristigen Speicherung?
Prof. Dr. Doreen Schwinger
Big Data in der Logistik – Wird die Welt zum omnipräsenten Lagerhaus?
Gerade in der Logistik scheinen die Möglichkeiten von Big Data unbegrenzt. Für End-
kunden stellt sich die Frage, wo auf der Welt eine Ware zu haben ist und zu welchem
Preis und bis wann sie eintreffen kann. Mutiert unsere Welt zu einem Lagerhaus?
Prof. Dr. Gerd Siegmund
Große Daten, kleine Nachrichten, trotzdem sind die Netze voll.
Nachrichten produzieren viele kleine IP-Pakete, die in Konkurrenz zu anderen Paketen
im Internet unterwegs sind. Die aktuellen Netze sind jedoch auf diese Menge kleiner
Pakete kaum ausgerichtet. Ein entsprechendes Netzdesign kann Einbrüche wie Fehler-
meldungen wegen Zeitüberschreitung vermeiden. Der Vortrag stellt Trends der Trans-
portnetze vor und zeigt Lösungswege auf.
6. AKAD Forum
Termin: 22.11.2014
Ort: Kultur- und Bürgerhaus
Stuttgart-Feuerbach
Weitere Informationen, Programm
und Anmeldung:
www.akad.de/forum
Tel. +49 711 81495-225
heike.bartel@akad.de

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