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Der selbst stark ist, der trage den Schwachen, sonst erliegt er samt

dem Schwachen!

Sage Ich: »Ganz gut, Freund Cyrenius! Es liegt vorderhand weniger an dem,
was er in seinem dritten Stadium geweissagt hat - obschon es durchgängig wahr
ist -, als vielmehr an dem, daß ihr in der Folge über keinen Menschen darum den
Stab brechet, weil er an sich eine kranke Seele ist. Denn ihr alle habt es nun
gehört und empfunden, wie auch in einer noch so kranken Seele ein völlig
allergesundester Lebenskeim rastet; und wird die Seele durch eure brüderliche
Mühe gesund gemacht, so habt ihr einen Gewinn gemacht, den euch ewig keine
Welt bezahlen kann! Welchen Nutzen kann danach ein solch vollendeter
Mensch stiften! Wer ermißt dessen Tragweite?! Ihr Menschen wisset es nicht,
aber Ich weiß es, wie weit solch eine Mühe sich der Mühe lohnt!

Darum sage Ich es euch: Seid allzeit barmherzig auch gegen die großen Sünder
und Verbrecher wider eure und wider die göttlichen Gesetze! Denn nur einer
kranken Seele ist eine Sünde zu begehen möglich, einer gesunden wohl niemals,
weil eine gesunde Seele gar nicht sündigen kann, da die Sünde stets nur eine
Folge einer kranken Seele ist.

Wer aus euch Menschen aber kann eine Seele wegen der Verletzung eines
Meiner Gebote richten und strafen, da ihr doch alle unter demselben Gesetze
stehet?! Ein Gesetz aus Mir aber besteht ja eben darin, daß ihr niemanden
richten sollet {vgl. mt.07,01 f.}! Wenn ihr eure Nächsten richtet, die sich an
Meinem Gesetze versündigt haben, so versündigt ihr euch ja im gleichen Maße
an Meinem Gesetze! Wie könnet ihr aber als selbst Sünder einen andern Sünder
richten und verdammen?! Wisset ihr denn nicht, daß, während ihr euren
seelenkranken Bruder zur harten Sühne verdammet, ihr damit auch für euch ein
doppeltes Verdammungsurteil ausgesprochen habt, welches an euch dereinst,
wenn nicht nach Umständen auch schon hier, vollzogen werden wird?!

So einer aus euch ein Sünder ist, der lege das Richteramt nieder; denn richtet er,
so richtet er sich selbst in doppeltes Verderben, aus dem er schwerer frei werden
wird als derjenige, den er gerichtet und verdammt hat. Kann denn je ein Blinder
einen andern führen oder ihn setzen auf den rechten Weg?! Oder kann ein
Tauber einem andern Tauben etwas erzählen von der Wirkung der Harmonien
der Musik, wie sie am reinsten geübet ward vom David? Oder kann ein Lahmer
zum andern sagen: "Komme her, du Elender, ich werde dich führen auf die
Herberge!?" Werden da nicht alle beide bald ausgleiten und fallen in einen
Graben?!
Daher merket euch das vor allem, daß ihr niemanden richtet, und leget das auch
allen denen ans Herz, die dereinst eure Jünger werden! Denn bei der Befolgung
dieser Meiner Lehre werdet ihr aus Menschen Engel zeihen, - bei der
Nichtbefolgung aber Teufel und Richter wider euch selbst.

Niemand zwar ist ganz vollkommen auf dieser Welt; doch der Vollkommenere
im Verstande und im Herzen sei der Leiter und Arzt seiner kranken Brüder und
Schwestern, und der selbst stark ist, der trage den Schwachen, sonst erliegt er
samt dem Schwachen, und sie werden beide nicht mehr von der Stelle kommen!

Daß ihr alle aber das so recht grundrichtig und wahr einsehet, dazu habe Ich
euch eben mit diesem Zorel so ein recht handgreifliches Beispiel gestellt, aus
dem ihr wohl erkennen möget, wie sehr und wie hoch gefehlt es ist, einen
Verbrecher nach eurer Art zu richten! Zwar wird eure Art zu richten stets ein
Angehör der Welt verbleiben, und dem Drachen der Tyrannei wird das harte,
diamantene Haupt schwer je völlig zertreten werden - denn die Erde ist ja eben
darum eine Probewelt für Meine angehenden Kinder -; aber unter euch soll es
nicht also verbleiben, denn unter euch streuen die Himmel Früchte mit
reichlichen Samenkörnern versehen.

So ihr die Früchte Meines Eifers nun genießet, da vergesset es ja nicht, die
davon entfallenden Samenkörner so reichlich als möglich in die Herzen eurer
Brüder und Schwestern zu streuen, auf daß sie darin aufgehen und eine
reichliche und gesunde neue Frucht tragen mögen! Wie sich aus den ins Herz
gelegten Samenkörnern aber eine neue wunderbare Frucht erzeugt, das hat euch
Zorel nahe ins kleinste klar und deutlich gezeigt. Tut also danach, so werdet ihr
wie aus euch selbst schon Leben zeihen und eben dadurch selbst das ewige
Leben in aller euch nun bekannten Vollendung überkommen! Das ist nach
diesem Händeauflegungsakte für euch zur möglichst genauesten Danachachtung
und Handhabung gegeben.

J. Lorber GEJ 04. Kap. 58, 03- 08