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ADHS im Erwachsenenalter Sichtweisen und Empfehlungen Informationsbroschüre für Betroffene und Angehörige

ADHS im Erwachsenenalter

Sichtweisen und Empfehlungen

Informationsbroschüre für Betroffene und Angehörige

ADHS im Erwachsenenalter Sichtweisen und Empfehlungen Informationsbroschüre für Betroffene und Angehörige

Inhaltsübersicht

Was ist ADHS?

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Wie wird ADHS behandelt?

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Wie äußert sich ADHS?

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Wie kann ich mir im Alltag selbst helfen?

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Wie kann sich ADHS auf das Leben auswirken?

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Wo kann ich mehr über ADHS erfahren?

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Was sind die Ursachen einer ADHS?

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Gibt es kritische Fragen zu ADHS?

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Wie wird ADHS bei Erwachsenen diagnostiziert?

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Autoren

Dr. med. Dipl.-Psych. Barbara Alm Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) Mannheim, J5, 68072 Mannheim, Deutschland

PD Dr. Dipl.-Psych. Petra Retz-Junginger Universitätsklinikum des Saarlandes Neurozentrum, Institut für Gerichtliche Psychologie und Psychotherapie 66421 Homburg/Saar

Liebe Leserin, lieber Leser,

Liebe Leserin, lieber Leser,

möglicherweise wurde bei Ihnen oder einer Ihnen nahe- stehenden Person die Diagnose ADHS (Aufmerksamkeits- defizit-/Hyperaktivitätsstörung) gestellt. Diese Broschüre wurde in erster Linie für Erwachsene mit ADHS verfasst, enthält aber auch viele Informationen, die für Verwandte und Freunde nützlich sein können.

Mit den folgenden Informationen und Empfehlungen namhafter Experten rund um die Thematik „ADHS im Erwachsenenalter“ möchte Sie Lilly, eines der führenden forschenden Pharmaunternehmen, gerne auf Ihrem Weg begleiten, die Diagnose besser zu verstehen und damit umzugehen.

Zudem kann Ihnen die Broschüre auch im Gespräch mit Ihrem behandelnden Arzt oder Therapeuten behilflich sein – sie kann das Gespräch jedoch nicht ersetzen.

Weitere Informationen finden Sie online unter www.info-adhs.de

Ihr Lilly ADHS-Team

ADHS Was ist ADHS? Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivi- tätsstörung (ADHS) ist gekennzeichnet durch die

ADHS

Was ist ADHS?

Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivi- tätsstörung (ADHS) ist gekennzeichnet durch die Symptombereiche Unaufmerk- samkeit (häufig auch Aufmerksamkeits- störung genannt), motorische Hyperak- tivität und Impulsivität. Dies sind die so genannten Kernsymptome der ADHS.

ADHS

• Unaufmerksamkeit

• Hyperaktivität

• Impulsivität

Zusätzlich können weitere Begleitsymp- tome wie Desorganisation im Alltag und Störungen in der Gefühlsregulation hin- zukommen. Es wird heute angenommen, dass der ADHS eine gestörte Informati- onsverarbeitung in bestimmten Hirnregio- nen zugrunde liegt, die für die Verhaltens- und Gefühlssteuerung zuständig sind.

Symptome können bis ins Erwachsenenalter bestehen bleiben.

Noch vor wenigen Jahren galt ADHS nur als eine Erkrankung im Kindes- und Jugendalter. In den vergangenen Jahren konnte die Forschung an Verlaufsstudien bei Kindern mit ADHS nachweisen, dass die Symptome auch bis ins Erwachsenen- alter bestehen bleiben können. In den vergangenen zwei Jahrzehnten wurde die ADHS im Erwachsenenalter in der Wissenschaft intensiv untersucht.

Heute ist bekannt, dass bei ungefähr 50 % der betroffenen Kinder die Störung nicht mit dem 18. Lebensjahr aufhört, sondern dass sich die klinischen Symptome – altersentsprechend verändert – bis ins Erwachsenenalter fortsetzen können.

Wie häufig tritt ADHS bei Erwachsenen auf?

Studien, die die Häufigkeit der Erwachse- nen-ADHS in der Allgemeinbevölkerung untersucht haben, zeigen, dass weltweit bei etwa 3 bis 4 % der Erwachsenen eine ADHS vorkommt. ADHS im Erwachsenen- alter ist daher eine häufige und wahr- scheinlich auch unterdiagnostizierte Störung. Wenn ADHS erst im Erwachse-

nenalter untersucht wird, ist die Diagnose zeitaufwendig und erfordert eine sorgfäl- tige klinische Untersuchung, denn es gibt keine spezifischen „Tests“ für ADHS.

Erwachsene mit ADHS haben meist, wenn sie sich bei einem Facharzt oder Diplom- Psychologen vorstellen, eine längere Leidensgeschichte hinter sich. Sie haben aufgrund ihrer Symptome vielleicht ein Leben lang Probleme gehabt, aber keinen Namen dafür gefunden. Als Kind haben die Betroffenen vielleicht häufiger gehört:

„Du bist dumm“ und „Du bist faul.“ Dabei

haben sie immer „gewollt, nur nicht gekonnt“. Und im späteren Erwachsenen- leben sind sie in verschiedenen Lebens- bereichen erheblich beeinträchtigt, haben Misserfolge in Schule, Ausbildung und Partnerschaft erlebt, leiden unter Stim- mungsschwankungen und einem gerin- gen Selbstwertgefühl. Viele Erwachsene mit ADHS schildern dieses permanente Gefühl, trotz Bemühen keinen Erfolg zu haben und immer hinter ihren eigenen Möglichkeiten zu bleiben.

ADHS ist nicht gleich ADHS

Die Symptome von ADHS können von Person zu Person variieren. ADHS ist nichts, das man entweder hat oder nicht hat, sondern es gibt einen allmählichen Übergang von leichten zu stärkeren Symptomen. Auch sind die Symptome nicht nur zeitweise präsent, sondern schon ein Leben lang, seit der Kindheit, vorhanden.

Wann sind die Symptome am deutlichsten?

Meist zeigen sich die Probleme bei der Bewältigung von Aufgaben, die eine länger dauernde Aufmerksamkeitsspan- ne erfordern, und bei der Steuerung und Kontrolle von Gefühlen und Handlungen. Ferner kommt häufig ein Gefühl der ständigen inneren Anspannung und des Nicht-zur-Ruhe-kommen-Könnens hinzu. Mit zunehmendem Alter können sich die Kernsymptome in ihrer Ausprägung verändern. Manche Symptome treten in den Hintergrund, wie die Hyperaktivität, die oft in eine innere Unruhe übergeht, wohingegen die Unaufmerksamkeit mit steigenden Anforderungen sich negativ auf Planungs- und Organisationsfähigkeit auswirken kann.

Insgesamt haben Erwachsene mit einer nicht behandelten ADHS im Vergleich zu gesunden Kontrollpersonen deutlich mehr Probleme in Ausbildung, Beruf, Partner- schaft und sozialen Beziehungen und in ihrem Selbstwertgefühl. Dabei kann nur ein Bereich oder auch mehrere betrof- fen sein. Andere Studien zeigen darüber hinaus, dass ein erhöhtes Risiko besteht, an einer weiteren psychiatrischen Erkran- kung wie Depression, Angst oder einer Persönlichkeitsstörung zu erkranken oder eine Drogen- und/oder Alkoholabhängig- keit zu entwickeln.

ADHS hat auch positive Seiten

Aber ADHS hat nicht nur negative Seiten. Erwachsene mit ADHS sind oft sehr be- geisterungsfähig, haben viel Energie, sind offen für Neues und sind häufig sehr kreativ. Sie sind oft beliebt, verhalten sich sensibel und hilfsbereit, haben eine große Begabung zum „Multitasking“ und zur Improvisation.

Begabung zum „Multitasking“ und zur Improvisation. Symptome Wie äußert sich ADHS? Die Symptome von ADHS, die

Symptome

Wie äußert sich ADHS?

Die Symptome von ADHS, die sich im Erwachsenenalter zeigen, bestehen immer seit der Kindheit und betreffen die so genannten Kernsymptome Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulskontrolle. Rasche Stimmungs- schwankungen und Organisationspro- bleme in verschiedenen Lebensbereichen können dazu kommen. Die Symptome im Erwachsenenalter können sich in ihrer Art und Ausprägung im Vergleich zu denen bei Kindern und Jugendlichen verändern. So kann sich der motorische Bewegungs- drang im Kindesalter, die klassische Hyperaktivität, im Erwachsenenalter zu einer inneren Unruhe entwickeln. Viele Betroffene mit ADHS entwickeln auch unbewusst Strategien, besser mit ihrer Impulsivität umzugehen. Im Gegensatz dazu bleiben aber die Aufmerksamkeits- störungen unverändert bestehen und können zu Problemen in der Alltags- bewältigung führen.

Folgende Symptome werden im Erwach- senenalter beschrieben:

Aufmerksamkeitsstörung

Das Hauptproblem liegt in der Schwierig- keit, längere Zeit bei einer Sache, Tätig- keit oder Aufgabe zu bleiben, wichtige Punkte auszuwählen und Ablenkungen zu minimieren. Nach ein paar Minuten schon kann Langeweile aufkommen. Wenn die

Tätigkeit wenig anregend ist, können die Betroffenen abwesend, verträumt, wenig ausdauernd und unorganisiert wirken. Sie neigen dazu, sich zu verzetteln, mehrere Tätigkeiten anzufangen und keine zu Ende zu bringen. Der Arbeitsstil ist oft ineffizi- ent, langsam und desorganisiert. Arbeit kann häufig in der zur Verfügung stehen- den Zeit nicht erledigt werden. Ferner kommt des Öfteren das Vergessen von Terminen, Vereinbarungen und Alltags- utensilien hinzu. Es bestehen Probleme, ein Buch zu lesen und im Studium, in Konferenzen und in Besprechungen zu- zuhören. Die Organisation des Alltags und planvolles Vorgehen gelingen nicht immer und der Überblick geht verloren. Jedoch kann bei entsprechendem Interesse die Aufmerksamkeit völlig ungestört sein. Dieses Verhalten wird gerade in sozialen Situationen von Partnern, Familie, Freun- den oder Kollegen nicht verstanden.

Aufmerksamkeitsstörung

• Schwierigkeiten, bei einer Sache zu bleiben

• Schnelles Aufkommen von Lange- weile

• Wenig ausdauernd und unorganisiert

• Verzetteln, ineffizienter Arbeitsstil

• Vergessen von Terminen, Vereinba- rungen und Alltagsutensilien

• Probleme über längere Zeiträume zuzuhören

• Verlust des Überblicks

Hyperaktivität

Betroffene mit Hyperaktivität scheinen immer in Bewegung zu sein. Sie wirken unruhig, zappelig, ruhelos. Sie berichten von innerer Anspannung und dem Gefühl, getrieben zu sein. Trommeln auf der Tischplatte oder Wippen mit dem Fuß sind typische Symptome. Still sitzen fällt ihnen schwer und sie können ununterbrochen reden. Das Bedürfnis nach permanenter Bewegung kann sich in vermehrten sport- lichen Aktivitäten bis hin zur Ausübung von Extremsportarten äußern.

Hyperaktivität

• Erhöhter Bewegungsdrang

• Unruhig, zappelig oder ruhelos

• Innere Anspannung

• Mit den Fingern trommeln oder den Füßen wippen

• Schwierigkeiten, still zu sitzen

Impulsivität

Impulsive Erwachsene mit ADHS denken oft nicht, bevor sie handeln. Der Kom- munikationsstil ist oft inadäquat, sie antworten, bevor Fragen zu Ende gestellt sind, unterbrechen andere oder ma- chen unangemessene Kommentare, die ihnen hinterher leidtun. Auch neigen sie zu unüberlegten Handlungen, ohne die längerfristigen Konsequenzen zu beach- ten. Warten fällt ihnen oft schwer, in vielen Situationen sind sie ungeduldig.

Impulsivität

• Unüberlegtes Handeln, ohne vorher nachzudenken

• Andere unterbrechen

• Vorschnelle Äußerungen

• Unfähigkeit abzuwarten

Affektlabilität und Affektkontrolle

Viele Erwachsene berichten über rasche und als sehr belastend wahrgenommene Stimmungsschwankungen, die oft inner- halb von Stunden auftreten können. Bei kleinen Anlässen zeigen sich Wutausbrü- che, die Fähigkeit Ärger zu regulieren ist eingeschränkt und die Stresstoleranz ist vermindert – alles wird zu viel.

Desorganisation

Diese kann sich äußern in einer vermin- derten Fähigkeit, den Alltag zu organisie- ren und einer chaotischen Tagesstruktur mit fehlendem Zeitmanagement.

chaotischen Tagesstruktur mit fehlendem Zeitmanagement. Auswirkungen Wie kann sich ADHS auf das Leben auswirken?

Auswirkungen

Wie kann sich ADHS auf das Leben auswirken?

ADHS zeigt nicht nur die genannten Symptome, ADHS führt zu Beeinträch- tigungen in vielen Lebensbereichen. So wiederholen Erwachsene mit ADHS häufiger als Gesunde Schulklassen, erreichen schlechtere Schulabschlüsse und fallen häufiger durch Prüfungen. Sie beginnen Ausbildungen und brechen sie ab; dies kann sich mehrfach wiederholen. Der Arbeitsplatz wird häufiger gewechselt, mehr Kündigungen werden beschrieben.

Nicht wenige Erwachsene mit ADHS be- richten, dass sie in ihrer Schulzeit Prob- leme hatten, konstant die erforderlichen Leistungen zu erbringen. Vielfach wurden sie auch für ihr Verhalten von den Lehrern ermahnt. In der beruflichen Ausbildung und später im Berufsalltag setzen sich derartige Schwierigkeiten oft fort.

Berufliche Perspektiven sind häufig schlechter

Erwachsene mit ADHS wechseln häufiger den Arbeitsplatz, werden häufiger als andere gekündigt und es kann zu Arbeits- losigkeit kommen. Im Vergleich werden ihre Arbeitsleistungen vielfach schwächer bewertet. Ganz allgemein wird beobachtet, dass Erwachsene mit ADHS häufig Schwierigkeiten haben, eine ihren Mög- lichkeiten angemessene berufliche Position zu erreichen. Dies alles zeigt sich trotz ausreichender Begabung.

Partnerschaften und soziale Beziehungen können konfliktreich sein

Partnerschaften und Ehen gehen häufiger auseinander, soziale Beziehungen werden nicht aufrechterhalten. Auch in der Eltern- rolle können sich Probleme zeigen. Diese können einerseits damit zu tun haben, dass Eltern mit ADHS aufgrund ihrer Im- pulsivität und geringeren Stressresistenz im Umgang mit ihren Kindern weniger belastbar sind. Andererseits leiden Kinder aufgrund der genetischen Verankerung der Krankheit ebenfalls häufig an ADHS. Damit können wechselseitig immer neue Konfliktfelder entstehen, die das Familien- leben belasten.

Auch aus anderen sozialen Bereichen wer- den Auffälligkeiten berichtet. So gibt es häufig Probleme im Umgang mit Freunden und Bekannten, u. a. auch wegen des oft inadäquaten Kommunikationsstils und der unüberlegten Entscheidungen. Besonders wenn ADHS mit Störungen des Sozialver- haltens und mit speziellen Persönlich- keitsstörungen kombiniert ist, steigt das Risiko dissozialen Verhaltens.

Im Straßenverkehr fallen immer wieder Personen mit ADHS durch Geschwindig- keitsüberschreitungen, Fahren ohne Fahr- erlaubnis, Fahren unter Alkoholeinfluss und eine generelle Tendenz zur Regel- überschreitung auf.

Erwachsene mit ADHS können infolge der häufigen Konflikte und Misserfolge an weiteren psychischen Erkrankungen leiden.

Insgesamt zeigt sich aufgrund der be- schriebenen Komplikationen und Miss- erfolge ein deutlich verringertes Selbst- wertgefühl. Erwachsenen mit ADHS zeigen darüber hinaus ein erhöhtes Risiko, an weiteren psychischen Er- krankungen zu leiden. Hier zeigten Studien, dass bei 65 bis 90 % weitere, so genannte komorbide psychische Störungen bestehen. Als Grund dafür wird neben Konflikten und Misserfolgen durch die ADHS eine Ähnlichkeit in den neurobiologischen Mechanismen der verschiedenen Störungen diskutiert.

Wichtig ist, dass ADHS von diesen anderen Störungen abgegrenzt wird. Häufig treten neben einer ADHS Depressionen und Angststörungen auf. Viele Erwachsene mit ADHS leiden auch unter Schlafstörungen mit verminderter subjektiver Schlafqua- lität und vermehrten Einschlafproble- men (70 %). Ferner können so genannte

Persönlichkeitsstörungen auftreten, die ein überdauerndes Muster an Beeinträch- tigung verschiedenster Art zeigen. Im Moment wird über den Zusammenhang mit den bipolaren Störungen und der Borderline-Persönlichkeitsstörung disku- tiert. Bei der Borderline-Störung zeigen sich ebenfalls Stimmungsschwankungen und Impulse können schlecht kontrolliert werden. Weiterhin besteht ein erhöhtes Vorkommen von Abhängigkeitserkran- kungen. Diese können Alkohol- oder auch Drogenabhängigkeit, hier insbesondere von Cannabis, sein. Unterschätzt wird häufig auch der Zigarettenkonsum, der nicht selten aus der Erfahrung entsteht, dass Nikotingebrauch die Symptomatik der ADHS mildern kann.

Zusammenfassend besteht bei Erwach- senen mit ADHS, häufig ein deutlich erhöhtes Risiko in Bezug auf zusätzliche psychische Störungen, Gesundheitspro- bleme und soziale Einschränkungen. Die Wahrscheinlichkeit von Problemen am Arbeitsplatz, in der Partnerschaft, in den Familien, im Freundeskreis und im Umgang mit dem sonstigen persönlichen Lebensumfeld ist vergleichsweise hoch.

Affektive Störungen

z. B. Depressionen oder Bipolare Störungen

Abhängigkeitsstörungen

z. B. Alkohol- oder Drogen- abhängigkeit

Modifiziert nach Kooij et al. 2012

Impulskontroll-/ Per- sönlichkeitsstörungen z. B. Borderline-Störungen ADHS Lernstörungen z. B. beim Lesen oder
Impulskontroll-/ Per-
sönlichkeitsstörungen
z. B. Borderline-Störungen
ADHS
Lernstörungen
z. B. beim Lesen oder
Rechnen

Angststörungen

z. B. Generalisierte Angst- störung oder soziale Phobie

Schlafstörungen

z. B. verminderte Schlaf- qualität, Einschlafprobleme oder Tagesmüdigkeit

Schlaf- qualität, Einschlafprobleme oder Tagesmüdigkeit Ursachen Was sind die Ursachen einer ADHS? Die Ursachen von

Ursachen

Was sind die Ursachen einer ADHS?

Die Ursachen von ADHS sind bislang nicht vollständig geklärt, aber es gibt viele Ansätze, die dabei helfen, ADHS zu verstehen. Die Wissenschaft ist sich darin einig, dass es sich bei ADHS um eine neurobiologische Funktionsstörung handelt, an der genetische und umwelt- bedingte Faktoren beteiligt sind.

Im Vergleich zu anderen psychischen Erkrankungen ist insbesondere die ge- netische Komponente stark ausgeprägt. Dies zeigt sich darin, dass ADHS häufig bei mehreren Familienmitgliedern auftritt. Wurde bei einem Familienmitglied ADHS diagnostiziert, ist das Risiko für Eltern, Geschwister oder Kinder, ebenfalls an ADHS erkrankt zu sein, um das Vier- bis Zehnfache erhöht.

Umweltbedingte Faktoren stehen in Zu- sammenhang mit der Gehirnentwicklung und können z. B. Rauchen, Alkohol- oder Drogenkonsum während der Schwanger- schaft oder ein sehr geringes Geburtsge- wicht umfassen.

Weitere Untersuchungen haben gezeigt, dass bei ADHS Gene beteiligt zu sein scheinen, die bestimmte Systeme im Gehirn beeinflussen. Bei diesen Systemen spielen die zwei Botenstoffe (auch Neuro- transmitter genannt) Dopamin und Nor- adrenalin eine wichtige Rolle. Bei ADHS scheint das Gleichgewicht dieser beiden Botenstoffe gestört zu sein, weshalb In- formationen im Gehirn nur unzureichend verarbeitet werden können.

Die Rolle von Dopamin und Noradrenalin

Modifiziert nach Himmelstein et al. 2001

Präfrontaler Kortex Hinterer parietaler Kortex Dopaminerges System: wesentliche Rolle bei Antrieb und Motivation
Präfrontaler Kortex
Hinterer parietaler Kortex
Dopaminerges System:
wesentliche Rolle bei Antrieb
und Motivation
Noradrenerges System:
wesentliche Rolle bei der
Aufmerksamkeit

Vorderes Aufmerksamkeitszentrumund Motivation Noradrenerges System: wesentliche Rolle bei der Aufmerksamkeit Hinteres Aufmerksamkeitszentrum 10 11

Hinteres Aufmerksamkeitszentrumund Motivation Noradrenerges System: wesentliche Rolle bei der Aufmerksamkeit Vorderes Aufmerksamkeitszentrum 10 11

Diagnostik Wie wird ADHS bei Erwachsenen diagnostiziert? Die internationale Klassi- fikation der Erkrankungen (ICD-10,

Diagnostik

Wie wird ADHS bei Erwachsenen diagnostiziert?

Die internationale Klassi- fikation der Erkrankungen (ICD-10, WHO)

In der modernen Medizin werden Krank- heiten nach den Vorgaben der Weltge- sundheitsorganisation (WHO) diagnosti- ziert, wenn typische Krankheitssymptome in ausreichender Zahl und Ausprägung vorliegen.

Um eine ADHS-Diagnose stellen zu kön- nen, müssen mehrere Punkte abgeklärt werden:

Es ist genau definiert, wie viele Sym- ptome in welchem Ausmaß und über welche Dauer zutreffen müssen.

Das Vorhandensein der Symptome muss bis in die Kindheit zurückverfolgt werden können.

Die Symptome müssen in mehreren Lebensbereichen zu deutlichen Be- einträchtigungen führen (z. B. bei der Arbeit und im Alltag).

Die Symptome sind nicht durch eine andere psychische Störung erklärbar.

Ein Wissenschaftler aus den USA, Paul H. Wender (1995), hat neben den Kernsym- ptomen Unaufmerksamkeit, Hyperakti- vität und Impulsivität noch vier weitere Symptomgruppen beschrieben, die er als typisch für Erwachsene mit ADHS ansieht (sog. Utah-Kriterien):

1. Desorganisation

2. emotionale Labilität (d. h. schnelle Stimmungsschwankungen)

3. vermehrt Temperamentsausbrüche

4. verminderte Stresstoleranz

Die Berücksichtigung dieser für das Er- wachsenenalter typischen Symptome hat den Vorteil, dass damit der Blick für spezi- fische Probleme dieses Lebensabschnitts geschärft wird. Mit der Bestandsaufnahme der Symptomatik des Erwachsenenalters kann der Arzt die Entscheidung über Art und Umfang der erforderlichen Therapie vorbereiten.

Die ADHS-Diagnose in der ärztlichen Praxis

In der ärztlichen Praxis ist beim Erwach- senen die Diagnose ADHS weniger prob- lematisch, wenn die Erkrankung bereits in der Kinder- und Jugendzeit diagnostiziert und behandelt wurde. In diesen Fällen ist zu prüfen, in welchem Umfang sich die Symptomatik im Erwachsenenalter fortge- setzt und verändert hat.

Nicht selten kommen aber Erwachsene zur Diagnostik, bei denen die Diagnose in der Kindheit und Jugend nicht gestellt wurde, obwohl sich aus dem Bericht der Betroffenen ergibt, dass eine entspre- chende Symptomatik vorhanden gewesen sein könnte. In diesen Fällen gestaltet sich das diagnostische Vorgehen schwieriger:

Es genügt nicht, dass aktuell ADHS-Sym- ptome nachweisbar sind, vielmehr muss rückblickend gezeigt werden, dass bereits im Schulalter typische Symptome vorhan- den waren und danach bis ins Erwach- senenalter andauern. Darüber hinaus müssen durch die ADHS in verschiedenen Lebensbereichen Leidensdruck und deut- liche Beeinträchtigungen entstanden sein. Erleichternd für die Diagnostik ist, wenn Eltern oder andere Personen aus dem unmittelbaren Lebensumfeld verfügbar sind, die über die Kindheit Informationen geben können. Möglicherweise sind aus der Kindheit auch Schulzeugnisse oder andere schriftliche Dokumente vorhanden. Ist eine Informationsgewinnung über Dritte nicht möglich, ist es in der Regel aber trotzdem möglich, eine ADHS-Diag- nose zu stellen. In diesem Fall muss sich der Arzt auf die Erinnerungen des Betrof- fenen an seine Kindheit verlassen.

Nicht zuletzt sind auch die Auswirkungen der ADHS in den verschiedenen Lebens- bereichen zu erfassen. Funktionsbeein- trächtigungen sind nicht nur ein wichtiges Kriterium im Rahmen der Diagnose nach ICD-10, sie haben auch Einfluss auf die Auswahl der geeigneten Behandlungsme- thoden.

Nicht zuletzt gehört zur ADHS-Diagnostik im Erwachsenenalter auch die Feststel- lung eventueller begleitender, sogenann- ter komorbider Erkrankungen.

Die Stellung einer ADHS-Diagnose ist eine Aufgabe für Experten.

Die Feststellung der ADHS beim Erwach- senen ist eine komplexe klinische Diag- nose. Der diagnostische Prozess erfordert klinische Erfahrung und genaue Kenntnis des Krankheitsbildes im Erwachsenen- alter, denn die zentrale Symptomatik mit Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität ist nur begrenzt spezifisch. Die Symptome kommen auch im Rahmen anderer psychischer Erkrankungen vor. Eine Ausschlussdiagnostik von körperli- chen Erkrankungen ist erforderlich.

Diagnostische Hilfen

Die Stellung einer Diagnose kann durch die Anwendung spezieller Diagnostik- Instrumente erleichtert werden. Hierbei werden Selbstbeurteilungs- und Fremd- beurteilungsverfahren unterschieden. Bei den Selbstbeurteilungsskalen wird den Betroffenen ein Fragebogen vorgelegt, der entsprechend der Instruktionen selbst beantwortet werden soll. Fremdbeur- teilungsskalen werden von Angehörigen oder anderen Personen aus dem direkten Lebensumfeld ausgefüllt, diagnostische Checklisten oder ausführliche Interviews liegen für den Fachmann vor.

Behandlung Wie wird ADHS behandelt? Nachdem eine ADHS im Erwachsenen- alter diagnostiziert wurde, stellt sich

Behandlung

Wie wird ADHS behandelt?

Nachdem eine ADHS im Erwachsenen- alter diagnostiziert wurde, stellt sich die Frage nach einer geeigneten Behandlung. Heute gibt es verschiedene Therapie- möglichkeiten. Dazu gehören u. a. Psycho- edukation, Psychopharmaka oder auch Psychotherapie, die einzeln oder auch kombiniert (sogenannte multimodale Therapie) angewandt werden können. Insgesamt sollen die Symptome verringert und langfristig das Selbstwertgefühl und die Lebensqualität verbessert werden.

Symptome sollen verringert und lang- fristig das Selbstwertgefühl und die Lebensqualität erhöht werden.

Leider gibt es aber auch Verunsicherung und Meinungsverschiedenheiten darüber, was wirklich hilft und welche Therapien zum Einsatz kommen sollten. Insbeson- dere die Psychopharmaka sind in der Diskussion. Wichtig ist es deshalb, sich hierüber gut zu informieren. Die erste Frage, die sich immer stellt:

Welche Therapie ist genau für den Ein- zelnen die beste? In Abhängigkeit von der Schwere der Symptomatik, den Einschrän- kungen im Alltag und den verschiedenen Lebensbereichen, dem Selbstwertgefühl und natürlich den persönlichen Wünschen sollte individuell ein Therapiekonzept erarbeitet werden. Erwachsene mit ADHS sollten im Verlauf der Behandlung lernen, ADHS zu akzeptieren, mit den Symptomen

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besser umzugehen, anstehende Probleme zu bewältigen und eine zufriedenstellen- dere soziale Interaktion zu erleben.

Die Diagnose ADHS zu erhalten bedeutet noch nicht, dass eine spezifische Behand- lung erfolgen muss. Manche Betroffene sind bereits zufrieden, wenn sie eine Erklärung für ihre Symptome oder Prob- leme haben und zukünftig damit besser umgehen können. Andere hingegen, die ausgeprägtere Probleme mit Auswirkun- gen auf verschiedene Lebensbereiche wie Beruf oder Partnerschaft haben, werden eher eine Behandlung wünschen und auch davon profitieren können.

Die ADHS-Therapie basiert also auf einem Konzept, das verschiedene Bausteine (sogenannte Module) enthält, die je nach individueller Symptomatik, individuellen Beeinträchtigungen und Wünschen, aber auch verfügbaren Möglichkeiten zusam- mengestellt werden.

Mögliche Bausteine einer multimoda- len Therapie:

• Beratung, Psychoedukation

• Medikamentöse Behandlung

• Einzelpsychotherapie, störungsori- entierte Gruppentherapie, Coaching

• Einbeziehung von Bezugspersonen

• Selbsthilfegruppen

• Ergänzende Therapie bei komorbi- den Störungen

Therapiemöglichkeiten

Beratung und Psychoedukation Wichtig ist zunächst eine gründliche Information und Beratung über ADHS, evtl. auch unter Einbeziehung wichtiger Bezugspartner. Eine Beratung allein, z. B. wie der Alltag anders strukturiert werden kann, kann bereits Verbesserun- gen ergeben.

Psychoedukation bedeutet eine ausführ- liche Information über alle wichtigen Aspekte der ADHS. Dies beinhaltet im Normalfall:

Diagnostik (Wie wurde ADHS bei mir festgestellt?)

Ätiologie mit Genetik einschließlich neu- robiologischer Konzepte (Woher kommt ADHS?)

Symptomatik mit Beeinträchtigungen (Was ist ADHS überhaupt?)

Therapiemöglichkeiten (Wie wirken die Medikamente, können sie auch scha- den, was für Nebenwirkungen haben sie, wie wirkt Psychotherapie?)

Herstellung individueller Lebensbezüge (Welche Bedeutung hat ADHS für meine Biografie?)

Bewältigungsstrategien (Wie kann ich meine Ziele am besten umsetzen?)

Medikamentöse Behandlung Vielleicht wurde nach der Diagnose- stellung und dem ausführlichen Infor- mationsgespräch über die ADHS be- sprochen, dass eine medikamentöse Behandlung hilfreich sein könnte. Einer der Gründe hierfür könnte sein, dass die Symptome besonders stark ausgeprägt sind und in mehreren Lebensbereichen erhebliche Beeinträchtigungen bestehen.

Eine medikamentöse Behandlung kann die ADHS-Kernsymptomatik sowie weitere begleitende Symptome verbessern.

Für diese medikamentöse Therapie stehen Präparate zur Verfügung, die seit vielen Jahren in der Therapie von Kindern und Jugendlichen verwendet werden und sich in „Stimulanzien“ und „Nichtstimulanzien“ einteilen lassen. Diese Medikamente haben sich bisher in zahlreichen Studien – sowohl bei Kindern und Jugendlichen als auch bei Erwachsenen – als wirksam zur Behandlung der ADHS erwiesen. Zudem werden häufig weitere, begleitende Symp- tome wie Stimmungsschwankungen ver- bessert. Viele Erwachsene schildern, dass sie unter Medikation erstmals ein Buch zu Ende gelesen oder sich konzentriert einer Aufgabe gewidmet haben.

Vor Beginn einer medikamentösen Therapie müssen einige körperliche Untersuchungen durchgeführt werden wie z. B. die Messung von Puls und Blut- druck, bestimmte körperliche Erkrankun- gen müssen ausgeschlossen werden, z. B. Herzkreislauferkrankungen oder Schilddrüsenfunktionsstörungen. Dies wird Ihr Arzt vorher mit Ihnen besprechen.

Stimulanzien, z. B. Methylphenidat Methylphenidat bewirkt, dass insbeson- dere der chemische Botenstoff Dopamin länger an seinem Wirkort im Gehirn verfügbar bleibt. So kann die Aktivität bestimmter Gehirnregionen verbessert werden. Es gibt sowohl kurzwirksame (Wirkung bis zu 4 Stunden) als auch langwirksame (Wirkung bis zu 12 Stun- den) Formen von Methylphenidat, wobei derzeit zwei Präparate in Deutschland zur Behandlung Erwachsener mit ADHS

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zugelassen sind.

Da die Stimulanzien dem Betäubungsmit- telgesetz (BtMG) unterliegen, müssen sie auf einem besonderen Rezept verordnet werden. Ein Argument, das häufig gegen die Behandlung mit Stimulanzien verwen- det wird, ist eine erhöhte Suchtgefahr. Dafür gibt es jedoch keine Hinweise. Falls eine Abhängigkeit oder ein Missbrauch von Drogen oder Alkohol vorliegt und eine Behandlung geplant ist, sollte dies mit dem behandelnden Arzt besprochen werden. Er wird eine suchtspezifische Behandlung und nachfolgende Kontrollun- tersuchungen einleiten.

Nicht-Stimulanzien Bislang gibt es in Deutschland nur ein Nicht-Stimulanz, das für Behandlung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit ADHS zugelassen ist: Atomoxetin, ein Medikament der Firma Lilly. Der Wirkme- chanismus von Atomoxetin betrifft auch die Steuerung chemischer Botenstoffe im Gehirn, regelt allerdings primär die Verfügbarkeit von Noradrenalin und nur in bestimmten Gehirnregionen auch die von Dopamin. Dies ist vermutlich ein Grund, warum es nicht dem Betäubungsmittel- gesetz unterliegt und deshalb auf einem üblichen Rezept verordnet werden kann.

Atomoxetin ist kein Stimulanz und verfügt über einen anderen Wirkmechanismus.

Die Wirksamkeit auf die Kernsymptome der ADHS bei Erwachsenen einschließlich der emotionalen Symptome, wie Stim- mungsschwankungen, Temperaments- ausbrüche, Reizbarkeit und Ängstlichkeit, hat sich in mehreren Studien nachweisen lassen.

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Atomoxetin wird in der Regel einmal täglich eingenommen. Bei einem Be- handlungsbeginn mit Atomoxetin muss beachtet werden, dass sich die Wirksam- keit Schritt für Schritt über mehrere Wochen aufbaut. Wenn sich die Wirkung voll entfaltet hat, wirkt das Medikament – anders als die Psychostimulanzien – über den ganzen Tagesverlauf, so dass bei morgendlicher Einnahme auch der späte Abend abgedeckt ist.

Ein Missbrauchspotential liegt nicht vor. Atomoxetin kann daher auch gut verordnet werden, wenn eine Abhängigkeitserkran- kung vor Beginn der Behandlung bestand (und behandelt wurde).

Allgemein gültige Empfehlungen zur Dauer der medikamentösen Behandlung sowohl mit Stimulanzien als auch Atomoxetin be- stehen aktuell nicht. Falls die ADHS-Symp- tome gut auf die medikamentöse Therapie angesprochen haben, ist die allgemeine Empfehlung, diese 1-2 Jahre fortzusetzen. Danach muss eine Therapiepause von einigen Wochen erfolgen, um die weitere Behandlungsnotwendigkeit zu überprüfen.

Psychotherapie In einer Psychotherapie werden proble- matische Verhaltensweisen identifiziert, besprochen und alternative Strategien vermittelt. Zuerst wird der Therapeut viele Informationen geben und ausführlich be- sprechen, wie Verhalten und Gefühle ver- ändert werden können. Ziel soll im Verlauf der Therapie sein, Selbstkontrolle über die störenden Symptome zu erlangen und im Rahmen eines „Selbstmanagements“ selbstständig alternative Pläne und Stra- tegien zu entwickeln. Dies ist nicht immer ganz einfach, sondern erfordert oft regel- mäßiges Üben. Häufig werden jedoch nach einiger Zeit sehr gute Erfolge erzielt.

Probleme identifizieren

Probleme identifizieren

Zeit sehr gute Erfolge erzielt. Probleme identifizieren Strategien besprechen Verhalten ändern Die Psychotherapie
Strategien besprechen

Strategien besprechen

erzielt. Probleme identifizieren Strategien besprechen Verhalten ändern Die Psychotherapie hilft, Probleme und

Verhalten ändern

Die Psychotherapie hilft, Probleme und Schwierigkeiten besser zu verstehen und zu bewältigen. Das Selbstwertgefühl kann sich in der Folge deutlich verbessern und die Energie, Kreativität und Neugier, die viele Menschen mit ADHS haben, kann sich in vielen Bereichen des alltäglichen Lebens positiv auswirken.

Die Psychotherapie hilft bei der Bewältigung von störenden Verhaltensweisen und Gefühlen.

In einer Therapie kann auch reflektiert werden, was ADHS für die eigene Bio- graphie bedeutet und was es zukünftig bedeuten kann. Hier kommen vielleicht Ärger, Frustration und auch Traurigkeit über das Versagen, die Selbstwertzwei- fel, die häufige Kritik der Umwelt oder möglicherweise verpasste Gelegenheiten zur Sprache.

In den vergangenen Jahren sind für die Psychotherapie der ADHS im Erwachse- nenalter sogenannte „störungsorientierte Behandlungsansätze“ (auf der Grundlage verhaltenstherapeutischer Konzepte) entwickelt und auf ihre Wirksamkeit untersucht worden. Störungsorientiert

bedeutet, dass spezielle, auf die Störung maßgeschneiderte Behandlungsprogram- me entwickelt wurden.

Als Ziele bzgl. der ADHS-Kernsymptome und der Sekundärfolgen werden in diesen Therapien genannt: Symptom-Manage- ment, Vermittlung von Fertigkeiten,

Verbesserung der negativen Selbstbewer- tungen und Stabilisierung des Selbstwert- gefühls. Fertigkeiten in den Bereichen Ar- beitsgewohnheiten, Zeitmanagement und Partner- und Familienbeziehungen. Die Therapien können einzeln oder in Gruppen durchgeführt werden, sind meist in Modu- len aufgebaut und sehr strukturiert.

Im deutschen Sprachraum sind zwei spe- zifische Therapiemanuale verfügbar.

Einzeltherapieprogramm Bei dem Einzeltherapieprogramm wird davon ausgegangen, dass die Kerndefi- zite der ADHS zu einer Lerngeschichte führen, die von Misserfolgen, mangeln- der Leistungsfähigkeit und zwischen- menschlichen Problemen geprägt ist. Inhalte der Therapiesitzungen sind beispielsweise das Management von schwierigen, komplexen Aufgaben, von Ablenkbarkeit, die Bearbeitung von negativen Selbstbewertungen und der Umgang mit emotionalen Problemen. Es findet immer wieder Ermutigung statt, die Strategien regelmäßig anzuwenden, auch bei anfänglichen Misserfolgen.

Gruppenprogramm Das Gruppenprogramm besteht eben- falls aus verschiedenen Modulen, mit ausführlicher Psychoedukation über alle wichtigen Aspekte von ADHS wie ADHS- Symptomatik oder Neurobiologie. Ferner werden Verhaltensstrategien für ADHS-relevante Bereiche besprochen und auch mit Hausaufgaben eingeübt:

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Alltagsstrukturierung, Organisations- planung, Achtsamkeitsübungen, Emo- tionsregulation, Impulskontrolle und Stressmanagement. Nach Abschluss der Therapie gelingt es den Teilnehmern besser, die ADHS-Symptome zu akzep- tieren und durch die erlernten Strategi- en auch besser damit umzugehen. Die Teilnehmer der Therapie fanden auch gerade den Austausch mit anderen Betroffenen sehr wertvoll und hilfreich.

Coaching Das sogenannte Coaching stellt eine weitere Möglichkeit dar, ADHS-Sympto- me zu behandeln. Ein Coach kann z. B. mit einem Trainer beim Sport verglichen werden, der eine Person begleitet und die Frage stellt, was diese Person zur Problembewältigung benötigt. Er schaut sich an, welche Fertigkeiten vorliegen und wie diese optimal eingesetzt werden können. Dadurch lassen sich die eige- nen Handlungsspielräume erweitern. Ein Coach ist dabei behilflich, den der- zeitigen Standort zu bestimmen, wohin sich der Betroffene verändern möchte und wie dies funktionieren kann. Diese Funktion des Coaches kann durch einen Therapeuten, aber auch beispielsweise durch Partner oder Freunde übernom- men werden.

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Selbsthilfegruppen Für weitere Informationen und den Aus- tausch mit anderen Betroffenen, entweder begleitend zu einer Therapie oder im An- schluss daran, ist auch der Besuch einer Selbsthilfegruppe zu empfehlen. Hier kann jeder seine Erfahrungen einbringen oder von Erfahrungen der anderen profitieren.

Mitarbeit von Bezugspersonen Der behandelnde Arzt oder Therapeut kann während der Behandlung wichtige Bezugspersonen/Partner in die Behand- lung einbeziehen. Dies kann hilfreich sein, zum einen, damit die Bezugspersonen die ADHS-Symptome kennen, zum anderen, damit sie Strategien im Umgang damit kennenlernen. Denn nur wenn das direkte soziale Umfeld weiß, wie es Erwachsenen mit ADHS geht und den Umgang damit kennt, werden langfristige Konflikte ver- mieden. Auch hier gilt: Information ist der erste Schritt, um mögliche Konflikte zu minimieren und gegenseitiges Verständnis zu erlangen.

Ergänzende Therapie bei komorbiden Störungen Darüber hinaus ist in vielen Fällen ein wei- terer Schritt in der Behandlung zu bespre- chen: „Wie soll mit Begleiterkrankungen umgegangen werden?“ Es kann sein, dass zuerst die Begleiterkrankung (z. B. bei Abhängigkeitserkrankungen oder Depres- sionen) behandelt wird und dann erst die ADHS-Symptomatik oder aber auch, dass beides gleichzeitig behandelt wird (z.B. bei einer Angststörung). Häufig wird zunächst das schwerwiegendere Problem zuerst behandelt.

zunächst das schwerwiegendere Problem zuerst behandelt. Tipps und Tricks Wie kann ich mir im Alltag selbst

Tipps und Tricks

Wie kann ich mir im Alltag selbst helfen?

Der erste Schritt ist, dass Erwachsene mit ADHS „ihr Chaos im Kopf“ verstehen ler- nen. Die Verarbeitung von Informationen im Gehirn verläuft nicht optimal, wodurch die Betroffenen ablenkbar, unaufmerksam und vielleicht auch impulsiv sind. Um gute Ergebnisse zu erreichen, müssen sich Personen mit ADHS in vielen Lebens- bereichen mehr anstrengen als andere.

Was können Sie selbst tun?

Zerlegen Sie eine Aufgabe in kleine Schritte. Ihre Aufmerksamkeitsspanne ist kürzer als die von anderen Personen. Deshalb ist es wichtig, das Prinzip der kleinen Schritte anzuwenden.

Setzen Sie Prioritäten.

Schreiben Sie wichtige Dinge auf einen Klebezettel und hängen Sie diese z. B. an den Spiegel in Ihrem Badezimmer oder nutzen Sie alternativ die Notizfunk- tion in Ihrem Mobiltelefon.

Sie sollten Ihren Arbeitsplatz/Schreib- tisch übersichtlich organisieren. Alles sollte so organisiert sein, dass Sie nicht lange suchen müssen. Ablagekästen oder Ordner können hier hilfreich sein, auch Karteikarten mit unterschiedlichen Farben erleichtern die Organisation.

Termine oder notwendige Erledigungen sollten Sie sofort aufschreiben. Ein Terminplaner ist dafür ein wichtiges Hilfsmittel oder benutzen Sie alternativ z. B. einen PC oder Ihr Mobiltelefon. Textmarker in verschiedenen Farben können ebenfalls hilfreich sein.

Halten Sie für bestimmte Aktivitäten feste Zeiten ein. Etablieren Sie Rituale für wichtige persönliche Bereiche, z. B. Einkaufen oder Sport, an bestimmten Tagen und zu festen Zeiten. Sport ist eine sehr wichtige Aktivität zum Span- nungsabbau und zur Stimmungsstabili- sierung.

Planen Sie im Voraus.

Schieben Sie nichts auf (übrigens eines der wesentlichsten ADHS-Probleme). Wenn Sie Dinge gleich erledigen, werden Sie sich vermutlich viel besser fühlen.

Sorgen Sie dafür, dass Arbeit/Pflichten und Entspannung ausgewogen sind.

Wenn Ihre Stimmung mal wieder schwankt, akzeptieren Sie es. Sie wis- sen, dass dieser Zustand vorübergeht. Auch Grübeln darüber hilft nichts.

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Wichtige Bezugspartner sollten soweit möglich informiert werden. Teilen Sie Ihrem Gesprächspartner mit, wenn Sie merken, dass Sie nicht aufmerksam ge- nug sind und die Kommunikation/Bezie- hung vielleicht darunter leiden könnte.

Und wenn Ihnen dies alles nicht gelingt, ärgern Sie sich nicht. Nutzen Sie Ihre Energie und Ihre Kreativität und versuchen Sie es einfach noch einmal.

Belohnen Sie sich für Erfolge, auch für die kleinen. Unternehmen Sie auch Dinge, die Ihnen und Ihren Partnern/ Freunden Spaß bereiten.

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Ihnen und Ihren Partnern/ Freunden Spaß bereiten. 20 Unterstützung Wo kann ich weitere Informationen zu ADHS

Unterstützung

Wo kann ich weitere Informationen zu ADHS finden?

Wenn Sie sich vertieft über ADHS informieren möchten oder Kontakt zu anderen Erwachsenen mit ADHS aufnehmen möchten, so empfehlen wir Ihnen folgende Anlauf- stellen:

ADHS Deutschland e. V.

Juvemus e.V.

zentrales adhs-netz

Poschingerstraße 16, 12157 Berlin www.adhs-deutschland.de

Vereinigung zur Förderung von Kindern und Erwachsenen mit Teilleistungsschwächen e.V., Brückenstraße 25,

56220 Urmitz, www.juvemus.de

Universitätsklinikum Köln, Robert-Koch Straße 10

50931 Köln, www.zentrales-adhs-netz.de, www.adhs.info

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Kontroversen Gibt es kritische Fragen zu ADHS? Manchmal wird in den Medien die Auf- fassung

Kontroversen

Gibt es kritische Fragen zu ADHS?

Manchmal wird in den Medien die Auf- fassung vertreten, dass Störungen der Aufmerksamkeit, Hyperaktivität und Im- pulsivität den meisten Menschen vertraute Phänomene seien und deswegen weniger von einer medizinischen Krankheit als von allgemeinen Eigenschaften, die bisweilen als störend erlebt werden, gesprochen werden sollte. Andere bestreiten generell, dass es ADHS überhaupt gibt, und vertre- ten die Auffassung, dass die modernen In- dustriegesellschaften mit ihren speziellen Lebensbedingungen für dieses Verhalten verantwortlich seien.

Die ADHS ist von der Weltgesundheits- organisation (WHO) als Krankheit anerkannt.

Es ist in diesem Zusammenhang wichtig, sich zu vergegenwärtigen, dass hier nicht jene Aufmerksamkeitsmängel gemeint sind, die jeder Mensch kennt, z. B. wenn er müde ist und sich nicht mehr kon- zentrieren kann. Es geht auch nicht um Unruhe und Zappeligkeit in spezifischen Belastungssituationen. Vielmehr handelt es sich gerade nicht um situationsbezoge- ne, sondern um seit der Kindheit beste- hende und überdauernde Störungen der Aufmerksamkeit mit Hyperaktivität und Impulsivität, die sich durchgängig in vielen

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Lebensbereichen bemerkbar machen. Diese Störungen erweisen sich gegenüber äußeren Einwirkungen regelmäßig als wenig veränderlich.

Die ADHS ist von der Weltgesundheitsor- ganisation (WHO) als Krankheit anerkannt. Im Übrigen erfüllt die ADHS alle Kriterien, die für die Anerkennung als Krankheit notwendig sind:

ADHS ist durch verschiedene Kriterien verbindlich definiert

Man weiß, dass ADHS weltweit auftritt und in allen sozialen Schichten beob- achtet werden kann.

Eine genetische Verursachung gilt heute als gesichert.

Effiziente Therapieverfahren sind ver- fügbar.

Damit erfüllt die ADHS alle Bedingun- gen, die bei medizinischen Krankheiten hinsichtlich Diagnose, Häufigkeit, Verursachung und Behandlung erfüllt sein müssen. Im Vergleich zu anderen psychischen Krankheiten wie z. B. Depressionen, Schizophrenien etc. ist der Wissensstand über die Erkrankung als hoch einzuschätzen.

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Lilly Deutschland GmbH Werner-Reimers-Straße 2-4 61352 Bad Homburg www.lilly-pharma.de

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