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Textanalyse:

Digital Natives, Digital Immigrants

Marc Prensky

Hubert Kronberger
Inhalt

1. Einleitung:............................................................................................................. 3

2. Kernaussagen von Marc Prensky ............................................................................. 3

2.1. Fundamentaler Wandel der Medienwelt – Was bedeutet „Singularity“? ..................... 3

2.2. Digital Natives und Digital Immigrants – Wen meint Prensky damit? ....................... 4

2.3. Lehren und Lernen – Legacy content versus Future content .................................... 5

2.4. Neurologische Veränderungen des Gehirns durch die Mediennutzung ....................... 6

3. Marc Prensky......................................................................................................... 6

3.1. Berufliches Umfeld ............................................................................................. 6

3.2. Stil und Argumentationsweise in den beiden Publikationen ...................................... 7

4. Schlussfolgerungen ................................................................................................ 8

5. Literaturverzeichnis ................................................................................................ 9

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1. Einleitung:

Zweifelsohne führen die von Marc Prensky geprägten Begriffe der Digital Natives und
der Digital Immigrants seit dem Erscheinen des Artikels in On the Horizon (NCB
University Press, Vol. 9 No. 5, October 2001) zu kontroversen Diskussionen. Seine
Behauptungen „Our students have changed radically“ (Prensky, 2001a, S. 1) und „our
Digital Immigrant instructor […] speak an outdated language” (ebd., 2001a, S. 3)
klingen sehr plausibel und mögen auf den ersten Blick zustimmendes Nicken
hervorrufen. Es ist notwendig, die Publikationen Prenskys auf ihre Aussagekraft und
Wissenschaftlichkeit zu überprüfen. Daher stellt sich die Frage, ob die Ausführungen
Prenskys in Digital Natives, Digital Immigrants in der wissenschaftlichen Community
auf Zustimmung gestoßen sind. Dazu wird im Folgenden zunächst auf einige seiner
wesentlichen Aussagen über
 den fundamentalen Wandel der Medienwelt,
 die Begriffe Digital Natives und Digital Immigrants,
 das Lehren und Lernen – Legacy content versus Future content
 und die neurologische Veränderungen des Gehirns durch die
Mediennutzung
eingegangen und durch Darstellung von Pro- und Contra- Positionen aus der
wissenschaftlichen Literatur ergänzt.
Im Anschluss daran werden der Stil und die Argumentationsweise in den beiden
Publikationen untersucht und der berufliche Hintergrund des Autors recherchiert. Im
abschließenden Fazit wird versucht, aus den diversen Statements eine
Schlussfolgerung zu ziehen.

2. Kernaussagen von Marc Prensky

2.1. Fundamentaler Wandel der Medienwelt – Was bedeutet Singularity?

Prensky geht in seinen Ausführungen davon aus, dass die Änderungen im


Mediennutzungsverhalten in den letzten Jahrzehnten nicht kontinuierlich stattgefunden
haben, sondern plötzlich und sprunghaft erfolgt sind, er bezeichnet dies als
„„singularity„ – an event which changes things so fundamentally that there is
absolutely no going back“ (Prensky, 2001a, S. 1). Witt (2000) spricht vom

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Generationenbruch (Generation-Gap) zwischen der den neuen Medien
aufgeschlossenen Generation und der älteren Generation, die diese Medien eher
ablehnt. Die heutigen Studenten sind die ersten an den Universitäten, die mit den
neuen Medien aufgewachsen sind. Sie haben höchstens 5 000 Stunden mit Lesen von
Büchern verbracht, aber mehr als 10 000 Stunden für Video-Spiele verwendet und 20
000 Stunden vor dem Fernseher gesessen. Aus dem intensiven Gebrauch der digitalen
Medien wird auf ein verändertes Verhalten in verschiedenen Bereichen geschlossen.
Der Feststellung „students think and process information fundamentally differently
from their predecessors” (Prensky, 2001a, S. 1) widerspricht Ebner (2008), der der
heutigen Studentengeneration kein stark geändertes Mediennutzungsverhalten
attestiert. Durch die Auswertung von empirischen Untersuchungen (Kim 2007, Jim
2007 und andere) kommt Schulmeister zur folgenden Schlussfolgerung:
„Die Tatsache, dass heute andere Medien genutzt werden als in früheren
Zeiten, rechtfertigt es nicht, eine ganze Generation als andersartig zu
mystifizieren“ (Schulmeister, 2008, S. 117)

2.2. Digital Natives und Digital Immigrants – Wen meint Prensky damit?

Mark Prensky bezeichnet die heutige Jugend oder die jungen Erwachsenen als „Digital
Natives“, weil sie mit Computer, Video-Spielen, Email und Internet aufgewachsen
und alle diese Dinge ein Teil ihres Lebens sind. Alle diese Errungenschaften der
letzten Jahrzehnte verwenden („sprechen“) sie wie ihre Muttersprache.
„Digital Natives are used to receiving information really fast. They like to
parallel process and multi-task. They prefer their graphics before their text
rather than the opposite. They prefer random access (like hypertext). They
function best when networked.“ (Prensky, 2001a, S. 2).
Es würde den Umfang der Arbeit sprengen auf die einzelnen „Eigenschaften“ der
Natives einzugehen, aber Multitasking z.B. ist nicht nur ein isoliertes Phänomen bei
den Natives, sondern Multitasking ist in allen Altersgruppen zu finden (Vgl.
Schulmeister 2008).

Im Gegensatz zu den Digitals Natives bezeichnet Prensky alle Erwachsenen, die nicht
in die digitale Welt hineingeboren wurden als Digital Immigrants, weil sie die neuen
Medien - wie eine neu erlernte Sprache - mit Akzent verwenden und noch mit einem
Fuß in der Vergangenheit stehen. Die Arbeitsweisen und Fähigkeiten der Natives

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werden von ihnen nicht übernommen, und die Immigrants arbeiten und lernen „slowly,
step-by-step, one thing at a time, individually, and above all, seriously“ (Prensky,
2001a, S. 2). Es ist doch mehr als verwunderlich, dass
„Die Pioniere der Computer- und Medientechnologie, die mit der
Entstehung des Computers aufgewachsen sind, [...]nicht mit Prenskys
Attribut ›Digital Natives‹ gemeint, […]" (Schulmeister, 2008, S. 17) sind,
sondern „diese digitalen Experten“ werden als Digital Immigrants bezeichnet. Ebenso
gilt es für Schulmeister als erwiesen, dass die Nutzerkompetenzen der neuen Medien
nicht auf eine Generation beschränkt sind und die
„Jugendlichen gerade nicht die digitalen Aspekte ihrer Geräte beherrschen,
sich weder technisch mit der Hardware oder dem System Netzwerk
auskennen und beschäftigen noch programmieren können" (ebd., 2008, S.
16).

2.3. Lehren und Lernen – Legacy content versus Future content

Das Thema, wie können Lehrpersonen, die zur Gruppe der Digital Immigrants
gehören, den Schülerinnen und Schülern, die zur Gruppe der Digital Natives gerechnet
werden, Wissen vermitteln, beschäftig Prensky.
„[O]ur Digital Immigrant instructors, who speak an outdated language
(that of the pre-digital age), are struggling to teach a population that speaks
an entirely new language” (Prensky, 2001a, S. 2).
Der Argumentation, dass die heutigen Lehrpersonen nicht im Stande wären, den
Digital Natives das Zukunftswissen zu lehren ist nicht nachvollziehbar, ebenso wenig
wie die Einteilung von Lehrinhalten, Lerninhalten bzw. Wissen in legacy content und
future content (vgl. Schulmeister 2008).
Legacy content ist vererbter, überlieferter (Lehr- und Lern)Inhalt und wird von
Prensky so beschrieben:
„„Legacy‟ content includes reading, writing, arithmetic, logical thinking,
understanding the writings and ideas of the past, etc – all of our
„traditional‟ curriculum“ (Prensky, 2001a, S. 4)
Future content ist meist digital, für die Studentinnen und Studenten von heute äußerst
interessant und wird von Prensky als für die Zukunft richtungsweisend dargestellt:
„„Future‟ content is to a large extent, not surprisingly, digital and
technological. But while it includes software, hardware, robotics,

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nanotechnology, genomics, etc. it also includes the ethics, politics,
sociology, languages and other things that go with them“ (ebd., 2001a, S.4).
Die Einteilung von Wissen in legacy und future ist schwer durchschaubar und
wissenschaftstheoretisch nicht vertretbar (vgl. Schulmeister 2008). Prenkys kritisiert
die herkömmliche Art des Unterrichtens und möchte alle Lerninhalte mittels
Videospiele, also in der Sprache der Digital Natives anbieten. Er glaubt, dass sich das
Digital Game-Based Learning in der Unterrichtsarbeit etablieren und durchsetzen
wird.

2.4. Neurologische Veränderungen des Gehirns durch die Mediennutzung

Prensky erläutert in Digital Natives, Digital Immigrants Part I, dass die


unterschiedlichen Erfahrungen der Kinder und Jugendlichen wahrscheinlich zu
unterschiedlicher Gehirnstruktur führen. Er referiert in Digital Natives, Digital
Immigrants Part II: „I suggested that Digital Natives‟ brains are likely physically
different as a result of the digital input they received growing up” (Prensky, 2001b, S.
1). Er spricht von Plastizität des Hirns und untermauert seine Theorie anhand von
Berichten über Experimente mit Tieren.
Schulmeister (2008) stimmt zu, dass das Gehirn plastisch sei und sich ständig
aufgrund der gemachten Erfahrungen verändere, seine Struktur aber gleich bleibe.
„Es sind keine ANDEREN, ANDERSARTIGEN oder BESONDEREN
Transformationen, die das Hirn durch den Gebrauch der Medien erfährt,
sondern einfach die Prozesse, die bei allen Individuen durch Interagieren
mit den Objekten der realen Welt und durch die kommunikative Interaktion
stattfinden“ (ebd., 2008, S. 19).

3. Marc Prensky

3.1. Berufliches Umfeld

Marc Prensky wurde 1946 in New York geboren, wo er heute noch mit seiner Frau Rie
Takemura und seinem Sohn Sky lebt. Er bezeichnet sich selbst als Redner, Autor und
Visionär. Prensky hat einen Masterabschluss von den Universitäten Yale, Middlebury,
und der Harvard Business School. Er war Konzertmusiker und Schauspieler. Als
Lehrer unterrichtete er Schulklassen von der Unterstufe bis hin zum College. Er war
im Bereich Personalberatung und Technologie bei verschiedenen Firmen beschäftigt

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und gründete das E-Learning-Unternehmen Games2train, das Lernspiele für
Jugendliche und Erwachsene programmiert.
Bücher: Digital Game-Based Learning (2001) und
Don't Bother Me, Mom, I'm Learning (2006)
Artikel und Kolumnen in verschieden Fachzeitschriften:
z.B. Digital Natives, Digital Immigrants (2001)

3.2. Stil und Argumentationsweise in den beiden Publikationen


In den beiden Texten Digital Natives, Digital Immigrants schreibt Prensky in einem
gut lesbaren Stil mit einfacher Satzstruktur. Er verwendet sehr oft vage
Formulierungen (likely) wie zum Beispiel: „I suggested that Digital Natives‟ brains
are likely physically different (Prensky, 2001b). Seine Ausdrucksweise ist nicht
sachlich und auf Fakten beruhend, sondern er baut seine Argumentation auf die
Aussage von Einzelpersonen auf, wie zum Beispiel: „said a kindergarten student“
[…] „complains a high-school student“ (ebd., 2001a, S. 3). Auch George Siemens
fragt sich in seinem Blog: „Why has the idea of immigrants and natives gained so
much ground, in the apparent absence of effective research?“
[http://www.connectivism.ca/?m=200710]. Prensky reiht viele Behauptungen
aneinander. Diese sind kaum wissenschaftlich fundiert, da er keine empirischen
Untersuchungen zitiert. Die Angaben über Lese- und Fernsehgewohnheiten und das
Videospielen der Digital Natives werden auch von Seufert bemängelt:
„Prensky (2001a) hat in einer relativ einfachen Hochrechnung geschätzt,
wieviele Stunden heutige Studienabsolventen mit Lesen, Videospielen und
Fernsehen zugebracht haben“ (Seufert, 2007, S. 8).
Es entspricht nicht den Kriterien einer wissenschaftlichen Arbeit, die
Argumentationsweise auf grob geschätzte Zahlen aufzubauen, denn es ist fraglich, ob
diese mit den tatsächlichen Mediennutzungsgewohnheiten übereinstimmen. Eine
wirkliche wissenschaftliche Studie untermauert und belegt mit Zahlen und
Prozentsätzen (Vgl. JIM 2008 und KIM 2008).

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4. Schlussfolgerungen

Die vorangegangenen Ausführungen haben gezeigt, dass die Frage, ob die


Ausführungen Prenskys in der wissenschaftlichen Community auf Zustimmung
gestoßen sind, relativ klar beantwortet werden kann. Es gibt nur einzelne Teilaspekte,
in denen seine Ausführungen bejaht werden. Insgesamt beruhen seine Ausführungen
auf Einzelaussagen, nicht auf empirisch gewonnenen Daten und sind somit als
unwissenschaftlich entlarvt. Die - auf den ersten Blick - plausiblen Argumente sind
durch geschickte Rhetorik dem Leser offeriert und unkritisch weiterverbreitet worden.
Die in einem suggestiven Stil geschriebenen Texte gehört in ein Magazin oder in eine
Zeitschrift und genügen den Ansprüchen einer wissenschaftlichen Arbeit nicht.
Die Gedanken Prenskys über die Unterschiede in der Mediennutzung der Digital
Natives und Digital Immigrants sind (und waren) aber sicher ein Denkanstoß, um
bezüglich Lehr- und Lernformen neue Wege einzuschlagen. Der Gap oder die
Spaltung ist aber nicht zwischen den Generationen erfolgt, sondern wird in Zukunft,
wenn die Ausbreitung der digitalen Medien so fortschreitet, ein Gap zwischen Usern
und Verweigerern der neuen Medien sein, weil den Verweigerern der Zugang zu
Information und eine zeitgemäße Kommunikation kaum mehr möglich sein wird. Ein
Thema und Forschungsgebiet, das in der Zukunft zu beachten sein wird.

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5. Literaturverzeichnis

(1) Ebner, M. / Schiefner, M. / Nagler, W. (2008). Has the Net-Generation Arrived at the
University? - oder der/die Studierende von heute, ein Digital Native? In Zauchner, S.
(Hrsg.): Offener Bildungsraum Hochschule: Freiheiten und Notwendigkeiten Münster, (S.
113–123).
(2) Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (Hg.) JIM 2008, Jugend, Information,
(Multi-Media [Abgefragt am 17.05.2009]. [online]. http://www.mpfs.de/fileadmin/JIM-
pdf08/JIM-Studie_2008.pdf [Abgefragt am 17.05.2009]
(3) Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (Hg.) KIM-Studie 2008, Kinder und
Medien Computer und Internet [Abgefragt am 17.05.2009]. [online].
http://mpfs.de/fileadmin/KIM-pdf08/KIM08.pdf [Abgefragt am 17.05.2009]
(4) Prensky, M. (2001a). Digital Natives, Digital Immigrants. On the Horizon (NCB
University Press, Vol. 9 No. 5, October 2001). [online].
http://www.marcprensky.com/writing/Prensky%20-
%20Digital%20Natives,%20Digital%20Immigrants%20-%20Part1.pdf [Abgefragt am
10.04.2009]
(5) Prensky, M. (2001b). Digital Immigrants - Part II: Do They Really Think Differently? On
the Horizon (NCB University Press, Vol. 9 No. 6, December 2001). [online].
http://www.marcprensky.com/writing/Prensky%20-
%20Digital%20Natives,%20Digital%20Immigrants%20-%20Part2.pdf [Abgefragt am
10.04.2009]
(6) Reimann, G. (2007). Bologna in Zeiten des Web 2.0 Assessment als Gestaltungsfaktor.
[online]. http://www.imb-uni-augsburg.de/system/files/Arbeitsbericht16.pdf [Abgefragt
am 16.05.2009]
(7) Schulmeister, R. (2008). Gibt es eine »Net Generation«? [online]. http://www.zhw.uni-
hamburg.de/pdfs/Schulmeister_Netzgeneration.pdf [Abgefragt am 10.04.2009]
(8) Seufert, S. (2007). "Ne(x)t Generation Learning" - Was gibt es Neues über das Lernen?:
In: S. Seufert & T. Brahm (Hrsg.): "Ne(x)t Generation Learning": Wikis, Blogs,
Mediacasts & Co. - Social Software und Personal Broadcasting auf der Spur. SCIL-
Arbeitsbericht 12, Universität St. Gallen 2007, S. 2-19. [online].
http://www.scil.ch/fileadmin/Container/Leistungen/Veroeffentlichungen/2007-02-euler-
seufert-next-generation-learning.pdf [Abgefragt am 16.05.2009]
(9) Siemens, G.Digital natives and immigrants: A concept beyond its best before date.
[online]. http://www.connectivism.ca/?m=200710 [Abgefragt am 22.05.2009]
(10) Witt, C. de (2000). Medienbildung für die Netz-Generation. [online].
http://www.medienpaed.com/00-1/deWitt1.pdf [Abgefragt am 16.05.2009]

Die Information über die Person Marc Prensky wurde auf den folgenden Internetseiten
recherchiert.
http://www.ispa.at/index.php?id=1128
http://innovateonline.info/index.php?view=person&id=98
http://en.wikipedia.org/wiki/Marc_Prensky
http://www.marcprensky.com
http://www.games2train.com/

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