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„…ES BLIEB KEIN ANDERER WEG…”

Zeitzeugenberichte und Dokumente aus dem Südtiroler Freiheitskampf

Gedruckt mit Unterstützung von
K U N S T
S Ü D T I R O L S Ü D T I R O L

K U L T U R

der Kulturabteilung für die deutsche und ladinische Volksgruppe in der Südtiroler Landesregierung

Impressum
Herausgeber: Gestaltung, Satz: Druck: ISBN-Nummer: Sepp Mitterhofer, Günther Obwegs Hauger-Fritz, Meran Varesco, Auer 88-8300-008-0

DIE WAHRHEIT
KANN MAN NICHT VERBRENNEN, DENN DIE

WAHRHEIT IST DAS FEUER!

Das wiederholte Lesen der Berichte und Dokumentationen, die das vorliegende Manuskript enthält, bot mir ein aufwühlendens Erlebnis. Die Ausführungen wirkten auf mich wie ein Heldenepos, das in realistischer, dokumentarisch untermauerter und zugleich packender Weise dem Leser ein wahrheitsgetreues Bild vor Augen hält. Das hier Gebotene muss unbedingt als Buch jedermann zugänglich gemacht werden. Es hält nicht nur die Erinnerung an eine Tiroler Heldenzeit wach, sondern stärkt auch das Tiroler Landesbewusstsein, für das es nicht die «Länder Tirol und Südtirol», sondern nur das eine Land Tirol geben darf, wenn es auch auf zwei Staaten aufgeteilt ist. Dr. Egon Kühebacher

INHALTSVERZEICHNIS
Geleitwort Dr. Bruno Hosp ............................................................................................................................. 7 Geleitwort der unterfertigten Freiheitskämpfer ............................................................................................... 9 Vorwort der Herausgeber ............................................................................................................................. 13 Einleitung ...................................................................................................................................................... 15 Die Wurzeln des Widerstandes Hans Stieler .................................................................................................................................................. 21 Warum wir nicht zusehen konnten Sepp Mitterhofer .......................................................................................................................................... 35 Für uns galt es, die Heimat zu retten… Luis Steinegger ............................................................................................................................................. 59 Die «Cura speciale» Luis Gutmann ............................................................................................................................................... 65 Die Freiheit nicht haben und… Sorgen Helmut Kritzinger ......................................................................................................................................... 99 Das Gefängnsleben als politischer Häftling Sepp Mitterhofer ........................................................................................................................................ 107 Mit 32 Jahren ist man halt noch belastbar Johanna Clementi ....................................................................................................................................... 135 Man sah ihm deutlich die Misshandlung an Maria Mitterhofer ....................................................................................................................................... 143 Wie viele Tränen flossen, blieb verborgen Midl von Sölder .......................................................................................................................................... 151 «Ihr Mann, wo ist er?» Rosa Klotz .................................................................................................................................................. 161 Grüß mir die Heimat, die ich mehr geliebt als mein Leben Franz Amplatz und Günther Obwegs ......................................................................................................... 191 Wir Tiroler wollen selber frei entscheiden Ein Rundschreiben von Sepp Kerschbaumer ............................................................................................... 211 Das Leben des Sepp Kerschbaumer Sepp Mitterhofer ........................................................................................................................................ 219 Die Nacht und die Berge gehörten ihnen… – Eine Stimme aus dem Exil Siegfried Steger .......................................................................................................................................... 241 Südtiroler Freiheitskampf – Als Österreicher im Dienst der Sache Univ.-Prof. Dr. Erhard Hartung – Innsbruck ................................................................................................ 257 Die Urteile .................................................................................................................................................. 301 Die Toten .................................................................................................................................................... 325 Und noch kein Ende? ................................................................................................................................. 331 Das Buch und die Wahrheit des Prof. Rolf Steininger ............................................................................... 339 Ein letztes Wort und Dank ......................................................................................................................... 357

GELEITWORT
Dr. Bruno Hosp

Die Aufarbeitung von Geschichte ist nicht immer einfach – vor allem dann nicht, wenn es sich um eine leidvolle und bewegte Geschichte handelt. Im Rückblick sind viele Ereignisse verschieden interpretierbar. Geschichtsschreibung gewinnt dann an Wert, wenn die Geschichte nicht nur von einem Gesichtspunkt, sondern aus verschiedenen Sichtweisen beschrieben und für die Nachwelt festgehalten wird. Das Ringen um Wahrheit spricht sich in einer solchen Pluralität an Sichtweisen in einer demokratischen und gerechten Weise aus; und es bleibt den nachfolgenden Generationen überlassen, sich aus den verschiedenen Quellen ein umfassendes und objektives Urteil über die Geschehnisse zu formen, von denen ihre eigene Welt mit abhängt. Das vorliegende Buch schildert einen Abschnitt der jüngeren Geschichte Südtirols aus der Sicht von ehemaligen politischen Häftlingen und deren Frauen, die selbst an den damaligen Ereignissen Teil hatten. Es bringt damit ei-

nen Gesichtspunkt und eine Leseart ein, die bisher nicht im Vordergrund der öffentlichen Diskussion stand, aber doch mit gesehen werden sollte. Denn jene Südtiroler, die um 1961 – Ende der 50er und Anfang der 60er Jahre – versucht haben, mit spektakulären Mitteln das Weltgewissen auf das Unrecht an ihrer Heimat aufmerksam zu machen, haben bei all ihren Aktionen darauf abgezielt, Menschenleben nicht nur nicht als Mittel der politischen Erpressung einzusetzen, sondern sie überhaupt zu schonen. Eine Vorgangsweise, die sich haushoch über den politischen Terrorismus unserer Tage hinaushebt. Und sie haben zumeist harte und lange Gefängnisstrafen verbüßt, nachdem sie in der Voruntersuchungsphase zum allergrößten Teil Misshandlungen zu erdulden hatten, die einer modernen demokratischen Rechtspflege unwürdig waren. Ich halte es daher für sehr angebracht, dass ihre Erlebnisschilderungen und jene ihrer Frauen, die mitgelitten haben, der Nachwelt überliefert werden.

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Auch einige eingefügte Lebensbilder von Aktivisten der Sechzigerjahre machen Geschichte von der menschlichen Seite her erfahrbar und das ist wichtig, wenn man ihre eigentliche Dimension begreifen will. Die Schicksale, die an Bozen, am 10.04.2000

diese Kapitel Tiroler Geschichte gebunden waren und zum Teil auch noch immer gebunden sind, machen das vorliegende Buch für viele Interessierte zu einem lesenswerten, ja spannenden Dokument. Dr. Bruno Hosp Landesrat für Kultur

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GELEITWORT DER UNTERFERTIGTEN FREIHEITSKÄMPFER
Nachdem die Zeitzeugen – die Freiheitskämpfer der 50er- und 60er Jahre – immer weniger werden, hat sich der Südtiroler Heimatbund (SHB), als Vertretung der Südtiroler politischen Häftlinge zu seinem 25-jährigen Bestandsjubiläum entschlossen, ein Symposium über den Freiheitskampf abzuhalten. Diese Veranstaltung im Grieser Kulturheim übertraf alle Erwartungen, vor allem viele Jugendliche hatten sich eingefunden und reges Interesse gezeigt. Auch das Echo in den Medien war sehr positiv. So wurde die Idee geboren, die Referate der Zeitzeugen mit Berichten von Häftlingsfrauen, Dokumenten und Fotos von Beteiligten der Sechzigerjahre zu erweitern und ein Buch herauszugeben. Wenn auch noch nicht alles gesagt werden kann, so sind die unterfertigten Freiheitskämpfer doch der Meinung, dass es notwendig und richtig ist, der nächsten Generation, vor allem aber der Jugend, ihre persönlichen Erlebnisse und die Ereignisse dieser schicksalsschweren Zeit des Freiheitskampfes in Südtirol und die Gründe, die dazu geführt haben, weiterzugeben. Dieser Lebensabschnitt war nicht nur für die Betroffenen selbst, die ja Folter und Gefängnis erdulden mussten, eine schwere Zeit, sondern auch für deren Familien. Besonders die Frauen und Mütter litten schwer darunter, weil viele den Vater und Familienernährer von einem Tag auf den anderen verloren und so die ganze Last der Erziehung zu tragen hatten und den Lebensunterhalt alleine bestreiten mussten. Wenn sie auch viel Solidarität und Hilfe von Verwandten und Bekannten erfuhren, so waren sie letztendlich doch auf sich allein gestellt und die Sorge um den geliebten Mann oder Sohn blieb Tag und Nacht eine große Last. Außerdem schlug den betroffenen Familien nicht von allen Leuten Solidarität entgegen; es gab genug Personen, welche einen Bogen um sie machten und offen ihre Abneigung zeigten. Die Tatsache, dass auf unseren Höfen und Besitzungen (1961) eine Hypothek von einer Milliarde und dreihundert Millionen Lire lastete, war für uns und unsere Angehörigen noch eine zusätzliche moralische Bürde. Sie wurde erst Mitte der neunziger Jahre nach mühevoller Kleinarbeit von Pepi Fontana – auch ein politischer Häftling – gelöscht. Ebenso hat Pepi Fontana bei der Rehabilitierung vieler politischer Häftlinge mitgearbeitet und, wie auch Dr. Karl Zeller, die mühevolle Arbeit kostenlos

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durchgeführt. Dafür gebührt beiden ein aufrichtiger Dank der politischen Häftlinge. Auch jene Südtiroler dürfen nicht vergessen werden, welche wegen ihres Einsatzes für unsere bedrohte Heimat flüchten mussten und selbst in Österreich damals polizeilich verfolgt wurden und daher ständig auf der Flucht waren. Heute sind sie in Nordtirol ansässig, dürfen aber nicht mehr in die eigene Heimat zurückkehren. Auch für ganz Südtirol war dieser Kampf um Freiheit und Gerechtigkeit eine harte Zeit, denn der italienische Staat reagierte mit brutalen Methoden auf die Anschläge. Neben den schweren Misshandlungen an den politischen Häftlingen – mit Todesfolge bei Franz Höfler und Toni Gostner – hatten die Bewacher öffentlicher Einrichtungen den Befehl, ohne Vorwarnung zu schießen. So wurden am 19. Juni 1961, eine Woche nach der Feuernacht, zwei junge Männer, Hubert Sprenger (Mals) und Sepp Locher (Sarnthein), unschuldig erschossen. Auch Peter Thaler, der beim italienischen Heer im Dienst war, wurde eine Woche später in Welsberg von einem italienischen Offizier «versehentlich» erschossen. Zahllose Hausdurchsuchungen – wobei es immer wieder zu menschenrechtswidrigen Übergriffen kam – wurden im ganzen Land durchgeführt. Mehrere

Gasthöfe wurden für polizeiliche Zwecke beschlagnahmt, es herrschte regelrechter Ausnahmezustand. Immer wieder ließ sich der italienische Staat, vertreten durch Carabinieri, Polizei und Geheimdienst, zu brutalen Übergriffen hinreissen. Der Meuchelmord an Luis Amplatz, ausgeführt von Christian Kerbler, war vom italienischen Geheimdienst gesteuert. Oder die unmenschlichen Repressalien in Tesselberg bei Bruneck, wo es nur einem mutigen Offizier, Oberstleutnant Giudici, zu verdanken war, dass nicht fünfzehn Tesselberger unschuldig erschossen worden sind. Das sind nur zwei Beispiele von vielen. Auch die Südtiroler Volkspartei geriet unter Druck und lief Gefahr, aufgelöst zu werden, denn die Italiener glaubten, dass sie die Hände bei den Anschlägen mit im Spiel hatte. Wenn wir bei den Verhören den Mund aufgemacht hätten, dann wären wohl mehrere Spitzenfunktionäre der SVP mit uns hinter Gitter gewandert. Aber wir haben trotz Folterungen in dieser Hinsicht dicht gehalten und das war auch besser so. Allerdings hat es uns die SVP nachher nicht gedankt, denn sie hat uns Selbstbestimmungsbefürworter bekämpft, wo sie nur konnte, und das stellt den Vertretern dieser Partei kein gutes Zeugnis aus. 1976 bei der Landesversammlung der SVP in Meran hat uns dann der Obmann,

Dr. Silvius Magnago, moralisch rehabilitiert. Ein Jahr zuvor hatte der damalige Ortsobmann der SVP und Bürgermeister von Ritten, Dr. Bruno Hosp, bei der Landesversammlung der SVP in einer patriotischen Rede die Rehabilitierung der politischen Häftlinge gefordert. Die Gründe, welche zu diesem Aufbzw. Widerstand in Südtirol gegen die italienische Staatsmacht geführt haben, werden im Buch selbst ausführlich dargelegt. Es war nicht möglich, alle Beteiligten zu Wort kommen zu lassen, denn das würde einerseits den Rahmen sprengen und andererseits sind viele nicht bereit, über diesen schweren Zeitabschnitt ihres Lebens zu reden, weil ihre Erlebnisse so einschneidend waren, dass sie sich ganz zurückgezogen haben. Dieses Buch soll nur einen bescheidenen Einblick in die schicksalhafte Zeit der Sechzigerjahre geben und ist ein Versuch, den nachfolgenden Generationen zu zeigen, dass wir nicht aus Abenteuerlust, sondern aus Idealismus gehandelt haben. Es war ein verzweifeltes Ringen, um unserem Volk, das sich sozial und volkstumspolitisch in einem Notstand befand, ein besseres Leben zu ermöglichen. Wenn wir unser Ziel – die Wiedervereinigung Tirols – auch nicht erreicht haben, so glauben wir doch, durch unseren damaligen Einsatz einen wichtigen Beitrag geleistet zu haben, dass es uns Südtirolern heute wesentlich besser geht.

Ob wir durch die verbesserte Autonomie eine größere Chance haben, südlich des Brenners als Tiroler zu überleben, ist absolut offen. Der Geldsegen aus Rom wird gezielt eingesetzt und der Wohlstand macht die Südtiroler satt und müde. Der Wille zum Volkstumskampf wird geschwächt, die Werte verschieben sich immer mehr, der Idealismus geht vielfach verloren und der Materialismus mit all seinen Nachteilen rückt in den Vordergrund. Die Grenzen zwischen deutscher und italienischer Kultur und Mentalität werden immer mehr verschoben und vermischt. Unser Ziel muss nach wie vor ein vereintes Tirol sein, denn es soll wieder zusammenwachsen, was zusammengehört. Noch ein Wort an jene Personen, welche heute, 40 Jahre nach den geschilderten Ereignissen, glauben, alles besser zu wissen und versuchen, die Freiheitskämpfer von damals in «Brave» und «Böse» einzuteilen, ohne genaue Kenntnis der damaligen Lage und Ereignisse zu besitzen.: Es ist zu einfach und anmaßend nebenbei, heute über diese Männer ein Urteil zu fällen, welche um der Freiheit unseres Landes willen Leib und Leben aufs Spiel gesetzt haben. Wo waren denn diese Kritiker damals, als es den Südtirolern politisch und sozial so dreckig ging, dass viele Tausende junge Männer ins Ausland gehen

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mussten, weil in der Heimat die öffentlichen Stellen zu 90% von Italienern besetzt waren? Wo waren sie, die heute so leichtfertig über die Freiheitskämpfer urteilen, als wir von menschlichen Bestien gefoltert wurden? Haben sie unsere Schreie aus den Kasernen nicht gehört oder wollten sie sie nicht hören? Haben sie sich damals für uns, unsere stark bedrohte Volksgruppe und für die Südtiroler, die flüchten mussten, auch so energisch eingesetzt, wie sie jetzt darüber urteilen? Jene, die damals zu jung waren, können zwar nichts dafür, sie können sich aber heute bei ihren Eltern oder bei den noch lebenden Zeitzeugen informieren, in welch bedrohlicher Lage sich unsere Heimat befand. Nur so können sie sich

ein gerechtes Urteil über diese Männer bilden. Eine Aussage von Dr. Silvius Magnago klingt für die damalige Zeit sehr treffend: «Eine außerordentliche Situation erfordert außerordentliche Maßnahmen!» Abschließend möchten wir Univ. Professor Dr. Erhard Hartung einen aufrichtigen Dank aussprechen für die Mitgestaltung dieses Buches und für die gute Zusammenarbeit der Südtiroler und Nordtiroler Freiheitskämpfer. Einen herzlichen Dank aussprechen möchten wir auch all jenen Frauen und Männern in Südtirol, Österreich und Deutschland, welche uns und unseren Familien in den 60er Jahren beigestanden sind und unterstützt haben! Die Freiheitskämpfer

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VORWORT DER HERAUSGEBER
Als wir uns die Aufgabe gestellt haben, dieses Buch zu schreiben, erschien es uns zuerst ein Leichtes. Doch bald mussten wir feststellen, dass es eine harte Arbeit werden würde. Angespornt von der Hilfe all unserer Freunde und angetrieben vom Bewusstsein, etwas Wichtiges und Gutes für unsere Heimat zu tun, haben wir das Abenteuer der Herausgabe gemeinsam gewagt. Ausgangspunkt dieses Buches war das im November 1999 vom Südtiroler Heimatbund in Bozen abgehaltene Symposium zum Thema «Der Südtiroler Freiheitskampf in den 60er Jahren». Anlässlich dieser Veranstaltung erhielten zum ersten Mal die direkt Betroffenen das Wort. So entstand eine Sammlung von persönlichen Erinnerungen, Wissen und Schicksalen von Menschen, die, als es um Südtirol nicht gut stand, direkt oder indirekt in den Widerstand gegen den fremden Staat verwickelt waren. Ergänzt wurden diese Berichte durch Informationen und Dokumente, die jahrelang gesammelt wurden und durch Notizen aus zahllosen Gesprächen und Treffen, gemeinsam aufgewärmte gute und böse Erinnerungen. Dem geschätzten Leser möchten wir schon jetzt mitteilen, dass wir durch dieses Buch zwei Ziele erreichen wollen. Einmal sollten die beschriebenen Ereignisse der heutigen Jugend vermittelt und für künftige Generationen aufbewahrt werden. Weiters sollte den vielen Lügen und Unwahrheiten, welche in den letzten Jahren über den Freiheitskampf der 60er Jahre gesagt und geschrieben wurden, endlich die Wahrheit gegenübergestellt werden. Endlich die Betroffenen selbst zu Wort kommen zu lassen, eine Recherche vor Ort, das galt uns als oberster Grundsatz. Für das Buch können wir nicht den Anspruch der Vollständigkeit erheben. Einer der ersten vorgeschlagenen Titel lautete «Die Wahrheit», aber bald mussten wir feststellen, dass zur «Wahrheit» der gute Wille unsererseits niemals genügen könnte. Erst wenn der italienische Staat als der Mächtigere in diesem ungleichen Kampf von seinen finsteren Methoden der Geheimpolitik, der fehlgeleiteten Geheimdienste Abstand nehmen und alle Geheimarchive öffnen wird, wird es möglich sein, die gesamte Wahrheit zu erfahren. Dies wäre auch eine grundlegende Voraussetzung, ein

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gutes und festes Fundament zu bauen, auf dem man einen wahren Frieden in unserer Heimat verwirklichen kann. «Es blieb kein anderer Weg …» war dann der Titel, auf den wir uns einigten. Ein Zitat aus einem Brief von Jörg Pircher, der 1966 aus dem Gefängnis geschmuggelt wurde und zeigt, wie ungebrochen der Wille der inhaftierten, verfolgten und noch aktiven Freiheitskämpfer bis zuletzt blieb. Es war nicht immer leicht, verschiedene Erinnerungen, Erfahrungen und Meinungen in Einklang zu bringen; aber dabei hat sich die Mischung zwischen

Alt und Jung, zwischen Erfahrung und Wissensdurst aufs Beste bewährt. Es war unsere Absicht, das Buch – soweit es möglich war – leicht und für alle verständlich zu schreiben – ohne umständliche Floskeln oder mit vielen schönen, aber leeren Worten, wie es heute oft üblich ist – , denn es soll ein Lesebuch für alle werden, die dem Schicksal ihrer Heimat nicht gleichgültig gegenüberstehen und aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen wollen. Sepp Mitterhofer & Günther Obwegs

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EINLEITUNG
Sofort nach Kriegsende am 8. Mai 1945 versuchten verschiedene Südtiroler Kontakt zu den alliierten Streitkräften aufzunehmen, um eine Wiederangliederung Südtirols an Österreich zu erreichen. Man hoffte auf die Durchsetzung des Selbstbestimmungsrechtes, das den Südtirolern bereits 1918 verwehrt worden war. Die gesamte Bevölkerung richtete ihre Aufmerksamkeit auf die Alliierten in der Erwartung, dass diese nicht die Augen vor der offenen Tirol- bzw. Südtirolfrage verschließen würden, sondern für sie und nicht für die italienischen Nationalisten Partei ergreifen würden. Zu diesem Zwecke wurden kurz nach Kriegsende im ganzen Land Unterschriften für die Selbstbestimmung und für die Wiedervereinigung mit Österreich gesammelt. Fast jeder wahlberechtigte Südtiroler unterstützte diese Forderung mit seiner Unterschrift. Der Volkswille blieb jedoch von der hohen Politik unbeachtet. Die nach dem Diktatfrieden von St. Germain an Tirol verübte Teilung wurde nicht behoben, die Südtiroler mussten sich mit einer Kompromisslösung zufrieden geben. Durch ein internationales Abkommen, dem sogenannten Pariser Vertrag, sollte der deutschen Volksgruppe (die ladinische wurde vollkommen ignoriert) Sicherheit und Überleben gewährleistet werden. Den Südtirolern wurden dadurch zwar einige Grundrechte zugestanden, aber Italien hatte nur unter dem Druck der Alliierten der Aufnahme dieses Minderheitenschutzvertrages – dem Friedensvertrag – zugestimmt und, obwohl es sich um einen internationalen Vertrag handelte, war es von Beginn an nicht gewillt, sich daran zu halten. Italien ging es hauptsächlich darum, sich durch den Friedensvertrag den territorialen Besitz Südtirols zu sichern. Als Rom sich wieder gestärkt fühlte, wurden die Italienisierungspläne des faschistischen Regimes vielerorts wieder aufgegriffen und fortgeführt. Dazu gehörte besonders die Bestrebung, die deutsche Bevölkerung durch die staatlich geförderte Massenzuwanderung von Italienern zu minorisieren. Im Sinne dieser Aktionen wurde der Pariser Vertrag bzw. die Autonomie nicht nur auf Südtirol und die angrenzenden deutschen Gemeinden (einige Gemeinden des Unterlandes gehörten damals noch zur Provinz Trient) beschränkt, sondern auf die gesamte Region Trentino-Tiroler Etsch-

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land ausgeweitet. Dadurch stellten die Südtiroler deutscher und ladinischer Muttersprache eine Minderheit in der Region dar. Die Bevölkerung Südtirols verfolgte diese Entwicklung mit größter Aufmerksamkeit. Groß war damals das Interesse auch der kleinen Leute am politischen Geschehen. Bereits am 8. Mai 1945 gründeten einige Südtiroler mit der Genehmigung der alliierten Streitkräfte die Südtiroler Volkspartei, unter der Führung von Erich Ammon. Ihr oberstes Ziel war die Erlangung des Selbstbestimmungsrechtes für Südtirol. Neben den alliierten Truppen wurde Südtirol nach Kriegsende auch von kleineren italienischen Partisaneneinheiten aus anderen Provinzen und den sogenannten «Badoglio-Truppen» besetzt. Der CLN (Comitato di liberazione nazionale) erhob sofort wieder Anspruch auf die Brennergrenze. Immer wieder kam es zu einzelnen, schweren und weniger schweren Übergriffen dieser italienischen Militäreinheiten. Vor allem Soldaten der «Folgore» (eine Fallschirmjägereinheit der Badoglio-Truppen), die erst kurz vor Kriegsende dem Faschismus den Rücken gekehrt hatte, beteiligte sich an diesen Ausschreitungen. Die SVP organisierte zahlreiche Kundgebungen für die Selbstbestimmung. Man wollte versuchen, eine friedliche Lösung des Problems herbeizufüh-

ren. In der Zwischenzeit begann sich jedoch auch ein anderer, vom Volk ausgehender Widerstand zu bilden. Im Laufe ihres Rückzuges hatten die deutschen Truppenverbände viele Waffen, Munition und anderes Kriegsgerät in Südtirol zurückgelassen. Ein Teil des Südtiroler Polizeiregiments Alpenvorland wäre bereit gewesen, die nachrückenden Italiener mit Waffengewalt aufzuhalten, um den Alliierten ein Südtirol mit deutscher Verwaltung zu übergeben. Aber es fand sich keine Persönlichkeit in der Politik die dafür die Verantwortung übernehmen wollte. Einzelne Südtiroler, ehemalige Frontkämpfer vor allem, begannen bereits in jenen Jahren, solche Waffen für einen eventuellen Notfall zu horten. Wären in dieser ersten Zeit nach der Kapitulation und dem Kriegsende nicht die alliierten Truppen anwesend gewesen, die für Ruhe und Ordnung sorgten, so wäre es wahrscheinlich schon damals zu einem gewalttätigen bzw. bewaffneten Konflikt zwischen den italienischen Besatzungstruppen und Südtirolern gekommen. Die Südtiroler Bevölkerung setzte ihr Vertrauen in die Wirkung politischer Verhandlungen und hoffte weiterhin, gewaltlos die gerechte Durchführung des Pariser Vertrages und der damit zugesicherten Rechte zu erlangen. Aber immer augenscheinlicher wurde auch für den einzelnen Südtiroler die

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Auszug aus der „Alto Adige« vom 24. Jänner1957

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Missachtung der zugesicherten Rechte. Es war damals für einen Südtiroler sehr schwer, eine Arbeit zu finden und geradezu unmöglich, eine Stelle im öffentlichen Dienst anzutreten. Diese Arbeitsplätze waren fast ausnahmslos den zugewanderten Italienern vorbehalten. Oft zögerten die Südtiroler auch, sich um einen derartigen Posten zu bewerben, da die Polizei-, Carabinieri-, Steuerbeamte und andere, verhasste Personen waren. Genauso aussichtslos war es für einen Südtiroler, eine Volkswohnung zu erhalten. Josef Fontana schreibt dazu: «…Ein Neumarkter wollte von einem ihm bekannten Beamten erfahren, ob er die Voraussetzung für die Zuteilung einer solchen Wohnung erfülle. Der Beamte meinte, vom sozialen Standpunkt aus gesehen sicher, vom politischen aber nur vielleicht. Sein Fall sei nicht ganz aussichtslos, weil er einen italienischen Familienname trage, doch müsse er ihm raten, ja nicht als Deutscher aufzufallen, denn sonst sei jede Chance vertan…» Aus diesen Gründen gingen viele nach Deutschland, Österreich oder in die Schweiz, um Arbeit zu finden. Eine große Anzahl Italiener kam in derselben Zeit ins Land, da ihnen eine sichere Arbeit und auch eine Wohnung versprochen worden waren. Die Italienisierung des Landes ging stetig voran. Von 1946 bis

1956 wurden in Bozen 4.100 Volkswohnungen gebaut, von denen 3.854 an Italiener und 246 an Südtiroler gingen – das sind ganze 6%. Diskriminiert wurden die Südtiroler auch von der italienischen Justiz und Polizei: Es gab zum Beispiel zahlreiche Geld- und Gefängnisstrafen für unbedeutendste Dinge, wie etwa das Anmalen der Fensterläden in den Tiroler Landesfarben, die Beleidigung der italienischen Streitkräfte durch die Magenwinde eines ahnungslosen Tiroler Bauern, das Hissen der Landesfahne usw. In dieser Zeit warnte Kanonikus Michael Gamper, damaliger Chefredakteur der Tageszeitung «Dolomiten» und geistiger Führer der Südtiroler, immer wieder vor einem neuen Todesmarsch der Südtiroler Volksgruppe. Im Jahre 1953 schrieb er in einem Artikel der «Dolomiten»: «…Zu vielen Zehntausenden sind nach 1945 und nach Abschluss des Pariser Vertrages Italiener aus den südlichen Provinzen in unser Land eingewandert, während zur gleichen Zeit die Rückkehr von einigen Tausenden unserer umgesiedelten Landsleute unterbunden wurde. Fast mit mathematischer Sicherheit können wir den Zeitpunkt errechnen, zu dem wir nicht bloß innerhalb der zu unserer Majorisierung geschaffenen Region, sondern auch innerhalb der engeren Landesgrenzen eine wehrlose Minderheit bilden werden… Es

ist ein Todesmarsch, auf dem wir Südtiroler uns befinden, wenn nicht noch in letzter Stunde Rettung kommt…» 1945 kam es landesweit zu einer gut organisierten «Schmieraktion». Innerhalb einer Nacht wurden im gesamten Land auf Mauern, Häusern usw. Parolen wie «Laßt uns frei!», «Freiheit für Südtirol!» oder «Nieder mit De Gasperi!» geschrieben. Diese Aktionen wurden anschließend immer wieder im kleineren Rahmen wiederholt. In den ersten Nachkriegsjahren kam es auch zu einzelnen demonstrativen Sprengstoffanschlägen: So zum Beispiel 1946 in

Auer, Kaltern und Atzwang, 1947 in Gargazon, Mals, Waidbruck und Montan. Doch handelte es sich hierbei um Taten von einzelnen Südtiroler Patrioten. Die sogenannte Stieler-Gruppe stellte die erste, größere und organisierte Widerstandsgruppe in Südtirol dar. Nachdem die Gruppe 1956 durch Verhaftung und Verurteilung der meisten Mitglieder, welche fast ausschließlich aus dem Bozner Raum stammten, zerschlagen wurde, begannen andere, landesweit eine Widerstandsorganisation aufzubauen, welche dann zum BAS–Befreiungsausschuss Südtirol wurde.

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DIE WURZELN DES WIDERSTANDES
von Hans Stieler
Hans Stieler wurde im Jahre 1926 in Gries bei Bozen geboren. Schon kurz nach seiner Geburt begann für ihn der Zwang der Fremdherrschaft: Anstatt eines Johannes oder Hans wurde aus ihm amtlich ein Giovanni. Seine Kindheit und früheste Jugend wurden vom Existenzkampf der Südtiroler Volksgruppe gegen das faschistische Regime geprägt, das mit allen Mitteln aus den neu eroberten Gebieten südlich des Brenners ein rein italienisches Gebiet – das Alto Adige – machen wollte. Es war damals ein alltäglicher Kampf, den jeder einzelne, so wie auch die gesamte deutsche und ladinische Bevölkerung, bestehen musste. Das Leben war ein ständiges sich Behaupten gegen faschistische Übergriffe und Schikanen. In Bozen war damals der Druck gegen alles Deutsche und Tirolerische besonders widerlich und unerträglich. Innerhalb weniger Jahre wurde diese Stadt auf Betreiben des faschistischen Staates umgewandelt und verlor immer schneller seinen ursprünglichen Charakter. Rein italienische Schulen sowie die Katakombenschule nebenher zur Notwehr, um sich als Tiroler behaupten zu können, das sind die ersten Erlebnisse, die Hans Stieler, wie viele andere Südtiroler Kinder damals prägten. 1939 kam es zum unseligen Abkommen zwischen Hans Stieler den zwei Diktatoren Hitler und Mussolini, die dem leidigen Südtirolproblem, welches ihrer Zweckfreundschaft und Waffenbrüderschaft im Wege stand, ein Ende setzen wollten. Im Rahmen der Option wurden die Südtiroler gezwungen, sich entweder für ihr Volkstum zu entscheiden, aber auf ihre angestammte Heimat zu verzichten oder vielleicht in der Heimat bleiben, aber dann die eigene Volkszugehörigkeit und Herkunft zu verleugnen. Was damals geschah, was damals in den Herzen der Menschen vorging, wie groß der innere Zwist und die Zweifel waren, ist heute schwer nachvollziehbar. Genauso schwer ist es, darüber zu urteilen, auch wenn gerade heute sich manche im schnellen Urteilen leicht tun und so manches scheinbar sachliche und geschichtliche Urteil oft nichts anderes als ein reines Vorurteil ist. Stielers Eltern entschieden sich fürs Deutschbleiben. 1944 wurde Hans zum Wehrdienst eingezogen. 1945 geriet er in Gefangenschaft und Ende 1945 kehr-

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te er heim. Fünf Stunden vor seiner Heimkehr war sein Vater infolge eines Arbeitsunfalles gestorben. Es folgte für ihn die erste große Herausforderung, der Wiederaufbau des von neun Bomben zerstörten Pachthofes seiner Eltern. 1948 begann er nebenher als Kraftfahrzeugfahrer bei Athesia, da die Besitzer des Pachthofes Verkaufsabsichten äußerten. 1949 bot ihm, bei einer Heimfahrt nach Redaktionsschluss, Kanonikus Michael Gamper die Schulung zum Buchdrucker an. Hans nahm an und übte dann bis zu seiner Verhaftung diesen Beruf aus. Er war damals auch acht Jahre lang Mitglied der Musikkapelle Zwölfmalgrein. Selbst vom Schicksal seiner Heimat gezeichnet, war es für ihn immer eine Selbstverständlichkeit, sich für die Belange und Nöte der Heimat einzusetzen. Diesen Einsatz verfolgte er bis zur letzten Konsequenz und mit der festen Überzeugung, einzig und allein dem Wohle der Heimat zu dienen. Die Folgen dieser Überzeugung waren drei Verhaftungen (1957 – 1962 – 1987), fünf Prozesse, drei Jahre Gefängnis, unzählige Hausdurchsuchungen und Verhöre durch Polizei, Carabinieri und Geheimdienstleute. Hans Stieler war immer ein Mann der Tat. Als 34-Jähriger setzte er sich ab 1964 für drei Jahre wieder auf die Schulbank, um seinen dritten Beruf zu erlernen. Mit 37 Jahren baute er dann gemeinsam mit

seinen Brüdern Toni und Karl eine Baufirma auf. 1974 wurde die Schicksalsgemeinschaft der politischen Häftlinge als Südtiroler Heimatbund gegründet. Bis 1990 war Hans Stieler dessen Obmann, seit 1990 ist er Obmannstellvertreter. Seit Gründung der Union für Südtirol 1989 ist er im Hauptausschuss und immer an vorderster politischer Front tätig. Viele interessante politische Begegnungen mit österreichischen, italienischen und anderen Politikern sowie Persönlichkeiten haben in seinem Leben eine prägende Rolle gespielt und ihm so manche ernüchternde Erkenntnis erbracht. Genau wie sein Leben vom Einsatz für die Heimat geprägt wurde, so sind auch seine Gedanken und seine Sprache von diesem Eifer gezeichnet: «Michail Gorbatschow sagte am 6. März 1992 in München: «Bestehende Probleme sollten bis an ihre Wurzeln gelöst werden.» Die Wurzel des SüdtirolProblems ist und bleibt der nach dem Ersten Weltkrieg erfolgte Zugriff Italiens auf das südliche Tirol und der imperialistische Expansionstrieb dieser Nation. Bei den Friedensverhandlungen 1919 trafen die «Siegermächte», in ihrem Rausch von Selbstherrlichkeit und Machtgier, ungerechte und verantwortungslose Entscheidungen. Gebietszuteilungen und neue Grenzen wurden willkürlich festgelegt,

ohne Rücksicht auf den Willen oder das Mitentscheidungsrecht der jeweils betroffenen Bevölkerung und deren volkliches wie territoriales Zusammengehörigkeitsempfinden. So wurde 1919, mittels Annexion, Südtirol an Italien verschachert und damit der Grundstein eines politischen Unrechtes im Herzen Europas gelegt, welches für Land und Volk unvorstellbare Folgen mitsichbrachte und die bis heute anhalten. Fortan musste man schon damals feststellen und zusehen, wie die fremden und unerwünschten Machthaber versuchten, den annektierten Teil Tirols zu italienisieren und dessen angestammte Bevölkerung zu zwingen, etwas anderes zu sein, als sie waren; man wollte sie ganz einfach in Italiener verwandeln. Man begann mit der Abschaffung der geschichtlich gewachsenen Ortsbezeichnungen, der Name «Tirol» wurde verboten. Es folgte die Abschaffung der deutschen Schulen, die Tiroler Lehrer wurden in die welschen Provinzen versetzt und bei Weigerung drohte ihnen das Berufsverbot. Gar einige wurden «confiniert» oder sie wanderten schon damals nach Österreich aus. Deutsche Taufnamen und vieles andere mehr wurden nicht mehr zugelassen. Aus diesem Zwang heraus entstanden dann die Katakombenschulen.

Die wehrpflichtigen Südtiroler wurden von Anfang an zum italienischen Wehrdienst gezwungen und in den 30er Jahren sogar nach Abessinien geschickt, um ein weiteres Volk unterjochen zu helfen. Ziemlich bald nach der Annexion wurden sämtliche Vereinigungen und Verbände aufgelöst und ihr Vermögen einfach beschlagnahmt. Alle deutschen Bürgermeister wurden durch italienische
Kanonikus Michael Gamper galt bis zu seinem Tod als Leitfigur des Südtiroler Widerstandes gegen die Italienisierungsversuche Südtirols. Unermüdlich arbeitete er mit Worten und Schriften für die Rechte seiner Heimat. Er starb 1956 und die Südtiroler verloren mit ihm eine wichtige Leitfigur in jener harten Zeit.

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«podestà» ersetzt, die Amtssprache war nur mehr italienisch, und wer noch ein öffentliches Amt bekleidete, den zwang man, seinen Familiennamen zu italienisieren; sonst drohte ihm die Entlassung. Die Umerziehung zum Faschisten begann in der Schule. Vom «figlio della lupa» sollte man «ballila» und dann zum

«avanguardista» werden, die Uniform wurde gratis zur Verfügung gestellt. Dieser ständige Druck und die Unterdrückung alles Tirolerischen wurde immer unerträglicher. Das Ziel der damaligen Machthaber war die ethnische Säuberung Südtirols, ein lang ersehnter Wunsch der Tolomei-Politik. 1939, vor

Unser Appell an die Friedenskonferenz
Wir richten daher den eindringlichsten und beharrlichsten Appell an alle Nationen, die an der Friedenskonferenz teilnehmen: Lasst nicht zu, dass unser Glaube an die Gerechtigkeit und Ehrlichkeit der Prinzipien der Atlantik-Charta erschüttert werden! Laßt nicht zu, dass ein freies Bergvolk seiner Zerstörung preisgegeben wird! Gebt uns unser Recht auf Selbstbestimmung! Gebt uns e i n e f r e i e V o l k s a b s t i m m u n g für das ganze Gebiet, vom Brenner bis zur Salurner Klause, für alle Männer und Frauen, die in diesem Land geboren sind, um über das Schicksal Süd-Tirols zu entscheiden! Bozen, am 18. Juli 1946 Die Südtiroler Volkspartei Der Präsident gez. Erich Amonn Der Generalsekretär gez. Dr. Josef Raffeiner Der Präsident gez. Lorenz Unterkircher

Die Sozialdemokratische Partei Südtirols

Die zuletzt frei gewählten Süd-Tiroler Mitglieder im italienischen Parlament: gezeichnet: Friedrich Graf Toggenburg Paul Freiherr von Sternbach Dr. Willy von Walther Dr. Karl Tinzl

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Die zuletzt frei gewählten Mitglieder des Tiroler Landtages: gezeichnet: Johann Frick Dr. Paul von Grabmayr Johann Pichler Franz von Guggenberg Franz Habicher Sebastian Feichter

Anton Winkler Josef Menz

der geplanten Option, war laut Aufzeichnungen ein besonders gehässiger Druck verspürbar, so, als wollte man gezielt die Südtiroler zu einer massiven Abwanderungsbereitschaft treiben. Die «Option», diese teuflische Verbrecheridee, entstand im Einverständnis zwischen Mussolini und Hitler und erlangte am 23. Juni 1939 ihre Rechtskraft. Die vorausgegangene, jahrelange, faschistische Tyrannisierung hatte auch am 31. Dezember 1939 ihre volle Wirkung gezeigt: Über 90 % der Südtiroler entschieden sich nämlich – wenn auch vielfach widerwillig – für die Abwanderung, bestätigten somit ihre Identität als Deutsche, um einer geplanten Verwelschung zu entgehen. Zudem stand damals Deutschland am Brenner und niemand fragte, welches Deutschland. Selbst diese erzwungene Abwanderung wurde für denjenigen, der das faschistische Joch erlebt hatte, noch als eine Art Befreiung empfunden. Nicht weniger tiroltreu waren jene Landsleute, denen die Liebe zur Heimat mehr bedeutete als das Bekenntnis zum Deutschbleiben und die sich für das Dableiben entschieden. Für beide Seiten und Gruppen war das Kriegsende 1945 auch die Hoffnung auf Nichtigkeit dieses verbrecherischen Optionsabkommens. Mit neuen Hoffnungen auf eine gerechte politische Regelung der Südtirol-Frage blickte man sehn-

suchtsvoll einer besseren politischen Zukunft entgegen. Im Mai 1945 wurde die «Südtiroler Volkspartei» gegründet, mit welcher man glaubte, die Wiedergutmachung des vorausgegangenen Politverbrechens erreichen zu können, um endlich wieder in Frieden und Freiheit zu einem wiedervereinten Tirol zurückzufinden. Damit wurden 1945-46 landesweit mit Begeisterung an die 160.000 Unterschriften gesammelt und im April 1946 in Innsbruck dem Landeshauptmann als lebendiges Bekenntnis zur Wiedervereinigung Tirols übergeben. Im Juni 1946 folgte die große HerzJesu-Prozession von Bozen nach Gries, ein weiteres Bekenntnis zu Tirol, dem anschließend eine Kundgebung auf Schloss Sigmundskron folgte, wo wieder die Vereinigung Tirols durch Selbstbestimmung gefordert wurde. Im Sommer 1946 schickte dann die SVP eine Delegation ihrer Leute mit dem unmissverständlichen Verlangen nach Selbstbestimmung zu den Friedensverhandlungen nach Paris. Die erneute Forderung nach Selbstbestimmung wurde wiederum abgelehnt, dafür kehrte die Delegation mit dem sogenannten «Pariser Vertrag» heim, welcher eine sehr unvollständige Autonomie vorsah. Aber diese war unmissverständlich nur vom Brenner bis Salurn gedacht.

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Das Vertrauen und Hoffen der Südtiroler auf eine gerechte Lösung wurde damals stark gedämpft, denn die Wiedervereinigungsaussicht rückte wieder in die Ferne. Es begann wieder alles von vorne; zusehends bestätigte sich die Fortsetzung der faschistischen Ziele, dieses Mal unter dem Deckmantel der Demokratie. Das Kriegsende bedeutete zwar das Ende des faschistischen Systems, aber die Faschisten und ihre Absichten sind geblieben und leben immer noch weiter. Italien, damals unter Führung des inzwischen «fast» heiligen Alcide Degasperi, brachte es 1948 fertig, die Zustimmung
Die Stieler-Gruppe beim Prozess

der damaligen SVP-Führung zur Ausweitung der Südtirol-Autonomie (Pariser Vertrag) auf das Trentino zu erhalten, was die Südtiroler von da an wieder in eine volkliche Unterlegenheit führte. In Sigmundskron 1957 verlangte dieselbe Partei scheinheiligerweise ein «Los von Trient», das Gegenteil von dem, wozu sie neun Jahre vorher, ohne Zustimmung des Volkes, ihr Einverständnis gegeben hatte. Damit begann die SVPFührung meines Erachtens eine politische Dummheit und einen unverzeihlichen Verrat an unserer Heimat und an all jenen 160.000 Wiedervereinigungsunterzeichnern, die damit in verantwortungs-

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loser Weise und Gleichgültigkeit hintergangen, missachtet und ignoriert wurden. Mit diesem für Südtirol verhängnisvollen Handstreich fühlten sich die Italiener im Fortsetzen ihres Zieles gestärkt: Massive Zuwanderung setzte wieder ein, Grundenteignungen für Industrie und Volkswohnbau wurden vorgenommen, um die Italienisierungspolitik weiter voranzutreiben. Für die angestammte Bevölkerung aber bestand kaum Zugang zu Arbeit und Wohnungen, was wiederum eine erneute ethnische Säuberung zur Folge hatte. Viele unserer jungen Leute waren gezwungen, im Ausland Arbeit und ein Zuhause zu suchen (an die 10.000). Heute missbraucht man diese Landsleute noch als Stimmenlieferanten bei Wahlen. Im Übrigen bleiben sie Heimatferne, und niemand schert sich um ihre Rückkehr. Auch die Kriegsinvaliden waren damals immer noch ohne Unterstützung und es fehlte an vielem, was sich verstärkt gegen die Südtiroler stellte. Die einzige deutsche Tageszeitung «Dolomiten» unter der Federführung des unvergesslichen Kanonikus Michael Gamper, Kämpfer für Tirol, brachte im Vergleich zu heute immer die politisch brennenden Probleme unseres Landes auf der ersten Seite, heute findet man sie, wenn überhaupt, im Lokalteil und meistens parteipolitisch zurechtgebogen.

Wem die politische Südtirol-Entwicklung echt ein Herzensanliegen war, der musste ab 1948 zusehends feststellen, wie sich die wachsende Benachteiligung zu Ungunsten Südtirols immer mehr zuspitzte. Diese Nachkriegsjahre waren geprägt von politischem Unverständnis, Enttäuschungen, Aussichtslosigkeit und Zorn, bis hin zum aktiven Widerstand, überprüfbar im Buch «Es stand nicht gut um Südtirol» von Franz Widmann. Die erste Widerstandsgruppe, genannt die «Stieler-Gruppe», entstand im Herbst 1955, geprägt von Verbitterung und düsteren Zukunftsaussichten, aus Sorge um die Heimat. Wir besprachen die damalige politische Lage, die einhellig die Meinung erbrachte, man müsse die Öffentlichkeit aufrütteln und zwar durch wohldurchdachte, demonstrative Anschläge, um mehr Aufmerksamkeit auf das ungelöste Problem «Südtirol» zu lenken. Ebenso sollten diese Anschläge auch eine deutliche Warnung an unsere gewählten Politiker sein, sich zu besinnen, wofür sie vom Volk gewählt worden waren. Wir hatten uns aus eigener Tasche Sprengmaterial besorgt, fabrizierten Sprengsätze und suchten bei unserer Planung geeignete Ziele aus. Die Zusammenkünfte bestanden immer aus wenigen Leuten, deren Namen aus Vorsicht kaum bekannt waren, obwohl mancher dies als verletzend emp-

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fand. Am Ende blieben auf diese Weise jedoch gar einige von der Verhaftung verschont. Wir suchten außerdem auch Kontakte zu bekannten politischen Persönlichkeiten im freien Tirol. Prof. Franz Gschnitzer und Dr. Luis Oberhammer waren uns die glaubwürdigsten Ansprechpartner, weil auch sie sich ernsthaft für eine Wiedervereinigung Tirols einsetzten. Gleichzeitig liefen 1956 auch Verhandlungen mit Dr. Toni Ebner sen. und Dr. Friedl Volgger über eine politische Erfassung der Jugend. Dieses Vorhaben misslang 1957 ebenso, wie es bereits 1946 missglückt war, obwohl die damalige Jugend eine politische Mitwirkung angestrebt hatte. Erst in den 60er Jahren erfuhr ich von einer ehemaligen SVP-Sekretärin, dass es Bischof Gargitter war, der von der Partei den Verzicht von Aufbau und Organisation einer Parteijugend gefordert hatte. Im Sommer 1956 geschah dann die Tragödie von Pfunders, in deren Zusammenhang ein Dutzend Pfunderer Burschen verhaftet und – wie bekannt – von Polizei und Justiz übel behandelt wurden. Dieses Vorgehen heizte zusätzlich die an und für sich schon stark angespannte politische Stimmung an, was unsererseits ein vorzeitiges, nicht so früh geplantes Aktivwerden mittels Anschlägen auslöste. Anfang September 1956 erfolgte dann

der erste Anschlag, dem weitere im Eisacktal und Bozen folgten. Die Anschläge waren technisch so ausgeführt worden, dass niemand zu Schaden kam; aber trotzdem waren sie deutlich genug, um zu begreifen, dass es sich um einen Aufschrei und Protest Südtirols handelte, der auch weit über die Grenzen Aufmerksamkeit auf unser politisches Schicksal lenkte. Zwischen dem 19. und 20. Jänner 1957 wurde unsere Gruppe verhaftet, auch Dr. Friedl Volgger wurde schuldlos mit uns in Zusammenhang gebracht und mit eingesperrt. Anfang Dezember 1957 fand der erste Prozess statt, der vor Weihnachten zu Ende ging. Die Urteile waren uns verständlicherweise zu hoch, und als zu den Weihnachtsfeiertagen ein Gefängnisbesuch des Oberstaatsanwaltes Dr. Dell’Antonio angekündigt wurde, entschlossen wir uns, ihm aus Protest die Begegnung zu verweigern. Das war zu viel! Zur Strafe verlegte man uns innerhalb weniger Tage in verschiedene Gefängnisse Oberitaliens in Einzelhaft. Ich kam nach Venedig. Nach drei Monaten holte uns der Gefängnisdirektor von Trient, Dr. Valentino Veutro, nacheinander wieder nach Trient zurück. Vor der Verlegung aus dem Bozener Gefängnis nach Venedig spielte sich eine interessante Begebenheit mit dem damaligen Gefängniskaplan Don

Die Verhaftung und Verurteilung der Burschen aus Pfunders wurde in ganz Südtirol mit großer Aufregung verfolgt. Unfassbar stand Südtirols Bevölkerung vor den ungerechten und hasserfüllten Urteilen. Für die Südtiroler galten die Pfunderer Angeklagten von Anfang an als unschuldig.

Nicoli ab: Wir politischen Häftlinge beschwerten uns bei seinem allabendlichen Besuch über die Urteile. Nach längerer Diskussion sagte er auf einmal: «Hier musst du lügen, hier darfst du nicht die Wahrheit sagen», und als er bei der Tür hinausging, sagte er noch: «Merk dir: Sagst du ja, bleibst du da – sagst du nein, gehst du heim. Gute Nacht!» Weitere vier Prozesse hatten wir noch vor uns. Im Sommer 1962 kam das Endurteil, das mir meine zweite Verhaftung

brachte. Anbei wurde mir dadurch die Möglichkeit geboten, den Gesinnungsfreunden der 61er, sei es im Gefängnis von Bozen als auch in jenem von Trient, zu begegnen und sie kennenzulernen. Nach meiner ersten Entlassung 1959 begegnete mir in der Museumsstraße, vor dem «Kofler Buschen», Dr. Friedl Volgger. Wir begrüßten uns und plauderten miteinander. Dabei bestätigte er mir, dass unsere Anschläge und die Pfunderer Sache für die damalige SVP-Füh-

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rung Anlass zu einer großen politischen Kundgebung in Bozen gewesen seien, damit wieder das Südtiroler Volk offen seine Verbitterung kundtun konnte. Die Kundgebung, welche die SVP in Bozen abhalten wollte, war für die damalige Polizeiobrigkeit nicht denkbar. So

entschied die SVP, diese notgedrungen nach Sigmundskron zu verlegen. Der 17. November 1957 wurde für Südtirol ein unerwarteter Massenaufmarsch. 35.000 Landsleute folgten dem Aufruf und belagerten Schloss Sigmundskron. Sie bekundeten damit neuerlich
Die angeklagten Pfunderer wurden vor der italienischen Justiz wie Schwerverbrecher behandelt.

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ihren ungebrochenen Volkswillen für die Wiedervereinigung Tirols. Unmissverständlich brachten sie dort den ersehnten Wunsch nach dem «Los von Rom» zum Ausdruck. Für uns im Gefängnis war es eine stille Bestätigung, dass das vorausgegangene Wachrütteln nicht überhört worden war. Der Wunsch und das innigste Anliegen Südtirols wurde dadurch offenbar; es zeigte sich, wie sehr ein Volk unter politischer Fremdbestimmung leidet. In Worten, auf Plakaten und Transparenten wurde sichtbar, was das Volk vom südlichen Tirol wirklich wollte, nämlich «Frieden in Freiheit!» Die Kundgebung von
Vor allem die Jugend protestierte bei der Großkundgebung von Sigmundskron gegen das Unrecht.

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Sigmundskron war meiner Meinung nach die wahre Geburtsstunde der Feuernacht mit Sepp Kerschbaumer und seinen Mitstreitern. Zum Abschluss: Wo das Anliegen des Schwächeren verleugnet, missbraucht und mit Füßen getreten wird, entsteht Widerstand – und Widerstand ist leider die Fortsetzung von Verhandlungen mit anderen Mitteln zwischen den Herrschenden und den Beherrschten, zwischen den Machthabern und den Unterdrückten.» Wie ein roter Faden zieht sich die Pfunderer-Geschichte als auslösender Moment für einen aktiven und gewaltbereiten Widerstand durch jene tragischen Jahre. Die Tragödie der jungen Pfunderer beherrschte damals die Tagesthemen, sie wurde vom gesamten Südtiroler Volk miterlebt und auch im Ausland genau verfolgt und beachtet. Im August 1956 entwickelte sich in Pfunders am späten Abend eine Gasthausschlägerei zwischen einigen Dorfburschen und den dazugekommenen Finanzern in Zivil. Es gab ein Handgemenge und am nächsten Tag fand man einen dieser Amtsträger tot im Pfunderer-Bach liegen. 8 Bauernburschen wurden verhaftet und es kam zu einer Aburteilung im Rahmen eines Indizienprozesses, ohne einen einzigen Beweis und zu Strafen im

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Ausmaß von insgesamt 111 Jahren Gefängnis. Der Prozess hatte die Züge eines politischen Schauprozesses mit unverhüllten, ethnischen Ressentiments. Das Urteil wurde international mit Empörung aufgenommen. Sepp Kerschbaumer hielt 1957 aus diesem Grund im Pfunderer Widum einen 14-tägigen Hungerstreik ab und in zahlreichen Rundbriefen wies er auf das ungerechte Urteil hin: «…Wir haben diesen Pfunderer-Prozess mit Schaudern erlebt…, dass sogar das Gericht, dem die Gerechtigkeit in besonderer Weise anhaften sollte, in drei Instanzen einen fast einmalig dastehenden Betrug und ein Gewaltverbrechen an einfachen Bergsöhnen und ihren bedauernswerten Familien begangen hat. Und was mich am meisten entsetzt hat, ist die Tatsache, dass dies unter Anrufung des Höchsten als Zeugen, von den Richtern und Geschworenen begangen wurde, im Zeichen von Gerechtigkeit, Wahrheit und Liebe. Wir waren solche Justizverbrechen bei allen Gewaltsystemen, beim Kommunismus, beim Faschismus, beim Nationalsozialismus und bei den Kolonialmächten gewohnt. Aber, dass wir diese Schande auch unter einer sogenannten christlichen Regierung erleben mussten, verschlägt einem fast die Stimme. Nicht nur uns haben diese Urteile empört, die ganze Weltöffentlichkeit ist entsetzt …»

WARUM WIR NICHT ZUSEHEN KONNTEN
von Sepp Mitterhofer
Sepp Mitterhofer, in Meran am 22.2.1932 geboren, ist Landwirt, verheiratet und Vater von vier Kindern. Er besuchte zwei Jahre die italienische Schule und erinnert sich genau, wie er damals das schwarze Ballilakleid der Faschisten hätte tragen sollen. Er zog es aber nur in der Schule an und fiel deshalb bei den Lehrpersonen in Ungnade. Nach dem zweiten Weltkrieg trat er in die Bürgerkapelle Obermais ein, wo er Flügelhorn spielte. Bis 1988, also 40 Jahre, war er aktives Mitglied der Kapelle. Nur die Jahre, welche er eingesperrt war, unterbrachen seine Tätigkeit in diesem Verein. In den fünfziger Jahren, als ich etwas älter und reifer wurde, hat mich der politische und soziale Notstand in unserer Heimat tief beeindruckt. Ich habe mich öfters mit Gleichgesinnten getroffen, um über die politische Lage zu diskutieren, bis ich schließlich dem BAS (Befreiungsausschuß Südtirol) beigetreten bin und mich aktiv an den Anschlägen beteiligt habe. Am 15. Juli 1961 wurde ich verhaftet und gefoltert. Beim ersten Mailänder Sprengstoffprozess wurde ich zu 12 Jahren verurteilt. Bei der Berufung wurde die Strafe auf 10 Jahre vermindert, zwei Jahre sind unter Strafnachlass gefallen und die Sepp Mitterhofer restlichen sieben Jahre und 11 Monate habe ich abgesessen. Am 15. Juni 1969 – es war genau Herz-Jesu-Sonntag – bin ich mit stark angeschlagener Gesundheit heimgekehrt. In den ersten Jahren habe ich mich ganz von den Menschen abgesondert und mich nur der Familie, dem Hof und meinem Gesundheitszustand gewidmet. Mit der Zeit erkannte ich aber, dass ich mich selbst abkapselte und wurde deshalb wieder aktiver Musikant und ich habe auch wieder bei anderen Berufsorganisationen mitgearbeitet. 18 Jahre war ich im Aufsichtsrat der Obstgenossenschaft Meran tätig, zwei Perioden im Bezirksausschuss des Beratungsringes des Burggrafenamtes. Seit der Gründung der Union für Südtirol bin ich Hauptausschussmitglied und gleichzeitig war ich beim Aufbau des Bezirkes Burggrafenamt vier Jahre Bezirksobmann und danach Bezirkskassier. 1974 haben wir politische Häftlinge den Südtiroler Heimatbund gegründet. Seitdem bin ich im Bundesausschuss tätig, zwei Jahre Bezirksobmann des Burg-

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Staatlich geförderte Zuwanderung: Sie kamen mit einem Koffer oder einem Pappkarton unter dem Arm, schliefen unter Brücken, dann bezogen sie Notquartiere und holten ihre Familien nach.

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grafenamtes, sechs Jahre Bundesobmann-Stellvertreter und seit 1990 Bundesobmann. Ein ganz wesentlicher Punkt, um uns Südtiroler in unserer Existenz zu bedrohen, war die vom italienischen Staat geförderte Zuwanderung. Scharenweise und fast täglich kamen arme Männer mit ihren Habseligkeiten im Pappkarton vom Süden des Staatsgebietes am Bozener Bahnhof an und wurden in armseligen Baracken untergebracht. Nach einigen Wochen erhielten sie aber schon eine neue Wohnung in den staatlich gebauten Volkswohnbauten, weil sie durch das schlechte Barackenlager immer mehr Punkte bekamen als die Südtiroler. Nach einigen Monaten holten sie dann ihre Familien samt Großeltern nach. Bei der Stellenbesetzung in den öffentlichen Ämtern wurden diese Zuwanderer überall bevorzugt, weil in allen Schlüsselstellungen italienische Nationalisten saßen, im Mantel der damaligen DC eingehüllt. So kam es, dass in den Sozialwohnungen und in den öffentlichen Stellen 90% Italiener saßen und nur 10% Südtiroler. Das hatte wiederum zur Folge, dass Tausende junge Südtiroler Arbeiter, Akademiker und Staatsangestellte arbeitslos waren und ins Ausland gehen mussten, um Arbeit zu suchen. Dass diese krasse Benachteiligung unserer Landsleute böses Blut erzeugte, ist leicht verständlich. In diesem Zusammen-

hang stand die Zweisprachigkeit bei den öffentlichen Ämtern. Diese Zugewanderten hatten keine Kenntnis der deutschen Sprache, sie zu erlernen hatten sie kein Interesse. Bestanden wir auf unserem Recht, dann hörte man alsbald die Worte «Siamo in Italia!». Mit dem Schriftverkehr war es um kein Haar besser, das meiste musste italienisch abgewickelt werden. Durch die Zusammenlegung der Provinz Bozen mit Trient hatten die Italiener in der Region die 2/3-Mehrheit und konnten somit mit uns machen, was sie wollten, denn die wichtigen Kompetenzen lagen alle bei der Region. Die Gelder konnten sie nach ihrem Gutdünken verteilen und volkstumspolitisch unterdrückten sie uns, wo sie nur konnten. Justiz, Polizei und Carabinieri waren zu 100% Italiener und ein Großteil davon Faschisten. Sie behandelten uns wie Bürger zweiter Klasse, wie eine richtige Kolonie. Durch einseitiges Vorgehen von Seiten der Ordnungshüter und bei politischen Prozessen durch die Justiz verstanden sie es, die Südtiroler einzuschüchtern. In Vahrn z.B. wurde eine achtzigjährige Hausbesitzerin angezeigt und verurteilt, weil sie die Jalousien ihres Hauses mit rot-weiß-roter Farbe bemalen ließ. Die Jalousien wurden beschlagnahmt und vernichtet. Die SVP hatte natürlich des öfteren versucht, in Trient und Rom gegen die

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Nie wieder erlebte Südtirol eine Protestkundgebung wie im November 1957 in Sigmundskron. 35.000 Südtiroler protestierten gegen die Politik des italienischen Staates und forderten Freiheit für ihre Heimat. Die Parteiführung unter dem jungen Obmann Silvius Magnago verstand es aber, die Protestkundgebung für ihre Politik der Autonomie zu vereinnahmen.

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Nichterfüllung des Pariser Vertrages zu protestieren. Die Proteste verhallten aber in Trient wie in Rom ungehört und zeigten keinen Erfolg, der italienische Staat war nicht bereit einzulenken. Österreich war als Schutzmacht, bevor es den Staatsvertrag (1955) erhielt, viel zu schwach, um in Italien für Südtirol erfolgreich intervenieren zu können. Im Oktober 1957 gab der Minister für öffentliche Arbeiten bekannt, dass Bozen ein neues Stadtviertel bekommen werde.

Es wurden dafür 2,5 Milliarden Lire für 5.000 Wohnungen vom Staat ausgeschüttet. Das brachte das Fass zum Überlaufen: Die SVP organisierte auf Schloss Sigmundskron eine Kundgebung – die Landeshauptstadt Bozen wurde dafür verboten – bei der 35.000 Südtiroler erschienen. Auf dieser Kundgebung rief Dr. Magnago das «Los von Trient» aus, obwohl die meisten Teilnehmer wegen der Forderung nach Selbstbestimmung gekommen waren. Diesbezügliche Transparente wurden von Männern mitgetragen, welche sich um Sepp Kerschbaumer geschart hatten und den Grundstock des BAS (Befreiungsausschuss Südtirol) bildeten.

Ich erinnere mich noch gut, welch große Spannung im Schlosshof von Sigmundskron herrschte. Die Teilnehmer erwarteten sich etwas Außergewöhnliches, einen Vorstoß in Richtung «Los von Rom», deshalb waren auch viele enttäuscht über das bescheidenere «Los von Trient». Bei dieser Kundgebung wurden die Weichen für die zukünftige SüdtirolPolitik gestellt. Die Forderung nach Selbstbestimmung war zwar ein großes Anliegen der Südtiroler, aber die SVP hatte nicht die Kraft und den Willen dazu und entschied sich für den Weg des geringeren Widerstandes, für die Autonomie. In den folgenden Jahren setzte sich die SVP unter Führung Magnagos zwar

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zielstrebig für das «Los von Trient» ein, aber es zeigte sich alsbald, dass weder Trient noch Rom gewillt waren, in dieser Frage nachzugeben. Somit beschränkte sich die SVP bald mit einer teilweisen Aushöhlung der Region. Damit hat sich die SVP eigentlich selbst verraten, denn ihr Gründungsziel war die Forderung nach Selbstbestimmung. Für Kerschbaumer und uns alle war dies nicht der richtige Weg, wir wollten die Wiedergutmachung des Unrechtes, die Wiedervereinigung Tirols.

Für uns alle, die wir uns damals für den Freiheitskampf entschieden und unsere Familien, unsere Freiheit und unser Leben aufs Spiel setzten, war dies das Ziel, um das es sich lohnte zu kämpfen. Die Männer der ersten Stunde waren Sepp Kerschbaumer, Luis Amplatz, Jörg Klotz, Karl Tietscher, Jörg Pircher, Pepi Fontana und Franz Muther, um nur die wichtigsten zu nennen. Ich selbst kam über Kerschbaumers Freund Jörg Pircher 1958 zum BAS. Zu diesem Schritt bewogen hat mich und wohl die meisten Kameraden die Tatsache, dass der italienische Staat nicht einmal bereit war, uns die verbrieften Rechte, das bisschen Autonomie (Pariser Vertrag) zu geben. Ich war begeistert von dem Gedanken, etwas Außergewöhnliches für unser stark bedrohtes Volk in unserer Heimat zu tun. Volkstumspolitisch versuchte uns der italienische Staat durch die UnterHauptziele der Sprengaktionen in der Feuernacht waren die Strommasten. Sie galten als Zeichen der wirtschaftlichen Ausbeutung Südtirols durch den italienischen Staat.

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wanderung mit der Zeit in die Minderheit zu drängen. Durch die krasse Benachteiligung bei den öffentlichen Arbeitsstellen und bei den Neubauwohnungen mussten notgedrungen Tausende von Südtirolern auswandern und damit verschob sich das Verhältnis Südtiroler/ Italiener umso schneller. Die brutalen Methoden des Faschismus kamen zwar nicht mehr direkt zur Anwendung, sie waren etwas demokratischer geworden, aber dafür auch gefährlicher. Was nutzte uns ein international abgesicherter Pariser Vertrag, wenn er nicht zur Anwendung kam, er blieb buchstäblich ein leeres Blatt Papier! Nicht umsonst hat der große geistige Kämpfer für unsere Heimat, Kanonikus Michael Gamper, den schwerwiegenden Spruch vom «Todesmarsch der Südtiroler» geprägt. In den Jahren 1958, 1959 und 1960 wurden von Sepp Kerschbaumer und seinen Freunden konsequent im ganzen Land Gruppen bzw. Zellen aufgebaut, welche untereinander durch einen Verbindungsmann Kontakt hatten. Sie suchten in vielen Dörfern Südtirols Gesinnungsgenossen, welche ihrerseits wieder in ihrem Bekanntenkreis Leute suchten, welche die Ziele des BAS unterstützten. Insgesamt wurden ca. 30 Gruppen aufgebaut mit weit über hundert Mitgliedern. Die Zahl lässt sich hinterher lei-

Die von Jörg Pircher und Walter Gruber gesprengte Hochdruckleitung oberhalb von Lana.

der nicht mehr genau feststellen. Diese Gruppen wurden in verschiedene Stufen unterteilt. Die erste Abteilung war für die Werbung zuständig, also Flugzettel verteilen und plakatieren, die zweite Gruppe für das Hissen der verbotenen Tiroler Fahne auf Kirchtürmen, hohen Bäumen und Felsvorsprüngen und weiters für das Übermalen von italienischen Aufschriften auf Häusern und Straßenschildern. Die dritte Gruppe schließlich war für das Sprengen von Masten, Rohbauten von Volkswohnhäusern, Denkmälern und E-Werken zuständig. Diese Gruppen von Aktivisten wurden nach Nordtirol geschickt, um das Hantieren mit dem Sprengstoff zu lernen und wie man sich im Falle einer Verhaftung verhalten solle. Leider wurde uns nicht gelehrt, wie man sich im Falle von Misshandlungen verhalten sollte. Kein Mensch hatte daran gedacht, dass das christliche Italien solch brutale Folterungen anwenden würde.

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Nach der militärischen Besetzung Südtirols gab es bald die ersten Todesopfer unter der Südtiroler Bevölkerung. Silvius Magnago am Sarg von Josef Locher aus Sarntal.

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Sprengstoff und Waffen bekamen wir hauptsächlich aus Österreich, aber auch im Inland konnten wir einen Teil beschaffen. Ich selbst habe rund 500 kg hochwertiges Dynamit auf dem Schwarzmarkt gekauft, u. a. wurde mit diesem Sprengstoff das Mussolini-Standbild in Waidbruck gesprengt. Transportiert hatte den Sprengstoff von Österreich nach Südtirol hauptsächlich Kurt Welser und zwei befreundete Mädchen, welche – als Blickfang für die Polizei und Finanzer – sehr leicht bekleidet waren. Anfänglich hatten wir nur primitive, selbstgebastelte Zeitzünder, später wurden sie aber durch Säurezünder und Uhren ersetzt.

Die Ziele der Sprengstoffanschläge des BAS waren folgende: typisch faschistischen Denkmäler, wie Siegesdenkmal, Mussolini-Reiter in Waidbruck, das Haus von Tolomei in Glen, den Kapuziner-Wastl in Bruneck u. ä.; weiters Rohbauten der Volkswohnhäuser, wo fast nur zugewanderte Italiener zum Zug kamen und die Elektromasten, die das weiße Gold in die Bozener Industriezone und nach Oberitalien transportierten. Oberstes Ziel von Sepp Kerschbaumer war immer, Menschenleben zu schonen, nur Sachschaden anzurichten. Allerdings war sich auch der Sepp im Klaren, dass dieser Grundsatz in einem Freiheitskampf

Nach der Feuernacht wurde Südtirol von Polizei, Carabinieri und Sondereinheiten des italienischen Militärs besetzt. Überall wurden Straßensperren und Hausdurchsuchungen durchgeführt.

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Sepp Mitterhofer auf dem Weg zum Gerichtssaal in Trient.

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für längere Zeit schwer aufrecht zu erhalten sein würde. Noch eine andere Gruppe um Georg Klotz und Wolfgang Pfaundler hatte sich gebildet, welche den Widerstand gegen die Überfremdung unseres Landes in Form von Partisanentätigkeit aufbauen wollte. Mit dieser Gruppe hatten wir keinen Kontakt, sie organisierte sich völlig unabhängig. Die BAS-Gruppe um Kerschbaumer war der Meinung, dass einzelne Anschläge in Form von Nadelstichen günstiger wären, weil wir es dann länger durchhalten würden.

Die Innsbrucker BAS-Gruppe um Kurt Welser und Heinrich Klier hingegen war für einen großen Schlag, weil die Weltöffentlichkeit dadurch besser aufgerüttelt würde. Der Nachteil war aber, dass der italienische Staat darauf hart reagieren würde, wie er es dann auch getan hat. Einige Monate vor der Feuernacht fand dann eine Einigung über die Vorgangsweise in dieser Angelegenheit statt. Kurt Welser war von den Nordtiroler BAS-Leuten sicher die aktivste und herausragendste Figur. Er war ein ruhiger, besonnener Mensch, der als Spreng-

stofflieferant oft die Freiheit und sein Leben aufs Spiel setzte. Durch seine Kontakte kannte er die meisten Gruppen in Südtirol und wusste auch von mehreren Sprengstofflagern, welche wir im ganzen Land angelegt hatten. Leider stürzte dieser großartige Tiroler im schönsten Mannesalter bei einer Bergtour am Zynalrothorn in der Schweiz am 15. August 1965 tödlich ab. Überhaupt hätten wir unsere Aktionen ohne die tatkräftige Unterstützung unserer Nordtiroler Mitstreiter nicht durchführen können. Man darf nicht vergessen, dass viele von ihnen freiwillig ihr Leben und ihre Freiheit aufs Spiel setzten, um uns Südtirolern in unserem Kampf gegen die Fremdbestimmung zu helfen. In der Herz-Jesu-Nacht z. B. fuhr ein Kleinbus mit Nordtiroler Kameraden nach Südtirol, um die ihnen zugewiesenen Masten zu sprengen. Als dann viele von uns die Verhaftungswelle dahingerafft hatte, wurden die hinterbliebenen, notleidenden Familien durch Spenden aus Südtirol und hauptsächlich aus Nordtirol unterstützt. Deshalb gebührt allen Spendern, die uns damals geholfen haben, ein aufrichtiges Vergelt’s Gott! Alle, die sich am Freiheitskampf beteiligten, ganz gleich ob Südtiroler oder Nordtiroler, waren derselben Auffassung, nämlich, dass Südtirol sich in einer völkischen Notlage befand und etwas getan werden musste, damit wir

uns von dieser Fremdherrschaft befreien konnten. Es war eigentlich eine ganz einfache Rechnung: Zwischen den beiden Weltkriegen versuchte uns der Faschismus, mit Gewalt zu italienisieren. Durch die Option wollte man uns aussiedeln, eine Art ethnische Säuberung wie im Kosovo. Nach dem zweiten Weltkrieg verweigerte man uns das Selbstbestimmungsrecht und als Ersatz gab man uns den Pariser Vertrag, der nicht angewandt wurde. In den 50er Jahren versuchte man, durch die geförderte Unterwanderung auf etwas demokratischere Weise, uns in die Knie zu zwingen. Also blieb uns nur mehr ein Ausweg übrig, auf andere Weise zu versuchen, unsere Rechte zu erkämpfen. So reifte allmählich der Gedanke heran, Gewalt anzuwenden. Wir waren alle rechtschaffene Leute ohne Vorstrafen, viele waren verheiratet und hatten Kinder, aber wir wollten nicht tatenlos zusehen, wie eine Volksgruppe systematisch ausgerottet wurde. Es war einfach Notwehr! Die meisten von uns waren einfache Leute: Bauern, Handwerker, Lehrer und Arbeiter. Aber ein Ziel hat uns alle zusammengeführt: Wir mussten uns in Rom Gehör verschaffen! Sie sollten zur Einsicht kommen, dass sie mit uns Südtirolern nicht mehr länger tun konnten, was sie wollten, unsere Geduld war zu Ende.

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Wir wollten der Öffentlichkeit zeigen, dass in Südtirol laufend Menschenrechtsverletzungen stattfanden, dass der italienische Staat versuchte, einem Volk seine Identität zu nehmen, um es auszulöschen. Aber nicht nur ihm wollten wir zeigen, dass es in Südtirol Männer gibt, welche für ihre Überzeugung eintreten und kämpfen, sondern auch der Südtiroler Volkspartei, welche uns zu kompromissbereit war und nicht erkennen ließ, dass sie von diesem Staat, mit dem wir nichts gemeinsam haben, fort wollte. Deshalb verfolgten wir auch den Fortgang der Südtirolpolitik und die Verhandlungen zwischen Österreich und Italien genau. Von der Führungsspitze des BAS wurden auch Kontakte zu den Südtiroler und österreichischen Politikern unterhalten, um die zu erwartenden Anschläge auf die Politik abzustimmen. In Südtirol waren Senator Peter Brugger und Hans Dietl besser über die Anschläge informiert, Dr. Magnago nur ganz allgemein. In Nordtirol waren Oberhammer und Zechtl bestens eingeweiht, und Kreisky ließ bei einem Treffen mit der Führung des BAS auch sein Wohlwollen erkennen. Der Österreicher Dr. Norbert Burger war auch an den Vorbereitungen und Aktionen des Freiheitskampfes maßgeblich beteiligt. Wir fragten damals niemanden: «Stehst du rechts oder links?» Außer den Kommunisten waren uns alle willkommen.

Ein Ziel verband alle, nämlich der freiwillige Einsatz für unsere schwer bedrohte Heimat. Der russische Geheimdienst bot uns 1961 seine Unterstützung für den Freiheitskampf an. Der tschechische Geheimdienst trat auch 1965 in Innsbruck an Jörg Klotz heran und bot ihm Hilfe in Form von Waffenlieferungen an. Wir lehnten aber dankend ab, denn wir wollten von den Kommunisten aus weltanschaulichen Gründen keine Hilfe annehmen. Der italienische Geheimdienst spielte in Südtirol 1961 keine große Rolle, sonst wäre die Polizei nach der Feuernacht nicht so lange im Dunkeln getappt. In den folgenden Jahren wurde er aber dann in Form von brutalen Anschlägen aktiv, um den Freiheitskampf der Südtiroler ins schlechte Licht zu rücken, damit die Bevölkerung nicht mehr dahinter stehen würde. Im Mai 1960 fiel bei der Landesversammlung im Rom-Kino in Bozen die Entscheidung, ob Österreich das SüdtirolProblem im Zeichen der Selbstbestimmung oder der Autonomie vor die UNO bringen sollte. Kerschbaumer und viele andere setzten sich für das Selbstbestimmungsrecht ein, aber der schon damals redegewaltige SVP-Obmann Magnago brachte eine knappe Mehrheit für die Autonomie zustande. Wir waren alle schwer enttäuscht, konnten es aber nicht ändern.

In dieser Zeit führte das Allensbacher Institut im Auftrag des Verlegers und BAS-Mitgliedes Fritz Molden in Südtirol eine Umfrage durch, dessen Ergebnis uns Mut machte: 82% der Südtiroler wollten zurück nach Österreich und 26% hätten den Freiheitskampf unterstützt. Somit hofften wir, dass der Wille des Volkes irgendwann die SVP zwingen würde, den Weg der Selbstbestimmung einzuschlagen. 1959 begannen wir dann, einzelne Anschläge durchzuführen, zuerst in Bozen, dann in Meran.

Die Volkswohnbauten waren damals eines unserer Hauptziele, weil dort fast ausschließlich zugewanderte Italiener einquartiert wurden. Jörg Pircher und ich beschlossen im Februar 1960, in Meran zwei im Rohbau befindliche INACASAHäuser zu sprengen. Die Sprengladung explodierte leider nicht, weil wir zu dieser Zeit noch selbstgebastelte Zeitzünder verwendeten. Der politische Effekt blieb aber nicht aus, denn daraufhin wurden die Andreas-Hofer-Feiern in Meran und Bozen verboten.

V.l.n.r. Walter Gruber, Sepp Mitterhofer, Paul Pichler, Sepp Kerschbaumer, Luis Hauser

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Beim «Knüppelsonntag» ging die Spezialeinheit «Celere» mit Gummiknüppel gegen die Teilnehmer der Gedenkfeier vor. Acht Personen wurden verhaftet.

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Als dann in Bozen die Teilnehmer nach der Gedenkmesse im Dom, die anstatt der verbotenen Andreas-Hofer-Feier stattgefunden hatte, heraustraten und zum Peter-Mayr-Denkmal strömten, kreuzten plötzlich mehrere Fahrzeuge der Spezialeinheit «Celere» auf und schlugen mit Gummiknüppeln auf die Teilnehmer ein. Acht Personen wurden auch verhaftet. Dieser Tag ist als «Knüppelsonntag» in die Geschichte Südtirols eingegangen. Vereinzelt folgten dann Anschläge auch auf politische Objekte. So wurde z. B. Ende Jänner 1961 das MussoliniStandbild samt Ross von den Nordtirolern Kurt Welser und Heinrich Klier gesprengt. Zwei Tage später wurde von Josef Fontana in Glen bei Montan auf das Haus von Ettore Tolomei, dem Totengräber Südtirols, ebenfalls ein Sprengstoffanschlag verübt. Im November 1960 brachte Kreisky das Südtirol-Problem vor die UNO, die dann in einer Resolution Österreich und Italien aufforderte, durch Verhandlungen eine Lösung zu finden. Das Fass kam zum Überlaufen, als dann 1961 die Verhandlungen zwischen Österreich und Italien laufend scheiterten, weil die italienische Delegation immer wieder behauptete, der Pariser Vertrag sei erfüllt, sie würden nicht verhandeln, sondern nur Gespräche führen. Dazu kam noch, dass zur selben Zeit im italienischen Parlament über ein Ge-

setz diskutiert wurde, das vorsah, dass jeder italienische Staatsbürger ausgewiesen werden konnte, der durch antiitalienische Tätigkeit auffiel. Das war direkt auf uns Südtiroler zugeschnitten. Unserer Meinung nach war nun der Zeitpunkt zum Losschlagen gekommen. Am 1. Juni 1961 beschlossen wir in Zernez in der Schweiz mit den Nordtiroler BAS-Leuten die Feuernacht. Den Flugzettel, den wir dort verfassten und an alle Politiker und Medien im deutschsprachigen Raum verschickten, war ein Hilferuf an die Welt. Kernpunkt des Aufrufes war die Anklage des italienischen Staates und die Forderung des Selbstbestimmungsrechtes der Südtiroler. Den Abschluss bildete der zur Legende gewordene Spruch von Kanonikus Michael Gamper: «Ein Volk, das um nichts anderes kämpft als um sein natürliches und verbrieftes Recht, wird den Herrgott zum Bundesgenossen haben!». In der Feuernacht vom 11. auf den 12. Juni sprengten wir zusammen mit den Kameraden aus Nordtirol 47 Masten in die Luft und führten mehrere Anschläge auf Elektrizitätswerke aus. Unser Plan war, die Industriezone in Bozen – der Inbegriff der Italienisierung Südtirols – lahmzulegen. Wäre es gelungen, dann wäre dem italienischen Staat ein enormer Schaden entstanden; weil aber ein Ständer nicht umgefallen war, konnten die Aluminiumöfen gerettet werden.

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Der politische Effekt war aber trotzdem eingetreten. Die Überraschung und Bestürzung waren enorm. Die in- und ausländische Presse schrieb vom Aufstand bis zum Bürgerkrieg. Die Dolomiten schrieb auf der ersten Seite in großer Aufmachung: «Schändung des HerzJesu-Festes!». Sie konnte damals ja nicht ahnen, dass sie später auch einmal von diesen Anschlägen durch den Milliardensegen profitieren würde! Niemand wollte so recht glauben, dass wir Tiroler zu so etwas imstande wären und man tappte vollkommen im Dunkeln. Der italienische Staat schickte 15.000 Carabinieri, Polizei und Soldaten nach Südtirol, um öffentliche Einrichtungen zu bewachen. Es herrschte regelrechter Ausnahmezustand. Die Bewacher hatten den Befehl, ohne Vorwarnung zu schießen. So wurde am 19. Juni in Mals ein junger Bursche, Hubert Sprenger, ohne Vorwarnung erschossen, weil der Weg zu seiner Freundin zufällig bei dem Offiziersheim vorbeiführte. In Sarnthein wurde Josef Locher in der Materialseilbahn, welche ihn zu seinem elterlichen Hof bringen sollte, während der Fahrt kurzerhand erschossen. Zahllose Hausdurchsuchungen mit menschenrechtswidrigen Übergriffen fanden statt, aber keine bei uns Aktivisten. Als Mitte Juli 1961 dann die große Verhaftungswelle einsetzte, hat es auch mich erwischt. Kurz vorher erfuhr ich von

den brutalen Misshandlungen, deshalb hatte ich mich entschlossen abzuhauen. Ich hatte schon den Rucksack gepackt und wollte gerade noch eine Kleinigkeit essen. Plötzlich waren sie da, vier Mann von der Spezialtruppe der Schläger. Ich wollte bei der Hintertür entwischen, hatte aber keine Chance mehr, sie ließen mich nicht mehr aus den Augen und aus der Hand. In der Carabinierikaserne von Meran angekommen, erhielt ich von einem Riesen einen Fußtritt in den Hintern, dass ich kopfüber in den Hausgang flog. Im ersten Stock erwarteten mich dann mehrere Kameraden und fremde Männer in Habt-Acht-Stellung mit erhobenen Händen. Auch ich musste dieselbe Haltung einnehmen, und wenn jemand die Arme sinken ließ, wurden wir von den Bewachern mit dem Gewehrkolben geschlagen. Zwischendurch wurden wir zur Spezialbehandlung in einen Raum mit geschlossenen Fenstern und heruntergelassenen Rolläden geführt, wo sich oft bis zu 10 Carabinieri befanden. Ich musste bei der damaligen Sommerhitze mit angezogenem Rock stundenlang vor einer Quarzlampe stehen, sodass ich fast erblindete und der Schweiß aus allen Poren brach. Der Durst war fürchterlich, den Hunger habe ich nach dem ersten Tag nicht mehr gespürt. Sie rissen mir die Haare büschelweise vom Kopf, stießen mich von einer Wand zur anderen, boxten und schlugen mich,

bis mir schlecht wurde. Mit dem Rücken zur Wand und erhobenen Armen auf den Zehenspitzen stehend, musste ich aushalten, bis ich zusammenbrach. Auf Namen von Kameraden waren die Peiniger besonders scharf. Sie sagten mir, sie wüssten von Kerschbaumer, dass ich in Meran eine Gruppe von fünf Männern hätte, ich sollte sie nennen. Sie ließen deshalb einen elektrischen Kocher glühend heiß werden und ich sollte darauf barfuß stehen. Als sie sahen, dass ich dazu bereit war, rissen sie mich im letzten Augenblick zurück. Mein oberstes Gebot war immer, meine Kameraden nicht zu verpfeifen und ich hatte wohl Glück, dass ich dies durchgehalten habe. Denn, wenn man so nackt im Raum steht, von vielen Bestien umgeben, die einen anschreien: «Ihr Bastarde und Hurensöhne, wir werden euch alle kastrieren und über den Brenner jagen!», dann wird man ganz klein, von allen verlassen, man fühlt sich wie ein Wurm, auf dem die halbe Welt herumtrampelt. Diese Spezialbehandlung erstreckte sich mit Unterbrechungen über zwei Tage und zwei Nächte, bis ich schließlich zwei Anschläge und die Beteiligung bei der Entscheidung zur Feuernacht in Zernez zugab. Irgendwann verlässt jeden die Kraft und man fängt dann zu phantasieren an. Als man mich zu mir nach Hause fuhr, ein halbes Kilo Sprengstoff und eine

Pistole abzuholen, begegnete uns mein alter Vater. Als er mich sah, brach er in Tränen aus und mir drückte es fast das Herz ab. Dass ich damals nicht hatte fliehen können, ärgerte mich im Gefängnis jahrelang. Aber irgendwann setzte sich in mir doch die Erkenntnis durch, dass es eben mein Schicksal war. Wenn ich auch mit stark angeschlagener Gesundheit nach acht Jahren vom Gefängnis heimgekehrt bin, so durfte ich eben doch in die Heimat, zu meiner schwer geprüften Familie und zu meinem Hof zurückkehren. Unter dem Eindruck der massiven Anschläge und der dadurch stärkeren Internationalisierung wurde im September 1961 die sogenannte Neunzehner-Kommission eingesetzt. Sie sollte die Problematik in Südtirol untersuchen und der Regierung Vorschläge unterbreiten. Sie brauchte acht Jahre, bis ein Ergebnis zu Stande kam. Von italienischer Seite wurde immer wieder versucht, sie versanden zu lassen, aber der belgische Senatspräsident Paul Struye fuhr im Auftrag des Europarates öfters nach Rom, um sie wieder anzukurbeln. Ende September 1961 fand ein SVPinterner Putsch statt. Eine Gruppe von Altpolitikern, Bürgermeistern und Wirtschaftsleuten – mit dem späteren Senator und Parteiobmann der SVP, Dr. Roland Riz, an der Spitze und durch Athesia-Direktor Toni Ebner sen. in den Dolo-

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Vereinte Nationen, 1960: Die österreichische Delegation unter Führung von Außenminister Dr. Kreisky (links) erzielte einen guten Erfolg und erhielt den Verhandlungsauftrag der UN in Sachen Südtirol. Rechts der Diplomat und spätere Bundespräsident Dr. Kurt Waldheim. In der Mitte Franz Gschitzer.

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miten gefördert – wollte die damalige Parteiführung der SVP und Österreich von den Verhandlungen mit der italienischen Regierung ausschalten, wohl um einen billigen Preis. Zum Glück ist das Vorhaben gescheitert, sonst wäre alles noch viel schlimmer geworden. Im November 1961 hat Kreisky vor der UNO Italien der Folterungen an Südtiroler politischen Häftlingen beschuldigt. Der italienische Außenminister Segni hat diese Anschuldigungen zurückgewiesen und Kreisky als Lügner hingestellt. Wir konnten nicht begreifen, warum Kreisky nicht unsere Folterbriefe als Beweismittel vorlegte. Erst Jahrzehnte später erfuhren

wir, dass die SVP ihn gebeten hatte, sie nicht zu verwenden, um, wie sie glaubte, die Stimmung nicht noch mehr zu verschlechtern. Überhaupt verurteilte die Südtiroler Volkspartei bei jeder nur möglichen Gelegenheit die Anschläge und verwies nur selten darauf, warum sie verübt wurden. Gerade dies wäre aber wichtig gewesen, um daraus politisches Kapital schlagen zu können. Sicher war die SVP damals in einer sehr heiklen Lage, trotzdem hätte sie die moralische Pflicht dazu gehabt. Ein weiterer Grund dieses schweren Versäumnisses war wohl der, wie es der verstorbene Senator Peter Brugger for-

mulierte: «Ihr Häftlinge wart bereit, für die Heimat in den Knast zu gehen, von den SVP-Vertretern ist kein einziger auch nur einen Tag dazu bereit!» Allerdings muss auch erwähnt werden, dass mehrere SVP-Vertreter unsere schwer geprüften Familien auf humanitärem Gebiet sehr wohl unterstützten und betreuten. Auch viele Südtiroler halfen uns und waren solidarisch. Frau Midl von Sölder aus Eppan vollbrachte diesbezüglich die größte Leistung, sie war mit Herz und aus Überzeugung bei der Sache. Frau Gretl Koch, eine Häftlingsfrau aus Bozen, stand ihr dabei kräftig zur Seite. Aus Österreich und Deutschland erhielten unsere Familien auch viel materielle Unterstützung. Allen gebührt unser aufrichtiger Dank! Am 22. November 1969 bei der Landesversammlung der SVP in Meran wurde dann über das Ergebnis der 19er-Kommission – das sogenannte Paket – abgestimmt. Dr. Magnago konnte eine knappe Mehrheit von 52% für das Paket erreichen. Dieses Paket oder erweiterte Autonomie ist zwar als Übergangslösung brauchbar, aber es ist eben nur eine Teillösung, denn die Assimilierung geht nach wie vor weiter. Dafür waren die Opfer auf unserer Seite einfach zu hoch, wir haben doch direkt 13 Tote zu beklagen: Franz Höfler und Toni Gostner sind an den Folgen der Folterungen gestor-

ben. Sepp Kerschbaumer starb an Herzstillstand, weil er beim Prozess die ganze Verantwortung übernommen hatte und die Belastung zu groß geworden war. Hubert Sprenger, Sepp Locher und Peter Thaler wurden willkürlich und ohne Vorwarnung von den Besatzern erschossen. Helmut Immervoll kam angeblich beim Hantieren mit Sprengstoff ums Leben. Luis Amplatz wurde auf der Brunner Mahder meuchlings ermordet. Jörg Klotz starb zwar im Exil, aber an den Folgen seines Einsatzes im Freiheitskampf für unsere Heimat. Walter Gruber und Peter Paris kamen beim Hantieren mit Sprengstoff auf mysteriöse Weise ums Leben. Friedl Rainer ist ebenfalls auf nie geklärte Weise beim Versuch, das Beinhaus auf der Malser Haide zu sprengen, umgekommen. 1966 wurde Peter Wieland aus Niederolang auf dem Heimweg von einer Alpini-Streife niedergeschossen. Wir mussten Folterungen ertragen, trugen gesundheitliche Schäden davon, saßen über 500 Jahre Gefängnis ab. Und nicht zuletzt das viele Leid und die Tränen unserer Familien und Landsleute. Mein Ziel war und bleibt auch weiterhin die Wiedergutmachung des großen Unrechts, nämlich die Wiedervereinigung Tirols als europäische Region auf friedlichem Weg.»

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FLUGBLATT VON ZERNEZ (1961)

LANDSLEUTE! Die Stunde der Bewährung ist da! 40 Jahre lang hat Südtirol alle Leiden erduldet und immer wieder auf die Einsicht Italiens, auf die Hilfe der Mächtigen und auf Gerechtigkeit gehofft. Obwohl wir keine Italiener sind, waren wir 40 Jahre lang anständige Bürger des italienischen Staates. Vergeblich! 1919 und 1946 hat man uns das natürliche Recht auf Selbstbestimmung vorenthalten und dafür Versprechungen gemacht. 15 Jahre lang warten wir nun vergeblich auf die Einlösung dieser Versprechungen. Jeder vernünftige Mensch aber muss nach all den ergebnislosen Verhandlungen erkennen, dass die italienischen Regierungen uns nicht einmal eine bescheidene Autonomie gewähren wollen. Das «demokratische» Italien setzt in Südtirol die Methoden der faschistischen Gewaltherrscher fort und überbietet sie noch: willkürliche Verhaftungen, das Verbot der Schützen, Beschlagnahme von Privateigentum, wahllose Hausdurchsuchungen, Störung religiöser Bräuche.Täglich wächst die soziale Not: Zu Tausenden müssen junge Südtiroler auswandern, weil italienische Zuzügler die Volkswohnungen und die Arbeitsplätze zugeteilt bekommen. Obwohl sie oft nicht lesen und schreiben können, erklären die italienischen Arbeitsämter diese Zuwanderer zu Fachkräften. Unsere Söhne aber müssen mit Hungerlöhnen vorlieb nehmen. 1918 lebten 7000 Italiener in Südtirol, heute sind es 130.000! Wohin das Zögern und Verhandeln geführt hat, zeigen auch die letzten Bozener Gemeindewahlen. 1920: kein einziger Italiener im Gemeinderat! 1961: 31 Italiener und nur noch 9 Südtiroler! Und welche Parteien haben seit 1957 Stimmen gewonnen? Einzig und allein die Neufaschisten und die Kommunisten! Das ist das Ergebnis unserer Geduld! Rom beschließt eben jetzt ein Gesetz, das jedem Südtiroler nach Belieben die Staatsbürgerschaft entziehen

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kann. Dieses Gesetz öffnet der Willkür Tür und Tor: Man kann uns wie Verbrecher aus der Heimat vertreiben. Aus dem Unrecht, das Hitler unserem Land zugefügt hat, versucht Rom sein Recht abzuleiten. Italien erniedrigt das alte Kulturland an Etsch und Eisack zu einer Kolonie. Hat man in Rom noch nicht gemerkt, dass wir im Zeitalter der Selbstbestimmung der Völker leben? Wir sind sicher, dass alle Gegner des Kolonialismus unsere Bundesgenossen sind. WIR FORDERN FÜR SÜDTIROL DAS SELBSTBESTIMMUNGSRECHT ! Landsleute! Unser Vertrauen zum italienischen Staat ist zerstört. Er hat kein Versprechen und keinen Vertrag gehalten. Er missbraucht seine Kräfte dazu, das vom Faschismus begonnene Vernichtungswerk fortzusetzen und unsere Volksgruppe auszulöschen. In dieser Stunde erheben sich die treuesten Söhne unserer Heimat gegen die Gewalt und schreiten schweren Herzens – so wie anno 1809 – zur Tat. Nicht der Hass gegenüber Menschen einer anderen Sprache leitet uns: unsere Erhebung ist Notwehr gegen einen Staat, der uns unseres Volkstums wegen verfolgt und uns geistig und physisch vernichten will. Europa und die Welt werden unseren Notschrei hören und erkennen, dass der Freiheitskampf der Südtiroler ein Kampf für Europa ist und gegen die Tyrannei. Landsleute! Unterstützt den Freiheitskampf! Es geht um unsere Heimat! Wir ziehen in den Kampf mit einem Wort unseres Kanonikus Gamper: «Ein Volk, das um nichts anderes kämpft, als um sein natürliches und verbrieftes Recht, wird den Herrgott zum Bundesgenossen haben!»

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Mit diesem Flugblatt, welches im Rahmen der Feuernacht in ganz Südtirol verteilt und auch auf dem Postweg an viele Politiker und andere Persönlichkeiten in Österreich und Europa verschickt wurde, wollte der BAS die Öffentlichkeit über die Ziele seines Kampfes informieren. Das Flugblatt wurde am 1. Juni 1961 beim Treffen in Zernez, wo die Feuernacht beschlossen wurde, verfasst. Trotz einer langen Recherche war es nicht mehr möglich, eine vollständige Liste der Teilnehmer an diesem entscheidenden Treffen zu erstellen, die Namen von drei bis vier Nordtiroler Teilnehmern konnten nicht mehr ermittelt werden. Aus Südtirol nahmen teil: Sepp Kerschbaumer aus Frangart, Siegfried Carli aus Meran, Martin Koch aus Bozen, Sepp Mitterhofer aus Meran, Franz Muther aus Laas und Alfons Obermair aus Bozen. Aus Nordtirol bzw. Österreich nahmen teil: Dr. Norbert Burger aus

Kirchberg in Niederösterreich, Heinrich Klier und Kurt Welser aus Innsbruck. Um dem italienischen Geheimdienst und Spitzelnetz zu entgehen, hatte man für das wichtige Treffen absichtlich neutralen Boden in der Schweiz gewählt. Der Befreiungsausschuss Südtirol hatte schon vor der Feuernacht nicht nur durch Anschläge, sondern auch durch Flugblätter und Schriften auf sich und seine Ziele aufmerksam gemacht. Einige dieser Flugzettel wurden auch von Paul Pichler, Lehrer aus Schenna, verfasst. Er hatte innerhalb des BAS hinsichtlich der Werbung eine wichtige Funktion. Paul Pichler wurde nach der Feuernacht auch verhaftet und war bis zum Mailänder Prozess eingesperrt. Schon Ende Jänner 1961, als das Mussolini-Standbild in Waidbruck in die Luft flog, wurde er verhaftet und für eine Woche ins Klausner Gefängnis gebracht. Nach dem Prozess konnte er viele Jahre seinen Beruf als Lehrer nicht ausüben.

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FÜR UNS GALT ES, DIE HEIMAT ZU RETTEN…
Luis Steinegger
Viele Mitglieder des BAS waren im zweiten Weltkrieg Soldaten gewesen. Nach dem Krieg kehrten sie in die Heimat zurück und hofften auf eine bessere Zukunft, im Vertrauen auf die neuen, demokratischen Verhältnisse. Zu ihnen gehörte auch Luis Steinegger. Wie viele andere verwendete er im Untergrund die an der Front gemachten Kampferfahrungen. Luis Steinegger wurde 1921 in Tramin geboren. Seine Eltern waren Kleinbauern und seit frühester Kindheit konnte er selbst die Auswirkungen der faschistischen Diktatur miterleben. Bereits im Alter von 16 Jahren war ich an Widerstandsaktionen gegen die faschistische Italienisierungspolitik beteiligt und wurde damals das erste Mal eingesperrt. Mit anderen Jugendlichen hatten wir die Aufgabe übernommen, die Katakombenschulen zu überwachen. Wir waren eine größere Gruppe und trafen uns immer wieder, um im Geheimen unsere geliebte, aber verbotene deutsche Kultur zu pflegen. Im Jahre 1938 wurde ich dann mit einer Gruppe von 20 anderen jungen Burschen und Mädchen verraten! Da ich aber noch minderjährig war, wurde ich nach wenigen Tagen entlassen. Die anderen wurden aber fast alle zu Gefängnisstrafen Luis Steinegger von 3 bis 4 Monaten verurteilt. 1939 optierte ich, während ich einen vormilitärischen Kurs bei der italienischen Miliz besuchen musste, für Deutschland. 1942 wurde ich zur deutschen Wehrmacht eingezogen und absolvierte zuerst verschiedene Ausbildungen, z.B. Infanterie-, Artillerie-, Nachrichtendienst- und besonders eine gute Pionierausbildung. Damals erlernte ich den guten und sicheren Umgang mit Sprengmitteln aller Art. Meine Einheit wurde dann im damaligen Jugoslawien eingesetzt. Im August 1944 wurde ich von den Engländern gefangen genommen und kurze Zeit später den jugoslawischen Partisanen übergeben. Da ich in der Gefangenschaft zum Entschärfen von Minen herangezogen wurde, überlebte ich die Hölle der Gefangenschaft. Die meisten meiner Kameraden starben in jugoslawischer Gefangenschaft – das Ausmaß der erlebten und erlittenen Grausamkeiten waren jenen gleich, die wir tagtäglich in den

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Luis Steinegger als Soldat im II. Weltkrieg

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Nachrichten über den Balkankrieg sehen konnten. Am 30. November 1946 kehrte ich dann endlich von der Gefangenschaft heim. Ich brauchte fast ein halbes Jahr, um mich von den Leiden der Gefangenschaft zu erholen. Damals schwor ich mir, nie mehr in irgendeiner Weise politisch tätig zu werden. Aber langsam musste ich wieder meine Meinung wechseln, denn zu augenscheinlich war das von Tag zu Tag immer größer werdende Unrecht. Im Grunde hatte sich am Ziel des italienischen Staates, im Vergleich zum faschistischen Regime, nichts geändert. Nur die Mittel waren anders, feiner geworden. Immer mehr italienische Arbeiter aus dem

Süden wurden ins Land gepumpt, bekamen sofort eine Arbeit, eine Wohnung … und wir mussten zusehen, wie immer mehr Südtiroler auf der Suche nach Arbeit wieder auswandern mussten. Für uns galt es, die Heimat, die schon wieder in Gefahr war, zu retten. Zuerst sammelten sich die Gleichgesinnten in den Reihen der SVP. Im November 1957 lernte ich bei der Großkundgebung von Sigmundskron den Anführer des BAS – Sepp Kerschbaumer – kennen. Aber erst 1958 wurde ich ein Mitglied des BAS. Mein Freund Oswald Kofler stellte den ersten Kontakt her. 1960 lernte ich durch Oswald Kofler den Nordtiroler BAS-Aktivisten Kurt Welser kennen. Dieser hatte zu jener Zeit den Auftrag, die in Südtirol bereits im ganzen Land bestehenden BAS-Zellen

Luis Steinegger bei der Heimkehr

V.l.n.r. Viktor Thaler, Luis Steinegger und Oswald Kofler während des Mailänder Prozesses. Die Angeklagten wurden während der Prozesstage schwer bewacht und immer in Ketten vorgeführt.

oder Gruppen mit Sprengstoff, Waffen und anderem Material zu beliefern. Kurt Welser war ein ganz besonderer Mensch, mit dem mich eine innige Freundschaft verband. Er war es auch, der mir sagte, dass ich meiner Frau entweder alles sagen sollte oder gar nichts. Ich sagte meiner Frau dann alles über meine Tätigkeit, und sie stand felsenfest auf meiner Seite, denn sie teilte auch meine Sorgen um die bedrohte Heimat. Im Winter 1960-61 baute ich mit einigen Kameraden der Traminer BASZelle im Wald unter einem großen Felsen einen großen Materialbunker. Dort lagerten wir dann das gesamte SprengmateKurt Welser gehörte zu jenen Nordtiroler Aktivisten, die durch ihren Einsatz die Durchführung der Feuernacht ermöglichten. Er führte viele hunderte Kilo Dynamit illegal über die Grenze nach Südtirol.

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Am 30. Januar sprengten die Südtiroler Freiheitskämpfer einen der Gesslerhüte Südtirols, das Reiterstandbild Mussolinis in Waidbruck. In einem Flugblatt hieß es: «Tiroler! Italien zeigt uns wieder die kalte Schulter. Italien sagt wieder NEIN zu unserer primitivsten Forderung nach Landesautonomie. JETZT gibt es nur mehr eine Forderung: SELBSTBESTIMMUNG FÜR SÜDTIROL!» Links: Am 18.11.1938 wurde das Reiterstandbild mit den Gesichtszügen Mussolinis dem «Genius des Faschismus» geweiht. Mitte: Der gesprengte Aluminium-Diktator. Rechts: Die Scherben im Depot. Italienische Arbeiter brachten die Aufschrift «Wir kommen wieder» an.

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rial und die Waffen. Von diesem Lager wussten nur drei BAS-Leute Bescheid. Kurt Welser, der aus verschiedenen Gründen den Standort des Lagers wissen wollte, gab sich dann mit unserer Information zufrieden, dass wir innerhalb einer halben Stunde das Lager erreichen und Material entnehmen konnten. Sprengstoff und Waffen erhielten wir aber nicht nur aus Nordtirol, es gab noch überall Rückstände vom letzten Krieg. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ein junger Bauer uns eine deutsche Maschinenpistole übergab, die in ausgezeichnetem Zustand war. Zahlreicher Sprengstoff wurde zu Beginn auf halb legalem Weg in Norditalien angekauft. Oft hatten wir alten, unsicheren Sprengstoff und oft klappte es mit den Zündschnüren oder Zeitzündern nicht. Gleichzeitig hatten wir dann

auch wieder ausgezeichnetes Material zur Verfügung. Bei verschiedenen Kursen, die in Nord- und Osttirol, aber auch in Südtirol stattfanden, wurden zahlreiche Aktivisten ausgebildet, vor allem im Umgang mit Sprengstoff, aber auch zum Beispiel, wie man sich bei einer Verhaftung verhalten sollte. Bereits im April 1959 hatte der BAS erste Sprengstoffanschläge in Bozen verübt. Die Ziele waren Volkswohnungen, die ausschließlich für die Italiener gebaut wurden. Sie waren die Symbole für die italienische Unterdrückungs- und Überfremdungspolitik! Genauso hatten die Hochspannungsmasten nicht nur einen materiellen Schadenswert, sondern genauso symbolischen Wert. Gleich verhielt es sich mit den Anschlägen auf das Haus von Tolo-

mei in Glen und dem Duce-Standbild in Waidbruck. Zu den Aktionen des BAS gehörten nicht nur Anschläge: Immer wieder wurde die Bevölkerung durch Flugblätter, Briefe und Wandaufschriften auf die Lage im Land aufmerksam gemacht, Tiroler Fahnen wurden gehisst. Der BAS war in Gruppen bzw. in Zellen aufgeteilt. Diese bestanden von Fall zu Fall aus wenigen oder mehreren Leuten und umfassten meistens eine Gruppe aus demselben Dorf, Tal oder einfach eine Gruppe von Gleichgesinnten und Freunden. Untereinander hielten die Gruppen durch Verbindungsleute Kontakt bzw. wurden Aufträge, Befehle oder einfach Nachrichten und Informationen von der Führung zu den einzelnen Gruppen und Zellen durch Verbindungsleute weitergegeben. Zuerst waren es nur wenige kleine Gruppen, die im Lande verstreut aktiv waren. Mit der Zeit wurde ihre Zahl immer größer und umfasste bald das ganze Land. Natürlich waren die Aktionen

der verschiedenen Gruppen sehr unterschiedlich. Es gab Leute bzw. Gruppen, die immer wieder Aktionen ausführten, die vom Verteilen von Flugblättern, Hissen von Fahnen bis hin zu kleinen Anschlägen gingen, aber es gab auch Gruppen, die nie in Aktion traten. So waren am großen Schlag – die Feuernacht – sicher nicht alle BAS-Zellen beteiligt. Warum, ist nicht leicht nachvollziehbar. Vielleicht fehlte vielen im letzten Augenblick der entscheidende Rückhalt oder das letzte und entscheidende Stückchen Mut. Genauso waren nicht alle BAS-Gruppen gleich gut organisiert, ausgebildet, bewaffnet und sicherlich waren nicht alle Gruppen gleich motiviert. Im Unterland und im Raum Bozen standen den BASGruppen sogar zwei Ärzte zur Verfügung. Nach der Feuernacht und der darauffolgenden Verhaftungswelle lösten sich viele Gruppen auch von selbst auf, zu groß war der Schock und die Angst vor dem Vorgehen der italienischen Polizeikräfte.

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DIE «CURA SPECIALE»
Luis Gutmann
Bereits 1959 erschien in England ein Buch mit dem Titel «Die zehn Todesqualen». Darin beschrieb der Autor die Tatsache, dass die Folter noch in vielen Staaten der Welt eine angewandte Methode der Unterdrückung war. So auch in Italien. In einem Bericht über Sizilien beschrieb Gavin Maxwell, wie die Carabinieri bei der Bekämpfung der Mafia die Folter in den Verhören gezielt anwandte. Erschreckend klingt der Bericht eines jungen Carabiniere über diese verbrecherischen Behandlungsweisen. Ein Bericht aus Sizilien: «Ich diente in der größten Kaserne von Palermo, dem Hauptquartier für alle Provinzkasernen. Dort ist die berühmte «Pepiritu-Kaserne», wohin die verhafteten Verbrecher zuerst geschafft werden. Sie ist, kurz gesagt, ein Untersuchungsgefängnis, in dem die Häftlinge durch Schläge oder – wenn notwendig – durch Folterungen zum Reden gebracht werden. Ja, die Folter. Als Zivilist würde ich ohne Besinnen sagen, dass man keinem menschlichen Wesen solche Dinge antun darf, dass sie dem moralischen Fortschritt der Menschheit widersprechen, aber als Carabiniere versichere ich Ihnen, dass sie wertvoll und notwendig sind, besonders in einem Land wie Sizilien, denn hier gibt es Alois Gutmann die «Omertà» (das Gesetz des Schweigens). Sie ist für den Sizilianer das Zeichen der Würde und auch der himmlische Vater könnte gegen die omertà nichts ausrichten. Omertà ist eine eiserne Schranke, hinter der sich jeder, ob schuldig oder unschuldig, verschanzt und sie zu durchbrechen ist nahezu unmöglich. Richtig – wie stellt man es dann an, eine Verbrecherbande auszuheben? Wie bringt man die Schuldigen im Gefängnis dazu, den Mund aufzutun? Vielleicht mit sanften Worten und überzeugenden Predigten? Da würden sie nie ein Wort sagen. Auf diese Weise ist die Kriminalität in Sizilien nicht auszurotten und unser Dasein wäre eine Farce. Aber die heilige Rute und die heiligen Foltern – die bringen selbst die Fische zum Reden. Die Ausrottung des Verbrechens ist unsere Pflicht, und die müssen wir tun, ohne uns Kopfschmerzen über die Mittel zu machen. Nun könnten Sie sagen, dass unter den Gefolterten ja viele Unschuldige sind,

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die genauso behandelt werden wie die Schuldigen. Daran sind im Grunde nicht wir schuld, schuld ist nur die omertà, unter der die Schurken und die Gerechten gleichermaßen leiden müssen. Ich darf Ihnen das eigentlich nicht erzählen, aber wir hatten im Hauptquartier einmal einen Mann schon halb umgebracht, weil es hieß, er wäre ein Komplize eines gewissen Banditen und dann stellte sich heraus, dass der arme Teufel absolut unschuldig war. Er musste wegen seiner bei der Folter erlittenen Verletzungen einen Monat im Krankenhaus liegen – wegen gebrochener Rippen und anderem. Es hätte einen Skandal geben können, aber selbst wenn: Wir hatten uns immer noch in den Grenzen unserer Pflicht gehalten. Wir üben Gerechtigkeit, wir handeln im Namen der Gerechtigkeit, und die Gerechtigkeit kann sich nicht selbst verdammen. Im übrigen: Wie hätte er einen Skandal machen können? Er war nur ein Bauer und hatte keine mächtigen Freunde. Es gibt Leute, die so einen Versuch mit dem Leben bezahlt haben, das weiß ich. Wir wenden vielerlei Folter an – ich kann Ihnen ruhig davon erzählen, denn ich habe Ihnen ja dargelegt, dass sie notwendig sind. Die am häufigsten angewandte Folter ist die sogenannte «Cassetta»: Der Mann wird mit zurückgebogenem Kopf auf ein Holzgerüst gebun-

den. Man stülpt eine Gasmaske über sein Gesicht und gießt Salzwasser durch das Rohr des Mundstückes. Ich bin gegen den Anblick abgehärtet, das wird man in meinem Beruf, aber angenehm ist er nicht, kann ich Ihnen sagen. Sein Leib schwillt zu einem Ballon an und er leidet Höllenqualen. Dann drückt man auf seinen Leib, damit das Wasser wieder herauskommt und dann fängt man wieder an. Oft wird das mit anderen Foltern verbunden – der Mann ist nackt und man kann mit ihm machen, was man will. Wir nehmen uns die empfindlichsten Körperteile vor – Füße und Geschlechtsteile. Die Füße werden gebrannt oder geschlagen oder auch beides, dass man jemandem die Zehennägel herausgerissen hat, habe ich nie gesehen und ich glaube nicht, dass es gemacht wird. Warum, weiß ich nicht. Das Zwicken der Hoden ist allgemein gebräuchlich, manchmal geben wir ihnen dabei auch Elektroschocks. Ich habe gesehen, wie ein Carabiniere einem Mann Nadeln in den Penis steckte, und dann noch schlimmere Dinge habe ich erlebt, aber davon wollen wir nicht reden. Es ist notwendig, wie ich Ihnen erklärt habe. Anfangs musste ich mich dabei übergeben, aber jetzt regt es mich nur auf, wenn es sich um jemanden handelt, der sehr alt oder fast noch ein Kind ist. Dann würde ich am liebsten Gott ins Gesicht spucken.»

Erst durch Anwendung der Folter bei den Verhören konnte die italienische Polizei die ersten Aktivisten verhaften. Im Bild Jörg Pircher nach seiner Verhaftung.

Das Buch ist 1959 im Longmans, Green & Co. Verlag, London erschienen; im September 1961 aus dem Englischen übertragen von S. Rademacher und im Rowohlt-Verlag Hamburg herausgegeben. Niemand konnte sich damals vorstellen, dass der italienische Staat bzw. die italienischen Polizeikräfte auch in Südtirol in einem Ernstfall zu solch grausamen Methoden greifen würden. Die Jahre des Faschismus, in denen Schläge, Prügel und Rizinusöl als Mittel der Unterdrückung in den Carabinierikasernen an der Tagesordnung waren, schienen endgültig über-

wunden zu sein. Aber schon vor der Feuernacht hörte man des öfteren, dass übereifrige Staatsdiener beim Verfolgen von Südtirolern, die sich gegen die Missstände aufgelehnt hatten, zu ungesetzlichen Mitteln griffen. Doch niemand konnte sich die Brutalität vorstellen, mit der nach der Feuernacht eigens aus anderen italienischen Regionen herangeschaffte Spezialeinheiten der Carabinieri bei den Verhören von verdächtigen Südtirolern vorgingen. Folterungen, welche bei Verhören angewandt werden, haben immer zwei Ziele: Man will erstens vom Gefolterten Informationen herauspressen und zweitens

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will man ihn demütigen, warnen und bestrafen zugleich. Die Folterung hinterläßt nicht nur körperliche Spuren, auch die Seele der Betroffenen braucht oft Jahre, wenn nicht ein ganzes Leben, die Schmerzen und Demütigungen zu überwinden. Ende Juli 1961 waren fast 80 Südtiroler verhaftet worden. Bis Ende September d.J. umfasste die Zahl der Verhafteten fast 140 Personen. Die meisten von ihnen wurden 4 bis 7 Tage in den Polizei- und Carabinierikasernen verhört und grausamsten Folterungen unterzogen. Durch die Anwohner der Carabinierikasernen, zum Beispiel in Eppan und Neumarkt, welche die Schreie der Gefolterten hörten und durch die Berichte von Verhörten, die bald wieder freigelassen wurden, sprach sich die Tatsache, dass in den Kasernen die Südtiroler misshandelt wurden, bald im ganzen Land herum. Die Häftlinge ihrerseits versuchten, Berichte über die erlittenen Misshandlungen an die Öffentlichkeit zu bringen. Im Ausland erregten diese Berichte großes Entsetzen, in Italien wurden sie zum Großteil als Lügen und Phantasien abgetan. Einige der betroffenen Südtiroler überwanden sich, Strafanzeige gegen ihre Folterknechte zu erstatten. Insgesamt haben 44 Häftlinge diesen Schritt gewagt. Silvius Magnago nahm zu den Misshandlungen am 3. Dezember 1961 in der

Landesversammlung der SVP in Bozen folgendermaßen Stellung und betonte, dass nicht nur die Gewalt der politischen Häftlinge von Südtirol von der Partei verurteilt werden, sondern auch jene der italienischen Polizeiorgane. Nachdem man zur Überzeugung gekommen sei, dass es sich bei den Berichten um keine Gerüchte handle, habe die Partei eine parlamentarische Untersuchungskommission verlangt, welche die fragwürdigen Geschehnisse untersuchen solle. Nachdem die diesbezüglichen Ansuchen erfolglos geblieben waren, habe man einen Gesetzesentwurf eingereicht, der selbiges forderte. Dieser sei jedoch ein Opfer der Römischen Versandungspolitik geworden. Die Maßnahmen, welche die SVP ergriffen habe, seien nicht nur im Interesse der Südtiroler, sondern der Bewohner des gesamten Staatsgebietes, es müssen jene Elemente der Polizei ausfindig gemacht und bestraft werden, welche sich ihres Amtes nicht würdig erwiesen haben. Es sei die Frage zu stellen, ob es dem Ansehen Italiens förderlich sei, wenn der Staat aus einem falschen Prestigeempfinden zu solchen Übergriffen schweige und sie dadurch indirekt gutheiße. Bereits am 15. September wurde, sicher aufgrund der Anschläge, vom italienischen Innenminister Scelba die sogenannte 19er-Kommission eingesetzt, mit der Aufgabe, endlich Verhandlungen mit

den Südtirolern zu führen. Daraus entwickelte sich dann, viele Jahre später, das sogenannte Südtirol-Paket. Am 15. November 1961 sprach der österreichische Außenminister Bruno Kreisky vor der UNO über das SüdtirolProblem und über die Folterungen der Südtiroler Häftlinge. Am nächsten Tag beantwortete der italienische Außenminister Antonio Segni dies dadurch, dass er Kreisky einen Lügner nannte, da er keine Beweise für die angeblichen Misshandlungen vorgelegt habe. Trotzdem war es Kreisky gelungen, die Weltöffent-

lichkeit auf die Dramatik der Südtirol-Frage hinzuweisen. Unverständlich bleibt aber bis heute die allgemein zaghafte Reaktion der Südtiroler Politiker und der Südtiroler Bevölkerung im allgemeinen, als sie von den grausamen Übergriffen in den Carabinierikasernen hörte. Warum ging damals die Südtiroler Bevölkerung – allen voran die Spitzenfunktionäre der SVP – nicht auf die Straße, um friedlich gegen diese Übergriffe zu protestieren und den Verfolgten ein kleines Zeichen der Solidarität zu geben?

Durch die brutalen Methoden der Polizei wurde innerhalb kurzer Zeit fast die gesamte Widerstandsbewegung verhaftet und im ganzen Land wurden zahlreiche Waffen- und Sprengstoffverstecke gefunden.

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Alois Gutmann ist einer von vielen, die nach der Feuernacht verhaftet, verhört und dabei auf die grausamste Weise misshandelt wurde. Am 1. Juni 1930 in Girlan geboren, wohnt er seit 1951 in Tramin. Seine Familie optierte für Deutschland, weshalb er nach der vierjährigen italienischen Volksschule noch vier Jahre die deutsche Schule besuchte. Anschließend besuchte er die landwirtschaftliche Schule im Kloster Muri/Gries. Seit 1971 ist er mit Elisabeth Rella verheiratet, Vater von drei Söhnen, Landwirt und landwirtschaftlicher Unternehmer. 47 Jahre war er aktives Mitglied der Musikkapelle Tramin. Seit 10 Jahren ist er amtierender Obmann des Vereines Südtiroler Rebschuler. So beschreibt er das damals erlittene Unrecht: Wie kam es zur großen Verhaftungswelle nach der Feuernacht? Man muss einmal in aller Deutlichkeit sagen, dass sich das Südtiroler Volk

Alois Gutmann vor seiner Verhaftung.

uns gegenüber sehr korrekt und aufgeschlossen bzw. mitfühlend gezeigt hat. Dies haben vor allem wir Traminer des öfteren bei den verschiedensten Aktionen festgestellt. Ich möchte damit sagen, wie so mancher geglaubt haben möchte, dass diese unglaublich große VerhaftungswelIm November 1961 verstarb Franz Höfler aus Lana an den Folgen der Folterungen im Gefängnis.

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le auf «Verrat» zurückzuführen sein könnte: Dem ist mit Sicherheit nicht so, denn wäre es nur am Rande so gewesen, dann wären wir Traminer sicher schon viel früher im Gefängnis gelandet. Ich möchte nur kurz erinnern, wie oft die Traminer Tiroler Fahnen auf den St. Jakob-Turm gemalt haben. Bei der HerzJesu-Prozession und der Andreas-HoferFeier wurden die Straßen mit Tiroler Fahnen beflaggt. Damals war das Hissen der Tiroler Fahne strengstens verboten. Ich möchte nochmals unterstreichen, dass es

Höfler war Mitglied der Feuerwehr von Lana und Oberjäger der Schützenkompanie Lana. Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung wurde er in Lana beigesetzt.

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von Seiten der Südtiroler uns gegenüber keinen Verräter in Bezug auf die große Verhaftungswelle gegeben hat. Was war der Auslöser dieser damaligen Lawine von Verhaftungen? Hier muss man, um die damalige Situation zu verstehen, tiefer ausholen. Der Name «Steiner» wird sich bei dieser Abwicklung der Dinge des öfteren wiederholen. Ich muss gleich zu Beginn dieser heiklen Phase hinzufügen, dass es auch früher Zusammenkünfte von Südtirolern gegeben hat, die sich mit der politischen Situation in Südtirol befasst haben. Eine dieser Zusammenkünfte fand Mitte der Fünfziger Jahre statt. Ich muss hinzufügen, dass es Land auf Land ab immer wieder Versammlungen gab, wo scharfe Töne gegen das Verhalten Italiens uns gegenüber gefallen sind, ja sogar oft von Anschlägen auf verschiedene Einrichtungen die Rede war, bis dann Mitte Juli die große Verhaftungswelle einsetzte. Bei Benno Steiner in Obermais, welcher als Alto-Adige-Redakteur im Ruf stand, ein Spitzel zu sein, wurde ein Sprengstoffanschlag verübt. Daraufhin bekam er es mit der Angst zu tun und führte die Polizei auf die Spur eines BASMannes. Benno Steiner war mehrere Jahre zuvor mit Georg Klotz zwecks Gründung einer deutschen Oppositionspartei bei Franz Muther in Laas. Dabei hatten sie u. a. auch über Sprengstoffanschläge gesprochen; daran hat sich Steiner wohl

erinnert. Man verhaftete Muther dann sogleich und, wie könnte es anders sein, wollte man Auskunft erhalten über alles, was damals in Bewegung war. Ich kenne das Verhalten von Muther den Carabinieri gegenüber nicht, weiß aber genau, dass er noch auf Lebzeit ein Krüppel war. Sein Gehör, sein Gesundheitszustand war allgemein sehr angeschlagen, Ursache der Folterungen. Man muss der Sache zuliebe offen eingestehen, dass Steiner diese Aussagen, die er, nachdem man ihn aus dem Leben befördern wollte, auch viel früher der Polizei hätte mitteilen können. Nachdem man Muther verhaftet hatte, ungefähr Mitte Juli 1961, ging die Lawine der Verhaftungen los. Ja, es war wirklich wie eine Lawine, die losbrach und erst im letzten Winkel des Landes, wo ein Aktivist daheim war, halt machte. Ja sogar südlich bis über die Südtiroler Grenze hinaus: siehe Pergol aus Lavis. Wie es zu dieser unglaublich großen Verhaftungswelle kam, ist leicht erklärt: erstens kannte fast jeder jeden und zweitens wurden Methoden bei den Verhören angewandt, denen selten einer widerstehen konnte. Von den meisten arg Gefolterten wurden fast immer die Namen von zwei oder drei seiner Kollegen genannt. Auch darf man dabei nicht vergessen, dass man nicht mehr voll zurechnungsfähig war. Ich mache immer den Vergleich mit einer ausgeriebenen,

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Anton Gostner aus St. Andrä war der zweite Häftling, der im Jänner 1962 an den Folgen der Folterungen im Gefängnis starb. Sein Begräbnis wurde eine Protestkundgebung gegen das brutale Vorgehen der italienischen Polizei.

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schlappen Spülhuder. Man war bis zur Verzweiflung geistig, aber auch körperlich zerschmettert und zerlegt. Mir ging es jedenfalls so. Ich war fertig! Hatte ich doch eine kleine Ahnung, was Verhör heißt, denn ich war am 15. Juli 1961 um 3 Uhr morgens aus dem Bett geholt und dann in die Carabinierikaserne nach Kurtatsch geführt worden. Von dort kam ich in die Carabinierikaserne von Salurn, wo dann auch ein 18-stündiges Kreuzverhör losging. Das Verhör war zwar sehr ermüdend, aber korrekt, also nichts von Folter und dergleichen. Ich wusste, wie ich mich in solchen Situationen zu verhalten hatte; auch so brachte man mich nach Truden, wo ich gegen 11 Uhr nachts freigelassen wurde. Zu der Zeit war die Verhaftungswelle zwar im vollen Gange, aber mein Name war noch von niemandem genannt worden. Leutnant Rotellini sagte mir zwar, bevor er mich freilassen musste: «Gutmann, merke dir, was ich dir jetzt sage: Stell dir ein Seil vor, an dem ziehen wir und ihr. Das Seil hängt nur mehr an einem dünnen Faden, der kann schon gerissen sein oder auch nicht. Er wird aber reissen, dann sehen wir uns sicher wieder». Ich lachte darüber, denn ich hatte nicht im Geringsten eine Ahnung, was sich Land auf Land ab abspielte. In Truden entlassen, traf ich dort im Gasthof ganz zufällig einen Traminer,

einen gewissen Maler Kurt, der mich dann heim nach Tramin brachte. Am 17. Juli 1961 pflückte ich den ganzen Tag Äpfel und zwar Grafensteiner. Nach Feierabend ging ich heim. Wir wohnten damals etwas außerhalb vom Dorf. Ich habe mich umgezogen und auf nach Tramin ging es. Gegen halb neun Uhr abends kam ein Kollege zu mir und teilte mir mit, dass ein Jeep mit Carabinieribesatzung zu unserem Hof nach Söll fuhr. Ich hätte Zeit genug gehabt abzuhauen, aber «was soll’s», dachte ich mir, wenn ich 18 Stunden Kreuzverhör durchgehalten habe, dann werde ich auch jetzt, sollte man mich holen, meinen Mann stellen. Der zweite Grund, warum ich dann heimgefahren bin, war der Umstand, dass meine zwei Brüder auch in die ganze Sache eingeweiht, also Mitwisser waren. Dazu hatte der jüngste Bruder am darauffolgenden Tag seinen Abiturabschluss. Also ging ich heim. Dort angekommen, empfing man mich schon nicht allzu klug. Ich musste, ohne eine Jacke anzuziehen, sogleich in den Jeep einsteigen, und ab ging es nach Eppan in die dortige Kaserne. Ausgestiegen, oder besser herausgeworfen aus dem Fahrzeug, begleitet von dauernden Fußtritten, brachte man mich in ein Zimmer, wo ein Radio mit voller Lautstärke Lieder oder Ähnliches von sich gab. Dann ging es los: Man sagte anfangs gar nicht, was

man von mir wollte, sondern schlug mit Ledergegenständen, Fäusten und Füßen auf mich ein, bis man mir dann endlich sagte, warum ich dort sei. Man sagte mir dauernd, dass sie mit uns tun und lassen könnten, was sie wollten, denn sie hätten «carta bianca» vom damaligen Innenminister Scelba, der sich, und das soll auch einmal gesagt werden, vom Regierungskommissär, vom Bischof Gargitter und auch von Dr. Magnago – so sagte man mir – Rückendeckung geben ließ. Sie könnten also mit mir und allen, die in diese Sache verwickelt waren, machen was sie wollten. Ich zweifelte keinen Augenblick an deren Aussagen, denn die Methoden der Folter, die sie anwandten, bewiesen es. Man nannte Namen wie Kerschbaumer, Koch Martin und andere, die ich natürlich kannte. Mir war in dem Augenblick bewusst, in welcher Situation ich mich befand und, dass das Seil gerissen war. Man stellte mir also unzählige Fragen, gefährliche und weniger gefährliche, aber ich wusste, was für mich und meine Kollegen, die ich kannte, auf dem Spiel stand. Ich verweigerte jede Aussage, solange man mich mit solch barbarischen Methoden klein kriegen wollte. Man gab mir zu verstehen, dass ich meinen passiven Widerstand aufgeben sollte, denn sie hätten noch ganz andere Methoden, um mich zum Sprechen zu bringen.

Ich weiß nicht, wie oft ich bewusstlos war, wie oft man mich auf den Holzboden, natürlich immer nackt, hin- und hergezogen hat. Ich weiß nur, dass ich heute noch Narben am Oberschenkel habe. Ich ahnte nur von meiner Bewusstlosigkeit, weil ich mich beim Wiedererwachen in einer Wasserlache befand. Die Quarzlampe hat auch das ihre dazu beigetragen, mich klein zu machen. Ich hatte eine aufgeschwollene Zunge, gesprungene Lippen. Es war zum Verzweifeln! Ich war noch immer stumm, denn wie schon früher gesagt, weigerte ich mich, bei solchen Methoden zu sprechen. Nun, nach Stunden solcher Qualen wurden mir Kerschbaumer und Koch gegenübergestellt. Ich hatte bis dahin keine Ahnung, was in der Kaserne noch vor sich ging, wer dort war usw. Man kann sich mein Erstaunen vorstellen, als ich Kerschbaumer gegenüberstand und er mich fragte: „Luis, wie schaust denn du aus? Du musst denen sagen, was du weißt, sonst bringen sie dich noch um. Wir waren vorher Tiroler und als solche wollen wir denen sagen, warum und weshalb wir zu solchen Mitteln, also zur Gewalt, gegriffen haben!» Ich erwiderte Kerschbaumer: «Sag du denen, was du weißt, ich weiß nichts!» Dann war ich wieder mit meinen Folterknechten allein in diesem Raum. Ich sah, wie man einen Tisch ins Zimmer

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V.l.n.r. Josef Spiss, Jörg Pircher, Engelbert Angerer und Franz Muther

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brachte, eine Eisenkiste darauf stellte und mich aufforderte, mich auf die Kiste zu setzen. Wie schon erwähnt, war ich dabei immer nackt und man gab mir zu verstehen, dass sie jetzt eine Methode anwenden würden, bei der bis dahin noch jeder ein Geständnis abgelegt hat. Mir war klar, soweit konnte ich noch meine Gedanken sammeln, dass es jetzt ums Biegen und Brechen ging. Das Zweite war leider der Fall. Lasst euch nun erzählen, wie es dann, am Kreuz liegend, auf dieser Kiste zugegangen ist: Vier Mann, je einer Hände oder Füße streckend, bogen mich über die Kiste. Ich hab noch mit letzter Kraft

versucht, mich zu befreien und es gelang mir zwei bis drei Mal, sie abzustoßen. Ich versuchte mich mit letzter Kraft aufzurichten und schon waren ein Dutzend oder mehr Männer da, um mich bei den Händen und Füßen zu packen und vorne und hinten hinunterzuziehen, so dass ich das Gefühl hatte, man reisst mich auseinander. Nicht genug damit: Den Kopf nach unten, goss man mir eine Art Säure erst in die Nase, dann auch in den Mund. Ich weiß nicht, wie lange das gedauert hat. Jedenfalls kam es mir wie eine Ewigkeit vor und ich hatte das Gefühl, als sei jede Sekunde die letzte, als sei alles vor-

bei. Tatsache ist aber, dass der Mensch Unglaubliches erträgt. Am Ende dieser Tortur angelangt, weiß ich, dass ich nicht mehr stehen konnte. Ich war nicht mehr ich, lebte aber noch. Ich muss hier schon sagen, dass es unmöglich ist, in Worten das wiederzugeben, was man in einer solchen Situation empfindet. Man hat auch ein Schamgefühl und kann deswegen nicht alles so wiedergeben, wie es genau war oder wie man es selbst empfunden hat. Es gab nochmals Gegenüberstellungen mit Kerschbaumer, Koch, Tietscher und anderen. Was dann geschehen ist und wie, ist heute noch für mich schleierhaft.

Ich gebe zu, im Freiheitskampf das Meine dazu beigetragen zu haben, jedenfalls sah ich mich einem Protokoll gegenübergestellt, das zwar in groben Zügen stimmte, aber ich wusste nicht, wie das zustande gekommen war. In den nächsten Tagen wurde ich des öfteren gerufen und musste Männern wie Innerhofer, Gostner, Clementi, Kofler Hermann und anderen sagen: «Schaut mich an, mir ist das und das passiert. Wenn ihr etwas in Bezug auf die Anschläge und dergleichen wisst, dann sollt ihr es sagen.» Ich weiß nur, dass es auch denen ungefähr so erging wie mir. Kofler und Clementi durften später heimgehen. Die

V.l.n.r. Bernhard Prantner, Fritz Mandl, Toni Felderer, Martin Koch und Hans Stampfl.

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anderen zwei kamen ins Gefängnis nach Bozen, wo dann Gostner Anton nach wenigen Monaten verstarb. Der Korrektheit halber muss ich sagen, dass es auch bei den Carabinieri Menschen gab, allerdings nur zwei. Ein Appuntato in Eppan, ein etwas älterer Mann, der uns immer wieder sein Brötchen zu essen gab und zuflüsterte: «Buben, seid vorsichtig, was ihr sagt, ihr wollt doch eines Tages wieder nach Hause.» Der zweite war ein junger Bursche und der entschuldigte sich fast, bei dieser Einheit zu sein. Er sei Koch, sagte er uns und wenn er nicht eine Wohnung in Rom gekauft und dabei Schulden gemacht hätte, ginge er noch heute von dieser Einheit weg, denn wie sich seine Kollegen verhalten hätten, sei für ihn nicht zu ertragen gewesen. Das waren in Kürze die ersten Erlebnisse nach unserer Verhaftung. Ich möchte noch im Telegrammstil einige Tiefpunkte, die wir in den Gefängniszellen erleiden mussten, schildern. Nach all dem, was wir schon hinter uns hatten, war die erste Enttäuschung der Hirtenbrief von Bischof Gargitter im August 1961. Man nannte uns darin Kommunisten oder deren Handlanger und fast wörtlich, man möge sich von uns distanzieren und man sollte bedenken, dass man es mit raffinierten Verbrechern zu tun habe. Ihr könnt euch vorstellen, wie uns,

als zwischen vier Mauern Eingesperrte, zumute war. So mancher glaubte, jetzt sei alles aus, jetzt stehen wir einsam und verlassen, alleine da auf dieser buckligen Welt. Aber siehe da, Gargitter hat die Rechnung ohne den Wirt gemacht, und zu unserer Freude hat ein Großteil der Südtiroler Bevölkerung anders reagiert als er es wollte. Das zweite Tief, das wir erleben mussten, war der plötzliche Tod von Franz Höfler. Ich kann euch sagen, da wird es zwischen den Wänden des Gefängnisses eng. Man glaubt, Platzangst zu haben und findet keine Worte mehr. Eine Spalte des Schreckens hat sich aufgetan, welche sich bei uns allen nur langsam und zögernd schloss. Drittes Tief: Der nächste Kamerad wurde von unserer Seite gerissen: Es war Toni Gostner. Auch er im Blütenalter, Familienvater von mehreren Kindern, die er mit Frau hinterließ. Ihr könnt euch unsere Moral und unseren seelischen Zustand vorstellen. Die nächste große Ungerechtigkeit und Enttäuschung, die wir erlebten, war der famose Carabinieri-Prozess in Trient. Nicht nur, dass man die Folterknechte nicht verurteilt hat, nach all dem, was sie uns angetan haben. Nein, man hat sie freigesprochen, als Helden behandelt und befördert. Von mir aus gibt es eine solche Ungerechtigkeit nicht ein zweites Mal. Ich kann nur sagen: eine Schande!

Der Prozess gegen die Folterer wurde von der Öffentlichkeit genauestens verfolgt. Die beschuldigten Carabinieri wurden nach ihrem Freispruch vom italienischen Carabinieri-General De Lorenzo belobigt und ausgezeichnet. Augenscheinlich wurde die Arroganz des italienischen Staates durch die Tatsache, dass nicht die angeklagten Carabinieri als Angeklagte vorgeführt wurden, sondern die gefolterten Südtiroler Häftlinge welche in Ketten dem Prozess beiwohnten.

Die verwegene These der Staatsanwaltschaft, eines Organs, das im Rechtsstaat Italien die Rechte des Staates vertreten soll, war folgende: «Die Häftlinge seien nie misshandelt worden. Die Carabinieri hätten dies bestätigt. Das hartnäckige Beharren der Südtiroler auf ihre Darstellung der Ereignisse sei nur eine politische Intrige gegen die Carabinieri. Da aber gerichtliche Gutachten Spuren der Misshandlungen festgestellt hatten, müsse man davon ausgehen, dass sich die Südtiroler diese Verletzungen selbst zugefügt hätten, um die

Carabinieri zu verleumden. Somit seien die Häftlinge nichts anderes als Verleumder und Lügner.» Sogar das Gutachten von Dr. Holzner für Franz Höfler, welches als Beweismittel hätte dienen sollen, war nicht auffindbar und er selbst weilte angeblich in Spanien auf Urlaub. Am 9. Dezember 1963 begann in Mailand der sogenannte «Erste Mailänder Sprengstoffprozess» gegen 94 Angeklagte, davon 69 in Haft. Jeden Tag fuhren wir, in Handschellen und zu fünft mit Ketten aneinandergebunden, mit Sirenengeheul durch die Straßen Mailands.

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Zehn Carabinieri wurden wegen der brutalen Folterungen an den Südtiroler Häftlingen angeklagt. Von links nach rechts: Carabiniere Amanzio Pozzer (er misshandelte Sepp Innerhofer und Martin Koch), Leutnant Vilardo (verantwortlich für die Folterung Josef Gostners, der später starb) und Mará (er quälte Erich Walter und Veronesi). Anstelle einer Verurteilung erhielten die Carabinieri eine Auszeichnung.

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In den folgenden sieben Monaten wurde im In- und Ausland viel über das Südtirol-Problem geschrieben, bedingt durch die Zeugenaussagen und die Verteidigungsreden unserer Anwälte. Lediglich der bereits genannte Dr. Riz hat kein Wort darüber verloren. Hätten sich alle an die Methode von Riz gehalten, wären wir als Kriminelle verurteilt worden, und nichts wäre über Südtirol geschrieben worden! Sepp Kerschbaumer hatte sich bei seinen Aussagen klar und offen zur Sache bekannt und hatte die ganze Verantwortung dafür übernommen. Das hat alle tief beeindruckt, und sogar die Zivilkläger konnten ihm ihre Achtung nicht versagen. Am 16. Juli 1964 gegen Mitternacht wurde vom Gerichtspräsidenten Simonet-

ti das Urteil verkündet. Im Saal war es ganz still, alle blickten gespannt auf den Richter. Das Urteil lautete: Höchststrafe für den flüchtigen Luis Amplatz mit 25 Jahren und 6 Monaten. Von den Inhaftierten erhielt Kerschbaumer mit 15 Jahren und 11 Monaten am meisten. Gesamtstrafe 413 Jahre Haft! Einige wurden aus Mangel an Beweisen freigesprochen, ein Teil hatte die Strafe bereits verbüßt, die anderen blieben weiterhin in Haft. Der Zuschauerraum war zum Bersten gefüllt mit unseren engsten Verwandten. Auf den einen Gesichtern sah man Freude, auf den anderen tiefe Enttäuschung, zum Teil Verzweiflung. Auch der Abschied von vielen Kameraden nach Prozessabschluss in Mailand war qualvoll. Ich möchte einen solchen Tag nicht mehr erleben. Wir kamen von

traurigen Begebenheiten nicht mehr heraus. Luis Amplatz wurde meuchlings erschossen, aber auch der Tod Sepp Kerschbaumers im Gefängnis von Verona war für mich ein besonders harter Schlag. Es wurde wieder eng in der Zelle, man hatte ein Erdrückungsgefühl. Wir im Trientner Gefängnis, wo wir mehrere Jahre verbrachten, wollten es einfach nicht glauben, dass es einen Mann wie Sepp Kerschbaumer nicht mehr gab. So erlebte ich Tiefen, die mein Leben zeichneten. Ich habe das immer gesagt und will es wiederholen: Es ist unglaublich, was ein Mensch alles imstande ist durchzuhalten. Wie ihr aber seht, ich habe alles gesund überlebt und wie könnte es anders sein, durfte und darf ich nach meiner Freilassung auch Höhen, Freude und Genugtuung erleben. Mit mir freuen sich meine Frau und drei gesunde Burschen, wobei ich dies alles noch lange genießen möchte.» In Mailand standen 69 Aktivisten vor Gericht. Verhaftungen gab es nach der Feuernacht weit über hundert. Schätzungsweise wurden ca. 40 Personen, welche am BAS beteiligt waren, nicht verhaftet, das heißt, trotz der Folterungen und trotz der Repressalien entging fast ein Drittel der Beteiligten einer Verhaftung. Nur wer selbst Opfer von grausamen Misshandlungen wurde, kann das Ausmaß der erlittenen Schmerzen

und Demütigung wirklich erfassen. Die aus den Gefängnissen geschmuggelten Briefe und Berichte über die Folterungen in den verschiedenen Carabinierikasernen sind ergreifende Dokumente menschlicher Verachtung und Brutalität, die eine machtgierige und skrupellose Politik nicht besser beschreiben können. Die Folterer wurden aus politischer Opportunität angeklagt und vor Gericht gestellt, doch wurden durch die Amnestie oder Freisprechung der Betroffenen ihre Opfer ein zweites Mal gedemütigt. Der Prozess gegen die Carabinieri begann erst am 20. August 1963, nach mehreren Interventionen zur Einsetzung einer Untersuchungskommission, die vom Innenminister Scelba abgelehnt wurde. Das Verfahren kam jedoch wegen eines Vorfalles am 18. Juni 1961 zustande: Die Carabinieri von Lavis im Trentino verhafteten damals den 38-Jährigen Livio Pergoll und den 42-Jährigen Agostino Castelli wegen des Verdachtes auf Beteiligung an den Anschlägen. Die beiden wurden in die Carabinierikaserne von Neumarkt gebracht und dort misshandelt. Ebenso wurden Männer aus Neumarkt, Montan, Tramin und Kurtatsch in dieselbe Kaserne gebracht und schwer misshandelt. Der Bezirksrichter von Neu-

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markt, Luciano Cucciarielli, stellte bei der Einvernahme deutliche Folterspuren fest und ließ alle Verletzungen vom Gerichtsmediziner genau registrieren. Außerdem informierte er die Staatsanwaltschaft von Trient. Livio Pergoll erstattete ebenfalls Anzeige. Der Trientner Untersuchungsrichter Fabio De Luca plädierte für die Eröffnung eines Verfahrens. Owohl fast 50 Anzeigen vorlagen, wurden nur 10

Carabinieri vor Gericht gestellt. Und das Ende des Gerichtsverfahrens ist bekannt. Ein Trienter Jurist und enger Freund des wenig später verstorbenen Trientner Gerichtspräsidenten Giacomelli erzählte, dass das Gericht sich bereits für die Verurteilung entschieden hatte, als von höchster römischer Stelle massiv Druck ausgeübt wurde. Der folgende Freispruch wurde international heftigst kritisiert.

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Dieser Brief, den die Häftlinge gemeinsam im Gefängnis verfasst haben, musste wie viele andere Briefe auch, aus dem Gefängnis geschmuggelt werden. Anlässlich eines Besuches seiner Frau und einer seiner Söhne gelang es Sepp Mit-

terhofer in einem unbewachten Augenblick, während er seinen Sohn kurz umarmte den gefaltenen Brief in die Kapuze seines Mäntelchens zu schieben. So konnte der Brief das Gefängnis verlassen und an die Öffentlichkeit weitergeleitet werden.

Brief aus dem Gefängnis Bozen, vom 29.11.1961

SO WURDEN WIR SÜDTIROLER VON DEN CARABINIERI GEFOLTERT!
Mit großer Genugtuung haben wir vernommen, dass eine unglaublich große Volksmenge aus allen Teilen unseres Landes zusammengeströmt ist, um unserem guten Kameraden Franz Höfler das letzte Geleit zu geben. Wir konnten daraus mit Befriedigung schließen, dass das Südtiroler Volk zur gerechten Sache steht. Franz Höfler war ein netter, ruhiger Junge. Wir sind oft mit ihm im Hof spazieren gegangen; er hat uns erzählt von seinen grausamen Tortu-

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ren, die er bei den Carabinieri durchmachen musste. Er klagte über ganz unbestimmte, uncharakteristische Beschwerden, seitdem er bei den Carabinieri mit den grausamsten Martern gepeinigt worden war. Franz Höfler sagte, dass er in seinem Leben nie eine Stunde krank war. Er sagte uns, seitdem er bei den Carabinieri diese Torturen durchgemacht hatte, fühle er sich nicht mehr gesund, bis er schließlich einmal im Hof während des Spazierganges über so furchtbare Schmerzen in der Brust- und Rückengegend klagte, dass er fast zusammenbrach. Dr. Sullmann leistete ihm die erste Hilfe und begleitete ihn in die Zelle. Er stellte fest: Beginnende Lähmungserscheinungen des ganzen linken Ober- und Unterarmes. Er erkannte sofort die Dringlichkeit und Schwere des Falles und beantragte die sofortige Einlieferung ins Krankenhaus; jedoch als ebenfalls Inhaftierter konnte seine Anordnung nicht befolgt werden und somit konnte er erst nach dreistündigem Abwarten des Gefängnisarztes ins Krankenhaus eingeliefert werden. Liebe Landsleute, ihr werdet Euch wundern, dass einer unserer besten Kameraden gegangen ist. Wir alle wundern uns nicht, wir wundern uns nur, dass nicht einer oder mehrere schon während der Folterungen in der Torturenkammer tot liegen geblieben sind. Dass der liebe Verstorbene an den Folgen der Misshandlung gestorben ist, daran glauben wir, werdet Ihr alle nicht zweifeln. Anlässlich des Todes eines unserer Kameraden, der an den Folgen dieser schrecklichen Martern gestorben ist, möchten wir versuchen, Ihnen in groben Umrissen ein kleines Bild zu machen über die fast nicht zu glaubenden grausamen Misshandlungen sowie teuflischen Verhöre und Verspottungen, die uns zugefügt worden sind. Wir betonen, nur ein kleines Bild, denn man kann das unmöglich in Worten schildern, das muss man persönlich erlebt haben. Offen gestanden, es war schrecklich, sodass wir alle noch heute zutiefst beeindruckt sind und davon gar nicht mehr sprechen wollen, da wir sonst von dem Gedanken gar nicht mehr loskommen und darunter die Nerven leiden. Aber einmal muss es gesagt werden, denn das ganze Südtiroler Volk soll und muss es wissen und es darf nicht verschwiegen werden, dass die Carabinieri

uns fast bis zum Tode in grausamster Weise gemartert, verhöhnt und verspottet haben, besonders an den Geschlechtsteilen. Diese Martern kommen den ruchlosen Misshandlungen in den KZs gleich, wenn sie sie nicht gar an Bestialität, besonders an den Geschlechtsteilen, übertroffen haben. Liebe Landsleute, nicht nur einen Toten haben wir zu beklagen, nein, wir haben auch viele Invaliden; zum Teil werden sie sicher lebenslänglich einen Defekt mit sich tragen und nur mehr halbe Menschen bleiben. Viele klagen über unbestimmte und uncharakteristische Beschwerden, andere klagen über dauernde Kopfschmerzen und Schwindelgefühl mit eigenartigem Rauschen im Kopf infolge von wiederholter Bewusstlosigkeit und Gehirnerschütterungen; da ja ein großer Teil bis zu stundenlanger Bewusstlosigkeit geschlagen wurde. Andere klagen über starke Nacken- und Wirbelsäulenbeschwerden, wieder andere über ziehende Schmerzen in der Nierengegend infolge von Nierenquetschung und dadurch blutigem Urin. Einigen rinnt noch immer blutiger Eiter aus beiden Ohren heraus infolge des Zustandes nach beiderseitigem Trommelfelldurchbruch und dadurch Infektion und Einschränkung des Hörvermögens. Manche leiden unter hochgradiger Einschränkung des Sehvermögens, mit chronischer Bindehautentzündung, infolge von stundenlangem Stehen vor Quarzlampen. Andere klagen über vollständige Schlaflosigkeit, Aufspringen und Aufschreien während des Schlafens, wieder andere über Nervenzerrüttung und dauerndem leichten Zittern am ganzen Körper. Wieder andere beschweren sich über chronische Magenentzündung infolge Verbrennung der Magenschleimhaut nach Einschüttung von Säuren. Nicht zu sprechen von den Fällen, die an Rippenbruch und Kieferbruch leiden, oder von jenen, denen man die Zähne mit der Faust herausschlug und die übriggebliebenen noch wackeln. Weiters chronische, eitrige Entzündungen an den Zehen- und Fingernägeln mit Abgang des Nagels infolge von Quetschungen mit der Beißzange und Schlagen mit dem Gewehrkolben. Infolge von Streckung auf der Streckbank entstanden Narbenbrüche und weitere Narbenbildungen durch Verbrennungen von Zigaretten sowie Schla-

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gen mit kantigen Gegenständen. Viele schauten schrecklich aus, infolge von Blutergüssen und wurstartigen Striemen am ganzen Körper. Sie sahen aus wie Christus nach der Geiselung. Vielen hatte man die Haut mit der Beißzange zusammengezwickt, wobei die Zange so gedreht wurde, dass man heute noch die Narben sieht. In den meisten Fällen wurden die Leute splitternackt aufs Grausamste gemartert, verhöhnt und verspottet. Bei vielen Kameraden wurden die Torturen und satanischen Verspottungen Tag und Nacht durchgeführt, man ließ sie nie zur Ruhe kommen. Zuerst mussten sie mit hochgehobenen Armen stundenlang in Habachtstellung stehen bleiben, beim Ermüden hauten sie ihnen mit dem Gewehrkolben oder mit der Faust ins Gesicht und unter die Achselhöhlen, bis sie schließlich nach stundenlanger Übermüdung zusammenbrachen, worauf man sie mit furchtbarem Gebrüll mit den Füßen stieß. Inzwischen wurden sie immer wieder in die Folterkammer geführt oder von zwei Carabinieri hineingeschleppt. Dann riss man ihnen unter furchtbarem Gebrüll und Wutausbrüchen die Kleider vom Leib bis zur vollständigen Nacktheit; zuerst die gewohnten schweinischen Verhöhnungen und Verspottungen, dann schlugen sie mit den unglaublich schmerzhaften Stahlruten sowie Gewehrkolben und Fausthieben, bis sie bewusstlos zum Teil am Boden liegen blieben. Manche Kameraden haben sie in diesem Zustand am Boden liegen gesehen, mit halbgeschlossenen Augen und kein Lebenszeichen mehr von sich gebend, woraufhin sie sofort in eine Decke gehüllt und aus der Folterkammer hinausgetragen wurden. Andere spannte man splitternackt auf die Streckbank, wobei man ihnen die Wirbelsäule krümmte durch Unterlegen eines Holzkoffers. Und beim Heulen aufgrund der unbeschreiblichen Schmerzen schüttete man ihnen eine Säure in den Mund, sodass sie an unsagbarem Erstickungsgefühl litten und nicht hochkommen konnten. Einigen wurden sogar Käfer (2-3 cm große) auf den Nabel gelegt, wo diese dann das Bestreben hatten, in die Tiefe des Nabels zu krabbeln und dort die Haut zusammenzuzwicken. Die Kameraden erzählen, dass diese Streckbankfolterungen eine der grausamsten Martern war. Anderen wieder wurde je ein Korkpol ins Ohr

gesteckt und beim Einschalten des Stromes ein unbeschreibliches Geräusch erzeugt, wobei sie einen intensiven Schmerz in den Ohren spürten, ihnen nachher Blut aus den Ohren rann und sie bis heute schwerhörig sind. In der Zwischenzeit mussten diejenigen, die noch fähig waren, wieder im Gang mit dem Gesicht zur Mauer stehen, aber viele trug man teils ohnmächtig und zusammengeschlagen fort, da sie infolge Ermüdung beim Stehen zusammenbrachen und am Boden lagen wie tote Hunde. Eine andere sehr grausame Folterung war, dass man sie in der mittleren Hochstellung mit beiden Armen nach rückwärts verschränkt stundenlang an das Stiegengeländer kettete. Eine Begleiterscheinung der grausamen Folterung war das unbeschreibliche Durstgefühl. Die meisten Kameraden sind ja mitten in der Sommerhitze verhaftet worden (Mitte Juli), und man gab ihnen keinen Tropfen Wasser, nicht einmal, um den Mund zu benetzen, und somit waren sie am ganzen Körper ausgetrocknet, besonders durch das starke Schwitzen beim Stehen vor der heißen Quarzlampe. Manche Kameraden erzählen, dass sie 4 – 5 Tage kein Wasser bekommen hätten. Eine weitere Begleiterscheinung der schrecklichen Torturen war, dass man sie nie zur Ruhe kommen ließ, bei manchen sieben Tage lang. Tag und Nacht ohne Unterbrechung wurden sie gequält, gemartert, verhöhnt und verspottet. Um ihren unglaublichen Hohn und Spott zu zeigen, spuckten sie manchem in den Mund oder steckten ihnen den schmutzigen Abortbesen in den Mund. Alles Hohn und Spott, den wir über uns ergehen lassen mussten. Nun möchten wir noch kurz etwas berichten von den empfindlichsten Verhöhnungen satanischer und brutaler Art, um den ganzen Folterungen den Höhepunkt zu geben. Wir schämen uns zwar, es zu erzählen, aber es muss gesagt werden. Es braucht wirklich eine teuflische Phantasie, dass Menschen zu so etwas fähig sind. Wie wir in unserem Schreiben schon dauernd betont haben, hatten es diese schweinischen Teufel hauptsächlich auf die Geschlechtsteile abgesehen. Splitternackt vor ihnen stehend, wurde uns das Geschlecht mit nicht auszu-

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denkenden Phrasen verspottet und verhöhnt; dann machten sie sich lustig darüber. Sie zündeten mit einem höhnischen Lächeln eine Zigarette an und verbrannten uns mit einem arroganten Lächeln das männliche Glied und den Hodensack. Dann nahmen sie spitze Nadeln und stachen uns in die Geschlechtsteile. Ein anderer spannte eine Schnur der elektrischen Leitung und elektrisierte einige Kameraden am männlichen Glied, ein anderer zerdrückte ihnen die Hoden. Unter schrecklichem Wutgeheul drohte man ihnen, mit einem Messer das ganze Geschlechtsteil wegzuschneiden, damit endlich diese verfluchte Südtiroler Sippe aussterbe. Um das Schmerzgeheul der Kameraden zu übertönen, schalteten sie das Radio in voller Lautstärke ein. Abschließend möchten wir nochmals betonen, dass wir nur versuchen, ein kleines Bild zu geben von dem, was sich in Wirklichkeit zugetragen hat. Man kann es nicht in Worten schildern, so grausam war es. Und trotzdem bezeichnet man uns als die bestbehandelte Minderheit der Welt. Die politischen Südtiroler Häftlinge!

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Stellvertretend für die vielen Berichte über die erlittenen Folterungen, die aus dem Gefängnissen geschmuggelt wurden, wird der Brief von Franz Muther aus Schlanders abgedruckt. Die meisten «Folterbriefe» wurden in der Broschüre «Schändung der Menschenwürde in Südtirol» veröffentlicht und im ganzen deutschen Sprach-

raum verteilt. Leider erkannten die damaligen politisch Verantwortlichen auf der Südtiroler Seite nicht das politische Gewicht dieser Briefe. Sie wären bei den internationalen Verhandlungen ein deutliches Druckmittel gewesen. Die Originale der Berichte müssten sich noch heute im Besitz der Südtiroler Volkspartei befinden.

AN DIE LANDESLEITUNG DER SÜDTIROLER VOLKSPARTEI,
Bozen, am 3. November 1961
Möchte Ihnen Folgendes mitteilen, damit Sie sich ein Bild machen können, wie man in einem freien demokratischen Staat die Polizeiverhöre führt. Ich wurde am 10. Juli dieses Jahres vom Carabinieribrigadier von Laas in die Kaserne gerufen, es war gegen 17.30 Uhr. In der Kaserne sagte der Brigadier, es würde jemand kommen, um einige Fragen an mich zu richten, dann könnte ich gleich wieder nach Hause gehen. Ich musste warten. Gegen 21 Franz Muther Uhr wurde ich aus der Kaserne geführt und musste in eine Campagnola, welche vor der Kaserne stand, einsteigen. Gleich darauf brachte man Matthias Parth aus Eyrs, welcher ebenfalls im Wagen Platz nehmen musste … Wir wurden nach Meran in die Carabinierikaserne gebracht … Gegen Mitternacht wurde ich in ein anderes Zimmer geführt, dort stellte ein Mann in Zivil einige Fragen an mich. Wie ich nachher erfahren konnte, war es Capitano Marzollo oder Marzolla. Nachdem ich diese Fragen nicht zu seiner

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Zufriedenheit beantworten konnte, wurde ich beschimpft und verhöhnt, er drohte mir mit Misshandlungen, unter anderem würde man mir die ganzen Haare ausreissen. Ich musste die Hände hochhalten, dann schlug er mir mit einem Eisenstäbchen auf die Finger. Marzolla rief nach einem gewissen Lungo – dieser war ein großer, kräftiger Mann – und gab ihm den Befehl, mich abzuführen zur «cura speciale» … Ich wurde mit dem Rücken gegen die Wand gestellt und von zwei kleinen Scheinwerfern, welche auf Augenhöhe 80 cm vor mir aufgestellt wurden, angestrahlt … Als meine Augen genügend geblendet waren, wurde ich in die Mitte des Zimmers gezogen, um mich herum standen ungefähr sechs bis acht Mann in Zivilkleidung und einer in Uniform. Jener in Uniform ging auf mich zu, verhöhnte, beschimpfte mich, drohte mir auf das Schärfste, dann auf einmal fasste er mich an der Brust, riss mir das Hemd herunter und zugleich Haare aus der Brust. Dann schlug er mit der Faust auf die Schädeldecke los, zugleich schlug der Lungo an der Seite meines Kopfes, besonders aufs linke Ohr, wo ich heute noch immer Schmerzen habe und auch schlecht höre. Von den anderen erhielt ich Fußtritte in den Unterleib, ich konnte nicht mehr sehen, mir wurde schwarz vor den Augen. Nach einiger Zeit wurde ich wiederum mit dem Rücken gegen die Wand gestellt, diesmal brachten sie einen großen Scheinwerfer, welcher wieder auf Augenhöhe 60 bis 80 cm vor mir aufgebaut wurde … Jedesmal, wenn mir vor Schmerzen die Augen zufielen, erhielt ich Stöße in alle Körperteile, besonders Fußtritte an den Schienbeinen … Diese Tortur vor dem großen Scheinwerfer dauerte fünf bis sechs Stunden ununterbrochen … meine Bitte um Wasser wurde höhnisch verneint. Als endlich die Scheinwerfer abgeschaltet wurden, glaubte ich, das Augenlicht verloren zu haben … am ganzen Körper nass vor Schweiß … wurde ich in die Mitte des Zimmers auf einen Stuhl gebracht, es war eine fürchterliche Zugluft, da Fenster und Türen offen waren. Marzollo drohte mir auch, 20 Kilo Gewichte an die Geschlechtsteile hängen zu lassen. Ein anderer sagte mir, jetzt würde man meine Frau holen, die wird man schon zum Sprechen bringen. Es war nicht auszuhalten, der Gedanke, dass man jetzt auch noch eine

unschuldige Frau auf solche Weise, wofür es für einen zivilisierten Menschen keinen Ausdruck mehr gibt, verhört, war für mich furchtbar … Ich hatte auch roten Urin, auch zwei bis drei Tage im Bozner Gefängnis, wo ich am Sonntag, den 17. Juli, eingeliefert wurde … … möchte ich davon absehen, die Ausdrücke, welche man mir gegenüber, gegen unsere Volksvertreter und das ganze deutsche Volk gebrauchte, zu wiederholen. Jedoch sei eines erwähnt, dass jener in Uniform mich anschrie: «Voi tutti porchi tedeschi si dovrebbe inpiccare!» … habe ich auch Anfang Oktober eine Anzeige wegen der Misshandlungen an die Staatsanwaltschaft von Bozen gemacht. Nachdem ich aber bis heute nichts davon gehört habe, befürchte ich, dass man alles vertuschen will. Nachdem ich seelisch, moralisch und körperlich vollkommen zerschlagen war, kann ich mich nicht mehr erinnern, was ich bei den Carabinieri sowie auch beim Staatsanwalt Dr. Castellano aussagte und unterschrieb. Die hier angeführten Misshandlungen entsprechen voll und ganz der Wahrheit. Ich möchte Sie aufrichtig bitten, dass Sie alles daransetzen, um weitere solche Schandtaten am Südtiroler Volk zu verhindern … Es zeichnet hochachtungsvoll Franz Muther, Laas

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Bozen, 1. Dezember 1961 Lieber Herr Pfarrer! Inzwischen hat sich allerhand zugetragen. Insbesondere hat uns alle der tragische Tod unseres Kameraden Franz Höfler schwer aus der Ruhe gebracht. Es ist vielleicht nicht nur sein plötzliches Gehen von uns, das uns alle so aufschreckte oder vielmehr dieser traurige Umstand überhaupt, dass er sein junges Leben für die Heimat lassen musste, das eindeutig auf die schrecklichsten Martern und teuflischen Misshandlungen von Seiten der Carabinieri zurückzuführen ist. Man hat anfangs zuviel über unsere Verbrechen (Sprengungen) geschrieben und uns samt und sonders zu Verbrechern gestempelt, weil wir, und ich muss dies besonders betonen, nichts anderes getan haben, als in der Ausweglosigkeit und der verzweifelten Lage, in die uns Italien durch sein unverständliches Verhalten und Gebaren uns Südtirolern gegenüber gebracht hat, eine Verzweiflungstat gesetzt haben. Auch ein jedes Tier, welches zu Tode gequält wird, wird schon durch seinen Instinkt zur Verzweiflungstat getrieben, um sich vom Tode zu retten. Und war es nicht die ganze Zeit herauf, seit wir unter Italien sind, ein ständiges Quälen und Peinigen unseres Volkskörpers als ganzes und im Einzelfalle? Mit ruhigem Gewissen kann ich all das vor Gott und den Menschen verantworten, was durch meine Initiative geschehen ist, denn all unseren Handlun-

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gen lag ein Grundsatz zugrunde, keinem Menschen etwas zuleide zu tun! Es wäre endlich an der Zeit, die ganze Angelegenheit nüchtern und im Zeichen des Rechtes zu sehen, denn es steht einwandfrei fest, dass die Schuld und Ursache bei Italien liegt, das uns bis zum heutigen Tage unsere heiligen Rechte vorenthalten hat! Durch das Vorgehen der Polizeibehörde bei den Vernehmungen, wo an den meisten von uns sadistische und verbrecherische Foltermethoden angewandt wurden und die der christlichen Sittenlehre und der einfachsten Moral einfach Hohn sprechen, hat sich Italien eine Schuld aufgeladen, von der es sich kaum mehr entledigen wird können. Blind und taub geht man scheinbar an diesem Volksmord vorbei und man wagt es nicht, endlich diejenigen zur Rechenschaft zu ziehen, die soviel Schuld und Schand auf sich geladen haben. Es ist nicht Hass, der meine Feder führt, als vielmehr die Empörung gegen begangenes Unrecht und dieses zu verschweigen! Möge der liebe Herrgott, zu dem ich ein felsenfestes Vertrauen habe und täglich bete, seine Gerechtigkeit walten lassen! Viele Grüße an alle. Es grüßt herzlichst Sepp Kerschbaumer

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DIE FREIHEIT NICHT HABEN UND … SORGEN
Helmut Kritzinger
Helmut Kritzinger wurde am 15.8.1928 in Sarnthein geboren. Er arbeitete als Lehrer und Journalist. Er ist verheiratet und Vater von sechs Kindern. Nach der Verhaftung im Sommer 1961 und anschließender Freilassung konnte er kurz vor seiner Wiederverhaftung über die «grüne Grenze» nach Innsbruck flüchten. Nach der Beendigung des Mailänder Prozesses konnte er wieder frei nach Südtirol einreisen. Zuerst arbeitete er bei den «Tiroler Nachrichten» und dann als Beauftragter des Tiroler Landeshauptmannes Eduard Wallnöfer im Sozialbereich. Seit 1983 ist er Mitglied des Innsbrucker Stadtrates. Gefangen sein, das Ungewisse, wie lange es dauert, nicht die Möglichkeit haben, einen Raum zu verlassen oder in weiter Ferne vorbeiziehende Menschen zu sehen und selbst diese Freiheit nicht zu haben – schlimmer ist nur noch krank sein und nicht wissen, ob man gesund wird. Das sagte mir einmal Josef Fontana in der Zelle 12 im Gefängnis von Bozen. Fontana hatte Sprengstoff in das Tolomei-Haus in Montan gelegt. Nach dem Anschlag, der zu unserem großen Bedauern lediglich ein Loch in der Hausmauer verursachte, radelte Fontana über Leifers und Bozen nach Eppan. Am Rad hing ein alter Malerkübel, in dem noch einige Dyna- Helmut Kritzinger mit-Rollen lagen. An den Wachen der vollbesetzten alarmierten Kasernen in Eppan zog er, misstrauisch beobachtet, aber unbehelligt, in seinem verschmierten Maleraufzug vorbei. Man hatte Zeit, in den langen Monaten im Gefängnis einige Erlebnisse auszutauschen. Franz Höfler aus Lana – ein riesiger, kräftiger, junger Mann – traf ich im Gefängnishof von Bozen. Er trug Sandalen und hatte zerquetschte, blau gefärbte Zehen. Auf meine Frage antwortete er, es seien dies die Hiebe der Gewehrkolben beim Verhör gewesen. Viele andere Beispiele ließen sich anführen, Höfler starb an den Folgen der Folterungen. Ich schrieb Monate später einen langen Brief an seine Mutter nach Lana, die Kopie des Briefes ging verloren. Als ich nämlich nach der Haft und anschließender provisorischer Freiheit wieder eingesperrt werden sollte, versteckte ich viele Unterlagen im Stadel des Widums in Sarnthein. Der Pächter, Hans Messner, ein

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verlässlicher Mann, hatte Sorge, entdeckt zu werden. Es genügte damals der leiseste Verdacht und schon wurde jedermann eingesperrt. Messner verbrannte die Unterlagen. Im Gefängnis konnte man einmal in der Woche nach Hause schreiben. Wenn das Essen in die Zelle gebracht wurde oder wenn die Wache zwei Mal am Tag mit einem schweren Eisenstab die Fenstergitter prüfte, konnte man seine Schreibabsichten melden. Dann ging es
Das teilweise zerstörte «faschistische Heiligtum»: das Tolomei-Haus in Glen (1. Februar 1961)

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in die Schreibzelle. In dem kleinen, engen Raum saßen dann mehrere Häftlinge. Als einmal mein Nachbar sich bückte, sah ich auf seinem Kopf einige talergroße, blutige Flecken. Die Haare waren büschelweise mit der Kopfhaut ausgerissen worden. «Was ist denn Dir passiert?» «Sie haben mich beim Verhör an den Haaren herumgeschleift!» Es war Sepp Mitterhofer. Zuerst lag ich 21 Tage im Keller des Bozner Gefängnisses in Einzelhaft und kam dann nach etlichen Zwischenstationen in die Zelle 12. Sieben Personen waren aus politischen Gründen in der Zelle und dazu ein Krimineller aus Rom. Statt seiner brachte man eines Tages einen jungen Pusterer, Schwingshackl aus Mühlbach. Er war beim Wildern erwischt worden und litt arg unter dem Gefangensein, aber noch mehr an etwas anderem: Uns fiel auf, dass er entweder auf dem Bauch im Bett lag oder in der Zelle stand. Auf unser Drängen erzählte er, dass eine Ladung Schrotkugeln in seinem Hinterteil steckte. Sein Zorn brachte uns zum Schmunzeln. Arg mitgespielt hatten die Carabinieri einem jungen Klausner. Beim Vorbeigehen an einer Carabinieristreife imitierte er ein lautes Tönchen aus dem Mund. Die Streife nahm ihn fest, er war vier Monate eingesperrt wegen «Beleidigung der Nation».

An langen Ketten aneinander gefesselt wurden die Angeklagten wie Schwerverbrecher zu den Verhandlungen der Mailänder Prozesse geführt.

Wie kam es zu meiner Verhaftung? Ich war SVP-Obmann, Mitglied des Parteiausschusses, Gemeinderat, hatte die UNO-Briefaktion in Südtirol organisiert. Viele halfen mit, so der spätere Landesrat Sepp Mayr, aber auch Pater Ludwig Gufler, Kooperator in Sarnthein. In Sarnthein baute die ENEL, nachdem sie mit dem Wasser der Talfer zwei Elektrowerke errichtet hatte, drei große Familienhäuser für ihre Schleusenwärter, die sich aus Italien hier ansiedelten. Ich protestierte heftig, auch bei der ENEL-Zentrale in Bozen, weil ich glaubte, im Sarntal hätte man genügend Arbeitskräfte für die Tätigkeit als Schleusenwärter finden können. Etliche Tage danach explodierte in der Nähe dieser Häuser ein Knallkörper. Das bot den Carabinieri Anlass, Hausdurch-

suchungen zu machen und mich ins Bozner Gefängnis zu bringen. Es war der 7. April 1961. Das Untersuchungsverfahren wurde eingeleitet und dauerte Monate. Am 25. November wurde ich provisorisch entlassen mit den Auflagen, mich zwei Mal wöchentlich bei den Carabinieri zu melden und das Gemeindegebiet, außer in Begleitung eines Carabiniere, nicht zu verlassen. Neun Monate dauerte dieser Zustand, dann wollte man mich wieder einsperren. Als die Verhaftungswelle im Juni 1961 über 120 Südtiroler ins Gefängnis brachte, sagte der dortige «comandante»: «Li portono come le galline» (Wie die Hühner werden sie eingefangen). Die Italiener übten eine absolute Macht aus. Sie wussten, kein Staat würde sie daran hindern. Politisch waren weder Deutsch-

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land noch Österreich ein ernstzunehmendes Gegengewicht. Die Geheimdienste arbeiteten. Die Rolle des italienischen Geheimdienstes in Südtirol bei vielen sogenannten Anschlägen muss erst noch beleuchtet werden. Unabhängig vom Geheimdienst, war die Rolle der Carabinieri damals von einer ganz anderen Vorstellung geprägt – mit menschlichen Ausnahmen natürlich, wie überall. An einem Sonntag im Frühjahr 1958 standen Gerold Regensberger und ich am Postplatz in Sarnthein. Da kam Carabinierimaresciallo Palaia hinzu. Ihm unterstand das ganze Gemeindegebiet. Wir wechselten einige Worte, da sah Palaia einen jungen Öttenbacher, L. Eschgfäller, die Dorfstraße herunterkommen. Er hätte sich in der Kaserne wegen des Militärdienstes melden sollen. Palaia winkte; Eschgfäller kam zögernd zu uns her und der Maresciallo sagte: «Wenn du mit mir sprichst, stell deinen Fuß unter meinen Absatz!» In der Faschistenzeit wurden unter anderem der «Laurinbrunnen» und das «Mädchen von Spinges» als Kriegsbeute in den Schlosshof von Rovereto gebracht. 1959 beabsichtigten wir, die Bronzestatue der Katharina Lanz, Mädchen von Spinges, eines Nachts aus dem Schlosshof zu entführen. Dabei waren Jörg Pircher aus Lana, – er hatte einen kleinen Pritschenwagen, der einem Verwandten

gehörte – Luis Amplatz aus Bozen, Toni Felderer, Josef Lobis und Franz Kienzl aus Sarnthein. Unser abenteuerliches Unternehmen scheiterte an den bellenden Hunden, die in der Nacht einen Mordskrach schlugen und vor allem an dem tonnenschweren Denkmal. Enttäuscht fuhren wir heimwärts, es wäre ein guter Streich gewesen und eine Genugtuung für unsere brennende Ungeduld. Die Chancen, etwas auf parlamentarischer Ebene für Südtirol zu erreichen, waren gleich Null. Mit Österreich als Partner des Pariservertrages zu verhandeln, kam nicht in Frage, es sei eine inneritalienische Angelegenheit, lautete die offizielle Stellungnahme aus Rom. Die Suche nach Auswegen war bei vielen Südtirolern vorhanden. Kurz nach dem Krieg fuhr der abgewählte englische Premier Winston Churchill auch nach Südtirol. Er hielt sich auf dem Karerpass auf. Der Sarner Sebastian Mair, Asterbauer in Pens, hatte eine Silberfuchsfarm. Ein besonders schönes Stück schenkte er Churchill und suchte ihn im Hotel Karerpass auf. Es war am späten Vormittag, erzählte mir der Aster Wastl. Er meldete sich mit dem Wunsch, den Ex-Premier sprechen zu können. Der Butler machte keine Anstalten. Dann rief Churchill vom hinteren Zimmer: «Lassen Sie den Mann herein!» Der Butler führte den Wastl zu Churchill. Er saß mit Zei-

tungen und einer Zigarre im Bett und sagte zum Butler gewandt: «Das ist mein Freund!» Der Aster Wastl, nicht ungeschickt im Verhandeln, kam bald zu seinem Anliegen: Churchill möge helfen, dass Südtirol wieder zu Österreich käme. Der Premier daraufhin: «Ich sehe keinen «Rauch» in Südtirol». Die Verhandlungen mit Italien waren entmutigend. Ein Konzept, die Regierung an den Verhandlungstisch zu bringen, bestand nicht; bis dann die UNO-Aktion kam. Franz Gschnitzer, damals Staatssekretär in Wien, klug, weitsichtig und angesehen, fädelte die Aktion ein. Es waren aber mehrere daran beteiligt, Viktoria Stadlmayer, der damalige Nordtiroler Landeshauptmann Tschiggfrey, die Landesräte Eduard Wallnöfer, Alois Oberhammer und Bruno Kreisky als Außenminister. Mit neuer Kraft wollten alle helfen. Italien hatte immerhin 15 Jahre sein Süppchen in Südtirol gekocht und fleissig Sand in die Augen der Öffentlichkeit gestreut. Der Vorstoß bei der UNO brachte kurze Zeit Bewegung. Churchill hatte mit seiner Bemerkung recht. Ein weiteres Konzept würde wohl Chancen, aber auch Gefahren mitsichbringen. Seit der Besetzung Südtirols gab es nie einen offen bekundeten Widerstand; erstmals 1956 und dann in viel größerem Ausmaß in den 60er Jahren.

Viele Monate vorher sammelte ich in ganz Südtirol Adressen von Personen, die zu einem Widerstand gegen die italienische Politik bereit waren. Als SVP-Parteiausschussmitglied kannte ich viele Obmänner und Bürgermeister; diese Adressen bildeten die Basis dafür. Jeder, der eingesperrt war, fragt sich, – und ich bilde keine Ausnahme – ob es sich lohnte. Jahrelange Haft, Folterungen, Verlassen der Heimat, entrechtet, ein völliges Umkrempeln im Familienbereich, ja die Haftzeit belastet auch das Gemüt und den Charakter. Wiedergutmachung gibt es keine. War es eine Leistung für die Heimat? Im ganzen öffentlichen Bereich gäbe es als Beamte und Angestellte nur Italiener. Freilich werden jetzt die Früchte geerntet, die damals einige mutige Visionäre gesät haben. Es war der Zusammenschluss Tirols geplant, herausgekommen ist eine Autonomie mit verschiedenen Krankheitssymptomen. Meine Einstellung zum Ziel und darauf kommt es an, hat sich nicht geändert. Es geht auch um die geistige Vertreibung aus unserer schönen Heimat Südtirol. Es ist nicht im Sinne dieses Buches, alle jene Männer und Frauen aufzuzählen, die damals gewollt oder ungewollt den Weg des Widerstandes einschlugen. Zahlreiche Leute, die diesen Weg gingen, blieben bis heute unerkannt. Einige

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wollen über diese Zeit nicht mehr sprechen und man muss es respektieren. Jene, die in diesem Buch zu Wort kommen, sind deshalb nicht die «Besten», weder Vorlaute noch Wichtigtuer – solche Leute muss man anderswo suchen. Es gab keine Richtlinien, die die erzählenden Personen erfüllen mussten, um ihre Erlebnisse in diesem Buch zu veröffentlichen. Und wenn nicht noch mehr Betroffene über ihr eigenes Schicksal in diesem Buch schreiben durften, dann nur deshalb, weil eine vorgegebene Seitenzahl und einzuhaltende Termine uns eine unerbittliche Grenze setzten. Wer einmal das Glück hat, auch nur einige der damaligen Beteiligten näher kennen zu lernen, wird vielleicht mit Verwunderung feststellen müssen, wer und was diese Menschen eigentlich sind, die von der blind urteilenden Öffentlichkeit, von der oft politisch gefärbten Zeitgeschichte, deren hochstudierten Professoren und so vielen bestbezahlten Politikern einfach als Terroristen abgestempelt und verteufelt werden. Es sind grundwegs einfache und bescheidene Leute, die anderswo niemals aufgefallen wären mit ihrer Anständigkeit. Und dennoch sind es wieder auch alle besondere Menschen, die in ihrem Leben vieles bewegt haben, wenn auch nur im kleinen. Sie hatten und haben ihn noch immer: den Mut zur Tat, der sie auszeichnet.

Es gibt dafür viele Beispiele: Pepi Fontana, damals «nur» ein einfacher Maler, begann im Gefängnis sein Studium und gehört heute zu den wichtigsten Historikern in Tirol. Hans Stieler aus Bozen war langjähriger Obmann des Südtiroler Heimatbundes, politisch immer aktiv und privat widmete er sich intensiv und erfolgreich seiner Rosenzucht. Franz Muther und Jörg Pircher führten nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis ihr begonnenes Werk und arbeiteten strebsam beim Wiederaufbau des Südtiroler Schützenwesens weiter. Oder Martin Koch und Alfons Obermair aus Bozen, die maßgeblich am Aufund Ausbau des Südtiroler Alpenvereins beteiligt waren. Oder Luis Hauser, der Schmied aus Kurtatsch der sich nach dem Gefängnis ganz dem kulturellen Leben und Überleben seiner Heimat hingab. Er war eifriges Mitglied der Kurtatscher Heimatbühne und der Musikkapelle. Als Volkskundler war er Mitglied der Schlernrunde und als Heimatkundler und Hobbyarchäologe entdeckte er 3000 Jahre alte Kupferschmelzöfen, ein Fund, der ihn weit über die Grenzen Tirols bekannt machte. Es sind dies nur einige, wenige Beispiele und man könnte hier so manches von den übrigen Männer erzählen, die damals zur Tat schritten, um der bedrohten Heimat beizustehen.

DAS GEFÄNGNISLEBEN ALS POLITISCHER HÄFTLING
von Sepp Mitterhofer
Wenig oder fast gar nichts ist über das Leben der politischen Häftlinge in den verschiedenen Gefängnissen bekannt. Nur die Häftlinge selbst und ihre engsten Angehörigen, welche außerhalb der Gefängnismauern das Schicksal ihrer eingesperrten Angehörigen miterlebt haben, können davon erzählen. Es war ein Leben auf engstem Raum, ein Leben mit Höhen und Tiefen, ein Leben zwischen Hoffen und Bangen. Dieses Leben war für alle eine große Belastung. Vor allem das ungewisse Schicksal belastete die Nerven der Häftlinge. In solchen Situationen kamen so manche Schwächen der Betroffenen stärker zum Vorschein und belasteten die Kameradschaft und das Zusammenleben in den Zellen zusätzlich. Aber gerade dieser Umstand zeichnete die Inhaftierten als Menschen und nicht als «Supermänner» aus. So erinnert sich Sepp Mitterhofer an die Zeit im Gefängnis. Als wir Verhafteten und Gefolterten im Juli 1961 ins Bozner Gefängnis eingeliefert wurden, waren wir glücklich. Es mag heute für den Leser makaber klingen, aber es war so. Man darf aber nicht vergessen, dass wir eine menschenverachtende Behandlung in den Carabinierikasernen hinter uns hatten und eben hofften, dass wir im Gefängnis halbwegs normal behandelt werden würden und endlich essen, trinken und schlafen könnten. Dies hat uns ja vorher alles gefehlt und deshalb konnten wir uns kaum auf den Beinen halten. Dort angekommen, wurden uns sofort der Gürtel und die Schuhlitzen abgenommen, damit wir uns nicht erhängen (!) konnten. Ebenso Geld und Schmuck, wie Uhren und Eheringe, wegen Bestechung des Wachpersonals. Dann wurden wir in Zellen gesteckt, mit anderen politischen Häftlingen zusammen, allerdings waren mancherorts auch Kriminelle darunter. Wahrscheinlich waren es Spitzel mit der Aufgabe, uns auszuhorchen. Nach einiger Zeit konnten wir bei der Direktion ansuchen, ausgetauscht zu werden und so schafften wir es tatsächlich, nach einigen Monaten, uns dieser zwielichtigen Elemente zu entledigen. Ich erinnere mich noch gut, wie wir uns in den ersten Tagen vorsichtig beschnupperten, denn jeder kannte zwar mehrere Kameraden, aber lang nicht alle. Zwei Stunden am Tag durften wir an die frische Luft, also im streng bewachten, mit hohen Mauern umgebenen Hof spazieren gehen. Da haben wir so manche

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Kameraden getroffen, von denen wir vorher noch gehofft hatten, dass sie «draußen» geblieben wären. Wir hatten uns viel zu erzählen, von den letzten Tagen und Wochen leider wenig Gutes. Es waren einfach zuviele schreckliche Dinge passiert, die unser Leben und unsere Persönlichkeit durcheinandergebracht hatten. Die Sorge, wie es mit unseren Familien daheim weitergehen sollte, drückte schwer auf unser Herz. Viele hatten ja den Ernährer von einem Tag auf den anderen verloren, dem Hof wurde der Bauer weggerissen, der Mutter der Sohn usw. Auch die Sorge, wie der Freiheitskampf weitergehen sollte, war groß. Ungefähr ein Viertel unserer Kameraden hatte zwar das Glück, nicht verhaftet zu werden, aber diese hatten zumindest vorübergehend den Mut verloren weiterzumachen, was wir auch verstehen konnten. In dieser Phase sprangen vor allem die Nordtiroler Kameraden und die Studenten der Innsbrucker Uni in die Bresche. Wir hatten jedesmal eine helle Freude, wenn es krachte, einerseits, weil es trotz der vielen Verhaftungen weiterging und andererseits, weil es uns zumindest teilweise entlastete. Was uns freiheitsliebenden Männern auch arg zu schaffen machte, war der enge Raum, auf dem wir so zusammengepfercht waren. Das Bozner Gefängnis war durch die plötzliche Inhaftierung so vieler Menschen hoffnungslos überfüllt.

In den Zellen waren bis zu dreimal soviele Menschen drinnen wie vorgesehen. Dazu kam noch eine mehrere Wochen andauernde Affenhitze, die uns zusätzlich zu schaffen machte. Das viele Schwitzen, die Ausdünstung der Körper und die damit verbundene schlechte Luft setzte uns arg zu, durften wir doch nur einmal in der Woche duschen. Was uns in dieser ersten schweren Zeit aufrecht- und zusammenhielt, waren die gemeinsamen Sorgen um unser Schicksal, um die Heimat, um unsere Familien und unsere Gesundheit, nach den furchtbaren Erlebnissen bei den Carabinieri. Wussten wir doch nicht, dass wir neben den äußeren Verletzungen auch innere davongetragen haben, die ja gefährlicher sein konnten und auch waren. Der Gefängnisarzt Dr. Piazzi, dem wir unsere Beschwerden aufgrund der Misshandlung wohl geklagt hatten, brachte kein Verständnis für unsere Klagen auf. Dem Untersuchungsrichter Dr. Martin, dem wir unsere Erlebnisse bei den Carabinieri ebenfalls vortrugen, ignorierte einfach unsere Aussagen. Dafür belastete er uns mit Strafartikeln, welche zusammengerechnet bis zu 93 Jahre ausmachten. Wenn diese auch maßlos übertrieben war, so war es trotzdem eine große seelische Belastung, denn die Artikel die man einmal hängen hatte, mussten eben zu Fall gebracht oder reduziert werden. Dr. Martin behauptete bei einem

Verhör mir gegenüber, auch er sei ein Tiroler, weil er in Meran lebe. Dass er Meraner ist, kann man ihm wohl nicht absprechen, aber sich als Tiroler (!) zu bezeichnen das war reine Frotzelei. Dr. Martin hat sich schon als junger Staatsanwalt bei den Pfunderer Buaben (1956) einen Namen gemacht, allerdings keinen guten. Er hat acht junge Pfunderer des Mordes am Finanzer Falqui angeklagt und extrem hohe Strafen gefordert, das Gericht in Bozen hat sie dann zusammen zu 111 Jahren Gefängnis verurteilt, den größten Teil der Strafe haben sie abgesessen, obwohl an ihrer Schuld bis heute größte Zweifel bestehen und damals viele unabhängige Stellen und Personen ihre Unschuld als eindeutig bezeichneten. Sein abgrundtiefer Hass gegen die Südtiroler hat ihm kein Glück gebracht: ein Sohn ist tödlich verunglückt, einer ist auf die schiefe Bahn geraten und die Frau ist ihm angeblich auf und davon. Als er vor Jahren in Pension gegangen ist, habe ich in den Dolomiten in einem Leserbrief unter anderem geschrieben: «Wenn er die ganzen Tränen, die er in Südtirol durch seine unmenschlich harte Haltung verursacht hat, abbüßen muss, dann hat er im Jenseits nichts Gutes zu erwarten!» Staatsanwalt war damals ein gewisser Castellano, wir nannten ihn den sizilianischen Giftzwerg. Er war von kleiner Statur, hatte Minderheitskomplexe und

ging in die Höhe wie eine Rakete, wenn wir etwas sagten, was ihm nicht passte. Von den Misshandlungen wollte er schon gar nichts hören, da fing er gleich an zu toben. Das Gefängnispersonal verhielt sich uns gegenüber unterschiedlich, sie waren nicht alle gehässig, es waren auch Menschen darunter. Einmal in der Woche durften wir eine halbe Stunde Besuch erhalten, das war der schönste Tag der Woche. Da schöpften wir wieder Kraft und Mut, damit wir die Eintönigkeit des Gefängnislebens leichter ertragen konnten. In den ersten Wochen hat so mancher die große Umstellung und seelische Belastung schwer verkraftet. Ausgewirkt hat es sich verschieden: der eine ist zum vergitterten Fenster hinauf gesprungen und hat seine Verzweiflung hinaus geschrien: «Ich will hinaus, ich halte es nicht mehr aus hier.», dem anderen sind die Tränen gekommen, wenn er an seine Familie gedacht hat und andere wiederum waren an diesem Tag, wo sie den Koller hatten, nicht auszustehen, so dass man besser einen Bogen um sie machte. Wir waren eben alle nur Menschen und der plötzliche Entzug der Freiheit war so etwas Gewaltiges, dass sich die Auswirkungen ein freier Bürger gar nicht vorstellen kann. Aber wir mussten damit fertig werden, jeder auf seine Art, und wir sind damit fertig geworden. Wir wussten, dass wir gegen das italienische Gesetz verstoßen hatten und

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dafür werden wir unsere Strafe abbüßen müssen. Aber moralisch wussten wir uns in keiner Weise schuldig, der italienische Staat hat uns Südtiroler jahrzehntelang um unsere verbrieften Rechte betrogen und hat bis zum Schluss kein Einlenken gezeigt. Das Recht war also auf unserer Seite, aber gerade diese Auffassung sollte uns noch tiefe Enttäuschung bringen. Wir mussten Jahre später erkennen, dass auch im christlich-demokratischen Italien das Recht nicht beim Betrogenen, beim Unterdrückten liegt, sondern bei dem, der die Macht hat und zwar in unserem Fall unweigerlich der Staat. Das Leben im Gefängnis wurde für uns mit der Zeit etwas erträglicher, weil wir uns eben abfinden und wohl oder übel versuchen mussten, uns anzupassen. Beim täglichen, zweistündigen Spaziergang im Hof hatten wir uns näher kennen gelernt, hatten uns viel zu erzählen und auch immer wieder versucht gegenseitig Mut zu machen. Nachdem aber zuviel Politische waren, wurden wir in zwei Gruppen aufgeteilt. Die eine Hälfte hatte am Vormittag den Ausgang im Hof und die andere am Nachmittag. So konnten nicht jeder mit jedem reden, was manchmal wichtig gewesen wäre, um die Aussagen beim Staatsanwalt und Untersuchungsrichter zu koordinieren. Im Herbst geschah ein Ereignis, das alle Häftlinge sehr beunruhigte. Ein junger Bauer aus Untermais, der wegen uns

für einige Monate verhaftet wurde, mit uns aber nichts zu tun hatte, wurde von den Wachen in den Keller gezerrt und dort geschlagen. Als es uns zu Ohren kam, traten wir sofort in den Hungerstreik. Auch die Kriminellen machten mit. Am nächsten Tag kreuzte der Staatsanwalt auf, hörte sich unsere Beschwerden an und versprach, den betreffenden Offizier, der die Schlägerei angeordnet hatte, zu bestrafen. Geschehen ist gar nichts, aber wir hatten von nun an unsere Ruhe. Das Essen war zwar frisch, aber das war auch schon alles. Gekocht haben Kriminelle, die vom Tuten und Blasen keine Ahnung hatten. Als später dann einer von den Unsrigen, der Schmied aus Vahrn, Franz Gamper, in die Küche kam wurde es zwar etwas besser, aber Wunder wirken konnte er auch nicht. Unsere Verwandten durften uns beim Besuch kalte Speisen mitbringen, die sie vorher abgeben mussten und welche gründlich nach Feilen, Sägen und Messern untersucht wurden. Mit dem Speck hatten wir aber unsere liebe Not, wir hatten ja kein Messer zum Aufschneiden. Toni Gostner, der in unserer Zelle der «alte Hase» war, weil er zwei Monate früher eingesperrt wurde, organisierte eine Blechdose, die wir solange bearbeiteten bis wir den Speck irgendwie zerkleinern konnten. Aber die Entwicklung blieb auch bei uns im Gefängnis nicht stehen. Wir sind

Sepp Mitterhofer während seiner Haftzeit im Gefängnis von Trient. Neben ihm Jörg Pircher aus Lana, Oswald Kofler und Pepi Fontana. Ein wohlwollender Gefängnisdirektor, De Mutis, erlaubte es den Südtiroler Häftlingen im Trientner Gefängnis, sich in einem Gartenhäuschen eine «Tiroler-Stube» einzurichten.

draufgekommen, dass man den Stiel vom Aluminiumlöffel bei der eisernen Kante der Pritsche solange bearbeiten kann, bis so etwas ähnliches wie eine Schneide entstand. Als wir dann mit der Zeit etwas frecher wurden, haben wir beim Besuch kleine Taschenmesser hereingeschmuggelt. Das war natürlich nicht ungefährlich, denn darauf stand mindestens drei Tage Einzel- und Dunkelhaft im Keller. Beim Eintritt in den Besuchsraum und nachher wurden wir nämlich immer von den Wachen von oben bis unten abgetastet. Nach solchen verbotenen Sachen, auch Geld und Schmuck oder Transistor-

radio haben sie dann in gewissen Abständen auch in den Zellen gesucht. Meistens in der Früh waren plötzlich fünf sechs Mann da, wir mussten nach dem üblichen Abtasten hinausgehen und dann wurde alles durchsucht. Je nach dem wie «gern» uns diese Besucher hatten, schaute auch die Zelle nachher aus. Manchmal glich sie regelrecht einem Schlachtfeld, aber wir hatten ja Zeit genug zum Aufräumen. Zweimal am Tag kamen auch drei Mann, die Insassen zu zählen und vor allem aber mit einem Eisenstab das Fenstergitter abzuklopfen, ob es nicht angesägt ist. Dieser Routine-

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vorgang ist mir jedenfalls so in Fleisch und Blut übergegangen, dass er mir nach acht Jahren, als ich heimkehrte, direkt abgegangen ist. Am liebsten hätte ich ihn zu Hause weitergeführt, aber meine Frau sträubte sich verständlicherweise dagegen (!!!). Im Herbst 1961 erlebten wir aber auch Freuden. Der Gefängniskaplan Don Nicoli brachte einmal in der Woche entweder Hauswürste mit Kraut oder Knödel mit Gulasch, organisiert von Karl Marsoner, der später dann auch einen Monat dafür sitzen «durfte». Damit der Kaplan dies durchführen durfte, mussten die Kriminellen auch einen Teil davon erhalten. Am 22. November ereilte uns ein Schlag, der uns allen schwer zu schaffen machte. Franz Höfler, der kräftige, humorvolle und früher kerngesunde Mann, ist im Bozner Krankenhaus an den Folgen der schweren Misshandlungen gestorben. Er hatte schon öfters von Schmerzen im Rücken und am großen Zeh geklagt, aber dass er deswegen sein junges Leben lassen musste, hat uns tief erschüttert. Wir zwei sind in der Meraner Carabinierikaserne nebeneinander mit erhobenen Armen stundenlang gestanden. Immer wenn wir die Arme sinken ließen, in den Schultern hat es ja furchtbar geschmerzt, sind wir mit dem Gewehrkolben vom wachhabenden Carabinier geschlagen worden. Bei ihm

hatte sich ein Blutgerinsel gebildet, das zu seinem Tod führte. Zu Weihnachten haben wir viel Solidarität erfahren, die uns große Freude bereitete. Wir wurden mit Paketen und Weihnachtspost regelrecht überschwemmt. Der Weihnachtsabend mit ein paar brennenden Kerzlein auf einem Fichtenzweig war allerdings sehr wehmütig. Schweigsam dachten wir an unsere Lieben zu Hause und was uns die Zukunft wohl noch alles bringen würde. Der zweite Schlag ließ nicht lange auf sich warten. Am 7. Jänner, nach dem Spaziergang im Hof, starb Toni Gostner auch an den Folgen der schweren Misshandlungen. Er hatte schon öfters geklagt, dass ihm der linke Arm schmerzt. So auch diesmal beim Spaziergang im Hof. Er ging auf die Krankenstation und ließ sich eine Spritze geben und ruhte sich dann in der Zelle aus. Als wir dann nachkamen setzte ich mich auf seine Pritsche, wir waren in derselben Zelle und fragte ob es ihm besser gehe. Wir wechselten noch ein paar Worte, plötzlich riss es ihn nach hinten, er bekam keine Luft mehr, wurde ganz blau im Gesicht und vorbei war es. Wir trommelten gegen die Tür, es kamen sofort Wachen, aber da war nichts mehr zu machen. Für sein sensibles Herz waren die schweren Folterungen zuviel gewesen. Das ganze Gefängnis war in Aufregung, von den Gefangenen über die Wachen bis zum Komman-

danten und Direktor. Schon der zweite politische Häftling musste sein Leben lassen, das gab Schwierigkeiten noch und noch. Wir hatten wohl alle eine schlechte Nacht. Am nächsten Morgen beim Spaziergang sind wir alle zusammengestanden und haben für ihn ein Vater Unser gebetet, da sagte Sepp Kerschbaumer: «Das war das zweite Opfer der Folterungen, wer wird wohl der Dritte sein?» Hat er vielleicht schon geahnt, dass er es selbst sein würde? In Südtirol hat das eine Welle der Solidarität für uns ausgelöst, es wurden der Reihe nach Veranstaltungen und Bälle abgesagt. Die Südtiroler Volkspartei hat eine parlamentarische Untersuchungskommission wegen der Folterungen verlangt. Die Frauen der Häftlinge wollten vor dem Gefängnis dafür protestieren und wir drinnen durch einen dreitägigen Hungerstreik. Warum in einer so wichtigen Angelegenheit bei uns der Zusammenhalt gefehlt hat, ist mir bis heute schleierhaft. Die verschiedensten Parolen kursierten im Gefängnis. Eine davon war, dass wir dann alle nach Italien hinunter versetzt würden und das wäre dann für unsere Familien noch schlimmer. Ich war damals und bin heute noch der Meinung, dass dies nicht geschehen wäre, wenn wir zusammengehalten hätten. Es hätte in den Medien einen Wirbel gegeben, der ihnen zu diesem Zeitpunkt nicht in den Kram gepasst hätte. Es ist aber alles

anders gekommen. Martl Koch, Paul Pichler und ich, die wir den Toni sterben gesehen haben sind zur Abmachung gestanden und haben den Hungerstreik durchgeführt. Ebenso Luis Gutmann hat aus Solidarität mitgestreikt. So sind wir aber vom Staatsanwalt als Rädelsführer und Aufwiegler hingestellt worden. Prompt sind wir ein paar Tage nachher versetzt worden. Unerklärlicherweise mussten aber noch einige mit uns büßen. Sepp Kerschbaumer, Oswald Kofler mit Martin Koch und Luis Gutmann wurden nach Verona versetzt. Engelbert Piock und Jakob Scherer kamen mit Paul Pichler und mir nach Vicenza. Dort kamen wir in eine feuchte, verdreckte Zelle, mit Schimmelflecken an den Wänden und die Feuchtigkeit durchdrang unser Gewand und den Körper. Die Wachen begegneten uns mit finsterer Miene und wir wurden auf Schritt und Tritt bewacht wie Schwerverbrecher. Nach einigen Wochen hat sich das auch aufgeklärt. Der Gefängniskommandant persönlich kam zu uns in die Zelle, wir waren nicht wenig überrascht, und erzählte uns, dass wir von Bozen ein Begleitschreiben mitbekommen hätten, das uns als sehr gefährliche Verbrecher ausgewiesen hätte. Er erzählte uns auch, dass er schon während der deutschen Besetzung 1943-45 Gefängniskommandant war und mit den Deutschen gut zusammengearbeitet habe, weil sie Ordnung und Disziplin

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hätten. Von da ab wurden wir etwas menschlicher behandelt. Jakob Scherer hatte von Kerschbaumer nur einige Kilo Sprengstoff zur Aufbewahrung bekommen und glaubte zu Unrecht, solange in Untersuchungshaft sitzen zu müssen. Er schrieb das dem zuständigen Staatsanwalt und begann gleichzeitig einen unbefristeten Hungerstreik. Eine Woche hat er keinen Bissen gegessen nur zwei Becher Wasser getrunken, ist aber immer mit uns zwei Stunden am Tag im kleinen Gefängnishof spazieren gegangen und man hat ihm fast keine Schwäche angemerkt. Der Kommandant ließ uns wissen, wir sollten ihm zureden, den Streik abzubrechen, sonst müsste er ihn nach Reggio Emilia in die psychiatrische Anstalt für Gefangene versetzen lassen. Jakob ist aber hart geblieben und so ist er eben dorthin versetzt worden. Wie er uns später erzählte, hat man dort kein Pardon gekannt. Er wurde gleich in den Keller gebracht, dort musste er sich nackt auf eine eigens vorgefertigte Pritsche legen und wurde an Händen und Füßen festgebunden. In der Mitte hatte sie ein Loch, damit Urin und Kot nach unten entweichen konnte. Das Essen wurde ihm, oder genauer gesagt wollte man ihm, mit einem Trichter in den Mund einführen. Aber Jakob war so von seiner Unschuld überzeugt, dass er immer die Zähne zusammenbiss und nichts durchließ. Ganze fünf

Tage hat er diese Prozedur durchgehalten, bis ihn dann ein Wärter überzeugte, dass er hier nicht mehr lebend herauskomme, wenn er nicht aufgeben würde. Dazu beigetragen hatte auch der Umstand, wie er später erzählte, dass durch die Feuchtigkeit vom Oberboden kleine Kalkstückchen herunterfielen und in seinen Augen furchtbar schmerzten, weil seine Hände ja festgebunden waren. Mir ist es in Vicenza auch nicht besonders gut gegangen. Ich hatte schon in Bozen im linken Arm ein starkes Ziehen verspürt, ähnlich wie Toni Gostner. Nachdem ich auch viel zu dick war, hatte ich Angst, dasselbe Schicksal zu erleiden wie Toni. Deshalb habe ich eine Abmagerungskur gemacht und nur wenig gegessen. An Gewicht habe ich schon verloren, aber an Kräften wohl auch, denn eines Nachts bekam ich einen Herzanfall, es schlug wie rasend, dass ich glaubte, jetzt ist es aus mit mir. Meine Kameraden verständigten die Wache und man brachte mir Herztropfen. Später wiederholte sich der Anfall noch einmal, allerdings etwas schwächer. Die Angst begleitete mich aber noch monatelang, da ich in der Brust immer einen Druck verspürte, der Herzanfall wiederholte sich aber nicht mehr, wohl auch, weil ich wieder etwas mehr gegessen hatte und mehr zu Kräften kam. Im Frühjahr habe ich angesucht, nach Trient versetzt zu werden, was mir

auch genehmigt wurde. Einige Wochen später kamen dann auch Paul Pichler und Engelbert Piock nach. Für unsere Frauen war das auch viel angenehmer, denn nach Trient war es nur halb soweit wie nach Vicenza. Außerdem waren in Trient viele politische Häftlinge aus den Unterlandler Gemeinden, welche damals noch zur Provinz Trient gehörten. Das Klima war dort auch besser, weil ein Direktor das Gefängnis leitete, der eine Schweizerin zur Frau hatte und viel Verständnis für unsere Situation aufbrachte. Das Jahr 1962 ging vorüber, ohne dass viel geschehen wäre. Wir hofften, dass irgendwann einmal unser Prozess ausgeschrieben werden würde, aber es rührte sich nichts. Politisch ist zwar die Neunzehner-Kommission eingesetzt worden, welche das Südtirolproblem untersuchen sollte, aber der italienische Staat versuchte sie immer wieder zu sabotieren. Zu Ostern und auch schon in der Woche vorher wurden all jene verhört, welche Anzeige wegen Misshandlung erstattet hatten, es waren deren 44. Im Laufe des Jahres sickerte aber durch, dass nur jene Anzeigen angenommen wurden, welche in Neumarkt gefoltert worden waren und ein Gutachten eines Gerichtsmediziners aus Padua hatten. Alle übrigen wurden unter den Tisch gewischt.

Während der Spaziergänge im Hof und auch in den Zellen wurde natürlich auch über allerhand gesprochen. Thema Nummer eins waren freilich unsere Familien mit ihren Problemen. Dann kam die Politik, mit deren Verlauf wir nicht zufrieden waren. In Trient bekamen wir die Dolomiten, allerdings waren die politischen Artikel herausgeschnitten, dafür haben wir sie dann oft beim Besuch hereingeschmuggelt bekommen. Das dritte Thema war das Ausbrechen, wie könnte es anders sein. Für das, was man nicht hat, aber am meisten ersehnt, ist man auch bereit, große Risiken einzugehen. Wir haben Pläne geschmiedet noch und noch, auch teilweise Vorbereitungen getroffen, aber zur Durchführung ist keiner gekommen. Im März 1963 wurde ich in die Matricola (Büro) gerufen und es wurde mir die traurige Nachricht mitgeteilt, dass mein Vater gestorben ist. Er hatte sich erkältet und ist dann einige Tage später an der dazugekommenen Lungenentzündung gestorben. Er hatte schwer unter meinem Schicksal gelitten und das hat wohl auch seine Widerstandskraft geschwächt. Wie haben sie mir oft leid getan, meine alten Eltern, wieviel haben sie gelitten und für mich gebetet und jetzt war meine Mutter noch dazu allein. Alles durch mein Verschulden, weil ich nach meiner politischen Überzeugung gehandelt hatte. Aber jeder muss eben seinen

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Im folgenden, den aus dem Gefängnis geschmuggelten Kassiber, welches Sepp Mitterhofer auf Gefängnisklopapier verfaßt hat, beschreibt er die dramatischen Vörgänge bei den Verhö-

ren wegen der Misshandlungen. Form und Inhalt wurden vom Original übernommen und sind Zeugnis der enormen psychischen und physischen Belastung.

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Am 20. Jänner 1962 wurde ich vom Staatsanwalt Castellano wegen der Mißhandlungsanzeige in Bozen verhört und von einem Arzt oberflächlich untersucht. Ich mußte meine Anschuldigungen nocheinmal zu Protokoll geben. Auf seine Frage warum ich die Anzeige erst so spät gemacht habe antwortete ich ihm, weil ich nicht wußte daß es einen Termin gibt u. weil ich in der ersten Zeit nach meiner Einlieferung in das Gefängnis noch von den Mißhandlungen keines klaren Gedankens fähig u. ganz deprimiert war. Merkmale hatte ich außer den kahlen Stellen am Kopf wo sie mir die Haare ausgerissen hatten, keine mehr. Der Arzt erklärte, er könne es nach 6 Monaten nicht mehr genau feststellen, aber es ist möglich, daß mir durch starkes ziehen Haare ausgerissen worden sind. Ungefähr am 22. Februar 1962 wurde ich in Vicenza wieder von einem Präsidenten Debacis wegen der Mißhandlungen verhört. Ich mußte wieder die Einzelheiten der MIßhandlungen angeben, weiters daß mich 5 Carabinieri in

Zivil geschlagen haben, von denen ich 2 namentlich (Potzer u. Schgör) angeben konnte. Weiters gab ich an, daß ich Gruber Walter u. Innerhofer Josef gesehen habe wie sie mit geschwollenem Gesicht von einem Zimmer herauskamen wo ich sie vorher schreien hörte u. wo auch ich geschlagen wurde. Pichler Paul sah ich wie er vor Ermattung zusammenbrach. Als ich ins Gefängnis eingeliefert worden bin, wurde ich von keinem Arzt untersucht. Selbst habe ich mich nicht gemeldet, weil ich von anderen Häftlingen hörte, daß sie hinausgeschmissen wurden als sie vor dem Arzt erklärten, daß sie mißhandelt worden sind. Nach dem Tode Höflers meldete ich mich zum Arzt weil ich noch immer im linken Auge ein leichtes Blitzen merkte das von einem Schlag der Carabinieri herrührte. Der Arzt sagte er sehe schon eine kleine Wunde, kann aber nicht sagen von was es gekommen ist u. ich glaube er schrieb nichts auf. Dann mußte ich die zwei beschuldigten Carabinieri beschreiben. Das wurde alles protokolliert. Dann wurde ich von einem Hautspezialist u. Augenspezialist aus Vicenza untersucht. Das Ergebnis ist mir nicht bekannt. Der Hautspezialist sagte ich habe eine Haarkrankheit. Ich gab auch an daß ich vor meiner Verhaftung, kleine haarlose Stellen hatte, die durch das starke Ziehen der Carabinieri an meinen Haaren, ziemlich größer wurden da sie mir viele ausrissen. Vor die Ärzte kamen gab ich zu Protokoll, daß ich keinen Augenspezialist verlange da ich nur mehr wenig spüre. Er kam aber trotzdem u. fand anscheinend nichts. Am 13. April 62 kam ich nach Bozen u. wurde 2 Carabinieri die mich geschlagen hatten (Schgör u. Potzer) gegenübergestellt. Als erster war Schgör, ich mußte angeben was er mir getan hatte. Er hat mir in der ersten Nacht ins Gesicht (linkes Auge) geschlagen, mit den Schuhen an den Schienbeinen u. am Hintern gestoßen, ich wurde in dem Raum hin u. hergestoßen wie ein Ball. Es waren 4-5 Personen in Zivil dabei. Er leugnete alles ab. Dann wurde ich Potzer gegenübergestellt. Beschuldigung: er hat mich von allen am meisten geschlagen hauptsächlich ins Gesicht, er hat mir gemeinsam mit einem anderem Carabinieri Haare am Kopf ausgerissen, er hat mir mit derselben Person u. einer dritten die Arme am Rücken hochgerissen, er hat mir gedroht mich zu einem Krüppel zusammenzuschlagen wenn ich nicht gestehe was er will. Auch er leugnete alles ab. Beide machten zwar einen

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ängstlichen Eindruck u. gaben zu mich zu kennen da sie mich daheim geholt hatten u. bei den Verhören dabei waren, aber von mißhandeln wußten sie nichts. Die Protokolle wurden so verfaßt: zuerst meine Anschuldigung, dann die Aussagen des Angeklagten, dann wieder meine (daß sie falsch ist u. meine richtig). Ich habe das deutsche Protokoll unterschrieben u. er das italienische. Bei dieser u. der nächsten Gegenüberstellung war außer dem Präsidenten u. 2 Schreiber auch ein Oberstaatsanwalt anwesend. Auf meine Frage ob ich den anderen Carabinieri auch gegenübergestellt werde, antwortete der Präsident: das sei seine Sache, das ist nicht so einfach da ich sie nicht namentlich angeben konnte. Damals seien 300 Carabinieri in Südtirol gewesen die jetzt auf ganz Italien verteilt sind, er kann sie nicht herzaubern, das ist eine riesige Arbeit, ich muß nur Geduld haben u.s.w. Es sollte überzeugend klingen u. wollte mich damit vertrösten. Das alles war 6 Monate nach Erstattung der Anzeige gegen die Carabinieri. Ungefähr eine Woche später hörte ich daß wir sofort wieder nach Trient zurückkommen. Mit mir waren noch 4 Kameraden von Trient u. 3 von Verona nach Bozen gekommen zu den Gegenüberstellungen. Daraufhin meldete ich mich zum Präsidenten u. bat ihn mich den restlichen 3 Carabinieri gegenüberzustellen. Nun folgte das alte Versl, nur sagte er statt 300 jetzt 1000 Carabinieri. Ich sagte daß in Meran nur ca. 10 Mann bei dem Schlägertrupp waren unter der Leitung von Hauptmann Marzollo. Dieser muß sie ja alle kennen, außerdem haben die meisten bei den Protokollen unterschrieben. Nun begann der Präsident zu schreien u. zu wettern, ich verstand nur sehr wenig, da die Dolmetscher es nicht übersetzten. Nun mußte ich die Beschreibung der 3 Carabinieri (wo ich den Namen nicht wußte) zu Protokoll geben. 1. Alter 40 Jahre, kahlköpfig, restliche Haare dunkel, dick, 1,70 m groß. 2. Alter 40 Jahre, kleines rosiges Gesicht, Haare eher rötlich, schlank, 1.70 m groß. 3. Alter 35 Jahre, lange schwarze Haare, kräftig gebaut, eher über 1,70 m groß. Bei dieser Gelegenheit gab ich auch an daß Hauptmann Marzollo mir in

Meran Dienstag früh gedroht hatte falls ich nicht gestehe was er will, bringt er mich nach Eppan u. läßt mich auf einem umgelegten Masten aufhängen. Was ich zwar nicht ganz glaubte, fürchtete aber noch mehr u. stärker mißhandelt zu werden. Ein anderesmal drohte er mir den Lunge (Potzer) zu holen wenn ich nicht gestehe. Geschlagen hat er mich nicht, aber gedroht öfters. Er ist mit 2 anderen Carabinieri u. mir zu mir heimgefahren Material zu holen. Da haben mich mein Vater u. meine Schwester gesehen wie ich ausschaute. Meine Frau hat mich 2 Tage später in der Kaserne gesehen. Ungefähr eine Woche später wurde ich Hauptmann Derosa von Meran gegenübergestellt. Ich wußte zwar nicht warum, da er mir nichts getan hatte. Zwar war er bei etlichen Verhören kurze Zeit anwesend, doch ich wußte nicht mehr ob er gesehen hatte wie ich geschlagen wurde. Ich sagte er müsse die 3 Carabinieri doch kennen (gab die Beschreibung). Er sagte er sei nur selten u. kurze Zeit bei den Verhören gewesen, deswegen kenne er sie nicht, auch habe er damals viel zuviel zu Denken gehabt. Etwas später auf die Frage des Präsidenten ob in Meran jemand mißhandelt wurde sagte er: er ist bei den Verhören immer dabei gewesen u. hat von all dem nichts gesehen noch gehört. Darauf sagte der Präsident, wenn dem so ist dann braucht es keine Gegenüberstellung mehr. Nun wurde ich zornig u. schrie: 2 junge Menschen sind schon gestorben, manche haben nach 9 Monaten noch Merkmale, auch gibt es Zeugen die uns nachher sahen u. trotzdem wird behauptet es ist alles erlogen. Es entstand ein hitziger Wortwechsel. Derosa lächelte immer recht höhnisch. Einige Tage später wurde ich Marzollo gegenübergestellt. Mit höhnischem Grinsen leugnete er alles ab, gab zu mich heimgeführt zu haben, aber sonst hätte ich eine ausnahmsweis gute Behandlung erfahren. Auf die Namen seiner damals Untergebenen konnte er sich nicht mehr erinnern. Marzollo u. der Präsident haben einiges über mich u. dem damals Vorgefallenem besprochen, das ich leider das meiste nicht verstand u. übersetzt wurde es mir nicht. Am 29. April wurde mir Oberleutnant Manucci von Meran gegenübergestellt. Verwundert fragte ich wieso mit ihm er hat mir nichts getan. Man sagte mir weil er beim Material holen dabei war u. weiß wie das vor sich gegangen ist. Da ich diesbezüglich Meinungsverschiedenheiten mit Marzollo hatte. Er schil-

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derte wie die Fahrt vor sich gegangen ist u. mußte mir auch meistens recht geben. Doch behauptete er sie seien recht großzügig gewesen weil ich mit meinen Angehörigen reden durfte, etliche Schluck Kaffee trinken, Gesicht waschen u. auf den Abort gehen durfte. Das habe ich auch getan, allerdings haben sie mir vorher gedroht falls ich den Angehörigen von den Mißhandlungen etwas sage werde ich es nachher schon erleben! Auf die Frage des Präsidenten ob er vom Mißhandeln etwas gesehen habe, leugnete er mit unschuldiger Mine alles ab, auch kann er sich auf die Carabinieri nicht mehr erinnern die damals in Meran waren. Keiner der 3 Offiziere wollte sich erinnern können, einfach lächerlich! Ich merkte wohl sehr deutlich, daß man die Gegenüberstellung der richtigen unbedingt verhindern wollte. Man hatte wohl Angst, daß sich die Carabinieri verreden könnten. Der Präsident sagte mir einmal: was ich mir von alldem erwarte, ob ich glaube daß die Carabinieri so blöd sind u. die Mißhandlungen eingestehen. Ich war überrascht, doch bestand ich weiterhin auf die Gegenüberstellungen. Der Präsident zeigte mir eine Liste wo die Namen der Carabinieri darauf waren die damals in Meran waren (plötzlich waren es nur mehr ca. 10). Ich verlangte daß sie mir vorgeführt werden, dann werden ich schon die richtigen finden. Nun kam einer (Junguolo?) auf den die Beschreibung N. 2 paßte. Er hat mich gemeinsam mit Vignolo (N. 1) in der dritten Nacht geschlagen, stundenlang vor der Quarzlampe gestellt u. zweimal machten sie mich mit dem Rücken an der auf den Zehenspitzen 1 1/2 Stunden stramm stehen sodaß mir die Füße lahm wurden. Vor mir wurde ein Posten aufgestellt der mich bei der geringsten Bewegung mit dem Gewehr schlug. Er leugnete alles ab, gab aber zu bei den Verhören dabeigewesen zu sein. Als nächster kam Vignolo (N. 1) Beschuldigung wie oben, drohte mir mich zu Tode prügeln zu lassen, außerdem war er dabei als sie mir die Arme am Rücken hochrissen u. hat oft die Verhöre geführt u. deshalb auch bei anderen Mißhandlungen anwesend. Auch er leugnete wie alle alles ab. Gab zu daß er bei den Verhören war u. sagte daß wohl eine gewöhnliche Lampe zur Beleuchtung im Zimmer hing, von einer Quarzlampe weiß er nichts. Der letzte (N. 3) der beim Arme hochreißen, Haare ausreißen dabei war u. der mich solange mit Faustschlägen bearbeitete bis ich bewußtlos wurde, wurde

mir nicht mehr vorgeführt. Warum? Am nächsten Tag wurde ich abtransportiert. Es wurde mir etlichemale gesagt, daß ich der Kläger u. die Carabinieri die Angeklagten sind, aber leider kann ich das nicht bestätigen. Die Untersuchungen (Gegenüberstellungen) wurden nämlich so geführt, daß meine Angaben bezweifelt u. darauf herumgeritten wurde u. den Carabinieri gleich alles geglaubt wurde. Man versuchte mich in Widersprüche zu bringen. Es wurde mir auch gedroht, daß auf Verleumdung 2 Jahre Loch stehen. Es waren wohl 2 Dolmetscher da, aber wenn der Präsident tobte (was öfters passierte) dann wurde mir nicht alles übersetzt. Ein Dolmetscher sagte mir, daß meine Haare auch so ausgefallen wären (großer Trost!). Der andere: wenn ich das was ich hier getan habe, in Österreich oder Deutschland getan hätte, wäre ich sofort erschossen worden! Ich u. auch die anderen haben gleich gemerkt, daß sie die Gegenüberstellungen unbedingt vermeiden wollten. Es wurden auch nicht alle durchgeführt. Die Carabinieri wurden nicht viel ausgefragt, von einem Kreuzverhör gar keine Spur. Man hat mir auch zu verstehen gegeben was für ein Unterschied zwischen meiner Aussage u. der eines Carabinieri ist, da ich nur ein Häftling bin. Am Todestag des Gostner Anton (7. Jänner 62) gab ich zu Protokoll, daß er mir seine Mißhandlungensmerkmale gezeigt hat. Alte Wunde am Bauch wieder aufgebrochen, Verbrennungsmerkmale auf der Stirn u. das Tränen der Augen (durch Quarzlampe). Mitterhofer Josef

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Weg gehen, so wie es das Schicksal will. Mein Rechtsanwalt, Dr. Monauni, hat auf meinem Wunsch hin angesucht, dass ich bei der Beerdigung dabei sein darf. Es wurde mir nicht genehmigt. Ich wäre bereit gewesen, in Handschellen und in Begleitung von Carabinieri beim letzten Gang meines lieben Vaters dabei zu sein. So ist der Sommer 1963 ins Land gezogen und in Trient ist im August der Prozess gegen die Folterknechte über die Bühne gegangen. Der Ausgang ist bekannt, er wird an anderer Stelle näher beschrieben. Für uns ist eine Welt zusammengebrochen, wir haben den Glauben an die Gerechtigkeit verloren. Ein demokratischer Staat, der uns jahrzehntelang um unsere Rechte betrogen hat, lässt Bürger, welche sich dafür wehren, von seinen Sicherheitsorganen brutal zusammenschlagen, dass zwei davon sterben und dann werden diese Folterknechte freigesprochen, befördert und ausgezeichnet. Wir dagegen sitzen tief im Dreck und können nur erahnen, was uns blühen wird. Die seelische Belastung für uns und unsere Familien war wegen dieser Tatsache sehr hoch. Zu diesem Zeitpunkt ging das Gerücht um, dass unser Prozess noch Ende dieses Jahres beginnen sollte. Von Bozen war auch schon ein Teil unserer Kameraden nach Mailand versetzt worden und ein Teil nach Mantua. Auch ich wurde anfangs September plötzlich und

ganz allein nach Mailand gebracht. Es hat mich damals natürlich beunruhigt, weil das nicht üblich war, aber ich weiß bis heute nicht, warum dies geschehen ist. Das Gefängnis San Vittore in Mailand ist ein großes, veraltetes Gefängnis mit ca. 2000 Insassen. Die Zellen waren total verdreckt, voller Wanzen und kein Abort nur ein Kübel in einem Mauerloch, Es gab nicht normale Fenster, sondern ein breiter Schlitz nach oben, den sogenannten «bocca di lupo». Außerdem waren die Zellen überfüllt, in einer Einzelzelle, 4 m lang und 2 1/2 m breit waren drei Personen untergebracht. Wenn eine Person 4 Schritte nach längs gehen wollte, mussten die anderen zwei auf der Pritsche liegen bleiben, so eng war es. Ich hatte damals noch das Pech dazu, einen Darmkatarrh mit Durchfall zu haben, und musste damit meine neuen Zellenkameraden, den 1975 bei einem Waldbrand verstorbenen Feuerwehrhauptmann von Frangart, Otto Petermeier, und Hans Stampfl aus Gries beglücken (!). Aber sie haben sich tapfer gehalten und waren sehr kameradschaftlich. Die Einlieferung in San Vittore war von einer Maßnahme begleitet, die ich bis dahin noch nicht erlebt hatte. Außer den üblichen Unterund Durchsuchungen, musste ich mich nackt mit gespreizten Beinen auf ein erhöhtes Podest stellen und man kontrollierte mir den «Hinterausgang» ob ich

nicht Schmuck darin versteckt hätte. Eigentlich tat mir der diensthabende Beamte eher leid, denn er musste «diese Arbeit» ja bei allen Einlieferungen machen, nicht nur bei mir. Sicher aufgrund der kleinen und überfüllten Zellen hatten wir zweimal am Tag Ausgang im Hof, also vier Stunden insgesamt. Mehrere Kameraden gingen auch arbeiten, sie mussten elektrische Schalter und Kugelschreiber zusammenstellen. Dafür konnten sie sich in mehreren Zellen, während der Arbeit frei bewegen und auch etwas kochen. Im Oktober ist Sepp Kerschbaumer aus Protest in einen unbefristeten Hungerstreik ge-

treten, weil mehrere Kameraden unschuldig oder nur schwach belastet, solange (über zwei Jahre) in Untersuchungshaft sitzen mussten. Ganze 23 Tage hat er durchgehalten, nur etwas Wasser hat er zu sich genommen. Wir waren schon in Sorge, dass er beim bevorstehenden Prozess nicht mehr genug Kraft besitzen würde, um seinen Mann zu stellen. Die Angst war aber unbegründet, er hat sich sehr gut gehalten. Mein Gesundheitszustand wurde zusehends schlechter. Der Durchfall hörte nicht auf, der Gefängnisarzt wollte oder verstand mich nicht. Immer mehr Blut vermischte sich mit dem Stuhl, ich wur-

Beerdigung des politischen Häftlings, ersten Obmannstellvertreter des Südtiroler Heimatbundes, Obmannes der Kellereigenossenschaft Schreckbichl und Feuerwehrkommandant von Frangart, Otto Petermaier. Er ist 1975 bei einem Waldbrand am Eppaner Berg auf tragische Weise ums Leben gekommen. Er hat seinen Kameraden zugerufen: «Rettet Euch!», ist aber als Letzter nicht mehr davongekommen und jämmerlich verbrannt. Er hat seinen Kameraden den Vortritt gelassen und musste dies mit dem Leben bezahlen. Fünf Jahre Krieg und fast fünf Jahre Gefängnis hat er gut überstanden, aber seine edle Gesinnung und Kameradschaft wurden ihm bei diesem Brand zum Verhängnis.

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de ganz schwach und blass. Meine Frau erschrak beim Besuch und ich beschloss daraufhin, noch einmal zum Arzt zu gehen. Diesmal war ein anderer, der mir starke Spritzen verschrieb. Der Durchfall hörte zwar auf, aber von dieser Zeit an war ich chronisch verstopft. Wenn man im Gefängnis einigermaßen gesund ist, hat man nur eine Sorge, die Freiheit zu bekommen. Wenn einem aber die Gesundheit fehlt, dann ist man ein armer Teufel, denn man kann sich kaum helfen. Und moralisch wird man dann doppelt belastet. Wenn es im Verdauungstrakt fehlt, dann wird es bei dieser z.T. miserablen Kost schlimm. Darum habe ich mir in diesen acht Jahren auch ein chronisches Leiden im Verdauungstrakt eingehandelt, unter dem ich heute noch zu leiden habe. Der Beginn des Prozesses war am 9. Dezember 1963 festgelegt worden. Die Wochen vorher haben wir benützt, um uns auf den Prozess vorzubereiten, welche politischen Aussagen wir treffen und wie wir uns gegenseitig entlasten könnten. Die unterschriebenen Geständnisprotokolle bei den Carabinieri hatten wir beim Staatsanwalt und Untersuchungsrichter teilweise zurückgenommen, mit der berechtigten Begründung, dass sie erpresst worden waren. Wir hofften, dass das Gericht uns glauben würde. Sepp Kerschbaumer war ein einfacher Mensch, er war es nicht gewohnt sich

monatelang in Festkleidung zu werfen. Wir mussten ihn stark bearbeiten, ein weißes Hemd und eine Krawatte anzuziehen. Nach einigen Prozesstagen merkten wir, dass er grobe Schuhe anhatte und keine Socken. Nach längerem Zureden konnten wir ihn überzeugen, dass er als unser Anführer auch dies unterlassen musste. Er legte eben nicht viel Wert auf das Äußere, sondern auf seine Aussagen beim Verhör und das hat er großartig gemeistert. Richter und Staatsanwalt haben ihn als Ehrenmann betrachtet. Einige Häftlinge von uns haben beim Verhör weiche Knie bekommen. Sie sind nicht zudem gestanden, was vorher ausgemacht war, das Hemd stand ihnen eben näher als der Rock. Die übrigen haben ihre Aussagen mehr oder weniger gut gemacht. Die tägliche Fahrt vom Gefängnis zum Justizpalast war immer interessant. Mit zwei Bussen und viel Autos als Begleitschutz, fuhren wir mit Blaulicht und Sirene, jedesmal eine andere Straße durch Mailand. Wo wir auftauchten stand der ganze Verkehr still, wir fühlten uns wie Fürsten. Nur die Handschellen und die Ketten, mit denen wir zusammengehängt waren, erinnerten uns an die nackte Wirklichkeit. Diese Tatsache war schon deprimierend für uns freiheitsliebende Tiroler, aber mit der Zeit haben wir uns auch daran gewöhnt. Trotz allem gab es wieder Situationen wo wir Witze

Ehefrauen und Angehörige der Häftlinge vor den Mauern von San Vittore in Mailand

rissen und richtig lachen konnten. Gott sei Dank, denn nur mit Grübeln und den Kopf hängen lassen, konnten wir solche Belastungen nicht durchstehen. Schließlich hatten wir ja auch eine Verantwortung unseren Familien gegenüber, denen konnten wir beim Besuch nicht zeigen, wie schwer uns manchmal das Herz war, sie hatten ja selber Probleme genug, mit denen sie alleine fertig werden mussten. Nach Mailand kamen unsere Frauen wegen der weiten Entfernung nur alle 2 Wochen und dies war für uns immer ein Freudentag. Der Prozess dauerte sieben Monate. Er war für die damalige Zeit mit seinen

69 inhaftierten Angeklagten der größte Schauprozess Italiens. Über den Ablauf wird an anderer Stelle berichtet. Ein Faktum muss ich trotzdem erwähnen. Als der Staatsanwalt (Gresti) mit der Anklagerede begann, trauten wir unseren Ohren nicht. Es schien, als wollte er uns verteidigen und schob dem italienischen Staat die Schuld der ganzen Tragödie zu. Das waren wir nicht gewohnt, nachdem uns die Anwälte der Zivilkläger als richtige Verbrecher hingestellt hatten. Wir schöpften Hoffnung und glaubten auf diese Weise mit niederen Strafen davonzukommen. Am nächsten Tag war der Spuk schon vorbei, die Freude war von

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kurzer Dauer gewesen. Der Staatsanwalt donnerte drauf los und ließ kein gutes Haar mehr an uns, Was war geschehen, dass er sich von einem Tag auf den anderen um 180 Grad drehen konnte? Unsere Rechtsanwälte verrieten uns, dass sie die Liste mit den Strafanträgen gesehen hatten. Es standen zwei Reihen nebeneinander, die erste war nieder und durchgestrichen und die zweite viel höher. Rom hatte wieder einmal ein Machtwort gesprochen, wie beim Folterprozess in Trient, und der Staatsanwalt musste sich fügen. Das war die «unabhängige» Justiz in Italien! Während der Dauer des Prozesses sind öfters Busse mit Verwandten und Bekannten aus unserer Heimat erschienen, um uns ihre Solidarität mit ihrer Anwesenheit zu demonstrieren und sie konnten während der Pause auch mit uns reden. Am 16. Juli 1964 nach Mitternacht war es soweit. Nach 36-stündiger Beratung wurde das Urteil im Namen des italienischen Volkes verkündet. Der Zuschauerraum war bis zum Bersten gefüllt und die Luft knisterte förmlich vor Spannung. In den nächsten Minuten entschied sich unser Schicksal, wer durfte heimgehen, wer musste büßen und wie lange? Das war die große Frage. Ich erinnere mich noch gut an diese Minuten, ich hatte eine trockene Kehle und mir zitterten die Knie, ansonsten war ich aber gefaßt. Ich wusste, ich hatte nichts Gu-

tes zu erwarten, denn ich hatte mich beim Verhör zur Sache bekannt. Auch meine Frau hatte ich gewarnt, sie soll sich keine großen Hoffnungen machen. Trotzdem erlitt sie einen Schock als mein Name mit 12 Jahren Gefängnis fiel und brach im Zuschauerraum zusammen. Kerschbaumer erhielt von den Inhaftierten am meisten mit 16 Jahren. Jörg Pircher mit 14 Jahren war der nächste. Die Verlesung des Urteils dauerte lange, mit der Zeit wich auch die Spannung. Auf den einen Gesichtern sah man große Freude, auf den anderen Verzweiflung und Mutlosigkeit. Zwei Drittel wurden in die Freiheit entlassen, z.T. Freispruch wegen Mangel an Beweisen, z.T., weil sie die Strafe bereits verbüßt hatten. 22 waren die Sündenböcke und erhielten z.T. hohe Strafen. Insgesamt waren 413 Jahre Gefängnis verhängt worden. Für uns «Sündenböcke» war der nächste Tag ein schwerer. Wir freuten uns zwar, dass so viele Kameraden heimgehen durften, aber das eigene Schicksal und das unserer Familien drückte schon schwer aufs Herz. Unsere Frauen durften uns zwar besuchen, aber es war schwer, die richtigen Worte zu finden. Meine Frau hatte sich schon wieder erholt und wir trösteten uns gegenseitig, aber verständlicherweise war die Stimmung sehr gedämpft. Die ersten Wochen waren für uns Hinterbliebenen nicht einfach, jeder musste zuerst mit sich selber fertig wer-

den, dann konnte er erst den anderen trösten. Nach drei Wochen wurden wir nach Trient zurückversetzt und darüber waren wir sehr froh. Der Besuchsweg für unsere Frauen war erträglich, das Klima im Gefängnis ebenso und wir hatten mehrere Möglichkeiten zum Arbeiten. Die Zellen waren groß und mit fließendem Wasser und WC und auch mit Heizung. Im Verhältnis zu San Vittore fast ein Luxushotel. Sämtliche Arbeitsmöglichkeiten haben wir ausgeschöpft. Bibliothek, Büro, Schmiede, Buchbinderei, Küche, Tischlerei und den großen Garten, wir verdien-

ten im Monat zwischen 5000 und 6000 Lire und waren versichert. Bis Sizilien hinunter wussten die Kriminellen, dass das Trientner Gefängnis von den «Terroristen» besetzt war. Dem damaligen Direktor De Mutis hatten wir mit seinem Verständnis viel zu verdanken, denn wenn irgend ein Streit zwischen Wachpersonal und uns aufkam, hörte er sich beide Parteien an und hat dann immer zu unseren Gunsten entschieden. Er glaubte uns nämlich mehr als seinem Wachpersonal. Dadurch haben wir uns bei den Wachen natürlich den Neid eingehandelt und manche hassten uns sogar dafür.

V.l.n.r.: Jörg Pircher, Pepi Fontana, Pater Geremia, Oswald Kofler und Sepp Mitterhofer

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Ich arbeitete in der Tischlerei und wir mussten Reparaturen im Gefängnis durchführen oder auch für das Wachpersonal kleinere Möbelstücke anfertigen. Aber in der übrigen Zeit durften wir für uns selber arbeiten. Da ein Kamerad, Luis Thaler aus Bozen, Tischlermeister war, habe ich viel gelernt und konnte so manches nette Stück nach Hause schikken. Auch die Kameraden in der Schlosserei haben nette Sachen gemacht, z.B. Kupferteller geklopft und verziert, Aschenbecher, schmiedeeiserne Kerzenleuchter usw. Sepp Kerschbaumer hatte kein handwerkliches Geschick und hat sich deshalb schwergetan. Am liebsten hat er in der Freizeit im Gang vor den Zellen, die Türen waren eine zeitlang abends offen, Boccia gespielt. Nicht mit Kugeln wie sonst üblich, sondern mit runden Gummiblättern. Das hat ihn entspannt und von seinen Sorgen abgelenkt. Mit dem Fortgang der Politik waren wir nicht zufrieden, aber wir konnten nichts ändern. Die Neunzehner-Kommission ging auch nur sehr schleppend voran. Hofften wir doch insgeheim, wenn irgendwann eine tragbare politische Lösung zustande käme, dass wir dann durch eine Amnestie auch die Freiheit wiedererlangen könnten. Anfangs September erreichte uns die erschütternde Nachricht, dass unser Kamerad Luis Amplatz auf der Brunner Mahdern Alm meuchlings ermordet worden war und

Jörg Klotz schwer verwundet. Damit wurden zwei aktive Freiheitskämpfer ausgeschaltet und das war für uns sehr bitter. Überhaupt wussten wir nicht mehr recht, was draußen gespielt wurde. Dass der italienische Geheimdienst mit brutalen Anschlägen mitmischte, haben wir längst erkannt, aber wir konnten natürlich nicht recht unterscheiden, welche die richtigen und welche die falschen Anschläge waren. Anfangs November ließ sich Kerschbaumer nach Verona versetzen, wo er vor dem Prozess schon war und eine Arbeit hatte, die ihm lag. Wir sahen es zwar nicht gerne, aber wir mussten seine Entscheidung respektieren. Wir haben ihn nicht mehr lebend wiedergesehen. Er ist in Verona am 7. Dezember 1964 einem Herzstillstand erlegen. Er hatte mir im Hof beim Spaziergang öfters geklagt, dass mit seinem Herzen irgendetwas nicht mehr in Ordnung sei. Die enorme Belastung beim Prozess, er hatte die ganze Verantwortung übernommen, war für sein Herz zuviel geworden. Für uns war ein Mann und Kamerad gestorben, zu dem wir in Respekt und Freundschaft aufgeschaut hatten. Die Südtiroler hatten das wohl auch so gesehen, denn über zwanzigtausend Menschen aus dem ganzen Land haben ihm das letzte Geleit gegeben. Seit längerer Zeit schon besuchte uns einmal im Monat der Franziskanerpater

Pater Leopold

Leopold aus Bozen. Er hat uns so manches Päckchen, Brieflein oder sonstiges, was eben in seiner schönen weiten Kutte vor den Wachen verborgen blieb, hereingeschmuggelt. Wir haben uns immer auf seinen Besuch gefreut, er hat so manche Neuigkeiten erzählt, die wir sonst nicht erfahren hätten. Auch der Gefängniskaplan von Trient, Pater Geremia, hat uns regelmäßig besucht. Er sprach auch etwas deutsch und war recht zuvorkommend. Ingenieur Karl Vaja hat uns auch manchmal besucht. Er war der einzige SVP-Vertreter, der sich die Mühe genommen hatte, uns mit seinem Besuch zu beehren. Ansonsten ging das Leben im Gefängnis seinen gewohnten Gang. Nachdem alle Schaltstellen in unserer Hand

waren, herrschte eine Tätigkeit wie noch nie. Die Wachen hatten mit uns allerdings keine Freude, denn durch uns hatten auch sie viel mehr Arbeit und das war das Schlimmste, was ihnen passieren konnte. Durch die Arbeit verging uns die Zeit schneller und wir dachten weniger an unser Schicksal. Aber abends kamen dann oft die schwerer Gedanken und dann mussten wir eben damit fertig werden, jeder auf seine Art. Ausnahmsweise durften wir Spielkarten haben und ein Schachbrett. Mit Lesen und Rätsel auflösen versuchten wir, uns auch die Zeit zu vertreiben. Zu Weihnachten hatten wir immer große Mühe, mit den vielen Paketen und der vielen Post fertig zu werden. Es stärkte uns selbstverständlich moralisch und das brauchten wir notwendigst. Im August 1965 erhielten wir eine weitere schlimme Nachricht. Kurt Welser, unser Verbindungsmann zu den Nordtirolern und sicher der aktivste Freiheitskämpfer nördlich des Brenners, war bei einer Bergtour in der Schweiz tödlich abgestürzt. Wieder hatte es einen der Besten getroffen und das erschütterte uns sehr. Wir haderten mit Gott und dem Schicksal und fragten uns, warum nur auf unserer Seite die Besten dahingefegt wurden? Wir fanden keine brauchbare Antwort darauf. 1966, im Frühjahr, kamen wir wieder nach Mailand zur Berufung. Diesmal

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waren nur mehr 21 Häftlinge, Kerschbaumer war inzwischen gestorben. Das Strafausmaß wurde bei allen um zwei Jahre wegen Strafnachlass (Condono) reduziert und beim einen und anderen noch zusätzlich etwas vermindert. Bei mir um zwei Jahre, so verblieben mir noch 7 Jahre und 11 Monate. Zur gleichen Zeit fand der Prozess gegen die Andergassen-Gruppe statt, welche schon 1964 aufgeflogen war. Angeklagte waren sehr viele, aber nur zehn in Haft. Andergassen als Hauptangeklagter erhielt 30 Jahre, von denen er aber «nur» sieben Jahre absitzen musste. Nach der Feuernacht sind mehrere Personen inhaftiert und verurteil worden. Aber sie waren meistens nur für einige Wochen in Trient weil dort die Krankenstation war. Sonst waren sie in anderen Gefängnissen verteilt. Als wir von Mailand nach Trient zurückversetzt wurden, machten wir in Verona Zwischenstation. Dort erfuhren wir, dass der Direktor in Trient vor kurzem an einem Herzinfarkt gestorben war. Wir hatten nun berechtigte Angst, in oberitalienische Gefängnisse verteilt zu werden, wie es nach der Berufung sonst üblich war. Wir hatten aber Glück, der verstorbene Direktor hatte uns noch vorher angefordert und deshalb holte man uns nach Trient zurück. Allerdings fanden wir nicht mehr das Klima vor wie

früher, denn der neue Direktor war ängstlich und traute uns noch nicht. Trotzdem durften wir aber unsere vorherigen Arbeitsstellen wieder antreten. Im November 1966 gingen schon die ersten von uns «Schwerverbrechern» nach Hause. Im Jahr 1967 wieder einige und so wurden unsere Reihen mit der Zeit lichter. Nachdem das Gefängnis einen großen Garten und eine Hühnerzucht besaß, durften Oswald Kofler, Pepi Fontana (halbtägig) und ich in den Garten, um dort zu arbeiten. Luis Steinegger und Hans Clementi, welche vorher draußen arbeiteten, durften heimkehren und so konnten wir ihre Arbeit übernehmen. Jörg Pircher hatte im Garten das Kommando, er war schone einige Jahre dort tätig. Pepi Fontana hatte die Jahre vorher in einer Einzelzelle studiert und einen Fernkurs absolviert. Er hat die harte Zeit im Gefängnis auf diese Weise genutzt und nach seiner Heimkehr im Februar 1969 das Studium in Innsbruck weitergeführt und mit dem Doktor abgeschlossen. Für mich und für Oswald Kofler, die wir ja Landwirte waren, ist die Arbeit im Garten eine große Erleichterung und Freude gewesen. Endlich konnten wir wieder Pflanzen betreuen, einige Bäume spritzen, allerdings nur mit der

Im Gefängnis verfolgten die politischen Häftlinge aufmerksam die politische Entwicklung und wenn es ihnen möglich war, wurde darauf reagiert.

Trient, den 31. Juli 1968 Sehr geehrter Herr Senator! Sie haben uns wissen lassen, dass Sie uns in nächster Zeit besuchen wollen. Darüber sind wir keineswegs erfreut. Es ist vielmehr unser bestimmter Wunsch und Wille, dass Sie fernbleiben. Die knieweiche Politik, die Sie seit einigen Jahren mit Eifer und Geschäftigkeit betreiben, ist mit unserer Gesinnung nicht vereinbar. Und so ist jede Begegnung zwischen uns sinnlos. Mit diesen Worten wollen wir uns nicht von der Partei abwenden, sondern nur von Ihnen und allen jenen, die sich Ihrer Verzichts- und Kapitalismuspolitik verschrieben haben. Es grüßen Josef Fontana Kofler Oswald Josef Mitterhofer Jörg Pircher

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Wergl und Hühner und Hasen füttern. Die Hühner mussten wir als Küken (150 Stück) großziehen, Sie machten dann eine Legeperiode durch und wurden ca. 1 1/2 jährig abgeschlachtet und dem Wachpersonal billig verkauft. Als Oswald und ich das erstemal die Schlachtung vornahmen, rund fünfzig Stück an einem Tag, habe ich die Hennen gefangen und Oswald hat ihnen mit einem Dreh das Genick gebrochen. Er fasste sie mit einer Hand beim Kopf, drehte das Huhn rasch im Kreis und das Genick war ab. Er warf sie alle auf einen Haufen. Aber plötzlich merkten wir, dass dieser statt größer immer kleiner wurde. Die totgeglaubten Hühner waren wieder zum Leben erwacht und geflüchtet, Oswald hatte ihnen nicht das Genick gebrochen, sondern nur das Bewusstsein genommen. Die Situation war so grotesk und lustig, das wir uns bogen vor Lachen. Das zweite Mal hat er seine Arbeit schon gründlicher gemacht. Unseren inzwischen heimgekehrten Vorgängern ist dasselbe Missgeschick passiert. Das tröstete uns ein wenig über unsere nicht ganz professionelle Arbeit hinweg. In einem Gartenschuppen habe ich einen kleinen Raum eingerichtet mit einem Tisch und einem alten Herd, den wir im Winter beheizten. Einmal in der Woche, am Samstag Vormittag, habe ich dann immer Knödel gekocht und eine, manchmal auch zwei Zellen damit beliefert. Im Garten durften

wir nämlich ein größeres Messer zum Brot und Speck aufschneiden haben. Übrigens durften wir im Trientner Gefängnis schon die ganzen Jahre her mit Trockenspiritus unsere Speisen aufwärmen, welche uns die Frauen beim Besuch mitbrachten. In den Zellen waren wir meistens zu sechst und da haben wir den Besuch so eingeteilt, die eine Hälfte am Montag und die andere am Donnerstag. So hatten wir die ganze Woche das Essen von zu Hause. Im Winter ging das reibungslos, weil wir die Behälter vors Fenster stellten. Im Sommer war das schon problematischer, da mussten wir es im Abort beim Waschbecken unter fließendem Wasser kühlen. Die Reinigung der Zelle und des Abortes, jeden Tag wurde der Terazza-Boden gewischt, mussten zwei Mann besorgen. Sauberkeit war eben wichtig, gehört auch zur Leibeserziehung. Leider konnten wir nur einmal in der Woche duschen und das war im Sommer schon wenig. Es war eigentlich interessant, in den ersten Jahren unserer Gefangenschaft sehnte man sich mit jeder Faser seines Herzens nach der Freiheit. Es war so stark, dass es uns fast verzehrte. Mit der Zeit aber mussten wir uns mit der Realität einfach abfinden, es blieb uns nichts anderes übrig. So langsam gewöhnte man sich einfach an das Gefängnisleben. Natürlich hatte jeder von uns oft Tage, wo er einen moralischen Tiefpunkt

Endlich frei! Sepp Mitterhofer umarmt seine beiden Söhne Peter und Sepp am Tag seiner Entlassung. Wie alle Häftlinge wurde auch Sepp Mitterhofer an diesem Tag begeistert empfangen und gefeiert.

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Sepp Mitterhofer während der letzten Tage im Gefängnis von Schlanders.

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durchmachen musste. Aber entweder derjenige erholte sich selbst wieder, oder sonst haben wir uns eben gegenseitig geholfen. Kameradschaft war in solch misslichen Situationen etwas vom Wichtigsten. Nun da wir uns dem Zeitpunkt der Entlassung näherten, war komischerweise die Sehnsucht lange nicht mehr so stark wie früher. Bei mir war es jedenfalls so, ich freute mich logischerweise auf die Freiheit, aber zugleich hatte ich auch Angst vor ihr. Ich war menschenscheu geworden und mein Gesundheitszustand war auch nicht gut. Die schweren Misshandlungen und das Leben im Gefängnis verfolgten mich auch nachts. Mehrere Jahre nach meiner Heimkehr hatte ich noch Alpträume, wo ich dann plötzlich aufschrie. Ich hatte regelrecht Angst, das Leben in der Freiheit nicht mehr richtig bewältigen zu können. So blieben zum Schluss nur mehr wir vier Gartenarbeiter übrig. Fontana kehrte dann im Februar heim. Ich ließ mich im März für die letzten drei Monate als Übergang nach Schlanders versetzen. Als ich dann am Herz-Jesu-Sonntag in Schlanders entlassen wurde, habe ich starke Beruhigungsmedikamente zu mir genommen, um diesen schönen Tag und Empfang in Schlanders und besonders daheim heil zu überstehen. Ohne diese Medikamente hätten meine stark strapazierten Nerven bestimmt nicht gehalten und ich wäre wohl zusammengeklappt.

Kofler verließ im August das Gefängnis und Jörg Pircher wurde ein Jahr geschenkt und durfte im November 1969 als letzter von den 61ern, wie man uns nannte, heimkehren. Wenn ich heute zurückblicke, waren die acht Jahre Gefängnis eine sehr bewegte und auch harte Zeit. Angefangen bei den Folterungen über die vielen Jahre des Hoffens und Bangens, nicht nur wegen der gesundheitlichen Schäden, auch wegen des Lebens selbst. Dann die Sorge um die Familie, werden unsere Frauen diese lange Zeit ohne Mann, ohne Ernährer es schaffen, werden sie durchhalten? Heute wissen wir es, dass sie Großartiges geleistet haben, aber damals gab es so viele Sorgen, dass es manchmal wirklich schwer war. Wären wir nicht jung und kräftig gewesen, voller Idealismus und Überzeugung, dass die Anschläge einfach notwendig gewesen sind, ich weiß nicht, ob wir das alles so durchgestanden hätten. Wenn ich die heutige politische Entwicklung betrachte, dann kommen mir immer wieder die Zweifel, ob die vielen Opfer, angefangen bei den toten Kameraden bis hin zu den Tränen unserer Frauen und Mütter nicht doch zu groß waren!

MIT 32 JAHREN IST MAN HALT
NOCH BELASTBAR
Johanna Clementi
Es wird oft vergessen, dass jedes Opfer, jeder Verfolgte eine Mutter, einen Vater, Geschwister, Ehefrau oder Ehemann, Kinder hat, die genauso mitlitten und Opfer sind. Damals ertrugen vor allem die Ehefrauen die Leiden und Lasten der gefolterten und eingesperrten Männer mit und einige führten dann sogar den begonnenen Einsatz, den Kampf weiter. Erstaunlich war besonders der unerschütterliche Wille, den so manche Ehefrau aufbrachte. Je dunkler die Welt um sie wurde, je aussichtsloser die Lage, desto heller und stärker entfaltete sich in manchen von ihnen immer wieder von neuem Hoffnung, Lebenskraft und der Wille, auf ihre eigene Weise für die geliebte Heimat weiter zu kämpfen. Ihr gemeinsames Schicksal hat es nicht immer gut gemeint mit ihnen. Aber dieses gemeinsame Schicksal hat sie auch zu besonderen Menschen, zu besonderen Frauen gemacht. Jede Betroffene hat ihre eigene Geschichte. Sie würden zusammen ein Buch über Leiden und Not füllen. Unzählig wären die Berichte über kleine und große Schwierigkeiten, welchen diese Frauen tagtäglich auf ihrem Lebensweg ausgesetzt waren. So könnte man die Geschichte von Frau Cilli Schwingshackl aus Taisten erzählen. Mit ihrem Johanna Clementi Mann hatte sie mit ihren gemeinsamen Ersparnissen ein abbruchreifes Haus gekauft. Sie wollten es umbauen und sich ein Zuhause schaffen. Gemeinsam wäre es leichter gewesen. Doch Andreas Schwingshackl, ihr Mann, wurde 1961 verhaftet und blieb jahrelang eingesperrt. Mit großen Opfern und Mühen, auf sich allein gestellt, verfolgte sie ihr gemeinsames Ziel und bewahrte ihr Heim vor dem weiteren Verfall. Als ihr Mann aus dem Gefängnis entlassen wurde, ging es dann wieder leichter, aber das Schicksal war ihnen nicht gnädig. Andreas Schwingshackl, von der langen Gefängnishaft gezeichnet, erkrankte bald und verstarb und hinterließ seine Frau und zwei unmündige Kinder. Oder das Schicksal von Hedwig Oberhollenzer, die aus dem Radio hören musste, dass ihr Verlobter David Oberhollenzer verhaftet worden war. Bis dahin ahnte sie nichts von der Untergrundtätigkeit ihres Verlobten. Jahrelang hatte sie große Probleme, ihren Verlobten im Gefängnis zu besuchen, da sie ja nicht verheira-

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Johanna Clementi musste wie viele andere Häftlingsfrauen während der Haftzeit ihres Mannes alleine für den Unterhalt und die Erziehung ihrer Kinder sorgen.

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tet waren. Manch «guter» Freund legte ihr immer wieder nahe, diese Bindung zu lösen. Doch die Liebe war stärker und Hedwig Oberhollenzer wartete geduldig auf die Entlassung ihres zukünftigen Ehemannes. Johanna Zuveith Clementi ist auch eine von ihnen. Sie wurde 1929 in Montan geboren. In der Katakombenschule lernte sie Deutsch, Schreiben und Lesen. Daheim arbeitete sie in der Landwirtschaft mit und lernte kochen und nähen. Trotz der schweren Zeiten, die Land und Leute damals durchlebten, erinnert sie sich gerne an jene bescheidene, aber unbeschwerte Jugendzeit zurück. 1953

heiratete sie den Bauern Hans Clementi aus Pinzon. 1954 wurde die Familie durch ein Mädchen und 1957 durch einen Buben vergrößert. So lebte die Familie bis zum 19. Juli 1961, als ihr Mann ein politischer Häftling wurde und fast 7 Jahre im Gefängnis verbrachte. Nach der Entlassung ihres Mannes war Frau Clementi auch in der Gemeinschaft tätig; so war sie z.B. 3 Jahre lang Bezirksbäuerin von Unterland. «Das Gefängnis in der Via Pilati in Trient war der Ort, wo wir einmal in der Woche Einlass erhielten. Ein bisschen umständlich war es schon, wir, ich spreche von der Schwester von Konrad Matuella,

fuhren fast immer zusammen, mussten bei Gericht in Bozen die Erlaubnis holen, um in Trient eine halbe Stunde Besuchserlaubnis zu erhalten. Montag war unser Besuchstag. Um 9 Uhr fuhren wir mit dem Autobus von Neumarkt nach Trient und um 13.15 Uhr mit dem Zug von Trient nach Neumarkt zurück. Manchmal hatten wir Gelegenheit, mit jemandem mitzufahren, der mit dem Auto hinunterfuhr, dann mussten wir wenigstens in Trient keine Taschen schleppen. Nachdem wir unsere Taschen mit Wäsche und was zum Essen abgegeben hatten, wurde dies peinlichst untersucht, bevor es unsere Männer bekom-

men haben. An einem langen Tisch im Besuchsraum war Platz für je 5 – 6 Häftlinge auf der einen Seite und für genauso viele Frauen, Mütter oder Geschwister auf der anderen Seite. So konnten sich alle sehen und begrüßen. Die Besuchserlaubnis musste ich in den ersten zwei Monaten in Bozen persönlich abholen, dann konnte dies meine Schwester, die in Bozen arbeitete, erledigen. Dann wieder, nach einer Weile, bekamen wir die Erlaubnis in Trient. Der Montag war der Trient-Tag und die Kinder konnte ich schon am Sonntag bei meinen Eltern lassen und am Montag kamen sie nach der Schule nach Hause.

Immer wieder bewährte sich die Hilfsbereitschaft von Nachbarn, Verwandten, Freunden und Mitkämpfern. So war es oft selbstverständlich, dass man bei der Weinlese und Äpfelernte tatkräftig den betroffenen Familien zur Seite stand. Leider war diese Solidarität bei den politisch Verantwortlichen im Lande nicht so ausgeprägt, wie bei den einfachen Menschen des Landes.

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Es war ja ein halbstündiger Fußweg in die Schule, ebenso ins Dorf. Die Stütze bei mir zuhause war einfach großartig, die Kinder meiner Zwillingsschwester sind fast gleich alt und lebten ja alle im gleichen Haus mit meinen Eltern. Einmal im Monat durfte einmal das eine Kind, dann das andere Kind mitfahren auf Besuch. Das Mädchen hat beim ersten Besuch fast einen Weinkrampf gekriegt. Die Kinder waren ja während der Verhaftung meines Mannes in der Sommerfrische und hatten den Vater bis zum ersten Besuch zwei Monate nicht mehr gesehen.

So hat jede Woche gleich angefangen, bis zum Herbst 1963. Inzwischen hatte man wieder einmal auf eine Amnestie gehofft, aber… Man hoffte vom Frühjahr bis zum Herbst und vom Herbst bis zum Frühjahr; so ging es 7 Jahre lang. 1961, im Spätsommer, haben uns die Landtagsabgeordneten Volgger und Plaickner auf dem Rückweg von einer Regionalratssitzung in Trient besucht. Sie haben sich erkundigt, wie es uns geht, mir und den Kindern, auch wie es dem Hans geht und den anderen Mithäftlingen, wollten sie wissen. Meine Antwort war: »Gott sei Dank sind wir gesund.»

Hans Clementi wurde am Tag seiner Entlassung aus dem Gefängnis von Brixen nach siebenjähriger Gefangenschaft von Verwandten und Freunden am 19. Mai 1968 auf seinem Hof herzlich empfangen.

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Die moralische Belastung hat mich auch nicht erdrückt, weil ich überzeugt war, dass das alles einen Sinn haben musste und mit 32 Jahren ist man halt noch belastbar. Die Herren hörten sich die Antworten auf ihre Fragen an und für mich war es schon eine Genugtuung, zwei Politikern meine Ansicht zu sagen. Es konnte einem ja niemand etwas wirklich Konkretes sagen, auch der Anwalt Dr. Sand konnte sich nur einen tiefen Seufzer abringen, wenn man bei ihm vorbeischaute. Ich fühlte mich schon oft so ein bisschen wie in der Luft, ohne Boden unter den Füßen, wie man so sagt. Im Frühjahr 1962 kam einmal eine Delegation aus Belgien, es waren Minderheitenvertreter. Denen sollte ich aufs Tonband sprechen, wie damals seit 1961 alles in verschiedenen Richtungen lief. Dr. Volgger hat mich schon verständigt, sonst hätte ich ihnen nicht vertraut. Es war noch zwei Mal, bald aufeinanderfolgend, dass Einzelpersonen zu uns kamen und mich aushorchen wollten, aber denen habe ich nicht vertraut. Wie gesagt, meine Familie und auch viele Montanerinnen und Montaner haben mir bei der Arbeit geholfen, beim Wimmen, beim Rebenschneiden und Spritzen. Heute möchte ich noch einmal ein Vergelt’s Gott sagen, auch die moralische Solidarität war nicht schlecht. Man konnte natürlich auseinanderhalten,

wer einem heilig oder scheinheilig begegnete. Wenn ich von Anfang an gewusst hätte, dass das Warten fast 7 Jahre dauern würde, beide Kinder zur Erstkommunion gingen und gefirmt wurden ohne Vater zuhause, wäre das eine Ewigkeit gewesen. Aber Gott sei Dank sind wir immer gesund geblieben und das ist schon ganz viel. Im Sommer 1962 besuchte uns Dr. Volgger mit Josef Pikvance. Der Hochschulprofessor in Birmingham und führendes Mitglied der Quäker in England, ein sehr netter Herr, erkundigte sich, wie es uns ging, auch, wie es meinem Mann im Gefängnis gehe und den Familien von Josef Fontana und Konrad Matuella. Auch in Tramin hat der Herr aus England Eindrücke gesammelt, was für Menschen es sind, die sogenannten Terroristen. Als er sich von mir verabschiedete, sagte er – soviel Deutsch konnte er: «Ich werde für diese Leute, die für ihre Heimat zu solchen Mitteln gegriffen haben, nie mehr das Wort Terroristen aussprechen.» Bei uns kann man es heute von deutschen Südtiroler Politikern und Nachrichtensprechern noch hören. Am 20. August 1963 begann der Carabinieriprozess in Trient, den ich vom Anfang bis zum Ende mit meiner Schwester vor Ort verfolgt habe. Der Anblick der Häftlinge, die in Ketten vorgeführt wurden, war schrecklich und der Urteils-

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Der italienische Anwalt Sandro Canestrini aus Rovereto verteidigte mit viel Geschick und Ausdauer viele der angeklagten Südtiroler. Vielen Häftlingsfrauen ist er als einfacher und freundlicher Mensch in guter Erinnerung geblieben.

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spruch des Richters war mir unverständlich. Beim Prozess habe ich den Rechtsanwalt Sandro Canestrini kennen gelernt. Ich fragte ihn, ob er bereit wäre, die Verteidigung meines Mannes im Berufungsprozess zu übernehmen und er hat Ja gesagt. Wir sehen uns heute noch des öfteren. Im Herbst 1963 war dann der große Prozess in Mailand angekündigt und alle Häftlinge kamen nach Mailand. Da gab es dann vierzehntägig Besuch. Wir fuhren gemeinsam nach Mailand. Um 4.30 Uhr musste ich von zuhause weggehen,

um 5 Uhr war der Bus in Neumarkt. Der Besuch war noch umständlicher als in Trient. Als der Prozess begann, gingen wir, wenn es möglich war, auch zum Prozess ins Justizgebäude, es war aber fast unmöglich, dem Prozess beizuwohnen und die Häftlinge zu besuchen. Im April 1964 fuhr unser Pfarrer, Hochw. Johann Fischer, zum Prozess nach Mailand und hat uns, die Schwester vom Konrad und mich, eingeladen, mitzufahren. Auf der Rückfahrt hat es dann ein Auto von der anderen Fahrbahn der

Autobahn auf unsere Seite geschleudert. Das Auto vom Herrn Pfarrer war Schrott, der Herr Pfarrer und ich hatten eine große Platzwunde auf der Stirn. Ich wachte erst im Krankenhaus Cassano d’Adda auf, schon fast kahlgeschoren. Die Hedwig Matuella hatte einen komplizierten Oberarmbruch. Sie musste fast den ganzen Sommer über einen Gipspanzer tragen. Gott sei Dank, muss ich jetzt, hinterher, sagen, ist nicht viel passiert, es hat niemand einen bleibenden Schaden davongetragen. Der Herr Pfarrer fuhr schon am nächsten Tag heim, ich durfte wegen meiner Gehirnerschütterung erst einen Tag später fahren. Der Herr Hans Tschöll hat uns in Cassano abgeholt. Ich blieb ein paar Tage bei meinen Eltern, die Wunde ist schnell verheilt und auch die Haare sind schnell nachgewachsen. Auf die nächste Besuchsfahrt musste ich verzichten, die Kinder nahm ich nur einmal nach Mailand mit. Der Besucherraum in Mailand war ein großer Saal, alles aus Stein, der große Steintisch war in der Mitte durch ein Gitter geteilt, sodass man nur mit Streckübungen die Hand des Mannes berühren konnte. Die Kinder durften aber immer in Begleitung der Wachleute über dem Tisch zum Vater. Im Juli kam dann das Urteil, für manche eine Freude und für viele eine große Enttäuschung. Man hat sich aber mit

denen gefreut, die Ursache zur Freude hatten. Danach kamen alle wieder zu ihren früheren Haftanstalten zurück, mein Mann nach Trient. In Trient hatten sie beim Direktor einen Stein im Brett und konnten wieder im Garten arbeiten, das war ja für die Gesundheit viel wert. Wir Frauen jener Männer, die im Garten gearbeitet haben, konnten sogar einmal einen Schritt in den Garten tun. So konnten wir sehen, wie unsere Männer die Tage verbrachten. Das war ein Entgegenkommen von Direktor De Mutis. 1966 kamen die Häftlinge wieder nach Mailand zum Berufungsverfahren, da hatte ich schon fast gehofft auf das Ende, aber wieder eine Enttäuschung. So ging es wieder weiter nach Trient; jeden Montag eine halbe Stunde Besuchszeit. Die letzten vier Monate konnte mein Mann einen Antrag stellen, um in ein Bezirksgefängnis zu kommen. Mein Mann entschied sich für Brixen, aber das war keine gute Lösung, die Fahrt nach Brixen war gleich weit wie nach Trient. Nur die Entlassung am 19. Mai 1968 war in Brixen bestimmt angenehmer als sie in Trient gewesen wäre. Die Brüder Franz und Paul Gamper haben ihn auch besucht und waren bei der Entlassung dabei. Auch andere Bekannte kamen nach Brixen, um bei seiner Entlassung dabei zu sein. Der Schwager Fritz hat uns – mich und die Kinder – nach Brixen gebracht, um den Heimkehrer abzuho-

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len. Bei Gampers waren wir dann zu einem kurzen Aufenthalt eingeladen. Luise und Familie hatten wunderbare Spezialitäten vorbereitet. Wir fuhren dann nach Terlan, wo sich mein Mann mit einem seiner sieben Geschwister traf und dann ging es nach Hause. Da wartete die Musikkapelle, der er ja schon vorher angehört hatte und empfing ihn mit Marschmusik und zwei

Buben, die Brüder Walter aus Neumarkt, trugen Gedichte vor und überreichten Blumen. Auch verschiedene andere Leute waren gekommen zur Begrüßung, wir wohnen ja außerhalb des Dorfes. Seit dem 19. Mai 1968 sind wir wieder beisammen. Unter uns Häftlingsfrauen hat sich eine Beziehung ergeben, die uns heute noch manchmal zusammenführt.

MAN SAH IHM DEUTLICH DIE MISSHANDLUNG AN
Maria Mitterhofer
Maria Mitterhofer, geborene Lex, wurde am 9.6.1935 in Meran geboren und hat dort die Volksschule besucht. Mit 19 Jahren besuchte sie in Rotholz (NordTirol) die Haushaltungsschule. Mehrere Jahre war sie bei der Obermaiser Bürgerkapelle Marketenderin, wo sie ihren Mann kennenlernte. 1958 hat sie dann Sepp Mitterhofer geheiratet, dem sie vier Kinder schenkte. Zwei Buben vor seiner Verhaftung und zwei Mädchen nach acht Jahren Gefängnis. Neben der Arbeit als Bäuerin versorgte sie auch die Gäste auf dem Hof. Seit der Gründung des Ortsbäuerinnenrates 1980 war sie dort tätig. Von 1990–1994 war sie Ortsbäuerin bzw. Stellvertreterin. «Nachfolgend möchte ich meine Erlebnisse als Häftlingsfrau schildern, welche meinen weiteren Lebensweg und meine ganze Familie geprägt haben. Als ich im Februar 1958 meinen Mann, Sepp Mitterhofer, heiratete, hatte er sich bereits für den Widerstand gegen die Überfremdung und Unterdrückung unseres Volkes durch den italienischen Staat entschlossen. Nachdem sich die Tätigkeit meines Mannes im Untergrund vielfach nachts abspielte, hat er mich in groben Zügen darüber eingeweiht, damit die junge Ehe nicht gefährdet wurde: Einerseits, weil er in einer so heiklen Angele- Maria Mitterhofer genheit das nötige Vertrauen zu mir hatte und andererseits, weil er dadurch nachts ungeniert dieser Tätigkeit nachgehen konnte. Außerdem war er auch bei der Musikkapelle aktiver Musikant, war im Ortsausschuss der SVP tätig und bei der Bauernjugend. Dadurch war er viel von zu Hause fort und deshalb war die Offenheit zwischen uns sehr wichtig, sonst wäre die Ehe wohl in Krise geraten. 1959 bekamen wir einen Stammhalter, mit dem wir unsere helle Freude hatten. 1961 wurde ich wieder schwanger. Als der zweite Bub aber zur Welt kam, war mein Mann bereits zwei Monate im Gefängnis. Es ist sicher gut so, dass man nicht ahnt, was man im Leben alles mitmachen muss, sonst würde wohl so mancher am eigenen Schicksal zerbrechen. Ich habe die Einstellung meines Mannes, dass es so in unserer Heimat nicht weitergehen könne, dass irgend etwas gegen die Unterdrückung geschehen müsse, mitgetragen, obwohl ich oft Angst hatte und deshalb habe ich wohl

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Frau Mitterhofer mit ihren zwei Söhnen. Ein Foto für den Ehemann im Gefängnis.

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mein Schicksal auch etwas besser ertragen können. Anfangs Juli 1961 war ich mit meiner Familie in einem Nebenhäusl beim Gasthof Taser am Schennerberg in der Sommerfrische. Da erinnere ich mich, dass mehrere Männer, darunter auch Sepp Kerschbaumer, zu einer Sitzung zusammengekommen waren. Es sollte die letzte mit ihm sein; dort haben sie ausgemacht, dass wieder mehrere Masten gesprengt werden sollten. Mein

Mann kam ab und zu herauf, uns zu besuchen, sonst musste er ja unseren Hof bearbeiten. Am 15. Juli kam dann die Hiobsbotschaft, dass die Carabinieri meinen Mann verhaftet und in die Carabinierikaserne nach Meran gebracht hatten. Damit begann der Leidensweg unserer Familie. Als wir daraufhin sofort nach Hause fuhren, musste ich vom Schwiegervater erfahren, dass man ihn als alten, vom Schmerz getroffenen Mann – auf der Suche nach seinem Sohn – von einer Carabinieristation zur anderen geschickt hatte. Obwohl hochschwanger, beschloss ich, zur Hauptkaserne zu gehen und energisch nach meinem Mann zu verlangen. Nach ersten Verleugnungen wurde ich schließlich doch zu meinem Mann vorgelassen. Sein Anblick war ein Schock für mich: man sah ihm deutlich seine Misshandlungen an; sein Kopf war auf das Doppelte angeschwollen. Wir durften uns nur unter Aufsicht wenige Minuten unterhalten. Daraufhin wurde mir bewusst, welchen Folterungen unsere Männer ausgesetzt waren und wie hilflos wir zusehen mussten. Auch meine Schwiegereltern, die bis dato von der Untergrundarbeit ihres Sohnes keine Ahnung hatten, konnten den Schicksalsschlag nur schwer verkraften. Dann begannen die wöchentlichen Besuche im Gefängnis. Nach der Geburt unseres zweiten Sohnes besuchte ich

Sepp, meinen Mann, im Gefängnis von Bozen, um ihm unser Neugeborenes zu zeigen. Dieser herzzerreissende Besuch, zusammen mit der Geburt, hatte mich derart geschwächt, dass ich anschließend einen Nervenzusammenbruch erlitt. Die ganze Tragödie brach über mich herein: Die Arbeiten am Hof mussten fortgeführt werden, die Ernte stand vor der Tür und die kleinen Kinder brauchten meine Zuwendung. Die schier unüberwindlichen Hürden konnte ich nur bewältigen, da ich den Rückhalt von Sepps Familie, besonders meines Schwagers Jakob und meiner eigenen Geschwister hatte. Auch die Maiser Bauern waren in den ersten Jahren beim Bäumeschneiden behilflich. Ein fleissiger, ständig angestellter Bauernsohn

aus Schenna namens Sepp Pföstl (Hilburger), nahm mir dann die meisten Arbeiten am Hof ab. Doch nicht nur positives Echo war aus der Bevölkerung zu verspüren, es gab auch Anfeindungen, z. B. bekam ich den Ausspruch zu Ohren: «Die Bombenleger sollten aufgehängt werden.» Später nahm ich manchmal den drei Jahre alten Seppl mit auf Besuch. Er durfte dann für kurze Zeit auf die andere Seite des Tisches zu seinem Vater hinübergehen. Diese Gelegenheit hat mein Mann dann in einem unbewachten Augenblick ausgenützt und dem Buben einen Brief über die schweren Misshandlungen in die Kapuze gesteckt. Ein anderes Mal habe ich für meinen Mann ein kleines Transistorradio und ein Taschen-

Regelmäßig besuchten die Ehefrauen und Angehörigen ihre Lieben in den Gefängnissen. Maria von Sölder war den Angehörigen eine stete und sichere Hilfe.

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messer hineingeschmuggelt. Das war nicht ungefährlich für ihn, denn sie wurden vor und nach dem Besuch immer von den Wachen abgetastet. Hätten sie es gefunden, dann wäre er strafversetzt oder zumindest einige Tage in den Keller gesperrt worden. Die ersten Weihnachten waren besonders schlimm. Die Kerze am Fenster des Hofes bzw. am Gefängnisfenster sollten unsere Verbundenheit symbolisch ausdrücken. Der Tod von Höfler und Gostner im Winter 1961/62 weckte die Angst in uns Häftlingsfrauen, dass unsere Männer dasselbe Schicksal ereilen würde. Nach einem Hungerstreik wurden die Anführer, darunter mein Mann, nach Vicenza strafversetzt. Damit verlängerte sich der Anreiseweg unserer wöchentlichen Besuche. Die Unterbringung im dortigen Gefängnis unter menschenunwürdigen Bedingungen (feucht, kalt) und die Radikalhungerkur von Sepp – er war nämlich zu dick und hatte Angst, dass es ihm so ergehen würde wie seinem Kameraden Toni Gostner – brachte ihm Herzbeschwerden ein. Wir durften einen Vertrauensarzt konsultieren, der uns beschwichtigen konnte. Im Frühjahr 1963 verstarb der Schwiegervater. Die große Frage war, ob Sepp zur Beerdigung kommen durfte oder nicht. Viele Schaulustige stellten sich dieselbe Frage. Falls ja, wäre er in Ketten

vorgeführt worden. Diese demütigende Vorstellung wurde ihm erspart, weil die Teilnahme doch verboten wurde. Im Sommer desselben Jahres fand der Carabinieri-Prozess in Trient statt, bei welchem wir Häftlingsfrauen mitansehen mussten, wie die angeklagten Folter-Carabinieri frei in den Gerichtssaal geführt wurden, unsere Männer hingegen, die in diesem Falle Ankläger waren, in Ketten vorgeführt wurden. Das Urteil war ein Hohn: Sie wurden freigesprochen und sogar noch befördert. Im Laufe dieses Jahres sah ich mich gezwungen, die Führerscheinprüfung abzulegen um selbstständiger zu werden und damit die Verwandten zu entlasten. Die eine und andere Häftlingsfrau hatte so die Gelegenheit, mit mir zum Besuch zu fahren. All die Jahre hindurch hatte ich immer großes Glück. Nie stieß mir etwas zu. Sogar jene Situation ging glimpflich ab, als sich auf einer meiner Fahrten ein Rad lockerte und sich schließlich sogar vom Auto löste. Im Herbst 1963 trat eine Nachbarin mit perfekten Italienischkenntnissen an mich heran und machte mir den Vorschlag, zusammen bei Staatsanwalt Gresti in Mailand vorzusprechen, um vielleicht auf diesem Wege eine Haftentlassung von Sepp zu erreichen. Der Staatsanwalt konnte uns keine Hoffnung machen; der Prozess stehe demnächst vor der Tür.

Tatsächlich begann er in Mailand im Dezember desselben Jahres und zog sich über sieben Monate hin. In dieser Zeit fuhren wir Häftlingsfrauen sowohl zu den Verhandlungen als auch in zweiwöchigem Abstand mit dem Bus zu den Besuchen unserer Männer. Dies stellte eine große psychische Belastung für uns alle dar. Die Urteilsverkündung spät in der Nacht im Juli 1964 ließ für viele eine Welt zusammenbrechen. Mein Mann wurde zu insgesamt 12 Jahren Gefängnis verur-

teilt. Dies war auch für den Rest der Familie zu Hause eine Tragödie: Wir mussten die nächsten Jahre ohne den Mann bzw. Sohn auskommen. Meine Schwiegermutter, eine sehr religiöse Frau, hat sich damit zu trösten versucht, dass sie sich sagte, der Herrgott mische sich nicht in die Politik ein. Für mich stellten die beiden Buben einen großen Trost dar. Sie gaben mir die Kraft zum Weitermachen. Einmal, als ich sehr traurig war, kam der sechsjährige Seppl zu mir und

Im Jahre 1997 erhielt Maria Mitterhofer auf Schloß Tirol als Anerkennung für ihre Leistung als Häftlingsfrau das Goldene Verdienstkreuz des Landes Tirol. Frau Maria Mitterhofer im Kreis ihrer Familie.

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versuchte, soweit es ihm in seiner kindlichen Art möglich war, mich zu trösten. Unser Leben war ein ständiges Auf und Ab an Hoffnungen. Mal hofften wir auf eine politische Lösung, mal wieder auf eine Amnestie. Doch immer wurden wir eines Besseren belehrt. Wir wurden mit den unglaublichsten Situationen konfrontiert: So versprach mir eine mir unbekannte Frau, sie werde mit einem ehemaligen Schulfreund, der jetzt Staatsanwalt sei, Kontakt aufnehmen und so versuchen, meinen Mann aus dem Gefängnis zu holen. Als Gegenleistung musste ich auf ihren Hund aufpassen, während die Herrschaften in Urlaub fuhren. Die Kratzspuren an der Stubentür legen heute noch Zeugnis davon ab. Einmal kam sogar ihr Mann zu mir und verlangte Geld, um für das Auto von seinem Sohn Schneeketten kaufen zu können. Die Gespräche mit dem Staatsanwalt – ob tatsächlich durchgeführt oder nur gelogen – haben jedenfalls nichts gefruchtet und schließlich gaben wir auch diesen Versuch auf. Sepp arbeitete inzwischen als Tischler im Trienter Gefängnis und die letzten zwei Jahre beaufsichtigte er die Hühnerzucht. Dies gestattete ihm ein wenig Kurzweil und Abwechslung im tristen Gefängnisdasein. Die wöchentlichen Familienbesuche taten ein übriges dazu. Jede der Frauen durfte außerdem Hausmannskost mitbringen. Ich versorg-

te so z. B. fast acht Jahre lang meinen Mann und seine Zellenkameraden u.a. mit Griesschmarrn. 1966 wurde beim Berufungsprozess in Mailand dem Sepp ein Teil seiner Strafe erlassen: zwei Jahre Strafverminderung und zwei Jahre Amnestie. So blieben noch insgesamt acht Jahre, von denen er fünf bereits hinter sich hatte. Die restlichen drei Jahre verbrachte er in Trient. Lediglich die letzten drei Monate konnte er im Bezirksgefängnis von Schlanders zubringen. Diese Nähe zur Heimat schuf einen höchst willkommenen Übergang von den acht harten Jahren Gefängnis zurück in die Freiheit. Durch die lockere Atmosphäre und die vielen Besuche von Bekannten und Freunden konnte mein Mann sich langsam in die Gesellschaft wieder eingliedern. Am Herz-Jesu-Sonntag, Mitte Juni, kam der große Augenblick: Mein Mann wurde in die Freiheit entlassen. Nach einer Messe und einer kleinen Feier in einem Gasthof in Schlanders mit Hans Dietl und anderen Freunden, gab es einen großen Empfang zu Hause, bei dem die Musikkapelle aufspielte, viele Verwandte und Nachbarn zugegen waren und sich mit uns über die Heimkehr freuten. Natürlich bedurfte es noch einiger Zeit, bis sich alles normalisierte. Mit Sepps Gesundheit stand es nicht zum besten;

nur durch ständige Kontrolle, Diätkost und eisernen Willen gelang es ihm, seinen Zustand zu verbessern. Wenn ich heute zurückschaue auf diese Zeit des Wartens und Bangens, dann muss ich sagen, dass es wohl eine schwere Zeit war, aber ich erlebte auch viel Freude und Solidarität von Mitmenschen, welche mir wieder die Kraft gaben zum Durchhalten. Ich habe zwar manchmal mit Gott und dem Schicksal gehadert, ich gebe es offen zu, aber ich war, wie mein Mann, davon überzeugt,

dass damals die Anschläge einfach notwendig waren und das hat mir in den acht Jahren des Wartens auf meinen Mann auch wieder viel Kraft zum Durchhalten gegeben. Als Anerkennung und Dank für diese Leistung als Häftlingsfrau, zum Wohl unserer volkstumspolitisch und sozial schwer bedrohten Heimat in den sechziger Jahren, habe ich 1997 auf Schloss Tirol das goldene Verdienstkreuz vom Land Tirol erhalten, mit dem ich selbstverständlich eine große Freude habe.»

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WIE VIELE TRÄNEN FLOSSEN, BLIEB VERBORGEN
Midl von Sölder
Ein Großteil der Bevölkerung Südtirols sympathisierte am Beginn der Bombenjahre mit den Aktivisten. Doch dies geschah meist im Verborgenen und Geheimen. Nur wenige hatten den Mut, offen für das Recht der Verfolgten einzutreten. Ein wahrer Engel für die durch die große Verhaftungswelle in Not geratenen Familien wurde die zwar zierliche, aber in ihren Handlungen großartige Midl von Sölder. Maria von Sölder, geboren 1910 in Bruneck, wurde mit 16 Jahren von Kanonikus Gamper für den Katakombenunterricht angeworben und ausgebildet. Daraus erwuchsen ihr mancherlei Unbilden. Das und die politische Einstellung zuhause haben sie und ihr Leben geformt. Und das wurde bunt: Nach drei Jahren Katakombendienst war sie Erzieherin in Venedig und Turin. Nach Südtirol zurückgekehrt, war sie Katakombenlehrerin in Eppan, um dann in den Dienst bei der amtlichen Großdeutschen Ein- und Rückwanderstelle in Bozen zu treten. Vor dem Abschub durch die italienische Behörde wanderte sie nach München aus. Bei Kriegsbeginn wurde sie zur Funkerin der deutschen Luftwaffe ausgebildet – leistete Funkdienst bis Kriegsende in München, Rom, Neapel, Mailand und zuletzt Jenesien. Im September 1945 erfolgte ihre Midl von Sölder Entlassung aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Im Mai 1946 kam sie im Schwarzgang über Eppan nach Bruneck, wo sie als einzige Arbeit die nächtliche Wache am Rainturm übernehmen konnte. Über die verschiedensten Aushilfsarbeiten landete sie für 15 Jahre beim Südtiroler Kulturinstitut als Abschluss ihrer Laufbahn. «Die Feuernacht, der Notschrei eines unterdrückten Volkes, der nicht nur in der römischen Regierung gehört und verstanden werden, sondern auch weit über die Landesgrenzen hinaus die Welt für das Problem Südtirol hellhörig und aufmerksam machen sollte. Die Nachrichten von Festnahmen, von unmenschlichen Folterungen bei den Verhören und von Inhaftierungen kreisten im Volke und lösten eine Welle der Empörung aus. In den berechtigten Stolz über den Mut der Männer mischte sich nun die Sorge um ihre Gesundheit und um ihr Leben. Trotz aller Sorge blieb aber immer auch die heimliche Freude über jeden

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neuen gefallenen Masten. Kannte ich auch zu dieser Zeit noch keinen von ihnen, so fühlte ich mich doch ihnen allen verbunden. Über die Sorge um die Männer wären deren Familien beinahe vergessen worden. Gretl Koch, selbst eine der Betroffenen, sorgte dafür, dass dies nicht geschah. Es entstand sehr schnell eine Zulaufstelle in ihrem Geschäft. Sie war dort immer erreichbar und immer bereit, fand immer die Zeit, den «Häftlingsfrauen» zuzuhören, mit ihnen über ihre Probleme und Sorgen zu sprechen. Gretl Koch war eine von ihnen und schon auch daher vertrauter mit ihnen als ich. Für mich war sie die erste und zuverlässlichste Informationsquelle – ohne sie hätte ich so manches wahrscheinlich nicht erfahren. Es tat sich ein Meer vielfältigster Sorgen, neuer Verantwortungen, neuer Verpflichtungen und manchmal auch tiefer Verzweiflung auf. Alles, was die Frauen bisher mit ihren Männern gemeinsam getragen hatten, lastete plötzlich allein auf ihnen. Dazu die Ungewissheit über das Schicksal der Männer, über die Dauer dieses Zustandes – und was würde noch alles kommen? Die Selbstverständlichkeit, mit der diese Frauen alles auf sich nahmen, zu ihren Männern standen und sie zu schützen wussten, ist mehr als bewundernswert. Wie viele Tränen flossen, blieb allerdings verborgen. Nur ganz selten wur-

de ich ihrer gewahr, wenn ich gerade zu einer der dunkelsten Stunden daherkam. Da traten körperliche und seelische Probleme und Nöte zutage, zu denen sonst nur schwerlich Zugang zu finden gewesen wäre und über diese Herr zu werden, schien schier unmöglich. Zu viel Leid und Elend stürzte auf die Frauen ein und nicht alle hatten die nötigen Kräfte, dem entgegenzusetzen. Doch jede tat ihr Möglichstes. Im einzelnen die aus den beinahe unmenschlichen Anforderungen erwachsenen Folgen zu schildern, bin ich nicht befugt, da die Betroffenen selbst darüber am liebsten schwiegen. Die Männer und Väter fehlten überall. Nicht nur die Frauen, sondern auch die Kinder fühlten sich einsam und sich selbst überlassen, trotz aller mütterlichen Bemühungen. Und Kinder gab es in einigen Familien 2, 3, in anderen bis zu 6, vom Kleinkind bis zum Jugendlichen. Sie alle hätten der Väter bedurft und konnten sich nur schwer mit den neuen Umständen zurechtfinden. Mitunter war ich auf bloße Vermutungen und Wahrnehmungen angewiesen, sodass die tatsächliche Notlage mir spät und dann nur bruchstückweise zur Kenntnis kam – zum Teil erschreckend bis katastrophal. Wie konnte da geholfen werden? Wo anfangen? Nachdem sich um die Frauen und die Familien bislang offensichtlich niemand so recht kümmerte, sah ich darin eine

Verpflichtung, der ich wenigstens versuchen wollte, gerecht zu werden. Aus eigenem Antrieb und in eigener Regie begann ich mich der Sache anzunehmen, sie zu meiner eigenen zu machen. Ungerufen und nicht entgolten. Als Berufstätiger verblieben mir für diese Aufgabe nur die Stunden zwischen und nach der Dienstzeit, Samstag, Sonntag und vorgezogene Urlaubstage. Wenn man aber auch mit der Nachtzeit nicht geizt, ist das Zeit genug, um etwas in Gang zu bringen. Was ich an Geld sammeln konnte, kam unkontrolliert in meine Hände und durch mich ebenso dorthin, wo es gerade am notwendigsten war. Dass dies ohne Quittungen geschah, erschien mir aus verschiedenen Erwägungen heraus opportun und deshalb selbstverständlich. Ein Zeichen gegenseitigen Vertrauens. Nur wer selbst ohne Eigennutz zu arbeiten außerstande ist, könnte sich an dieser meiner Arbeitsmethode stoßen. So dachte ich damals und so denke ich noch heute. Als dauernde Hilfe kamen bald die monatlichen Beträge von der Ti153
Midl von Sölder war Tag und Nacht auf dem Weg, um Hilfe für die Häftlinge und deren Angehörige zu besorgen.

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roler Landesregierung, die auf die Bedürfnisse der einzelnen Familien abgestimmt waren. Diese galt es zuzustellen, soweit es den Frauen nicht möglich war, sie in Bozen abzuholen. Manchen fehlte dafür Zeit und Geld. An einigen Orten funktionierte auch die Nachbarschaftshilfe. Dieser Beweis des Zusammenstehens war in gewissem Sinne noch wertvoller als Geld. Dies wohl auch für die Männer «drinnen». Auch Verwandte und Bekannte aus Südtirol und anderswo und Freunde der abwesenden Familienväter suchten und pflegten die Verbindung zu den Familien. Dass die seelischen Kräfte der Menschen in Notzeiten wachsen, zeigte sich wieder einmal daran, wie die Frauen ihren Anteil an Leid und Sorgen trugen. Es traf sie viel und hart. Aber sie waren jung und stark und zeigten sich der Situation gewachsen. Ich musste sie nur immer wieder bewundern. Am schwersten trugen die Mütter das Missgeschick ihrer Söhne. Sie zu besuchen und mit ihnen zu sprechen war das Traurigste, was ich in dieser Zeit erlebte. Zur Weihnachtszeit öffnen sich die Herzen. Lebkuchen, Kinderkleider und Spielsachen schneite es förmlich herein. Eine Schar von Jugendlichen half die Sachen zu sortieren, in Pakete zu verpakken und diese zu den Familien zu bringen. Sie taten es mit Umsicht und Freude und ich danke ihnen noch heute

dafür. Allein hätte ich es nicht geschafft. Natürlich flossen zu dieser Zeit auch die Spenden reichlicher. Einen Teil davon dachte ich den Männern zu übergeben, in der Annahme, dass sie sich freuen und dafür Verwendung finden würden. Ich habe es auf das Konto eines jeden im Bozener Gefängnis überwiesen. Das wurde eine Prozedur! Der Beamte am Schalter war mehr als erstaunt, als ich ihm die vollständige Namensliste der Empfänger vorlegte und erklärte, dass ich für jeden 20.000 Lire überweisen wolle. Da es ihn sichtlich überforderte, die vielen deutschen Namen zu entziffern, übernahm ich deren Eintragung in sein Journal und er schrieb den jeweils gleichbleibenden italienischen Text dazu. So kam im Laufe von ein paar Stunden unter viel Stöhnen seinerseits die Arbeit zu Ende und ich setzte ordnungshalber meinen Namen darunter. Wahrscheinlich zu flott, denn ihn zu entziffern, bereitete ihm ebensoviel Mühe wie die Errechnung der Überweisungssumme. Es gelang ihm auf seine Weise, denn als ich endlich ging, sagte er in strammer Haltung: «La riverisco, signora Scelba!» Er schien sich von der vermeintlichen Begegnung mit dieser Dame weit mehr geehrt zu fühlen, als ich mit der Verunglimpfung meines guten Tiroler Namens. Nach der Verlegung der Inhaftierten nach Mailand, wo die Vorbereitung zum

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Im Vordergrund v.l.n.r.: Schweigkofler Midl, Mitterhofer Maria, Jakob Mitterhofer, Luis Santer

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Prozess und auch der Prozess selbst stattfinden sollten, mussten für die Fahrten der Frauen an den Besuchstagen und später zum Prozess Autobusse bereitgestellt werden. Diese Fahrten stellten für die Frauen eine neue und große Belastung dar. Vom Vinschgau aus, mit Beginn in Burgeis, Tartsch, Prad, Eyrs, Laas, Göflan, Schlanders nach Meran zu kommen, bedeutete, sich bald nach Mitternacht auf den Weg zu machen. Der Autobus fuhr um 5.00 Uhr von Meran ab, um 6.00 Uhr von Bozen. Die Fahrtteilnehmer aus dem Pustertal von Gsies, Welsberg, Mühlen und Bruneck und von Thuins, Sterzing und Vahrn mussten ebenso früh von Brixen abfahren. So fuhren sie zu nachtschlafender Zeit fort und kamen todmüde am späten Abend wieder heim. Es waren keine Urlaubsfahrten, sie boten aber Gelegenheit zu Gedanken- und Erfahrungsaustausch im Familienkreis. Die Frauen waren wieder einmal ganz unter sich. Frohsinn konnte allerdings nicht aufkommen, denn Angst und Sorge fuhren immer mit. Man wusste nie, was bei dem bevorstehenden Besuch wieder Schlimmes zu erfahren war. Der Ausgang des Prozesses zerstörte manche Hoffnungen, die im Laufe der Zeit aufgekeimt waren. Die schwere Zeit begann für viele aufs Neue. In den Familien hatte sich inzwischen das eine oder andere eingelaufen – tra-

gische Fälle kamen und blieben aber immer noch. Was weiter blieb, waren private Helfer, die immer wieder bereit waren, in Härtefällen einzuspringen. Die Südtiroler Heimatfernen, das Hilfswerk für Südtirol in München, Gruppen und Vereine und Private hier und in Österreich und Deutschland, die halfen, aber nicht genannt werden wollten, gab es auch immer. Trotzdem blieben aber Lücken, die weder sie noch ich zu stopfen imstande waren. Alles Bemühen reichte eben doch nur zu einem Flickwerk aus gutem Willen und Hilfsbereitschaft. Die Auslandsfahrten brachten mitunter auch Spaß an der Grenze – ich trug fast immer etwas bei mir, was keiner, am wenigsten aber der Zollbeamte finden sollte. Einmal konnte ich in Innsbruck Lederhosen für die Kinder der Häftlinge besorgen, die ich im Taxi hereinbrachte. Mein Taxifahrer war einigermaßen besorgt darüber, dass ich den umfangreichen Karton einfach am Rücksitz haben wollte. Am Brenner ließ ich es mir im Laufe des Gesprächs mit dem Zöllner schlecht werden. Ich mimte eine Gallenkolik scheinbar so echt, dass er auf meine Bitte um ein Glas Wasser dies im Laufschritt holte. Nachdem ich einen Schluck getrunken hatte, fragte er, ob es mir nun besser ginge, was ich mit einem Kopfnicken beantwortete. Ob aus Mitgefühl oder aus

Angst, dass mir Schlimmeres passieren könnte, was für ihn sicher Umstände gebracht hätte, wünschte er uns – ohne auch nur einen Blick auf den Karton geworfen zu haben – eine gute Fahrt und frohe Weihnacht. Nach einiger Zeit fragte nun auch mein Fahrer, ob ich mich erholt hätte. Ich hatte Mühe, ihn davon zu überzeugen, dass ich mich nie anders als gut gefühlt habe. So einfach war es, anstandslos über Grenzen zu kommen. Übrigens, Herr Hanspeter blieb von nun an, wann immer ich ihn brauchte, MEIN Fahrer. Leider lebt auch er nicht mehr. Manches hat sich verändert: Die Familien sind gewachsen, die Kinder von damals erwachsen und selbständig geworden. Das Leben hat sich normalisiert. Ein Treffen zu guter Stunde weckt alte Vertrautheit und viele Erinnerungen. Gute und andere, Hoffnung und Enttäuschungen. So ist es wohl nur ein schwacher Trost, dass, wenngleich so viel Leid und Opfer nicht alles Erstrebte erreicht, doch wenigstens vieles bewirkt werden konnte.» Nach der Feuernacht war der BAS in Südtirol fast gänzlich zerschlagen worden. In Nordtirol übernahm Günther Andergassen die Führung des BAS. Günther Andergassen war ein durch und durch musischer Mensch. Aus Liebe zu seiner Heimat, zu seinem Tiroler Land und aus Verantwortung zu dem von den

Südtirolern angefangenen Kampf, trat er in die Rolle des Anführers. Im Rahmen eines Lehrausfluges wurde Andergassen im Jahr 1964 in Venedig verhaftet und beim zweiten Mailänder Sprengstoffprozess mit 24 anderen vor Gericht gestellt und zu einer Höchststrafe verurteilt. Im Gefängnis wurde ihm sehr übel mitgespielt. Er wurde ständig in ein anderes Gefängnis verlegt, zum Teil anonym, sodass man nicht mehr wusste, wo er sich aufhielt. In seiner unnachahmlichen Art half er dann in Florenz, wo er damals einsaß, bei der großen Überschwemmung unermüdlich und mit anderen nicht politischen Häftlingen, die Apsis einer Kapelle freizuschaufeln, die 2 1/2 Meter unter Schlamm stand. Deshalb wurden einige inhaftierte Helfer begnadigt. Er selber wurde dann in Einzelhaft nach Volterra verlegt, ein berüchtigtes Schwerverbrechergefängnis, wohl weil man glaubte, noch einiges aus ihm herauspressen zu können. Nach sieben Jahren wurde er am 19. Dezember 1970 entlassen. In Südtirol konnten sich wenige Aktivisten durch Flucht der drohenden Verhaftung entziehen. Luis Amplatz aus Bozen-Gries musste schon einige Tage vor der Feuernacht das Land wegen einer bevorstehenden Verhaftung verlassen. Steger Siegfried und Forer Josef aus Mühlen in Taufers flohen einen Tag nach der Feuernacht über die Berge nach

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Nordtirol. Auch Georg Klotz flüchtete nach Nordtirol und für ihn und alle Geflüchteten begann eine Zeit des Leidens und des Heimwehs. Sie alle waren von der Richtigkeit ihres Handelns überzeugt und bereit, den Kampf weiterzuführen.

Niemand kann die damaligen Ereignisse besser beschreiben, als die Ehefrau von Georg «Jörg» Klotz. Von Anfang an stand sie voll und geradezu mit Begeisterung hinter dem Einsatz für die Heimat ihres Mannes.

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2. Mailänder Südtirolprozess, 20. April 1966: die Angeklagten, 1. Reihe von links nach rechts: Franz Fischer, Andreas Ladurner, Josef Alber, Rudolf Kofler, Hugo Knoll – 2. Reihe: Joachim Dunkel, Franz Ebner, Günther Andergassen, Josef Laner, Richard Gutmann. – Das Bild zeigt nicht alle Angeklagten

13. Juni 1968: Urteilsverkündung im Berufungsverfahren zum 2. Mailänder Südtirolprozess: Das Urteil der 1. Instanz, die 333 Jahre Kerker verhängt hatte, wurde um weitere dreißig Jahre verschärft. Franz Ebner und Richard Kofler (links) mussten im Gefängnis bleiben, Andreas Ladurner (Mitte) konnte heimkehren, Günther Andergassen erhielt 30 Jahre.

«IHR MANN, WO IST ER?»
Rosa Klotz
Rosa Pöll wurde am 30. November 1920 als drittes der elf Kinder einer Bergbauernfamilie in Ulfas, einer kleinen Fraktion der Gemeinde Moos im Passeiertal, geboren. Besuch der unter der damaligen faschistischen Gewaltherrschaft rein italienischen Volksschule. Anschließend Dienstmädchen bei verschiedenen Familien in Meran. Als im Optionsjahr 1939/40 die deutschen Sprachkurse zur Ausbildung von Hilfslehrern für die Kinder der Optantenfamilien eingeführt wurden, meldete sich Rosa Pöll sofort und besuchte diese Kurse mit großem Eifer. Bereits ab dem Jahr 1940 unterrichtete sie unter großen Opfern (weite Schulwege bei jedem Wetter, einklassige Volksschulen, in denen die Kinder aller Schulstufen in einer einzigen Klasse zu unterrichten waren, kaum vorhandene Unterrichtsbehelfe) an verschiedenen Bergschulen des Passeiertales. Nach kurzer Unterbrechung der Lehrtätigkeit zum Ende des Krieges unterrichtete sie von 1947 bis zu ihrer Heirat mit dem Schmied Georg Klotz im April des Jahres 1950 als Volksschullehrerin in Kastelruth und St. Oswald und danach wieder an verschiedenen Passeirer Bergschulen. Der Ehe entsprossen 6 Kinder, um die sich Rosa Klotz nach der Flucht ihres ManRosa Klotz nes vor politischer Verfolgung durch die italienische Staatsmacht allein kümmern musste. Vom 12. Oktober 1966 bis zum 21. Dezember 1967 war Rosa Klotz in Untersuchungshaft in italienischen Gefängnissen und musste schmerzlich erfahren, was Sippenhaftung ist. Nach der Entlassung aus dem Gefängnis durfte sie bis zu ihrem Freispruch im 3. Mailänder Prozess im Frühjahr 1969 das Gemeindegebiet der Stadt Bozen nicht verlassen und unterstand polizeilicher Meldepflicht. Bis 1976, dem Todesjahr ihres Mannes, verdiente sie den Lebensunterhalt für sich und die Kinder mit einer Art Studentenpensionat. Erst im Jahre 1976 Wiederaufnahme in den Schuldienst. Bis zu ihrer Pensionierung im Jahre 1986 unterrichtete sie als Stammrollenlehrerin an einer deutschen Volksschule der Stadt Bozen. Rosa Klotz ist in Bozen wohnhaft und hilft vor allem ihren Kindern, die in Kurtatsch, Dorf Tirol, Meran, Walten

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und Salzburg verheiratet sind und eigene Familien gegründet haben. Besondere Freude hat sie an ihren 14 Enkelkindern, denen sie eine verständnisvolle und begeisterte Schuloma ist. «Als mein Mann, Georg Klotz, eines Tages aus Meran nach Walten zurückkam und mir die folgende Begebenheit erzählte, wusste ich, dass dies unser ganzes weiteres Leben bestimmen würde. Seitdem er aus dem Krieg und der Gefangenschaft zurückgekehrt war, widmete er sich vor allem dem Wiederaufbau des Schützenwesens in Südtirol. Zwangsläufig hatte er dabei mit maßgeblichen

italienischen Behördenvertretern zu tun, die seine Aktivitäten im ganzen Land mit kritischen Augen verfolgten. Nach den ersten Anschlägen in den fünfziger Jahren wurde er mit folgendem Angebot konfrontiert: Man wisse, dass er ein politisch denkender und handelnder Mensch sei, aber wenn er sich jeder antiitalienischen Aktion enthielte, wolle man ihm für den Rest seines gesamten Lebens eine Monatsrente in der Höhe eines Offiziersgehaltes ausbezahlen. Jörg hatte daraufhin nur gesagt: «Meine Herren, Sie wissen, ich bin Tiroler!» Ich war froh, dass mich Jörg von Anfang an nicht in alle Details eingeweiht

Glückliche Tage in Walten. Jörg Klotz mit seinen ältesten Kindern Eva und Wolfram.

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hat und ich habe ihn vor allem dann später, als er bereits im Exil in Österreich war, immer wieder beschworen, mir nicht zu viel zu sagen, damit ich tatsächlich nicht zu viel wusste, sollte mich die Polizei ausfragen. Und damit musste ich ja immer rechnen. Ich hatte mich darin auch nicht geirrt. Ich wusste in den späten fünfziger Jahren natürlich schon, was im Gang war. Ich kannte jedoch nur sehr wenige Namen und Gesichter und war auch bei den verschiedenen geheimen Treffen in unserer Stube nicht dabei. Ich hatte aber genau mitbekommen, dass es bald ernst würde: Es hatten sich Ende 1959 oder Anfang 1960 wieder einmal mehrere Männer in unserer Stube versammelt, als Jörg nach dem Kissen mit dem gestickten Tiroler Adler drauf verlangte. Sie brauchten es für einen feierlichen Schwur. Einen der Männer kannte ich, es war Sepp Kerschbaumer. In den Monaten danach wurde es sehr hektisch: Jörg war noch mehr zu Versammlungen und Treffen im ganzen Land unterwegs als sonst und in seiner Schmiedewerkstätte wurden viele Vorbereitungen getroffen, er arbeitete dort nicht nur am Amboss. Ich half meinem Mann vor allem beim Einrichten eines notdürftigen Unterschlupfs, Bunker haben wir immer gesagt, in dem man sich notfalls einige Tage verstecken konnte, sollte es zu einer Flucht kommen. Später

zeigte sich, wie wichtig diese Vorkehrung war. Immer häufiger kamen jetzt auch Leute mit dem Wagen aus Nordtirol, um Sachen abzuladen. Wenn mein Mann nicht daheim war, habe ich in der Nacht die Sprengstoffpakete und anderes entgegengenommen und unter den Ehebetten verstaut. Auch wusste ich genau, was immer griffbereit zu sein hatte: eine dikke Joppe, das Fernglas, der Rucksack und der Pfeffer. Die Waffen, einige Gewehre und Jörgs Pistole waren bereits im Bunker. Ein Kilo Pfeffer war sozusagen die Versicherung gegen die Entdeckung durch Spürhunde: der Pfeffer in ihrer Nase setzte sie außer Gefecht. Der Tag X war im Juli 1961 gekommen: Ein Carabiniere kam ins Haus, fragte nach Jörg, und weil dieser noch nicht da war, wartete er draußen auf dem Weg auf ihn und begleitete ihn dann ins Haus und ließ ihn nicht mehr aus den Augen. Der Carabiniere postierte sich im Gang, versperrte Jörg den Ausgang. Später erfuhren wir, dass ein Jeep mit mehreren Carabinieri draußen im Dorf auf ihn und Jörg wartete. Wir hatten gerade die Küche ausgeweißt, die Kredenz stand noch draußen auf dem Balkon. Ich sagte dem Carabiniere, der sichtlich nervös war und vorgab, Jörg nur zu einem Gespräch nach St. Leonhard mitnehmen zu wollen, mein Mann müsse zuerst einmal zu Abend essen und dann helfen, die Kredenz in die Küche zu tragen, weil es bald

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zu regnen anfangen würde, und man das Zeug nicht auf dem Balkon stehen lassen könne. Nachdem Jörg unter dem unablässigen Blick des mit Revolver bewaffneten Carabiniere fertig gegessen hatte, trugen wir zuerst das untere Kredenzgestell in die Küche und ließen uns dabei absichtlich Zeit, um mit Zeichen und Flüstern Jörgs Flucht zu vereinbaren. Dann holten wir das Obergestell vom Balkon in die Küche. Während ich nach dem Aufsetzen dieses Möbelstücks mit meinem Rükken die Tür zum Hausgang, auf dem der Carabiniere wartete, zuhielt, konnte Jörg über die gegenüberliegende Tür, die von der Küche direkt in den an das Haus angebauten Stadel führte, entkommen, von dort ins Freie gelangen und sich in den Wald retten. Als der Carabiniere merkte, dass Jörg nicht mehr in der Küche war, tobte und schrie er und stürmte dann fluchend davon, um schnellstens seine Kameraden zu erreichen. Ich hatte gerade noch Zeit, Rucksack, Joppe, Fernglas und den Pfeffer zu schnappen, damit in den nahen Wald zu laufen und alles zusammen dort Jörg zu übergeben. Er konnte mir noch schnell sagen, was ich unbedingt aus dem Haus verschwinden lassen sollte, bevor ein größeres Polizeiaufgebot käme, um alles drunter und drüber zu kehren. Ich eilte also ins Haus zurück und warf die von

Jörg angesagten Gegenstände in den kleinen Bach, der zum Betreiben unseres Sägewerks direkt unter dem Haus vorbeiführte. Kaum war ich wieder in der Stube, um gerade noch mein jüngstes Kind, die 6 Monate alte Rösi auf den Schoß zu nehmen, da pochte es auch schon an der Haustür: «Klotz, öffnen!» Als ich öffnete, standen mindestens ein Dutzend Uniformierte vor mir. Brigadier Bergamo mit seiner Maschinenpistole im Anschlag in vorderster Reihe. «Ihr Mann, wo ist er?», herrschte er mich an. «Ich weiß es nicht», gab ich zurück, «wissen denn Eure Frauen immer, wo Ihr seid?» Bergamo war kreidebleich vor Wut und stand immer noch da mit dem Gewehr im Anschlag. Manfred, mein siebenjähriger Sohn, hielt seinen Zeigefinger in den Lauf – dieses eigenartige Loch in seiner Augenhöhe interessierte ihn wohl! Es begannen Hausdurchsuchungen ohne Ende, an allen Ecken gleichzeitig. Wände wurden abgeklopft, in der Stube die Vertäfelung losgerissen, um zu sehen, ob dahinter wohl kein Versteck war, sogar im Hühnerstall wurden die Balken gelockert, um das vermeintliche Versteck zu finden. Als Jörg nicht zu finden war, verzogen sich die Wühler in den Wald, aber sie kamen damals jeden Tag wieder. Manchmal hatte man abends den Eindruck, die Bäume bewegten sich, denn fast hinter jedem Baum hatte sich ein Uniformierter postiert und wartete, bis

im Haus ein Licht angehen werde. Sie waren wohl überzeugt, Jörg würde bald wieder zurückkehren. Das Licht ging zwar des öfteren an, aber es war meine Taschenlampe, mit welcher ich über den hinteren Balkon ging, weil dort unser «Häusl» war. Es dauerte dann keine zwei Minuten, und sie kamen alle angestürmt: «Öffnen Sie, Klotz, wir wissen, Sie sind im Haus!» Die Enttäuschung war groß, als sie sich davon überzeugen mussten, dass es nicht Jörg war, der mit der Taschenlampe ins Haus gekommen war und, dass es von ihm weiter keine Spur gab. Wir haben damals viele Hausdurchsuchungen gehabt, man musste bei jeder Tages- und Nachtzeit darauf gefasst sein. Manchmal ging es arg zu, und ich hatte dann überhaupt keinen Überblick mehr, wo überall gleichzeitig gewühlt wurde. Einmal wurde es mir derart zu viel, dass ich einen gerade in der Küche Suchenden in Zivil, der wie wir Tiroler Dialekt sprach, einfach am Arm packte, ihn zum Herd zog und sagte: «Sie rühren jetzt da das Kindermus für mein Jüngstes und lassen ja nichts anbrennen, denn ich kann nicht zulassen, dass die anderen derweil in allen Schränken herumstöbern, ohne dass ich weiß, was da abläuft.» Er hat tatsächlich fleissig gerührt, bis ich mit Rösi im Arm in die Küche zurückkam. Ein anderes Mal, als ein Überfallkommando aus Bozen auch gerade wieder

eine Hausdurchsuchung bei uns vornahm, sah ich beim Wasserholen von der nahen «Wiere», wie ein Uniformierter in unserem Acker gerade ein Maschinengewehr aufstellte und es direkt auf unser Haus richtete. Da packte mich die Wut, ich nahm einen nassen Putzlumpen, rannte damit auf ihn zu und fauchte ihn an, er solle sofort mit seinem Krempel verschwinden. Von meinem Mann wusste ich nämlich, dass sie im Umkreis von 50 Metern nichts zu suchen hatten. Dieser Kerl hatte mich wohl einschüchtern oder bedrohen wollen, aber als er sah, dass ich keine Angst hatte, packte er tatsächlich alles zusammen und zog damit ab. Eines Tages rückten sie sogar mit Metalldetektoren an und gruben rund ums ganze Haus schier den Boden um. Sie konnten nicht verstehen, dass da keine Waffen vergraben waren und dass es auch im Haus keine Waffen zu finden gab. Wohl aber hatten sie einige andere Dinge gefunden und mitgenommen, so zum Beispiel eine schöne lange Tiroler Fahne, die wir immer am Herz-Jesu-Sonntag und am Andreas-Hofer-Tag aufgehängt hatten. Weiters ein altes, aber sehr gutes Militärfernglas, das Jörg einmal geschenkt bekommen hatte und das er vor allem zur Jagd benützt hatte, sowie einige Taschen mit verschiedenen Utensilien wie Leuchtraketen usw. Ein paar Patronenhülsen haben sie wohl auch gefunden hinter dem Gebälk,

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aber das war alles nicht das, was sie sich erwartet hatten! Obwohl ich beim Carabinierikommando später Anzeige wegen der entwendeten Gegenstände erstattet hatte, habe ich von den Sachen bis heute nichts mehr zurückbekommen und auch nichts mehr über deren Verbleib gehört. Vom Juli 1961 an, kann man sagen, hatten wir bis zum Spätherbst kaum einen Tag Ruhe. Von irgendwoher wurde unser Haus immer beobachtet, und die Leute in Zivil, die zu uns kamen, um so beiläufig ein Gespräch anzufangen, waren allzu leicht als Spitzel zu erkennen. Ich brauchte meinen Kindern nicht lange zu erklären, dass sie sich auf keine Gespräche mit Fremden einlassen sollen, die hatten ein gutes Gespür für solche Dinge, begriffen die Zusammenhänge und beobachteten alles selbst genau. Aber wir mussten natürlich auf Schritt und Tritt aufpassen und uns möglichst wenig vom Haus entfernen, denn sie konnten uns ja auch leicht etwas unterschieben. Irgendwann, im August 61, holten sie mich an einem Morgen mit einem Jeep von daheim ab und nahmen mich zunächst nach St. Leonhard zum Verhör in die Carabinierikaserne mit. Sie hatten mir ihr sogenanntes Ehrenwort gegeben, dass ich dann sofort wieder nach Hause zurückgebracht würde. Stattdessen teilten sie mir nach der ganzen Ausfragerei mit, ich würde am Nachmittag nach

Meran zu einem weiteren Verhör gebracht. Als ich sie an das gegebene Ehrenwort erinnerte, meinte einer, das Ehrenwort gelte nichts mehr, es sei nunmehr tot. Also brachte man mich zur Polizei nach Meran und verhörte mich dort weiter. Man wollte von mir wissen, ob ich Jörg in der Zwischenzeit getroffen hätte, ob er sich gemeldet habe und ob ich wüsste, wo er sich aufhalte. Ich verneinte immer wieder, ich hatte ihn ja seit seiner Flucht nicht mehr gesehen und sagte, es könne gut sein, dass er bereits über den Brenner nach Österreich gegangen sei. Erst spät am Abend kam ich damals heim, wo meine sechs Kinder mit Bangen auf meine Rückkehr gewartet hatten, nachdem ihnen ein Carabinierihauptmann versichert hatte, ich würde am Abend wieder zurück sein. Mit dem Jeep haben sie mich wieder zurückgebracht, aber sie hatten wohl Angst, nachts bis vor unser Haus zu fahren, denn sie fragten mich, ob sie mich noch auf der Hauptstraße vor einem Gasthaus aussteigen lassen könnten und so ging ich von dort zu Fuß heim. Sehr bald darauf musste ich dann wieder zum Verhör nach Meran, wo der Oberleutnant immer wieder dieselben Fragen stellte und einmal brachte man mich sogar nach Bozen, dort verhörten mich dann wieder andere. Zum Glück war ich nie verzagt oder ängstlich, ich war von der Richtigkeit der

Seit seiner Flucht im Jahr 1961 waren solche Tage selten. Rosa Klotz und die sechs Kinder besuchten ihren Vater im Exil.

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ganzen Sache überzeugt und die Italiener sollten ruhig wissen, dass sich die Tiroler Frauen auch nicht so schnell vor etwas fürchteten, schon gar nicht vor den italienischen Uniformierten. Ernüchternder und schmerzlicher als die Erfahrungen mit der Besatzungsmacht in jenen Monaten waren die Erkenntnisse über die Duckmäuserei und Feigheit der eigenen Landsleute. So mancher wechselte die Straßenseite, wenn er mich im Dorf daherkommen sah, so mancher wagte nicht zu grüßen, aus Angst, man könne davon ableiten, dass er etwas mit uns und der ganzen Sache zu tun habe. Bei der Einkehr im Gasthaus anschließend an die Lehrerkonferenzen war bald einmal der ganze Tisch leer, wenn ich mich irgendwo dazusetzen wollte. Umso mehr lernte ich jene wenigen Ausnahmen schätzen, vor allem meine Nachbarin, selbst Mutter von 6 Kindern, die sich auch dann nicht scheute, ins Haus zu kommen und zu helfen, wenn sie wusste, dass genau beobachtet wurde, wer bei uns ein und aus ging. Aber es waren damals sehr wenige Leute mit Zivilcourage und Furchtlosigkeit. Als der Oktober kam, musste ich froh sein, überhaupt noch eine Stelle als Volksschullehrerin zu bekommen, auch wenn ich jedes Jahr an einen anderen Ort versetzt wurde. Das waren immer große Sorgen und viel Arbeit. So musste

ich zuerst mit Kind und Kegel nach Ulfas übersiedeln, das Jahr darauf nach Riffian. Es war nicht möglich, von dort jeden Abend nach Walten und morgens wieder in die Schule zu kommen, da keine öffentlichen Verkehrsmittel fuhren, und ich weder Auto noch Führerschein besaß. Da war die Wohnungsfrage, die Packerei, die Neuanschaffungen an notwendigstem Mobiliar und anderem. Die Kinder mussten jedes Jahr die Schule wechseln und sich an die neue Umgebung gewöhnen. Die größeren hatten immer Heimweh nach Walten und es fehlte ihnen der Vater. Höchstens zweimal im Jahr, nämlich in der Weihnachtszeit und vielleicht noch zu Sommerbeginn war es mir finanziell möglich, mit allen Kindern nach Nordtirol zu fahren, damit sie ihren Vater sehen konnten. Es war damals eine lange Reise und wegen des ständigen Gedankens an den neuerlichen Abschied war es immer eher eine traurige Begegnung. Die heimlichen Treffen in den darauffolgenden Sommern, wenn Jörg über die Grenze ins Passeiertal und in der Dunkelheit manchmal ins Haus kam, waren noch dramatischer: Würde ihn wohl niemand sehen, würden die Kinder vor Wiedersehensfreude nicht zu laut sein, würde es wohl nicht auffallen, wenn die beiden Ältesten jeden Tag um dieselbe Zeit mit ihren Körben auf dem Rücken in den Wald gingen? Die dauernde Angst,

Jörg könnte erwischt werden, war allgegenwärtig. Mehrmals war Jörg bei seinen Sommeraufenthalten im Passeiertal in größter Gefahr und einmal ist er nur um ein knappes Stündchen dem sicheren Tod entgangen. Im Sommer 63 war ich mit den Kindern meistenteils in Ulfas geblieben und nur für einige Wochen ins Haus nach Walten zurückgekehrt, um alles wieder in Stand zu setzen. Jörg hatte sich ein paar Tage in unserer Nähe in Ulfas aufgehalten, verbrachte sogar mehrere Stunden am Tag bei uns im Haus und war dann nach Walten gegangen, wo er uns erwarten wollte. Mit Hilfe eines Vertrauten, der sich aufs Tischlern verstand, hatte er einen nagelneuen Bunker angelegt, ziemlich hoch in unwegsamem Gelände und mit einem guten Ausblick. Einsehen konnte man dieses Gelände eigentlich nur von einer kleinen Lichtung auf der anderen Talseite. Wie es das Schicksal haben wollte, kamen gerade an einem dieser Tage zwei Frauen aus dem Dorf in diese Lichtung, um Beeren zu pflücken. Eine der beiden war die Tochter eines Straßenarbeiters, von dem man wusste, dass er für die Carabinieri Spitzeldienste leistete. Jörg beobachtete die Frauen und musste annehmen, dass auch sie ihn gesehen hatten. Jedenfalls konnte er sich nicht mehr ganz sicher fühlen. Er räumte alles zu-

sammen, versteckte die nagelneuen Waffen und verließ seinen Bunker, um wieder nach Ulfas zu gehen. Er war wohl erst seit einer Stunde weg, da war bereits der Teufel los. Immer mehr Uniformierte strömten vom Weg, auf dem sie mit ihren Jeeps angefahren gekommen waren, zum Jungwald unter dem kleinen Überhang, auf dem der Bunker angelegt war. Nach großem Auflauf und längerem Absuchen der ganzen Gegend zündeten sie schließlich eine Sprengladung, in der sicheren Annahme, Jörg mit in die Luft gejagt zu haben. Von Ulfas aus konnte ich beobachten, dass in Walten etwas in Gang sein musste, weil plötzlich so viele Jeeps auf der Straße von St. Leonhard dorthin unterwegs waren. Ich konnte die ganze Nacht kein Auge zutun und wusste nicht, was wieder los war. Tags darauf wollte ich nach Walten fahren, um nach dem Rechten zu sehen. Bereits am frühen Morgen des darauffolgenden Tages hatte mir Jörg die Nachricht zukommen lassen, er sei unterwegs über die Grenze und er werde nicht mehr bei uns in Ulfas einkehren, die Situation sei zu brenzlig geworden. Aber was in Walten genau geschehen war, wusste ich nicht, und Jörg offenbar auch nicht. Ich fuhr also am Tag darauf per Anhalter nach Walten. Ein Mann, der mich mit seinem Auto mitgenommen und

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nicht erkannt hatte, fing an zu erzählen, dass es in Walten wohl ziemlich zugegangen sein musste, der Bunker von Georg Klotz sei in die Luft gesprengt worden und man gehe davon aus, dass es ihn dabei selbst erwischt habe. Ich gab mich nicht zu erkennen und sagte zu alledem nichts. Ich wusste ja nicht, wen ich vor mir hatte. Als ich dann zu unserem Haus gehen wollte, kam mir eine gute Bekannte weinend entgegen und sagte mir, den Jörg habe es wohl erwischt, denn die Sprengung habe eine solche Verwüstung angerichtet, dass wohl keine Maus überlebt habe. Erst als ich ihr versicherte, dass Jörg heil davongekommen war und ihr von seiner Nachricht in Ulfas erzählte, glaubte sie mir und beruhigte sie sich. Der Verrat war der ständigste und grässlichste Begleiter jener Jahre. Selbst ein enger Verwandter meines Mannes hatte sich dafür hergegeben. Dieser war alleinstehend und immer schon ein Sonderling gewesen, der die meiste Zeit mit seinen Geißen auf den Bergen verbrachte. Im Herbst 1963 habe ich ihm Quartier in unserem Haus gegeben, zum einen, damit er nicht in irgendeiner schäbigen Hütte überwintern musste, zum anderen aber auch, weil es besser war, wenn jemand im Haus war. Wir mussten ja wieder an einen anderen Ort und wenn niemand da war, wurde immer wieder eingebrochen und alles mögliche

gestohlen. Ich hatte Jörg davon benachrichtigt, dass er jetzt im Haus wohne. Kurz bevor der erste Schnee in den Bergen fiel, war Jörg noch einmal in Walten und stattete dem Verwandten abends in unserem Haus einen Besuch ab. Nachdem sie miteinander geredet hatten, ging Jörg fort, mit dem Versprechen, er würde am nächsten Tag wiederkommen. Kaum war Jörg fort, da rannte dieser ins Dorf, ins nächste Gasthaus, in dem es das einzige öffentliche Telefon gab. Er rief ganz aufgeregt bei den Carabinieri in St. Leonhard an, sie sollten sofort mehrere Leute schicken. Die Wirtin, die sich über den späten und seltenen Telefonkunden wunderte, hatte die paar knappen Sätze aufgefangen. Aber auch die Nachbarn, welche wussten, dass Jörg gerade wieder in Walten war – er war auch bei ihnen kurz eingekehrt – hatten den nächtlichen Lauf an ihrem Haus vorbei mitbekommen. Da sie außerdem in der Nacht sonderbare Geräusche und Vorgänge rund um unser Haus wahrnahmen und eins und eins zusammenzählten, erfassten sie den Ernst der Lage. Diese Nachbarn passten bereits in den frühen Morgenstunden auf Jörgs Rückkehr, um ihn, sobald er auftauchte, sofort zu warnen. Sie beschwörten ihn, nicht ins Haus zu gehen und Jörg hörte auf sie. Wie recht sie hatten und welchen Schutzengel zum wiederholten Mal Jörg hatte, zeigte sich am Abend darauf.

Mit ihrer Tochter Eva und den Söhnen Wolfram und Manfred beim Begräbnis von Luis Amplatz in Bozen.

Ich wurde nämlich in Ulfas verständigt, ich solle sofort nach Walten kommen, aber nicht allein ins Haus gehen, sondern jemanden mitnehmen, weil es dort nicht mit rechten Dingen zugehe. Also fuhr ich sobald es ging, mit meinem Bruder Luis nach Walten und kehrte als erstes bei unserem Nachbarn ein, der uns seine Beobachtungen schilderte und sagte, um kein Geld ginge er jetzt in unser Haus hinein. Das wollte ich jedoch schon wissen, was da in unserem Haus vor sich ging. Ich wartete, bis es dunkel war und ging dann mit meinem Bruder und einem erwachsenen Nachbarsbuben zu unserem Haus. Wir hatten vereinbart, dass sich jeder von uns vor eine der drei Eingangstüren stellt und dass wir dann

gleichzeitig anfangen, fest an den Türen zu rütteln und nach dem Verwandten zu rufen. Nach längerem, vergeblichem Pochen sah ich plötzlich zaghaft einen Gewehrlauf durchs nahe Fenster schieben und rufen: «Chi è?», also «wer ist da?» Ich war wütend und aufgebracht und schrie zurück: «Das frage ich, wer da ist! Wo ist mein Verwandter, er soll sofort kommen und aufmachen!» Die spürbar verängstigte italienische Männerstimme aus dem Inneren des Hauses fragte aufgeregt, wer außer mir noch da sei. Das ginge sie einen Dreck an, gab ich wütend zurück, und sie sollten mir sofort den Haushüter herbeischaffen, der könne etwas erleben für diese Art von Haushüten!

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«Si calmi, si calmi, Signora», also «beruhigen Sie sich, beruhigen Sie sich», gab er zurück, wir werden Ihn schon bringen! Erst als ich meinen Bruder Luis herbeirief und wir ihnen versicherten, dass außer uns und dem Nachbarsbuben, der längst wieder zu Hause war, niemand in der Nähe sei, öffneten sie die Tür und ließen mich mit meinem Bruder zögernd in mein eigenes Haus. Aus allen Zimmern kamen Uniformierte mit ihren Waffen im Anschlag. Sie hatten sich im ganzen Haus verschanzt, sie hatten es einfach besetzt, ohne mich davon in Kenntnis zu setzen. Staatsinteresse sozusagen und wäre Jörg ahnungslos ins Haus gekommen, er wäre in eine schreckliche Falle geraten. Aber so hatten jetzt die drinnen minutenlang annehmen müssen, selbst in der Falle zu sitzen und umstellt zu sein. Den Verwandten hatte man mit dem Versprechen geködert, er werde Besitzer des Hauses und der dazugehörenden Liegenschaften, wenn er ihnen den Jörg ausliefere. Die Besatzer sammelten sich also im unteren Stockwerk und zogen mit dem Verwandten ab, nachdem ich ihm klargemacht hatte, dass ich einen Verräter nicht gebrauchen könne. Beim anschließenden Gang durchs Haus stellte ich fest, dass sie alle Betten und Decken aus den Schränken herausgezogen und es sich damit bequem gemacht hatten. Außerdem gab es jede Menge Zigarettenstum-

mel und leere Plastikbriefchen, wie sie das italienische Heer damals für kleine Cognac- und Zuckerportionen verwendete. Die durfte ich auch wegräumen! So gab es eine Aufregung nach der anderen, auch wenn Jörg nicht heimlich im Passeiertal war. Ich wusste, wie gefährlich sein Aufenthalt in Nordtirol, vor allem in Innsbruck war, wegen der vielen Spitzel, die der italienische Staat auf ihn und seine Mitstreiter angesetzt hatte. Immer musste man mit der Angst leben, dass er eines Tages verschleppt und den Italienern übergeben werden könnte. Die Sorgen wurden nicht weniger, als er im Frühjahr 1964 mit Luis Amplatz nach Wien verbannt wurde und sich dort zwei oder drei Mal in der Woche bei der Polizei melden musste. Ich wusste, wie schmerzlich für ihn der erzwungene Abschied von Tirol und der Zwangsaufenthalt in der Großstadt war, auch wenn er dort bald Freunde und auch Gönner in gehobenen Positionen gewann. Die Besuche wurden unmöglich, nur ein einziges Mal konnte ich mit meiner Tochter Eva nach Wien fahren und da waren wir kaum mit ihm allein, weil mehr oder weniger die ganze Zeit die Brüder Christian und Franz Kerbler dabei waren. Als ich Jörg fragte, ob denen zu trauen sei, sagte er, es sei leider wenig Auswahl und er brauche halt Verbindungsleute nach Tirol. In Ermangelung von vertrauten Südtiroler Helfern hat er genommen, wer

ihm wenigstens einigermaßen tirolerisch erschien. Dass Christian und Franz Kerbler die Söhne eines angesehenen ehemaligen Tiroler Kaiserjägers waren, bewertete er wohl zu hoch, wie er überhaupt eher vom Guten im Menschen ausging als vom Schlechten. Idealist, der er selbst war, ist er von Idealismus und guten Absichten auch bei anderen ausgegangen. Das war zwar menschlich ein guter Zug, der ihm oft Freundschaft eingebracht hat, aber ihm selbst und anderen auch oft genug gefährlich werden konnte. Aber wem würde man gleich einen Meuchelmord zutrauen? Zu leicht machen es sich jedenfalls all jene, welche immer nur fragen, wie Jörg und Luis Amplatz nur diese Brüder Kerbler mit ins Passeiertal nehmen konnten. So einfach war es nicht, Helfer zu bekommen, die bereit waren, verschiedene Vorbereitungen in Nordtirol zu treffen und notwendige Kontakte in Südtirol herzustellen. Man muss nämlich bedenken, dass sich Luis und Jörg in Nordtirol selbst nicht zeigen konnten, sie waren ja Mitte August 1964 aus Wien abgehauen, heimlich nach Nordtirol und dann ins hinterste Ötztal gefahren, um über den Rotmoosferner nach Pfelders zu gelangen. Sie hatten natürlich mehrere Aktionen im Passeiertal geplant. Sie wollten in erster Linie die politisch Inhaftierten entlasten, ein Zeichen gegen die ergange-

nen Gerichtsurteile und vor allem gegen den damals in Südtirol herrschenden Polizeiterror setzen. Möglichst viele Masten sollten gleichzeitig fliegen. Der Passeirer Anton Platter, der sich auf verschiedenen Bauernhöfen im Tal aufhielt, dort freie Unterkunft und Verpflegung genoss, weil er vorgab, politisch verfolgt und sozusagen auf der Flucht zu sein, sollte in die ganze Aktion eingebunden werden. Die Brüder Kerbler hatten den Auftrag, ihn aufzusuchen, sich mit ihm abzusprechen und den Treffpunkt mit Luis und Jörg zu vereinbaren. Dass auch Platter im italienischen Spitzeldienst stand, wurde selbst jenen Passeirern, welche am meisten mit ihm zu tun gehabt hatten, erst an seinem Sterbebett klar, als er Dr. Frötscher einen gültigen Reisepass vorzeigte, mit dem er ungehindert aus- und einreisen konnte. Er hatte also alle zum Narren gehalten, die ihm schwarz über die Grenze halfen, weil sie glaubten, er würde verhaftet, wenn man ihn erwische. Vieles am Verhalten Platters, dem auch ich mehrmals Nachrichten zu überbringen hatte und der mich einige Male an meinem Schulort aufsuchte, hatte mich misstrauisch gemacht. So hatte er beispielsweise einmal sein Fernglas bei mir vergessen und ein anderes Mal ein Gewehr vor dem Schulhaus stehen lassen, wo wir miteinander gesprochen hatten. Am nächsten Tag war die Polizei

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Jörg Klotz war maßgeblich an der Wiedergründung des Südtiroler Schützenbundes beteiligt. Nach seiner Flucht im Jahr 1961 kehrte er immer wieder über die Grenze nach Südtirol zurück. Dort führte er mit Luis Amplatz und anderen Mitkämpfern den begonnenen Widerstand weiter.

da, aber ich hatte das Gewehr zum Glück noch früh genug gesehen und war ihm damit in den Wald nachgelaufen, wo er es mir abnehmen musste. Aber konnte man daraus ein so mieses und vorsätzliches Verräterspiel ableiten? Damit will ich nicht bestreiten, dass Jörg manchmal zu vertrauensselig war, ich will jedoch den Behauptungen entgegentreten, er sei unbedacht und leichtfertig gewesen. Die politischen Gegner haben einen Keil zwischen alle zu treiben versucht, um vor allem Luis Amplatz und meinen Mann zu isolieren; da musste man grundsätzlich an allem zweifeln, was über andere geschwätzt wurde. Und von wie vielen hat es denn nicht irgendwann einmal geheißen, sie seien Spitzel! Und wie war das, als man nach den schrecklichen Ereignissen auf den Brunner Mahdern versucht hatte, zunächst meinem Mann den Mord an Luis Amplatz in die Schuhe zu schieben? Es war ein regelrechtes Glück, dass Jörg nicht sofort davon wusste, dass Christian Kerbler auf ihn und auf Amplatz geschossen hat, denn sonst hätte er Kerbler möglicherweise selbst gerichtet und dann wäre es für die Italiener ein Leichtes gewesen, die Sache so darzustellen, dass Jörg zum Schluss als Doppelmörder dagestanden hätte. Die ganze Geschichte auf den Brunner Mahdern war für mich und unsere Familie eines der schrecklichsten Kapitel

im gesamten Freiheitskampf. Das waren zwei Tage und zwei Nächte größter Verzweiflung. In den Radionachrichten hörten wir nur dauernd, dass Luis Amplatz tot sei und, dass sich die Blutspuren von Georg Klotz in einem tiefen Abgrund verlieren. Wir mussten annehmen, dass Jörg schwer verletzt sei und irgendwo elendiglich zugrunde gehe. Diese Unsicherheit und Ohnmacht war kaum zu ertragen. Nicht zu wissen, wo er ist, überhaupt nichts unternehmen zu können, um ihm zu helfen, ihn möglicherweise nie mehr zu finden, nicht wissen, wie und wo er zugrunde geht, das waren schreckliche Gedanken! Die erlösende Nachricht kam dann erst am Nachmittag des dritten Tages, als ein Kaufmann aus St. Leonhard jemanden mit der Botschaft zu uns nach Walten schickte, der österreichische Rundfunk habe soeben gemeldet, dass Jörg lebend in Nordtirol angekommen und von der Polizei in Gewahrsam genommen worden sei. Jörg wurde ins Krankenhaus von Wörgl eingeliefert, wo man ihm die Kugel, die in seiner Achselhöhle steckte, herausoperierte. Erst als er diese Kugel in die Hand bekam und genau betrachtete, kam er zu einer klareren Erkenntnis darüber, was auf den Brunner Mahdern wirklich passiert war, dass nämlich Christian Kerbler auf ihn geschossen haben musste!

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Ich konnte ihn mit meinen beiden ältesten Kindern Eva und Wolfram im Wörgler Krankenhaus besuchen und berichtete ihm, was inzwischen in Südtirol passiert war, dass man nämlich einen gewissen Peter Hofmann, der sich dann als Christian Kerbler herausstellte, hatte laufen lassen und dass es in Saltaus merkwürdige Beobachtungen gegeben hatte. Jörg wirkte vor allem seelisch verstört, der Tod seines Freundes Luis hatte ihn sehr mitgenommen. Natürlich auch die bittere Erkenntnis, dass sogar von dreien einer bereits ein Verräter war! Er kam nicht zur Ruhe, er dachte das Ganze wieder und wieder durch, was war da genau passiert, er hatte doch Stimmen gehört, als auf ihn geschossen wurde, doch danach war es totenstill! Christian hatte ihn angeleuchtet und als Jörg ihn anfuhr, er solle das Licht ausmachen, ob er denn nicht höre, dass geschossen wird, da war Christian zusammengezuckt, er hatte sich in den Hintergrund verkrochen, es war noch ein Rascheln im Heu zu vernehmen, doch dann war Kerbler verschwunden. Luis Amplatz reagierte auf die Namensrufe nicht, er rührte sich nicht mehr, er war tot! Und er, Jörg, war getroffen und blutete. Er konnte sich zur Luke hinausrollen, in den angrenzenden Jungwald verkriechen und, so glaubte er, dort auf den Tod warten. Nach mehrmaligem Durchatmen jedoch wusste er, dass

die Lunge unverletzt geblieben war. Barfuß wie er war, machte er sich in der Dämmerung auf den Weg durch die Schlucht und dann durch dorniges Gestrüpp und steiniges Gelände taleinwärts bis zu den ersten Häusern. Dort begegnete er einer Bäuerin, die auf dem Weg zur Frühmesse ins Tal war. Sie erschrak, als sie den blutverschmierten Mensch sah. Sie führte ihn ins Haus, gab ihm ein paar Gummistiefel und legte ihm einen notdürftigen Verband an. Als Jörg dann langsam weiter taleinwärts ging, konnte er mit bloßem Auge sehen, was unten im Tal los war: Jeep um Jeep, Militärlaster um Militärlaster fuhren auf, Richtung Saltaus. Nur gut, dass sich in den ersten Stunden alles auf den Berghang oberhalb von Saltaus konzentrierte, nachdem die Italiener sich doch sicher waren, Jörg sei aus der Schlucht nicht lebend herausgekommen, sondern dort verblutet! Gut auch, dass Jörg jetzt im Wörgler Krankenhaus Tag und Nacht von den österreichischen Gendarmen bewacht wurde, denn der italienische Geheimdienst hatte bereits einen holländischen Agenten beauftragt, die Entführung aus dem Krankenhaus und die Überstellung Jörgs an den Brenner zu bewerkstelligen. Dieser Plan schlug letzten Endes auch deshalb fehl, weil Jörgs engste Kameraden in Nordtirol Herrn Van Joosten gegenüber misstrauisch geworden und auf der Hut waren. Joosten aber hätte zu-

mindest einen aus Jörgs engstem Kameradenkreis als Helfer gebraucht, natürlich die wahre Absicht nicht ahnend, hatte doch Joosten vorgegeben, Jörg befreien zu wollen, damit er nicht wieder nach Wien abgeschoben würde. Für mich war beim Abschied in Wörgl der Gedanke, Jörg würde sofort wieder in Schubhaft genommen und nach Wien, von wo er geflohen war, zurückgebracht, äußerst quälend. Nach all den erschütternden Ereignissen der letzten Wochen und vor allem angesichts der Tatsache, dass er jetzt dort noch einsamer sein würde, weil Luis Amplatz tot war und sein Schicksal nicht mehr teilte, war der Gedanke, was mit Jörg jetzt weiter geschehen würde, beunruhigend. Und tatsächlich kam er dann bald darauf wieder nach Wien, es begann die Zeit der Prozesse wegen illegalen Sprengstoff- und Waffenbesitzes in Österreich. Jörg wurde mehrmals inhaftiert, in Isolationshaft genommen, vor die Richter gestellt. Hatte er infolge von Granatsplittern aus dem Krieg in Russland und der beschwerlichen Fluchtwege über die Gletscher und Berge im Freiheitskampf bis dahin vor allem gesundheitliche Schwierigkeiten mit den Beinen, verstärkte sich jetzt sein Magenleiden, die Magengeschwüre wurden immer schmerzhafter. 1965 erlitt er im Gefängnis in Wien einen Magendurchbruch, er war in Lebensge-

fahr und wurde in ein Militärspital eingewiesen und dann für kurze Zeit von weiterer Haft verschont. Doch sehr bald darauf wurde er wieder inhaftiert, woraufhin er einen vierzehntägigen Hungerstreik begann und diesen durchzog, bis die Gefängnisärzte Alarm schlugen und sich selbst jeder Verantwortung entzogen. Erst als die höchsten österreichischen Stellen das Versprechen abgaben, er werde aus der Haft entlassen und dürfe nach Tirol zurückkehren, beendete Jörg seinen Hungerstreik und wurde in einem Wiener Krankenhaus wieder soweit hergestellt, dass er reisefähig war und nach einiger Zeit tatsächlich nach Nordtirol zurückkehren konnte. Mit all diesen Ereignissen und Schrekkensmeldungen musste ich allein fertig werden! Mit wem hätte ich darüber reden sollen? Die Kinder wollte ich nicht mehr belasten, als es ohnehin schon der Fall war, und die wenigen, denen ich mich hätte anvertrauen können, waren nicht immer da. Jedenfalls habe ich Gott sei Dank den Mut und die Kraft nie verloren, ich war überzeugt, dass all das einen Sinn hatte und weder Jörg noch mich, noch die Kinder brechen würde. Jörg war aber körperlich und seelisch schwer angegriffen, er musste mit ständigen Magenschmerzen und unter ständiger polizeilicher Bewachung auch in Tirol leben. Aber das sollte noch nicht alles gewesen sein.

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Ich wurde im Oktober 1967 auf meinem Weg zum Unterricht in die Bergfraktion Mörre gleich aus dem Bus vor den Augen meiner beiden Buben, die in St. Leonhard die Mittelschule besuchten, verhaftet und nach Meran zum Verhör gebracht, welches mit einigen kurzen Unterbrechungen, wo ich auf einer Holzpritsche ein wenig rasten konnte, einen ganzen Tag und eine Nacht dauerte. Ich hatte meine Haarnadeln und Schuhbänder entfernen und abgeben müssen. Man hatte mir zwar Obst und Getränke angeboten, aber außer ein wenig Obst nahm ich nichts an, weil ich befürchtete, es könnte etwas beigemischt sein. So litt ich ziemlichen Durst. Am Tag darauf wurde ich zur Polizei nach Bozen gebracht und dort weiter verhört, auch noch die folgende Nacht. Dabei war ich dem grellen Licht einer starken Quarzlampe ausgesetzt, was mich zusätzlich zur Müdigkeit extrem belastete. Ich war fast am Ende meiner Kräfte, als ich endlich ins Bozener Gefängnis überstellt wurde. Aber auch dort hatte ich keine Ruhe. Vor allem nachts wurde ich immer wieder zu Verhören geholt, die der als widerlich und zynisch bekannte Untersuchungsrichter Mario Martin führte. Er verhörte mich so oft, dass ich mich nicht einmal mehr an alle seine Fragen erinnern kann. Jedenfalls wurde ich immer wieder mit Aussagen und Anschuldigungen Anton Platters

konfrontiert und da erkannte ich, dass dieser ein schmutziges Spiel betrieben hatte. Ich wusste nie, wann ich endlich einmal zu einem richtigen Schlaf kommen würde. Als ich außer über die schmerzenden Augen auch über zunehmende Herzbeschwerden klagte, wurde ich zur Untersuchung ins Frauengefängnis, dem ein Spital angeschlossen war, nach Trient gebracht. Ich war dann über einen Monat lang dort und wurde mit Medikamenten behandelt. Der Grund meiner Herzbeschwerden war die große nervliche Belastung und die ständige Aufregung. Ich musste auch Angst haben, mein Augenlicht zu verlieren! Die Anklage gegen mich war Bandenbildung zwecks staatsfeindlicher Tätigkeit und außerdem warf man mir vor, an den Sprengstoffanschlägen der letzten Jahre im Passeiertal beteiligt gewesen zu sein. Mitangeklagt waren alle, die Toni Platter als Helfer angegeben hatte: Der Gemeindearzt von St. Martin, Dr. Karl Frötscher, der Unternehmer Rudl Marth, ebenfalls aus St. Martin sowie die Bauern Albin Auer und Johann Lanthaler aus Walten. Sie alle waren vor mir verhaftet worden, was ich nicht wusste, ich war die letzte gewesen. Erst im Gefängnis hatte ich die Gelegenheit, mit einem
V.l.n.r.: Dr. Karl Frötscher, Rosa Klotz und Rudolf Marth während der Prozesstage in Mailand, nach 14-monatiger Untersuchungshaft auf freiem Fuß angeklagt.

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von ihnen darüber zu sprechen und ein großes Missverständnis auszuräumen, denn sie hatten geglaubt, ich hätte sie angegeben und ins Gefängnis gebracht, dabei war es das verräterische Werk Platters gewesen! Von Trient wurde ich dann ins Gefängnis von Bozen zurückgebracht, wo ich dann den Rest meiner über 14 Monate dauernden Untersuchungshaft verbrachte. Die Gedanken an meine Kinder und der Wille, vor allem ihretwegen das Ganze heil zu überstehen sowie ein gewisser Trotz gegen die italienischen Gewaltherrscher gaben mir die nötigen Lebens- und Genesungskräfte. In Bozen konnten mich wenigstens meine Kinder einmal im Monat besuchen kommen, in Trient war das nicht möglich gewesen. Allgegenwärtig war aber auch die Sorge um meine sechs Kinder. Das Jüngste war gerade eingeschult und alle anderen besuchten noch entweder die Volks- oder Mittelschule. Eva, die Älteste, war im Internat in Meran und besuchte die Lehrerbildungsanstalt. Die Familie meiner Schwester, die eine kleine Frühstückspension hatte, nahm die anderen fünf zunächst zu sich und kümmerte sich gemeinsam mit meiner Mutter bis zum Beginn der Fremdenverkehrssaison um sie. Dann kamen die beiden Buben Wolfram und Manfred nach St. Martin zur Familie meines Bruders, Judith zu einer Familie, in deren

Obstgeschäft sie tüchtig mithalf und die beiden Jüngsten, Barbara und Rösi kamen zu einer Frau in St. Leonhard, die sich ihrer annahm. Doch es lag immer noch die Gefahr in der Luft, dass man zumindest die beiden Ältesten, Eva und Wolfram, in eine Erziehungsanstalt nach Italien bringen würde, von Venedig war die Rede. Den Aufenthalt im Gefängnis versuchte ich so gut als möglich mit Briefschreiben, Handarbeiten und Lesen auszufüllen, damit die Zeit leichter verging und ich nicht nur meinen Sorgen und Gedanken nachhängen konnte. Nach und nach kamen dann auch Maja Mayr, Lina Steger und deren Mutter dazu, sodass ich nach anfänglicher Einzelhaft wieder mit jemandem sprechen konnte. Da es mir gelungen war, zu einem kleinen Taschenradio zu gelangen und uns die Gefängniswärterinnen doch die eine und andere Nachricht von draußen hereinbrachten, konnte ich einigermaßen an den politischen Ereignissen teilnehmen und mir ein Bild über die Vorgänge draußen machen. Diesen Wärterinnen danke ich heute noch für ihre Menschlichkeit und ihre Bereitschaft, mir dabei zu helfen, dass ich mich immer mit irgendetwas beschäftigen konnte, mit Waschen, Handarbeiten und anderem nützlichen Tagwerk. Mit ihrer Hilfe konnte ich auch bewirken, dass wir in der Frauenabteilung einige Schränke bekamen, ordentli-

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Jaufenpass, September. Rosa Klotz und ihre Kinder Eva und Wolfram schauen mit dem Fernglas zum Heustadel der Brunner Mahdern. (Passeierstraße Richtung Jaufenpass und Brenner)

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ches Besteck, eine Schere zum Schneidern und dass wir, so wie die Männer, zweimal in der Woche fernsehen durften. Sie, diese italienischen Wärterinnen, waren es auch, die den Weihbischof Forer durch ihren Protest dazu zwangen, etwas gutzumachen, womit er mich gekränkt hatte. Anlässlich einer Weihnachtsfeier im Bozner Gefängnis, zu welcher sich alle Gefangenen versammelt hatten, kam der Weihbischof, drückte jedem und jeder die Hand und übergab ein kleines Geschenk, nur mich hatte er ausgelassen. Da ich als letzte in der Linie der politischen Häftlinge stand, konnte er mich nicht übersehen haben. Ich empfand es als Demütigung vor allem vor den Kriminellen, von denen wir uns Politischen in jeder Hinsicht und bei jeder Gelegenheit zu unterscheiden wussten und, was vor allem das Aufsichtspersonal immer wieder positiv zur Kenntnis nahm. Diese Geringschätzung durch einen deutschen kirchlichen Würdenträger war mir unangenehm, jedenfalls brachte ich kein Wort mehr heraus und ging in meine Zelle. Die Wärterinnen waren sehr empört, sie besprachen sich sofort und veranlassten ihn, zu mir in die Zelle zu kommen, um sich zu entschuldigen. Das Geschenklein hat mir dann der allseits geschätzte und unvergessliche Gefängnisgeistliche Don Nicoli überreicht, der für dieses Be-

nehmen des geistlichen Herrn auch kein Verständnis hatte und dies offen zum Ausdruck brachte. Überhaupt habe ich im Gefängnis die Zivilcourage und den Gerechtigkeitssinn mancher Italienerin schätzen gelernt und oft an das klägliche und unwürdige Verhalten, vor allem an die Feigheit unserer Landsleute, denken müssen. Wie habe ich mich manchmal vor den Italienern für sie geschämt! Zu Weihnachten 1968 wurde ich endlich, nach 14 Monaten und 10 Tagen, aus der Untersuchungshaft entlassen, jedoch mit der Auflage, das Gemeindegebiet von Bozen ein Jahr lang nicht zu verlassen und mich jeden Tag beim Carabinierikommando in der Dantestraße zu melden. Das waren harte Bedingungen, denn wie sollte ich meine Kinder nach Bozen bringen und dort für sie sorgen. Doch auch in dieser Situation half die Devise, nur nicht verzagen. Eine verwitwete Schwester meines Mannes lebte mit einigen ihrer bereits erwachsenen Kinder in einer großen Bozner Mietwohnung. Ich konnte die ersten Monate dort bleiben und mich um eine Arbeit umsehen. Die unerschrockene und nimmermüde Lehrerin, Frau Professor Gabi von Pidoll, half mir dabei, wenigstens eine provisorische Halbtagsbeschäftigung zu finden. Wir machten dabei allerlei Erfahrungen. So hatte Frau Dr. Pidoll die Idee, zum Landeshauptmann

Dr. Magnago zu gehen, um ihn um Hilfe bei der Arbeitssuche zu bitten. Wir gingen in die Runkelsteinerstraße, wo er wohnte, doch er ließ uns ausrichten, er sei nicht bereit, uns zu empfangen. Wohl empfing uns aber seine Frau, der wir meine Situation schilderten und meine Bitte betreffend der Arbeitsplatzbeschaffung vortrugen. Da zog sie ein Säckchen mit Zuckerlen heraus und fragte mich, wie viele Kinder ich hätte. Als ich ihr sagte, es seien sechs an der Zahl, da zählte sie sechs Zuckerlen heraus und gab sie mir in die Hand, für meine Kinder. Gabi von Pidoll war so entsetzt, dass sie mich nur bei der Hand fasste und sagte: «Kommen Sie, Frau Rosa, wir gehen!» Wir waren beide sprachlos und mussten erst einmal tief durchatmen, als wir wieder auf der Straße waren! Dafür griff das Schicksal wieder einmal helfend ein. Im Haus, in dem meine Schwägerin wohnte, wurde eine große Wohnung frei. Ich setzte mich sofort dahinter und ich bekam sie tatsächlich zu mieten. Da gerade Sommerferien waren, ließ ich meine Kinder nach Bozen kommen, wir schrubbten, putzten und brachten alles in Ordnung, um zu Beginn des Schuljahres Studenten aufzunehmen, für sie zu kochen und zu sorgen, denn unterrichten durfte ich ja nicht mehr. Wir bekamen jedes Bett voll und gemeinsam schafften wir die viele Arbeit. Das Wich-

tigste war, dass wir alle wieder zusammen waren und die Kinder in Bozen weiter die Schulen besuchen konnten. Gerne verrichtete ich die tägliche Arbeit für fünfzehn, sechzehn Leute, ich wusste, wofür ich es tat! Wir konnten von meiner Arbeit leben, die älteren Kinder brachten auch den einen und anderen Kreuzer ins Haus, wenn sie irgendwo eine Aushilfsarbeit übernehmen konnten. Noch immer durfte ich das Gemeindegebiet von Bozen nicht verlassen, das änderte sich erst nach meinem Freispruch beim 3. Mailänder Prozess im Frühjahr 1969. Natürlich wusste ich, dass man mich freisprechen müsste, wenn es gerecht zuginge, denn als Mutter von sechs Kindern, die auch für den Lebensunterhalt sorgen musste, hatte ich anderes zu tun, als Masten zu sprengen oder mich mit Bandenbildung zu befassen. Aber alles hing vom Gericht ab, schließlich waren ja auch die mehr als 14 Monate Untersuchungshaft möglich, ohne dass ich etwas von dem getan hatte, wofür ich im Gefängnis saß. Es war damals reine Sippenhaft. Nachdem man meines Mannes weder lebendig noch tot habhaft werden konnte, wollte man ihn ganz offensichtlich psychisch fertigmachen, indem man die Familie auseinanderriss und den Kindern auch noch die Mutter wegnahm! Doch Jörg wusste, was ich zu verkraften fähig war. Aber leicht war es freilich auch für

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ihn nicht, zumal er gerade während eines Besuches der drei ältesten Kinder in Absam vor ihren Augen verhaftet und wieder nach Wien gebracht wurde. Bei diesem Mailänder Prozess, wie zuvor bei den vielen Verhören, hatte es sich bewährt, dass ich nicht zu viel wusste. Es waren damals noch mehrere andere mit mir auf der Anklagebank. Als mich der beim Prozess hinter mir sitzende Richard Kofler fragte, was ich alles gesagt hatte, kam mir erst richtig zum Bewusstsein, dass ich überhaupt kaum etwas und schon gar nichts über ihn wusste. So konnte ich ihm reinen Gewissens antworten, dass ich gar nichts gesagt habe. Natürlich hatte ich nach dem Prozess den Wunsch, endlich wieder in meinem Lehrerberuf tätig zu sein. Einige Gönner mit gewissen Einflussmöglichkeiten verwendeten sich für mich bei allen möglichen Stellen, auch beim Schulamt. Das Gericht von Mailand hatte nämlich auf entsprechende Anfrage geschrieben, es liege allein im Ermessen des Schulamtes von Bozen, ob man mich wieder als Lehrerin anstellen wolle. Auch dort fehlte es jedoch an der nötigen Zivilcourage, man hatte wohl Angst, es sich mit irgendwelchen italienischen Stellen zu vertun, obwohl gerade sie diese Art von Unterwürfigkeit nicht besonders schätzten. Also verdiente ich unser Brot weiterhin mit der Verpflegung

von Studenten, die viel Leben in das Haus brachten und für Teilhabe an ihrem schulischen Alltag sorgten, sodass außer dem Kochen und Putzen auch anderes zu erledigen war, wie Sprechstunden, Schulveranstaltungen und dergleichen mehr. Meine Kinder integrierten sich sehr gut in dieses neue Leben und fanden sich in ihrer Umgebung sehr schnell zurecht, sodass jedes eine Ausbildung bekam. Das war für meinen Mann und mich immer das Wichtigste. Jörg sagte immer, Häuser und Besitz können wir euch nicht geben, aber für eure Ausbildung werden wir sorgen. Und er tat, was er konnte, um dies zu bewerkstelligen. Große Sorgen und Aufregungen gab es dann in Zusammenhang mit dem Prozess von Perugia, wo der Mord an Luis Amplatz und der versuchte Mord an meinem Mann verhandelt wurden. Jörg sollte dort als Hauptzeuge aussagen, und zu diesem Zweck wurde ihm freies Geleit angeboten. Er war zunächst gar nicht einmal so abgeneigt, dieses Risiko einzugehen, doch seine Innsbrucker Freunde, vor allem Anwälte und andere, mit der Justiz vertraute Leute, beschworen ihn, nicht nach Perugia zu fahren. Auch ich fuhr sofort nach Innsbruck, wo er sich gerade aufhielt und beriet mich mit ihm, gab alles zu bedenken, vor allem, dass man den Italienern niemals trauen könne, sie würden sicher irgendeinen schlauen Schachzug finden,

um ihn doch in ihre Gewalt zu bringen. Zum Glück konnte er davon überzeugt werden, dass das Risiko zu groß war, obwohl er gerne das seine zur Urteilsfindung beigetragen und den Verlauf dieses Prozesses miterlebt hätte. Dafür bin ich dann nach Perugia gefahren, um mir alles anzuhören und Jörg dann darüber berichten zu können. Überhaupt ließ ihn der Gedanke nicht mehr los, irgendwie heim nach Südtirol zu kommen, er litt mehr unter ständigem Heimweh, als man ahnte und wollte einfach wieder ein normales Leben in seiner vertrauten Umgebung führen. Er nahm Kontakte mit italienischen Journalisten in Österreich auf, um zu sondieren, inwiefern eine Rückkehr nach Südtirol möglich und wie hoch das Risiko dabei wäre.
Freiheitskämpfer überschreiten die Grenze.

Welche Ängste hatten wir doch immer wieder, man könnte ihn einfach entführen und an den Brenner stellen, doch er hatte da überhaupt keine Angst, denn er bewegte sich sicher und frei, so wie er überhaupt jedem ohne Scheu und Vorbehalt entgegentrat. Natürlich haben auch wir als Familie hier in Südtirol versucht, alles in Bewegung zu setzen, um Hilfe zu finden, den Weg für seine Rückkehr in die Heimat wenigstens einzuleiten, sodass er größere Hoffnung schöpfen konnte. Doch die versuchte Vorsprache beim Bischof und die erfolgte bei Landeshauptmann Magnago waren mehr als ernüchternd, wir spürten genau, dass von diesen Leuten keine Hilfe zu erwarten war und, dass sie sich in keiner Weise

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dafür verwenden würden. Der Name Klotz sollte am besten überhaupt nicht mehr fallen, er schien nur zu stören. In diese Zeit fiel auch eine andere vielsagende Begebenheit: Freunde meiner heranwachsenden Kinder wollten mir zu meinem Geburtstag Glückwünsche durch das Wunschkonzert des Senders Bozen zukommen lassen. Als für mich keine Glückwünsche durchgesagt wurden, setzten sich die jungen Leute mit den direkt Zuständigen in Verbindung und bekamen zur Antwort, man habe Schwierigkeiten, für die Frau des Georg Klotz Geburtstagswünsche zu vermitteln! Das war weiter nicht schlimm, wussten wir doch inzwischen, dass wir von gewisser Seite nicht viel zu erwarten hatten, aber weh getan hat es trotzdem! Dafür gab es einige wenige, um so großartigere Menschen, die immer zu uns gehalten haben, uns auch mit Rat und Tat zur Seite standen und mich informierten, wenn etwas Wichtiges anstand, denn mit der vielen Arbeit mit den eigenen Kindern und den Studenten hatte ich wenig Zeit für Nachrichten und Zeitungslesen. Aber die Kinder wurden immer selbständiger und ich hatte bald auch größere Hilfe durch sie. Als sich die Buben das erste gebrauchte Auto anschafften, konnten wir endlich öfter zu Jörg nach Nordtirol fahren, wo er sich inzwischen in einer Forsthütte im Rueztal eine neue Bleibe ge-

schaffen hatte, weil er es in der Stadt nicht mehr aushielt. Er lebte von der Holzarbeit und von der Kohlenbrennerei. Die Glockengießerei Grassmayr nahm seine Holzkohle gerne ab, weil sie von guter Qualität war. Im Sommer konnte ich mit zwei und auch mehreren unserer Kinder einige Wochen dort bleiben, um zu kochen und die Wirtschaft zu führen, bei der strengen Holzarbeit und dann vor allem bei der gefährlichen Holzdrift im eiskalten Ruezbach war das besonders wichtig. Da standen die Buben und Jörg oft bis zu den Hüften im reissenden Wasser, um die verkeilten Baumstämme auseinander zu treiben. Da musste im Herd dauernd Feuer sein, um die nassen Kleidungsstücke und die Bergschuhe zu trocknen. Wie oft bangte ich da, als ich sah, welch gefährliche Arbeit das ist. In jenem Sommer, bevor Jörg diese Holzpartie übernommen hatte, waren nämlich zwei Männer von den Baumstämmen erdrückt worden und ums Leben gekommen. Es war also gefährlich und entbehrungsreich, aber so hatten wir wenigstens noch ein bisschen Familienleben. Jörg hatte sich in dem Sommer bei der Arbeit zwei Rippen gebrochen und sich in der Folge eine Rippenfellentzündung zugezogen, die seinen Aufenthalt im Krankenhaus notwendig machte. Die Medikamente bewirkten zwar eine baldige Gewichtszunahme, denn er war schrecklich abgemagert,

aber richtig erholt hat er sich davon nicht mehr. Schließlich erlitt er nach einem ambulanten operativen Eingriff eine Lungenembolie und starb im Jänner 1976 mit 56 Jahren ganz plötzlich. Das war für mich und uns alle eine schreckliche Nachricht, wie oft aber hatten wir uns auf das Schlimmste gefasst machen müssen und ihn in höchster Gefahr gesehen! Erst als mein Mann tot war, da durfte ich dann wieder unterrichten und mir doch noch einen Pensionsanspruch erwerben, vorher war das nicht gegangen! Ich möchte mich dazu jeden weiteren Kommentars enthalten! Heute wissen wir, dass Jörg wohl nie mehr als freier Mensch hätte zurückkehren dürfen, so war er als Toter heimgekehrt.

Wenn ich heute auf diese bewegte und schicksalshafte Vergangenheit zurückblicke, kann ich sagen, dass sie zum Glück keine Bitterkeit hinterlassen hat, wohl aber sehr viele, nicht immer erfreuliche Erkenntnisse. Das Ganze doch gemeistert und vor allem die Kinder zu anständigen Menschen erzogen zu haben, die zu ihrem Vater und seiner Lebensaufgabe stehen, erfüllt mich doch mit Genugtuung und Freude. Und es hat in jeder noch so schwierigen Situation Menschen gegeben, die uns beigestanden sind und weitergeholfen haben. Allen diesen Menschen, auch in Deutschland und Österreich, möchte ich heute von ganzem Herzen dafür danken.»

GRÜSS MIR DIE HEIMAT,

DIE ICH MEHR GELIEBT ALS MEIN LEBEN
Im Verlauf des Widerstandskampfes nach der Feuernacht wurde neben Jörg Klotz sein Freund Luis Amplatz zu einem der bekanntesten, am meist gesuchten und gejagten Freiheitskämpfer. Sein offenes Auftreten und sein überzeugter Wille, für das Wohl der Heimat zu kämpfen, ließen ihn bald zu einer Symbolfigur des Südtiroler Widerstandes werden. Warum Luis Amplatz bis zu seinem Tode kompromisslos den harten Weg des Widerstandes, der Flucht, der Verfolgung und des Untergrundes wählte, kann man vielleicht besser verstehen, wenn man einige Ereignisse aus seiner Kindheit und Jugend kennt. Keiner kann besser darüber berichten als sein Bruder Franz Amplatz. Luis wurde in Gries bei Bozen am 28.08.1926, als zweites Kind von 8 Geschwistern geboren. Drei Kinder starben schon im Kindesalter. Unser Vater Luis Amplatz hatte sich zusammen mit seiner Mutter und seiner Frau ein kleines Haus gekauft, das wir heute noch besitzen.

Franz Amplatz über seinen Bruder Luis
Schon früh, mit 5 Jahren, erkrankte Luis schwer an einer doppelseitigen Lungenentzündung und wurde in das allgemeine Krankenhaus von Trient eingeliefert. Luis war drei Jahre in Trient und verlernte dabei die deutsche Sprache völlig. Ich erinnere mich noch sehr gut, ich war ein Jahr jünger als Luis, wie ich ihm italienisch nachgespottet habe, worauf ich dann vom Vater eine Watschen geknallt bekam. Unsere Muttersprache wieder zu erlernen ging dann schnell, da er nichts anderes hörte. Übrigens wurde auch eine Schwester von uns im gleichen Alter wie Luis in Trient mit einer Krankheit eingeliefert. Sie starb nach einigen Monaten. Wie wir alle besuchte auch Luis die Volksschule in Gries. Die Lehrpersonen der Jahre 1924-25 bis 1938-39 waren ausschließlich überzeugte Faschisten. Sie hätten gar nicht unterrichten können, wenn sie nicht in diese Partei eingeschrieben gewesen wären. Die Schulzeugnisse von damals waren nicht besonders gut ausgefallen, weder bei Luis noch bei mir. Unser Vater, ein strenger (wohl einer der strengsten der Umgebung, aber ein sehr korrekter und ausgeglichener Mann, den wir sehr

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Luis Amplatz war Leutnant und Gründungsmitglied der Schützenkompanie Bozen/Gries.

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respektierten) sagte uns eines Tages, als wir wieder mit unseren Noten nach Hause kamen: «Italienisch ist für euch nicht so wichtig, besser ist, ihr lernt richtig Deutsch.» Und so war es auch, Gott sei Dank. Wir besuchten zur damaligen Zeit die Katakombenschule, wie sie bei uns genannt wurde und zwar zwei Mal die Woche jeweils 1 Stunde. Man konnte nicht die zwei Stunden in der Woche im selben Haus am Unterricht teilnehmen, das musste getrennt in zwei Häusern geschehen. Diese Schule war streng geheim; so mussten jeweils 4 bis 5 Schüler, die unterrichtet wurden, einzeln in die Häuser schleichen. Aber für uns war es lustig und reizvoll, etwas Geheimes zu tun und den anderen eine

Nasenlänge voraus zu sein, die die deutsche Sprache nicht lernen konnten oder wollten. Dadurch konnten wir alle, die diese Schule besuchten, nach der Option im Jahre 1939 gleich in die Oberstufe aufsteigen (denn nach 1939 wurde allgemein die deutsche Schule eingeführt). Die Jahrgänge von 1919 bis 1928, also 9 Jahrgänge, waren am schlechtesten dran; die kamen gerade zur Faschistenzeit in die Schule. Viele davon haben dann das Schreiben und Lesen auf Deutsch erst beim Deutschen Heer erlernt. Ich erinnere mich noch genau, wie Luis das erste Mal das Ballila-Gewand (so hieß die kleinste Uniform der Faschisten,

die in vier Stufen bis zur vormilitärischen ihre verschiedenen Namen hatte) anziehen sollte und sich weigerte; zwar wohl wie wir alle, bis auf ein paar Einzelne, die es anzogen, weil ihre Eltern eine Staats- oder eine Beamtenstelle innehatten. Aber Luis scheute sich vor niemandem, sagte es dem Lehrer ins Gesicht: «Das welsche Gewand ziehe ich niemals an!» Und so bekam er auch vom Lehrer heftige Prügel, sodass er aus Nase und Mund blutete, aber das bewegte ihn nicht zur Umkehr! Im Gegenteil, er wurde trotziger. Dementsprechend fielen auch dann die Noten aus. Eines Tages, ich ging in die 3. Klasse Volksschule und der Luis in die 4. Klasse, musste ich zur Strafe für ein Vergehen in der Ecke der 4. Klasse vom Luis stehen. Ich unterhielt mich während des Unterrichts mit den Klassenkollegen von Luis, bis der Lehrer wutentbrannt zu mir herunter in die Ecke kam und mir zwei klatschte. Meine Antwort war: «Walscher Fock!» Er nahm mich beim Kragen und zerrte mich zur Tafel hinauf, ich ließ mich fallen, packte den Lehrer (der übrigens als einer der wenigen Deutsch verstand) bei den Füßen und biss ihm in die Beine. Luis lief, bewaffnet mit der hölzernen Griffelschachtel, heraus und haute sie dem Lehrer auf den Kopf. Natürlich sind das unschöne Sachen, aber sie spiegeln die Situation und den Tagesablauf an den Schulen Südtirols

wider. Der genannte Lehrer bekleidete den Rang eines Oberst des italienischen Heeres. Wir haben ihm mit dieser Aktion die «Schneid abgekauft». Luis‘ Klassenkameraden brachten ihm des öfteren was zum Naschen mit: Kekse, Würste, Nüsse usw., damit er etwas anstellte. Natürlich waren das nur Lausbubenstreiche: das Ausleeren des Tintenfasses des Lehrers nach Schulschluss, sich in den Pausen vom äußersten Ast kopfüber hängenlassen oder das Herunterholen der italienischen Fahne. Das brachte die Lehrpersonen auf die Beine. Allgemein war Luis bei seinen Mitschülern sehr beliebt. Sie hatten mit ihm sozusagen eine Mordsgaudi und keiner wagte, das auszuführen, was ihm Spaß machte. Umsonst sagte der Schuldiener nicht: «Wenn was ist, immer die Amplatz!» Das traf, ohne dass ich den Scheinheiligen spiele, zu 80% den Luis. Unser Grundstück lag von unserem Wohnort Gries ungefähr 3 km entfernt. Wir Schulkinder mussten immer zu Fuß hinlaufen, um dem Vater im Feld zu helfen. Das waren die Jahre 1935-36, wo eigentlich die große Verbauungspolitik einsetzte: Es wurden dort die schönsten Gründe enteignet, um Fabriken zu bauen und gleich darauf diese Volkswohnhäuser (wir nannten es Shanghai-Viertel), die von unserem Grundstück nur wenige Meter entfernt waren. Wie das alles gebaut wurde, da fühlte man, wie sich die-

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se faschistische Horde stark fühlte. Alles gehörte schon ihnen und sie wussten immer, was dein ist und mein. So wurden die Zäune rings um unseren Grund aufgerissen oder mit Zangen aufgeschnitten. Aber nicht nur bei uns, sondern überall, wo Gründe um diese Neubauten herum waren. Die Ernte wurde uns zu 50% gestohlen. Unreifes Obst, hauptsächlich Trauben, wurde boshaft abgerissen und auf den Boden geworfen. Den Vater hätte man beinahe eingekerkert, nur weil er Diebe ertappte, diese auf seinem Grund und Boden zurechtwies und zu ihnen sagte: «Geht hin, wo ihr hergekommen seid, wir haben euch nicht gerufen.» Nicht weniger oft kam es vor, dass wir die Diebe vertrieben oder selbst von mehreren vertrieben wurden. Wenn es nicht gerade eine Übermacht war, verprügelten wir sie auch, denn diese feigen Kerle fühlten sich nur stark, wenn sie in dreifacher Übermacht waren. Nach verrichteter Arbeit führte der kürzeste Weg vom Feld nach Hause an den teilweise schon errichteten Häusern vorbei. Da hat man uns, den Luis und mich, mit Steinen beworfen. Nicht nur einmal mussten wir dieses Shanghai-Viertel umgehen, besonders, wenn es eine Schlägerei auf unserem Grund gegeben hat. So wuchs Luis auf, das große Unrecht immer mehr erkennend, das auf uns

Südtiroler hereinbrach: Die Enteignungen der Gründe, die Übersetzung deutscher Namen ins Italienische, auf dem eigenen Grund nicht mehr sicher vor den Diebeshorden. Eines hat den Luis sehr bewegt: Die Inschriften der Grabmäler, die vom Deutschen ins Italienische übersetzt wurden, dazu noch sehr fehlerhaft. In den Jugendjahren trug Luis gerne die Lederhose mit weißen Stutzen, was den Italienern sehr ins Auge stach. Bei einem Herbstfest, in unmittelbarer Nähe von uns, gesellten sich zwei Italiener zu diesem Fest. Einige dumme Bemerkungen über uns Südtiroler von diesen beiden genügten Luis schon, um in die Luft zu gehen. Mit zu den Lederhosen in der Seitentasche gehörte der Dolch oder das Stilett. Luis zog das Stilett, das übrigens verboten war. Nach einem Wortwechsel fragte er einen der beiden, ob er ihm den Bauch aufschlitzen solle; eine Drohung, die Luis niemals wahr gemacht hätte. Die beiden verschwanden und es dauerte keine halbe Stunde und sie kehrten in Begleitung einiger Polizisten zurück. Luis und ich bestiegen unsere Fahrräder und verschwanden. Die Italiener hatten aber Lunte gerochen und verfolgten uns. Die Nacht kam uns zur Hilfe, wir nahmen Deckung in der Straßenböschung hinter einem Strauch, während die anderen uns vergeblich suchten. Ungefähr zwei Monate nach diesem Vorfall kam die Polizei auf das Feld, wo

Luis Amplatz war Vater von drei Kindern. Er war ein Kleinbauer und sein Leben galt dem Wohl seiner Familie und seiner Heimat.

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Ostern 1957– Luis Amplatz feiert mit Mitgliedern der Stieler-Gruppe die Entlassung aus der Haft. V.l.n.r. Luis Amplatz, Sepp Stieler, Toni Kasslater, Othmar Plunger und Hartl Pernter.

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Luis und ich als Tagelöhner arbeiteten und ohne Umschweife verhafteten sie ihn. Luis war verraten worden. Dieser Spaß, so kann man den Vorfall ruhig nennen, kostete Luis zwei Monate Arrest. Durch gute Führung kam er nach 6 Wochen wieder in Freiheit. Umgekehrt konnten die Besatzer sogar Pistolen ziehen, ohne dass ihnen ein Haar gekrümmt wurde. Wir mussten schon früh auf eigenen Füßen stehen: Luis übernahm schon als 16-Jähriger den Grund, den wir bis dahin gemeinsam bearbeitet hatten. Nach der Option kam unser Vater im Jahr 1940

ins Krankenhaus nach Innsburck. Er hatte ein unheilbares Leiden, das er sich in vier Jahren sibirischer Gefangenschaft zugezogen hatte. Im Jänner 1940 kam er nach Innsbruck, im Jänner 1941 verstarb er in Wien, wie alle anderen, die von dieser Krankheit befallen waren. Mutter stand mit fünf schulpflichtigen Kindern alleine da, ohne Hinterbliebenenrente, nur mit ihren arbeitsamen Händen, die heute noch schaffen, mit über 80 Lenzen. Luis wuchs auf, lebensfreudig, seine Berge liebend. Der Witz fehlte ihm nicht und viele mochten ihn gern, weil er so spontan und aufge-

weckt war. Sogar einige Italiener hatten Spaß mit ihm. Keinen Spaß verstand er aber, als er als Feldsaltner fungierte. Auf dem Fahrrad sitzend schwang er die Ochsenpeitsche und neben ihm lief ein scharfer Schäferhund, der gut auf die Obstdiebe abgerichtet war. Das Hissen der Tiroler Fahne an den waghalsigsten Orten, auf Felsen, wo man sich abseilen musste oder auf Hochspannungsmasten, war seine Spezialität. Um die Fahnen herunter zu holen, musste die Hochspannung ausgeschaltet werden. Luis führte uns einmal während der Obsternte vor, wie man einen hohen Masten erklettert und am obersten Ende einen Kopfstand machen kann. Luis wurde im Mai 1944 einberufen und kam zum Polizeiregiment Alpenvorland nach Schlanders. Nach der Ausbildung zwischen Schlanders und Mals kam das Regiment zum Partisaneneinsatz nach Oberitalien. Was sich Luis während dieser Ausbildung leistete, war einmalig, sogar seinen strengen Kompaniechef Schwertfäger (gefallen 1945) brachte er zum Lachen. Luis war das Kasperl des Regiments; hätte sich ein anderer Soldat diese Sachen geleistet, wäre dieser vor dem Kriegsgericht gelandet. Eines Abends hatte Luis Stubendienst und musste die Stube vor dem U.v.D. abmelden. Er stand in den Unterhosen und mit Leibchen da, die Koppel ange-

schnallt, mit Gasmaske, Seitengewehr, Brotbeutel, Rucksack, Gewehr und mit dem Stahlhelm auf dem Kopf. Seine Stubenkameraden unter den Decken bogen sich vor Lachen, als der U.v.D. kam. Der schleifte den Luis dann Stuben ein, Stuben aus, Stiegen auf, Stiegen ab. Vom lauten Gelächter wachte die ganze Kaserne auf. Wie der Krieg zu Ende war, kam er in amerikanische Gefangenschaft. Am 14. Mai 1945 wurden er und seine Mitgefangenen nach Bozen transportiert und dort in einer Kaserne interniert. Alle glaubten, jetzt zu Hause zu sein und bald entlassen zu werden. Aber es kam anders. Nach zwei Tagen wurden sie wieder auf LKWs geladen und in Strafgefangenenlager nach Süditalien transportiert. Luis glaubte nicht mehr an eine Entlassung. Er und ein Kamerad brachen aus und waren bald zuhause, wohl die zwei einzigen, die es so schafften. Im Jahr 1946 wurden wir Mitglieder des Jugendbundes von Bozen. Das «Alte Haus» war durch Bomben schwer beschädigt worden, sodass man sich gezwungen sah, es gänzlich abzureissen und ein neues aufzubauen. Nach der schweren Feldarbeit am Abend kamen so 10 bis 15 Burschen zusammen, um den Schutt mit Schubkarren wegzuräumen und die Ruine abzutragen. Auch hier war Luis wieder vorne dabei.

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Niemand wagte sich so weit hinauf wie er. Bewaffnet mit einer Brechstange und mit seinem guten Humor brach er Meter um Meter das Gebäude ab. Unser damaliger katholischer Präses erzählt heute noch gerne von dieser Leistung, die wir unentgeltlich vollbracht hatten, besonders von Luis.

Wir gründeten dann wieder die Heimatbühne, bei der Luis auch als Schauspieler mitwirkte und mit dem Erlös wurde zum Teil der Wiederaufbau finanziert. Dieses Haus heißt heute «Lehrlingsheim Bozen», die Bühne heißt heute «Volksbühne Bozen»; sie spielt heute im Walther-Haus weiter.

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Nach dem Tode von Luis Amplatz entstanden im Volk Geschichten über sein Leben, seine Taten und sein unglückliches Ende. Dies beweist, wie groß im Grunde die Sympathie großer Bevölkerungsschichten den Freiheitskämpfern

gegenüber war. Zu Terroristen und Verbrechern wurden sie von der offiziellen Presse und Politik gemacht. Über den Mord an Luis Amplatz herrscht heute noch Unklarheit. Mörder und Mordaufträger blieben unbestraft.

Die Tragödie auf den Brunner Mahdern
von Günther Obwegs Man schreibt das Jahr 1964. Seit der Feuernacht – jenem Protestschrei der Südtiroler gegen die vom faschistischen Regime begonnene und vom «demokratischen» Staat Italien fortgesetzte Italienisierungspolitik und gegen das verweigerte Recht auf Selbstbestimmung – sind bereits drei Jahre vergangen. Von Frieden im Lande kann noch niemand sprechen, dazu sind die Detonationen der Sprengungen, die Schreie der gefolterten Südtiroler Häftlinge noch zu allgegenwärtig und spürbar und die politischen Verhandlungen zwischen Österreich und Italien auf bilateraler und internationaler Ebene voll im Gange. Der Wunsch der Südtiroler nach Gerechtigkeit, der Wunsch nach einer Lösung der Südtirol-Frage durch die Anwendung des Selbstbestimmungsrechtes ist noch nicht gebrochen. In der Nacht vom 6. zum 7. September 1964 wird auf der Brunner Mahder Luis Amplatz ermordet. Noch heute sind die genauen Umstände dieses Mordes nicht aufgeklärt und Mörder und Auftraggeber ungestraft. Noch heute werden Luis Amplatz und seine Mitstreiter oft verkannt und verurteilt, um die Schuld des italienischen Staates am Südtirol-Problem und den Opfern des Freiheitskampfes der späten 50er und der 60er Jahre zu verbergen und jene zu schützen, die Täter und Auftraggeber waren. Für manche scheint eine Ewigkeit vergangen, für andere scheint es erst gestern gewesen zu sein. Jahre danach sollten wir nicht Gefahr laufen, jene Zeit und jene Männer, die für Werte eingetreten sind, die heute immer mehr verblassen, leichtfertig und vielfach aus reiner Bequemlichkeit zu vergessen. Die Eltern von Luis Amplatz, die einen kleinen Bauernhof in der Kaiserau bewirtschaften, erteilen ihren acht Kin-

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Für das gemeinsame Ziel. Luis Amplatz und Jörg Klotz im österreichischen Exil.

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dern eine strenge und ebenso heimatbewusste Erziehung. Die faschistische Italienisierungspolitik, die Katakombenschule und besonders die massive Zuwanderung prägen die Jugend von Luis Amplatz. Schon von seiner Kindheit auf erlebt er Faschismus und Italienisierung

am eigenen Leib. Aber genauso wächst in ihm auch der Wille, dagegen Widerstand zu leisten und seine Heimat zu verteidigen. So weigert er sich als Kind, in die faschistische Jugendorganisation Balilla einzutreten und wird bereits mit 16 Jahren zum ersten Mal von Carabi-

nieri verhaftet und für zwei Monate eingekerkert. Nach seiner Enthaftung muss er die Sorge für die Familie übernehmen und seiner Mutter und den sieben Geschwistern helfen, da sein Vater, der im Ersten Weltkrieg schwere gesundheitliche Schäden erlitten hatte, erkrankt ist und bald darauf sterben wird. 1944 wird Luis Amplatz zum deutschen Militärdienst eingezogen und kommt als Mitglied des Südtiroler Polizeiregimentes Alpenvorland zur Partisanen-Bekämpfung nach Oberitalien. Am 14. Mai 1945 wird er aus amerikanischer Gefangenschaft entlassen und kehrt in seine Heimat zurück. Der Zweite Weltkrieg ist zu Ende und damit auch die Zeit der faschistischen Herrschaft. Und wieder hoffen die Südtiroler – wie nach dem Ersten Weltkrieg – auf eine gerechte Lösung des SüdtirolProblems. Wieder hofft die Bevölkerung, dass die Alliierten vor der offenen Tirol-Frage nicht die Augen verschließen und erneut den italienischen Nationalisten Recht geben werden. So werden im ganzen Land Unterschriften für die Selbstbestimmung und die Wiedervereinigung mit Österreich gesammelt. Fast jeder wahlberechtigte Südtiroler unterstützt diese Forderung mit seinem Namen. Aber erneut sollte alles anders kommen! Das nach dem Ersten Weltkrieg im Diktat-Frieden von Saint

Germain an Tirol verübte Unrecht der Teilung wird nicht beseitigt, sondern bekräftigt und nur notdürftig durch einen internationalen Vertrag, das GruberDe-Gasperi-Abkommen, in Paris beschönigt. Tirol bleibt zerrissen und Südtirol als Herzstück des Landes weiterhin Kriegsbeute Roms. Durch das Pariser Abkommen wurden den Südtirolern einige Grundrechte zugesichert, doch das demokratische Italien zeigte nicht das geringste Interesse, den Minderheitenschutz zu verwirklichen. Es wurde immer deutlicher, dass Italien nur unter dem alliierten Druck der Aufnahme der Minderheitenschutzrechte in den Friedensvertrag zugestimmt hatte, um den territorialen Besitz Südtirols zu sichern. Sobald dieses Ziel erreicht war, fühlte sich Rom wieder gestärkt und setzte in vielen Bereichen die Italienisierungspläne des faschistischen Regimes fort. Dazu gehörte vor allem das Ziel, die deutsche Bevölkerung durch die staatliche Förderung einer massiven Zuwanderung von Italienern zu majorisieren. Luis Amplatz gehörte sicher zu den ersten, die dieses falsche Spiel erkannten und die Machenschaften Roms durchschauten. Zu augenscheinlich war, dass zahlreiche italienische Beamte, Richter, Politiker, Offiziere und Carabinieri zwar das faschistische Schwarzhemd abgelegt, aber nicht ihre Gesinnung geändert hatten.

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Was das faschistische Italien mit brutalen Zwangsmethoden begonnen hatte, führte nun das «demokratische» Italien mit feineren und eleganteren Mitteln fort. Der Todesmarsch der Südtiroler, wie ihn der streitbare Kanonikus Michael Gamper Anfang der 50er Jahre in einem dramatischen Appell nennt, geht scheinbar unaufhaltsam weiter. Luis Amplatz scheut keine Mühen, davor zu warnen, wachzurütteln, anzuklagen und für die Rettung seiner Heimat zu arbeiten. 1957 ist er maßgeblich an der Wiedergründung der Schützenkompanie Gries beteiligt und wird von seinen Kameraden zum ersten Fahnenleutnant gewählt. Auf seinem kleinen Obstgut in Bozen muss er täglich erleben, wie sich die Stadt durch die von Rom betriebene italienische Zuwanderung immer weiter ausdehnt und zahlreichen Bauern im Bozener Talkessel die Lebensgrundlage raubt. Deshalb ist er seit den Anfängen der Freiheitsbewegung, dem späteren BAS (Befreiungsausschuss Südtirol), in führender Stellung aktiv. Bei der Großkundgebung von Sigmundskron, am 17. November 1957, wo sich 35.000 Südtiroler zu einer eindrucksvollen Protestversammlung einfinden, um die Weltöffentlichkeit auf ihre Not und Verzweiflung aufmerksam zu machen und um ihren Willen kundzutun, etwas für die bedrohte Heimat zu tun, hisst Luis Amplatz unter stürmischem Beifall und Jubel der

Anwesenden auf dem Schlossturm die damals noch verbotene weiß-rote Tiroler Landesfahne. Die Tirolerfahne hatte er schon in den Jahren zuvor immer wieder an schwer zugänglichen, aber weithin sichtbaren Stellen gehisst und damit ein stummes Zeichen des Widerstandes gesetzt. Dabei scheute er sich auch nicht davor, weißrote Fahnen selbst auf Hochspannungsmasten (Symbole der Fremdherrschaft) zu hissen, wo sie tagelang wehten, bevor es den Carabinieri gelang, sie zu entfernen. Bereits vor der «Feuernacht» im Juni 1961, führte Luis Amplatz Sprengstoffanschläge auf in Bau befindliche Volkswohnhäuser durch, die für die italienischen Zuwanderer bestimmt waren. Der großen Verhaftungswelle nach der HerzJesu-Nacht des Jahres 1961 kann sich Luis Amplatz nur durch eine dramatische Flucht entziehen. Über die Berge flüchtet er nach Nordtirol, in den für ihn freien Teil des Landes, wo er von Mitkämpfern und Freunden des BAS aufgenommen wird. Dort erreicht ihn bald auch der Schützenmajor Jörg Klotz aus Walten in Passeier, der sich ebenfalls durch die Flucht über die Berge der Verhaftung durch die Carabinieri entziehen kann. Luis Amplatz und Jörg Klotz stellen ihren Kampf aber nicht ein und versuchen auch von Nordtirol aus, weiter ihr

Seit seiner Flucht im Sommer 1961 kehrte Luis Amplatz alleine oder mit Kameraden über die Grenze in seine Heimat zurück, um den begonnenen Kampf fortzuführen. Mehrmals entging er dabei knapp einer Verhaftung. In der Bevölkerung entstand so fast eine Legende.

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Ziel zu verfolgen. Immer wieder ziehen sie über die Berge nach Südtirol und bekunden durch erneute Anschläge vor allem auf Hochspannungsleitungen, dass der Widerstandswille trotz der Verhaftungswellen und trotz der grausamen Folterungen der Verhafteten nicht am Ende ist. Es ist aus heutiger Sicht schwer nachvollziehbar, was in den Herzen und Köpfen dieser Männer, die bereit waren, für die Heimat, aus der sie fliehen mussten, alles – ja selbst das Leben – aufs Spiel zu setzen, vor sich ging. In diesen Jahren werden Jörg Klotz und besonders Luis Amplatz für den italienischen Staat zu gefürchteten Terroristen, für die Südtiroler zu einer Legende, zu einem lebenden Symbol des Widerstandes gegen den fremden Staat. Luis Amplatz musste wie Jörg Klotz eine Familie in Südtirol zurücklassen, seine Frau und vier Kinder. Immer wieder ziehen sie – oft mit wenigen guten Freunden und Mitstreitern – über die Grenze, um den Freiheitskampf fortzusetzen. Oft mag sie dabei mehr das Heimweh und die Sehnsucht nach den Lieben zu Hause angetrieben haben. 1964 werden Luis Amplatz und Jörg Klotz – sie sind bereits seit drei Jahren im österreichischen Exil – von der österreichischen Regierung zuerst in Schubhaft genommen und dann von Nordtirol nach Wien verbannt, da die österreichische Regierung befürchtete, dass die von Klotz

und Amplatz angekündigten Aktionen die Verhandlungen zwischen Wien und Rom belasten könnten. Im Wiener Exil wachsen Verbitterung und Heimweh. Aus dieser Zeit stammt auch die Aussage von Luis Amplatz, die die Tragik jenes Augenblicks widerspiegelt: «Rom und Wien mocht ins hin!» Luis Amplatz unterzieht sich einer längst fälligen Meniskusoperation. Im August 1964 wird dann das Heimweh der beiden Schützen so groß, dass sie beschließen, sich aus Wien abzusetzen und sich erneut nach Südtirol zu begeben. Dieser Aufbruch geschieht vor allem vor dem Hintergrund des großen «Mailänder Prozesses» gegen zahlreiche Südtiroler Mitstreiter, unter ihnen auch Sepp Kerschbaumer, der bereits seit drei Jahren in Italien in Haft ist. Durch neue Aktionen wollen sie ihren Kameraden im Gefängnis ihre Solidarität bekunden. Seit der Feuernacht ist der Kampf in den Bergen und Tälern Südtirols immer verbissener geworden. In der Nähe der Zwickauer Hütte überschreiten sie den Rotmoosferner und gelangen in das Passeiertal, der Heimat von Andreas Hofer und Jörg Klotz. Aber sie werden dort schon von der italienischen Besatzungsmacht erwartet. Durch Anschläge der «PustererBuam» befinden sich in Südtirol über 25.000 Carabinieri, Polizisten, Finanzpolizei und Soldaten in höchster Alarmbe-

Im September 1964 wurde Luis Amplatz auf den Brunner Mahdern von Christian Kerbler, einem vom italienischen Staat gedungenen Mörder, erschossen.

So fanden die «ersten» Carabinieri, welche am Tag nach dem Mord die Brunner Mahdern aufsuchten, Luis Amplatz tot in seinem Schlafsack. Noch immer bleibt vieles bei diesem Verbrechen ungeklärt.

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reitschaft. Gleichzeitig war es den italienischen Geheimdiensten gelungen, in den Kreis der SüdtirolAktivisten in Nordtirol Agenten und Spitzel einzuschleusen. Zwei davon haben zu Christian Kerbler jenem Zeitpunkt bereits einen klaren Auftrag erhalten, den sie bis zur letzten Konsequenz auch ausführen werden. Es sind die Gebrüder Franz und Christian Kerbler, die einer angesehenen, patriotisch gesinnten Nordtiroler Familie entstammen. Es war ihnen bereits seit einiger Zeit gelungen, in das engere Umfeld von Jörg Klotz vorzustoßen und sich diesem als Helfer und Mitstreiter anzubieten. Jörg Klotz und Luis Amplatz entschließen sich im Sommer 1964, die beiden Brüder als Helfer bei ihrer Aktion im Passeiertal mitzunehmen. Luis Amplatz äußert zwar mehrfach gegenüber Jörg Klotz und anderen Mitstreitern Vorbehalte gegenüber den beiden KerblerBrüdern. Schließlich stellt aber auch er seine 206 Bedenken zurück und willigt in ihre Beteiligung an der geplanten Aktion ein. Christian und Franz Kerbler haben schon vorher mehrfach Sprengstoff über die

Grenze geschmuggelt und bei der Ausführung von Anschlägen mitgeholfen. Da die beiden Kerbler-Brüder in Italien polizeilich unbelastet sind, sollen sie regulär die Grenze am Brenner Richtung Südtirol überschreiten, während Luis Amplatz und Jörg Klotz über die Berge gehen. Wie verabredet, will man sich dann auf einer Alm in Passeier treffen. Die ausgelegte Falle des italienischen Geheimdienstes beginnt zuzuschnappen. Als Jörg Klotz und Luis Amplatz die Grenze über den Rotmoosferner überschreiten, stoßen sie bereits nach wenigen Stunden Marsch auf eine starke Einheit der italienischen Finanzwache und werden in ein Feuergefecht verwickelt. Mit einem Verletzten zieht sich die Finanzpolizei zurück. Doch bald müssen Jörg Klotz und Luis Amplatz, die in ihren geliebten Bergen ortskundig sind, erkennen, dass sie von anderen starken Militäreinheiten eingeschlossen werden. An den Uniformen können sie erkennen, dass es sich dabei um gefürchtete Sondereinheiten handelt. Um der Einschließung zu entkommen, müssen sie ihre Ausrüstung zurücklassen, um sich durch eine schnelle Ausweichbewegung der drohenden Gefangennahme zu entziehen. Den Zusammenstoß erklären sich die beiden mit der verstärkten Grenzüberwachung, erst später wird deutlich, dass sie bereits erwartet wurden.

Das Begräbnis von Luis Amplatz, welchem viele tausende Südtiroler beiwohnten, war ein stilles Bekenntnis der Südtiroler Bevölkerung zum aktiven Widerstand gegen den italienischen Staat.

Wahrscheinlich bewahrt sie nur die Tatsache, dass sie von den ursprünglich vereinbarten Terminen abweichen, davor, schon an der Grenze im Kugelhagel der italienischen Sondereinheiten zu sterben. Da die ursprünglich geplante Aktion nicht gelungen ist, bekommen die beiden Geheimdienstagenten Christian und Franz Kerbler, die Klotz und Amplatz am vereinbarten Ort erwarten, von höchsten italienischen Sicherheitskreisen über den Oberst des Geheimdienstes Monico den Befehl, selbst zur Tat zu schreiten. Nachdem Luis Amplatz und Jörg Klotz mit den Kerbler-Brüdern schließlich auf der Brunner Mahder zusammentreffen, steigen

Jörg Klotz und Franz Kerbler in das Dorf Saltaus hinunter, um Proviant zu holen. Es ist der 4. September 1964. Jörg Klotz wartet am Dorfrand auf Franz Kerbler, der die nötigen Einkäufe tätigt. Bei Nacht auf dem Rückweg werden die beiden von einer Carabinieripatrouille überrascht und beschossen. Leuchtraketen erhellen den Himmel. Franz Kerbler verschwindet in der Dunkelheit und taucht nicht mehr auf. Jörg Klotz entkommt und kann nach mehreren Stunden das gemeinsame Versteck auf der Brunner Mahder erreichen. Am nächsten Tag, einem Sonntag, verlässt auch Christian Kerbler das Versteck, um, wie er sagt, nach dem verschwun-

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denen Bruder zu suchen. Erst am Nachmittag des 6. September erreicht Christian Kerbler wieder die Alm. Seinen Bruder will er nicht gefunden haben. Es gelingt ihm dennoch geschickt, das Misstrauen von Luis Amplatz zu zerstreuen. Wo ist Franz Kerbler geblieben? Wo war Christian Kerbler die ganze Zeit? Fragen, die bis heute nicht restlos geklärt sind. Es gibt Zeugen, die Christian Kerbler an jenem Tag längere Zeit am Dorfeingang von Saltaus mit Unbekannten in einem dunklen Personenwagen sitzen sahen. Aus den Tagebüchern des Carabinieri-Offiziers Manes geht hervor, dass am Abend vor dem 6. September 1964 in Bozen eine Zusammenkunft zwischen ranghohen Offizieren der in Südtirol operierenden Carabinieri-, Polizei- und Geheimdiensteinheiten sowie einem hohen Vertreter aus den römischen Regierungskreisen stattgefunden hat. Dort sei der endgültige Beschluss gefasst worden, Luis Amplatz und Jörg Klotz noch im Passeiertal zu ermorden. Auch was in jener Nacht auf der Brunner Mahder geschieht, ist noch nicht restlos geklärt. Fest steht nur, dass sich Luis Amplatz, Jörg Klotz und Christian Kerbler in die Hütte auf der Brunner Mahder zurückziehen, nachdem sie zuvor in der Almhütte beim alten Brunnerbauern etwas gegessen hatten. Kerbler bietet beiden vor dem Einschlafen noch einen Tee an, in dem sehr wahrscheinlich ein starkes Schlafmittel

enthalten ist. Luis Amplatz bietet er sogar seinen Schlafsack an, den dieser zuerst abweist, dann aber dennoch benützt. Luis Amplatz und Jörg Klotz haben bereits seit zwei Nächten nicht mehr geschlafen. In der Nacht schreckt Jörg Klotz aus seinem Schlaf auf. Er hört Schüsse und sieht im Schein einer Taschenlampe Christian Kerbler vor sich stehen. Der erste Gedanke, der ihn durchfährt – die Hütte wird von den Italienern beschossen. Er schreit Kerbler zu, er solle die Taschenlampe ausschalten. Das Licht wird ausgeschaltet und Kerbler verlässt die Hütte. Erst jetzt bemerkt Jörg Klotz, dass er von zwei Schüssen getroffen ist. Er blutet stark an der Oberlippe und verspürt einen stechenden Schmerz im Brustkorb. Er kriecht in das andere Eck der Hütte, wo Luis Amplatz liegt. Er will ihn wekken, ruft seinen Namen, rüttelt ihn und muss mit Entsetzen feststellen, dass sein Kampfgefährte und guter Freund tot ist. Jörg Klotz verlässt daraufhin schießend die Hütte, da er noch immer überzeugt ist, dass sie von außen beschossen werden. Schwer verwundet schleppt er sich, mit Hilfe von Passeirer Freunden, gejagt von tausenden Carabinieri und Soldaten, über die Grenze nach Nordtirol. Christian Kerbler wird angeblich von der Polizei verhaftet, kann aber wie durch ein Wunder auf der Fahrt von Meran nach Bozen aus dem Polizeiwagen flüch-

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Ein Auszug aus dem Testament von Luis Amplatz

ten. Er gilt seither als verschollen. Wohl mit falschen Papieren und dem Lohn seiner Arbeit ausgestattet, dürfte er sich unter neuer Identität in ein Drittland abgesetzt haben. Als das Interesse an seiner Person in der deutschen Presse nicht abreisst, wird das Gerücht ausgestreut, er sei im Bodensee ertrunken. Seine Leiche konnte trotz ausgedehnter Suchaktionen aber nie gefunden werden Mit dieser falschen Fährte sollten wahrscheinlich nur endgültig alle Spuren hinter ihm verwischt werden. So endet das Leben von Luis Amplatz, dem Schützenleutnant aus Gries, der bis zuletzt daran geglaubt hat, dass seine Heimat Tirol wieder eins wird, der für diese Überzeugung alles aufs Spiel gesetzt hat, seine Gesundheit, seine Familie und selbst sein Leben, das durch

die Mörderhand eines Tirolers, der zugleich italienischer Agent war, in der Nacht vom 6. zum 7. September 1964, erlischt. Das Begräbnis von Luis Amplatz wird, wie die Beisetzung seines Freundes und Mitstreiters Sepp Kerschbaumer wenige Monate später zu einer eindrucksvollen wie tragischen Kundgebung des Tiroler Volkes für Freiheit und Gerechtigkeit. Mehr als 20.000 Menschen geben ihm am Friedhof von Bozen das letzte Geleit. Auf seinem Grab wird der tiefgründige Satz angebracht, der am besten die Lebenseinstellung und die Ideale von Luis Amplatz zum Ausdruck bringt, und der uns heute noch ernste Mahnung ist: «Freund, der Du die Sonne noch schaust, grüß mir die Heimat, die ich mehr als mein Leben geliebt.»

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WIR TIROLER WOLLEN SELBER FREI ENTSCHEIDEN…
Sepp Kerschbaumer warnte in zahlreichen Briefen, Leserbriefen, Rundschreiben u.ä Land und Leute vor den Gefahren, die seiner geliebten Heimat drohten. Für ihn war nicht nur die vom italienischen Staat mit allen Mitteln geförderte Überfremdung des Landes eine Bedrohung, sondern auch der Werteverlust, den er überall beobachten konnte. Sein Handeln war immer politisch und moralisch motiviert.

«An alle, die es angeht:
Schon des öfteren, wenn mir vorkam, nicht mehr schweigen zu können, habe ich meine Gedanken in Bezug auf unser Heimatproblem «Südtirol» in Briefen und Rundschreiben kundgetan und sie so anderen vermittelt. Wenn auch das alte Sprichwort wahr ist, das sagt: «Reden ist Silber – Schweigen ist Gold», so gibt es doch Umstände, die das Reden zur Pflicht machen, ja wo das Schweigen ein Verbrechen wäre. Ich weiß, wie hart und hoffnungslos es oft ist, sich bei hochgestellten Persönlichkeiten Gehör zu verschaffen, denn leider Gottes sind diese Menschen für gewöhnlich durch ihr zu großes Wissen so wirklichkeitsfremd, dass man oft versucht ist, wirklich mutlos zu werden. Und trotz allem wage ich wiederum den Versuch, meine Meinung kundzutun. Wer von Ihnen, die es hauptsächlich angeht, noch einen Funken sittlichen Anstand bewahrt hat und noch imstande ist, «gerecht» zu denken und wer nicht schon ganz vom neuzeitlichen Geist, dem persönlichen Egoismus befallen ist, wird sich meinen Ausführungen nicht ganz verschließen können. Und insbesondere all jene, die wirklich noch imstande sind, an einen Idealismus zu glauben und nach diesem zu handeln, bitte ich dies zu tun, dem Mitmenschen zuliebe, denn es steht nicht nur «Südtirol» auf dem Spiele, als vielmehr Grundsätze, ohne die die Menschheit nicht in Frieden und Ruhe leben kann. Unser Heimatproblem «Südtirol» steht auf dem Kalender der Weltpolitik und

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wird von dort erst gestrichen werden können, wenn dieses dornenvolle Problem «gerecht» gelöst sein wird. Ich wende mich mit diesem Schreiben in erster Linie an Sie alle, die Sie mit unserer Lebens- und Existenzfrage hauptamtlich oder ehrenamtlich vom Staat oder vom Volk aus betraut wurden. Es obliegt Ihnen die harte Aufgabe, unser Heimatproblem gerecht lösen zu helfen durch Verhandlungen etc. Wenn Sie es ehrlich meinen und mit ganzem Herzen bei der Sache sind, dann haben Sie eine schwere, verantwortungsvolle Aufgabe vor sich, und ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen den Segen des Allerhöchsten bei Ihren Bemühungen um eine wahre Gerechtigkeit! Es wäre mehr als wünschenswert, wenn ein jeder von Ihnen das miterleben könnte, was wir Südtiroler nun schon seit über 40 Jahren täglich erleben müssen, um richtig begreifen zu können, um was es hier grundsätzlich geht. Eines muss ich vorwegnehmen: Es geht hier nicht bloß darum, ob unser Problem gut oder schlecht «gelöst» wird, sondern vielmehr geht es hier um fundamentale Grundsätze im allgemeinen. Deswegen muss der ganze Fragenkomplex in diesem Licht gesehen und danach gehandelt werden, soll nicht neuer schlechter Samen gesät werden. Nun werden Sie mich vielleicht fragen, ob ich an Ihrer aufrichtigen Einstellung zweifle, weil ich so hart auf Ihren Idealismus poche. Nun dazu Folgendes: Zuerst ein grausames italienisches Sprichwort (grausam deshalb, weil es zu oft wahr ist) «La Politica è la più grande P…»(«Die Politik ist die größte H…»). Verzeihen Sie mir, wenn ich solch grausame Wörter einfüge, aber ich muss gerecht bleiben und so grausam wie das letzte Wort des zitierten Sprichwortes, so grausam hart ist auch die Politik. Wir haben schon so viele Enttäuschungen erleben müssen, dass man etwas Gutes kaum mehr zu glauben wagt. Nehmen wir nur als Beispiel den Degasperi-Gruber-Betrug her – die Weltpolitik im allgemeinen – das geringfügige Südtirol-Problem Figls. Ja meine Herren, es scheint ein kleines Problem zu sein, dieses «SÜDTIROLPROBLEM», gemessen an den großen Weltproblemen; und die internationale Presse möchte es gerne mit einem Achselzucken abtun.

Ja, man glaubt noch im guten Glauben zu handeln, wenn man nach diesem einfachen Maßstab misst, verhandelt und ein Volk verhandelt. Nur vergisst man dabei, dass es auch hier, bei diesem anscheinend so kleinen Problem, um Grundsätze geht, ohne welche die menschliche Gesellschaft überhaupt nicht in Frieden existieren kann. Wenn die göttliche bzw. natürliche Ordnung im Kleinen wie im Großen von den Menschen nicht respektiert wird, dann tritt an die Stelle des Friedens der Unfriede. In die Natur selbst ist die rechte Ordnung schon vom Schöpfer hineingelegt worden und diese Ordnung fußt auf Grundsätzen, um die die Menschheit eben nicht herum kommt, wenn sie nicht der Unordnung Platz machen will. Seit es Menschen gibt, ist dieses Naturgesetz in Kraft und wir wissen (die Geschichte lehrt es uns eindringlich und jeden Tag wird dies unter Beweis gestellt), was es heißt, die natürliche Ordnung außer acht zu lassen. Ob die Grundsätze nun im Kleinen oder Großen missachtet werden, ist einerlei. Es ist immer dasselbe, es geht um den Kern selbst. Ich bin nun der Auffassung, es wird sich erübrigen, dass ich unsere ganze tragische Lage näher beleuchte, denn ich setze voraus, dass die zuständigen Südtirolexperten darüber hinreichend unterrrichtet sind. Wie ich schon betont habe, stellt anscheinend unsere Angelegenheit ein kleines Problem dar, und man hört so oft den gutgemeinten Rat Außenstehender, es brauche nur der beiderseitige gute Wille vorhanden sein, dann werde sich eine Lösung schon finden lassen. Nun stelle ich aber die Behauptung auf, dass unsere Angelegenheit nicht ein kleines, sondern ein großes Problem darstellt und betone, dass es in seinen Grundzügen kein kleineres Problem darstellt, als das kommunistische. Sie werden zunächst den Kopf schütteln und glauben, ich übertreibe. Ich werde Ihnen aber beweisen, dass mein Standpunkt doch richtig ist. Gewiss, auf den ersten Blick hin mag mein Vergleich, das Südtirolproblem und das Problem des Weltkommunismus auf eine Stufe zu stellen, vermessen sein. Nun, meine Herren, frage ich Sie alle, ich frage Ihr Gewissen: Welche Methoden hat der Kommunismus seit dem Beginn seines Bestehens zur Erreichung seiner Ziele

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angewandt? Die Zwecklüge und die brutale Staats- bzw. Polizeigewalt. Nun, ich kenne die Geschichte des Kommunismus nicht von Büchern her und auch nicht aus eigenem Erleben, wohl aber aus den Zeitungsnachrichten und Meldungen. Dies genügt mir vollkommen, um mir ein annäherndes Bild davon zu machen. Nun stellen wir einen kurzen Vergleich an, auf welche Art Italien unsere Heimat Südtirol seinem Staatsverband einverleiben und so lange (nun schon über 40 Jahre) in seinem Besitz behalten konnte. Mit dem Mittel der Zwecklüge und der Staats- bzw. Polizeigewalt. Nun werden Sie mir aber prompt mit Abschwächungen entgegnen und zwar mit folgenden Argumenten: Wir Südtiroler sind keiner Religionsverfolgung ausgesetzt (stimmt), unsere Wirtschaft kann sich frei entwickeln, also wir kennen kein Kolchosensystem (stimmt), wir können zum größten Teil (Einschränkungen gibt es leider) ins Ausland reisen (stimmt), wir müssen keiner Pflicht-Partei oder Organisation beitreten und so weiter. Also, werden Sie sagen, stimmt mein Vergleich doch nicht. Und doch behaupte ich, dass meine These richtig ist. Nun brauche ich Ihnen bestimmt nicht die völkische und staatliche Entwicklung unserer Heimat Südtirol in Erinnerung zu rufen, denn ich nehme an, dass Sie die Geschichte besser kennen als ich. Jedenfalls ist es eine klare Tatsache, dass Italien nie auch nur den geringsten Anspruch auf unser Gebiet bis Salurn hatte. Italien hat nun mittels der gemeinen Lüge und des schwersten Betruges die Einverleibung unserer Heimat von Salurn bis zum Brenner durchführen können. Leider waren ihm dabei jene Staaten, welche heute die ganze freie Welt gegen die Gefahr des Kommunismus mobilisieren, behilflich. Im Verlaufe der ganzen Zeit, die wir nun unter dem italienischen Joch verbringen mussten, lernten wir nur eines kennen und ein jeder Landsmann bekommt es mehr oder weniger zu spüren: die Macht des Staates und der Polizei. Erst vor einigen Wochen hat ein italienischer Politiker im Parlament erklärt: «Die Südtirolfrage löst man nicht mit Verhandlungen, sondern mit der Polizei.» Diese These ist nichts Neues, denn abertausende Beispiele haben dies im Kleinen wie im Großen immer wieder bewiesen. Besonders in der letzten Zeit hat es sich erwiesen, dass man italienischerseits auch imstande ist, -siehe

Pfunderer Prozess, Knüppelsonntag- nach genau kommunistischen Methoden gegen uns vorzugehen. Aber das auffallendste Merkmal des italienischen Verbrechens an Südtirol, wie das des Kommunismus in der Welt ist Folgendes: WO DER KOMMUNISMUS HERRSCHT, MUSS ALLES KOMMUNISTISCH WERDEN UND WO ITALIEN HERRSCHT, MUSS ALLES ITALIENISCH WERDEN. Hier haben wir eine Parallele, die ganz genau stimmt. Hier werden Sie, meine Herren, mir kaum etwas dagegen antworten können, denn dies ist eine unumstößliche Tatsache. Brutal und rücksichtslos steuert Italien seit über 40 Jahren diesem Ziel zu und genau wie der Kommunismus kümmert Italien sich nicht um Völkerrecht, Naturrecht, Verträge und dergleichen. Man lässt das Problem eben mit der Polizei und den verhetzten Massen auf der Straße lösen. Hier wie drüben im Osten wird der Grundsatz befolgt: «Gewalt geht vor dem Recht.» Nun frage ich Sie, ist das Recht teilbar, gibt es vielleicht verschiedene Arten von Recht? Die Antwort gebe ich Ihnen, wenn ich auch nur die paar Jahre Volksschule besucht habe. Der freie Wille, den uns Menschen der liebe Herrgott mit in die Wiege gegeben hat, ist wohl eines der höchsten Güter, mit dem der Mensch ausgestattet ist. Solange sich nun der Mensch oder eine Gemeinschaft von Menschen seinem bzw. ihrem freien Willen gehorchend, eine Lebensart, religiöse Ausrichtung, Sprache, Kultur, Gemeinschaft mit Gleichgestellten und –gesinnten sucht, die aber in keinem Widerspruch zu den allgemeinen Natur- und Sittengesetzen stehen und keiner anderen Menschengemeinschaft Schaden zufügen, hat niemand das Recht, dieser Gemeinschaft von freien Menschen dies zu nehmen, was ihr vom Schöpfer und der Natur gegeben ist. Derjenige, der eben dieses Recht auf die Freiheit schmälert oder gar ersticken will, der begeht nicht nur ein Unrecht schlechthin, sondern im wahrsten Sinne des Wortes ein großes Verbrechen. Nun wissen wir zu gut, wie die Sache in Wirklichkeit steht: Der Weltkommunismus gilt als Hauptsündenbock und die meisten, die nicht notgedrungen mit ihm sind, sind gegen ihn, schon um der Freiheit willen und aus Angst vor der Unterdrückung. Wir wissen alle, dass zum Zweck der Abwehr so manche Organisation ins Leben gerufen wurde, um die gemeinsame Abwehr zu stär-

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ken. In dieser Gemeinschaft des Abwehrkampfes befindet sich auch Italien, ausgerechnet dieses Land, welches an uns Südtirolern das gleiche Verbrechen begeht, welches man auf der anderen Seite zu verhindern sucht. Und noch eines – man spricht so gerne vom christlichen Abendland, das bedroht sei. Ja, nun frage ich Sie, meine Herren, was nützt es, den Feind der Freiheit nach außen hin abzuwehren, wenn der gleiche, nur mit einer christlichen Maske versehen, im eigenen Lager ruhig und ungestört sein verbrecherisches Treiben ausführen kann? Man geht ja so weit, dass man es nicht einmal wagt, ihn vor aller Welt offen zur Rede zu stellen. Und seit wann ist es Brauch, dass man mit Verbrechern verhandelt und sich jahrzehntelang an der Nase herumführen lässt? Ja glauben Sie denn wirklich im Ernst, dass Sie diese Menschen mit gutem Zureden bekehren können? Wenn Sie dies glauben sollten, dann muss ich folgenden Schluss daraus ziehen: Sie wollen dies um jeden Preis erreichen – in diesem Fall um den Preis Südtirols und zugleich um die Preisgabe des Rechtes auf die Freiheit. Wenn Sie dazu imstande sein sollten, dann werden Sie eines bewirken, nämlich, dass Sie die These des Weltkommunismus, wonach der Westen im Zerfall begriffen ist, tatkräftig unterstützen. Dies nicht nur wegen uns Südtirolern, sondern weil Sie selber mithelfen und zwar aus freien Stücken, die Freiheit zu begraben. Und wenn Sie dann des feigen Verrates bezichtigt werden, dann ist es eben so. Es gibt Menschen, bei denen das moralische und das völkische Gewissen schon lange erloschen zu sein scheint; und warum denn? Weil ihr persönliches Wohlergehen ihr erster und letzter Wunschtraum ist und weil diese Menschen auf Grund ihrer Selbstzufriedenheit das Unrecht und die schreiende völkische Not entweder nicht sehen oder nicht sehen wollen und andererseits die brutale Gewalt des Unterdrückers gewollt oder ungewollt übersehen und wenn sie zu feige sind, dagegen etwas zu unternehmen. Das Südtiroler Volk hofft – und hofft schon seit über 40 Jahren – von der Zwangsherrschaft des italienischen Nationalismus befreit zu werden. Wird ihm, diesem arbeitsamen, christlichen Volk noch einmal die Freiheit zurückgegeben werden, die ihm von Italien geraubt wurde und wird es wieder mit seinen Stammesbrü-

dern jenseits des Brenners (und dies ist die einzige gerechte Lösung) ein gemeinsames Leben führen können? Wenn die verantwortlichen Männer unserer Zeit sich über unser gutes, heiliges, von Gott gegebenes Recht, kalt hinwegsetzen, dann wird das gleiche Schicksal auch sie eines Tages erreichen. Und wer nicht den Mut aufbringt, sich gegen die Gewalt im kleinen Rahmen zu wehren, der wird es im großen überhaupt nicht imstande sein. Südtirol wird für alle, die glauben, für das Recht der Freiheit zu kämpfen, ein Prüfstein sein. Aus dieser einfachen und klaren Erkenntnis heraus gibt es für Sie nur eine Konsequenz: Ihre Bemühungen, uns Südtiroler zu unserem heiligen Recht zu verhelfen – d. h., das schwere Unrecht wieder gutzumachen. Es geht in diesem Fall nicht um Einzelfragen, sondern um das Ganze. Italien hat die heilige Pflicht, das in seinen Händen befindliche, gestohlene Gut – Südtirol – wieder zurückzuerstatten. Wir Tiroler wollen selber frei entscheiden, mit wem wir zusammenleben wollen. Es gibt für uns, und dies muss Ihnen klar sein, nur eine Sicherheit, in Frieden und Freiheit als Tiroler weiter leben zu können, vereint mit allen übrigen Tirolern im Staate Österreich. Nicht das Schicksal Südtirols steht hier auf dem Spiel, sondern es geht letzten Endes um Sein oder Nichtsein der freien Welt. Haben Sie daher Mut, bestehen Sie diese Bewährungsprobe vor der Geschichte. Gott möge Ihnen dabei helfen! Unser Gebet und unsere Mitarbeit wird Sie in Ihren schweren Aufgaben unterstützen. Mit den besten Grüßen und Wünschen Sepp Kerschbaumer

Frangart bei Bozen, Südtirol, im Februar 1961 217

DAS LEBEN DES SEPP KERSCHBAUMER
von Sepp Mitterhofer
Es sei vorausgeschickt, dass es wohl immer ein schwieriges Unterfangen sein wird, ein vollständiges Bild von einem Menschen zu zeichnen; da es sich bei Sepp Kerschbaumer um eine außergewöhnliche Persönlichkeit handelt, gilt dies wohl besonders. Er war in seinem Leben immer irgendwie Mittelpunkt, unbewusst und bewusst, auch, wenn er es nicht wollte. Auf seine Mitstreiter wirkte er immer vorbildhaft und ausstrahlend, aber auch aufnehmend. Er war in jener harten Zeit für seine Landsleute ein Zeichen der Hoffnung, an die sich manche klammerten. Wer war dieser Sepp Kerschbaumer, der in den sechziger Jahren soviel von sich reden machte? War er ein Michael Gaismair, ein Andreas Hofer oder ein Terrorist? Die Antwort scheint einfach und doch wieder nicht. Sepp Kerschbaumer war ein einfacher, tief religiöser Mann, der nach christlichen Grundsätzen lebte und handelte, einen ausgesprochenen Sinn für Gerechtigkeit hatte, seine Heimat über alles liebte und auch bereit war, alles für sie hinzugeben! Er war ein offener, geradliniger Charakter mit dem Herzen auf dem rechten Fleck, der Ungerechtigkeiten anprangerte und sich nicht scheute, den weltlichen und kirchlichen Würdenträgern offen seine Meinung zu sagen. Das große politische Unrecht, die Teilung Tirols und die nachfolgende, harte Unterdrückung der Südtiroler durch den Faschismus, hatte auch ihm schwer zu schaffen gemacht. Er hatte schon früh, im Jahre 1934, mit der faschistischen Gewaltherrschaft Bekanntschaft gemacht. Damals wurde er von einem Sondergericht zu eineinhalb Jahren Verbannung nach Süditalien verurteilt. Nach dem zweiten Weltkrieg hoffte auch er, wie die meisten Südtiroler, dass unser Land aufgrund des Selbstbestimmungsrechtes wieder mit Österreich vereinigt werden könnte. Stattdessen bekam Südtirol nur den Pariser Vertrag und die nachträgliche, verhängnisvolle Zwangsehe mit der italienischen Provinz Trient. Dieses geschickte Manöver des damaligen italienischen Außenministers Alcide Degasperi, hatte zum einen zum Ziel, den Trentinern den Genuss der Autonomie zu verschaffen und zum anderen, die Südtiroler innerhalb dieser regionalen Verwaltungseinheit Trentino-Südtirol in die Minderheit zu drücken. Sepp Kerschbaumer verfolgte diese politische Entwicklung in den fünfziger Jahren sehr genau und legte dabei die

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Hände nicht in den Schoß, sondern wurde selbst aktiv. Als sich nach dem 2. Weltkrieg die Hoffnung auf eine Rückkehr Südtirols zu Österreich durch die alliierten Beschlüsse zerschlagen hatte, sah auch Kerschbaumer, dass es das vordringlichste Bestreben sein musste, aus der sehr bescheidenen Autonomie das Beste zu machen. Diese Bestrebungen erwiesen sich jedoch bald als Trugbild, als Weg, der in der Sackgasse enden musste, denn mit ihrer Zweidrittelmehrheit zeigten die Italiener nicht die geringste Bereitschaft, in der Region die Interessen der Deutschen und der Ladiner zu respektieren. Sie ließen diese Majorität immer wieder spüren und nützten die Autonomie, die ja eigentlich für die deutsche Volksgruppe in Südtirol geschaffen wurde, für ihre Zwecke aus. Ein teuflisches Spiel, welches die damaligen Vertreter der SVP wohl durchschaut hatten, sich aber von der damaligen italienischen Regierung überfahren ließen. Die Geschichte über die tatsächliche Ausrichtung der damaligen SVP muss erst noch geschrieben werden, um die tatsächlichen Machenschaften führender Funktionäre, wie Parteiobmann Erich Amonn, dessen Bruder Walther Amonn oder des Parteisekretärs Josef
1958. Eine Protestaktion von Sepp Kerschbaumer. Carabinieri entfernen und beschlagnahmen eine Tiroler Fahne, die Sepp Kerschbaumer am Kirchturm gehisst hat. Für die «Tat» wurde Sepp Kerschbaumer zu 10 Tagen Haft verurteilt.

Raffeiner ans Tageslicht zu bringen. In dieser Zeit wurde Sepp Kerschbaumer Ortsobmann der SVP in seinem Heimatort Frangart und war als solcher unermüdlich für die Partei tätig. Als tiefgläubiger Katholik wollte er einfach nicht glauben, dass das «christliche» Italien den Südtirolern ihre Rechte nicht gewähren wollte. Für ihn war es Selbstverständlichkeit, dass jeder Bürger seinen Platz und sein Recht auf Anerkennung in der Gesellschaft hatte. Es gibt keine andere Erklärung dafür, dass Kerschbaumer einerseits verarmte italienische Industriearbeiter unterstützte und andererseits der führende Kopf der Untergrundbewegung BAS war. Er hat dies bestimmt nicht aus kühler Berechnung getan, um seine illegale Tätigkeit nach außen abzudecken, sondern ganz einfach aus christlicher Überzeugung heraus. Er war eben ein herzensguter Mensch, der notleidenden Mitbürgern geholfen hat, wo er konnte. Er war sozialen Problemen gegenüber sehr aufgeschlossen, hatte für die Vereine im Dorf immer eine offene Hand und pflegte zur Dorfkirche bzw. zum Pfarrer stets ein gutes Verhältnis. Deshalb war er im Dorf auch angesehen. Es ist eine Tatsache, dass die Familie durch die illegale Tätigkeit des Vaters und deren Folgen schwer zu leiden hatte. Trotzdem hat Kerschbaumer seine Familie sehr geliebt. Seine Frau Maria war

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tüchtig, er wusste das Geschäft in guten Händen und konnte sich deshalb auch verstärkt der Politik zuwenden. Seinen Grund bearbeitete er zwar gerne, aber ein richtiger Bauer war er wohl nie. Der moralische und sittliche Verfall in der damaligen Zeit bedrückte ihn schwer, was er auch mir gegenüber immer wieder erwähnt hat. Alles, was Kerschbaumer unternahm, geschah aus christlicher Überzeugung. Auch die Untergrundtätigkeit brachte er ohne weiteres mit seinen christlichen Grundsätzen in Einklang. Allerdings war es stets sein oberstes Ziel, niemals Menschenleben zu gefährden. Er wollte nicht gegen Menschen, sondern gegen die Politik des Staates kämpfen. Die italienische Politik in Südtirol hatte sich in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre zusehends verschärft. Die faschistische Südtirol-Politik hatte sich in Rom und in Bozen unter dem Deckmantel der DC verkrochen und agierte von dort aus immer offener. Als 1957 Minister Togni (Öffentliche Arbeiten) 2,5 Milliarden Lire für den Bau von 5000 Wohnungen in Bozen bereitstellte, die einer weiteren italienischen Einwanderungswelle dienen sollten, kam es zur großen Protestkundgebung auf Schloss Sigmundskron, an der 35.000 Südtiroler teilnahmen. Damals wurde von der SVP offiziell das «Los von Trient» ausgerufen, obwohl die meisten Teilnehmer für ein «Los von Rom» gekommen waren. Diese

Kundgebung wurde aus «Sicherheitsgründen» in Bozen verboten. Dass uns Südtirolern die Hauptstadt versperrt wurde, verbitterte Sepp Kerschbaumer und viele andere natürlich sehr. Im kleinen Kreis wurde auch darüber diskutiert, ob man nicht trotzdem in einem Protestmarsch von Sigmundskron nach Bozen marschieren sollte, das an jenem Tag von italienischen Carabinieri, Polizei und Militäreinheiten zu einem Heerlager verwandelt worden war. Es kam nicht dazu, weil der damals frischgebackene Obmann der SVP, Silvius Magnago, dem italienischen Quästor das «deutsche Wort» gegeben hatte, dies zu verhindern. Quästor Mazzoni hatte einige Monate vorher dem Innenminister Tambroni einen denkwürdigen Brief geschrieben, in dem er diesem vorwarf, in Südtirol eine falsche Politik zu betreiben. Ebenso griff er die Trentiner Politiker scharf an und prophezeite eine unheilvolle Entwicklung, wenn Italien seine Politik der Unterdrückung und Konfrontation in Südtirol nicht ändere. Der Quästor wurde bald darauf nach Treviso versetzt und beging dort ein Jahr später Selbstmord. Erwähnenswert ist auch der Prozess gegen die Pfunderer Burschen und dessen politisches Schandurteil. Einige junge Männer hatten mit zwei Angehörigen der italienischen Finanzwache zunächst in einem Gasthaus zusammen getrunken. Daraus entwickelte sich eine Schlägerei.

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Sepp Kerschbaumer war lange Jahre Mitglied der Südtiroler Volkspartei. Bei vielen Versammlungen dieser Partei ergriff er das Wort, um auf Missstände in der Heimat hinzuweisen. Als er sah, dass die Partei ihren Grundsätzen der Selbstbestimmung nicht mehr folgte, trat er aus Protest aus.

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Am nächsten Tag fand man einen der Finanzer tot im Bachbett. Er war im Dunkel der Nacht ins Bachbett gestürzt. Die Polizei behauptete hingegen, dass er erschlagen worden sei und stellte alle zuvor im Gasthaus gewesenen jungen Burschen unter Anklage. Kerschbaumer konnte diesen Justizskandal nur schwer verkraften und begann aus Protest in Pfunders einen 14tägigen Hungerstreik. Sein Gerechtigkeitssinn war so stark, dass er einfach nicht begreifen konnte, wie im christlichen Italien eine angeblich unabhängige Justiz ein solches Hassurteil fällen konnte. Der Hauptangeklagte, Luis Ebner, wurde zu 24 Jahren Haft verurteilt und seine Mitangeklagten zu Strafen zwischen 10 und 20 Jahren. Es war ganz sicher mit ein Grund, dass er immer mehr zur Überzeugung gelangte, dass es ohne Gewaltanwendung nicht mehr weitergehen konnte. In dieser Zeit begann sich der BAS (Befreiungsausschuss Südtirol) zu formieren. Kerschbaumer redete mit mehreren Gleichgesinnten im Unterland, in Bozen, Meran und im Pustertal. Mit Jörg Pircher aus Lana, Luis Amplatz aus Bozen und Karl Titscher aus Bruneck war er öfter beisammen und fuhr später mit ihnen auch nach Innsbruck und Wien. Mehr oder weniger entstanden im Laufe der Zeit im ganzen Land Widerstandsgruppen mit der Überzeugung, dass bei Fort-

setzung der radikalen Politik der italienischen Regierung nur mehr mit Gewalt reagiert werden könnte. Sepp Kerschbaumer wurde von Anfang an zum unumstrittenen Kopf der Bewegung. In seiner Einfachheit und Bescheidenheit war er eine Persönlichkeit, die auf uns einen großen Eindruck machte und wie eine Vaterfigur wirkte, die über alles wachte und auch für alle sorgte. Er hatte allerdings auch eine Schwäche in dieser Position: Er war kein Logistiker, militärische Aktionen lagen ihm einfach nicht und mit dem Sprengstoff konnte er wenig anfangen. Aber er hatte einen gesunden Hausverstand, politischen Spürsinn und eine natürliche Überzeugungskraft, die uns immer wieder beeindruckte. Bei den vielen Besprechungen versuchte er zwar, seine Meinung durchzusetzen, wurde dabei aber nie undemokratisch. In unzähligen Briefen hatte er Politikern, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, der Wirtschaft und auch der Kirche seine Meinung zum Südtirolproblem dargelegt, sie aufgefordert, sich stärker für unsere Rechte einzusetzen und sie auf die Gefahr einer möglichen Radikalisierung hingewiesen. In einem der letzten Rundschreiben von 1961 schrieb er: «Aus dieser einfachen und klaren Erkenntnis heraus gibt es für Sie (die Politiker) nur eine Konsequenz bei Ihren Bemühungen, uns Südtirolern zu unserem

Bereits vor der Feuernacht war Sepp Kerschbaumern durch sein Auftreten für die Rechte der Südtiroler in ganz Südtirol bekannt.

heiligen Recht zu verhelfen, nämlich das schwere Unrecht wieder gutzumachen. Es geht in diesem Falle nicht um Einzelfragen, sondern um das Ganze. Italien hat die heilige Pflicht, das in seinen Händen befindliche gestohlene Gut Südtirol wieder zurückzuerstatten. Wir Tiroler wollen selber frei entscheiden, mit wem wir zusammenleben wollen. Es gibt für uns, und dies muss Ihnen klar sein, nur eine Sicherheit, in Frieden und Freiheit als Tiroler weiterleben zu können, vereint mit allen übrigen Tirolern im Staate

Österreich. Unser Gebet und unsere Mitarbeit wird Sie in Ihrer schweren Aufgabe unterstützen.» Gegen das Verbot, die Tiroler Fahne zu hissen, verstieß er mit Überzeugung. 1958 hisste er öffentlich die weiß-rote Fahne vor der Frangarter Kirche und wartete auf das Eintreffen der Carabinieri. Kerschbaumer wurde dafür zu 10 Tagen Haft verurteilt, welche er aus Protest im Hungerstreik absaß. Bei dieser Gelegenheit kam er das erste Mal mit dem ehemaligen Wider-

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Sepp Kerschbaumer wird zum Prozess geführt

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standskämpfer und Journalisten Wolfgang Pfaundler in Kontakt. Durch diesen lernte er später die Südtirolaktivisten Kurt Welser, Heinrich Klier, den Nordtiroler Landesrat Luis Oberhammer, BergiselBund-Obmann Eduard Widmoser und den sozialistischen Abgeordneten Rupert Zechtl kennen. Dieser stellte auch den Kontakt zum damaligen Außenminister Bruno Kreisky in Wien her. Nach dem dritten Anlauf gelang es Kerschbaumer, Ende 1960 endlich in Begleitung von Jörg Pircher und Karl Titscher zum Außenminister vorzudringen.

Dieser hörte sich interessiert das Anliegen der drei Südtiroler an und sagte dann: «Ich sage euch nicht, tut’s etwas, ich sage auch nicht, tut’s nix, das wisst ihr schon selbst.» Sie wussten, was zu tun war. Die Verbindung zur BAS-Gruppe in Innsbruck, welche sich um Pfaundler und Welser gebildet hatte, gestaltete sich hingegen mit der Zeit immer schwieriger und war zeitweise sogar unterbrochen. Die Innsbrucker wollten die Führung der Untergrundbewegung übernehmen, weil sie einerseits glaubten, dass Kerschbaumer nicht alle Voraussetzungen

dafür besaß und andererseits verhindern wollten, dass im Falle seiner Verhaftung der BAS ohne Führung dastand. Wir hingegen waren der Meinung, dass die Entscheidungen bei uns fallen mussten, da wir die Betroffenen waren und wir die italienische Politik und Mentalität besser kannten. Außerdem haben die Innsbrukker von Anfang an auf einen großen Schlag hingearbeitet, weil sie glaubten, dass dies Italien und die Weltöffentlichkeit nachhaltiger wachrütteln würde. Kerschbaumer vertrat hingegen die Taktik der Nadelstiche, um gleichzeitig größere Repressalien zu vermeiden. Kerschbaumer wusste aber genau, dass die Innsbrucker Gruppe für uns außerordentlich wichtig war, weil ja der meiste Sprengstoff mit Zubehör von dort kam. Kurt Welser war der Verbindungsmann und Sprengstofflieferant und wohl die herausragendste Gestalt dieser Gruppe. Im späten Frühjahr 1960 fand im Rom-Kino in Bozen eine entscheidende Landesversammlung der SVP statt. Es wurde darüber debattiert, ob Österreich mit der Forderung nach Selbstbestimmung oder nach einer besseren Autonomie vor die UNO gehen sollte. Sepp Kerschbaumer, Luis Amplatz und viele andere sprachen sich vehement für das Selbstbestimmungsrecht aus. Auf dem Parteitag regnete es Flugblätter mit der Forderung nach Selbstbestimmung von den Tribünen. Aber der wortgewaltige

Magnago verstand es schon damals, die Versammlung in seinem Sinne zu beeinflussen. Der ausschlaggebende Mann wäre Hans Dietl gewesen. Dieser wurde aber vom Parteiobmann so unter Druck gesetzt, dass er sich schweren Herzens der Parteidisziplin unterwarf und auch für die Autonomie das Wort ergriff. So kam schließlich eine knappe Mehrheit für diese zustande und das Schicksal nahm seinen Lauf. Diese Entscheidung hat mit dazu beigetragen, dass es zu den Anschlägen kam, denn Kerschbaumer und seine Mitstreiter im BAS waren nicht auf halbe Lösungen eingestellt, sondern auf Wiedergutmachung des großen Unrechtes. Magnago hatte zwar, zum Unterschied zur alten Parteiführung, gegenüber Rom eine härtere Gangart eingeschlagen, das eigentliche Gründungsziel der SVP, die Wiedervereinigung mit Österreich, griff er jedoch genausowenig auf wie seine zweifelhaften Vorgänger. So hofften wir, dass unsere Aktionen nach zwei Seiten hin wirken würden, einerseits gegenüber Rom und andererseits in Richtung SVP. In Südtirol hatte sich in der Zwischenzeit die politische Lage so zugespitzt, dass etwas geschehen musste. Wir glaubten mit genügend «Material» ausgerüstet zu sein, das in strategischen Punkten auf das ganze Land verteilt worden war. Viele von uns waren im Laufe der Zeit nach Nordtirol gefahren, um an Ausbildungs-

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kursen teilzunehmen. Bei den ersten bilateralen Verhandlungen zwischen Österreich und Italien über das Südtirolproblem in Mailand, Zürich und Klagenfurt legte die italienische Verhandlungsdelegation ein skandalöses Verhalten an den Tag. Darum entschloss sich die BASFührung nach reiflicher Überlegung, zum großen Schlag auszuholen. Auf Schweizer Gebiet wurde die «Feuernacht» beschlossen. Wir legten zunächst nur die Woche fest, während uns der genaue Tag erst 48 Stunden vorher mitgeteilt wurde. Bei dieser Gelegenheit besprachen wir auch einen Flugzettel, der an alle wichtigen Politiker im In- und Ausland verschickt und in dem das Selbstbestimmungsrecht für Südtirol gefordert werden sollte. Im letzten Absatz stand der Spruch von Kanonikus Michael Gamper: «Ein Volk, das um nichts anderes kämpft, als um seine natürlichen und verbrieften Rechte, hat den Herrgott zum Bundesgenossen!» Das war und blieb der Leitspruch von Sepp Kerschbaumer. Auf die Herz-Jesu-Nacht folgte eine große Verhaftungswelle, die auch Sepp Kerschbaumer erfasste. Als er in der Eppaner Carabinierikaserne viele seiner Kameraden nach Folterungen in einem elenden Zustand zu sehen bekam, brach für ihn eine Welt zusammen. Einerseits sah er, wie schnell eine in jahrelanger, mit vielen Opfern und Mühen aufgebau-

te Organisation zusammenbrach und andererseits konnte er – wie wohl wir alle – nicht begreifen, wie ein von christlichen Politikern regierter und zur westlichen Welt gehörender demokratischer Staat zu solch brutalen Mitteln greifen konnte. Die Zeit im Gefängnis war für Sepp Kerschbaumer, wie für uns alle und besonders für unsere Familien, sehr schwierig. Besonders die ersten Monate waren sehr hart. Kerschbaumer, aber auch viele andere, suchten Trost und Halt im Glauben. Gerade das hat uns allerdings der damalige Bischof Josef Gargitter schwer gemacht, indem er uns im Hirtenbrief vom August 1961 als kommunistische Handlanger hinstellte. Kerschbaumer und andere gingen deswegen aus Protest mehrere Male nicht zur Messfeier. Allabendlich betete er aber in seiner Gefängniszelle den Rosenkranz. Einer seiner väterlich-markanten Aussprüche war auch: «Buabm, das sage ich euch: Mit dem Glauben steht und fällt unsere Heimat!» In dieser schicksalsschweren Zeit im Gefängnis wurde von Sepp Kerschbaumer mehrfach der Wunsch geäußert, dass wir nach unserer Enthaftung gemeinsam nach Maria Trens pilgern sollten. Zur Gottesmutter von Trens hatte er eine besonders innige Beziehung, bei der er sich Kraft holte und Trost suchte. 1991 haben wir dieses Versprechen, genau 30 Jahre nach der «Feuernacht», wahrgemacht. Sepp Kerschbaumer konnte sein

Versprechen nicht mehr einlösen, er sollte die Gefängnismauern nämlich nicht mehr lebend verlassen. Als im November 1961 Franz Höfler und im Jänner 1962 Toni Gostner an den Misshandlungen im Gefängnis gestorben waren, gedachten wir gemeinsam im Gefängnishof mit einem Vaterunser unserer verstorbenen Kameraden. Danach sagte Kerschbaumer zu uns den denkwürdigen Satz: «Das war das zweite Opfer, wer wird wohl der dritte sein?»

Hatte er bereits eine Vorahnung, dass er der nächste sein sollte? Am Herz-Jesu-Sonntag 1962 setzte er einmal mehr ein Zeichen seiner Zivilcourage. Er hängte ein zusammengenähtes Taschentuch in den Tiroler Landesfarben weiß-rot bei seinem Zellenfenster hinaus. Genau gegenüber lag die Redaktion der nationalistischen italienischen Tageszeitung «Alto Adige», die gegen diese Aktion Sturm lief. Kerschbaumer wurde daraufhin in das Gefängnis von Venedig

Dezember 1964. Sepp Kerschbaumer wird zu Grabe getragen. An seinem Grab stand Südtirol.

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strafverlegt. Einige Monate später wurde er erneut verlegt, diesmal in die Haftanstalt von Verona. Durch ein Missgeschick und wohl auch aus Schwäche nach einem mehrtägigen Hungerstreik, geriet er bei der Gefängnisarbeit mit der Hand in eine Presse und verlor dabei vier Finger. Im Oktober 1963 trat er aus Protest gegen die Verzögerung der Prozesse und die dadurch verlängerte Untersuchungshaft für Unschuldige erneut in den Hungerstreik, den er erst nach 23 Tagen abbrach, als der Prozesstermin bekanntgegeben wurde. Am 9. Dezember 1963 begann in Mailand der sogenannte «Erste Mailänder Sprengstoffprozess». Sepp Kerschbaumer wurde zwei Tage lang verhört. Offen und klar hat er sich zur Sache bekannt und die ganze Schuld auf sich genommen. Das hat alle tief beeindruckt, sogar der Staatsanwalt und die Zivilkläger konnten ihm ihre Achtung nicht versagen. Geschickt nutzte er seine Position und wurde vom Angeklagten zum Kläger. Wörtlich sagte er: «Wenn Italien uns 1947 die Autonomie zugestanden hätte, wäre das alles nicht passiert, dann wären wir jetzt zu Hause bei unseren Familien. Das macht unsere Tragödie aus. Die Schuld an allem, was geschehen ist, liegt bei Italien, das unsere Bestrebungen nicht akzeptiert hat. Die Autonomie, die man

uns gewährt hat, ist nur eine Scheinautonomie, ein Betrug zum Schaden der Südtiroler, auch steht sie im Gegensatz zum Gruber-Degasperi-Abkommen.» Auch die heikle Selbstbestimmungsfrage hat er geschickt formuliert, indem er sagte: «Im Jahre 1953 hat Ministerpräsident Giuseppe Pella die Selbstbestimmung für Triest gefordert. Zur gleichen Zeit haben zwei Studenten in Bruneck folgenden Satz auf die Mauer ihrer Stadt geschrieben: Selbstbestimmung auch für Südtirol. Sie wurden angezeigt, einer floh nach Österreich, der andere wurde verhaftet und zu 8 Monaten Kerker verurteilt. «Ich möchte jetzt fragen», so Kerschbaumer, «weshalb das Recht auf Selbstbestimmung in Italien unter Strafe gestellt werden kann?» Diese Frage hat selbst dem Gerichtspräsidenten Simonetti die Stimme verschlagen. Die Antwort blieb aus. Am 16. Juli gegen Mitternacht wurde nach 36-stündiger Beratung das Urteil verkündet. Von den Inhaftierten erhielt Kerschbaumer mit 15 Jahren und 11 Monaten die höchste Strafe. Nur wenige Monate später, am 7. Dezember 1964, starb Sepp Kerschbaumer im Gefängnis von Verona. Die große Belastung beim Prozess und die Verantwortung, die er dabei auf sich genommen hatte, waren wohl zuviel geworden. Die vielen Tränen und das Leid der Familien, ebenso seiner Kameraden, hatten

ihn immer schwer belastet. Wir waren schockiert, als wir die Nachricht erhielten. Unser Vorbild und politischer Führer unseres Aufstandes war tot. Seine Bescheidenheit war beeindrukkend, seine Geradlinigkeit, sein Mut und sein opferbereiter Einsatz für die Rechte unserer Heimat waren und sind besonders heute für unsere Wohlstandsgesellschaft beispielgebend! Über 20.000 Menschen aus allen Teilen Tirols waren zusammengeströmt, um diesem großen Sohn unserer Heimat die letzte Ehre zu erweisen. Viele Politiker, darunter auch der damalige Landeshauptmann Magnago, waren gekom-

men. Niemand hatte gerufen, trotzdem war das ganze Volk gekommen, um dem einfachen Kaufmann aus Frangart, dem Mann, über den in- und ausländische Zeitungen voller Achtung geschrieben hatten, das letzte Geleit zu geben. Auf einer großen Doppelschleife standen die Worte: «Mit ihm sein Land Tirol.» Aus Hochachtung vor seiner Persönlichkeit sowie seines selbstlosen Einsatzes für Recht und Gerechtigkeit für Südtirol haben sowohl sein Heimatort Frangart als auch die Tiroler Landeshauptstadt Innsbruck eine Straße nach Sepp Kerschbaumer zum ehrenden Gedenken benannt.

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Einen Monat vor seinem Tod ließ sich Sepp Kerschbaumer von Trient in das Gefängnis von Verona versetzen, da dort für ihn bessere Arbeitsbedingungen

herrschten. Als ob er seinen frühzeitigen Tod erahnt hätte, schrieb er seinen Kameraden im Gefängnis von Trient einen Abschiedsbrief.

«… Trient, im Gefängnis, den 6. November 1964
Meine lieben Kameraden! Bevor ich mich von Euch, meine lieben Leidensgenossen und Kameraden, für unbestimmte Zeit trenne, ist es mir ein Herzensbedürfnis mit Euch noch eine Abschieds-Zwiesprache zu halten. Vor allem hoffe und wünsche ich, dass meine zeitweise Trennung von Euch, die auf meinen Wunsch hin erfolgt nur in dem Zusammenhang gesehen wird, wie sie tatsächlich ist, nämlich eine richtige dauernde Arbeitsmöglichkeit, wie sie eben in Verona geboten wird. Außerdem gibt es, wie wir alle schon erlebt haben, von einem Gefängnis zum anderen gute und böse Unterschiede, und diese gleichen sich zwischen Trient und Verona völlig aus. Gewiss, es wurde mir gegenüber des öfteren der Vorwurf erhoben, dass bei meinem zeitbegrenzten Verlassen unserer Gemeinschaft im allgemeinen und besonders nach außen hin der Eindruck entstehen könnte, dass die Ursache meiner Trennung eine Meinungsverschiedenheit von mir zu Euch sein könnte. Nun, die Hauptsache ist und bleibt, dass das nicht der Fall ist und ich gebe auch meiner Hoffnung Ausdruck, dass Ihr, meine Kameraden, mir diesen Schritt nicht übel nehmt und für mein Verhalten das nötige Verständnis aufbringt Zu einem meiner engsten früheren Mitarbeiter in der Kampfzeit habe ich, als er mir Vorhaltungen machte wegen meines Vorhabens, nur das eine gesagt: «Ich hoffe, dass unter uns als Tiroler noch soviel Handlungsfreiheit erlaubt ist.» Das gleiche sage ich heute beim Abschied zu Euch, in der Hoffnung auch recht verstanden zu werden. Hätte ich von hier aus für unsere geliebte Heimat Südtirol im Besonderen etwas tun können, dann hätte ich an diesen Schritt nie gedacht. Nachdem aber dieser Umstand leider nicht gegeben ist und auch für die nächste Zukunft nichts derartiges sehe, so glaube ich,

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dass ich keinen Fehler gemachte habe. Mit schweren Sorgen und Gedanken und da die Zukunft alles andere als rosig aussieht, nehme ich Abschied von Euch allen, die Ihr für ein großes Ideal gestritten und nun seit Jahren gelitten habt und noch weiter auf unbestimmte Zeit erdulden müsst. Vielleicht drängt sich dem einen oder anderen die große Frage auf, ob dieses Opfer letzten Endes überhaupt eine sichtbare dauerhafte Frucht für unser Volk bringen wird. Gewisse Umstände und Begebenheiten sind oft dazu angetan, dass einem das gute Hoffen schwer fällt. Und doch, trotz aller Widerstände, die sich unserem Rechte und unserem Freiheitswillen entgegenstellen, ist die gute Hoffnung berechtigt. Und so, wie auch im täglichen Leben, das Hoffen auf dies und jenes, den weitesten Traum im Leben des Menschen im Einzelnen in der Familie und im Volksganzen einnimmt, so darf und kann es in unserem besonderen Falle nicht anders sein. Nachdem uns allen das Leben, insbesondere das eigene und das unserer Vorfahren, immer wieder gezeigt hat, dass das Hoffen allein nicht genügt, sondern dass man selber mit der ganzen inneren und äußeren Kraft unserer ganzen Persönlichkeit, die uns der liebe Gott in geistiger und leiblicher Form gegeben hat, mitwirken muss, damit das Hoffen auf unser Verlangen wirksam werden kann; und daraus ergibt sich die einzig logische Schlussfolgerung, selber immer wo es möglich, mit Leib und Seele mitzuwirken und dabei zu sein. Nun werdet Ihr mir die große Frage stellen, wie wir bei unseren so eng begrenzten Möglichkeiten überhaupt noch wirksam sein können, um die von mir gepriesene Hoffnung erfüllt zu sehen. Wir alle wissen aus Erfahrung und erleben es täglich im Verfolgen des Weltgeschehens, wie das Gute und das Böse dauernd im Streite liegen. Und wir sagen nicht umsonst, dass das Leben schlechthin ein dauernder Kampf mit allen möglichen Widerwärtigkeiten des Lebens ist. So sehen wir, wenn wir die Geschichte unserer tirolischen Vorfahren betrachten, zwei besondere Merkmale heraus, die unserem Tiroler Volke von jeher eigen waren: der große Freiheitswille und der tiefe und aufrichtige Glaube an unseren lieben Herrgott. Diese entscheidenden Charakterzüge

unserer Vorfahren müssen wir uns ständig vor Augen halten und versuchen, sie in unserem bescheidenen Leben stets zu verkörpern. Nur aufgrund dieses Fundamentes kann etwas Gutes und Dauerhaftes aufgebaut und erhalten werden, denn es sind ewige Werte. Lassen wir uns nicht durch den heutigen Zeitgeist, bei dem nur mehr rein greifbare materielle Güter und nicht mehr die Ideale etwas gelten, irre machen. Und wenn wir diese menschlichen und im besonderen diese tirolischen guten Eigenschaften beibehalten wollen, dann brauchen wir so notwendig eine Kraft, die uns immer Halt und Ausdauer gibt. Diese bekommen wir vom Schöpfergott, der letztlich von Anfang bis Ende unser Schicksal in den Händen hat. Der Glaube an unseren Schöpfer darf nicht nur Kindersache sein, sondern muss uns alle erfassen und zwar in seiner ganzen Tiefe. Und nach diesem Glauben müssen wir unser Leben einrichten. Wir kommen darum nicht herum, wenn wir es mit unserer geliebten Heimat ehrlich meinen und würdige Nachfolger unserer Väter sein wollen. Unser Land und Volk wurde von unseren Vätern in höchster Not und im feierlichen Schwur und gläubigen Herzen dem heiligen Herz Jesu geweiht und wir, als ihre Nachkommen, haben die heilige Pflicht, diesen Schwur weiter an die kommenden Geschlechter zu verpflanzen. Und wenn wir wollen, dass dies so ist, dann müssen wir alle Anstrengungen unternehmen und nach diesem Schwur nach besten Wissen und Gewissen leben. Ich hoffe, dass diese meine Worte, die mir vom Herzen kommen, auch in Eure tirolerischen Herzen hineingehen und richtig verstanden werden. Nur in diesem Sinne, und nur in diesem, sehe ich mit Hoffnung der Zukunft unserer geliebten Heimat entgegen. Für eine ganze Sache braucht es auch eine ganze Arbeit. Nun will ich mit der Bitte schließen, sollte ich jemanden von Euch je beleidigt oder etwas Ungutes angetan haben, mir zu verzeihen, und so verbleibe ich in treuer tirolerischer Verbundenheit Euer Sepp Kerschbaumer» 235

Jörg Pircher

BRIEF AUS DEM GEFÄNGNIS,
Herbst 1966
1966 schrieb Jörg Pircher folgenden Brief aus dem Gefängnis. Augenscheinlich wird dabei der ungebrochene Wille, für die Heimat weiter zu kämpfen.

«Lieber Freund! Es kommt nicht oft vor, dass ich Gelegenheit habe, Dir einen Kassiber zu senden und hoffe auch, dass er Dich erreicht. Vor allem sei recht herzlich gegrüßt mit Frau und Kindern. Ein besonderer Gruß an die treuen und aufrechten Freunde. Mit einem aufrechten Tiroler «Vergelt’s Gott» möchte ich mein Schreiben beginnen und für alles, was Du und Deine Freunde für die heißgeliebte Heimat, für unsere Familien und nicht zuletzt für uns politische Häftlinge getan habt. Mit bangem Herzen verfolgen wir die Geschehnisse in und um unsere Heimat, die sich in letzter Zeit von Tag zu Tag verschlechtern und den Anschein haben, endgültig unseren Todfeinden ausgeliefert zu werden. Den langen Opferweg, den wir bis heute beschritten haben, angefangen von den schrecklichen Foltern und Qualen in den Polizeikasernen, durch zwei aufreibende Prozesse bis hinauf zu den ständigen Verleumdungen von unseren politischen Vertretern – wo auch der «walsche Seppl» seine dreckigen Hände mit im Spiel hat – greift uns nicht so sehr an wie der schändliche Verrat, den die Wiener Regierung dabei ist zu begehen. Dass wir Südtiroler ausgerechnet so lange warten mussten, bis uns eine rein schwarze Regierung auf dem Altar der EWG opfert und somit eine Volksgruppe seinem Schicksal überlässt, das den sicheren Tod bedeutet, hätten wir nie zu denken gewagt. Es ist bekannt, dass Wien nicht das erste Mal die Tiroler

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verraten hat. Ich weigere mich aber zu glauben, dass das österreichische Volk diesen Verrat an seinen Brüdern im Süden gutheißt und damit einverstanden ist. Wenn der Herr Kanzler Klaus den Italienern immer noch sein volles Vertrauen schenkt (was er mir einmal persönlich bestätigte), sein unreifer Außenminister, der obendrein auch zu schwach ist, diesem haushoch unterlegen ist, so müsste wenigstens der Landeshauptmann von Tirol sich entgegenstemmen und seinen Landsleuten ein treuer Befürworter bleiben und nicht, wie in letzter Zeit, immer mehr von der aufrechten Linie in das andere Lager abrutschen. Im eigenen Land steht es auch nicht zum Besten. Die Aufrechten will man um jeden Preis und mit jedem Mittel mundtot machen, das Volk weiterhin irreführen und so ihr teuflisches Spiel zu Ende treiben. Es bleibt kein anderer Weg, als den Freiheitskampf fortzusetzen, wenn er auch lange und dauervoll ist, es ist das einzige Mittel, von dem Joch der Unterdrückung loszukommen,
Als letzter Südtiroler Häftling von den 1961 verhafteten, durfte Jörg Pircher aus Lana das Gefängnis verlassen. Nach seiner Entlassung widmete er viel Zeit und Energie dem Aufbau des Südtiroler Schützenbundes und war lange Jahre stellvertretender Landeskommandant.

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der Kolonialherrschaft ein Ende zu setzen, der Assimilation im letzten Moment noch vorzubeugen und das Deutschtum im Süden zu retten. Dass dies der richtige Weg ist, zeigt auch die Reaktion von der anderen Seite, die diesem Kampf machtlos gegenüberstünde, hätte sich unser «Schutzpatron» nicht ins Bockshorn jagen lassen. Wie bei uns die politischen Verhältnisse liegen, ist das der einzige Ausweg oder besser die einzige Rettung von dem sicheren Untergang, denn diesmal geht es nicht mehr bloß um einzelne Kompetenzen für eine ungenügende Autonomie – was nichts anderes bedeutet als neuen Zeitgewinn an ihrem Vorhaben – sondern um Sein oder Nichtsein einer ganzen Volksgruppe. Diesmal darf nicht wieder der gleiche Fehler gemacht werden wie 1946-48, diesmal kann nur mehr eine Forderung gelten und die heisst SELBSTBESTIMMUNG FÜR DAS SÜDTIROLER VOLK. Es ist im wahren Sinne des Wortes fünf Minuten vor zwölf, es ist unweigerlich die letzte Chance im langen Ringen. Wenn es diesmal nicht gelingt, ist Südtirol endgültig verloren und was uns dann bevorsteht, kann nur der ahnen, der einmal unter diesen Henkersknechten gefoltert wurde. Darum richte ich die eindringliche Bitte an alle Freunde unserer geliebten Heimat in- und außerhalb Tirols, helft! Helft in letzter Stunde, bevor es zu spät ist, lasst nicht zu, dass wir dem sicheren Untergang entgegengehen, dass ein Volk von seiner tausendjährigen Scholle vertrieben wird und das Land Andreas Hofers endgültig verwalscht wird und so für immer der deutsche Mutterlaut zwischen Eisack und Etsch verstummt! Diese Bitte möchte ich auch im Namen unserer erschlagenen, ermordeten und verstorbenen Kameraden wiederholen, die ihr Blut und Leben für ein freies und einiges Tirol hingegeben haben. Mit einem aufrechten Tiroler «Vergelt’s Gott» möchte ich schließen und grüße Dich und alle Freunde in tiefer Verbundenheit und rufe Euch zu: «Lang lebe unsere heissgeliebte Heimat Tirol!» Dein Freund Jörg» 239

DIE NACHT UND DIE BERGE GEHÖRTEN IHNEN…
Eine Stimme aus dem Exil Siegfried Steger
Siegfried Steger gehört zu jenen Südtirolern, die ihre Heimat verlassen mussten und diese noch immer nicht betreten dürfen. Für diese Männer hat das so oft gelobte Europa ohne Grenzen noch Grenzen. Grenzen, die durch Krieg und Unrecht entstanden und weiterhin ein Unrecht bleiben. Siegfried Steger, Sepp Forer, Erich Oberlechner und Heinrich Oberleitner leisteten dem italienischen Staat einen erbitterten Widerstand. Seit der Feuernacht im Jahr 1961 flammte der Widerstand im ganzen Land immer wieder von neuem auf. Besonders im Pustertal kam es zu verschiedenen, teilweise dramatischen Aktionen und den daraus folgenden Gegenaktionen der italienischen Sicherheitskräfte. Der Staat versuchte mit allen Mitteln, den Widerstand zu unterbinden. Die Grenze in den Bergen des Pustertals wurde noch besser bewacht als anderswo. Große Carabinieri-, Polizei- und Militäraufgebote durchstreiften und durchsuchten die Täler. Aber da sich große Teile der Bevölkerung immer wieder mit den Freiheitskämpfern im Stillen solidarisierten und ihnen oft Hilfe zukommen ließen, konnten sich die Freiheitskämpfer meist unentdeckt bewegen. Die Nacht und die BerSiegfried Steger ge gehörten ihnen. Im Laufe der Zeit hatten sich die Freiheitskämpfer im Pustertal einige Verstecke in den Bergen errichtet, welche, mit verschiedenem Material versorgt, es ihnen erlaubten von dort aus immer wieder neue Aktionen zu starten und bei Gefahr für einige Tage unterzutauchen. Nicht zu allen Anschlägen, die man ihnen anlastete und für die sie verurteilt wurden, haben sich die Freiheitskämpfer bekannt. So kam es auch zu ungeklärten Mordanschlägen. Die Italienische Justiz und die italienische Öffentlichkeit erklärte für alles und überall die Südtiroler Freiheitskämpfer zu den selbstverständlichen Schuldigen und machte sie zu willkommenen Prügelknaben… Doch weisen zahlreiche Ungereimtheiten darauf hin, dass die wahren Schuldigen bei zahlreichen Taten ganz woanders zu suchen sind. Es ist ein offenes Geheimnis, dass man immer schon vermutete, der italienische Geheimdienst stecke hinter vielen Anschlägen, um damit die Unterstützung der Bevölkerung zu unterbinden und das oft übertriebene

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Vorgehen der Polizei- und Miltäreinheiten sowie die unbeugsame italienische Politik zu rechtfertigen. Am 4. September 1964, nach dem Mordanschlag auf den Carabiniere Tiralongo in Mühlwald, reagierten die italienischen Besatzungskräfte hart wie nie zuvor. In den frühen Morgenstunden wurden die Ortschaften Mühlen, Sand und Kematen von Polizeikräften unter dem Kommando von Carabinierioberst Marasco umstellt. Rund vier- bis fünfhundert Personen im Alter zwischen 16 und 70 Jahren, darunter auch zahlreiche Frauen, wurden festgenommen. In der Carabinierikaserne von Mühlen wurden die Festgenommenen stundenlang verhört. Die Festgenommenen erhielten kein Essen und konnten weder ihre Angehörigen noch ihre Rechtsanwälte informieren. Da der mutige und standfeste Staatsanwalt Corrias Oberst Marasco die geforderten Blankohaftbefehle verweigerte, mussten bald alle Festgenommenen, nach ergebnislosen Verhören, wieder freigelassen werden. Für den Mord in Mühlwald wurden sofort die Freiheitskämpfer verantwortlich gemacht, aber bald wurde bekannt, dass der aus Sizilien stammende Tiralongo einem Racheakt aus gekränkter Familienehre zum Opfer gefallen war. Die gerichtlichen Untersuchungen darüber wurden nie veröffentlicht.

In jenen Septembertagen spitzte sich die Lage im Pustertal immer mehr zu. Trotz des Masseneinsatzes der Polizei und Armee gelang es einer Gruppe von Freiheitskämpfern am 6. September bei Vintl einen wichtigen Fernsprechmasten zu sprengen. Am 9. September wurde im Antholzertal auf eine Carabinieristreife ein Minenanschlag verübt. Ein Insasse des Jeeps wurde schwer verletzt, die anderen vier Insassen nur leicht. Am 10. September 1964 kam es in Tesselberg oberhalb von Gais zu einem kurzen Feuergefecht zwischen drei Freiheitskämpfern und Einheiten der Carabinieri. Ein für die italienische Polizei tätiger Spitzel hatte den Carabinieri mitgeteilt, dass sich drei Freiheitskämpfer in einem Heuschuppen in der Nähe des kleinen Bergdorfes Tesselberg aufhielten. Die Freiheitskämpfer konnten unter Zurücklassen ihrer Ausrüstung entkommen und mit Hilfe aus der Bevölkerung gelang ihnen die Flucht vor den schnell herangeführten Militär- und Polizeikräften. Das Gebiet wurde von Tausenden Soldaten und Carabinieri abgeriegelt. Dabei überschlug sich ein Militärjeep und ein Alpini-Soldat wurde tödlich verletzt. Weiters erschoss ein verängstigter Alpini-Soldat einen Kameraden, da er ihn für einen der Gejagten hielt. Gegen Mittag desselben Tages wurde dann überfallartig das Bergdorf Tes-

selberg von 1200 Carabinieri gestürmt, verwüstet und geplündert. Schützenpanzer beschossen die Heuschuppen wo es vorher zu einem Feuergefecht mit den Freiheitskämpfern gekommen war. Die Heuschuppen brannten ab. In den Häusern des kleinen Dorfes wurden Handgranaten geworfen und die Carabinieri schossen wie wild um sich. Die gehbehinderte, 22-jährige Hilde Mayr wurde durch einen Brustdurchschuss schwer verletzt. Die Carabinieri verweigerten ihr jegliche ärztliche Hilfe. Erst am nächsten Tag konnte ihr ein vom Feuerwehrhauptmann von Gais nach Tesselberg geführter Arzt die notwendige Hilfe leisten. Das gesamte Dorf wurde evakuiert. Die Bewohner, Männer, Frauen und Kinder wurden auf einer Wiese zusammengetrieben. Die Männer wurden gefesselt und mussten stundenlang, mit dem Gesicht zu Boden, in der nassen Wiese liegen. Schließlich wurden 25 Personen abgeführt. Zwischen zwei Jeeps eingekeilt mussten sie zu Fuß bis ins Tal nach Aufhofen bei Bruneck laufen, wo sie auf Fahrzeuge verladen wurden und in die Carabinieristationen von Bruneck und Mühlbach gebracht wurden. Nachdem der Spuk im Dorf vorüber war, stellten die Bewohner fest, dass überall Geld und Wertgegenstände fehlten. Jahrzehnte später wird bekannt

werden, dass die Einwohner von Tesselberg trotz allem noch Glück im Unglück hatten. Am 29. Juli 1991 berichtet der Carabinierigeneral im Ruhestand, Giancarlo Giudici, in einem Zeitungsbericht, was er während der Razzia in Tesselberg erlebt hatte: Oberst Marasco war aus Bozen mit einem Hubschrauber eingeflogen worden und gab dem damaligen Oberstleutnant folgenden Befehl: »HAST DU 15 PERSONEN FESTGENOMMEN? GUT! STELL SIE AN DIE WAND UND LASS SIE ERSCHIESSEN! DANN BRENN DAS DORF NIEDER!» Guidici weigerte sich und Marasco widerholte seinen Befehl: «DU MUSST SIE ERSCHIESSEN, HAST DU VERSTANDEN? STELL SIE AN DIE WAND UND BRENN DAS GANZE DORF NIEDER! BRENN ES NIEDER BIS ZUM BODEN!» Gudici weigerte sich und meldete nach Abschluss der Razzia diesen Vorfall seinem Vorgesetzten General De Lorenzo. Dieser nahm den Bericht kommentarlos zur Kenntnis. Einen Tag später wurde Guidici nach Udine versetzt. General Giorgio Manes, der von 1966 bis 1968 die Staatsstreichpläne von General De Lorenzo untersuchte, berichtete dazu in seinem Tagebuch, dass Marasco für jeden getöteten Italiener fünf Südtiroler erschießen lassen wollte. «DER BEFEHL DAZU IST DIREKT VON GENERAL DE LORENZO GEKOMMEN.»

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Josef Forer, Siegfried Steger, Heinrich Oberleiter und Erich Oberlechner bildeten den harten Kern der Widerstandstruppe, die seit der Feuernacht 1961 im östlichen Teil Südtirols immer wieder Anschläge und Überfälle durchführte. Große Teile der Bevölkerung sympathisierten bis zuletzt mit den Freiheitskämpfern.

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Siegfried Steger wurde am 24. Oktober 1939 als ältester Sohn einer achtköpfigen Familie in Mühlen in Taufers geboren. Er lebte dort bis zu seiner Flucht im Juni 1961. Da ich in einem Gasthof aufgewachsen bin, erlebte ich als Jugendlicher viele Auseinandersetzungen und Gespräche über die Tragödie in unserem Land. Durch diese Erlebnisse und das entsprechende Umfeld ist in mir so langsam – ohne dass ich dies bewusst plante – der Widerstand gewachsen, d. h. der Wille, etwas dagegen zu unternehmen. Als in Pfunders der Finanzer tödlich verunglückte und danach diese jungen Burschen beschuldigt wurden, ihn umgebracht zu haben, hatte ich persönlich das Gefühl, hier wird den Pfunderer Burschen Unrecht getan. Im Jahr 1957 war ich bei der Kundgebung in Sigmundskron anwesend und es wurde mir klar, wie es um Südtirol stand! Für mich, als 18-jährigen Burschen, war es unbegreiflich, was sich an diesem Tag abspielte. Zum ersten Mal sah ich diese gewaltige, bewaffnete Polizeiund Militärpräsenz der Italiener, und auf der Südtiroler Seite 35.000 Menschen, die nach Sigmundskron gekommen waren, um den Freiheitswillen zu demonstrieren. Selbstverständlich habe ich auch die ersten Anschläge der Stieler-Gruppe sowie deren Verhaftung mitbekommen.

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Ich musste auch leidvoll miterleben, dass viele junge Burschen Südtirol den Rücken kehrten, um im Ausland Arbeit zu finden, da sie in der Heimat keine Möglichkeit fanden. Ende der 50er und Anfang der 60er Jahre wanderten jährlich bis zu 2.000 junge Südtiroler ins Ausland ab. In mir erwachte immer bewusster die Bereitschaft, selbst irgendwie Widerstand zu leisten. Als erstes Zeichen des Widerstandes malten wir den Tiroler Adler, unser Landeswappen, bei Nacht an eine Felswand, in einer Größe von 11 m Höhe und 9 m Breite. Daraufhin habe ich das erste Mal mit den Carabinieri zu tun bekommen, die mir sofort zu verstehen gegeben haben, wer hier das Sagen hat und zwar durch Äußerungen wie: «Diese deutschen Köpfe gehören an die Wand geschlagen, bis sie platt sind wie Laub…!» Sie gaben mir von Samstag bis zu meiner Freilassung am Montag weder zu essen noch zu trinken! Ich musste überwiegend mit erhobenen Händen in der Ecke stehen und die ganzen Drohgebärden sowie Beschimpfungen übelster Art über mich ergehen lassen. Von da an wusste ich, dass die zu allem fähig waren, sobald wir uns auflehnen würden. Trotzdem ist in mir die Bereitschaft gewachsen, Widerstand zu leisten; ebenso die Entschlossenheit, mich nicht von denen verhaften zu lassen.

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Ein Fahndungsplakat aus den 60er Jahren, das immer noch seine «Gültigkeit» hat.

Viele tausende italienische Soldaten machten Jagd auf die Freiheitskämpfer, aber ohne Erfolg.

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Zu dieser Zeit wurde ich auf Sepp Kerschbaumer aufmerksam, durch seine widerrechtliche Aushängung der Tiroler Landesfahne sowie durch seine anschließende Verhaftung und die Hungerstreiks. Da kamen wir zur Überzeugung, dass wir uns vorbereiten mussten, um zu gegebener Zeit gezielt Anschläge auf faschistisch-provokante Symbole durchzuführen. Wir stahlen den Erbauern des Kraftwerkes in Mühlen Sprengstoff, Zündschnur und Kapseln, legten ein Versteck an, um das Material sicher und trocken zu deponieren. In dieser Zeit haben wir auch Kontakt mit dem BAS aufgenommen. Dies wurde in Innsbruck gemeldet und so bekamen wir Besuch von Kurt Welser. Das war auch der Tag, an dem wir ihm unsere Bereitschaft bekundeten mitzumachen. Er unterrichtete uns, worum es ging: selbstverständlich über das Selbstbestimmungsrecht, um die Wiedervereinigung Tirols zu erreichen. Ich muss hinzufügen, dass keiner dieser Freiheitskämpfer, die ich kennen und schätzen gelernt habe, sich für eine Autonomie in Südtirol eingesetzt hat. Als Kurt Welser das nächste Mal kam, brachte er bereits Material und Waffen mit und begann mit uns eine theoretische Schulung, die Waffen- und Sprengkunde beinhaltete sowie das richtige Verhalten gegenüber der Polizei bzw. wie man sich selber zu verhalten hatte. Einer

von uns ist nach Innsbruck gefahren, um dort eine praktische Ausbildung zu absolvieren. Wir haben nach unseren Möglichkeiten alles vorbereitet für den Tag «X». In der Zwischenzeit hatten wir noch zwei bis drei Mal von Kurt und seinen Leuten Besuch. Uns hatte man als erste Aktivität den Anschlag auf das Alpini-Denkmal, dem sogenannten «Kapuziner-Wastl», in Bruneck zugewiesen. Anschlag 2 war, die Stromversorgung nach Italien zu unterbinden und Schlag 3, die Eisenbahnverbindung nach Italien zu stoppen sowie, als letzte Konsequenz, die bewaffnete Auseinandersetzung mit der Staatsmacht. Dass es so nicht gekommen war, ist wohl darauf zurückzuführen, dass es zwischen den führenden BAS-Leuten zu verschiedene Meinungen gab. Es kam das Jahr 1961! Wir warteten auf das Signal, das Alpini-Denkmal in Bruneck zu sprengen. Wir hatten alles genau ausgekundschaftet sowie das nötige Material vorbereitet. Als dann im Jänner 1961 der Aluminium-Duce gesprengt wurde, waren wir sehr enttäuscht und haben uns bei Kurt Welser beklagt, das es nun schwierig sein würde, das Alpini-Denkmal zu sprengen. Aber Kurt Welser hat uns gebeten, nur auf seine Anweisungen hin etwas zu unternehmen, was wir auch befolgten. Es wurde uns versprochen, dass wir zwei Wochen vor dem großen Schlag Infor-

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mationen erhalten würden, um genügend Zeit zu haben, Vorbereitungen zu treffen, die Stromversorgung nach Italien auszuschalten. Leider kam es anders als vereinbart. Am 11. Juni 1961 (es war Herz-Jesu-Sonntag) kam ein uns unbekannter Mann, der aber das Losungswort wusste und sagte: «Heute Nacht geht’s los …!» Am Montag, den 12. Juni in der Früh, wollten die Carabinieri mich abholen. Sie fragten mich auch, wo Josef Forer wohnte. Mich brachte man in den Jeep, der vor dem Haus stand. Drei Mann bewachten mich. Ich konnte zwar flüchten, wusste aber nicht, was mit Sepp Forer

geschehen war. Wir hatten ja in der Nähe des Hofes eines Bergbauern, der selber aktives Mitglied war, ein Versteck, wo wir uns aufhalten konnten. An diesem Ort sind wir auch in der Nacht zum 13. Juni wieder zusammengekommen. Wir schickten den Bergbauern ins Dorf hinunter, um nachzusehen, was geschehen war. Er kam mit der Meldung zurück, dass unsere Väter verhaftet worden seien. Wir blieben noch drei Tage in unserem Versteck und gingen dann über die Zillertaler Alpen nach Ginzling, wo uns Kurt Welser abholte. Somit begann für uns ein Leben als Gehetzte und Gesuchte fern der Heimat!

Das italienische Militär errichtete an der Grenze in den Bergen zahlreiche Stützpunkte. Heute noch verunstalten Stacheldraht und rostige Baracken die Bergwelt Südtirols.

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Es gab zahlreiche Tote auf beiden Seiten. Zu vielen Anschlägen haben sich die Freiheitskämpfer bis heute noch nie bekannt. Vieles deutet darauf hin, dass der italienische Geheimdienst die eigenen Leute opferte, um den Südtiroler Widerstandskämpfern diese Verbrechen anzulasten. Die Bevölkerung sollte damit ihre Sympathie für die Freiheitskämpfer verlieren. Es liegt am italienischen Staat selbst, durch die Öffnung aller Geheimarchive, diese Verdachtsmomente zu beseitigen und so eine endgültige Klärung und Befriedigung einzuleiten.

Zur Freude aller wurde uns Luis Amplatz vorgestellt, worauf sofort Sympathie und Freundschaft mit vollem gegenseitigen Vertrauen entstand, bis zu seiner heimtückischen Ermordung. Luis Amplatz war für uns eine Leitfigur und ein Kamerad! In allen Belangen stand er uns mit Rat und Tat zur Seite. Ein Spruch von ihm: «Mander, merkt enck oans beim Verhör: sagst du JA, bleibst du da, sagst du NEIN, gehst du heim!» Im Sommer 1961 sind weitere Südtiroler geflüchtet; so machten wir auch mit Jörg Klotz Bekanntschaft. Auch mit ihm

entstand ein aufrichtiges, freundschaftliches Verhältnis. Er hat uns theoretisch wie auch praktisch unterrichtet. Da er jedoch im Mittelpunkt der Öffentlichkeit stand, war es für uns nicht ratsam, mit ihm intensiveren Kontakt zu pflegen. Auch mit den anderen Südtiroler Flüchtlingen hatten wir ein sehr kameradschaftliches, geselliges Zusammensein in der «Tempelstraße» in Innsbruck gepflegt. Da wurden Meinungen ausgetauscht über das weitere Vorgehen mit dem gemeinsamen Ziel der Befreiung unserer Heimat von der Fremdherrschaft. Man war in

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großer Sorge über die Angehörigen, wie sie wohl das alles überstehen würden. Man versuchte immer, den Kontakt zu Südtirol aufrecht zu erhalten, um über die Ereignisse in der Heimat am Laufenden zu sein. Allmählich wurden die Treffen in der «Tempelstraße» weniger, da wir nicht wollten, dass der italienische Geheimdienst auf uns aufmerksam würde. Somit haben wir uns verteilt und die Zusammenkünfte wurden mehr und mehr geheimgehalten. Nach der Flucht im Juni 1961 sind wir im selben Jahr über die Berge nach Südtirol gegangen. Mit dabei war auch Luis Amplatz sowie ein Freund von ihm. Dieser hieß Johann und war Lehrer. Als der Schulunterricht wieder begann, ging dieser nach Südtirol zurück und ich hörte nie mehr was von ihm. Luis Amplatz war sehr begeistert, als er sah, mit welcher Herzlichkeit wir bei unseren Leuten, Mitkämpfern und Helfern empfangen wurden. Diese Menschen waren froh, dass es Leute von unserem Schlag gegeben hat, die sich gegen das Unrecht des italienischen Staates gewehrt haben. Wo wir einkehrten, wurden wir gut aufgenommen. Immer wieder boten sich Leute an, uns zu begleiten oder uns die schweren Rucksäcke für einen Teil des Weges abzunehmen. Vor allem bei den Bergbauern hoch oben wurden wir immer wieder herzlich

empfangen. In langen Gesprächen wurden verschiedene wichtige Informationen ausgetauscht und oft wurden wir vor so mancher Gefahr gewarnt. Es gab aber auch Gespräche über die damalige Situation im Lande, über die schrecklichen Folterungen. Oft wurde uns von den Frauen ein festliches Essen, oft Wildbraten, vorgelegt, damit wir neue Kräfte sammeln konnten für den harten und gefährlichen Weg zurück über die Berge ins Exil. So verbrachten wir trotz allem auch in jener Zeit, in der wir gejagt und gehetzt wurden, einige frohe und glückliche Stunden. Manchmal sangen wir frohe Lieder und vergaßen so die missliche Lage, in der wir uns befanden. Mir ist bis heute unverständlich, warum Amplatz mit Christian Kerbler mitgegangen ist. Als er mich im April 1964 mit nach Innsbruck nahm und sich mit Christian Kerbler traf sagte er mir, dieser sei ein Agent und arbeite für die Italiener. Bei diesen Treffen zwischen Luis Amplatz und Kerbler sah ich auch meinen Freund Amplatz das letzte Mal, da er kurz nach diesem Treffen nach Wien abgeschoben wurde. Sehr bedrückend war für mich die Verhaftung meines Vaters und später auch die Verhaftung meiner Mutter und meiner Schwester Lina. Meine Mutter und meine Schwester wurden nach der Haft sogar längere Zeit verbannt.

Pfalzen 1963. Nachdem ein Carabiniere von einem Unbekannten angeschossen wurde, besetzten und durchsuchten starke Carabinierieinheiten das Dorf. Bei solchen Aktionen gingen die Polizeinheiten meist sehr brutal vor.

Ein gesprengter Strommasten zwischen Gais und Uttenheim.

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Überfall auf einen Carabinieri-Jeep im Antholzertal – September 1964

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Mir wurde weder von Seiten meiner Eltern noch von Seiten meiner Schwester jemals ein Vorwurf gemacht für die Leiden, die sie für mich und unsere Heimat ertragen mussten. Im Laufe der Zeit und der Ereignisse in Südtirol wurde das Leben für uns immer problematischer. Da Italien Österreich mit Wirtschaftssanktionen und anderen Repressalien drohte, kam die Wiener Regierung ins Schwanken und hat sich, nach meiner Ansicht, von Italien unnötig erpressen lassen.

Zum Glück hatten wir in Nord-Tirol gute Freunde, die uns Unterschlupf und Hilfe zukommen ließen, die wir auch benötigten. Für uns war es eine große Freude, als Senator Dr. Peter Brugger uns zum ersten Mal in München besuchte. Wir waren einen ganzen Nachmittag beisammen und Dr. Brugger hat uns über die schwierige politische Lage in Südtirol unterrichtet. Es wurde auf seinen Wunsch hin auch ein Tonband eingeschaltet, das sich in meinem Besitz befindet. Auch Hans Dietl hat uns in München besucht;

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Die Weihnachtsgrüße von Senator Peter Brugger 1975 an Siegfried Steger. Vor seinem Tod stellte Senator Peter Brugger seinem Sohn Siegfried Brugger die vier im Exil lebenden Freiheitskämpfer aus dem TaufererAhrntal vor.

es entstand eine herzliche Aussprache und natürlich wurde mit großer Sorge über Südtirols Zukunft gesprochen. Beim nächsten Treffen mit Senator Brugger in Nord-Tirol gab es kein SIE mehr unter uns, da eine Vertrauensbasis entstanden war. Die Gespräche gingen bis tief in die Nacht hinein. Bei diesen Gesprächen hat uns Dr. Brugger eine militärische Ausbildung angeboten. Es sei alles vorbereitet, wir bräuchten nur zuzustimmen. Aus verschiedenen Gründen lehnten wir die Ausbildung ab. Auch mit Hans Dietl hatten wir nochmals ein Treffen in Innsbruck, bei dem er uns über die Lage in Südtirol berichtete und uns über sein Vorhaben, eine eigene Partei zu gründen, unterrichtete. Im Jahr 1968 sind Sepp Forer und Heinrich Oberlechner in Österreich verhaftet worden. Mir gelang die Flucht nach Bayern. Somit begann für mich ein neuer Lebensabschnitt. Ich möchte mich bei vielen in Tirol und Österreich bedanken, die uns geholfen haben. Auch den Leuten in Bayern gilt ein Dankeschön. Zwei von unseren Helfern, die ich namentlich nennen möchte, gilt ein besonderer Dank. Und zwar dem ehemaligen Landeshauptmann von Tirol Eduard Wallnöfer und dem langjährigen Landesrat aus Starnberg und Freund Südtirols, Dr. Rudolf Widmann, die leider beide schon verstorben sind.

Sicher erwähnenswert sind auch Weihnachts-Glückwünsche von 1975, die mir Dr. Peter Brugger geschrieben hat: «Dankbarst erwidere ich die Weihnachtsgrüße. Wir wünschen Dir im Jahre 1976 reichlichst Glück und Erfolg, Freude und Gesundheit. In Verbundenheit Peter Brugger und Familie.» Für mich ist es sicher eine große Belastung, fast 40 Jahre im Exil leben zu müssen, ohne die Hoffnung, die geliebte Heimat wieder einmal sehen zu können. Es vergeht kaum ein Tag, an dem man nicht an die Heimat denkt. Besonders zu Weihnachten und an bestimmten Feiertagen schmerzt die Seele. Oder, wenn die Eltern zu Grabe getragen werden, oder Verwandte und Freunde. Oder, wenn Hochzeiten, Taufen und dergleichen stattfinden. Die Zeit heilt zwar Wunden, aber die Narben in der Seele bleiben. Kein Chirurg kann sie wegschleifen. Sie bleiben bis zum Tod.

SÜDTIROLER FREIHEITSKAMPF
ALS ÖSTERREICHER IM DIENST DER SACHE von Univ.-Prof. Dr. Erhard Hartung – Innsbruck
Universitätsprofessor Dr. med. univ. Erhard Hartung wurde am 14.01.1943 als drittes von fünf Kindern in Innsbruck geboren, der Vater war Berufssoldat (Oberstleutnant der «Reitenden Tiroler Kaiserschüzen», Oberst der Wehrmacht, Diplom-Reit-Sportlehrer), die Mutter Ärztin. Schulbesuch in Innsbruck, Zams und Wien. Während des Studiums in Wien und Innsbruck über 44 Monate als Arbeiter vollbeschäftigt, trotzdem 1966 in kürzest möglicher Zeit Abschluss in 6. Generation zum Arzt. Währenddessen zum «Befreiungsausschuß Südtirol» gestoßen, dort ausschließlich humanitär tätig. Deshalb 1967 Verhaftung, 14 Monate Untersuchungshaft (1 Jahr in Einzelhaft) und Schwurgerichtsverfahren in Wien wegen angeblicher Beteiligung an einem Attentat auf der «Porzerscharte» (vier tote italienische Soldaten); erstinstanzlich wegen vierfachen Mordes lediglich zu einem Jahr Kerker verurteilt; in zweiter Instanz nicht rechtskräftig gewordener Freispruch. Letztlich Einstellung des Verfahrens durch den Bundespräsidenten Dr. Kirchschläger im Mai 1975. Ob gleicher Vorwürfe 1971 menschenrechtswidrig (minimalste Rechte der Verteidigung verletzt, weder Anklageschrift noch Urteil erhalten) in Florenz in Abwesenheit zu lebenslangem Kerker verurteilt; da- Univ.-Prof. Dr. Erhard Hartung her bis heute Einreise nach Südtirol nicht möglich. Um weiterer Haft zu entgehen, Flucht nach Deutschland, dort als Asylant 6 Jahre im politischen Exil. Auf persönliche Anregung von Bundeskanzler Dr. Kreisky und UN-Menschenrechtsbeauftragten Univ.-Prof. DDr. Ermacora Gründung der «Kameradschaft der ehemaligen Sütiroler Freiheitskämpfer», seit damals deren 1. Sprecher. In Berlin und Düsseldorf zum Anästhesisten ausgebildet, als solcher in Deutschland, den USA, China, Israel und Ländern der Dritten Welt in Lehre, in der Forschung und Patientenversorgung tätig und berufspolitisch aktiv. Träger des «Samuel-Hahnemann-Ringes», diverse Auszeichnungen und Ehrungen. Lebt in Tirol, verheiratet, drei Kinder. Durch eigene Erkenntnis und Erfahrung, Erziehung im Elternhaus und in der Schule ist mir das Schicksal meiner Tiroler Heimat bekannt. Gerade deshalb gestehe ich: es hat mich gefreut, als ab Ende der 50er Jahre meine Südtiroler

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Landsleute sich gegen den Terror der italienischen Besatzungsmacht zur Wehr setzten. Die Feuernacht Die Lage in Südtirol hatte sich bis zum Äußersten zugespitzt. Bereits im Jänner, Februar und April 1961 hatten einzelne Sprengstoffanschläge – darunter der auf den «Aluminiumduce» in Waidbruck und auf den Ansitz im Unterland, den ehemals Tolomei bewohnte – stattgefunden. Die italienische Regierung begegnete ihnen mit scharfen Polizeimaßnahmen. Im Rahmen dieser Maßnahmen kam es auch zum Gebrauch der Schusswaffe seitens Polizei und Militär. Die Erbitterung der Bevölkerung wuchs, die Entschließung der SVP vom 25. März blieb ohne Echo. Es folgte jenes Ereignis, das als die «Feuernacht» in die Geschichte Südtirols eingegangen ist. In der Nacht vom Herz-Jesu-Sonntag 1961 wurde im ganzen Land eine Reihe von Sprengstoffanschlägen auf Masten der Elektro-Überlandleitungen durchgeführt. Diese massiven Anschläge ließen nicht nur Italien, sondern darüber hinaus weite Kreise im Ausland aufhorchen. Mit einem Mal stand Südtirol im Mittelpunkt der Berichterstattung der Presse. Anfang Juli fanden weitere Anschläge statt. Schuld – Verständnislosigkeit In einer Debatte, die der Südtiroler Landtag zu diesen Ereignissen am 7. Juli

1961 durchführte, erklärte Dr. Magnago unter anderem: «Der Ursprung dieser Lage liegt in der Tatsache, dass der Pariser Vertrag in verschiedenen wesentlichen Punkten nicht durchgeführt und daher das Problem nicht gelöst wurde; er liegt in der Verständnislosigkeit, die von den Organen des Staates gegenüber den Forderungen an den Tag gelegt wurde, welche ich als gerecht und durchführbar sowie dem Pariser Vertrag entsprechend ansehe und gegen welche die verschiedenen Regierungen in den letzten fünfzehn Jahren eine, meines Erachtens, ungerechtfertigte Politik der Verschleppung und der Verständnislosigkeit angewendet haben.» Häftlinge gefoltert Ab 10. Juli wurden 67 in die Anschläge verwickelte Südtiroler verhaftet. Bald darauf stieg die Zahl der Inhaftierten auf über 100. Viele von ihnen wurden Folterungen unterzogen, die auch beim Carabinieri-Prozess in Trient und in den späteren Mailänder-Prozessen gegen die angeklagten Südtiroler bestätigt wurden. Der erste Mailänder-Prozess gegen die Angeklagten fand nach einer überlangen Untersuchungshaft derselben im Jahr 1964 statt. Stellvertretend für eine Reihe meiner österreichischen Kameraden möchte ich folgende, mir gestellte Fragen, beantworten:

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1. Was hat uns Jugendliche, damals noch überwiegend Studenten, bewogen, sich dem Südtiroler Freiheitskampf anzuschließen? 2. Für welche Ziele haben wir damals gestritten? 3. Welche Erfahrungen mussten wir ob unseres Südtirolengagements machen? 1. Der Aufruf des Gewissens Diverse Publikationen verurteilen nicht nur pauschal große Teile der Tiroler Bevölkerung, sondern offenbaren eine Unwissenheit über die historische Entwicklung und die Situation in Südtirol. Keine deutsche Volksgruppe hat länger, stärker unter dem faschistischen und nationalsozialistischen Terror gelitten und Opfer für die Freiheit gebracht, als wir Tiroler. Für die Landeseinheit gaben von 1918 bis heute 47 Personen ihr Leben. Deshalb wird die Gleichsetzung des Südtiroler Widerstandes mit Extremismus und Terror von vielen als Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener verstanden. Vielfach wird ohne weitere Prüfung unterstellt, dass die Gewaltanwendung während der 60er Jahre durch Südtiroler Freiheitskämpfer verwerflich und rechtsradikal sei. Nicht nur das Völkerrecht, sondern auch die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland sowie zahlreicher Länder erlauben, ja verpflichten sogar ausdrücklich zum Widerstand.

Nach den leidvollen Erfahrungen der Vergangenheit, insbesondere des Nationalsozialismus haben die Schöpfer der Verfassung gerade dieses Widerstandsrecht verankert. Selbstverständlich kann dieses Widerstandsrecht nicht leichtfertig in Anspruch genommen werden (z.B. RAF in Deutschland), sondern es bedarf einer gewissenhaften Prüfung. Vor einer Wertung oder oberflächlichen Ausführung ist es Pflicht zu prüfen, ob das Widerstandsrecht durch die damals verantwortlichen Männer und Frauen begründet wahrgenommen wurde. Gewalthafter Widerstand gegen einen Unrechtsstaat ist ja nicht von vornherein ein Unrechtstatbestand. Der Widerstand gegen die NS-Diktatur, das Attentat auf Hitler, die Aufstände in Berlin und Ungarn gegen kommunistische Diktaturen, der Freiheitskampf der Kolonialvölker und der Kampf der Juden für Israel sind Beispiele einer allgemein gerechtfertigten Anwendung von Gewalt. Was die Bundesrepublik Deutschland anbelangt, so blieben Gewalthandlungen gegen das Obristenregime in Griechenland, die von hier aus vorbereitet und durchgeführt wurden, in Deutschland ohne Strafverfolgung. Noch viel mehr: Prof. Dr. Mangakis, der an einem Sprengstoffanschlag auf eine Athener Tankstelle beteiligt war, wurde mit einem Bundeswehrflugzeug nach Deutschland ins

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Der Fremdenpass von Dr. Erhard Hartung. Wie Erhard Hartung mussten auch zahlreiche andere Österreicher ihre Heimat verlassen, um sich einer Verhaftung zu entziehen.

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Exil gebracht und mit einer Professur an der Bonner Universität betraut. Bevor ich auf den Befreiungsausschuss Südtirol (BAS) und meine persönliche Verantwortung im Südtiroler Freiheitskampf der 60er Jahre eingehe, erlaube ich mir die Wertung von Dr. Herbert Salcher vom 12.01.1995 (SPÖ-Landeshauptmannstellvertreter von Tirol und jahrelanger Finanzminister Österreichs) zum Südtiroler Widerstand zu zitieren: «Wer das Notwehrrecht der Südtiroler zur Erreichung des Selbstbestimmungsrechtes in Frage stellt, wird sich schwer tun, das Notwehrrecht gegen faschistische oder kommunistische Diktaturen glaubwürdig zu rechtfertigen». BAS (Befreiungsausschuss Südtirol) – aktiv: 1959-1969 Nach dem Ausschöpfen sämtlicher demokratischer Mittel, zahlreichen gewaltlosen Protestkundgebungen (u.a. Großkundgebung auf Schloss Sigmundskron 1957 unter der Führung der SVP und Parteiobmann Dr. Silvius Magnago) und dem Scheitern jeglicher Verhandlungen wurde wegen der Verschleppung vertraglich zugesagter Rechte und der Verständnislosigkeit des italienischen Staates sowie den Todesmarsch der Südtiroler Volksgruppe vor Augen, der Befreiungsausschuss Südtirol von Tiroler Patrioten gegründet. Es ist bekanntes Faktum, dass im BAS keineswegs rechtsradikale Personen do-

minierten; vielmehr wird deutlich, dass ehemalige Widerstandskämpfer gegen das NS-Unrechtsregime und den Faschismus sowie Konservative die Führung im Freiheitskampf innehatten und die Verantwortung trugen. Trotz zum Teil unterschiedlicher Herkunft, Religion, Weltanschauung und Beruf waren sich alle einig in der Sorge um die Zukunft ihrer Kinder und Südtirols, in der Liebe zur Heimat sowie im Glauben an die Werte der Demokratie. Der BAS-Führungskreis hat den Freiheitskampf in Südtirol sorgsam und verantwortungsbewusst geplant, um so mit minimalem Aufwand die größtmögliche Aufmerksamkeit und dadurch politischen Druck auf Rom zu erreichen. Um deutlich zu demonstrieren, wo die Südtiroler Freiheitskämpfer politisch stehen, wurde von ihnen als erste Handlung 1961 bei Waidbruck das überlebensgroße Mussolini-Denkmal, welches gemäß Inschrift dem «Genio del Fascismo» gewidmet war, gesprengt. Wie dem Buch «Feuernacht – Südtiroler Bombenjahre; ein zeitgeschichtliches Lesebuch» von Elisabeth Baumgartner u.a. (Edition Raetia, Bozen 1992) entnommen werden kann, hatte der BAS ausführliche Beratungen und Gespräche mit fast allen verantwortlichen österreichischen Politikern. Insbesonders darüber informiert und den Freiheitskampf gefördert bzw. begrüßt haben: Bundeskanzler Dr. Alfons Gorbach (ÖVP),

Außenminister Dr. Bruno Kreisky (SPÖ), Landeshauptmann Tschiggfrey, Wallnöfer, Gleißner, Krainer (alle ÖVP), Tiroler Landesräte Zechtl (SPÖ) und Mader (FPÖ). Der Tragweite ihrer Antwort wohl bewusst, rieten um Rat gefragte Priester den gläubigen Freiheitskämpfern, ihrem Gewissen zu folgen. Von Zeitzeugen, Historikern und um die Wahrheit bemühten Journalisten wird bestätigt, dass «… die Südtiroler Sprengstoffattentate der 60er Jahre, bei denen es keine Toten gab, zunächst inoffiziellen Rückhalt in Österreich hatten …». (Die Presse vom 18.03.1991: Auch Kreisky ließ es ein «bißl tuschen», Südtirols «Bumser» mit Freunden in Wien). Mittels Meinungsumfragen wurde die Akzeptanz des Widerstandes in der Bevölkerung überprüft. Völkerrechtsexperten und Theologen haben in notwendig anstehenden Fragen beraten. Beispielgebend dafür sei nachFolgendes Gutachten genannt: «Moraltheologische und rechtliche Beurteilung aktiven Widerstandes im Kampf um Südtirol», von Universitätsprofessor Dr. Dr. Fritz Klüber, Moraltheologe an der Universität Regensburg. Dieses Gutachten wurde vom Mondseer Arbeitskreis (befasste sich insbesondere mit dem Südtirol-Problem), zu dessen Mitgliedern auch der deutsche Bundesminister Josef Ertl zählte, in Auftrag gegeben und 1966 veröffentlicht. Daraus folgende Zitate:

Seite 58, letzter Absatz: «Es wird nur wenige Fälle im staatlich-politischen Geschehen der neueren Zeit geben, in denen das aktive Widerstandsrecht so eindeutig anerkannt werden muss wie im Falle Südtirols. Dass beispielsweise die Erhebung vom 20. Juli 1944 und der Ungarn-Aufstand im Jahre 1956 rechtlich legitimiert waren, wird nur selten bezweifelt.» Seite 65: «Die Entscheidung für den aktiven Widerstand ist nicht nur rechtlich erlaubt, sondern moralisch von höchstem Wert, weil hier der einzelne sich mit dem Risiko seiner Existenz in den Dienst der Gemeinschaft stellt. Die Südtiroler Volksgruppe hat das Recht, entweder der italienischen Staatsgewalt so lange aktiven Widerstand entgegenzusetzen, bis der Schutz des Volkstums durch rechtlich-institutionelle Sicherungen gewahrt ist, oder den Kampf solange weiterzuführen, bis zur vollen Herauslösung Südtirols aus dem italienischen Staatsverband.» Seite 76: «Auch das Strafrecht anerkennt den Grundsatz der Epikie als allgemeinen Rechtsgedanken und sucht den Besonderheiten von Grenzfällen und Ausnahmesituationen gerecht zu werden mit Hilfe der verschiedenen Rechtfertigungsund Entschuldigungsgründe. Im Zusammenhang mit unserer Fragestellung kommt dem von der Rechtspraxis entwickelten Institut des übergesetzlichen Notstandes entscheidende Bedeutung zu.

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Strafrechtslehre und Strafrechtspraxis begründen den übergesetzlichen Notstand als Rechtfertigungsgrund mit dem Prinzip der Güter- und Pflichtabwägung, das will sagen, dass im Falle einer Kollision berechtigter Interessen das weniger wertvolle Rechtsgut dem höherwertigen geopfert werden muss.» Und Seite 89 in der Zusammenfassung: «Das Verhalten österreichischer Staatsbürger, die in dieser Weise Südtiroler Widerstandskämpfer unter Außerachtlassung des Wortlautes positiver Rechtsnormen Hilfe zu leisten versuch-

ten, ist also moralisch und rechtlich erlaubt und ethisch von hohem Wert.» Diese Wertung wird lediglich von Linksradikalen, deren Sympathisanten und italienischen Faschisten nicht geteilt. Ursächlich dafür sind: der Verzicht des «Befreiungsausschusses Südtirol» – trotz wiederholter Angebote – auf Unterstützung von kommunistischen Staaten und Weigerung als Gegenleistung dafür, NATO-Basen in Südtirol und Italien anzugreifen. Ferner die Rücksichtnahme auf nationale Kräfte in der kommunistischen Partei Italiens und nicht zuletzt Scham
Ottokar Destalter (links), der Gründer des «Freundeskreises Südtirol» in Graz, mit Luis Amplatz.

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über den Verrat der eigenen Ideologie durch Nichtteilnahme am Südtiroler Freiheitskampf. Es verwundert daher nicht, dass in dieser Frage die Linksextremisten mit den Faschisten einig sind und öffentlich gemeinsam gegen uns Freiheitskämpfer agieren. Meine persönliche Verantwortung im Südtiroler Freiheitskampf der 60er Jahre Als ich mich für humanitäre – medizinische Hilfe zur Verfügung gestellt habe, war ich 20 Jahre alt und hatte gerade das 1. Medizinische Rigorosum bestanden. Durch meine medizinischen Erfahrungen in der elterlichen Praxis, beim Roten Kreuz (Burghard-BreitnerGruppe) und in der Klinik als Famulant, fühlte ich mich dazu fachlich ausreichend kompetent. Über meine Familie und die Universität Innsbruck waren mir Führungspersönlichkeiten des BAS bekannt. Ich hatte keinen Grund gesehen, erfahrenen, verantwortungsbewussten und im Widerstand gegen den Nationalsozialismus und Kommunismus bewährten Persönlichkeiten zu misstrauen oder an ihrer ernsthaften, ethischen Verantwortung zu zweifeln. Für meine Entscheidung, humanitär zu helfen, waren von Bedeutung: die bestialischen Folterungen an wehrlosen, politischen Gefangenen, der Tod von gefolterten Häftlingen in italienischen Gefängnissen, das An- und Erschießen von unbeteiligten Zivilpersonen und der später erfolgte Freispruch der

Folterknechte mit Auszeichnung durch den neofaschistischen Carabinierigeneral De Lorenzo. Unabhängig davon mahnte mich mein Gewissen. Mein Glaube an die Menschenrechte, Demokratie und das Wissen um die Verbrechen der gerade überstandenen Diktaturen machten mich sensibel für Unrecht. In meinem unmittelbaren Lebensraum erstand der Faschismus wieder! Sollte ich schweigen oder handeln? In Erinnerung an die Münchner Widerstandsgruppe «Weiße Rose», welche z.T. an der Innsbrucker Universität (Christoph Probst, am 22.02.1943 vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und hingerichtet) wurzelte und mir Vorbild war, entschloss ich mich zur Verteidigung von Recht und parlamentarischer Demokratie, aktiv zu werden. Meine christliche Erziehung und das angestrebte ärztliche Berufsethos setzten mir von Anfang an enge Grenzen. Bestärkt in meiner aus dem Inneren kommenden Entscheidung, den Südtiroler Freiheitskämpfern – gleich anderen Ärzten – als Mediziner beizustehen, wurde ich einerseits durch internationale Vereinbarungen, welche einen humanitären Einsatz ausdrücklich gestatten, als auch durch die bis heute währende Anerkennung meines lateinamerikanischen Kollegen Ernesto Che Guevara, verehrtes Idol und Symbolfigur des Antiimperialismus.

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Brief Oberhollenzer David
Bozen, 26.03.1967 Ich schreibe jetzt einige Zeilen über die ersten Tage meiner Verhaftung. Ich wurde am 14.02.1967 in Mühlen verhaftet, anschließend in die Carabinieri-Kaserne von Sand gebracht, dort gründlich durchsucht, gebunden und nach Bruneck gefahren. In Bruneck angekommen, hatten sie mich verhört. Sie kamen gleich wie die wilden Tiere. Sie leuchteten mir mit einer scharfen Lampe ins Gesicht, ich wurde geschlagen, bei den Haaren herumgezogen, verspottet und verhöhnt. Sie verbanden mir dann die Augen, brachten mich zu einem Wagen, der in Richtung Bozen fuhr. Bevor wir nach Bozen kamen, bedeckten sie mich noch mit einem Tuch. Ich musste aussteigen, und sie trugen mich in ein Gebäude, wo sie mich bald hinauf, dann hinunter, hin und dann wieder her trugen, endlich stellten sie mich auf den Boden, nahmen mir die Binde ab und entfesselten mich. Zuerst war ich wie blind, dann sah ich vor mir einen Herrn sitzen, bald kamen noch drei dazu, dann ging es wieder los. Einige blieben vor mir stehen und einige hinter mir. Zuerst bekam ich es ins Gesicht, die anderen gaben mir in den Rücken und in die Rippen, sie rissen mich bei den Haaren herum und gaben mir in den Magen, dass ich nur mehr schrie und so herumtaumelte und sie konnten freilich lachen. Ich weiß nicht mehr, wie lange alles gedauert hat. Sie verbanden mir dann wieder die Augen, füllten die Augenhöhle mit Watte, fesselten mich und trugen mich hinaus. Sie trugen mich ins Freie, dann wieder ins Innere eines Hauses, es ging eine Stiege hinunter, dann stellten sie mich nieder. Ich riss mir die Binde vom Kopf, da sah ich, dass ich in einem Keller war. Die Gesichter dieser Männer durfte ich anscheinend nicht sehen, da sie gleich alle hinter mir waren. Ich bekam eins hinter die Ohren, dann verbanden sie mir die Augen umso strenger, sodass es schmerzte. Sie entfesselten mich, zogen mich nackt aus und setzten mich auf eine meterhohe Bank, banden mir die Füße zusammen und die Hände auf den Rücken und legten mich hin und her auf die Bank. Die Füße banden sie mir am Boden in zurechter Höhe fest und die gebundenen Hände trieben sie hinter der Bank

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immer tiefer hinunter, bis ich nur mehr schrie, ich habe jeden Moment geglaubt, der Rücken muss entzweibrechen, so ließen sie mich hängen. Dann wurde mir ein scharfes, salzartiges Wasser, ich weiß nicht, was es war, in Mund und Nase eingepumpt, so dass ich keine Luft mehr bekam. Als sie mich losließen, war ich ganz schwach und schwindelig. Sie hielten mich fest, putzten mir mit einem nassen Lappen den ganzen Körper ab, zogen mich an und trugen mich in das andere Gebäude. Dann ging das Verhör wieder weiter. Einmal brachten sie mir was zum Essen, aber ich hatte keinen Hunger mehr. Am nächsten Morgen brachten sie mich dann in eine Zelle und holten mich einige Stunden später wieder. Sie sagten, sie holen jetzt einen Pfarrer, dann kann ich beichten, weil jetzt wird Schluss gemacht mit mir. Sie schrien mich an, ich werde nur mehr in Stücken hier hinauskommen. Manchmal wurde mir ganz schwindlig vor Schwäche. Am Freitag wurde ich dann in das Gerichtsgefängnis von Bozen, gebracht, dort hatte ich endlich meine Ruh, bekam zum Essen und konnte schlafen. – Was ich hier niederschrieb, ist meine Wahrheit und ich werde diese Wahrheit nicht mehr vergessen und werde desto fester und umso treuer zu meiner Heimat Südtirol stehen. Oberhollenzer David

Bis heute meist unbekannt und verschwiegen: Nicht nur bei den Verhören nach der großen Verhaftungswelle im Juli 1961, nach der Feuernacht, kam es zu grausamen Folterungen. Die italienischen Sicherheitskräfte benutzten auch später bei den Verhören immer wieder systematisch die Folter als Mittel zum Erfolg. Es gibt zahlreiche noch unveröffentlichte Dokumente und Berichte, die diese Übergriffe bestätigen. Der Brief von David Oberhollenzer ist nur einer von vielen. David Oberhollenzer wurde am 24. März 1967 verhaftet und zu 27 Jahren und 10 Monaten Gefängnis verurteilt. Im November 1971 wurde er begnadigt.

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Unabhängig davon hatten meine Eltern, welche schon immer politisch Verfolgten und Schwachen halfen, die damals polizeilich gesuchten Freiheitskämpfer Sepp Forer und Siegfried Steger, welche zeitweise gleich Geschwistern mit mir unter einem Dach wohnten, Gastrecht und Zuflucht gewährt. Auch blieb mir nicht verborgen, dass der BAS-Führer Dr. Heinrich Klier auf unserem Besitz ein Waffen- und Sprengstoffdepot unterhielt; Dr. Norbert Burger wurde bei der Beibringung einer Kaution, welche Voraussetzung für eine Entlassung aus der Untersuchungshaft war, geholfen. Zu alledem kam noch das Gedenken an den Landesfestumzug 1959, das Vorbild von Andreas Hofer (das Marmorrelief am Sockel seines Grabes in der Innsbrucker Hofkirche ist von Kleiber, einem Verwandten von mir, gefertigt) sowie politische Versprechen. Ich rufe in Erinnerung: Als ihre Abgeordneten nach erfolgter Ratifizierung des Unfriedensvertrages von St. Germain am 4. September 1919 aus dem Wiener Parlament scheiden mussten, gab der Präsident des Hohen Hauses den Südtirolern auf den künftigen Leidensweg das «Heilige Ehrenwort» mit, dass es niemals ein österreichisches Parlament und niemals eine österreichische Regierung geben werde, «der ein Opfer von Blut und Gut zu hoch sein wird, um die Südtiroler in ihrem

Kampf um die Erhaltung ihrer Heimat zu unterstützen». Und immer wieder erreichten uns Berichte von Folterungen an Südtiroler Freiheitskämpfern, auch solchen, die mir persönlich bekannt waren, da sie aus Österreich stammten. Das Ausmaß der dadurch entfachten Emotionen, welche mich als an Recht und Gerechtigkeit Glaubender ergriff, kann jeder nachvollziehen, der die Folterberichte dieser Jahre liest. Da weitaus unbekannt, gebe ich die Aussagen von noch 1967 Gefolterten wieder: «… Man hat mich die ganze Nacht gefoltert, von dem Genitale bis hinten mit Fußtritten von Offizieren und hinauf mit Faustschlägen. Ich musste auf einem Fuß stehen und die Hände in die Höhe halten. Sobald ich müde wurde, hat mir ein Offizier die Bauchhaare mit einer Zigarette verbrannt und wenn die Hände müde geworden sind, sodass sie heruntergerutscht sind, wurde ich auf dem Kopf geschlagen. Dann ist der Hauptmann auch mit einer Zigarette gegen die Hände gefahren, damit ich sie wieder hochriss. Dann hat man mir die Augen verbunden und mich weggebracht. Ich wurde weggetragen und in ein anderes Gebäude gebracht; ich konnte hören, dass es sich um eine Kaserne handeln musste. Ich kam in einen Keller, ich wurde entkleidet, nackt auf den Tisch gelegt und gestreckt, dabei wurde mir

eine Flüssigkeit in den Mund geschüttet; da ich die Zähne zusammenbiss, haben sie mir einen Schlauch in die Nase geschoben und die Flüssigkeit dort hineingeschüttet. Zwei haben auf meinen Bauch getrommelt und die Hoden zusammengedrückt. Dann haben sie mich aufgehoben, die Hände durchgeschüttelt, dann wieder niedergebunden und gestreckt … sie haben mich in einem Kombiwagen gelegt und zurückgeführt; dort ging es weiter mit Fußtritten gegen die Rippen, Genitalien und Gesicht, Stockschläge auf den Kopf; es ging in die Früh …» (Quelle: gerichtliche Aussage des Osttirolers Andreas Egger vom 9. Mai 1971, beim Landesgericht für Strafsachen Wien: Onr. 364, Blatt 499 ff, 20 Vr 6502/ 67 Hv 41/63). Kaum weniger ergreifend sind die an Karl Schafferer (Innsbruck) verübten Folterungen, wie er diese Jahre später an Eides Statt bei Gericht schildert: «Folterung – Zur Vorlage bei Gericht oder Behörden, erkläre ich nachstehend an Eides statt: Ich wurde am 12.09.1967, gemeinsam mit Hansjörg Humer, in Sarns bei Brixen von italienischer Geheimpolizei verhaftet und nach Bozen in die Carabinierikaserne, Dantestraße gebracht. Dort wurden wir, jeder in einem anderen Raum, verhört. In den folgenden drei Tagen und Nächten, in welchen ich weder zu trinken noch zu essen bekam, auch nie schlafen durfte, wurde ich

mehreren Torturen unterzogen, um ein entsprechendes Geständnis von mir zu erhalten. Ich wurde geschlagen, gebunden und mehrmals gestreckt, getreten und angebrüllt. Das alles dauerte drei Tage und drei Nächte … Ich kann heute auch nicht mehr sagen, was für Protokolle ich damals unterschrieb, sie wurden zwischendurch alle vorgefertigt. Sicher war ich damals auch gar nicht in der Lage, sie richtig zu lesen. Ich kannte jedenfalls die mir vorgetragenen, angeblichen Täter von der Porzescharte gar nicht und hatte damit auch niemals zu tun. Die Sprenganschläge, an welchen ich beteiligt war, habe ich schließlich gestanden. Fiecht, den 1. Dezember 1979.» Eine Veröffentlichung dieser Zeitdokumente durch Amnesty International (Frau Dr. Irmgard Hutter, Österreichische Sektion in Wien und Herr Zbynek Zeman, Head of Research International Secretariat in London) erfolgte meines Erachtens nicht, obschon eine schriftliche Dokumentation durch mich vorgelegt wurde. Auch wenn die Garanten der Menschenrechte, die Verfechter der Europäischen Werte und die Wächter der political correctness dazu geschwiegen haben, ich konnte das nicht. Gemeinsam mit Freunden und dem Rechtsanwalt Dr. Hugo Gamper, Vizebürgermeister von Bozen und SVP-Abgeordneter im römischen Parlament, haben

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wir im «Buchdienst Südtirol» (Nürnberg) in mehrfach 10.000-facher Auflage die seinerzeit vom Mondseer Arbeitskreis herausgegebene Broschüre «Die Schändung der Menschenwürde in Südtirol. Eine Dokumentation über die Folterungen der Südtiroler politischen Gefangenen durch die italienische Polizei» gegen großen Widerstand heimischer Persönlichkeiten auf eigene Kosten neu herausgegeben. Zeitgleich wurde ein demokratischer Protest gegen das faschistische Siegesdenkmal in Bozen durch uns gestartet. Zusammenfassend stelle ich fest: Es ist erwiesen, dass ich zu keinem Zeitpunkt an aktiven Widerstandshandlungen beteiligt war. Meine Hilfe hatte sich stets auf medizinischen Beistand beschränkt. Dazu bekenne ich mich auch heute noch und sehe keinen Anlass, mich davon zu distanzieren. Sämtliche Freiheitskämpfer bedauern, dass zur Erlangung legitimer Ziele überhaupt Gewalt angewandt werden musste. DER AKTIVE WIDERSTAND WURDE IN NOTWEHR GEGEN EINEN DAMALS GEWALT AUSÜBENDEN, IN SÜDTIROL UNDEMOKRATISCH UND FASCHISTISCH HANDELNDEN STAAT AUSGEÜBT. Auch wenn ich selbst jegliche Gewalt ablehne, so habe ich Verständnis dafür, dass damals Landsleute in den Widerstand gegangen sind. Keiner der damaligen Führungspersönlichkeiten sieht sich veranlasst, sich von

den damaligen Aktivitäten zu distanzieren. Alle sind in meiner Heimat hochgeschätzte Persönlichkeiten. Ich habe auch zu keiner Zeit Gewalt befürwortet. DEN DAMALIGEN FREIHEITSKÄMPFERN WAR DEUTLICH KLAR, DASS SICH IHR RECHT ZUM AKTIVEN WIDERSTAND AUSSCHLIESSLICH AUF EINE IN JEDER HINSICHT STRENG BEGRENZTE UND ÜBERPRÜFBARE SITUATION BEZOG. 2. Zielsetzung und Ergebnisse Unser aller Wunsch und primäres Ziel war, für Südtirol die Selbstbestimmung und dadurch die Rückgliederung an das Vaterland Österreich zu erreichen. Dass wir hierbei nicht erfolgreich waren, lag wahrlich nicht an fehlendem Einsatz und mangelnder Opferbereitschaft von uns Freiheitskämpfern, sondern ausschließlich an den dafür verantwortlichen Südtiroler und österreichischen Politikern sowie den damaligen internationalen Umständen. In Südtirol war die Situation anders als z.B. in Zypern: dort gab Erzbischof Makarios, der politische Führer der griechischen Zyprioten, der Unabhängigkeit seines Landes Vorrang vor seiner persönlichen Freiheit und teilte mit seinen EOKA-Kämpfern die Sorgen und Qualen einer politischen Haft. Solch positive Beispiele von Politikern gibt es nicht nur in Europa, sondern in fast allen Ländern, welche erst durch einen Freiheitskampf ihr koloniales Joch abschütteln konnten.

In der von Dr. Harald Ofner erstellten und dem Gericht in Linz 1996 vorgelegten Studie zur italienischen Unterwanderung Südtirols hieß es wörtlich: 1. Als Südtirol vom italienischen Militär besetzt wurde, gab es im Lande ca. 3% Italiener. Durch die konsequente Förderung der Zuwanderung lag bei den Landtagswahlen von 1960 die Zahl der von Italienern abgegebenen Stimmen bei 36,1%. Die Zunahme des italienischen Bevölkerungsanteiles erfolgt kontinuierlich all die 42 Jahre hindurch. In der Legislaturperiode des Südtiroler Landtages von 1956–1960 stieg die Zahl der italienischen Stimmen in Südtirol noch um 1,2% von 34,9% auf 36,14%. Alle Bemühungen von 1918 bis 1960, die Zuwanderung mit friedlichen Mitteln zum Stillstand zu bringen, schlugen fehl. 2. Bei Anhalten der Zuwanderung in der in den letzten Jahrzehnten gezeigten Intensität wäre abzusehen gewesen, dass die Italiener über kurz oder lang eine Mehrheit von 51% in Südtirol hätten erlangen können. Südtirol wäre damit von einem fast rein deutschsprachigem Land im Jahre 1918 zu einem mehrheitlich italienischsprachigem Land geworden. 3. Ab 1961 erfolgte dann tätiger Widerstand in Südtirol. Wie die Auswertung der Landtagswahlergebnisse und die Gegenüberstellung derselben ex 1956, 1960 und 1964 zeigt, brachte der Beginn des tätigen Widerstandes den faktischen Stillstand der italienischen Zuwanderung mit sich, der schließlich sogar in eine italienische Abwanderung aus Teilen Südtirol mündete. Dem tätigen Widerstand war also gelungen, was mit friedlichen Mitteln in den 42 Jahren von 1918 bis 1960 nicht hatte erreicht werden können, nämlich den Südtirolern eine Atempause in ihrem Ringen um die Mehrheit im eigenen Lande gegen die italienische Zuwanderung zu verschaffen. 4. Im Einzelnen ergibt die Auswertung der Südtiroler Landtagswahlen aus den Jahren 1956, 1960 und 1964… folgendes: Während, wie schon erwähnt, bis 1960 der Anteil der italienischen Stimmen kontinuierlich auf 36,14% gestiegen war, konnte er von 1960 auf 1964 (36,3%) erstmals praktisch gleich hoch gehalten werden. Während von 1956 auf 1960 die Zahl der Südtiroler Stimmen nur um 6.766 gestiegen war, die der italienischen Stimmen jedoch um 7.666 – so stieg nun von 1960 auf 1964 die Zahl der Tiroler Stimmen stärker, nämlich um 7.091, die der Italiener stieg aber wesentlich geringer, nämlich nur mehr um 4.630, was ungefähr der Quote des natürlichen Zuwachses entspricht. Öfners Studie, die von dem Linzer Schwurgericht als Beweismittel zugelassen worden war, trug wesentlich zu den Freisprüchen der Freiheitskämpfer bei, da die Geschworenen nun von dem Sinn des Freiheitskampfs überzeugt worden waren.

Die Volkszählungen bestätigen Ofners Feststellung
Die Volkszählungen von 1961, 1971 und 1981 bestätigen voll die Feststellungen, die Dr. Ofner anhand der Landtagswahlergebnisse hatte treffen können:
Jahr Gesamte ansässige Bevölkerung Deutsche (%) Ladiner (%) Deutsche u. Ladiner (%) 232.717 (62.25%) 1961 373.863 12.594 (3.37%) (65.62%) 260.351 (62.99%) 15.456 (3.73%) (65.62%) 279.544 (64.9%) 17.736 (4.1%) (69.00%) 128.271 (34.21%) Italiener (%)

1971

414.041

137.759 (33.27%)

1981

430.688

123.696 (28.70%)

Zwischen 1961 und 1971 hatte eine Trendumkehr stattgefunden. Die Italiener hatten um einen Prozentpunkt abgenommen, die Deutschen hatten um 0,7% zugenommen und die Ladiner hatten um 0,3% dazugewonnen.

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Dazu im Gegensatz stehen jene, wie der Franzose Marschall Petain, der Norweger Quisling und sämtliche Regierungspräsidenten des ehemals kommunistischen Osteuropas, welche sich, aus welchen Gründen auch immer, mit der Besatzungsmacht arrangierten. Über Letztgenannte hat die Geschichte bereits geurteilt: über unsere damals verantwortlichen Politiker steht, meiner Ansicht nach, ein endgültiges Urteil noch aus. Der BAS hat 1969 seinen Widerstand eingestellt, nachdem das sogenannte «Südtirolpaket» zwischen Österreich und Italien verabschiedet wurde, um nun den Politikern die Chance zu geben. Auch wenn dieses «Paket» inhaltlich in entscheidenden Punkten schlechter z.B. als die vorbildliche Regelung auf den Aalandinseln ist, hat es den Südtirolern eine «Verschnaufpause» und Wohlstand gebracht. Es hat weitere 25 Jahre gedauert, bis die im «Südtirolpaket» gemachten Zusagen von Rom verwirklicht wurden. Offen ist heute lediglich der vorgesehene Freundschaftsvertrag zwischen Österreich und Italien. Die bis heute nicht eingelöste Zusage auf eine Generalamnestie seitens Italiens und das durch Parlamentsbeschluss dazu verpflichtete Österreich stehen dem entgegen. Im August 1994 ist eine zuvor abgesprochene Lösung wegen des Vetos des ultrarechten Koalitionspartners Alleanza Nazionale gescheitert.

Heute hat Südtirol für europäische Minderheiten laut Aussagen von Politikern Modellcharakter. Die gezielte Unterwanderungspolitik wurde erfolgreich unterbunden. Beides ist nach allgemeiner Auffassung überwiegend jenen Personen zu danken, die für die Heimat Südtirol ihr Leben opferten, eingekerkert, gefoltert oder in das Exil verwiesen wurden. Wird post festum die Verhältnismäßigkeit der seitens der Südtiroler Freiheitskämpfer angewandten Gewalt geprüft und im Vergleich zum Erreichten gesetzt, so ist diese Frage beim Blick nach Nordirland, dem Baskenland, Israel-Palästina, Tschetschenien oder dem ehemaligen Jugoslawien sicher einfach zu beantworten. Unabhängig von dieser politischen Forderung war es unser Hauptanliegen, die italienische Unterwanderung zu stoppen und den deutsch-tiroler Charakter unserer Heimat auch für die eigenen Nachfahren zu erhalten. Zu Recht sprach Kanonikus Michael Gamper vom «Todesmarsch» unserer Tiroler Volksgruppe: Durch die gezielte italienische Unterwanderung und das Abdrängen der dadurch arbeitslos gewordenen Jugend in das Ausland war der Tatbestand des Genozids erfüllt. Wie beiliegendes Dokument nachweist, wären wir Tiroler während der 60er Jahre in der eigenen, angestammten Heimat zur Minderheit geworden. Wie bereits in «Der Tiroler» (Heft 2/1984

Die Elite der österreichischen Rechtsanwälte verteidigt bei den Südtirol-Prozessen in Graz.

und Heft 43/1995) berichtet, brachte der Freiheitskampf die Wende. Dr. Gerulf Stix, 3. Nationalratspräsident und Träger des großen, goldenen Ehrenzeichens von Tirol, beurteilt in einem Schreiben an mich, vom 06.01.1995, die damalige Situation wie folgt: «Aber alle diese Vorwürfe gegen Ihre Person machen mich trotz ihrer Unbegreiflichkeit nicht so betroffen, wie die Sie belastende Gleichsetzung des Südtiroler Freiheitskampfes mit Rechtsextremismus. Ich kann in dieser Frage völlig

unbefangen Stellung nehmen, weil ich stets für gewaltfreie Politik eingetreten bin und mich selbst auch niemals an irgendwelchen mit Gewalt verbundenen Aktivitäten beteiligt habe. Die Diskussion darüber, in welchen Situationen Gewalt in der Politik als ultima ratio moralisch vertretbar erscheint, ist eine Sache. Eine ganz andere Sache ist die unkritische Gleichsetzung von Freiheitskampf mit Rechtsextremismus. Den Südtirol-Aktivisten ging und geht es um den praktisch wirksamen Schutz

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der Südtiroler, also einer deutschen Minderheit im Staate Italien. Der kulturelle Bestand dieser Tiroler Volksgruppe war bis in die 60er Jahre ernstlich gefährdet, weil in Südtirol entgegen den demokratischen Traditionen des italienischen Nationalstaates im fortlebenden Geiste der faschistischen Traditionen des Italiens Mussolinis die politischen Weichen auf kulturpolitische «ethnische Säuberung» gestellt blieben. Erst eine UNO-Resolution musste den italienischen Staat auf seine Verpflichtung zur Schaffung einer echten Autonomie für die Südtiroler hinweisen. Und auch dann zögerte Rom dies hinaus. Tatsächlich begannen die zielführenden Verhandlungen über einen Autonomie-Status für Südtirol erst, nachdem die Sprengung von Strommasten durch Südtirol-Aktivisten die Öffentlichkeit wachgerüttelt hatte. Man mag diese Aktionen bedauern, es bleibt historisch gesehen ein Faktum, dass erst durch sie die heute relativ gute Autonomie für die Südtiroler auf dem Weg der (langsamen!) Realisierung gebracht werden konnte. Es bleibt ein weiteres Faktum, dass man die Motive der seinerzeitigen Südtirol-Aktivisten moralisch als ein Eintreten für Minderheitenschutz, für kulturelle Freiheitsrechte und als ein Kampf gegen faschistisches Unrecht anerkennen muss und auch dann, wenn man die Mittel nicht billigt.

Spätere und mit beklagenswerten Todesfällen belastete Anschläge in Südtirol wurden zwar dem Freiheitskampf der 60er Jahre zugeschrieben, dürften aber nach heutigem Wissensstand, den wir der objektiven Aufdeckungsarbeit italienischer Juristen verdanken – sie verdienen unsere Hochachtung – auf das Konto bestimmter Kreise innerhalb des italienischen Geheimdienstes gehen. Wer von allen diesen Zusammenhängen nichts weiß, sollte nicht vorschnell den Stab über die frühen Südtirol-Aktivisten brechen.» 3. Erlebtes Unrecht Um die Hilfe aus Österreich zu unterbinden, handelte Italien wider die europäischen Werte: gegen Österreich werden, teilweise bis heute aufrechte Einreiseverbote («Schwarze Listen») erlassen und wir benötigten, gleich wie bei Reisen in totalitäre Staaten, ein Visum (siehe Faksimile) für Fahrten in die Südtiroler Heimat. Die österreichische Regierung unterstützte nach den ersten größeren Sprengstoffanschlägen der Herz-Jesu-Nacht 1961 nicht die Südtiroler «in ihrem Kampf um die Erhaltung ihrer Heimat», sondern half auf vielfältige Weise den italienischen Behörden bei der brutalen Unterdrückung des Tiroler Freiheitswillens. So folgte Wien der italienischen, aber auch kommunistischen Doktrin,

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wonach der Südtirol-Widerstand angeblich eine neonazistische Bewegung sei. Darauf angesprochen, wie es komme, dass der bewaffnete Kampf in Algerien, auf Zypern und in Südvietnam in kommunistischen Augen gut, der aktive Widerstand in Südtirol aber schlecht sei, machte das KPÖ-Periodikum «Weg und Ziel» im Oktober 1966 den feinen ideologischen Unterschied, dass die «…nationalen Befreiungskämpfe der unterdrückten kolonialen und halbkolonialen Völker…» die «…demokratischen und sozialistischen Perspektiven in der ganzen Welt…» fördern, wogegen die «…verbrecherischen Pläne neofaschistischer Gruppierungen…» in Südtirol darauf abzielen, «…mit der Aufrollung der Grenzfragen in Europa…» die Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges zu revidieren. In diesem politischen Zweckdenken befangen, erhob daher die österreichische Moskau-Partei von Anfang an ihre unpopuläre «Volksstimme» gegen den Südtiroler Freiheitskampf. Aber nicht nur sozialistische, sondern auch katholische Blätter folgten den Kommunisten auf ihrem geistigen Abweg und begannen, die Südtirol-Aktivisten als «Verbrecher» und «Neonazis» in den Dreck zu ziehen. Dabei ist nichts absurder als dieser Vorwurf: Unter «Neonazi» muss man logischerweise einen Menschen verstehen, der die Politik des Nationalsozialismus fortsetzen will. Die Südtiroler Freiheits-

kämpfer aber wollten im Gegenteil das von Mussolini gesetzte und von Hitler sanktionierte Unrecht an Südtirol wiedergutmachen. Selbst der italienische Strafrechtler Nuvolone bescheinigt dem Befreiungsausschuss Südtirol (BAS), dass in seinen Flugblättern ein brennender Wunsch nach Freiheit und Demokratie in Erscheinung tritt, «eine Geisteshaltung, die zur nationalsozialistischen Ideologie im krassen Gegensatz steht». Gemäß dem stenographischen Protokoll (Wien, Parlament) sollen in «Sachen Südtirol» in Österreich 147 Personen inhaftiert, davon aber lediglich 39 verurteilt (zumeist nicht rechtskräftig) worden sein. Das heißt mit anderen Worten, dass etwa 130 Personen aus politischen Gründen – im Fall von Peter Kienesberger über mehrere Jahre – unschuldig eingesperrt waren. Wir Österreicher haben ob unseres Engagements für die Freiheit Südtirols und die Verwirklichung der Menschenrechte im italienisch besetzten Teil unserer Heimat insgesamt knapp 50 Jahre in eigenen und italienischen Kerkern oder/und Jahre im politischen Exil verbringen müssen. Meine eigenen Benachteiligungen, welche mir aus meinem Einsatz für die Rechte meiner Südtiroler Landsleute entstanden, sind: - 15 Monate politische Untersuchungshaft; - 6 Jahre im Exil;

- seit 1967 die Südtiroler Heimat nicht gesehen; - wiederholte Gerichtsverhandlungen; - finanzielle Verluste durch: verspätete Approbation und Facharztanerkennung, Verhinderung von Habilitation und Chefarztposition; - wiederholte Verleumdung durch den italienischen Geheimdienst und die Medien; - anonyme Gewaltandrohungen gegen Familie, eigene Person und Eigentum. Trotz alledem widerfuhr den so Verfolgten von offizieller Seite auch vielfach Hilfe und Sympathie: Ein Großteil der Verteidigerkosten in diversen Südtirol-Prozessen wurde übernommen und unabhängig von der Weltanschauung setzte sich Österreich stets für eine vorzeitige Freilassung von politischen Südtirol-Häftlingen ein. Insbesonders während der Zeit, als Italien mit internationalen Haftbefehlen nach Freiheitskämpfern fahndete, bemühte sich Österreich in vorbildlicher Weise um seine in Drittländern lebenden, davon betroffenen Staatsbürger. Mehrfache Auslieferungsbegehren seitens Italiens und andere Verfolgungen konnten verhindert werden. Im Widerspruch dazu seien eine Reihe bedenklicher Aktionen der eigenen Justiz- und Polizeibehörden, wie ich diese von den Betroffenen erfahren oder selbst erlebt habe, genannt.

Angesichts der frischen Gräber der von den Carabinieri in Haft zu Tode gemarterten Südtiroler Anton Gostner und Franz Höfler aber, hatte die Polizei in Österreich Jagd auf alle Patrioten gemacht, die auf Grund erfolterter Geständnisse von Italien verdächtigt wurden. Am 25. August 1961 erfolgte im Zusammenhang mit dem Südtiroler Freiheitskampf die erste Verhaftung in Österreich, der im Laufe der Zeit mehrere Dutzend weitere folgten. Die Wiener akademische Burschenschaft Olympia, der Dr. Norbert Burger und einige seiner Mitkämpfer angehörten, verfiel aus diesem Grund der Auflösung durch den sozialistischen Innenminister Beppo Afritsch. Nach einigen Monaten Untersuchungshaft wieder freigelassen, opferte Burger seine wissenschaftliche Karriere an der Universität Innsbruck dem Südtiroler Freiheitskampf. Durch neue Verdächtigungen seitens der Behörden, die sich zwar im weiteren Verlauf als falsch erwiesen, jedoch einen Haftbefehl zur Folge hatten, wurde Burger veranlasst, im Februar 1963 nach München zu flüchten, um einer Untersuchungshaft von unbestimmter Dauer zu entgehen. Als ihn der bundesdeutsche Kameramann und italienische Agent Peter Knips schließlich im Sommer 1964 in Klagenfurt an die österreichische Polizei verriet, lösten ausführliche Knips-Aussagen eine neue Verhaftungswelle aus.

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Angeklagte und ihre Verteidiger in Graz, Südtirol-Prozesse.

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Dem italienischen Spitzel aber, der den Auftrag hatte, Burger zu ermorden, gewährten die österreichischen Behörden trotz seiner Mitwirkung an der Vorbereitung von Sprengstoffanschlägen Straffreiheit. Knips durfte unbehelligt nach Westdeutschland ausreisen, nachdem man es nicht einmal der Mühe Wert gefunden hatte, den Verräter über das italienische Agentennetz in Österreich zu befragen. Seit 1967 arbeiten österreichische Behörden mit italienischen eng zusammen. Um den gemeinsamen Kampf gegen den Südtiroler Freiheitskampf zu koordinieren, traf sich Nordtirols stellvertretender Sicherheitsdirektor Dr. Obrist sogar wieder-

holt mit Carabinieri-General Palombi in der Schweiz und in Südtirol. Auf dieser gemeinsamen Linie lag auch das Auftreten des Wiener Polizeiobersten Massak beim Prozess in Florenz. Nach telegraphischer Intervention des italienischen Justizministers wurde Massak dieser Schritt möglicherweise von seinem Vorgesetzten, dem österreichischen Innenminister, nahegelegt. Als «Privatmann» belastete der Sprengstoffexperte die Angeklagten im Südtirol-Prozess mit seinem Wissen, welches er ausschließlich in dienstlicher Eigenschaft erworben hatte. Nach übereinstimmender Meinung der Prozessbeobachter trug diese, nach

österreichischem Gesetz strafbare «Gefälligkeit» maßgeblich zur Verurteilung von Freiheitskämpfern zu insgesamt viermal lebenslänglich und 214 Jahren Kerker bei. Auch nach Südtirol entsandte man Massak mit dem Auftrag, den Italienern beim Entschärfen von Minen in der «Landshuter Hütte» behilflich zu sein, welche angeblich von Südtiroler Freiheitskämpfern gelegt worden waren. Diese Art von Hilfsbereitschaft hätte Massak bald das Leben gekostet, denn in Wirklichkeit handelte es sich um eine Falle des italienischen Geheimdienstes, die niemand anderem als ihm selbst zugedacht war. Nur durch Zufall entging Massak dem Tod, den ihm seine italienischen

Polizeipartner zugedacht hatten. Mit dem zum Glück misslungenen Massak-Massaker beabsichtigten die italienischen Initiatoren, Emotionen gegen die Südtiroler Freiheitskämpfer in Österreich zu schüren. Auf italienischer Seite standen Teile der bis vor kurzem noch von Kommunisten unterwanderten österreichischen Staatspolizei ebenfalls nach den Anschlägen, die am 23. September 1963 das Salzkammergut erschütterten. Dabei wurde nicht nur das Löwendenkmal an der Straße gesprengt, sondern auch durch Haftladungen an der Ebenseer Saline ein Gendarmeriebeamter getötet. Ein Blutbad an Schülern, welche die Seil-

Auch österreichische Studenten beteiligten sich an den Widerstandsaktionen. Zahlreiche wurden während ihrer Aktion verhaftet und eingesperrt. V.l.n.r. Helmut Golowitsch und Johannes Klein am 16.9.1961.

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bahn benutzen wollten, wurde durch einen glücklichen Zufall verhindert. Zwei weitere Gendarmeriebeamte wurden schwer, ein Gendarm und ein Journalist leicht verletzt. Obwohl am Tatort italienische Ausweise und Abzeichen gefunden wurden und Zeugen vier junge Italiener beobachtet und beschrieben hatten, ignorierte die österreichische Staatspolizei bewusst diese eindeutigen Spuren. Stattdessen wurde der unschuldige Südtirol-Kämpfer Kurt Welser verhaftet, der aber für die Tatzeit ein hieb- und stichfestes Alibi erbringen konnte und daher nach einmonatiger Untersuchungshaft wieder freigelassen werden musste. Verhaftet wurden aber auch die beiden Südtiroler Jörg Klotz und Luis Amplatz, deren Ansehen man in der Öffentlichkeit dadurch herabzusetzen trachtete, dass man die beiden ehrenhaften Patrioten mit dem Mordanschlag von Ebensee in Verbindung zu bringen suchte. Die italienische Polizei ermittelte schließlich als Täter die Neofaschisten Giorgio Massara, Sergio Poltronieri und Luciano Rolando. Da in Italien eine Anklage wegen im Ausland begangener Straftaten, die in diesem Fall immerhin einen Toten und zwei Schwerverletzte gefordert hatten, nur auf besondere Weisung des Justizministeriums erhoben werden kann, kamen die Verbrecher mit einer Verurteilung wegen unerlaubten

Waffenbesitzes davon. Um sich einer späteren, erneuten Strafverfolgung zu entziehen, sollen sie letztlich nach Südamerika ausgewandert sein. Im Gegensatz zur provokanten Milde Italiens aber stand der blinde Eifer, den österreichische Organe bei der Verfolgung von Südtirol-Aktivisten an den Tag legten. Nach der Explosion auf der Porzescharte, am 27. Juni 1967, wurde angeblich dort ein Handschuh gefunden. Der dazu passende zweite aber fand sich, als fast ein Dutzend österreichischer Polizisten in der Wohnung von Peter Kienesberger eine Hausdurchsuchung veranstalteten. Dieser seltsame Zufall ging selbst den Geschworenen im Strafprozess zu weit, welche die Angeklagten freisprachen und im Beratungsprotokoll die Handschuhgeschichte ausdrücklich als unglaubwürdig bezeichneten. In der Niederschrift der Geschworenen heißt es dazu wörtlich: «Das Beweisverfahren hat gewisse Zweifel an der Schuld offen gelassen, insbesondere die Zeit-WegRechnung lässt es nicht genau sicher erscheinen, ob die Angeklagten genügend Zeit gehabt haben, das ihnen zur Last gelegte Delikt ausführen zu können. Ferner waren einige Punkte nicht als stichhaltig anzusehen, so z.B. der Handschuh, der gefunden wurde und die dazu geführten Untersuchungen.» Die starke politische Einflussnahme Italiens, das Österreich ständig mit sei-

nem Veto zu den für Österreich wirtschaftlich notwendigen EWG-Vertrag erpresste, ist bei diesem Prozess heute ausreichend nachgewiesen. Leider reichte der seinerzeitige Bundeskanzler Dr. Klaus diesen Druck weiter. So gab er am 13.12.1968, wenige Tage nach der Urteilsverkündung, seine «…volle Zustimmung zu dem Veranlassten…». Gemeint waren unter anderem Weisungen, in das Verfahren eines unabhängigen Gerichtes einzugreifen und den vorsitzenden Richter Dr. Kubernat zu veranlassen «…den Prozess in einer würdigen Form zu führen…». Dies wurde von ihm so verstanden, dass er in der Belehrung der Geschworenen von diesen forderte, die außenpolitischen Folgen für Österreich des ob der Sachlage zu erwartenden Freispruches zu bedenken. Für die Freiheitskämpfer bedeutete dies vorerst einen nie rechtskräftig gewordenen Schuldspruch, weitere Jahre der Untersuchungshaft und/oder politisches Exil. Lange hat es gedauert, bis diese Fehlentscheidung zumindest juristisch korrigiert wurde. Um gegen die zwiespältige Haltung Österreichs in der Südtirol-Frage aufmerksam zu machen, hatte Peter Kienesberger gleich Jahre später Erhard Hartung demonstrativ den Wehrdienst im österreichischen Bundesheer verweigert, als sie den Stellungsbefehl erhielten: «Ich kann nicht einsehen, warum der Einsatz für Recht und Freiheit in Südtirol ein Verbre-

chen sein soll, gleichzeitig aber ein möglicher Einsatz zur Verteidigung des Waldviertels eine Heldentat», erklärte Kienesberger 1964 seine Bereitschaft, alle sich aus seiner Gewissensentscheidung ergebenden Konsequenzen zu tragen. Dabei konnte er, als er nach zwei Tagen als Panzergrenadier der Reserve nach Hause geschickt wurde, noch nicht einmal ahnen, dass die österreichische Regierung unter «Kriegsminister» Prader im Sommer 1967 auf die Idee kommen würde, die Brennergrenze – nach den Worten des Nordtiroler Landeshauptmannes Wallnöfer ein Unrecht – durch Einheiten des österreichischen Bundesheeres vor den Freiheitskämpfern schützen zu lassen. Über Anforderung des Innenministers stellte General Fussenegger (MFLV Z1.378.732 vom 10.07.1967) in der Zeit vom 12. Juli bis zum 15. November 1967 insgesamt neun Bataillons, wovon jeweils drei gleichzeitig im Einsatz waren, gemäß § 2 Abs. 1 Wehrgesetz dafür zur Verfügung. Mit Ausnahme von schweren Waffen war die Ausrüstung an Personal und Material «frontgerecht». Ferner war die Truppe im Raum Nordtirol auf Zusammenarbeit mit einer Staffel Hubschrauber (Standort Schwaz), im Raum Osttirol mit einer Kette Hubschraubern (Standort Lienz) angewiesen. Zur Durchführung des zweifelhaften, vom Volk nicht gebilligten Auftrages (wie Landes-

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hauptmann Wallnöfer eingestand, gab er seine Zustimmung lediglich deshalb, da er Fehlinformationen aufsaß), wurde extra ein eigenes Regimentskommando Süd aufgestellt, welches der Sicherheitsdirektion und dem Militärkommando Tirol unterstellt wurde. Daher trugen auch alle verwendeten Soldaten weiße Armbinden mit dem Dienstsiegel der Sicherheitsdirektion für das Bundesland Tirol, um die Weisungsgebundenheit des Heeres an die Anordnungen des Innenministeriums auch äußerlich sichtbar zu machen. Den durch Wachposten gesicherten Zugs- und Kompaniestützpunkten, die 3-5 km von der Staatsgrenze entfernt und bereits in Almböden über 1000 m lagen, waren bei Tag Spähtrupps und Streifen bis zur Staatsgrenze, bei Nacht stehende Spähtruppen bis in 2000 m Höhe vorgelagert. Jeder Soldat besaß dabei all jene Rechte, insbesondere das des SCHUSSWAFFENGEBRAUCHES, die sonst nur der Exekutive zukommen. Jenseits der Grenze hatten bereits seit Jahren Finanzer, Carabinieri, Alpini und Spezialeinheiten den gleichen Auftrag: den vermeintlich auf diesem Weg kommenden Nachschub zu unterbinden. Seit Februar 1934 war dies der erste Einsatz von österreichischen Soldaten gegen Österreicher. Der aus Tirol gebürtige ÖVPInnenminster Franz Hetzenauer, der dafür verantwortlich zeichnete, musste vorzeitig den Hut nehmen.

All dies war ein Schlag ins Wasser, weil dadurch kein einziger Anschlag verhindert oder auch nur ein Freiheitskämpfer erwischt wurde. Diese hatten im Gegenteil guten Kontakt zu den Soldaten und ihrem besonnenen Vorgehen ist es zu verdanken, dass jeglicher Konflikt unterblieb. Auf Zusammenstöße hatte es Hetzenauer möglicherweise angelegt, um einen Vorwand für weitere Polizeiaktionen zu erhalten. Immerhin war in Kreisen der ÖVP-Alleinregierung Klaus die Internierung ohne Gerichtsbeschluss von Südtirol-Aktivisten in «Anhaltelagern» diskutiert worden, wie es sie nur in der Zeit des Ständestaates vor 1938 gegeben hatte. Dass diesem Wunsche Italiens, vorgetragen durch Toscano und Gaja (London 1967), welcher «…alle Hoffnungen auf Änderung der bestehenden österreichischen Gesetzeslage setzte…» nicht stattgegeben wurde, ist vorwiegend dem österreichischen Justizminister Prof. Dr. Klecatsky und seinem Berater Franz Matscher zu danken. In einem Warnschreiben teilte er mit: «…Ein volles Eingehen auf die italienischen Forderungen (die sehr stark an diejenigen des österreichischen Ultimatums an Serbien von 1914 oder an die von Hitler Schuschnigg gegenüber im Berchtesgadener Gespräch erhobene Forderungen erinnern) würde eine Preisgabe der primitivsten Selbstachtung im internationalen Bereich gleich-

kommen und müsste auch immer politisch zu unabsehbaren Folgerungen führen.» Justizminister Broda (SPÖ) hatte erklärt: «…Die Pflicht zum Widerstand beginnt schon dort, wo der kleinste Versuch zur Kränkung von Menschenrecht und Menschenwürde unternommen wird. Hier muss Widerstand geleistet werden. Hier beginnt die Pflicht zum Widerstand – weil Widerstand noch ausgeübt werden kann, ohne dass es schon des letzten heroischen Einsatzes der eigenen Person bedarf. Jeder Bürger des demokratischen Gemeinwesens möge täglich und stündlich überlegen und prüfen, ob nicht schon seine Pflicht zum Widerstand beginnt…» Georg Klotz, der in seinem Widerstand gegen die italienischen Unterdrük-

ker seiner Heimat genau in diesem Sinne gehandelt hatte, war im Juni 1961 nach Nordtirol geflüchtet. Unter dem Verdacht, am Sprengstoffanschlag gegen einen Hochspannungsmasten beteiligt gewesen zu sein, musste er im März 1962 erstmals Bekanntschaft mit einem österreichischen Gefängnis machen. Obwohl er für die Tatzeit ein lückenloses Alibi erbrachte, wurde er erst nach mehr als vier Monaten gegen Kaution aus der Untersuchungshaft entlassen. Im April 1964 wurde über den Schützenmajor sogar die Auslieferungshaft verhängt. Schließlich wurde er ebenso wie sein Freund und Mitkämpfer Luis Amplatz nach Wien verbannt und die beiden mussten sich zweimal täglich bei der Polizei melden. Als sie es vor Heimweh in der österreichischen Hauptstadt nicht
Angeklagte und ihre Verteidiger in Graz, Südtirol-Prozesse.

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mehr aushielten, entwichen Klotz und Amplatz Ende August 1964 über die Berge nach Südtirol. Dort wurde Amplatz vom Verräter Christian Kerbler, einem gedungenen Mörder des italienischen Geheimdienstes, am 7. September im Schlaf ermordet, der schwer verwundete Klotz aber entging diesem Schicksal und konnte sich auf österreichischem Staatsgebiet in Sicherheit bringen. Von Gendarmen festgenommen, wurde er ins Krankenhaus Wörgl gebracht, wo durch eine Operation die Pistolenkugel aus seinem Körper entfernt wurde. Den Versuchen der österreichischen Regierung, ihn aus Tirol zu entfernen, setzte Nordtirols Landeshauptmann Wallnöfer ein mannhaftes «Klotz bleibt im Land!» entgegen. Erst als der dem Tod entronnene Schützenmajor genesen war, musste er aufs Neue den schweren Gang in die Verbannung antreten. Aus Protest gegen die fortlaufenden Demütigungen und Verfolgungen erzwingt Klotz schließlich in einem fast 30 Tage dauernden Hungerstreik, dass er seinen Wohnsitz nach Nordtirol verlegen darf. Hungerstreik war des öfteren die einzige Möglichkeit, um die österreichische Justiz zu einem rechtsstaatlichen Vorgehen in der Verfolgung von Freiheitskämpfern zu zwingen. Diese selbstzerstörerische Maßnahme musste zum Teil über Wochen als letzte Waffe im Kampf um die Durchführung garantierter Rechte

während der Haft eingesetzt werden. Nur so konnten z.B. Burger, Hartung, Kienesberger und Kufner die annähernd fristgerechte Aushändigung der Anklageschrift erzwingen. Dem Schützenmajor, der als Zeuge in Südtirol-Prozessen die Angeklagten stets entlastete, blieb es nicht erspart, von einem Wiener Schöffengericht am 11. Oktober 1968 zu 15 Monaten schweren Kerkers verurteilt zu werden, von denen er 12 Monate abgesessen hat. Ähnliche Enttäuschungen mussten die sogenannten «Pusterer Buben», Forer und Oberlechner, in Kauf nehmen, die kurz nach erfolgtem Freispruch durch ein Wiener Schwurgericht (12. März 1968) ebenfalls monatelang in Auslieferungshaft genommen wurden. Wie heute bekannt, war es u.a. eine der Forderungen des österreichischen Botschafters Dr. Haymerle, dass alles unternommen werden müsse, damit beide «…noch lange in Haft bleiben…». Wie macht man das in einem demokratischen Rechtsstaat? Hier fühlte sich zuerst die Bundespolizeidirektion Wien berufen, «…dafür zu sorgen…», dass Forer und Oberlechner «…unverzüglich in Schubhaft genommen werden können…» (Niederschrift über die interministerielle Sitzung vom 01.03.1968). Da aber die Auslieferung der beiden nach Italien in Österreich politisch und juristisch nicht durchsetzbar war, halfen die italienischen Kollegen weiter. Unverzüg-

lich behauptete Italien, dass die Pusterer zwei italienische Soldaten in Südtirol ermordet hätten. Obwohl Forer und Oberlechner dies energisch bestritten und kein Beweismaterial gegen sie vorlag, rechtfertigte das eine weitere, obligatorische Untersuchungshaft. Da das von Italien angekündigte Belastungsmaterial, das alleine den Haftgrund abgab, so dürftig war bzw. nie in Österreich eintraf, mussten Forer und Oberlechner letztendlich enthaftet werden. Dennoch verhängte das dafür zuständige Bezirksgericht Feldkirch dermaßen einschneidende, unwürdige Auflagen, welche gegenüber Tirolern österreichischer Staatsangehörigkeit wohl schwer durchzusetzen gewesen wären. Dass die dafür Verantwortlichen gegenüber den 147 politischen Untersuchungshäftlingen in Österreich vielfach weder Menschlichkeit noch Pietät walten ließen, sei aus einer Fülle von Fällen an nachfolgenden Einzelbeispielen demonstriert: Als Mitglied des BAS waren die beiden Südtiroler Luis Larch und Karl Ausserer im Oktober 1965 unter dem Verdacht der Beteiligung an einem Feuerüberfall auf Carabinieri in österreichische Untersuchungshaft geraten. Bei der Einlieferung ins Innsbrucker Landesgerichtsgefängnis war Larch von einem Justizbeamten mit Faustschlägen misshandelt worden und tatsächlich stellte Prof. Dr. Holzer als Ordinarius für Gerichtsme-

dizin auf dem Körper des Häftlings zahlreiche, blutunterlaufene Stellen fest. Als Larch, ebenso wie zwei Kameraden, aus Protest gegen diese Behandlung in den Hungerstreik traten, wurden die Gefangenen zur Beruhigung vom Direktor in fenster- und wasserlose Tobsuchts- und Korrektionszellen gesperrt. Diese Behandlung gehörte ebenso wie fortlaufende Verbote (Lesen, Schreiben, Besuch, Post, Spaziergang usw.), Schikanen und Verhöhnung zum breiten Repertoir profilsüchtiger Justizbeamter. Oberst Walchshofer, damals Direktor des landesgerichtlichen Gefangenenhauses zu Innsbruck, wird ob dieser Missstände in seinem Bereich von den politischen Gefangenen besonders verachtet. Durch gesetzeswidrige, überlange Polizeihaft von mehr als drei Wochen, wie im Falle Hartung, aber auch durch häufige, überlange Untersuchungshaft, wie im Falle Kienesberger menschenwidrig bis zu fünf Jahren, davon – wie so mancher – ein Jahr in Isolation, versuchten Polizei und Justiz mit vereinten Kräften, dem Widerstand das Rückgrat zu brechen. Als im September 1968 mein Vater, der von 1915 bis 1918 als Oberstleutnant der Reitenden Tiroler Kaiserschützen Südtirol verteidigte, lebensbedrohlich erkrankte, durfte ich, auf Veranlassung des Untersuchungsrichters Dr. Soterius, mich weder vom Sterbenden verabschieden noch an dessen Begräbnis teilnehmen. All diese

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Maßnahmen machten deutlich, dass die österreichische Justiz die Südtiroler Freiheitskämpfer als gewöhnliche Kriminelle behandelte. In einem Klima, vergiftet durch eine Flut von Prozessen und Verfahren, während der insgesamt 147 Personen – davon, wie sich später herausstellte, 108 vollkommen unbegründet bzw. unschuldig – eingesperrt, zahlreiche unbescholtene Bürger fortlaufend bedrängt und unzählige Hausdurchsuchungen durchgeführt wurden, versuchten Österreichs Justizbehörden, den Widerstand in Südtirol zu kriminalisieren. Kritiklose Opportunisten bei Presse, Rundfunk und Fernsehen assistierten vorzüglich.

Bei all diesen Prozessen wurden die Angeklagten ihren gesetzlichen Richtern entzogen, weil die Verfahren aus Misstrauen gegen Tiroler Geschworene an auswärtige Gerichte delegiert wurden. Da aber die Grazer, Wiener und Linzer Laienrichter keine schlechteren Österreicher als die Tiroler sein wollten, kam es – zur Enttäuschung der Berufsjustiz – in den meisten Fällen zu spektakulären Freisprüchen. Wo es die Strafprozessordnung zuließ, wurde der Wahrspruch der Geschworenen regelmäßig ausgesetzt, da sich die Laien angeblich im Rechtsirrtum befunden hätten. Die Schöffen und Geschworenen waren meistens den Argumenten der Verteidigung gefolgt, die für

Angeklagte und ihre Verteidiger in Graz, Südtirol-Prozesse.

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die Angeklagten den Rechtfertigungsgrund des übergesetzlichen Notstandes erfolgreich in Anspruch genommen hatte. Wo es nur möglich schien, war daher die Staatsanwaltschaft bemüht, die Anklage nicht vor Laienrichtern, sondern vor «unabhängigen» Berufsrichtern zu vertreten. Beim sogenannten Presseprozess mussten sich Dr. Burger und Kienesberger 1967 in Wien verantworten, da beide in einem Interview angeblich zum bewaffneten Widerstand gegen den Unrechtsstaat Italien in Südtirol aufgerufen hatten. Dass gerade zur gleichen Zeit die griechische Filmdiva und spätere Ministerin Melina Mercouri in Wien öffentlich zum gewaltsamen Kampf gegen das heimatliche Obristenregime aufrief, dafür warb und Geld sammelte, wurde geflissentlich übersehen. Es störte offensichtlich das Rechtsempfinden des anklagenden Staatsanwaltes Dr. Daum und des unabhängigen Richters Dr. Kubernat in keiner Weise, dass Frau Mercouri für die gleiche Tat ein gefeierter Star war, während sie Burger und Kienesberger zu unbedingter Haftstrafe verurteilten. Rechtsanwalt Dr. Wilhelm Steidl, Südtirol-Experte, Verteidiger in Südtirol-Prozessen und langjähriger Stadtrat der Landeshauptstadt Innsbruck, stellt dazu fest: «Aus eigener Erfahrung darf ich noch anfügen, dass es eine bewährte und zielführende Taktik der italienischen Politik

und insbesondere des italienischen Geheimdienstes durch all die Jahre war, jene in Richtung des Pangermanismus und des Neonazismus zu rücken, die sich für die Selbstbestimmung Südtirols einsetzen. Dies war die wirksamste Strategie gegen alle Bestrebungen im Zusammenhang mit Südtirol». Für die Sache Südtirol waren die Prozesse zum Leidwesen ihrer Urheber insofern von Vorteil, weil sie Gelegenheit boten, durch Presse und Rundfunk die Öffentlichkeit auf das Problem aufmerksam zu machen. Außerdem handelte es sich um die größten, nicht nur politischen Prozesse, die jemals in Österreich stattgefunden haben. Da in Österreich bis in das Jahr 1975 Haftbefehle gegen Südtiroler Freiheitskämpfer bestanden, mussten manche Österreicher bis zu maximal 7 Jahren im Exil leben, um einer ungerechten Verfolgung zu entgehen. Dr. Franz Pahl, späterer Vizepräsident der Region Trentino-Südtirol schrieb in «Schicksal Südtirol 1945-1979» (Herausgeber: Junge Generation in der SVP) über die politischen Südtirol-Prozesse: «…Prozesse gibt es aber nicht nur in Italien, sondern auch Österreich glaubte zunächst, das Südtirol-Problem auf dem Prozessweg lösen zu können. In allen Prozessen bekennen sich die Angeklagten zum Südtiroler Freiheitskampf und zur Gewaltanwendung gegen Unrecht durch Italien. Die Geschworenen spre-

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chen die Angeklagten frei, weil in Südtirol ein echter Notstand vorliege und Widerstand dagegen rechtmäßig sei. Weitere Südtirol-Prozesse werden in Wien gegen Südtiroler und Österreicher geführt, die meistens nach Ausschöpfung mehrerer Instanzen mit Freispruch enden oder durch den Bundespräsidenten eingestellt werden…» und «…Die Strafverfahren gegen die Südtiroler «Dinamitardi» leiten einen der umfangreichsten Prozesse der italienischen Justiz ein. Die Angeklagten werden als staatsfeindliche Elemente und kriminelle Terroristen eingestuft, deren Tätigkeit man mit drakonischen Urteilen Herr werden will. Die Prozesse gegen die Attentäter werden in einem gespannten Klima geführt. Das Eintreten der Südtiroler Attentäter für das Selbstbestimmungsrecht und für eine Volksabstimmung sind laut Anklage Hochverrat, Anschlag auf die Integrität des Staatsgebietes und daher mit lebenslänglichem Kerker zu bestrafen…». In Mailand, Florenz und Bologna werden härteste Urteile, bis hin zu lebenslänglichem Kerker, gefällt. Der österreichische Verwaltungsgerichtshof hat mit Urteil vom 29.09.1982 und vom 11.12.1985, das im Fall Dr. Hartung und Dr. Burger in Florenz 1971 gesprochene italienische Abwesenheitsurteil als «…eine Verletzung des Rechtes nach Art. 6 der Europäischen Konvention zum

Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten…» gewertet. Tirol, ein Operationsgebiet der Geheimdienste Unter der Überschrift «…Geheimdienst-Forschung steckt noch immer in den Kinderschuhen» veröffentlichte der Grazer Historiker Prof. Dr. Siegfried Beer, der sich auf Geheimdienstfragen spezialisiert hat, in «Die Presse» (Wien, 27.12.1999): «…Auffallend ist auch, dass wir uns in Österreich lange Zeit viel zu wenig mit der ostdeutschen Stasi und ihren Verbindungen zu und in Österreich auseinandergesetzt haben. Ich hoffe, dass die jüngst gelungene Entschlüsselung von Datenbanken der DDR-Auslandsspionage durch die Gauck-Behörde doch etwas Licht in das Dunkel bringen wird…» Auch wenn der tschechische Überläufer Frolik gegenüber den österreichischen Behörden eingesteht, dass östliche Agenten in Südtirol und Oberitalien wiederholt Bomben gelegt hätten (Scrinzi, Chronik Südtirol, Seite 307), so berücksichtigt dies der aus Westfalen stammende und in Innsbruck lebende Historiker
Durch diese Tabelle kann etwas Licht in das dunkle Kapitel der geheimdienstlichen Verwicklungen gebracht werden. Diese Tabelle basiert auf von meinem zur Verteidigung im sogenannten «Porzescharte-Prozess» (Wien 1967) dem Gericht vorgetragenen Beweismaterial.

CHRONOLOGIE VON VORFÄLLEN MIT GEHEIMDIENSTLICHEM HINTERGRUND Datum
seit 1960

Ereignis
Agents provocateur, unterschieben Flugblätter, Waffen und Sprengstoff, was zu Verhaftungen und Folterungen führte

Täter
Henkelmann Robert Kranzer Robert Selm Josef Stainer Robert Stötter Anton

Bemerkung
aus Westfalen, war bei SS und wurde wegen Erschießung von 9 Fremdarbeitern 1944 in der Eiffel gesucht; in Südtirol untergetaucht Südt. Student im Dienst v. Lt. Manucci Betrüger aus Augsburg

20.10.1962

Bozen: Bombe vor Schuleingang («rechtzeitig gefunden und entschärft») Verona: Brandbombe in der Gepäcksaufbewahrung am Bahnhof (1 Toter, erhebl. Sachschaden) wiederholte Versuche, den BAS mit französischen (OAS), belgischen, westdeutschen und österreichischen Extremisten (Legion Europa) zu unterwandern wiederholte Versuche, die Freiheitskäpfer als Rechtsextremisten abzuqualifizieren: sie würden von revanchistischen und pangermanistischen Kreisen aus der BRD mit dem Ziele finanziert und ausgebildet, den gegenwärtigen status quo in Europa gewaltsam zu verändern. Versuch, die Bomben von Ebensee (23.9.1963: 1 Toter, 2 Schwerverletzte; Täter: italien. Faschist Giorgio Massara) dem BAS anzulasten Versuch der Entführung von Dr. Norbert Burger in Kärnten, nach Scheitern Auslieferung des Gesuchten an die österr. Staatspolizei vorgetäuschter Selbstmord von Paul Wagner in innsbruck: W. wollte als Agent abspringen, wußte aber zuviel Mord an Luis Amplatz, Mordversuch an Jörg Klotz im Passeier im Auftrag und gegen Honorar des italienischen Geheimdienstes/Bozen

östlicher Geheimdienst

1962-1964

Erich B.; Fred B.; Franz K.; Gerhard N.; Paul Wagner, Peter Z. Ing. G.: Gerhard N.; Gianni R.; Susanne T. Renate Z.; Hermann Munk Hermann Munk Paul Wagner Peter Knips Geheimdienst Kerbler Christian Kerbler Franz Platter Anton Ravanelli Lechner Traudl Geheimdienst Joosten Karl Franz C. «Vinzenz» Südtiroler Geheimdienst Kranzer Robert

1963-1965

Makler, Defraudant und BND-Informant legt Geständnis ab

März 1964

22.06.1964 19.08.1964 06./07.09.1964

Journalist, im Auftrag und Sold des ital. Geheimdienstes österr. Polizei glaubt noch heute an Selbstmord Täter – dafür in Abwesenheit in Italien verurteilt Beihilfe bei der Vorbereitung Kerblers Fluchthelfer überbringt Honorar und Pass verbreiten These: R. beim Vorbereiten eines Anschlages von Bombe zerrissen Krimineller im Sold des ital. Geheimdienstes, in Graz rechtskräftig verurteilt heute Besitzer eines bekannten Hotels in Südtirol

07.10.1964 16.11.1964 1965-1967

Mord an Friedrich Rainer in Mals/Vinschgau Bombe im «Brennerexpress» (rechtzeitig entdeckt und entschärft; Versuch, die Wahlen vom 16.11.1964 zu beeinflussen) Versuch der Einschleusung eines Spitzels in den inneren Kreis des BAS dazu: Anschläge und gestellter Schuss auf CarabinieriOffizier im Vinschgau erneute Bombe (19 Kerzen Donarit) im «Brennerexpress» (rechtzeitig gefunden) versuchter Bombenanschlag auf Wohnhaus in Bozen (diese beiden letzten Attentate sollten die Geschworenen im Grazer Südtirolprozess gegen die angeklagten Freiheitskämpfer einnehmen) Mord an Helmuth Immervoll in Bozen (hatte Beweise der Ermordung F. Rainers durch den italien. Geheimdienst in Händen) Bombe im Linienbus Bozen-Meran («rechtzeitig entdeckt») erneuter Entführungsversuch von Dr. Norbert Burger in Innsbruck Peter Kienesberger soll über einen Nachschubweg auf der Porzescharte in eine Falle gelockt werden

01.05.1965 19.05.1965

Spur soll nach Österreich weisen Südtiroler Doppelagent der österr. und italien. Staatspolizei, Sekretär der italophilen «Tiroler Heimatpartei» Raffeiners täuschten Explosion einer Bombe beim Hantieren vor; I. war Sprengstoffexperte belg. Betrüger, im Solde des italienischen Geheimdienstes italienischer Geheimdienst österreichischer Krimineller Kienesberger und seine Mitangeklagten werden in einem 2. Schwurgerichtsverfahren freigesprochen. Gründe: Eindeutig unterschobene Beweismittel und Weg-Zeit-Diagramm Heiratsschwindler und Bankräuber aus Südtirol Siehe Bericht oben

17.07.1965 15.02.1967 April 1967 25.06.1967

Geheimdienst de Leeuw Leopold Lechner Traudl Weinberger Walter Geheimdienst

20.08.1967 30.09.1967

Andreas Egger aus Osttirol in das Pustertal gelockt und dort verhaftet, später gefoltert Bombe im «Alpenexpress» (2 ital. Bahnpolizisten in Trient getötet)

Kröss Helmut Geheimdienst

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In dieser noch unvollständigen Tabelle sind Vorfälle mit geheimdienstlichem Hintergrund enthalten. Teilweise sind Namen bekannt, doch nicht immer sind die Beweise gerichtsverwendbar. In solchen Fällen sind die Namen abgekürzt und verändert.

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Steininger nicht und schreibt zu den Attentaten in Oberitalien (Band 3, Seite 58-60): «…In der 21 Schreibmaschinenseiten umfassenden vertraulichen Urteilsbegründung finden sich interessante Einzelheiten über die Anschläge in Italien…» Ausführlich wird über ein Verfahren vom Februar 1964 gegen den westdeutschen Staatsbürger Herbert Kühn vor dem obersten Gericht der DDR berichtet. Richtig ist, dass dieses Verfahren unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand, aber Teile davon im Ostfernsehen zu Propagandazwecken ausgestrahlt wurden. Schnitzler, der Göbbels der DDR, hat alleine dazu eine internationale Pressekonferenz abgehalten und dort wahrheitswidrig behauptet, der Friede in Europa sei in Gefahr, da in Westdeutschland Pangermanismus und Revanchismus derart erstarkt seien, dass nicht nur «…die DDR nach Vorstellung Bonner Militaristen gewaltsam befreit…» sondern auch «… das Sudetenland und Südtirol heim ins Reich geholt …» werden müssten. Als Beweis dafür diente das falsche, erpresste Geständnis von Kühn sowie seine Mitgliedschaft in der «Gesamtdeutschen Jugend» und seine Nähe zur Bundeswehr. Das nahezu idente Vorgehen der Italiener in Südtirol und Österreich ist verblüffend und zeigt, dass die Handschrift geheimdienstlicher Tätigkeiten unverwechselbar ist.

Das Urteil selbst war keineswegs vertraulich, wie von Steininger fälschlich behauptet, sondern wurde bereits im März 1964 in der DDR-Fachzeitschrift «Neue Justiz» im vollen Wortlaut veröffentlicht. Unerwähnt bleibt auch, dass Kühn nach Entlassung aus der DDR-Haft in der Bundesrepublik Deutschland sich erneut, diesmal gemeinsam mit anderen, wegen angeblicher Anschläge in Oberitalien vor Gericht verantworten musste. Auch wenn hier erstinstanzlich ein Schuldspruch fiel, so wurde dieser vom Bundesgerichtshof mit vernichtender Kritik aufgehoben. Letztendlich wurde dieses Verfahren nach erneuter Überprüfung von der zuständigen Staatsanwaltschaft in Bonn während der 80er Jahre rechtskräftig eingestellt. Trotzdem bezweifelt Steininger, inwieweit hier östliche Geheimdienste ihre Hand im Spiel hatten, wie dies 1996 in der «Chronik Südtirol» von Kienesberger und mir dargestellt wird. Offensichtlich sind Steininger die Erkenntnisse seines Kollegen Dr. Hubertus Knabe unbekannt. Letzterer ist seit 1992 wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bundesbeauftragten für Stasi-Unterlagen (sogenannte Gauck-Behörde in Berlin) und ist über die DDRStaatssicherheitsaktivitäten spezialisiert. Knabe schreibt dazu in «Die unterwanderte Republik – Stasi im Westen»: «… Ich stellte fest, dass die Arbeit im

und nach dem «Operationsgebiet», wie die Stasi den Westen nannte, im MfS als sogenannte Hauptaufgabe betrachtet wurde. Entgegen der weitverbreiteten Vorstellungen war es auch nicht alleine die jahrelang von Markus Wolf geleitete Hauptverwaltung A (HVA), die in der Bundesrepublik operierte, sondern das gesamte Ministerium war auf die eine oder andere Weise daran beteiligt …» Die von den Amerikanern geretteten und von den Deutschen entschlüsselten, sogenannten SIRA-Dateien, welche auch den Österreichern übergeben wurden, geben erstmals ein genaues Bild von den vielfältigen Aktionen der DDR-Spionage und deren Austro-Agenten. Trotz alledem negiert Steininger die Erkenntnisse seiner Kollegen und der in dieser Sache rechtsstaatlichen, juristischen Ermittlung; er verabsäumt es auch, die damit in Zusammenhang gebrachten Personen zu befragen, obschon ihm davon Herr Kienesberger persönlich bekannt ist. Steiningers Beurteilung lautet einfach: «… Mir scheint das bei diesen Attentätern mit dieser Begründung eher unwahrscheinlich …» (Bd. 2, S. 58) und «… so mancher wird sagen: Na und? DDR. So einfach sollte man es sich aber nicht machen …» (Bd. 3, S. 60). Es bleibt dem Leser überlassen, wer es sich hier wirklich einfach gemacht hat! Auch wenn Steininger den italienischen Geheimdienst nicht schont (z.B.:

«…Und – wie wir heute wissen – immer wieder Aktionen des italienischen Geheimdienstes, die mit zur Verschärfung der Situation beitrugen…» (Bd. 3, S. 199) so kommt es meiner Ansicht nach nicht deutlich genug herüber, dass von dieser Seite im staatlichen Auftrag Morde, Attentate und andere schwere Verbrechen begangen wurden. Während der 60er Jahre hatte es eine Reihe von Anschlägen gegeben, zu denen sich die Südtiroler Freiheitskämpfer nie bekannt haben, ja, von denen sie sich distanziert hatten und noch heute distanzieren. Es hatte sich hier vor allem um solche Anschläge gehandelt, die wirklich oder vorgetäuscht auf das Leben unschuldiger Zivilpersonen gezielt hatten. Diese – zum Teil sicherlich nur fingierten und rechtzeitig «entdeckten» – Bomben waren dazu angetan, auch im Kreise von Südtirol-Freunden auf der ganzen Welt Schrecken und Empörung hervorzurufen und der Sache der Tiroler zu schaden. Auf der anderen Seite konnte Rom für seine harten Maßnahmen angesichts solcher «Anschläge» Verständnis erwarten, ja sogar den internationalen Aufschrei der Empörung angesichts der offenkundig gewordenen Folterungen entscheidend dämpfen. Die Sache hatte also Sinn gehabt. Ein Teil dieser Anschläge, die nicht von der Seite der Südtiroler Freiheitskämpfer kamen, war jedoch nicht fin-

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giert. Hier handelte es sich um tatsächlich versuchte Massaker. Es war dieselbe Handschrift wie bei den faschistischen Blutbädern in Bologna und anderen Städten Italiens. Wahrscheinlich wird man nie Licht in alle düsteren Vorgänge bringen, bei denen Verwicklungen von Neofaschisten und verirrten Elementen der italienischen Geheimdienste anzunehmen sind. Für mich ist in diesem Zusammenhang unverständlich, warum Steininger über den leitenden italienischen Geheimdienstbeamten Dr. Silvano Russomanno nur über seine Treffen mit den österreichischen Sicherheitsbehörden berichtet (Bd.3, Seite 513 f), aber verschweigt, dass dieser Geheimdienstspezialist später von den Italienern selbst ob seiner rechtsextremen Aktivitäten im Zusammenhang mit der sogenannten P2-Loge verurteilt und eingesperrt wurde. Auch wenn Steininger als Täter der bisher vielfach den Freiheitskämpfern unterstellten Attentate von der Porzescharte (25.06.1967, vier Militärangehörige getötet) und Trient (30.09.1967, zwei Bahnpolizisten getötet) «Unbekannt» (Bd. 3, S. 545) bzw. «Unklar» (Bd. 3, S. 630, Fußnote 47) angibt, relativiert er diese Feststellung an anderer Stelle dadurch, dass er die während der 60er Jahre in Südtirol getöteten italienischen Soldaten auflistet. Völlig unberücksichtigt bleiben in diesem Zusammenhang die Erkenntnisse des

Präsidenten der Belluneser Anwaltskammer, Peppino Zangrado (Alto Adige, 02.10.1994 und Dolomiten, 04.10.1994), der glaubt, genügend Unterlagen zu haben, die beweisen, dass der italienische Geheimdienst für das Attentat auf der Porzescharte verantwortlich sei. Seine Aktivitäten um eine Wiederaufnahme dieses Verfahrens von 1970 scheiterte an der Staatsanwaltschaft ebenso, wie die wiederholten Versuche von 1976, 1990 und 1996, die italienischen Urheber des Attentates von Trient (30.09.1967) auszuforschen. Meiner Ansicht nach haben Steininger und andere Publizisten die Tätigkeit diverser italienischer und kommunistischer Geheimdienste in Südtirol während der 60er Jahre nicht ausreichend abgehandelt bzw. heruntergespielt; dies insbesonders unter Berücksichtigung, wieviel Raum anderen, minder gewichtigen Vorfällen gegeben wird. Ich frage mich, warum und wem nützt das? Sicherlich nicht den Südtiroler Freiheitskämpfern! Ob dafür die traditionelle Zurückhaltung deutscher Historiker, wenn es um die Erforschung der Geheimdienste geht oder andere Gründe ursächlich sind, bleibt offen. Das zwangsläufige Resultat ist die Ausblendung einer wichtigen Dimension politischen Geschehens! Wie gewaltig hier der Nachholbedarf bei der zeitgeschichtlichen Forschung ist, beweist die dazu jüngste Veröffentli-

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chung in den «Dolomiten» (13.10.1999). Es wird aufgezeigt, dass mit der sogenannten Operation «Zveno», welche von der Wiener Zentrale des sowjetischen Geheimdienstes KGB im September geplant wurde, die Sprengung einer Ölpipeline am Bodensee versucht werden sollte. In dem diesbezüglichen Dossier heißt es: «… Man dachte, der Anschlag würde von der Öffentlichkeit als Aktion der extremen italienischen Rechten empfunden, die damit auf die Südtirol-Attentate reagierten.» Ausführende hätten KGBbzw. DDR-Geheimdienstleute sein sollen. «… Die Wegstrecken unserer Agenten per Auto, Rad und zu Fuß zum Tatort wurden festgelegt, die Zementträger der Pipeline, ihre Abzäunung und Zugänge erhoben.» Der KGB Wien erstand Thermosflaschen und Kugelschreiber zum Verstecken von Sprengstoff und Zünder. Beide waren italienischer und österreichischer Herstellung, damit der Verdacht später in die gewünschte Richtung fiel. Rehabilitation und öffentliche Würdigung Auch wenn kaum ein Freiheitskämpfer in Österreich rechtskräftig verurteilt wurde, so wurden wir, teils aus Unkenntnis der Wirklichkeit, teils aus politischer Überlegung, vielfach geschnitten. Ursächlich dafür waren Verleumdungen und Hetze, welche auf Intrigen des italienischen Geheimdienstes, linksorientierten

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Medien und den menschenrechtswidrigen italienischen Abwesenheitsurteilen basieren. Dies bestätigen österreichische Persönlichkeiten von höchster Reputation, die ihr diesbezügliches Wissen aus eigenen Kontakten zu den Freiheitskämpfern und amtlichen Erkenntnissen hatten. Das war von allem Anfang an so. Deshalb sah sich der damalige österreichische Außenminister Dr. Kreisky genötigt, in seiner programmatischen Erklärung im politischen Spezialausschuss der UNO in New York am 18.10.1960 zu erklären: «…Wenn uns von italienischer Seite immer wieder vorgeworfen wird, dass wir, weil wir hier die Interessen Südtirols vertreten, uns eines Wiederauflebens des Pangermanismus schuldig machen, so möchte ich schon an dieser Stelle betonen, dass der Hitlerische Pangermanismus niemals Ansprüche auf Südtirol erhoben hat, sondern dass es, ganz im Gegenteil, zahlreiche Aussprüche Hitlers gibt, in denen er sich über Südtirol und die Südtiroler verächtlich geäußert hat…» (Karl Heinz Ritschel: Diplomatie um Südtirol. Politische Hintergründe eines europäischen Versagens. Erstmals dargestellt auf Grund von Geheimakten. Seewald Verlag Stuttgart, 1966, S. 341). Als weiteres Zeugnis dafür sei aus einem Schreiben vom 12.01.1995 des sozialistischen Finanzministers Österreichs,

Dr. Herbert Salcher, an mich angeführt: «…das gegen Südtiroler im Friedensvertrag von St. Germain begangene Unrecht zu beseitigen oder zumindest zu mildern. Über die Parteigrenzen hinaus fühlten wir uns alle diesem politischen Ziel verpflichtet. Wenngleich ich mit Norbert Burger und seinen Mannen im allgemeinen politisch nichts anzufangen wusste und weiß, so muss ich doch sehr deutlich zum Ausdruck bringen, dass auf das Selbstbestimmungsrecht gerichtete SüdtirolAktivitäten überhaupt nichts mit Neonazismus oder Rechtsextremismus zu tun haben. Verständlicherweise äußert sich die italienische Propaganda, die ein völkerrechtliches Unrecht rechtfertigen muss, in dieser Frage anders…» Mit zunehmendem Zeitabstand begannen aber auch Politiker einzusehen, dass der Südtiroler Freiheitskampf seinen Sinn hatte und daher keineswegs umsonst war: «…Die Anschläge von damals und die darauffolgenden Prozesse gehören, genau wie vieles andere, zur Nachkriegsgeschichte Südtirols und stellen einen bedeutenden Beitrag zu dieser Geschichte und zur Erreichung einer besseren Autonomie für Südtirol dar…», musste Südtirols Landeshauptmann Magnago schließlich eingestehen. Die Tatsache, dass auch der österreichische Bundespräsident Kirchschläger durch die Niederschlagung des letzten Südtirol-Prozesses, am 20. Mai 1975, den längst fälligen

Schlussstrich unter die jahrelange Verfolgung gezogen hat, deutet darauf hin, dass sich nun auch das offizielle Österreich dem Urteil der Geschichte endgültig angeschlossen hat. Dass dem so ist, zeigen die Wiederherstellung des öffentlichen Ansehens und die öffentliche Anerkennung des ehemaligen Südtiroler Freiheitskampfes durch das offizielle Österreich. Den erfreulichen Anfang machte am 11.04.1984 der Bundesminister für Justiz, Dr. Harald Ofner, am «Gedenkkommers 175 Jahre Tiroler Freiheitskampf». Dort sagte er vor einem begeisterten Publikum: «Wir gedenken des Tiroler Freiheitskampfes vor nunmehr 175 Jahren. Wir gedenken damit eines Ereignisses, das keineswegs von Anfang an und immer als das Fanal angesehen worden ist, als das wir es heute alle verstehen. 1809 erhoben sich die Tiroler gegen fremde Truppen, gegen fremde Herrschaft. Die Frage nach der Legalität ihres Handelns wurde von Anfang an gestellt. Erfolge und Misserfolge wechselten einander ab. Es kam die Zeit, da sich die Tiroler verraten und verkauft fühlten. Schließlich endete alles in einer Kriegskatastrophe. Unter schweren Verlusten brach der Aufstand zusammen. Andreas Hofer und etliche seiner Mitstreiter wurden füsiliert. Ganz Deutschland, ach, in Schmach und Schmerz, mit ihm sein Land Tirol.

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Und doch hob sich der Ruhm von 1809 bereits wenige Jahre nach diesem Zusammenbruch weit über die Grenzen des Landes im Gebirge hinaus und prägt heute das Geschichtsbild der Tiroler mit wuchtiger Dominanz. Der Widerspruch ist nur scheinbar. Wenn es um Recht und Freiheit, um Volk und Heimat geht, dann zählen in Wahrheit und in geschichtlicher Dimension Fragen der Berechtigung zum Widerstand nur wenig. Auch der Erfolg des Augenblicks – so sehr ihn die Zeitgenossen herbeisehnen, so sehr sie um ihn ringen, so sehr sie ihn brauchen mögen wie einen Bissen Brot, tritt aus historischer Sicht in den Hintergrund. Die Früchte schwerer Saat reifen oft erst spät, erst jenseits der Gräber. Was bleibt, ist allein der ehrliche Wille der Kämpfer, das Durchstehen derer, die schon verzweifeln wollten, der Mut der meist materiell hoffnungslos Unterlegenen. Was bleibt, sind die Ziele, um die es gegangen ist und ihre Bedeutung für das gemeinsame Ganze. Was bleibt, ist der Mensch in seinem heißen Bemühen um den Sieg – bis in die Niederlage hinein. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Die Geschichte wägt immer mit gleichen Gewichten. Sie nimmt auch für unsere Generation nicht zum Maßstab, wozu wir gerade berechtigt gewesen sind und was wir erreicht, sondern was wir gewollt und wie sehr wir darum gekämpft haben. Nur Krämerseelen fragen noch nach Konzes-

sionen und Preis. Heißen Herzen ist der Weg Ziel genug, sie pflegen sich nicht zu erkundigen, was danach kommt. Dieser Maßstab darf sich auch dann nicht ändern, wenn es um Ereignisse geht, die noch kein Vierteljahrhundert zurückliegen. Wer in seiner Verzweiflung für die Freiheit seines Volkes kämpft, ist unseres Verständnisses sicher. Wer seine bürgerliche Existenz, den ruhigen Abend im Kreis seiner Familie, seine Gesundheit, sein Leben dafür aufs Spiel setzt, verdient unseren Respekt. Und wir richten uns darauf ein, zu warten, bis Hass und Hohn der Gegner der Gerechtigkeit der Beurteilung aus der Warte zeitlichen Abstandes zur Gänze gewichen sein werden. Und wir freuen uns und fühlen uns bestätigt, wenn wir Jahre nach den Taten aus berufenem Munde hören können, dass sie mitgeholfen haben, eine Wende – eine erste Wende – herbeizuführen, dass dem Wollen und dem Handeln der Verfolgten und Geschmähten auch noch Erfolg beschieden gewesen ist. Darin erkennen wir einmal mehr die Kraft der Geschichte, die Dinge aus der Parteien Zank und Hader ins rechte Licht zu rücken. Und nehmen dieses Erkennen zum Anlass, nicht nachzulassen in unserem Bemühen, unserem Volke und unserer Heimat mit allen Kräften zu dienen und uns von kleinen Geistern – und mögen sie noch so mächtig sein – nicht irre

machen zu lassen. Das geloben wir an diesem heutigen Ehrentage. Und wir richten an die Verantwortlichen jenseits des Brenners die Bitte und den Appell, es genug sein zu lassen mit rechtlichen Konsequenzen – welcher Art immer – aus der Zeit der heißen 60er Jahre. Gestraft, gesühnt, ausgesperrt ist genug worden. Die Geschichte gebietet hier, einen deutlichen, einen eindeutigen Schlussstrich zu ziehen…» Jahre später besuchten der Tiroler Landeshauptmann Dr. Weingartner und der Innsbrucker Bürgermeister Dr. van Staa ein Treffen der ehemaligen Freiheitskämpfer. Die im Beisein des Landeshauptmannes und anderer Politprominenz 1998 erfolgte Aufstellung der «Dornenkrone», welche 1984 beim Landesfestumzug feierlich von Südtiroler Schützen durch Innsbruck getragen wurde, in Telfs als Mahnmal für das ertragene Leid durch Artur Thöni, Präsident der Tiroler Industriellenvereinigung, war ein Meilenstein der moralischen Wiedergutmachung. Der Empfang von 1999 im Wiener Parlament und Österreichs Dank, ausgesprochen durch den 3. Nationalratspräsidenten Prof. Dr. Brauneder und dem Bundesratspräsidenten Jaud waren weitere Höhepunkte der Anerkennung. Nationalratspräsident Prof. Dr. Brauneder würdigte die Freiheitskämpfer und stellte zu den Menschenrechtsverletzungen Italiens in Südtirol fest: «…Dass es

in Europa notwendig war und auch in dem Fall notwendig war, zu Mitteln zu greifen, um die Welt auf Menschenrechtsverletzungen aufmerksam zu machen, ist eigentlich eine Schande für jenen Teil des Erdballs, den wir als zivilisiert und demokratisch bezeichnen. Dass dies alles geschehen ist, dafür müssen nicht nur Österreicher und Südtiroler dankbar sein, sondern alle jene, denen an den Menschenrechten etwas liegt. Denn was in Südtirol geschehen ist und offenkundig auch noch in verminderter Weise andauert, war und ist eine Verletzung eines ganz großen Gutes, nämlich das der Menschenrechte…» Und an die Exil-Südtiroler und in Abwesenheit Verurteilten gewandt: «…wenn man über den Brenner fährt, gibt es dort keine Grenzkontrolle mehr. Das heißt, nach außen hin gibt es diese Brennergrenze nicht. Wenn mir aber in Erinnerung gerufen wurde… dass die Handhabung der Menschenrechte in Südtirol eine andere ist als in Nordtirol und den übrigen Teilen Europas, so muss man mit Bedauern feststellen, dass es doch eine Grenze gibt. Mir ist es nicht so bewusst, wie es Euch bewusst ist, dass man hier (in Österreich) sagen kann, ich lebe in einem Teil Europas, verurteilt zu einer Haftstrafe, ich habe meine Anklageschrift nicht gesehen, ich habe nie mein Urteil gesehen und natürlich habe ich an der Verhandlung nie teilgenommen. Ich halte das für

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einen Schandfleck ersten Ranges, dass es so etwas überhaupt gibt, dass es dies in Europa gibt. Und der zweite Schandfleck ist der, dass jemand sagen muss, ich kann heute von einem Teil Europas nicht in den anderen Teil…» Der Präsident des Bundesrates, der Tiroler Gottfried Jaud, schloss sich diesen mahnenden Worten an und erklärte: «…Zum anderen ist aber immer wieder darauf zu achten, dass in der Erinnerung aufrecht bleibt, dass die Brennergrenze eine Unrechtsgrenze ist. Und da gilt es vor allem, glaube ich, dass wir es den Jüngeren weitersagen. Denn es besteht die Gefahr, dass diejenigen, die aus eigener Erfahrung das Leid kennen, das die Bevölkerung erleben musste, die Älteren also, nicht mehr da sind und es deshalb nicht mehr aus eigener Erfahrung weitersagen können. Und dazu, liebe Freunde aus Südtirol, wünsche ich Ihnen viel Kraft…» Trotz alledem erdreistet sich heute noch immer verschiedentlich so mancher mit der unwahren Feststellung, dass die Südtiroler Freiheitskämpfer Terroristen gewesen seien. Dabei wird gerne vergessen, dass gerade österreichische Gerichte dies wiederholt verneinten und den Freiheitskämpfern zubilligten, gegen den fortlaufenden italienischen Staatsterror zur Verhinderung noch größerer Verbrechen in Notwehr gehandelt zu haben.

Da der BAS mit dem Ziel der Ausübung des Selbstbestimmungsrechtes einen bewaffneten Konflikt gegen die italienische Fremdbesetzung führte, befreite am 22.04.1977 die internationale Rechtsprechung (Konferenz über humanitäres Völkerrecht in Genf) die Südtiroler Freiheitskämpfer vom häufig vorgetragenen Odium der Kriminalität und des Terrorismus. Dadurch, dass viele von ihnen uniformiert waren (bewusst wurde die Uniform der österreichischen Kaiserschützen stets mit dem Tiroler Adler gewählt) und ihre Waffen stets offen trugen, sind sie als Kämpfende einzustufen und genießen auch damit in Ergänzung der Genfer Konvention vom 12.08.1949 den Schutz regulärer Kriegsgefangener. Die Regierenden in Italien und Österreich wären gut beraten, die Südtirol-Prozesse gemäß dem veränderten internationalen Recht zu überdenken, um so bestehende Benachteiligungen sozialer und juristischer Natur, die den Freiheitskämpfern ob ihrer seinerzeitigen Aktivität erwuchsen, rasch zu beseitigen. Der Mitbegründer des «Befreiungsausschusses Südtirol» (BAS), Universitätsprofessor Dr. Helmut Heuberger, der die Landeshauptstadt Innsbruck von der NS-Diktatur befreite und der nach 1945 Südtirol weiterhin dem Staatsterror ausgesetzt sah, hat 1999 zu maßgeblichen österreichischen Politikern für uns alle, die wir uns aus Idealismus für Demokratie

und Recht in unserer bis heute italienisch besetzten Südtiroler Heimat eingesetzt haben, folgende Worte gesprochen, mit denen ich bewusst meine Ausführungen schließe: «…Dadurch werden hier in Wien auch diejenigen offiziell gewürdigt, die seinerzeit ohne Rücksicht auf ihre Existenz und ihr Leben sich zum gemeinsamen Handeln entschlossen haben. Das moralische Recht dazu konnte nur von den Südtirolern selbst kommen, denn sie alleine waren in ihren Lebensbedingungen, bis ins persönliche tägliche Leben hinein, durch das Unrecht in Südtirol betroffen. Wir, in Nordtirol, in Österreich, in Deutschland, die mitgeholfen haben,

standen alleine und ausschließlich im Dienste dieser Sache. Es war zu erwarten und verständlich, dass italienische Politiker und Medien uns politisch zu ruinieren versuchten. Schmerzlich war es aber, dass sie Helfer in unseren Ländern gefunden haben. Und heute noch wird im Rückblick politischer Tatsachen von damals herumkalkuliert und es werden künstliche Trennmauern aufgerichtet, die in Wahrheit nicht existiert haben. Ich bekenne mich nach wie vor zur Notwendigkeit und Tatsache unseres gemeinsamen Handelns mit dem ausschließlichen Ziel, Südtirol zu helfen. Südtirol zu bewahren, nicht als Stolperstein, sondern als Baustein Europas.»

DIE URTEILE…
Mahnung
Hinter Mauern eingeschlossen Eine Südtiroler Schar, Jedoch stolz und unverdrossen Hinter Eisengitter schwer. Weil wir für die Heimat fechten, Unsrer Ahnen altes Recht, Will man mit Gewalt uns knechten Vor der Welt uns machen schlecht.
Sepp Doná

Unsre Heimat, unsre Äcker, Unsere Wiesen, Feld und Flur Sind seit mehr als tausend Jahren Frucht des deutschen Geistes nur. Doch wie unsre Väter kämpften Um der Heimat Wohlgedeihn, Wollen auch wir trotz Not und Kerker Unser Leben der Heimat weihn. Sepp Doná Geschrieben zu Bozen, im Gefängnis, Herbst 1961

Zu vieles und zu schnell wird vergessen. Um dieser Entwicklung entgegenzutreten wurde die nachfolgende Liste erstellt. Leider kann weder für die Vollständigkeit noch für die Fehlerlosigkeit garantiert werden, nach 40 Jahren ist so manches schon klanglos vergessen worden. Die Liste beinhaltet alle Personen, die im Rahmen der Widerstandaktionen ver-

haftet, für längere Zeit eingesperrt und verurteilt wurden. Manchem aufmerksamen Beobachter mag auffallen, dass sich unter den vielen Personen zahlreiche Akademiker, vor allem aus Deutschland und Österreich, befinden. Sie waren in jenen Jahren noch junge Studenten, die aus Idealismus und Glaube an der Richtigkeit der Sache handelten.

301

302
verhaftet od. geflüchtet verurteilt zu Haftzeit

Name

Ort

Alber Josef 1964 2 J. 10 M. 2 J. 1 M. 3 1/2 M. 3 J. 6 M. 6 M. U.-Haft 8 M. U.-Haft U.-Haft 1961 1961 1963 1961

Meran

Aichner Anton

Sarnthein

Alessandri Hubert

Frangart

Alessandri Willi

Frangart

Liste der politischen Häftlinge

Ambach Franz

Kaltern

Ammering Max 1961 1964 1961 1961 1961 1964 1964 2 J. 2 J. 8 M. Freispruch U.-Haft 25 J. 6 M. 30 J.

Österreich

1 M. in Österreich Seit 1961 im Exil 1964 verstorben 6 J. 8 M. 5 1/2 M. 3.J 3 J. 2 1/2 M. 1 M.

Amplatz Alois

Bozen

Andergassen Günther

Innsbruck

Anegg Josef

Kurtatsch

Angerer Engelbert

Eyers

Anrather Hermann

Kurtatsch

Assner Franz

Brixen

Aster Alfred

Ritten

Name verhaftet od. geflüchtet verurteilt zu Haftzeit

Ort

Astffäller Andreas 1979 6 J. 11 M. 2 J. 8 M. 1 J. 8 M. u. 1 J. 3 M. Teilhaft 1 J. 2 M. 9 M. 4 J. 7 M. 1 J. 9 M. 4 J. 8 M. 6 J. Freispruch. Freispruch 27 J. 8 M. 1 J. 9 M. 1 J 7 M. 1979 u. 84 1979 1967 1961 1967 1966 1966

Göflan

Astfäller Erwin

Göflan

Astfäller Oswald

Göflan

Auer Albin

Walten/Passeier

Auer Ignaz

St.Martin/Passeier

Auer Johann

Sand in Taufers

Auer Konrad

Pfalzen

Auer Paul

Pfalzen

Flucht kurz nach der Verhaftung, musste bis 1971 im Exil leben 24 J. 9 M. in Österreich Lebt seit 1961 in Nordtirol im Exil

Außerer Karl

Innsbruck/Ulten

1961

Barbieri Johann

Terlan

1964

Freispruch

2 1/2 M. 8 M. in Österreich

Becker Ulrich

Deutschland

303

304
verhaftet od. geflüchtet verurteilt zu Haftzeit

Name

Ort

Berger Meinhard 1964 U.-Haft 1 M. 10 M. Freispruch 1956

Bozen

Bergmeister Alois

Pfunders

Bernhard Dr. Günther

Österreich

1 1/2 M. in Österreich 6 M. in Österreich 14 J. Exil 7 M. in Österreich 1 M. in Österreich 2 J. 4 M. 1 1/2 J. Exil mehrfach inhaftiert 1961 1961 19 J. 11 M. 8 J. 10 M. 30 J. im Exil 6 J. 10 M. 1 1/2 M. in Österreich 1961 U.-Haft 5 1/2 M.

Brinkmann Dipl Vw. Ingrid

Deutschland

Bünger Dr. Fritz

Deutschland

Bünger Dr. Heinrich

Deutschland

Burger Grete

Österreich

Burger Dr. Norbert

Österreich

Carli Siegfried

Meran

Clementi Johann

Montan

Colli KR Günther

Österreich

Crepaz Josef

Bozen

Name verhaftet od. geflüchtet verurteilt zu Haftzeit

Ort

Dibiasi Arnold 1962 Freispruch 1 J. 10 M 3 J. 5 M. 2 j. 4 M. in Italien 1 M. in Österreich 1956 Lebensläng. 17 J. Freispruch U.-Haft 17 J. 9 M. Freispruch U.-Haft 1967 1961 5 J. 3 M. 9 J. 1956 1963 1966 1967 1963 1961 13 J. 3 M. 12 J. 3 M. 2 J. 7 M. 3M 4 J. 8 M. 1 J. 3 M. 2 M. 2 J. 2 M. 5 J. 4 M. 2 J. Freispruch 2 J. 5 M. 1961 1961

Tramin

Dissertori Alois

Kaltern

Donà Sepp

St.Leonhard/Passeier

Dunkel Jochen

Deutschland

Dzugan Hans

Österreich

Ebner Alois

Pfunders/Meran

Ebner Bernhard

Pfunders

Ebner Franz

Mühlen

Ebner Rosa

Mühlen

Ebnicher Heinrich

Bozen

Egger Andreas

Leisach – Osttirol

Egger Alois

St.Walburg/Ulten

305

306
verhaftet od. geflüchtet verurteilt zu Haftzeit

Name

Ort

Egger Franz 1961 1 J. 4 M. 3 J. 1 1/2 M. 3 J. U.-Haft 1 J. 4 M. 1961 1961

Neumarkt

Erharter Erich

Innichen

Fabi Josef

Burgeis

Felder Josef 1961 Freispruch 2 J. 7 M. 5 J. 10 J. 6 M. U.-Haft U.-Haft 1961 25 J. 5 M 2x lebensläng. 9 J. 2 M. 1961 1964 1961 1964 1967

Österreich

1 J. 3 M. in Österreich 8 1/2 M. 3 J. 1 M. 3 J. 7 J. 9 M. 2 M. 6 M. Seit Juni 1961 im Exil in Österreich 2 J. 3 M. 10 1/2 M. in Österreich

Felderer Anton sen.

Sarnthein

Felderer Anton jun.

Sarnthein

Fischer Franz

Klobenstein

Dr. Fontana Josef

Bozen

Forer Hermann

Mühlwald

Forer Robert

Mühlen in Taufers

Forer Sepp

Ladis in Nordtirol-Mühlen in Taufers

Fritz Dr. Herbert

Österreich

Name verhaftet od. geflüchtet verurteilt zu Haftzeit

Ort

Dr. Frötscher Karl 1967 1 J. 4 M. 1 J. 5 M. 3 M. 3 J. 5 J. 4 M. 1 J. 6 M. 1 1/2 M. in Österreich 6 1/2 M. in Österreich 1958 1957 8 J. 3 J. 5 M. 2 J. 7 M. 2 J. 7 M. 2 J. 3 M. in Italien 1961 1961 1961 In U.-Haft verstorben 7 J. 4 M. U.-Haft 8 M. 5 J. 4 M. 1 1/2 M. U.-Haft 8 M. 7 J. 4 M. Freisprucch 1966 1961 1961 1961

St.Pauls

Früh Albert

Mühlen in Taufers

Gallmetzer Norbert

Kaltern

Gamper Franz

Vahrn

Gamper Paul

Vahrn

Gmünd Kofler Dipl Vw. Renate

Deutschland

Goebel Dr. Klaus

Deutschland

Göller Heinrich

Margreid

Goller Rudolf

Bozen

Golowitsch Dr. Helmut

Österreich

Gostner Anton

St. Andrä/Brixen

Gostner Engelbert

St.Andrä/Brixen

Graf Siegfried

Tulfes/Nordtirol

307

308
verhaftet od. geflüchtet verurteilt zu Haftzeit

Name

Ort

Gritsch Anton 1957 U.-Haft 8 M. 3. J. 3 J. 1961

Meran

Gruber Walter

Lana

Grünbart Dipl Vw. Reinulf 1961 9 J. 4 M. 2 J. 10 M. 1964

Österreich

1 1/2 M. in Österreich 6 J. 2 M. 2 J. 1 M. 1 M. in Österreich 1 J. 2 1/2 M. in Österreich 7 J. Exil in Deutschland 1961 9 J. 1 M. 5 J. 6 M. 6 M. in Österreich 1 1/2 M.in Österreich 1961 Freispruch 3 J.

Gutmann Alois

Tramin

Gutmann Richard

Tramin

Hagen Dr. Harald

Österreich

Hartung Univ. Prof. Dr. Erhard

Österreich

Hauser Alois

Kurtatsch

Henning Dr. Rudolf

Deutschland

Heuberger Univ. Prof. Dr. Helmut

Österreich

Hinteregger Herbert

Sterzing

Name verhaftet od. geflüchtet verurteilt zu Haftzeit

Ort

Hofer Peter 1964 Freispruch 3 M. 4 M. 1 1/2 M in Österreich 1 M. in Österreich 1 1/2 M.in Österreich 1956 13 J. 3 J. 8 M. 1961 1 J. 8 M. 3 J. In U.-Haft verstorben 1961

Brixen

Höfler Franz

Lana

Höfner Dr. Godefried

Österreich

Holzinger Sepp

Österreich

Hornberg Helmut

Österreich

Huber Johann

Pfunders

Huber Josef

Sigmundskron

Hülsner Helmut

Österreich

Hummer Dr. Hans-Jörg 1961 1963 1956 1961

Deutschland 3 J. 3 M. U. Haft 17 J. U.-Haft.

10 1/2 M. Wien, München 4 J. 2 M In Italien 3 J. 6 M. 12 J. 11 M. 5 M.

Innerhofer Josef

Schenna

Issinger Wilfried

Luttach

Knollseisen Georg

Pfunders

Kargruber Peter

Taisten/Welsberg

309

310
verhaftet od. geflüchtet verurteilt zu Haftzeit

Name

Ort

Karnutsch Hermann Ende 1982 2 M U.-Haft 3 M. 15 J. 11 M. U.-Haft 25 J. 2 M. 21 J. 10 M. 3 M. 1957 1961 1963 1961 1964

Lana

Starb im Februar 1983 im Krankenhaus

Kaslatter Anton

Kollman

Kerschbaumer Sepp

Frangart

3 J. 5 M. in Haft verstorben 5 M. 6 J. 8 M U.- u. Auslieferungshaft in Österreich u. 3 1/2 Jahre Exil in Deutschland

Kirchler Maria

Sand in Taufers

Kiensberger Peter

Gmunden/Österreich

Dr. Klier Heinrich 1961

Zirl/Nordtirol

21 J. 10 M. 2 J. in Italien

Klein Johannes 1961

Deutschland 45 J. 4 M.

Klotz Georg

Walten/Passeier

Seit Juni 1961 im Exil 2 J. in Österreich 1976 verstorben 1967 1965 1 J. 4 M. U.-Haft 1 J. 2 M. 4 M.

Klotz Rosa

Bozen

Koch Gretl

Bozen

Name verhaftet od. geflüchtet verurteilt zu Haftzeit

Ort

Koch Martin 1961 9 J. 7 M. 6 J. 3 M. 8 J. 2 M. 2 J. 5 M. 2 J. 8 M. 8 M. 11 J. 4 M. Freispruch 5 J. 5 M. Freispruch 1961 1966 1963 1961

Bozen

Kofler Oswald

Tramin/Söll

Kofler Richard

Unterrain

Kofler Rudolf

Unterrain

Kritzinger Helmut

Innsbruck

Kufner Egon 1964 1964 1963 1967 1964 1961 1969 6 J. 9 M. U.-Haft Freispruch U.-Haft 8 M. 1 J. 9 M. 24 J.

Österreich

1 J. 2 M in Österreich 7 J. Exil 4 J. 6 M. 2 M. 2 J. 7 M. 3 M. 2 1/2 M. seit 1961 im Exil

Ladurner Andreas

Meran

Laner Hermann

Mühlwald

Laner Josef

Zirl – Nordtirol

Lanthaler Johann

Walten in Passeier

Lanz Georg

Terlan

Larch Luis

Südtirol

311

312
verhaftet od. geflüchtet verurteilt zu Haftzeit

Name

Ort

Lun Karl 1957 2 J. 5 M. 2 J. 2M 1 1/2 M. 5 J. 4 M. 1 J. 2 M. 1 M. 3 J. 5 J. 4 M. 2 J. in Italien 2 J. 5 M. Trient, Rom U.-Haft U.-Haft 7 J. 4 M. 2 J. 4 M. U.-Haft 2 J. 7 J. 4 M. 1967 1961 1961 1967 1963 1961 1961

Bozen

Mairl Walter

Mühlen in Taufers

Mairl Wilhelm

Sand in Taufers

Mandl Fritz

Sterzing

Marth Rudolf

St. Martin in Passeier

Masoner Karl

Bozen

Matscher Josef

Tisens

Matuella Konrad

Neumarkt

Maurer Albert

Deutschland

Mauritz Dr. Rainer

Österreich

Mayerhofer Hornberg Mag. Margit

Österreich 1967 1964 U.-Haft 2 J.

1 M in Österreich 1 J. 9 M.

Mayr Maya

Bozen

Mayr Siegfried

Terlan

Name verhaftet od. geflüchtet verurteilt zu Haftzeit

Ort

Miller Hartmut 8 M.in Österreich 1961 11 J. 11 M. 7 J. 11 M. 9 M. 7 M. 6 J. 1 M. 3 M. 1 M. in Österreich 1961 1964 Freispruch U.-Haft 30 J. 1961 1967 1967 9 J. 27 J. 10 M. U.-Haft 5 J. 4 M. 4 J. 8 M. 6 1/2 M. 2 J. 11 M. 2 M. 10 M. U.-Haft 9 J. 5 M. U.-Haft 1964 1961 1961 1964

Deutschland

Mitterhofer Josef

Obermais

Moser Oswald

Tramin

Mumelter Dr. Norbert

Bozen

Muther Franz

Laas

Mutschlechner Karl

Tesselberg

Nachtmann Dipl Vw. Herwig

Österreich

Niedermair Oskar

Ritten

Oberdörder Ernst

Latsch

Oberhammer Dr. Alois

Nordtirol

Oberhofer Hans

Goldrain

Oberhollenzer David

Mühlen in Taufers

Oberhollenzer Johann

Mühlen in Taufers

313

314
verhaftet od. geflüchtet verurteilt zu Haftzeit

Name

Ort

Oberhuber Rudolf 1961 Freispruch 3 J. 2 x lebenslang 9 Jahre u. 4 M. 25 J. 2 x lebenslang 9 Jahre u. 4 M. Freispruch 2 J. 11 M. U.-Haft 24 J. Freispruch 1961 1961 1964 U.-Haft U.-Haft Freispruch 1963 geflüchtet 1961 1964

Brixen

Oberleiter Heinrich

Luttach

seit 1963 im Exil seit 1961 im Exil U.- und Auslieferungshaft in Österreich 3 J. Geflüchtet 1 J. 6 M. 9 M. in Österreich seit 1961 im Exil 3 J. 2 M. 2 M. 5 M.

Oberlechner Heinrich

Mühlen

Obermair Alfons 1961 1961 1961 1961 1961

Bozen

Oberauch Luitfried

Bozen

Orian Josef

Kurtatsch

Obexer Adolf

Südtirol

Parth Matthias

Eyrs

Peer Jakob

Kurtatsch

Peer Karl

Kurtatsch

Pellegrini Ferdinand

Auer

Name verhaftet od. geflüchtet verurteilt zu Haftzeit

Ort

Pergol Livio 1961 8 M. 5 M. 3 M. 4 J. 11 M. 3 M. 8 J. 4 M. 22 J. 10 M. 1961 U.-Haft Freispruch 1961 1 J. 8 M. 3 J. 1 1/2 M.in Österreich 1961 1961 1967 1957 1957 1961 2 J. 14 J. 7 M. 16 J. 5 M 2 J. 5 M. 3 M. U.-Haft 3 J. 8 J. 4 M. 4 J. 8 M. 2 J. 4 M. 3 M. 1J. 6 M. 1957 1961

Lavis/Trient

Pernther Leonhard

St. Pauls

Petermair Otto

Frangart

Pfaunder Wolfgang

Innsbruck

Pfitscher Wendelin

Schlanders

Pichler Paul

Schenna

Pilz HR Dipl. Ing. Roman

Österreich

Piock Engelbert

Brixen

Pircher Georg

Lana

Plaickner August

Mühlen in Taufers

Ploner Rudolf

Schabs

Plunger Othmar

St. Pauls

Pomella Adolf

Kurtatsch

315

316
verhaftet od. geflüchtet verurteilt zu Haftzeit

Name

Ort

Prantner Donat 1961 6 J. 8 M. 5 J. 5M. 2 J. 8 M. 1 J. 10 M. 2 J. U.-Haft 5 J. 2 M. U.-Haft 3 J. 3 J. 10 M. U.-Haft. 3 J. 8 M. 1961 U.-Haft 1957 1967 1961 1964 1964 1961 1961 1967 1961

Bozen

Recla Karl

Brixen

Rainer Alois

Moos in Passeier

2 J. in Österreich 3 M. Geflüchtet 1 J. 3 J. 3 J. 1 1/2 M. 3 J. 5 M. 3 M. in Österreich

Rainer Alois

Meran

Rainer Walter

Meran

Reinstadler Anton

Sulden

Riegler Lorenz

Bozen

Riegler Franz

Bozen

Rier Peter

Mühlen in Taufers

Roner Sigmund

Tramin

Röggla Dr. Max

Auer

Sauer Hubert

Deutschland 1957 3 M.

Schäfer Helmuth

Bozen

3 M.

Name verhaftet od. geflüchtet verurteilt zu Haftzeit

Ort

Schafferer Albert 1965 U.-Haft 9 M. 4 J. 2 M. in Italien 1961 U.-Haft 3 J. 1 1/2 M. in Österreich 1 1/2 M. in Österreich 3 M. in Österreich 2 J. in Italien 1964 1961 1 J. 6 M. U.-Haft 1 J. 4 M. 1 J. 8 M. 2 J. 3 1/2 M in Italien 1 M. in Österreich 1961 1961 U.-Haft 8 J. 4 M. 2 J. 11 M. 6 J. 4 M.

Innsbruck

Schafferer Karl

Österreich

Scherer Jakob

St. Pauls

Scherz Walter

Österreich

Schillinger Hannes

Österreich

Schimp Dr. Otto

Österreich

Schlegel August

Deutschland

Schönauer Alois

Tiers

Schönthaler Eduard

Schlanders

Schwach Richard

Wien

Schweinberger Dipl Ing. Günther

Österreich

Schwienbacher Vigil

St. Walburg in Ulten

Schwingshackl Andreas

Taisten/Welsberg

317

318
verhaftet od. geflüchtet verurteilt zu Haftzeit

Name

Ort

Spiss Josef 1961 U.-Haft 3 J. 1 1/2 M. 1 J. 4 M. 3 J. 3 J. 3 J. U.-Haft 1 J. 6 M. 2 J. U.-Haft U.-Haft U.-Haft. 1961 1964 1961 1961 1961 1967

Latsch

Stadlmayr HR Dr. Viktoria Innsbruck

Staffler Johann

Unterinn am Ritten

Stampfl Hans

Bozen

Stanek Dr. Hans

Brixen

Steck Viktor

Tartsch

Steger Frieda

Mühlen in Taufers

1 1/2 M 2 Jahre Zwangsaufenthalt in der Provinz Belluno Amnestiert 3 J. 4 M. amnestiert 1 1/2 M. 3 J. 3 1/2 M. Verbannung

Steger Johann 1961 1967 1961

Mühlen in Taufers

Steger Lina

Mühlen in Taufers

Steger Siegfried

Telfs in Nordtirol

25 J. 4 M. 2 x lebenslang u. 9 J. 4. M

2 M in Österreich Seit 1961 im Exil

Name verhaftet od. geflüchtet verurteilt zu Haftzeit

Ort

Steinegger Alois 1961 8 J. 8 M. 5 J. 6 M. 4 M. 2 J. 10 M. 2 M. 4 M. 4 M. 2 J. 11 M. 3 J. 9 M. 2 J. U.-Haft 1 J. 4 M. 1961 1961 U.-Haft U.-Haft 3 J. 1 J. 5 M. 2 J. 11 M. 1 J. 5 M. 1 J. 5 M. 4 1/2 M. 4 J. 8. M. 2 M. 4 1/2 M. Freispruch Freispruch 1 J. 4 M. U.-Haft 1957 1957 1962 1957 1962 1961 1961 1961 1961 1961 1961

Söll bei Tramin

Stieler Anton

Bozen

Stieler Johann

Bozen

Stieler Josef

Meran

Stimpfl Franz

Kurtinig

Sullmann Dr. Josef

Klausen

Tanzer Eduard

Glurns

Tappeiner Anton

Schlanders

Tappeiner Franz

Laas

Thaler Hans

Sarntein

Thaler Hans sen.

Reinswald

Thaler Christian

Reinswald

Thaler Georg

Reinswald

319

320
verhaftet od. geflüchtet verurteilt zu Haftzeit

Name

Ort

Thaler Karl 1961 1 J. 4 M. 3 J. 2 M. 3 J. 6 J. 2 M. 10 M. 3 J. 1 1/2 M. 1 1/2 M. 8 J. 4 M. 9 J. 3 M. U.-Haft 3 J. 4 M. U.-Haft U.-Haft 1961 1961 1969 1961 1963 1961

Tramin

Thaler Viktor

Tramin

Thaler Alois

Bozen

Thurner Arnold

Vilpian

Tietscher Karl

Bruneck

Tischler Johann

Mals

Tratter Herbert

Bozen

Tschaikner Dipl Ing. Gottfried 1961 1961 1961 1956 1956

Österreich 2 J. 2 J. U.-Haft 17 J. 12 J.

1 M. in Österreich 3. J. 3 J. 2 J. 11 M. 12 J. 11 M. 7 J.

Tschenett Josef

Prad

Ungerank Franz

Sterzing

Unterholzner Bernhard

St. Walburg in Ulten

Unterkircher Isidor

Pfunders

Unterkircher Paul

Pfunders

Name verhaftet od. geflüchtet verurteilt zu Haftzeit

Ort

Verdorfer Josef 1962 U.-Haft 1 J. 10 M. 3 J. 10 M. 3 J. 2 1/2 M. 4 M. in Österreich 1962 1961 1961 1967 1956 Freispruch wegen Mangel an Beweisen 2 J. Freispruch wegen Mangel an Beweisen U.-Haft 18 J. 1 J. 10 M. 3 J. 3 J. 2 J. 4 M. U.-Haft 1 J. 4 M. 3 M. 1961 1961 1961 1957

Lana

Veronesi Bruno

Laag bei Neumarkt

Vetter Johann

Schenna

Villgratner Ernst

Bozen

Volgger Dr. Friedl

Ridnaun

Vortisch Univ. Prof. Dr. Walter

Deutschland

Waid Anton

Tramin

Wallnöfer Karl

Tisens

Walter Erich

Neumarkt

Weitlaner Johann

St. Martin in Gsies

1 M. Zwangsaufenthalt in Varone 1 J. 12 J. 11 M.

Weissteiner Florian

Pfunders

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verhaftet od. geflüchtet verurteilt zu Haftzeit

Name

Ort

Welser Kurt 23 J. 10 M. 1957 2 J. 5 M. 19 J. 4 M. 3 M. in Italien 1 J. 10 M.

Innsbruck

2 M. in Österreich

Wenger Anton

Terlan

Widmoser Dr. Eduard

Innsbruck

Willich Hans Gerog

Frankfurt

Wintersberger Helmut 1961 U.-Haft

Deutschland

2 J. 3 M. in Italien 1. J 5 M. 8 1/2 M. in Österreich 1961 3 J. 2 M. 3 J.

Zangerle Paul

Eyers

Zinkl Josef

Österreich

Zwerger Albin

Tramin

U.-Haft = Untersuchungshaft, J = Jahr, M = Monate

Auch wenn für die Liste kein Anspruch der Vollständigkeit erhoben werden kann, ist die Gesamtsumme der “abgesessenen” Gefängnisjahre der Südtiroler Aktivisten beeindruckend und mahnend zugleich: über 500 Jahre Gefängnis für das ungelöste Südtirol-Problem.

Seit den 60er Jahren sind gegen folgende Personen ausgesprochenen Urteile und Haftbefehle aufrecht, sie müssen deshalb im Exil leben. Es sind einmal die Südtiroler KARL AUSSERER, jetzt wohnhaft in Innsbruck JOSEF FORER, wohnhaft in Ladis/Tirol LUIS LARCH, jetzt wohnhaft in Graz/Österreich ERICH OBERLECHNER, jetzt wohnhaft in Starnberg/Deutschland HEINRICH OBERLEITNER, jetzt wohnhaft in Hohenroith/Deutschland ADOLF OBEXER, jetzt wohnhaft in Innsbruck/Tirol SIEGFRIED STEGER, wohnhaft in Telfs/Tirol Weiters können folgende deutsche bzw. österreichische Staatsbürger nicht nach Südtirol einreisen, weil sie dort noch immer steckbrieflich gesucht werden: DR. FRITZ BÜNGER – Düsseldorf/Deutschland DR. HEINRICH BÜNGER – Siegburg/Deutschland DR. ERHARD HARTUNG – Innsbruck/Österreich UNIV. PROF. DR. HELMUT HEUBERGER – Salzburg/Österreich HELMUT HÜLSNER – Grünwald/Deutschland PETER KIENSBERGER – Nürnberg/Deutschland EGON KUFNER – Linz/Österreich HELMUT MORITZ – Wien/Österreich DIPL. ING. GOTTFRIED TSCHAIKNER – Innsbruck/Österreich

Interessant sind an dieser Stelle auch folgende Informationen: Insgesamt waren beim 1. Mailänder Sprengstoffprozess dreizehn Rechtsanwälte mit der Verteidigung der Angeklagten beauftragt. Sie erhielten über das Südtirolreferat der Tiroler Landesregierung 1.350.000 Lire für jeden verteidigten Mandanten und 20.000.- Lire pro Aufenthaltstag in Mailand. Zum Vergleich und besseren Verständnis sollte man sich die Tatsache vor Augen halten, dass 1964 die Dolomiten 50 Lire kostete, heute im Jahre 2000 kostet sie 1500 Lire, also 30 mal soviel.

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Insgesamt erhielten die Rechtsanwälte 62.645.000 Lire, davon: Dr. Luis Sand aus Bozen 8.105.000 Lire Dr. Karl Gartner aus Schlanders 6.650.000 Lire Dr. Roland Riz aus Bozen 5.580.000 Lire Dr. Sandro Canestrini aus Rovereto 5.250.000 Lire Dr. Hermann Nicolussi aus Kaltern 5.010.000 Lire Dr. Franz Monauni aus Meran 4.000.000 Lire Dr. Günther Vinschger aus Bozen 3.150.000 Lire Dr. Josef Tiefenbrunner aus dem Unterland 3.030.000 Lire Dr. Hugo Gamper aus Bozen 1.860.000 Lire Dr. Otto Vinatzer aus Meran 1.010.000 Lire Die italienischen Staranwälte erhielten folgende Honorare: Dr. Ettore Gallo aus Reggio Emilia 10.000.000 Lire, Prof. Pietro Nuvolone aus Mailand 5.000.000. Lire und Dr. Ricci aus Mailand 4.000.000 Lire. Mit wieviel Idealismus mancher Rechtsanwalt die Verteidigung übernommen hat, mag der Leser selbst urteilen. Hier darf nicht unerwähnt bleiben, dass Rechtsanwalt Dr. Roland Riz als Verteidiger während seiner Verteidigungsrede niemals ein Wort zum Südtirolproblem – Grund allen Unheils – verloren hat. Hätten alle Verteidiger diese Strategie verfolgt, wäre die politische Bedeutung des Widerstandes verschwiegen und alle Angeklagten als einfache Kriminelle verurteilt worden.

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DIE TOTEN
Es ist eine grausame Tatsache der Geschichte, dass menschliche Opfer, Tote nur in Zahlen ausgedrückt – niemals das wirkliche Ausmaß des Leides erkennen lassen. Und dennoch muss man die Opfer aufzählen, um ihr Leid und das ihrer Angehörigen wenigstens teilweise zu erahnen, zu verstehen und daraus zu lernen. Es ist aber nicht eine Aufrechnung der Opfer auf beiden Seiten, denn es ist auch eindeutig, dass alles Leid, die Opfer, die vielen Toten nichts anderes als die Folge einer falschen Politik waren. Nach der Feuernacht wurde Südtirol von italienischen Carabinieri-, Polizei- und Militäreinheiten regelrecht besetzt. Es handelte sich dabei zumeist nicht um gut ausgebildete oder auf die besondere Situation vorbereitete Einheiten. Eine Tatsache, die bald ihre tragischen Folgen zeigte. Bereits am 19. Juni 1961 gab es die ersten Opfer, die ersten Toten. In Mals wurde nach einem abendlichen Gasthausbesuch vor einem Offiziersheim der 25-jährige HUBERT SPRENGER von einem Militärposten ohne Vorwarnung erschossen. Am selben Abend wurde im Sarntal der landwirtschaftliche Arbeiter SEPP LOCHER auf dem Heimweg in der Holzkiste einer Materialseilbahn mit sechs gezielten Schüssen von einem italienischen Soldaten niedergestreckt. Am 25. Juni 1961 wurde der 22-jährige Wehrpflichtige PETER THALER während des Dienstes von einem italienischen Soldaten erschossen. Die Umstände dieser Tat wurden nie geklärt und veröffentlicht. Am 22. November 1961 starb im Krankenhaus von Bozen FRANZ HÖFLER aus Lana an den Folgen der während der Verhöre erlittenen Folterungen. Franz Höfler war seit der Verhaftung am 15.Juli und den Verhören in der CarabinieriKaserne von Meran, wo er wie die meisten anderen Verhafteten brutal misshandelt wurde, im Gefängnis von Bozen. Immer wieder hatte er über nachhaltige Schmerzen gesprochen, bis er am 17. November 1961 in seiner Zelle plötzlich zusammenbrach und in das Bozner Krankenhauses gebracht wurde. Die Behörden fanden es nicht wert, seine Angehörigen über den Vorfall zu informieren. Jörg Pircher, Mitkämpfer und Zellengenosse von Franz Höfler, verständigte mittels Telegramm seine Familie. Der älteste Bruder von Franz Höfler begab sich sofort nach Bozen, aber weder er noch ein anderer Angehöriger wurde zu ihm vorgelassen.

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Am 7. Jänner 1962 stirbt auch an den Folgen der erlittenen Misshandlungen der 42-jährige ANTON GOSTNER aus St.Andrä bei Brixen im Gerichtsgefängnis von Bozen. Anton Gostner wäre vielleicht zu retten gewesen, wenn man der Forderung des mitinhaftierten Arztes Dr. Sullmann gefolgt wäre und ihn schnellstens ins Spital gebracht hätte. Anton Gostner war verheiratet und Vater von fünf Kindern. Am 7. September 1964 wurde auf den Brunner Mahdern im Passeiertal LUIS AMPLATZ von Christian Kerbler ermordet. Kerbler handelte im Auftrag des italienischen Staates und wird bis heute vom italienischen Geheimdienst gedeckt. Jörg Klotz hätte auch Opfer dieses Meuchelmörders im Staatsdienst werden können. Er überlebte den feigen Mordanschlag schwer verwundet. Auf mysteriöse Weise starb am 9. Oktober 1964 der 25-jährige FRIEDRICH RAINER aus Riffian. Laut offiziellen Mitteilungen der italienischen Behörden soll Rainer beim Versuch, das italienische Beinhaus auf der Malser Heide zu sprengen, sich während des Scharfmachens der Sprengladung versehentlich in die Luft gesprengt haben. Die Identität des bis zur Unkenntlichkeit zerrissenen Leichnams konnte nur durch einen in der Nähe gefundenen, völlig unversehrten Personalausweis festgestellt werden.

Bald tauchten die ersten Widersprüche auf: Warum war der Personalausweis völlig unversehrt, während der Körper des Opfers völlig zerrissen wurde? Laut der ermittelnden Behörden geschah das Unglück am 8. Oktober. Ein Bauer aus der Umgebung hörte aber bereits am Tag vorher, am 7. Oktober, eine laute Detonation. Am selben Tag, kurz nach der vernommenen Detonation, wurde von zwei Personen beobachtet, wie Carabinieri und Soldaten, die offensichtlich im Hinterhalt gelegen waren, einen jungen Mann stellten und wegbrachten. Friedrich Rainer hatte sich kurze Zeit vorher bei Mitgliedern des BAS in Nordtirol Sprengstoff besorgt und plante mit Hilfe eines anderen Südtirolers wirklich, das faschistische Beinhaus zu sprengen. Da Rainer aber den Verdacht bekam, dass sein Südtiroler Bekannter ein Mitarbeiter der italienischen Polizei sein könnte, wollte er den Anschlag alleine, aber immer noch zum selben Zeitpunkt durchführen. Wurde Rainer das Opfer dieses Spitzels, der ihn an die italienischen Behörden verraten hatte? Wurde Friedrich Rainer verhaftet, verhört und zu Tode gefoltert? Wollten die Verantwortlichen durch den vorgetäuschten Unfall die Beweise ihres Verbrechens zerstören? Bis heute herrscht über den Vorfall totale Unklarheit und die betroffenen italienischen Behörden haben bis heute

nicht dazu beigetragen, die Unklarheiten und Widersprüche aufzuklären. Im Alter von 51 Jahren stirbt am 7. Dezember 1964 SEPP KERSCHBAUMER im Gefängnis von Verona. Seit den Verhören und Misshandlungen im Juli 1961 war sein Gesundheitszustand schlecht. Sepp Kerschbaumer war der dritte politische Häftling, der seit der Feuernacht im Jahre 1961 im Gefängnis starb. Alle Mithäftlinge von Sepp Kerschbaumer bestätigten, dass Sepp Kerschbaumer seit seiner Verhaftung von der großen psychischen Last geradezu erdrückt wurde. Genauso ungeklärt und mysteriös wie der Tod von Friedrich Rainer ist der Tod
Das Begräbnis von Richard Kofler

von HELMUT IMMERVOLL. Helmut Immervoll war Sprengstoffexperte und starb am 16. Juli 1965 bei einer Sprengstoffexplosion in einer Bozner Wohnung, die dem verhafteten BAS-Mitglied Martin Koch gehörte. Sofort nach dem Vorfall wurde die Frau des Wohnungsbesitzers, Gretl Koch, verhaftet. Gretl Koch hatte mit Hilfe von Midl von Sölder und anderen sofort nach der großen Verhaftungswelle, welche der Feuernacht folgte, einen Hilfsdienst für die Häftlinge und deren Angehörige organisiert. Auch in diesem Fall lautete die offizielle Version, Immervoll hätte sich beim Scharfmachen einer Ladung versehentlich

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in die Luft gesprengt. Aber in BAS-Kreisen wurde sofort der Verdacht laut, dass Helmut Immervoll Opfer einer Geheimdienstfalle geworden war. ANTON REINSTADLER aus Sulden wurde 1964 mit der Andergassen-Gruppe verhaftet. Nach einem Jahr Untersuchungshaft ist er freigelassen worden und das Verfahren gegen ihn wurde eingestellt. Beim 2. Mailänder Sprengstoffprozess im Frühjahr 1966 besuchte er seine Freunde an einem Verhandlungstag. Bei der Heimfahrt hatte er zwischen Mailand und Brescia auf der Autobahn einen Autounfall und wurde dort ins Krankenhaus eingeliefert. Zwei Tage später starb er an den Folgen des Unfalles. Am späten Abend des 24. September 1966 wurde der 18-jährige PETER WIELAND aus Niederolang auf dem Heimweg von der Gesangsprobe auf einer Wiese von einer Alpini-Streife kurzerhand niedergeschossen. Wieland lag zwei Stunden schwer verletzt auf der Wiese und musste langsam ausbluten. Als man ihn dann ins Krankenhaus von Bruneck brachte, war es bereits zu spät: Peter Wieland verstarb 30 Minuten nach seiner Einlieferung. Die erste polizeiliche Mitteilung zum Vorfall war völlig verdreht und darauf ausgelegt, die Schuld von der AlpiniStreife wegzuschieben. Sie lautete: Ein 18-jähriger Südtiroler hat bei dem Versuch, sich einer Polizeikontrolle im Ge-

biet des Olanger Kraftwerkes zu entziehen, durch einen Sturz (!) schwere Kopfverletzungen erlitten, denen er kurze Zeit darauf im Krankenhaus Bruneck erlag. Diese Lügengeschichte wurde aber bald aufgedeckt. Es gab einen Zeugen für den Vorfall, der, wie der diensthabende Arzt im Krankenhaus Bruneck, durch seine Aussagen die Behörden dazu zwang, nach und nach mit der Wahrheit über den Vorfall herauszurücken. Am 4. Jänner 1976 starb im Nordtiroler Exil, von den jahrelangen Entbehrungen des Freiheitskampfes schwer gezeichnet, JÖRG KLOTZ. Nur mehr als Toter konnte er seine über alles geliebte Heimat betreten. Auch im Exil musste RICHARD KOFLER aus Sigmundskron sterben. Laut Berichten seiner Freunde ist Richard Kofler regelrecht am übermäßigen Heimweh gestorben. Wenn man bei dieser Aufzählung der Todesopfer von Seiten sprechen kann, so waren dies die Toten auf der Südtiroler Seite. Auch auf der italienischen Seite gab es Todesopfer, gab es Mütter, Väter, Ehefrauen und Kinder, die um ihre Liebsten weinten. Dies darf man nicht vergessen und verschweigen. Es waren meist junge Soldaten, Carabinieri u.a., die fern ihrer Heimat ihren Dienst leisten mussten. Wie so oft in der Geschichte waren sie nur unbedeutende Figuren auf dem Schachbrett der großen Politik.

Seit 1966 findet alljährlich in St. Pauls am 8. Dezember die Sepp-Kerschbaumer-Gedenkfeier statt, bei der auch aller toten Freiheitskämpfer gedacht wird, welche ihr Leben für die Freiheit der Heimat hingegeben haben. Diese Veranstaltung ist längst zu einer Landesfeier angewachsen. 1999 hielt der Nordtiroler Landeshauptmann Wendelin Weingarntner die Gedenkrede.

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Genau wie man sie nicht vergessen darf, darf man nicht vergessen, dass sie im Grunde Opfer der schlechten und verlogenen Politik ihres eigenen Staates geworden sind. Denn in diesem ungleichen Kampf hatte bis zuletzt der italienische Staat die «Wahl der Mittel». Um so schrecklicher erscheint dieser Umstand, wenn immer wieder der Verdacht erhärtet wird, dass einige der gefallenen italienischen Sicherheitskräfte sogar Opfer des eigenen italienischen Geheimdienstes waren (siehe dazu Parlamentsbericht über Geheimdienstuntriebe von Senator Marco Beato). Hier darf man nicht drei Namen, drei Tote unerwähnt lassen. Sie stehen indirekt mit den Geschehnissen in den 60er Jahren in Verbindung. Die Anschläge in jenen Jahren sind nicht die einzigen und nicht die letzten in Südtirol, genauso sind die Toten in diesen Jahren nicht die letzten. Im Februar 1983 starb HERMANN KARNUTSCH. Er wurde unter dem Verdacht, das Beinhaus in Burgeis gesprengt zu haben, verhaftet. Die Carabinieri fanden bei einer Hausdurchsuchung ein halbes Kilo Schwarzpulver. Hermann Karnutsch behauptete immer, ihm sei das Schwarzpulver von Unbekannten im Haus versteckt worden. Bei den Verhören in der Carabinieri-Kaserne von Meran soll Karnutsch schwerste Misshandlungen erlitten haben. Nach 2 Monaten Unter-

suchungshaft im Gefängnis von Meran musste er plötzlich ins Krankenhaus von Meran eingeliefert werden; dort verstarb er nach einem Noteingriff. Waren das die Folgen der erlittenen Misshandlungen? Am 24. Mai 1984 starben bei einer gewaltigen Detonation in Lana der 52jährige WALTER GRUBER und der 27-jährige PETER PARIS aus Ulten. Walter Gruber war Hauptmann der Schützenkompanie Lana und Peter Paris Bataillonskommandant in Ulten. Beide waren auch Mitglieder des Südtiroler Heimatbundes. Walter Gruber war Mitglied des BAS, wurde nach der Feuernacht verhaftet, von den Carabinieri misshandelt und mehrere Jahre eingesperrt. Wird es für immer ein Geheimnis bleiben, warum die beiden Männer sterben mussten? Sprengten sie sich beim Zusammenbau einer Bombe selbst in die Luft oder wurden sie selbst Opfer eines feigen Attentates.

UND NOCH KEIN ENDE?
Als 1969 die SVP bei ihrer Landesversammlung das Paket als Lösung des Südtirol-Problems angenommen hat, verstummt der Widerstand. Ganz Südtirol hofft auf eine gute und friedliche Lösung und Entwicklung. Es beginnt eine Zeit des Auf- und Ausbaus. Südtirol erlebt in vielerlei Hinsicht einen rasanten Aufschwung und trotzdem ist der Frieden im Lande nie so perfekt wie er eigentlich sein sollte. Seit 1969 ereignen sich in Südtirol fast 50 Sprengstoffanschläge und Feuerüberfälle. Es beginnt damit, dass Mitte der 70er Jahre, nachdem die Paketverhandlungen ins Stocken geraten sind und eher ein Rückschritt als ein Fortschritt in Sachen Autonomie zu verzeichnen ist, einige Südtiroler wieder dazu übergehen, demonstrative Anschläge gegen faschistische Denkmäler durchzuführen. Bei einem missglückten Anschlag auf das Siegesdenkmal in Bozen, am 6. April 1979, wird der aus Göflan stammende Erwin Astfäller verhaftet und im Laufe der Ermittlungen auch sein Bruder Andreas und sein Vater Oswald. Im selben Jahr kommt es dann zu weiteren Anschlägen, bei denen fast abwechselnd «deutsche» und «italienische» Objekte gesprengt werden. Höhepunkt dieser Anschläge sind die Anschläge am 4.12.1979 auf verschiedene Seilbahnen in ganz Südtirol. In einer Nacht werden mit fast militärischer Perfektion fünf Seilbahnen beschädigt. Der Wintertourismus soll in einem seiner Lebensnerven getroffen werden. Die Genauigkeit und der Umfang dieser Anschläge lassen bereits erahnen, dass gut organisierte Kräfte die Hände mit im Spiel haben. Parallel dazu entwickelt sich im Lande eine Selbstbestimmungsbewegung, die mit friedlichen und legalen Mitteln ihr Ziel erreichen will. Der Südtiroler Heimatbund – zuerst nur die Vereinigung der ehemaligen politischen Häftlinge – tritt offen in die Tagespolitik ein und wirbt für sein Ziel: die Selbstbestimmung. Auch andere Organisationen und Verbände widmen sich der entstandenen Selbstbestimmungsdiskussion. Aufmerksame Beobachter warnen bereits zu Beginn dieser Entwicklung vor undurchsichtigen Personen, die plötzlich in volkstumspolitschen Kreisen auftreten und ihre Dienste und Hilfe anbieten. In den 80er Jahren spitzt sich die Lage weiter zu und es kommt immer zu neuen Anschlägen. Die Bevölkerung verurteilt diese Anschläge und auch die volks-

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tumspolitischen Organisationen und Verbände schließen sich ihr an. Im Mai 1984 explodiert in Lana eine Werkstadt. Bei der Explosion finden Walter Gruber – Schützenhauptmann aus Lana – und Peter Paris – Bataillonskomandant aus Ulten – den Tod. Was ist geschehen? Bis heute gibt es darüber nur Gerüchte. Dabei taucht aber immer wieder ein und dasselbe Gerücht auf: der italienische Geheimdienst hat die volkstumspolitische Szene infiltriert und so versucht die größer werdende Selbstbestimmungsbewegung zu stören und zu zerstören. Verschiedene Journalisten decken immer wieder brisante Tatsachen auf und stellen deutliche Verbindungen zwischen den Anschlägen und dunklen, Südtirol keinesfalls freundlich gesinnten Kräften her. Das Land erlebt, vor allem vor Wahlen, sich wiederholende Anschlagserien, Hausdurchsuchungen, Verhaftungen und Fehlgriffe der italienischen Justiz. Im Februar 1987 werden Dieter Sandrini und Franz Frick verhaftet und verschiedener Anschläge beschuldigt. In einem fragwürdigen Indizienprozess werden sie verurteilt. Vor allem für die nationalistisch eingefärbte Presse sind die Beschuldigten willkommene Prügelknaben, denn die Verbindungen zu volkstumspolitischen Kreisen und sogar zu ehemaligen Freiheitskämpfern in Österreich und

Deutschland scheint schnell hergestellt. Unterlassen wird dabei immer, auf gewisse sich wiederholende Merkwürdigkeiten hinzuweisen oder diesen gar zu folgen. Die Täter werden immer dort gesucht, wo man sie haben will. Die Hinweise aus Verwicklung der italienischen Geheimdienste in dieser Strategie der Spannung werden ignoriert oder als Hirngespinste hingestellt. Als schließlich bekannt wird, dass hinter den Anschlägen der Terrorgruppe «Ein Tirol» vorwiegend vorbestrafte Gelegenheitsverbrecher stecken, wird die Sache noch deutlicher. Jemand bedient sich dieser skrupellosen Elemente und eines der Wirklichkeit leider entfremdeten, ehemaligen Südtiroler Freiheitskämpfers, Karl Ausserer, um einer sich immer wieder und – trotz allem – neu formierenden friedlichen Selbstbestimmungsbewegung den Boden unter den Füßen wegzureissen. Ein Höhepunkt in dieser Entwicklung stellt die von vielen als Verschleppung angesehene Verhaftung von Karola Unterkircher im August 1994 am Timmelsjoch dar. Karola Unterkircher wird vor Gericht gestellt und wegen verschiedener Delikte verurteilt. Trotz ihres angeschlagenen Gesundheitszustandes und Gnadengesuch der Heimatgemeinde Terfens in Tirol mit ungefähr 1000 Unterschriften und der persönlichen Unterstützung von Landeshauptmann Wendelin Wein-

gartner und Luis Durnwaldner sitzt sie immer noch im Frauengefängnis von Opera bei Mailand ein. Fast grotesk erscheint die Tatsache, dass in Italien selbst in den letzten Jahren verschiedene Umtriebe der verschiedenen staatlichen Geheimdienste festgestellt und aufgedeckt werden. Zahlreiche Verantwortliche werden zur Rechenschaft gezogen oder wenigsten bekannt gegeben. Nur in Südtirol wird diese Tatsache nicht anerkannt. Warum? Es gibt dazu

nur eine logische Antwort: die italienischen Geheimdienste haben im direkten oder indirekten Auftrag immer wieder verhindert, dass sich in Südtirol eine friedliche Selbstbestimmungsbewegung frei entwickeln konnte. Diese Entwicklung konnte nur durch illegale, dunkle Methoden verhindert werden. Und dies ist sicher kein Ruhmesblatt für die italienische Demokratie. Erwähnenswert erscheint an dieser Stelle auch ein Beispiel, wie sich die italienische Justiz selbst in den Jahren der

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«Entspannung» oft zu unverständlichen und dreisten Vorgehen hinreissen ließ. Am 4. November 1986 demonstrierten in Wien 16 Südtiroler aus verschiedenen politischen Gruppierungen im Rahmen der dort stattfindenden KSZE– Konferenz friedlich für die Anwendung des Selbstbestimmungsrechtes in Südtirol. Ein Jahr später, am 3. August 1987, wurden alle Teilnehmer an der Demonstration in Wien, Eva Klotz, Pius Leitner, Eduard Stoll, Hans Mair, Hans Stieler, Stefan Gutweniger, Christian Waldner, Reinhard Geiser, Alois Oberhammer, Wer-

ner Micheli, Sepp Michaeler, Alfred Oberhofer, Sepp Huber, Andreas Oberleiter, Rudi Lang, Paul Pichler und Luis Reiterer, da er das Memorandum verfaßt hatte, zuerst verhaftet, dann unter Hausarrest gestellt und unter Berufung eines aus der Zeit des Faschismus stammenden Gesetzes wegen «... staatsfeindlicher Tätigkeit im Ausland…» unter Anklage gestellt. Das Vorgehen der italienischen Justiz wurde überall mit Bestürzung und Protest aufgenommen, man sah sich in die dunkelste Zeit der jüngeren Südtiroler Geschichte versetzt.

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DAS BUCH UND DIE WAHRHEIT DES PROF. ROLF STEININGER
Es sind Zeichen der Zeit, wenn man immer wieder feststellen kann, dass es Menschen gibt, die glauben, nur ihre Meinung sei die richtige. Sie verfallen dem Irrtum, niemand könne ihren Wissensstand erreichen. Oft verkennen sie den Wert der Erfahrung und des selbst Erlebten. Genau so überschätzen sie die Wichtigkeit von Archiven und Dokumenten, können diese doch auch oft falsch interpretiert werden, gefälscht sein usw. Aus Archiven kann man Informationen herausholen, aber man kann darin genauso Informationen verschwinden lassen. In seinem umfangreichen Werk hat Prof. Steininger aus Westfalen – Dozent an der Universität Innsbruck – Behauptungen aufgestellt, die nicht unwidersprochen bleiben dürfen. Sepp Mitterhofer sieht sich im Namen seiner Mitstreiter und der selbst erlebten Geschichte verpflichtet, einige dieser Aussagen zu widerlegen. «Das Buch «Südtirol zwischen Diplomatie und Terror» von Prof. Rolf Steininger hat in Südtirol für beachtlichen Wirbel gesorgt. Genau genommen eigentlich zwei Aussagen von Steininger, welche er bei der Podiumsdiskussion in Kurtatsch im Oktober 1999 gemacht hat, denn gelesen haben dieses umfangreiche und teure Werk nur wenige. Steininger behauptet nämlich erstens, dass die Anschläge der sechziger Jahre kontraproduktiv waren und zweitens, dass alles, was nach der Feuernacht geschehen ist, kriminell war und von Terroristen durchgeführt wurde. Er versucht, die Gruppe um Kerschbaumer als Idealisten und die Braven hinzustellen und die späteren Freiheitskämpfer als die bösen Buben, eben als Terroristen. Bevor ich auf seine Aussagen antworte, komme ich nicht umhin, zuerst auf die Person Steiningers einzugehen. Er ist Westfale, lebt erst seit 16 Jahren in Innsbruck, versteht unsere Tiroler Mentalität nicht und hat die Ereignisse und Repressalien der Italiener uns Südtirolern gegenüber nicht miterlebt. Er beurteilt die Ereignisse von damals rein von den Dokumenten und Protokollen her und da entsteht unweigerlich oft ein einseitiges Bild und führt oft zu falschen Schlüssen. Außerdem habe ich aufgrund meiner Recherchen den Eindruck gewonnen, dass Steininger so von sich eingenommen ist, dass er keine andere Meinung gelten lässt.

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Ein gravierender Fehler eines Historikers ist sicher auch, dass er kaum Zeitzeugen befragt hat. Meines Wissens hat er außer Pepi Fontana, den er nicht befragt hat, sondern nur seine Meinung aufdrängen wollte, nur Siegfried Steger, einen der Pusterer Buabn, kontaktiert. Dieser hat mir erzählt, dass sie am Telefon eine viertel Stunde lang gestritten haben. Er ist ihn auf so arrogante Weise angefahren, dass er ihn zutiefst beleidigt hat und damit war eine weitere Aussprache unmöglich. In Kurtatsch bei der Podiumsdiskussion habe ich, immer auf seine Aussage hin, dass die Anschläge kontraproduktiv waren, gesagt, dass Altlandeshauptmann Magnago schon 1976 bei der Landesversammlung der Südtiroler Volkspartei

(SVP) in Meran erklärt hat, dass die Anschläge wesentlich dazu beigetragen haben, dass das zweite Autonomiestatut zustande gekommen ist. Landeshauptmann Durnwalder hat im November 1996 bei einer Einladung der politischen Häftlinge auf Schloß Tirol erklärt, dass durch unseren Einsatz in den 60er Jahren die heutige Autonomie zustande gekommen ist. Landeshauptmann Wendelin Weingartner hat im Juni 1997 beim zweiten Kameradschaftstreffen in Innsbruck gesagt, dass Südtirol den hier anwesenden Freiheitskämpfern die heutige Autonomie und den Wohlstand zu verdanken hat. Darauf hatte Prof. Steininger die Frechheit, zu antworten: «Magnago, Durnwalder und Weingartner verstehen nichts

Die Teilnehmer an der Podiumsdiskussion in Kurtatsch. Diskussionsleiterin, Vetreter der JG, Dr. Karl Zeller, Dr. Josef Fontana, Botschafter a.D. Ludwig Steiner, Prof. Rolf Steininger, Dr. Joachim Dalsass, Franz Widmann, Günther Pallaver ein weiterer Vertreter der JG, sprachen sich einstimmig dagegen aus, dass die Anschläge der 60er Jahre kontraproduktiv waren.

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von der Tiroler Geschichte.» Einschränkend sagte er dann, bei Magnago ist er sich nicht ganz sicher. Ich bin der Meinung, dass dieser Mann nicht die richtigen Eigenschaften besitzt, um über ein so heikles Kapitel in Südtirol ein Buch zu schreiben oder nicht in der Lage ist, bestimmte Ereignisse objektiv zu beurteilen. Das Buch ist übrigens voller Fehler hier nur einige Beispiele, es ist ein Zeichen, dass Steininger oberflächlich recherchiert hat; z. B. steht im Band 2 auf Seite 502, dass Jörg Pircher Schützenmajor von Burgstall (ein Dorf in der Nähe Merans) war. In Wirklichkeit war er damals Bezirksmajor vom Burggrafenamt. Weiters steht auf derselben Seite, dass er 1960 Stellvertreter des Schützenkommandanten von Südtirol war. Diese Funktion hat er erst viel später, nach der Heimkehr aus dem Gefängnis, anfangs der 70er Jahre, bekleidet. Dem geflüchteten Siegfried Steger hat Steininger (Band 3, Seite 592) in Nordtirol einen Autounfall mit nachfolgendem Führerscheinentzug angelastet, der nie stattgefunden hat. Im Band 3 auf Seite 177 schreibt Steininger, dass 1969 kurz nach Genehmigung des Pakets auf der Landesversammlung der SVP dem Meraner Josef Innerhofer sämtlicher Grundbesitz zur Tilgung von Prozesskosten versteigert wurde. Innerhofer ist nicht Meraner, sondern aus Schenna, hatte damals keinen Grundbesitz und

somit konnte dieser auch nicht versteigert werden. Als Innerhofer bei der Podiumsdiskussion in Schlanders anfangs Dezember 1999 Prof. Steininger auf diesen Fehler aufmerksam machte, antwortete dieser lapidar: «So was kann schon mal vorkommen, dafür wird schon das übrige alles stimmen.» Einem fähigen Historiker darf so etwas nicht passieren, das ist ein Zeichen von Oberflächlichkeit. Ich habe mit mehreren Persönlichkeiten über dieses Buch gesprochen, darunter auch Landeshauptmann Weingartner. Sie haben übereinstimmend erklärt, dass sie das Werk als oberflächlich empfinden. Es ist zwar ein umfangreiches Werk, das sicher viel Arbeit und Mühe gekostet hat, aber deshalb darf es nicht an Genauigkeit fehlen. Über Bischof Gargitter hat Steininger wenig Lobenswertes geschrieben, u. a. dass ihn die Südtiroler als «walschen Seppl» bezeichnet haben. Der ehemalige Generalvikar Josef Michaeler hat dann am 21. Oktober 1999 in den Dolomiten einen Artikel veröffentlicht und den Bischof verteidigt. Er schreibt, dass Gargitter den Weg der Diplomatie gegangen sei, er habe den italienischen Staat wegen der verweigerten Rechte und der Folterungen an Südtiroler Häftlingen oft kritisiert und habe versucht, Bischof für alle drei Volksgruppen zu sein. Michaeler kritisiert dann Steininger, weil er wenig Positives über Gargitter ge-

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schrieben hat, obwohl es für ihn nicht schwer gewesen wäre, sich darüber zu erkundigen, wenn ihm an einem objektiven Urteil gelegen gewesen wäre. Wir politischen Häftlinge und das möchte ich mit aller Klarheit betonen, genossen bei Bischof Gargitter nicht viel Sympathien. Im Hirtenbrief von August 1961 bezeichnete er uns als Handlanger des Kommunismus, obwohl wir alle religiöse Menschen waren. Das hat uns tief getroffen und sehr verärgert, besonders Kerschbaumer. Als ein Häftling (der nicht genannt werden will) nach seiner Heimkehr aus dem Gefängnis Gargitter diesbezüglich zur Rede stellte, antwortete er

barsch: «Wenn ein Bischof in der Öffentlichkeit einmal etwas gesagt hat, kann er es nicht mehr zurücknehmen(!!)» Mit Anton Gostner, der an den Folgen der Folterungen im Gefängnis gestorben ist, hat Gargitter dieselbe Schule besucht, ja sogar dieselbe Schulbank gedrückt. Er hat mir das selbst erzählt, wir waren nämlich in derselben Zelle, er ist praktisch in meinen Armen gestorben. Bei der Beerdigung von Gostner 1962 in St. Andrä bei Brixen, hat sich aber sein ehemaliger Schulkamerad Bischof Gargitter nicht blicken lassen. Einem, durch ein Attentat getöteten Finanzer aber, hat er seine letzte Ehre

Der damalige Bischof Gargitter besucht einen italienischen Finanzsoldaten, der während seines Dienstes in Südtirol verwundet wurde. Zweifelsohne war das Verhalten des Bischofs parteiisch und eindeutig staatstreu. Während er immer wieder italienische Politiker empfing, empfand er kein Verständnis für die Anliegen der Aktivisten und ihrer Angehörigen. Von dieser Zeit rührt der in der Bevölkerung weit verbreitete Übername des Bischofs «Walscher Sepp».

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durch einen Besuch erwiesen, ebenso einem verwundeten Soldaten im Brunekker Krankenhaus. Ein Beispiel von mehreren, das aus der Sicht der Häftlinge nicht darauf schließen lässt, dass Bischof Gargitter alle drei Volksgruppen in Südtirol gleich behandelte! Nun aber zur Aussage Steiningers, dass die Anschläge kontraproduktiv waren. Er behauptet, dass Italien nicht vor den Bomben Angst hatte, sondern vor der Internationalisierung des Südtirol-Problems. Dass die Feuernacht und die nachfolgenden Anschläge, trotz der vielen Verhaftungen in Südtirol, die italienischen Politiker gleichgültig gelassen haben, scheint mir nicht der Fall gewesen zu sein. Im Band 2 Seite 555 schreibt Steininger, «dass beim Treffen der SVPParlamentarier Tinzl und Mitterdorfer mit Scelba, dieser seine Verbitterung zum Ausdruck gebracht hat, dass die Anschläge weiter gingen und die Polizei wegen ihres Vorgehens in Südtirol angegriffen wurde.» Außerdem kostete der Freiheitskampf der Südtiroler den italienischen Staat eine Unmenge Geld. Bald nach der Feuernacht schickte der Staat 15.000 Soldaten, Carabinieri und Polizisten nach Südtirol, um öffentliche Einrichtungen wie Kasernen, Denkmäler, Elektrizitätswerke, Brücken u. a. zu bewachen. Später kamen noch einige tausend dazu, um

einige Dutzend Idealisten, welche ihnen schwer zu schaffen machten, zu jagen. Die Feuernacht und die folgenden Anschläge haben außerdem dem chronisch schwer verschuldeten italienischen Staat auch einen enormen Schaden zugefügt. Steininger ist diesbezüglich anderer Ansicht. Im Band 2 Seite 560 steht unter anderem, dass der italienische Außenminister Segni bei der Konferenz in Zürich 1961 seinem österreichischen Amtskollegen Kreisky deutlich gesagt hat: «Mit Gewalt werde gar nichts erreicht!» Weiters schreibt er dort, dass Scelba trotz des Widerstands einiger Regierungsmitglieder die 19er Kommission durchgesetzt hatte. Also nicht wegen der Feuernacht, sondern trotz der Feuernacht. Ja glaubt denn Steininger wirklich, ein italienischer Politiker hätte damals öffentlich zugegeben, dass sie unter dem Druck der Anschläge die 19er Kommission eingesetzt hätten? Da kennt er sie wirklich schlecht, ist ja auch kein Wunder, er hat mit ihnen wohl nie etwas zu tun gehabt. Deswegen stimmt eine allein aufgrund von Dokumenten basierende Beurteilung auch nicht immer und dann ist es oft noch eine Auslegungssache; z. B. im Band 2 Seite 559 steht Folgendes: In der Eröffnungsrede der 19er Kommission, am 1. September 1961, in Bozen, hat Innenminister Scelba Formulierungen gebraucht, in der der Journalist Klaus Gatterer das Recht der Südtiroler

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auf Unterstützung durch Österreich herausgehört hat und deshalb eher positiv bewertet hat. Steininger hingegen hat eher das Gegenteil aus dieser Rede herausgelesen und dementsprechend bewertet. So kann man Dokumente eben verschieden auslegen, je nach dem, aus welchem Blickwinkel man sie betrachtet. Dazu kommt noch die Tatsache, dass Politiker inhaltlich verschiedene Aussagen machen, je nach dem, in welcher Situation und vor welchem Publikum sie sich befinden, z. B. steht im Band 2 Seite 553, dass am 27. Juli 1961 Magnago in Zürich bei einem privaten Gespräch zu Kreisky gesagt hat, dass die Anschläge Südtirol wirtschaftlich und politisch schwer geschadet hätten. Die Verurteilungen der Attentate durch die SVP hätte die Attentäter moralisch isoliert, dies hätte auch die italienische Regierung anerkannt. Im Band 2 Seite 595 hingegen steht Folgendes: Im Oktober 1961 hat Magnago in Sarnthein bei einer Versammlung gesagt: «Ich erinnere euch noch einmal daran, dass wir die Attentate nicht gutheißen, aber ich bitte euch, jene nicht zu vergessen, die sie durchgeführt haben und die heute im Gefängnis sitzen. Nichtsdestoweniger möchte ich erklären, dass ihr Opfer nicht umsonst gewesen ist, dass die ganze Welt durch die Presse erfahren hat, dass es in Südtirol wirklich ein Problem gibt, das entsprechend unserer Vor-

stellungen gelöst werden muss. Es war diese Propaganda, die uns größer gemacht hat und die uns mehr Mut gegeben hat, auf dem Weg der vollen Autonomie für die Provinz Bozen weiterzugehen.» Aus diesem Beispiel ersieht man, wie Politiker je nach Bedarf inhaltlich oft verschiedene Aussagen machen. Der Indianer würde sagen: der weiße Mann spricht mit gespaltener Zunge. Kreisky z. B. hat die Attentate öffentlich auch immer verurteilt und von Terrorismus gesprochen. Aus dem Amplatz-Testament wissen wir aber, dass Kreisky den Anschlägen wohlwollend gegenüberstand. Zu Kerschbaumer hat er bezüglich der Anschläge einen weisen Satz gesagt, nämlich: «Ich sage nicht tut’s etwas, ich sage auch nicht tut’s nix, ihr wißt schon selber was ihr zu tun habt.» Dies aus mündlicher Überlieferung von Kerschbaumer. Magnago hat ja auch von den Anschlägen profitiert, trotzdem hat er sie öffentlich immer verurteilt. Es leben heute noch Zeugen, die dies bestätigen können, leider haben sie nicht den Mut dazu, weil sie vor der mächtigen SVP Angst haben. Zur Aussage Steiningers, dass Italien vor der Internationalisierung des Südtirol-Problems Angst hatte, ist Folgendes zu sagen: Nach der Feuernacht wurde in ganz Europa über Südtirol berichtet, al-

lerdings nicht immer positiv. Aber jeder vernünftige Bürger versteht, dass Gewaltakte nicht aus Zeitvertreib oder Abenteuerlust durchgeführt werden, sondern, dass im Verhältnis vom Staat zur angestammten Bevölkerung etwas nicht stimmt. Gewaltakte in diesem Ausmaß sind immer ein Aufschrei, ein Hilferuf der unterdrückten Bevölkerung. Als dann nach der Massenverhaftung die Folterungen bekannt wurden, hat wieder die ganze Presse in Europa darüber berichtet und die Sympathie hat sich zugunsten der Südtiroler gewendet und Italien wurde angeklagt. Als dann im August 1963 der Prozess gegen die Folterknechte in Trient über die Bühne ging, die meisten Angeklagten freigesprochen wurden und einige Tage später dann vom Carabinierigeneral De Lorenzo ausgezeichnet und befördert wurden, hat die internationale Presse wieder empört darüber berichtet. Der erste große Mailänder Sprengstoffprozess mit 69 inhaftierten Angeklagten, hat vom 09. Dezember 1963 bis zum 15. Juli 1964 gedauert. In dieser Zeit war viel nationale und internationale Presse im Gerichtssaal anwesend. Bedingt durch die Aussagen vieler Zeugen, darunter auch namhafte Politiker wie Magnago, Brugger, Dietl, Volgger, Erich Amonn u. a. und durch die Plädoyers der Rechtsanwälte, ist das Südtirol-Problem in allen Einzelheiten aufgezeigt und

natürlich in ganz Europa darüber geschrieben worden. Sogar in Italien selbst hat das viel zu einem Umdenken in dieser Angelegenheit beigetragen. Damit haben die Anschläge einen wesentlichen Beitrag zur Internationalisierung des Südtirol-Problems geleistet und damit Druck auf die italienische Regierung ausgeübt, um in dieser Sache einzulenken. Prof. Steininger schreibt selbst, um ein endgültiges Urteil über die Wirkung der Attentate abgeben zu können, müssten noch die letzten Archive in Rom freigegeben werden. Also ist er sich über seine Beurteilung in dieser Angelegenheit doch nicht so sicher, wie er vorgibt. Bei der Podiumsdiskussion in Kurtatsch im Oktober 1999 und auch später in den Dolomiten hat Steininger folgende Aussage gemacht: Das Lob für die Häftlinge von Magnago, Durnwalder und Weingartner, dass die Anschläge den Weg für die heutige Autonomie geebnet haben, hat auch viel mit schlechtem Gewissen zu tun. Vielleicht hat Steininger mit dieser Aussage gar nicht so unrecht, wenn man bedenkt, dass uns Häftlinge Magnago schon 1963 die politischen Idioten genannt hat. Später hat er uns Heimatbündler, weil wir das Selbstbestimmungsrecht vertreten haben, vehement bekämpft und die Utopisten, Hirngespinstler, Spinner, politische Grünlinge usw. genannt. Bei jeder nur mögli-

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chen Gelegenheit hat die SVP die Anschläge verurteilt und nur selten die Begründung mitgeliefert, warum diese Aktionen stattfanden und das war unserer Meinung (politische Häftlinge) nach ein gravierender Fehler. Sie hätten daraus viel politisches Kapital schlagen können, aber es fehlte ihnen augenscheinlich der Mut dazu. Durnwalder hat allen Grund, unseren Einsatz von damals hervorzuheben und zu danken. Er profitiert am meisten von den Anschlägen und der damit verbundenen heutigen Autonomie. Er kann die Milliarden verteilen und kann sich dadurch die Stimmen sichern und damit seine Macht und die der SVP ausbauen. Um die Loyalität der Südtiroler zu erhalten, schickt Rom die vielen Milliarden nach Südtirol und die SVP läßt sich dazu als verlängerter Arm missbrauchen. Schlimmer aber ist, dass Durnwalder und mit ihm die SVP heute eine Volkstumspolitik in Südtirol betreiben, die das Gegenteil von dem bewirkt, für das wir damals den Kopf hingehalten haben. Nämlich für die Selbstbestimmung und die Wiedervereinigung Tirols, zu dessen Zweck die SVP eigentlich gegründet wurde, um letztendlich das Land vor der Überfremdung und Italienisierung zu retten. Wenn eine deutsche Partei (SVP) hergeht und den Willen äußert, Italiener in ihre Reihen aufzunehmen, deren italieni-

sche Regierungen uns jahrzehntelang um unsere Rechte betrogen und vorher regelrecht tyrannisiert haben, dann ist das ein Zeichen von starkem Identitätsverlust. Dieselbe Partei hat heuer (1999) das hart erkämpfte zweite Autonomiestatut einer italienischen Mehrheit im Regionalrat zur Reform preisgegeben, mit dem großen Risiko, dass im italienischen Parlament oder im Senat lebenswichtige Abstriche vom Statut gemacht werden. Und das alles nur, um die eigene Machtposition in Südtirol auszubauen und zu stärken. Das ist nicht mehr Volksvertretung, sondern Vertretung von Parteiinteressen. Weiters will die SVP auf Vorschlag von Durnwalder rund 500 faschistische Ortsnamen, welche Tolomei erfunden oder übersetzt hat, anerkennen. Das ist Vergewaltigung des höchsten Kulturgutes eines Volkes! Kürzlich hat Durnwalder vorgeschlagen, eigene Ehrenzeichen in Südtirol einführen zu wollen. Das ist neben der Universität in Bozen und dem Flugplatz ein weiteres Zeichen, dass die SVP die Trennung der beiden Landesteile anerkennen und festigen will. Wenn man die Dinge aus dieser Sicht betrachtet, dürfte das späte Lob von Magnago und Durnwalder tatsächlich etwas mit schlechtem Gewissen zu tun haben! Nun aber zur zweiten Aussage von Steininger, nämlich, dass alles, was nach der Feuernacht passierte, kriminell war und von Terroristen ausgeführt wurde.

Zunächst muss ich anführen, dass auch nach der Feuernacht mehrere Südtiroler Gruppen im Sinne Kerschbaumers gehandelt haben, z. B. Luis Amplatz und Georg Klotz, die Gruppe um Prof. Günther Andergassen, die Gruppe um Rosa Klotz, um Franz Ebner aus Mühlen, dann die legendären Pusterer Buaben um Siegfried Steger und Sepp Forer und Ende der 70er Jahre die Familie Astfäller aus Göflan, die durch ihren späten Einsatz meist vergessen wird. Alle haben sie aus Liebe zur Heimat, welche damals volkstumspolitisch und sozial wirklich schwer bedroht war, gehandelt und ihr Leben und die Freiheit dafür aufs Spiel gesetzt, z. B. der wohl bekannteste und aktivste Freiheitskämpfer aus Innsbruck, Kurt Welser, der als Verbindungsmann fungierte und uns unter ständiger Lebensgefahr mit Sprengstoff und Waffen versorgte. Dann die vielen Studenten von der Uni in Innsbruck, welche freiwillig mit dem gleichen Risiko nach Südtirol gefahren sind, um uns zu helfen. Dass beim einen und anderen oder deren Auftraggebern im Hinterkopf noch ein anderer Grund mitgespielt hat, mag sein, aber für uns war einfach die Tatsache wichtig, dass die Anschläge weitergingen. Wir, die wir untätig im Gefängnis sitzen mussten, hatten jedesmal eine Freude, wenn es krachte. Der italienische Staat sollte sehen, dass sie nicht alle verhaftet hatten,

dass auch welche nachkamen und weiterkämpften. Italien sollte einfach erkennen, dass unsere Geduld am Ende war und sie mit uns Tirolern nicht jahrzehntelang tun und lassen konnten, was sie wollten. Es war uns selbstverständlich bewusst, dass wir gegen das Gesetz verstoßen haben, aber in Südtirol herrschte damals der volkstumspolititsche und soziale Notstand und es brauchte einfach Männer, die bereit waren, Familie, Freiheit und das Leben für diese unsere bedrohte Heimat aufs Spiel zu setzen. Dass ein Freiheitskampf kein Honigschlecken ist, dürfte wohl bekannt sein. Und, dass bei einem solchen Kampf die Spirale der Gewalt gegenseitig hochgedreht wird, ist zwar bedauerlich, aber leider eine Tatsache. Sogar Sepp Kerschbaumer hat im Gefängnis erkannt, dass seine These, nur Sachschaden anzurichten, in einem Freiheitskampf auf die Dauer nicht haltbar ist. Die Tragik liegt meines Erachtens ganz wo anders, nämlich, dass es in einem demokratischen Staat überhaupt soweit kommen muss, damit man sich Gehör verschaffen kann. Sepp Kerschbaumer hatte bei seinem Verhör in Mailand den Mut, den italienischen Staat anzuklagen; er sagte: «Wenn uns Italien die verbrieften Rechte gegeben hätte, die uns zustehen, dann wäre die ganze Tragödie nicht passiert und wir wären daheim bei unseren Familien.»

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Auf der ganzen Welt gab es damals und gibt es heute noch Unruheherde und Gewalt wird überall dort angewendet, wo ein Volk oder eine Volksgruppe unterdrückt und ausgebeutet wird. Es bleibt leider oft nur mehr der Weg der Gewalt übrig, weil die jeweiligen Regierungen nicht imstande sind oder meistens gar nicht willens sind, die unterdrückten Völker und Volksgruppen menschenrechtswürdig zu behandeln. Wer ist dann hier letztendlich der Verbrecher und Terrorist? Die Antwort überlasse ich dem Leser selbst. Ich bin der Auffassung, dass Prof. Steininger kein Recht hat, alle Gruppen, welche nach der Feuernacht operiert haben, als Kriminelle hinzustellen. Er weiß selbst genau, dass der italienische Geheimdienst in den 60er Jahren brutale Anschläge verübt hat, um den Freiheitskampf ins schlechte Licht zu bringen, damit wir den Rückhalt in der Bevölkerung verlieren würden. Auf der Porzescharte sind 1967 durch einen Anschlag vier Finanzer ums Leben gekommen. In Italien wurden deswegen Prof. Hartung, Peter Kienesberger und Egon Kufner zu lebenslanger Haft verurteilt. In Österreich sind dieselben Personen wegen demselben Delikt freigesprochen worden, weil sie nachweisen konnten, dass sie sich zur Tatzeit nicht am Tatort aufgehalten haben. In St. Martin in Gsies wurde ein Finanzer erschossen und den Pusterer

Buaben in die Schuhe geschoben. Sie bekamen dafür lebenslänglich. Recherchen haben ergeben, dass diesem Vorfall ein Streit zwischen Kameraden vorausgegangen ist und der eine den anderen erschossen hat. Im Gsieser Talbuch ist dies genau beschrieben, würde dies nicht der Wahrheit entsprechen, so wäre der Verfasser schon längst wegen Verleumdung angeklagt worden. Auf der Steinalm hat 1966 auch eine Explosion stattgefunden, bei der drei Finanzer umgekommen sind. Verantwortlich gemacht worden sind Jörg Klotz, Richard Kofler u.a., obwohl sie die Steinalm nie betreten hatten. Heute weiß man, dass es ein Sabotageakt war, wie die Presse schon damals gemunkelt hat. Der berühmteste Fall war sicher der Meuchelmord von Christian Kerbler an Luis Amplatz und dem schwer verwundeten Georg Klotz. Oder die Repressalien in Tesselberg, wo die Carabinieri in die Häuser hineingeschossen, ein behindertes Mädchen trafen und stundenlang in ihrem Blute liegen ließen, Einrichtungen zerschlugen, Wertgegenstände mitnahmen, Schupfen anzündeten, Frauen, Kinder und Männer auf einer Wiese zusammentrieben und die Männer dann zwangen, mit den Händen auf dem Rükken und auf dem Bauch liegend, stundenlang auszuharren und schließlich diese wie eine Herde Vieh zu Tal getrieben haben.

Erst vor einigen Jahren ist aufgekommen, dass 15 unschuldige Tesselberger hätten erschossen werden sollen. Nur dem mutigen Offizier Oberstleutnant Giudici ist es zu verdanken, dass sie noch leben, weil dieser den Befehl verweigert hat. Das sind nur einige der schwerwiegenden Vorfälle, die aufgekommen sind, welche aber sicher dazu beigetragen haben, dass sich die Gangart der Freiheitskämpfer verschärft hat. Oder ganz am Anfang bei der Verhaftungswelle die schweren Misshandlungen an wehrlosen Menschen mit zwei Todesfolgen, dann Sepp Locher und Hubert Sprenger, welche am 19. Juni ohne jegliche Vorwarnung erschossen worden sind. Das sind nur die markantesten Beispiele, es gäbe noch genug ähnliche Fälle. Und das alles angeordnet und durchgeführt von einem Staat, der uns ohnehin schon jahrzehntelang unserer Rechte beraubt hat. Ich frage noch einmal, wer hat hier die Verbrechen begangen? Eine Institution, die für Ordnung und Frieden sorgen sollte und vor der man normalerweise Respekt haben müsste oder jene, welche sich aus Verzweiflung gegen jahrzehntelange Unterdrückung und solche Greueltaten zur Wehr gesetzt haben? Wer wundert sich da noch, dass die verbliebenen Freiheitskämpfer auch zu härteren Mitteln gegriffen haben. Nur wer dies alles miterlebt hat, kann sich ein richtiges Bild von den damaligen Verhältnis-

sen machen und sich hineinfühlen. Wer will oder darf sich da wohl das Recht herausnehmen, diese Menschen zu verurteilen? Ich zitiere hier nur ein Bibelwort, das mir als Antwort gerechtfertigt erscheint: «Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie!» Auf keinen Fall scheint mir jedenfalls Steininger der richtige Mann dafür zu sein! Im Band 2 Seite 560 schreibt Steininger, dass Friedl Volgger in seinen Erinnerungen Folgendes geschrieben hat: «Sepp Kerschbaumer, der 1964 im Gefängnis starb und seine Kameraden, haben einen wesentlichen Beitrag zur Erreichung einer neuen Autonomie geleistet.» Ähnlich äußerte sich noch im Juni 1997 Tirols Landeshauptmann Wendelin Weingartner. Zwei Fragen stellen sich in diesem Zusammenhang: 1.) Warum sind diese Stellungnahmen so spät gekommen und 2.) treffen sie tatsächlich den Sachverhalt? «Zum ersten ist zu sagen, dass die Attentate nach wie vor, insbesondere in Nord- und Südtirol, ein besonderes sensibles Thema sind. Das hängt zum einen mit der damaligen Haltung der offiziellen Politik gegenüber diesen Attentätern zusammen und zum anderen mit dem Leid jener Leute. Sie sind misshandelt und gefoltert worden, sie saßen jahrelang im Gefängnis. Großartige Hilfe ist ihnen nicht zuteil geworden. Politiker und Be-

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völkerung lehnten ihre Aktionen zunächst ab; die Stimmung schlug erst um, als die Berichte über die Folterungen und Misshandlungen bekannt wurden. Aber auch dann kam von der Politik wenig Hilfe. Insofern haben die späten Äußerungen auch viel mit schlechtem Gewissen zu tun.» Soweit das Zitat von Steininger. Dazu ist Folgendes zu sagen: Der Großteil der Bevölkerung lehnte zunächst die Anschläge ab, weil die wenigsten wussten, wer sie durchgeführt hatte. Wir hatten die Untergrundorganisation BAS ja geheim aufgebaut und der Kreis, der davon wusste, war verhältnismäßig klein. Außerdem haben weder die Südtiroler noch die Italiener geglaubt, dass wir zu so etwas imstande wären, denn Anschläge in so massiver Form hatte es in Südtirol noch nie gegeben. Es kursierten die wildesten Gerüchte und Spekulationen. Als dann die Verhaftungswelle zutage brachte, wer die «Attentäter» waren, schlug die Stimmung um. Wir waren alles gewöhnliche Bürger aus dem Volk heraus, arbeitsame Leute mit Familien und ohne Vorstrafen. Zusätzlich kamen dann noch die brutalen Misshandlungen, welche uns gegenüber die Sympathie der Bevölkerung noch erhöhte. «Aber auch dann kam von der Politik wenig Hilfe.» Das stimmt tatsächlich. Die Führung der Südtiroler Volkspartei (SVP) hat uns damals politisch im Stich gelas-

sen. Ja sie hatten nicht einmal den Mut und die Größe, uns im Gefängnis zu besuchen, obwohl wir gerade nach den Folterungen diese moralische Unterstützung notwendig gebraucht hätten. Lediglich Ing. Karl Voja hat uns nach dem Prozess in Trient öfters besucht. Einige Vertreter der SVP haben allerdings unsere Familien eine zeitlang betreut und finanziell unterstützt; das muss der Wahrheit halber gesagt werden. Nachdem das Allensbacher Institut im Auftrag von Fritz Molden (BAS Mitglied) 1960 eine Umfrage in Südtirol gestartet hatte, mit dem Ergebnis, dass 82% der Südtiroler die Rückkehr nach Österreich befürworten und 26% den Freiheitskampf unterstützen würden, hofften wir, dass der Druck auf die SVP so groß würde, dass sie auf unsere Forderung nach Selbstbestimmung einschwenken würden. Das war leider ein Trugschluss. Einerseits war das Südtiroler Volk auf solch massive Anschläge nicht vorbereitet, also zuwenig eingebunden worden, was ja auch sehr schwierig gewesen wäre und andererseits saß der Schock über die große Verhaftungswelle und die Folterungen sehr tief. Sie hatten es mit der Angst zu tun bekommen. Den Politikern dürfte es so ähnlich ergangen sein, allerdings hat bei den meisten auch der Wille zu so einem schwierigen Weg gefehlt. Sie sind den Weg des geringen Widerstandes gegan-

gen, den Weg der Autonomie. Man kann uns heute den Vorwurf machen, dass wir damals beim Prozess in Mailand erklärt haben, dass wir die Anschläge gemacht haben, um die Weltöffentlichkeit auf das Unrecht in Südtirol aufmerksam zu machen, aber für die Autonomie und nicht für die Selbstbestimmung. Das war ein Vorschlag der Rechtsanwälte, sie sagten, sonst werden wir laut Artikel 241 (Anschlag auf die Einheit des Staates), der lebenslänglich vorsah, verurteilt und das wäre für uns und unsere Familien eine enorme Belastung gewesen. Es war für uns keine leichte Entscheidung. Eine Aussprache unter uns Häftlingen hat dann ergeben, dass wir uns, um die Tragödie nicht noch zu vergrößern, für die Autonomie entschieden hätten. Dafür bekamen wir den Artikel 283 (Anschlag auf die Verfassung) aufgebrummt, der uns immerhin auch noch 5 Jahre und 4 Monate einbrachte. Der verstorbene Senator Peter Brugger hat 1980 zu uns gesagt: «Der Unterschied zwischen euch Häftlingen und den Vertretern der SVP ist der, ihr ward bereit, für die Heimat ins Gefängnis zu gehen, von denen aber ist kein einziger auch nur einen Tag dazu bereit!» Unser Ziel, für das wir uns in den 60er Jahren eingesetzt haben, war die Wiedervereinigung Tirols, war das Freiwerden von der Fremdbesetzung durch Italien. Aus dieser Sicht, das müssen wir uns eingeste-

hen, waren unser Einsatz und die Opfer unserer Familien umsonst. Schuld daran ist meines Erachtens einmal die große Verhaftungswelle; ca. zwei Drittel der aktiven BAS-Mitglieder wurden dadurch zur Untätigkeit gezwungen und der moralische Schaden für das restliche Drittel und die ganze Bevölkerung war enorm. Dann hatten die Politiker in Südtirol und Österreich bewusst oder unbewusst versagt und uns politisch im Stich gelassen, weil sie unsere Forderung nach Selbstbestimmung nicht mitgetragen haben. Dann dürfte auch die schwierige nationale und internationale politische Situation ihren Teil dazu beigetragen haben. Was herausgekommen ist, ist nur eine Teillösung, eine brauchbare Übergangslösung. Wir politischen Häftlinge haben uns schon 1969 bei der Abstimmung über das Paket im Meraner Kursaal dagegen ausgesprochen, weil wir der Meinung waren, dass halbe Lösungen immer gefährlich sind. Der italienische Staat hat nämlich längst erkannt, dass er mit Gewalt (Faschistenzeit) die Südtiroler nicht in die Knie zwingen kann, mit Milliarden aber problemlos. Die Gefahr droht heute weniger vom italienischen Staat, sondern vielmehr von uns selbst. Wenn wir nicht mehr bereit sind, unsere Sprache, Ortsnamen, Sitten und Bräuche tagtäglich zu verteidigen, dann ist das ein untrügliches Zeichen von Identitätsverlust. Wir haben

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schon viele Gewohnheiten unserer politischen Gegner angenommen, wir merken das schon gar nicht mehr. Wenn z. B. eine rein deutsche Partei den Willen äußert, Italiener in ihre Reihen aufzunehmen, deren Regierungen uns jahrzehntelang um unsere verbrieften Rechte betrogen haben, dann muss man wohl von fortschreitender Assimilierung sprechen. Von den ständig zunehmenden Mischehen spricht kein Mensch mehr, das ist schon Selbstverständlichkeit. Das nagt stark an der Tiroler Volkssubstanz und ist ein untrügliches Zeichen, dass wir mitten im Verelsässerungsprozess stehen. Nur will das niemand wahrhaben, weil es uns «zu gut» geht. Ein altes Sprichwort lautet: «Kein Volk ist in der Armut zugrunde gegangen, immer nur im Wohlstand.»

Wenn wir als Tiroler überleben wollen, müssen wir uns wieder mehr nach dem Norden orientieren. Wir müssen unsere Bindung zu unseren Brüdern nördlich des Brenners wieder besser ausbauen und stärken und nicht mit eigenen Infrastrukturen, wie Universität, Flugplatz, eigenen Ehrenzeichen usw. die Trennung vertiefen. WIR MÜSSEN EINEN WEG FINDEN UND DIE SÜDTIROLER SOLLEN SELBER DARÜBER ENTSCHEIDEN KÖNNEN, DER DIE DREI LANDESTEILE NORD-, OST- UND SÜDTIROL AUF FREIDLICHEM WEG ZU EINER EUROPÄISCHEN REGION TIROL ZUSAMMENFÜHRT, DIE ES DANN AUCH UNSEREN NACHKOMMEN ERMÖGLICHT, ALS TIROLER WEITERLEBEN ZU KÖNNEN!

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Die Südtiroler politischen Häftlinge haben sich gegen die Annahme des Paketes ausgesprochen. Dieses Schreiben mit dem klaren Nein zum Paket und den 80 Unterschriften der politischen Häftlinge, sind vor der Lan-

desversammlung der SVP am 22. November 1969 im Meraner Kursaal an der Eingangstür an die Delegierten verteilt worden und haben sicher zu dieser hohen prozentualen (48%) Ablehnung des Paketes mit beigetragen.

Lieber Landsmann! Der 22. November dieses Jahres wird sicherlich als ein Meilenstein in die Geschichte unseres Tiroler Volkes eingehen. Ob er als «Sternstunde» oder als schwärzester Tage eingehen wird, liegt zum Großteil an der Entscheidung, die DU fällen wirst. Du sollst ja über die Annahme oder Ablehnung des sogenannten Paketes entscheiden. Wir ehemaligen Südtiroler politischen Häftlinge möchten Dich in diesem Rundschreiben beschwören, zum Paket eine klares NEIN zu sagen. Folgenden Überlegungen sollen Dir helfen, die noch bestehenden Zweifel zu beseitigen und Dir diese schwere Entscheidung zu erleichtern: 1.) Bedeutet die Annahme des Paketes das «Los von Trient»? Nein, denn die Region bleibt und wir bleiben somit immer den Wünschen und dem Willen der Trientner ausgeliefert. 353

2.) Durch die Annahme des Paketes werden die Italiener in die Lage versetzt, in alle Welt hinauszuposaunen, daß das Südtiroler Volk mit diesem bescheidenen «Almosen», d.i. das Paket, zufrieden ist. Für die Italiener wird ein Ja ein neuer «Perassi-Brief» sein, der noch schwerwiegender sein wird, weil er ja von einem Großteil der Südtiroler Bevölkerung unterzeichnet wurde. Durch die Annahme des Paketes verzichten wir auf alle Forderungen, welche seit 1956 und seit Sigmundskron gestellt und im Paket nicht berücksichtigt wurden. 3.) Durch die Annahme des Paketes wird die Südtiroler Frage, die heute bereits wesentlich internationalisiert ist, wieder in eine rein inneritalienische Angelegenheit umgeformt. Alle Anstrengungen und Mühen, die seit dem Jahre 1960 unternommen worden waren, sind dann wieder zunichte. 4.) Bedenke, daß Du diesmal unter Zeitdruck entscheiden sollst, man will Dich überfahren und Du sollst in Unkenntnis dieses komplizierten Machwerkes – das Paket – eine Entscheidung fällen. 5.) Wir fragen Dich: Warum wehrt sich Italien so hartnäckig gegen eine wirkliche internationale Verankerung? Der sogenannte «Operationskalender» ist ja keine wirksame internationale Absicherung. Man merkt ja förmlich den schlechten Willen Italiens gegenüber uns Südtirolern, deshalb will Italien nicht die Internationalisierung der Südtiroler Frage. 6.) Die Zu- bzw. Unterwanderung hört durch die Annahme des Paketes nicht auf, ja sie kann eines Tages sogar noch gefördert werden, da wir nach der Annahme des Paketes keinen internationalen Rechtsschutz mehr genießen. 7.) Warum haben die Italiener plötzlich solche Eile das Paket unter Dach und Fach zu bringen? Am 1. März 1970 finden in Österreich die Nationalratswahlen statt, die auch über die künftige österreichische Regierung entscheiden werden. Italien ist sich nicht sicher, daß nach dem 1 März 1970 in Österreich wieder eine solche willfährige Regierung an der Macht sein wird, die ohne Widerstand einem solchen faulen Kompromiß zustimmen wird. 354 8.) Kannst Du, lieber Landsmann, diese schwere Verantwortung vor Deinem Gewissen und Deinem Volk übernehmen? Wir glauben sicherlich nicht, denn wir zweifeln nicht an Deiner guten, aufrechten Tiroler Gesinnung, deshalb gibt es am 22. November 1969 nur ein klares NEIN zu diesem faulen Kompromiß!

Wenn Du Dir Folgendes merkst, lieber Landsmann, dann wird Dir die Entscheidung bestimmt leichter fallen: DAS PAKET BEDEUTET FÜR DAS SÜDTIROLER VOLKSTUM VERZICHT UND FÜR ITALIEN DIE ERREICHUNG SEINES 50JÄHRIGEN TRAUMES: DIE ENDGÜLTIGE ANERKENNUNG BESTÄTIGUNG DER BRENNERGRENZE!!

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EIN LETZTES WORT UND DANK
Dieses Buch wäre nie entstanden ohne den selbstlosen Beistand zahlreicher Helfer und Freunde, die uns und unsere Bitten nie abgewiesen haben. Allen voran möchten wir dabei Dr. Otto Scrinzi für seine wohlwollende Hilfe danken. Genauso gilt unser Dank dem Landesrat für Kultur, Herrn Dr. Bruno Hosp, für seinen Beistand. Besonders danken möchten wir aber auch all jenen, die durch ihren persönlichen Beitrag das Entstehen dieses Buches ermöglicht haben: Hans Stieler aus Bozen, Luis Steinegger und Luis Gutmann aus Tramin, Helmut Kritzinger aus Innsbruck, Johanna Clementi aus Montan, Maria Mitterhofer aus Obermais, Midl von Sölder aus Eppan, Rosa Klotz und Franz Amplatz aus Bozen, Siegfried Steger aus Telfs, Dr. Erhard Hartung aus Innsbruck. Danken möchten wir auch unseren Mitarbeitern Verena Obwegs und Peter Mitterhofer für ihre Mithilfe, die sich nicht nur auf das Schreiben und Korrigieren beschränkt hat und ohne die dieses Buch nicht so leicht zustande gekommen wäre. Ein großer Dank gilt zuletzt auch Roland Lang und seiner Frau Heidi, in deren Heim wir für unsere Arbeiten immer herzlich aufgenommen und bewirtet wurden.

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BENÜTZTE LITERATUR UND QUELLEN

CHRONIK SÜDTIROL – L. Stocker Verlag SCHÄNDUNG DER MENSCHENWÜRDE IN SÜDTIROL – Buchdienst Südtirol DER JÖRG – Verlag K. W. Schütz FEUERNACHT – Edition Raetia ES STAND NICHT GUT UM SÜDTIROL – Edition Raetia BOMBEN AUS ZWEITER HAND – Edition Raetia SÜDTIROL CHRONIK – Athesia SÜDTIROL ZWISCHEN DIPLOMATIE UND TERROR – Athesia SÜDTIROL WOHIN? – Druffel Verlag SÜDTIROL ERLEBT ERLITTEN – R. H. Drechsler GEORG KLOTZ – R. H. Drechsler STORIA DEL TERRORISMO IN ALTO ADIGE – Manfrini Weiters wurden zahlreiche Informationen aus verschiedenen privaten Archiven benutzt, wie z. B. das von Günther Obwegs seit Jahren angelegte Informationen-, Bildund Dokumentenarchiv über den Südtiroler Widerstand in den 60er Jahren

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BILDVERZEICHNIS
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Die Bunte Illustrierte Privat Privat Privat Privat Privat Privat Privat Privat Privat Privat Feuernacht - Edition Raetia Privat Privat Privat Privat Privat Privat Chronik Südtirol - L. Stocker Verlag Chronik Südtirol - L. Stocker Verlag Privat Privat Privat Die Feuernacht - Edition Raetia Privat Privat Die Feuernacht - Edition Raetia Die Feuernacht - Edition Raetia Quick Nr. 32, 2. August 1967 Privat Privat Privat Archiv Pfaundler Der Tiroler - Nürnberg Feuernacht - FF Wochenillustrierte Privat „... grüß mir die Heimat ...“ - P.P. Rainer Die Feuernacht - Edition Raetia Die Feuernacht - Edition Raetia Die Feuernacht - Edition Raetia Die Feuernacht - Edition Raetia Der Tiroler - Nürnberg Privat Der Tiroler - Nürnberg Privat

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Der Tiroler - Privat Chronik Südtirol - L. Stocker Verlag Archiv Obwegs Die Feuernacht - Edition Raetia Institut für Zeitgeschichte - Universität Innsbruck Institut für Zeitgeschichte - Universität Innsbruck Privat Chronik Südtirol - L. Stocker Verlag Der Tiroler - Nürnberg Der Tiroler - Nürnberg Chronik Südtirol - L. Stocker Verlag Der Tiroler - Nürnberg Der Tiroler - Nürnberg Privat Privat Privat Chronik Südtirol - L. Stocker Verlag Dolomiten – Bildarchiv Die Feuernacht - Edition Raetia

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DIE HERAUSGEBER
SEPP MITTERHOFER, 1932 in Meran geboren, von Beruf Landwirt. Verheiratet und Vater von 4 Kindern. Mit 15 Jahren ist er nach dem Zweiten Weltkrieg der Musikkapelle Obermais beigetreten und war 40 Jahre aktives Mitglied. Er ist Mitbegründer und Ehrenmitglied der Schützenkompanie Obermais. Ebenso war er 18 Jahre im Aufsichtsrat der Obstgenossenschaft Meran tätig, sowie 2 Perioden im Bezirksausschuss des Beratungsringes für Obst- und Weinbau des Burggrafenamtes. In den 50er Jahren hat er sich zum Widerstand gegen die Italienisierung Südtirols durch den italienischen Staat entschlossen und ist deshalb Anfang 1958 dem BAS beigetreten. Er hat sich aktiv bei den Anschlägen beteiligt, ist bei der großen Verhaftungswelle schwer misshandelt und eingesperrt worden. Beim ersten Mailänder Sprengstoffprozess ist er zu 12 Jahren Gefängnis verurteilt worden, bei der Berufung 2 Jahre Strafverminderung, 2 Jahre Srafnachlass und die restlichen 7 Jahre und 11 Monate hat er abgesessen. Er ist Mitbegründer des Südtiroler Heimatbundes (SHB) 1974, seitdem im Bundesausschuss tätig, 2 Jahre Bezirksobmann des Burggrafenamtes, 6 Jahre Obmannstellvertreter und seit 1990 Bundesobmann.

GÜNTHER OBWEGS, 1966 in Bruneck geboren, von Beruf Beamter. Seit seinem fünfzehnten Lebensjahr ist er in den Reihen des Südtiroler Heimatbundes politisch tätig. Er ist begeisterter Bergsteiger und Fotograf. Doch seine größte Begeisterung gilt seiner Heimat und dessen Geschichte, das Erforschen, das Aufschreiben und Sammeln von Informationen, das Aufbewahren für kommende Generationen und das Ankämpfen gegen das allzu leichte Vergessen bedeuten für ihn aktiven Heimatschutz.

ISBN 88-8300-008-0