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fastforeword (1-07) – Wie ‚krank’ ist die Moderne?

Stadtsoziologie und radikales Ordnungsdenken. Andreas


Walther als Prototyp des Sozialingenieurs der Zwischen-
kriegszeit
Von Andreas Schneider
Der vorliegende Aufsatz widmet sich dem Hamburger Soziologen Andreas
Walther. Dieser mittlerweile nahezu in Vergessenheit geratene Vertreter
seiner Zunft gilt innerhalb der soziologiehistorischen Forschung als „Para-
depferd der empirischen NS-Großstadtsoziologie“ (Gutberger). Bereits En-
de der 1920er Jahre hatte Walther am Hamburger Seminar für Soziologie
Planungen für empirische Untersuchungen ins Auge gefasst, die in ihrer
Gesamtschau einen „Sozialatlas“ ergeben und somit gegenständlich und
schnell eine „synoptische Gesamt-Schau der sozialen Verhältnisse“ von
Hamburg ermöglichen sollten.1 1928 bekam Walther von der Hochschul-
behörde bescheidene finanzielle Mittel bewilligt, doch erst nach der natio-
nalsozialistischen Machtübernahme ließen sich in enger Kooperation mit
den Verwaltungsbürokratien umfangreiche Untersuchungen inner-
städtischer „Sanierungsgebiete“ (Walther) realisieren. In deren Rahmen
intendierte Walther eine „eingehende Untersuchung gemeinschädlicher
Regionen“, um „an der Gesundung unseres Volkslebens in der Großstadt
mitzuarbeiten“.2
Dass Andreas Walther während der nationalsozialistischen Herrschaft zu
einem „Mann der NSDAP“ (Klingemann) wurde und „das NS-System in
seinem persönlichen Wirkfeld mit Überzeugung gestützt“3 hat, wird in der
Forschung nicht bestritten. Kontrovers ist hingegen die Frage, wie es dazu
kommen konnte. So betont der Soziologiehistoriker Rainer Waßner, der in
den 1980er Jahren mit der mühsamen Rekonstruktion von Walthers wis-
senschaftlichem und politischem Engagement im Nationalsozialismus Pio-
nierarbeit geleistet hat, dass sich der Hamburger Soziologe bis 1933 „im
Lager der Demokraten“4 befunden habe und „nirgends aus Walthers ge-
samter Tätigkeit bis 1933 stichhaltig belegt werden“ könne, „daß er sich
geistig im nationalsozialistischen Lager oder auf dem Weg dorthin be-
fand“.5 Hier stellt sich allerdings die Frage, ob das überhaupt entscheidend
ist. Es ist m.E. müßig zu fragen, ob Walthers Soziologie dezidiert faschis-
tisch war oder auch nicht, oder ob sich bereits vor 1933 Versatzstücke ei-
ner ohnehin nie existenten kohärenten nationalsozialistischen Ideologie in
Walthers Schriften identifizieren lassen. Walthers Bereitschaft, dem NS-
Regime zu dienen, lässt sich zwar zum einen damit erklären, dass die
neuen Machthaber dem Fach Soziologie zu einem deutlichen Aufschwung
verholfen hatten. Es sei, so argumentiert Waßner, „keineswegs abwegig,
daß einige Soziologen mit Hitlers Machtergreifung die Morgenröte der So-
ziologie aufgehen sahen“.6 Zu ihnen gehörte auch Walther, und Rainer
1
Roth (1987), S. 381f.; vgl. auch Waßner (1988), S. 72.
2
Schreiben von Andreas Walther an den Hamburger Innensenator Richter vom 4.6.1934, zit. n.
Roth (1987), S. 381.
3
Waßner (1991), S. 1019.
4
Ebd., S. 1018.
5
Ders. (1986), S. 400.
6
Ders. (1985), S. 45.

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Waßner spricht zu Recht von einer „Art faustischem Pakt“, der geschlos-
sen wurde: „Die Produktivität, die sich nicht entfalten konnte, ging
schließlich das Bündnis mit dem Bösen ein.“7 Andererseits scheint jedoch
ergiebiger zu sein, so die These dieses Aufsatzes, nach sozialen Dispositi-
onen8 Ausschau zu halten, die eine Symbiose von Sozialwissenschaft und
Nationalsozialismus ermöglichten, auch wenn für die Zeit vor 1933 keine
Hinweise auf rassistische oder antisemitische Orientierungen zu beobach-
ten sind. Dabei erscheint Andreas Walther geradezu als Prototyp des „So-
zialingenieurs“, der „durch die Gestaltung des Raumes, der Städte und der
Wohnungen, durch eugenische Praktiken und durch Reformen der Ge-
sundheits- Erziehungs- und Sozialpolitik eine radikale Neugestaltung der
Gesellschaft erreichen“ wollte, „und zwar in Form einer die ideelle Grund-
struktur der alten Ordnung wahrenden neuen Gemeinschaft“.9 Die Prakti-
ken dieser Sozialexperten waren massiv geprägt von einem spezifischen
Denkstil, der von dem Trierer Historiker Lutz Raphael in seinem einfluss-
reichen Aufsatz „Radikales Ordnungsdenken und die Organisation totalitä-
rer Herrschaft“ scharf umrissen wurde. Im weiteren Verlauf meines
Beitrages werde ich zunächst die wesentlichen Stilelemente des „radikalen
Ordnungsdenkens“ referieren, dann den biografischen und intellektuellen
Werdegang Andreas Walthers knapp skizzieren, daraufhin Walthers empi-
rische Stadtforschungen in Hamburg darstellen, um schließlich in einem
knappen Resümee aufzuzeigen, wie dieses spezifische Ordnungsdenken
ein Zusammengehen von Sozialwissenschaft und den national-
sozialistischen Machthabern ermöglichte.

7
Ders. (1991), S. 1019.
8
Unter Dispositionen werden hier im Anschluss an Etzemüller (2007), S. 67, Diskurse, Denkstile
und Habitus verstanden, die in kollektiven Prozessen angeeignet werden und die Art und Weise
„formatieren“, wie Individuen „die Welt wahrnehmen, wie sie Erfahrungen machen, mit welchen
Unterscheidungen sie beobachten.“ Bei Dispositionen handelt es sich also um „produktive Begren-
zungen“, die „unreflektierte intellektuelle wie soziale Anpassung und damit erst kommunizierbare
Erkenntnis sowie Regelmäßigkeiten des Handelns“ erzeugen.
9
Ders. (2006), S. 449.

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Ein radikaler Denkstil


Jene – in überwältigender Mehrzahl männlichen – humanwissenschaftli-
chen Experten,10 die in der Zeit des Nationalsozialismus durch ihre Eigen-
initiative maßgeblich am Zustandekommen und Gelingen zahlreicher
Verbrechen und Gewaltmaßnahmen des Regimes beitrugen,11 teilten einen
eigentümlichen Denkstil, der sich im Kontext einer allgemeinen „Verwis-
senschaftlichung des Sozialen“ (Raphael) entfalten konnte. Diese war vor
allem deswegen möglich, weil seit der Jahrhundertwende die staatlichen
Interventionen auf den Gebieten von Wirtschaft und Gesellschaft sukzes-
sive anwuchsen und somit das Fundament für die Kooperation zwischen
akademischen Experten und NS-Staat gelegt wurde. Während den zahlrei-
chen Humanwissenschaftlern das neue weltanschauliche und politische
Programm des nationalsozialistischen Regimes „als ein Bündel noch offe-
ner Möglichkeiten“12 erschien, entwickelten die neuen Machthaber ihrer-
seits „einen ausgesprochenen Heißhunger nach ,verläßlichen‘ Daten über
Wirtschafts- und Sozialstrukturen“13 sowohl des Deutschen Reiches als
auch der okkupierten Gebiete. An zahlreichen Instituten für anwendungs-
orientierte Humanwissenschaften stellten die Forscher und Planer dem
diktatorischen Regime Sozialtechniken zur Verfügung, die mit dessen Leit-
vorstellungen und konkreten Handlungsprioritäten kompatibel waren. Dies
bedeutet allerdings nicht, dass die beteiligten Sozialingenieure durchweg
regimetreue und lupenreine Nationalsozialisten waren: „Das entscheiden-
de Kriterium für eine Einbindung der Wissenschaftler in die Planungspro-
jekte [war] ihr Fachwissen und nicht der Grad ihrer politischen
Zuverlässigkeit.“14
Der einzelne Berufsgruppen und Disziplinen übergreifende Denkstil soll
nun kurz konturiert werden.15 Zu den fünf Elementen, die Lutz Raphael für
diesen humanwissenschaftlichen Denkstil vor und im „Dritten Reich“ für
konstitutiv hält,16 gehört erstens die Metaphernwelt sozialer Pathologien.
Sie speiste sich einerseits aus der Sozial- und Rassehygiene sowie Eugenik
und aus der Tradition organizistischer Sozialtheorien andererseits. Gesell-
schaft und die in ihr lebenden Menschen wurden als „Körper“ begriffen,
den man als „krank“ diagnostizierte und dessen „Heilung“ man zu

10
Zu den humanwissenschaftlichen Experten zählt Raphael (2001), S. 9, diejenigen, die im univer-
sitären Kontext „vor und nach 1933 ein Expertenwissen über Menschen, ihre Konstitution, ihre Ge-
sellschaft, Geschichte und Kultur erhalten hatten und damit als Berater, Planer und Ideologen
nationalsozialistischer Eingriffe in die Lebensverhältnisse der unterschiedlichsten Bevölkerungs-
gruppen in Frage kamen“. An Professionen sind hier vor allem Sozialforscher, Ärzte, Juristen, Geis-
teswissenschaftler, Architekten oder Bevölkerungsstatistiker zu nennen.
11
An dieser Stelle muss freilich darauf hingewiesen werden, dass sich das social engineering der
Zwischenkriegszeit mitnichten auf das „Dritte Reich“ und seine mörderischen Destruktionspotentia-
le beschränkte. Ein ähnlich gelagerter Denkstil determinierte die Wahrnehmung zahlreicher Sozial-
experten auch in demokratischen Wohlfahrtsstaaten (etwa Schweden), wie vor allem Etzemüller
(2006), S. 445f., ausdrücklich betont.
12
Martin Broszat, zit. n. Rapahel (2001), S. 13.
13
Ebd.
14
Gutberger (1996), S. 475.
15
Zum Konzept des Denkstils vgl. Fleck (1980); Etzemüller (2007), S. 37ff.
16
Die folgenden Ausführungen basieren auf dem Aufsatz von Raphael (2001). Sofern nicht anders
angegeben, beziehen sich die Zitate in diesem Abschnitt auf ebd., S. 24ff.

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erreichen suchte.17 Diese Perspektive implizierte zugleich intervenierende


oder präventive Maßnahmen, die den „Heilungsprozess“ unterstützen bzw.
beschleunigen sollten. Zweitens wurden die Untersuchungsobjekte der So-
zialingenieure mittels spezifischer Techniken, vor allem der Statistik,
überhaupt erst hervorgebracht.18 Durch die Auswahl und Deutung von
„Sozialstrukturdaten“ steuerten Humanwissenschaftler ihren Beitrag zur
Konstruktion einer „rassisch definierten Volksgemeinschaft“ bei. Drittens
korrespondierten diesen Sozialtechniken der Erfassung gesellschaftlicher
Phänomene spezifische Wunschbilder und Planungsziele sozialer Ordnun-
gen: „Das weltanschaulich vorgegebene, aber wissenschaftsgestützte Mo-
dell eines rassehygienisch ,gereinigten‘ Volkskörpers, dessen
Leistungsfähigkeit auch intern auf Konkurrenz und Auslese beruhte, ko-
existierte mit dem Modell einer im Innern pazifizierten Volksgemeinschaft,
deren wirtschaftliche und soziale Dynamik politisch gebändigt und kontrol-
liert werden sollte.“ Zu den Spezifika der humanwissenschaftlichen Exper-
ten gehörte viertens die „indirekte Gestaltung der ‚konkreten Ordnungen’
des Nationalsozialismus durch die sozialplanerische Veränderung von Um-
welt (v. a. Lebensraum) und Deutungsmustern“. Einher mit diesem „Wil-
len zur Ordnung“ (Etzemüller) gingen Mechanismen der Kontrolle und
Exklusion. Ausgegrenzt wurden vor allem die als „minderwertig“, „fremd-
rassig“ oder „gemeinschaftsfremd“ klassifizierten Individuen und Gruppen,
was auf den rassistischen Charakter vieler planerischer Aktivitäten ver-
weist. Schließlich lässt sich als fünftes Stilelement die Dialektik von Pla-
nung und Destruktion identifizieren, die sich spätestens nach Kriegsbeginn
in aller Deutlichkeit zu zeigen begann: „Aus technokratischen Sozialpla-
nern wurden zusehends terroristische Sozialordner, deren ‚Endlösungen’
wohl auch als Flucht aus den Realitäten ungezähmter sozialer Konflikte
und unkontrollierbarer sozialer Entwicklungen zu interpretieren sind.“
Der hier skizzierte Denkstil war zudem eingebettet in einen breiteren Kon-
text, der an dieser Stelle nur schlagwortartig angerissen werden kann:19
ein seit der Jahrhundertwende virulentes Krisenbewusstsein, welches in
der Zwischenkriegszeit kulminierte, die Genese einer Expertenkultur, die
den Typus des kritischen Intellektuellen und akademischen Gelehrten zu-
nehmend verdrängte, die Möglichkeit, innerhalb der nationalsozialistischen
Ideologie eigene Weltanschauungen durchsetzen zu können und zu wol-
len, der von der Kriegsjugendgeneration getragene Habitus einer rechts-
radikalen „Sachlichkeit“ sowie die Zuspitzung der Historismuskrise.
Biografische Annäherungen
Andreas Walther wurde 1879 in Cuxhaven geboren.20 Er wuchs in einem
protestantischen Pfarrhaus auf, so dass eine Pastorenlaufbahn vor-
gezeichnet schien. Darauf lief zunächst auch alles zu, denn er studierte
anfänglich Theologie in Erlangen, Tübingen und Rostock. Jedoch verzich-
tete Walther auf eine Karriere als wissenschaftlicher oder praktischer
17
Vgl. Etzemüller (2006), S. 448f.; Föllmer (2001).
18
Vgl. hierzu in Bezug auf die Bevölkerungswissenschaft Schlimm (2007).
19
Vgl. Raphael (2001), S. 28.
20
Die folgenden biografischen Ausführungen und Zitate beruhen, wenn nicht anders angegeben,
auf den Arbeiten Rainer Waßners.

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Theologe und gelangte über die vergleichende Religionsgeschichte zur Ge-


schichtswissenschaft. 1908 promovierte Walther bei Karl Brandi über ein
Thema zur mittelalterlichen Verwaltungsgeschichte. In Berlin setzte er
seine historischen Studien bei Otto Hintze fort, bei dem er lernte, nach
den strukturellen Zusammenhängen der mittelalterlichen Geschichte zu
fragen, da sich Hintze damals offen gegenüber der Nachbardisziplin Sozio-
logie zeigte. 1911 habilitierte Walther bei Hintze und wirkte bis zu seiner
Einberufung in die Armee (1915) als Privatdozent. Kurz zuvor unternahm
er noch eine Weltreise, die ihn u.a. nach China und in die USA führte. Da-
bei machte er Erfahrungen, die ihn von der Geschichtswissenschaft zur
Soziologie führten, denn er musste feststellen, dass zahlreiche europäi-
sche Erscheinungen wie beispielsweise Familientypen oder Zünfte in ande-
ren Teilen der Welt ihre Äquivalente besaßen. So überkam Walther „die
soziologische Besessenheit des Vergleichens und Typisierens“.21 Sein
Übertritt zur Soziologie war vermutlich auch eine Reaktion auf den Orien-
tierungsverlust nach dem Zusammenbruch der Hohenzollernmonarchie.
1920 wurde er im Alter von nunmehr 41 Jahren zum außerordentlichen
Professor für Soziologie im Sinne vergleichender Geistesgeschichte an der
Universität Göttingen berufen, und nach einem Jahr wurde er zum persön-
lichen Ordinarius (d.h. ohne eigenen Lehrstuhl) für Soziologie ernannt. So-
fort widmete sich Walther der Aufgabe, dass noch wenig anerkannte Fach
Soziologie zu etablieren und auszubauen, war sich aber bewusst, dass
dieses Ziel in Deutschland zwar nicht leicht und schnell verwirklicht wer-
den könne, aber angesichts erfolgreicher ausländischer Beispiele als
durchaus realisierbar gelten müsse.22 Als Vorbild für Walther fungierte vor
allem die US-amerikanische Soziologie, die er 1925 während einer erneu-
ten USA-Reise persönlich kennengelernt hatte. Vor allem die Praxisnähe
der amerikanischen sozialwissenschaftlichen Forschung, die bereits in der
Zwischenkriegszeit mit den Techniken der empirischen Sozialforschung
operierte, hatte es ihm angetan. Bei seinem Amerikaaufenthalt lernte er
vor allem die Methoden der „Chicago School“ kennen, was sich später in
seinen stadtsoziologischen Arbeiten niederschlagen sollte. Neben diesen
transatlantischen Einflüssen war Walthers Wissenschaftsverständnis stark
vom französischen Positivismus und der Soziologie der Durkheim-Schule
geprägt. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, redete er einer „rück-
sichtslosen Zurückdrängung philosophischer Fragestellungen zugunsten
der Empirie“ (Waßner) das Wort. Walther war von dem Glauben über-
zeugt, so Waßner, „emsige Sozialforschung könnte wie eine Fabrik Daten
aus den verschiedensten sozialen Feldern bereitstellen, aus denen der Bau
der gesicherten soziologischen Erkenntnis aufgeschichtet würde: Wissens-
produktion ist für ihn ein quantitativer Vorgang“. Mit dieser Wissen-
schaftsauffassung von einer Soziologie als eigenständigem Hochschulfach,
die empirisch und nicht philosophisch verfährt, war Walther in der Weima-
rer Republik jedoch ziemlich isoliert. Das lässt sich u.a. auch an seiner
marginalen Position auf den Soziologentagen von 1922 und 1924 sowie in
21
Interview mit Andreas Walther im Hamburger Fremdenblatt vom 9.2.1939, zit. n. Waßner
(1986), S. 389.
22
So Walther in einem Schreiben an das Wissenschaftsministerium vom 30.12.1924, zit. n. Neu-
mann (1998), S. 457f.

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der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) ablesen.23 Die Ablehnung


seiner wissenschaftlichen Arbeit sollte Walther auch nach seinem Wechsel
nach Hamburg zu spüren bekommen, wo er nicht zuletzt auf Empfehlung
von Ferdinand Tönnies 1926 auf den dritten, ausschließlich der Soziologie
gewidmeten Lehrstuhl der Weimarer Republik berufen wurde. Dort wie
schon zuvor in Göttingen engagierte er sich unermüdlich für die Etablie-
rung seines Faches als Einzelwissenschaft, für Geld- und Sachmittel sowie
Räume und Personal für sein soziologisches Seminar. Sein Institut fristete
jedoch ein „Schattendasein“ (Stölting) unter der Konkurrenz der Ökono-
men Eduard Heimann, Friedrich von Gottl-Ottlilienfeld und Kurt Singer, die
ebenfalls mit soziologischen Fragestellungen beschäftigt waren, wenn
auch in philosophischer Perspektive. Obgleich vor allem Walthers stadt-
soziologische Bemühungen von Seiten der Hochschulbehörden anfangs
gern gesehen und gefördert wurden – die Stadtsoziologie sollte mit karto-
grafischen Methoden die Sozialstruktur der Hansestadt veranschaulichen,
um auf diese Weise Verwaltung, Schulen und Exekutive mit Informationen
zu versorgen –, versiegte auch dieser Geldstrom im Zuge der Weltwirt-
schaftskrise.
Diese für Walther frustrierende Situation sollte sich aber 1933 mit dem
Systemwechsel und der „Erfassungsleidenschaft der Nationalsozialisten“
(Waßner) grundlegend ändern: Das Fach Soziologie wurde von der juris-
tisch-staatswissenschaftlichen in die philosophische Fakultät verlegt und
erhielt das Promotionsrecht, woraufhin in der Zeit des „Dritten Reichs“
sechzig Dissertationen unter Walthers Haupt- und Nebenbetreuung ange-
fertigt wurden. Zudem floss nun mehr Geld, es steigerten sich die behörd-
lichen Aufträge und die dazugehörigen Mitarbeiterstellen. Anfang Mai 1933
wurde Walther Mitglied der NSDAP. Als erstes Zeichen seiner neuen politi-
schen Gesinnung verweigerte er dem Frankfurter Nachwuchssoziologen
Hans Gerth, der aufgrund der erzwungenen Emigration seines ursprüngli-
chen Betreuers Karl Mannheim auf der Suche nach einem neuen Doktor-
vater war, die Annahme als Doktorand. Walther begründete diese
Ablehnung mit den „Schwierigkeiten Mannheimscher Deutung, die sich für
mich als Nationalsozialisten ergeben könnten“.24 An dieser Stelle soll der
Faden aus dem ersten Kapitel wieder aufgegriffen und die Frage nach der
Relevanz von Dispositionen für die Erklärung der engen Kooperation von
Sozialwissenschaften und Nationalsozialismus aufgeworfen werden. Neben
einem nicht zu leugnenden opportunistischen Karrierismus spielten bei
Walthers Entscheidung, NSDAP-Parteimitglied zu werden, auch unreflek-
tierte Wahrnehmungsmuster eine entscheidende Rolle. So verweist Rainer
Waßner darauf, dass sich durch Walthers gesamtes Werk „wie ein roter
Faden die Klage über das ,Chaos der Werte‘, dass in Deutschland herr-
sche“, ziehe.25 Zu dieser Krisendiagnose eines Werterelativismus zeigte
sich bei Walther auch das für die „Klassische Moderne“ (Peukert) so
charakteristische Ganzheitsstreben. Sehr deutlich wird dies, als Walther

23
Vgl. Kaesler (1981).
24
Schreiben von Andreas Walther an Rudolf Heberle vom 19.6.1933, zit. n. Waßner (1986), S.
401.
25
Ders. (1985), S. 54; ders. (1991), S. 1028.

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Ende der dreißiger Jahre schrieb, dass mit dem Nationalsozialismus der
„Durchbruch einer neuen organischen Ordnung und Einheitskultur“ gelun-
gen sei.26 Insgesamt, dieses Zwischenfazit darf man ziehen, gehörte
Walther zu jenen, die die politische Entscheidung von 1933 vor dem Hin-
tergrund einer weit verbreiteten „Krisenwahrnehmung“ einerseits als „En-
de des lebensweltlichen und des wissenschaftlichen Relativismus“27 sowie
andererseits als Chance, das eigene Fach und damit auch die eigene Kar-
riere maßgeblich zu befördern, begrüßten.
Stadtsoziologie im „Dritten Reich“
In dem nun folgenden abschließenden Kapitel möchte ich anhand der
Schrift „Neue Wege zur Großstadtsanierung“ aufzeigen, wie sehr Walthers
empirische Forschungen von dem oben skizzierten „radikalen Ordnungs-
denken“ geprägt waren. Dieser Text aus dem Jahr 1936 resümierte die
Ergebnisse von stadtsoziologischen Studien, die in den Jahren 1934 und
1935 unter Walthers Leitung als „Notarbeit 51“ der Akademikerhilfe der
Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft.28 Bei diesen Untersuchun-
gen ging es Walther vor allem darum, den Aspekt der „soziale[n] Gesun-
dung“ für die Stadtplanung in den Vordergrund zu rücken. Auch wenn „der
Nationalsozialismus nicht die Wirkungsmacht schlimmer oder heilsamer
Umwelt“ verkenne, die bei früheren Großstadtsanierungen, die im wesent-
lichen unter baulichen und hygienischen Gesichtspunkten erfolgt seien,
und ihre Hoffnung auf die Änderung des Wesens der Menschen „durch
Verpflanzung in eine andere Umwelt“ legten, wisse er aber um die „Gren-
zen der Erziehung und Milieuwirkung“. Denn „in den gemeinschädigenden
Regionen der Großstädte“ gäbe es „gehäuft hoffnungslose Fälle, die wie
ein Geschwür am Volkskörper weiterwuchern, wenn sie nicht herausge-
sucht und am Weitergeben ihrer Krankheitskeime und Defekte verhindert
werden“ (S. 3f.). Um diese „Geschwüre“ ausfindig machen zu können,
plante Walther bereits in den späten 1920er Jahren, einen „Sozialatlas“ zu
erstellen. In einem Exposé an die Hochschulbehörde erläuterte Walther
seine Vorstellungen: Zum einen sollten alle vorliegenden, statistischen
Materialien von Behörden und privaten Einrichtungen eingeholt werden,
zum andern galt es einzelne soziale Gruppen zu untersuchen – bis hin
zum soziologischen Studium jedes einzelnen Häuserblocks. Zudem sollte
die Erfassung des Stadtgebietes mit Hilfe der Kartografie erfolgen, nicht
zuletzt um „die Herkunft der minderwertigen Jugendlichen und der Ver-
brecher“ zu ergründen. Hier griff Walther auf jene Rastertechnik zurück,
die er bei seinem Aufenthalt in den USA kennengelernt hatte. Mit diesen
Ideen stieß Walther gerade bei den Verwaltungs- und Sozialbürokratien
und polizeilichen Behörden auf reges Interesse, denn seit dem späten 19.
Jahrhundert war es vor allem in den hafennahen Wohnvierteln, die vor-
nehmlich von Hafen- und Gelegenheitsarbeitern und ihren Familien
bewohnt wurden, zu sozialen Unruhen gekommen, weshalb diese seit die-

26
Walther (1939), S. 7.
27
Oexle (1996), S. 165.
28
Die Zitate in diesem Abschnitt sind, wenn nicht anders angegeben, Walther (1936) entnommen;
die entsprechenden Seitenzahlen werden im Folgenden in Klammern angegeben. Zur Notgemein-
schaft der Deutschen Wissenschaft vgl. Marsch (1994).

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ser Zeit mehrfach zum Zielpunkt behördlicher Interventionen wurden.29 In


den Jahren 1901, 1906 und 1925/26 wurde der „Schandfleck Hamburgs“30
jeweils als Reaktion auf Unruhen und Streiks im Zuge von „Sanierungs-
maßnahmen“ teilweise abgerissen. Dies setzte sich auch nach der Macht-
übernahme der Nationalsozialisten fort; zwischen Herbst 1933 und
Frühjahr 1934 wurde das city- und hafennahe Gängeviertel, wo mittler-
weile 12.000 Menschen auf engstem Raum lebten, abgerissen.31
Konventionelle Sanierungsmaßnahmen, wie sie zu Beginn des 20. Jahr-
hunderts durchgeführt wurden, lehnte Walther dezidiert ab. Es gehe nicht
nur darum, so Walther, „schlechte Häuser durch bessere [zu] ersetzen“,
sondern man müsse vielmehr auf die Menschen sehen und „Verantwor-
tung für die völkische Zukunft“ tragen. Daher seien „Vorbereitungen auch
durch soziologische Untersuchungen“ vonnöten: „Diese Erhebungen müs-
sen schließlich dahin kommen, daß, ehe die Spitzhacke ihre Arbeit be-
ginnt, bestimmt werden kann, wie man mit den einzelnen Menschen und
Familien des Abbruchgebietes verfahren soll.“ Damit rekurrierte Walther
auf die oben angesprochenen Abrissmaßnahmen seit Jahrhundertbeginn,
bei denen sozialwissenschaftliche Expertise noch keine Bedeutung besaß.
An diesen Maßnahmen kritisierte er vor allem, dass „viele der früheren
Bewohner eines Sanierungsgebietes […] nur […] in andere schlimme
Quartiere [umzogen], die dem verlassenen möglichst ähnlich waren“. Dar-
aufhin explizierte Walther deutlich, was mit den Menschen der Abbruchge-
biete geschehen solle: „Die trotz asozialer Umwelt gesund Gebliebenen,
also gegen großstädtische Verderbung in besonderen Maße immunen, för-
dern zu erfolgreichem Fortkommen in der Stadt; die für Rand- und ländli-
che Siedlungen Geeigneten, die ebenfalls nicht fehlen, zum Ziel ihrer
Wünsche führen; die nur Angesteckten in gesunde Lebenskreise verpflan-
zen; die nicht Verbesserungsfähigen unter Kontrolle nehmen; das Erbgut
der biologisch hoffnungslos Defekten ausmerzen“ (S. 4). Mit dieser Klassi-
fikation, in der eugenische und antiurbanistische Sichtweisen verknüpft
waren, machte Walther deutlich, worauf künftige Sanierungsmaßnahmen
zu achten hätten. Es galt vor allem die letzten beiden Gruppen in den Blick
zu nehmen – die „Asozialen“, die sich in bestimmten Stadtregionen zu-
sammenhäufen würden. Dabei gebrauchte Walther jedoch keinen pau-
schalen Begriff von „Asozialität“. Er differenzierte nach „minderwertigen“,
„dissozialen“, „asozialen“ und „antisozialen“ Verhaltensweisen und Cha-
rakterzügen. Vor allem auf die letzte Kategorie müsse besonders geachtet
werden, denn der „Antisoziale“ zeichne sich dadurch aus, dass er „sich
den Forderungen geordneten Gemeinschaftslebens bewußt widersetzt und
auch die Scheu vor kriminellem Verhalten bewußt abgelegt hat.“ Proble-
matisch sei bei dieser Gruppe, dass sie „unter ‚rein’ biologischen Gesichts-
punkten hochwertige Menschen“ sein könnten „und eben deshalb
unmittelbarer gefährlicher als die asozialen Mittelmäßigen und Minderwer-
tigen“ seien. Besonderes Augenmerk legte Walther auf die so genannten
„Grenzfälle“, d.h. die „in ihrer Sozialwirkung Neutralen, die keinen Ge-

29
Zum sozialgeschichtlichen Kontext vgl. Grüttner (1983).
30
Berliner Tageblatt vom 10.2.1897, zit. n. ebd., S. 360.
31
Vgl. Roth (1984), S. 11f.; ders. (1987), S. 378ff.

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winn, aber auch nicht einen unmittelbar sichtbaren Schaden für die
Gemeinschaft bedeuten“. Diese Gruppe sei „aber wichtig deswegen, weil
es oft nur auf Zufälligkeiten beruht, wenn ihr Gefährdendes nicht oder
noch nicht offen zur Erscheinung kam“ (S. 7ff.). Zu den „Asozialen“ zählte
Walther insbesondere „chronisch Erfolglose“, deren „hoffnungslose Le-
bensuntüchtigkeit […] in der Regel auf biologischen Defekten“ beruhe.
Jene Gebiete, in denen Walther die „Asozialen“ vermutete, waren für ihn
„Brutstätten für Verbrechertum“, die „zugleich Schlupfwinkel für Kriminelle
aller Art“ seien, „die dort Schutz finden durch den asozialen Korpsgeist der
Nachbarschaft, teilweise auch durch die gedrängt unübersichtliche Bau-
weise der Häuser, Höfe und Durchgänge“. Jedoch habe, so Walther, die
räumliche Konzentration der „Gemeinschädlichen“ und „Asozialen“ auch
einen entscheidenden Vorteil, denn schließlich erleichtere es „doch gerade
die natürlich gewordene räumliche Absonderung […], sie in den Griff zu
bekommen“ (S. 5f.)
Ausgehend von diesen Beobachtungen formulierte Walther drei Arbeits-
gänge. Erstens sollten durch Erhebungen über das gesamte Stadtgebiet
jene Regionen umgrenzt werden, in denen sich „gemeinschädigendes“
Verhalten besonders häufe. Dafür operationalisierte Walther Begriffe wie
„antisozial“ und „gemeinschädlich“, indem er auf Wahlerhebungen zurück-
griff, die Ende der zwanziger Jahre von ihm durchgeführt wurden. Beson-
ders dort, wo die Stimmabgaben für SPD und KPD besonders hoch und die
Stimmenthaltungen sehr niedrig waren, vermutete Walther „asoziales“
Verhalten. Als weitere Indikatoren kamen die Zahl der Fürsorgezöglinge
und der jugendlichen Delinquenten hinzu (S. 17ff.). Als weiteren Indikator
für „Gemeinschädlichkeit“ kartierten Walther und seine Mitarbeiter 14.000
chronische Wohlfahrtsempfänger, und schließlich wurden jene 2.000
Wohnungen verzeichnet, in denen Hilfsschulkinder lebten. Wenngleich
Walther die Auswirkungen des sozialen Milieus nicht vollkommen negierte,
wies er den erbbedingten Ursachen eine klare Priorität zu: Die meisten der
von Walther und seinem Team gesammelten Informationen hätten direkt
auf „biologische Defekte“ hingewiesen, „besonders nach der neuen Auffas-
sung des Nationalsozialismus von ,Gesundheit‘, die nicht in Abwesenheit
von ,Krankheit‘“ bestünde, „sondern an der Leistung gemessen“ werde,
wie Walther hinzufügte (S. 20).

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Der zweite Arbeitsschritt zielte auf die Erkennung der „einzelnen gemein-
schädigenden Regionen nach Sondercharakter und Struktur […]: ihre Teil-
räume, die gemeinschädigenden Kerne und Ansteckungsherde besonderer
Bösartigkeit, die eingelagerten relativ gesunden Teilbezirke“ (S. 24f.). Zur
Erreichung dieses Ziels wurde jedem der Mitarbeiter ein eigenes Gebiet
zugeteilt. Dort versuchten sie alle existierenden quantifizierenden Unterla-
gen und Veröffentlichungen (u.a. Justizakten) auf ihren Bezirk umzurech-
nen und zu übertragen. Diese Ausarbeitungen über Sozialstruktur,
Bebauungs- und Wohnverhältnisse, Wohndichte sowie über Bevölkerungs-
entwicklung und -mobilität wurden schließlich verknüpft mit den Eindrü-
cken, welche die Mitarbeiter mittels teilnehmender Beobachtung in ihren
Bezirken gemacht hatten.32
Drittens sollte durch einen abschließenden Arbeitsgang „Klarheit“ gewon-
nen werden, „was mit jedem Menschen und jeder Familie, die ihre Woh-
nungen verlassen müssen, geschehen sollte“ (S. 29). Da sich die ersten
beiden Arbeitsschritte hinsichtlich ihrer Erfassung als zu ungenau erwiesen
hätten, sollten nun „Hinweise auf bestimmte Personen, Familien, Hausge-
meinschaften, Nachbarschaften nicht mehr umgangen werden müssen“.
Für diese „restlose Erfassung“ (Aly/Roth) sollten „über jede Familie oder
Einzelperson der zum Abbruch bestimmten Häuserblocks auf einem geeig-
neten Formular alle Nachrichten eingetragen werden, die zur biologischen,
psychologischen, moralischen oder sozialen Charakterisierung geeignet
sind“ (S. 29). Zu diesem Zweck werteten Walthers Mitarbeiter Unterlagen
der Alkoholikerfürsorge und die Meldebücher von 33 Polizeiwachen aus.
Auf diese Weise „entstand auf lokaler Ebene eines der ersten deutschen
Projekte zur Kriminalgeographie“ (Roth). Besonders positiv stimmte Wal-
ther die Hoffnung, dass „in absehbarer Zeit ein Informationsmaterial“ zur
Verfügung stehen werde, dass „solche Registrierungen außerordentlich“
erleichtern würde. Dabei hatte er vor allem den Aufbau umfassender Per-
sonenkataster im Sinn, die „keinen deutschen Menschen auslassen“ soll-
ten (S. 29f.). In der Tat entwickelte sich mit dem „Zentralen
Gesundheitspaßarchiv“ in der Folgezeit ein umfassendes Sozialkataster,
das über die Grenzen Hamburgs hinaus „zu einem Pilotprojekt der sich
seit 1938 konsolidierenden Sozialverdatung“ avancierte.33
Resümee
Die Darstellung seiner stadtsoziologischen Studien hat zeigen können,
dass es sich bei Andreas Walther zweifelsohne um das Musterbeispiel ei-
nes Sozialingenieurs handelt, dessen wissenschaftliche Expertise die
destruktive Kraft des NS-Regimes unterstützt hat. Die Stilelemente des
„radikalen Ordnungsdenkens“, die im zweiten Kapitel kurz skizziert wur-
den, lassen sich bei Walther paradigmatisch auffinden: Sowohl das
Denken in organizistischen Topoi und sozialen Pathologien (wenn Walther
von den „Geschwüren“, die am „Volkskörper weiterwuchern“, spricht und
32
Von den Protokollen, die von den Mitarbeitern aus Walthers Team angefertigt wurden, sind ins-
gesamt acht erhalten geblieben, die von Karl Heinz Roth aufgefunden wurden und beim „Verein zur
Erforschung der nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik e.V.“, Dokumentationsstelle,
in Hamburg-Eimsbüttel archiviert sind. Vgl. Waßner (1988), S. 82, Anm. 28.
33
Roth (1987), S. 391.

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fastforeword (1-07) – Wie ‚krank’ ist die Moderne?

eine „soziale Gesundung“ von Stadt und Volk intendiert), als auch die Er-
zeugung statistischer Evidenzen, das sozialplanerische Gestalten, die Dia-
lektik von Neubau („die trotz asozialer Umwelt gesund Gebliebenen
fördern zu einem erfolgreichem Fortkommen in der Stadt“) und Vernich-
tung („das Erbgut der biologisch Defekten ausmerzen“)34 sind nachzuwei-
sen wie auch der Wunsch nach „Formierung einer ideologisch homogenen,
sozial angepaßten, leistungsorientierten und hierarchisch gegliederten Ge-
sellschaft“.35 Somit wurde Walthers Stadtsoziologie zu einer „Technologie
des Rassismus“ (Beyerchen), die das System stabilisierte. Dabei wurde
„der Rassismus der deutschen Intellektuellen […] nicht nur genährt durch
die vielen materiellen und ideellen Prämien, die das Regime vergab, son-
dern gewann seine Kraft aus dem diffusen Weltanschauungsbedürfnis, das
sich aus den Katastrophenerfahrungen seit dem Ersten Weltkrieg speiste
und im extremen Nationalismus seinen Nährboden gefunden hatte“.36 Es
war zu einem nicht unbeträchtlichen Teil dieses diffuse Weltanschauungs-
bedürfnis, das den Übergang zahlreicher Humanwissenschaftler in das
„Dritte Reich“ ermöglichte. Insofern ist auch die Frage falsch gestellt, ob
sich bei einzelnen Intellektuellen vor 1933 Anzeichen von (pro-
to-)faschistischem Gedankengut identifizieren lassen. Es macht auch we-
nig Sinn, zwischen dezidierten Nationalsozialisten und denjenigen scharf
zu trennen, die „andere Vorstellungen als die des klassischen Nationalso-
zialismus“37 besaßen. Vielmehr lud der Nationalsozialismus „zur Beteili-
gung aller nationalen Kräfte ein“,38 denn „die NS-Ideologie ist inhaltlich
und strukturell für die neuen Begriffe und Wertvorstellungen aus der Wei-
marer Republik ein ideales Sammelbecken gewesen“.39 1933 schlug die
„Stunde der Experten“ (Raphael), und unter den neuen Freiheiten des na-
tionalsozialistischen Regimes konnten die „Allmachtsphantasien und Ord-
nungsutopien“40 der Humanwissenschaftler zu ihrer Verwirklichung finden.
„Reinheit und Eindeutigkeit in den gesellschaftlichen Verhältnissen“ sollten
hergestellt werden, und dies führte die Sozialexperten mitunter „in den
Vorhof der Massenverbrechen, nicht weil sie sich als politisch verstanden,
sondern weil sie sich als unpolitische Faktensammler und Analytiker beg-
riffen, die ein autoritär-technokratisches Gesellschaftsbild über die politi-
schen Systeme hinweg transportierten“.41 So sehr liegen die Gründe für
Andreas Walthers „Wandlung vom Paulus zum Saulus“ wohl doch nicht im
Dunkeln, wie Rainer Waßner noch vor über zwanzig Jahren mutmaßte.42

34
Allerdings bedeutete „Ausmerzen” für Walther nicht die physische Vernichtung, sondern „ledig-
lich“ die Sterilisation der „hoffnungslos Asozialen“.
35
Peukert (1982), S. 295.
36
Raphael (2001), S. 39.
37
Interview mit Wolfgang J. Mommsen, in: Hohls, Jarausch (2000), S. 199.
38
Raphael (2001), S. 29.
39
Lepsius (1994), S. 116.
40
Raphael (2001), S. 38.
41
Gutberger (2004), S. 214.
42
Waßner (1986), S. 400f.

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