Sie sind auf Seite 1von 224

Adolf Eichmann Memoiren

Zu diesem Dokument

1. Zur Einführung ein Artikel und ein Kommentar aus der Tageszeitung „Die Welt“.

2. Der nachfolgende Text ist das eigentliche Dokument, welches Anfang März 2000 von www.welt.de als Worddatei heruntergeladen werden konnte.

3. Der Text wurde für die PDF-Version nicht bearbeitet, weder formatiert noch angepasst.

Israel gibt die Memoiren des 1962 hingerichteten Nazi-Verbrechers frei - Ab heute im Staatsarchiv einsehbar

DIE WELT (2000-02-29) Von Norbert Jessen

Jerusalem - Lebenserinnerungen, die der Nazi-Verbrecher Adolf Eichmann vor seiner Hinrichtung im israelischen Gefängnis niederschrieb, liegen vom heutigen DIenstag an im israelischen Staatsarchiv der Öffentlichkeit zur Einsicht vor. Am Sonntag fällte der Rechtsberater der Regierung, Eliakim Rubinstein, die Entscheidung zur Freigabe der Schrift, die seit 1962 von den Behörden in Israel unter Verschluss gehalten wurde. Die seit Monaten ausstehende Entscheidung wurde dringend, da die Verteidigung der Historikerin Deborah Lipstadt um Einsicht in die Schrift bat. Bis Ende dieser Woche hat sie noch Zeit, ihre Argumente dem Londoner Gericht vorzulegen. Dieses soll über die Frage entscheiden, ob Lipstadt den Geschichtsforscher David Irving zu Recht als Holocaust-Leugner eingestuft hat. Wie die WELT erfuhr, wurde der Verteidigung das Dokument bereits per e-Mail übermittelt. Auch der Kläger Irving hatte das Material angefordert, um seine eigene These zu stützen. Irving bestreitet die Morde an den Juden nicht, bezweifelt aber die Zahl der Toten. Er geht davon aus, dass auch Eichmann keine direkte Beziehung zwischen der "Endlösung", dem SS-Plan zur Vernichtung des Judentums, und Adolf Hitler herstellen kann. Hitler soll, so Irving, über diese Pläne bis zum Kriegsende nicht informiert worden sein. Nach israelischen Quellen sind in den Aufzeichnungen Eichmanns keine sensationellen Enthüllungen enthalten. Auf über 1100 Seiten in enger Sütterlin-Schrift versucht Eichmann seine Rolle als bloßer "Befehlsempfänger" herunterzuspielen. Daneben schweift er in langatmige "philosophische Betrachtungen" aus. Dabei spricht er jedoch wiederholt von der "Judenvernichtung", erklärte der Holocaust-Forscher Jehuda Bauer auf Anfrage der WELT. Eichmann bezeichnet sie ausdrücklich als "das größte Verbrechen in der menschlichen Geschichte". Laut Bauer schreibt Eichmann auch von den "Gaswagen", in die Juden gepfercht wurden, um sie mit Auspuffgasen zu ermorden. Dies war die Vorstufe zur Massenermordung mit Zyklon-B-Gift in den Gaskammern der Vernichtungslager. Die angesehene Tageszeitung "Haaretz" meldete am Montag, die Schrift beinhalte mehrere Hinweise darauf, dass die Judenvernichtung Hitler bekannt war. Auch nach einer Meldung der Zeitung "Jedioth" wird in Eichmanns Aufzeichnungen das Ausmaß der Ermordung der Juden überall in Europa deutlich. Ursprünglich war die Veröffentlichung bereits angekündigt worden, nachdem der israelische Journalist und Historiker Tom Segev im vergangenen Juli auf die vergessenen Dokumente aufmerksam gemacht hatte. Geplant war eine wissenschaftliche Ausgabe mit Kommentaren und Erläuterungen. Historiker hatten aber eine unkommentierte Ausgabe gefordert. Nach israelischem Gesetz liegen die Rechte einer Veröffentlichung ausschließlich bei den rechtmäßigen Erben Eichmanns. Daher geht ein Exemplar auch dem Eichmann-Sohn Dieter zu, der bereits juristische Schritte gegen die Herausgabe der Schrift eingeleitet hat. Das Staatsarchiv verweigerte am Montag jeden Kommentar zur Freigabe. Informierte Akademiker wissen jedoch bereits, dass die Handschriften in die lateinische Schreibweise transkribiert wurden. Selbst die meisten Fachhistoriker hatten Schwierigkeiten, die Sütterlin-Schreibweise zu lesen. Die Verleumdungsklage David Irvings gegen Deborah Lipstadt und ihren Penguin-Verlag wird von der israelischen Presse nur sporadisch verfolgt. Israelische Beobachter in London sind entsetzt darüber, dass vor allem britische Neonazis mit unverhohlener Genugtuung im Gerichtssaal sitzen.

Kommentar von Dietrich Alexander

DIE WELT (2000-02-29) Dietrich Alexander

Israel veröffentlicht die Memoiren des Kriegsverbrechers Adolf Eichmann - eine Sensation, möchte man meinen. Nicht so in Israel. Dort ist man bemerkenswert unaufgeregt darüber, dass 1300 Seiten Aufzeichnungen, die Eichmann in seiner Gefängniszelle Anfang der sechziger Jahre in Israel verfasst hatte, nun jedem zugänglich gemacht werden sollen. Die Juden sind sich des schrecklichsten Kapitels ihrer Geschichte bewusst. Sie wissen um die perfide Perfektionierung des Massenmordes, begangen von Deutschen. Wer immer daran herumdeutelt, wird eher belächelt denn ernst genommen. Insofern ist die schriftliche Rechtfertigung eines Massenmörders, denn eine Lebensbeichte wird Eichmann kaum niedergelegt haben, auch historisch wohl von allenfalls geringer Bedeutung. Wichtig allenfalls als Argumentationshilfe für die US-Historikerin Deborah Lipstadt, die sich einer Klage des umstrittenen britischen Historikers David Irving erwehren muss. Dass einige Ewiggestrige aus den Memoiren Beweise für die Leugnung des Holocaust herausinterpretieren könnten, ist weit weniger gefährlich als die Mystifizierung eines Nazi-Schergen. Respekt also vor der Entscheidung eines souveränen Israels.

/1/

Götzen

 

/2/

I. Teil

 

/3/

Götzen“ Teil I. Inhalt:

Quellenverzeichnis zum Teil I ---- Teil I (Nummeriert von 1-220; aber durch a,b,c,d, usf. Einfügungen) Total

(unterteilt in 20 Abschnitte.) Achtung! Bei der Quellenverzeichnisnummer /39/ fehlt die Dokumenten Nummer. Es handelt sich um den Wetzelschen-Handschrift- Entwurf. Darf ich Dr. Servatius bitten, diese No. In das Quellenverzeichnis unter /39/ einsetzen zu wollen. Adolf Eichmann 6 – 9 – 61.

4 Seiten

228 Seiten

Götzen

Inhalt:

Worte für den Lektor Leitspruch + Widmung Vorwort - - - - - - - - -

/4/

8 Seiten.

Adolf Eichmann Haifa, den 6 – 9 – 61

/5/

AE: 1

Beim Anlesen und Überfligen(sic) dieses Manuskriptes, muß ich feststellen, daß es mir zu leer und zu oberflächlich erscheint. Auch habe ich die Absicht, mich mit dem „Antisemitismus“ näher auseinanderzusetzen. Hierzu aber benötige ich noch einiges Quellenstudium. Aus diesen Gründen weiß ich nicht, und habe ich nicht den Mut zu entscheiden, ob dieses so bleiben kann wie es ist und in einem zweiten Manuskript – gewissermaßen als Fortsetzung – das mir fehlend Erscheinende zu bringen, oder ob ich dieses Manuskript gelegentlich vervollständigen soll. An Dr. Servatius m. d. B. um Kenntnisnahme und Beurteilung. (Unterschriftskürzel) XI. 61. P.S. Es ist eben doch nicht so leicht, als Gefangener ein Manuskript von sich zu geben, welches dann erst noch einer Zensur unterzogen wird; da fühlt man sich beim Schreiben nicht frei genug; dies muß man berücksichtigen. Wäre es nur eine „Lektorenzensur“; oder wäre ich zurück, dann würde es sicherlich für mich als Skribent einfacher sein. Am liebsten wäre mir, ich könnte es ausführlicher u. freundlicher neufassen. (Unterschriftskürzel)

/6/

/The page numbered /19/ with Eichmann‘s instructions to the censor and instructions regarding the use of this manuscript, should, in my opinion, be here.

E. Friesel,10/1999/

/7/

AE: (2)

Meine persönliche Meinung zuvor:

Die Art meines „Schreibens“ ist eher „süddeutsch-bajuvarisch“ zu nennen. Sollte der Lektor aus diesem Raume stammen, ist es möglich, daß es für das Buch von Vorteil wäre. (Es möge lediglich ein Hinweis sein; meine Meinung ist nicht kompetent.) Betr.: Vermerk für den Lektor:

1.) Ich kann dieses Geschehen – so sehr ich mich anfangs auch bemühte es anders stilistisch zu formen – nicht anders wiedergeben, als in einem sachlich-nüchternen „Amtsstil“. Heitere Sachen zu schildern, liegen mir mehr; aber selbst eine leichtere, beschwingtere Feder ist hier, die Natur der Sache respektierend,

abwegig. Wenn andere eine gewisse „Satzauflockerung“ vornehmen wollen, bin ich damit einverstanden, denn es ist möglich, daß es dadurch leichter lesbar wird; doch ist es mir am liebsten, wenn es so bleiben kann. 2.) Ich habe einfach darauf los geschrieben, so wie der Schreibstift es wollte; auf Interpunktionen und Absatzbildung nicht sonderlich geachtet. Solange der Sinn nicht verändert wird, bin ich mit textlicher Umgestaltung einverstanden. Auch Streichungen können vorgenommen werden; keinesfalls aber Hinzufügungen. z.B. das Vorwort könnte gestrichen werden. 3.) Der Teil I behandelt Schwerpunkte im seinerzeitigen Geschehen im Altreich + Österreich + Böhmen Mähren + Generalgouvernement, verbunden damit, die Stellung des Befehlsempfängers im Durcheinander mit seiner Innenschau. Der Teil II befaßt sich mit den Reparationsangelegenheiten in 12 europäischen Ländern. Die Kristallpunkte sind dokumentarisch belegt und führen von Schwerpunkt zu Schwerpunkt. Der Teil III spiegelt das Verhältnis zwischen

/8/

AE: (3)

dem äußeren Geschehen von damals und meinen inneren Gefühlen wieder und letzlich(sic), nach dem Sturz des eben noch Gültigen, sehe ich mich langsam und nach und nach, zu einer mich befriedigenden Weltbildvorstellung gelangen. 4.) Als Titel schwebt mir „Götzen“ vor. Ich dachte auch schon an „Gnothi seauton“. Jedenfalls wünsche ich nicht, daß dem Buch ein anderer Titel gegeben wird, ohne mich vorher zu befragen. Ich stelle diese beiden daher zur Wahl frei. Ich bin auch damit einverstanden, falls Uneinigkeit bezüglich eines Titels entstehen sollte, statt meiner, die Einverständniserklärung meines Verteitigers(sic) Hr. Dr. Servatius einzuholen. 5.) Der Einband und Schutzumschlag möge einfarbig gehalten sein; etwa Perl.- oder Taubengrau, mit klarer linienschöner Schrift. Es ist klar, daß ich kein Pseudonym wünsche, da es nicht in der Natur der Sache liegt. 6.) Die Quellenangaben sind so zu verstehen:

Eins.) Teil I. Eckige Umrandung mit fortlaufender Nummeration. Die Nummern geben im Anhang des Buches dann die Dokumentennummern der israelischen Staatsanwaltschaft wieder. z.B. [1] Dokument 1182

/9/

AE: (4)

b.) Teil II.

Hier ist genau dasselbe wie unter a.), nur habe ich für das Manuskript die runde Umrandung (1) gewählt, aus dem einzigen Grunde, damit die Nummern nicht verwechselt werden. Aber da beim Druck unter Umständen ja fortlaufend durchnummeriert wird, fällt sowohl runde, wie eckige Umrandung fort und es bleibt im Druck lediglich die Hinweisnummer auf das Quellenverzeichnis im Anhang stehen. Die den Dokumentennummern vorausgesetzten Buchstaben besagen:

N

= von Gericht angenommenes Beweisstück der Verteitigung(sic).

T

= von Gericht angenommenes Beweisstück der Anklage.

(Viele der unter T laufenden Dokumente wurden auch seitens der Verteitigung(sic) eingebracht; sie behielten(sic) aber, da das Gericht das Stück ja schon hatte, mit der T-Nummer stehen). Es fehlen mir bei einer ganzen Anzahl

/10/

AE: (5)

der Dokumenten-Nummern die Gerichtsnummeration; ich habe sie leider auch nicht. Aber Hr. Dr. Servatius resp. Herr RA Westenbruch sind im Besitze einer Liste, aus der diese sofort zu entnehmen sind. 7.) Ob die von Herrn Dr. zur Verfügung gehaltene Zeittafel zu den 5 Skizzen ebenfalls dem Anhang zugefügt werden sollen, überlasse ich Hr. Dr. Servatius. 8.) Ich bitte Herrn Doktor Servatius, dem Verlag Auftrag geben zu wollen, an meinen Freund, dem(sic) Prior des Präm. Klosters (Fr. Bernardus) ein Exemplar zu schicken, ebenfalls der Studentin nach Kanada, mit freundl. Grüßen von mir. Meine Brüder mögen bitte dafür sorgen, daß meine Frau zehn Exemplare bekommt, die sie in meinem Namen an meine Freunde, die sie nach eigener Wahl bestimmen mag, sowie an meine Söhne mit der Bemerkung versieht:

Eins.) „Im Auftrage meines Mannes mit freundlichen Grüßen und der Bemerkung „So war es“, übersandt Name m. Frau. Zwei.) „Im Auftrage Deines Vaters lieber (Name des Sohnes) mit herzlichen Grüßen gewidmet.“ 9.) Ein Exemplar für mich. Adolf Eichmann Haifa, den 10-9-61.

/11/

AE: 3

/Pages /11/ to /17/ were found here, although they seem to belong to the drafts. E. Friesel, 10/1999/

„---- und er würde seine Schattenwelt für wahr, die wahre Welt aber für unwirklich halten.“ Aus Platon‘s Höhlengleichnis, „Staat“; 7. Buch.

/12/

AE: 4

Bemerkung: Dies Manuskript (Vorw., Teil I-III) gilt solange als noch nicht abgeschlossen, bis ich eine letzte Lesung vorgenommen habe; es ist dies eine von mir eingebaute Sicherung, damit nicht Wortkonstellationen, zu meinem Nachteil falsch ausgelegt und gedeutet werden können. /Satz gestrichen, aber noch lesbar:

Die letzte Lesung erfolgt erst nach der Besprechung mit Dr. Servatius./ Vorwort /von hier bis S. 15 unten durchgestrichen, einzelne Zeilen unleserlich gemacht/

Ich befinde mich im Gefängnis in Israel. Die Beweisaufnahme ist abgeschlossen und in acht Tagen folgen die Plädoyers des Generalstaatsanwaltes und meiner Verteitigung(sic). Es werden sodann etwa zwei bis drei Monate vergehen, bis der Gerichtshof zu einem Urteil gelangen wird. Möglicherweise geht es dann weiter an die höhere Instanz; möglicherweise auch nicht. Wie dem auch sei; ich sagte während des Prozesses einmal auf eine Frage des Anklägers im Kreuzverhör, darauf werde ich antworten, wenn ich mich eines Tages hinsetzen werde um an die jetzige und kommende Jugend, zu ihrer Warnung, einige Kapitel zu schreiben. Vorausgesetzt, daß ich dazu die Genehmigung erhalte. Dann würde ich „das Kind beim Namen nennen“. Nun, der Präsident des Gerichtshofes verlangte die „Nennung“ bereits während des Verfahrens von mir. Ich gehorchte und sagte, daß das Geschehen mit den Juden, welches die damalige deutsche Reichsregierung während der Jahre des letzten großen Krieges in‘s Werk setzte, das kapitalste Verbrechen in der Menschheitsgeschichte darstelle. – Ich habe mich also entschlossen, die Zeit des Wartens auf das Urteil zu benützen, besser gesagt auszunützen, und daß(sic) in die Tat

/13/

AE: 5

umzusetzen, was ich verkündete. Es dürfte kaum schaden; eher hingegen zum Nachdenken anregen, wie es einem Menschen so im Leben ergehen kann. Ich war von tausend Idealen beseelt und schlitterte gleich vielen anderen in eine Sache hinein, aus der man nicht mehr herausfand. Ich habe heute einen zeitlichen Abstand von den Geschehnissen, der zwischen 16-29 Jahren liegt. Und vieles ehemals Gültiges ist ungültig geworden. Ehemals „weltanschauliche Werte“ habe ich als Gerümpel, allmählich im Laufe der Jahre über Bord geworfen. /8 Zeilen bis Ende des Abschnitts unleserlich gemacht/ Weil ich Hölle, Tod und Teufel sah, weil ich dem Wahnsinn der Vernichtung zusehen mußte, weil ich als eines der vielen Pferde in den Sielen mit eingespannt war und gemäß dem Willen und den Befehlen der Kutscher weder nach links noch nach rechts ausbrechen konnte, fühle ich mich berufen und habe das Verlangen, hier zu erzählen und Kunde zu geben von dem, was geschah. Es ist sicher ein trauriges Resumée, wenn ich feststellen muß, daß ich in der Lage bin, das

/14/

AE: 6

ungeheure Volumen alleine der organisatorischen Voraussetzungen, welche das Geschehen ermöglichten, zu umfassen und zu übersehen. Die meisten jener Akteure, die ja nun so oder so in die Geschichte eingehen werden, kannte ich, sprach zum Teil mit ihnen und vermag sie annähernd zu beurteilen.

/2 Abschnitte von 8 bzw. 5 Zeilen unleserlich gemacht/ Ich werde das Leben jener Zeit schildern, so wie es war, so wie ich es erlebte und gesehen habe. Nichts werde ich zu beschönigen versuchen. Ich schreibe zu niemandes Ruhm und Ehre; was sind es für verlogene, selbstbeweihräuchernde Begriffe! Was ich gestern noch glaubte anbeten zu müßen, liegt heute im Schutt des Gestürzten. Ich werde den Völkermord am Judentum schildern, wie er geschah und gebe dazu meine Gedanken von gestern und heute. Denn nicht nur die Felder

/15/

AE: 7

des Todes mußte ich sehen mit eigenen Augen, die Schlachtfelder auf denen das Leben erstarb, ich sah weit Schlimmeres. Ich sah, wie durch wenige Worte, durch den einzigen knappen, kurzen Befehl eines Einzelnen, dem die Staatsführung als Befehlsgeber dazu die Macht verlieh, solche Lebensauslöschungsfelder geschaffen wurden. Und ich sah die Unheimlichkeit des Ablaufens der Todesmaschinerie; Rädchen in Rädchen greifend, gleich dem Werk einer Uhr. Und ich sah jene, die da achteten auf den Gang des Werkes; auf den Fortgang. Ich

sah sie, das Werk stets von neuem aufziehen; und sie beobachteten den Zeiger der Sekunden, welche eben dahineilten; dahineilten, wie die Leben zum Tode. Den größten und gewaltigsten Totentanz aller Zeiten. Den sah ich.

Und ihn zu beschreiben, zur Warnung schick ich mich an. Eichmann

Adolf

/3 nachträgliche Zusätze:

6 – 9 – 61.

(Siehe dazu meine Fußnote bezüglich der Wortwägung. Gilt sinngemäß für alle Kapitel.) (Anschließend folgt mein Schlußwort, welches ich in meinem Prozess zu Jerusalem gehalten habe.) Bemerkung: Man darf diese und andere schriftstellerischen Worte keinesfalls mit der Waage der juristischen Paragraphen wägen.

/16/

Götzen“ Dieses ist mein Schlußwort, welches ich in dem Prozess zu Jerusalem am /Platz für Datum offengelassen/ 1961, gemäß meinen Erfahrungen und gemäß meinen Empfindungen, gehalten habe:

/17/

/I. Teil, unleserlich gemacht/

Teil I

-(1)-

/18/

AE: 8.

AE: 1

/3 Zeilen samt Zusätzen unleserlich gemacht, die 4. durchgestrichen, aber leserlich:

weiß, mit wem man es zu tun hat./ Als ein Menschenkind, trat ich am 19. März 1906 in das Leben. In Solingen, im Rheinland, wurde ich geboren, als erster Sohn der Eheleute Wolf und Maria Eichmann. Wenige Tage nach meiner Geburt wurde ich auf den Namen Adolf Otto, nach dem Ritus der evangelischen Konfession, helvetischer Richtung, getauft. Noch als kleines Kind zog ich mit meinen Eltern nach Linz a/Donau, Oberösterreich, wo mein Vater als kaufmännischer Direktor der Linzer Straßenbahn und Elektrizitätsgesellschaft tätig war und sich glaublich(sic) in den zwanziger Jahren pensionieren ließ um ein Elektrowarenunternehmen zu gründen. Nach Besuch der Volksschule und vier Jahren Realschule absolvierte ich zwei Jahrgänge einer höheren technischen Bundeslehranstalt. In den Jahren 1925 bis 1927 war ich als Verkaufsbeamter der „Oberösterreichischen Elektrobau A.G.“ in Linz a/Donau, sodann bis Juni 1933, als Verkaufsbeamter der „Österreichischen Vacuum Oil Company A.G.“, Filialdirektion Linz und Salzburg, tätig gewesen. Das damalige Linz a/Donau war ein verträumtes, kleines, liebliches und sauberes Provinzhauptstädtchen, im Zentrum des vorwiegend bäuerlichen Oberösterreich. Da war das weizenschwere Innviertel, das

/19/

/Found here. – In my opinion, belongs to page numbered /6/. E. Friesel, 10/1999/

Bemerkung für die Zensur:

1.) Diese schriftstellerische Arbeit kann nicht mit der Waage der Rechtsparagraphen gewogen werden. /Signaturkürzel/

2.) Dieser Manuskriptverband darf ohne der Zustimmung von Dr. Servatius, nicht veröffentlicht werden. (Gilt für das gesamte Manuskript).

Ich bin mit Dr. Servatius dahingehend verblieben, daß, falls er dieses Manuskript nicht zur Veröffentlichung ausgehändigt bekommt, (und zwar bis zu seiner Rückkehr nach Deutschland vor Weihnachten) ihm Gelegenheit gegeben sein möge, bei der Vernichtung des Geschriebenen, anwesend zu sein. /Signaturkürzel/

/20/

AE: 2

braunkohlenreiche Hansruckviertel, das damals schon dem Fremdenverkehr sehr erschlossene Traunviertel mit seiner Perle Gmunden am Traunsee, und dem oberösterreichischen Hausberg, dem Traunstein, dem Wächter der beginnenden Hochalpenwelt. Ganz besonders verliebt aber war ich in das reizvolle Mühlviertel. Das Viertel, der vielen sagenumwobenen Ruinen und Burgen. Und hier war es das obere Mühlviertel, daß(sic) ich ganz besonders in mein Herz geschlossen habe. Die Heimat eines Adalbert Stifter; der ewige Böhmerwald, dessen Ausläufer tief in das Obere Mühlviertel hineingreifen, mit den romantischen, braunwässerigen, kleinen linken Flüßchen. Die vielen hurtigen forellenbewohnten Bäche, die sich durch das, gegen die Donau zu abfallende, böhmisch-mährische Granitplateau, seit undenklichen Zeiten ihren Weg zum großen Wassersammler Donau, bahnen. Diesen herrlichen Fleck der Erde durfte ich meine zweite Heimat nennen und in diesem Kleinod Oberösterreich, verlebte ich dank der steten Fürsorge meiner Eltern eine herrliche, unbeschwerte Jugendzeit. Und auch als junger Mann – wie man zu sagen pflegte – waren es Tage von Liebe, Lenz und Leben, die mir geboten wurden. Motorsport, Bergsport, Arbeit, Kaffeehaus, Freunde auch Freundinnen – warum auch nicht – füllten die Tage und Jahre aus. Gar manche heimelige Weinstube lockte

/21/

AE: 3

zur Einkehr und in ihren alten Gemäuern ließ es sich gut sitzen. Eine solche Weinstube kannte ich, deren Existenz bis in das dreizehnte Jahrhundert zurückzuverfolgen war. Und der „Gumpoldskirchner“ schmeckte nach jedem Viertel besser auch ohne Schrammeln und Zigeunermusik. Man lebte im Phäakenland; eben in Oberösterreich. Und fuhr man auf den Postlingberg, das Wahrzeichen von Linz, dann war der erste Weg mit der kleinen Freundin, zu Meister Bugele, dem Obergärtner der herrlich-schönen Gartenanlagen auf diesem Berg, mit seinen tausend oder mehr Rosenstöcken. Ihn um einen Strauß Rosen für die Angebetete zu bitten, war für diesen Meister der Blumen, Sträucher und Bäume stets große Freude, kannte er mich doch schon als kleinen Lausbuben, wenn ich Samstags an der Hand meines Vaters, die Anlagen besuchte. Mein alter Herr hatte seinerzeit viel zur Hebung dieser Augenweide, welche damals zum Besitztum der Linzer Straßenbahn- und Elektrizitätsgesellschaft gehörte, getan

und meinen Freund Bugele, zum Obergärtner dieses Paradises(sic) bestellt. – Nichts hätte diese heiter-frohe und unbeschwerte Lebenslust zu stören vermocht wären die „Götter“ nicht auch bis nach Oberösterreich gekommen. Bei mir klopften sie bereits seit 1931 an, und ab und an auch schon früher; sie vereinnahmten mich dann genau am 1. April 1932.

/22/

AE: 4

Ja Freunde, heute zurückschauend, es sind bald 30 Jahre her, muß ich sagen

„wenn es dem Esel zu gut geht, dann geht er auf‘s Eis, um zu tanzen.“

-(2)-

Nun ja, es gab damals verschiedenartig eingestellte junge Leute, so wie es solche

zu allen Zeiten gegeben haben mag und immer geben wird. Ich war durch die Schule und Gesellschaft in der ich mich bewegte, kurz durch meine Umgebung

die mich beeinflußte – und welche Umgebung vermag einen jungen Menschen nicht zu formen – zur nationalistischen Richtung hin gelenkt worden. Und welchem Nationalisten brannten nicht /gestrichen: die Worte/ das Wort „Versailles“. Natürlich verstand man im Anfang nichts davon. Aber das Verständnis hierfür wurde schon geweckt; Zeitungen, Gespräche und Bücher sorgten dafür. Und man erzähle einem jungen Menschen in dieser Richtung tendierend, von nationaler Schmach, von Verrat, vom Dolchstoß, welcher der deutschen Armee zuteil ward, von nationaler Not und Elend; Herrgott, da packt es einen halt, da gerät das Blut in Wallung. Und dann hört man durch die Propaganda, daß da eine Partei ist, welche die Schmachbeseitigung auf ihr Banner geschrieben hat. Die Beendigung der nationalen Nöte versprach, den Dolch aus der Wunde zu ziehen sich anschickte, die Gleichberechtigung auf dem wehrmäßigen Sektor zu erkämpfen bestrebt war und die Arbeitlosgkeit in die unterste Hölle verdammte. Und dann

/23/

AE: 5

sitzt man in solch einem Weinstüberl, vor seinem „Viertel“, im Bierstüberl vor seinem „Krügerl“ oder im Caffee vor seinem „Schwarzen“ und liest den „Völkischen Beobachter“, man liest vom Tod der SA und SS-Männer; man ließt(sic) heldische Worte über heldischen Tod; über mannhaftes Sterben und furchtlose Treue. Und ich sag es noch einmal, welchen Burschen, nationalistischer Tendenz, „packte“ es da nicht. Da war kein Wort von Jude und Judentum; und laß(sic) man es ab und zu in besonderen Artikeln, wer nahm solches ernst? Wer machte sich dieserhalb überhaupt Überlegungen. Mag sein die Älteren und Alten. Uns Burschen interessierte alleine, und einzig und alleine, das Heldische. Mit zu helfen an der Beseitigung, an der Ausrottung einer Schmach. Rot sah man beim Wort „Versailles“. Bereit zu allem, dieses Wort, im Sinne von Schmach, zu vernichten, zu zerstampfen; dafür auch wenn es sein muß zu leiden. Es mußte ausgelöscht werden. Und diejenigen, welche dazu aufforderten waren unsere Götter. So muß es in alten, in uralten Zeiten gewesen sein, wenn man den Heldensagen trauen konnte. Aber warum sollte man ihnen denn nicht trauen?

/24/

AE: 6

Die >Herzöge<, die >Gefolgschaft<; die Herzogstreue und Gefolgschaftstreue. Ich verschrieb mich den Göttern mit Haut und mit Haren(sic). Ja, teilweise diesen

Göttern zuliebe verließ ich das „Landel ob der Enns“, mein geliebtes Oberösterreich. Freilich war der Abschied vom Landl schwer, der Abschied von Eltern und Geschwistern; der Abschied von meiner Verlobten. Vorbei war das regelmäßige Wochendverleben(sic) in fröhlicher Zweisamkeit, sei es in Südböhmen, sei es in Oberösterreich. Vorbei war es, eigener Herr seiner Zeit zu sein. Fremdes, Unbekanntes lag vor mir. Aber Dienst an den Göttern, meinem Vaterland zuliebe schien mir gleichwichtig zu sein, denn sonst wäre ich ja geblieben. Tausend und mehr Stränge zogen mich zu bleiben, aber ebenso viele zogen mich zu den Göttern. Und ich diente ihnen. Ich diente ihnen mit dem ganzen Glauben den ich aufzubringen vermochte; kein Opfer schien mir zu gering. Keine Strapaze zu groß. Ja, je größer Opfer und Strapazen und Entbehrungen, desto größer schien mir die Tat für das Werk, welches die Götter versprachen zu tun.

Schlafen auf nackter Erde, im Stroh, auf Strohsäcken, scharfer und schärfster

/25/

AE: 7

Exerzierdienst bei der Truppe; vom Robben abgeschundene Ellenbogen und Knie; Kadavergehorsam und Einschränkung der Freizügigkeit tauschte ich ein, gegen das gutbürgerlich eingerichtete behagliche Elternhaus, gegen Kaffeehaus und Weinstüberl, gegen Motorsport, Bergsport und dem Zusammensein Jungverlobter. Wahrlich, ich diente den Göttern aus freien Stücken; wahrlich ich opferte ihnen zuliebe viel. Aber was galt es schon; wenn nur das Vaterland frei werden konnte und Not und Elend der Deutschen ein Ende fand. Im Jahre 1934, an einem sonnigen Herbstmorgen kam ich von dem ersten Bataillon des Regimentes SS 1 nach Berlin, zum SD-Hauptamt versetzt, am Anhalter Bahnhof an. Nach durchfahrener Nacht war eine kleine Erfrischung sehr wichtig und brauchbar. Ich begab mich in einem(sic), dem Bahnhof gegenüberliegenden, Friseurladen und ließ mir nach erfolgter Rasur, heiße Kompressen auf‘s Gesicht legen, um die Übernächtigkeit zu verscheuchen. Und schlenderte sodann in eine „Aschinger-Kneipe“, gleich neben dem Friseur. Einige Mollen Helles und ebensoviele Schnäpslein, dazwischen ein ordentliches Gullasch(sic)

/26/

AE: 8

mit frischen, knusprigen Brötchen, waren just das richtige Frühstück für einen Unteroffizier in der SS-Verfügungstruppe, der Vorläuferin der späteren Waffen SS.

Als solcher hatte ich mich freiwillig zum Sicherheitsdienst des Reichsführers SS, gemeldet. Sicherheitsbegleitpersonal für die Götter. Warum auch nicht; ich stellte es mir sehr interessant vor. Erst später sollte ich draufkommen, daß ich einem Irrtum zum Opfer gefallen war. Das Begleitpersonal für die Götter hieß Reichssicherheitsdienst. Der Sicherheitsdienst des Reichsführers SS, war etwas ganz anderes. Vorläufig ahnte ich aber noch nichts.Vorläufig suchte ich ein Kaffeehaus. Kaffee war für alles gut. Gut zum dösen, gut um den Geruch von Aschingers Biermollen zu töten und bei der Truppe benutzten wir ihn Jahr und Tag zum Fleckenputzen an unseren schwarzen Uniformen. Freilich, zum Exerzierdienst hatten wir feldgrau oder was am lästigsten war, hellgraue bis fast an das Weißliche grenzende Drilliche, welche leicht schmutzten. Mit souveräner Unteroffiziersruhe im Bauch, begab ich mich nun zu der mir befohlenen Dienststelle, ein Palais in der Wilhelmstraße 102, um mich zum

/27/

AE: 9

Dienst zu melden. Ob ich verheiratet oder ledig sei. Dies war die erste Frage, die mir der Offizier vom Dienst stellte. Ledig. Natürlich, meine Braut war ja in Südböhmen, und an eine Heirat wegen meiner vorübergehenden Verhinderung im Augenblick nicht zu denken. Ledige sind kaserniert; wenn Sie heiraten, können Sie draußen wohnen, gab man mir zur Antwort. Na schön dachte ich mir, irgendwo muß der Mensch ja hingehören. Zu den Eltern, in die Kaserne oder zur Ehefrau. Also ging ich zum Kammerbullen. Bisher hatten wir Unteroffiziere stets so eine Art stillschweigend geduldeter Ordonanzen zur persönlichen Dienstleistung zur Verfügung gehabt; je vier Unteroffiziere eine Ordonnanz(sic). Er trank frei, rauchte frei auf unsere Kosten und hatte seine vier Unteroffiziere zu Freunden, die ihn gegen Tod und Teufel verteitigten( sic), fraß er etwas gegen das Dienstreglement aus. Außerdem hatte er nur allerleichtesten Exerzierdienst. Aber meistens verstand er es, sich sogar von diesem zu drücken. Hier aber schmiß mir der Kammerbulle meine blauweißkarrierten Bettklamotten an meinen persönlichen Kragen; Decken und Leintuch folgten und dann damit auf die Stube.

Was dann noch an Kramzeug mehr war,

/28/

AE: 10

war der übliche Kasernenzinober(sic), war altbekannt und nichts Neues. Nachmittags wurde ich vereidigt. Zwar hatte ich beim Tode des Reichspräsidenten Generalfeldmarschall von Hindenburg den Fahneneid auf Führer, Reichskanzler und Vaterland geleistet; jetzt also nochmal, aber in einer anderen Form; mit der Geheimhaltungsverpflichtung. Mich hatte es an sich schon mehr als stutzig gemacht, als ich zwecks Eidesleistung im Dienstanzug mit Stahlhelm, zu einem SS-Offizier geführt wurde und dabei einige museumähnliche Räume durchschreiten mußte, auch sah ich einen Sarg in einem dieser Räume stehen, mit großer Glasplatte, indem( sic) ein menschliches Gerippe lag, aber ich hatte zu sehr auf meine Füße zu achten, denn meine schweren Stiefel vertrugen sich nicht mit dem glatt gewichsten, glänzenden Fußboden und bei Kurven hatte ich Mühe nicht auszurutschen. Merkwürdig dachte ich mir; alles sehr merkwürdig. Aber möglicherweise war der Stab in einem Museum untergebracht, ging es mir durch den Sinn. Man fand die Dienststellen in jener Zeit ja an allen Ecken und Enden, wo man sie nie vermutet hättte. Außerdem kam ich von der Truppe und hatte mich um solchen Kram

/29/

AE: 11

nicht zu kümmern. Behandelt wurde ich ohnedies, als sei ich Rekrut, der eben erst frisch eingezogen war. Und es ist erstaunlich, zu welchem Maß an Leiden,

einem(sic) eingedrillter Kadavergehorsam mit einem gehörigen Schuß Idealismus gepaart, fähig macht. Natürlich muß es jedem rechtschaffenen Unteroffizier schwer, sehr schwer fallen, wenn er im Verein der elf weiteren Stubengefährten, mit denen er zusammenwohnte, von denen nur zwei, ebenfalls gediente Unteroffiziere waren, der Rest aber eine Kaserne höchstens vom Höhrensagen(sic) kannte - allenfalls, auf Grund eines „Schnellsiederkurses“ von acht Wochen, - Samstag für Samstag den Boden zu schruppen, die Hocker und Tische zu scheuern hatte und im Spind nach einer anderen, neuartigen Ordnung die Klamotten zu legen kamen (sic). Und sich dabei von einem Feldwebel der „allgemeinen SS“ also zivilen SS, der ebenfalls als „Waffenträger der Nation“ seine Dienstzeit noch nicht einmal angefangen hatte, sondern seinen Rang in dem SD, von der allgemeinen SS, also Zivil SS, mitbrachte, kommandieren zu lassen, wobei ihm seine herzliche Genugtuung, es den „Herrn Unteroffizieren von der Truppe“ einmal „geben“ zu können, auf tausend Meter Entfernung, anzumerken war. Es war auch keine Freude, früh morgens im Park des Palais, zum Exerzieren

/30/

AE: 12

anzutreten. Nicht des exerzieren Wegens (sic); dies war im Gegenteil noch das einzig erfreuliche(sic) an dem ganzen Dienstbetrieb. Nein, das Wurmende und der nagende Zorn kam daher, daß Hanswürste denen selbst die Bedienung an einem Maschienengewehr(sic) fremd war, Sonntagsexerziermeister der allgemeinen SS also, uns hier die ödesten und blödesten Bewegungen machen ließen; wir drei Gedienten der „Stube zwölf“, wurden durch diese Taktik zwar bis an den Rand unserer Geduld getrieben; aber wir parierten; wir gehorchten. Nach wenigen Tagen kam ich dahinter, daß ich an der verkehrten Stelle gelandet war, und ein Abgang zum Reichssicherheitsdienst, nicht gestattet wurde. Jetzt war der Galeerensträfling fertig. Mit unsichtbaren Ketten fühlte ich mich an einen Karteitrog angebunden und hatte die Aufgabe, im Verein mit einem halben Dutzend anderer Kameraden, die Freimaurerkartei, aus Zehntausenden von Karteikasten bestehend, zu schreiben, zu ordnen und einzuordnen. Der schwerste Kampf, der in diesen Tagen auszufechten war, war der Kampf gegen den Schlaf.

Man wird einwerfen, ja großer Herrgott, wenn ich irgendwo gegen mein Wollen mit einer Arbeit, welche mir gegen den

/31/

AE: 13

Strich geht, als freier Mensch, eingespanntt werden soll, da macht man einfach Schluß damit, oder man ist ein Waschlappen, dem eben nichts besseres gebührt. Kaserne na ja, gut und schön; da hat man zu gehorchen, daß(sic) weiß ein jeder. Aber in einer Kanzlei, in einem Amt, da hau ich einfach auf den Tisch, sage meine Meinung und wetze aus dem Tempel raus. Noch dazu wenn man inzwischen ein Kerl von 28 Jahren geworden ist. Genau dieselben Gedanken hatte auch ich um jene Zeit und mit mir eine Anzahl meiner Stubengefährten. Aber da waren die Götter, denen ich ja dienen wollte. Und die weltanschauliche Schulung, der man uns am Anfange unterzog, brachte uns noch näher an sie. Das Leben des alten Preußenkönigs, Friedrich des Großen wurde uns in den lebendigsten Formen, von Meistern auf diesem Gebiete, lebensnahe gebracht. Volksbindung und Blutsbande in den leuchtendsten Farben idealisiert. Der Dienst am Volk, der Dienst am Führer als ein geheiligtes Privilegium gepredigt. Für die Freiheit des Vaterlandes alles hinzugeben, als höchste Verpflichtung und freudiges, jederzeitiges Wollen, eingehämmert. Und ich glaubte es; mit allen Fasern

/32/

AE: 14

meines Glaubens, den aufzubringen ich in der Lage war. So tat ich denn meinen Dienst; Schreibtischdienst, der mir weder physisch noch psychisch lag; der für mich eine Qual bedeutete; zu dem ich mich jeden Tag auf‘s Neue selbst kämpfend besiegen mußte, ehvor ich an das befohlene Tagewerk ging.

(3)

Der Mensch gewöhnt sich an alles, wenn es sein muß. Und nachdem die Macht der Gewohnheit große Prozentsätze des Widerwillens an der nichtbehagenden Tätigkeit verschluckt hatte, die weltanschaulichen Belehrungen einen weiteren Teil unter den Tisch schlug( sic), blieben relativ nur noch geringe Rückstände des Widerwillens an der Oberfläche und auch diese wurden alsbald übertüncht durch die nicht ableugbaren Erfolge der Führung des Reiches, die sie für das deutsche Volk erlangten. Die große politische Linie sah unsereiner ja nicht. Auslandsmeldungen durch Presse und Rundfunk gelangten noch nicht zu uns; dazu waren wir zu geringe Diener an Volk und Staat. Die internationalen Verflechtungen im politischen Geschen(sic), waren damals auch mir noch „Böhmische Dörfer“. Aber auch ich sah das Verschwinden der Arbeitslosenarmeen, die Militarisierung der Rheinlandzone,

/33/

AE: 15

die Wiederherstellung der Wehrhoheit; den frenetischen Jubel der Millionenmassen, wenn die Götter sich zeigten. Und meine Verhaftung an diese war eine stets fühlbarere. Aber es waren schließlich doch nur irdische Götter. Bewußt und unbewußt wehrte ich mich, ihnen mit meinem allerletzten inneren Ich zu verfallen. Das Vaterland, die Freiheit, ja. Bedingungslos! Die Seele, daß(sic) was dann kommt, wenn die Stunde da ist, und diese irdischen Werte aufhören Gegenstand des Hoffens, Glaubens und Wirkens zu sein, dies behielt ich als ein Privatissimum, über welches ausschließlich nur ich selbst

entscheiden konnte und wollte. Hier ließ ich auch die Götter nicht heran, so sehr ich ihnen sonst gläubig verfallen war. Hier war die elterliche Erziehung und die innere Bindung an die von Generation zu Generation überlieferten Werte noch zu stark, um dem Einbruchsversuchen(sic) nachzugeben. Hier war ich stur. Stur wie die neuen schweren Panzer, welche eben zur Hebung der Herzensfreude und als sichtbare Garanten der Freiheit, in Erscheinung traten. Stur wie die Kurse der neuen Bombengeschwader, welche unbeirrbar am

/34/

AE: 16

berliner Himmel dahindonnerten. Meine Bindung an die Kirche! Fast alle meine Kameraden waren längst aus den Religionsgemeinschaften ausgetreten und wetzten nun den Schnabel in Zoten und Verleumdungen gegen Kirche und Klerisei. Und hatten sie Alkohol im Bauch, dann wollte damit einer den anderen, im Wettstreit mit ihrer Dummheit, übertrumpfen. Natürlich war ich dann stets besonders eine willkommene Zielscheibe, freilich nicht böse gemeinten, Kameradenspottes. Schon in der Kaserne fing es an. Es gehörte zum neuen Ton, selbstverständlich den Kirchenaustrittschein zu bringen. Nicht daß von seiten der Obrigkeit darauf gedrängt wurde; dies wäre unwahr. Mag sein, daß dies im Parteileben üblich war. Bei den SS-Verfügungstruppen und selbst auch im SD- Hauptamt, war es nicht üblich. Aber der Kameradenspott grob, ja saugrob, freilich landserhaft gutmütig, doch nicht ohne Stachel und Dorn, der sorgte dafür und auch die Hoffnung auf schnelles Avancement tat das ihre, diese Austrittsscheine im allgemeinen baldigst zu holen. Bei der Truppe hatte ich dieser halb bald Ruhe. Denn wie es unter jungen Menschen schon einmal so üblich ist, zählte alles andere oftmals nicht halb so viel,

/35/

AE: 17

wenn der Betreffende ein guter Sportler ist. Das gefürchtete Gerät in jener Zeit, war die Eskladierwand. Eine zwei Meter und einiges, hohe und starke Bretterwand, über die es in mehr oder weniger eleganter Weise hinüber zu wetzen galt. Hier arbeiteten die Hintern, Knie und Fußspitzen, verzweifelt mit der Muskulatur der Arme, um die runden 70 Kilogramm Landserlebendgewicht, auf die andere Seite zu befördern. Die „Taugenichtse“ gingen in das Vermerkbuch des „Spieß“; zwecks Dienstleistung in der Küche zum verhaßten Kartoffelschälen, zum Abortbrillenputzen, denn gelernte Optiker gab es stets nur sehr wenige, oder gar keine, und diese Tätigkeit wurde dann meistens von diesen Nichtskönnern verlangt, wenn die übrige Kompanie Ausgang hatte, und mit Fräulein Braut in‘s Grüne abhauen konnte. Ich hatte den Vorzug – in jener Zeit hatte ich noch eine turnerische und sportliche „Ader“ – mühelos und sogar elegant über jene Wand zu kommen und wurde auszeichnungshalber, zwecks leichter Hilfeleistung, welche nur mit Fingerspitzen gegeben werden durfte, vom Kompaniechef abgestellt. Dies war eine übliche Erleichterung.

/36/

AE: 18

Aber in der Regel hatten die Hilfeleister ihre allergrößte Freude an einer Behinderung und Erschwerung, statt umgekehrt. Dies gehörte ebenfalls zum allgemeinen „Flachs“ und Ulk. Freude auf Kosten anderer. Ja, das Kasernhofleben war eben rauh aber herzlich. Ich leistete damals in Wahrheit, vorzügliche Hilfestellung. Es genügte meist ein leichter Druck auf eine der in der Luft herumorgelnden Hinternbacken, und der Kerl war drüber. Das Zünglein an der

Wage(sic) gewissermaßen. Und da gerade Samstag vormittag war und der Stabsfeldwebel keine Notierungen zu machen hatte, kamen die Herren der Kompanie alle mit ihren geehrten Bräuten zu ihrem Wochenendvergnügen. Ich wurde seit damals, so wenig die Motive selbst auch zusammenhingen, in religiösen Dingen nicht mehr belästigt. Als ich 1935 Hochzeit machte, fand diese in der evangelischen Kirche zu Passau statt; in Uniform. Hier freilich versuchten meine damaligen Vorgesetzten zu intervenieren und wiesen auf die Unmöglichkeit hin. Aber die Panzer waren ja auch stur. – Erst im Herbst 1937, ich war jedenfalls schon seit einer kleinen Ewigkeit Hauptfeldwebel, trat ich ohne Druck oder Zwang, aus freien Stücken und in voller Überlegung aus dem evangelischen Religions-

/37, 38/

AE: 19

Verband aus und bezeichnete mich ab dieser Zeit, als „gottgläubig“. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Ich wurde weder ein Kirchenfeind, noch war ich je antiklerikal. Ich sah die Notwendigkeit religiöser Gemeinschaften aus ethischen und aus Gründen der Erziehung als wichtig an, aber ich wollte frei und ohne kirchliche Bindung im Verkehr zwischen meinem Herrgott und mir sein. Außerdem widerte mich der seinerzeitige Kampf innerhalb der evangelischen Kirche so an, daß ich nichts mehr von ihr wissen wollte. Die eine Seite war Feuer und Flamme für die neuen Götter und ihr Tun; die andere Seite bekämpften sie auf Tod und Teufel. /Der folgende Abschnitt ist gegenüber von S. 17 nachträglich notiert, gehört offenbar hierher:

Nicht die Tatsache des Kampfes gegen den damaligen Staat selbst war es, der mich zur Distanzierung zwang, als vielmehr die Überlegungen, „daß es kaum göttlichen Wünschen entsprechen mochte“, wenn seine verordneten Diener sich derart eifernd und gegenseitig verunglimpfend, in irdische Belange einließen und sich gegenseitig „in die Wolle“ bekamen. Hinzu kamen meine Zweifel in glaubensmäßiger Hinsicht, die ich an anderer Stelle noch einmal streife./ Da lobte ich mir damals die römisch-katholische Kirche; sie holte ihren Wertmaßstab erst gar nicht aus der Kiste. Sie war gewohnt in Jahrhunderten zu denken, zu messen und zu wägen. Wäre ich damals Katholik gewesen und nicht Protestant, ich wäre stur als solcher im Kirchenverbande geblieben. Man hatte sich ja schon seit drei langen Jahren daran gewöhnt gehabt, daß ich einer der ganz wenigen, wenn nicht der einzige war, der hier so lange stur blieb. Freilich muß ich einschränkend hinzufügen, daß ich auf der anderen Seite aber auch in keiner

/39/

AE: 20

Form etwa missionierend oder sonst irgendwie predigend tätig geworden bin. Solches hätte ich nie und nimmer getan. Ich verteitigte(sic) ausschließlich meine eigene persönliche Stellung zu den mir anerzogenen Werten und Überlieferungen; bis auf den Tag, an dem ich aus eigener Erkenntnis, die Dinge in einer mich innerlich befriedigenderen anderen Helle sah. Ja, und wie war es mit der Judenfrage in jener Zeit und wie stand ich zu ihr. Als ich im Herbst 1934 in das SD-Hauptamt versetzt wurde, gab es dort überhaupt noch kein Referat und keinen Sachbearbeiter, der sich mit Juden zu beschäftigen hatte. Dies war erst im Laufe des Jahres 1936 der Fall. Während des Prozesses, und zwar innerhalb des etwa 10 Tage dauernden Kreuzverhöres, frug mich einer der drei Richter, oder war es der Generalstaatsanwalt, bezüglich meiner seinerzeitigen Einstellung zum Programm der „Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiter Partei“, ob es mir bekannt gewesen sei, und ich doch zweifelsohne gewußt haben mußte, daß diese Partei

den Kampf gegen das Judentum, als einen nicht zu übersehenden Faktor ebenfalls auf ihr Panier geschrieben hatte; also müßte ich doch auch Antisemit gewesen sein. Ich konnte diese Frage sehr einfach und wahrheitsgemäß beantworten, indem ich

/40/

AE: 21

sagte, daß ich den Judenprogrammpunkt wohl gekannt habe, doch niemals Antisemit war. Nun, diejenigen der israelischen Polizeibeamten, mit denen ich während der Voruntersuchung laufend zu tun hatte, kannten die näheren Umstände, die mich berechtigten, eine solche Antwort zu geben. Auch mit einem Psychiater unterhielt ich mich über diese Frage. Es ist üblich, daß Angeklagte in größeren Prozessen im Laufe der Voruntersuchung sich mit solchen Fachärzten zusammensetzen, der(sic) dann auf Grund der Unterhaltung, seine Teste macht. Diese Unterhaltung setzt natürlich eine freiwillige Bereitschaft seitens des Angeklagten voraus, denn sonst wäre der Test ja schließlich auch wertlos. Nun, ich will zu dieser Frage jetzt auch hier Stellung nehmen; und ich muß auf eine kleine Sekunde in mein Elternhaus zurückgehen. Meine erste Mutter starb sehr früh; mein Vater heiratete zum zweiten Mal. Er mußte es, denn wir waren fünf kleine Kinder und es gab mit den Wirtschafterinnen, Köchinnen und Stubenmädchen, die in einer zweijährigen „mutterlosen“ Zeit den Haushalt meines Vaters zu führen hatten viel Ärger. Wie es schon so geht. – Mit der zweiten Mutter, die selbst keiner jüdischen Familie entstammte, kam aber jüdische Verwandtschaft in unsere Familie.

/41-42/

AE: 22

Tanten, Onkel, später Cousinen. Wenn man klein ist, dann wächst man automatisch in seine Umgebung hinein. Unsere Familie, nicht nur die engere, ich meine die gesamte Sippschaft, gehörte zu den seltenen Familienverbänden, von denen man behaupten konnte, daß niemand dem anderen seine Wässerchen trübte. Es war ein fröhliches, herzliches Verbundensein ohne Arglist, Lug oder Trug. Egal, ob Jude, jüdisch versippt oder Nichtjude. /1. Zusatz von Seite gegenüber: Meine Eltern und damit meine Familie war weder judenfreundlich, noch judenfeindlich. Das Problem als solches, war eben ein völlig Familienfremdes gewesen; es stand niemals in irgend einer Form zu(sic) Debatte./ Mein alter Herr selbst hatte u.a. auch Juden zu Freunden. /2. Zusatz von Seite gegenüber: Wären es keine Juden gewesen, wären sie auch befreundet gewesen. Mein Vater kümmerte sich um diese Dinge ebensowenig, wie etwa, was es am Abend zu essen gäbe./ Ich erinnere mich noch des jüdischen Hopfenhändlers Taussig aus Urfahr bei Linz. Ich glaube es war der Nachbar unseres damaligen Gartens am Hang des Pöstlingbergs. Und wir Kinder kamen zur Erdbeerzeit aus unserem Garten in Taussig‘s Gehege und schnabelten dort, mit seinem Einverständnis und Einladung, allmälig(sic) die Erdbeerbeete leer, nachdem unsere schon längst von uns Kindern abgeerntet waren. Ich war noch ein sehr kleiner Lausbub, aber ich erinnere mich zu genau, eines anderen jüdischen Freundes meines Vaters, der mir, war er Gast meiner Eltern, auf dem Flügel stets sehr feurig die Marseillaise vorspielte /3. Zusatz von Seite gegenüber: und vorsang „Allons enfants de la patrie“./ Er war gebürtiger Franzose, aber längst

/43/

AE: 23

naturalisierter Österreicher. In der Volksschule kam ich neben einem Juden zu sitzen; wir wurden Freunde. Ich in seinem Elternhaus, wie das schon so geht, er in

dem meinen. Die Freundschaft hielt eigentlich lange an. Genau gesagt, bis wir uns aus den Augen verloren, durch meinen Abgang von Linz a/Donau, im Jahre 1933. Eingemale trafen wir uns auch auf der Reise, letztmalig in Grünau im Almtal, bei einem Raseur. Es machte ihm offenbar nichts aus, daß ich das Abzeichen der NSDAP angesteckt hatte und mir machte es nichts aus, daß er Jude war. Im Gasthof tranken wir unser Getränk und kümmerten uns den Teufel ob Jude oder Nichtjude. /6 Zeilen gestrichen, noch lesbar: Mein Religionslehrer, der evangelische Pfarrer Tiebel in Linz, ein Junggeselle aus Ostpreußen, erzählte uns während des Religionsunterrichts oftmal von seinem Amtsbruder – wie er ihn nannte – dem Rabbiner in [Ortsname]./ Noch als SS-Obersturmbannführer, küßte ich sehr herzlich meine halbjüdische Cousine, die mich mit ihrem Vater in Berlin auf meiner Dienststelle besuchte und man brach am Abend in einer netten Weinstube in Berlin, einigen netten Flaschen den Hals. Und warum sollte ich meine bildhübsche

/44/

AE: 24

zwanzigjährige halbjüdische Cousine nicht küßen, sagte ich zu meinem „ständigen Vertreter“, dem SS-Sturmbannführer Günther; so was kann doch unmöglich Reichsverrat sein. Er hatte diesbezüglich strengere Auffassungen. In Budapest hatte ich auch entfernte Verwandte sitzen. Meine dortige Cousine, eine Psychiaterin, war mit einem jüdischen Schuhindustriellen verheiratet, von dem sie aber geschieden war und just um die Zeit, als ich 1944 nach Budapest befohlen wurde, war sie mit einem jüdischen Dozenten an der Universität Budapest, verlobt. Gemeinsam tafelten wir zu Abend. Meine Tante, meine Cousine, ihr jüdischer Verlobter und ich in der Uniform eines SS-Obersturmbannführers. So, wie es mir mit den Juden in der Verwandtschaft meiner zweiten Mutter erging, ähnlich erging es mir mit der Verwandtschaft meiner Frau bezüglich der Cechen. Ich feiere übrigens in wenigen Tagen hier im Gefängnis in Israel, den dreißigsten Jahrestag unserer Verlobung; seit 26 Jahren bin ich verheiratet. Die Verwandtschaft meiner Frau besteht aus Cechen und ehemaligen Österreichern, also Böhmen mit der Muttersprache Deutsch. Seit 1648 ist ihre Familie in

/45-46/

AE: 25

Südböhmen ansäßig gewesen. Und ein Holzbalken im Hofe zeigt eine noch frühere Jahreszahl. Als ich dienstlich im Jahre 1939, nach Prag versetzt wurde hatte ich genau dasselbe herzliche Zusammenleben mit meinen cechischen Schwägern, es waren die Ehemänner der Schwestern meiner Frau, wieder aufgenommen. Der eine davon war während der Zeit des(sic) cechoslovakischen Republik Artillerieoffizier gewesen, der andere zur Zeit der Besatzung durch uns, aktives Widerstandsmitglied und Kommunist. Seine Tochter, meine Nichte also, studierte irgendwann nach 1945, Welthandel in Moskau. Ich weiß, daß meine beide Schwäger glühende cechische Patrioten waren und ich achtete ihren Nationalismus. Ich hätte mir eher die Zunge abgebissen, als das(sic) ich sie angezeigt hätte, oder selbst eine Verhaftung vornahm, zu der ich berechtigt gewesen wäre. Die verwandtschaftlichen Bande waren stärker als die zu meinen Göttern; obgleich sie auch durchaus nicht schwach waren. Ich haßte weder den Cechen, noch den Juden, noch irgend jemanden anderen. /Zusatz von Seite gegenüber: Ich hatte auch nie von irgend jemanden( sic) persönliches Leid erfahren./ Die ganze Erziehung die ich genoß feite mich darüber hinaus vor solchen Gefühlen. Ich kannte sie nicht. Ich lebte in einer Welt, die gegensätzlich beispielsweise von der, junger Corpsstudenten der schlagenden Verbindungen

/47/

AE: 26

war. Hier nährte(?) diese, der Geist eines Ritter von Schönerer mit seinen antisemitischen Gesängen und Predigten. Hier wurde das Wort Arier, betont und deutlich ausgesprochen, ein Wort, welches erst spät, sehr spät überhaupt in meinen Wortschatz gelangte. Hätte ich nicht innerhalb eines solch innigen und herzlichen Familienverbandes gelebt, ein Verband, zu dem sich dann die Familien meiner Frau hinzugesellten, möglich daß auch ich von solchen Gedankengängen angesteckt worden wäre. Aber ich wurde es nicht und dies ist entscheidend. /zweieinhalb Zeilen unleserlich gemacht/ Als in Linz einmal Pfadfinderführer, von irgendeiner Tagung kommend in unserem schönen Landeshauptstädtchen einige Tage verweilten und die einzelnen ausländischen Pfadfinder auf Bürgerfamilien aufgeteilt wurden, da brachte mein Vater einen französischen Pfadfinderführer als Gast mit nach Hause. Ich sprach um jene Zeit – genau wie mein zweitältester Bruder Emil – recht ordentlich französisch, da unsere Mutter, ein gutes französisch und englisch sprach und uns durch Conversation, die Sprache mühelos eintrichtern wollte. Dieser junge Franzose war ein prächtiger

/48/

AE: 27

Mensch und ich fühlte mich nach Art der Halbwüchsigen glücklich, ihn zum Freunde gewonnen zu haben. Wir verlebten gemeinsam frohe unbeschwerte Tage, schwelgend in Romantik, Bubenfreundschaft und Pöstlingbergrosengärten und tauschten unsere bündischen Lieder aus dem „Zupfgeigenhansel“ des Wandervogels, und aus anderem aus. Und später, als auch für mich die Franzosen mit die Verkörperung von Versailles schlechtwege wurden, selbst da gelang es keiner Macht, in mir auch nur die leisesten Haßgefühle gegen auch nur irgend einen Franzosen als solchen zu erzeugen. Und ich lernte eigentlich schon recht früh, daß das Einzelindividuum keinesfalls zu identifizieren ist mit Nation oder Glauben oder gar Politik. Die Worte Rasse, Volkstum und ähnliche gelangten gleichermaßen erst spät in meinen Wortschatz, so wie ich es bezüglich des Wortes „Arier“, schon feststellte. Und auch da, klassifizierte ich das Verhältnis zwischen dem Individuum und den für mich neuen Begriffen nicht anders, als wie ich es bis dahin zwischen Individuum und Nation tat. Selbstverständlich bin ich kein Heiliger; als während des Krieges der Bombensegen ganze Stadtviertel in Null komma Nichts in Schutt und Asche legte, und tausende Deutscher verreckten und ver-

/49-50/

AE: 28

kamen, verschmorten und zerrissen wurden, da habe auch ich in der Hitze- Leidenschaft ungezählte derbe und derbste Flüche gegen die Bombenwerfer vom Stapel gelassen. Auch ich bin kein Heiliger und habe als die Israeler mit den Franzosen und Engländern Ägypten angriffen in der Hitze der durch die Presse entfesselten Leidenschaften, derbe und derbste Worte gegen die Angreifer gebraucht. Ich bin nicht anders als andere auch. Aber dies ist eben eine Reaktion die ausgelöst wird, der man sich je nach Temperament hingibt und die dann mit Worten ihr Ende findet. Dies bezieht sich weder auf den einzelnen Engländer, Franzosen, Juden oder Nordamerikaner; weder auf den einzelnen Rußen, Polen, Jugoslawen, noch auf einzelne andere. Sie ist – es kommt mir jedenfalls so vor – irgendwie natürlich; denn nur kranke oder teilnahmslose Menschen, oder der Weise, die sind gefeit von(sic) diesen menschlichen Schwächen; andere nicht, besonders dann nicht, wenn sie

/Fortsetzung gestrichen und ersetzt durch Zusatz von Seite gegenüber: anläßlich der Beispiele die ich nannte, durch Zerstörung praktisch, und durch die Presse künstlich, in einem erweckt, ausgelöst werden./ So also konnte ich sagen, ich bin nie ein Antisemit gewesen, denn es stimmt. Und während der sogenannten Kampfzeit der NSAP, nahm weder ich, noch die mir geistig verwandten Meinesgleichen, den Judenbekämpfungsprogrammpunkt der Partei auch nur im leisesten ernst. Ja,

/51/

AE: 29

man beachtete ihn nicht einmal. Seinetwegen fühlte man sich ja auch in gar keiner

Form mit der Partei verbunden. Die Anziehungspunkte lagen, wie ich schon sagte, auch für mich, auf einem ganz anderen Sektor. Wenigstens war es so im österreichischen Bergland. Ich beachtete ihn ebenso wenig und er war für mich ganz genau so bedeutungslos, wie die „Bekämpfung“ der Kirche und Klerus. ------- ---------- Dies also war mein Ich, als ich meine Anfangszeit im SD-Hauptamt zu Berlin verbrachte. Unverbildet, unkompliziert, nicht faul und nicht fleißig; und eine derbe Kasernenhofschale nach außen, schützte mein Innenleben. Zwar war meine Tätigkeit nicht nach meinem Geschmack, aber die steten weltanschaulichen Hinweise auf Eid und Verpflichtung, ließen in mir nach und nach keine anderen Überlegungen mehr aufkommen. Ich gehorchte und blieb meinen Göttern verbunden, indem ich mich befehlen ließ und gegen den Stachel nicht löckte.

-(4)-

Ein halbes Jahr nach meiner Versetzung nach Berlin, heiratete ich. Seit dem 15.

August 1931, war ich verlobt und die Hochzeit fand am 21. März 1935 in Passau statt. Bis der Möbelwagen meiner Frau aus der

/52/

AE: 30

Cechoslowakei nach Berlin kam, und die Zoll- und sonstigen Formalitäten erledigt waren wohnten wir – es waren etwa drei Wochen – in einer Pension und bezogen dann ein nettes, kleines, einstockhohes Einfamilienhäuschen mit Garten, in dem es sich ruhig und gemütlich leben ließ. Tagsüber schob ich meinen Dienst, mit der Gleichförmigkeit eines Uhrwerks und Abends und Wochenende arbeitete ich im Garten oder wir rekognoszierten und inspizierten in Berlin und nähere Umgebung herum. Ich ließ mir über einen Kameraden manches Fäßlein guten Pfälzerweines aus seinem Heimatgau kommen. Und je nach Witterung und Jahreszeit, verdrückte ich manches Tröpflein unter dem Schatten einer japanischen Blutbuche oder innerhalb des geschmackvollen Mobiliars, dem Ausstattungsgut meiner Frau, im Living(?). Ab dem Augenblick der Dienst für mich vorbei war, ließ ich die Götter sein, wo sie waren und mein ausschließliches Interesse galt dem familiären Beisammensein. Meine dienstliche Tätigkeit war auch – wie ich zu sagen pflegte – zum Knochenkotzen. Tausende von Freimaurersiegeln und Münzen mußte ich katalogisieren und einordnen; meine kümmerlichen, allerletzten Lateinreste feierten in jener Zeit noch einmal fröhliche Urständ. Mein Chef war

/53/

AE: 31

ein dienstgradgleicher, verbummelter Student an der Berliner Universität und selbst Berliner; ungedient und nie bei der Truppe gewesen; aus der zivilen, bzw. allgemeinen SS, kommend.

Er war als „Museumdirektor“, als Referent des Freimaurermuseums in der Wilhelmstraße 102 tätig, und ich war ihm als einer seiner „Sachbearbeiter“ zugeteilt worden. Viel Würdezeigen und Dreischrittvomleibetaktik waren die hervorstechensten(sic) Eigenschaften des „Direktors“, und wir Kasernhofblüten nahmen ihn gewaltig auf die Schippe. Besonders, wenn er mit tierischem Ernst seine surrealistischen „halbverwesten“ Leichen aus Modellierpaste formte und sie mit überdimensionalen Würmern und Asseln garnierte. Und war ihm solch ein Prunkstück gelungen, dann hinein in einen Sarg und aufgestellt, zur Schau; etwa in den „Andreassaal“. Und Professor Schwarz-Bostaunitzel, der stocktaube ehemalige Verteitiger(sic) am Appellationsgerichtshof in Kiew, zur Zarenzeit, und nunmehrige Leiter der Abteilung Freimaurerei des SD-Hauptamtes machte mit dem donnernden Baß seiner Stimme und in seiner deutsch-russischen Aussprachsweise, die offiziellen Besucher des Museums anläßlich der Führungen durch dieses, mit kurzem Hinweis auf die „Geschmacklosigkeit und das Verworren-Dekadente der freimaurerischen Geistesverbildung“ aufmerksam; nicht ohne

/54-55/

AE: 32

bissigen Nebenbemerkungen, wobei durch plötzliches Kopfheben sein spitz auslaufender Knebelbart wie eine Parallele, zur Decke und Fußboden gebracht wurde und gleichsam als kleiner Keil von ihm abstand: „und so etwas waren dann Studienräte und Studiendirektoren, verantwortlich für die Erziehung unserer Kinder“, war sein sarkastischer Abschluß und seine /Fortsetzung auf der Seite gegenüber: Physiognomie erinnerte stark an einen eifernden babylonisch- assyrischen Priester./ Ich sah, wie hier böser Heck-Meck getrieben wurde, um die Freimaurerei ad absurdum zu führen und dachte in meinem Sinn, na, wenn sie nichts anderes finden und Wurmkram und Leichen mit Ton und Modellin präparieren müßen, dann scheint mir nicht viel dahinter zu sein. Ich hatte das Wort Freimaurerei zum allerersten mal genau am 1. 4. 1932, gehört. Ich meine, wissentlich zum ersten mal gehört, und das kam so:

Ich wurde durch Kollegen so etwa Anfang 1932 als Gast der Linzer „Schlaraffia“ im „Vereinshaus“ zu Linz eines Ortsverbandes der sogenannten „Allmutter- Praga“ eingeführt. Kaufleute, Ärzte, Rechtsanwälte, Künstler usf. zählten zu ihren Mitgliedern. Der Brauch dort war witzig und das Völkchen war harmlos-humorig. Narrenkappenähnliche Kopfbedeckungen, mit vielen Orden und Verbandsauszeichnungen, zierten die Köpfe der Mitglieder. Einen ausgestopften Vogel, einen Uhu, der in einer Ecke, auf bevorzugtem Platze aufgestellt war, mußte man beim

/56/

AE: 33

Eintritt, die Hände über die Brust gekreuzt, und sich verneigend, begrüßen. Ein Erzmarschall leitete den offiziellen Teil des Beisammenseins und Klavizimbel hieß das Klavier. Na, wie ich schon sagte, harmlos-fröhlich; Jude wie Christ saßen hinter Bier und Wein, das heißt man hätte nicht gewußt wer Jude war, wer Christ, aber in so einer kleinen Stadt, kannten ja viele, Viele. Am 1. 4. 1932 trat ich in die SS ein. Der damalige SS-Oberscharführer Dr. Ernst Kaltenbrunner, Rechtsanwalt in der Kanzlei nach seinem Vater, war schon eine bedeutende Persönlichkeit innerhalb der österreichischen NSDAP. Er wollte wissen, ob ich in irgendwelchen Vereinen oder Verbänden wäre, wenn ja in welchen und warum. Und ich sagte ihm, daß ich als Gast bei den Schlaraffen verkehre. Raus aus dem Freimaurerhaufen, das ist eine ganz gefährliche Bande, sagte er mir. Nun er war damals noch nicht Chef der Sicherheitspolizei und des SD, noch kein General der Polizei und der WaffenSS, und noch nicht Mitglied des Reichstages. Ich konnte

ihm daher sagen, von der Freimaurerei wüßte ich nichts, da ich davon bisher nie etwas gehört hätte, aber eine gefährliche Bande ist es ganz bestimmt nicht, so viel wüßte ich inzwischen sehr genau. Kaltenbrunner und ich kannten uns schon viele Jahre von der Straße her.

/57/

AE: 34

Man grüßte sich und sprach, so wie es der Tag und die Stunde mit sich brachte. Unsere Väter hatten geschäftlich öfter miteinander zu tun. Aber ich kann die ganze Sache kurz abtun, indem ich erkläre, daß auf mein weiteres Kommen als Gast bei der „Schlaraffia“ Linz gerade um diese Zeit herum kein Wert mehr gelegt wurde, weil ich in vorgerückter Stunde und in vorgerückter Laune, den ebenfalls um jene Zeit in vorgerückter Laune befindlichen oberösterreichischen humoristischen Schriftsteller Franz Resl, im Rosenstüberl zu Linz auf eine Flasche Wein eingeladen hatte. Er war Erzschlaraffe, ich war nur ein lausiger Gast; ich war damals 26 Jahre alt und er so zwischen fünfzig und sechzig; ich war ein Niemand, er aber war ein bedeutender Schriftsteller; wenn auch über Österreichs Grenzen hinaus eigentlich wenig bekannt. Aber trotz allem: diese meine Frechheit überstieg den Rahmen des Gewohnten. Dies war mein erstes Erlebnis mit der „Freimaurerei“.

-(5)-

Obwohl also der Antisemitismus in einem der Parteiprogrammpunkte fixiert wurde, blieb ich demgegenüber unempfänglich; nicht einmal aus Wissen oder

Wollen, sondern ganz einfach aus dem Grunde, weil er nicht zu meiner Vorstellungswelt gehörte, und weil ich nichts mit ihm anzufangen wußte.

/58/

AE: 35

Zum vielen Bücherlesen hatte ich es in jenen Jahren nicht gebracht. Sehr zum Kummer meines Vaters. Mit irgendwelchen „ismen“ hatte ich mich aus Indolenz nicht auseinander gesetzt; und persönlich hatte ich keine Feinde; weder Juden noch Nichtjuden. Die Günthersche Rassenlehre habe ich bis zum heutigen Tage nicht gelesen, ebenso wenig den Rosenberg’schen „Mythus des 20. Jahrhunderts“ oder Mathilde Ludendorff. Dem Mystizismus war ich nie verfallen. Für mich haben bis zur Gegenwart weder die klaräugig-nordischen Rassevertreter das Licht, noch die dunkeläugigen Semiten die Finsternis oder umgekehrt verkörpert. Ich habe solches stets für einen ausgesprochenen Kohl gehalten und halte solches noch immer dafür. Freilich, in dieser Vorstellung wühlten und bohrten Himmler und andere. Auch kleine Diener, wie besagter Professor Schwarz-Bostaunitzel, schwelgte in seiner mystischen Vorstellungswelt und pendelte in seinen verschiedenartigen geometrischen Figuren herum, um einem diese ganze Angelegenheit nach Art der alten Alchimisten schmackhaft zu machen. Seine Diagramme, seine Pentagramme und Hexagramme, dargestellt in den verschiedenartigsten Formen und Bedeutungen geschmückt mit Dutzenden von weiteren Symbolen, fanden in meinem wein- und bierfrohen Soldatengemüt keinen Platz. – Als ich um jene Zeit im SD-Hauptamt war, hatte Himmler einem solchen modernen Alchimisten

/59/

AE: 36

in dem Park, in dem wir unsere morgendlichen Exerzierübungen absolvierten, ein kleines Laboratorium eingerichtet. Er sollte darin Gold machen. Angeblich konnte er es. Dieser Goldmacher hieß merkwürdigerweise Tausend. Himmler war auf dem Wege, die SS zu einem Orden mit besonderem Brauchtum zu formen, in dem sich Gedankengut der alten Germanen mit dem des Deutschen Ritterordens, Materialismus, Romantik, Gottgläubigkeit und anderes mehr

mengte. Die Brauer dieses Gemisches saßen im SS Rasse- und Siedlungshauptamt, und von dort aus wurde dieses Geistesgut in den Orden gepumpt. –

-(6)-

Im Jahre 1936 sprach mich ein SS-Untersturmführer von Mildenstein an, der seit kurzer Zeit ebenfalls im SD-Hauptamt tätig war. Er hatte eine Judenabteilung eingerichtet und suchte nun Personal, um seine Sachgebiete zu besetzen. Er erzählte mir, daß er Diplom Ingenieur von Beruf sei, in Palästina gewesen wäre und nun noch einen Sachbearbeiter genötige, ob ich Lust hätte. Ich hatte Lust. Ich hätte alles angenommen um jene Zeit, wenn ich dadurch nur von meinen verdammten Münzen und Siegeln, die mir schon beim Halse heraushingen, fortgekommen wäre. Und so kam ich fort. Die Abteilung hieß II 112; der Hauptabteilungschef blieb derselbe wie bisher, infolgedessen war die Personalabteilung des SD-Hauptamtes nicht erst groß zu befragen, sondern es brauchte

/60/

AE: 37

ihr lediglich eine formlose Ordnungsmeldung gemacht werden. Herr v. Mildenstein hatte sich die Bearbeitung der Zionisten vorbehalten, ich hatte die jüdische Orthodoxie und ein dritter Mann die Assimilanten zu bearbeiten. Dazu kamen noch drei Hilfskräfte, als Schreiber und Aktenschieber. Herr von Mildenstein leitete das Ganze. [1] Meine erste Tätigkeit in diesem neuen Laden, war das Lesen eines Werkes von Adolf Böhm. Es war eine ausführliche Schilderung des Wirkens und Wollens der Zionistischen-Weltorganisation. Ich sollte eine Kurzdarstellung des Inhaltes herausarbeiten. Dies war meine erste bewußte Kontaktaufnahme mit dem Judentum. Mildenstein war ein liberaler und toleranter Geist; fern allem Fanatismus, Mystizismus und Radikalismus; und aus der Znaimer Gegend, aus Mähren, stammend; er war stets freundlich, ruhig, und hatte ein mildes Gemüt. Er sah die Judenfrage nicht vom rassischen und nicht vom religiösen Standpunkt, sondern einzig und alleine von der politischen Warte aus. Er war mein erster und zugleich mein bedeutenster(sic) Meister und Lehrer auf diesem Gebiet und seine Anschauungen von den Dingen habe ich mir zu eigen gemacht, da sie mich beeindruckten und überzeugten. Ich habe diese Anschauung bis zum Ende beibehalten. Leider schied von Mildenstein bereits nach einigen Monaten aus. Er war einer der

/61-62/

AE: 38

wenigen, dem es gelang. Freilich, sein Beruf kam ihm dabei zu Hilfe, sonst wäre es sicher nicht gegangen. Er war Straßenbaufachmann; als solcher erhielt er den Befehl, in Nordamerika die Autobahnen zu studieren. Als er von seiner Studienreise zurückkam, wurde er von irgend einem anderen Ministerium vereinnahmt, da um jene Zeit der Reichsautobahnbau, mit aller Macht vorangetrieben werden mußte. /Abschnitt gestrichen, noch lesbar: Seine Stelle als Abteilungsleiter übernahm ein junger Mann, der aber bereits nach kurzer Zeit zu(sic) Militär eingezogen wurde und mit der Übernahme der Judenabteilung im SD-Hauptamt durch Wisliceny, und später durch Six kam auf längere Zeit eine gewisse Stabilität in den Laden./ /ersetzt durch Zusatz von Seite gegenüber: Es wechselten dann in der Folgezeit kurz hintereinander die Abteilungsleiter. Jeder hatte sein eigenes System soeben als gültige Norm von sich gegeben, schon war er wieder abgelöst und ein anderer trat an seine Stelle. Schließlich übernahm Prof. Dr. Six die Zentralabteilung und setzte einen seiner Vertrauten als Leiter der Abteilung „Judentum“, ein./

Es wurde im Laufe dieser Zeit mit der Anlage von Sachakten begonnen, eine Sachkartei wurde aufgestellt, eine Generalaktenhaltung aufgezogen und laufende Berichterstattung für die Vorgesetzten, bildete die Hauptarbeit, der wir nachzukommen hatten. Dem Berichterstattungswesen, waren alle anderen Arbeiten unterzuordnen. Himmler und Heydrich müßen in jener Zeit auf ihren Nachrichtenapparat, dem SD-Hauptamt, sehr stolz gewesen sein. Ein mir vorliegendes Dokument aus jener Zeit, zeigt die stattgefundenen Besichtigungen auf, und man ersieht, daß

/63/

AE: 39

die Dienststelle innerhalb weniger Tage von 150 Offizieren der Kriegsakademie besucht wurde, daß Heydrich den(sic) Reichsaußenminister v. Ribbentrop das SD-

Hauptamt zeigte, ferner sind 150 Offiziere des Reichskriegsministeriums verzeichnet sowie der Besuch des Chef( sic) der jugoslawischen Geheimpolizei. [2] In jener Zeit bestand meine Hauptarbeit im Lesen von Fachzeitungen und Zeitschriften sowie im Verdauen der einschlägigen Werke. In rauhen Mengen lagen die Zeitungen auf und ich ärgerte mich jedesmal, wenn ich die in hebräischen Lettern gedruckten jiddischen Zeitungen sah, denn die konnte kein Mensch lesen. Also ging ich eines Tages daran und kaufte mir in einer Buchhandlung ein Lehrbuch zum Studium der hebräischen Sprache. „Hebräisch für Jedermann“ hieß es und ein gewisser Samuel Kaleko hatte es verfaßt. Nach einem Jahr Selbststudium kam ich nicht mehr zügig weiter, auch war mir das Alleinebüffeln längst zu langweilig geworden und ich suchte auf dem Dienstweg um die Genehmigung nach, die weitere Unterrichtserteilung durch einen Rabbiner, gegen ortsübliches Stundengeld von drei Reichsmark, zu gestatten. Offenbar aus politischer Sorge, wurde mir diese Genehmigung nicht erteilt. Möglicherweise wäre der Bescheid ein positiver gewesen, wenn ich gesagt hätte, dann sperrt man

/64/

AE: 40

eben einen Rabbiner solange ein, bis er mir die Sprachte vermittelt hat. Es wurde

ja in der damaligen Zeit durch die Geheime Staatspolizei am laufenden Bande eingesperrt. Aber mir kam nicht einmal die Idee zu einem solchen Tun, geschweige denn, daß es mir ein Vergnügen bereitet hätte, auf diese Art und Weise, mir fehlendes Wissen zuzulegen. [3]

-(7)-

Jedes Jahr einmal, im Herbst, hielten die Götter Heerschau. Sie stiegen von ihrem Olymp herab und zeigten sich in breiter Front den Massen, die sie aufboten. Militärparaden, Paraden der SA u. SS, Aufmärsche der anderen Parteiorganisationen. Konferenzen, Kongresse, Resolutionen, Ansprachen und Paroleausgabe. Die Führung teilte ihren Gläubigen mit, was sie geschafft hatte und was sie plante. Es wäre ungerecht zu sagen, sie hätte nichts getan. Sie lag wahrlich nicht auf der faulen Haut. Und sie hatte in kürzester Frist für das deutsche Volk soviel getan, besonders in wirtschaftlicher Hinsicht, daß der gewaltige, jubelnde Beifall der Masse, echt war. So etwas an rauschender, impulsiver Begeisterung konnten(sic) selbst Goebbels nicht künstlich hervorrufen. Ich war zum ersten mal auf einem solchen Parteitag, der jeweils in Nürnberg stattfand; ich wurde dienstlich dorthin

geschickt. Nicht um an Paraden und Aufmärschen teilzunehmen, nicht um mir Reden anzuhören und Versammlungen zu besuchen, sondern um nachrichtendienstlich tätig zu sein. Denn das SD-Hauptamt war um jene Zeit nichts anderes, als eine einzige große, straff gelenkte und organisierte Spionageorganisation. Sie war niemanden anderen unterstellt, als Himmler und auf dessen Befehl, hatte sie ihr Gründer Heydrich, zu leiten. Eine große mächtige Boykottbewegung mit der Zentrale in Nordamerika kämpfte gegen das nationalsozialistische Deutsche Reich. Nicht grundlos; dies war selbst mir damals schon klar geworden. Wenn wir während der Truppenausbildungszeit aus irgendwelchen Gründen dermaßen geschliffen wurden, daß uns das Wasser am Arsch zu kochen anfing, wie wir im rauhen Landserjargon zu sagen pflegten, dann erzeugten die augenblicklichen Leiden in uns Landser fürchterliche Vorstellungen im Hinblick auf Vergeltung an die uns schleifenden Ausbilder, nach der Dienstzeit. Zwar kühlten diese furchtbaren Vorsätze nach beendeter Tagesdienstleistung, nach dem Motto „gehabte Schmerzen hat man gerne“ ebenso rasch wieder ab, als sie aufflammen konnten, und verbrannten bei einem oder auch mehreren halben Liter Bier in der Kantinie(sic), restlos.

/66-67/

AE: 42

Aber wenn ich so sah, besser gesagt gelesen hatte, was die Abteilung I des Reichsaussenministeriums an Judengesetzen seit 1935 erlassen hatte, dann konnte ich die Boykottbewegung gut verstehen. Sie war eine ganz natürliche Reaktion. Wenn ich bedenke, daß in jener Zeit, sich ein Berliner Rabbiner namens Prinz von seiner Gemeinde verabschiedete, um nach Nordamerika auszuwandern und sagte, er wolle drüben mitarbeiten an der Schaffung eines mächtigen Reservoirs aus dem das Judentum Kraft und Hilfe erhalte, dann wußte ich, der ich mich unter den Zuhörern befehlsgemäß befand, sehr wohl, was Prinz damit meinte; und ich konnte ihm gar nicht Unrecht geben. Der anwesende Kriminalbezirkssekretär /Zusatz von Seite gegenüber: der Geheimenstaatspolizeileitstelle Berlin/, welcher die Versammlung auftragsgemäß zu überwachen hatte, verließ sich auf mich und ich mich auf ihn, bezüglich einer allfällig notwendig sein sollenden Auflösung und Inhaftnahme des Sprechers. Ich tat nichts dergleichen, denn meine Überlegungen verboten mir, mich diesbezüglich an den Kriminalbeamten zu wenden, da ich wie gesagt dem Sprecher von seinem Standpunkt aus gesehen Recht geben mußte und es tausendmal tausend Prinzen gegeben hat, so daß eine Inhaftnahme

/68/

AE: 43

eines einzelnen, das Problem ohnedies nicht löste. Gemäß dem Befehl den ich erhielt, machte ich später meinen Bericht, indem ich alles wahrheitsgemäß schilderte und auch meinen Überlegungen breiten Raum ließ. Ich habe nie wieder etwas darüber gehört; Prinz wanderte nach Nordamerika aus. Ich hatte die Nürnberger Gesetze ja nicht geschaffen; nicht dabei mitgeholfen und hatte auch als ausführendes Organ nichts damit zu tun, denn ich gehörte einer Nachrichteninstitution an und keinem exekutiv-tätigen Polizeiapparat. Daß die Götter hier einem verhängnisvollen Irrtum anheimgefallen waren schien klar, aber Auswüchse gibt und gab es nach jeder Revolution und dann sagte man sich immer noch, daß nie etwas so heiß gegessen werde, wie es gekocht würde. Selbst große Teile der Judenschaft sagten und dachten genau dasselbe. Und dann sollte das Ziel der Maßnahmen sein, die Auswanderung der Juden aus dem Reich anzukurbeln; freilich waren diese Maßnahmen dazu nicht sehr geeignet. Die Lösung durch eine planvoll gelenkte Auswanderung ging auch mir in’s Hirn ein. Denn inzwischen hatte ich ja nun gelesen, daß die Juden im Laufe der Geschichte in vielen europäischen Ländern

/69/

AE: 44

dann stets als Sündenböcke herzuhalten gehabt haben, wenn über ihren Rücken oder auf ihre Kosten, die Masse von augenblicklichen Schwierigkeiten oder Übelständen irgendwelcher Art abgelenkt werden konnte. Also war eine gelenkte und planmäßig organisierte Auswanderung von allen Übeln, noch das kleinste; und dem abgewanderten Juden taten die Gesetze ja nicht mehr weh. Viel schlimmer war es mit der Bedrängnis, denen( sic) sie unterworfen waren, bis zur Zeit der Auswanderung. Aber ich konnte hier weder den Göttern noch ihren Untergöttern hindernd in den Arm fallen, dazu fehlte mir jede Möglichkeit. Ich hatte auf meinem Sektor nachrichtendienstlich tätig zu sein und die erhaltenen Meldungen und Mitteilungen in Berichtsform auf dem Dienstwege weiter zu geben. Meine Vorgesetzten verarbeiteten diese Mosaiksteinchen aus vielen Referaten und Sachbearbeitungen kommend, zu einem Bild und legten es den Untergöttern zur gefälligen Kenntnisnahme vor. Dergestalt, konnten sich auch die Götter selbst jederzeit solche „Bilder“ betrachten.

Nun also war ich in Nürnberg. Es war das Jahr 1937. Festliche Parteitagsatmosphäre, große gewaltige Sportfelder, Stadione, Hunderttausende

/70/

AE: 45

fassend, lärmendes Gedränge in den alten, heimeligen Gassen und Gäss´chen innerhalb der Mauern des mittelalterlichen Nürnberg. Das Rot der tausend und abertausend Fahnen leuchtete im Schein der prächtigen Früh-Herbstsonne. Ein Nachrichtenmann muß, will er etwas hören und Agenten, Mitarbeiter, Vertrauensmänner oder Zuträger, wie alle die Fachausdrücke auf diesem Gebiet lauten, werben, überall herumkriechen. Zur damaligen Zeit waren es für unsereinen insonderheit die netten kleinen verrauchten biergeschwängerten Bräustuben in denen ganze Ausländergruppen von den ihnen zur Verfügung gestellten Betreuern gastlich bewirtet, geführt, eben so richtig betreut wurden. Hier galt es also mit mehr oder weniger Glück, durch Verbindungen und Beziehungen, Kontakt mit den Besuchern aus fernen Ländern zu bekommen. Aus einem Dokument, welches mir hier vorliegt entnehme ich folgende Worte, die ich damals in meinem Dienstreisebericht u.a. verwendete:

„Der Großteil machte den Eindruck von mehr oder minder fragwürdigen Existenzen, die zum Teil von der fixen Idee besessen sind, als Führer von Parteien und Organisationen in ihren Ländern

/71/

AE: 46

einstmals berufen zu sein.“ Lediglich ein einziger fand „Gnade vor meinen Augen“, ein nordamerikanischer Staatsangehöriger, welcher ausgezeichnete Verbindungen zu dem Leiter der „Anti-Nazi-Liga“, der Befehlsstelle der Boykottorganisation gegen Deutschland, haben wollte. Aber da dieser Fall auch nicht ganz klar war insbesondere bezüglich der Frage ob das SD-Hauptamt hierfür noch zuständig sei, bemerkte ich abschließend, daß ich um Weisung bäte, ob der SD diese Angelegenheit selbst bearbeiten soll, oder ob sie dem Propagandaministerium abzutreten ist. Ich habe nie mehr etwas darüber gehört, so daß ich annehme, daß meine Vorgesetzten in ihrem Ratschluß entschieden, die Sache abzutreten. [4]

(8)

Einige Tage später, trat ich zusammen mit meinem mir vorgesetzten Abteilungsleiter eine Dienstreise nach Palästina und Ägypten an. Der Zug brachte uns durch Polen und Rumänien nach Constanza und von hier aus ging es mit der „Romania“ nach Konstantinopel, Piräus, Beyruth, Haifa und Alexandrien. Moscheen, Akropolis, der Berg Carmel, das graeco-romanische Museum in Alexandrien wurden besucht, ebenso das ägyptologische Museum in

/72/

AE: 47

Cairo. Die Pyramiden von Gizeh sahen wir ebenso wie die von Sakarat; die ehemals heiligen Stiergräber; ein Abstecher in die ägyptische Wüste ein anderer in

die lybische Wüste wurde unternommen. Der vor 3 einhalb Jahrtausenden verstorbenen(sic) Pharao Tutenchamon samt seinen Schätzen, welche dank der Kunstfertigkeit der Archäologen ihrem langen Schlaf entrissen wurden und einer staunenden Nachwelt zur Schau gestellt sind, erfreute auch mein Auge und Wissen und auch ich konnte nur staunen. Staunen über die hohe Kultur der Menschen jener grauen Vorzeit und meine Gedanken verloren sich weitab vom „Staats- und Gegenwarts-Bejahenden“, in Zonen und Regionen, in denen die Wandelbarkeit und das ewige Werden und Vergehen allen Lebens, ja schließlich allen Sein‘s, die führende Rolle spielten. Alles eitle Hoffen und Streben, scheint einem beim Anblick vergangener Jahrtausende, nichts als flüchtiger Menschentand zu sein; und ich beneidete in diesem Augenblick alle Archäologen und Geologen, denen es meiner Meinung nach vergönnt sein mußte, in solchen Gedanken und Überlegungen ungestört Tag für Tag schwelgen zu können, dieweil es für unsereinem(sic), im Trubel des Alltags, lediglich oasenhafte Glücksmomente sein durften. Aber unsere Chefs hatten uns ja nicht all dieser Dinge wegen auf Dienst-

/73/

AE: 48

reise geschickt sondern – wie immer – hatte die Sache ihren Grund in einer informativen Bereicherung, in einer politischen Nachrichtensammlung. Durch Vermittlung des Vertreters der offiziellen „Deutschen-Nachrichten- Agentur“ in Jerusalem, Dr. Reichert, besuchte mich Monate vor unserer Reise, in Berlin ein jüdischer Funktkonär auf Palästina. Gemäß Weisung meiner Vorgesetzten wurde der Besucher zum Gast des Reichssicherheitshauptamtes erklärt und ich erhielt den Befehl, ihn zu betreuen. Wir aßen zusammen in der „Traube“ am Zoo und unterhielten uns, denn jeder wollte ja vom anderen daß(sic) wissen, was ihm an Wissen zu seiner gegenständlichen Sache fehlte. Mein Interesse galt dem zionistischen Leben in Palästina. Das Ende vom Lied war eine Einladung des Gastes an mich, ihn in Palästina zu besuchen. Ich erhielt Befehl, diese Einladung anzunehmen. So also kam es zur Reise, der sich mein damals unmittelbar vorgesetzter Abteilungsleiter anschloß. Ich fuhr als „Schriftleiter des Berliner Tageblattes“ und mein Vorgesetzter als „Student der Auslandwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Berlin“, deren Dekan unser gemeinsamer nächsthöherer Vorgesetzter in jener Zeit war. Als Angehörige des Sicherheitshauptamtes hätte man ja damals

/74/

AE: 49

schließlich und endlich auch fahren können, denn der mich Einladende wußte ja, wer ich war und letztlich hat es der englische Geheimdienst ohnehin herausgebracht, aus welchem Nest diese beiden Vögel waren; genauso, wie uns ein Mitglied des Secret-Service, oder ein solches des 2-eme Bureau, wenn sie nach Deutschland kamen, in der Regel ja auch sehr schnell bekannt wurden. Man tat sich gegenseitig nichts, man war sehr höflich zueinander, nur man erleichterte dem Kollegen von der anderen Seite nicht gerade seine Arbeit, oder wenn, dann hatte es schon seinen besonderen Grund, der auf Gegenseitigkeit lag. Aber es war ja schließlich Frieden. Wir waren etwa sechs Stunden in Haifa, und fuhren dann programmgemäß mit unserem rumänischen Dampfer nach Alexandrien und gedachten innerhalb der nächsten 14 Tage, drei Wochen, zum eigentlichen Palästina-Besuch zu starten. Aber da bedauerte man es englischerseits, daß man nicht in der Lage wäre, ein diesbezügliches Visum erteilen zu können. Gut, dann muß eben der Berg zu

Mohamed kommen. Dr. Reichert und der jüdische Funktionär wurden von uns nach Ägypten eingeladen. Zu uns gesellte sich noch der Vertreter des DNB in Cairo, so daß wir alle fünf Mann hoch eine ganz schöne Nachrichtenbande bildeten.

/75/

AE: 50

Wir tafelten im Mena-Hotel, bei den Pyramiden von Gizeh und ferne von uns waren „Nürnberger Gesetze“. – Ich selber kam allerdings nicht auf meine Kosten bei dieser Dienstreise in den „Nahen Orient”, will ich den dienstlichen Sektor betrachten, weil ich das jüdische Leben in Palästina durch das englische Einreiseverbot ja nicht zu sehen bekam. Privat und persönlich hatte ich durch die Fülle des Erlebten eine schöne Bereicherung erfahren. Mein mir vorgesetzter Reisegefährte, ursprünglich aus dem Zeitungswesen kommend, hatte mehr Erfolg in dienstlicher Hinsicht für sich buchen können, denn ihm genügten ja auch die wirtschaftlichen und politischen Meldungen, die er aus erster Hand, soweit sie den Nahen Orient betrafen, bekam. [5]

Nun, nach diesem mehrwöchischem( sic) Aufenthalt in sonnigen Landen, kamen wir wieder in die spätherbstliche, ja fast schon winterliche Landschaft unserer „Festung“ Deutschland zurück. Wenn jemand eine Reise tut, dann kann er auch erzählen, heißt es; aber er kann auch Vergleiche anstellen. Über Italien und die

Schweiz fuhren wir nach Berlin zurück. Viel Tolernaz, viel Liberalismus sah ich und es war daß(sic), was mir am meisten auffiel. Ich kannte es aus meiner langen

Österreich-

/76/

AE: 51

zeit her; vom Elternhaus, aus der Schule, kurz das ganze Leben in Österreich war ein einziges großes Toleranzpatent gewesen, so wie Kaiser Joseph II es sich wohl erträumt haben mag, will ich die Zeit bis etwa 1932, ansetzen. Aber es war bei mir durch die inzwischen verlebten, über fünf Jahre Totalitarismus bereits leicht übertüncht worden. Nicht ausgelöscht; im Gegenteil, die Reiseerlebnisse verwischten wieder einen Großteil der Tünche. Ich sah den „Stürmer“ mit einem Male wieder deutlicher – obgleich er im SD-Hauptamt weder geschätzt noch beachtet oder gelesen wurde; ich sah sein Herumwühlen im Pornographischen; im verworrenen mittelalterlichen Mystizismus schlimmer Prägung. Ich sah das Reichsinnenministerium bei seiner fleißigen Gesetzes- und Verordnungsfabrikation, die Geheime Staatspolizei bei ihren Verhaftungsbefehlen, das Propagandaministerium bei der Herausgabe des Verbotes für Juden die „Bank im Park“ zu benutzen, das Reichswirtschaftsministerium bei seiner Tätigkeit die Juden aus dem Wirtschaftsleben auszuschalten und das Auswärtige Amt bei seiner Behinderungsarbeit, bezüglich einer an sich gewünschten Auswanderung der Juden. Das Reich, bzw. dessen Führung wollten es doch – so nahm ich stets an – und die Mehrzahl der Juden trachtete im Hinblick auf die Lebenserschwerung dasselbe

/77/

AE: 52

Ziel anzustreben. Und das Sicherheitshauptamt besorgte sich die Nachrichten und fabrizierte Berichte. Das alles schien mir gleich wie eine Katze, welche sich in ihren eigenen Schwanz beißt. Da fand beispielsweise 1938 in Evian ein(sic) internationale Konferenz statt und der britische Botschafter in Berlin sprach den Deutschen Reichsaußenminister v. Ribbentrop darauf an, ob die Rechsregierung bereit sei, bei der Lösung der

Emigrantenfrage, insbesondere bei der Förderung der Auswanderung von Juden deutscher Staatsangehörigkeit, mit den übrigen interessierten Staaten zusammenzuarbeiten. Denn kein Land sei bereit, die auswandernden deutschen Juden aufzunehmen, wenn sie mittellos wären. Ob daher die Reichsregierung bereit sei, bei der Transferierung von Kapital in jüdischen Händen, mitzuwirken. Nachdem die Reichsregierung einer Förderung der Auswanderung eigentlich grundsätzlich keinerlei Hemmnisse in die Wege legte, hätte man annehmen müßen, daß eine solche Anfrage seitens offizieller britischer Stellen, freudige Zustimmung gefunden hätte. Nicht so bei Ribbentrop. Er teilte dem britischen Botschafter mit, daß er eine Zusammenarbeit mit anderen

/78/

AE: 53

interessierten Staaten ablehnen müße, da es sich um ein innerdeutsches Problem handele. Auch die Frage, ob Deutschland eine Transferierung von Kapital in jüdischen Händen erleichtern könne, müße verneint werden. Es käme daher eine Zusammenarbeit mit den in Evian tagenden Mächten für Deutschland nicht in Frage. Der Staatssekretär Weizsäcker schickte diese Stellungnahme am 8. Juli 1938 an zehn in Frage kommende deutsche Botschaften und Gesandtschaften, zur Kenntnisnahme ab. Also, statt Auswanderungserleichterung, ein Handicap, eine Erschwerung. [6] Statt dessen aber erging an alle diplomatischen und berufskonsularischen Vertretungen im Ausland eine Aufforderung des Auswärtigen Amtes, über alle Regierungsmitglieder, Parlamentarier, Wirtschaftler, Wissenschaftler, hohe Offiziere und Journalisten, soweit sie als jüdisch, jüdisch versippt, oder als Freimaurer galten, zum Zwecke der Errichtung einer Kartothek, zu berichten. [7] Und in einem Telegramm Kennedy`s an das Staatssekretariat in Washington vom Dezember 1938, kommt Ribbentrop infolge seiner gegen das Judentum geschleuderten, höchst undiplomatischen Verbalinjurien, alles andere, als gut weg. [8]

/79/

AE: 54

Wir Referenten im SD-Hauptamt, erhielten Anfang 1938 von unserem Abteilungsleiter die Weisung, Material für eine Denkschrift zusammen zu stellen, in der darzulegen sei, daß die Judenfrage auf der augenblicklichen Basis nicht zu lösen ist, wegen finanzieller Schwierigkeiten usw., und daß man daran herantreten müße, eine außenpolitische Lösung zu finden, wie sie bereits zwischen Polen und Frankreich verhandelt wurde. Ich schrieb damals folgendes:

1.) „Das Ergebnis der Volkszählung abwarten.“ 2.) „In 10 Jahren giebt(sic) es in Deutschland bei gleichbleibender Tendenz nur noch etwa 60.000 Juden.“ (Unter gleichbleibender Tendenz verstand ich die stagnierende Haltung des Auswärtigen Amtes im Hinblick auf die Auswanderung von Juden, in Verbindung mit der Verproletarisierung der Juden, durch die gesetzgeberische Tätigkeit der hierfür zuständigen Zentralinstanzen.) 3.) „Wenn die mittellosen Juden abgewandert sind kommen die Kapitalisten an die Reihe, die durch wirtschaftliche Maßnahmen bis dahin langsam entkapitalisiert sein können, mit Hilfe von Stapomaßnahmen.“ (Darunter war zu verstehen, die von der Geheimen Staatspolizei in jener Zeit durchgeführten Beschlagnahmen und Einziehungen der Vermögenschaften).

/80/

AE: 55

So war der Status, so wurde es praktiziert. Es war die Katze, die sich ewig im Kreise drehend in ihren eigenen Schwanz biß.

Ich schrieb dann weiter als Vorschlag:

„Sie ist ferner dann zu lösen, wenn dem SD-Hauptamt keinerlei Hemmungen auferlegt werden“; und ich nahm als Beispiel ein gerade in jenen Tagen aufgetretenes Problem im Hinblick auf das Jugenderziehungsclearing. Ich lebte damals gerade im Kampf mit den wirtschaftlichen Einschränkungen, welche den Juden auferlegt wurden, worunter auch die auswanderungshemmenden Devisenvorschriften zählten. Ich vertrat den Standpunkt der „arme“ Jude will genau so gerne und so schnell auswandern wie der „reiche“ Jude. Einem jeden war es lieber, je schneller, desto besser; nämlich das Ausland zu gewinnen. Und an sich wollte es ja auch die Reichsregierung. Sei es aus Neid oder Knickrigkeit, sei es aus Dummheit oder Unverständnis, oder aus blindem Haß, die meisten dieser Stellen förderten diese Auswanderung nicht, sondern hemmten sie; bewußt und unbewußt. Was nutzte es, in Fragen des Jugenderziehungsclearings devisentechnische Schwierigkeiten zu machen, die obendrein meistens nur formeller und rein paragraphenmäßiger Natur waren? Weder dem Deutschen noch dem Juden war dabei gedient. Und warum mußte das Reich dem reichen

/81/

AE: 56

Juden das Geld abnehmen, und dem Reichsfiskus einverleiben, anstatt mit einem Teil dieses Geldes die Auswanderung zu finanzieren. Natürlich - so dachte ich - sollte der „reiche“ Jude mehr bekommen, denn es war ja sein Geld, aber ein Teil seines Geldes sollte er zwecks Finanzierung der jüdischen Kultusgemeinden und der Finanzierung der Auswanderung vermögensloser Juden zur Verfügung stellen. Denn eine Auswanderung war teuer. Reisekosten, Vorzeigegeld usf. An Stelle eines zehn Jahre langen elenden Dahintreibens, konnte nach meiner Idee eine Auswanderung zügig und flott in die Wege geleitet werden und die Juden dergestalt im Besitze ihrer Gesundheit und physischen Kraft neues Land betreten. Einen durch jahrelanges, zermürbendes Warten krank Gewordenen, nahmen die Einwanderungsländer ohnedies kaum auf. Nein, so wie dies damals praktiziert wurde ging es nicht; und Ribbentrop irrte hier sehr, obgleich er Reichsaußenminister war, und es hätte wissen sollen. Bei jedem Reisebüroinhaber hätte er sich dieserhalb besser informieren können, als bei seinen Legationsräten und Unterstaatssekretären.

Außerdem schlug ich in diesem Lösungsvorschlag als letzten Punkt, allmonatliche Besprechungen in dieser Angelegenheit zwischen

/82/

AE: 57

allen an der Sache beteiligten Stellen vor, damit das hemmende Gegeneinander innerhalb der Behörden in Fortfall käme und schließlich Zurverfügungstellung

von Ländereien für die Juden, und setzte dazu in Klammer, das Wort „Madagaskar“. [9]

Aber all dies war hoffnungslos, bei der Sturheit der deutschen Bürokratie. Ich will nicht einmal sagen deutsche Bürokratie, eine jede Bürokratie ist egal weg, gleich stur. Nur die Nachrichtendienste aller Länder neigen eher zur Beweglichkeit; es liegt in der Natur ihrer Aufgabe. Auch das SD-Hauptamt war um jene Zeit noch lange nicht so verbürokratisiert, wie es später werden sollte. Natürlich verlangt eine jede Behördenarbeit ihr Maß an Schematismus, dies ist klar; aber er dürfte keinesfalls zum Selbstzweck ausarten.

-(9)-

Kurze Zeit nach der „Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich“, wurde ich nach Wien versetzt, um dort als Referent des SD-Oberabschnittes „Donau“, die Auswanderung der Juden lenkend zu betreiben. Es war Frühjahr 1938. Aber was sah ich, als ich nach Wien kam; ein zerschlagenes jüdisch- organisatorisches Gebilde. Von der Geheimen Staatspolizei geschlossen und versiegelt. Die jüdischen Funktionäre saßen in Haft. Die Juden wollten auswandern, aber keiner kümmerte sich um sie.

/83/

AE: 58

Sie wurden von Behörde zu Behörde geschickt. Standen halbe Tage lang und mehr Schlange, und mußten dann hören, daß diese Stelle seit gestern nicht mehr für ihren Fall zuständig wäre. Systemlos, ordnungslos; das Resultat war Verdruß, Ärger und Verstimmung auf beiden Seiten, wenn nicht noch Ärgeres. Als erstes hielt ich den Assessoren und Regierungsräten der Staatspolizeileitstelle Wien, Vorträge, wie sie am besten jede Auswanderung behindern und verhindern können. Darüber war nicht viel mehr zu sagen als wie: „gleichbleibende Tendenz“. Dann entwickelte ich ihnen meinen von meinen Vorgesetzten genehmigten Plan. Enthaftung der jüdischen Funktionäre, Wiedereröffnung all jener jüdischen Organisationen, soweit sie der Auswanderung dienlich waren. Ferner die Genehmigung einer jüdischen Zeitung in welcher alles Wissenswerte über die Auswanderung und der damit verbundenen Dinge zu lesen war. Auftreibung von Reichsmarkbeträge(sic) zur Anfangsfinanzierung der jüdischen Organisationen, Einstellung von Hilfskräften und Errichtung jüdischer Wohlfahrtsstellen zwecks Betreuung der Kranken und Alten. – Nach all den unwahren Vorwürfen, die ich in den letzten fünfzehn Jahren über mich habe ergehen lassen müßen, mag es der Leser schwerlich glauben, daß ich solches tat. Daher setzte ich jetzt im Anschluß an diese Zeile eine

/84/

AE: 59

Nummeration. Sie weist auf die Quellen hin. Und dies sind die Dokumente, in denen alles viel ausführlicher steht, als ich dieses hier mit mageren Worten zu

schildern in der Lage bin. [10]

Als ich das jüdisch-organisatorische Leben so in Gang gebracht hatte und bei der Geheimen Staatspolizei – Wien, auf Verständnis bezüglich der „neuen Linie“ traf, da bewarb ich mich um eine freigewordene Abteilungsleiterstelle beim SD- Unterabschnitt in Linz a/Donau. In dieser Stadt wohnten meine Eltern, dort war ich aufgewachsen. Nach dorthin wollte ich nun wieder zurück. Freilich, es war die unterste Instanz innerhalb des Gebildes des Sicherheitsdienstes, aber ich wäre wieder zu Hause gewesen und wer weiß, vielleicht hätte ich wegen Übernahme des elterlichen Geschäftes die Genehmigung bekommen, meinen Dienst eines Tages zu quittieren. Schicksal. Ich sage immer, es kann niemand über seinen eigenen Schatten springen. Denn mein Chef in Berlin Prof. Dr. Six hatte von meinem Vorhaben Kenntnis erhalten und so schrieb er am 16. Mai 1938 meinem damaligen Vorgesetzten, dem SS-Oberführer Naumann nach Wien, daß ich keinesfalls von Wien fortzugehen habe, da er mich, falls ich in Wien nicht bleiben wolle, notfalls durch den Chef des SD -Hauptamtes, wieder nach Berlin zurückversetzen lassen würde.

/85/

AE: 60

Ja, so war es schon 1938; im Frieden. Ich war nicht mehr Herr meiner Freizügigkeit; ich hatte zu gehorchen und daß(sic) zu tun, was mir befohlen wurde.

Ich habe meinen Söhnen später oft und oft gesagt, seht zu, daß ihr nie Offiziere werdet, denn dann seid ihr nicht mehr frei. Inzwischen war ich nämlich längst zum Offizier avanciert und meine Verhaftung an die Götter war noch bindender, als vorher geworden.

Ich hatte also befehlsgemäß in Wien zu bleiben. Die Einschränkungen, denen die Juden unterworfen wurden, waren immer fühlbarere. Das Amt des Reichskommissars für die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich war fleissig tätig, auch auf dem Sektor „Juden“, Verordnung um Verordnung herauszugeben. Die Behörden behandelten die Juden gelinde gesagt schroff und unsachlich, gemäß den von höheren Orten ergangenen Weisungen, sodaß der seine Auswanderungspapiere komplett machen Wollende, hier nie auf einen grünen Zweig kam. Denn ein Teil der Dokumente, wie zum Beispiel die „Steuerliche Unbedenklichkeitsbescheinigung“ hatte lediglich eine Laufzeit von sechs Wochen, nach der sie ungültig wurde und die Schlangensteherei zur Erlangung einer neuen Bescheinigung, von vorne angefangen werden mußte. Dazwischen

/86/

AE: 61

aber wurden dann wieder andere Papiere ungültig, so daß es einer Schraube ohne Ende gleichkam. Die jüdisch-politischen Funktionäre klagten mir ihre Not. Dr. Löwenherz, Dr. Rottenberg und Kom. Rat Storfer hatten täglich neue Anliegen, die sie mir vorbrachten. Die Anklage gegen mich sagte, daß die Dokumente es ja beweisen würden, daß ich für alles, in des Wortes wahrster Bedeutung, die zuständige und verantwortliche Stelle im Hinblick auf Judenfragen in Wien, gewesen wäre. Obwohl es, wie ich sofort nachweisen werde nicht zutraf, so kann ich der Anklage rein augenscheinlich, so Unrecht nicht einmal geben. Denn man braucht ja nur einmal die Fülle der von Dr. Löwenherz dem Amtsdirektor der israelitischen Kultusgemeinde Wien gefertigten Aktennotitzen(sic) über die jeweils mit mir gehabten Rücksprachen in jener Zeit – soweit es sich um solche handelt, welche damals, und nicht erst nach 1945 angefertigt wurden – vornehmen. Er kam buchstäblich mit allem und jedem zu mir. Nun, es liegt mir ferne, mich besser machen zu wollen, als ich war. Warum aber mag Löwenherz, Rottenberg, Storfer und andere, hohe jüdisch-politische Funktionäre denn ausgerechnet zu

/87/

AE: 62

mir gekommen sein? Ich war zu jener Zeit im Range eines Leutnant, später Oberleutnant und dann Hauptmann; es gab ja Stellen von entscheidenderer Bedeutung. Meine Dienstellung(sic) war lediglich die eines Referenten bei einem SD-Oberabschnitt; also nicht einmal im exekutiven, sondern nur im nachrichtenmäßigen Dienst. Mein Jargon soll hart gewesen sein, so sagen die Zeugen von 1960 und 1961. In der Tat, ich muß es zugeben, mein Ton war kasernhofmäßiger Natur. Und trotzdem weiß ich, daß er frei war von beleidigendem Tenor, frei war von Rüpeleien, frei war von Gebrüll, kurz frei war von jener Begleitmusik, die der Wald- und Wiesenzivilist zu gerne jedem „Kasernhofton“, unterstellt. Wie denn wäre es sonst möglich, daß man heute noch in einer solchen Löwenherz´schen Aktennotitz(sic) lesen kann, wie er bei mir beschwerdeführend vorspricht und mir klagend mitteilt, die Juden würden auf dem Wohnungsamt der Stadt Wien, „schroff“ behandelt. [12]

Dies setzt doch voraus, daß die Juden weder von mir, noch von meinen mir

damals unterstellten Offizieren, Unteroffizieren und Männern, schroff behandelt wurden. Und überall dort, wo ich sachlich für mich keine Zuständigkeit erblicken konnte,

/88/

AE: 63

ja darüber hinaus nicht einmal die Polizei zuständig war, setzte ich mich an das Telephon oder sprach bei der federführenden Behörde vor, um, auch dort in meinem „Kasernhofton“, daß(sic) abstellend zu erbitten, was Löwenherz drückte. Nicht immer gelang es mir; ich versuchte es. Aber die jüdischen Funktionäre mußten letztlich mit der Kasernhofpflanze manierlich ausgekommen sein; denn auch sie konnten mit mir frei von der Leber weg sprechen, ohne sich ihre Worte zehnmal überlegen zu müßen, ehvor sie das Gehege ihrer Zähne verließen. Und man konnte dies in jener Zeit nicht überall tun, ohne Gefahr zu laufen, dies wußten die Funktionäre. – Das Reich drückte auf Auswanderung. Die Juden wollten auswandern. Und alles was dem dienlich war tat ich, war ich zuständig für den einen oder anderen Fall, dann war es ohnedies klar; war ich nicht zuständig, dann wetzte ich ab, und versuchte es zu erledigen. So kam es, daß man mir in den Ohren lag, und mir die Sprünge eines lahmen Amtsschimmels darlegte, der vor lauter Paragraphenreiterei überhaupt nicht mehr geradeaus marschieren konnte. Und man schlug mir jüdischerseits eine

/89/

AE: 64

gewisse Zentralisierung der behördlichen Arbeit vor. Na, dies war ja nun gerade daß(sic), wo man bei den Behörden, egal welchen Landes auf unserer Erde, stets in das Fettnäpfchen trat. So etwas, was ich mir nun durch mein Kasernhofgehirn gehen ließ, war auch in der preußisch-deutschen Verwaltungsgeschichte noch nicht dagewesen. Ich dachte so in meinem Sinn, alles was behördlicherseits mit der Ausstellung von Papieren an auswandernwollende Juden, zu tun hat, ran( sic) unter ein einziges Dach, und dann unter SD-Leitung. Dann muß doch solch ein verdammter Reisepaß anstatt in 10 oder 12 Wochen oder noch länger, in gut und gerne 2mal 24 Stunden fertig sein können. Gedacht getan. Ich meldete dies alles meinem Chef, dem Inspekteur der Sicherheitspolizei und des SD, der in Personalunion gleichzeitig den SD- Oberabschnitt „Donau“ führte. Er machte die nötigen Wege, führte die notwendigen Verhandlungen mit dem Reichskommissar Bürckel; und auf dem Verordnungswege wurde die „Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Wien“, geschaffen, zu der alle in Frage

/90/

AE: 65

kommenden Behörden ihre Sachbearbeiter abzustellen hatten. Die Leitung hatte der SD-Führer des Oberabschnittes Donau. Ich wurde von ihm mit der Durchführung der Aufgabe betraut, wie der Befehl es in der damaligen Terminologie besagte. [13] Tatsächlich wurden Reisepässe jetzt in zwei, höchstens drei Tagen fertig. Einhundertdreißigtausend oder einhundertvierzigtausend solcher Reisepäße konnten in etwa Jahresfrist ausgefolgt werden. Nun, wenn die Anklage in dem Prozess gegen mich behauptet, es wäre eine Zwangsauswanderung gewesen mit all ihren üblen Begleiterscheinungen, so hat sie damit eigentlich recht. Ich kann es auch nicht anders bezeichnen. Aber zu bedenken wäre doch auch dieses: ich habe die forçierte Auswanderung ja nicht befohlen, wenngleich ich sie unter den gegebenen Umständen als die noch

beste Alternative ansah und auch als beste Lösungsmöglichkeit im Hinblick auf die von der Reichsregierung eingenommene Stellung, den Juden gegenüber. Die jüdisch-politischen Funktionäre, mit denen ich ja am laufenden Bande diese Angeheiten(sic) besprach, waren in Anbetracht der den Juden entgegengebrachten Tendenz, ja derselben Meinung.

/91, 92/

AE: 66

Auf meinem eigenen Mist ist die Sache nicht gewachsen. Irgendwo her muß ich ja die Anregungen bezogen haben. Von den Reichsstellen aber konnte ich solches nicht beziehen; dazu brauche ich nur auf die offizielle Stellungnahme Ribbentrop‘s hinweisen. Und wenn man ferner sagt, ja damals ist weit und breit von einer Vernichtung der Juden noch keine Spur gewesen und trotzdem hat dieser Eichmann hier ein Auswanderungstempo vorgelegt, daß einer Sau grauste, dann muß ich nur sagen, daß das Ergebnis alleine zählt. Und kein „hätte“ und kein „wenn“ und kein „aber“. Ich setze den Fall, die Auswanderung in jener Zeit wäre durch mich behindert worden, wie die Ribbentrop´sche Haltung es ja automatisch im Gefolge hatte, dann würde man mir heute dieserhalb den Strick drehen. Also wie man sieht, was immer ich auch tat, „gefangen wird der Kerl auf alle Fälle“. – Hay que tener paciencia! /Zusatz auf Seite gegenüber: Hay que tener paciencia! (Man muß Geduld haben; span. Sprichwort in Argentinien wird es für alles Unklare gebraucht, hat also eine(sic) spezifischeren Sinn, als die bloße Übersetzung)/ Bueno, was tat sich in jener Zeit also weiter. Die Paßausstellung und die dazu notwendigen Papierkramgeschichten liefen jetzt in einer unkomplizierteren Maschinerie. Das Komplizierte, hatte ich längst nach Kasernenhofart abgeschliffen. Aber die Auswanderung kostet viel Geld; sehr viel Geld sogar. Und woher sollte man

/93/

AE: 67

solches bei der allgemeinen Verarmung der jüdischen Massen nehmen. Sie waren ja aus dem gesamten wirtschaftlichen und gewerblichen Leben, sagen wir es kurz, aus allen Lebensgebieten schlechtweg, hinausgedrängt. Da sollten Vorzeigegelder in Devisen vorhanden sein; die Reisekosten waren zu bezahlen; für die dringensten(sic) Unterstützungsfälle mußten von der jüdischen Kultusgemeinde Wien über ihr Wohlfahrtsamt Mittel aufgebracht werden; der Beamten- und Angestelltenkörper dieser jüdischen Kultusgemeinde in der Höhe von etwa 500 Köpfen mußte bezahlt werden und vieles andere mehr. Keine Reichsstelle half; allen war dieses schnurz und egal. Diese Stellen befahlen nur „Raus mit den Juden“. Löwenherz kam zu mir. Ich hätte ja sagen können, was geht dies alles mich an. Ich hätte dieses schon viel früher sagen können. Vielleicht stünde ich heute besser da, denn ich hätte mich von Haus aus nie so tief in diese Dinge eingelassen. Ich mochte Löwenherz und Rottenberg und Storfer gut leiden; sie mochten zweifelsohne auch mich. So lernte man sich immer näher kennen. Und so luden sie alles bei mir ab. Alles. Buchstäblich alles. Sie hatten in mir einen Menschen gefunden, der sie anhörte; stundenlang, ohne die Geduld zu verlieren. Nicht so wie sie

/94/

AE: 68

dies bei anderen Behördenvertretern gewöhnt waren. Dazu kam dann, daß dasjenige, was miteinander abgesprochen wurde, dann auch irgendwie tatsächlich funkte.

Also, jetzt war der Geldjammer an der Reihe. Ich selbst habe kein Geld; ich persönlich war immer schon vermögenslos gewesen und blieb es. Ich habe keinerlei buchhalterische Stärken; Kontobücher und dererlei Dinge, sind mir stets ein Greuel gewesen. Und ob ich persönlich hundert oder fünfhundert Mark in der Tasche hatte, war mir egal. Ich hatte zum Geld kein persönliches Verhältnis. In meinem Haushalt schaltete und wirtschaftete meine Frau; darüber war ich froh und so brauchte ich mich selbst um diese Dinge nicht zu kümmern. Und jetzt auf einmal wurde ich mit solchem Greuel angegangen. Aber ich muß es sagen, wenn es sein muß, dann befaßt man sich auch mit Dingen, die man nicht versteht. Und in meinem finanztechnischen Unverstand – denn nur solcher konnte in seiner Harmlosigkeit solchen Dingen gegenüber, so etwas zustande bringen, was ich nun in die Wege leitete – stellte ich mir die Angelegenheit gar nicht einmal so schwierig vor. Die jüdischen Funktionäre mußten nur

/95/

AE: 69

in das Ausland fahren, dazu verschaffte ich ihnen die Genehmigung, von den jüdischen Hilfsorganisationen Dollars erbitten und damit nach Wien zurückkommen. Dann verkauft die Kultusgemeinde einen Teil dieser Dollarbeträge an Juden, welche noch viel Geld hatten zu einem Mehrfachen des amtlichen Kurswertes und mit diesem Reichsmarkerlös bezahlte sie Gehälter für ihre Angestellten, Unterstützung, Reisekosten für die vermögenslosen Juden und gab ihnen jenen Dollarbetrag als Darlehen, welchen sie als Vorzeigegelder benötigten. Manche der Einwanderungsländer witterten darin ein Geschäft und erhöhten diese nun laufend.

So war alles gut und schön, aber ich dachte nicht daran, daß wir unter strengster Devisenbewirtschaftung standen. Nun, auch dieses konnte ich dann endlich mit „Hängen und Würgen“ einer Erledigung zuführen, indem ich den Reichsbankrat Wolf aus Berlin, er war im Reichwirtschaftsministerium, in der Devisenbewirtschaftungsabteilung tätig, nach Wien eingeladen hatte. Wir kannten uns schon von Berlin her. Ich erklärte ihm meinen Plan. Er besprach dann diese Angelegenheit mit seinem Staatssekretär, welcher sie genehmigte. Es war dies auch gut so,

/96/

AE: 70

denn mir wurde bereits vorgeworfen, daß meine Praktiken zu einer theoretischen

Unterbewertung der Reichsmark führen müße(sic), indem hier der Dollar gewissermaßen offiziell, zu Schwarzmarktpreisen in Reichsmark verhökert würde. Damit und wie man aus den Löwenherz´schen Aktennotitzen(sic) weiter entnehmen kann, mittels anderer finanzieller Angelegenheiten, wurde der geldliche Teil dieser Dinge erledigt. [14]

Am 10. November wurde von der politischen Führung des Reiches auf dem jährlichen Treffen in München, am 9. Nov. 1938, als Vergeltung für die Niederschießung eines deutschen Botschaftsrates in Paris durch einen Juden, zu einer Vergeltungsaktion im ganzen Reichsgebiet aufgerufen. Die offizielle Berichterstattung in jener Zeit durch den SD-Oberabschnitt Donau zeigt dokumentarisch, daß, von wenigen Ausnahmen abgesehen, die Dienstellen(sic) der Geheimen Staatspolizei und des SD, scheinbar durch einen Fehler in der Nachrichtenübermittlung, erst dann dieserhalb verständigt wurden, als die Synagogen und die Häuser der israelitischen Kultusgemeinden bereits brannten. Jüdische Geschäfte wurden zertrümmert und die Juden zu Tausenden eingesperrt.

------ Die Götter wandelten sich offensichtlich zu

/97/

AE: 71

Götzen. Diese Befehle waren nicht nur unsinnig, sie waren verbrecherisch. Die Gesetzesfabrikation, die sah derjenige nicht, der nichts damit zu tun hatte. Die praktische Durchführung der gesetzlich verankerten Maßnahmen, betraf nicht den SD-Angehörigen, denn er hatte keinerlei exekutive Vollmachten. Aber die folgen der „Reichskristallnachtbefehle“, die trafen in ihrer Unsinnigkeit diesmal auch mich. Denn was ich mit Mühe in Österreich wieder aufgebaut hatte, nämlich ein funktionierendes jüdisch-organisatorisches Leben, freilich mit Blickpunkt auf Auswanderung, wurde in einer einzigen Nacht wieder zerschlagen. Das Büromaterial, Karteikarten, Akten, die Auslandskorrespondenz, kurz alles wurde ein Raub der Flammen. Dazu kam(sic) die Verhaftungen von Funktionären der jüdischen Organisationen. Ich tat interessenbedingt was ich konnte, um zu retten was noch zu retten war. Aber viel war es nicht. Die Funktionäre bekam ich allmälig(sic) frei. Ich erspare mir das Anführen von Einzelheiten, denn es sähe mir zu sehr nach Selbstbeweihräucherung aus. Ich mußte nun wieder einmal aufbauend tätig werden. Scharfe und schärfste Bestimmungen gegen die Juden, hatten diese Zerstörungsbefehle obendrein zur Folge. Auch in finanzieller Hinsicht. Eine Verfügung des Devisenfahndungsamtes in Wien besagte, daß Juden von ihren

/98/

AE: 72

Konten monatlich nur noch Beträge bis zum Höchstwert von vierhundert Reichsmark abheben können. Dies wäre für den Betrieb der jüdischen Kultusgemeinde ein vernichtender Schlag gewesen, wäre diese Verfügung auch auf sie ausgedehnt worden. Aber sie wurde ausgenommen und konnte von ihren Konten, Summen in jeder, dem Bedarf entsprechenden Höhe abheben. Die Zentralstelle für jüdische Auswanderung gab bei Abhebung größerer Beträge jeweils ihre Befürwortung dazu. – [15] Bei jungen Juden war oftmals der Nachweis über einen erlernten praktischen Beruf die Voraussetzung für die Erteilung einer Einwanderungsgenehmigung. Also mußten auch solche Stellen geschaffen, und hier bei den örtlichen Staats- und Parteistellen um Verständnis dafür geworben werden. Natürlich blieb auch solches Bemühen, bei der uneinheitlichen Ausrichtung der diversen Amtsträger schließlich an mir hängen. Da heißt es beispielsweise in einer Aktennotitz(sic) von Dr. Löwenherz über eine Rücksprache mit mir, am 9. März 1939, „Der Leiter des Palästinaamtes erhielt den Auftrag einen Bericht über die Möglichkeit der Errichtung einer landwirtschaftlichen Hachscharah (Umschulung) auf dem Gute Markhof zu erstatten und darauf

/99/

AE: 73

hinzuweisen, welche staatlichen und Parteistellen, für und gegen die Errichtung dieser Hachscharah sind.“

In demselben Aktenvermerk von Dr. Löwenherz und Dr. Rottenberg heißt es dann weiter: „Herr SS-Hauptsturmführer Eichmann erklärte sich bereit, die Gebeine Herzl’s zwecks Überführung nach Palästina freizugeben, jedoch unter der Voraussetzung, daß aus diesem Anlaß die jüdischen maßgebenden Organisationen neue Einwanderungsmöglichkeiten für 8.000 Personen aus der Ostmark verschafft werden (sic), und beauftragte die Gefertigten, diesbezüglich gelegentlich ihrer Anwesenheit im Auslande, die erforderlichen Verhandlungen zu führen.“

Natürlich konnte ich hier nicht selbst freigeben. Wie jedermann weiß, sind für solche Exhumierungsgenehmigungen viele Wege bei den hierfür zuständigen Behörden erforderlich. Und um jene Zeit der „Nachreichskristallnacht“, hatte auch ich bei den verschiedensten Behörden, in allen Dingen wenn es sich um Juden handelte, große Schwierigkeiten.

Es ist nachträglich immer sehr leicht, jemanden - ich spreche jetzt von mir – mit diktatorischen Vollmachten ausgestattet darzustellen und die Konstruktion so zu führen, daß dieser Mensch dann

/100-101/

AE: 74, 74a

einfach in Bausch und Bogen verantwortlich für alles gemacht wird. Es ist interessanter, es liest sich leichter und es ist unter Umständen auch gar nicht

inopportun. Nur – wieder meine Person herangezogen – es trifft nicht zu und ist daher nicht wahr. [16]

Wenn ich heute, nach 22 Jahren so die Dokumente jener Zeit betrachte, dann muß ich mich fragen, wie ein vernünftiger Mensch ausgerechnet mir Haß und Vernichtungswillen unterstellen kann. Im Gegenteil, ich muß den jüdisch- politischen Funktionären gegenüber doch sicherlich wohlwollend eingestellt gewesen sein; frei ohne jeden persönlichen Haß, denn man könnte ja fast von einem gegenseitigen dienstlich bedingten Vertrauen sprechen, daß(sic) unschwer aus und zwischen den Zeilen jener Dokumente herauszulesen ist. /Einschub Text von Seite gegenüber:

Da kam einmal an einem Vormittag der von der israelitischen Kultusgemeinde, Wien, mit übrigen jüdischen Beamten dieser Institution, in die Zentralstelle für jüdische Auswanderung, eingebaute Jurist zu mir. Ein Dr. Sowieso; den Namen habe ich vergessen. Während der Nacht hatte die Staatspolizei, Verhaftungen vorgenommen. Wir besprachen das Ereignis und er meinte dann: „frecher Judenlümmel greift harmlosen deutschen Löwen an“. Und im selben Atemzuge meinte er, aber er wüße, zu wem er solches sagen könne. Ich sagte ihm, da habe er zwar recht mit seinem Wissen, aber wenn er solches anderwärts anbringe, müße er sich nachher unter Umständen in einer Polizeizelle sagen „Hättest du das Maul gehalten, wärest du ein Weiser geblieben“; diese Übersetzung hatte mir einer meiner Lateinlehrer für „Si tacuisses philosophus mansisses“ gegeben. Wohingegen einmal mein Maschinenbauprofessor anläßlich einer Statikprüfung zu mir sagte: „Gehirn ausgeschaltet, Schnauze läuft leer mit“. Und ich sagte dem Juristen, ich möchte nicht gerne haben, daß er sich solche Selbstvorwürfe eines Tages machen müße, weil uns beiden damit nicht gedient wäre; denn es „säße“, und ich müßte für ihn intervenierend tätig werden./ Aber meine Aufgabe soll es nicht sein, auf diese Stellen im einzelnen hinzuweisen; mögen dies Berufenere eines Tages tun oder auch lassen, mir ist es egal. Ich war daneben förmlich so etwas wie eine Beschwerdestelle, zu der man mit allen Anliegen kommen konnte, und ich wahrte sicherlich eine tendenzlose Korrektheit gegenüber den Juden und Nichtjuden; und ganz sicher kamen sie nicht zu mir

/102/

AE: 75

voll, von persönlicher Angst. Freilich läßt es sich nicht leugnen, daß später mit zunehmenden Kriegsgeschehen die Verordnungen und Befehle auch meiner Vorgesetzten, welche ich an die in

Frage kommenden Dienststellen weiterzuleiten hatte stets schärfer und radikaler wurden. Aber noch war es in Wien nicht so weit. Wenngleich der zunehmende Druck der staatlichen und parteilichen Leitung in Österreich, nach einer beschleunigten Entjudung, stets fühlbarer wurde. Wäre ich wirklich der “Haßer“, der „Bluthund“, der „ordinäre Fletz“ gewesen, so wie mich manche Zeitgenossen nach 1945 gerne darstellten, dann würde man dies zweifelsfrei irgendwie sogar zwischen den Zeilen der Löwenherz’schen Aktennotitzen lesen können, aber mir will wirklich scheinen, als ob es das Gegenteil wäre. Ich spreche hier natürlich von den Dokumenten, die vor der Beendigung des Krieges angefertigt wurden. Und dabei ist der Stil beispielsweise von Dr. Löwenherz als durchaus trocken und sachlich zu bezeichnen. Das damalige amtliche Deutschland, an seiner Spitze das Auswärtige Amt, schufen eine „Schraube ohne Ende“, „eine sich in den Schwanz beißende Katze“, und es hatte schließlich als seiner Weisheit letzten Schluß, kaum andere Befehle zu erteilen als solche, wie sie zur Reichskristallnacht führten. Andere Mächte, zu deren Sprecher sich in Berlin der britische Botschafter machte, erklärten, „keine Juden ohne Kapital“. Ja, in drei Teufels Namen, was sollte denn da noch an Möglichkeiten zur Verfügung stehen. Ich habe es oft fast schon beweint, in jener Zeit meine

/103/

AE: 76

Hände nicht in die Tasche gesteckt und die Stellungnahme vieler anderer, auch mir zu eigen gemacht zu haben. Ich stünde wahrlich heute besser da. /gestrichen: Bueno, ich habe sie aber nun einmal wie man sieht nicht „in die Tasche gesteckt”. Ein weiterer Satz unleserlich gemacht./ /nachträglicher Zusatz zum Schluß des Abschnitts: Ob aber dann die Mehrzahl der Juden aus Österreich hätte auswandern können, mögen andere überprüfen./ Ich ging in Wien damals den Mittelweg zwischen jenen beiden Extremen, nämlich: der Auswanderungsbehinderung auf der einen Seite, verbunden mit verschärftem gesetzgeberischen Druck durch die amtlichen deutschen Stellen; und der Erklärung des Auslandes andererseits, keine vermögenslosen Juden aufnehmen zu wollen.

-(10)-

Während des Prozesses gegen mich, wurde einige Male der Hitler´sche Ausspruch in seiner Rede vor dem deutschen Reichstag am 30. Januar 1939 erwähnt:

„Ich will heute wieder ein Prophet sein. Wenn es dem internationalen Finanzjudentum in- und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa.“ [17] /zwei Zeilen unleserlich gemacht/ Es passt zum Märchen „der Protokolle der Weisen von Zion“ und den „Ritualmordmärchen“. Natürlich ist das internationale private Großkapital zu einem guten Hauptteil

/104/

AE:

77

mitschuldig, ja ursächlich verantwortlich an der Not der Völker, für den Kummer und das Leid, als Gefolge der von ihm heraufbeschworenen Kriege. Aber töricht ist es, hier von einem jüdischen internationalen Finanzblock sprechen zu wollen. Soferne es sich hier um Juden handelt, die auch in den gewaltigen internationalen Finanzkartellen mit drin saßen, handelte es sich ganz zweifellos um Juden, denen ihr Judentum genau so wenig oder so viel bedeutete, als die katholischen oder protestantischen Finanzmagnaten sich um Katholizismus oder Protestantismus

gekümmert haben mögen. Das vorherrschende Charakteristikum gerade dieser Juden war ihre assimilatorische Einstellung. Nicht immer zur Freude des wirklich überzeugten Juden. Nein, die internationale Hochfinanz war und ist mit das größte aller Übel; daran gibt es nichts zu rütteln. Aber hier den Tenor auf das Wort „Jude“ zu legen, heißt die Sachlage verkennen. Und Hitler verkannte die Sachlage, wie so oft, so verhängnisvoll oft; so auch hier.

/105/

AE:

77a

Ich will daß(sic), was ich eben sagte, genauer erklären. Es mögen die Jahre 1936 und 1937 gewesen sein; da ging eine Abteilung des damaligen SD-Hauptamtes der Angelegenheit „Internationales Finanzjudentum“, Internationale jüdische Hochfinanz“ nach. Ich persönlich hatte sachlich nichts damit zu tun, denn der Schwerpunkt lag hier bei der „Wirtschaftsforschung“. Aber ich habe manche Akte gelesen, die im Zusammenhang mit diesem Nachforschen entstand. Auch hatte ich Gelegenheit, zu jener Zeit mit dem einen oder anderen hierfür zuständigen Referenten ab und an über diese Fragen zu sprechen. Ich entsinne mich noch, daß gerade das Ergebnis der Untersuchungen über den „Unilever-Konzern“ vorlag; es war ein gewaltiges Margarine und Seifenkartell und es waren diesem noch weitere große Unternehmungen angeschlossen. Seine wirtschaftlichen Verflechtungen waren wahrhaft internationale. Seine Aktienpaketinhaber, wenn ich nicht irre auch Teile seiner Verwaltungsratsvorsitzenden, waren zum Teil Juden, oft und oft genannt, mit ebenfalls internationalem Klang. Ja, man sprach Teile des Unilever- Konzernes direkt als Familiengebilde an. Es stimmte auch, daß einzelne Namensträger innerhalb dieses Wirtschaftsgebildes lebhafte Beziehungen beispielsweise zur „Anti-Difamations-Liga“, zur „Anti- Nazi-Liga“, zu dem Leiter der Boykottbewegung gegen Deutschland, Samuel Untermyr, hatten und auch zu vielen anderen politischen und wirtschaftlichen Zentren, wie das nun eben einmal so das Getriebe der Multi-Millionäre in der Hochfinanz, mit sich bringt. Nun, meine Einstellung zur Boykottbewegung habe ich geschildert. – Es konnte trotz eifrigen Nachforschens – der Hebel dieser Ermittlungstätigkeit wurde damals in Holland angesetzt und erstreckte sich auf eine ganze Reihe von Ländern, ein-

1. Beiblatt zur Seite 77a

Fortsetzung siehe auf dem Beiblatt No 1 !!!

/106/

AE: 77b

schließlich der USA, - nichts anderes „gefunden“ und festgestellt werden, was nicht ebenso auch auf irgend einen Wald und Wiesenkaufmann, welche sich dieser Boykottbewegung angeschlossen hatte, festgestellt hätte werden können. Sicherlich sind ihre finanziellen Unterstützungen größer gewesen, als die jener minderer(sic) Bemittelten. Dafür aber auferlegten ihnen die Rücksichtnahme(sic) auf ihre Wirtschaftsbetriebe ein ungleich höheres Maß an Vorsicht und Zurückhaltung, als solches die kleinen Leute notwendiger Weise zu beachten gehabt hätten. Mit anderen Worten: nichts Belastendes ergab sich, was der Mühe wert gewesen wäre, es lauthals in alle Welt hinauszuposaunen. Und das SD-Hauptamt saß damals – wie man fachmännischerweise zu sagten(sic) pflegte – sehr gut im Unilever-Konzern drin. Wäre wirklich etwas festgestellt worden, dann wäre dies unter Anführen aller Einzelheiten spätestens bei der Besetzung Hollands durch Goebbels Vermittlung einer internationalen Presse und sicher auch dem diplomatischen Korps in Berlin

bekannt gegeben worden; wie dies nun einmal so üblich war. Daß es bis 1945 aber nicht geschah, ist eine Bestätigung der Richtigkeit meines Geschilderten.

Natürlich war es ein „geflügeltes Wort“, das internationale „Finanzjudentum“. Aber man nehme doch einmal die Summe aller Multimillionäre

/107/

AE: 77c

mit Dollarbasis her, und dann sehe man nach wie hoch die Zahl der jüdischen und wie hoch die Zahl der nichtjüdischen Dollar-Multimillionäre ist; unter Beachtung

der von ihnen vertretenen Dollarsummen. Ebenso mache man es mit den Vorsitzenden der Aufsichtsräte von Unternehmungen, Konzernen und Kartellverbänden, denen einige Bedeutung in internationaler Hinsicht zuzumessen ist; zwar ist nicht unbedingt und notwendigerweise Aufsichtsräten, Mitgliedern der Exekutivkomitees(sic) und Vorsitzenden solcher Körperschaften der Status eines Multimillionärs zuzusprechen, wohingegen ihr wirtschaftlicher Einfluß ein enormer sein kann.

Was sieht man? Sicher nichts anderes, als daß(sic), was auch wir seinerzeit im SD-Hauptamt sahen. Die Zahl der Juden, war im Vergleich zur Zahl der Nichtjuden sehr gering. Der einzelne Konzern, der einzelne jüdische Finanzmagnat, der einzelne nichtjüdische Aufsichtsratvorsitzende oder Dollar-Multimillionär, vermochte gegen das Reich nicht mehr zu unternehmen, wie eine Stecknadelspitze gegen eine Elefantenhaut. Erst in ihrer Zusammenballung, in dem Einigsein des Großteiles der internationalen Hochfinanz zur Zielerreichung, da wird diese Macht finster und gefährlich. Aber ab diesem Augenblick hat der Jude als solcher damit nichts mehr zu tun; er ist nur noch ein Prozentsatz im Volumen „Einhundert“; ein Prozentsatz, der haushoch entfernt von einer Majorität ist.

/108/

AE: 77d

So war es jedenfalls in jenen Jahren, von denen ich spreche. Und nachdem mir solches, als kleiner Referent bekannt war, um wieviel mehr mußte es den Führungsspitzen bekannt gewesen sein. Denn für sie wurden ja diese Nachrichtenuntersuchungen geführt und an sie gingen ja die Berichterstattungen. Wenn ich sage, daß wir Referenten im Reichssicherheitshauptamt, bei einer solchen Rede Hitlers, daher nur an die Erzielung einer propagandistischen Wirkung glaubten, dann mag dies seine Richtigkeit haben. Am 30. Januar 1939 hat meines Erachtens in ganz Deutschland im Ernst niemand an eine physische Vernichtung des Judentums gedacht. Der Gedanke selbst schon wäre auch zu absurd gewesen; und ich wage dies zu behaupten trotz aller wirklich sehr scharfen Maßnahmen, welche bis dahin gegen die Juden Anwendung fanden. Denn, daß jede Politik in allen Ländern eine einzige große Lüge und ein einziger großer Betrug ist, dies wußte auch damals schon ein jeder Mensch in allen Ländern, sofern er nur Zeitung lesen konnte. Der Jude wurde – wie schon so oft in seiner Geschichte – auch von der obersten Führung des Reiches als Katalysator benutzt, an dem sich alle ihre Mißerfolge und prophylaktisch auch alle eventuell kommenden Schwierigkeiten und Ungelegenheiten, niederzuschlagen hatten. An dieser Grundeinstellung hat sich nichts geändert; so entstand das Propagandabild der „Protokolle der Weisen von Zion“, so entstand das „Ritualmordmärchen“, zu seiner Zeit. Es ist dies beileibe nicht erst meine Einstellung zu den Dingen, seit ich hier als

/109/

AE: 77e

Staatsgefangener in einem israelischen Gefängnis sitze. Ich verdanke diese meine Kenntnis im Wesentlichen der Erkenntnis meines Lehrer auf diesem Gebiet, dem Freiherrn von Mildenstein. Er sah die Dinge leidenschaftslos und nüchtern, so wie sie in Wahrheit lagen. Frei von Mystizismus, frei von „Stürmerauffassung“ und frei von propagandistischen Truggebilden. Die Richtigkeit seiner Auffassung konnte ich in langen Jahren, an Hand der amtlichen Unterlagen bestätigt finden. Daß der einzelne jüdischen Finanzmagnat genau so schlecht oder genau so gut wie der einzelne nichtjüdische Finanzmagnat gewesen ist – und alle zusammen noch immer so sein werden – ist eine sonnenklare Angelegenheit, hat aber mit Judentum nichts zu tun. Ich denke in diesem Augenblick an eine andere Geschichte, die man mir erzählte, deren Glaubwürdigkeit oder Nichtglaubwürdigkeit sehr leicht nachzuprüfen ist. (Zusatz für den Lektor: sollte es nicht stimmen, dann bitte diesen Absatz in Fortfall kommen zu lassen. Der Gewährsmann, der es mir erzählte war ein zwar gediegener Wirtschaftler, aber ich habe es mit eigenen Augen nicht amtlich gesehen. Daher meine Vorsicht.) Als dem Volkswagenwerk in Deutschland von der englischen Besatzungsbehörde die Wiederingangsetzung des Betriebes erlaubt wurde, geschah dies mit der Auflage, für jeden verkauften Volkswagen „Eintausend Deutsche Mark“ an England abzuliefern. Dies ist zum Beispiel solch ein Raubzug der Hochfinanz. Konkurrenzneid und Wirtschaftsangst diktieren hier dem einzelnen Verbraucher den mittelalterlichen

2. Beiblatt zu 77a.

/110/

AE: 77f

„Zehent“ auf. Diese Summen fließen netto in die Taschen der daran interessierten englischen Kapitalistenkreise. Daß das englische Volk, der englische Arbeiter, davon keinen Pfennig sieht, ist klar. Es ist der Tribut, den der Volkswagenkäufer dafür zu bezahlen hat, daß die englische Kleinwagenindustrie eben einen gewissen Prozentsatz weniger Wagen abstoßen kann. Soviel ich weiß, haben Juden beispielsweise hier nicht mit zu tun gehabt. Aber man wird mir vorhalten, daß es doch unleugbar sei, daß den Juden im Vergleich zu seiner Gesamtbevölkerung in Deutschland, ein unverhältnismäßighoher Anteil an Bank und Börse, an Kunst, Schriftum(sic), Film und Theater zukam; ferner am Handel im allgemeinen, an gewissen Berufssparten wie Ärzten usf., auf dem Gebiete der Rechtssprechung und Erziehung und was dergleichen nochmehr sein mag. Jawohl, da muß ich sagen, daß dies stimmt. Und es war ja auch die Masche, in welche die nationalsozialistische Propaganda immer wieder hineinhaute. Es war dies wohl mit gewissen zeitgeschichtlichen Abweichungen in der einen und anderen Form so, seit Jahrhunderten und noch länger. Es führte diese Tatsache auch immer wieder mit zu Pogromen und Wirtschaftsdruck auf die Juden. Viele schlachteten diese Tatsache zu ihrem Vorteil aus; die Landesfürsten zum Wohle ihrer

/111/

AE: 77g

Privatschatulen(sic); und die Politiker zum Fange der Stimmen die sie benötigten, um „an den Drücker zu kommen“. Alle benützten diese für ihre persönlichen Ambitionen willkommene Gelegenheit, um unter spekulativer Ausnützung erwachter Neidtriebe im Menschen, ihr Ziel zu erreichen, daß(sic) sie sonst mangels eigener Geistesgaben kaum oder viel schwerer hätten erreichen können. /ein Satz unleserlich gemacht/

Zweierlei Ursachen sind es, denen die Juden ihr Los zu beklagen hatten. Die Jahrhunderte währenden Exile, in welche die Juden lange vor der Zeitenwende abgeführt wurden. Nach Babylonien, nach Ägypten. Gewisse Berufszweige waren ihnen hier gestattet, andere untersagt. Selbst in Mittelalterlicher(sic) Zeit war es oft noch so. Und wenn man nachsieht, was ihnen damals erlaubt war, betreiben zu dürfen, dann waren es in der Mehrzahl der Fälle, jene Berufe in welchen die Juden der Neuzeit einen größeren Anteil hatten, als es ihrer Gesamtzahl zur Einwohnergesamtzahl entsprach. Es war ganz klar, sie waren darauf zwangsläufig spezialisiert worden. Zum anderen trug Schuld daran die Tatsache, daß den Juden die Möglichkeit zur Eigenstaatlichkeit verwehrt war.

Und da nun jeder Nationalismus potenzialer Egoismus ist, so sollte anfänglich das Problem in Deutschland durch Auswanderung gelöst werden. Dies war nicht neu, dies hatte zahlreiche Präzedenzfälle in der Geschichte, ich erinnere nur an die

Judenaus-

/112/

AE: 77h

treibungen Isabellas der Katholischen. Die äußeren Deklarationen der Motive wechselten im Laufe der Zeiten. Das Motiv selbst blieb sich stets gleich. /nachträglicher Zusatz: Ich persönlich wies stets und nachdrücklich darauf hin, daß nur Eigenstaatlichkeit das Problem löse. Aber hier unterlag ich stellungsmäßig sowohl als auch im Kampf mit Lügen und Gegenpropaganda./ Und ich behaupte heute, daß das ganze menschliche Zusammenleben, zumindest in seiner zweitausendjährigen neueren Zeit – aber sicherlich auch vordem – eine einzige große und gewaltige Betrugs- und Lügensymphonie ist. Bernard Shaw, der Menschenkenner und Spötter, erzält(sic) uns eine nette Geschichte:

„Sobald eine Lüge populär geworden ist, daß(sic) werden alle Märchen, ist es unmöglich sie einzuholen, wenn sie einmal einen Vorsprung hat. Von Lord Melbourne, dem Mentor der Königin Victoria, als diese den Thron bestieg, erzählt man sich, er habe bei einer Zusammenkunft mit seinen Ministerkollegen, mit seiner Person die Türe des Beratungszimmers verstellt und ihnen zugerufen: „Es ist mir ganz egal, was für eine gottverdammte Lüge wir erzählen müßen, aber nicht einer von Ihnen verläßt dieses Zimmer, bevor wir uns auf eine und dieselbe gottverdammte Lüge geeinigt haben.“

So viel zu diesem Kapitel. –

/104+113, 114/

AE: 77+78

-(11)-

Die deutschen Panzer rasselten durch Prag. Die goldene Stadt an der Moldau. >Slata Praha<, wie der Ceche zu seiner Hauptstadt, der baulich schönsten aller mitteleuropäischen Hauptstädte, wenn nicht darüber hinaus, sagt. Wer an der Moldau steht und seine Blicke über die steinernen Heiligen der Karlsbrücke, hinauf zum Hradschin und Veitsdom gleiten läßt und hierbei nicht dem Zauber der Jahrhunderte sinnierend erliegt, kann kein Lebender mehr sein. Ich kannte Prag noch aus tiefster Friedenszeit. Ich kannte Prag, als es noch zur K.u.k.österreich-ungarischen Monarchie /verschrieben, Korrektur gegenüber auf S. 113/ gehörte und ganz besonders verstehend und liebend lernte ich diese reizvolle Feste an der Moldau in den Jahren 1931 bis 1933, kennen. Aus den verträumten Gäs´chen(sic) der Altstadt und des Hradschin, umwehte einen der Hauch des Mittelalters; von Gewerbefleiß und Baukunst kündend. Und tausend alte Sagen und mehr raunten sich durch das lauschende /verschrieben, Korrektur gegenüber auf S. 113/ Ohr. Und vergoldet leuchteten hundert Türme und Kuppeln in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne.

Oh, wie liebte ich Prag. Doppelt heimelig war sie mir, diese Stadt; als städtebauliches Kleinod und meine Verlobte in jenen Jahren, meine spätere Frau, war obendrein in der Cechoslowakei beheimatet. In wenigen Tagen, werden dreißig Jahre vergangen sein, seit jener Zeit, da ich Prag zu lieben anfing.

Mitte 1939 erhielt ich Befehl nach Prag zu fahren und mich bei dem dortigen Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD, zu melden. Es sollte das Spiegelbild der „Zentralstelle

/115/

AE: 79

für jüdische Auswanderung, Wien“, aufgezogen werden. Genau war es der 28. Juli 1939, an dem in Prag die Zentralstelle zu arbeiten anfing. Bis dahin gab es noch keine einheitlich geregelte Auswanderung. Wer von den Juden auswandern wollte, mußte sich die notwendigen behördlichen Dokumente selbst beschaffen. Damit ging er zur Durchlaßscheinstelle der Geheimen Staatspolizei, die darüber entschied, ob dem Betreffenden die Auswanderung genehmigt wurde oder nicht. Nach Errichtung dieser „Zentralstelle für jüdische Auswanderung Prag“, wurde der jüdischen Kultusgemeinde Prag übertragen, dafür zu sorgen, daß die auswandernden Juden die gesetzlichen Voraussetzungen erfüllten. Der Durchlaßschein, der zum Verlassen des „Protektoratsgebietes“ berechtigte, wurde nunmehr von dieser Zentralstelle ausgegeben. Es waren eine große Anzahl Dokumente notwendig, um in jener Zeit in das Ausland auswandern zu können und ich gehe kaum fehl, wenn ich sage, daß diese Anzahl für Juden und Nichtjuden so ziemlich die gleiche war. Dazu gehörten:

1.) Wohnungsnachweis von der Polizeidirektion; 2.) Polizeiliches Führungszeugnis; 3.) Sichtvermerkerteilung durch den Oberlandrat Prag; 4.) Gesuch um Ausstellung eines Reisepasses, an die Polizeidirektion Prag und an das Oberlandratsamt in Prag;

/116/

AE: 80

5.) Formblatt für einen Auswanderungspaß, von der Polizeidirektion in Prag; 6.) Bestätigung des Magistrates der Stadt Prag, über die Bezahlung der Gemeindeabgaben; 7.) Gesuch an die Gruppe VII/Wirtschaft/ des Reichsprotektors; 8.) Gesuch und Fragebogen an die Steueradministration zwecks Erlangung einer „Steuerlichen Unbedenklichkeitsbescheinigung“; 9.) Ausgefüllter Fragebogen des staatl. Gebührenamtes; 10.)Antrag auf Mitnahme des Umzugsgutes an die Revisionsabteilung des Finanzministeriums und an die Nationalbank; 11.)Verzeichnis des Umzugsgutes an die Revisionsabteilung des Finanzministeriums; 12.)Vermögensbekenntnis für das Devisenschutzkommando der Zollfahndungsstelle. 13.)Bestätigung der Bezahlung der Auswanderungssteuer, Abgaben bezüglich des Umzugsgutes usf. im Sinne der Regierungsverordnung No 287/1939; und anderes mehr.

Wie man sieht, war es – nicht nur in Prag – alleine schon schwer, diese Vielfalt von Bestimmungen zu erfüllen. Für den Einzelmenschen oft eine Qual. Es hatte

die Schaffung einer zentralen Stelle schon recht viel für sich; freilich hatte sie auch ihre Nachteile. Und es mögen diejenigen werten und bewerten zwischen Vorteil und Nachteil,

/117/

AE: 81

die in die Notwendigkeit kamen, im(sic) Besitze solcher Bescheinigungen zu gelangen. Sie werden es wissen. Ich sagte diejenigen, welche in die Notwendigkeit kamen. Ja, und da geht mir durch den Sinn:

Ich trat der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiter Partei bei, weil sie gegen das Unrecht von Versailles kämpfte, /eine Zeile unleserlich gemacht/ Gegend(sic) das Diktat; Gegen Besatzung; Gegen nationale Schmach; /eine Zeile unleserlich gemacht/ Gegen Landraub.

Und was brachten wir? Unrecht; Diktat; Besatzung; Nationale Schmach; /eine Zeile unleserlich gemacht/ Landraub. Es ist wahr; genau daß(sic), brachten wir! Genau daß(sic), alles, rasselte im Gefolge unserer Panzer, gegen daß(sic) wir einstens uns erhoben und aufstanden. Alles dies und noch viel mehr diktierten wir anderen Völkern auf. Es ist wahr: ein Unrecht schafft das andere Unrecht nicht aus der Welt. Und unsere damalige Führung hätte solches erkennen müßen. Sie waren die verantwortlichen Politiker.

/118/

AE: 82

/gestrichen, offenbar daraufhin als Schlußsatz auf die vorige Seite gesetzt : Sie

waren die verantwortlichen Politiker./ /7 Zeilen bis zum Schluß des Abschnitts unleserlich gemacht/ /weitere 6 Zeilen unleserlich gemacht/ /6 Zeilen bis zum Schluß des Abschnitts gestrichen, zum Teil noch lesbar: … Form geworden wäre; nicht daß ich predigend oder schreibend diese Ideologie landein, landab verkündet hätte, etwa einem Reichsredner gleichend. Nein, dies nicht./ /weiterer Abschnitt von 5 Zeilen unleserlich gemacht/ /9 Zeilen bis Ende der Seite gestrichen, noch lesbar: Und diese Einstellung war es, die mich weiterhin als Diener im Tanz um die Götter verharren ließ. Freilich, es war damals schon schwer, sehr schwer aus diesen Reihen zu brechen; selbst wenn man es wollte. Aber ich muß es gestehen, ich dachte um jene Zeit nicht mehr und noch nicht von neuem an eine Loslösung von meinem Dienst, nachdem mein/

/119/

AE: 83

/2 Zeilen bis zum Abschnitt unleserlich gemacht/

Am 27. September 1941 wird Heydrich zum Stellvertretenden Reichsprotektor für Böhmen und Mähren ernannt. Des Ehrgeizigen und sehr Machthungrigen Wunsch, ist erfüllt: sein Sprung in das größere politische Geschehen.

Ich hörte ihn bei irgendeiner Gelegenheit einmal sagen, daß es ihm eine Genugtuung bedeute, aus dem Negativum der polizeilichen „Tätigkeit“, nunmehr in eine „positive Aufbauarbeit“ gestellt zu sein. Doch scheint diese, seine Erklärung ohne weiteren Belang gewesen zu sein, denn er behielt seine Stellung als Chef der Sicherheitspolizei und das SD auch weiterhin, in Personalunion, bei. Darüber hinaus war er SS-Obergruppenführer und General der Polizei, Mitglied des Deutschen Reichstages, zeitweilig Vorsitzender der „Internationalen Kriminalpolizeilichen Kommission“, um einige seiner wichtigsten Funktionen und Titel zu nennen. Sein geheimes Ziel aber war die Verdrängung Ribbentrops, und sich selber als Reichsaußenminister sehend. Dazu sollte ihm das Sprungbrett in die hohe Politik, als des Reiches Protektor für Böhmen und Mähren, dienen. Er hatte sich als „Architekt“ das Gebilde eines Reichssicherheitshauptamtes geschaffen, daß(sic)

/120/

AE: 84

er in zäher Kleinarbeit, aus kümmerlichen Anfängen heraus, zu jener mächtigen Institution ausbaute und als dessen Chef und Beherrscher er als Person schlechterdings unangreifbar wurde. Mut und Entschlossenheit, gepaart mit Draufgängertum war ihm keineswegs abzusprechen gewesen, besonders wenn es sich darum handelte seinem Ehrgeiz und seiner Eitelkeit zu frönen. Er wollte sich in den Besitz von Tapferkeitsauszeichnungen setzen. Zu diesem Zweck ließ er sich in seiner knappen Freizeit über seine Beziehungen, in die Uniform eines Luftwaffenmajors stecken und an einer „Messerschmitt“ ausbilden. Tatsächlich beteiligte er sich dann auch als Jäger an Kämpfen über dem Kanal, schoß einige Feindflugzeuge ab, und erhielt Frontflugspange und Eisernes Kreuz. Himmler verbot ihm daraufhin jedwede weitere Fliegerei. – Auch diesen Wunsch hatte er sich also erfüllt.

Auf einer Pressekonferenz in Prag, hatte Heydrich sich in seiner impulsiven Art dazu hinreißen lassen, einen unmöglich kurzen Termin für die „Entjudung Böhmens und Mährens“ zu nennen. Um seinen Worten einigermaßen nachkommen zu können, wurde in der Folgezeit Theresienstadt von deutschen Truppen, welche dort in Garnison lagen geräumt und die cechische Zivilbevölkerung durch das

/121/

AE: 85

zuständige Ministerium der Protektoratsregierung, umgesiedelt. Ein vorliegendes Dokument, beschreibt die Besprechung mit Heydrich, an der auch ich teilnahm. Ich habe das Original nicht gesehen. Das mir zur Verfügung stehende Dokument – eine Ablichtung – zeigt weder Briefkopf noch Tagebuchnummer, weder Signum noch Unterschrift, so daß ich nicht zu ersehen vermag, wer diese Notitzen( sic) machte, von welcher Dienststelle sie gemacht wurden; kurz, ich kann dieses Dokument solange nicht als amtlich ansehen, solange ich das Original nicht gesehen habe. Hinzu kommt, daß ich die

Angelegenheit anders in Erinnerung habe; wenngleich ich nicht behaupten will, daß nach so langer Zeit, es sind inzwischen zwanzig Jahre mit all ihrer Turbulenz

darüber hinweggegangen, meine Erinnerung untrüglich wäre.

Heydrich frug auch mich in jener Zeit um meine Meinung, wie ich mir – nun er sich einmal als Reichsprotektor festgelegt habe – eine Lösung vorstelle. Er frug

Dutzende von Personen und Stellen. Ich sagte ihm, er möge eine Stadt mit genügendem Hinterland zur Verfügung stellen. In diese(sic) Stadt könnten die Juden von Böhmen und Mähren angesiedelt werden; das Hinterland hat die

[18]

benötigten landwirtschaftlichen Produkte zu liefern. Die laufende Auswanderung würde im Laufe der Jahre das Problem

/122/

AE: 86

sodann von selbst lösen. So geschah es dann auch; jedoch ohne Hinterland. /1 nachträglich hinzugefügte Zeile gestrichen und unleserlich gemacht/ Die wenigen hundert Hektar Land waren zu wenig und die Auswanderung war inzwischen auch verboten worden. Hinzu kam, daß in der Folgezeit alle möglichen Partei- und Staatsdienststellen des Reichsgebietes, in der Drängelei, ihre Juden los zu werden, Himmler in den Ohren lagen, ihrerseits Juden nach Theresienstadt schicken zu können. Hinzu kam ferner, daß Himmler /1 Zeile unleserlich gemacht/ eines Tages befahl, Theresienstadt zu einem Muster-Alters- Ghetto umzugestalten, um hier dem Ausland zu zeigen, wie das Deutsche Reich die Judenfrage löse. Es war dies eine der von Himmler befohlenen Tarnungen. /zweieinhalb Zeilen bis Ende des Abschnitts unleserlich gemacht/ Theresienstadt war dem Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD, in Prag unterstellt. [19] Der Befehlshaber wiederum unterstand einmal für Angelegenheiten des Protektoratsbereiches, dem Höheren SS- und Polizeiführer für Böhmen und Mähren, als dem bevollmächtigten Vertreter Himmlers, des Reichsführers SS und Chefs der Deutschen Polizei; zum anderen demselben, in seiner Eigenschaft als Staatssekretär für das Sicherheitswesen in Böhmen und Mähren. Es war dies der SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Polizei und der Waffen SS, K. H. Frank.

/123-124/

AE: 87

Zum dritten hatte der Befehlshaber der Sicherheitspolizei in Prag die Befehle des Reichssicherheitshauptamtes zu beachten, soferne ihnen Reichshorizont

zuzumessen war, und Frank kein Veto einlegte. Bis zum Tage, an dem gegen Heydrich die Bombe geworfen wurde, an deren Splitterverwundung er am 5. Juni 1942 starb, befahl auch Heydrich als Chef der Sicherheitspolizei und Reichsprotektor, seinem Befehlshaber der Sicherheitspolizei in Prag, unmittelbar. /Zusatz von Seite gegenüber: Es war eine komplizierte Stellung, alleine schon im Hinblick auf die Befehlswege und die dadurch bedingten Kontrollmöglichkeiten./ Von Zeit zu Zeit traten die Dienststellen der Sicherheitspolizei auf Drängen der örtlichen Vorgesetzten oder der parteilichen Instanzen, an das Reichssicherheitshauptamt heran, eine vorgeschlagene Anzahl von Juden zwecks Auflockerung der Besiedlungsdichte in Theresienstadt, nach dem Osten zu deportieren, denn die Auswanderung von Juden in europäische oder außereuropäische Länder, war von Himmler mit Wirkung vom 10. Oktober 1941, verboten worden. Solche Ansuchen konnte nur Himmler persönlich entscheiden und daher wurden sie entweder vom Amtchef IV des Reichssicherheitshauptamtes, meinem inzwischen unmittelbaren Vorgesetzten, SS Gruppenführer und Generalleutnant der Polizei Müller, oder von dem Nachfolger Heydrichs, dem SS Obergruppenführer und General der Polizei und der Waffen SS, Dr. Kaltenbrunner, als Chef der

/125/

AE: 88

Sicherheitspolizei und des SD, unterschrieben, an Himmler weitergeleitet. Dieser genehmigte oder verwarf. [20]

Ich sagte, daß die Einrichtung und der Betrieb des Ghettos Theresienstadt von Himmler zur Tarnung befohlen wurde. Also wurden alle Ansuchen, welche die Dienststellen des Roten Kreuzes, bei den zuständigen Reichsstellen, wie dem

Auswärtigen Amt, insoweit es sich um das Internationale Rote Kreuz handelte oder bei der Kanzlei des Führers oder Reichskanzlei, sofern der Antrag vom Deutschen Roten Kreuz ausging, über Himmler geleitet, der als letzte Instanz erlaubte oder verbot. So wurde Theresienstadt im Juni 1943 von dem Generalhauptführer des Deutschen Roten Kreuzes, Hartmann besucht, als Vertreter des Herzogs von Koburg, /fast 2 Zeilen unleserlich gemacht/ und am 5. April 1944, von einer Kommission des Internationalen Roten Kreuzes selbst. [21] Auch ich nahm an diesen Besichtungen(sic) befehlsgemäß teil. Es ist natürlich heute leicht zu sagen, ja hätten Sie denn damals den Kommissionen nicht sagen können, ist ja alles Schwindel, ist ja alles Tarnung Himmlers, der damit die Weltöffentlichkeit irre führen will. Abgesehen davon, daß ich unter Eid stand; abgesehen davon, daß die Tatsache der Judentötungen im Juni 1943 auch im Ausland unwiderlegbar bekannt war und es im April 1944 bereits alle Spatzen vom Dach pfiffen; abgesehen von der Tatsache ferner, daß ich an die nächste Mauer gestellt worden wäre, um erschoßen zu werden, abgesehen von

/126-127/

AE: 89

diesem allen, was hätte es der Sache genützt? Ich konnte ja nichts abstellen, genauso, wie ich nichts in Gang setzen konnte. Es waren in der ganzen Judenangelegenheit zu viele Befehlsgeber eingeschaltet. Angefangen von Hitler über Himmler, Heydrich und Kaltenbrunner, über Krüger, dem Höheren SS- u. Polizeiführer im Generalgouvernement; den Einsatzgruppenchefs im Osten, den SS Generalen Nebe, Rasch, Ohlendorf, Stahbecker(?), Jaeckeln und andere; den SS Generalen Globocnigy, Katzmann und andere im Generalgouvernement; dem Oberdienstleiter Brack /Schreibung dieses Namens auf Seite gegenüber verdeutlicht/ in der Kanzlei des Führers; dem SS General Pohl, den Höheren SS- und Polizeiführern im Reichsgebiet und den besetzten Gebieten; den Gauleitern und Reichsstatthaltern, den Reichsleitern, dem Reichsminister des Auswärtigen; dem Reichspropaganda- und Reichsjustizminister; dem Chef des Oberkommandos der Wehrmacht; und andere mehr. Was schon hätte hier ein Mann mit dem Dienstgrad eines Oberstleutnants zu tun vermocht? Nichts! Die doppelte und dreifache jederzeitige Kontrollmöglichkeit, seitens der Vorgesetzten, denen ein jeder Befehlsempfänger, ohne jede Ausnahme, innerhalb des Gebildes der Sicherheitspolizei unterworfen war, sorgte ebenfalls für eine linientreue Beibehaltung des von der Führung vorgeschriebenen Kurses. Und dieses automatisch arbeitende Kontrollsystem – die Skizzen welche dieser Arbeit angehangen sind, veranschaulichen dies – nicht nur innerhalb der Sicherheitspolizei, ermöglichten es den Göttern mit, zu Götzen zu werden. /am Rand Verweis auf: Skizzen/

-----„------

/128-129/

AE: 90-90a

-(12)-

Aus Gründen der besseren Übersicht bin ich mit meinen Betrachtungen, soweit es

sich um Böhmen und Mähren handelte, der Zeit vorausgeeilt. Ich muß daher jetzt wieder etwas zurückschalten, um den Betrachtungen nachkommen zu können, was sich inzwischen außerhalb des Protektoratsbereiches zugetragen hatte. Wir schreiben den 1. September 1939. Um fünf Uhr früh haben sich die deutschen Divisionen in Richtung auf Polen in Bewegung gesetzt.

Deutsche Sturzkampfbombergeschwader belegen die polnischen Bereitschaftsstellungen mit Bomben. Die Summe der deutschen, englischen und französischen Unvernunft in der Polenfrage, ließen(sic) es zum Kriege gegen dieses Land kommen. Die Tragik des Schicksals hatte den polnischen Marschall Pilsudsky zu früh sterben lassen. Unter seiner Staatsführung, wäre es nie und nimmer zum Kriege gegen dieses Land gekommen. Die Furie des Krieges raste durch Polen und nach einigen Wochen standen sich an der Demarkationslinie sowjetrussische MWD-Beamte, deutsche Geheime Staatspolizeistellen, sibirische Infanterieregimenter und deutsche Grenadiereinheiten, in fast friedensmäßiger Grenzsicherung gegenüber. /Einschub von Seite gegenüber (gekennzeichnet als 90a):

Am 21. September hatte Heydrich seine Amtchefs und in Polen tätigen Einsatzgruppenchefs zu einer Besprechung nach Berlin zusammengerufen. Auch ich bin in der Anwesenheitsliste eines Protokolls erwähnt, aber ich war um diese Zeit noch gar nicht in Berlin und ebensowenig war ich Einsatzgruppenchef. (Dieses Dokument trägt im übrigen auch weder Unterschrift noch Signum. Freilich lag mir nicht das Original, sondern nur eine Photokopie vor.) Es muß sich um einen Irrtum handeln; ich habe an dieser Besprechung nicht teilgenommen. Mein ehemaliger Vorgesetzter, Prof. Dr. Six, der an dieser Besprechung teilnahm, wurde dieserhalb als Zeuge 1961 in Deutschland befragt. Er erklärte, daß ich an keinerlei Amtchefbesprechungen teilgenommen habe. Mein Vorgänger in Berlin, ein Regierungsrat Lischka unterschrieb noch am 16. Oktober des gleichen Jahres, Schreiben seines Dezernates, die Reichszentrale für jüdische Auswanderung betreffend. Dr. Löwenherz stellte in seiner Aktennotitz( sic) vom 17. Dezember 1939 erstmalig fest, daß ich ihm mitgeteilt habe, daß ich nunmehr die Reichszentralstellengeschäfte zu bearbeiten habe. Also hatte ich vordem dienstlich in Berlin nichts zu suchen. Ich arbeitete in Wien und Prag in den Auswanderungszentralstellen. Heydrich hatte in dieser angeführten Besprechung die Ghettoisierung der Juden im Generalgouvernement befohlen./

Am 6. Oktober verkündet Hitler die Nationalisierung der neu zum Reich hinzugekommenen Ostprovinzen und be-

/130/

AE: 91

auftragt mit der Durchführung Himmler, unter Ernennung zum Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums. Als Chef der Deutschen Polizei und als Reichsführer SS, hatte er in organisatorischer Hinsicht außer einem Vermögensträger keine andere neue diesbezügliche Institution zur Durchführung der ihm von Hitler übertragenen zusätzlichen Aufgabe nötig. Die Regierungsstellen des Generalgouvernements, wie der deutsche(sic) besetzte polnische Teil nunmehr hieß, waren bereits im Aufbau. Als Vermögensträger über das gesamte Vermögen – bewegliches und unbewegliches - der im Zuge der Nationalisierung zu Deportierenden, fungierte die um jene Zeit errichtete Haupttreuhandstelle Ost. Die Deportationen erfolgten nach dem Generalgouvernement. Am 30. Oktober erteilte Himmler folgenden Befehl: „In den Monaten November und Dezember 1939, sowie in den Monaten Januar und Februar 1940, sind folgende Umsiedlungen vorzunehmen:

1.) Aus den ehemals polnischen, jetzt reichdeutschen Provinzen und Gebieten, alle Juden.

2.) Aus der Provinz Danzig-Westpreußen, alle Kongreßpolen

3.) Aus den Provinzen Posen, Süd- u. Ostpreußen und Ostoberschlesien, eine noch vorzuschlagende Anzahl besonders feindlicher

/131/

polnischer Bevölkerung.

AE: 92

4.) Der Höhere SS- u. Polizeiführer Ost (Generalgouvernement), gibt die Aufnahmemöglichkeiten des Gouvernement für die Umzusiedelnden bekannt und zwar getrennt nach Kreishauptmannschaften und größeren Städten.

5.) Die Höheren SS- u. Polizeiführer Weichsel, Warthe, Nordost, Südost und Ost, bzw. die Inspekteure und Befehlshaber der Sicherheitspolizei, legen gemeinsam den Umsiedlungsplan fest.

6.) Verantwortlich für den Abmarsch und für den Transport ist der Höhere SS- u. Polizeiführer innerhalb seines Gebietes; verantwortlich für die Unterbringung im neuen Wohngebiet ist die polnische Verwaltung bzw. Selbstverwaltung.“ [22]

Dies war der erste Deportationsbefehl. Dutzende sollten ihm noch folgen. Im Zuge dieses Befehles setzten sich die angeschriebenen SS und Polizeigeneräle am 8.11.1939 beim Generalgouverneuer in Krakau zu ihrer ersten Beratung zusammen. Ihre Besprechungspunkte waren die von Himmler befohlene Unterbringung und Ansiedlung von in das Reich zu nehmenden Volksdeutschen, aus den Baltenländern und Wolhynien, sowie die Deportierung von Juden und Polen. Der General der Polizei Krüger, der Höhere SS- u. Polizeiführer Ost (Generalgouvernement) führte denVorsitz; der Generalmajor der Polizei,

/132-133/

AE: 93

SS-Brigadeführer Streckenhach(?), der Befehlshaber der Sicherheitspolizei im Generalgouvernement war mit der Zentralplanung der Ansiedlung und der Deportation im Ostraum beauftragt. Er hatte auch gemäß den ihm erteilten Weisungen, die Verhandlungen mit der Reichsbahn, zwecks Zurverfügungstellung von Transportzügen zu verhandeln. Dieser Besprechung zufolge sollten bis Ende Februar 1940, rund 1 Million Juden und Polen aus den neuen Ostprovinzen in das Generalgouvernement deportiert werden. Eine Zahl, welche in der Praxis infolge der auftretenden Schwierigkeiten, in dem gesteckten Zeitraum auch nicht annähernd eingehalten werden konnte. Heydrich schaltete sich jetzt als Chef der Sicherheitspolizei und des SD, persönlich mit in diese Angelegenheit ein und zergliederte das Gesamtvorhaben in mehrere Nahpläne; er stellte die Zuständigkeiten für Deportation und Zielstationen im Einzelnen fest. Aus welchen Orten der Abtransport erfolgt, habe der zuständige Inspekteur der Sicherheitspolizei zu bestimmen, im Auftrage des Höheren SS- u. Polizeiführers. Ebenso bestimmt dieser nach Vorschlag der Landräte, wann und wieviel Personen aus den einzelnen Kreisen abgeschoben werden. Der Befehlshaber der Sicherheitspolizei in Krakau hat im Auftrage des Höheren SS- u. Polizeiführers die Zielstationen für die Transporte bekannt zu geben. – /Einschub von Seite gegenüber: Ehrgeiz, Geltungsbedürfnis und Machthunger feierten in diesen Wochen und Monaten Triumpfe(sic). Jeder der örtlichen Hoheitsträger war entschlossen, sein Maximum an Zuständigkeit in das Treffen zu werfen und hieraus diktatorische Rechte abzuleiten. Ein örtlicher Befehl jagte den anderen. - /

Und jetzt ging es los. Alles stürzte sich auf die Arbeit. Jedem ging es zu langsam.

/134/

AE: 94

/Die ersten 4 Zeilen nachträglich hinzugesetzt: Die Zuständigkeiten überschnitten

sich oft und die daraus resultierenden Schwierigkeiten wurden nicht beobachtet, denn jeden der Hoheitsträger beselte(sic) ausschließlich lokaler Egoismus./ Ein heilloses Durcheinander war die Folge. Falsche Zielbahnhöfe. Überbelegung der Züge. Mangelnde Nachrichtenübermittlung zwischen Absender und Transportempfänger. Kopflosigkeit überall. Der ganze Fahrplan kam in Unordnung. Die Leidtragenden waren die Ohnedies von der Deportierung Betroffenen.

Im Dezember 1939 bekam ich Befehl, mich zur Dienstleistung in Berlin, bei dem

Amtchef IV des Reichssicherheitshauptamtes, Müller zur Dienstleistung (sic) zu melden. Meine Bitte um Abstandnahme von meiner Person zur dienstlichen Verwendung in Berlin, unter Hinweis darauf, daß meine Familie in Wien lebe und sich auf eine Übersiedlung nach Prag vorbereite, mir Berlin daher aus diesem Grunde ungelegen sei, wurde abschlägig beschieden. Wird man zum Truppendienst eingezogen, dann hat man sich, ohne mit der Wimper zu zucken, zu fügen; aber zum Zwecke einer behördlichen Dienstleistung glaubte ich einen solchen Antrag stellen zu können. Jedoch der Hinweis auf den Kriegszustand, ließ meinerseits keine weitere Rekursmöglichkeit mehr zu. In Berlin war „auf dem Papier“ schon seit Monaten eine Reichszentralstelle für jüdische Auswanderung gegründet worden. Ihr Leiter war, gemäß der Verfügung des Reichsmarschalls

/135/

AE: 95

Göring, in seiner Eigenschaft als Beauftragter für den Vierjahresplan, Heydrich.

Zum Geschäftsführer bestellte Heydrich seinen Amtchef IV, Müller. Des weiteren hatten noch gemäß Göring´scher Weisung, einige höhere Beamte des Innenministeriums, des Auswärtigen Amtes und der Dienststelle des Beauftragten für den Vierjahresplan, im Ausschuß dieser Reichszentrale tätig zu sein.

Ich bekam den Auftrag, nunmehr diese Dienststelle praktisch einzurichten, damit

sie für den Parteienverkehr funktioniere, sowie gemäß den Weisungen des

Geschäftsführers, die Dienstgeschäfte zu führen. Des weiteren wurde ich mit der Koordinierung der Deportationstransporte betraut. Die entprechende Verfügung erließ der Chef der Sicherheitspolizei und des SD

am 21. Dezember 1939.

Meine Amtsbezeichnung war „Sonderreferent IV R“; das heißt Sonderreferent für

Räumung im Amte IV des Reichssicherheitshauptamtes. [23] Die Bezeichnung

Sonderreferent erklärt sich daraus, daß es ein neues Referat innerhalb des Amtes

IV des Reichssicherheitshauptamtes war, also des Geheimen Staatspolizeiamtes,

und der nächste etatmäßige Geschäftsverteilungsplan erst im Februar 1940 fällig war.

Ab dieser Zeit war ich sodann planstellenmäßiger Referent IV D 4, im Amt IV

des Reichssicherheitshauptamtes. Ich hatte also von Anfang an keine anderen Befugnisse, als jeder der übrigen etwa 100 bis 150 Referenten des

Reichssicherheitshauptamtes sie auch hatten.

/136-137/

AE: 96

Nach etwa 1 ½ jähriger Unterbrechung hatte ich nun wieder in Berlin tätig zu sein. Schade, ich wäre lieber in den Provinzen geblieben; und am liebsten in einer möglichst kleinen Provinzstadt. Aber mein Wille wurde nicht gefragt; ich hatte zu gehorchen. Aber wer dachte um die weihnachtliche Zeit des Jahres 1939 schon daran, daß der Krieg weitergehen würde. Alles rechnete mit einer Regelung zwischen Deutschland, Frankreich und England. /1 ½ Zeilen unleserlich gemacht/ Ich las um jene Zeit „Kant; die Kritik der praktischen Vernunft“. Das mich Umgebende fand ich für mich unpraktisch und von Vernunft war nicht viel zu spüren. Die Weihnachtsfeiertage verbrachte ich im Kreise meiner Familie. Meine Frau war über die Versetzung nach Berlin ärgerlich und erklärte mir sehr entschieden, daß sie keinesfalls nach Berlin zu ziehen gedenke. /1 Zeile unleserlich gemacht und ersetzt durch von Seite gegenüber: und sie hat ihren Willen auch durchgesetzt und zog nicht in die Reichshauptstadt um. Zwar hatten weder meine Frau, noch ich das Geringste gegen Berlin und die/ Berliner, im Gegenteil, wir verlebten von 1935 bis 1938 drei volle, glückliche Jahre in den Mauern der Reichshauptstadt, lernten sie lieben und mit ihr, die Berliner. Aber unser beider Animosität gegen große Städte, entsprang sicherlich den(sic) uns innewohnenden Hang zum Landleben, denn darin wuchsen wir beide ja auf; meine Frau, als Tochter eines Bauern, mehr noch als ich; obgleich auch mich tausend Stricke aus die(sic) Steinhaufen der

/138/

AE: 97

Städte zog, wo der Blick nicht frei schweifen konnte, wo er dauernd an hundert mal hundert Ecken anstieß, wo der erdige Taugeruch mit den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne nie hinkam; wo Vogelgezwitscherkonzerte nie stattfanden; wo man durch die Ordonnanz erst erinnert werden mußte, daß in 15 Minuten Sonnenuntergang sei und man sich daraufhin in den Wagen setzte, um 10 Minuten bis zum gewohnten Beobachtungsplatz zu fahren und dann 5 Minuten das Schaupsiel des glutroten Untergangens der Lebensspenderin genießen konnte. Fünf Minuten alleine; Ruhe; stilles Genießen. – Oder wie war es selbst in Wien. Ob Winter, ob Sommer, ob es schön war oder in Strömen vom Himmel herunter kam, ich konnte einfach die Kraft nicht aufbringen, mich hinter dem(sic) Schreibtisch zu setzen, ehvor ich nicht frühmorgens auf dem Kahlenberg gefahren war, um den angehenden Tag zu schauen. Ich weiß, meine Kameraden von damals legten es als eine wunderliche Marotte von mir aus. Sie gewöhnten sich daran. Als ich noch Feldwebel war und über keinen Wagen verfügen konnte, als ich allmorgentlich um Punkt halb acht, die Straßenbahn der Linie 21, von Berlin-Britz zum Anhalter Bahnhof, eine halbe Stunde

/139/

AE: 98

benützen mußte, da ging ich eben früh genug von Hause fort, um einige Kilometer zu Fuß zu gehen. Nicht um des Fußmarsches wegen, aber es war da an einem Sägewerk eine Fichte gewachsen und diese Fichte inmitten des Häusermeeres, die tat es mir an. In ihr sah ich den Böhmerwald, die Wälder des Mühlviertlerlandes; schweigend, gründunkel, rauschend und raunend. Und indem ich mit dieser Fichte, einem Narren gleich, meine allmorgentliche (sic) Zwiespräche gehalten hatte, ward ich froh und innerlich heiter und frei. Gerne opferte ich ihr die morgendliche Zeit. Drei lange Jahre sprach ich mit ihr; und sie kannte meinen Kummer, sie kannte meine Freude und auch mein Leid; meistens jedoch war es Freude. Auch hier

gewöhnten sich meine Kameraden von damals daran, daß ich erst unterwegs auf die Straßenbahn zustieg, und an diese meine eigenbrödlerische Gewohnheit.

In dem Prozess gegen mich, hier in Jerusalem frug mich einer der Richter anläßlich des Kreuzverhöres, ob ich nach dem Kant´schen Imperativ gelebt habe. Frei konnte ich sagen, jawohl ich habe mich zumindestens bemüht nach der Kant´schen Forderung mein Leben auszurichten, beziehungsweise, nach

/140-142/

AE: 99

ihr zu leben. Ich war zumindestens bemüht, stets so zu handeln, daß die Richtlinien meines Willens, jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung hätten gelten können. /weitere anderthalb Seiten unleserlich gemacht, ersetzt durch Text von Seite gegenüber:

Allerdings hätte ich ab einem bestimmten Zeitpunkt erkannt, daß ich nach dem mir einsichtsmäßig innewohnenden Sittengesetzt(sic) nicht mehr handeln könne, da ich dazu nicht mehr Herr meiner Handlungsfreiheit war. Ich hätte danach handeln müßen. Dies stimmt. Es ist in der Theorie auch ganz leicht und schön zu sagen. Aber im wirklichen Leben, können Umstände eintreten, die einen daran hindern. Eine unbeschränkte Möglichkeit zum praktischen Handeln, ist dem Befehlsempfänger in Kriegszeiten nur in den selteneren Fällen möglich. Und nur in den selteneren Fällen entsprechen Befehle im Kriege dem Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung; dem mir innewohnenden Sittengesetzt(sic). Und dann unterhalte man sich einmal während des Krieges mit einem vorgesetzten SS General über die Ethik in diesem Zusammenhang. Er tritt dich in den Hintern! Aber nicht nur in der SS alleine. So sieht die Praxis aus. Als weltfremder Narr wirst du verschrieben und entsprechend der Kriegsgerichtsordnung behandelt, weil der Gegner ja auch nicht psalmodierend und hosianasingend einherschreitet. Man wird im besten Falle auf Fahneneid und Volksnotstand hinweisen und zur Ordnung gerufen. Von einem praktischen Handeln also, kann da mangels Befehlsbefugnis seitens des Befehlsempfängers keine Rede mehr sein; was anderes ist seine innere Einstellung zu dem Geschehen, daß(sic) er als der Kant´schen Forderung zuwiderlaufend erkennt. Aber solches ist ohne Resultat nach außen hin./

/143-144/

AE: 100-101

/ganze Seite 143 und die ersten sechseinhalb Zeilen auf Seite 144 unleserlich gemacht/

-(13)-

Während meiner 1 ½ jährigen Abwesenheit von Berlin, also vom Frühjahr 1938 bis zum Spätherbst 1939, hatte sich das organisatorische Gefüge der

Sicherheitspolizei und des SD, wesentlich verändert. Die beiden Hauptämter Sicherheitspolizei und SD, wurden zu einer Zentrale vereinigt, /gestrichen, aber noch lesbar: Fortsetzung befindet sich in Arbeit Adolf Eichmann 12-8-61/

/145/

AE: 101

/noch einmal die Zeilen der vorigen Seite, gestrichen/ Das Reichssicherheitshauptamt bestand nunmehr aus sieben Ämtern; und zwar die Ämter: „Personal“, „Verwaltung“; „Lebensgebietsmäßige Gegnerbeobachtung“; Weltanschauliche und Lebensgebietsmäßige Gegnerbekämpfung“ oder kurz Geheimes Staatspolizeiamt genannt; „Verbrecherbekämpfung“, oder Reichskriminalpolizeiamt; „Spionage und Gegenspionage - Ausland“, oder Abwehr genannt und „Wissenschaftliche Gegnererforschung“. Hauptamtchef war Heydrich; mein unmittelbarer Vorgesetzte(sic) der Leiter des Geheimen Staatspolizeiamtes, oder Amt IV, SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Polizei Müller. Die nachgeordneten Instanzen des Reichssicherheitshauptamtes waren im Reichsgebiet, die Inspekteure der Sicherheitspolizei u. des SD, sowie die Staatspolizeistellen und die SD-Abschnitte; in den besetzten Gebieten, die Befehlshaber der Sicherheitspolizei u. des SD und die Kommandeure der Sipo u. des SD. [24] Zwei Aufgabengebiete hatte ich also zu bearbeiten, die Auswanderung und die Koordinierungsangelegenheiten im Hinblick auf die Transporte der befohlenen Räumung der neuen deutschen Ostprovinzen. Eine Tätigkeit, mit der ich praktisch am 2. Januar 1940 in Funktion trat.

/146-147/

AE: 102

Für mich persönlich begann nun sehr gegen meinen Willen eine Zeit der Familientrennung, die erst im Jahre 1952, in Argentinien ihre Beendigung fand. Natürlich war ich bis 1945 oft und oft über das Wochenende mit meiner Familie beisammen, aber was will dies alles besagen. Am Sylvestertag 1939 fuhr ich von Wien ab, nahm Begrüßungsaufenthalt bei meinen Eltern in Linz, dasselbe bei meiner Schwiegermutter auf ihrem Hof in Südböhmen und gedachte in gestreckter Fahrt mit meinem 3,4 Merzedes-Benz durchzupreschen bis zur Autobahn bei Dresden, und dann war es nur noch ein Katzensprung von etwa 140 Kilometer, bis Berlin. Aber aus irgendeinem Grunde, der mir heute nicht mehr sicher /versehentlich gestrichen: in/ Erinnerung ist, /Zusatz von Seite gegenüber: ich glaube, die Schneeketten hatten Schuld,/ kam ich nur bis zu einem Ort so etwa am Kamm der Berge hinter Aussig. Ich habe keine Karte hier, es dürfte zum Erzgebirge gehören, wenn ich mich nicht täusche. Dicker Winter; und Ärger im Bauch. Da hätte ich ja ebensogut noch den Sylvesterabend mit meiner Frau und meinem Kind gemeinsam feiern können, zumal ja jetzt die Stunden des Beisammenseins doch nur noch sehr gezählte sein würden. Hoffentlich geht der verdammte Krieg bald aus, dachte ich in meinem Sinne und verfluchte den Befehl, der mich nun an Berlin band. Ein anständiges Gasthaus gesucht, Wagen versorgt und dann nichts wie hinein mit dem „Türkenblut“ um den Ärger hinunter zu spülen. „Türkenblut“ war meine beliebte Spezialität, so ab und an. Halb Sekt, halb Rotwein; das Zeug

/148/

AE: 103

verkroch sich gut und gerne hinter die Binde. Die sylvesterliche Stunde schuf einigen Betrieb in diesem Wirtshaus. Wintersportler, Einheimische und ein SS- Hauptmann. Zu essen gab es in jener Zeit noch alles, wonach man begehrte, und die Küche es bieten konnte. Ich philosophierte dösend für mich alleine, die Nase tief in´s Glas steckend dahin; den gelinden Jahreswendenrummel ließ ich ohne große Teilnahme meinerseits, nicht mehr als eben noch empfindend, an mir abprallen. Die nötige Bettschwere lupfte mich dann in die Federn. – Es gibt kaum schöneres an Winterbildern als frostiger Rauhreifmorgen in den Bergen. Strauch und Baum, Häus´chen und Dörfer, verzuckert. Und die schrägen

Morgensonnenstrahlen lassen die Myriaden der Eisbrillanten vom schwarzviolett über blaustes Blau und Rot wie nie gesehen, bis zum hellsten Gelb dir entgegenleuchten und da hast du den Wunsch nur zu schauen und nimmer satt zu werden. Und die unendliche Reinheit der Natur sagt dir mit jedem leuchtenden Krisall(sic), wie schlecht sein Schöpfungsprodukt, der Mensch, in Wahrheit in seinem Handeln doch geworden ist. Nicht daß ich Spezielles am Menschenwerk damit meine; nicht daß ich selbst mich im besonderen damit bezeichnen will; nicht besser noch schlechter war auch ich, und bin ich, als die große Masse des Durchschnitts. Aber wenn ich das allgemeine Tun und Wollen der Menschen, – mich eingeschlossen, -

/149/

AE: 104

bedenke, und sehe die unberührte Reinheit der Natur, dann überkommt mich oft ein heißes und sehnendes Verlangen, nach den Leben, die mir in unendlicher Manigfaltigkeit noch bevorstehen. Die tausend mal tausend Tode, die wir organische Seinsformen, zu durchlaufen haben, sie sind nicht schlimmer, als die tausend mal tausend Geburten, die jeden von uns noch harrend erwarten. /etwa 3, teilweise überschriebene, Zeilen unleserlich gemacht/ - Mein Glaube an die Götter, kam in jener Zeit in arge Bedrängnis. Die von ihnen befohlenen Flammen des 10. November 1938 ließen mich stutzen. Aber ich hatte mit der exekutiven Tätigkeit ja nichts zu tun gehabt. Jetzt aber war ich mitten drin. Ab dem 21. Dezember 1939. Wenn dem Menschen nachhaltig etwas gegen seinen Strich geht, dann wird er krötig. Und das plötzliche Herausreißen aus dem Kreise der Meinen, ging gegen mein Wollen. Freilich Hunderttausenden ging es in jener Zeit ebenso. Denn Krieg war im Lande. Und niemand wurde gefragt ob es ihm passt oder nicht. Auch ich hatte nur zu gehorchen, aber die Dienstleistung im Geheimen Staatspolizeiamt war mir lästig genug. Wie hatten wir im Sicherheitsdienst bisher überheblich auf die Angehörigen der Sicherheitspolizei gesehen, wir dünkten uns besser als jene. Und jetzt war ich einer derselben. Freilich, auch die Hunderttausende

/150-151/

AE: 105

und später die Millionen wurden nicht lange gefragt, wo und bei wem sie zu dienen wünschten. Sie wurden befohlen und hatten ihren Dienst gehorchend zu schieben. Einer(sic) der ersten dienstlichen Fragen Müllers, war die Angelegenheit meiner Übernahme in das Beamtenverhältnis. /zweieinhalb Zeilen unleserlich gemacht, ersetzt durch Text von Seite gegenüber:

Nun, ich hatte nichts gegen Beamte oder gegen das Beamtentum im allgemeinen. Aber wie soll ich das einmal ausdrücken, ohne irgend jemanden „auf den Schlips zu treten“. Man muß wissen, daß mein Vorgesetzter ein sogenannter „Nur- Beamter“ war. Reichskriminalpolizeidirektor. Da kann man nicht gut sagen, wissen Sie, ich habe kein Interesse an einer Übernahme in den Beamtenstand, weil ich mir dann vorkäme, als würde ich in eine verstaubte Mottenkiste gesetzt werden und Ellbogenschoner würden hinfort meine begerenswertesten(sic) Weihnachtsgeschenke sein. Und dieser Zustnad würde dauern, bis ich mein fünfundsechzigstes Lebensjahr erreicht hätte und damit reif für die endliche Pensionierung geworden wäre. Auf ein solches „Lebenslänglich“ möchte ich nicht gerne eingehen. – Man sollte einen Tiger nicht reizen, denn die Vorsicht ist eine Tugend. Und ich hatte es an dieser Tugend ohnedies, weiß Gott, oft genug fehlen lassen. Daher sagte ich, daß ich von mir aus mein diesntliches Verhältnis zur Truppe nicht aufgeben möchte; zumal nicht jetzt, während der Kriegszeit. Dies klang auf alle Fälle gut und gab mir die Hoffnung, aus der schreibtischgebundenen Behördenluft inees Tages bei gutem Wind und Glück

wieder verschwinden zu können. Mir ging die Versetzung nach Berlin, sehr gegen meinen Strich./ Und im Verdruß mit mir selbst verbrachte ich meine Tage. Es gelang damals zu meiner Freude nicht, mich aus meinem militanten Verhältnis zu lösen und in den Beamtenstand zu überführen. Die Gründe lagen wohl darin,d aß ich von der Personalabteilung des Sicherheitsdienstes nicht freigegeben wurde. So ist es auch unter anderem mit zu verstehen, daß ich von meinem Ausführungsrecht, /fast zwei Zeilen unleserlich gemacht/ als Referent an einer Behörde keinen Gebrauch machte, sondern mir meine Weisungen stets einholte; ein Recht, daß(sic) mir zustand und daß ich hinfort für mich in Anspruch nahm. Daher konnte ich mich nie irren, so trug ich auch keine Verantwortung, und so erregte ich auch nicht den Neid jener schon lange dienenden Beamten, die längst schon gerne Referenten geworden wären. –

Nun, die Auswanderung ging den normalen Weg: Zahlenmäßig wurde sie infolge der Kriegsläufte zwar immer geringer.

/152-153/

AE: 106

Dessen ungeachtet nützte ich jede Möglichkeit, um sie im Rahmen der bestehenden Verordnungen und Erlaße zu fördern. Die Deportationsangelegenheiten waren ein einziges großes Chaos geworden, durch das niemand mehr durchschaute. Nur Beschwerden kamen; von allen Ecken und Enden. /Zusatz von Seite gegenüber: Mit einem Wort, ich traf die miserabelsten Zustände an. Jeder hatte so seinen Privatdeportationsplan, nachdem er glaubte, für seinen Gaubereich im Sinne des „Führerbefehls“ als erster die Vollzugmeldung machen zu müßen. Die Provinzspitzen der neuen deutschen Ostgebiete kümmerten sich den Teufel darum, ob solches Vorgehen zu Stockungen und Schwierigkeiten im Generalgouvernement führen mußte und daß die deutsche Reichsbahn bei diesem Durcheinander ihren Fahrplan längst schon nicht mehr einhalten konnte. Und am meisten hatten darunter und mit Recht, diejenigen zu klagen die da gemäß der Befehle von höchster Stelle deportiert wurden./ Meine Aufgabe war es also, jetzt erst einmal durch Koordinierung der Transporte, diese aufgetretenen Mißstände abzustellen. /am Rand Ziffer 25/ Sie wurden auch sehr bald abgestellt, soweit das überhaupt nur möglich war. Die Durchführung der Transporte, waren nicht der Durchführung der Deportation gleichzusetzen. Hierfür waren gemäß den Himmler- und Heydrich´schen Befehlen, andere Dienststellen beauftragt. Auch die Planung oblag nicht meinem Referat; ebensowenig die Leitung der Deportation, sowie die Auswahl der zu deportierenden Personen, ihre Konzentrierung und ihre Behandlung. Die Tatsache, daß ich mit der Koordination der Deportationstransporte betraut wurde, beweist keine besondere Machtvollkommenheit, die mir übertragen wurde, sondern belegt, daß ich auf ausdrücklichen höheren Befehl Heydrichs tätig, und dem Amtchef IV des Reichssicherheitshauptamtes, unterstellt wurde. /am Rand Ziffer 26/

Wenn jemand etwas koordinieren soll, dann muß er in der Regel zuerst einmal alle an den Handlungen Beteiligten, „unter einen Hut bringen“ um ihnen eine arbeitsmäß9ige Ausrichtung zu geben. Dies tat

/154/

AE: 107

auch ich. Zum 8. Januar 1940 wurden alle an den Transporten beteiligten Dienststellenvertreter zu einer Besprechung nach Berlin befohlen. An der grundsätzlichen, Bestehenden Befehlsgebung durfte nichts geändert werden. Aber

keine Dienststelle konnte durch die neuen Anweisungen, die ich jetzt in transportmäßiger Hinsicht zu erlassen hatte, künftig ohne vorherige Genehmigung durch mein Referat, Züge in Gang setzen. Natürlich, Berlin war weit und wenn ich sage, es konnte niemand mehr ohne Erlaubnis einen Transport durchführen, dann war dies zwar auch die Regel, die eben da und dort trotz allem immer mal wieder durch eine Ausnahme bestätigt wurde. Denn die örtlichen Gauleiter und Reichsstatthalter oder die Oberpräsidenten der Provinzen, unterstanden nicht den Befehlen des Reichssicherheitshauptamtes. Im Gegenteil, diese Stellen waren erlaßmäßig sogar berechtigt, den in ihrem Hoheits- oder Befehlsbereich tätigen Staatspolizeistellen oder anderen Dienststellen der Sicherheitspolizei und des SD Weisungen zu erteilen, denen diese nachzukommen hatten. Oft und oft war diese merkwürdige Regelung eine quelle des Ärgers und der Grund zahlreicher Unzukömmlichkeiten. Aber es lag mit im Funktionellen des doppelt- und dreifachen Kontrollsystemes. Aus all diesen Überlegungen heraus befahl Heydrich zu einer Zentralkonferenz zum 30. 1. 1940, zu der diesmal die örtlichen Dienststellenleiter

/155/

AE: 108

und Einheitschefs geladen wurden. Er umriß ihnen das gewaltigste Völkerwanderungsprogramm der Neuzeit, und übermittelte die Befehle Himmlers, welche dieser in seiner Eigenschaft als Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums gab. Wiederholte die bisher schon befohlenen Zahlen und Personengruppen, ergänzte diese durch 30.000 Zigeuner und befahl erstamls die Deportierung von etwa 1000 Juden aus dem Altreichsgebiet; aus Stettin, nach dem Generalgouvernement. Genau 14 Tage gab er Zeit; zu diesem Termin mußte diese Deportation beendet sein. Der Grund hierfür war, daß die örtlichen Stellen, von denne ich vorhin sprach, idese Deportation durchgeführt wissen wollten, denn dadurch gedachten sie das lokale Wohnungsnotübel zu lösen und hatten daher im Einvernehmen mit Himmler diese Deportation besprochen. Die Leitung all dieser Unternehmungen, lag bei Stellen, welche meinem Referat übergeordnet waren. Ich hatte lediglich mit dem Reichverkehrsministerium die Fahrplanerstellung und was damit zusammenhängt zu bearbeiten, nachdem mir sowohl von den Deportierungsbehörden als auch von den Aufnahmeämtern des Generalgouvernements die hierfür notwendigen Unterlagen eingesandt wurden. Es ist dies zwar nur ein einziger Satz; aber welche Fülle von Schwierigkeiten, Arbeit und Überredungskünste, Vertröstungen und Mahnungen zur Geduld, Appellationen an die Vernunft und auch scharfes Durchgreifen zur Übelabstellung diese Tätigkeit verlangte, dies alles

/156-157/

AE: 109

zeigt dieser eine Satz nicht an. Ein jeder der örtlichen Verantwortlichen wollte als

erster seine Deportationsarbeiten beendet wissen; ohne jede Rücksichtnahme. /am Rand Ziffer 27/ Er war ein strenger Winter; trotzdem mußten die Deportationen durchgeführt werden. Keiner der Befehlsgeber ließ etwa verlauten, diese Vorhaben bis zum Anbruch des Frühjahrs aufzuschieben; zu einer ahreszeit etwa, welche alleine schon durch die besseren klimatischen Verhältnisse einen großen Teil vieler Schwierigkeiten in Fortfall gebracht hätte. Es ist heute leicht reden, „der Eichmann hat die Deportationen durchgeführt. Er ist der Verantwortliche.“ /Zusatz von Seite gegenüber: Im Nachhinein ist es immer leicht das Maul aufzureißen und einfach mit Behauptungen irgendwo hinein zu poltern. Dies war schon zu allen Zeiten in der Geschichte so gewesen. Und hätten wir gesiegt, dann hätten eben jene, die heute von einer federführenden Zuständigkeit nichts mehr wissen wollen, noch vernehmlicher ihre Verdienste um die

„Führerbefehldurchführung“ in alle Welt hinausposaunt, als sie dies damals schon taten. So aber mußte eine neue „Masche“ gefunden werden. Und die hieß:

„Eichmann“; 1 ½ Jahrzehnte lang. Man sehe sich das Ergebnis, in der Literatur, kurz in der gesamten Publizistik bis zum Beginn des Kreuzverhöres, dem ich unterzogen wurde an. Da erst konnte ich zum ersten Male, den verlogenen Herrschaften in ihre Hinterteile „treten“, so wie sie es auch verdienten“. Aber es wäre ein Wunder, wenn meine gerechte Abwehr schon Erfolge zeitigen würde. Trotzdem: es ist mir ein Trost aus tiefstem Grunde, denn „den letzten beißen immer die Hunde“./ Ich kann diesen Nichtwissern nur empfehlen, sie mögen es einmal versuchen, mit dem Dienstgrad und als Hauptmann, einem Dutzend Generalen und einem weiteren Dutzend Provinzhoheitsträgern und hohen Beamten, entgegenzustellen. Da würden sie ihre Wunder erleben. Noch dazu in einer Zeit, wo jene sich an das Blitzkriegstempo gewöhnten. Noch dazu in meiner Stellung als Referent, bar jeder Sondervollmacht; eben nur als Referent, wie der Name es alleine schon besagt. Und dies alles, bei einer bewußten Dezentralisierung der Grundbefehle durch Himmler. Wäre ich damals Himmlers Referent gewesen, dann freilich hätte ich ein anderes Durchschlagsvermögen an den Tag legen können. So war ich ja nicht einmal der alleine schaltende Referent eines

/158-159/

AE: 110

der etwa 12-14 Himmler´schen Hauptamtchefs, sondern nur der eines Amtchefs, welcher seinerseits wieder dem Hauptamtchef unterstellt war. Die Dokumente zeigen dies in aller Klarheit auf. Aber selbst schon die damaligen Geschäftsverteilungspläne zeigen die Richtigkeit meiner Darstellung in aller Deutlichkeit. /9 Zeiten gestrichen, noch lesbar: Natürlich nach 1945, wollten gerade die örtlichen Stellen und die Zentralinstnzen welche seinerzeit so verbissen die Zuständigkeiten versuchten und diese auf hundersten Besprechungen wie die Löwen verteidigten, von solche Dingen nichts mehr wissen. Heute schreiben wir 1961; und es ist mir nur ein Trost aus tiefstem Grunde: den Letzten beißen immer die Hunde./ /ersetzt durch Text von Seite gegenüber: Über den Umfang der Dezentralisation der exekutiven Tätigkeit gibt ein Fernschreiben, daß(sic) ich am 30. März 1940 an den Inspekteur der Sicherheitspolizei und das SD nach Posen richten mußte, beredtes Zeugnis. „Betrifft: Technisches Vorgehen bei der Aussiedlung der Wolhyniendeutschen. Verschiebung von etwa 120.000 Polen. Vorgang;: Ohne. Ich bitte in einem Bericht das technische Vorgehen und die vorgesehene Abwicklung der Ansiedlung der Wolhyniendeutschen im Warthegau, in allen Einzelheiten mitzuteilen.“

Die Voraussetzung dieser Aussiedlung war die von Himmler befohlene Aussiedlung der Polen. Ich, der ich den Fahrplan mit dem Reichverkehrsministerium erledigen sollte, kannte nicht einmal ein einzhiges Detail; und dies im März 1940. – Daraufhin entschied dann nach Erhalt eines diesbezüglichen Aktenvermerkes das Reichsverkehrsministerium, daß die Reichsbandirektion Posen, auf 48stündigen Abruf, die notwendigen Zuge zur Verfügung stellt. Am Rand Ziffer 28/

Im März 1940 wurde wieder einmal eine sachliche und personelle Umsolidierung des Reichssicherheitshauptamtes, vorgenommen. Ich hatte ab dieser Zeit das Dezernat innerhalb des Geheimen Staatspolizeiamtes, welches sich mit

Judenangelegenheiten beschäftigte, mit zu übernehmen, das heißt, es wurde meinem Referat mit eingegliedert. Nicht daß ich dadurch für sämtliche Judenangelegenheiten des Reichssicherheitshauptamtes zuständig geworden wäre, sondern eben nur für diejenigen des Amtes IV. Es gab solche

/160/

AE: 111

noch im Amt II, im Amt III und auch im Amt VII, desselben Reichssicherheitshauptamtes. Ja auch die Ämter V und VI beschäftigten sich damit, soferne ihr Aufgabengebiet am Rande damit berührt wurde.

Im Nichtvorhandensein einer jüdischen Eigenstaatlichkeit sah ich das Problem Nummer 1. Nicht bin ich vermessen genug, damit etwa behaupten zu wollen, daß diese meine „geniale“ Erkenntnis etwa plötzlich des Übels Wurzel entdeckt, und ich damit den Stein der Weisen in´s Rollen gebracht hätte. Nein, solches ist akkut(?) und bekannt bereits seit dem achten Jahr zehnt unserer Zeitrechnung und zog sich durch alle zwanzig Jahrhunderte hindurch. Aber in tausend und mehr Verhandlungen mit den jüdischen Funktionären hörte ich stets wiederkehrend den Jammer nach eigenem Land. Ob man mir´s glaubte oder nicht, soll mich nicht stören und ist mir egal, aber ich war froh und tatenlustig, als ich von meinen Vorgesetzten, nach dem polnischen Feldzug, die Zustimmung bemerken konnte, gemäß meinem Vorschlag den Juden einen der vier künftigen Distrikte in denen dann das Generalgouvernement unterteilt war, zum jüdischen Siedlungsgebiet freizugeben. Mir schwebte ein Protektoratsstatus ähnlich dem der Slowakei war; nicht dem von Böhmen und Mähren.

/161/

AE: 112

Es war mir klar, so etwas geht nicht von heute auf morgen, solches muß werden und braucht seine Zeit. Außerdem war zerschlagen jedes friedensmäßige organisatorische Leben in polnischen Landen; dazu kam das Durcheinander der Himmler´schen Völkerwanderung vom Osten nach Westen und von West nach Ost; chaosmehrend durch den Ehrgeiz örtlicher Machthaber. Mein damaliger Vorgesetzter, der Befehlshaber der Sicherheitspolizei und das SD in Prag, war von Heydrich mit der Durchführung des von mir mit jüdisch- politischen Funktionären wie Dr. Löwenherz, Stonfer(?) und Edelstein geborenen Planes beauftragt worden. Niskr am San, war das vorläufige Sprungbrett. Pionieren gleichend sollten vorläufig die ersten zweitausend von hier aus, nach vorgefaßtem Plane, Aufnahmemöglichkeiten für Nachkommende schaffen. Und als die ersten Züge ausgeladen waren, Menschen und Material, Handwerker und Ärzte, Baustäbe und Verwaltungsleute, da haute der inzwischen zum Generalgouverneur bestellte „Polenfrank“, in das Kontor und machte mit einem Befehl alles wieder zunichte. Er war mit seiner Gegenvorstellung zu Hitler gelaufen und dieser schloß sich ihm nunmehr an. Damit war diese Hoffnung entschwunden, denn

/162-163/

AE: 113

Frank´s politisches Ziel war die Entjudung seines Befehlsbereiches. Der damalige

Befehlshaber der Sicherheitspolizei und das SD in Krakau, mit dem Zuständigkeitsbereich Generalgouvernement teilte mir mit, Frank habe Befehl gegeben, mich bei Betreten des Generalgouvernements festzunehmen. Abgesehen von der Unsinnigkeit einer solchen Weisung, denn kein örtlicher Befehlshaber der Sicherheitspolizei konnte einen Referenten des Reichssicherheitshauptamtes festnahmen, es sei denn er hätte dazu den Befehl von Müller, dem Chef des Amtes IV, von Heydrich dem Chef der Sicherheitspolizei u. d. SD, wie Himmler dem Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei /Zusatz von Seite gegenüber:

vom zuständigen Militärbefehlshaber/ oder von Hitler dem Staatschef und Reichskanzler; trotzdem: Frank war der „alleinige Diktator“ in seinem Generalgouvernement.

Kaum war in Compiegne die Unterschriftstinte des Waffenstillstandsvertrages zwischen Deutschland und Frankreich trocken geworden, gebar ich nach dem Fiakso von Nisko am San, die Ausgrabung des alten „Madagaskarprojektes“. Eine Möglichkeitsverwirklichung war nunmehr gegeben. Jedenfalls arbeitete ich den Plan einmal aus. Heydrichs Ehrgeiz kam mir hierbei zu statten. Möglich, daß er sich schon, als Gouverneur dieser Insel sah. Nebenbei, versteht sich; unter Beibehaltung seiner bisherigen, mächtigen Stellung.

/164-165/

AE: 114

Ich selbst konnte ja Himmler oder Hitler dieses Projekt nicht zum Vortrage bringen. /etwas mehr als 1 Zeile unleserlich gemacht/ Und Heydrich´s Verlangen, seine Finger in außenpolitische Dinge zu stecken, war allseits bekannt. Auch hier schwebte mir vor ein Protektorat. Der Anfangsstatus war mir ziemlich belanglos! Ich hatte diesbezüglich auch keinerlei Einfluß. Die Zeit nur konnte Rat und Endgültiges schaffen. Und nun aber, da Hitler seine Genehmigung zu Madagaskar erteilte, da fing das Rennen der anderen Stellen des Reiches an. Jeder beanspruchte ressortbedingte Federführung und Primat, an der Bearbeitung dieses für ihn neuartigen Falles. Und eh ich mich richtig versah, hatte ich es mit zwanzig und mehr Referenten zu tun. Und ein jeder hatte sein „wenn“ und sein „aber“, so wie seine Vorgesetzten es ihm befahlen. Es kam eine Gemeinschaftsarbeit zustande, die nicht im Sinne der Anfangsvorstellung lag. Aber wie gesagt, die Zeit würde Rat und den entdültigen Status erst schaffen. Mein diesbezüglicher Kummer war nicht sehr groß, denn ich persönlich gedachte die Dinge der Insel an Ort und Stelle zu steuern. Dazu hatte ich mir bereits die Genehmigung meiner Vorgesetzten erwirkt. Es wäre bestimmt kein Konzentrationslager geworden. Und sieben Millionen Rinder auf dieser Insel, waren ein beruhigender Schatz /Zusatz von Seite gegenüber: mit einer der landwirtschaftlichen Ausgangsbasen/, mit dem alleine man schon viel anfangen konnte. Bis hoch in das Jahr 1941 arbeitete ich an der Realisierung.

/166-167/

AE: 115

Aber der weitere Verlauf des Krieges und die politische Radikalisierung machten den Plan durch Hitlers Gebot, dann ein Ende. /am Rand Ziffer 29; weitere anderthalb Zeilen unleserlich gemacht, ersetzt durch Text von Seite gegenüber: mich packt noch heute, wie damals, ein unbändiger Zorn, wenn ich an die verdammte Kopflosigkeit, Starrköpfigkeit und torheit unserer eigen(sic) Machthaber von ehemals denke. Aber nicht nur diese alleine waren es. Natürlich sind meine Projekte von damals für die Ohren aller Polen und Franzosen nicht wholklingend. Aber man stelle sich einmal einen dampfkessel vor, der durch unsinnige Hezmethoden über den zulässigen Atmosphärendruck weiter geheizt wird. Es wird immer weitergeschürt; der Kessel wird zerreißen, wenn ich keiner um das Ventil kümmert. Mit dem Heizen hatte ich nichts zu tun. Auch der Dampfkessel unterstand nicht meiner Kontrolle. Jedes Ministerium hatte hier seine eigenen „Kesselinspektoren“ und keiner, der da gesagt hätte, daß es so nciht weiter gehen könne. Ich hatte dazu keine Möglichkeit, denn ich gehörte nicht zu dem Gremiuzm der „Inspektoren“. Ich versuchte mich mit dem Ventil zu beschäftigen, um eine Ausreichmöglichkeit zu finden. Ob sie gut oder schlecht war, darüber hatte ich keine Möglichkeit zu befinden. Mir kam es darauf an, eine Explosion zu verhindern. Mochten sich dann später Berufenere als ich, mit einer endgültigen Normalisierung befassen. Ein

Provisorium, dies war das Maximum dessen, was ich vorschlagen und ersinnen konnte. Und außer den wenigen damaligen jüdischen Funktionären hatte ich nicht einen, der heutigen Schreier und Wortverdreher, die mir dabei halfen. Aber was sage ich: „halfen“; Schwierigkeiten und Ungelegenheiten hatte man mir bereitet. Jawohl, ich scheue mich nicht das Kind beim Namen zu nennen; denn die war die -

Tatsache!/

-

-

-

-

- - -

Schon gleich zu Beginn des Jahres 1941 berief die Abteilung Ie des Reichsministerium des Innern, zu einer wichtigen Besprechung. Sämtliche daran interessierten Instanzen des Reiches wurden dazu geladen. Im Wesentlichen handelte es sich um die Eingliederung neu zum Reich gekommener Personenstände, in die Reichsbürgergesetzordnung. Einen ersten diesbezüglichen Vorschlag des Ministerium des Inneren, hatte Hitler verworfen. Einen neuen, schärferen, hatte diese Abteilung nunmehr entworfen. Dieser Verordnungsentwurf trat dann am 25. Okrober, als 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz, in Kraft. Er verkündete die Ausbürgerung sämtlicher Juden bei Überschreitung der Reichsgrenze, und Einziehung ihres Vermögens, zugunsten des Reiches. /am Rand Ziffer 30/ Noch im gleichen Jahre erfolgte ein weiterer einschneidender Schritt; nämlich die Kennzeichnung der Juden. Ein Stern aus gelbem Stoff; sichtbar zu tragen. Frank, der Staatssekretär für das Sicherheitswesen in Böhmen und Mähren machte den Antrag, die Reichskanzlei und das Innenministerium wurden bemüht und Goebbels als Reichs-

/168/

AE: 116

minister für Volksaufklärung und Propaganda erwirkte bei Hitler den Auftrag für

die Kennzeichnung der Juden, im Reichsgebiet und in Böhmen und Mähren. Am 15. September 1941 trat diese Verordnung in Kraft. Zwei Jahre vorher, am 23. November, hatte Frank sie für das Generalgouvernement schon befohlen. /am Rand Ziffer 31/

-(14)-

Am 21. August 1939 fuhr Ribbentrop nach Moskau um auf Hitlers Befehl, den Nichtangriffspakt mit der Sowjetunion zu unterschreiben. Aber am 22. Juni 1941 setzten sich deutsche Divisionen aus ihren Bereitstellungsdämmen(?) heraus, zum Angriff gegen die Sowjets in Bewegung. Genau daß(sic), was Hitler in seinem Buch, der politischen Führung des Reiches während des ersten Weltkrieges vorwarf, als Fehler; genau dies, tat er nun selbst. Und damit vernichtete er sich und sein Reich. Auch Bismarck´sche Lehren waren für ihn diesbezüglich ohne Belang. Ich weiß es noch heute, wie ich damals mit Kameraden den Pakt mit Rußland feierte; mit Bier und mit Wein, so war es der Brauch. Und ich weiß noch heute die Gefühle, die mich beherrschten, als ich von den Vorbereitungen hörte, zum Krieg gegen die Sowjets. Es gab auch in der SS zwei nach außen nie in Erscheinung getretene gefühlsmäßige Richtungen. Eine politisch links empfindende und eine extrem rechts tendierende Ein-

/169-170/

AE: 117

stellung. Meine gefühlsmäßigen politischen Empfindungen, lagen links /Zusatz von Seite gegenüber: das Sozialistische mindestens ebenso betonend wie das Nationalistische/. Und unsere Meinung damals war, daß er Nationalsozialismus und der Kommunismus der sozialistischen Sowjetrepubliken eine Art „Geschwisterkinder“ seien. Und es mag auch sein, daß diese Einstellung besonders dem österreichischen SS-Angehörigen lag. Denn seine damaligen

Feinde waren nicht Sozialdemokratie und Kommunismus; dies wurden durch die österreichische Aristokratie genau so bekämpft wie auch er; diese hatte um jene Zeit die Führungsstellen in den „Heimwehren“ inne und ihre Kampfangsage galt den Natioanlsozialisten, Sozaildemokraten und Kommunisten, gleichermaßen. Ja, es gab Zeiten, wo sich die Anhänger dieser zwei Richtugnen durch Burgfrieden und gegenseitige Hilfe und Unterstützung im Kampf gegen ihren Hauptwidersacher, einig waren. Keinesfalls aber sich gegenseitig verrieten und schlechtestenfalls „Gewehr bei Fuß“ standen, wie man zu sagen pflegte. Mag sein, daß diese Einstellung der Linkstendenz seinen Anfang in jener Zeit nahm, wie dem immer auch sei, sie war jedenfalls vorhanden. Und der 22. Juni 1941 sah uns mißmutig und unzufrieden. Aber wir gehorchten, wie der Eid es befahl.

/171/

AE: 118

/erster Abschnitt gestrichen, noch lesbar: Die ??? bei Minsk und Bialystok waren längst geschlagen. Die Beuteaufräumekommandos hatten ihre Tätigkeiten bereits gründlich beendet. Und nur noch etliche Dutzend halbausgeschlachteten Panzer standen in den Feldern der ausgeklungenen Schlacht./

Im Herbst des Jahres 1941 teilte mir mein vorgesetzter Amtchef mit, daß ich mich gemäß Befehl Heydrichs, bei ihm zu melden hätte. Wurde man zu Heydrich befohlen, dann war eins gegen tausend zu wetten, daß vorerst stundenlanges Warten im Vorzimmer einem bevorstand. Der verschobene Stundenplan des Terminkalenders gehörte zu den Tagtäglichkeiten des Vielbeschäftigten. Ähnlich erging es mir auch mit den häufigen Vorsprachen bei meinem amtchef, wenngleich die Wartezeit hier auch nicht annähernd so lang war, als die, beim Chef der Sicherheitspolizei selbst. Es war klar, Ranghöhere rangierten immer zuerst, wie spät sie auch kommen mochten, und sie lange der dienststellenmäßig Geringere, schon wartete. Genau so war es, wenn Besucher aus der Ferne plötzlich aufkreuzten. Nun, dies war alles verständlich. Und nach dem Motto: „Die Hälfte seines Lebens, wartet der Soldat vergebens“, ergab man sich mit Gleichmut in sein Warteschicksal. Da mein Verhältnis zu den Adjutanten ein kameradschaftlich-freundliches war, half stets ein Gläs´chen Wein oder Armagnac über die

/172/

AE: 119

Langeweile des Wartezimmer hinweg und Haustratsch mit dem Adjutanten verkürzte die Zeit. Aber alles hat einmal ein Ende. Ich meldete mich gehorsamst, wie befohlen, zur Stelle. „Der Führer hat die physische Vernichtung der Juden befohlen. Globocnigg(?) hat vom Reichsführer seine diesbezüglichen Weisungen erhalten. Er soll demnach dazu die Panzergräben benützen. Ich möchte wissen, was er macht und wie weit er gekommen ist. Fahren Sie zu ihm und berichten Sie mir über daß(sic), was Sie gesehen und gehört haben.“ Damit war ich entlassen. Ich muß´te mir erst einmal den Begriff „physische Vernichtung“ ordentlich durch den Kopf gehen lassen, um die ganze Bedeutung ermessen zu können. /1 Zeile unleserlich gemacht/ Etwas Unbekanntes, Neues, Ungewohntes. Bisher Nichtgehörtes, mußte ich verdauen. Ein Blitz aus dem eben noch fröhlichen Geplauder mit dem Adjutanten. Obwohl Heydrich ruhig sprach; nicht das üblich Nervös-Laute, daß(sic) ihn sonst auszeichnete. Donnerwetter sagte ich nur, dies ist allerhand. Und mit diesen Gedanken stieg ich ein Stockwerk höher, um mich bei Müller zu melden. Ich teilte ihm den erhaltenen Befehl mit, aber er schien ihn schon zu kennen, denn seine Bemührungen galten dem Unterschreiben

/173/

AE: 120

des Marschbefehles, den sein Adjutant für mich schon ausgestellt hatte. Ich fuhr los. Üble Vorstellungen über daß(sic), was ich zu sehen bekommen würde, im Kopfe. Der einzige Trost war meine Feldflasche, die ich mir mit einem Liter Rotwein gefüllt hatte. Sie war mit braunem Filz überzogen, wie eben Feldflaschen überzogen zu sein pflegen und nur am Gewicht und am Schwinden meiner Vermutungsschilder(?), merkte ich, daß ich sie mir irgendwo in einem der Flecken die ich mit meinem Fahrer druchfuhr, wieder auffüllen lassen müßte. So kam ich nach Lublin. Am nächsten Tage fuhr ich mit einem Adjutanten Globocniggs zu der Stelle, über die ich berichten sollte. Globocnigg war um jene Zeit SS Brigadeführer und Generalmajor der Polizei. Seine Dienststellung war die eines SS- u. Polizeiführers des Distriktes Lublin im Generalgouvernement. Er unterstand dem Höheren SS- u. Polizeiführer im Generalgouvernement und Staatssekretär für das Sicherheitswesen, in der Regierung des Generalgouverneuer in Krakau, SS Gruppenführer und General der Polizei, Krüger. Er und damit seine vier SS- u. Polizeiführer, waren Himmler unmittelbar untergeordnet. So viel also zum Personellen. Nach etwa zwei Stunden Fahrt, es mögen auch nur anderthalb Stunden gewesen sein, kamen wir zu einer Waldlichtung, an der zur rechten Straßenseite ein Bauernhäus´chen stand.

/174/

AE: 121

Dort hielt der Wagen. /gestrichen: Eichmann

Wir wurden von einem Ordnungspolizisten mit aufgekrempelten Hemdärmeln, offenbar bei der Arbeit selbst mit Hand anlegend, empfangen. Die Art seiner Stiefel und der Schnitt seiner Reithose, deutete auf einen Offizier. Bei der Vorstellung wußte ich, daß ich es mit einem Hauptmann der Ordnungspolizei zu tun hatte. Der Name ist mir in den Nachkriegsjahren lange Zeit entfallen gewesen. Erst durch die Literatur, erinnnerte ich mich wieder. Sein Name war Wirth. Meine Vorstellungsbilder, waren traumhaftschrecklich gewesen und die Wirkung machte sich in innerer und sicher auch äußerer Beklemmung bemerkbar. Es ging mir in den letzten Tagen so, wie ich es aus meiner Schulbubenzeit her kannte, wenn ich ein schlechtes Zeugnis nach Hause zu tragen hatte. Je länger der Heimweg war, desto besser. Also ging ich auf langsamg geschaltet, im Zeitlupentempo nach Hause und zwecks Zeitstreckung studierte ich sämtliche Schaufenster der Geschäfte, mit doppelter Gründlichkeit, um den Augenblick der Übergabe meines Zeugnisses, so lange hinauszuzögern, wie eben noch möglich. /Anmerkung der Schreibkraft: denn ein schlechtes Zeugnis wurde mit brutalen Schlägen und Demütigungen geahndet/ Zwar konnt ich jetzt meine Schulbuben-

Fortsetzung folgt: 15-8-61./

/175/

AE: 122

manieren nicht zur Anwendung bringen. Ich konnte meinem Fahrer nicht sagen, er solle nur mit Traktorengeschwindigkeit fahren. Er jagte auf guten Straßen mit seinen achtzig Stundenkilometern und manchesmal auch mehr dahin und auf den schlechten Fahrstrecken, entsprechend gedrosselt. Heute und gestern versuchte ich es eben mit Rotwein und ablenkenden Gesprächen.

Besagter HauptmannWirth also, führte uns auf einen kleinen Waldweg zur linken Seite der Straße und da standen unter Laubbäumen zwei kleinere Bauernhäuser. Ich kann nich nicht mehr mit Sicherheit erinnern, ob dort im Augenblick unseres Besuches gearbeitet wurde, aber Wirth erklärte uns seinen Auftrag.

Demzufolge hatte er sämtliche Fenster und Türen hermetisch zu verschließen. In den Räumen würden nach Arbeitsbeendigung Juden kommen, welche durch die auspuffgase eines russischen U-Bott-Motors, die in diese Räume geleitet würden, getötet werden. Das war alles, was er zu sagen hatte. Von Panzergräben war nichts zu sehen. Juden oder Leichen sah ich keine. Und ich muß sagen, ich fühlte mich sehr erleichtert; denn das Hören und Sprechen ist stets etwas anderes als Tun

/176/

AE: 123

oder Sehen. Dies wird jedermann mir bestätigen. Und das alte Soldatensprichwort, daß nichts so heiß gegessen wird, als es gekocht wurde, beruhigte mich doch sehr und ich weiß heute noch, daß mir auf der Rückfahrt in der Entspannung der Nerven der Rotwein und die Zigaretten besonders bekömmlich waren. Denn wenn ich es damals rückschauend betrachtete, was wurde im Laufe der Jahre nicht schon alles befohlen und dann widerrufen. Ich nahm das Vergasen einfach nicht ernst. Nach Berlin zurückgekehrt, machte ich meine Meldung Müller und Heydrich. Kommentarlos wurde sie zur Kenntnis genommen. Heydrichs nervöse Art und sein kurzes militärisches Verhalten Untergeordneten gegenüber, sein hoher Rang und seine enorme Dienststellung, ließen keinerlei persönliche Fragestellungen zu. Anders war es bei Müller. In seiner bajuwarischen, gemütlicheren Art, ließ es es zu, daß man persönliche Anliegen, Frangen und Wünsche jederzeit vorbrignen konnte, die er auch vom anfang bis zum Ende geduldig anhörte und nie unterbrach. Aber selten bekam man darauf eine Antwort. Die Regel war ein sofortiges Einschwenken auf irgendwelche dienstlichen Obliegenheiten, so, als ob Wünsche oder Persönliches nie Gegenstand des Vortrages gewesen wären. Nie wußte man, woran

/177/

AE: 129

man war. Das einzige, welches zu Erwarten stand, tat sich kund durch ein „ja,ja!“, verbunden mit einem dünnen, väterlichen Lächeln. Gerade so, als wolle er sagen, ja mein Lieber, ich verstehe dies alles, aber da können wir gar nichts machen. Müller selbst rührte sich in all den Jahren, in denen ich unter ihm zu arbeiten hatte, nur ganz selten von seinem Schreibtisch weg; das heißt, er nahm keinen Urlaub, war fast nie krank und machte selten eine Dienstreise. Er arbeitete bis spät am Abend und selbst dann trug ihm sein Fahrer Aktentaschen, voll von Arbeitsmaterial in den Wagen, die er in seiner Privatwohnung noch durchnahm. Es liegen bei den Dokumenten der israelischen Anklage unter anderen, zwei Fernschreiben vor, die Müller selbst zu später Stunde des „Heiligen Abends“, unterschrieb. Sonntage und Feiertage arbeitete er rastlos durch. Nicht nur ich, auch andere Zeugen können bekunden, daß er sich in buchstäblich alle Vorgänge, von auch nur einiger Bedeutung, ja selbst Einzelfälle betreffend, weisungsgebend persönlich einschaltete, sobald sie seine Amtszuständigkeit betrafen. /am Rand Ziffer 32/ Ich selbst war wöchentlich mindestens zweimal bei ihm zur Rücksprache. Entweder befohlen, oder ich suchte darum nach. Im Laufe der Zeit wurden die Tage so

/178/

AE: 125

zur Routine, daß man ohne zu übertreiben, von festgesetzten Tagen und Stunden sprechen konnte. Und wen ich jedesmal nur 25 Akten mitnahm, um mir die

Weisung des Chefs einzuholen – es waren aber meistens mehr – dann kann ich mir überschlagsmäßig ausrechnen, daß es im Laufe der Jahre zirka 10.000 bis 15.000 Vorgänge waren, zu denen entweder er selbst die Weisung

beziehungsweise den Befehl gab, was zu veranlassen sei, und den Rest seinerseits seinem Chef zur Weisungseinholung unterbreitete. Denn Müller selbst war keine besonders entschlußfreudige Natur. Eher war er der vorsichtige, ängstliche Bürokrat. Und er verlangte auch von seinen Referenten die sture Einhaltung der bürokratischen Vorschriften. Dies alles wird ebenfalls bestätigt von dem Mann, der ihn besser kennen mußte als viele andere, jenem SS-Standartenführer und Regierungsdirektor, der gegen Kriegsende eine Zeitlang der papiermäßig amtliche Vertreter Müllers war und seine diesbezüglichen Feststellungen in einer Zeugenaussage niederlegte. Eines steht fest, Müller war einer der Männer, welche stets bestens über alle Vorkommnisse unterrichtet waren. Er hatte nicht nur die Funktion als Chef des Geheimen Staatspolizeiamtes, sondern auch die des Generalgrenzinspekteurs inne.

--------

/179-180/

AE: 126

Es muß Januar 1942 gewesen sein, daß mir Müller den Befehl gab, nach Kulm /Schreibung des Namens auf Seite gegenüber verdeutlicht/ bei Posen zu fahren und ihm Bericht über die dort in Durchführung befindlichen Tötungen an Juden, zu machen. Ich muß sagen, daß meine Besorgnisse, Furchtbares zu sehen, diesmal nicht so arge waren, als im vergangenen Herbst. Wenngleich ich in den Berichten, die innerhalb des Reichssicherheitshauptamtes als Geheimumlauf zirkulierten, viel und laufend von Erschießungen im Osten inzwischen gelesen hatte. Aber ich hatte es nicht angeordnet, ich hatte es nicht zu bearbeiten, ich konnte es auch nicht beeinflussen oder abstellen; ich konnte es mir nicht einmal als Wirklichkeit so richtig vorstellen, denn ich hatte es auch noch nie gesehen. Einen Augen- oder Tatzeugen hattte ich nicht gesprochen. Ich wurde also, im damaligen Warthegau angekommen, von einem Beamten der dortigen Staatspolizeistelle nach Kulm gelotst. Was ich allerdings jetzt dort zu sehen bekam, dies war das Grauen schlechtweg. /Zusatz von Seite gegenüber: Und meine Vorstellung, ich könnte ähnlich gut davonkommen, wie letzten Herbst bei Lublin wurde durch die gräßlichste Wirklichkeit, die ich je sah, gewandelt./ Ich sah nackte Juden und Jüdinnen in einen geschlossenen Omnibus ohne Fenstern, einsteigen. Die Türen wurden zugemacht und der Motor angelassen.

/181/

AE: 127

Das Auspuffgas entströmte aber nicht in´s Freie, sondern in das Innere des Wagens, Ein Arzt im weißen Kittel, machte mich auf ein Guckloch beim Fahrersitz aufmerksam, wodurch man in das Innere des Wagens sehen konnte und forderte mich auf, den Vorgang anzusehen. Das konnte ich nicht mehr. Mir fehlten auch die Worte, meine Reaktion zu diesen Dingen wieder zu geben, denn es war alles zu Unwirklich. Ich glaube, daß ich mich selbst in jenem Augenblick gar nicht mehr bewußt unter Kontrolle hatte. Ich war auch nicht fähig gewesen, den Befehl Müllers, die Zeit der Tötung zu stoppen, durchzuführen. Ich hatte darauf vergessen gehabt; und wäre auch physisch nicht fähig dazu gewesen. Dann setzte sich dieser Omnibus in Bewegung. Ich selbst wurde zu einer Art Waldwiese gefahren und als ich dort ankam, bog auch schon dieser Omnibus ein, er fuhr an eine ausgehobene Grube; die Türe wurde aufgemacht und heraus purzelten Leichen; in die Grube hinein. Eine über die andere. Das war ein schauriges Inferno. Nein, es war ein Superinferno. Eben sah ich sie noch lebendig. Nun waren sie samt und sonders tot. Und dann sprang ein Zivilist in die Grube, kontrollierte die Münder und brach mit einer Zange die Gold-

/Zusatz: Fortsetzung siehe Seite 128/

/182-184/

AE: 128, a-b

zähne aus. – /Siehe Seite 128a und b/ 128a Wenn ein Mensch plötzlich vor eine Sache gestellt wird, die er sich in seiner Grauenhaftigkeit auch nicht im Ungefähren vorher hatte ausmalen können, trotzdem er mit einigen Worten auf ungeheure Geschehen vorbereitet wird und sich mit üblen Vorstellungsbildern bereits herumzuplagen hatte, dann tritt ein Zustand ein, der von einem Nichtpsychologen nur sehr schwer wieder gegeben werden kann. Ich weiß noch, daß ich mich in die Haut meines Handrückens zwicken mußte, um festzustellen, daß ich wach bin, daß das, was ich sehe, Wahrheit ist, und daß ich nicht nur träume. Ich kann mich erinnern, als man mich an jenem Maiabend in Buenos Aires überfallen hatte, dreißig Meter von meiner Wohnung entfernt, Füße und Hände zusammenband und mich mit einem Personenwagen auf eine Quinta brachte, in ein Pyjama steckte und mich mit den Füßen an ein Bett fesselte, nachdem mir die Augen verbunden waren; da zwickte ich mich ebenfalls in die Haut meines Handrückens, um festzustellen was nun eigentlich daß(sic) ist, träume ich, oder hat sich daß(sic), was ich mir eben einbilde, wirklich zugetragen. So ähnlich, erging es mir auch damals. Ich selber hatte mit den Dingen nichts zu tun. Meine mir befohlene Aufgabe war, nur zu sehen und darüber zu

128b

berichten. Ich weiß nicht, ob wenn man mit solchen Dingen als Befehlender oder Ausführender zu tun hat ebenfalls solche Art Lähmungserscheinungen oder Einbildungen Platz greifen, aber mein Realitätsbewußtsein war irgendwie völlig verändert. Es kam eibnem Hin- und herklettern vom noch Denkbaren, zm Unwirklichen gleich; eine verschobene Welt, in der ich nur Wellen sah, auf denen sich alles bewegte. Aber dann fällt mir plötzlich ein, na mußt doch mal kontrollieren, ob dies alles Wahrheit ist; der Zwickschmerz bestätigts dann. Es ist merkwürdig und erstaunlich, in welche Situationen ein Mensch kommen kann, und früchterliche Vorstellungskomplexe beherrschten mein Wachsein und verließen mich selbst nicht im Schlafe /anderthalb Zeilen unleserlich gemacht, die folgenden Zeilen in veränderter Schrift/. Ob nicht auch mangelnde Civilcourage mit einer der Gründe waren, daß man dies alles mitmachen konnte; dies frug mich einer der Richter, während des Prozesses gegen mich. Dies ist richtig, und träfe auch zu und ich sagte ihm etwa, Civilcourage habe das deutsche Offizierskorps nicht gekannt. Es ist wahr; und das Wort selbst besagt es ja förmlich schon. Pflicht; Befehlserfüllung; Gehorsam und Treue! Aber Civilcourage kam im Dienstreglement nirgends vor. Es ist eigentlich sehr bedauerlich muß ich sagen.

/zurück auf Seite 128/ Ich fuhr nach Berlin. Ich hatte nur Müller zu berichten. Nach der Meldung sagte ich ihm, ich hätte nur eine andere Dienstverwendung, dafür sei ich nicht der richtige Mann. Rein nervlich halte ich solches nicht aus; das sei keine politische Lösung! Diesmal antwortete er mir: Der Soldat an der Front kann sich auch nicht aussuchen wo er gerne kämpfen möchte. Er hat doch seine Pflicht zu tun, wo man ihn hinstellt.

Kamen mir bislang schon öfter Bedenken, ob das Tun der Götter selbst bei größter Nachsicht noch als Götterhandeln zu bezeichnen wäre, dann hatte ich als der

Weisheit letzter Schluß mir stets noch sagen können, mit Ausnahme der Flammen vom 10. November 1938, hast Du ja noch gar nichts von all dem Greuel gesehen. Es sind alles Berichte. Teils waren es Hörensagenberichte, teils freilich dienstliche Berichte. Aber zwischen dem Buchstaben und dem Bild war es eben ein gewaltiger Unterschied. Besonders dann, wenn man – wie ich – damit ja dienstlich gar nicht befaßt ist. Und auch Müller hatte es nicht befohlen; auch er hätte es nicht abzustellen vermocht. /ca. 1 Zeile durchgestrichen, neu geschrieben/ Jetzt aber diente ich Götzen; dies wurde mir klar.

/185-186/

AE: 129

/5 Zeilen durchgestrichen, ersetzt durch Text auf Seite gegenüber:

Alles daß(sic), für welches ich mich tatsächlich begeistern konnte, eine Lösung des Problems auf politischer Basis zu suchen und zu finden, daran mitarbeiten zu können, zum Whole beider Parteien, war in mir zerbrochen worden. Von dem Schaurigen selbst, will ich gar nciht weiter sprechen, denn meine an sich sensible Natur revoltiert beim Anblick von Leichen und Blut. Und dabei wäre es ein Leichtes, ein Kinderspiel geradezu gewesen, im Vergleich zu der jetzt befohlenen Gewaltlösung, zumindestens ein Provisorium einer politischen Lösung zu schaffen; es hätte ja nichts Endgültiges zu sein brauchen. Während eines Krieges begnügt sich jeder oft nur mit einer Teillösung der Probleme, wenn es eben nicht anders geht. Der Frieden brächte schon automatisch Klärendes, Festes. Wie hatte ich mir, von meiner Warte aus, den Kopf zerbrochen, um nach Auswegen zu suchen. Zu eienr solchen Gewaltlösung aber hatte ich von mir aus wahrhaftig nichts dazu beigetragen und ich konnte meine Hände, wie weiland Pontius Pilatus in Unschuld waschen. Aber wem konnte selbst dieses dienen? Wer den Tiger reitet, kann jedoch nicht mehr absteigen./ Dabei war mein Vaterland in Not. Der rieg gegen Rußland und Angland in vollem Gange. Und am 11. Dezember 1941 hatte Deutschland den USA den Krieg erklärt. Alles unvorstellbar. Der Befehl Müllers: Dort habe ich meine Pflicht zu tun, wohin ich gestellt würde. Ein aussuchen gibt es für den Soldaten nicht. – Ausweglos; längst schon war ich für die Dauer des Krieges, gleich den anderen Angehörigen des Sicherheitsdienstes, zur Kriegsdienstleistung /ca. 2 Zeilen gestrichen/ verpflichtet worden. Da wurde man nicht gefragt; es war eine Verfügung von Oben! Vielleicht hätte ich, wenn ich den Befehl bekommen hätte, zu töten oder Tötungen zu befehlen, sagen können: nein, es kann mir niemand befehlen, Zivilisten zu töten, wenn diese sich nicht aktiv gegen die Kriegsgesetze vergangen haben. Aber ich bekam ja soclhe Befehle nie. Jemand, der in einem Einsatzkommando war und Tötungsbefehle bekam, der hätte die Möglichkeit gehabt; ob mit Erfolg oder ohne bleibt dahingestellt.

/187-188/

AE: 130

Einige wenige Fälle sind nachweisbar, wo es den betreffenden Ansuchenden gelungen ist, sich von der Befehlsausführung entbinden zu lassen. Ich weiß nicht

utner welchen Umständen, denn ich hörte darüber, selbst erst in Israel. Aber wie dem auch sei. Ich saß in Berlin hinter dem Schreibtisch und hatte nichts diesbezügliches zu befehlen. Mir fehlte zu einem Ansuchen um Versetzung mit der Hoffnung auf Erfolg jede entsprechende Untermauerung. Ich hatte es ja eben wieder erlebt gehabt. Genau wie schon einmal im Spätherbst 1939. /Zusatz von Seite gegenüber:

Ab meiner Versetzung zur Geheimen Staatspolizei unterstnad ich erst recht dem Zwang.

Äußerlich durfte ich mich dagegen freilich nicht in Form von Disziplinlosigkeiten hinreißen lassen. Innerlich stand ich gegen Zwang und Druck und nahm, den Rahmen der befohlenen Subordination nicht verlassend, auch in Worten dagegen Stellung. Es ist klar, ohne Erfolg; denn mein unmittelbarer Vorgesetzter, dem ich solches vortrug, stand ja selbst auch unter dem Zwang und Druck. Ja, wahrscheinlich mehr noch als ich selbst. Denn der Grad seines Wissens an Geheimvorgängen, war sicherlich ungleich größer als meiner. In dem Maß ich die Nutzlosigkeit einer persönlichen Opposition gegen diesen Druck erkannte, in dem Maße fügte ich mich, nach dem Prinzip des Gummiballes diesem Zwang, und erkannte ihn schließlich als eine Art Gesetzmäßigkeit, der ich mich nicht zu entziehen vermochte, an. Ich lebte in einem Zustand, in dem man sich mit dem Neuen schwer zurecht fand, denn es kämpften in mir die Produkte genossener Erziehung, mit dem Totalitätsanspruch der neuen, freiwillig gewählten Führer. Freilich, im Augenblick dieser Wahl, ahnte ich nicht ihre umfassenden Forderungen an meine Gesamtperson; an meine physische und psychische Persönlichkeit. Und so konnte ich schließlich froh sein, wenn ich mir, alles in allem, doch noch eine gemäßigte – bürgerliche Form und Art, die sich niederschlagsmäßig in meiner Tätigkeit darbot, bewahrte. Denn ich lebte in einer Umgebung, in der die Ästhetik der Toleranz dahin schwand, wie der Schnee in der Märzsonne. Ich hatte es innerlich dazu gebracht, daß ich (Fortsetzung nächste Seite im 2. Drittel)/ nicht einmal für meinen tagtäglichen Bürokram in der Aktenbearbeitung Entscheidungen zu treffen brauchte. Wegen jedes Detailfalles, stand mir jederzeit der Weg zu meinem Amtchef offen. Persönlichen inneren Belastungen konnte ich dadurch aus dem Wege gehen. Ich ging diesen Weg seit meiner, gegen meinen Willen befohlenen Versetzung. Meine diesbezügliche Gepflogenheit war referatsbekannt und darüber hinaus. /anderthalb Zeilen unleserlich gemacht/ Hatte ihn mein Chef entschieden, dann selbstverständlich traf ich die angeordneten sicherheitspolizeilichen Vorkehrungen. Dazu war ich ja eidlich verpflichtet. So gerne ich im Nachrichtendienst tätig war, Fortsetzung siehe Seite 131!

/189-190/

AE: 131

so lästig war mir der exekutive Teil des Polizeidienstes. So sehr ich die Befehlsgebung der deutschen Reichsregierung aus Sorge um das Reich, mit stets pessimistischerer Betrachtung beobachtete, egal ob es sich um die mir unnötig erscheinenden Serien der Kriegserklärungen handelte, oder um Befehle im Hinblick auf die Judenfrage, mmir blieb in anbetracht meines Dienstgrades als SS-Oberstleutnant und meiner Dienststellung als Referent, als Befehlsempfänger also, nichts anderes übrig, als zu gehorchen. Die Verantwortung hatten die verantwortlichen politischen Führungsstellen und die örtlichen und sachlichen Befehlsgeber dieser Reisspitzen zu tragen. Ich war eingespannt, und konnte auf legalem Wege nicht anders marschieren; gleich tausenden anderen Oberstleutnanten. Mochten die anderen Tun(sic), was sie glaubten; ich konnte sie nicht hindern; ich hatte es auch nicht zu verantworten. Meine Aufgabe war es, meinem Fahneneid getreu zu bleiben und wie ich es eben wieder gehört hatte, meine Pflicht dort zu tun, wohin der Befehl mich stelle. /3 Zeilen unleserlich gemacht, ersetzt durch Text von Seite gegenüber:

Aber eines erkannte ich jetzt mit aller Deutlichkeit, daß das „handeln müßen“ nach einem dem Menschen innewohnenden Sittengesetz für mich schwer, wenn nicht unmöglich wurde, bedingt durch die Gesetze des Krieges, denen ich unterworfen war und die mich willen- und wollensmäßig, entgegen meiner inneren Auffassung, banden und unfrei machten. Freilich erkannte ich dieses bereits ab der Zeit meiner Versetzung zum Geheimen Staatspolizeiamt, im spätherbst 1939; jedoch nicht mit der jetzigen

erschreckenden Deutlichkeit. Denn ich lebte bis zum Herbst 1941 in dem Wahn einer politischen Lösungsmöglichkeit. Daß solches eine Wahnvorstellung meinerseits war, dies mußte ich nunmehr erkennen. Und ich erkannte auch, daß sich die damaligen Führer des Reiches um sittliche Forderungen nicht kümmerten; schon gar nicht um Kantßsche Auffassugnen von den Dingen. Sie scherten sich den Teufel darum. Ihre Einstellung glat alleine nur noch dem Augenblick und selbst da versagten sie infolge Plan- und Ideenlosigkeit, und verloren im sinnlosen Hin und Her, jede Initiative des Handelns auf dem Sektor der Kriegsführung. Aber auch auf der anderen Seite, auf der Seite verschiedener Führungsmitglieder der verschiedenen damaligen Feindseiten, kann man keinesfalls für sich in Anspruch nehmen, etwa ethisches Wollen, für sich gepachtet zu haben. Die Politik ist und bleibt eine ganz gewöhnliche Hure. (Fortsetzung siehe Seite 131a und b)!

/192/

AE: 131a

Nicht daß ich heute etwa dem verlorenen Kriege nachtrauern würde. Ich stehe seit langem über meiner diesbezüglichen Nachkriegseinstellung. Mein einziges Wollen wäre, Kriege und deren unausbleibliche Folgen, unmöglich zu machen. Aber wenn ich die Dinge von damals beschreibe, dann muß ich mich rückversetzend zu ihnen einfinden. Ich muß sie gleichsam noch einmal erleben und durchleben, damit ich sie hier wiedergeben kann. Ich stehe auch heute noch auf dem Standpunkt daß der Krieg dem deutschen Volk ursprünglich aufgezwungen worden ist. Wirtschafts und Konkurrenzneid standen hier Pate. Ich bin mir aber dessen nicht sicher, daß er unvermeidbar gewesen wäre, hätte unsere eigene Regierung ein anderes Verhalten gezeigt. Sicher bin ich mir hingegen, daß der Krieg seine Ausweitung durch Dummheit und Verkennung aller Realitäten seitens unserer eigenen Führung erfuhr; dies kommt noch zu allem übrigen dazu. – Und so teilte sich das deutsche Volk nach und nach in mehrere Gruppen, zusätzlich zu denen, welche ohnedies schon bestanden. Diejenigen, deren Ausrichtung und Einstellung rein trieblich bedingt war; ihre Problemstellung war einfach und umkompliziert. Diejenigen, welche äußerlich wohl mitgingen und eidgetreu den Befehlen gehorchten; innerlich aber Distanz nahmen, aus Gründen die ich eben schilderte. Und drittens diejenigen, welche sich nunmehr sowohl innerlich, als auch äußerlich distanzierten, ja sabotierten. /folgende Zeile angefangen, gestrichen/

/193/

AE: 131b

Die Konsequenz dieser Uneinheitlichkeit bei den Befehlsempfängern fand letztlich in einem geringeren Durchstehvermögen seinen sichtbaren Ausschlag. Daran ändert auch nicht die haltung der Zivilbevölkerung in den Zentren der Bombenschlachtfelder und nichts der Opfermut einzelner Divisionen und Armeen; auch nichts änderte daran die sture eidgetreue Einstellung der Kriegsmarine und Fliegergeschwader. Es griff allenthalben, nach und nach, eine Dekonzentration, eine Zerstreuung Platz, als genaues Spiegelbild, des Verhaltens der Führung des Reiches. Sie glaubte in ihrer Überheblichkeit, in Zeiten des Krieges Maßnahmen durchführen zu können, die unter normalen Zuständen unmöglich gewesen wären und bedachte – von allem sonstigen jetzt einmal absehend – nicht die unausbleiblichen psychologischen Folgen. Ich gehörte nicht zu der Gruppe, die scließlich zu einem „20. Juli 1944“ führte; ich gehörte nicht zu der rohesten Gruppe, deren innere und äußere Einstellung gleich blieb. Ich zählte zu jenen, die äußerlich gehorchten, nichts taten was sie mit ihrem geleisteten Eid in Konflikt brachten(sic) und ehrlich und aufrichtig dienten

und ihre befohlene Pflicht erfüllten. Durch die innere Einstellung jedoch kam es zu einer Art Persönlichkeitsspaltung; ein Zustand der hinderte. Ein Zustand, der jeden Schwung und jeden Elan töten mußte. Ein Zustand, unter dem der einzelne mehr litt als er jemals zugeben wollte, oder zugab. Und er betäubte sich selbst, durch „Pflicht“ und „Eid“; und „Treue“ und „Ehre“. /S. /191/ war plaziert gegenüber Seite 131a, dort allerdings kein Verweis darauf. Der gestrichene Abschnitt im unteren Drittel ist teilweise noch lesbar: … in der bloßen Existenz der Gattung Mensch zu erblicken, besser gesagt, ich zweifelte in solchen Momenten daran, daß die Natur einen solchen je erwog. Dann aber mußte ich solche Gedanken wieder verwerfen, denn die Gesetzmäßigkeit der Natur kennt nicht den Zufall und kennt nicht gewollten Verderb. Wir Menschen sind es ausschließlich selbst, die dem Natürlichen in´s Handwerk pfuschen wollen./ /zurück auf Seite 131, nach 3 unleserlich gemachten Zeilen:/ Aber abgesehen davon gleichgültig, was es für ein Staat ist: Verräter und Befehlsverweigerer, Saboteure und Selbstverstümmler erfahren in Zeiten des Krieges,

/194/

AE: 132

seitens der Staatsführung jene Behandlung, /2 Zeilen unleserlich gemacht/ die auf

Fahneneidbruch steht. Mir ist auch nicht bekannt geworden, daß sich daran selbst nach 1945 etwas geändert hätte und die auch nach diesem Jahre vorgekommenen Verbrechen an der Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und andere Greuel, sind Leion. Und dies trotz Magna Carta, UNO und anderen Sicherungsbestimmungen. Menschliche Unzulänglichkeit, heute und gestern, wohin man auch sieht. Nichts hat sich geändert. Aber nicht die Taten unserer seinerzeitigen Machthaber will ich damit beschönigen. Ich diene in dieser Arbeit niemandem; und ich beschönige nichts. Wie ich überhaupt durch meine Erfahrung jeden besonderen Obrigkeitsrespekt verloren habe. /Abschnitt von 10 Zeilen unleserlich gemacht/ Fürwahr, ich schreibe zu niemanden Lob und mir ist es egal, ob meine arbeit gelesen, egal, ob sie gelobt oder verdammt wird. /2 Zeilen unleserlich gemacht/ Ich will nur warnen. Und warnende Worte sind weder Honig noch Milch. Sie sind dürr und trocken wie die Dornenbüsche der Pampa, oder wie bleichende Knochen in der Wüste.

/195-196/

AE: 133

/auf S. 195 oben steht nur: großer Absatz!/

Die Leute selbst, die ich an den Stellen der Tötung oder mit Vorbereitungsarbeiten zu dieser sah, waren durch die Einschaltung der „Kanzlei des Führers“ zur Verfügung gestellt worden. Der Oberdienstleiter Brack von dieser Kanzlei, dessen Name in einigen Dokumenten, welche während des Prozesses gegen mich, auch aufscheint, hatte diese Angelegenheit mit Himmler selbst direkt geregelt. Er hatte die Tötung der Geisteskranken durchzuführen gehabt und bot nach Beendigung seiner Tätigkeit das Personal, welches ihm zur Verfügung stand Himmler an, worauf Brack dieses Globotnigg zur Verfügung stellte. Wirth war urspränglich Beamter der mittleren gehobenen Laufbahn, an einer Kriminalpolizeistelle im Südwesten des Reiches. Ich sah ihn in der Uniform eines Offiziers der Ordnungspolizei und während des Prozesse zeigte mir mein Verteitiger(sic) eine Photographie, die ihn als SS-

Sturmbannführer wiedergab. Wirth leitete die Vergasungstötungen im Befehlsbereich Globocniggs.

In Kulm wiederum, hing in dieser Sache der Gauleiter und Reichsstatthalter Greiner persönlich. Er korrespondierte diesehalb mit Himmler. /am Rand Ziffer 33/ Bothmann, der Leiter der Vergasungsstelle Kulm, kam ebenfalls aus dem Euthanasiestab Bracks, von der „Kanzlei des Führers“, genau wie Wirth.

/197/

AE: 134

Aber auch das Reichssicherheitshauptamt war den Tötungen durch Auspuffgase direkt beteiligt, wie dies während des Prozesses vorgelegte Dokumente einwandfrei bewiesen haben. Aber es war nicht das Amt IV, welches hier seine Finger drin hatte, sondern das Amt II. Ein ganzes Bündel an Schriftverkehr liegt hier vor. Diese Omnibusse wurden für den vorgesehenen Zweck durch das Amt II, entsprechend umgebaut und dann zu den Einsatzgruppen nach dem Osten geschick. Dies besagen die Dokumente mit aller Deutlichkeit.

Es wird mit nie erklärlich werden, warum Müller mich mit einer sturen Gleichförmigkeit in jener eit von Ort zu Ort der Tötungen schickte, obgleich er meine jeweilige Verfassung nach Rückkehr zur Berichterstattung kannte. Obgleich er wußte, daß mit eben derselben Sturheit meinerseits die Bitte um Transferierung kam, obzwar auch ich wußte, daß mit eben derselben Automatik nicht darauf eingegangen wurde. Müller hatte sicher mit den Gaswagen persönlich nichts zu tun. Und wen ein zeitweiliger formeller Zwischenvorgesetzter auf dem Dienstweg zwischen mir zu Müller, mit Namen Hartel, nach 1945 in Nürnberg sagte, Müller habe ihn nach dem Osten geschickt, um „hart“ zu werden, und als er Kommandos zum Erschießen aus persönlichen oder nervlichen Gründen nicht übernehmen konnte, ihm

/198-199/

AE: 135

erklärt, er müße eigentlich nicht „Hartel“, sondern „Weichel“ heißen, so kann ich dies nur schwer glauben.

Unter Ausrichtung auf diese Aussage, frug mich der Generalstaatsanwalt im Kreuzverhör, ob Müller mich auf Grund meiner Berichterstattung nicht auch statt „Eichmann“ mit „Weichmann“ bezeichnet habe; ich mußte diese Frage verneinen. Müller hat auch diesen Einsatzgruppen nicht die Tötungsbefehle gegeben; diese Befehlsgebung nahm Heydrich vor, wie aus den Aussagen der Einheitschefs ganz klar hervorgeht. Nie gab mir Müller irgendwelche Befehle für die Kommandos die zu besuchen er mir befahl. Nichts anderes als zu seiner persönlichen Unterrichtung wurde ich in Marsch gesetzt. Wie gesagt, es wird mir ewig ein Rätsel bleiben, warum er mich dazu ausersah, wo es Dutzende konstitutionell robustere Naturen als mich, gab. /Zusatz von Seite gegenüber: Ich will meinen ehemaligen Vorgesetzten weder entlasten, noch belasten mit Dingen, von denen ich nichts Genaues weiß. Eine Entlastung ist bei seinen gehabten Zuständigkeiten ohnehin nicht möglich und eine Belastung überlasse ich den Dokumenten denn da steht alles viel genauer verzeichnet, so genau, wie es mir nach inzwischen vergangenen rund 20 Jahren, nicht mehr möglich ist, die Dinge wieder zu geben./ Aber es hat auch keinen Zweck über solche Dinge heute nachzudenken; Geschehenes kann man nicht ungeschehen machen. Ich bekam den Befehl und hatte die Berichterstattungsreisen anzuführen(?). Daher schicke ich mich zur Schilderung der nächsten Inmarschsetzung meiner Person nach Minsk an. Es war um dieselbe Zeit, etwa Januar 1942, als ich die Weisung erhielt ihm über die Vorgänge in der genannten

/200/

AE: 136

Stadt zu berichten. Es war bitterkalt und ich trug einen langen, gefütterten Ledermantel und nahm mir die entsprechende Alkoholreserve mit, denn ohne dieser konnte ich diesen Befehlen nur unter stetigem Sinnieren nachkommen. Der Alkohol aber schuf einige Betäubung. Es ist klar, daß der Grad, nie zur Trunkenheit heranlangen durfte, denn ich fuhr ja in Uniform mit Fahrer, in einem Polizeifahrzeug. Aber es ist erstaunlich, welche Alkoholmengen der Mensch bei aufgepeitschten Nerven braucht, um sie einigermaßen in Rand und Band zu halten. Freilich wäre Schnaps besser gewesen als Rotwein, aber Schnaps trank ich nur, wenn Wein nicht erhältlich war. Ich kam an einem Abend an. Und am nächsten Tag hatte ich mich verspätet. Die mir genannte Stunde war längst überschritten, so kam ich erst zur Stelle, als die letzte Gruppe erschoßen wurde. Als ich den Exekutionsort anfuhr, knallten die Schützen in ununterbrochenem Dauerfeuer in eine Grube vom Ausmaß mehrere großer Zimmer. Sie schossen mit Maschinenpistolen. Angekommen sah ich eine jüdische Frau mit einem kleinen Kind in den Armen in der Grube. Ich wollte das Kind herausreißen, aber da zerschlug eine Kugel den Kopf des

/201-202/

AE: 137

Kindes. Mein Fahrer wischte mir vom Ledermantel kleine Gehirnstücke. Ich stieg

in meinen Wagen. – Berlin, sagte ich meinem Fahrer. – Ich aber trank Schnaps, als sei es Wasser. Ich mußte trinken. Ich mußte mich betäuben. Und ich dachte an meine eigenen Kinder; um jene Zeit hatte ich zwei. Und ich dachte über den Unsinn des Lebens nach. /3 Abschnitte unleserlich gemacht, ersetzt durch Text von Seite gegenüber:

Und ich fand keine Ordnung mehr, im Wollen und Willen des Waltens. Es war unsagbar schwer, in diesem Chaos überhaupt noch an etwas zu glauben./

/203-204/

AE: 138

Und ich stellte mir vor, als sei daß(sic), was die christlichen Konfessionen mit

Hölle bezeichnen, nicht etwas Künftiges, mit dem sie die Menschen verwarnen, sondern es konnte nur so sein, daß wir uns samt und sonders bereits in dieser „Hölle“ befanden. /gute 12 Zeilen unleserlich gemacht, ersetzt durch Text von Seite gegenüber:

Es war die einzige Erklärung.

Glaube und Liebe; Ethik, Ästhetik; die ganze Erziehung; alle Sorge und Hoffnung legten die Eltern in ihr hinein. Das denkende Hirn machte sodann den eigenen Versuch der Vorstellungsformung im Rahmen der passenden Möglichkeit. Es fand dazu untere anderem die Brücke und Hilfe, in Kant. /6 Zeilen bis Ende der Seite unleserlich gemacht/

/205/

AE: 139

Wie konnte ich all dieses einpassen und in Gleichklang bringen, zu dem was ich sah? Es war zum verzweifeln. Aber die Überlegungen gingen noch weiter. Der Grund meines innneren Anschlußes an die Partei, war das Unrecht. Es war das Diktat von Versailles. Und jetzt brachten wir selber das Unrecht in vielfacher Form. Das Oberhaupt des Staates persönlich befahl es. Meine eigenen Gerichtsherren und der höchste Gerichtsherr der SS- und Polizeigerichtsbarkeit, befahlen dies alles, und sie befahlen auch mir.

/11 Zeilen unleserlich gemacht/

Und hier versuche nun einer mal Ordnung zu machen und all diese vielen, divergierenden Komponenten auf eine innerlich beruhigende Resultante zu bringen. Es ist ein Ding der Unmögkeit(sic).

/206/

AE: 140

In solche ein inneres Gestrüpp brachte einen die damalige Reichsführung. Im Nachhinein ist es für Dritte immer leicht reden. Aber was hätten sie selbst in einer solchen Lage getan? Ist der Motor eingeschaltet und sind die Wellen gekuppelt, dann müßen die Räder laufen, egal ob der Schlauch, die Seele des Reifens, platzt, egal ob selbst der Reifen zerfetzt wird, sie müßen laufen, und wenn es nur noch auf zerschlagenen Felgen dahingeht; solange, bis der Motormann anderen Sinnes wird, oder der Wagen zum Teufel geht. Mit einem solchen Rade bin auch ich vergleichlich; sind viele vergleichlich. Aus eigener Kraft kann solch ein Rad nicht abspringen, selbst wenn es merkt daß bei dem Motormann nicht mehr alles in Ordnung sein kann. Dies ist das Los der Befehlsempfänger. Nun ich´s nicht ändern konnte, tat ich das einzige, was ich tun konnte. Gehorsam führte ich die mir erteilten Befehle aus. Wäre Frieden gewesen, dann wäre es leichter für mich meine Lage zu ändern, im Vergleich zu dem totalitären Anspruch des Staates, auf die Person, die er in Kriegszeit erhebt; gleichgültig, was er befiehlt.

-(15)-

/207/

AE: 141

Ich muß nun abermals zeitlich wieder etwas zurückschalten, und nocheinmal das Jahr 1941 beleuchten. Die von Himmler befohlenen Deportationen erstreckten sich von zeitweiligen Unterbrechungen abgesehen auch in dieses Jahr hinein. Aus Ostpreußen, und zwar aus jenem neu zu dieser Provinz hinzu gekommenen Kreisen, aus dem Warthegau, ja auch sogar aus Wien. Ich habe ein Fernschreiben vor mir liegen, welches am 13. Februar 1941 an alle Staatspolizeistellen außer Wien ausging, und von mir unterschrieben wurde. Es heißt darin u.a.:

„Betrifft: Evakuierung der Juden aus Wien in das Generalgouvernement. In Anbetracht der besonders gelagerten Verhältnisse in Wien, hat der Führer die Evakuierung der in Wien ansäßigen Juden angeordnet. Die Staatspolizeistelle Wien hat (bereits) am 1. Februar 1941, eine Verfügung erlassen, nach der Juden, die in Wien ihren ständigen Wohnsitz haben, das Gaugebiet Wien nicht verlassen dürfen.“

Diese Hitlerverfügung hatte sich gemäß einer Aussage Baldur von Schirachs, des ehemaligen Gauleiters von Wien, anläßlich einer Vorsprache, die er bei Hitler hatte, ergeben. Daher auch konnte die Staatspolizeistelle Wien – Gauleiter, Reichsstatthalter und Oberpräsidenten hatten gegenüber ihren örtlichen Stellen Weisungsrecht – eine

/208/

AE: 142

Sperrverfügung für ihren Zuständigkeitsbereich erlassen, ehvor noch das Reichssicherheitshauptamt hiermit befaßt wurde. /am Rand Ziffer 34/ Aber am 15. März mußten bereits sämtliche Evakuierungstransporte aus den eingegliederten deutschen Ostgebieten, bzw. Wien, in das Generalgouvernement eingestellt werden. Die Operationsabteilungen des deutschen Generalstabes, wünschten für ihre Aufmarschpläne gegen Rußland in den Bereitstellungsräumen,

freie Hand zu haben, und durch keinerlei sonstige Transportbewegungen gestört zu werden. Müller unterzeichnete den entsprechenden Einstellungsrunderlaß. /am Rand Ziffer

35/

Im Juli 1941 schickte Göring, in seiner Eigenschaft als Reichsmarschall, als Beauftragter für den Vierjahresplan und als Vorsitzender des Ministerrates für die Reichsverteitigung(sic), an Heydrich eine Bestallungsurkunde, die ihn ermächtigte alle erforderlichen Vorbereitungen in organisatorischer, sachlicher und materieller Hinsicht, für eine Gesamtlösung der Judenfrage im deutschen Einflußgebiet in Europa zu treffen. Er wünschte diesbezüglich in Bälde einen Gesamtentwurf vorgelegt zu erhalten. /am Rand Ziffer 36/ Die Bemühungen Heydrichs, den euroäischen Auftrag zu erhalten, hatte(sic) insoferne ihre Schwierigkeiten, als sein diesbezüglicher Nebenbuhler, der deutsche

/209-210/

AE: 143 a

Reichsaußenminister, auf diesem Gebiete ohne jeden Zweifel, seine nicht abzusprechenden federführenden Zuständigkeiten nachweisen konnte. Es hatte zwischen Heydrich und Ribbentrop ohnedies schon genügend Mißtrauen gegeben, seit der Madagaskarplan wieder einmal aktuell wurde. /Zusatz von Seite gegenüber: 143a Obwohl mir aus eigener Erfahrung bekannt ist, wie sehr die Zentralinstanzen bemüht waren, auf ihrem Gebiet auch sämtliche Zuständigkeiten im Falle einer Madagaskar-Verwirklichung in ihre Hände zu behalten, so habe ich nie etwas davon gehört, daß der Chef der „Kanzlei des Führers“, Philip Bouhler, zum gouverneur dieser Insel vorgeschlagen worden wäre, noch daß irgend jemand aus der Kanzlei des Führers, hier unmittelbare diesbezügliche Wünsche oder Hoffnungen hatte. Es war dieses ausschließlich ein Kampf zwischen Heydrich und Ribbentrop. Die anderslautende Darstellung des Oberdienstleiters Brack von der "Kanzlei des Führes“, die er im Jahre 1947, in Nürnberg abgab, ist sicherlich nur aus Verteitigungsgründen(sic) abgegeben worden. Hingegen weiß ich mit Sicherheit, daß es insbesonders die „Kanzlei des Führers“ war, welche laufend Verschärfungspunkte eingebaut wissen wollte und daß sie es war, welche meine ursrpngliche Madagaskar-Konzeption umkrempelte. Bouhler hat im Mai 1945 in Zell a/See im Salzburgischen (Österreich) Selbstmord begangen und Brack wurde 1948 in Landsberg hingerichtet./ Heydrich jedenfalls brachte seine Zuständigkeitsrechte für diese Madagaskarlösung durch eine schriftliche Versicherung der hierfür zuständigen Reichsspitze, Göring, zu erhalten und bekam sie. Von der diesbezüglichen Idee Heydrichs, bis zur vollzogenen Unterschrift, vergingen Monate. Es ist falsch, annehmen zu wollen, daß derartige Vollmachten gewissermaßen im Schnellverfahren so zwischen Tür und Angel erledigt wurden. Heydrich mußte hier erst seinen Boden präparieren. Wochen später erst, wurde das Madagaskarprojekt durch den deutschen Botschafter in Paris, Abetz, der neue Vorschläge machte, endgültig zu Grabe getragen. Doch davon soll später die Rede sein, wenn ich auf Frankreich zu sprechen komme. Aber diese Göring´sche Formulierung paßte auch afu den neuen Pariser Vorschlag, os daß sie keinerlei Änderung zu erfahren brauchte. Offiziell wurde das Madagaskar-Projekt erst Anfang 1942 zu den Akten gelegt. Im Herbst 1941, genauer gesagt, ab Oktober, wurde das Deportationsprogramm, welches

/211/

AE: 144

durch die militärischen Operationsvorbereitungen zum Feldzug gegen Rußland unterbrochen werden mußten, von oben wieder angekurbelt und die Wiederinangriffnahme befohlen. Die erste Welle bestand aus zusammen 20.000 Juden aus Berlin, Wien, Prag, Köln, Hamburg, rankfurt, Düsseldorf und Luxemburg. Mein Referat erhielt die Deportierungsstätten, die Zahlen der aus diesen Bereichen zu deportierenden uden, und den Termin genannt. Es wurde befohlen wer deportiert werden mußte und welche Personenkategorien nicht evakuiert werden durften. Himmler selbst befahl sogar den Umfang des zuzulassenden Gepäckes. Als Aufnahmeort hieß es, besetzte russische Gebiete oder Litzmannstadt; eine Konzession an die fahrplantechnisch zustüändige Behörde, also an das Reichsverkehrsministerium. Es war dies das erste und auch gleichzeitig letzte mal, daß eine solche Möglichkeit zugelassen wurde. In alle Zukunft wurde dann stets nur noch eine einzige Zielstation befohlen. Denn folgendes trug sich zu:

Kurz ehvor der Befehl zur Vorbereitung zu dieser ersten großen Judendeportation – wenn von der Deportation aus Stettin Anfang 1940 abgesehen werden soll - ergangen war, kam ich aus dem Befehlsbereich Globocnigg, aus Lublin zurück. Ich sah dort die Vorbereitungen

/212-213/

AE: 145

zur Judentötung. Ich hatte auch von den Erschießungen in den besetzten russischen Gebieten gelesen. Wenngleich ich der Annahme war, daß den Juden aus dem Reich nicht das gleiche Schicksal zugedacht wurde, - ich glaubte dies aus dem Inhalt der befohlenen Richtlinien zu entnehmen -, so wußte ich aber ganz bestimmt, daß im Großghetto Litzmannstadt, bisher von solchen Dingen überhaupt noch keine rede war. Also wurden die Fahrpläne für Zielstation Litzmannstadt zurecht gemacht, und seitens des Reichsverkehrminiseriums erstellt. Dem voraus aber mußte die Einverständniserklärung des zuständigen Hoheitsträgers über Litymannstadt eingeholt werden. Ich verhandelte mit dem zuständigen Mann des Regierungspräsidenten Übelhör /Schreibung des Namens auf Seite gegenüber verdeutlicht/. Mit welchen kleinen Tricks ich sein halbes oder dreiviertel Einverständnis erzielte, weiß ich heute nicht mehr. Es ist wahr, daß ich den alleine darüber verfügenden Regierungspräsidenten persönlich nicht aufsuchte, da mir seine ablehnende Einstellung, Juden aufnehmen zu wollen, bekannt war. Der Fahrplan war fertig; vielleicht war sogar schon ein Zug in das Ghetto angekommen, ich weiß dies heute auch niciht mehr; da schrieb Übelhör ein geharnischtes Fernschreiben an das Reichsinnenministerium und andere Zentralinstanzen, beschwerte sich über

/214/

AE: 146

mich, daß ich wie durch „Roßtäuscher oder Zigeunermethoden“ überfahren hätte und verlangte Einstellung der Transporte und meine Bestrafung. Die Sache ging bis zu Himmler, nachdem sich auch das Heeresoberkommando auf Seite des Regierungsprasidenten mit einschaltete, da es für die Rüstungsindustrie angeblich bangte, welche im Ghetto aufgezogen wurde; sie verlangten, die Juden sollten nach Warschau transportiert werden. Himmler schrieb dem Oberkommando, daß es dabei bleibe und Heydrich teilte dem Regierungspräsidenten mit, daß die Juden nach Litzmannstadt kämen, und daß ferner eine Bestrafung meiner Person nicht erwogen werde, da ich Befehl hatte. Aber wie gesagt, in Zukunft wurde mir nie wieder die Wahl zwischen einigen Zielstationen überlassen, sondern sie wurden in der knappen militärischen Form, wie das übrige auch, befohlen. (am Rand Ziffer 37/

Ende Oktober bereits folgte solch ein nächster Befehl, nämlich 50.000 Juden aus dem Gebiet des Großdeutschen Reiches einschließlich dem Protektorat Böhmen und Mähren in die Gegend von Minsk und Riga zu schaffen. Die Akion sollte bis Ende November abgeschlossen sein. /am Rand Ziffer 38/ Aber einmal begann sie verspätet und die Zahl betrug 30.000

/215/

AE: 147

Hier also wurden neben der Anzahl, Deportationsgebiete, und Termin innerhalb welcher die Deportation durchgeführt sein muß, auch das Aufnahmegebiet genauest befohlen. Es war dies die zweite große Evakuierungswelle aus dem eigentlichen Reichsgebiet. Ich habe im Quellenverzeichnis auch ein Dokument mit angeführt, welches als Beweisstück der Anklage dem Gericht vorgelegt wurde, und sich unter anderen mit dieser Deportation befaßt, aber ich muß dazu sagen, daß mich der Inhalt desselben befremdet, so wie ich es schon bemerkte, als ich die Gründung des Theresienstädter Ghettos behandelte. Denn erstens zeigt das Dokument keinen Briefkopf auf, keine Buchnummer, kein Signum, keine Unterschrift oder Dienstsiegel. Wer es geschrieben hat, ist also nicht ersichtlich.

Bei dieser Gelegenheit komme ich auf ein anderes merkwürdiges Dokument zu sprechen. Das sogenannte „Wetzel-Schreiben“. Dr. Wetzel war Amtsgerichtsrat. Er machte in den Jahren 1941 auf 1942 im Rosenberg´schen Ostministerium Dienst, in einer juristischen Abteilung. Es existiert ein Dokumentensatz, der folgendermaßen aussieht:

Eins.)

ein handschriftlicher Entwurf

Zwei.)

ein maschinengeschriebener Klartext

Drei.)

ein maschinengeschriebner Entwurf

Vier.)

ein maschinengeschriebenes Schreiben an eine Dienststelle des

Ostministeriums. Keines der vorgenannte Dokumente trägt eine Unterschrift oder Signum.

/216/

AE: 148

Der Briefentwurf, Entwurf und Klartext gehen zurück auf den handschriftlichen Entwurf. Demzufolge hätte Dr. Wetzel mit dem Oberdienstleiter Brack von der „Kanzlei der Führers“ verhandelt, wegen der Vergasung der Juden. Es steht nicht so deutlich geschrieben, aber es ist der unmißverständliche Sinn. Es sind einige Wortlücken freigelassen, manche Wortreste nur angedeutet. Ich weiß nciht, wie das Original dieses Entwrufes aussieht, ich hatte nur eine nicht immer deutliche Ablichtung vor mir. Aber unschwer ist unter dem Vergrößerungsglas zu erkennen, daß niemals mein Name und Dienstgrad, sowie Dienststelle geschrieben sind, wie dies der Klartext dann plötzlich verzeichnet. Ich habe es vor Gericht als ein einwandfreies Falsifikat, wenigstens soweit es mich betrifft, bezeichnet und die Empfehlung anheimgestellt, das Original oder die Ablichtung durch einen Fachmann untersuchen zu lassen. Abgesehen davon, habe ich nie über solche Dinge verhandelt. Auf diese Art hatte sich die Literatur in den letzten 1 ½ Jahrzehnten dieser Sache angenommen und man konnte dann lesen wie: „ Vorschlag Eichmann, Vergasung der Juden, u.ä.m.“ So also kommen Märchen zustande. /der folgende Satz, einschließlich einiger Wörter auf der neuen Seite, unleserlich gemacht/

/217/

AE: 149

Die israelische Polizei hat mir fairerweise diesen handschriftlichen Entwurf ebenfalls vorgelegt; ohne diesen hätte ich heute keine Möglichkeit gehabt, die zwar nicht signierten, gesiegelten oder unterschriebenen Schreiben, welche eben

nur maschinengeschriebene Entwürfe darstellen, zu entkräftigen, insoweit es sich um meine Person handelt. /am Rand Ziffer 39/ Es kann nicht anders sein, als daß irgend jemand, lange ehvor die israelischen Behörden diese Dokumente besaßen – ich nehme an, in den ersten Nachkriegsjahren – zu solch einer merkwürdigen Handlung schritt.

/die ersten 3 Zeilen des neuen Abschnitts gestrichen, noch lesbar: Heydrich hatte bekanntlich durch Göring im Juli 1941 die Vollmacht erhalten, die europäische Judenfrage „in einer den/

Heydrich hatte von Göring den Auftrag, alle erforderlichen Vorbereitungen für eine Gesamtlösung der Judenfrage, im deutschen Einflußgebiet in Europa zu treffen. Als Auftakt plante er eine Besprechung mit allen Staatssekretären, der in Frage kommenden Zentralinstanzen. Himmler hatte zwar für die besetzten russischen Gebiete gemäß des Hitler- Befehles, den ich aus Heydrichs Munde vernahm, die physische Vernichtung der Juden bereits seit Monaten anlaufen lassen. Und eben hatte ein Spezialkommando im Warthegau auch schon damit angefangen. Auch Globocnigg

/218/

AE: 150

bereitete, im Generalgouvernement die Vernichtung der Juden gemäß der Befehlsgebung Hitler-Himmler, vor. Der Madagaskarplan war tot. Und am 20. Januar 1942 fand unter Heydrichs Vorsitz im Gebäude der „Internationalen-Kriminalpolizeilichen-Kommission“, Am Großen Wannsee bei Berlin die Mehrmals verschobene Besprechung statt. Ich hatte mit einer Stenotypistin das Protokoll zu erledigen, nachdem ich schon Wochen vorher, Heydrich, das für seine Rede benötigte zahlenmäßige Unterlagenmaterial besorgen mußte. Der Staatssekretär des Reichsinnenministeriums, Dr. Stuckart, der sonst so vorsichtige und abwägende Beamte, ging an diesem vormittag sehr forsch an das Werk, indem er knapp und formlos erklärte, die „Zwangssterilisierung“ und die gesetzlich noch zu erlassende Anordnung „Mischehen sind geschieden“, sei die einzige Lösungsmöglichkeit des Mischehen- und Mischlingsproblems. Auch Luther vom Auswärtigen Amt, der äußerst aktive Unterstaatssekretär Ribbentrops, brachte zu Heydrich(sic) Staunen seine Wunschliste vor, aus der die Bedenkenlosigkeit des Auswärtigen Amtes, Deportationen aus den beeinflußten Ländern Europas durchzuführen, klar hervorging.

/219/

AE: 151

Der Staatssekretär Bühler trug Sorge, man könne bei dieser Gelegenheit das Generalgouvernement, in dessen Regierung er saß, stiefmütterlich behandeln und bat darum, mit dem Generalgouvernement zu beginnen. Denn einmal seien die Juden seines Gebietes als Seuchträger zu bezeichnen und zum anderen stünden weder arbeitseinsatzmäßige Gründe, noch Transportschwierigkeiten einer Umsiedlung hindernd im Wege. Es nahmen ferner teil, der Chef des Rasse- und Siedlungshauptamtes SS-Gruppenführer Hoffmann, Gauleiter Dr. Meyer, der Präsident des Volksgerichtshofes, damals als Staatssekretär für das Reichsjustizministerium, Dr. Freisler, der bevollmächtigte Vertreter der Parteikanzlei und andere mehr. Seitens der Polizei waren außer Heydrich und Müller als Amtchef IV des Reichssicherheitshauptamtes, noch die Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD, Dr. Schöngarth nd Dr. Lange vertreten. Dachte Heydrich, durch eine wohlgesetzte Rede überzeugend wirken und wie die Praxis es bislang zeigte, gegen allfällige Bedenken und Vorbehalte Stellung

nehmen zu müßen, so konnte auf dieser Konferenz das gerade Gegenteilige festgestellt werden. In seltener Einmütigkeit und freudiger Zustimmung, forderten diese Staatssekretäre ein beschleunigtes Durchgreifen. Und es war die sachbearbeitende, federführende Prominenz, welche sich zur Beschlußfassung hier versammelt hatte. Und ihre Entscheidungen waren endgültig,

/220/

AE: 152

denn sie waren von ihren Ministern und Chefs, bevollmächtigt, nicht nur bindendes Einverständnis zu erklären, sondern teilweise sogar, über von Heydrich

Erhofftes, hinauszugehen. Und es wurde eine offene, unverblümte Sprache gesprochen. Wenn ich so, als Protokollant dieser seinerzeitigen Staatssekretärbesprechung, hier in Israel erstmalig die Aussagen der verschiedenen an dier Konferenz teilgenommenen Größen studierte, die sie nach 1945, in eben derselben Sache von sich gaben, und wenn ich ferner die Aussagen ihrer Chefs in jenen Zeiten lese, dann muß ich nur sagen, daß es ebenfalls zum Staunen ist, wie wenig Mut diese ehemaligen Befehlsgeber, aufbrachten. Und solchen Kadetten hatte man Gehorsam bis in den Tod geschworen! Es waren in Wahrheit doch alles kleine, billige, armselige Geister ohne jeden Charakter. Geister, denen lediglich das Lametta ihrer hohen Dienstgrade oder die Durchschlagsmöglichkeit ihrer Dienststellung, in den Tagen ihres Glanzes, das nötige Auftreten und die Haltung verlieh. Aber hätte ich dies alles schon damals im Herbst 1939 erkannt, es hätte mir solches ebenso wenig genützt, wie auch anderen. Die Zivilisten in den Ämtern, freilich, die

/221-222/

AE: 153

hatten es leichter Der Uniformträger hatte nur zu gehorchen. /am Rand Ziffer 40/ Das Protokoll dieser Konferenz war lang, obgleich ich das Unwesentliche nicht einmal hatte stenographieren lassen. Heydrich arbeitete mit seinem Blaustift und ließ zum Schluß nur noch einen Extrakt gelten; den hatte ich zu bearbeiten und er wrude dann nach weiteren mancherlei Änderungen durch Heydrich, an die nichtsicherheitspolizeilichen Teilnehmer der Konferenz, als „Geheime Reichssache“ zur Absendung gebracht. Die von Stuckart abgegebenen Erklärungen, er plädiere für Zwangsscheidung und Zwangssterilisierung waren neue Tatbestände, in einer Schärfe, wie sie selbst Heydrich überraschen mußten. Die Art und Weise der bürokratischen Bearbeitung im Hinblick auf die Detailregelung war noch unklar. Es wurde daher seitens der Konferenzteilnehmer besprochen, daß in Zeitkürze eine Besprechung der Sachbearbeiter der zuständigen entralinstanzen in den Räumlichkeiten meines Referates, in der Kurfürstenstraße 116, stattzufinden habe. Sie hätte ebenso gut im Amte II des Reichssicherheitshauptamtes /Zusatz von Seite gegenüber: als die für juristische Dinge zuständige Dienststelle der Sicherheitspolizei – und wie die okumente es zeigten, sich auch mit Judenangelegenheiten befaßte, die mit Juristerei kaum oder schon gar ncihts mehr zu tun hatten - / stattfinden können; obzwar sie in der Prinz-Albrechtstraße reichlich wenig Platz hatten. Die Wannseekonferenz selbst wurde aus diesem Grunde auch nicht in der Heydrich´schen Zentrale der Albrechtstraße abgehalten. Außerdem fanden in jener Zeit umfangreiche Umbauten im Innern

/223/

AE: 154

des Hauses statt. Es war ja ein Haus mit hundert Winkeln und Ecken, noch aus der alten Kaiserzeit stammend, und für einen modernen Behördenapparat kaum noch

geeignet. Den Diensträumen der Amtchefs, insonderheit aber denen des Chefs der Sicherheitspolizei, wurden durch Innenarchitekten der Stil der neuen Zeit aufgeprägt. Ich fand ihn schön, weil er einfach und sauber war.

Diese Besprechungen hätten ebenso gut aber auch im Innenministerium oder in der Parteikanzlei, dem Auwärtigen Amt, oder selbst wieder am Wannsee stattfinden können. Warum Heydrich gerade meine Dienststelle dazu bestimmte, weiß ich nicht. Aber er bestimmte es jedenfalls so. Denn daß ich sachlich nicht damit befaßt worden bin, zeigt die erste diesbezügliche Sitzung am 6. März 1942. Weder ich, noch irgendeiner der Angehörigen meines Referates, hatte daran teilgenommen. Das Besprechungsprotokoll mit der Anwesenheitsliste, zeigte dies deutlich. Der für diese Fragen zuständige Referent im Reichsministerium des Innern, Regierungsrat Dr. Fledscher erläuterte im einzelnen die Meinung seines Staatssekretärs, bezüglich seines am 20. Januar gemachten Vorschlages. Es war eine reine Angelegenheit der Juristen des Innenministerium, der Parteikanzlei, des Auswärtigen Amtes, der Reichskanzlei, des Rassepolitischen Amtes der NSDAP, des Rasse und

/224/

AE: 155

Siedlungshauptamtes, des Amtes II des Reichssicherheitshauptamtes, des Propagandaministeriums und der anderen zentralen Behörden. Diese Besprechung endete mit dem Einverständnis aller Anwesenden, jedoch Beschlüße wurden nicht gefaßt, da die Teilnehmer ja nur Referenten, ohne Entscheidungsbefugnisse waren. Am 27. Oktober des gleichen Jahres fand eine weitere Besprechung statt, mit ungefähr demselben Teilnehmerkreis. Diesmal war auch ich zugegen und mit mir, einige Herren meines Referates. Auch anläßlich dieser Besprechung wurde lediglich geredet; gelöst wurde ichts. Die Protokolle zeigen es einwandfrei auf. Es war und blieb auch jetzt eine Angelegenheit der Juristen. Mein Dezernat hatte den bürokratischen Kram der Protokollerstellung und der Einladung zu besorgen. Es ist auch ganz klar; Aufgabe der Polizei ist es nicht, Erkenntnisse zu gebären, oder Sterilisationsmaßnahmen durchzuführen, auch nit den Gesetzestext im Hinblick auf Zwangsscheidung zu erbrüten. Dies ist Aufgabe der zuständigen Ministerien, der verschiedenen zentralen Behörden und Ämter. Niemals aber Angelegenheit der Polizei. Auch in dieser Konferenz, /2 Zeilen einschließlich eines Wortes auf der folgenden Seite unleserlich gemacht/

/225/

AE: 156

wurden die Ergebnisse der Planung der Staatssekretäre weder geändert, noch weiterentwickelt. Das Ergebnis auch dieser Konferenz war nicht die Anordnung der Durchführung der geplanten Maßnahmen. Es kam überhaupt nie dazu. Es hatte sich irgendwie totgelaufen. Auch war ich weder mit der Planung noch mit der Durchführung von Sterilisationsmaßnahmen befasst; es wurden auch keine Maßnahmen zur Geburtenverhinderung festgelegt. Das Protokoll selbst läßt darüber hinaus keinerlei Schluß zu, daß beispielsweise ich aktiv an dieser Besprechung teilgenommen hätte. /am Rand Ziffer 41/ /anderthalb Zeilen unleserlich gemacht/ Ich lese in Reitlingers „Endlösung“, im siebenten Kapitel, auf Seite 195: „… Tatsächlich hat sich in diesem Allerheiligsten der Endlösung – wo nicht einmal die Gestapo ohne Bewilligung Zutritt hatte – ein Zusammenstoß zwischen den Zivilisten und der SS zugetragen. Gottfried Boley, der Hans Lammers und die Reichskanzlei vertrat, erklärte in Nürnberg, daß einige der Anwesenden dem Machtanspruch der Gestapo entgegentraten, besonders als einer von Eichmanns Bluthunden ausgeplaudert hatte, daß die Gestapo Verzeichnisse der Halbjuden führe, um sie des heimlichen Abhörens von feindlichen Rundfunksendungen und ähnlicher Dinge beschuldigen zu können.“ (Reitlingers Quellen: Prozess XI No 2419, XI NG 2586-J und No 2419 Affidavit Gottfried Boley)

Ich kann dazu nur sagen,

/226/

AE: 157

daß bei den Besprechungen stets größte Einigkeit herrschte. Bezüglich der ersten Sitzung weiß ich es nicht aus eigener Erfahrung, bestimmt aber im Hinblick auf

die zweite Konferenz. Und man kann es mir auf das Wort glauben, daß wenn es zu einem Zusammenstoß auf meiner Dienststelle zwischen den beteiligten Instanzen gekommen wäre, ich das Recht des „Hausherren“ in Anspruch genommen haben würde, die Ordnung hätte ich sicher sofort wieder hergestellt. Aber nichts, rein gar nichts derartiges passierte. Und als weiteren Beweis dafür, daß Herr Boley offensichtlich nur ein flotter Erzähler war, noch dieses:

Ein Legationsrat vom Auswärtigen Amt schrieb an das Reichssicherheitshauptamt, zu meinen Händen, oder Vertreter im Amt, am 17. Februar 1943, also 3 ½ Monate später, ich mochte eine listenmäßige Erfassung der im Deutschen Machtbereich ansäßigen fremden Staatsangehörigen „jüdischer Rasse“ vornehmen. Darauf teilte ich ihm am 24. Februar fernmündldich mit: „daß es mir nicht möglich ist, der vorgetragenen Bitte des Auswärtigen Amtes zu entsprechen, da die listenmäßige Erfassung dieser Personen nicht kriegsentscheidend sei, und ich daher kein Personal für diese Arbeiten abstellen kann.“ Am 26. Februar kam ein weiterer Brief des Auswärtigen Amtes an meine Dienstbehörde, in der(sic) es u.a. heißt:

/227-228/

AE: 158

„… Die von Ihnen mündlich vorgetragenen Argumente erscheinen daher zur Begründung der Ablehnung der vom Auswärtigen Amt vorgetragenen Bitte nicht ausreichend.“ /am Rand Ziffer 42/ /ein paar Wörter gestrichen, ersetzt durch Text von Seite gegenüber: Das Auswärtige Amt hatte also, wie man sieht das Recht und die Befugnisse/ der Polizei ohne weiteres solche Auflagen zu machen; und es erhellt dies auch ein weiteres Schreiben des Auswärtigen Amtes vom 27. Februar 1943 an seine Dienststelle in Brüssel mit: „… Das Auswärtige Amt teilt dem Reichssicherheitshauptamt jeweils mit, wenn gegen die Anwendung der allgemeinen Judenmaßnahmen auf fremde Staatsangehörige keine Bedenken bestehen. Dies ist hinsichtlich der italienischen Juden noch nicht geschehen. Es ist jedoch nach Ablauf des 31. März hiermit zu rechnen.“ /am Rand Ziffer 43/ Ich hatte eigentlich vorgehabt, diese Schreiben des Auswärtigen Amtes erst später zu behandeln, aber durch die Boley´sche Aussage – auf die ich gleich wieder zurückkommen werde – nahm ich sie jetzt schon vor und muß damit gleich noch eine andere Urkunde besprechen, auf die man in anbetracht der Tatsache, daß ich zehn Jahre in Argentinien lebte, große Bedeutung legte. Es ist ein von mir „im Auftrage“ unterschriebenes Fernschreiben vom 27. Januar 1944, herausgegeben als Runderlaß, mit der Weisung, alle Juden argentinischer Staatsangehörigkeit festzunehmen und sie in das Interniertenlager Bergen-Belsen (nicht

/229-230/

AE: 159

zu verwechseln mit dem Konzentrationslager Bergen-Belsen) zu überführen. Ich weiß nicht, wann Argentinien damals Deutschland den Krieg erklärte, es ist auch völlig unwichtig, obzwar ich glaube, daß sie diese Maßnahme auslöste. Ich habe dazu den Befehl gehabt, eine solche Weisung, „im Auftrage“ ausgehen zu lassen. Aber was wichtig in diesem Zusammenhang ist, daß solches auch nicht mein Amtchef, oder der Chef der Sicherheitspolizei und des SD, anordnen konnte, sondern das Auswärtige Amt, wie solches dessen angeführtes Schreiben vom 27. Februar 1943, einwandfrei bestätigt. /am Rand Ziffer 44/

/Zusatz von Seite gegenüber: Man sieht also, daß es richtig ist, wenn ich sagte, die Polizei selbst hat nichts zu „gebären“, sondern sie bekam von den Ministerien ihre Weisungen./ Und um auf die Boley´sche Erzählung zurückzukommen: Wenn also dem Auswärtigen Amt solche Schwierigkeiten bereitet werden mußten gezüglich der Anlegung von Listen bestimmter Judenkategorien, dann wird man es mir wohl glauben, daß wir 3 ½ Monate vorher, also zur Zeit der Herbstkonferenz ganz bestimmt keine Verzeichnisse der Halbjuden gehabt haben können. Es wurde eben damals in Nürnberg recht viel geschwätzt, was den Tatsachen nicht entsprach. /weiterer Zusatz von der Seite gegenüber: Der Legationsrat Dr. Grell bestätigte dies auch noch im Jahre 1961, in einer Zeugenaussage in Deutschland./ Nun gut, Boley war auch kein Befehlsgeber. Wer will es ihm verübeln. Dokumente lagen um jene Zeit kaum vor. Also konnte man munter drauf los reden.

/231-232/

AE: 160

/gleich oben auf der Seite Zusatz von gegenüber, Seite 160a:

Richtig ist, daß wenn Einzelerhebungen befohlen wurden, diese auch polizeilicherseits durchgeführt wurden. Und wenn solche von besonderer

„Reichswichtigkeit“ waren, hatte diese Eruierungstätigkeit auch vom Referat des Richssicherheitshauptamtes geführt zu werden. Ich erinnere mich noch der vielen Arbeit, welche ich mit einer ganz besonders geheim zu haltenden Ermittlungstätigkeit hatte, nämlich die Abstammung der „Diätköchin des Führers“, zu bearbeiten. „Mit größter Beschleunigung unter Beteiligung eines möglichst geringsten Personenkreises“ so lautete der Befehl. Das Ende vom Lied war, daß die Diätköchin, nach den Nürnbergergesetzen, „zweiunddreißigstel“ Jüdin war. Das war damals dermaßen aufregend, daß mein Chef sämtliche in dieser Angelegenheit angelaufenen Akten, samt Nebenakten von mir verlangte. Ich habe nie mehr etwas darüber gehört. Nur das eine, daß Hitler kurz vor seinem Tode seine „Diätköchin“ ehelichte. Es war Eva Braun./ Und weil ich schon dabei bin, Aufklärungen zu geben noch dieses: Die Bemerkung Reitlingers „… wo nicht einmal die Gestapo ohne besondere

Bewilligung Zutritt hatte

nach dem Kriege, wo einige ängstliche Herren glaubten, sich mit solchen Hinweisen eine Art Alibi zu verschaffen. Ich kann dazu nur bemerken, daß wenn Herren wie Boley, einer der „Teilnehmer von elf Ministerien und Ämter“(Reitlinger „Endlösung“ Seite 195) Zutritt hatten, diesen auch alle Angehörigen der Sicherheitspolizei haben mußten, ja darüber hinaus kamen ja im Rahmen des allgemeinen Parteienverkehrs alle möglichen Personen zu Vorsprachen und Auskunftseinholung, egal ob es der damalige Pfarrer Grber war, der heutige Probst zu Berlin, der solches selbst noch während des Prozesses gegen mich hier in Israel als Zeuge der Anklage bestätigte, daß er auf meiner Dienststelle zwecks Interventionen war, oder die hunderte und aberhunderte von anderen Personen, Juden und Nichtjuden. Ich kann ruhig sagen Tausende mögen es in all den Jahren gewesen sein. Von den Reisepaßantragstellern zwecks auswanderung ganz zu schweigen, denn dieses hörte im Oktober 1941 auf, weil Himmler das Verbot der Judenauswanderung erlassen hatte. Aber man kann sich dieserhalb ja auch beim damaligen evangelischen Oberkirchenrat oder

"“stammt

auch aus Zeugenaussagen aus der Zeit, kurz

/233/

AE: 161

bei dem „ständigen Geschäftsführer der Fuldaer Bischofskonferenz“ erkundigen, der häufig bei mir vorsprach. Er war damals im Bischofsrang. Ferner beweisen hier als Dokumente vorliegende Geschäftsverteilungspläne, daß ich ab einer

gewissen Zeit nicht einmal mehr mit meinem Referat alleine in dem Dienstgebäude in der Kurfürstenstraße untergebracht war, sondern zwei weitere Referate, mit denen ich nichts zu tun hatte, dort ebenfalls eingewiesen wurden. /am Rand Ziffer 45/ Also, wie man sieht, es wurde wirklich das Blaue vom Himmel herunter geschwätzt; und wollte ich alles, was die Publizistik an derartigem Kohl für bare Münze nahm, aufklärend bearbeiten, dann müßte ich einige Sekretäre zur Verfügung haben. Zu den staatspolizeilichen Tätigkeiten des Amtes IV, des Reichssicherheitshauptamtes, ganz besonders aber mein Referat betreffend, muß ich generell feststellen, daß das Erkennen wer zu behandeln ist und was zu unternehmen ist, nicht seitens des Amtes IV fixiert wurde. Soweit es sich um Volkstums- oder Rassefragen handelte, waren dies innerhalb der Sicherheitspolizei und des SD, vornehmlich das Amt III, unter Umständen gegebenenfalls auch das Amt VII; ferner das Rassepolitische Amt der NSDAP, das Rasse und Siedlungshauptamt, das Reichsinnenministerium das Auswärtige

/234/

AE: 162

Amt, die Parteikanzlei, die Reichskanzlei, der Reichsführer SS, und viele andere mehr. Hier wurde alles federführend bedacht, besprochen, aufgestellt, genehmigt; von den Chefs der zentralen Instanzen verabschiedet unter Beteiligung aller daran interessierten Stellen, um dann als Weisugnen, Richtlinien und Verordnungen, dem Amte IV des Reichssicherheitshauptamtes, zur polizeilichen Durchführung zugeleitet. Wie in allen Ländern, so hatte auch in Deutschland die Polizei diesbezüglich nicht aus sich heraus entscheidend zu bestimmen, sondern sie hatte ihre Weisungen und Befehle, denen gemäß sie verfahren mußte. Ich maße mir mangels Durchschau nicht an, hier für das ganze Geheime Staatspolizeiamt zu sprechen; insoweit aber es sich um meine ehemalige Tätigkeit in diesem Amte handelt, und bezüglich des Sektors, den ich zu bearbeiten hatte, kann ich dies um so bestimmter tun. Etwa eintausendsechshundert Dokumente, welche mir in Israel vorgelegt wurden, zu denen ich Stellung hame und die zu einem großen Teil dem Gericht als Beweisstücke, sowohl seitens der Anklage, als auch druch die Verteitigung(sic) eingebracht wurden, erhärten diese meine Feststellung, ohne jeden Zweifel.

/235/

AE: 163

Im Frühjahr 1942 erhielt ich von meinem unmittelbaren Vorgesetzten, dem Generalleutnant der Polizei, Müller den Befehl nach Auschwitz zu fahren und ihm über das Vorgehen des Kommandanten des Konzentationslagers Auschwitz, gegen die Juden, zu berichten. – Höß, der Kommandant sagte mir, daß er mit Blausäure, töte. Runde Pappfilze waren mit diesem Giftstoff getränkt und wurden in die Räume geworfen, worin die Juden versammelt wurden. Dieses Gift wirkte sofort tötlich. Die Leichen verbrannte er auf einem Eisenrost, im Freien. Er führte mich zu einer flachen Grube, worin eine große Anzahl von Leichen gerade verbrannt wurden. Es war ein grauenhaftes Bild, daß(sic) sich mir darbot. Nur durch dem(sic) Rausch und die gewaltigen Flammen gemildert. Er benützte zur Verbrennung irgend ein Öl. Ich nehme davon Abstand, auch hier wiederum meine damaligen Gedanken und Überlegungen zu schildern, den(sic) einmal möchte ich nicht einen allfälligen Vorwurf hören, daß es im Nachhinein billig wäre, dieserhalb Konstruktionsversuche zu machen und zum anderen hatten ja meine

Versetzungsgesuche keinerlei Erfolg, so daß mir in diesen Dingen ein Beweisantreten nicht leicht ist. Wenngleich

/236-237/

AE: 164

mir meine Verteitigung(sic) mitteilte, daß der Zeuge Dr. Stöttel in Österreich, sich dessen gut entseinne, daß ich dauernd um Versetzung zur allgemeinen Polizeiverwaltung nachsuchte. So war es auch. /Weiterer Abschnitt auf Seite gegenüber, gestrichen, aber noch lesbar: Und zum dritten nehme ich an dieser Stelle deswegen jetzt keine weitere Stellung, da ich an einem anderen Punkt meiner Betrachtungen auf das Grundsätliche der Sache noch zu sprechen komme./ Erbärmlich sind die Unwahrheiten, welche Höß über mich nach 1945 aussagte. Aber sie sind als solche, zum Teil durch seine eigenen Aussagen, da er an anderer Stelle, anders berichtete, leicht zu erkennen, macht man sich die Mühe seine Aussagen zu studieren, dazu die Literatur und die Dokumente als Vergleichsmaterial benützend. So sagte Höß beispielsweise, ich wäre bereits im Juni 1941, kurz nach dem Besuch Himmlers in Auschwitz, bei ihm gewesen, und von mir habe er alle Einzelheiten über die Tötungsmöglichkeiten erfahren. Er spricht, daß ich ihm über das Vergasen mittels Auspuffgase gesprochen habe. Aber daß es eine solche Möglichkeit überhaupt gibt bzw., eine solche in den Köpfen /mehrfach korrigiert, schließlich auf Seite gegenüber verdeutlich: einiger/ SS u. Poliezi enerale schwirtte, erfuhr ich selbst ja zum erstenmal im Spätherbst 1941, als ich bei dem damaligen Generalmajor der Polizei Globocnigg war, der dem General der Polizei und der Waffen SS Krüger, unmittelbar unterstellt gewesen ist. Wenn Höß weiter sagt, daß ich ihm Einzelheiten über die Deportationspläne mitgeteilt hätte; dann kann solches

/238-239/

AE: 165

allerfrühestens um den 20. 3. 1942 gewesen sein, denn um diese Zeit genehmigte der Staatssekretär Weizsäcker /Schreibung des Namens auf Seite gegenüber verdeutlicht/ im Auswärtigen Amt zum ersten mal Deportationen aus Frankreich. Freilich hatte der deutsche Botschafter in Paris, Abetz, dieserhalb bei Hitler und Himmler, vorgebohrt gehabt; aber davon erfuhr auch ich erst im Spätherbst 1941, zum ersten mal. Der erste Deportationsbefehl aus dem Westen, also aus Frankreich und Belgien und Holland, größere Kontingente betreffend, den Himmler über den Amtchef IV erteilte, lag in meinem Referat erst kurz vor dem Juni 1942 vor. Höß hatte die ersten Versuchsvergasungen in Auschwitz aber bereits am 23. Sept. 1941 gemacht, wie aus seinen eigenen Aussagen hervorgeht. Als ich zum ersten mal nach Auschwitz kam, lief die Vergasung bereits. Höß verbrannte die Leichen auf Eisenrosten. Und eben darüber was Höß treibt hatte ich Müller ja zu berichten; dies war ja der Grund, warum er mit den Befehl gab, nach Auschwitz zu fahren. Nach eigener Aussage hatte Höß aber mit dem Verbrennen auf Eisenrosten erst im Sommer 1942 begonnen. Er erwähnt dann ferner, ich hätte ihm gegenüber von Erschießungen im Osten gesprochen. Solches aber hatte ich

/240/

AE: 166

zum erstenmal im Winter 1941/42 erlebt. Ich selbst entsinne mich noch, in Auschwitz blühende Blumen in Gärten, gesehen

zu haben. Es muß also Hochfrühjahrszeit gewesen sein. Höß hat sich um ein ganzes Kalenderjahr, bezüglich meines ersten Besuches – gelinde gesagt – geirrt.

Müller hat mir keinerlei Befehle übergeben, die ich ihm etwa hätte überbringen sollen. Auch keine andere Person gab mir solche oder ähnliche anweisungen. Ich selbst habe ihm nie einen Vorschlag über die technische Durchführung einer Vergasung gemacht; im Gegenteil, ich war heilfroh, wenn ich von solchen Sachen nichts hören und sehen brauchte. Ich hatte weiter nichts mit diesen Dingen zu tun, als jene elenden Befehle auszuführen, die mir mein Chef erteilte, weil er über alle diese Maßnahmen präzise informiert sein wollte. Höß unterstand auch nicht dem Reichssicherheitshauptamt, sondern – wie die Dokumente es haarscharf beweisen – den SS-Verwaltungs- und Wirtschaftshauptamt. Er bezog daher auch von dort seine Befehle. Seine unmittelbaren Vorgesetzten waren der SS-Obergruppenführer und

/241-242/

AE: 167

General der Waffen SS, Pohl und der SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Waffen SS, Glücks. Im übrigen wurde durch Aussagen von Zeugen, wie auch durch eigene Erklärung des Dr. Sigmund Rascher, Leiter der ärztlichen Experimente der Luftwaffe, einem englischen Hauptmann Payne-Best gegenüber von Rascher zugegeben, daß er die Gaskammern erfunden habe, und solches in Auschwitz vorlegte. Hätte ich dieserhalb ach nur im Geringsten mich seinerzeit gewissermaßen mitarbeitend bemerkbar gemacht, dann wäre es mehr als sicher, daß ich von vielen anderen Personen diesbezüglich in den Prozessen nach 1945, genannt worden wäre. Es blieb Höß und zum Tiel Wisliceny vorbehalten, sich solcher unwahrer Behauptungen, auf diesem Gebiete, zu bedienen. /am Rand Ziffer 46/ Dabei benütte Höß zur besseren Glaubwürdigkeit, Untermalungen aus meinem privaten Leben, beziehungsweise Erläuterungen über meine Einstellung, Charkter(sic) und dergleichen. Ganz allgemein gesagt, er versuchte hier die Verantwortung für die Geschehnisse von dem SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt, dem er angehörte, auf die Diensthstellen des Chers der Sicherheitspolizei und des SD, zu verlagern und bediente sich hierbei insonderheit meiner Person. /Zusatz von Seite gegenüber: Es ist ein Unfug, ein SS-Hauptamt gegen das andere ausspielen zu wollen. Natürlich habe ich selbst heute licht reden, denn ich brauche mich ja nur auf die Unzahl der zur Verfügung stehenden Dokumente berufen. Heute gewinnt man diesbezüglich ein klareres Bild, als in den Jahren 1945 bis

1948/

Es erhebt sich letztlich noch die Frage, warum Müller mich, einen

/243/

AE: 168

seiner Referenten, für diese Reisen aussuchte und sie nicht selbst unternahm. Nun, dies mag einmal daran gelegen haben, daß Müller sich kaum von seinem berliner

Büro fortbegab. Er saß wie die Spinne im Netz und die Stärke seiner Stellung beruhte vor allen Dingen darauf, daß er über alles und jedes, bestens informiert war. Zum anderen aber hätte es wie eine Einmischung des Reeichssicherheitshauptamtes in die Angelegenheiten des SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamtes ausgesehen, hätte er als Amtchef des RSHA, diese Fahrten selbst gemacht. –

Die Auswirkungen der Wannseekonferenz, oder wie sie damals amtlich nieß, der Staatssekretärbesprechung am Wannsee, auf die besetzten oder beeinflußten Gebiete in West-, Süd- und Nordeuropa, schilder der zweite Teil dieser Arbeit. Aus dem Reichsgebiet ausschließlich dem Protektorat Böhmen und Mähren, mußten die Deportationen, gemäß der Himmler´schen Befehlsgebung, jetzt mit größter Beschleunigung durchgeführt werden.

Im Generalgouvernement, besorgten dies die örtlichen Behörden der Regierung des Generalgouverneurs. Waren Schwierigkeiten mit dem Reichsverkehrsministerium zu verzeichnen, daß(sic) infolge Waggonmangel oft nur schwer oder gar-

/244-245/

AE: 169

nicht nachkommen konnte dann setzte Himmler, seinen Feldadjutanten und Chef des Persönlichen Stabes den General der Waffen SS Wolff in Marsch, diese Angelegenheiten mit dem Staatssekretüär im Reichsverkehrsministerium Dr. Ganzenmüller, zu erledigen. In einem Schreiben Ganzenmüllers an Wolff vom 28. 7. 1942 heißt es:

„Unter Bezugnahme auf unser Ferngespräch vom 16. Juli, teile ich Ihnen folgende Meldung meiner Generaldirektion der Ostbahnen (Gedob /Schreibung auf Seite gegenüber verdeutlicht/) in Krakau zu Ihrer gefälligen Unterrichtung mit:

Seit dem 22. 7. fährt täglich ein Zug, mit je 5000 Juden von Warschau über Malkimia nach Treblinka, außerdem wöchentlich ein Zug mit 5.000 Juden von Przemysl nach Belzek. Gedob steht in ständiger Fühlung mit dem Sicherheitsdienst in Krakau. Dieser ist damit einverstanden, daß die Transporte von Warschau über Lublin anch Sobibor /Schreibung auf Seite gegenüber verdeutlicht/ (bei Lublin) solange ruhen, wie die Umbauarbeiten auf dieser Strecke, die Transporte unmöglich machen (ungefähr Oktober 1942). Die Züge wurden mit dem Befehlshaber der Sicherheitspolizei im Generalgouvernement vereinbart. SS- und Polizeiführer des Distrikts Lublin, SS- Brigadeführer Globocnigg, ist verständigt.“

Darauf antwortete Wolff am 3. August 1942,

/246/

AE: 170

an Ganzenmüller:

„Für Ihr Schreiben vom 28. Juli 1942 danke ich Ihnen – auch im Namen des Reichsführers – herzlich. Mit besonderer Freude habe ich von Ihrer Mitteilung Kenntnis genommen, daß nun schon seit 14 Tagen täglich ein Zug mit je 5000 Angehörigen des auserwählten Volkes nach Treblinka führt und wir doch auf diese Weise in die Lage versetzt sind, diese Bevölkerungsbewegung in einem beschleunigtem(sic) Tempo durchzuführen. Ich habe von mir aus mit den beteiligten Stellen Fühlung aufgenommen, so daß eine reibunslose Durchführung der gesamten Maßnahmen gewährleistet erscheint. Ich danke Ihnen nochmals für die Bemühungen in dieser Angelegenheit und darf Sie gleichzeitig bitten, diesen Dingen auch weiterhin Ihre Beachtung zu schenken.“ /am Rand Ziffer 47/ In Treblinka und Belzek hatte Globocnigg auf Befehl Himmlers und Krügers, Vergasungslager errichtet. Solche und ähnliche Dokumente waren freilich in den ersten Zeiten der Nachkriegsprozesse nicht immer gleich zur Hand. Daher konnte man isch in Nürnberg getrost auf mich ausreden. Heute ist solches nicht mehr möglich. Diese beiden Dokumente sind in Himmlers eigenem Kommadostab aufgefunden worden. Denn das Schreiben Ganzenmüllers ist das Originalschreiben, während die

/247/

AE: 171

Wolff´sche Antwort darauf ein von diesem signierter Durchschlag des Schreibens an Ganzenmüller ist. – Alles Grundsätzliche wurde höeren Ortes ausgearbeitet; und tauchten selbst bei untergeordneteren Arbeiten einmal Schwierigkeiten auf, sofort wurden diese von den Befehlsgebern selbst unmittelbar untereinander, und persönlich behoben. Nur nach 1945, da schob man solches fleißig auf die seinerzeitigen Befehlsempfänger, da atten die ehemaligen Chefs mit solchen Fragen

selbstverständlich gar nichts zu tun, und sie wußten überhaupt von solchen Dingen nicht das Geringste. „Nachher sollte es sich um einen Schimmel und nicht um einen Rappen gehandelt haben.“ Im März 1942 klate das Reichsverkehrsministerium über Unzuträglichkeiten, bei der Benutzung der Örtlichen Verkehrmittel, durch Juden. Es befaßte sich mit einer Neuregelung betreffend der Benutzung der Verkehrsmittel durch Juden, und beabsichtigte diese den Behörden seines Bereiches bekannt zu geben, womit der Chef der Sicherheitspolizei und des SD, einverstanden war. Es bedeutete dies eine weitere Einschränkung, im Vergleich zu einigen bereits herausgegebenen Erlaßen. Zur einheitlichen Linienwahrung mußte nunmehr ein allgemeiner Polizeirunderlaß folgen. Hier hatte mein Dezernat die Wünsche des Reichsverkehrsministerium und des Reichspostministeriums entgegen-

/248-249/

AE: 172

zu nehmen und Heydrich unterzeichnete dann am 24. März 1942 den Ergänzungserlaß. /am Rand Ziffer 48/ /Zusatz von Seite gegenüber: Überall im damaligen deutschen Machtbereich herrschte im Jahre 1942 gewissermaßen Hochbetrieb. Rückschauend könnte man fast in Versuchung geraten zu sagen, es würe wie bei einem Bauern gewesen, der Grobes Wetter ahnend noch schnell seine Ernte unter Dach und Fach zu bringen, sich bemüht. Dazu kam der Tod Heydrichs Anfang Juni 1942 als Folge eines Bombenattentates auf ihn, der die Reichsspitzen in einer bisher ungeahnten Aktivität, auf dem Gebiet der Deportierungen und sonstiger Endlösungsmaßnahmen zeigte. Hitler, goebbels, Himmler, das auswärtige Amt, die Gauleiter, die Staatssekretäre für das Sicherheitswesen, die Parteikanzlei und wie die befehlenden Zentralen alle heißen haben mögen, legten eine unerhörte Durchschlagskraft und ein fanatisches Wollen, mit persönlicher Detailanordnung und laufenden höchstpersönlichen Kontrollen an den Tag. - /

Auf Grund eines Erlaßes Hitlers vom 7. Oktober 1942, dem eine Weisung Hitlers vom 18. August voranging, wurde Himmler die verantwortliche Führung der Partisanenbekämpfung im Generalgouvernement übertragen. Im Zuge der Erledigung dieser Aufgabe erließ Himmler folgende Anordnung:

„Die Kreishauptmannschaft Zamosc wird zum ersten deutschen Siedlungsbereich im Generalgouvernement erklärt. Der Bereich soll die neue gesicherte Heimat werden für

Eins.)

Umsiedler aus Bosnien;

Zwei.)

Gefährdete volksdeutsche Umsiedler aus den besetzten Ostgebieten;

Drei.)

Volksdeutsche und Deutschstämmige aus dem übrigen

Generalgouvernement, die zur Behebung ihrer jetzigen Notlage, aus sicherheitspolizeilichen Gründen in diesen Bereich umgesiedelt werden müßen.

Vier.)

Sonstige Umsiedlergruppen.

Die Gesamtleitung bei der Durchführung dieser Aufgabe liegt in den Händen meines Vertreters im Generalgouvernement, des Höheren SS- u. Polizeiführers im Generalgouvernement, Staatssekretär für das Sicherheitswesen, SS- Obergruppenführer und General der Polizei, Krüger,

/250/

AE: 173

in Zusammenarbeit mit meinen Hauptämtern. Die notwenigen Aussiedlungen von Polen aus dem Bereich führt mein Vertreter im Generalgouvernement in seiner Eigenschaft als Staatssekretär für das Sicherheitswesen durch.

Am 11. Oktober informiert der Leiter der Umwandererzentralstelle Litzmannstadt, die in Zamosc eine Nebenstelle gemäß dem Befehl Himmlers eingerichtet hatte und für die Dauer ihrer Tätigkeit dem Höheren SS- u. Polizeiführer im Generalgouvernement unterstellt war, meinen Vertreter in meinem Referat in einem Erfahrungsbericht über die, durch das Rasse- und Siedlungshauptamt vorgenommene, Einteilung der zu deportierenden Polen in Wertungsgruppen. Gemäß einem Befehl Himmlers vom 3. Oktober und einem weiteren vom Anfang November, wurde bestimmt, daß die zur Wertungsgruppe I und II, durch das Rasse- u. Siedlungshauptamt eingestuften Polen, durch eine Außenstelle dieses Hauptamtes in Litzmannstadt zur Eindeutschung zu gelangen haben. Die arbeitsfähigen Angehörigen der Wertungsgruppe III, wurden nach Berlin verbracht, um dort die in der Rüstungsindustrie beschäftigten Juden abzulösen und die arbeitsfähigen Angehörigen der Wertungsgruppe IV, wurden in das Konzentrationslager Auschwitz abbefördert. Die zu den Wertungsgruppen IIII und IV gehörenden Altersgruppen bis zu 14 Jahren und ab 60 Jahre und die Nichtarbeitsfähigen der Gruppen wurden im Generalgouvernement in sogenannte „Rentendörfer“ untergebracht und zwar

/251/

AE: 174

in den Distrikten Warschau und Radom. Sie erhielten dort pro Familie Wohnung und je Famalie(sic) ½ Hektar Land zugeteilt. Himmler hatte zuerst die Altersgrenze der zu Evakuierenden von 10 bis 60 Jahre festgelegt, ließ sich aber dann durch den Amtchef IV des Reichssicherheitshauptamtes Müller, überzeugen, daß das Alter von 10 auf 14 Jahre hinaufgelegt werden müße. Das von mir geleitete Referat hatte bei diesen Aktionen den Befehl erhalten für die, gemäß den bestehenden Anweisungen nach Berlin und nach auschwitz zu deportierenden Polen, beim Reichsverkehrsministerium die Fahrplanangelegenheiten zu erledigen. Durch die „Rasse- u. Siedlungshaupt- Wertungsgruppen III und IV, ergaben sich die Zahlen und damit die Anzahl der Transportzüge. Die Bestimmung der zu deportierenden Personengruppen und die Zielbestimmung der Deportation lag nicht bei meinem Referat, ebensowenig der

Pransport selbst oder die Übergabe. /am Rand Ziffer 49/ Himmler persönlich gab, wie üblich, so auch hier, bis in Einzelheiten hinab, selbst Anweisungen, an die in Frage kommenden Behörden.

-----------

Auf Befehl Heydrichs mußten im März 1942 weitere 55.000 Juden aus dem Altreich und dem Protektorat Böhmen und Mähren sowie aus der Ostmark deportiert werden. Es ist ein Dokument der Staatspolizeistelle Düsseldorf über eine diesbezüglich in meinem Referat stattgefundene Besprechung erhalten geblieben. Ich hatte Befehl den Besprechungsteil-

/252-253/

AE: 175

nehmern zu eröffnen, daß SS-Gruppenführer Heydrich die Leiter der Staatspolizeistellen persönlich für die Durchführung der Richtlinien verantwortlich mache. Des weiteren hatte ich ihnen mitzuteilen: „Damit einzelnen Stapostellen der Versuchung, ihnen unbequeme ältere Juden mit abzuschieben, nicht weiter ausgesetzt sind, sei zur Beruhigung gesagt, daß diese im Altreich verbleibenden Juden höchstwahrscheinlich schon im Laufe dieses Sommers bzw. Herbstes nach Theresienstadt abgeschoben würden, daß als Altersghetto vorgesehen sei. Diese Stadt würde jetzt geräumt und es könnten vorläufig schon 15-20.000 Juden aus dem Protektorat dorthin übersiedeln. Dies geschieht, um nach außen das Gsciht zu wahren“.

/Zusatz von Seite gegenüber: Es war eine der von Himmler befohlenen Tarnungsvorschriften. Und wenn nach 1945 verschieden „Zeugen“ behaupteten, daß ich es gewesen wäre, der sie „hinter das Licht“ geführt habe, so ist dieses Dokument der schlüßigste Beweis dafür, daß ich es ganz bestimmt nicht tat, sondern von mir aus ohneVerschleierung und Tarnung die Dinge so weiter gab, wie mir dies befohlen wurde./ Der berichtschreibende Beamte der seinerzeitigen Staatspolizeistelle Düsseldorf, teilte seinem Chef ferner mit daß „das sogenannte Sonderkonto WS dem Referat IV B 4 des Reichssicherheitshauptamtes (also meinem Referat) zur Verfügung stünde, da nach der 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz, das Reichssicherheitshauptamt an das Vermögen der Juden nicht mehr heran kann. Um diesem Fond ausreichend Gelder zur Verfügung zu stellen, wird geboten, die Juden in nächster Zeit zu erheblichen „Spenden“ für das „Sonderkonto W“ anzuhalten.“ Nun hier hat der damalige Beamte die Angelegenheit – wie man zu sagen pflegte – „in den falschen Hals bekommen“. Auch ich war sehr erstaunt, als man mich

/254/

AE: 176

in Israel nach einem „Sonderkonto W“, daß(sic) von meinem Referat geführt hatte sein sollen, befragte. Erst die im Laufe der Zeit eingehenden Dokumente, schufen auch hier Klarheit. Die 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz wurde auf Betreiben der Abteilung I, des Reichsministeriums des Inneren im November 1941 erlaßen und machte die Aberkennung der Staatsangehörigkeit der Juden und die Einziehung ihres Vermögens zugunsten des Reichsfiskus bekannt. Die Einziehung nahmen die jeweils zuständigen Oberfinanzpräsidenten vor. Die jüdischen Organisationen unterhielten weiterhin ihre Konten bei ihren Banken, zur Bestreitung organisationseigener Auslagen. Nachdem den Juden nun ohnehin ihr Vermögen enteignet wurde, kamen die Juristen des Reichssicherheitshauptamtes oder auch irgendwelcher „Staatsplizeistellen dahinter, daß „Spenden“ für ihre jüdischen Organisationen, durch den Gesetzgeber nicht verboten waren. Also, wurden sie zu solchen „Spenden“ aufgerufen. Denn hatte der Fiskus einmal das gesamte Vermögen, dann ar es schwer und zeitraubend, auf dem Wege der Antragstellung bei den zuständigen Finanzbehörden hier wieder Gelder locker zu machen. Zum Zwecke der Einzahlung solcher Spenden, eröffneten die jüdischen örtlichen

/255/

AE: 177

Organisationen dann bei ihren Banken ein „Sonderkonto W“, von dem diese Organisationen nach vorheriger Freigabebescheiderteilung durch ihre zuständige Geheime Staatspolizeistelle, Abhebungen vornehmen konnten. Das Geld diente sodann der Bezahlung der jüdischen Funktionäre, sowie der Angestellten und sonstigen Hilfspersonals, Unterstützung, Krankenbehandlung, alle weiteren sachlichen Bedürfnisse und auch Bezanhlung der Transportkosten bei der Deportation. Dies letztere war die eigentliche Veranlaßung, daß den Juristen, welche auf diese Art „Gesetzeslücke“ draufkamen, seitens der Chefs, diese Angelegenheit genehmigt wurde. Weder ich persönlich, noch sonst jemand meines Referates hat – wie die Dokumente es einwandfrei beweisen – mit diesem „Sonderkonto W“ etwas zu tun gehabt. /am Rand Ziffer 50/

Auch gegen das dunkelhäutige Volk der Zigeuner, aus nicht geklärten fernen Landen stammend, wurden sicherheitspolizeiliche Aktionen im Rahmen der

„Blutschutzgesetzgebung“ durchgeführt. Ich hatte gemäß Befehl hier den Teil zu bearbeiten, welcher mir zugewiesen war: Fahrplanerstellung. Anläßlich der „Heydrich-Besprechung“ vom 30. Januar 1940 übermittelte Heydrich den mit der Umsiedlung bzw. Deportation beauftragten,

/256/

AE: 172

eingeladenen örtlichen Befehlsgebern, den Befehl Himmlers, unter anderem auch 30.000 Zigeuner in das Generalgouvernement zu deportieren. Weder ich och mein Dezernat war auch hier für ihre Konzentrierung, noch für deren Festnahme oder Einweisung in ein Konzentrationslager zuständig. Nur anläßlich der bereits geschilderten ersten Deportationswelle im Jahre 1941, als mir zum ersten und gleichzeitig letzten male zwei verschiedene Zielstationen zur Fahrplanerstellung zur Verfügung standen, „schickte“ ich neben den 20.000 Juden auch 5.000 Zigeuner, statt in Gegenden, von denen ich hörte oder gelesen hatte, daß dort vernichtet würde oder Vorbereitungen hierfür getroffen würden, nach Litzmannstadt. Die Beschwerdeführung des Oberpräsidenten Übelhör in dieser Angelegenheit gegen mich, habe ich bereits geschildert. Ich war weder für die Umsiedlung, noch für die Erfassung verantwortlich. Ich führte auf Befehl des Chefs der Sicherheitspolizei lediglich die Fahrplanmäßigen Agenden bezüglich der Transporte der Zigeuner aus dem Reichgebiet durch. Der ehemalige Kriminalbeamte Fritz Friedel sagt in seiner schriftlichen Erklärung am 12. Juni 1949, im Gefähgnis zu Bialystok folgendes:

„Bereits vor 1933, war in München eine Zentrale für Zigeuner errichtet worden.

/257/

AE: 179

Von dieser Zentrale war vorgeschrieben, daß sämtliche Zigeuner listenmäßig zu erfassen und zu registrieren seien. Beauftragt hiermit waren die damaligen Landeskriminalpolizeistellen, die Zigeunerkarteien zu führen hatten. Nach 1933 erging von der Zigeunerzentrale Anordnung, die Zigeuner strenger zu kontrollieren und in Strafrückfällen in Konzentrationslager einzuweisen. Dann erging m. Erinnerung nach im Jahre 1943 von Amt V (Reichskriminalpolizeiamt) des Reichssicherheitshauptamtes, Berlin, ein Erlaß, demzufolge sämtliche igeuner festzunehmen und als asoziale Elemente in ein Konzentrationslager einzuweisen waren.“ Sowei der Bericht dieses Kriminalbeamten. Nun, im Jahre hat er sich offensichtlich geirrt, denn es war nicht 1943, sondern wie die Dokumente es beweisen, im Jahre 1940/41. /am Rand Ziffer 51/

Wie sehr sich die damalige höchste SS-Führung in Detailangelegenheiten persönlich bearbeitend, einhängte zeigt ein Schreiben meines Chefs, des Amtchefs IV, Müller, an den schon erwähnten General der Waffen SS und Chef des Persönliches Stabes des Reichsführers SS, vom 17. Sept. 1942. Dieser hatte Müller in Evakuierungsangelegenheiten von Juden welche als Arbeiter bei einer Erülgesellschaft(sic) tätig waren, telephonisch gesprochen, mit dem Ziel der Vermeidung einer Arbeitsunterbrechung bei dieser Gesellschaft und daher Koppelung

/258-259/

AE: 180

der Deportation mit der Zurverfügungstellung von Ersatzkräften. /auf Seite gegenüber war Zusatz vorgesehen, gestrichen, aber noch lesbar:

Egal, ob es kleinere Einzelfälle waren oder ob es sich um Waggonerstellung für Hunderttausende handelte, auf alle Fälle zeigten die Herren damals eine

erstaunliche Aktivität – eine Aktivität, von der manche nach 1945 nichts mehr wissen wollten, daß sie je von ihnen an den Tag gelegt wurde./

Ich sagte, daß ich mich an die Aufgaben hielt, die durchzuführen gemäß dem Geschäftsverteilungsplan und der Zuständigkeitsbegrenzungen, meine mir befohlene Pflicht war. Stur lehnte ich in all den Jahren alles, was da sonst noch so herangetragen wurde ab. Freilich kamen alle möglichen Stellen mit den ausgefallensten Wünschen und Anträgen. Von meinem damaligen Amtchef muß ich sagen, daß er mich – wenn ich von den Dienstreisen zu den todesfeldern, zu denen er mich schickte, absehe – im allgemeinen von zusätzlichen Aufträgen verschonte /3 Zeilen unleserlich gemacht/ und darüber hinaus Akten, die ich ihm mangels Zuständigkeit anläßlich der Rücksprachen übergab, geduldig und stets ohne Vorwurf, quasi als Irrläufer, auch übernahm. Dies muß ich sachlich und nüchtern feststellen. Er hatte für bürokratische Notwendigkeiten vollstes Verständnis; denn er war der geborene Bürokrat und mich hatte er im Laufe der Jahre dazu gebracht. Eines Tages, am 16. Nov. 1942 bekomme ich mit dem Posteingang ein Schreiben des „Persönlichen Stabes des Reichsführers SS“, betreffend des Aufbaues einer Sammlung von Skeletten in der Anatomie Straßburg. Und da

/260/

AE: 181

konnte ich folgendes Merkwürdige lesen:

„Der Reichsführer SS hat angeordnet, daß dem Direktor der Anatomie Straßburg, SS-Hauptsturmführer Prof. Dr. Hirt, der zugleich Leiter einer Abteilung des Institutes für wherwissenschaftliche Weckforschung im Amt Ahnenerbe ist, für seine orschungen alles Notwendige zur Verfügung gestellt wird. Im Auftrage des Reichsführers SS bitte ich deshalb, den Aufbau der geplanten Skelettsammlung zu ermöglichen. Wegen der Einzelheiten wird sich SS-Obersturmbannführer Sievers, mit Ihnen in Verbindung setzen.“

Eine Woche später schickt der Persönliche Stab an den genannten Sievers eine Abschrift des vorgenannten Schreibens zur Kenntnisnahme. Für so etwas war ich nicht zuständig. In den reichlich vorhandenen Dokumenten, liegt auch keinerlei Reaktion meinerseits vor. Wie schon so oft; man richtete zwar an mich Schreiben über Schreiben, aber es findet sich nirgends eine Antwort oder Stellungnahme meinerseits. Dies bemerkte auch einer der Richter in dem Prozess gegen mich. Ich konnte ja gar nichts anderes tun, als – mangels Zuständigkeit, - die Akte meinem Chef zu übergeben. Was er damit machte, entzog sich meiner Kenntnisnahme. In den Nürnberger Prozessen, war (Fortsetzung siehe umseitig!)

/261/

AE: 181a

auch ein Tagebuch Sievers, Gegenstand der gerichtlichen Erörterungen. Da steht unter dem 28. April 1943: „Reichssicherheitshauptamt IV B, SS-Sturmbannführer Günther. Untersuchungen jetzt möglich.“ Dies war Sievers Eintragung über ein am gleichen Tage, um 10.45 Uhr geführtes Telephongespräch mit Günther. Also hat es sechs Monate gedauert, bis Müller sich der Sache, über Günther entledigte. Hierzu ist die Zeugenaussage des ehemaligen Regierungsdirektors Huppenkotlen(?) interessant, der sowohl kurz nach 1945, als auch im Jahre 1961 u.a. sachlich und trocken feststellte, daß es zu Müllers Gepflogenheiten gehörte, über den Kopf des Referenten hinweg, irgend einen Referatsangehörigen mit Sonderaufträgen zu betrauen. Der so Betraute hatte seinem Referenten gegenüber

bezüglich eines solchen Sonderauftrages selbstverständlich keine Berichterstattungspflicht, sondern in der Regel war er Allen gegenüber dem zur Verschwiegenheit verpflichtet, wenn solche Aufträge unter „Geheime Reichssach“ liefen. Günther gehörte zu meinem Referat. Am 21. Juni 1943 schrieb mich Sievers abermals an. Er nimmt Bezug auf ein Schreiben meines Referates vom 25. 9. 1942 und wiederholte zwischenzeitliche persönliche Besprechungen und teilte mit, daß die Arbeiten im Konzentrationslager Auschwitz am 15. 6. 43 wegen der Seuchen-

/262/

AE: 182

gefahr beendet seien. Ein SS-Hauptsturmführer Dr. Bruno Beger habe sie durchgeführt. Er schreibt weiter: „Insgesamt 115 Personen, davon 79 Juden, 2 Polen 4 Innerasiaten und 30 Jüdinnen sind bearbeitet worden. Diese Häftlinge sind z. Zt. Getrennt nach Männern und Frauen in je einem Krankenhaus des Konzentrationslagers Auschwitzuntergebracht und befinden sich in Quarantäne. Zur weiteren Bearbeitung der ausgesuchten Personen ist nunmehr eine sofortige Überweisung an das Konzentrationslager Natzweiler erforderlich, was mit Rücksicht auf die Seuchengefahr in Auschitz, beschleunigt durdhgeführt werden müßte. Ein namentliches Verzeichnis der ausgesuchten Personen ist beigefügt. Es wird gebeten, die entsprechenden Anweisungen zu erteilen.“ Nun, auch dieses Schreiben wurde von mir nicht beantwortet, sondern gemäß der bestehenden Weisung, als unzuständig dem Amtchef übergeben. Denn es hatte über Verlegungen einzig und alleine das SS-Wirtschafts- u. Verwaltungshauptamt zu entscheiden und zwar dessen Amtsgruppe D, nämlich die „Inspektion für das Konzentrationslagerwesen“ unter dem SS-Gruppenführer u. Generalleutnant der Waffen SS, Glücks. Es heißt da u.a. in den Richtlinien dieser „Inspektion“: „Verlegungen in andere Lager, vor allen Dingen in Stufe III beim Reichssicherheitshauptamt bzw. Reichskriminal-

/263/

AE: 183

polizeiamt zu beantragen, gibt es nicht. Verlegungen werden grundsätzlich nur von hier verfügt.“ Also, ein ganz klarer und einwandfreier Fall von Unzuständigkeit meinerseits; und Müller kann m.E. nur das eine getan haben, den Vorgang an Glücks abzutreten. Anders ist es bürokratisch nicht denkbar. Von mir jedenfalls ist auch auf dieses Schreiben keine Reaktion erfolgt. Und anläßlich des Prozesses gegen Sievers in Nürnberg erklärte dieser: „ich sagte schon, daß Himmler, Wirth in Straßburg besucht hat. Ich war bei diesem Besuch nicht zugegen. Wie mir Hirth dann mitteilte, sollte er sich auf Weisung von Himmler mit Glücks unmittelbar in Verbindung setzen und sich allenfalls meiner Vermittlung bedienen, wenn er nicht selbst nach Berlin kommen konnte.“ Sievers wurde nun von seinem Verteitiger(sic) gefragt, ob der Inspektion für das Konzentrationslagerwesen, Glücks der Befehl Himmlers schon vor der Rücksprache Sievers mit Glücks bekannt war. Darauf antwortete er: „Ja, der Befehl Himmlers lag bei Glücks bereits vor, als ich auf Bitte Wirth´s mit Glücks sprach.“ Er wird dann weiter gefragt, warum denn ein derartiges Schreiben an mich noch notwendig war, wenn Glücks diesen Befehl schon kannte. Es ist dies eine Völlig klare und logische Frage des Verteitigers(sic). Darauf gab Sievers eine Antwort, die deutlich

/264/

AE: 184

erkennen läßt, daß der damalige Angeklagte Sievers sich mit allen Mitteln aus der Affaire, in der er durch seine Ahnerben-Geschichte und gegenständlich durch seine Schreiben steckte, zu ziehen bestrebt war. Dies ist menschlich verständlich. Aber es scheiterte eben daran, weil von mir nichts vorlag, infolge der Nichtbearbeitung bzw. Abgabe der Akten an meinen Vorgesetzten. Müller und Glücks verhandelten direkt. Beide waren Amtchef; beide waren Generalleutnant; der eine der Polizei, der andere der Waffen SS. Nun, ich habe angefangen diese Angelegenheit zu schildern und will zum Abschluß dieser traurigen Sache noch das Ende beschreiben: Sievers schreibt am 5. Sept. 1944 an den Persönlichen Stab des Reichsführers SS, zu Händen von SS- Standartenführer Ministerialrat Dr. Brand: „Gemäß Vorschlag vom 9. 2. 42 und dortiger Zustimmung vom 23. 2. 42 wurde durch SS Sturmbannführer Prof. Dr. Hirth die bisher fehlende Skelettsammlung angelegt. Infolge Umfang der damit verbundenen wissenschaftlichen Arbeit sind Skelettierungsarbeiten noch nicht abgeschlossen. Hirth erbittet im Hinblick auf etwa erforderlichen Zeitafuwand für 80 Stück Weisungen, falls mit Bedrohung Straßburg rechnen ist, wegen der Behandlung der im Leichenkeller der Anatomie befindlichen Sammlung. Er kann Entfleischung und

/265/

AE: 185

damit Unkenntlichmachung vornehmen, dann allerdings Gesamtarbeit umsonst und großer wissenschaftlicher Verlust für diese einzigartige Sammlung, weil danach Hominalabgüsse nicht mehr möglich wären. Skelettsammlung als solche nicht auffällig. Weichteile würden deklariert, als bei Übernahme Anatomie durch Franzosen, hinterlassene alte Leichenreste, und zur Verbrennung gegeben. Erbitte Entscheidung zu folgenden Vorschlägen:

1.)

Sammlung kann erhalten bleiben.

2.)

Sammlung ist teilweise aufzulösen.

3.)

Sammlung ist im Ganzen aufzulösen. Sievers SS-Standartenführer.“

Ich bin kein Jurist, kenne auch den ganzen Vorgang zu wenig. Aber eines dokumentiert Sievers durch sein eigenes Fernschreiben hier, daß der Vorschlag von ihm, bzw. Seinem Amt seinerzeit gemacht wurde, solch eine Skelettsammlung anzulegen. Und ich stehe auf dem Standpunkt, wenn man schon so etwas vorschlägt, dann muß man auch nachher den Mut haben, es einzugestehen und nicht versuchen, die Sache auf „kleinere Leute“ abzuwälzen. Aber ich habe die Wahrnehmung gemacht, daß von wenigen Ausnahmen abgesehen, mit zunehmender Dienstgradhöhe, die Abwälzungsbereitschaft eine stets größere wird. /am Rand Ziffer 53/

/266-267/

AE: 186

Im Anschluß an das eben Geschilderte, muß ich mich mit einer anderen makaberen Angelegenheit befassen. Die Einsatzgruppen im Osten, und die Kommandos der SS- u. Polizeiführer im Generalgouvernement, sowie das Kommando welches Himmler mit dem Reichsstatthalter Greiner im Warthegau angesetzt hatte, hinterließen zahlreiche Massengräber. Diese sollten nunmehr im Hinblick auf das Vorwärtsdrängen der Roten Armee verwischt werden; das heißt die Leichen sollten ausgegraben und verbrannt werden.

Der SS-Standartenführer Blobel /Schreibung des Namens auf Seite gegenüber verdeutlicht/ erhielt dazu den Befehl. Er war bis Ende 1941, Chef eines Sonderkommandos der Einsatzgruppe C, unter dem Befehl des SS-Brigadeführers und Generalmajors der Polizei Dr. Dr. Rasch /Schreibung des Namens auf Seite gegenüber verdeutlicht/, im Bereich der 6. Armee des Generalfeldmarschall von Reichenau /Schreibung des Namens auf Seite gegenüber verdeutlicht/, tätig. Er wurde dann gemäß seiner eigenen Aussage nach Berlin strafversetzt und „erhielt im Herbst 1942 die Aufgabe als Beauftragter Müllers sich in die besetzten Ostgebiete zu begeben und die Spuren der Massengräber die von den Hinrichtungen der Einsatzgruppen stammten, zu verwischen. Diese Aufgabe hatte er bis zum Sommer 1944.“ /Abführungszeichen gestrichen, Übergang von Zitat zu Referat unklar/ Diese Angaben habe ich einer eidesstattlichen Erklärung Blobels vom 6. Juni 1947, die er in Nürnberg abgab, entnommen. Zu Blobels Kommando gehörten etwa 4-6 SS-Männer, die aus seinem früheren

/268/

AE: 187

Einsatzkommando stammten. Bis zum Mai 1941 war er Führer des SD-Abschnittes für Düsseldorf. Von Beruf war er Architekt. Da er nun Müller unmittelbar unterstellt war, hatte er diesem laufend und direkt zu berichten, bzw sich bei ihm zu melden. In einem Hause neben der Dienststelle, in der mein Referat untergebracht war, mußten in einem der Stockwerke gemäß Befehl des Amtchefs IV für durchreisende Gäste stets einige freie Zimmer zur Verfügung gehalten werden. In solchen wohnte Blobel mit seiner Begleitung dann, wenn er zur Berichterstattung nach Berlin kam. Aus diesem Grunde ließ er sich auch seine Privatpost an meine Dienstanschrift kommen. Man könnte sagen, daß der Mann meines Referates, welcher die Hausaufsicht führte, ihn wirtschaftlich zu betreuen hatte. Und da dieser Mann neimenaden wirtschaftlich betreuen durfte, es sei denn, er hätte von mir, oder meinem Vertreter, dazu den Befehl erhalten, ist es richtig, wenn es heißt, daß Blobel von meinem Referat wirtschaftlich betreut wurde. Damit sich keine falsche Auffassung einschleicht, möchte ich den Zusatz machen, soweit es sich um die privaten-persönlichen Bedürfnisse, als da sind Wohnung, Privatpost, Lebensmittelmarken, handelt. Dies war alles. Schon ein Versuch des Standartenführers Blobels, der Hauswache des Dienstgebäudes in der Kurfürstenstraße 116, Befehle zu erteilen,

/269/

AE: 188

führte zu einem Zusammenstoß mit ihm und einer dienstlichen Beschwerde meinerseits, denn kein Referatsfremder durfte der Wache dienstliche Weisungen geben. Dies war eine allgemein gültige Regel und beweist, daß der Standartenführer Blobel nicht zu meiner Dienststelle gehörte. Selbstverständlich konnten die im selben Hause untergebrachten anderen Referenten, dieser Hauswache Befehle erteilen; aber auch ein solcher war Blobel nicht. Wäre mir dieses Kommando unterstanden, oder auch nur Teile desselben, oder hätten Angehörige meiner Dienststelle zu diesem Kommando gehört, dann hätte Blobel diess ganz sicher anläßlich der vielen Verhöre oder während des Prozesses gegen ihn, an irgendeiner Stelle zum Ausdruck gebracht. Er war aber nach seinen eigenen Worten „Beauftragter des SS-Gruppenführers Müller“. Er unterstand daher ihm direkt und niemanden anderen. /am Rand Ziffer 54/ Es blieb dem Berater für Judenfragen bei der deutschen Gesandtschaft in der Slowakei, dem SS-Hauptsturmführer Wisliceny vorbehalten, neben seinen zahlreichen Unwahrheiten, auf welche man sich in Nürnberg geeinigt hatte,

weitere zusätzliche, über mich zu erfinden darunter auch die Behauptung, Blobel wäre mir unterstanden, bzw. ich hätte ihm sachliche Anweisungen erteilt. Blobel selbst, für den solches doch sicherlich eher entlastend gewirkt hätte, straft aber Wisliceny Lügen. Es verlohnt sich auch

/270/

AE: 189

nicht, näher auf das Wisliceny´sche Gerede einzugehen, denn es ist sowohl von meiner Verteitigung(sic), als auch von mir, im Laufe des Prozesse gegen mich, an hand der vorliegenden damaligen amtlichen Unterlagen aufgedeckt worden. Ich finde es auch gar nicht mehr der Mühe wert, weitere diesbezügliche Worte über ihn verlieren, denn es charakterisiert ihn zur Genüge, was er in einem mehreren handgeschriebenen Ausführungen der seinerzeitigen mordamerikanischen Besatzungsmacht vorschlug. Er entwickelt dieser darin seinen Plan, wie man am besten meiner Person habhaft werden könnte. Er hatte mehrere Vermutungen über meinen damaligen aufenthalt. Solche Vorschläge ausgerechnet von Wisliceny unterbreitet, haben irgendwie einen Schönheitsfehler, ganz bestimmter Art. Schließlich war er ja einmal mein vorgesetzter Abteilungsleiter in Judenangelegenheiten, im SD-Hauptamt gewesen. Er schlug also eine etwa sechs Wochen dauernde Suchaktion unter seiner Beteiligung vor. Während dieser Zeit sollte meine Frau über mich verhört werden, meine damaligen Kameraden, die schließlich auch seine waren, des weiteren alle meine Verwandten und Bekannten, soweit Wisliceny über sie Bescheid wußte. In „loyalster Weise“ trug er der nordamerianischen Besatzungsmacht seine diesbezügliche Hilfe beziehungsweise Mitarbeit an und „er war fröhlich wie eine Lerche“, heißt es in einem nordamerikanischen Bericht. /am Rand Ziffer 55/

/271/

-(16)-

AE: 190

Es scheint mir von Bedeutung zu sein, einmal einen ganz bestimmten Teil der damaligen nationalsozialistischen Terminologie zu streifen. Durch die laufenden Tarnungsbefehle Himmlers, wurden verschiedene Worte und Begriffe im Laufe der Zeit so vieldeutig, das daß (sic) z.B. was mit den Insassen eines Transportzuges wirklich geschah nur die Stelle mit absoluter Sicherheit wußte, die solche Transportzüge an der Zielstation zu übernehmen hatte. Die Befehle, was tatsächlich zu geschehen habe, gingen von den Befehlsgebern direkt an die durchführende Stelle. Natürlich kannte man die Einstellung der Befehlsgebung in genereller Hinsicht, soweit man an den Gesamtarbeiten irgendwie mit eingespannt war. Ich sprach von „man“. Damit sind alle Zentralbehörden in Berlin und alle Behörden der mittleren Instanzen, soweit sie an den Deportations- und sonstigen sicherheitspolizeilichen Arbeiten mittelbar oder unmittelbar, federführend oder auch nur am Rande mitbeteiligt, eingeschaltet waren, zu verstehen. Aber genau gewußt, was beispielsweise mit dem Transport aus dort und dort, geschah, oder geschehen wird, ob die Transportteilnehmer getötet wurden, ob sie in einem Konzentrationslager verbleiben, oder ob sie zur Arbeitsleistung in eine der Rüstungsindustrien kamen, alles dieses wußten diese Stellen nicht. Auch ich selbst

/272/

AE: 191

habe solches nie und zu keiner Stunde gewußt. Es war auch von mir in keinerlei Weise abhängig oder zu beeinflußen. Genau so wenig, wie ich oder andere Stellen solches im Hinblick auf die Deportationsbefehlsgebung hätten tun können.

Dies alles hatten sich die Befehlsgeber ausschließlich selbst vorbehalten. Solche Worte der Tarnung waren unter anderen „Sonderbehandlung“; „Abwanderung nach dem Osten“; „Arbeitseinsatzverbringung nach dem Osten“; „Evakuierung nach dem Osten“; „Endlösung der Judenfrage“ usf. Niemand außer der Letzstelle(sic), wußte, ob die wahre Bedeutung des Wortes in Anwendung gebracht wurde, oder ob Himmler, oder das SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt (Inspektion für das Konzentrationslagerwesen) oder der Chef der Sicherheitspolizei – dieser jedoch auch nur in selteneren Fällen – in Abweichung der genannten Wortgebilde, hierfür, der Letzstelle(sic) das Wort „töten“, befahl. Himmler befahl dem Chef der Sicherheitspolizei ein bestimmtes Kontigent, aus einem bestimmten Territorium, innerhalb eines bestimmten Zeitraumes, nach einem bestimmten Zielort zu deportieren. Und das SS-Verwaltungs- u. Wirtschaftshauptamt erhielt von ihm Befehl, was mit den Deportierten zu geschehen hat. Dies ergibt sich eindeutig aus den Dokumenten.

/273/