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Thorsten Bonacker

Hat die Moderne einen normativen Gehalt?

Zur Möglichkeit einer kritischen Gesellschaftstheorie unter Kontingenzbedingungen*

Das Projekt einer kritischen Gesellschaftstheorie steht und fällt seit ihren Anfängen mit der Begründung ihres normativen Standpunktes, der den Hintergrund far eine kritische Gesellschaftsdiagnose bereitstellt. Vor der Soziologie war dieser Standpunkt insofern unproblematisch, als die moderne Gesellschaft mehre- re normative Diskurse pflegte, mit denen sie ihren normativen Gehalt zu rekonstruieren versuchte. Die so- ziologische Entdeckung der Kontingenz hat demgegenüber den Zweifel genährt, dass ein solches Projekt einer kritischen Gesellschaftstheorie unter Kontingenzbedingungen überhaupt möglich ist. Kontingenz und normative Begründung scheinen sich spätestens seit Weber auszuschließen. Adornos kritische Theorie hat versucht, dieses Problem durch zwei widerstreitende Argumente zu lösen: durch ein ge- schichtsphilosophisches und ein erkenntniskritisches. Das geschichtsphilosophische ist von Habermas in eine Diskurstheorie transformiert worden, während das erkenntniskritische zwar Eingang in die postmo- deme Gesellschaftstheorie Baumans gefunden hat, aber durch eine anthropologische Lesart entschärft wurde. Der am Schluss des Aufsatzes vorgeschlagene Weg der Neufassung einer Begründung kritischer Gesellschaftstheorie versucht dagegen zu zeigen, dass sich aus einer erkenntniskritischen Argumentation eine normative Konsequenz ziehen lässt: Die erkenntniskritisch aufgezeigte Unbegründbarkeit von Normen ist dann nicht !anger ein Argument gegen eine kritische Gesellschaftstheorie. Sondem sie zeigt, inwiefern sich die Unbegründbarkeit als normativer Gehalt der modernen Gesellschaft verstehen lässt.

1. Die normative und die soziologische Perspektive

Kritische Gesellschaftstheorie ist im wahrs-

ten Sinne des Wortes eine zwiespältige An-

gelegenheit. Sie versucht, scheinbar Unver-

einbares zu vereinen. Auf der einen Seite ist sie insofern eine soziologische Theorie, als sie den Zustand der Gesellschaft diagnosti- zieren muss und deshalb deskriptiv ansetzt. Auf der anderen Seite will sie das Beschrie- bene aber auch evaluieren. Dafür braucht sie bekanntlich Maßstäbe, so dass sie über eine

normative Theorie verfügen muss, die ihr

diese Maßstäbe als begründet ausweisen

kann. Diese Maßstäbe gewinnt sie, indem sie einen normativen Gehalt der modernen

Gesellschaft rekonstruiert, der mit der fakti-

schen Verletzung der daraus resultierenden Ansprüche der Gesellschaft an sich selbst kontrastiert wird. Das war bekanntlich der Kunstgriff, mit dem es der frühen Kritischen

Theorie Adornos und Horkheimers gelang,

kritisch zu sein, ohne sich affirmativ auf me-

taphysische Implikationen einlassen zu müs-

sen. Aus verschiedenen Gründen ist dieses Theorieprogramm selbst Gegenstand der Kritik geworden (vgl. Benhabib 1992). In der daran anschließenden Diskussion um die Möglichkeiten und Grenzen kritischer Ge- sellschaftstheorie hat sich gezeigt, dass das

* Diesem Aufsatz liegt ein Vortrag auf dem Kongress der DGS in Köln zugrunde. Für Hinweise, Kommentare und Anregungen danke ich vor allem Stefan Milller-Doohrn, André Brodocz, Dirk Auer, Jens Jetzkowitz, Christian Lahusen und Carsten Stark.

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zentrale Problem darin besteht, zwischen ih- rer soziologischen und ihrer normativen Dimension eine Brücke zu schlagen (vgl. Giegel 1991; Balog/Schülein 1995; Peters 2000). Denn beide Dimensionen stehen zu- einander in einem Spannungsverhältnis, von dessen Lösung die Möglichkeit einer kriti- schen Gesellschaftstheorie einschließlich ih- res zeitdiagnostischen Potenzials im Kern abhängt. Der Widerstreit zwischen beiden resultiert aus der Perspektivendifferenz in Bezug auf die Mr die Kritische Theorie zentrale Frage nach dem normativen Gehalt der Moderne, die aus zwei Perspektiven betrachtet werden kann. Einerseits lässt sich aus soziologischer Perspektive beobachten, wie die Gesellschaft die Frage nach dem normativen Gehalt be- antwortet. Andererseits kann aber im Rah- men normativer Theorien auch versucht wer- den, eine Antwort auf die Frage nach dem normativen Gehalt zu finden. Die eine Pers- pektive bemüht sich um die Begründung von Normen, deren Kontingenz die andere be- hauptet. Im Folgenden geht es darum, einen Standpunkt zu begründen, der beide Perspek- tiven — die soziologische und die normative — in sich aufnimmt und zeigt, inwiefern sich der normative Gehalt der Moderne so rekon- struieren lässt, dass die Entdeckung der Kontingenz nicht als Einspruch gegen eine solche Rekonstruktion verstanden werden muss. Die dafiir einzuschlagende Argumen- tation verläuft zwar theoriegeschichtlich, verbindet damit aber ein systematisches Inte- resse: Ist es möglich, unter den Bedingungen von Kontingenz noch kritische Gesell- schaftstheorie zu betreiben? Zunächst soll an die drei zentralen Rekon- struktionsversuche des normativen Gehalts der modernen Gesellschaft erinnert werden (2). Gegen jene sich abgrenzend hat die So- ziologie in der Folge von Marx und Nietz- sche die Kontingenz von Normen entdeckt und damit jede Suche nach einem normati- ven, unbedingten moralischen Gehalt der Moderne als Metaphysik entlarvt. Diese so- ziologische Entdeckung der Kontingenz ver- danken wir in erster Linie Max Webers The- se von der Unmöglichkeit einer wissen- schaftlichen Begründung von Werturteilen

160 (3). In der Folge von Weber gab es verschie-

dene Versuche, die normative und die sozio- logische Perspektive zu vermitteln und das Programm einer kritischen Gesellschafts- theorie zu entwickeln. Eine solche kritische Theorie kann sich in ihren kritischen Zeitdia- gnosen auf einen normativen Gehalt der Mo- derne stützen, ohne diesen zu verabsolutieren (vgl. Miller 1991). Vor allem Adorno hat sich um eine solche Vermittlung bemüht. Das Ergebnis ist allerdings ambivalent. Denn einerseits gelingt es Adorno mit einer er- kenntniskritischen Argumentation zu zeigen, inwiefern Kontingenz systematisch mit der Frage nach dem normativen Gehalt ver- knüpft ist. Andererseits bleibt er einer ge- schichtsphilosophischen Lesart von Kontin- genz verhaftet, die der erkenntniskritischen ihre Pointe nimmt (4). Theoriegeschichtlich sind vor dem Hintergrund der Frage nach der Verbindung von Kontingenz und Normativi- tät zwei Auswege gesucht worden: Haber- mas hat mit seiner Transformation der Ge- schichtsphilosophie den normativen Gehalt der Moderne in den kontrafalctischen Unter- stellungen unserer Alltagspraxis gesucht (5), während Baumans Transformation der Er- kenntniskritik die Suche nach dem modernen normativen Gehalt als Fundament einer kriti- schen Theorie in den Fallstricken der Ambi- valenz gefangen sieht (6). Dennoch können, so meine abschließende These, die erkennt- niskritischen Einsichten dazu benutzt wer- den, eine normative Position unter Kontin- genzbedingungen zu begründen (7). Eine daran anschließende kritische Gesellschafts- theorie kann sich nämlich auf die systemati- sche Kontingenz von Normen berufen und zeigen, inwiefern der Kontingenz selbst eine normative Kraft eigen ist.

2. Rekonstruktionen des normativen Gehalts der Moderne

Normative Theorien lassen sich als Diskurse verstehen, mit deren Hilfe die moderne Gesellschaft versucht, ihre Praxis zu legiti- mieren, indem sie ihr ein normatives Funda- ment zugrunde legt. Ziel solcher Diskurse ist es, den normativen Gehalt der Moderne so zu rekonstruieren, dass ein der modernen Ge-

sellschaft innewohnender vernünftiger Kern sichtbar wird, der es erlaubt, geltende von gültigen Normen zu unterscheiden. Dieser normative Gehalt wäre dann der Grund, auf dem evaluative Urteile bspw. über faktisch geltende Normen und einer sich daran orien- tierenden sozialen Praxis sowohl möglich als auch wahrheitsfähig sind. Aus der Sicht des moralphilosophischen Diskurses gesprochen, ist der normative Gehalt der Moderne mit je- nen vollständig begründeten Normen iden- tisch, die unabhängig von sachlichen, sozia- len oder zeitlichen Kontexten allgemeine Geltung beanspruchen können und damit als universeller Maßstab zur Beurteilung unserer Praxis dienen. Während geltende Normen verbindliche Handlungsorientierungen dar- stellen, lassen sich solche — gültigen — Nor- men heranziehen, um die faktische Geltung von Normen zu überprüfen. Logisch gese- hen, handelt es sich deshalb um Metanor- men, die den vernünftigen Grund der Gel- tung von Normen bereitstellen. Worin dieser Grund aber besteht, ist in normativen Theo- rien umstritten (vgl. Korsgaard 1994; Baynes 1992). Wenigstens drei Positionen bzw. Traditionen lassen sich danach unterschei- den, mit welchen argumentativen Mitteln versucht wird, den verborgenen Gehalt frei- zulegen und damit dem modernen „Bedürf- nis nach Selbstvergewisserung" (Habermas 1985: 9) gerecht zu werden. Alle drei haben eine unterschiedliche Vorstellung davon, welche Lebensform des guten Lebens dem von ihnen rekonstruierten Gehalt entspricht. Rousseau versucht mit einer anthropologi- schen Begründungsstrategie zu zeigen, wa- rum Gesellschaft und von ihr etablierte Nor- men eine Zumutung fir Individuen darstellen, die vor jeder Intersubjektivität selbstgenüg- sam und autonom im Naturzustand gelebt ha- ben. Gesellschaft ist aus seiner Sicht ein nicht hintergehbares Übel, das die Menschen aus einer Welt reißt. Erst mit ihr entfremdet sich der Mensch von sich selbst, indem er sich an- deren zuwenden und sich an ihren Erwar- tungen orientieren muss. Dieser Verlust indi- vidueller Freiheit durch gesellschaftlichen Zwang kann nur dann in eine legitime Sozial- ordnung überführt werden, wenn es zu einer Übereinstimmung von personaler und kollek- tiver Identität im volonte general kommt, der

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den Individuen im freiwilligen Zusammen- schluss ihre Autonomie in Gestalt der unein- geschränkten Volkssouveränität gibt. Diese kollektive Identität ist als normativer Gehalt der Moderne aber bereits in der natürlichen Bedürfnisstruktur des Individuums enthalten, so dass die Aufhebung von Entfremdung im Gemeinwillen das von allen vernünftigerwei- se angestrebte Ziel eines Entwicklungspro- zesses darstellt. Am Ende werden legitime und geltende Normen identisch. Die universa- le Geltung der „Volkssouveränität" und der mit ihr verbundenen normativen Erwartungen in Bezug auf die Legitimität politischer Ord- nung und auf die Tugenden der Staatsbürger und -bürgerinnen verläuft also über den Nachweis einer anthropologischen, flit: alle Individuen gleichermaßen geltenden Bedürf- nisstruktur. Das gute Leben ist dann das Le- ben in einer alle umschließenden sittlichen Gemeinschaft. Eine solche anthropologisch verfahrende Rekonstruktion des normativen Gehalts er- setzt Kant durch eine transzendentalphiloso- phische. Hier geht es nicht mehr um die Auf- deckung einer quasi-natürlichen Ordnung, die den Verlust der göttlichen Autorität kom- pensieren soll, sondern um die Rekonstruk- tion jener Möglichkeitsbedingungen, die un- bedingt gelten müssen, wenn wir in einer spezifischen Art und Weise, bspw. moralisch handeln wollen. Von diesen Bedingungen, die jedem empirischen Subjekt vor-gegeben sind, kann Kant dann auf bestimmte Hand- lungsverpflichtungen und sogar auf institu- tionelle Arrangements schließen, die allge- meine Geltung beanspruchen können. Jene sind als Ermöglichungsbedingungen zwar nicht empirisch vorfindbar, aber sie sind kon- trafaktisch als regulative Ideen wirksam, an denen wir uns orientieren müssen. Gerechtig- keit ist das unhintergehbare Ziel unserer Bemühungen, weil es transzendental abgesi- chert dem empirischen Handeln zugrunde liegt. Der normative Gehalt der Moderne wird somit in den Strukturen des Subjekts ge- funden und offenbart sich in regulativen Ideen, an denen wir unser Handeln vernünfti- ger Weise orientieren müssen. Das gute Le- ben ist hier das far alle gleichermaßen ver- bindliche Gerechte, auf das wir Bezug neh- men müssen, um moralisch zu handeln. 161

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Bekanntlich hat Hegel diesen Weg der Re- konstruktion unter anderem deshalb als un- zureichend kritisiert, weil er den Schwer- punkt auf das Individuum und nicht auf die Gesellschaft legt. Kant fragt nicht nach den sozialen Ermöglichungsbedingungen, son- dern nach den nicht-empirischen und deshalb universalen Vernunftgründen. Hegel besteht dagegen auf der sittlich-substanziellen Bin- dungskraft von Nonnen, der Kant aus seiner Sicht nicht genügend Aufmerksamkeit ge- schenkt hatte. Die mit den Mitteln der Dia- lektik und nicht der Transzendentalphiloso- phie oder der Anthropologie formulierte Ent- zweiungsthese Hegels (vgl. Menke 1996) versucht infolgedessen einen Ausweg aus dem Dilemma, dass der normative Gehalt weder einfach in den Subjekten und ihrem Vermögen wohnt noch schon mit geltenden Normen identisch ist. Hegels Lösung besteht, kurz gesagt, in einer Geschichtsphilosophie, die auf die Versöhnung von Individuum und Gesellschaft in einer staatlich geregelten Sittlichkeit abzielt. Die Vernunft stellt sich mit der Zeit ein und liegt weder der Gattung noch dem transzendentalen Subjekt zugrun- de. Das gute Leben ist für Hegel „die wech- selseitige Verpflichtung auf ein gemeinsa- mes Gut, das jeweils als Voraussetzung für eine Form von Gesellschaft gilt, die ihren Mitgliedern Selbstverwirklichung ermög- lichen kann" (Honneth 1994b: 22).1

3. Die soziologische Entdeckung der

Kontingenz

Seit Nietzsches und Marx' ideologiekriti- scher Entlarvung dieser unterschiedlichen Wege der Rekonstruktion des normativen Gehalts, scheint es zunehmend schwieriger geworden zu sein, diesen anthropologisch, transzendentalphilosophisch oder dialektisch beschrittenen Wegen einfach zu folgen. Und die Entstehung der Soziologie gegen Ende des 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts lässt sich infolgedessen auch als eine Art Immunreaktion gegen allzu hohe normative Ansprüche verstehen. Denn nun setzt sich die Überzeugung durch, dass die Modernität der

162 modernen Gesellschaft nicht durch die Frei-

legung eines ihr inhärenten moralischen Kerns offenkundig wird, sondern dass sie gewissermaßen eine kernlose Gesellschaft ist. Modernisierung ist dann weniger ein Entwicklungsprozess hin zur Verwirklichung des implizit gegebenen normativen Gehalts. Vielmehr versteht die frühe Soziologie unter Modernisierung den Verlust eines normati- ven Zentrums in der modernen Gesellschaft — ein Verlust, der dem modernen Menschen, so Lukács, eine „transzendentale Obdachlo- sigkeit" beschert. Dieser Verlust wird als Säkularisierung, Rationalisierung oder Diffe- renzierung beschrieben und führt letztlich dazu, dass die gesellschaftliche Suche nach dem normativen Gehalt als ein Versuch er- scheint, kulturelle Leitideen und Wertorien- tierungen zu entwickeln, die zwar sozial inte- grativ wirken, aber über keinen festen Boden vertilgen, Normative Diskurse mögen aus so- ziologischer Sicht dann funktional für gesell- schaftliche Integration sein, weil sie sich als eine Art gesellschaftliche Selbstverständi- gung begreifen lassen, in der kollektive Lernprozesse zumindest nicht ausgeschlos- sen sind. Ein Wahrheitsanspruch für in die- sem Rahmen rekonstruierte Metanormen kann indes nicht erhoben werden, sie sind niemals vollständig begründbar, sondern im- mer kontingent. Die soziologische Entde- ckung der Kontingenz von Normen hat zu- erst Max Weber im Zusammenhang mit der These der entzaubernden Wirkung des Ratio- nalisierungsprozesses, der zum modernen Polytheismus fart, konsequent ausgearbei- tet (vgl. Palonen 1998). Für Weber (1920) stellt der Rationalisie- rungsprozess gegenüber der vormodernen Welt einen Entzauberungsschub in Bezug auf die den Handlungsmotiven zugrunde lie- genden Werte dar, der in zwei Richtungen verläuft. Einerseits bedeutet Rationalisierung Differenzierung unterschiedlicher Wertsphä- ren. Anderseits hat die Entstehung weitge- hend autonomer wertgesteuerter Handlungs- zusammenhänge auch die Ausbildung einer spezifischen Eigenlogik zur Folge, die die Differenz zwischen Wertsphären verstärkt und die Unübersetzbarkeit einzelner Werte garantiert. Diese Eigenlogik führt dement- sprechend zur Ausgliederung eines Hand- lungskontextes bei gleichzeitiger Geltungs-

beanspruchung eigener Normen und zu einer internen Homogenisierung zuvor unter- schiedlicher oder diffuser Motive hin zu ei- nem einheitlichen und subjektiv als verbind- lich erachteten Handlungsablauf. Rationali- sierung ist in dieser Hinsicht als Institutiona- lisierung von Rationalitätskritierien zu ver- stehen, die darauf abzielen, „innerhalb des Handlungsraumes, in dem sie gelten sollen, alle Bedingungen des Handelns diesem Kriterium zu unterwerfen" (Lepsius 1990:

47). Wertdifferenzierung und Wertinstitutio- nalisierung sind verantwortlich far das Ent- stehen derjenigen Situation, die Weber in Anlehnung an John Stuart Mill mit dem Begriff des Wertepolytheismus beschreibt und die kennzeichnend far die moderne Welt und Weltbildordnung ist. Für Weber lässt sie allein das (wissenschaftliche) Ignorieren der institutionellen Trennung von Wissenschaft, Politik, Moral und Ästhetik im schlechten Sinn als unzeitgemäß erscheinen. Denn eine Rekonstruktion des normativen Gehalts in Form der wissenschaftlichen Begründung evaluativer Urteile verkennt das Moderne der modernen Gesellschaf1.2 Diese Konflikthaftigkeit der Werte, zwi- schen denen sich das Individuum alltäglich entscheiden muss, ist nun nicht der Grund, sondern das Resultat ihrer Kontingenz. Jene beruht Weber zufolge darauf; dass Werte in der modernen Gesellschaft autonom, das heißt nur durch sich selbst begründet sind. Weder existiert ein außerweltlicher Bezugs- punkt zur Verankerung singulärer Werte noch gibt es eine legitime innerweltliche Hierarchisierung von Werten oder Wertsphä- ren.3 Diese Selbstbegründung, oder vielleicht sogar: diese selbstreferentielle Begründung, bietet dann aber kein Kriterium far eine Entscheidung zwischen konkurrierenden Werten, denn die Regeln, nach denen jeweils gehandelt werden soll, lassen sich nicht ohne Verlust aufeinander beziehen. In einer scheinbar ausweglosen Situation unvereinbar geltender Werte entscheidet das Individuum — bewusst oder unbewusst — und nicht die Wissenschaft, die ihrerseits die konkrete Wahl zwar unter die Lupe nehmen, sie je- doch nicht far das Individuum vollständig ra- tionalisieren kann. Aus Webers Perspektive sind konkrete, far die Individuen drängende

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Fragen logisch unentscheidbar und nur prak- tisch durch das Individuum selbst zu ent- scheiden. Weder Entscheidungslast noch Entscheidungsfreiheit kann die Wissenschaft den Individuen abnehmen — und auch nicht,

dass „jede Wahl [ von dem Bewußtsein

begleitet [ist], daß wir auch anders hätten wählen kennen" (Schluchter 1997: 310). Auch die Kontingenz der Wahl, die Tatsache also, dass eine andere Wahl nicht unmöglich und die getroffene Wahl nicht notwendig war, bleibt sozusagen an Individuen haften, denn Weber zufolge sind nur sie es, die zwi- schen je Geltung beanspruchenden Werten quasi grundlos entscheiden.4 Nun sind aber nur solche Probleme ent- scheidbar oder entscheidungsfähig, die far sich selbst genommen unentscheidbar sind, weil eine durch das Individuum getroffene Entscheidung ansonsten keine Entscheidung wäre, sondern das einfache und blinde An- wenden einer Regel, um Handlungen auszu- fiihren.5 Die Unentscheidbarkeit praktischer Fragen versetzt das Individuum erst in die Lage, entscheiden zu müssen, und deshalb muss die theoretische Begründung dieser Unentscheidbarkeit auf etwas anderes Bezug nehmen als auf das Individuum, das entschei- den soll. Ansonsten wäre das Individuum die Bedingung seiner eigenen Möglichkeit, denn es wäre zugleich Anfang und Ende der Entscheidung. Dieses Problem einer vorindi- viduellen Unentscheidbarkeit kann an der Schwierigkeit der Wertidentifikation far das Subjekt nachvollzogen werden. An ihr zeigt sich auch, warum die soziologische Entde- ckung der Kontingenz durch Weber nicht auf ganzer Linie überzeugt, denn letztlich bleibt sie transzendental abgesichert und versteht damit das Problem der Kontingenz nicht ra- dikal genug. Ein Wert und ein Wertbezug gewinnt — aus einer erkenntniskritischen Perspektive gesehen — nur deshalb eine Bedeutung far das Individuum, weil er sich von anderen Werten in einer bestimmten Art und Weise unterscheidet. Insofern ist das Gegenteil ei- nes bestimmten Wertes — also alle möglichen anderen Werte — far den Wert bedeutungs- konstitutiv. Er gilt oder kann Geltung bean- spruchen, weil ein anderer Wert zu diesem Zeitpunkt an diesem Ort nicht gilt. Seine 163

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Anwesenheit setzt nicht die Unmöglichkeit des anderen, sondern nur seine Abwesenheit bei Beibehaltung einer prinzipiell möglichen, hypothetischen Anwesenheit voraus.6 Wird ein Wert abgelehnt, so kann dies, wie Weber betont, nur durch eine Bezugnahme auf einen anderen Wert geschehen, der in Bezug auf die Verbindlichkeit für das Individuum an die Stelle des ersten tritt. Jener wird aber nicht vollständig ausgelöscht — lediglich sein Geltungsanspruch wird hinsichtlich der Rele- vanz für die subjektive Orientierung abge- lehnt. Für die Frage nach der Möglichkeit der Bedeutung eines Wertes ergibt sich daraus jedoch folgendes Problem, das zugleich auf das erkenntniskritische Verständnis von Kontingenz verweist: Weil ein Wert insofern in seiner Geltung von seinem Gegenteil — sei- ner Nicht-Geltung durch Bezug auf jeweils andere Werte — abhängig ist, als er von sich aus keinen Sinn hätte, kann er keine vollstän- dige und ausschließliche Geltung beanspru- chen, denn jene würde gerade das Prinzip seiner Geltung außer Kraft setzen. So bleibt es immer ein Stück weit unklar, worin die ab- solut singuläre Bedeutung eines bestimmten Wertes besteht, wodurch er sich genau von alien anderen Werten unterscheidet, und wie er sich infolgedessen eindeutig als Wert identifizieren lässt. Eindeutige Bestimmbar- keit als Voraussetzung für eine individuelle — theoretische oder praktische — Stellungnah- me zum Wert muss sich auf einen klar ab- grenzbaren Bereich stützen, also auf etwas, was im Wert liegt und ihn als besonderen und unterscheidbaren Wert auszeichnet. Ein Wert ist aber konstitutiv stets durch sein nicht ge- nau bestimmbares, weil unendliches Gegen- teil kontaminiert. In Bezug auf einen Gel- tunganspruch hat dies zur Konsequenz, dass er vor dem Moment des Erhebens eines Gel- tungsanspruchs schon gegolten haben muss, da ein Wert immer schon einen anderen, vor ihm existierenden braucht, um überhaupt als Wert auftreten zu können. Nicht nur die ein- deutige Identifikation der Bedeutung eines Wertes, sondern auch der Ursprung eines Wertes werden damit unentscheidbar, und nur deshalb kann es einen Polytheismus der Werte geben, der das Individuum vor die un- mögliche Wahl zwischen Werten stellt. Nicht

164 das Individuum ist Grund der Unentscheid-

barkeit zwischen Werten, denn dann könnten Werte nicht nur klar voneinander unterschie- den werden, sondern es könnte auch zwi- schen ihnen — wenigstens idealerweise — ent- schieden werden.7 Die Unentscheidbarkeit liegt vielmehr im Wert selbst, in seiner gene- tischen Uneindeutigkeit und in seiner Nicht- ursprünglichkeit, die die von Weber voraus- gesetzte individuelle Fähigkeit zur Identifi- kation eines Wertes verhindern. Während Weber die Differenz zwischen Werten als Differenz individueller Standpunkte und in- dividuell hergestellter Wertbezüge versteht und so das Individuum zum Entscheider macht, wäre es aus erkenntniskritischer Sicht gerade diese Differenz, die eine Entschei- dung gar nicht notwendig werden ließe, denn zwischen absolut heterogenen Elementen muss, wie Weber selbst meint, nicht ent- schieden, sie müssen nur getrennt werden (vgl. Weber 1922: 509). Zum Ausdruck kommt diese Individuali- sierung des Polytheismus in dem Versuch, aus der Behauptung der Kontingenz von Werturteilen eine Verantwortungsethik abzu- leiten. Webers Unterscheidung von Gesin- nungs- und Verantwortungsethik aufgreifend und ausbauend versucht Wolfgang Schluch- ter (1988: 165ff.) zu zeigen, wie eine formal- reflexive Verantwortungsethik aus der Kon- tingenzthese normative Schlussfolgerungen ziehen kann. Was Weber vom kantianischen Formalismus wie vom hegelschen Kontex- tualismus unterscheidet, ist Schluchter zufol- ge der Rekurs auf die Handlungsfolgen. Die- ses für eine nichtessenzialistische Ethik we- sentliche Folgenkalkill beruht insofern auf der Kontingenzthese, als Verantwortung nur dort notwendig ist, wo Werte kollidieren können und deshalb nicht Werte, sondern die Folgen eines an ihnen orientierten Handelns zum Ausgangspunkt für normative Überle- gungen genommen werden. Das Problem ei- ner solchen Verantwortungethik liegt aus er- kenntniskritischer Sicht nun aber darin, dass Verantwortung — ganz in der kantianischen Tradition — an die Bedingung der Möglich- keit einer individuellen Übernahme der Verantwortung gebunden wird. Damit wird das Problem der Verantwortung aber zum ei- nen auf das Individuum reduziert, das als Entscheider dem ethischen Dilemma voraus-

gesetzt ist. Es kommt mit anderen Worten in der Entscheidung zwischen Werten selbst nicht vor. Zum anderen erscheint die Verant- wortung hier nur als Problem ausreichenden (Kontext-)Wissens um die Folgen von Hand- lungen. Verantwortung wird demzufolge vom Individuum für seine Handlungen dort übernommen, wo es die Folgen seiner an Werten orientierten Handlungen reflektiert und in die Urteilsbildung mit einbezieht. An- sonsten handelt es verantwortungslos.8 Fragt man dagegen nach den Möglichkeitsbedin- gungen der Verantwortung selbst, so zeigt sich, dass Verantwortung keine Frage zurei- chenden Wissens ist. Erst aus der Suspension eines zureichenden Wissens ergibt sich näm- lich das Problem der Übernahme von Verant- wortung. Verantwortung ist nur dort notwen- dig, wo ein solches Wissen nicht existiert. Denn „das, was an Verstehen möglich ist, gründet auf Nicht-Wissen und insofern Nicht-Verstehen" (Hahn 2000: 35). Gerade die Unbekanntheit der Folgen macht es nötig, Verantwortung zu tragen. Handeln hat nur deshalb einen normativen Eigensinn, weil es immer auch auf unsicherem Boden stattfin- det. Nur weil eine Entscheidung zwischen Werten nicht möglich ist, müssen Individuen entscheiden. Und nur deshalb tragen Indivi- duen immer schon Verantwortung, deren Übernahme unmöglich ist, weil eine solche Übernahme voraussetzte, dass es möglich wäre, verantwortungsvoll zu entscheiden. Aber was wäre eine solche verantwortungs- volle Entscheidung? Woher ließe sich ein Kriterium nehmen, um eine verantwortungs- volle von einer verantwortungslosen Ent- scheidung zu unterscheiden? Ein normatives Verständnis von Verantwortung macht nur dann einen Sinn, wenn sie darauf bezogen wird, wie man sich zum Paradox der Un- möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen, verhält. Handlungen können bspw. mit dem Hinweis auf Sachnotwendigkeiten rationali- siert und Verantwortung dementsprechend geleugnet werden. Demgegenüber gibt die Berücksichtigung der Folgen einen Hinweis auf die Reflexion der Paradoxie von Ver- antwortung. Das fart aus erkenntniskriti- scher und normativer Sicht nicht zu rationa- leren Entscheidungen, aber zu einer Sensibi- lität und Aufmerksamkeit gegenüber An-

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sprüchen, die möglicherweise durch Ent- scheidungen verletzt werden.9 Die Dekonstruktion von Webers Behaup- tung einer Kontingenz der Werturteile gibt nun meines Erachtens einen Hinweis darauf, dass Kontingenz und Normativität in einem internen Verhältnis zueinander stehen und sich nicht einfach gegeneinander ausspielen lassen. Weder kann der normative Gehalt der Moderne kritikresistent gegen Kontingenz- vorbehalte rekonstruiert werden, noch lassen sich Rekonstruktionsversuche mit dem Hin- weis auf den unvermeidlichen Polytheismus als zum Scheitern verurteilt bezeichnen.

4. Zwei Arten der Verbindung von Kontingenz und Normativität

Ich möchte nun im Folgenden zeigen, inwie- fern eine konsequent erkenntniskritische Ar- gumentation in der Lage ist, beide Perspekti- ven — die soziologische und die normative — miteinander zu vereinen. Will man die sozio- logische Einsicht in die Kontingenz von Normen ernst nehmen und zugleich nicht auf die Notwendigkeit normativer Reflexionen verzichten, dann muss meines Erachtens die- ser erkenntniskritische Weg eingeschlagen werden. Die Chancen dafür möchte ich an der Theorie des kommunikativen Handelns von Jürgen Habermas und der postmodernen Soziologie Zygmunt Baumans ausloten, die theoriegeschichtlich und systematisch in un- terschiedlicher Weise an die kritische Theo- rie Adornos anschließen. Adornos Position in der Diskussion zwi- schen den Versuchen einer Rekonstruktion des normativen Gehalts und der soziologi- schen Entdeckung der Kontingenz lässt sich als die des ausgeschlossenen Dritten be- schreiben. Seine erkenntniskritische Aus- richtung Kritischer Theorie will die systema- tische Abhängigkeit, den unauflösbaren Kon- flikt von Geltung und Genese, von Unbe- dingtheit und Bedingtheit, kurz von Nor- mativität und Kontingenz nachweisen: Ge- gen den in den Rekonstruktionen des norma- tiven Gehalts unternommenen kognitivisti- schen Versuch, Normrechtfertigung und -entstehung auseinanderzuhalten und den 165

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normativen Gehalt dadurch von relativieren- den Historisierungen freizuhalten, wendet er ein, dass Geltung und Genese, Normativität und Kontingenz systematisch aufeinander angewiesen sind (vgl. Adorno 1986 GS 5:

80; Menke 1997). Normativität und Kontin- genz sind Adorno zufolge füreinander Vo- raussetzung und Resultat. Die Pointe des er- kenntniskritischen Arguments besteht nun darin, diesen Gegensatz nicht als solchen ein- fach zu behaupten, sondern ihn als im Be- gründungsprozess sich vollziehende Antino- mie zu verstehen. Demzufolge muss jeder Begründungs- bzw. Rekonstruktionsakt als solcher an eine Grenze der Begründbarkeit stoßen, um als Begründung überhaupt Sinn zu machen. Die vollständige Begründung ei- ner Metanorm, die den normativen Gehalt ausweisen könnte, wäre gar keine, denn sie würde die eigene Möglichkeitsbedingung, al- so das Verlangen nach Begründung aufgrund von Ungewissheit desavouieren und bräche damit als Begründung zusammen.10 Der Mangel an Normativität ist somit für die Re- konstruktion des normativen Gehalts konsti- tutiv. Es geht also nicht darum, der Begrün- dungspraxis ein Außen vorzuhalten, das sie nicht erreichen kann, sondern darum, dass der Praxis etwas immanent sein muss, das ihr Gelingen verhindert und zugleich ihre Not- wendigkeit begründet. Die Rekonstruktion des normativen Gehalts impliziert somit im- mer schon die Unmöglichkeit, diesen Gehalt wirklich und wahrhaftig finden zu können, denn das Kriterium zur Unterscheidung zwi- schen einer wahrhaftigen Rekonstruktion und einer falschen oder fehlgehenden kann nicht schon bekannt sein. Sonst wäre die Re- konstruktion sinnlos. Wenn sie demzufolge aber nur im normativen Gehalt selbst stecken kann, dann ist es unmöglich, zwischen richti- gen und falschen Rekonstruktionen dieses Gehalts entscheiden zu können. Der Streit zwischen Kant, Hegel und Rousseau und sei- ne Wiederauflage in der Liberalismus-Kom- munitarismus-Debatte ist infolgedessen aus dieser Sicht unentscheidbar, denn er resul- tiert aus der Unfähigkeit, den „wahren" nor- mativen Gehalt jenseits dieses Streites identi- fizieren zu können. Dieses zugegebenermaßen abstrakte, aber

166 dennoch brauchbare erkenntniskritische Ar-

gument für die Unmöglichkeit eines holisti- schen Wissens um gültige Normen mündet bei Adorno allerdings in ein genealogisch-hi- storisches Argument mit geschichtsphiloso- phischer Perspektive auf den gesellschaftli- chen Entstehungszusammenhang der Antino- mie von Normativität und Kontingenz. Denn Adorno interpretiert die erkenntniskritisch aufgezeigte Kontingenz normativer Gel- tungsansprüche als historische Kontingenz, d.h. als raum-zeitliche Kontextualität von Normbegründungen. Demzufolge sind Nor- men immer nur in bestimmten gesellschaftli- chen Kontexten gültig. Der normative Gehalt steht dann nicht für eine allgemeine Aner- kennung einer Norm, sondern für das Aufhe- ben des Begründungszwangs in einer unbe- stimmten Zukunft. Die Kontextualität von Begründungen ist durch die soziale Umwelt hervorgerufen, die nichts anderes als ledig- lich kontextuelle und damit immer auch zwanghafte Geltung gestattet. Das absolut Gute bräuchte im Gegensatz dazu keine Be- gründung. Es wäre als vollständige Gerech- tigkeit evident. Das Problem einer solchen Theorieperspektive wird vor dem Hinter- grund des erkenntniskritischen Arguments deutlich: Sie versteht die Antinomie von Normativität und Kontingenz nicht als inter- nes und konstitutives Dilemma der Suche nach dem normativen Gehalt, den wir nur su- chen müssen, weil wir ihn eben nicht — und niemals — kennen können. Stattdessen wird die Antinomie in das ontologische Außen der Zeit projiziert. Dem entspricht ein Verständ- nis von Zukunft als zukünftiger Gegenwart, die jederzeit als Versöhnung eintreten kann. Was allerdings danach kommt, kann eine ge- schichtsphilosophische Theorieperspektive nicht mehr sehen, denn für sie ist die Ge- schichte damit — wenn auch nur hypothetisch — zu Ende (vgl. Bonacker 2000a).11 Dieser ambivalente normative Bezugsrah- men dient der Kritischen Theorie Adornos dazu, eine zeitdiagnostische Kritik an der modernen Gesellschaft zu formulieren. Adorno formuliert diese Kritik als Verdingli- chungskritik (vgl. Müller-Doohm 1996; Auer/Bonacker/Miiller-Doohm 1998). Dem- zufolge tendiert die moderne Gesellschaft dazu, die Kontingenz ihrer Institutionen in zweifacher Hinsicht zu verschleiern: einer-

seits in Bezug auf ihre Historizität, denn Institutionen lösen sich von ihrem geschicht- lichen Entstehungskontext ab und erwecken so den Anschein von Naturwüchsigkeit; an- dererseits in Bezug auf ihre prinzipielle Än- derbarkeit, denn Institutionen haben für Adorno eben keinen normativen Grund, der ihre Autorität legitimieren könnte. Insofern verdinglicht die moderne Gesellschaft sich gewissermaßen selbst, weil sie ihre augen- blickliche Gestalt als zwangsläufiges Resul- tat behauptet und damit den Entscheidungen der Individuen über die Geltung dieser Ge- stalt entzieht. Adorno hat diese Verding- lichungskritik, die aufgrund dieses zweideu- tigen Verständnisses von Kontingenz sowohl geschichtsphilosophische als auch erkennt- niskritische Züge hat, in zwei Richtungen ausformuliert: als Kritik an der Kulturindus- trie und als Diagnose vom Zerfall des Indivi- duums in der spätmodernen Gesellschaft. In beiden Fallen geht es in erster Linie darum, dass sich die Gesellschaft aus der Sicht der Individuen als etwas Unveränderbares und Notwendiges darstellt, indem sie sich von in- dividuellen Entscheidungen abkoppelt. Der auch von der Kulturindustrie forcierte Zerfall von Individualität meint letztlich nichts an- deres, als diese Aufhebung der Unterschei- dung, durch die gesellschaftliche Institutio- nen eine Art zweite Natur werden.

5. Die Transformation der

Geschichtsphilosophie

Bekanntlich ist die kritische Theorie Ador- nos u.a. deshalb als metaphysisch und essen- zialistisch ad acta gelegt worden. Die Fort- führung der Kritischen Theorie durch Jürgen Habermas stellte vor diesem Hintergrund nicht zuletzt den Versuch dar, die geschichts- philosophische Perspektive zu transformie- ren (vgl. Müller-Doohm 2000). Habermas' Kritik an Adorno lautet, kurz zusammenge- fasst, dieser habe es versäumt, die normati- ven Grundlagen kritischer Theorie zurei- chend zu begründen. Die Geschichtsphiloso- phie sei aus einer nachmetaphysischen Per- spektive jedenfalls kein gangbarer Weg mehr (vgl. Habermas 1985: 130ff.). Zwar ist es

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Habermas zufolge notwendig, sich auf etwas Unbedingtes zu beziehen, aber dieser Bezug dürfe weder geschichtsphilosophisch noch in einem anderen Sinn metaphysisch sein. Das Unbedingte als normativer Gehalt der Mo- derne — bei Adorno mit dem Begriff der Ver- söhnung bezeichnet — lässt sich nicht mehr als Substanz und konkrete Sittlichkeit den- ken, sondern nur noch als eine notwendige kontrafaktische Unterstellung. In „Erkenntnis und Interesse" folgt Haber- mas (1968) zwar noch weitgehend dem Theorieprogramm Adornos, hier findet sich noch eine erkenntniskritische und eine ge- schichtsphilosophische Argumentation. Aber spätestens seit dem linguistic turn wendet sich Habermas dem Projekt zu, den normati- ven Gehalt der Moderne in den unvermeidli- chen Unterstellungen sprach- und handlungs- fähiger Subjekte zu suchen. Worum es Ha- bermas dabei im Kern geht, ist eine Ver- mittlung der soziologischen und der normati- ven Perspektive, denn er will gleichzeitig die Kontingenz von Normen behaupten und den- noch zeigen, inwiefern die Moderne einen unbedingten und folglich nicht-kontingenten normativen Gehalt besitzt. Für die Kontingenz von Normen bringt Habermas zwei Begründungen vor: eine so- ziologische und eine epistemologische. Bei- de bilden in unterschiedlicher Weise den nor- mativen Bezugspunkt fir seine kritische Zeitdiagnose. In Anlehnung an Webers Rationalisierungstheorie versteht Habermas (1981) im Kontext seiner soziologischen Begründung den Modernisierungsprozess als einen Prozess des Weltbildzerfalls. Die Gel- tung von Normen kann sich nicht mehr auf gemeinsam geteilte und unhinterfragt gelten- de Weltbilder und entsprechende sittliche Überzeugungen stützen. Stattdessen werden Normen genealogisch betrachtet immer stär- ker von intersubjektiver Zustimmung abhän- gig. Damit steigt, so Habermas, das Dissens- risiko einer in diesem Sinne rationalisierten Lebenswelt. Immer mehr Überzeugungen und Lebensentwürfe geraten in den Sog dis- kusiver Überprüfung, deren Ausgang unge- wiss ist. Höhepunkt dieses Rationalisie- rungsprozesses ist eine Weltgesellschaft, in der sich nur noch diejenigen Normen be- haupten, die von allen Betroffenen Anerken- 167

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nung erfahren (vgl. Habermas 1996). Für sei- ne soziologische Zeitdiagnose spielt dieses Argument insofern eine entscheidende Rolle, als die Rationalisierung der Lebenswelt zu- gleich das normative Potenzial freisetzt, auf das sich eine kritische Gegenwartsdiagnose stützen kann. Einerseits meint Rationalisie- rung die Möglichkeit — und Notwendigkeit —, sich über Wahrheiten, Normen und Ex- pressionen zu verständigen. Andererseits ten- diert die moderne Gesellschaft Habermas zu- folge aber auch dazu, sich diesem normati- ven Zwang zur Verständigung zu entziehen und an ihre Stelle symbolisch generalisierte Steuerungsmedien zu setzen. Habermas' Kritik der daraus resultierenden Kommuni- kationspathologien, die sich nur vor dem Hintergrund seines normativen Arguments als Pathologien beschreiben lassen, geht in zwei Richtungen: zum einen in die Richtung der soziologischen Diagnose einer Koloniali- sierung aller Elemente der Lebenswelt, zum anderen in eine demokratietheoretische Rich- tung, die die Kolonialisierung als Vermach- tung der diskursiven Meinungs- und Willens- bildung versteht. Mit seiner kritischen Zeit- diagnose verknüpft Habermas schließlich zwei Schlussfolgerungen: Einerseits behaup- tet er, Kommunikationspathologien unter- schritten die selbstgesetzten normativen Standards der Moderne, und andererseits führten sie in the long run aus funktionalisti- scher Perspektive zu Legitimations- und Steuerungsdefiziten, also zu gesellschaftli- chen Krisentendenzen (vgl. schon Habermas

1973).12

Das zweite — epistemologische — Argu- ment far die Kontingenz von Normen ge- winnt Habermas in der Auseinandersetzung mit kognitivistischen Moraltheorien, die von der vollständigen Begründbarkeit morali- scher Normen ausgehen. Ihnen erwidert er, legitime Normen könnten niemals vollstän- dig begründet werden, weil unser Wissen im- mer provinziell ist. Wir können einfach nicht ausschließen, dass in der uns unbekannten und darum offenen Zukunft etwas passiert, das unseren Glauben an wohlbegründete Normen erschüttert. Und wir können ferner nicht ausschließen, dass Situationen entste- hen, in denen Normen beispielsweise kolli-

168 dieren, so dass wir über den Vorrang von bis-

lang unproblematischen Normen entscheiden müssen. Normen sind also kontingent, so ließe sich dieses Argument pointiert zusam- menfassen, weil wir nicht in die Zukunft se- hen können (vgl. Habermas 1999). Freilich will es Habermas nicht bei der Behauptung der Kontingenz von Normen be- lassen, sondern zeigen, inwiefern das Einge- ständnis der Kontingenz nicht zur Aufgabe eines normativen Standpunktes führen muss. An die soziologische und rationalisierungs- theoretische Argumentation anknüpfend fragt Habermas deshalb danach, was wir ei- gentlich unterstellen müssen, wenn wir Normen begründen wollen — und dass wir sie begründen wollen, ist ein Resultat der Rationalisierung. Das Unbedingte des nor- mativen Gehalts der Moderne liegt demzu- folge nicht in substanziellen Normen, denn jene sind ja kontingent, sondern in der nicht- kontingenten Art und Weise, strittige Gel- tungsansprüche, die wir mit Normen erhe- ben, zu begründen. Was Adorno und Weber Habermas zufol- ge verkannt haben, ist die für unsere Alltags- praxis notwendige Unterstellung, in der Lage zu sein, ein zwangloses normatives Einver- ständnis erzielen und Intersubjektivität her- stellen zu können. Wenn wir mit Aussagen Geltungsansprüche erheben, dann erheben wir damit, so Habermas, einen Unbedingt- heitsanspruch, den wir im Zweifelsfall einlö- sen müssen. Die Bedingung der Möglichkeit fin. diese Einlösung, d.h. für das Erzielen ei- nes intersubjektiv anerkannten und darum gültigen Konsenses, bildet das Diskursprin- zip. Nur dadurch entfaltet sich der „zwanglo- se Zwang des besseren Arguments", der das einzig legitime Sprachspiel zur Begründung von Geltungsansprüchen darstellt. Die Kon- tingenz von Normen kann sich nur auf die- sem nicht-kontingenten Grund der Geltung und Begründung von Normen entfalten. Von hier aus kann Habermas dann im Kontext sei- ner Zeitdiagnose alle Theorien kritisieren, die dieses rationale Potenzial von Verständi- gungsprozessen ignorieren. Durchaus in der Tradition der Ideologiekritik, wenn auch mit einem gewissen Vorbehalt bezüglich des Wahrheitsanspruches seiner Theorie, be- zeichnet Habermas (1985) jene Theorien als neokonserverativ, weil sie ihm zufolge

Möglichkeiten eines emanzipatorischen ge- sellschaftlichen Wandels nicht nur leugnen, sondern auf der Ebene gesellschaftlicher Selbstverständigungsprozesse auch blockie- ren. Von einem erkenntniskritischen Stand- punkt aus kann diese Antwort von Habermas auf die Frage nach dem normativen Gehalt der Moderne indes nicht befriedigen. Denn die Kontingenz von Normen lässt sich weder rationalisierungstheoretisch noch durch das Argument einer unbekannten Zukunft hinrei- chend erklären. Das rationalisierungstheore- tische Argument kann nicht zeigen, warum Normen auch in der Zukunft immer kontin- gent sein werden. Es attestiert — und das zu Recht — lediglich einen Prozess der Kontin- genzsteigerung. Das epistemologische Argu- ment zielt hingegen direkt auf die Kontin- genz von Normen, begründet diese Kontin- genz aber empirisch als Unbekanntheit der Zukunft. Wenn die Zukunft aber in diesem Sinne offen ist, wenn also heute unbekannte Ereignisse oder Erkenntnisse unseren Glau- ben an Normen erschüttern können, dann im- pliziert dies, dass diese Ereignisse vielleicht auch ausbleiben. Vielleicht passiert nichts, was die Geltung einer Norm ungewiss wer- den lässt. Aus einer Vermutung, dass solche Ereignisse eintreten könnten, lässt sich folg- lich nicht die prinzipielle Kontingenz von Normen, sondern — wenn überhaupt — nur die gegenwärtige Kontingenz schlussfolgern» Prinzipiell wäre die Kontingenz von Normen dann, wenn die Bedingung der Möglichkeit, ein intersubjektives Einverständnis zu erzie- len, darin liegt, es letztlich nicht erzielen zu können. Und genau dies würde eine erkennt- niskritische normative Theorie behaupten. Die Geltung von Normen muss nur dann be- gründet werden, wenn vorausgesetzt ist, dass sie nicht begründet werden kann. Ansonsten wüssten wir insgeheim schon, wie wir Nor- men begründen müssten. Dann aber begrün- deten wir keine Normen mehr, sondern such- ten nach einem geeigneten Normenbegrün- dungsprogramm. Normative Diskurse ma- chen deshalb nur solange Sinn, wie es im Un- gewissen bleiben muss, welche Normen Gül- tigkeit haben. Insofern ist die Unerreich- barkeit eines Einverständnisses fiir das Be- gründen von Normen konstitutiv.

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6. Die Transformation der Erkenntniskritik

An die erkenntniskritische Lesart der Frage nach dem normativen Gehalt bei Adorno scheint im Gegensatz zu Habermas Zygmunt Bauman mit seinen Arbeiten zur Dialektik der Moderne anzuschließen (vgl. Bauman 1992, 1995a, 1997). Habermas hat die Dialektik der Aufklä- rung durch eine empirische, nicht jedoch not- wendige Gleichzeitigkeit von Rationalisie- rung und Kolonialisierung im Modernisie- rungsprozess reformuliert. So konnte er den normativen Gehalt der Moderne als Projekt und regulatives Ideal verstehen, dem sich die Zukunft annähern sollte. Für Bauman besteht die Dialektik der Moderne dagegen darin, dass sie notwendigerweise an ihren eigenen Ansprüchen scheitern muss — ja, dass ihre Ansprüche dieses Scheitern erfordern. Die moderne Gesellschaft versucht Bau- man zufolge, allgemeine Verhaltenssicher- heit durch eine normative Regulierung über gesellschaftliche Institutionen zu erreichen. Der dazu passende „Geist der Moderne" (Bauman 1995a: 46) zielt auf eine mit nor- mativer Verhaltenssicherheit korrespondie- rende kognitive Klarheit, d.h. auf die Herstel- lung einer fiir alle durchsichtigen, vollständig begründeten legitimen Ordnung der Gesell- schaft. Was die Moderne auszeichnet, ist also das Streben nach der Identität von geltenden und gültigen Normen. Dann wäre die Ordnung perfekt. In allen gesellschaftlichen und kulturellen Bereichen der ausdifferen- zierten modernen Gesellschaft wird das Prob- lem entdeckt, dass Ordnung nicht wie in vor- moderner Zeit etwas Natürliches oder Vor- findbares ist, sondern dass sie erst hergestellt werden muss. Das Ordnungsproblem ist aber selbst sozusagen eine Erfindung der Mader- ne, denn die „Entdeckung, daß Ordnung nicht natürlich ist, war die Entdeckung der Ordnung als solcher. Der Begriff der Ord- nung trat gleichzeitig mit dem Problem der Ordnung ins Bewusstsein, der Ordnung als einer Sache von Entwurf und Handlung, Ordnung als Obsession. Um es noch grober auszudrücken, Ordnung als Problem tauchte erst im Kielwasser der Beunruhigung über 169

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Ordnung auf, als Reflexion auf die ordnen- den Praktiken" (ebd.: 18). Was aber dagegen bzw. dadurch existiert, ist das Chaos der Welt, gegen das die moder- ne Ordnungspraxis und der ihr zugrunde lie- gende Ordnungsgeist kämpfen. Denn Ord- nung muss nur dort hergestellt werden, wo sie noch nicht ist. Das Chaos ist die notwen- dige andere Seite der Ordnung, die sie nicht loswerden kann, ohne sich selbst überflüssig zu machen. Deshalb ist das Schaffen von Ordnung, d.h. von kognitiver Klarheit im Sinne eines vollständigen Wissens, eine un- mögliche Aufgabe, denn sie produziert et- was, was sie nicht besiegen kann und was sie vor allem nicht besiegen darf Ambivalenz. Ambivalenz ist dasjenige, das sich der Ordnung immer entzieht, das eine vollständi- ge Klarheit verhindert und das damit den mo- dernen Ordnungsphantasien erst ihren Sinn verleiht. Ambivalenz ist also die Bedingung der Möglichkeit und die Bedingung der Unmöglichkeit normativer Ordnung. Die Frage nach dem normativen Gehalt wird unter dieser erkenntniskritischen Per- spektive zu einer typisch modernen Selbst- illusion. Hier kann sich Bauman auf die so- ziologische Entdeckung der Kontingenz von Werturteilen berufen, die nun aber erkennt- niskritisch radikalisiert wird. Zwar hat die Moderne ein Bedürfnis, sich einen normati- ven Gehalt zu geben und an entsprechenden Versuchen hat es auch nicht gefehlt. Aber sie alle scheitern mit ihrem Wunsch, eine per- fekte normative Ordnung in die Welt zu brin- gen. Dabei scheitern sie — das ist die Pointe einer erkenntniskritischen Argumentation — nicht an der Welt, sondern an sich selbst. Glaubte Habermas noch an die Möglich- keit, den normativen Gehalt rekonstruieren und als unterstellte Intersubjektivität in der Alltagspraxis wiedererkennen zu können, so sieht Bauman dieses Projekt stattdessen als Teil des modernen Ordnungsstrebens. Ge- meinsam mit Habermas — und mit Adorno — ist Bauman aber der Wunsch, eine normative Perspektive nicht vollständig aufzugeben und dennoch die Kontingenz von Normen zu behaupten, also normative und soziologische Perspektive zu vermitteln.14 Deshalb sucht auch Bauman nach einem Gehalt, der etwas

170 Unbedingtes zur Geltung bringt. Aber dieser

Gehalt wird von ihm nicht als normativer Eigensinn der Moderne, sondern als morali- sche und vorsoziale Quelle des Sozialen ver- standen. Unter Rückgriff auf den französischen Philosophen Emmanuel Levinas versteht Bauman (1995c) unter Moral etwas, das zu- nächst einmal an ein Gegenüber geknüpft ist, so dass Moral nur in Interaktionen und nicht in vereinzelten Subjekten zum Ausdruck kommen kann. Moral bezeichnet dann die unbedingte Verantwortung, die ich für den Anderen habe und die nicht durch irgendet- was regulierbar ist. Weil ich in meinen In- teraktionen und in meiner Identität ganz und gar vom Anderen abhängig bin, trage ich, so Bauman, eine Verantwortung für ihn, die mich zur Sorge um ihn verpflichtet. Jede so- ziale Beziehung, die durch Erwartungen und Rollenverhalten, durch Verpflichtungen Dritten gegenüber, durch strategische Ober- legungen, durch Sozialisation und Zivilisie- rung gekennzeichnet wird, ist demgegenüber zweitrangig, denn die Erfahrung des Anderen von Angesicht zu Angesicht geht der Gesell- schaft sachlich und zeitlich voraus: sachlich, weil Gesellschaft ohne diese moralisch inspi- rierte lnteraktion unmöglich ist, und zeitlich, weil wir vor jeder sozialen Beziehung eine moralische Beziehung zu einem Anderen eingehen. Gesellschaften entlasten uns durch ihre Institutionen von dieser ursprünglichen mo- ralischen Verantwortung für den Anderen, die zwar einerseits Gesellschaft erst ermög- licht, die aber andererseits jede Gesellschaft auch zerstören würde. Denn einer unbeding- ten Verantwortung für den Anderen kann niemals in sozialen Beziehungen entspro- chen werden. Verantwortung für den Ande- ren zu tragen heißt, nicht zu wissen, was gut (far den Anderen) ist und heißt deshalb auch, nicht handeln zu können. Baumans Begriff des Moralischen als vor- soziale Quelle der Gesellschaft macht auch seine zweifache Gesellschaftsdiagnose ver- ständlich. Sowohl die moderne als auch die postmoderne Gesellschaft sind ihr zufolge durch ein Ausblenden dieser moralischen Quelle gekennzeichnet. Während die moder- ne Entmoralisierung ein Resultat staatlicher Ordnungsobsessionen ist und dazu führt, den

Anderen als den Fremden, der die Ordnung stört, zu vertreiben oder zu ermorden, zielt die postmoderne Entmoralisierung darauf, das Individuum zum Urheber eigener Ent- scheidung zu machen, ohne dass die Folgen dieser Entscheidungen für andere dabei in den Blick kommen. An die Stelle der Verant- wortung für den Anderen tritt in der Postmo- derne dann das selbstbezügliche Ich, das den Anderen den eigenen Erlebniswünschen un- terwirft. Folge dieser modernen und postmo- dernen Entmoralisierung ist das Auseinan- dertreten von Handeln und Handlungsfolgen, so dass das Individuum den Blick für seine Verantwortung fir eigenes Handeln verliert. Baumans zeitdiagnostische Kritik an der modernen Entmoralisierung des Sozialen stützt sich also nicht auf einen normativen Maßstab, dem alle Vernünftigen folgen müs- sten. Stattdessen anerkennt Bauman die Kon- textualität jeder Kritik, die immer nur von ei- nem bestimmten Standpunkt aus vorgetragen werden kann. Sein Standpunkt einer postmo- dernen Ethik kann und will deshalb keine Allgemeinverbindlichkeit beanspruchen, sondern versteht sich als Angebot einer neu- en Selbstbeschreibung der — postmodernen — Gesellschaft (vgl. Bauman 1995a).

7. Die normative Kraft der Kontingenz

Baumans Interpretation der Ethik von Levinas verlässt nun offenkundig den er- kenntniskritischen Pfad und wendet sich ei- ner quasi-anthropologischen Begründung ei- nes ethischen Standpunktes zu. Dies scheint mir insofern ein unnötiger (Rück-)Schritt zu sein, als die erkenntniskritische Argumenta- tion die Möglichkeit eröffnete, auf Meta- physik zu verzichten — und trotzdem eine normative Position einzunehmen. Eine sol- che normative Position kann sich unter den modernen Kontingenzbedingungen nicht mehr auf geschichtsphilosophische Begrün- dungsfiguren stützen. Vielmehr gewinnt sie ihre Stärke dadurch, dass sie Kontingenz ge- wissermaßen in sich aufnimmt und sie als Bedingung der eigenen Möglichkeit interpre- tiert, die zugleich die Unmöglichkeit bedeu-

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tet, den normativen Gehalt der Moderne end- gültig bestimmen zu können. Abschließend sollen nun die Eckpfeiler einer solchen er- kenntniskritischen, aber dennoch normativen Perspektive zumindest skizziert werden. Dazu ist es notwendig, zunächst deutlich zu machen, (a) was erkenntniskritisch unter Kontingenz verstanden wird und inwiefern sich sagen lässt, dass der Kontingenz selbst eine normative Kraft eigen ist; inwiefern also Normativität und Kontingenz kein Gegen- satzpaar bilden. Diese grundbegriffliche Sichtweise muss dann (b) zugunsten einer soziologischen verlassen werden. Die norma- tive Kraft der Kontingenz stellt sich nämlich hinterrücks dort ein, wo Kontingenz gesell- schaftlich bewältigt werden muss und nie- mals abschließend bewältigt werden kann. Daraus folgt schließlich (c), dass der norma- tive Gehalt der Moderne in der Unbestimm- barkeit eines solchen Gehaltes liegt. Die un- terschiedlichen gesellschaftlichen Bewälti- gungsstrategien können eines nicht beseiti- gen, was deshalb zum Bezugspunkt für eine erkenntniskritische normative Theorie dient:

die Verantwortung für unser Handeln. (a) Den von Habermas liegengelassenen erkenntniskritischen Faden der Kritischen Theorie Adornos aufnehmend ließe sich mit Bauman sagen, dass der normative Gehalt der Moderne grundsätzlich ambivalent ist. Die Identität faktischer Geltung und legiti- mer Gültigkeit von Normen, die eine Voraus- setzung zur eindeutigen, paradoxiefreien Bestimmung des normativen Gehalts wäre, können konstitutiv nicht gelingen. Denn — so der erkenntniskritische Einwand gegen alle Versuche, den normativen Gehalt der Moder- ne anzugeben — die Voraussetzung der Gel- tung einer Norm oder einer Metanorm be- steht darin, nicht vollständig gültig zu sein, weil ansonsten ihre Geltung nicht behauptet werden müsste (vgl. Bonacker 2000a:

199ff.). Keine Bestimmung des normativen Gehalts durch welche Normen auch immer — seien es Menschenrechte, Selbstbestimmung oder Gerechtigkeit — kann dieser Ambivalenz oder besser gesagt: dieser Kontingenz entge- hen. Dies ist lange Zeit als Absage an eine normative Position verstanden worden — so beispielsweise von Luhmann (1992), der zwar Kontingenz als Eigenwert der moder- 171

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nen Gesellschaft stabilisiert sieht, diesen aber nicht als normativen, also in irgendeinem Sinne verpflichtenden Gehalt auffasst. Auch Rortys (1989) neopragmatische Absage an Versuche der Rekonstruktion eines normati- ven Eigensinns im Namen der Kontingenz von Sprache, Selbst und Gemeinschaft laufen wie auch kommunitaristische Hinweise auf die Kontextualität aller Normen (vgl. u.a. Taylor 1994) darauf hinaus, Kontingenz ge- gen ein transzendierendes Moment von Unbedingtheit in der modernen Gesellschaft ins Spiel zu bringen. Demgegenüber behaup- tet ein hier vorgeschlagener erkenntniskriti- scher und zugleich normativer Standpunkt, dass Kontingenz die Suche nach Begründun- gen nicht obsolet werden oder als Selbstillu- sion der Moderne erscheinen lässt, sondern diese erst ermöglicht und sie zugleich als un- endliche Suche gleichsam auf Dauer stellt. Genau darin liegt das transzendierende Moment von Kontingenz. Und sie ist infolge- dessen auch die Bedingung der Möglichkeit für normative Theorien, die den normativen Gehalt ein Stück weit unbestimmt lassen müssen und den Mangel an Normativität nicht tilgen können — nicht, weil es immer wieder neue Kontexte und unbekannte Fra- gen und Perspektiven gibt, nicht, weil wir uns immer zwischen kollidierenden Werten entscheiden müssen. Weder die fallibilisti- sche noch die individualistische oder histo- ristische Erklärung der Kontingenz von Werturteilen verfügen über das theoretische und begriffliche Instrumentarium, um die Unabgeschlossenheit der Suche nach Be- gründungen — und d.h. im Kern die Suche nach der Bestimmung des normativen Ge- halts der Moderne — erklären zu können.15 Der Mangel an Normativität ist stattdessen dadurch begründet, dass die Rekonstruktion des normativen Gehalts selbstwidersprüch- lich ist: Sie will zeigen, dass wir auch unter modernen Bedingungen fir unser Handeln verantwortlich sind, weil es einen morali- schen Kern besitzt. Aber ein solcher Kern würde uns, wenn es ihn denn gäbe, gerade von der Verantwortung entlasten, denn ver- antwortlich sind wir nur dann, wenn wir kei- ner Regel im Sinne einer Metanorm folgen können, die außerhalb unseres Handelns die-

172 sem zugrunde liegt. Würden normative

Theorien in ihren Rekonstruktionsbemühun- gen also erfolgreich sein, zeitigten sie — aus erkenntniskritischer Sicht — gewissermaßen kontraintuitive Ergebnisse. Infolgedessen ist unser normatives Vokabular prinzipiell am- bivalent, so dass unserer Praxis kein eindeu- tiger normativer Sinn zugrunde liegt. Ein sol- cher Sinn zerstörte die Möglichkeit von Ver- antwortung — ja er zerstörte letztlich die Möglichkeit, moralisch, also normativen Kri- terien gemäß zu handeln. Mit anderen Wor- ten: Wenn wir unter modernen Bedingungen, d.h. unter den Bedingungen eines Verlustes des normativen Zentrums wie es Webers Rationalisierungsthese schildert, nach einem normativen Gehalt suchen, dann stoßen wir in dieser Suche auf Kontingenz. Zwei unterschiedliche Bedeutungen las- sen sich mit diesem Mr eine erkenntniskriti- sche normative Theorie zentralen Begriff verbinden: eine systematische und eine histo- rische. Einerseits bedeutet Kontingenz im er- kenntniskritischen Sinne die paradoxe Mög- lichkeitsbedingung von Normen. Die Bedin- gung der Möglichkeit, den Gehalt von Nor- men zu bestimmen, ist demzufolge an die Unmöglichkeit gebunden, diesen Gehalt vollständig rekonstruieren zu können. Be- gründungen von Normen bleiben also des- halb unabgeschlossen, weil das Kriterium fehlen muss, an dem eine vollständige Be- gründung festzumachen wäre. Mit Blick auf die letzte Version der Diskurstheorie von Habermas gesprochen: Wir können niemals wissen, ob eine Antwort auf eine praktische Frage in einem Diskurs die letzte und infol- gedessen die einzig richtig Antwort ist — nicht, weil es immer neue Antworten geben wird, sondern weil wir dazu die Antwort vor der Suche kennen müssten. Dann wäre aber die Suche überflüssig. Mit anderen Worten:

Normen haftet immer ein gewisser Grad von Kontingenz an, weil sie ansonsten keine Normen wären. Dies ist eine quasi transzen- dentale Möglichkeitsbedingung von Erkennt- nis im Allgemeinen und von Erkenntnis des normativen Gehalts im Besonderen.16 Diese systematische Kontingenz verhindert also den Abschluss eines notwendigen Räsonnie- rens über die Geltung von Normen, oder scharfer formuliert: Sie verunmöglicht die Legitimität von Normen. Aber sie tut dies in-

sofern mit einer impliziten normativen Kraft, als Normen gegenüber dem Versprechen nach Gerechtigkeit, d.h. gegenüber dem Ver- sprechen nach vollständiger Legitimität, das ihnen inhärent ist, immer imperfekt bleiben. Kontingenz hält somit Normen far Gerech- tigkeit offen und transzendiert sie auf eine unerreichbare Gerechtigkeit hin. Deshalb ist eine so verstandene Kontingenz der geeigne- te Ansatzpunkt für eine kritische Gesell- schaftstheorie, die sich gleichsam negativ auf den normativen Gehalt der Moderne bezie- hen kann. Jeder Versuch, diesen Gehalt zu bezeichnen, erscheint vor diesem Hinter- grund als Verletzung eben dieses Gehalts. (b) Während nun die systematische Kon- tingenz von Normen als Bezugspunkt für ei- ne kritische Gesellschaftstheorie unter Kontingenzbedingungen dient, beschreibt die zweite Bedeutung von Kontingenz das soziologisch interessante Problem, wie die moderne Gesellschaft mit dieser systemati- schen Kontingenz umgeht, welche sozialen Formen Kontingenz also annimmt. Mit Bau- man (1995a, 1995b) lassen sich grob zwei Formen der Kontingenzbewältigung unter- scheiden: eine moderne und eine postmoder- ne.17 Die moderne Kontingenzbewältigung fasst Kontingenz als Ausdruck noch nicht perfekter Ordnung auf. Sie historisiert Kon- tingenz und bearbeitet sie dadurch, dass an ihre Stelle kognitiv eindeutige Klassifikatio- nen treten. Die Unerreichbarkeit dieser Ein- deutigkeit wird in die Zukunft projiziert und als Projekt, d.h. als gesellschaftliche Aufgabe definiert. Die postmoderne Bewältigungs- form betrachtet dagegen Normen als Aus- druck individueller Entscheidungen. Kontin- genz wird hier als Freiheit verstanden, zwi- schen unterschiedlichen Optionen zu wählen. Jede Entscheidung bewältigt Kontingenz dann insofern, als sie sich eben für die eine und gegen die andere Option entscheidet. Kontingenz stellt damit kein Problem mehr da. Sie steht und füllt gewissermaßen mit Entscheidungen. Ordnungskonstruktion und Individualisierung sind somit spiegelbildli- che Alternativen im gesellschaftlichen Um- gang mit Kontingenz. Aus Sicht der systematischen Kontingenz sind aber weder die Geschichte noch das Individuum Quelle von Kontingenz. Im Ge-

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genteil: Eine kritische Gesellschaftstheorie, die sich auf systematisch verstandene Kon- tingenz stützt, kann zeigen, inwiefern beide Formen der Bewältigung immer noch von ei- ner Kontingenz heimgesucht werden, die sich deshalb als normative Kraft verstehen lässt. Weder eine projektierte Ordnungssuche noch die Individualisierung von Kontingenz kann sich dieser normativen Kraft entziehen. An dieser Stelle wird aber auch deutlich, in- wiefern eine erkenntniskritische normative Gesellschaftstheorie offen für empirische Forschung bleiben muss. Denn die Betonung der systematischen Kontingenz von Normen geht einher mit der gesellschaftlichen Be- dingtheit dieser Kontingenz. Nur jenen Ge- sellschaften, die sich von außergesellschaftli- chen Vorgaben emanzipieren stellt sich über- haupt das Problem radikaler Kontingenz, an dem sie sich dann abarbeiten. Insofern sind systematische und historische Kontingenz in- tern verbunden. Wie Gesellschaften mit die- sem Problem umgehen, ist eine soziologische Forschungsfrage und eine normative Frage. Denn die Tatsache, dass der normative Ge- halt der Moderne unbestimmbar bleibt, be- deutet auch, dass sich eine Gesellschaft em- pirisch gesehen sehr unterschiedlich zu die- ser Kontingenz ihrer normativen Grundlage verhalten kann. (c) Worin besteht aber nun die eigentümli- che normative Kraft der Kontingenz, auf die sich eine kritische Gesellschaftstheorie ein- zig noch berufen kann? Paradoxerweise setzen klassische norma- tive Theorien in der Regel voraus, dass wir für unser Handeln verantwortlich sind, um dann zu zeigen, wie wir diese Verantwortung abgeben können. Einerseits machen nämlich normative Theorien nur Sinn, wenn Handeln nicht schon vor- bzw. fremdbestimmt ist. Andererseits würde die erfolgreiche Suche nach einem normativen Gehalt dazu führen, dass Handlungen auf diesen Gehalt zurück- geführt werden könnten. Der normative Gehalt wäre dann eine Art Gerechtigkeits- programm, das immer dann aufgerufen wer- den könnte, wenn es um praktisch-morali- sche Fragen ginge. Insofern sind normative Theorien also kontraintuitiv. Dies liegt in erster Linie daran, dass sie Kontingenz als Problem verstehen, das — mit ihrer Hilfe — 173

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gelöst werden muss. Kontingenz erscheint ihnen, pointiert gesagt, als Hindernis auf dem Weg zur Gerechtigkeit. Aber erstens entbindet uns Kontingenz eben nicht von der Suche nach Normen und ihren Begründungen, sondern ist im Gegen- teil Bedingung der Möglichkeit moralischen Handelns, das sich als solches niemals auf ein Fundament der Gewissheit, der Normati- vität stützen kann. Und zweitens ist diese Kontingenz nur aktiv und herausfordernd, solange wir ihr entgehen wollen und das „Bedürfnis nach Normativität" (Günther 1985) haben. Sie gehört insofern einerseits zu einer spezifischen historischen Konstella- tion, denn sie ist an die Strukturmerkmale der modernen Gesellschaft geknüpft. Anderer- seits lässt sich Kontingenz eben nicht positi- vieren. Sie ist eine negative oder besser: ne- gierende Kraft, die die gesellschaftliche Pra- xis und ihre Normierungen stets aufs Neue herausfordert. Keine Begründung durch den Hinweis auf einer Praxis zugrunde liegende gültige Normen kann jemals das Ziel errei- chen. Dieses Scheitern hat eine normative Kraft, weil es zu weiteren Begründungen nö- tigt. Dadurch entsteht nicht nur die typische Dynamik der modernen Gesellschaft, die nicht zu sich selbst findet, sondern auch ihre grundsätzliche, nur um den Preis des Totali- tären zu tilgende Offenheit — eine Offenheit, die sich aber hinterrücks einstellt und die deshalb kein Bekenntnis zur „offenen Gesell- schaft" (Popper) benötigt. Offen ist die mo- derne Gesellschaft nicht, weil sie bestimmte Werte verkörpert, zu denen wir uns nur be- kennen müssen. Offen ist sie, weil sie ge- schlossen sein will, ohne es sein zu können:

Keine Begründung kann die letzte sein, auch wenn sie es sein will und muss, denn uns fehlt konstitutiv ein Kriterium, um die letzte von einer bloß vorletzten, also unvollständi- gen Begründung unterscheiden zu können.I8 Beispielsweise stoßen wir in dem Bemühen, eine Begründung dafür zu fi nden, warum moderne Gesellschaften unter politischen Aspekten demokratische Gesellschaften sein sollten, auf unterschiedliche, einander wider- streitende normative Rechtfertigungen der Demokratie. Aber all diese verschiedenen Rechtfertigungen der Demokratie als Meta-

174 norm implizieren die Unmöglichkeit einer

letzten Begründung der Demokratie, die uns davon entlasten würde, Verantwortung für das Erhalten, Einrichten oder Ausdehnen de- mokratischer Verhältnisse zu tragen. Eine solche Verantwortung für die unbegründbare Demokratie kann es nur geben, wenn unge- wiss ist, warum wir Demokraten sein sollten. Wüssten wir es, gäbe es also einen vernünfti- gen Kern der Demokratie, wäre die Demo- kratie gewissermaßen der politische Teil des normativen Gehalts der Moderne, dann wä- ren wir von dieser radikalen Verantwortung und von der Sorge um die Demokratie entla- stet. Stattdessen besteht der normative Gehalt genau darin, dass wir nicht entlastet sind, dass wir niemals genau wissen können, was Demokratie ist und was uns dazu verpflich- tet, Demokraten zu sein. Aber diese quasi- transzendentale Ungewissheit verpflichtet uns dazu, keiner Begründung den letzten Glauben zu schenken und insofern eine be- stimmte, bspw. politische Praxis immer so zu begründen, dass diese Begründung nicht be- ansprucht, eine letzte Begründung zu sein und damit andere mögliche Begründungen ausschließt. Der so verstandene normative Gehalt der Moderne verpflichtet uns also zu anti-fundamentalistischen Begründungen un- serer kontingenten Praxis, damit wir far ver- letzte Ansprüche aufmerksam sind — nicht mehr, aber auch nicht weniger. Diese Verant- wortung kann nicht abgelehnt werden. Sie ist die Voraussetzung für Handeln schlechthin. Sie kann aber auch nicht erfüllt werden, denn ihre Unerreichbarkeit ist gleichzeitig die Voraussetzung für normative Reflexionen.19 Eine kritische Gesellschaftstheorie kann an diesen normativen Gehalt der Moderne anknüpfen, da sie gegenüber jeder Praxis de- ren systematische Kontingenz einklagen kann, denn jede Praxis bleibt angesichts der Unmöglichkeit ihrer vollständigen Begrün- dung immer selektiv. Sie kann auf die nor- mative Kraft der Kontingenz setzen, die die faktisch geltenden Normen immer wieder herausfordert und in das Licht einer struktu- rell begründeten Ungerechtigkeit rückt. Das heißt auch, „gegenüber allen Formen des Be- wusstseins, auch Formen der wissenschaftli- chen Analyse, die diese Selektivität unter- schlagen, alternative Entwicklungsmöglich- keiten als Chance zur Geltung zu bringen"

(Giegel 2000: 63) — nicht als eine bestimmte Chance, die verpasst worden ist, sondern als Chance, die immer schon verpasst wurde und die es immer wieder ermöglicht, auch anders zu handeln. Kritischer Gesellschaftstheorie Milt damit die Aufgabe zu, die Gesellschaft vor ihrer Verdinglichung zu schützen, indem sie zeigt, dass jedes Handeln Kontingenz im- pliziert und dass Verantwortung gleichsam als unabgegoltener Rest wie eine Art norma- tiver Stachel im Fleisch von Begründungs- prozeduren sitzt.20 Liest man Baumans ontologische L6vinas- Lektüre vor diesem Hintergrund, so zeigt sich, dass die unbedingte Verantwortung, der wir nicht gerecht werden können, nicht, wie Bauman meint, einer quasi-existentiellen Si- tuation doppelter Kontingenz entspringt. Vielmehr können normative Theorien das nicht ausschließen, was sie ausschließen wol- len: die Verantwortung far unsere Praktiken, die aus der Unmöglichkeit resultiert, Normen vollständig begründen zu können. Diese un- hintergehbare Kontingenz von Normen ver- hindert einen Abschluss der normativen Be- gründungen unserer Praxis, die uns von der Verantwortung entlasten wollen. Zugleich können wir diese Verantwortung aber auch nicht einfach übernehmen. Wir besitzen sie nicht. Sie stellt sich ohne unseren Willen ein, wenn wir versuchen, sie auf der Suche nach normativen Prinzipien loszuwerden.21 Und immerhin daran kann die erkenntniskritisch begründete kritische Gesellschaftstheorie er- innern: Unmöglichkeit und die Notwendig- keit dieser Suche haben einen normativen Ei- gensinn, der es verhindert, dass faktisch gel- tende Normen auch gültige Normen sind. Die soziologisch attestierte Kontingenz von Nor- men wird so zum normativen Gehalt der Mo- derne, die sich sozusagen — als eine vollstän- dig legitime Ordnung — selbst verunmöglicht. Mit anderen Worten: Die moderne Gesell- schaft, die auf die selbst gestellte Frage nach ihrem normativen Gehalt Antworten sucht, ist mit sich selbst uneins. Sie kann nie genau wissen — auch wenn sie es manchmal glaubt ob sie eine gute Gesellschaft ist. Und das ist das Gute der Gesellschaft.

Berl. J. Soziol., Heft 2 2001, S. 159-178

Anmerkungen

1 Vgl. zu dieser Frage bei Rousseau auch Der- rida (1983: 171ff.), der besonders den meta- physischen Zug der Hierarchisierung von Lebensformen herausstreicht; und für Hegel Benhabib (1992) und Menke (1997). Honneth (1994a) rechnet auch zumindest den jungen Marx noch zu dieser sozialphilosophischen Konstellation. Vgl. Mr einen systematischen Überblick über verschiedene Modelle von Nor- mativität als Abfolge unterschiedlicher Vor- stellungen vom guten Leben Taylor (1994).

2 Webers Polytheismusthese ist insofern einerseits diametral gegen Hegel gerichtet. Andererseits lässt sie sich auch als soziologische Fortfahrung oder Übersetzung der kantischen Transzenden- talphilosophie verstehen, wie Agathe Bienfait (1999) jetzt noch einmal herausarbeitete.

3 Sehr wohl gibt es eine empirische Begründung in der Form der höheren Anschlussfähigkeit des eigenen Handelns an bestimmte und nicht an andere Werte. Mit Webers Begriffen: Eini- ge Werte können mit größeren Chancen zur Handlungsorientierung durch Subjekte heran- gezogen werden als andere. Das hat aber nichts mit dem Wert, sondern nur mit dem Grad sei- ner gesellschaftlichen Institutionalisierung und Anerkennung zu tun.

4 Vgl. u. a. Weber (1922: 608). Unentscheidbare Fragen bleiben demzufolge nur solange unent- schieden, wie die Individuen nicht entscheiden. Von hier aus lässt sich das brisante Problem ei- ner Entscheidung durch die Zeit nicht fassen:

Wenn nämlich die ausgesetzte Entscheidung gleichzeitig eine Entscheidung für eine der bei- den Optionen bedeutet, dann ist eine Nicht- Entscheidung trotzdem eine Entscheidung — und zwar eine ohne Subjekt.

5 So auch Heinz von Foerster (1993: 351): Wir können nur jene Fragen entscheiden, die prin- zipiell unentscheidbar sind." Alles andere ist entweder immer schon entschieden worden oder wird von jemand anderem entschieden, der sich dann aber außerhalb der empirischen Welt aufhalten muss.

6 Anders gesagt: Wenn es nur einen einzigen Wert gäbe, hatte er keinen Sinn, weil es nicht möglich wäre, zu ihm positiv oder negativ Stellung zu nehmen. Er würde noch nicht ein- mal Geltung beanspruchen müssen, denn er wäre fraglos gültig.

7 Das hieße aber, eine Entscheidung durch ein Individuum wäre gar nicht mehr notwendig, da die Entscheidung immer schon getroffen wäre. Das Individuum wäre gewissermaßen vorpro- grammiert und damit keines mehr. 175

T. Bonacker: Hat die Moderne einen normativen Gehalt?

8 Deshalb lässt sich Schluchters Vorschlag zwi- schen Kants Formalismus und Hegels Materia- lismus einordnen. Meines Erachtens ist ein sol- cher Vorschlag weniger weit von den letzten Fassungen der fallibilistisch ausgerichteten Diskursethik entfernt, als Schluchter meint. Vgl. dazu auch Endrel3 1998.

9 Aus der entwicklungsgeschichtlichen Perspek-

tive Schluchters ließe sich deshalb sagen, diese Paradoxie der Verantwortung stellt den Höhe- punkt der Genese ethischen Denkens dar, weil es gegenüber anderen Formen zeigt, dass Verantwortung nicht auf etwas Welttranszen- dentes — und sei es das Individuum — reduziert werden kann. Deshalb würde ich an dieser Stelle vom normativen Gehalt der Moderne sprechen, der hier durchscheint.

10 Adorno benutzt, um dieses Verhältnis zu ver- anschaulichen, bekanntlich nonkognitivisti- sche Argumente in Form einer Impulstheorie des Moralischen, die aber meiner Ansicht nach vor dem Hintergrund einer negativen Dialektik

verstanden werden müssen, damit ihr metaphy- sikkritischer Sinn gewahrt bleibt. Siehe Adorno (1986 GS 6: 227ff.).

11 Siehe far dieses „Problem des Danach" Ladeur

(1996) und auch Koselleck (1989). In letzter Zeit ist die „Dialektik der Aufklärung" auch als Erzählung beschrieben worden (vgl. Heller 1997), mit der sich, so die interessante Lesart Honneths (1998), Möglichkeiten einer „er- schließenden Kritik" verbinden lassen. 12 Von hier aus hat bekanntlich Axel Honneth

(1994a) die Kritische Theorie in Richtung einer Anerkennungstheorie als Alternative zur kom- munikationstheoretischen Gestalt Kritischer Theorie ausgebaut. Ihr zufolge lässt sich der normative Gehalt der Moderne mit dem Begriff der intersubjektiven Anerkennung bezeichnen, so dass Verletzungen dieses Gehalts als „Miss- achtung" von Subjekten sichtbar werden.

13 Vgl. air diese Kritik an der Diskursethik Well- mer (1992) und Günther (1988). Habermas hat diese Einwände zum Anlass genommen, in die Diskursethik einen grundsätzlichen fallibilisti- schen Vorbehalt einzubauen. Für eine soziolo- gische Kritik an der Rationalisierungsthese vgl. Preyer (1996).

14 Insofern lässt sich vielleicht mit der hier vorge- schlagenen erkenntniskritischen und normati- ven Argumentation eine Perspektive eröffnen, die unterschiedliche Stränge der kritischen Theorie in einem bestimmten Punkt syntheti- siert (vgl. dazu Roth 1994) und die zugleich of- fen ist für andere Theorien, die sich nicht als kritisch beschreiben, aber auch, wie bspw. die

176 Theorie autopoietischer Systeme Luhmanns

oder die Diskurstheorie Laclaus, erkenntniskri- tisch ausgerichtet sind.

15 Für die fallibilistische Erklärung siehe Haber- mas (1999), fir die individualistische Weber (1922) und für die historistische Rorty (1989).

16 Die — erkenntniskritische — Argumentationsfi- gur des Quasi-Transzendentalismus findet sich übrigens schon in „Erkenntnis und Interesse" (Habermas 1968). Vgl. dazu auch Power (2000) und Gaschd (1986).

17 Ich belasse es an dieser Stelle mit dieser sicher- lich nur vagen Andeutung. Vgl. ausführlicher zu der Unterscheidung zwischen modernen und postmodemen Formen der Kontingenzbe- wältigung Bonacker (2001).

18 Dies ist offensichtlich kein fallibilistisches Argument aus dem Hause Poppers. Es geht eben nicht darum, die empirische Unvollstän- digkeit eines Kontextwissens zu behaupten, sondern zu zeigen, inwiefern jeder Versuch ei- ner Begründung an den Voraussetzungen scheitert, die er machen muss.

19 Mit Blick auf Anthony Giddens ließe sich wohl davon sprechen, dass sich die normative Kraft der Kontingenz, die in dieser Verantwortung zum Ausdruck kommt, dort zeigt, wo Strukturen notwendigerweise offen bleiben, also in der Re- kursivität von unabgeschlossenen Strukturbil- dungen. Kontingenz kann nämlich weder auf Strukturen noch auf Akteure zurückgerechnet werden, die dementsprechend eben nicht Trager von Verantwortung sein können. Verantwortung kann es nur dort geben, wo Strukturen nicht de- terminierend und Akteure nicht autark sind.

20 Im Gegensatz zu Versuchen, daraus eine Ver- antwortungsethik zu machen, scheint deshalb ein derart rekonstruierter normativer Gehalt die Frage aufzuwerfen, wie man sich zur Unmög- lichkeit der Verantwortung verhält. Auf dieser Ebene einer, wenn man so will, Verantwor- tungsverantwortung kann darüber diskutiert werden, wie diskursive Verfahren der Urteils- bildung so konstruiert sein müssen, dass sie für die Reflexion ihrer strukturellen Ungerechtig- keit offen sind. Dazu müsste die hier vorge- stellte These eines normativen Gehalts der Mo- derne dann zu materialen Analysen übergehen.

21 Vielleicht ist sie deshalb — und nur deshalb — „real" im Sinne Lacans (vgl. 2i2ek 1998), d.h. eine Art kollektives Unbewusstes, das sich nicht ins Bewusstsein heben lässt, ohne dass es seine normative Kraft verliert. Eine solche Positivierung der Kontingenz oder eine solche souveräne Übernahme der Verantwortung kä- me dann einem Totalitarismus, d.h. einer voll- ständigen Zerstörung der Kontingenz und der Verantwortung gleich.

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