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Kann man Charisma lernen?

Editorial

Was kann Musik? Was kann sie nicht?

Liebe Leserin, lieber Leser,

der Macht der Musik kann sich keiner entzie- hen. Überall auf der Welt lösen bestimmte Tonfolgen ähnliche Emotionen aus - meistens die gleichen: Freude und Angst, Trauer und Feierlichkeit. Bei Rap und Punk auch Wut. Bereits Ungeborene ab der 21. Schwanger- schaftswoche nehmen Melodien war, in den Jahren nach der Geburt verfeinert sich das Gehör immer mehr. Ihre intensivste Kraft übt die Musik in der Wirkung auf Gruppen aus. Dass Dur und Moll, schnell und langsam sehr unterschiedliche Gefühle ansprechen, ist so neu nicht. Erstaunlich ist jedoch, dass sie es auch bei 1-1enschen tun, die mit dem Sound des Westens bisher noch nicht mal in Gestalt eines Transistorradios in Berührung gekom- men sind. Das haben Forscher herausgefun- den, die Angehörigen des Mafa-Stammes im abgelegenen Mandara-Gebirge in Kamerun Bach und Beethoven zu Gehör brachten, um herauszufinden, ob sie zwischen Wohl- und Missklang unterscheiden können.

Dabei stellten sie fest: Die Einheimischen reagierten auf die Klangfolgen ebenso gefühlig wie wir. Kurz gesagt: Sie verstanden »Die globale Matrix der Musik«. Was diese Er- kenntnis zu bedeuten hat, erfahren Sie in un- serer gleichnamigen Titelgeschichte von Isabell Winklbauer auf Seite 38. Offenbar ist die Kunst des Menschen, Me- lodien zu lesen, uralt. Hirnforscher gehen sogar davon aus, dass die Musik älter ist als die Sprache. Beide liegen im Gehirn nahe bei- einander und sind dadurch sozusagen Ge- schwister. Nach neuesten Studien soll von beiden die 1tlusik den größeren Einfluss auf uns haben. Deshalb überrascht es auch nicht, wenn immer mehr Wissenschaftler von der Musik als einer Universalsprache reden, die rund um den Globus von jedermann verstan- den wird. Das klingt logisch, denn sie hat einen großen Vorteil: Musik muss nicht übersetzt werden.

Hans-Hermann Sprado

Chefredakteur

nicht übersetzt werden. Hans-Hermann Sprado Chefredakteur Manchmal springt der Funke einfach über. Wie bei den

Manchmal springt der Funke einfach über. Wie bei den Recherchen von P.M.-Autorin CAROLA KLEINSCHMIDT(Foto) zum Artikel über das Charisma. Aus dem kurzen Recherchetelefonat mit einem Psychoanalytiker wurde eine fast einstündige Diskussion. Später fragte der Experte per Mail sogar höflich an, ob er wohl die Mitschrift des Gesprächs bekommen könne. Er habe in dem Telefonat Ideen entwickelt. die er gern weiterverfolgen möchte. Jetzt warten wir gespannt auf weitere Arbeiten von ihm.

72 Grausiger Handel mit Reliquien Von der Vorhaut Jesu bis zu den Federn des Heiligen

72 Grausiger Handel mit Reliquien

Von der Vorhaut Jesu bis zu den Federn des Heiligen Geistes: Die Geschäfte im Namen des Herrn florieren. Viele Reliqui- en sind natürlich Fälschungen - aber sie sichern die Herrschaft der Kirche

46 Kann Technik das Klima retten?

Die Politik hat bei der Reduzierung der Klimagase ve r sagt. Jetzt wo ll en For scher die Erde r wärmung mit aben- teuerlichen Manipulationen stoppen. Ke iner weiß , ob das gutgehen kann

die Erde r wärmung mit aben- teuerlichen Manipulationen stoppen. Ke iner weiß , ob das gutgehen
die Erde r wärmung mit aben- teuerlichen Manipulationen stoppen. Ke iner weiß , ob das gutgehen
20 Neues Risiko Monsterviren ? Wissenschaftler diskutieren über ungewöhnlich große Viren, die sich abseits der

20 Neues Risiko Monsterviren?

Wissenschaftler diskutieren über ungewöhnlich große Viren, die sich abseits der Evolution entwickelt haben. Sind diese unheimlichen Erreger eine Gefahr für uns?

92 Väter sind oft die besseren Mütter

Vielen Menschen-Männern wird vorgeworfen, die Brut zu vernachläs-

sigen. Im Tierreich sind

weit verbreitet - wenn auch die Motive der Fürsorge sehr unterschiedlich sind

liebevo lle Väter

der Fürsorge sehr unterschiedlich sind liebevo lle Väter TITEL-THEMA 38 EVOLUTION & KULTUR Die globale Matrix

TITEL-THEMA

38 EVOLUTION & KULTUR

Die globale Matrix der Musik

12

RADAR

Wissen zum Mitreden

20

MEDIZIN &EVOLUTION

Sie tarnen sich als Bakterien. Aber sie sind Monsterviren

26

PSYCHOLOGIE

Erfolgsgeheimnis Charisma

32

RAUMFAHRT

Pannenhilfe im All

46

GEO-ENGINEERING

Kann Technik das Klima retten?

59

SPECIAL

Intelligenter wohnen

72 RELIGION

Der grausige Handel mit Reliquien

80

BÜCHER, DIE DIE WELT

VERÄNDERTEN

»Über die Pflicht zum Unge- horsam gegen den Staat« von Henry David Thoreau

84

HI- FI &AUTOTECHNIK

Wie klingt eigentlich Ihr Auto?

92 VERHALTENSFORSCHUNG & ZOOLOGIE

Vater unser!

STANDARDS

S4 LOGIK- TRAINER

SS KREUZWORTRÄTSEL & LÖSUNGEN

82

FRAGEN &ANTWORTEN

90

LESERBRIEFE

91

IMPRESSUM & SERVICE

100

ZITATE

106

VORSCHAU

Wissen zum Mitreden

REKORDSPRÜNGE

Richtung Schallmauer

Im Jahr 1960 wagte der amerikanische Luftwaffenpilot Joseph Kittinger etwas bis dahin Be is pielloses : Er flog mit einem Heliumballon 31 Kilometer hoch bis an den Rand des Weltalls , sprang von dort ins Leere und erreichte eine Geschwindigkeit von fast 1000 km/ho Es war der läng ste freie Fall aller Zeiten. Nach 15 Minuten schwebte Kittinger an seinem Fallschirm zur Erde und rauchte erst mal eine Zigarette. Seitdem gab es immer wieder Versuche, sein Heldenstück zu übertreffen, aber sie scheiterten. Dieses Jahr jedoch könnte sein Rekord fallen: Der Österreicher Felx Baurngartnerwllaus 37 Kilometer Höhe abspringen. Sonst ist Baumgartner eher niedrige Fallhöhen gewohnt; er ist Base-Jumper, springt also mit dem Fallschirm von festen Objekten. 2007 war er vom damals höchsten Gebäude der Welt gesprungen, dem Taipei 101 in Taipeh. 2003 glitt er von einem Flugzeug über den Ärmelkanal, mit Kunst- stoffflügeln auf dem Rücken. Wie Kittinger will auch Baumgartner mit einem Heliumballon von den USA aus starten. Und er w ill schaffen , was auch Kittinger nicht gelang: die Schallmauer im freien Fall zu durchbre- chen , Allerd ings hat er Konkurrenz: Auch der britische Stuntman Steve Truglia plant einen Sprung aus 37 Kilometer Höhe. Der Franzose Michel Fournier hat für dieses Jahr sogar einen Sprung aus 40 Kilometer Höhe angekündigt. Bei früheren Versuchen ist Fournierjedoch immer gescheitert.

Fellx Baumgartner wagte 2007 den niedrigsten Base- Jump, von der Christus-Statue in Rio de Janeiro

Fellx Baumgartner wagte 2007 den niedrigsten Base- Jump, von der Christus-Statue in Rio de Janeiro (I.). Jetzt plant er einen Sprung aus noch größerer Höhe als 1960 Joseph Kittinger (r.)

Ritt auf dem Schwarzen Drachen

'" ~ Wenn die Flut auf die Küste der chinesischen Stadt

~ Hangzhou zurollt, passiert etwas Ungewöhnliches: Im Fluss baut sich eine neun Meter hohe Welle auf, die landeinwärts

von ihnen auf der Welle gleiten, die »Schwarzer Drache« genannt wird. Manche sind darauf sogar über eine Stunde unterwegs - länger als sonstwo auf der Welt. Der Star der Szene, der Brasilia-

schwappt. Sie ist ein Schrecken für Schiffer,aber ein Traum für ner Sergio Laus, soll letztes Jahr auf dem Schwarzen Drachen

Surfer. Mehr als eine halbe Stunde am Stück können die Besten mehr als 14 Kilometer weit geritten sein: Weltrekord.

~

//

mehr als 14 Kilometer weit geritten sein: Weltrekord. ~ // »Ich bin nicht sicher, ob ich

»Ich bin nicht sicher, ob ich an ihrer Stelle ans Telefon gehen würde.«

Der englische Biologe Conway Morris vermutet, dass fremde Zivilisationen im All deshalb nicht auf unsere Funkrufe antworten, weil sie Ärger mit uns fürchten.

Die seltsame Handschrift gibt Forschern seit fast 100 Jahren Rätsel auf.JR1)ahr 1912 erwarb der amerikanische Antiquar Wilfrid Voynich diese geheimnisvollen Seiten, die mit botanischen, astronomischen und anatomischen 'Bildern illustriert sind. Das Manuskript ist in einer unbe- kannten Schrift verfasst. die seither unzählige Experten zu entschlüsseln versuchten - vergeblich. Das Gerücht kam auf, das Manuskript sei eine Fälschung. Jetzt haben Materialwissenschaftler es mit der Radiokarbon- methode datiert und festgestellt: Die Schrift Ist alt! Zwischen 1404 und 1438 muss sie entstanden sein. Damit ist das Voynich-Manuskript wahr- scheinlich ein echtes, gehaltvolles Schriftstück, Was drinsteht, ist noch immer rätselhaft. Die meisten Experten vermuten, dass ein italienischer Renaissance-Gelehrter darin sein Geheimwissen festgehalten hat.

18 PM. 04 / 2010

vermuten, dass ein italienischer Renaissance-Gelehrter darin sein Geheimwissen festgehalten hat. 18 PM. 04 / 2010
PSYCHOLOGIE IMPLANTATE ~SlIIkonlmplantate - woran denken Sie da? An dralle Frauenbrüste? Ingenieure der elitären
PSYCHOLOGIE
IMPLANTATE
~SlIIkonlmplantate
- woran denken Sie da?
An dralle Frauenbrüste?
Ingenieure der elitären
Prlnceton Unlverslty In
den USA denken dabei an
Stromerzeugung. Sie
haben eln
ups
SIIallmplantat entwi-

ckelt, das die Bewegungen des Körperteils, in dem es sitzt, in Elektrizität umwandelt. Dazu haben sie dem Silikon eine Substanz namens Blel-llrkonat- lltanat (PlT) zugesetzt. PlT ist piezoelektrisch, gerät also unter elektrische Span- nung, wenn es gedrückt,

geknetetodergeschwab-

belt wird. Der Strom könnte ein Mobiltelefon oder einen Herzschritt- macher speisen - falls Dolly Buster mal einen braucht. Die Entwicklung der Implantate, von Ihren Erfindern »PIezo-Ci&a'n-

mI-CIIIps« genannt,

wurde von den US-Ge- heimdiensten finanziert. Die Spione verraten nicht, was sie damit vorhaben.

Später ziehen, länger leben

:~) Typisches Duell in einem Westernfilm: Die Kontra- henten stehen sich reglos gegenüber.Der eine zieht den Revolver . Der andere reagie rt blitzschnell - und tr ifft! Wer später zieht. gewinnt. das ist tatsächlich so,haben britische Neurowissenschaftler in einem Experiment bestätigt. Andrew Welchman von der University of Birmingham hat Probanden in Laborduellen gegeneinander antreten lassen.Ihre Aufgabe war:

die Hand von einem Knopf heben,dann möglichst schnell zwei andere Knöpfe drücken und zum ersten Knopf zurückkehren. Es gab kein Startsigna l. Erstaunliches Ergebnis: Meistens war der Proband. der sich zuerst rüh rte , langsamer als j ener , der reagierte.Das liegt daran, vermuten die Forscher,dass die reaktiven SIgnalwege In unserem Gehirn schneller funktionie- ren als die spontanen. Und so gilt eben auch bei Revolverhelden:

Wer zuerst die Nerven verliert. verliert eher sein Leben.

So sieht cIe Tolette derZukunft aus, wenn es nach dem chinesischen Designer Dang Jingwel geht: das ganze Bad in einem kompakten Stück! Die Studie Horne (ore vereint die Toilette mit dem Waschbecken, dem Spiegel und dem Schminktisch. Das spart Platz und Wasser, denn auf Knopfdruck speichert das Gerät das Abwasser vom Händewaschen in einem Tank, der die ToIlettenspülung speist. Zudem kann die Stärke des Wasserstrahis aus dem Hahn dem Bedarf angepasst werden.

r die Welt der Mikroben in es gab Bakterien und Viren. Doch einmal ist alles anders: Neu entdeckte entziehen sich dem bekannten a. Können die unheimlichen Erreger Gefahr für den Menschen werden?

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ie ersten Opfer: Schulkinder in Cux- haven. Sieben von ihnen kommen ins Krankenhaus, zwei sterben.

ie ersten Opfer:

Schulkinder in Cux- haven. Sieben von ihnen kommen ins Krankenhaus, zwei sterben. Die Ärzte sind ratlos. Die Presse schreibt von einer »gefährlichen Todes- seuche«. Die Forscher erklären, sie wollen das unbekannte Virus schnell analysieren. Angst geht um. Wer erkrankt, wer stirbt als Nächster? Diese Meldung betraf nicht die Schweinegrippe im Jahr 2009, nicht die Noroviren 2007, nicht die Vogelgrippe 2006, auch nicht die SARS-Viren 2003 - die Nachricht ist 43 Jahre alt. Aber die Zeit spielt eigentlich keine Rolle. Denn der Mechanis- mus ist stets der Gleiche: Ein neu- artiges Virus taucht auf, sorgt mit- hilfe der Medien für Unruhe und gerät ein paar Wochen später in Vergessenheit. Bis das nächste un- bekannte Virus erscheint und das makabre Spiel von vorn beginnt.

22 PM. 04/ 2010

Die Schweinegrippe forderte 2009 in Deutschland weniger als 200 Tote. An den Noroviren im Jahr 2007 starben 75 Menschen. An der Vogelgrippe: keiner. An den SARS-Viren: keiner. Dabei hatten alle Erreger für Schlagzeilen und Aufregung gesorgt. Zum Vergleich:

Die normale Grippe fordert in Deutschland pro Jahr durch- schnittlich 8000 Menschenleben, ohne dass diese Toten ein großes Thema für die Medien wären. Wa- rum sollten sie auch? An Herz- Kreislauf-Erkrankungen sterben in Deutschland jedes Jahr mehr als 40-mal so viele Menschen (rund 350000), an Krebs rund 200000, das sind 550 Krebstote jeden Tag. Daraus zu schließen, Viren seien harmlos, wäre falsch. Ihre Gefahr

lauert nur nicht in Gestalt eines neuen Grippe-Erregers. »Es wird in Zukunft mit neuen Viren als Seuchenerregern zu rechnen sein«, sagt Hans-Georg Kräusslich, Vi- rologe an der Uni Heidelberg. »Welche das sind, lässt sich leider nicht vorhersagen.«

DIE ARMEE DER VIREN ist groß. Sie

schlägt zu, wenn niemand damit rechnet. Rund 4000 verschiedene Virusarten sind bis heute bekannt und klassifiziert - raffinierte Über- lebenskünstler und in der Lage, ihre Struktur so zu verändern, dass ein bisher wirksamer Impfstoff nicht mehr zu ihrer neuen Form passt. Dann bricht das Virus aus dem üblichen Schema aus. Das heißt: Ein Erreger, der bisher nur in Tieren existierte, kann plötzlich auf den Menschen überspringen. In den letzten Jahren und Mo- naten haben Wissenschaftler eine Reihe von unbekannten Viren ent- deckt, darunter solche, die ihnen Kopfzerbrechen bereiten: Monster-

Alle Jahre wieder: In der Vergangenheit haben neuartige Grippe-Erreger mehrfach für Aufregung gesorgt - aber die Zahl der Todesopfer ist immer gering geblieben

Um das Virus zu erforschen, musste es »rasiert« werden viren von nie gesehener Größe. Auf

Um das Virus zu erforschen, musste es »rasiert« werden

viren von nie gesehener Größe. Auf so ein Riesenvirus stieß zufällig ein Mikrobiologe bei der Untersuchung des Wassers im Kühlturm eines Krankenhauses in Bradford, Eng- land. Er fand merkwürdige Mikro- ben, die er aufgrund ihres unge- wöhnlichen Umfangs zunächst für Einzeller hielt. Mit 400 Nanome- tern waren sie rund 15-mal so groß wie Schnupfenviren und viermal so groß wie die meisten anderen be- kannten Viren. Konserviert in einer Tiefkühl- box wurde der Fund an den Viren- spezialisten Didier Raoult an der Universität Marseille geschickt. Der betrachtete die sensationelle Lieferung zunächst unter dem Mi- kroskop und erblickte eine mit Fasern besetzte Oberfläche. Ein Bakterium, dachte er, da Viren für Lichtmikroskope normalerweise zu klein sind. Anschließend legte Raoult den Erreger unter ein Elekt- ronenmikroskop. Was er jetzt sah,

raubte ihm den Atem: ein Riesen- VIrus. Der amerikanischeWissen- schaftsautor Michael Brooks be- schreibt die Entdeckung (in sei- nem Buch »Das Licht war früher auch mal schneller«) so: »Stellen Sie sich vor, Sie stehen neben einem Mann, der so groß ist wie ein zwölfstöckiges Bürohochhaus. So sieht dieses Monstrum für an- dere Viren aus.« Doch es war nicht allein die Größe, die den Forschern einen Schreck einjagte.

VIREN EXISTIEREN in einem Zwi-

schenbereich, der weder zur leben- digen Natur noch zur toten Mate- rie gehört. Um zu leben, braucht jedes Virus einen Wirt: eine Zelle. Wenn es die Zelle infiziert, pro- grammiert es sie so um, dass sie innerhalb von wenigen Stunden Hunderttausende neuer Viren pro- duziert, die dann wiederum über

andere Zellen herfallen. Für dieses Programm verwenden die Viren Gene. Normale Viren enthalten zehn oder 100 Gene, manche auch 300. Das neu entdeckte Riesenvi- rus aber besitzt 1262 Gene. Da- runter befinden sich welche, die für die Herstellung von Proteinen zuständig sind - eine Aufgabe, die Viren sonst von ihren Wirtszellen erledigen lassen. Dieses seltsame Exemplar aber war dazu selbst in der Lage. Dass sich das so reichlich aus- gestattete Monstervirus als Bak- terie tarnt, also eine Mikrobe mimt (englisch: »mimicking microbe«), trug ihm die Bezeichnung »Mimi- virus« ein. Doch der verniedlichen- de Name täuscht. Derzeit diskutiert eine interna- tionale Schar von Wissenschaft- lern darüber, ob man ein solches Virus nicht der lebendigen Welt zuordnen müsste. Die Biologin Si- yang Sun von der Purdue Univer-

sity im US-Staat Indiana sagt: »Das Mimi-Virus ist wie ein Mit- telding zwischen einer lebenden

sity im US-Staat Indiana sagt:

»Das Mimi-Virus ist wie ein Mit- telding zwischen einer lebenden Zelle und einem Virus.«

WELCHE FOLGEN hätten die Mons- terviren, die bisher nur Amöben befallen, für den Menschen? Kön- nen sie für uns zur Bedrohung werden? Die Größe allein ist nicht gefährlich. Zwar sind die Pocken- viren, die schon in der Antike fünf Millionen Opfer forderten und später noch viele Millionen mehr, mit rund 300 Nanometern auch recht groß. HIV-Erreger jedoch, die heute Tag für Tag 5000 Men- schen an Aids dahinraffen, haben mit 120 Nanometern eine eher be- scheidene Größe. Nicht alle Viren sind gefährlich. Es gibt sogar welche, die so harm- los sind, dass sie schon immer in unserem Erbgut schlummern. Die- se Humanen endogenen Retrovi- ren (HERV) existierten schon vor mehr als zehn Millionen Jahren in unseren Vorfahren, den Pri- maten - zu einer Zeit, als es noch

24 PM. 04 I 2010

keine Menschen gab. Forscher schätzen diesen Anteil an unserer Erbmasse (unserem Genom) auf neun Prozent. Gefährlich sind Viren vor allem dann, wenn sie mutieren, wenn sie sich verändern. Dann können so- gar altbekannte Erreger zur Gefahr werden. »Sorgen macht uns derzeit das Dengue-Fieber«, sagt der Viro- loge Dr. Matthias Niedrig vom Robert-Koch-Institut in Berlin. Dengue (sprich: »Dengi«) ist seit über 200 Jahren bekannt und galt bis vor Kurzem als seltene Tropen- krankheit. Inzwischen hat es sich zu der am häufigsten durch Stech- mücken übertragenen Viruskrank- heit entwickelt. Solche Bedrohungen motivieren weltweit mehrere tausend Spezia- listen in ihrem Kampf gegen die Viren. Etwa 500 bis 600 Experten arbeiten allein in Deutschland, so wie die Virologin Simone Backes, die in einem Labor der TU Mün- chen und der Helmholtz-Gesell- schaft vor allem Hepatitis-B-Viren erforscht. Die 30-Jährige experi-

mentiert mit einem Impfstoff, der das Immunsystem chronisch infi- zierter Patienten ankurbeln soll - »um die Virusvermehrung zu brem- sen oder das Virus im besten Fall zu eliminieren«, sagt sie. Sie weiß, dass es noch Jahre dauert, bis so ein Impfstoff auf den Markt kom- men wird. Und sie weiß auch, dass es ein Wettlauf gegen die Zeit und gegen die Konkurrenz ist: Sie und ihre Kollegen wollen schneller sein als vergleichbare Teams in anderen Ländern - vor allem aber wollen sie schneller sein als die Viren. Der größte Traum der Forscher wäre ein Medikament, das gegen alle Virenarten wirkt wie ein Breit- band-AntibiotikmTI gegen Bakte- rien. Die bekannten antiviralen Medikamente können allenfalls einen Erreger bei seiner Arbeit stö- ren und ihn in Schach halten - zum Beispiel, indem sie bestimmte En- zyme hemmen, die er braucht, um seine Gene zu vermehren. Töten können sie ihn nicht. Haben die Wissenschaftler über- haupt eine Chance gegen die Or-

Über Monsterviren wissen wir bisher nur wenig: Sie haben einen Weg abseits der Evolution gefunden

Über Monsterviren wissen wir bisher nur wenig:

Sie haben einen Weg abseits der Evolution gefunden

ganismen, die seit Jahrmillionen erfolgreich ihr eigenes Überleben optimieren? Hier raffinierte Viren, dort engagierte Virologen: Werden die einen den anderen immer einen Schritt voraus sein? Simone Backes ist optimistisch: »Den Kampf ge- gen die Pockenviren hat der Mensch ja auch gewonnen. « Dank eines konsequenten Impfprogramms sind die Pocken seit mehr als 3° Jahren ausgerottet, nur in For- schungslabors liegen noch Rest- bestände unter Verschluss.

VIELLEICHT MÜSSEN sich die Viro-

logen bald auch mit Impfstoffen gegen Monsterviren beschäftigen. »Ob diese Erreger gefährlich wer- den, kann heute noch niemand sagen«, erklärt Matthias Niedrig vom Robert-Koch-Institut in Ber- lin. Beunruhigend ist jedoch die Tatsache, dass in Patienten, die eine gefährliche Lungenentzün-

dung hatten, Antikörper gegen Mimi-Viren entdeckt wurden. Also muss es bereits erste Kontakte zwi- schen Mensch und Monstervirus gegeben haben. Didier Raoult, der das Mimi- Virus in seinem Labor analysiert hat, wurde inzwischen erneut fün- dig: Im Dezember 2009 gab er be- kannt, dass er ein zweites Riesenrus entdeckt hat. Das »Marseille-Virus« ist mit 250 Nanometern zwar nicht ganz so groß wie das Mimi-Virus, aber kaum weniger rätselhaft: Es enthält Gene aus verschiedenen Quellen: aus Pflanzen, Tieren, Bak- terien - und Mimi-Viren. Es gilt als sicher, dass die Wis- senschaftler in Amöben weitere Monsterviren finden werden, die möglicherweise einen langen Weg abseits der bekannten Evolution zurückgelegt haben: »In Amöben findet ein permanenter Schöp- fungsprozess statt, der ganz neue

Forscherin in einem Hoch- sicherheitslabor für Viren. In Deutschland gibt es bisher nur zwei dieser Einrichtungen mit der höchsten Schutzstufe 4. Zwei weitere sollen folgen

Viren entstehen lässt«, sagt Raoult. »Das widerspricht Darwins Vor- stellung von einem gemeinsamen Ursprung aller Arten. ~( Alle Indizien deuten darauf hin, dass die Wissenschaft dabei ist, die Tür zu einer unbekannten Welt aufzustoßen. Eines lässt sich beim Blick durch einen schmalen Spalt schon heute sagen: Die Monster- viren hinter dieser Tür werden noch einige Überraschungen für die Menschheit

W EBWEISER

Aktion des Robert -Koch - Instituts:

www.wir-gegen-viren.de ----.

Vermellrung und Au f bau vo n Viren:

www.onmeda.de/lexika/krankheits-

erreger/uebersichtlviren.html

Infos über Riesenviren (engl.):

www.giantvirus.org

TEXT: CAROLA KLEINSCHMIDT V ielleicht sitzt Barack Obama manchmal zu Hause und verflucht sein Charisma.

TEXT: CAROLA KLEINSCHMIDT

V ielleicht sitzt Barack Obama

manchmal zu Hause und

verflucht sein Charisma. Auf

nimmt. »Die Idealisierung des Charismatikers ist auch die Bruch- stelle.« Natürlich kann auch ein Obama nicht über Nacht den Krieg in Af- ghanistan beenden, er kann die Auswirkungen der Finanzkrise nicht von Amerika fernhalten, und er kann keine Gesundheitsvorsorge für alle auf den Weg bringen, die nichts kostet. Einem eher pragma- tisch orientierten Politiker würde man Abweichungen vom Wahlver- sprechen wohl verzeihen - einem Charismatiker nicht. Die Geister, die Obama im Wahlkampf mit sei- ner Beschwörung einer besseren Zukunft Amerikas rief - sie ma- chen ihm jetzt das Leben schwer. Was ist das für eine Fähigkeit, die manchen Menschen ermöglicht, die Massen mitzureißen, für Neues zu begeistern und zu aktivieren? Die aber auch wie ein Bumerang auf den Charismatiker zurück- schlagen kann - in Form von Ab-

Jesus Christus gilt bis heute als der Prototyp des Charismatikers (Bild von Lorenzo Lotto,

1480 -1557)

seinen kometenhaften Aufstieg folgte Kritik von allen Seiten, und in Massachusetts musste seine Par- tei eine Niederlage bei der Nach- wahl zum Senat einstecken. Viele Amerikaner sind enttäuscht von Obama. Und wütend: Schon wur- den Demonstranten mit Transpa- renten gesichtet, die ihn mit Hitler- bärtchen zeigen. Wie kann es passieren, dass Euphorie so schnell in Feindseligkeit umschlägt? Für Psychologen ist der Fall klar:

Gerade weil Obama den Wahl- kampf mit dem Charismafaktor

 

gewonnen hat, fliegt ihm jetzt der Hass um die Ohren. »Die Bewun- derung für Obama hatte fast reli- giöse Dimensionen«, sagt Hans- Jürgen Wirth, der in seinem Buch »Narzissmus und Macht« die Per- sönlichkeit und politische Lauf- bahn von Politikern unter die Lupe

lehnung, Hass, Morddrohungen? Je tiefer die Wissenschaft in das Wesen des Charismas vordringt, desto deutlicher werden auch seine dunklen Seiten. Lange Zeit sah man das Charisma - was so viel wie »göttliche Gnadengabe« be- deutet - ausschließlich positiv. Es sei bestimmten Menschen in die Wiege gelegt. Sie seien sozusagen von höherer Stelle dazu befähigt und bestimmt, andere Menschen zu inspirieren, zu überzeugen, zu führen. Der Prototyp des Charis- matikers: Jesus Christus. Dementsprechend konzentrierte man sich in der Psychologie zu- nächst darauf zu untersuchen, wel- che besonderen Eigenschaften Menschen besitzen, die andere von ihren Idealen überzeugen und mit- reißen können, die also geborene Führungskräfte sind. Der Sozial- und Organisationspsychologe Ronald Riggio, Professor am kali- fornischen Claremont McKenna

28 PM. 04/ 2010

College, hat festgestellt: Menschen mit Charisma zeichnet vor allem eine hohe emotionale Ausdrucks- fähigkeit aus. Riggio hat das »Social Skills In- ventory« (SSI) entwickelt, einen psychologischen Test mit 90 Fragen, mit dem man die verbalen und non- verbalen sozialen Fähigkeiten einer Person ermitteln kann. Charisma- tiker stechen in diesen Tests hervor, weil sie ihre Gefühle und Einstel- lungen allein durch ihre Gestik und Mimik so überzeugend ausdrücken, dass andere Menschen von ihren Gefühlen mitgerissen werden.

IHRE SPRACHBEGABUNG unterstützt

diese Wirkung. Der Psychologe Dean Simonton von der University of California hat in seiner Studie über die erfolgreichsten amerika- nischen Präsidenten herausgefun- den: Wenn Charismatiker ihre Anhänger ansprechen, dann ist am häufigsten von großen Gefühlen wie Stolz, Liebe und Hass die Rede. Sie zielen eher auf das Herz als das Hirn, sie formulieren ihre Ideen in positiven Visionen, die sie mit Bil- dern und Metaphern so plastisch ausschmücken, dass der Zuhörer sie schier greifen kann. Dabei wis- sen charismatische Persönlich- keiten genau, welche Worte und Visionen auf ihre Zuhörer optimal wirken, denn ihre emotionale In- telligenz ist hoch. Sie können ihren Auftritt darauf abstimmen, was gerade am besten zur Situation passt: eine leise, einfühlsame An- sprache oder ein wütender, heraus- fordernder Auftritt. Manchmal addieren sich diese Fähigkeiten so perfekt, dass alle Welt von einem historischen Auf- tritt spricht, der die Welt verändern könnte. Martin Luther King schaffte das mit seiner weltbe- rühmten Rede »I have a Drean1«, in der er das Bild einer Gesellschaft ohne Rassenschranken entwarf. Obama gelang dieses Kunststück in seiner ersten Rede als Präsident- schaftskandidat Ende August 2008

im Fußballstadion von Denver. Vor 80 000 Live-Zuhörern und Millionen am Fernseher versprach er: ))Amerika, wir sind besser als diese letzten acht Jahre.« Die neuere Forschung beschäf- tigt sich genau mit solchen ma- gischen Momenten: Was macht es möglich, dass eine charisma- tische Persönlichkeit Massen mo- bilisiert? Dabei hat man herausgefunden, dass sowohl die Zuhörer als auch der Zeitgeist viel stärker am Erfolg einer charismatischen Führungs- kraft beteiligt sind, als man bisher dachte. Die Charismaforscher Ka-

sind, als man bisher dachte. Die Charismaforscher Ka- Erweiß,wie Charismatiker ticken: der Psychologe Dean

Erweiß,wie

Charismatiker

ticken: der

Psychologe

Dean Simonton

Krise sehnen sich die Menschen nach einer starken Führungsper- son, die überzeugend sagt, wo es langgeht. Am Ende der Bush-Ära hatten viele Amerikaner das Gefühl, vor einem Scherbenhaufen zu stehen. Obama war ihr Messias. In einer anderen Zeit hätte vermutlich ein anderer Mensch mit charisma- tischen Fähigkeiten das Rennen gemacht. Denn jede Zeit und jede Gruppe hat ihre Charismatiker, im Guten wie im Schlechten. Die Diplompsychologin Anja Geßner und der Psychologie-Pro- fessor Lothar Laux von der Otto-

und der Psychologie-Pro- fessor Lothar Laux von der Otto- therine J. Klein und Robert J. Hause,

therine J. Klein und Robert J. Hause, beide Professoren für Ma- nagement an der Wharton School of Business der University of Penn- sylvania, sagen: ))Charisma ist wie ein Feuer. « Das brennbare Materi- al sind die Anhänger, die empfäng- lich und offen für die Ideale der Führungsperson sind. Eine Krise oder Notsituation ist der Sauer- stoff, der aus dem Flämmchen Charisma ein loderndes Feuer ma- chen kann. Denn gerade in der

Verehrt vor und nach Ihrem Tod:

Präsidentengat-

tin Evita Per6n wird in ihrer Heimat Argenti- nien von vielen als größte Wohltäterin des Landes angesehen

Friedrich-Universität Bamberg haben dieses komplexe Wechsel- spiel zwischen Anhängern, Anfüh- rer und Zeitgeist am Beispiel Adolf Hitlers genau untersucht. Anhand der Tagebücher von Hitler-Anhän- gern und Widerstandskämpfern konnten sie zeigen, dass die grund- legenden Einstellungen der Men- schen maßgeblich darüber ent- schieden, ob sie sich vom Charisma und den Ideen Hitlers mitreißen ließen oder nicht:

-+»]oseph Goebbels und andere Anhänger Hitlers teilten Hitlers Werte und Feindbilder teilweise bereits vor dem Beginn der charis- matischen Beziehung.« Die Auf- zeichnungen zeigen, dass die Schreiber sich nach einem Führer sehnten, der die Notsituation in Deutschland beenden sollte. Die Gegner Hitlers »vertraten dagegen Werte, die Hitlers Ideologie grund- legend widersprachen«. Schon un- mittelbar nach Hitlers Macht- ergreifung sahen sie deutlich, wo- hin seine Politik führen würde. -+»Die Anhänger Hitlers empfan- den tiefe Zuneigung für Hitler und erhielten für ihr hitlertreues Ver- halten positive Anerkennung.« Ihre Haltung wurde immer weiter ver- stärkt. Hitlers Schwächen wurden systematisch ausgeblendet, jede positive Nachricht dem »Führer« zugeschrieben. »Diese Menschen hatten all ihre Hoffnung in Hitler gesetzt und wollten ihr idealisiertes Bild um keinen Preis aufgeben.« Die Regimegegner setzten sich da- gegen gezielt mit Hitlers Schwä- chen auseinander, indem sie aus- führlich und regelmäßig in ihren Tagebüchern darüber reflek- tierten. -+Während die Tagebücher der An- hänger von dem Glauben an eine »glorreiche Zukunft Deutsch- lands« berichten, liest man in den Tagebüchern der Gegner zur selben Zeit von großer Hoffnungslosig- keit und Verzweiflung. Sie er- kannten die fatalen Folgen von Hitlers Politik frühzeitig, sahen die Verbrechen in aller Klarheit. »Bei den Regimegegnern ergab sich auf diese Weise eine Art Engelskreis. Ihre distanzierte Haltung verfes- tigte sich immer mehr.« Die An- hänger gerieten dagegen in einen Teufelskreis, den sie selbst nicht erkannten.

GANZ OFFENSICHTLICH machte es die

Stimmung in Deutschland und die Haltung der Deutschen erst mög- lich, dass ein despotischer Gewalt-

30 PM. 04 / 2010

täter wie Hitler sein Charisma entfalten, die Mehrheit der Men- schen mitreißen und viele sogar zum Mord an Millionen anstiften konnte. Die Kraft des Charismas ist nicht den Guten vorbehalten. Die Wissenschaft unterscheidet deshalb zwischen der »dunklen« und der »guten« Seite einer charis- matischen Beziehung.

DER GRÖSSTE UNTERSCHIED zwi-

schen den guten und dunklen Cha- rismatikern ist der Grad des Nar- zissmus, der Selbstverliebtheit. »Narzissmus beruht letztlich auf einem instabilen Selbstwert«, er- klärt Astrid Schütz, Professorin für Persönlichkeitspsychologie an der TU Chemnitz. »Menschen mit einem instabilen Selbstwert sind sehr stark von der Anerkennung

Negativbeispiel:

Adolf Hitler,

Despot mit

dunklem

Charisma, zog

Millionen

Menschen in

seinen Bann

- und riss die Welt inden Abgrund

Verstärker für seine Kunst einset- zen, und die Massen jubelten ihm zu. Allein zu Hause empfand sich der Megastar jedoch als klein und hilflos wie ein Kind. Narzisse mit Charisma können die Massen mitreißen. Aber sie nutzen diese Gabe vor allem selbst- süchtig. In letzter Konsequenz ist ihnen das Wohl der Masse ihrer Anhänger egaL Manche setzen es, wenn es dem Erhalt ihres Selbst- wertes dient, sogar willentlich aufs Spiel, indem sie ihre Anhänger aus- beuten oder sogar für sich töten lassen. Wie Hitler, wie mancher Sekten- oder Terroristenführer. »Gute« Charismatiker behalten dagegen das Allgemeinwohl im

Auge. Sie treten mit ihrer ganzen Persönlichkeit für ihre Ideale ein, können aber auch Kritik anneh-

für ihre Ideale ein, können aber auch Kritik anneh- von außen abhängig. Sie fühlen sich nur

von außen abhängig. Sie fühlen sich nur gut, wenn sie bewundert werden. Aber sie stürzen schnell ab, wenn sie ohne Anerkennung sind.« Popstar Michael Jackson war vermutlich so ein Narziss: Auf der Bühne fühlte er sich wohl, konnte sein Charisma wie einen Turbo-

men. Sie sind starke Persönlich- keiten mit einem stabilen Selbst- wertgefühl, das auch von Schwie- rigkeiten, Widersachern oder Niederlagen nicht ins Schwanken gebracht wird. Jesus Christus war ein Mensch, der für seine Vorstellung von Nächstenliebe bis zur Selbstopfe-

rung eintrat. Rosa Luxemburg setzte ihr Charisma für die deut- sche Arbeiterbewegung ein - und

rung eintrat. Rosa Luxemburg setzte ihr Charisma für die deut- sche Arbeiterbewegung ein - und wurde I9I9 von politischen Geg- nern ermordet. Martin Luther King kämpfte trotz Morddrohungen weiter - und wurde 1968 von einem Rassisten umgebracht. Dass Cha- rismatiker Glückskinder sind, de- nen alles zufliegt, entpuppt sich als Vorurteil, wenn man sich das Le- ben der guten Charismatiker an- sieht. Ihnen fliegt bestimmt vieles zu - aber sie tragen zum Teil auch schwer an ihrer Verantwortung.

ANDERS SCHEINT es mit den Men-

schen zu sein, die sich Charisma antrainieren wollen. Entsprechende Kurse, in denen man Ausstrahlung und Selbstdarstellung einübt, boo- men. An den einzelnen Komponen- ten des Charismas wie Körperprä- senz und Rhetorik lässt sich tat- sächlich feilen. Und wer möchte nicht, dass ihm seine Kollegen oder

Mitarbeiter zuhören, ihn kompe- tent und mitreißend finden? Au- ßerdem ist die Ausstrahlung so- wohl beim Einstieg ins Berufsleben als auch für den Aufstieg inzwi- schen genauso wichtig wie persön- liche Beziehungen, zeigen die Stu- dien der Wirtschaftsprofessorin Sonja Bischoff von der Universität Hamburg. Allerdings warnen Experten vor überzogener Selbstdarstellung:

»Führungskräfte tun sich keinen Gefallen, wenn sie durch Selbstdar- stellung eine Kompetenz darstellen, die sie nicht wirklich abdecken« erklärt Rolf Haubi, Professor für Psychologie, Gruppenanalytiker und Direktor des Sigmund- Freud-Instituts in Frankfurt: »Mit- arbeiter ahmen dieses Verhalten nach. Es entsteht eine Unterneh- menskultur, in der jeder dem ande- ren misstraut, ob eine dargestellte Fähigkeit wirklich vorhanden ist oder nicht. «

Michael Jackson wurde weltweit für seine Kunst bewundert und respektiert. Doch seine Einsamkeit und Unsicherheit ließen ihn letztendlich am Leben scheitern

Ein Funken Misstrauen ist aller- dings immer angebracht, wenn charismatische Menschen auf die Bühne des Weltgeschehens treten. Die Menschen, deren Charisma tatsächlich der äußere Ausdruck innerer Stärke ist, halten das aus- und gehen ihren Weg unbeirrt wei- ter. Viele Experten sehen in Barack Obama so einen. »Er hat nun ein- mal sehr viel mehr kraftvolle Per- sönlichkeitseigenschaften als nur das Charisma«, meint Psychologe Wirth: Intelligenz, innere Ruhe, soziale Kompetenz, Pragmatismus. Sein Charisma hat ihn nach oben geschleudert. Jetzt muss er zeigen, was er sonst noch draufhat. ~~

WEBWEISER

Verschiedene Tests. die einem ermöglichen, seine Charakter stärken herauszuarbeiten:

www.charakterstaerken.org

er Angreifer ist ein echtes. Schwergewicht Stolze 2426 Kilogramm D bringt er auf die Waage

er Angreifer ist ein echtes. Schwergewicht Stolze 2426 Kilogramm

D bringt er auf die Waage

zumindest war das so,

als Menschen ihm zum letzten Mal gefahrlos näherkommen konnten. Das ist lange her. Inzwischen ist er zur wilden Furie geworden. Er rast und taumelt und bedroht die ge- samte Erde. Der Angreifer heißt »Rosat«. Er ist ein ausgedienter Röntgensatellit, der größte jemals in Deutschland

gebaute. Am 8. Dezember 1998 hat er seine letzten Bilder gesendet.

-

Seitdem verliert der Gigant, der einst 580 Kilometer hoch über der Erde kreiste, kontinuierlich an Höhe. Das Problem: An Bord des

Röntgenspähers befindet sich fast eine Tonne Glaskeramik - viel zu viel, als dass der Satellit einfach in der Atmosphäre verglühen könnte. Ein Absturz scheint unvermeidlich. »Wenn >Rosat< dabei über be- wohntem Gebiet herunterkommt und vielleicht sogar ein Gebäude trifft, hat die Raumfahrt ein Rie- senproblem«, warnt Gerd Hirzin- ger, Robotikexperte am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt

Ein Service-

Roboter (Mitte)

nähert sich

einem Satelliten

durch trickreiche

Navigation

mittels Boden-

radarund

Relaisstationen

Das Andocken ähnelt dem Einfädeln eines Fadens in ein Nadelöhr. Nur: Faden und Nadel wiegen

Das Andocken ähnelt dem Einfädeln eines Fadens in ein Nadelöhr. Nur: Faden und Nadel wiegen Tonnen - eine falsche Bewegung führt zur Katastrophe

(DLR) in Oberpfaffenhofen. Höchste Zeit also, den Weltraum- ADAC zu rufen. Der allerdings kommt nicht - zumindest im Moment noch nicht. Das aber soll sich ändern: »Wir haben viel zu lange nur zugeschaut, was mit dem Schrott passiert«, sagt Gerd Hirzinger. »Jetzt müssen wir endlich lernen, von der Erde aus im Weltraum zu agieren.« In Ober- pfaffenhofen, vor den Toren Mün- chens, arbeiten die Ingenieure daher am fliegenden Gelben Engel. Kleine Service-Roboter sollen liegen ge- bliebeneSatelliten reparieren, wie- der auf Trab bringen oder notfalls einfach an den Haken nehmen. Was das DLR bereits vorweisen kann, macht dabei einen durchaus vielversprechenden Eindruck.

UM DEN EINSATZ ihrer Pannenhelfer zu üben, haben die DLR-Ingeni- eure im Keller des Deutschen Raumfahrt-Kontrollzentrums ei- nen Teststand aufgebaut. Auf einer 25 Meter langen Schiene proben zwei Roboter den Ernstfall. Einer spielt den gestrandeten Satelliten, der zweite übernimmt die Rolle des orbitalen Abschleppdienstes. Im- mer wieder fahren die beiden Ma- schinen aufeinander zu, erkennen sich gegenseitig und simulieren die Annäherung - genau so, wie es künftig im All passieren soll. Behutsam nähert sich der Satel- lit seinem Ziel. Die Bewegungen sind geschmeidig, in der Goldfolie, die die Elektronik schützt, spiegelt sich die Sonne. Das Gerät bremst ab, dreht sich leicht nach links, setzt seinen Flug fort. Millimeter für Millimeter. Auf dem Schwarz- weiß-Bildschirm im Kontrollzent- rum taucht schemenhaft ein zwei- ter Satellit auf, der Abschleppdienst. Die Umrisse werden deutlicher, ein Triebwerk ist zu erkennen, alsbald füllt er den ganzen Monitor aus.

Dann geht alles- gauz- schnelL~ Ein leichter Ruck, ein unsichtbares Zu- schnappen, und der anvisierte Sa- tellit hängt am Haken. »Modernen Kommunikations- satelliten geht nach etwa 15 Jahren der Treibstoff aus, auch wenn sie ansonsten noch prächtig funktio- nieren~~,sagt Florian Sellmaier, der die Satelliten-Studien in Oberpfaf- fenhofen koordiniert. »Ein Service- Satellit könnte die Lebenszeit sol- cher Systeme locker um ein Dutzend Jahre verlängern.« Die Idee: Wäh- rend der große Trabant weiter Te-

Die Idee: Wäh- rend der große Trabant weiter Te- Präzisionsarbeit beim Ankoppeln: Laserstrahlen vermessen

Präzisionsarbeit

beim Ankoppeln:

Laserstrahlen vermessen die Antriebsdüse des defekten Satelliten - an ihr macht der Service-Roboter fest

lefongespräche oder Fernsehpro- gramme überträgt, übernimmt der kleine Schlepper das Steuer. Er kor- rigiert die Bahn und stabilisiert die Lage des hochfliegenden Gespanns. Spielen beim großen Satelliten eines Tages auch die Transponder nicht mehr mit, kann der Schlepper ihn in eine noch höhere Umlaufbahn bugsieren. In diesem Friedhofsorbit kann der Havarist für alle Zeiten bleiben. Der Pa nnenhelfer koppelt sich ab und sucht den nächsten altersschwachen Trabanten. Das Problem dabei: Modernen Kommunikationssatelliten fehlt ei n Abschlepphaken. »So ein Griff würde vielleicht ein paar tausend Euro kosten«, sagt Gerd Hirzinger. »Aber weil bislang niemand einen Griff gebraucht hat, ist an den Sa- telliten natürlich auch keiner dran.«

den ~< , sagt Bosse. Durch eine Ple- xiglasscheibe hat er den Teststand gut im

den ~< , sagt Bosse. Durch eine Ple- xiglasscheibe hat er den Teststand gut im Blick. Der rote »Not-Aus«- Schalter ist immer in Griffweite.

Niemand hat daran gedacht, Kommunikationssatelliten mit Abschlepphaken auszustatten

Kontrollraum :

Die Abschlepp-

dienste werden

per Computer

dirigiert. Viele

teure-5atellitell

ließen sich allein durch eine Bahn- korrektur retten

Noch kann die Anlage lediglich den Anflug nachspielen. Schon bald soll aber auch das Andocken simuliert werden - einschließlich aller Kräfte und Drehmomente, die dabei auftreten können. »Man muss bei so etwas höllisch aufpas- sen«, sagt Gerd Hirzinger. Wird der Zielsatellit nur einmal leicht angestupst, kann er sofort unkont- rolliert ins Taumeln geraten. Die gesamte Mission wäre gefährdet. Der von Hirzinger und seinem Team entwickelte Andockstutzen soll sich daher mit gehörigem Re- spekt in die Düse vorarbeiten. Rundum bestimmen Laser-Entfer- nungsmesser den Abstand zum Rand. Höchste Präzision ist gefor- dert: An seiner dünnsten Stelle, dort, wo der Haken des Schleppers einrasten muss, ist der Apogäums- motor nur zwei Zentimeter breit. Rechts und links bleibt weniger als ein halber Millimeter Spielraum. »Die meisten Menschen haben schon auf der Erde das Problem_, einen Faden in ein Nadelöhr zu bekommen«, sagt Toralf Boge, einer der Entwickler des Test-

Es gibt aber eine Gemeinsamkeit, die alle Trabanten aufweisen: ihre trichterförmige Steuerdüse, der so genannte Apogäumsmotor. )~Wie eine Zecke soll sich unser kleiner Satellit in dieser Düse festbeißen «, sagt Sellmaier. Dass das gar nicht so einfach ist, zeigen die beiden Roboter auf dem Teststand in Oberpfaffenhofen. Ein Theaterscheinwerfer mit gut 20 Kilowatt Leistung simuliert dort die Sonne. Sein Licht wird von der Isolierfolie des Zielsatel- liten stark reflektiert. Folglich ist das Videobild, das der anfliegende Roboter in den Leitstand sendet, deutlich überbelichtet. Ein großes Problem - allerdings keines, das die Steuersoftware durcheinander- bringen darf.

JÜRGENBOSSE. Geschäftsführer der Firma Robo Technology, die das Testsystem baut, klickt mit der Maus in das unscharfe Schwarz- weißbild. Augenblicklich markiert der Computer das, was er für den Rand der Düse hält. Weil die Kan- te des Triebwerks auf der einen Seite heller schimmert als der Hin- tergrund, glaubt der Rechner, sein Ziel erkannt zu haben. Er setzt den Anflug fort. »Genau solche Ver- fahren sollen hier überprüft wer-

erkannt zu haben. Er setzt den Anflug fort. »Genau solche Ver- fahren sollen hier überprüft wer-

36 PM. 04 / 2010

stands. »Wir aber wollen so etwas im Weltall versuchen - und Nadel und Faden sind

stands. »Wir aber wollen so etwas im Weltall versuchen - und Nadel und Faden sind bei uns beweg- liche, mehrere Tonnen schwere Kolosse. « Dass solch ein Manöver überhaupt klappen kann, muss die Anlage im Keller des DLR erst noch beweisen.

KLAR IST DAGEGEN, wie eine künf-

tige Rettungsrnission ablaufen soll:

Nach dem Start mit einer handels- üblichen Rakete wird der etwa eineinhalb Tonnen schwere Satel- litenschlepper die Erde zunächst in geringer Höhe umkreisen. Dann zündet er sein Ionentriebwerk. Das schleudert geladene Xenon-Atome ins All und erzeugt so einen klei- nen' aber permanenten Schub. Io- nentriebwerke, die bislang haupt- sächlich bei wissenschaftlichen Raumsonden zum Einsatz gekom- men sind, werden mit Strom ge- speist und sind sechsmal so effizi- ent wie herkömmliche Antriebe. »Das hat den Vorteil, dass wir deutlich weniger Treibstoff mitneh- men müssen«, sagt Florian Sellmai- er. Der Nachteil: Die Reise zu

einem geostationären Satelliten in knapp 36 000 Kilometer Höhe dauert etwa 20 Wochen. Nichts für Notfälle. Am Zielort angekommen, sucht der Schlepper mittels Radar nach seinem Opfer und dockt schließlich

- wie in Oberpfaffenhofen trainiert

- an den großen Satelliten an. Die Probleme sind damit aber noch lange nicht aus der Welt: Um einen Satelliten kontrolliert steuern zu können, muss der Schub stets in Richtung des Massenschwerpunkts gehen - andernfalls entstehen stö- rende Drehmomente, der Trabant gerät ins Schleudern. Bei einem orbitalen Gespann liegt der Schwer- punkt allerdings außerhalb des Schleppers. »Das verlangt sehr trickreiche Steuermanöver«, sagt Sellmaier. Noch schwerer wird es, wenn ein taumelnder Trabant wie »Ro- sat« eingefangen werden soll. Bis- lang war das die Spezialität von Astronauten, die mit dem Space- shuttle zum Satelliten geflogen wer- den mussten - ein teures und ge- fährliches Unterfangen. Der Shuttle wird im September allerdings zum letzten Mal starten. »Wir müssen eh davon wegkommen, alles mit Astronauten machen zu wollen«, sagt Gerd Hirzinger. Der DLR- Forscher setzt stattdessen auf einen Service-Satelliten mit einem fle- xiblen Roboterarm. Der soll das widerspenstige Raumfahrzeug an einer exponierten Stelle, zum Bei- spiel an einem Sonnensegel, packen und dann gezielt über dem Südpa- zifik in den Abgrund reißen. Dass so etwas prinzipiell mög- lich ist, haben die Roboterforscher bereits vor I5 Jahren gezeigt. An Bord der Raumfähre» Columbia« gelang es ihnen, einen frei herum- fliegenden Würfel mit einem fern- gesteuerten Roboterarm zu pa- cken - damals schon eine Art Vorbereitungsexperiment für den Weltraum-ADAC. Heute sind sol- che und ähnliche Kunststücke, wie Hirzinger vor wenigen Wo-

und ähnliche Kunststücke, wie Hirzinger vor wenigen Wo- Andockstutzen des Pannenhel- fers: Die Spitze spreizt sich

Andockstutzen des Pannenhel- fers: Die Spitze spreizt sich in der Antriebs- düsedes Havaristen auf

- der beschä-

digte Satellit hängt am Haken

ehen demonstrieren konnte, mit- tels Laptop vom heimischen Sofa aus möglich. Die deutschen Roboterforscher, deren Einfang-Projekt im März in eine 16-monatige Entwicklungs- phase starten soll, sind nicht die Einzigen, die sich um den Job als Pannenhelfer bewerben. Auch Chi- na, Japan und die USA versuchen sich als Retter in der Not - zum Teil sogar mithilfe des Militärs. So schoss die Forschungsabteilung des Pentagons vor einigen Jahren zwei speziell ausgerüstete Testsatelliten ins All, die in einem erdnahen Or- bit eine ganze Reihe von Service- Manövern flogen: Die Trabanten dockten automatisch an, tankten sich auf und wechselten mit ihrem Roboterarm sogar einzelne Bau- teile aus. Möglich war das aber nur, weil die Satelliten extra für solche Aktionen gebaut worden waren - mit Tankstutzen, aus- tauschbaren Modulen und Kom- ponenten, die sich einfach heraus- ziehen ließen. »In der Praxis kann man so etwas allerdings erst mit

der nächsten Generation von Satel-

liten machen, also in frühestens 20 Jahren«, sagt Florian Sellmaier. So lange wollen die DLR-Inge- nieure nicht warten. Die Forscher hoffen, in drei bis vier Jahren ihre Manöver erstmals auch im Welt- raum fliegen zu können - vielleicht gerade noch rechtzeitig, um »Ro- sat« in geordnete Bahnen zu lenken und das Schlimmste zu verhindern. Bis es so weit ist, müssen sie im Keller des Komrollzentrums aber noch ein ums andere Mal Gelber Engel spielen.

WEBWEISER -,

Der deut sch - schwedische Weltraum- Pannend ienst Sma r t OL EV (engl. ):-,.

www.orbitalsatelliteservices.com

I

 

,

Video der amerikanischen Mission »Orbital Exp ress« (eng l.) :

tinyurl.com/orbitalexpress

TEXT: ISABEL WINKLBAUER s gibt Menschen, die von Lady Gaga keine Ahnung haben. Die in

TEXT: ISABEL WINKLBAUER

s gibt Menschen, die von Lady Gaga keine Ahnung haben. Die in ihrem ganzen Leben noch nie Radio oder Fernseher gesehen haben. Auch keinen Computer, und schon gar keinen MP3-Player. Jung- fräuliche Ohren sozusagen, deren Reak- tion auf westliche Musik ein Knüller für Musikforscher wäre. Nicht weil sie stau- nen oder kichern würden. Sondern weil sie darin das Gleiche hören wie wir - das hat der Leipziger Kognitionswissenschaftler Thomas Fritz jetzt bewiesen. Eine Studie, die er beim isolierten

sprechenden Gesichtsausdrücken deuteten. Sie lagen in rund 60 Prozent aller Fälle richtig, also doppelt so oft, als wenn sie nur geraten hätten (33 Prozent). Fritz fand auch heraus, dass sie sich bei ihrer Interpretation auf das Tempo der Stücke verließen und das Tonge- schlecht Dur oder Moll erfassten. Wie westliche Hörer deuteten sie Schnelligkeit und Dur als freudig, Lang- samkeit als traurig und Moll als angsterfüllt. Zwar erwies sich eine deutsche Kontrollgruppe mit einer Trefferquote von über 80 Prozent als erfolgreicher. »Doch ich bin sicher, dass die Mafa noch besser gewe-

Bergvolk der Mafa durchgeführt hat, zeigt: Auch Menschen ohne jegliche Vorkenntnisse sind in der Lage, in westlicher Musik die wichtigsten darin aus- gedrückten Gefühle zu erkennen. Zudem ähnelt ihr Klanggeschmack demjenigen westlicher Hörer. Lieder besitzen also Merkmale, die von Los Angeles bis Mikronesien ausnahmslos jeder interpretieren kann. Damit wird Musik erstmals in der Geschichte

von den Forschern als eine Art Universalsprache iden- tifiziert. Blickpunkt Kamerun, nördliches Mandara-Gebir- ge: Die Mafa sind ein Stamm, der wie seine Vorfahren naturverbunden und ohne Elektrizität lebt. Es dauerte einige Tage, bis Musikforscher Thomas Fritz das Vertrauen der Männer und Frauen gewann. Schließ- lich waren sie im Leben noch nicht einmal an einem Transistorradio vorbeigegangen und auch nicht an einer Kirche, aus der sie christliche Lieder hätten hören können. Vor Fritz' Tonbandgerät mit Kopfhörern fürchteten sie sich anfangs. Doch als das Eis gebrochen war, staunten die Forscher. »Die Mafa waren auf Anhieb in der Lage, die Ge- fühle in den westlichen Stü- cken zu entdecken, die wir ihnen vorspielten«, erzählt Thomas Fritz. In den computergene- rierten Klaviermelodien, die er verwendete, sollten seine 21 Probanden Freude, Trau- er oder Angst identifizieren. Ihren Tipp sollten sie dabei ausdrücken, indem sie auf eines von drei Fotos mit ent-

sen wären, wenn ihnen der Versuchsaufbau nicht so neu gewesen wäre«, sagt Thomas Fritz.

IN EINEM ZWEITEN Experiment spielte der Leipziger Mafa wie Deutschen harmonische Stücke und ihre disharmonisch verfremdeten Pendants vor, darunter sowohl westliche Musik als auch Stücke für Mafa- Flöten. Ergebnis: Beide Gruppen bevorzugten die Lieder, in denen keine Dissonanzen vorkamen - also nach der klassischen Musiklehre Akkorde, in denen die Töne nahe beieinander liegen und sich »reiben«. Tempo, Dur und Moll, Wohl- und Missklang sind also die Größen, nach denen Menschen grundsätzlich Musik erfassen. Bisher haben sich Experten darüber gestritten, ob Musik bestimmten Zeit- und Tonregeln folgen muss, um als angenehm empfunden zu werden, oder ob, wie in der Zwölftonmusik, auch beliebige mathematische Komponiersysteme funktionieren. »Doch nun ist die Mafa-Studie einer der wenigen Hinweise, dass es in der Musik wirklich universelle Regeln gibt«, sagt der Hannoveraner Musikphysiolo- ge Eckart Altenmüller. Der Direktor des Instituts für Musikphysiologie und Musikmedizin arbeitet gerade an einem Buch über Musikevolution und wundert sich nicht, dass jedem Menschen offenbar ein gewisser Musikverstand angeboren ist. »Menschen sind allein durch ihr Sprach- und Umweltgehör musikalisch«, sagt er. »Im Laufe der Jahrtausende haben sie gelernt, aus Stimmen und Geräuschen Stimmungen zu lesen, manche davon angenehmer zu finden als andere.« Ein Beispiel: Ist unser Gegenüber aggressiv und knurrt, hat seine Stimme einen stärkeren Grad an Rauigkeit - eine Dissonanz, die Gefahr bedeutet. Freut sich dagegen jemand, spricht er schnell und hell - eine atemlose Sequenz in Dur. Und wer traurig ist, schlägt langsame, abfallende Moll-Töne an. Die menschliche Kunst, Melodien zu lesen, muss uralt sein, denn laut Computertomografien werden beim Musikhören Teile des Stammhirns aktiv, die schon unsere reptilen Vorfahren lenkten. Auch dass Saurier ihre Angriffe in gleichmäßigen Rhythmen

Auch dass Saurier ihre Angriffe in gleichmäßigen Rhythmen Jeder Menschen hat einen angeborenen Musikverstand. Schnelle

Jeder Menschen hat einen angeborenen Musikverstand. Schnelle Tempi in Dur signalisieren Freude, Moll steht für Angst

Musikforscher Thomas Fritz beim Hörtest mit Angehörigen des Mafa-Stammes in Kamerun. Sie haben sofort die

unterschied-

lichen Emoti- onen in west-

IicherMusik

erkannt

40 PM. 04 / 2010

liefen oder Wale in Strophen und Refrains singen, lässt ahnen, dass Musik bedeutend älter sein

liefen oder Wale in Strophen und Refrains singen, lässt ahnen, dass Musik bedeutend älter sein muss als Sprache. Und das nicht, obwohl sie scheinbar nutzlos ist, sondern genau deshalb. Sie könnte seit je der Fort- pflanzung gedient haben: Männchen, die sich über- flüssiges Gebaren leisten können, drücken durch Ge- sang vor Weibchen ihre Fitness aus. Musik könnte aber auch ein Testprogramm für den wachsenden Verstand sein: Wichtige Fähigkeiten wie das Sprechen erwarb der Mensch nicht über Nacht, sondern die dafür ent- wickelten Gehimareale mussten sich über Jahrtausen- de mit Melodien und Rhythmen warmlaufen.

MUSIK UND SPRACHE sind Geschwister. Das zeigt unter anderem die gemeinsame Zuständigkeit von Hirnare-

alen wie dem Gyrus temporalis superior und dem Broca-Areal. Nur, Musik ist mächtiger als Sprache. Das beginnt schon damit, dass Musik nicht übersetzt werden muss. Musik ist schneller: Schon ein einziger Fanfarenton bedeutet uns, dass es jetzt offiziell wird. Musik darf mehr: Worte, die Südstaaten-Sklaven einst die Peitsche einbrachten, blieben als gesungener Gospel ungestraft. Musik öffnet das Herz: Kompositionstricks wie Tempowechsel oder überraschende Stimmeinsätze verursachen Herzklopfen, Tränen, Lachen und Gän- sehaut. »Wenn ein SS-Mann Musik hört, vor allem solche, die er besonders mag, beginnt er sich irgendwie in ein menschenähnliches Wesen zu verwandeln«, er- zählte der jüdisch-polnische Komponist Szymon Laks aus seiner Gefangenschaft in Auschwitz. Und Musik kühlt die Gemüter: 2003 zähmte der britische Choreo- graf Royston Maldoom mit Strawinskys »Le sacre du printernps« 250 beinharte Straßenkids. Die größte Macht aber, die Musik entwickeln kann, liegt in ihrer Wirkung auf Gruppen. »Sie weckt das kooperative Verhalten von Individuen «, weiß Eckart Altenmüller, »deshalb kann sie Massen mo-

bilisieren. « Man

denke an die Wagner-Opern in der

NS-Zeit, die das Bildungsbürgertum über die Kunst dem Nationalsozialismus einverleibte. Doch auch die Abschaffung der Apartheid in Südafrika ist ein Werk der Musik. Ohne das Lebenswerk von Bob Marley, Pop-Festivals für Nelson Mandela und Hits wie Ed-

die Grants »Gimme Hope, Jo'anna« hätte sich in den USA und Europa weniger geistige Verbundenheit zu den Unterdrückten aufgebaut, es wäre weniger poli- tischer Druck entstanden. »Durch Musik kann man sich heute mit den Rastafari verbunden fühlen, ohne je einen gesehen zu haben«, meint Mafa-Forscher Thomas Fritz. »Für bestimmte Ethnien können Mu- sik und die Nutzung des weltweiten Medienflusses deshalb unter Umständen eine Chance sein, auf Miss- stände aufmerksam zu machen.« Hat Musik also das Talent zum Allheilmittel? Es gibt auch kritische Stimmen. Experten wie der fran-

zösische Musikethnologe Emmanuel Bigand sehen den Kunstcharakter von Musik missachtet, wenn sie nur auf ihre manipulativen Qualitäten reduziert wird. »Dass bestimmte Klänge Emotionen wecken, mag schon sein«, meint Bigand, »aber Musik ist mehr. Sie ist ein komplex strukturiertes Werk aus Spannung, Erwartungen und Überraschungen, mit denen der Hörer nur in Vibration treten kann, wenn er den kul- turellen Hintergrund des Komponisten teilt.« Sprich:

Ein afrikanischer Bergbewohner könnte in Smetanas »Moldau« beispielsweise das finale Prag-Moriv nicht genießen, weil er es nicht erkennt. Musik kann folglich immer nur sehr schlichte Botschaften schicken. Das musste auch Thomas Fritz erfahren, als seine deutschen Probanden Mafa-Musik beurteilen sollten: Sie verstan- den, anders als die Mafa in den westlichen Tönen, rein garnichts. »ln den Flötenliedem derMata scheirtrder emotionale Ausdruck nicht so eine wichtige Rolle zu spielen«, erklärt Fritz, »sie betonen eher etablierte Rituale und damit sozialen Zusammenhang. Für West- ler klingt das anfangs wie ein Autohupkonzert. Erst als wir mehr über die Flöten und ihren Gebrauch bei Festen erklärten, erkannten die deutschen Hörer Struk- turen in den Liedern. Dass Musik eine Universalsprache ist, kann ich daher nur be- dingt bestätigen. Sie ist oft genug eine spezialisierte Lo- kalsprache. «

Zwei Mafa-

Männer

studieren Bach:

Sie hatten

keine Mühe, den festlichen Charakter des

Stücks zu

erkennen

JEDOCH: Musikalische Hin- tergründe lassen sich rasend schnell lernen. »Schon Un- geborene bilden ab der 21. Schwangerschaftswoche ihr 11usikgehör, ohne es zu merken«, erklärt Eckart Al- tenmüller. »Nach der Geburt geht das ständig weiter, durch zufälliges Hören in der Kirche, im Autoradio, unfreiwillige Beschallung auf dem Markt oder be- wussten Musikgenuss. Diesem Lernprozess kann sich niemand verschließen. Darum hat jeder die grund- sätzliche Kompetenz, jede Musik zu verstehen. « Wer nicht taub ist oder an Amusie leidet, so Altenmüller, lerne automatisch, schon während er neue Klänge hört. Ob auch die Mafa grundsätzlich in der Lage sind, komplexere musikalische Bedeutungen zu erkennen, hat Thomas Fritz mit einem dritten Experiment getes- tet. Hierbei sollten die Probanden verschiedene Mu- sikstücke mit je einem von drei vorgegebenen Wörtern verbinden. Anschließend wurden die gewählten Asso- ziationen mit den Ergebnissen einer deutschen Kont- rollgruppe verglichen. Zwischen Afrikanern und Deut- schen gab es dabei nicht viele Übereinstimmungen,

Die moderne Hirnforschung zeigt, dass die Musik bedeutend älter als die Sprache sein muss. Heute

Die moderne Hirnforschung zeigt, dass die Musik bedeutend älter als die Sprache sein muss. Heute bilden bereits Ungeborene ab der 21. Schwangerschaftswoche ein Musikgehör aus

Musik-

Dompteur:

Der Choreograf

Royston

Maldoom (0.)

hat mit

Strawinskys

Musik 250

verwilderte

Straßenkinder

»gezähmt«

44 PM. 04 / 2010

denn der kulturelle Erfahrungsschatz, der den Wort- bedeutungen zugrunde liegt, ist doch zu unterschied- lich. Dennoch erhielt Fritz in Einzelfällen Hinweise darauf, dass auch Mafa mehr als Basisemotionen aus Melodien heraushören. Johann Sebastian Bachs »Re- jouissance« etwa assoziierten sie mit dem Wort »Stier«, weil es bei ihnen jährlich ein großes Stierfest gibt und sie die Festlichkeit des Stücks begriffen.

MIT DIESEM WISSEN wird klar, dass der Siegeszug der Pop-Musik über den Globus nicht unbedingt der Musikindustrie und ihren Einhämmerungsmethoden zu verdanken ist, wie 1962 der Philosoph und Sozio- loge Theodor Adorno beklagte. Es sind vielmehr ein wacher Musikverstand und die Liebe zu neuen Gefühlserlebnissen, die Menschen rund um den Glo- bus aufgeschlossen gegenüber neuen Tönen machen. Offenbar brauchen wir musikalische Abwechslung, und der internationale Austausch von Musik ist ab- sehbar. »Das, was sich heute weltweit durchsetzt, ist trotz einiger Penetranz in der Verbreitung nicht das Produkt einer westlichen Vormacht«, sagt Eckart Altenmüller, »sondern vereint Elemente aus vielen Gattungen aus aller Welt. Nehmen Sie Mozarts >Ron- do alla turca<, die war schon im I8. Jahrhundert türkisch inspiriert. Sogar Wale haben schon zu Ur- zeiten ihre Gesänge getauscht.« Gleichzeitig ist der Nlusikphysiologe wie viele Fachleute der Meinung, dass Hits von Lady Gaga und Michael Jackson loka- len Musiktraditionen nicht schaden. »Auf der einen Seite gibt es ebenso w ie weltweit gültige Produkte auch weltweit gültige Lieder«, erklärt er. »Doch auf der anderen Seite bleibt lokale Musiktradition bestehen,

weil sie Identität und Zusammenhalt stiftet. Diese beiden musikalischen Sprachen existieren heute ne- beneinander.« Werden wir die kommunikativen Chancen einer neuen Weltmusik nutzen, statt uns von simplem Ein- heitsbrei einlullen zu lassen? Altenmüller sieht es ge- lassen. Für ihn ist das anspruchsvoll erzogene Hörsys- tem des Menschen, wie es sich auch in der Mafa- Studie gezeigt hat, ein höchst beruhigender Faktor. »Eine globale Musikkultur, verbreitet durch Massen- medien, ist eigentlich ein riesiges gesellschaftliches Gehörbildungsprojekt«, findet er, »das ist prima.« Wann der Weltfrieden also auch komnlt, er kommt mit guter Musik.

BUCHTIPP

Musikpsych()logie. Das neue Handbuch. rowohlt 2008 . 19.95 Euro

Exzellenter Uberblick über die neurologischen und psycholo- gischen Wirkungen von Musik. mit Beiträgen von vielen namhaften Musikforschern

WEBWEISER

Detailinfos zur Mafa-Studie mit den Hörproben des Konsonanz- Dissonanz- Experiments:

www.cell.com/current-biology/ supplemental/ 50960-9822(09)00813-6 ----------.

,

-

Se ite eine s international en Forschungsprojekts zu

Musik und Gefüh len:

www.bralntuning.fi

Walgesänge zum Anhören:

www.whalesong.infol?q=node/461

TEXT: ALEXANDER STIRN

A m Anfang war das Wort, und das Wort war ketzerisch: »Gebt mir einen halben Tanker voll Eisen,

und ich gebe euch eine Eiszeit«, prophezeite der US-Meeresforscher John Martin Anfang der 1990er Jahre. Dem Wort sollten alsbald Taten folgen. Rund um den Globus stachen Wissenschaftler in See, um ein klein wenig Gott zu spielen. Der Eisendünger in ihren Tanks, so die Hoffnung, sollte das Algen- wachstum in den Ozeanen anre-

gen. Die Algen sollten Kohlendi- oxid aufnehmen und am Ende ihres Lebens auf den Meeresgrund sinken - mitsamt dem schädlichen Gas. Aus den Augen, aus dem Kli- makreislauf, aus dem Sinn.

AUCHDEUTSCHEFORSCHER konnten

der Versuchung nicht widerstehen. Anfang vergangenen Jahres kipp- ten sie sechs Tonnen Eisen in den Südatlantik - verteilt auf eine 300 Quadratkilometer große Region. Wie erhofft, fingen die Algen an zu blühen. Doch dann passierte das Unerwartete: Anstatt sich mit Koh- lendioxid vollzupumpen und abzu- sterben, lockten die Algen hungrige Ruderfußkrebse an. Die wiederum weckten das kulinarische Interesse der Flohkrebse. Das große Fressen begann. Zurück blieben etliche wohlgenährte Krebse und genauso viel Klimagas wie zuvor. Immerhin haben sie es versucht - und liegen damit voll im Trend:

»Geo-Engineering«, das Herum- doktern an der Erde in der Hoff- nung, den Klimawandel aufzuhal- ten, ist gesellschaftsfähig geworden. Eisen im Ozean, Schwefel in der Atmosphäre, Spiegel im Weltall, ja sogar riesige Kohlendioxid-Staub- sauger sollen die Erde vor dem Hitzetod bewahren. Und das, ob- wohl völlig unklar ist, wie die Na- tur auf die abenteuerliche Manipu-

48 PM. 04 I 2010

-'.

Test im Süd- atlantik (0.): Die »Polarstern« (r.) hat das Meer mit sechs Tonnen Eisen gedüngt Wunschgemäß vermehrten sich die Algen, der

Chlorophyll-

gehalt stieg - fiel dann aber schnell ab, weil

die Pflanzen

gefressen

wurden

Selbst wenn wir die CO 2 -Emissionen sofort auf null bringen, steigt die Temperatur noch jahrzehntelang an

Die Alge Chaeto- ceros (ganz 0.) und eine Kieselalge (darunter). Füttert man sie mit Eisen, wachsen sie rasch. Für ihren Stoff- wechsel benötigen sie große Mengen CO 2 , das sie der Atmosphäre entziehen. Noch bevor diese Entgiftung einsetzte, wurden die Algenkolonien von hungrigen Ruderfußkrebsen (I.) entdeckt- und gefressen. Diese wurden dann ihrerseits von Flohkrebsen verspeist. Die Aktion der »Polarstern« brachte also Bewegung in die Nahrungskette -aber nicht ins Klima

lation reagiert und ob Politik und Menschheit überhaupt verantwor- tungsvollmit den neuen Möglich- keiten umgehen können. Nicht zuletzt deshalb war allein schon der Gedanke an Geo-Engi- neering lange Zeit verpönt. Wer das Thema trotzdem ansprach, galt als Anhänger eines unverbesser- lichen Technikwahns, als Pfuscher, der sich über die Natur und ihre ehernen Gesetze erheben wollte. In den letzten Monaten hat sich das grundlegend geändert: Spätes- tens seit dem Scheitern des Klima- gipfels in Kopenhagen ist vielen Wissenschaftlern klar, dass sie sich im Kampf gegen die steigenden Temperaturen auf die Politik und den gesunden Menschenverstand nicht mehr verlassen können. »Immer hieß es, die Möglich- keiten des Geo-Engineerings sollten so lange zurückgehalten werden, bis wir vor einem echten Notfall stehen«, sagt Michael MacCra- cken, wissenschaftlicher Leiter am Climate Institute in Washington. ) Dabei stecken die Menschen in der Arktis bereits heute in einer äußerst bedrohlichen Situation.« Für März hat MacCracken führen- de Köpfe aus dem Bereich des Geo- Engineerings nach Kalifornien eingeladen, um über Konzepte für die Zukunft zu sprechen.

SELBST DIE BRITISCHE Royal Society,

eigentlich kein Anhänger eines blinden Technikglaubens, schlägt Alarm. In der bislang ausführ- lichsten Studie zum Thema, vorge- stellt im vergangenen September,

fordert die Wissenschaftsorganisa- tion »unverzügliche« Anstren- gungen, um Chancen und Risiken des Geo-Engineerings besser ab- schätzen zu können. »Wenn sich die Menschheit nicht auf deutliche Einschnitte beim Ausstoß schäd- licher Gase einigen kann, brauchen wir neue Methoden, um in Zu- kunft den Klimawandel aufzuhal- ten«, sagt John Shepherd von der University of Southampton, der die Studie federführend verfasst hat. Auch die Politik bewegt sich. Für James Holdren, wissenschaft- licher Berater von US-Präsident Barack Obama, ist Geo-Enginee- ring eine Option. »Wir können uns den Luxus, einen solchen Ansatz von vornherein vom Tisch zu fe- gen, nicht mehr leisten«, sagt der Klimaexperte. »Es kann gut sein, dass wir irgendwann so verzweifelt sein werden, dass wir nicht mehr drum herumkommen.« Klar ist: Selbst wenn die Mensch- heit auf einen Schlag sämtliche Kohlendioxid-Emissionen einstel- len würde, wäre der Klimawandel noch lange nicht gestoppt. Die Temperaturen würden, so die Überzeugung der meisten Klima- forscher, noch mehrere Jahrzehnte steigen. Bis der Kohlendioxid-Ge- halt in der Atmosphäre wieder auf Werte wie vor der industriellen Re- volution absinkt, dürften sogar mehr als 1000 Jahre verstreichen.

MIT GEO-ENGINEERING könnte das

deutlich schneller gehen. Zwei Möglichkeiten bieten sich Wissen- schaftlern, die am irdischen Ther- mostat drehen wollen: Sie können wie die deutschen Forscher im Süd- atlantik versuchen, das schädliche Kohlendioxid direkt aus der Atmo- sphäre zu entfernen. Oder sie sor- gen mit einer Art Sonnenschirm dafür, dass weniger Wärmestrah- lung am Erdboden ankommt - unabhängig von der Menge an Klimagasen in der Luft. Besonders der zweite Weg steht bei den Geo-Engineering-Fans

Was ist der bessere Sonnenschirm:

Millionen Tonnen

Schwefel oder

Billiarden Spiegel in der Atmosphäre?

hoch im Kurs. Vor drei Jahren schockte Paul Crutzen, Chemie- Nobelpreisträger und Entdecker des Ozonlochs, seine Kollegen mit dem Vorschlag, Millionen Tonnen Schwefeldioxid in der Stratosphäre zu verteilen. Dort, in mehr als zehn Kilometer Höhe, soll sich das gif- tige Gas mit anderen Bestandteilen der Luft verbinden und kleine Tröpfchen bilden. Die Partikel würden einen Teil des Sonnenlichts zurück ins All reflektieren. Die Folge: ein bleicher Himmel, intensivere Sonnenuntergänge, vor allem aber weniger Energie, die die Erde erreicht. Nach Berechnungen der Geo-Ingenieure müssten ledig- lich zwei Prozent des Sonnenlichts zurückgeworfen werden, um den Anstieg des Kohlendioxids in der Atmosphäre zu kompensieren. Bis zu 50 Milliarden Dollar wären da- für jährlich nötig. Ballons, flug- zeuge oder 25 Kilometer lange Feuerwehrschläuche könnten die Schwefelwolken erzeugen. Crutzen und Kollegen nehmen sich dabei die Natur zum Vorbild:

Auch bei Vulkanausbrüchen wer- den große Mengen an Schwefel- gasen in die Luft geschleudert - mit durchaus spürbaren Folgen. Als der philippinische Feuerberg Pina- tubo im Juni 1991 ausbrach, pumpte er bis zu 20 Millionen Ton- nen Schwefeldioxid in die Atmo- sphäre. Am Erdboden ging die Ausbeute des Sonnenlichts um fünf Prozent zurück, weltweit sanken die Temperaturen um etwa ein halbes Grad Celsius. Erst nach drei Jahren lösten sich die Wolken wie-

Der Ausbruch des Pinatubo:

1991 schleuderte der Vulkan 20 Millionen Tonnen Schwefel- dioxid in die Luft. Es verrin- gerte die Sonneneinstrahlung um fünf Prozent; die globale Durchschnittstemperatur sank um 0,5 Grad Celsius. Den gleichen Abkühlungseffekt erzielen künstliche Schwefel- wolken, sagen Klimaforscher

Ausbreitung der Ganz oben: die Pinatubo-Wolke: Klima-Strategie Das Bild (I.) zeigt d e r U
Ausbreitung der Ganz oben: die Pinatubo-Wolke: Klima-Strategie Das Bild (I.) zeigt d e r U

Ausbreitung der Ganz oben: die Pinatubo-Wolke: Klima-Strategie Das Bild (I.) zeigt der Universität die Schwefel- von Arizona. Sie verteilung vier will mit elektro- Monate nach magnetischen dem Ausbruch. Kanonen 16 Die höchste Billiarden Spiegel Konzentration ins All schießen, (rot) findet sich um so die Erde am Äquator. zu verschatten.

Alternative: die Installation riesiger EinzeI- spiegel (0.). Sie könnten aber auch bewirken, dass Tempera- turenund Niederschläge verrückt spielen

der auf. »Das zeigt uns, dass die Reflexionspläne funktionieren können«, schreibt John Shepherd in seinem Bericht für die Royal Süciety~»Di.eMethode wirkt. sehr

schnell, und ihre Effekte lassen sich

- wie die Vulkanausbrüche bewei-

sen - nach einiger Zeit sogar wie- der umkehren.« Genau hier liegt aber auch eines der großen Risiken. Sollte es der Menschheit eines Tages an Geld, Lust oder politischem Willen feh- len, immer größere Mengen Schwe- fel in die Atmosphäre zu pumpen, wären die Folgen umso drama-

tischer: Da das Kohlendioxid nach

wie vor in der Luft schwebt, stiegen

die Temperaturen innerhalb weni- ger Jahre extrem stark an - etwa zehnmal so schnell wie heute.

KRITIKER DES PROJEKTS sehen noch

weitere Gefahren. Der schweflige Sonnenschutz könnte die überaus empfindliche Dynamik der Atmo- sphäre durcheinanderbringen. We- niger Niederschlag, wärmere Win- ter, kühlere Sommer wären die Folge. Vor allem aber könnte die Schwefelpackung dem Planeten ein neues Ozonloch bescheren. Vielleicht geht es ja auch ohne Schwefel: Von US-Astronomen kommt die Idee, zwischen Erde und Sonne Billionen kleine Spiegel

zu verteilen und so das Sonnenlicht schon im Weltall abzulenken. Fast genauso ambitioniert ist der Plan, mit großen Schiffen das Meerwas- ser zu vernebeln und dadurch die Wolkenbildung zu intensivieren. Ob so etwas überhaupt technisch und finanziell machbar ist, ist noch nicht einmal ansatzweise geklärt

- genauso wenig wie die möglichen

Folgen für die Umwelt. Sicher ist

nur: Wer sich zum Herrn über das Weltklima aufschwingen will, darf sich über Risiken und Nebenwir- kungen nicht wundern. Die könnten bei der zweiten Me- thode des Geo-Engineerings im- merhin etwas kleiner ausfallen. }) Kohlendioxid komplett aus der

Ganz oben: Schiffe könnten in den Boden. Dieses Roboter- die Fieberkurve Doch bildet es Schiff
Ganz oben: Schiffe könnten in den Boden. Dieses Roboter- die Fieberkurve Doch bildet es Schiff

Ganz oben:

Schiffe könnten

in den Boden.

Dieses Roboter-

die Fieberkurve

Doch bildet es

Schiff vernebelt

der Erde merk-

dort wirklich das

Salzwasser

ichabflachen

gewünschte

und erzeugt

lassen Oben: 100

Kalkgestein

künstliche

Meterhohe

-

oder quillt es

Wolken,die

Staubsauger

wieder an die

Sonnenlicht

entziehen der

Erdoberfläche?

absorbieren.

Erdatmosphäre

Diese Frage ist

Schon 1000

das Kohlendioxid

noch nicht

solcher Wolken-

und injizieren es

beantwortet

Das Klima wird zur Machtfrage: Wer es mit den raffiniertesten technischen Mitteln steuern kann, regiert die Welt

Atmosphäre zu entfernen ist der bessere Ansatz, weil er das Übel bei der Wurzel packt und das Klima wieder zurück in seinen natür- lichen Zustand versetzt«, sagt John Shepherd. Die Düngung der Oze- ane bleibt dabei - trotz des jüngsten Rückschlags im Südatlantik- eine Option. Möglicherweise hilft es aber auch, Bioabfälle ohne Luft und unter großem Druck in Holz- kohle zu verwandeln. Dabei würde sich das Kohlendioxid zwangsläu- fig in den verkokelten Pflanzen festsetzen. Es könnte zum Beispiel im Boden vergraben werden. Klaus Lackner von der Colum- bia-Universität in New York will einen anderen Weg einschlagen.

Der Physiker plant, das Kohlendi- oxid einfach mit einer Art Staub- sauger aus der Luft zu holen. Spe- zielle Membranen, die norma- lerweise dazu benutzt werden, Wasser zu reinigen, sollen das Kli- magas absorbieren. Kleiner Schönheitsfehler: Welt- weit müssten mindestens 30 Milli- onen Sauger aufgestellt werden. Und die hätten einiges zu tun: Ver- glichen mit einem künstlichen Son- nenschutz, wirkt sich das Absaugen des Kohlendioxids nur quälend langsam auf den Klimawandel aus. Doch selbst wenn eines Tages die technischen und wissenschaft-

lichen Herausforderungen des Geo-Engineerings gelöst sind, bleibt ein weiteres, noch viel grö- ßeres Problem: der verantwor- tungsvolle Umgang mit den neuen, fast schon gottgleichen Möglich- keiten. »Soziale, rechtliche, ethische und politische Aspekte dürfen kei- nesfalls vernachlässigt werden «, warnt John Shepherd. Skeptiker sehen bereits den Tag kommen, an dem Geo-Engineering zum Spielball der Interessen einzel- ner Staaten oder finanzkräftiger Organisationen wird. Die USA dürften zum Beispiel alles daran setzen, Grönlands Gletscher zu erhalten und Florida so vor dem Untergang zu retten. Russland da- gegen hätte nichts dagegen, wenn seine arktischen Permafrostböden langsam auftauten und fruchtbar würden. Wer letztlich die Hand am globalen Thermostat haben wird oder haben darf, ist völlig offen. Kritiker wie Douglas Parr, Wis- sensehaftschef von Greenpeace, sehen noch eine weitere Gefahr:

Angesichts der neuen Möglich- keiten könnten Politiker ohne Not den »Panik-Knopf drücken« und dem Geo-Engineering Vorrang vor anderen, weitaus unbequemeren Alternativen geben - in der Hoff- nung, dadurch eine Atempause zu bekommen. Verzicht und Reduk- tion von Kohlendioxid-Emissionen wären dann auf einmal kein The- mamehr. Allerdings: Die Bereitschaft dazu ist - wie Kopenhagen gezeigt hat - auch ohne Geo-Engineering derzeit nur äußert dürftig ausge- prägt.

~

WEBWEISER

Das deutsch- indische Eisen- düngungs-Experiment Lohafex:

www.lohafex.com ------.

Der Bericht der britischen Royal Society zum Geo-Engineering (engl) royalsociety.org/ geoenglneerlngclimate

~

Logik-Trainer

Das Wartezimmer des Kinderarztes Dr. Manfred Schmldt ist voll. Mehrere Kinder- jeweils in Begleitung eines Elternteils - warten darauf, dass sie aufgerufen werden. Wer (Vorname) besucht mit seinem Kind (Vorname, Alter) weswegen den Kinderarzt?

• Das Wort »Patient« erlaubt keinen Rückschluss auf das Geschlecht. 1. Da gma rs Kind,
Das Wort »Patient« erlaubt
keinen Rückschluss auf das
Geschlecht.
1.
Da gma rs Kind, das einen starke n
Hustenreiz hat, ist nicht sechs
Jahre alt.
2.
Der kleine Pat ient
mit dem Heu-
schnupfen ist jünger als der mit
dem Hautausschlag.
3.
Der fünfjährige Felix,der von
seinem Vater begleitet wird, hat
heftige Ohrenschmerzen.
4 . Hannas Kind und Philipp sind zu-
sammen genauso alt wi e Ben und
das Kind mit dem Hautausschlag;
es handelt sich hier um vier
verschiedene Kinder.
I---+--+-----l- +- -+---+-+-- -+--+-----ll---+---+---+- +--;
5. Klaus ist der Vater des ältesten
Patienten.
I---+--+---l--+--I---t-+--+--+ ---lf---!--+---t-+--f
6. Das siebenjährige Kind - es heißt
nicht Nele -l eidet unter Schlaf -
störungen.

AUFLÖSUNG IM NÄCHSTEN HEFT

unter Schlaf - störungen. AUFLÖSUNG IM NÄCHSTEN HEFT 54 PM. 04 / 2010 UND SO GEHT'S:

54 PM. 04 / 2010

UND SO GEHT'S:

Zum Lösen des Logik-Trainers brauchen Sie nichts weiter als einen Stift und einen kühlen Kopf. Lesen Sie bitte zunächst den T

ext des Rätsels und die Hinweise im Kasten. Wenn Sie nun alle

Informationen aus den Hinweisen in das nebenstehende Diagramm

eintragen, dann kommen Sie Schritt für Schritt auf die Lösung.

Machen Sie ein Pluszeichen (»+«) für jedes sichere »Ja« und ein Minuszeichen (»-«) für jedes eindeutige »Nein«. So ergeben sich im Diagramm neue (positive

und negative) Informationen,

die sich wiederum mit einem Plus- oder Minuszeichen markie- ren lassen.(Wenn Sie zum Beispiel wissen, dass x=y ist, und dann herausfinden, dass y nicht z ist, dann haben Sie die neue Informa- tion gewonnen, dass x nicht z ist. Machen Sie also in das Feld x/z ein Minuszeichen.) Sämtliche gesuchten Angaben entstehen logisch »zwingend«. Sie brauchen also nicht zu probieren oder gar zu raten . Aber:

Lesen Sie jeden einzelnen Hinweis genau. Tragen Sie bitte in die Tabelle unten Ihre Ergebnisse ein. Übrigens: Auch kluge Köpfe brauchen für dieses Rätsel durchaus 30 Minuten oder mehr.

AB 9.4.2010 IM HANDEL:

Die Sonderausgabe P.M. Logik- Trainer 4 /1 0 : 28 unterschiedlich schwere Aufgaben mit ausgewählten Lösungsbesprechungen, 1,90 Euro

P.M. Logik- Trainer 4 /1 0 : 28 unterschiedlich schwere Aufgaben mit ausgewählten Lösungsbesprechungen, 1,90 Euro

Rätsel

WAAGERECHT

1 Verfalltes persönliches Fürwort 4 Abgesondertes Stadt-

viertel 9 Nicht eben 14 Der mit»To be, or not to be« 15 Von

ihnen/durch sie gibt es viele Reliquien (s. Bericht) 16 Maler der zerfließenden Uhren 18 Antikes Rechenbrett, auch heute noch benutzt 19 Brötchen 21 Volk in Nigeria

22

Schopfers Pseudonym 23 Brutstätte 24 Hawaiiinsel

25

In Monsterform auch monstergefährlich? (s. Bericht)

27

Fränk. Hausflur 29 Schneehaus der Inuit 31 Wichtige

Computertaste 34 Längster Fluss in Meckpomm 36 Kurzes Erbmolekül 37 Kurze offizielle Fahrzeugbeleuchtung

39 Terrierfluss 41 Muse der Sternkunde 43 Sorgen sich

auch um die Nachkommen (s. Bericht) 45 Kurzfamilie

46 Hauptstadt Apuliens 49 Emoticon 53 GLEIER 55 Name

mehrerer brit. Flüsse 56 Rechts- wie linksrheinischer Fluss

58 Ital. Adriahafen

stalt 64 Aufs Geld achtend 69 Dicker Bauch, oft von Bier

61 SLEIEW 63 Kurze Ausfuhrkreditan -

72

Zurzeit Imperativ an Sie! 75 Bete! lateinisch 76 Drehflügel

77

Nutztierunterkunft 79 »Der« FilmdeHin 81 Lichthof um

Leuchtendes 83 Eng!. Nebel 85 Skandalatommülldeponie

86

Mit Aceh 2004 tsunamlzerstörte Stadt 87 EMEBAO

88

Extremität 89 Istform 90 Katzennachtfarbe 91 Hat

sächsischer Landtag am Auto 92 Engl. Osten 93 Austral. Wildhund 94 Die derZukunft wird anders gestaltet werden müssen (s. Bericht).

SENKRECHT

1 VEIENID 2 (1- 3 Meeresraubfisch 4 Fluss in Kärnten 5 Im-

perativ an den Kran 6 Haushaltsplan 7 Professor Capellari in echt 8 Wird eingehakt -9 Nordir. Mantelprovinz 10 Zu keiner

Zeit 11 Goethes holl. Freiheitskämpfer 12 An die zahlt , wer öffentlich Musik macht 13 Berg-Oper 17 Kurze Reifeprü- fung 20 Eigentlich »aus Erz bestehend« 22 Kurzanlage

26 Bördestädtchen an der Bode oder sich wie ein Blut-

sauger benehmen 28 Tochter von Harun al Raschid in

»Oberon« 30 Schwed. »Stadt der Birken« 32 Kollege vom »Roten Baron« 33 Tor 35 Häufiger Papageienna- me 38 Bei Ihnen treiben gelegentlich auch Männer Brut- pflege (s. Bericht) 39 Auftaktbewegung des Dirigenten

40 Unentschieden (beim Spiel) 41 Das rettende ist manch-

mal fern 42 Binion in Mathematik und Lotto 44 Vater des kleinen Disney-Wolfs 47 Aufschlag auf den Nennwert 48

Eßmüllert im Fernsehen 50 Ist das die Universalsprache? (s. Bericht) 51 Geistliches Lied des Mittelalters 52 Shetlandinsel

54 Verfalltes persönliches Fürwort 57 Engl. Abbiegerichtung

58HoheSpielkarte59BesondereAusstrahlung,dieMenschen

für Menschen einnimmt (s. Bericht) 60 Hat Schwalestadt am Auto 61 Liegt bei Niedrigwassertrocken (z. B.anderNordsee)62 Eng!. Adeliger 65 Eine besondere geometrische Verbindungs- linie 66 Ölpflanze 67 Schweizer Flächenmaß 68 Krankhaft

69 Special-Thema (s. Bericht) 70 Stadt in Rumänien 71 Änti-

NNW 73 Stadt bei Hildesheim 74 Stadt Im Hegau 78 Mittello- sigkeit 80 Schwarzer Tod 82ltalosee 84 Essbare Früchte 87 Verwesender lierkörper.

LÖSUNGEN AUS P.M. 3/2010

Uhrzeit

Name

Auto

Geschwindigkeit

8.20

Uhr

Herr lotz

Audi

139

km/h

9.00

Uhr

Frau Fuchs

BMW

124km/h

9.40

Uhr

Herr Becker

Porsche

117

km/h

10.20

Uhr

Frau Auer

Chevrolet

142

km/h

11 .00 Uhr

Herr Diebel

VW

148

km/h

km/h 11 .00 Uhr Herr Diebel VW 148 km/h AUFLÖSUNG IM NÄCHSTEN HEFT ""-.: I ,:,.A

AUFLÖSUNG IM NÄCHSTEN HEFT

""-.: I ,:,.A - ,
""-.:
I
,:,.A
-
,

~ZU

gewinnen*

B

el cUesem Rätsel geht es nicht ntr um DefinItIonen und Ihre Auslegung. EInIge

der gesuchten Wörter stehen schon fertig da - allerdngs als »Buchstabensa-

Iat«, der entwirrt werden muss (NERG=GERN, ABST =BAST oder STAB). DIe Buchstaben In den grünen Feldern ergeben das

Lösungswort. Unter den Einsendern des Lösungsworts

verlost P.M.10 Jahres-Abomements Im Wert von je

38,40 Euro. SIe haben drei MöglIchkeIten. das

swort an P.M. zu schicken: per Postkarte

Redaktion P.M., Kennwort: Kreuzworträtsel,

Positfat:h 801527, 81615 München. per Fax an 089) 4152-500 oder an folgende E-Mal-

. raetsel@>pm-magazln.de

~;encIesc:hUssIst der 5.4.2010.

Der Rechtsweg Ist ausgeschlossen.

., Aus rechUchen GrOnden gUt dieses Angebot nicht In ÖSterreich.

GrOnden gUt dieses Angebot nicht In ÖSterreich. GEWINNER DES KREUZWORTRÄTSELS AUS P.M. 2/2010 Das

GEWINNER DES KREUZWORTRÄTSELS

AUS P.M. 2/2010

Das Lösungswort hieß » Menschheit«.

Der vergrößerte Bildausschnitt befand sich auf S. 96.

Die 10 P.M. - Jahresabos haben gewonnen :

Simon Armln , Mömbr is; Ute Halbig, Eichstätt ; Manfred Vollmer,Neuburg/ Donau;Dorte Krolop,WerderI Havel; Harri Pfaff, Meckesheim ; Helmut Kestler , Bensheim; Fritz Wiese,Laatzen;Irene Schwerdtfeger,Wunstorf;Elisabeth St ukenbrok , Lemgo ; Renate Burkard, Zeltz.

S teilen Sie sich vor, Sie leben in

Hamburg und wollen (oder

müssen) nach München um-

ziehen. Ein Problem, wenn

Ihnen Ihr Heim ans Herz gewach- sen ist. Kein Problem, wenn Sie stolzer Besitzer eines mobilen Hauses sind - dann können Sie es mitnehmen. Mehr als ein bis zwei Lkws braucht es meist nicht, um das Heim abzurüsten und zu ver- laden. Kompakte Modulhäuser wie der weiße Wohnwürfel »Loft- cube«, den Designer Werner Aiss- linger gemeinsam mit den Archi- tekten Achim Aisslinger und An- dreas Bracht entwickelt hat, lassen sich in zwei Tagen ab- undgenau- so schnell wieder aufbauen.Die mobilen Designhäuser verfügen

Passt sich der aktuellen Lebenssituation an:

Das »Nomadhome« aus Österreich kann durch sein modulares Bausystem erweitert werden

über Wohnflächen zwischen 40 und 65 Quadratmetern und sind vorrangig für Singles konzipiert. Der Clou jedoch ist, dass mithilfe von Zusatzmodulen bestehende Konfigurationen beliebig erweiter- bar sind. Verändert sich der Fami- lienstatus oder kommt unerwartet Geld aufs Konto, kann man die mobilen Häuser nach Belieben er- weitern. Gerade diese Flexibilität macht das Konzept des mobilen

Wohnens sehr interessant. Seit es den Loftcube gibt, sind mehr als 1 1 000 Anfragen aus über 50 Län- dern eingetrudelt. Tendenz stei- gend! Zielpublikum ist dabei die junge, urbane und finanziell po- tente Elite. Kein Wunder, kostet der Loftcube doch rund 90 000 Euro. Ein weiterer Vorteil der mobilen Wohnträume ist der sehr gute Schutz vor Wertverlust. Wird hin-

In drei Tagen fix und fertig: Das

»Perrinepod«-

Haus aus

Australien. Die

Designer achten

hier besonders

auf recycelbare

Baustoffe

ter Ihrem Haus ein neuer Auto- bahnanschluss gebaut oder verliert das Stadtviertel plötzlich an Wohn- qualität, kann man das Haus ein- packen und sich an einer anderen Stelle niederlassen. In der Theorie klingt das ganz einfach, in der Pra- xis ist es natürlich komplizierter, denn auch für das Mobilheim muss ein Standort gefunden werden, was in urbanen Zentren nicht so leicht sein dürfte. Allerdings haben Loft- cube & Co. bei der Standortsuche gegenüber dem festen Haus einen Vorteil: Für die Aufstellung reicht ein Kleingrundstück aus - das man unter Umständen noch nicht ein- mal kaufen muss, sondern pachten kann. So verlockend der neue Wohn- trend auch sein mag, zumindest in den nächsten zehn Jahren wird er den Immobilienmarkt nur margi- nal beeinflussen. Noch träumen die meisten vom Massivbau auf eige- nem Grund und Boden. Dennoch wird Mobilität sicher immer mehr zum Attribut des modernen Men- schen dieses Jahrtausends. ~~

Attribut des modernen Men- schen dieses Jahrtausends. ~~ www.aisslinger.de/loftcube/main.html

www.aisslinger.de/loftcube/main.html

www.nomadhome.com/conceptl

www.perrinepod.com/default.aspx

I n Megacitys wie Lagos oder Mumbai breiten sich die Slums rasant wie Krebsgeschwüre aus, in ostdeutschen Städten

verwaisen ganze Wohnviertel. Zu- gleich erzielen in pulsierenden Met- ropolen wie Sydney oder Barcelona Wohnungen immer neue Rekord- preise. Die Entwicklung der Städte, in denen mittlerweile über die Hälfte der Menschheit lebt, ver- läuft extrem unterschiedlich. Intel- ligente Entwürfe und eine nachhal- tige Stadtplanung gehören zu den gräßtenHerausforderungen un- serer Zeit. Doch worin liegt das Geheimnis einer lebenswerten und attraktiven Stadt? »Stahl, Brot, Frieden« - unter

diesem Leitspruch hat die DDR- Regierung am 18. August 1950 den Grundstein für Eisenhütten- stadt gelegt. Am Reißbrett entwor- fen, sollte die urbane Retorte vor allem dem Wohl der Arbeiter und deren Familien dienen. Mit Wohn- blöcken in direkter Nachbarschaft der Hochöfen, mit nah gelegenen Läden, Restaurants und Theater galt das einige Jahre später in Sta- linstadt umbenannte Projekt als Ideal städtischen Lebens. »Eisen- hüttenstadt ist ein klassisches Bei- spiel für sozialistische Stadtpla- nung<~, sagt Sebastian Seelig, Stadtplaner an der Technischen Universität Berlin. Heute schrumpft das oft als »Schrottgorod« verball- hornte Vorzeigeprojekt. Tausende Einwohner sind seit 1990 wegge- zogen, ganze Wohnviertel stehen leer und werden abgerissen. Was bleibt, ist - trotz guten Willens - ein Beispiel kurzsichtiger und ver- fehlter Stadtplanung.

64 PM 04 / 2010

Im Kontrast dazu hatte Zar Pe- ter der Große 1703 mit St. Peters- burg an den Ufern der Newa wohl kaum das Wohlbefinden der zu- künftigen Bürger im Sinn. Der Herrscher versprach sich Ruhm, Prestige und Unsterblichkeit. Heu- te boomt die zweitgrößte Stadt Rus- slands und erfreut sich eines stetigen Zustroms neuer Einwohner. Zar Peter war in Europa beileibe nicht der einzige absolutistische Herr- scher, der sich unter immensen Kos- ten mit Pr unkbauten einen Platz in der Geschichte sichern wollte - wie unzählige Schlösser und Kathe- dralen auf dem gesamten Kontinent belegen. »Das waren Imageprojekte für Herrscher, die sich ein Denkmal setzen wollten«, sagt Seelig. »Mit der heutigen Vorstellung von Stadt- planung hat das nichts zu tun.« Dennoch zählen gerade Städte mit pompösen architektonischen Zeug- nissen maßloser Herrscher heute zu den begehrtesten Wohnorten. Rei- ner Zufall?

»IN EINER ATTRAKTIVEN Stadt ist es

wichtig, dass sich die Einwohner mit ihr identifizieren können«, sagt Vittorio Magnago Lampugnani, Professor für Geschichte des Städ- tebaus an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETHZ). »Und Monumental- bauten können das unterstützen .« Nicht nur während des Absolutis- mus, auch in jüngerer Zeit finden sich dafür viele Beispiele. Sei es Gaudis Kathedrale »Sagrada Familia« in Barcelona, der Eiffel- turm in Paris oder das Opernhaus in Sydney. Zu Bauzeiten war kei- nes dieser Bauwerke wirtschaftlich

sinnvoll, sie haben sich aber alle im Laufe der Jahrzehnte zu den bedeutendsten Symbolen und Tou- ristenmagneten ihrer Stadt entwi- ckelt. Ein Wert, der sich heute nicht mehr in Euro oder Dollar bemessen lässt. Von heute auf morgen erlangt ein Identifikationsbau aber nur selten seine prägende Bedeutung, mit vielleicht einer Ausnahme: der futuristischen Retortenstadt Bra- silia. Innerhalb von vier Jahren wurde die 1960 gegründete Me- tropole aus dem Boden gestampft. Der Architekt Oscar Niemeyer verlieh der brasilianischen Haupt- stadt mit Präsidentenpalast, Ka- thedrale, Universität und Ministe- rien ein unverwechselbares Gesicht. »Brasilia ist teilweise sehr

gelungen«, sagt Lampugnani. Nur die anfangs einseitige Ausrichtung auf den Autoverkehr, der kaum belebte öffentliche Räume er- laubte, kritisiert der Stadthistori- ker. »Wir sind nun einmal Fußgän- ger, ehe wir zum Autofahrer werden. Und das muss zeitgemäße Stadtplanung unbedingt berück- sichtigen. « So behauptet sich Bra- silia, obwohl fast 1000 Kilometer von der belebten Küste entfernt im Landesinneren gelegen, mehr und mehr und wandelt sich von einem Beamtenghetto zu einer lebendigen Großstadt. Erfolgsgarantien gibt es aber nicht. »Stadtplanung ist so kom- plex wie Hirnchirurgie«, weiß Se- bastian Seelig. Und immer neuen Herausforderungen müssen die

urbanen Siedlungen gerecht wer- den. So erfordert der Klimawandel ökologisches Bauen, um den Ener- giehunger einer Stadt deutlich zu senken. Noch in diesem Jahr ent- steht in Singapur ein Testlabor für die Stadt von morgen. Unterstützt von der ETH Zürich konzentriert sich das »Future Cities Laborato- ry« auf eine intelligente Vernetzung von öffentlichem und privatem Verkehr, neuen Baustoffen, intelli- genter Gebäudetechnologie und einem harmonischen Verhältnis

Unverwechselbarkeit ist wichtig: Der Eiffelturm (r.) ist das Wahrzeichen der französischen Haupt- stadt. Im chinesischen Lingang New City soll eine 300 Meter hohe Stahlnadel mit Wasserfontäne (0.) den gleichen Effekt haben

zwischen Stadt und Land. »Die Resultate werden die Städtepla- nung prägen - in der Schweiz, in Singapur und weltweit«, sagt ETH- Präsident Ralph Eichier. Während in Singapur erst die Pläne für die nachhaltige Stadt der Zukunfterdacht_werden,.baut-das. Emirat-Abu Dhabi bereits arr der Realität. Neben den Großstädten Abu Dhabi und Dubai wächst die Öko-Stadt Masdar City aus dem Wüstenboden. Die Retorten-Sied- lung soll die Umwelt weder mit Treibhausgasen noch mit Abfällen belasten. Insgesamt 50 000 Men- schen werden nach den Plänen des Emirats auf dem gut sechs Quad- ratkilometer großen Areal leben und ihren Energiebedarf aus- schließlich aus regenerativen Quellen decken. Damit der Strom aus den Solarthermie- und Photo- voltaik-Kraftwerken ausreicht, soll der Strombedarf auf ein Fünf- tel im Vergleich zur benachbarten Hauptstadt Abu Dhabi gesenkt werden. Der anfallende Müll wird sortiert oder kompostiert, Abwäs- ser gereinigt oder für die Biogas- gewinnung genutzt. Gebäude und Fußwege sollen auf Betonstelzen sieben Meter über dem Boden ste- hen: Das erhöht die kühlende Luftzirkulation und gibt auf der 5 unteren Ebene genug Raum für

~ die Elektroautos. »Das wird

i Stadt der Zukunft«, ist Khaled § Awad, Baudirektor von Masdar ~City, überzeugt.

~ Nach Plänen des britischen Ar- ~chitekten Norman Foster könnte ~ allein das Ziel, in einer Nu11-Emis- § sion-Stadt zu leben, ausreichen, ~ dass sich die Bewohner mit ihrer ~ Stadt identifizieren. Doch ob Mas- ~ dar City tatsächlich zum Erfolg

die

66 PM. 04 / 2010

wird, bleibt fraglich. »Schon deut- lich weniger komplexe Projekte sind in der Praxis gescheitert«, sagt Stadtplaner Roberto Sanchez-Rod- riguez von der University of Cali- fornia in Riverside. »Der ökolo- gische Aspekt der Stadt ist nur eine Dimension. Für eine langfristige Identifikation der Einwohner mit ihrer Stadt ist es damit sicher nicht getan«, meint Stadthistoriker Lam- pugnani skeptisch.

AUCH IN DER RETORTENSTADT » King

Abdullah Economic City«, die seit 2005 an der saudi-arabischen Küste des Roten Meeres entsteht, fehlen die architektonisch heraus- stechenden Monumente. Mit Ha- fen, Finanzbezirk, Forschungszen- tren für Pharmaunternehmen und Petrochemie legen die Saudis zwar die Grundlage für eine halbe Mil-

lion neue Arbeitsplätze. Doch drängt sich mit dieser einseitig wirtschaftlichen Ausrichtung einer Stadt der Vergleich mit Eisenhüt- tenstadt auf. Die boomende Wirtschaft ist auch der Motor für insgesamt

Berühmte

Identifikations-

bauten bekann-

ter Städte:

die Kathedrale

von Brasilia

(oben) und die »Sagrada

Familia«in

Barcelona

neun sogenannte »New Towns« im Ballungsraum Shanghai. Für eine davon - Lingang New City - zeichnet das Hamburger Archi- tektenbüro von Gerkan, Marg und Partner verantwortlich. Seit 2003 entsteht 60 Kilometer von Shanghai entfernt eine Planstadt für bis zu 800 000 Menschen. Geplante Fertigstellung: 2020. Für diese neue Küstenstadt wurde das bis zu drei Meter tiefe Meer zugeschüttet. Die Stadt ist in kon- zentrischen Ringen angeordnet, in denen derzeit Stadtviertel aus dem Boden schießen. Auch in Lingang steht das Funktionelle mit Woh- nungen, Einkaufspassagen, Büros und einem ausgeklügelten Ring- bahn-Netz im Mittelpunkt. Den- noch verzichten Meinhard von Gerkan und Kollegen nicht auf einen städtebaulichen Höhepunkt. »In Lingang New City ist der Mittelpunkt der Stadt ein kreis- runder See. Er prägt die Stadt und verleiht ihr Identität«, sagt Bernd Pastuschka, Pressespre- cher des Architekturbüros. In die Mitte dieses Sees

mit 2,5 Kilometer Durchmesser sollte auf einer kleinen künst- lichen Insel eine 300 Meter hohe Stahlnadel als Vision entstehen, aus deren Spitze Wasser sprüht. Eine Gestaltungssatzung begrenzt die Gebäudehöhen, sodass Selbst- darstellungsbedürfnisse von Inves- toren das Stadtbild nicht dominie-

von Inves- toren das Stadtbild nicht dominie- ren können. »So erhält die geplante Stadt die Chance,

ren können. »So erhält die geplante Stadt die Chance, ihre Einheit in der Vielfalt zu erlangen«, sagt Pas- tuschka. Nicht nur nagelneue Planstädte haben Chancen auf symbolträch- tige Bauten. Jede Stadt, so unat- traktiv sie heute auch sein mag, kann durch einzelne spektakuläre Gebäude mit herausragender Ar- chitektur gewinnen. ~~Das Guggen- heim-Museum von Frank Gehry in Bilbao ist ein solches Gebäude mit stadtprägender Wirkung«, sagt Lampugnani. Seit der Fertigstel- lung 1997 nahmen die Besucher- zahlen der baskischen Stadt rapide zu. Leider bringen die lokalen Ent- scheider allzu selten so viel Mut auf wie die Stadtpolitiker Bilbaos.

»IM 19JAHRHUNDERT war man mu-

tiger, es haben auch weniger Leute reingeredet«, sagt Lampugnani. Als herausragende Beispiele nennt er den gelungenen Stadtumbau von Paris mit den breiten Boulevards, entworfen von Stadtplaner Georges-Eugene Haussmann. Oder die 1882 in Barcelona von Antoni Gaudi begonnene Kathe- drale »Sagrada Familia«, die noch immer auf ihre Fertigstellung war- tet. Aber Lampugnani gibt die Hoffnung auf eine moderne, fan- tasievolle Stadtplanung nicht auf. »Man braucht ein radikales Kon- zept und muss es stringent, mög- liehst ohne Abstriche durchsetzen. Dabei darf man nicht immer nur das Allerbilligste auswählen.« Wer weiß, vielleicht finden sich dann auch mutige Planer und willige Geldgeber für ein spektakuläres Bauwerk in Eisenhüttenstadt. ~~

für ein spektakuläres Bauwerk in Eisenhüttenstadt. ~~ Testlabor for die Stadt von morgen:

Testlabor for die Stadt von morgen:

www.ethllfe.ethz.ch/archive_arti-

cles/091028_futurecitieslab _MM/index

Virtuelle Stadtplanung (Innenstadt):

www.vlrtuelle-stadtplanung.de

Detsche Akademie für Srädtebau und Landesplanung:

www.dasl.de

m an weiß nicht:

Ist es Natur-

verbundenheit,

Avantgardismus

oder die nostalgische Verklä- rung der Vergangenheit, als das Baumhaus kindlichen Träumen ein Zuhause gab? Auf jeden Fall steigt plötzlich die Nachfrage nach der Behausung in der Baumkrone- nur dass es diesmal die Erwachse- nen sind, die dem Himmel näher sein wollen. Vom Luxusapparte- ment über das Wochenendhäus- chen bis hin zum Büro auf demAst ist alles im Angebot. Wer es sich leisten kann, lässt sich vom Archi- tekten im Garten ein Baumhaus als Refugium oder Gästehaus planen und bauen - vorausgesetzt, der pas- sende Baum dafür existiert.

Der Trend ist international. Allein in den USA haben mittlerweile mehr als 8600 Familien ein Baum- haus als Hauptwohnsitz. In Deutschland ist das noch unvor- stellbar, da hierzulande strenge

Ein Kindheitstraum - nur etwas komfortabler: In Frankreich wurden schon ganze Ferienanlagen in die Bäume gebaut

68 PM. 04 / 2010

Vorschriften den Bau größerer Im- mobilien in Baumwipfeln erschwe- ren. So gibt es in jedem Bundesland andere Bauvorschriften und Richt- linien, die den Architekten das Leben schwer machen. Und wenn mehr als etwa vierzig Kubikmeter umbaut werden sollen, ist es fast unmöglich, eine Genehmigung zu bekommen. Frankreich ist weitaus Baum- haus-freundlicher: In den Arden- nen beispielsweise gibt es eine kom- plette Ferienanlage in den Bäumen. Die großzügig dimensionierten und familiengerechten Bauten mit 51 Quadratmeter Wohnfläche und 30 Quadratmeter Terrasse bieten in acht bis 16 Meter Höhe allen Kom- fort, den man sonst von Hotelzim- mern gewohnt ist. Sämtliche Häu- ser wurden in ökologischer Bau- weise und ohne Schrauben und Nägel errichtet. Zu buchen sind diese außergewöhnlichen, natur- nahen Unterkünfte über den Rei- severanstalter France ecotours. In Deutschland hat sich Andre- as Wenning dem Bau von Baum- häusern verschrieben und 2004 die Firma Baumraum gegründet. Der innovative Architekt möchte das Thema Baumhaus in Deutschland populär machen. Sein Plan scheint

Ein Refugium, in dem man Kraft schöpfen kann.

Die Firma

Baumraum

möchte das

Wohnen im

Baumhaus auch

in Deutschland

populär machen

aufzugehen, wenn auch zunächst erst einmal auf internationaler Ebe- ne: Seit Firmengründung hat er weltweit schon an die zwanzig Designer-Baumhäuser verkauft. Warum er so erfolgreich in diesem neuen Marktsegment ist, erklärt er damit, dass immer mehr Erwach- sene sich nach einem Refugium in den Bäumen sehnen. Die Menschen wünschen sich zunehmend Abge- schiedenheit und Ruhe, wenn auch nur für wenige Stunden, um die Akkus wieder aufzuladen. Was ist da besser geeignet als ein schickes Baumhaus im eigenen Garten - zu erreichen garantiert ohne Stau. ~~

im eigenen Garten - zu erreichen garantiert ohne Stau. ~~ France ecotours: www.france-ecotours.com/145-0-baumhaus-

France ecotours:

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Baumraum:

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o ist die heilige Vor- haut, das Sanctum Praeputium? Wer hat die verehrte Re- liquie

o ist die heilige Vor- haut, das Sanctum Praeputium? Wer hat die verehrte Re- liquie gestohlen? Bis 1983 wurde das ringförmige Stöckchen vom Körper des Gottes- sohnes alljährlich bei einer fest- lichen Prozession in Italien den Gläubigen gezeigt. Wie üblich nach jüdischer Religionsvorschrift war dem kleinen Jesus, Söhnchen des Zimmermanns Josd von Naza- reth/Judäa, acht Tage nach seiner Geburt die Vorhaut vom Penis ge- schnitten worden. Dieser Knabe aber war Gottes Sohn, wie sich herausstellte; sein Körperteil wur- de zur kostbaren, Segen spen- denden Reliquie (lat. für Überbleib- sel ). Als solche hatte die Vorhaut fast zweitausend Jahre lang ihren festen Platz im christlichen Ritus. Noch bis 1962 stand der 1. Januar im Kirchenkalender als »Tag der Beschneidung des Herrn«.

DOCH DANN WURDE dieser Feiertag plötzlich abgeschafft. Der Vatikan wollte es so. Warum das auf ein- mal, fragten sich verwirrte Katho- liken, doch der größere Schock sollte erst noch kommen. Gut 20 Jahre später, im Sommer 1983, tritt Dario Magnoni, Dodpfarrer in Carcata nördlich von Rom, vor die gläubige Menge, welche auf die al ljährliche Prozession wartet. Be- daure, sagt Monsignore Magnoni. Das Sanctum Praeputium ist ver- schwunden. Die Reliquie war bei ihm im Pfarrhaus verwahrt, nun ist sie weg. Die Menschen sind fas- sungslos.Wer war das? Gewöhn- liche Diebe, geldgeile Reliquien- händler - der Pfarrer selbst? Ungläubige Gotteslästerer, Sata- nisten, die das Requisit nun bei Schwarzen Messen entweihen? Oder steckt der Vatikan dahinter, gibt es ein kirchenpolitisches Inte- resse, diese spezielle Reliquie ve -

74 PM. 04 / 2010

Finger der

heiligen

Katharina von

Siena

(1347-1380):

Im Traum war

ihr Jesus erschienen - er streifte ihr seine Vorhaut

als Ring um

den Finger

und sagte:

»Nur du wirst sie sehen können«

schwinden zu lassen? Das Rätsel ist bis heute ungelöst. Aus dem Va- tikan werden alle diesbezüglichen Fragen mit vielsagendem Schwei- gen beantwortet - und mit einer Drohung: Wer über das heilige Praeputium unerlaubt spricht oder schreibt, kann mit Exkommunika- tion bestraft, also aus der Kirche ausgeschlossen werden. Die seltsame Geschichte von der Vorhaut Jesu führt mitten hinein in die mysteriöse Welt der religi- ösen Reliquien. Diese Welt ist ge- prägt von tiefer Volksfrömmigkeit und ebenso tiefen Widersprüchen, von Glaube und Geschäft, Wun- dern und Voyeurismus. Schon beim ersten Blick auf berühmte Reli- quien drängen sich Zweifel auf:

Wie kommt's, dass das Hautstück- ehen jenes Arbeiterkindes aus Na- zareth nach der Routineprozedur überhaupt aufgehoben wurde? Wie kann sich Marias Brustmilch als Reliquie viele Jahrhunderte lang erhalten haben? Wie echt können Abertausende Holzstückehen vom Kreuz Christi sein, wenn sie zu- sammengesetzt ein ganzes Mittel- meerschiff ergeben würden? Derlei Fragen des »gesunden Menschenverstands« sind mehr als berechtigt. Aber es sind die falschen Fragen. Allein mit skeptischer Ver- nunft sind Reliquien und ihre Wir- kungsmacht nicht zu begreifen. Darin ähneln sie den Placebos, je- nen Scheinmedikamenten ohne jeden pharmazeutischen Wirkstoff, aber mit vielfach erwiesenem Heil- effekt. Wer das Reliquienwesen erfassen will, sollte nicht nach Wahrheit suchen. Sondern nach Nützlichkeit: fürs gläubige Volk, für die Herrschaft der Kirche. Dann finden sich Antworten - auch im Fall des kleinen, schrumpe- ligen, zweitausendjährigen Prae- putiums. Reliquien gibt es nicht erst seit Jesus Christus und nicht nur in

Haut des Heilands verschwand unter mysteriösen Umständen. Wollte der Vatikan verhindern, dass das Gewebe zum Klonen verwendet wird?

seiner Religion. Im antiken Grie- chenland ebenso wie im Römer- reich wurden wundertätige Grab- stätten von Helden und Göt- tersöhnen verehrt, zu denen Kranke in der Hoffnung auf Hei- lung kamen. Nach dem Tod und der Einäscherung Buddhas teilten mehrere indische Regionalkönige seine Asche, Knochen und Zähne untereinander auf: als überir- dischen Beistand und Ausweis ih- rer Macht. Auch im Shintoismus, der Hauptreligion Japans, und im Islam sind Reliquien - materielle Reste verstorbener Heiliger - Teil des religiösen Kults. Genau daran, an Ritualen, kul- tischen Inszenierungen, an Dekor und Spektakel mangelte es dem Christentum zunächst. In den ers-

ten 250 Jahren kam die neue Erlö- sungslehre gleichsam in Sandalen und schmucklosem Gewand daher wie ihr Gründer, der besitzlose Wanderprediger aus Judäa. Ver- glichen mit den kultreichen Nach- barn rund ums Mittelmeer, hatte die Jesus-Religion »ZU wenig Reli- gion« in ihrem Angebot ans Volk, schreibt der deutsche Reliquienex- perte Arnold Angenendt - zu we- nig zum Anschauen und Anfassen, zu wenig irdische Sinnlichkeit. Das änderte sich auf makabre Weise: mit den Märtyrern. Die Jünger Jesu wurden wie ihr Meister von den römischen Herrschern ver- folgt, gefoltert und getötet, zuerst seine Apostel, die den neuen Glau- ben missionierend verbreiteten, dann die Bekehrten, sofern sie

Beschneidung

des Jesuskindes

(Gemälde 1523):

Seine Vorhaut

wurde in

einem Zylinder

aufbewahrt.

Aber warum

rettete jemand

den Hautfetzen

eines Arbeiter-

kindes?

nicht abschworen. Die ausgeklügel- ten Körperqualen dieser Männer und Frauen waren grauenhaft, fas- zinierend anschaulich, und ebenso leuchtete dem frommen Volk der Lohn dafür ein: die Erlösung, das Ende aller irdischen Plagerei, das ewige Wohlleben im Himmel- reich. Damit hatte der neue Glaube seine Kultfiguren gefunden, seine Heiligen. Wie schon zu »heid- nischen« Zeiten wurden ihre Über- bleibsel zu Kultobjekten. Schon um das Jahr 150 schrieb ein Zeitzeuge

nach der Bestattung des Märtyrers Polykarp von Smyrna: »So sammel- ten wir später seine Gebeine

nach der Bestattung des Märtyrers Polykarp von Smyrna: »So sammel- ten wir später seine Gebeine auf, die wertvoller sind als kostbare Steine und besser als Gold.« Die massenhafte Christenverfol- gung endete im Jahr 313, als Kaiser Konstantin religiöse Toleranz be- fahl. 380 wurde das Christentum Staatsreligion im Römischen Reich, und 398 trafen die Leiter der ex- plosiv gewachsenen 'Erfolgskirche einen folgenschweren Beschluss:

Neue christliche Altäre durften nur noch über Reliquien von Heiligen errichtet werden. Die Nachfrage wurde riesig, das Angebot immer knapper; denn ohne Verfolgung gab es keine Märtyrer mehr, ohne Märtyrer keine neuen Reliquien. Die Kirche hatte ein klassisches Marktproblem. Sie reagierte da- rauf weltlich klug und theologisch flexibel, mit den Eigenschaften, die ihr bis heute helfen, gesellschaft- liche Umbrüche und politische Sys- temwechsel zu überstehen. Fol- gende Maßnahmen sicherten den Reliquiennachschub:

• Als Heilige galten nun auch un- blutige »weiße Märtyrer«. Das

76 PM. 04 / 2010

Hand des

heiligen Attalia

(697-741) und

Skelettteile-

des heiligen

Nikolaus (4. Jh.):

Die Knochen

stammen aus

Grabplünde-

rungen, an denen

auch hohe

kirchliche

Würdenträger

teilnahmen

Die wundersame Vermehrung der christlichen Reliquien: Vom Kreuz Jesu gibt es so viele Splitter, dass man daraus ein Schiff bauen könnte

waren Asketen, Eremiten, sich selbst quälende Gottsucher, aber auch mildtätige, Wunder wirkende Bischöfe. Zu den Ersten am Ende des 4. Jahrhunderts gehörten der heilige Nikolaus aus Myra in der heutigen Türkei (seine Reliquien wurden dort gestohlen und werden im süditalienischen Bari verehrt) und der heilige Martin aus Toursl Frankreich (über seinem Reliqui- engrab steht eine populäre Wall- fahrtskirche) . • Das seit Urzeiten geltende sakrale Gebot, die Verstorbenen ruhen, ihre Gräber ungeöffnet und ihre Gebeine intakt zu lassen, wurde aufgehoben. Pietät und Totenruhe galten für Heilige nicht mehr, als Kirchenführer dem Volk erklärten:

»Virtus«, die wundertätige Kraft des Heiligen, bleibt erhalten »in

jeder unscheinbaren und winzigen Reliquie, auch wenn die Leiber zer- teilt sind« (Theodoret von Kyros/ Türkei um 430). Es begann ein Ausgraben, Skelettezerlegen, Kno- chenzertrümmern, das viele Jahr- hunderte lang anhielt. • Trotz allen Zerkleinerns wurden die Originalteile - die Körperreli- quien - knapp. Da installierten die guten Hirten der Kirche in den Köpfen ihrer Schäflein die geniale Idee der »Berührungsreliquie«. Al- les, was je mit dem Körper des oder der Heiligen Kontakt gehabt hatte, galt nun als Reliquie: Kleidung, Schuhe, Becher, Wanderstab, be- sonders Werkzeuge, mit denen Märtyrer gefoltert worden waren, aber auch Gegenstände aus Heili- gengräbern wie Lampenöl und Wachs, bis hin zu Staub und Erd-

krumen. Selbst nachträglich auf einen Heiligenknochen gelegtes Material wurde zum Segensträger. Als Beweis diente ein Experiment mit den Knochen des heiligen Ni- kolaus in Tours: Auf sein Skelett gelegte Tücher wurden über Nacht deutlich schwerer. Erklärung der mittelalterlichen Theologen: Die Stoffe hatten sich vollgesaugt mit »virtus«.

SO ENTSTAND EINE Rangordnung,

die den geistigen und marktwirt- schaftlichen Wert der heiligen Überbleibsel regelte. Auf die Kör- perreliquien folgten die Berüh- rungsreliquien erster und zweiter Klasse, über allem aber standen die Herrenreliquien: der materielle Nachlass des Herrn Jesus Christus. Körperliche Überbleibsel konnte es nicht viele geben: Der Sohn Gottes war ja nach christlicher Lehre vom Grab auferstanden und zu seinem Vater im Himmel aufgefahren, real und leiblich. Was kam infrage? Einst abgeschnittene Haare Jesu, Finger- und Zehennägel, so- gar seine Nabelschnur - all dies wurde wundersamerweise aufge- funden. Den höchsten Rang hatte die heilige Vorhaut. Eingebettet in ein goldenes Kreuz gehörte sie jahr- hundertelang zum Kirchenschatz des Vatikans. Karl der Große hat- te sie anläßlich seiner Kaiserkrö- nung am 25. Dezember 800 in Rom Papst Leo In. geschenkt; Karl selbst hatte sie von einem Engel bekommen, nach anderer Darstel- lung von Kaiserin Irene von By- zanz. 1527, bei der Plünderung Roms, stahl ein deutscher Söldner die Reliquie und versteckte sie nach seiner Gefangennahme in seiner Zelle im Dorf Carcata, wo sie 1557 wiedergefunden wurde. Carcata entwickelte sich daraufhin zum wohlhabenden Wallfahrtsort. Im Lauf der Zeiten behaupteten nicht weniger als I4 Städte, das Sanctum Praeputium zu besitzen, darunter Chartres und Santiago de Compostela sowie Kloster Andechs

Tuchwunder zu Aachen:

Alle sieben Jahre stellen Geistliche die Windeln des Gottessohnes zur Schau

in Oberbayern. Und überall wirk- ten die heiligen Vorhäute Wunder. Zumal bei Frauen, in Angelegen- heiten wie Fruchtbarkeit und Schwangerschaft. Weniger rar als die Reliquien vom Körper des Herrn sind die heiligen Requisiten seines Alltags- lebens. Es gibt die Sandalen Jesu (verehrt in Prüm/Eifel), Windel und Lendenschurz (in Aachen), den heiligen Rock (in Trier), ein Stück vom Tischtuch des letzten Abendmahls (in Mönchenglad- bach). Zum Reliquienschatz des Vatikans gehörten auch Krümel und Gräten vom Brot und den Fi- schen, die Jesus vermehrt hatte, sowie die Treppe, auf der er zu Pon- tius Pilatus geführt worden war. Den größten Teil der Herren-Kate- gorie bilden die Passions- oder Blutreliquien: Dinge, die mit Jesu Blut in Berührung kamen, etwa

Teile des

Kreuzes, an dem

der Heiland

festgenagelt wurde. Sie sind in Gold gefasst

und in der

Wiener Hofburg zu sehen, einem Pilgerziel vieler Katholiken

die Dornenkrone (in Notre-Dame, Paris), die Lanze, mit der ein rö- mischer Hauptmann dem Gekreu- zigten den Todesstoß gab (in der

WienerHof-

burg), das

Schweiß-

tuch der

Veronika

(eingemau-

ert in die

Veronika-

Säule des Pe- tersdoms), das Grabtuch von Tu- rin, viele hundert Nägel und viele tausend Holzsplitter vom Kreuz Jesu. Die spöttische Bemerkung, man könne aus all dem ein hochseetüch- tiges Schiff bauen, stammt von Erasmus von Rotterdam, dem papsttreuen, aber kirchenkritischen Gelehrten des 15./16. Jahrhun- derts. Erasmus war ein Zeitgenos- se und Diskussionspartner Luthers:

Der grassierende Reliquienwahn war eine der Fehlentwicklungen des römischen Katholizismus, ge- gen die Luther protestierte und die zur Spaltung der Christenheit führten. Bis heute lehnt die protes- tantische Kirche Reliquienvereh- rung weitgehend ab. Das Sortiment von Reliquien wurde in der Tat grotesk. Alles konnten geschickte Händler verhö- kern, was spezialisierte Fälscher- werkstätten sich einfallen ließen:

den Bart von Noah, den Geldbeu- tel von Judas, das Menstruations- blut Marias, ihr Schwangerschafts- kleid, die Brustmilch. Das Heu aus der Krippe, die Krippe selbst. Das abgeschlagene Ohr des Petrus, ein- zelne Lederriemen von der Geißel Christi, Federn vom Hahn, der dreimal gekräht hatte, Steine vom Berg Golgatha, auf die Christi Blut gefallen war. Einfallsreich: Schwanzfedern und ein Ei des Heiligen Geistes, der sich den ersten Christen als Taube gezeigt hatte. Das Ei gehörte um 1520 zur genau I8 970 Stück zäh- lenden Reliquiensammlung Fried-

Der Reliquienwahn machte Städte reich und Fürsten mächtig. Luther wetterte gegen den Schwindel und spaltete

Der Reliquienwahn machte Städte reich und Fürsten mächtig. Luther wetterte gegen den Schwindel und spaltete damit das Christentum

richs des Weisen von Wittenberg

- eben dort lebte Luther zu jener

Zeit und regte sich auf. Zweifel am Reliquienglauben konnten gefährlich werden. Un- gläubige hatten mehr zu fürchten als Fälscher. Das analphabetische Volk war unwissend und fromm, die gelehrten Mönche waren schweigsam und gehorsam, und grundsätzlich galt der logische Zir- kelschluss: Je größer das Wunder- bare an einer Grabauffindung, ei- ner Reliquienentdeckung, desto mehr offenbarte sich darin der göttliche Wille. Zwei Beispiele: Zum Märtyrer- grab des Apostels Jakob, der im Jahr 44 in Judäa hingerichtet wor- den war, wurde der spanische Ein- siedler Pelagus 800 Jahre später von himmlischen Klängen auf einem Feld beim heutigen Santiago de Compostela geleitet; er fand dort Reste einer römischen Grab- stätte mit Knochen. Reliquienhan- del und -verehrung waren auf einem ersten Höhepunkt; eine pas- sende Legende zur wundersamen Verbringung der Apostelleiche von Palästina nach Nordspanien tauchte auf - binnen wenigen Jahrzehnten wurde das Jakobsgrab zu einem der wichtigsten Pilgerziele der Christenheit und Santiago zu einer reichen Stadt. Zweites Beispiel: Das Kreuz Jesu Christi wurde von Helena, der Mutter Kaiser Konstantins, im Jahr 328 gefunden, als sie auf einer Reise nach Jerusalem auf dem Berg Golgatha graben ließ. Drei Kreuze kamen zum Vorschein, eine tote Frau wurde daraufgelegt, beim richtigen wurde die Leiche leben- dig. Der massenhafte Vertrieb von

78 PM. 04 / 2010

Dieses Behältnis enthält einen Zahn des heiligen Patrick (um SOO), der Irland missionierte. Noch heute schöpfen Menschen aus solchen Reliquien Glück und Kraft

Otwin von Hildesheim in Pavia Altäre auf und stahl die Gebeine der Heiligen Epiphanius und Spe- ciosa. Erzbischof Anno von Köln klaute im Kloster Saint-Maurice d'Agaune Überbleibsel der Heiligen Innocentius und Vitalis, und Kai- ser Barbarossa entführte mit Waf- fengewalt die Gebeine der Heiligen Drei Könige aus Mailand nach Köln. In aller Frömmigkeit. Sacra rapina, heiliger Raub: In dieser paradoxen theologischen Konstruktion wird wieder das Nützlichkeitsdenken der Kirche deutlich. Seit Urzeiten brauchen die Menschen Amulette und Fetische, von denen sie Schutz, Glück, Hei- lung erhoffen - und häufig, wie von Placebo-Medikamenten, auch bekommen. Es ist magisches Den- ken, eine anthropologische Kons- tante. »Eine Reliquie ist wie ein Telefonhörer zum Himmel«, sagte ein wohlhabender Franzose, der eine große Privatsammlung besitzt:

»Ich nehme ein Knochenteil in die Hand und sage, heiliger Josef, bit- te mach, dass es mir gut geht.« Die Kirche lenkte vormals »heid- nische« Kultbräuche ins Christliche um und ließ das Volk im guten Glauben auch bei Reliquien, deren Echtheit Gebildete wie Erasmus von Rotterdam belächelten. Aller- dings wurden mit dem Wandel der Zeiten, dem Fortschritt von Auf- klärung und Naturwissenschaft, bestimmte Reliquien immer wieder ganz einfach zu peinlich

womit wir zurück sind bei der heiligen Vorhaut und ihrem Verschwinden 1983 im Dorf Carcata. Seit den 1970er Jahren hatten sich viele Hip- pies dort angesiedelt, nicht weit von Rom, der Ewigen Stadt. Die sexuelle Revolu- tion hatte Italien überschwemmt, jun- ge Leute handelten und sprachen tabulos

Heiligkreuz-Reliquien begann. Ein

17 mal acht Zentimeter großes Stück ist bis heute die Attraktion im Dom von Hildesheim.

FÜR KLÖSTER, KIRCHEN und Städte

bedeutete der Besitz hochrangiger Reliquien wirtschaftlichen Reich- tum, vor allem durch den Pilger- tourismus, für Fürstenhäuser be- deutete er politischen Macht- zuwachs. »Herrenreliquien« signalisierten die Gottgewolltheit eines Königs und haI fen ihm, Schlachten zu gewinnen. Bei derart hohem Wert einer Handelsware, materiell und ideell, konnten neben Fälschung auch Diebstahl und Raub nicht ausbleiben. Nach dem Tod der schon im Ruf der Heiligkeit stehenden Elisabeth von Thüringen um 1200, so eine Chronik, »rissen viele Leute Teile von den Tüchern, um Reliquien zu haben, schnitten ihr Haupthaar und Nägel ab, einige stutzten ihr die Ohren, andere schnitten ihr die Brustwarzen weg«. Das Verlangen der Menschen nach Segen spen- denden Teilen war hysterisch geworden. Noch lebende Personen, die im Ver- dacht künftiger Heilig- keit standen, mussten um ihr Leben fürchten, unter ihnen Romuald von Camaldoli und Franz von Assisi. Wenn Hochgestellte zu Reliquienräubern wurden, beschönigte die Kirche das als »Sacra rapina«: lob- würdigen Diebstahl aus frommem Verlan- gen. Also brach Bischof

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freizügig auch über horribile dictu, den Penis des Herrn. Dazu kam, dass ein neuer Wis-

freizügig auch über horribile dictu, den Penis des Herrn. Dazu kam, dass ein neuer Wis- senschaftszweig die Fachleute im Vatikan beunruhigte: Durch Klo- nen sollte es möglich werden, Le- bewesen aus wenigen Zellkernen zu reproduzieren. Was, wenn je- mand aus dem Sanctum Praeputi- um einen neuen Jesus erschaffen wollte? Wenige Tage bevor Dorf- pfarrer Magnoni 1983 das Ver- schwinden der Reliquie verkündete, war er nach Augenzeugenberichten von einer schwarzen Limousine abgeholt worden lund Richtung Rom gefahren. Vermutlich ist das die Lösung des Rätsels: Die proble- matisch gewordene Vorhaut war mit im Wagen und wird nun im Vatikan verwahrt - still und heimlich wie so viele Geheimnisse der Römischen Kirche. Abermals gut 20 Jahre später kniet der neue Papst Benedikt, Josef Ratzinger aus Marktl am Inn, im August 2006 in der kleinen Wallfahrtskirche des Abruzzen- dorfs Manopello und betet vor einer besonders schönen, beson-

Schrein mit den Gebeinen der heiligen lherese von Lisieux

(1873-1897). Die

französische Nonne bezeugte ihre Liebe zum Erlöser in vielen einzigartigen Zitaten (»Jesus ist mein Blutbräutigam. der das ganze Herzblut verlangt«). Papst Johannes Pauill. erhob sie zur Kirchenleh- rerin

ders oft angezweifelten Reliquie. Es ist ein Seidentuch, das beim Be- gräbnis Jesu auf seinem Antlitz gelegen haben soll, was sich im Stoff abgedrückt hat. Auf Zei- tungsbildern wirkt die Szene fast

so, als knie der Papst vor dem Foto- T-Shirt eines bärtigen Männerge- sichts. Was wird Benedikt über die Echtheit der Reliquie wohl sagen? Er ist der erste Papst seit Men- schengedenken, der nach Mano- pello kommt, dieser Besuch ist ein Statement. Doch der Theologe ist viel zu klug, um sich auf die Echt- heits-Debatte einzulassen. Auch modernste wissenschaftliche Me- thoden - wie DNA-Untersu- chungen von Leichenteilen, Radio- karbonmessungen zur Alters- bestimmung von Kreuz-Reliquien

- werden Fragen nach Sinn und

Unsinn von Reliquien nie beant- worten können. Ihr religiöser Wert bemisst sich anders, und dazu sagt Papst Benedikt zwei ebenso from- me wie menschenfreundliche Sätze. Zun1 Sinn speziell dieses mysteri- ösen Tuches: »Das Antlitz Jesu zu suchen muss das Streben von uns

Christen sein.« Zum Sinn der Re- liquienverehrung allgemein, also der Überbleibsel von Heiligen:

»Nach dem Vorbild der Heiligen sollen wir Gott besonders in den Armen und Notleidenden erken- nen.« Wer möchte dem wider- sprechen.

~~

WEBWEISER

Reliquien - Reliquienverehrung - Fetisch - Fetischismus:

www.gavagai.de/themen/ HHPT19RF.htm -----

,

Reliquien und Rosenkranzatelier, • Arbeit, Mittel und Erlebnisse aus dem Alltag des Reliquienmacher s:

www.philomena-chapel.org/

atelier.htm

BÜCHER

Arn old Angenendt:

Heilige und Reliquien -

Die Geschichte

Ihres Kultes vom frühen Christentum bis zur

Vom

Gegenwart. 2007

Horst Herm anll :

Lexikon der kuriosesten Reliquien -

Atem Jesu bis zum Zahn Mohammeds, 2003

Karlheinz Deschner:

Kriminalgeschichte des Christentums, Band 3, 1990

Bücher, die die Welt v.l~njrl.''''''' HEN RY DAVID TH O »Über die Ungehorsa gegen den
Bücher, die die Welt v.l~njrl.'''''''
HEN RY DAVID TH O
Ȇber die
Ungehorsa
gegen den Sta

A m 23· Juli I846 kommt der 29-jährige Amerikaner Hen- y David Thoreau in die

Stadt Concord (Bundesstaat Mas- sachussets), um Vorräte einzukau- fen. Jeder kennt den schrulligen jungen Mann, der derzeit in einer selbst gebauten Blockhütte im Wald wohnt, um der Natur näher zu sein. Auf dem Weg spricht ihn Sam Staples an, der städtische Steuerein-

treiber: Thoreau habe seit Jahren seine Gemeindesteuer nicht mehr bezahlt. Thoreau antwortet lapidar, er gedenke auch nicht zu zahlen, weil er sonst mit seinem Steuergeld die Sklaverei und den Krieg gegen Mexikomitfinanzieren würde. Prompt wird er verhaftet, kommt allerdings am nächsten Tag wieder frei, nachdem seine Tante die Steu- erschuld beglichen hat. Der empörte Aussteiger kehrt in seine Blockhütte zurück und schreibt sich seine Wut VOITI Leib.

Unter dem Titel »Civii Disobe- dience«, zu Deutsch »Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat« outet Thoreau sich als Anar- chist: Die beste Regierung sei, »die- jenige, welche überhaupt nicht re- giert«. Er träume von einer Gesell- schaft, in der intelligente Indivi- dualisten das Sagen haben, wisse aber, dass die Menschheit noch nicht so weit ist. Seine vorläufige Lösung: Man müsse für die Rechte von Minderheiten kämpfen. Sorgfältig analysiert er die beste- henden Machtstrukturen. Juristen, Politiker und Richter würden zu unmoralischem Handeln neigen, weil sie eigene Interessen verfolgen. Es liege also am Einzelbürger, Wi- derstand etwa gegen Korruption zu leisten. Und erhebe man seine Stim- me nicht gegen das Übel der Skla- verei und des ungerechten Krieges, so sei man für diese Übel mitver- antwortlich. »Will das Gesetz, dass

Thoreaus Ideen bereiteten den Boden tür Mahatma Gandhiund Martin LutherKing

den Boden tür Mahatma Gandhiund Martin LutherKing CIVIL DISOBEDIENCE 80 PM. 04 / 2010 Sie zum

CIVIL

DISOBEDIENCE

tür Mahatma Gandhiund Martin LutherKing CIVIL DISOBEDIENCE 80 PM. 04 / 2010 Sie zum Agenten der

80 PM. 04 / 2010

Sie zum Agenten der Ungerechtig- keit gegen andere werden, dann sage ich: Folgen Sie dem Gesetz nicht!« Auch wenn die Regierung ihre Kritiker verfolge, sei der Bürger aufgefordert, Mut zu zeigen. Wür- den Tausende aus Protest z. B. ihre Steuer nicht bezahlen, wäre die Regierung schneller bereit, einzu- i[enken und Reformen durchzu- führen. I848 trug Thoreau die erste Fas- sung seiner Protestschrift bei einer öffentlichen Lesung in Concord vor. Die Reaktion war wohlwollend, und der Text erschien ein Jahr spä- ter in gedruckter Form. »Civii Dis- obedience« wurde allerdings nicht zum Fanal eines neuen politischen Bewusstseins. Als der lungenkran- ke Querdenker I862 starb, waren seine Schriften, auch das Meister- werk »WaIden«, eine Meditation über Natur und Politik, fast ver- gessen. Erst I907 zeigte »Civii Disobe- dience" erste Wirkung. Dem jun- gen indischen Rechtsanwalt Ma- hatma Gandhi, der sich damals für die Rechte diskriminierter Inder in Südafrika einsetzte, fiel ein Exem- plar in die Hände. Das Buch verhalf ihm zu seiner Taktik des »passiven Widerstands«. Auch Bürgerrechtler

Sein Vorschlag, um Reformen zu erzwingen: keine Steuern zahlen

Martin Luther King hat die Bot- schaft Thoreaus früh entdeckt. Fakt ist: Immer wieder haben sich friedliche Demonstranten gegen das Unrecht - ob bei den Montags- märschen in Leipzig, den Protesten in Peking oder jetzt im Iran - direkt oder indirekt auf »Civil Disobe- dience« bezogen. Es gilt als das Lehrbuch für den friedlichen Wi- derstand

 

»Hund erbt zwölf Millionen Do llar von Society-Lady«, meldeten die Tageszeitung »Die Welt« und das Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« 2007 auf ihren Internetseiten. Demnach hatte die exzentrische Milliardärin Leona Helmsley ihrem weißen Malteser namens Trouble dieses beachtliche Sümmchen vermacht, zwei Enkel dagegen vom Erbe ausgeschlossen, Und der »Express« wusste im vergangenen Herbst von einem Hund namens Lucky aus Euskirchen zu berichten , der testamentarisch zum Erbe gleich mehrerer Häuser bestimmt worden war. Woh ljeder kennt Zei- tungsmeldungen von erbenden Haustieren - es sind jedoch allesamt »Enten«. Oder geben zumindest den wahren Sachverhalt

Tiere

stark verkürzt wieder. Denn: Ju r istisch gesehen sind Tiere Sachen

-

und die können nicht erben, Das können nur Menschen und

juristische Personen, Stiftungen etwa oder der Tierschutzverein. Das ist in den USA nicht anders als in Deutschland, Man kann seinem Haustier also nichts vererben - wohl aber einem Menschen mit der Auflage, sich angemessen um das Tier zu kümmern. Oder man gründet eine Stiftung für herrenlose Tiere, die dann au ch für das hinterlassene Haustier sorgen muss,

Können

erben?

Was wurde beim Hornberger Schießen verschossen?

Jede Menge Munit ion, allerdings

fälschli-

cherweise vollkommen nutzlos. Das Sprichwort »Das geht aus wie beim Hornberger Schießen«, das eine ergeb- nislose Bemühung oder Unternehmung bezeichnet, hat seinen Ursprung in einer Geschichte , die sich in der baden-würt- tembergischen Kleinstadt Hornberg im Schwarzwald ereignet haben soll. Die häufigste Version: 1564 erwarten die Bürger Hornbergs den Besuch des Herzogs Christoph von Württemberg,

Eine große Ehre für die Stadt, deshalb werden die Kanonen geputzt, um den hohen Herrn standesgemäß mit ordent - lichem Donnerhall zu begrüßen. Aufgabe des Wächters auf dem Schlossturm ist es, durch ein Hornsigna l zu verkünden, wann sich der Herzog und sein Gefolge dem Städtchen nähern. Als er eine Staubwolke in der Ferne erblickt, bläst er kräftig in sein Horn - und gibt damit das Zeichen , mit dem Kanonendonner zu beginnen. Zum Verdruss aller entpuppt

dem Kanonendonner zu beginnen. Zum Verdruss aller entpuppt sich der Urheber der Staubwolke jedoch nur als

sich der Urheber der Staubwolke jedoch nur als Postkutsche. Die Panne wieder- holt sich sogar noch zweimal, einmal, als ein Krämerkarren, und später, als eine Rinderherde auf die Stadt zusteuert. Als endlich Christoph von Württemberg erscheint, haben die Hornberger bereits alles Pulver verschossen!

82 PM. 04 / 2010

TEXT: WOLFGANG STEGERS

W enn ein Startenor etwas

über Musik sagt, kann

man sicher sein: Da ist

was dran. So geschehen im letzten Konzertsommer. Juan Diego F16- rez, brillanter Rossini-Interpret aus Peru und Meister des hohen C, saß im Fond einer VIP-Limousine, die ihn nach seinem strapaziösen Auf- tritt bei den Salzburger Festspielen zurück ins Hotel bringen sollte. Eine CD lief, und plötzlich rief der gefeierte Sänger von hinten: »Da capo« - der Chauffeur sollte das gerade beendete Musikstück noch einmal spielen. F16rez konnte sich an dem klaren Klang aus den Laut- sprechern gar nicht satt hören. Sei- ner mitfahrenden Begleitung schwärmte er vor, der Sound an Bord des Audi A8 sei besser als in jeder Konzerthalle. Auf diese Anekdote angespro- chen, muss Adam Sulowski schmunzeln. Er ist Hobbymusiker, arbeitet beim Automobilhersteller Audi im Entwicklungsbereich »Schall & Fun« - und hat seinen Anteil daran, dass Fl6rez enthusi- astisch Zugabe gefordert hat. Ähn- liches hat der Ingenieur auch selbst erlebt, als der chinesische Starpia- nist Lang Lang beim Testhören gestand, zum ersten Mal seinen eigenen Anschlag auf den 88 Tas- ten eines Steinway gehört zu haben. Sulowski hat das Soundpaket im Flaggschiff A8 zusammen mit den Klangspezialisten von Bang & Olufsen entwickelt. Es zählt zu den Besten der Tonbranche. Im Fach- jargon heißen solche Edelappara- turen Highend-Anlagen. Preislich beginnen sie sich bei 6000 Euro einzubremsen. Musikhören im Auto, das ist ja nicht einfach Musik hören, son- dern man nimmt teil an etwas, was der Künstler Johannes S. Sister- mann »auto-mobile Selbstverge- wisserung« nennt: Fahren, also

86 PM. 04/ 2010

auch das Hören beim Fahren, spie-

gelt den Fahrer wider, seine Inte-

ressen, seine Vorlieben. Das wissen die Anbieter von Luxusgefährten.

Um der Selbstvergewisserung der

Kunden den größtmöglichen Vor- schub zu leisten, ist jetzt ein Tanz

um den goldenen Ton entbrannt.

Jede Automarke gönnt sich für

ihre

Luxuslimousinen einen eige-

nen

Hoflieferanten. Aston-Martin

und

Audi haben sich für »Bang &

Olufsen« entschieden, BMW will demnächst von »Harman/Kar- don« ebenfalls auf die Dänen um- schwenken, entwickelt aber auch eigene Komponenten. Bentley ver- traut der britischen Luxus-Hi-Fi- Marke »Naim«, Jaguar lässt sich

von »Bowers & Wilkins« beschal- len, Lexus kapriziert sich auf »Mark Levinson«, und Mercedes arbeitet mit »Bose« zusammen.

Porsche hat für seinen Panamera

den

Berliner Highend-Guru Die-

ter

Burmester verpflichtet, Auf-

steiger Volkswagen lässt im Passat

CC die Firma »Dynaudio« akus-

tisch walten.

ALL DIE FREQUENZEXPERTEN sind

um ihren Job im Automobil nicht

zu beneiden. Denn ein ganz an-

deres Orchester fährt bereits mit:

Der

Auspuff posaunt, Blech dröhnt,

der

kalte Dieselmotor hämmert,

der

hochdrehende Vierventil-Di-

rekteinspritzer tiriliert wie die Cal-

las in ihren besten Jahren. In diese Kakophonie stimmen je nach Tem-

po ein: pfeifende Blechkanten,

fiepende Antennen, brummende Pneus, waberndes Schiebedach. Alles zusammen: der Feind jegli- cher High Fidelity. In der gehobenen Luxusklasse ist das Problem naturgemäß gerin-

ger als bei den auf Sportlichkeit

getrimmten S-Modellen. Aber auch hier wird versucht, die Fahrge- räusche möglichst komplett he-

rauszufiltern oder zumindest zu dämmen. Dazu werden die Mo- toren gekapselt, Pfeifgeräusche durch kleine Spoiler unterbunden, Abrollgeräusche mittels Spezial- profil und Gummimischung elimi- niert, Doppelglas-Scheiben in Fo- lien-Sandwich gepackt. Dass die Autohersteller heute Akustik-Simulationsräume unter- halten, ist mittlerweile genauso zwingend wie ein eigener Wind- und Klimakanal. Ein Akustikraum ähnelt mehr einem hochwertigen Aufnahmestudio als einem Labo- ratorium. Vom einfachen Sprech- mikrofon bis zum Kunstkopf - hier sind alle Aufnahmetechniken möglich. Mit ihnen wird regis- triert, was die akustischen Kandi- daten aus der highfidelen Ober- schicht über den Preis hinaus zu bieten haben. »Die Lautsprecher des amerikanischen Herstellers >Wilson Audio< kosten 40 000 Euro«, berichtet Peter Kohl- schmidt, Direktor des Audi- Soundparks in Ingolstadt, von den streng abgeschirmten Testreihen. »Pro Stück«, setzt er süffisant hin-

--~----------------------~

zu. Die Referenzboxen werden von Endstufen angesteuert, die an einem Vorverstärker hängen - al- les in Röhrentechnik, versteht sich, auch wenn die Geräte, wie Sound-

experte Kohlschmidt sagt, »eine Stunde zum Warmwerden benöti- gen«. »Das Schönste dabei«, er- gänzt Sulowski begeistert, »Sie können den Unterschied hören.« Darauf legt die Kundschaft auch größten Wert, und entspre- chend ist der Entwicklungsauf- wand bei allen Autofirmen drama- tisch gestiegen. Beim Porsche Panamera waren Dieter Burmester und sein »Auto- motive Team« schon sehr früh in die Planung des neuen Modells eingebunden. FünfJahre hatten sie Zeit, den Innenraum zu studieren und die von Porsche-Soundchef Mathias Renz vorgegebenen Ein- bauplätze und -größen für die ins- gesamt I6 Lautsprecher festzule- gen. Alle zusammen haben eine akustische Abstrahlfläche von 2400 Quadratzentimetern - um auf das gleiche Verhältnis von Membranfläche zu Rauminhalt zu

kommen, müssten in einem Wohn-

Kunstkopf-

Stereofonie

soll optimalen

Klang sichern.

Spezialmikro-

fone daneben

nehmen die

störenden

Geräusche

der unterschied-

lichsten

Frequenzen

auf; protokolliert

und ausgewertet

werden sie

im Computer

raum rund 70 Lautsprecherpaare stehen. Die Lautsprecherakustik ans Interieur eines Autos anzupassen - Leder- oder Stoffbezug, Textil- himmel oder schallschluckendes Alcantara - ist kein Problem, nur die Glasflächen können Schwierig- keiten machen. Vor allem die Sei- tenfenster erzeugen ungewünschte Reflexionen, Front- und Heck- scheibe dagegen können als Refle- xionsfläche das Klangbild positiv verändern. Ihre große Abstrahlflä- che sorgt dafür, dass der Sound sich gleichmäßig im Innenraum verteilt. Aus diesem Grund ist der Subwoofer meist in der Hutablage untergebracht. Für großflächige Abstrahlung sorgt auch der Tief- töner, den BMW im extrem steifen Seitenschweller versteckt.

RECHTS UND LINKS im Armaturen-

brett sind die Hochtöner unterge- bracht, hier bewirkt die Wind- schutzscheibe ein räumliches Klangempfinden. Psychoakustiker überlegen sogar, »diese Glasfläche als große Membran für einen Laut- sprecher zu nutzen«, sagt Albert Kaltenhauser, Akustiker in BMWs »Münchner Soundlab«. Auf seiner Visitenkarte steht »)Leiter Luftschall«: Sein Job ist es, Störgeräusche zu eliminieren, die den highfidelen Genuss stören

04 1 2010 PM. 87

Wenn die Reifen über Kopfsteinpflaster rumpeln, reguliert die Soundanlage im Innern die Lautstärke der Musik automatisch

könnten. Eine komplexe Angele- genheit, denn die Karosserie wirkt selbst wie ein Lautsprecher - Kal- tenhauser demonstriert den Effekt mit einem vibrierenden Impulsge- ber, der das Blech zum Schwingen bringt: Beethovens ))Für Elise«

Jahreszeiten «

oder Vivaldis »)Vier

klingt brillant, ohne dass ein Laut- sprecher zu sehen wäre. Aber das genau gilt es im fertigen Auto zu vermeiden: Deshalb müssen die eingebauten Lautsprecher von der Karosserie entkoppelt werden.

VOR ALLEM DIE TÜREN können zum

Problem werden: Nicht entkop- pelte Lautsprecher bringen die In- nenverkleidung zum Scheppern, und bei höherer Lautstärke beginnt sogar das Außenblech zu flattern - die bis zu zwei Millimeter starken Schwingungen sind von geschulten Augen zu sehen und mit den Fin- gerspitzen zu fühlen. Damit nichts schwingt, was nicht schwingen soll, werden bei Highend-Anlagen in der Regel komplett abgekapselte Lautsprecherboxen eingebaut. Störgeräusche dringen aber auch von außen in die Karosserie ein. Rollen die Reifen über Kopfstein- pflaster, kann die Geräuschdäm- mung noch so aufwendig sein - aber »Belgischer Blaugranit« ist

88 PM. 04 / 2010

immer zu hören. Um solche Ein- flüsse zu minimieren, behelfen sich die Spezialisten mit einem Trick:

Ein in der Armaturentafel einge- lassenes Mikrofon nimmt die Fre- quenzen von draußen auf, Compu- ter analysieren sie in Echtzeit, und Soundprozessoren heben diese Fre- quenzen der Musik etwas an, so- dass sie etwa beim Überfahren von Kopfsteinpflaster lauter klingt. Dass die Störgeräusche draußen bleiben, macht das Innere eines Autos allerdings noch nicht zum Konzertsaal. Dazu sind weitere Manipulationen notwendig, denn in einer Fahrgastzelle herrschen andere Bedingungen als in einer

Laser messen, wie stark eingebaute Lautsprecher TLirenzum Schwingen und damit zum Tönen bringen. Die Kunst dabei: den Wohlklang verstärken, die Störgeräusche ausmerzen

nach den Gesetzen der Akustik speziell ausgetüftelten Philharmo- nie. Um dennoch beim Klang mit- halten zu können, wird eine auf- wendige Surround-Elektronik eingesetzt, die alle Lautsprecher zeitversetzt mit elektrischen Sig- nalen beliefert. Erreicht wird, »dass jeder Insasse, wo er auch sitzt, das gleiche Klangerlebnis wie die aus der ersten Reihe hat«, sagt Edgar Kirk, bei BMW verantwortlich für Audioakustik. Was die Elektronik sonst noch beherrschen muss, steht auf dem Wunschzettel der Sicherheitsinge- nieure. Die Musik wird automa- tisch leiser, wenn es die Verkehrs- situation erfordert. Etwa bei Durchsagen des Navigationssys- tems oder beim Einlegen des Rück- wärtsgangs, wenn das Warnpiep- sen ertönt. Überhaupt heißt gut hören nicht unbedingt laut hören. Mit Highend- Komponenten und gewitzter Sur- round-Technik hört man auch leise den vollen Ton. Der Bundesverband der Hals-Nasen-Ohrenärzte emp- fiehlt einen Schalldruck von höchs- tens 85 Dezibel (dB): Das ist mehr als Straßenlärm (65 dB) und weni- ger als die Geräuschkulisse im of- fenen Cabrio (89 dB). Über 85 dB drohe ein bleibender Gehörschaden, warnen die Fachärzte. Und ob die Dauerberieselung am Steuer so toll ist, dazu hat einer, der wie Juan Diego Florez etwas vom Klang ver- steht, eine eindeutige Meinung:

))Für mich ist die ständige Präsenz von Musik problematischer als die von Verkehrsgeräuschen« - sagte kein Geringerer als der Tonkünstler John Cage.

~

WEBWEISER

Audi und die Bang& Oluf senanlage:

www.audi.de

Aus der Manufaktur des Porschever - ed lers und Klangpu r iste n:

www.burmester.de

LESERBRIEFE

Menschenverachtung

Zum Bericht »Kennen Sie Ihre dunkle Seite?« In P.M. 2/2010:

Der größte Feind des Menschen ist der Mensch, das haben die von Ihnen zitierten »Monsterstudien« eindrucksvoll bewiesen. Letzten Endes geht's immer um die Steuerung von anderen - mal mit körperlicher, mal mit psychischer Gewalt. Vielleicht wäre das mal ein schönes Ziel für unser Bildungssystem: den Kids beizu- bringen, auch die feineren Psycho- tricks der Menschenverführer rechtzeitig zu »riechen«. Dann würden sie vielleicht (unter anderem) merken, was verstärker Kon- sumdrill mit ihnen macht

- auch der ist nämlich eine Form der Men- schenverachtung.

Fred Fink.Hannover

Blindes Vertrauen

Zum Bericht »Digitale Schutzengel« In P.M. 2/2010:

Das Problem in dieser Technik ist nicht die Akzeptanz der Fahrer, sondern das Abschieben der Verantwortung vieler Fahrer auf die neuen Assistenzsysteme. Dies ist leicht an den vielen Meldungen über das »blinde« Vertrauen in die Navigationsgeräte festzustellen, wo diese dann im Wasser, Sand- haufen oder der Gegenfahrbahn

landen. Und die Meldungen sind nur die Eisspitze. So werden auch jetzt viele Fahrer reagie- ren: Das Auto macht das schon. Insbesondere bereits überfor- derte Fahrer halten sich so länger auf den Straßen und gefährden sich und andere.

Uwe Jontzen. Bremen

Richtig zitiert

Zum Bericht»ltidllche Schönheiten« In P.M. 2/2010:

In der wie immer sehr interes- santen P.M. Februar 2010 wird im Artikel»Tödliche Schönheiten« gleich zweimal Paracelsus zitiert mit den Worten: »Allein die Dosis macht das Gift.« Aber ist die Aussage nicht wie folgt überlie-

Leserbrief des Monats

Sportroboter an den Start!

Zum Bericht »Doping aus der Steckdose« In P.M. 2/2010:

Der Sport ist inzwischen dermaßen techniSiert, dass man sich fragen muss: Warum gehen überhaupt noch Menschen an den Start? Soll man doch gleich Roboter auf die Absprungschanzen stellen - dann ist man auch auf einen Schlag das Dopingproblem los, außerdem haben die Maschinen nicht im falschen Moment Magengrimmen oder Monatsblutung. Und spannend bleibt der Ausgang der Wettbewerbe trotzdem: Der Sportroboter ist auch nur so gut wie das Programm, das ihn steuert. Und bei Kurz- schluss gibt's eine lustige Schlitterpartie auf dem Eis. Nur beim Singen der National- hymne müssen die Damen und Herren Roboter wahrscheinlich passen.

Tirn Michelmann, Husurn

90 PM. 04 1 2010

fert?: »Alle Ding' sind Gift und nichts ohn' Gift; allein die Dosis macht, das ein Ding kein Gift ist." Ich sehe im ersten »Zitat« nicht nur eine Verkürzung sondern auch eine Sinnänderung dahingehend, dass man alles normalerweise Harmlose zu Gift machen kann , wenn man es nur hoch genug dosiert. Demgegenüber sagte Paracelsus im Zitat, wie ich es kenne, dass erst einmal alles Gift iSt, nur in entsprechender Dosie- rung kann man die Wirkung so abschwächen, dass es kein Gift mehr ist. Also wäre das die genau entgegengesetzte Sicht- weise.

Oieter Schulz,per E- Mail

Strompreis

Zum Bericht »Ein Gewitter für 22 Euro« In P.M. 2/2010:

Sie schreiben auf Seite 14, dass 1000 kWh 22 Euro kosten. Nennen Sie mir den Stromanbieter, denn ich möchte auch in den Genuss dieses Preises kommen. Zurzeit zahle ich 21,6 c/kWh.

GUnter Meier. per E-Mail.

Sie haben recht, uns ist tatsächlich eine null abhanden gekommen. Natürlich kosten 1000 kWh rund 200 Euro. Sorry.

P.M - RedaktionRedaktion

TEXT: BETTINA GARTNER eribert ist der beste Papa der Welt. So- bald sich Nach- wuchs

TEXT: BETTINA GARTNER

TEXT: BETTINA GARTNER eribert ist der beste Papa der Welt. So- bald sich Nach- wuchs ankündigt,

eribert ist der beste Papa der Welt. So- bald sich Nach- wuchs ankündigt, baut er ihm ein Nest. Bei der Ge- burt zieht er ihn

eigenhändig aus dem Geburts- kanal, entfernt die Fruchtblase und wischt ihn sauber, damit er gut atmen kann. Außerdem betätigt er sich als Babysitter, wenn Mama mal nicht zu Hause ist. Von Heri- bert könnte sich selbst manch menschlicher Vater einiges ab- schauen. Heribert ist kein Mensch. Er ist ein Campbell-Zwerghamster:

ein Vieh mit Vorbild-Funktion. Andere Tierväter nehmen es mit ihrer Aufgabe im Familienverbund weniger genau. Würmer treffen sich nur zum Sex. Die meisten In- sekten, Amphibien und Reptilien machen sich nach der Eiablage aus

94 PM. 04 / 2010

dem Staub. Fische wie der Sand- grundler tun besorgt um ihre Eier, solange sie unter der Kuratel ihrer Herzdame stehen. Ist sie außer Sichtweite, scheren sie sich nicht mehr um den Nachwuchs. Störche werfen die schwächsten Küken manchmal aus dem Nest, Mäuse beißen ihre Neugeborenen unter Umständen tot.

MÖGLICHST VIELE WEIBCHEN begat-

ten, um die eigenen Gene zu streu- en - dieses Verhalten wird dem männlichen Geschlecht von der Evolutionsbiologie gern zugeschrie- ben. Ein richtiger Kerl sei dazu da, Vater zu werden, und nicht, Vater zu sein, heißt es. Doch es geht auch anders, wie Hamster Heribert zeigt. Ob ein Männchen ein guter Vater ist, hängt neuen Erkenntnis- sen zufolge von vielen Faktoren ab:

den Genen, der Umwelt, den Hor-

Liebevoller Papa:

Ein männlicher

Campbell-

Zwerghamster ist nicht nur Babysitter, sondern auch Geburtshelfer. Und das Nest für den Nachwuchs hat er auch

gebaut

monen und den persönlichen Er- fahrungen. Verhaltensforscher und Biologen zimmern ein immer kom- plexeres Bild vom Vatersein. Statt mit schnellem Sex mög- lichst viele Nachkommen zu zeu- gen, kann ein Männchen sich um seinen Nachwuchs kümmern und dadurch dessen Überlebenschance erhöhen. Welche Strategie die bes- sere ist, hängt vom Sozialsystem der Tierarten, vor allem aber von ihrer Umwelt ab. Striemengras- mäuse, die in der Halbwüste Süd- afrikas leben, sind fürsorgliche Väter, ihre Verwandten im feuch- ten Grasland nicht. Wie kann es sein, dass in einer Art Hausmänner und Hallodris zugleich vorkom- men? »Ein Striemengrasmaus- Männchen in der Halbwüste lebt mit mehreren Weibchen zusammen und hat deshalb genügend Zeit und Energie, sich um den Nachwuchs

zu kümmern«, erklärt Carsten Schradin, Biologe und Tierväter- Experte an der Universität Zürich. ))Ein

zu kümmern«, erklärt Carsten Schradin, Biologe und Tierväter- Experte an der Universität Zürich. ))Ein Striemengrasmaus-Männchen im Grasland muss ein einen Hektar großes Gebiet abklappern, um überhaupt ein Weibchen zu finden - da bleibt weder Zeit noch Kraft fürs Vatersein.« Dass die Wüsten- mäuse einen Harem bilden, die Graslandmäuse Junggesellen blei- ben, hängt auch mit der Ernäh- rungssituation in ihrer Heimat zusammen: In der Halbwüste gibt es für die Mäuse mehr zu knabbern als im Grasland, wo zwar saftige Gräser, aber kaum nahrhafte Sa- men wachsen. Väter kommen ihren Pflichten vor allem dann nach, wenn sie si- cher sein können, dass der Nach- wuchs von ihnen stammt. Wer zieht schon gern ein Kuckuckskind groß? Laut einer Studie der ameri-

VIEL SEX, VIEL NACHWUCHS: NICHT IMMER DIE BESTE STRATEGIE, WENIGER SEX UND MEHR BRUTPFLEGE KANN BESSER SEIN

kanischen Virginia Common- wealth University sind fünf bis zehn Prozent der Menschenkinder den vermeintlichen Vätern unter- geschoben - keine motivierende Aussicht. Auch die Männchen im Tierreich fürchten die Eskapaden der Weibchen, die manchmal mehr auf die Fitness der Väter als auf die eigene Treue achten. Um sicherzu- gehen, dass sie ihre Kraft nicht in fremde Brut investiert, wickelt sich die männliche Geburtshelferkröte die von den Weibchen gelegten Ei- schnüre um die Hinterbeine und trägt sie mit sich spazieren. Männ- liche KreuzweIse brüten ihren Nachwuchs in ihrem Maul aus. Die Gene machen den Vater zur Glucke.

VIELE FISCHE UND VÖGEL legen sich

aber auch ohne einen solchen ))Va- terschaftstest« mächtig ins Zeug. Das Stichlingsmännchen fächelt den Eiern Frischwasser zu und säu- bert das Nest von Pilzen. So viel Fürsorge macht sexy und lockt weitere Weibchen zur Eiablage an. Der Thermometerhahn misst mit seinem Schnabel regelmäßig die Temperatur im Nest. Bei Lauf- vögeln wie Emus und Kiwis über- nehmen die Männchen das Brüten sogar allein. Nach der Geburt kümmern sich 70 Prozent der Vogelarten gemein- sam um den Nachwuchs. Bei Sing- vögeln hören die Jungen in erster Linie auf den Papa: Der nämlich trällert, während die Mama meist den Schnabel hält. Sogar alleiner- ziehende Väter sind im Tierreich zu finden: Der Grillkuckuck über- nimmt die komplette Aufzucht der Jungen, während das Weibchen sich anderweitig vergnügt und mit einem neuen Grillkuckuck eine

anderweitig vergnügt und mit einem neuen Grillkuckuck eine Oberes Bild: Männliche Striemengras- mäuse sind nur in

Oberes Bild:

Männliche

Striemengras-

mäuse sind nur in der Wüste

gute Vater-

wenn sie im Grasland leben, haben sie keine Zeit für den Nachwuchs

Zweitfamilie gründet. Auch Frauen können ihre Männer ganz schön sitzen lassen. Dabei zeigt Mann sich mitunter bereits während der Schwanger- schaft solidarisch mit den Frauen:

Wie sie legt auch er ein paar Kilo zu. Wie sie leidet auch er an Kopf- schmerzen und Übelkeit. Schwan- gerschaftssyndrom oder Couvade- Syndrom wird dieses Phänomen genannt. 20 bis 50 Prozent der Menschenväter in Europa entwi- ckeln es - vor allem mitfühlende

04 / 2010 PM. 95

und engagierte Männer oder sol- che, die »Gebärneid« gegenüber ihren Frauen entwickeln, vermuten Psychologen. Lange war das Couvade-Syn- drom nur beim Menschen bekannt. Vor einigen Jahren aber wurde es auch bei Weißbüschelaffen ent- deckt. Während das Weibchen trächtig ist, nimmt auch das Männ- chen einige Gramm zu. Dieser Schwangerschafts-Speck hat einen praktischen Nutzen. Nach der Geburt ist der Papa nämlich als Babysitter gefragt: Geht die Familie auf Nahrungssuche, krallt sich der Nachwuchs am liebsten am Fell des Vaters fest. 20 Prozent seines eige- nen Körpergewichts muss er zusätz- lich mit sich herumschleppen - von morgens bis abends. Da kommt das Energiepolster gerade recht.

BEREITS VOR DER GEBURT läuft im

männlichen Gehirn ein tief veran- kertes Programm ab - das der aktiven Vaterschaft, meint die Psy- chologin Anne Storey von der Me- morial University of Newfound- land. Der Motor für dieses Programm sind die Hormone. Sie spielen während der Schwanger- schaft nicht nur bei Frauen, son- dern - man höre und staune - auch bei Männern verrückt, bei Tieren ebenso wie bei Menschen. Storey zapfte 34 Menschen- vätern vor und nach der Geburt ihres Kindes Blut ab und fand heraus: Drei Wochen vor der Ge- burt steigt der Prolaktin-Wert der Männer um durchschnittlich 20 Prozent an. Prolaktin ist das Hor- mon, das bei Frauen die Milchpro- duktion anregt. Außerdem löst es mütterliches Verhalten aus: Wenn man es Ratten verabreicht, begin- nen selbst jungfräuliche Tiere Nester zu bauen und fremde Jun- ge abzulecken. Auch bei Tier- vätern wie Weißbüschelaffen, Königspinguinen, Kalifornischen Hirschmäusen und Wölfen wur- den erhöhte Prolaktinwerte ge- messen. Bei den Menschenvä-

96 PM. 04 / 2010

tern wird die Ausschüttung des Hormons wahrscheinlich durch bestimmte Geruchsstoffe der Schwangeren oder durch das ver- änderte Paarverhalten während der Schwangerschaft ausgelöst, vermutet Storey.

Männersache:

Nachdem

Laichakt

vertreibt das

Männchen

seine Partnerin

Nachdem Laichakt vertreibt das Männchen seine Partnerin SCHWANGERE MÄNNCHEN: BEI DEN SEEPFERDCHEN DER NORMALFALL

SCHWANGERE MÄNNCHEN: BEI DEN SEEPFERDCHEN DER NORMALFALL

Nach der Geburt mutieren viele Männer - hormonell gesehen - vom Macho zum Familienmen- schen. Der Gehalt des Männlich- keitshormons Testosteron in ihrem Blut sinkt um durchschnittlich ein Drittel ab, und ihre Fürsorglichkeit steigt. Das Erstaunliche ist: Der Hor- moncocktail kommt nicht nur bei

Stichlinge (oben): Wenn das Männchen dafür sorgt, dass das Nest sauber bleibt, kommen weitere Weib- chen und legen ihre Eier hinein

leiblichen Vätern, sondern auch bei Adoptiveltern in Wallung. Zu den bekanntesten Adoptiv- vätern im Tierreich zählt Spindie, ein halbwüchsiges Schirnpansen- männchen im afrikanischen Gom- be-Nationalpark. Unter den Augen der Verhaltensforscherin Jane Goodall nahm Spindie den kleinen Mel auf, dessen Mutter gestor- ben war. Ohne Hilfe wäreMel ver- endet. Spindie aber kümmerte sich um ihn, obwohl die heiden Schim- pansen weder verwandt noch ver- schwägert waren. Was, wenn nicht die Gene, ließ Spindie zum Sama- riter werden? Die Hormone? Ein einprogrammiertes FÜIsorge-Not- fallprogramm? Seine Moral? Oder positive eigene Erfahrungen? Präriewühlmäuse werden besse- re Papas, wenn sie selbst von einem guten Vater aufgezogen wurden. Weißbüschelaffen sammeln wert- volle Erfahrungen, indem sie ihre jüngeren Geschwister betreuen. Werden sie selbst Vater, stellen sie sich von Mal zu Mal geschickter mit dem Nachwuchs an. Vaterliebe ist nicht nur angeboren, sondern auch anerzogen. Sie wächst und gedeiht - ebenso wie Mutterliebe. Lange Zeit wurde Mutterliebe als »basic instinct« betrachtet, als ein »Verhaltensmuster, das nicht erlernt, sondern genetisch vorgege- ben ist«, wie das Lexikon den Be- griff Instinkt definiert. Stimmt nicht, meinen immer mehr Wissen- schaftler. »Die Idee der unbe- dingten Bindung einer Mutter an ihr Kind ist ein Mythos«, sagt die amerikanische Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy. Die Natur hat den Frauen ein Fenster gelassen, um sich ohne all- zu große emotionale Kosten von ihrem Kind zu trennen - bis zu 72 Stunden nach der Geburt bleibt es offen. Danach wird alles auf Abhängigkeit gepolt: Schon der Blick ins Babygesicht aktiviert das Belohnungssystem im Gehirn. Da geht es Müttern und Vätern ganz ähnlich.

~

Ein besonders skurriler Fall von Vaterliebe findet sich in einem Tier- park nahe London. Dort leben Carlos und Fernando, zwei schwu- le Flamingos. In guter Vogelmanier wünscht sich das Paar nichts sehn- licher als Nachwuchs und klaut anderen, heterosexuellen Paaren immer wieder die Eier. Fürsorglich brüten die beiden das Diebesgut aus und ziehen die Jungtiere groß. Das geht auch ohne weibliche Hil- fe, weil Flamingos in ihrem Kehl- kopf die sogenannte Kopfmilch produzieren - ein fetthaltiges, dun- kelrotes Sekret -, mit dem sie den Nachwuchs füttern.

BEI DEN SÄUGETIEREN HINGEGEN ist

die Milch-Produktion den Müttern vorbehalten - meistens jedenfalls. Zwei asiatische Fledermausarten bilden die Ausnahme: Bei ihnen haben auch die Männchen manch- mal Milch. Allerdings ist nicht ganz klar, ob dies freiwillig ge- schieht. Vielleicht, vermuten Wis- senschaftler, bringen Pestizide den Hormonhaushalt der Männchen durcheinander. Ob die Milchmän- ner ihre Fähigkeit als Amme tat- sächlich nutzen, ist ebenfalls un- bekannt. Es liegt in der Natur der Sache, dass bei Säugetieren in der ersten Zeit nach der Geburt vor allem die Mutter für den Nachwuchs sorgt. Der Vater bleibt außen vor. Seine Fürsorge aber ist wichtig. Während die Mutter die Kinder vor allem hegt und pflegt, sorgt der Vater für Unterhaltung und Bewegung. Wie sicher er im körperlichen Umgang mit den Kleinen ist, hängt unter anderem davon ab, ob er bei ihrer Geburt dabei war oder nicht: 90 Prozent der Menschenväter erleben diesen Augenblick bei uns mittler- weile mit. Das tut gut: In der Folge verbringen sie mehr Zeit mit ihren Kindern und haben mehr Freude an ihrer Aufgabe. Für die Kinder ist die Präsenz des Vaters langfristig wichtig. Un- tersuchungen zufolge entwickeln

04 / 2010 PM. 97

Jungs mit Vater ein stärkeres Selbstwertgefühl als Jungs ohne Vater. Außerdem werden sie sel- tener

Jungs mit Vater ein stärkeres Selbstwertgefühl als Jungs ohne Vater. Außerdem werden sie sel- tener straffällig und haben weniger Probleme, intim zu sein. Vaterlose Mädchen kommen, statistisch ge- sehen, früher in die Pubertät, ha- ben früher Sex, werden früher schwanger und sind im späteren Leben anfälliger für Stress.

98 PM. 04 / 2010

Eines aber kann selbst der beste Mann seiner Frau nicht abnehmen:

die Geburt! Oder etwa doch? Bio- loge Schradin weiß es besser: »Bei den Seepferdchen hat die Natur den Spieß umgedreht. Dort ist Kin- derkriegen Männersache.« Zum Vorspiel treffen sich die Seepferdchen im Morgengrauen. Die Schwänze ineinandergehakelt,

SCHWULE VÄTER, ALLEINERZIEHENDE VÄTER - IM TIERREICH IST ALLES MÖGLICH

Kiwi in Neusee- land (0. links) und Emu in Australien (daneben):

Beibeiden

Laufvögeln ist

das Brüten

Männersache

Flamingos:

Auch männliche

Tiere können

Junge groß-

ziehen, weil sie in ihrem Kehlkopf eine fetthaltlge, milchartige

Nahrungs-

flüssigkeit

produzieren

tänzeln sie stundenlang durchs Wasser. Nach ein bis zwei Tagen schiebt das Weibchen seine Eier in die Bruttasche des Männchens - Befruchtung einmal anders. Diese Bruttasche war ursprüng- lich wahrscheinlich eine einfache Falte am Bauch des Männchens, in der es den Nachwuchs herum- schleppte. Im Laufe der Zeit wurde aus der Falte ein verschließbarer Beutel. Ist er mit Eiern gefüllt, hat das Seepferdchen-Männchen einen richtigen Schwangerschaftsbauch. In ihm werden die Eier mit Sauer- stoff und wahrscheinlich auch mit Nährstoffen versorgt. Nach eini- gen Wochen schlüpfen die Jungen aus den Eiern, und der Vater presst sie unter stundenlangen Win- dungen aus dem Brutbeutel hervor. Pro Wurf können es locker tausend Jungtiere sein. Sie sind nur wenige Millimeter groß, aber schon richtig selbstständig. Eine reife Leistung vom Seepferdchen-Papa. Hamster Heriberts Thron als bester Vater wackelt.

~~

BUCHTIPP

Carsten Schradin: Die Biologie des

Vaters. Was uns die Verhaltens- forschung über Vater berichten kann,

Fi/ander Verlag, 2007

WEBWEISER

Die Biologie des Vaters:

www.uzh.ch/news/articles/

2007/2424.htmi

Wißbüscheläffchen mit Schwangerschaft ssymptomen:

sclencev1.orf.at/science/

news/143248

Zitate

In dem Maße, wie der Wille und die Fähigkeit zur Selbstkritik stei- gen, hebt sich auch das Niveau der Kritik am andern.

CHRISTIAN MORGENSTERN .

deutscher Dichter (1871-1914)

Was das Meckern angeht, landet die Ziege weit abgeschlagen hin- ter dem Menschen.

RUPERT SCHÜTZBACH ,

deutscher Aphoristiker (geb. 1933)

Als Physiker kann man davon

ausgehen, dass ein Elekt ron wie

das andere ist, während Sozial- wissenschaftIer auf diesen Luxus verzichten müssen.

WOLFGANG PAU LI,

schweizerisch-amerikanischer Physiker und Nobelpreisträger (gefunden von P.M.- Leser Hubert Bod äch te l, Fla chs landen)

Kann sich jemand an Z eiten erin- nern, die nicht hart waren und in denen das Geld nicht knapp war?

RA l PH WAlDO EMERSON ,

umerikanischer Philosoph und Dichter

(1803-1882)

Von einem guten Kompliment kann ich zwei Monate leben.

MARK TWAIN.

amerikanischer Schriftsteller (1835-1910)

100 PM. 04 / 2010

Das Bauen starrer Festungen zeugt von menschlicher Dumm- heit. Denn wenn man Berge, Flüsse, ja sogar Weltmeere über- winden kann, wieso dann keine Festungen?

DWIGHT D . EISENHOWER ,

34 . Präsident der USA (1890-19 69 ) (gefunden von P.M.-Leser Steffen Walther. per E-Mail)

Ohne Vorbehalte kann man nur dann mit jemandem diskutieren, wenn dieser von der Sache nichts versteht.

ERNST R. HAUSCHKA ,

deutscher Aphoristiker (geb. 1926)

Nur wo es Entscheidungsfreiheit gibt, kann sich Mut entfalten.

HANS-JüRGEN QUADBECK-SEEGER ,

deutscher Chemiker und Manager (geb.

1939)

Man kann auch mit Anstand außer sich sein.

JEAN ANOU l lH ,

französischer Dramatiker (1910-1987)

Klei ne Stationen sind sto lz darauf, dass die Schnellzüge an ihnen vor- beifahren müssen.

KARl KRAUS ,

österreichischer Schriftsteller (1874-1936)

HENRY FORD

amerikanischer

Industrieller

(1863 - 194 7)

Es ist nicht wenig Zeit, die wir zur Verfügung haben, sondern es ist viel Zeit, die wir nicht nutzen.

SENECA ,

römischer

Dichter (4 v. Chr . -

65 n. Chr .)

(gefunden

von P.M. Leser in Eva-Maria

Woblistin , per E-Mail)

Eine Ehefrau muss Gott danken, dass ihr Mann Fehler hat; ein feh- lerfreier Mann ist ein gefährlicher Beobachter.

LORD HALIFAX ,

britischer Staatsmann (1881 - 1959)

Erfinden ist eine weise Antwort auf eine vernünftige Frage.

JOHANN WOLFGANG VON GOETHE ,

deutscher Dichter (1749-1832)

Die Praxis ist immer fantasie- voller als die Theorie.

MANFRED ROMMEl ,

deutscher Politiker (geb. 1928)

Keine Regel ohne Ausnahme, aber wehe, wenn die Ausnahme zur Regel wird.

HANS KASPER ,

deutscher Schriftste ller und Journalist

(1916-1990)

Es wäre wenig in der Welt unter- nommen, wenn man nur immer auf den Ausgang gesehen hätte.

GOTT HOLD EPHRAIM LESSING,

deutscher Dichter (1729-1781)

ZUM THEMA MUSIK Mithilfe der göttlichen Tonkunst lässt sich mehr ausdrücken und ausrichten als mit
ZUM THEMA
MUSIK
Mithilfe der göttlichen Tonkunst
lässt sich mehr ausdrücken und
ausrichten als mit Worten.
CARl MARIA VON WEBER,
deutscher Komponist, Dirigent und Piani st
(1786-1826)
Die Musik spricht nicht die Leidenschaft,
die Liebe, die Sehnsucht dieses oder jenes
Individuums in dieser oder jener Lage
aus, sondern die Leidenschaft, die Liebe,
die Sehnsucht selbst.

RICHARD WAGNER

deutscher Komponist (181 - 1883)

Musik allein ist die Weltsprache und braucht nicht übersetzt zu werden.

BERTHOlD AUERBACH ,

deutscher Schrift steller (1812-1882)

ACKER IM HOCHHAUS Die Landwirtschaft zieht in die Städte. In gigantischen Bauwerken wachsen Tomaten im 36. Stock, zehn Etagen darüber wird Weizen geerntet. Reine Fantasie? Nein! Die Pläne für das »Vertlcal Farmlng« sind schon fertig (Bild: Projekt »Dragonfly« In New York)

HYPERCANES Sie sind die aggressivsten Hurrikans, die es gibt. Mit 500 km/h stürmen sie über Land und Meer - und vernichten alles, was sich ihnen in den Weg stellt

106 PM. 04 / 2010

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Carfarco.

DIE ERSTEN RECHENMEISTER Sie brachten Europa den Umgang mit Zahlen bei. Das ist noch gar nicht so lange her!

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