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Die Schwabenkinder

Die Geschichte des Kaspanaze

Das Buch erzählt am Beispiel der Familie Meser und ihres Sohnes Kaspanaze
das Schicksal eines „Schwabenkindes“ und beleuchtet ein kaum bekanntes
Kapitel jüngerer Zeitgeschichte.
Es zeigt die harten wirtschaftlichen Lebensbedingungen und ethischen
Zwänge in einem Vorarlberger Bergdorf, geschichtliche Hintergründe und die
Verkettung von heutzutage fast belanglos anmutenden Unglücksfällen, die
die Eltern zu dem schweren Entschluss zwingen, ihr neunjähriges Kind in die
Fremde zu schicken um Geld zu verdienen und um einen Esser weniger am
Tisch zu haben.
Geschildert wird der Zug über die noch schneebedeckten Berge ins
Schwabenland, der Kindermarkt mit seinen Gesetzmäßigkeiten.
Kaspanaze kommt zu einer verrohten Bauernfamilie, bei der er mehr Schläge
als zu Essen bekommt.
Um sich zu wehren und nicht die Selbstachtung zu verlieren, entwickelt
Kaspanaze eigene Strategien, um sich für die erlittenen Erniedrigungen zu
rächen.

Der Bregenzerwald steht als Synonym für Armut in den Alpentälern ebenso
wie Kaspanazes Geschichte für die unsäglichen Bedingungen vieler anderer
"Schwabenkinder".
Ein Großteil der geschilderten Erlebnisse basiert auf tatsächlichen
Vorkommnissen.

400 Seiten
Verlag: Herbig
ISBN 3-7766-2304-7
Preis: EUR 19,90

Gemeinsames Vorwort der Regierungschefs

Das so genannte "Schwabengehen" der Kinder ist ein sehr dunkles Kapitel,
das unsere Länder verbindet. Die Tatsache der Kinderarbeit stellte auch in
unserer zivilisierten Welt bis ins 20. Jahrhundert bedauerlicherweise nichts
besonderes dar. Die frühzeitige, lange Trennung vom Elternhaus und die
Form der Verdingung auf eigenen Kindergesindemärkten dokumentieren
aber die besonderen Härten im Schicksal eines "Schwabenkindes".

Diese "Wanderungen" über Jahrhunderte hinweg nach Oberschwaben und ins


Allgäu sorgten für eine Entlastung der oftmals bitterarmen kinderreichen
Familien in den Alpentälern: Ein halbes Jahr war man der Sorge um die
Ernährung eines oder mehrerer Kinder enthoben. Dazu kamen ein paar
Gulden und vielleicht Schuhe, Kleidung sowie Lebensmittel als Lohn für die
sieben- bis 15jährigen bäuerlichen Dienstboten. Außerdem konnten sich
gerade in der Fremde viele Kinder erstmals satt essen, eine Möglichkeit, die
daheim nicht immer gegeben war.

Wer dieses gesellschaftliche und politische Phänomen aus unserer


"modernen" Sichtweise betrachtet, macht es sich bestimmt zu einfach, da es
einer Reihe von Faktoren bedurfte, die nur aus dem Einblick in die damaligen
Lebensbedingungen verständlich werden. Industrialisierung, weitgehende
Technisierung der Landwirtschaft, Tourismus und gesetzliche soziale
Absicherungen haben einen einen hohen Lebensstandard geschaffen, der
unserer Jugend ein unbeschwertes Heranwachsen ermöglicht und ihr viele
Perspektiven eröffnet.
Die letzten Zeugen, die als "Schwabenkinder" verdingt wurden, sind
inzwischen hoch betagt und wir können nicht mehr lange auf ihre
persönlichen Erinnerungen zurückgreifen.

Wir wünschen diesem Buch von Elmar Bereuter viel Erfolg und hoffen, dass
es viele historisch interessierte Leser - über unsere Regionen hinaus -
erreicht.

Erwin Teufel, Ministerpräsident Baden-Württemberg, Deutschland


Claudio Lardi, Regierungspräsident Graubünden, Schweiz
Wendelin Weingartner, Landeshauptmann Tirol, Österreich
Herbert Sausgruber, Landeshauptmann Vorarlberg, Österreich
Luis Durnwalder, Landeshauptmann Südtirol, Italien

Leseprobe

Kaspanaze war zum Heulen zumute, als er nun ganz allein mit Hansjakob
dastand. Alle anderen hatten einen Platz gefunden, nur ihn wollte
offensichtlich niemand. Die Zeit verging ganz langsam und immer weniger
Leute kamen vorbei. Hansjakob sagte immer wieder, dass er schon noch eine
Stelle finden würde, man müsse nur genug Geduld haben.

Ein Mann mit einem ins Genick geschobenen Hut und einem Lodenmantel
blieb stehen, fixierte Kaspanaze von oben bis unten, sagte aber kein Wort.
"Was soll der kosten?" fragte er dann in freundlichem Ton, ohne den Blick
vom Buben zu wenden.
"Fünfzehn und Gewand" sagte Hansjakob.
"Zwölf, schau doch, wie der aussieht. Der ist ja krank. Den muss man zuerst
einmal ein paar Tage wieder auffüttern. Für zwölf würde ich ihn nehmen, weil
er mir leid tut."
"Dreizehn. In zwei Tagen ist der wieder gesund und munter wie ein Vogel. Er
hat sich halt auf dem Herweg erkältet."

Hansjakob war sich im klaren, dass er nicht mehr allzuviele Möglichkeiten


hatte, Kaspanaze unterzubringen. Er versuchte noch einmal,den Preis auf
dreizehn Gulden und Gewand zu halten, aber der andere ging nicht darauf
ein.
"Zwölf und doppelt Häs oder gar nicht. So einen kriegst du doch an jedem
Eck nachgeworfen. Ich würde ihn ja auch nur aus christlicher Barmherzigkeit
nehmen."
Hansjakob zögerte einen Moment, schlug dann aber ein.
"Wo kommt Kaspanaze hin und wie heißt Ihr?"
"Wie heißt er, Kaspanaze? Sonderbarer Name. Ich heiße Gebstetter, mit
Vornamen Baptist und mein Hof ist in Witterschwende. Mich kennt dort
weitum jeder", erwiderte er stolz lächelnd.
Hansjakob notierte Namen, Ort und Preis auf seinem Zettel und steckte ihn
dann in seinen Rucksack.
"Passt mir gut auf den Buben auf, er gehört meiner Schwester und ich habe
ihr versprochen, dass er an einen guten Platz kommt."
"Bei uns ist er gut aufgehoben", meinte der Gebstetter fast beleidigt und
wandte sich dann an Kaspanaze:
"Komm, nimm dein Zeug, wir gehen."
"Kriegt der Bub denn nichts zu essen wie die anderen?" wollte Hansjakob
wissen.
"Daheim. Es ist nicht allzu weit. Dann kann er sich den Bauch richtig voll
hauen, weil die Portionen in den Wirtschaften sind sowieso zu klein",
antwortete fürsorglich der Bauer.

Hansjakob drückte seinem Neffen den Reisepass und das Schreiben vom
Pfarrer in die Hand und ermahnte ihn, nicht zu vergessen, es bald dem
Hochwürden an seinen neuen Ort zu bringen, damit dieser im Herbst auch
eintragen könne, ob er auch brav am Sonntag in der Kirche und der
Christenlehre gewese sei und sagte noch, er solle gut auf sich achtgeben.
Er verspürte keine große Lust, sich noch ins Wirtshaus zu setzen und sich
von allen möglichen Leuten ausfragen zu lassen.Er wollte schauen, dass er
hier wegkam und lieber heute noch ein gutes Stück Weg hinter sich bringen.

Gemächlich schritt der Gebstetter neben Kaspanaze zu seinem Fuhrwerk.


Wenn er schon in der Stadt war, wollte er wenigstens in der Wirtschaft noch
ein paar Krüge Bier trinken. Aber er war nicht an einer Auseinandersetzung
mit Hansjakob interessiert, wenn dieser mitbekommen sollte, dass der Bub
draußen bleiben musste. Immer wieder wandte er sich um und als er dann
den Invaliden auf seinen Krücken davon humpeln sah, beschleunigte auch er
seinen Schritt.
Kaum war Hansjakob aus seinem Blickfeld verschwunden, wich die
Freundlichkeit schlagartig aus seinem Gesicht.
"Ich gehe noch in die Wirtschaft, du wartest hier, verstanden? Und pass mir
gut auf das Ross auf!"
Seine Stimme klang mit einem Mal böse und gemein.
Kaspanaze nickte verängstigt.
Als der Gebstetter sich umdrehte, um in die "Krone" zu gehen, durchzuckte
Kaspanaze der Schreck vom Haar bis zu den Zehenspitzen: Auf dem Rücken
der rechten Mantelseite prangte ein breiter Kreidestreifen.

Rund um's Buch


Erstpräsentation und Lesung
war am Donnerstag, 7. November 2002
Im Alten Landtagsaal
Hypopassage Bregenz

Es las
Hubert Dragaschnig,
Schauspieler und künstlerischer Leiter des Theater Kosmos in Bregenz.

Pressestimmen ...packend und berührend...


Michael Pause in BR3 "Bergauf-bergab"
"Bemerkenswert sind die Qualitäten des Romanes...plastische
Erzählweise...kundige Schilderung der bäuerlichen Arbeit...lebendige
Charakterisierung der Typen...
Südwest-Presse

"Wenn Elmar Bereuter über die Schwabenkinder und deren Geschichten


erzählt, ist man entsetzt und gerührt.
Augsburger Allgemeine

"Geschickt kombiniert Bereuter Story mit Historie und fügt einen


deutschstämmigen US-Journalisten Whitehead hinzu, der gegen den Kinder-
Sklavenhandel anschreibt. Damit steht plötzlich Onkel Tom's Hütte" an den
Ufern des Bodensees."
Neue Vorarlberger Tageszeitung

Da ein großer Teil des Romanes auf tatsächlichen Gegebenheiten aus


unterschiedlichen Zeiten beruht, vermittelt er ein plastisches Bild der
damaligen Zeit...
Schwäbische Zeitung

"In einer geglückten Verbindung von Authenzität und Fiktion erzählt Bereuter
die Geschichte des achtjährigen Kaspanaze..."
Arte
"Am Einzelschicksal illustriert der Autor mit merklichem Interesse an
sozialhistorischen Entwicklungen ein grausames Kapitel europäischer
Regionalgeschichte, das erst nach dem Ersten Weltkrieg zu Ende ging."
Neue Zürcher Zeitung

Buchauflagen 1. Auflage: September 2002


2. Auflage: November 2002
3. Auflage: Dezember 2002
4. Auflage: Januar 2003
5. Auflage: Februar 2003

Filme Dokumentation: "Daheim wären wir verhungert - Kinderarbeit in


Schwaben. Dokumentarfilm von Angelika Sigl. ARD, 13.April 2003
TV-Spielfilm "Schwabenkinder" mit Tobias Moretti, Vadim Glowna, Jürgen
Tarrach und Hary Prinz.
Der Roman "Die Schwabenkinder" war der Anstoß dazu.
Erstausstrahlung: ARTE, 7. März 2003, 2040
ARD, ORF, DRS, RAI: 16. April 2003
(Angaben ohne Gewähr. Bitte beachten Sie die Programme.)

Weiterführende Literatur

Otto Uhlig: Die Schwabenkinder aus Tirol und Vorarlberg


Universitätsverlag Wagner/Innsbruck
ISBN 3-7030-0320-0
Das wissenschaftliche Standardwerk zum Thema aus der Schriftenreihe
"Tiroler Wirtschaftsstudien"
Regina Lampert: Die Schwabengängerin
Hsg. Bernhard Tschofen
Limnat-Verlag/Zürich
ISBN 3-85791-301-0
Eines der seltenen autobiografischen Zeugnisse, die in die Zeit vor 1900
zurückreichen.

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