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Cueni Text fr Sonntagsblick Magazin zu Allerheiligen (26.10.

2014)

Claude Cueni (58)
verlor durch den Tod seiner ersten Frau und seine eigene schwere Krankheit viele
Bekannte. Der Schriftsteller gewann aber auch neue Einsichten.
Begleitet man einen geliebten Menschen im Sterben, kommt es sehr darauf an, ob
der Kranke seinen baldigen Tod akzeptieren kann oder ob er den berlebenden
das Weiterleben missgnnt.
Als meine erste Frau unheilbar erkrankte, erlitt sie eine Angst-Depression und
entwickelte eine grosse Wut. Mein gesamtes Umfeld drngte mich, sie ins Spital zu
bringen. Wir hatten uns jedoch als Teenager versprochen, dass wir das nie tun
wrden. Deshalb ertrug ich ihre Aggression und konzentrierte mich auf die Pflege.
Erst wenige Tage vor dem Tod akzeptierte sie das Unausweichliche, die Wut
erlosch, ihr letztes Wort war: Danke. Es gibt kaum positive Aspekte, wenn jemand
aufhrt zu existieren.
Mit dem Tod meiner Frau verlor ich die Hlfte der Bekannten. Die Menschen wissen
in den ersten Wochen nicht, wie sie reagieren sollen. Nach zwei Monaten schmen
sie sich fr ihr Fernbleiben und trauen sich nicht mehr, anzurufen. Dabei ist es ganz
einfach: Man muss einfach da sein. Mehr nicht. Menschen, die hnliches
durchmachen mussten, fhle ich mich heute stark verbunden. Wir teilen diese
monumentale Erfahrung. Wenn andere ber Sterben und Tod sprechen, wissen sie
nicht wirklich, worber sie reden. Als ich selbst sechs Monate auf der
Isolationsstation lag und alle mit meinem baldigen Tod rechneten, verlor ich beinahe
den gesamten Rest meines Bekanntenkreises. In den Kpfen der anderen stirbt
man, bevor man gestorben ist.
Sterben und Tod sind nicht mehr alltglich. Hlderlins Erkenntnis, wonach sich das
Leben auch vom Leid ernhrt, ist verloren gegangen. Wir werden von der Geburt bis
zum Tod betreut und infantilisiert. Wir glauben, Anrecht auf ewiges Glck zu haben.
ber den Tod wird ffentlich nur kokettiert, aber es gibt den Tod der andern und den
eigenen Tod. Das ist nicht dasselbe. Meine jetzige Frau und mein Sohn wundern
sich oft, wieso ich nie wtend bin und meinen Humor nicht verliere. Ich habe den
Krebs und die Situation akzeptiert, ich liebe meine Familie, sie sind nicht schuld an
meiner Krankheit. Niemand ist schuld. Es ist einfach Pech.