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Per Lennart Aae:

Vortrag zum Thema


Raumorientierte nationale Volkswirtschaft,
gehalten in Magdeburg, Sachsen-Anhalt,
am 6. Mai 2006

Kameradinnen und Kameraden, verehrte Anwesende, das Motto dieser


Veranstaltung lautet:
„Zukunft statt Globalisierung“

Nun, sprechen wir von Zukunft, so meinen wir das Leben. Denn eine tote
Zukunft wäre keine Zukunft.
Sprechen wir aber vom Leben, so meinen wir freie, identitätsfähige
Lebensgemeinschaften – in der Natur das Biotop, das Rudel, die Herde,
beim Kulturwesen Mensch die identitätsfähige soziokulturelle Gesellschaft,
das heißt: die Sippe, den Stamm, das Volk, die Nation.

Leben bedeutet immer Lebensgemeinschaft, und diese ist im wahrsten


Sinne des Wortes eine ökonomische Gemeinschaft. - IMMER! -
Ökonomisch nämlich in dem Sinne, daß ihre Grundlage die Arbeitsteilung
zur Herstellung und Bewahrung der gemeinsamen Lebensgrundlagen ist.
Deswegen spreche ich heute über Wirtschaft.

Nur die gemeinsame Arbeit ist es, die Lebensgemeinschaften ihren Sinn
und ihre Berechtigung gibt, die sie zusammenschweißt und
zusammenhält.

Eine Gemeinschaft kann eben nur eine arbeitsteilige Gemeinschaft sein,


ob es die Blumenwiese, der Frosch-Tümpel, das Bienenvolk, das
Wolfsrudel, die Pavianherde ist ….
….. oder eben die Menschengruppe, also Familie und Sippe, aus der sich
Stämme, Völker und Nationen entwickeln.

Die Blumenwiese ist ein harmonisch anmutendes Biotop, eine fantastische


Leistung der Natur, weil sie eine Gemeinschaft von Lebewesen ist, die
miteinander in einem gewissermaßen ökonomischen Verbund leben:
Mikroben, Würmer, Feldmäuse, Pflanzen, Insekten u.s.w. Nur durch deren
ökonomische Vernetzung erhält die Blumenwiese ihren Charakter als
biotopische Lebensgemeinschaft.

In ähnlicher Weise ist die identitätsfähige menschliche Gesellschaft eine


Kulturleistung, weil sie letzlich ein ökonomischer Verbund, eine
Arbeitsteilung zur Existenzsicherung und Daseinsvorsorge ist.

So wie die Steinzeitsippe eine sozioökonomische Lebensgemeinschaft war,


die dem gemeinsamen ökonomischen Überlebenskampf ihre Existenz als
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Gemeinschaft verdankte, benötigt heute eine komplexe soziokulturelle


Gesellschaft immer auch eine soziökonomische Basis von gemeinsamer
Existenzsicherung und Daseinsvorsorge.

Verliert sie diese, so verliert sie ihre Existenzberechtigung. Verliert sie


aber ihre Existenzberechtigung, so wird sie zerbrechen – früher oder
später.

Fazit: Sprechen wir von der Zukunft der Menschen, so sprechen wir von
einer Vielfalt von identitätsfähigen Lebensgemeinschaften auf
sozioökonomischer Grundlage, von Gemeinschaften, deren
Daseinsberechtigung durch die gemeinsamen Arbeit begründet ist.

Sprechen wir aber von Globalisierung, so meinen wir das genaue


Gegenteil dessen: Die Gleichschaltung und strukturelle Verarmung
lebendiger sozioökonomischer Gemeinschaftsstrukturen zu einer sterilen
Steinwüste, in der nur dort Leben existieren kann, wo das
vagabundierende internationale Finanzkapital aus Profitgründen
hinzugehen und den ausgetrockneten Boden zu bewässern beliebt.

Deswegen lautet eben unser heutiges Motto: Zukunft statt


Globalisierung.

Denn sprechen wir von Zukunft des Lebens, so können wir eben nicht
Globalisierung meinen, weil Leben Identität, Vielfalt und Freiheit bedeutet,
Globalisierung hingegen Gleichschaltung, Vereinheitlichung und Zwang.

In diesem Sinne ist Globalisierung das genaue Gegenteil von Leben und
damit von Zukunft.

Wenn wir Leben und Zukunft wählen wollen, müssen wir deswegen die
Globalisierung ablehnen.

Wenn wir die Globalisierung aber ablehnen, müssen wir ein alternatives
Wirtschaftskonzept anbieten.
Dieses heißt bei uns: Raumorientierte nationale Volkswirtschaft.

Kameraden, verehrte Zuhörer, wohin die Globalisierung unser Land schon


geführt hat, zeigt dieser Tage ein aktueller Artikel in SPIEGEL ONLINE:
„Verlassenes Land, verlorenes Land,
Tristesse zwischen Rostock und Leipzig“.

Darin heißt es:


<< Wissenschaftler sprechen von einer sozialen Zeitbombe. Durch
Geburtenschwund, Arbeitslosigkeit und Massenabwanderung droht sich
der ländliche Raum in einen "Ozean von Armut und Demenz" zu
verwandeln - eine Entwicklung, die ein Kartell der Parteien tabuisiert. >>
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Der Schriftsteller Wolfgang Büscher hat monatelang große Teile der


Bundesrepublik Deutschland zu Fuß durchstreift.

<<Manche gottverlassene Gegend jottwedeh>>, schreibt er, <<erinnert


an "verbotene Flügel eines weitläufigen Hauses, die nicht betreten werden
dürfen">>.

An der Ostseeküste sah es finster aus. Dort durchstreifte Büscher


heruntergekommene Bahnhöfe, die ihn an eine "Station in der Steppe"
erinnerten, und triste Orte mit ärmlichen Läden, die "Resterampe" oder
"Vietnamesischer Kleidungsmarkt" hießen.

Dann kam der Wandersmann in die abgewrackte Industriestadt Guben an


der Neiße. Dort fand er nicht nur bestätigt, wovor er tags zuvor gewarnt
worden war: "daß es kein Wirtshaus in Guben gab". Nein, es war vielmehr
so, dass es Guben nicht gab.

Ähnliches gilt auch für weite Teile der westdeutschen Provinz. Wenn zum
Beispiel der baden-württembergische Autor Rüdiger Bäßler in die dörfliche
Welt zurückkehrt, deren Enge er einst als junger Mann entflohen ist, dann
befällt ihn <<Mitleid an Stelle von Überdruß>> angesichts all der
<<verwitternden Bahnhofsgebäude, pflanzenbewucherten Gehwege,
zerfallenden Spielplatzgeräte, leeren, staubblinden Schaufenster>>

Mehr und mehr Merkmale schleichenden Verfalls hat auch die frühere
Agrarministerin Renate Künast bei ihren Dienstfahrten ins ländliche
Deutschland, Ost wie West, bemerkt. Dazu schrieb sie: <<Sie können
durch Dörfer gehen, in denen gibt’s eigentlich nichts mehr. Wo ein
Mastbetrieb war, fällt heute der Stall zusammen. Die Dorfkneipe liegt im
Dornröschenschlaf. Die Jungen haben die Gegend verlassen.>>

Ein weiteres Symptom des Niedergangs in Deutschland: Die Zahl


der Geburten ist im vorigen Jahr so stark gesunken, wie seit 15 Jahren
nicht mehr. Im ganzen Jahr sind weniger als 676.000 Kinder geboren,
darunter mehr als 100.000 Ausländergeburten. Das heißt: 15 Prozent der
in Deutschland geborenen Kinder sind fremder Abstammung - jedes 6.e
bis 7.e Kind. Deutschland weist laut Eurostat-Angaben mit 8,5 Geburten je
1.000 Einwohner die niedrigste Geburtenziffer der EU auf – und eine der
höchsten Abtreibungsraten. Denn den ca. 570.000 deutschen Geburten
stehen 124.000 Abtreibungen gegenüber. Auf 4,6 deutsche Geburten
kommt also eine Abtreibung.

Welche Ursachen gibt es für diese dramatische Entwicklung?

Sehr vielfältige, aber eine ist ebenso grundlegend wie einfach:


Es fehlt der WILLE, sie aufzuhalten.
ES FEHLT EINE POLITIK, DIE SIE AUFHÄLT.
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Denn heute herrscht ein politisches System, das nicht entsprechend der
griechischen Bedeutung des Wortes Politik das Wohl der Polis, also der
Stadt, des Landes, der Gesellschaft, des Volkes, als Hauptaugenmerk hat,
sondern vielmehr die Profitmaximierung des entnationalisierten,
international vagabundierenden Finanzkapitals.

Schon Aristoteles nannte den Menschen ein „Zoon Politikon“, ein


Gemeinschaftswesen. Deswegen war Politik für die alten Griechen die
Gestaltung der menschlichen Gemeinschaft. Heute wissen wir durch
Konrad Lorenz, Irenäus Eibl-Eibesfeld und andere Wissenschaftler, wie
wichtig dies auch für unsere Zeit wäre.

Politik soll dem Menschen dienen, aber sie kann es nur, wenn sie die
menschliche Gemeinschaft, das Volk, die Gesellschaft, den Staat schützt.
Denn, wie der große Konrad Lorenz feststellte, kann der Mensch ein
menschenwürdiges Leben nur als Teil einer Kultur, eines Volkes führen.
Das gilt in hohem Maße auch im wirtschaftlichen Leben.

Heute behandelt die Politik das Land als Marktplatz, auf dem die Rechte
von Marktteilnehmern aus aller Welt und vor allem die Rechte des
internationalen Finanzkapitals garantiert werden müssen, nicht aber die
Rechte der lebendigen, identitätsfähigen Gemeinschaft der Menschen, die
dort leben und arbeiten und eben darauf angewiesen sind.

Volk und Land werden von der zur Zeit herrschenden politischen Klasse
eben nicht als organisch zusammengewachsene Einheit betrachtet, nicht
als Lebensgemeinschaft mit einem Eigenwert jenseits aller „Ratings“ und
„Standortwettbewerbe“, sondern als Unternehmen, gleichsam mit einem
Börsenwert, angesehen. Die Politik wird dementsprechend als
Unternehmensstrategie mißverstanden.

Gewiß, auch ein Volk, ein Land braucht eine Strategie für seine
wirtschaftliche Organisation, aber eine völlig andere als ein Unternehmen!

Unternehmensstrategie heißt nämlich Marktstrategie, Produktstrategie.


- Welche Produkte und Dienstleistungen bringen den größten Gewinn? Wie
muß ich mich im Rahmen der arbeitsteiligen Wirtschaft spezialisieren, um
in der Konkurrenz bestehen zu können?

Volkswirtschaftliche Strategie hingegen bedeutet: Wie organisieren wir


die Volkswirtschaft so, daß wir erstens natürlich unsere materiellen
Bedürfnisse befriedigen, gleichzeitig aber auch die Funktions- und
Überlebensfähigkeit unseres soziokulturellen und sozioökonomischen
Systems, also unserer VOLKSGEMEINSCHAFT, gewährleisten können?

Demnach lautet die wichtigste Frage: Wie muß die Arbeitsteilung


innerhalb des Volkes aussehen, also wie muß die nationale Volkswirtschaft
gestaltet werden, damit sie
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ERSTENS, das Volk nährt,


ZWEITENS, allen Volksangehörigen Arbeit gibt,
DRITTENS, das Solidarsystem innerhalb der Gesellschaft, das
heißt die sozialen Transferleistungen, den Generationenvertrag
u.s.w., u.s.f., gewährleistet,
VIERTENS, die Funktionsfähigkeit des Staates durch
Transferleistungen von den Bürgern zum Staat, also durch
Steuern, sicherstellt und
FÜNFTENS, die sozialen Beziehungen in einem auf gemeinsamer
Arbeit basierenden sozialen Netzwerk, das wir
Volksgemeinschaft nennen, gewährleistet und fördert?

Der deutsche Agrar- und Wirtschaftswissenschaftler, Sozialreformer und


Musterlandwirt Johann Heinrich von Thünen (1783 - 1850) entwarf
seinerzeit das sogenannte Modell der „Thünenschen Ringe“.

Es besagt: Räumliche Nähe bedingt eine hohe wirtschaftliche


Transaktionshäufigkeit, räumliche Entfernung eine niedrige.

Zur Zeit von Thünens bedeutete Entfernung natürlich in erster Linie die
rein geographische Entfernung. Wenn diese wächst, wachsen auch die
Transportkosten, wodurch die Intensität der Wirtschaftsbeziehungen sinkt.
Umgekehrt nimmt diese zu, wenn die Entfernung geringer wird, und sie ist
in der Siedlungsmitte, im Zentrum der Gesellschaft am größten. Dort sind
nicht nur die Transportkosten, sondern auch jene indirekten sozialen und
kulturellen Kosten am niedrigsten, die dann entstehen, wenn ich die Hilfe
von anonymen Fremden der Hilfe meines Nachbarn vorziehe, und wenn
ich lieber Fremden als meinen eigenen Leuten - den Verwandten, den
Nachbarn, den Landsleuten - Arbeit und Brot gebe. Wir können
dementsprechend von einer sozialen und kulturellen Entfernung sprechen,
die genau so wichtig und heute sogar wichtiger ist als die rein räumliche.

Wie auch immer Entfernung zu definieren sei, die generalisierte Form des
Satzes von Thünen kann heute wie folgt formuliert werden:

Eine florierende Wirtschaft braucht Nähe, geographisch,


sozial, kulturell. Das heißt: sie braucht eine
funktionierende Gesellschaft, eine soziokulturelle
Gemeinschaft, ein Volk, eine Nation, aber auch eine
Ordnung und einen Staat.

Dieser Satz gilt heute in verstärktem Maße, zumindest dann, wenn wir von
einer Wirtschaft sprechen, die menschenwürdig und umweltschonend sein
soll, und nur davon sollten wir sprechen.
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Damit haben wir die eine Hälfte der Begründung für unser
raumorientiertes Wirtschaftskonzept.

Die andere, nicht weniger wichtige Hälfte, ist der Umkehrschluß aus
dem Thünenschen Satz:

Eine funktionierende Gesellschaft, eine soziokulturelle


Gemeinschaft, ein Volk, eine Nation, aber auch eine
Ordnung und ein Staat brauchen eine gemeinsame
sozioökonomische Basis, die sozioökonomisch definierte
nationale Arbeit, die gemeinsame Existenzsicherung und
Daseinsvorsorge, und zwar nicht nur für ihr materielles,
sondern auch für ihr soziales und kulturelles Überleben.

Dieser Umkehrsatz aus dem Thünenschen Theorem steht im krassest


denkbaren Gegensatz zum Monetarismus, Neoliberalismus und
Globalismus, den heutigen Heilslehren der Hochfinanz. Er widerlegt
Friedrich August von Hayek und Milton Friedman, die Hohen Priester der
herrschenden globalkapitalistischen Wirtschafts- und Finanzdoktrinen.

Und genau diese geistige Auseinandersetzung ist notwendig, wenn wir die
Globalisierung als die eigentliche ökonomische Grundlage der eingangs
geschilderten Zustände wirksam bekämpfen wollen.

Ein mittlerweile geläufiger Ausdruck für die Globalisierung ist die


sogenannte Basarökonomie, ein Begriff, der von Professor Hans
Werner Sinn, dem Präsidenten des Münchner IFO-Instituts, geschaffen
worden ist.

Das Phänomen, das damit gemeint ist, kann mit zwei Zahlen aus der
sogenannten Input-/Output-Rechnung der Volkswirtschaftlichen
Gesamtrechung zusammengefaßt werden:
- 40 Prozent unserer Exporte bestehen aus Importen, und zwar
entweder aus importierten Vorprodukten oder aus fertigen
importierten Endprodukten, die lediglich ein neues Logo verpaßt
bekommen.
- 50 Prozent unserer Importe gehen in den Export.

Diese zwei Zahlen zeigen schlaglichtartig, daß gerade unsere


Exportwirtschaft, die unser gesamtes derzeitiges Wirtschaftswachstum
trägt, sich zunehmend von der deutschen Gesellschaft und dem deutschen
Arbeitsmarkt loslöst. Wir haben Industriekonzerne, die vom deutschen
Standort aus im Welthandel mitspielen, aber mit der deutschen
Volkswirtschaft, das heißt mit dem sozioökonomischen System in
Deutschland aus Arbeit, Löhnen und Transferleistungen, immer weniger zu
tun haben.
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Martin Kannegießer, Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall,


brachte diese Erkenntnis kürzlich in einer Diskussionssendung mit Sabine
Christiansen auf einen kurzen, prägnanten Nenner: „Die deutsche
Wirtschaft koppelt sich zunehmend vom Standort Deutschland ab.“ Er
stellte fest, daß dies ein ernstes Problem der Volkswirtschaft sei, weil
dadurch eben die sozioökonomische Basis unserer Gesellschaft wegbricht.
Er stellte aber auch fest, daß dieses Problem vorrangig von den – in der
betreffenden Diskussionsrunde zahlreich vertretenen - Politikern zu
verantworten sei. Diese hätten die Globalisierung gewollt, Deswegen
könnten sie nicht jetzt die Wirtschaftsvertreter für die Folgen
verantwortlich machen. Denn die Unternehmensführungen hätten keine
andere Wahl als nach den ordnungspolitisch vorgegebenen Spielregeln zu
spielen. Und diese besagen zum Beispiel, daß eine Kapitalgesellschaft, die
aufgrund der Kapitalfreiheit durch Verlagerung der Produktion in die
Slowakei die Hälfte der Lohnkosten einsparen kann, dies in der Regel tun
muß, weil sonst der Geschäftsführer gefeuert und anschließend die
Produktionsverlagerung ohnehin durch seinen Nachfolger durchgeführt
werden würde.

Überflüssig zu erwähnen, daß die in der Runde anwesenden


Wirtschaftspolitiker der verschiedenen etablierten Parteien mit keinem
Wort auf diese einleitende Feststellung Kannegießers eingingen. Sie
ergingen sich statt dessen scheinbar unbekümmert in ihrer für normal
Sterbliche immer unerträglicheren Insiderformelsprache und ließen wie
üblich auch nur die kleinste Andeutung einer Kritik an der herrschenden
wirtschafts- und finanzpolitischen Ordnung aus.

Die Abkopplung unserer Exportwirtschaft von der Volkswirtschaft, das


heißt der massive Verlust von Arbeitsplätzen in diesem Bereich, geht mit
der Abdeckung eines immer größeren Teils des Binnenbedarfs durch
Importe und damit mit Arbeitsplatzverlusten auch in den
binnenwirtschaftlich orientierten Betrieben einher; und zwar ohne daß wir
derzeit auch nur annähernd die durch Exporte erwirtschafteten Devisen
für Importe ausgeben. Deutschland ist ja bekanntlich Exportweltmeister
und hat etwa 170 Milliarden Euro Exportüberschuß, so daß der Spielraum
für einen weiteren Verfall der Binnenwirtschaft noch groß ist.

Auf den Exportweltmeister in einer Basarökonomie, in der Deutschland


immer mehr zum Ladentisch verkommt, brauchen wir uns im übrigen
nichts einzubilden, denn der geeignete Maßstab für die Bewertung einer
Volkswirtschaft ist nicht deren internationale Geschäftsentwicklung,
sondern die Vernetzung mit der eigenen Gesellschaft und der eigenen
sozioökonomischen Basis.

Gerade damit sieht es aber nicht gut aus. Unser täglicher Bedarf wird
bereits zum großen Teil, in vielen Bereichen praktisch vollständig durch
Importe abgedeckt. Dementsprechend geht der binnenwirtschaftliche
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sozioökonomische Zusammenhang zwischen Arbeit und Bedarfsdeckung


immer mehr verloren.

• Die wenigsten Deutschen tragen zum Beispiel auch nur ein einziges
Kleidungsstück, das in Deutschland hergestellt wurde.
• Deutsche Möbel und Einrichtungsgegenstände gibt es nur noch in der
Luxusklasse.
• Immer mehr Lebensmittel sind anonymisierte Importe.
• Auch die wenigsten höherwertigen technischen Konsumprodukte, wie
Fernseher, Computer- und Computerkomponenten, Drucker, Scanner,
Fax-Geräte, Mobiltelefone, Softwareprogramme etc., kommen aus
deutscher Produktion.
Diese Entwicklung wird künftig auch im Dienstleistungsbereich verstärkt
Platz greifen, und zwar im Rahmen der EU-Gleichschaltung der
Dienstleistungsmärkte (Stichwort Dienstleistungsrichtlinie), sei es
• bei privaten Dienstleistungen, wie im Taxigewerbe oder in der
Gastronomie,
• bei öffentlichen Dienstleistungen, wie im sozialen Bereich,
• oder bei industriellen Dienstleistungen, wie bei
Instandhaltungsaufgaben, Kantinenbetrieb, Gebäudereinigung etc.

Demgegenüber heißt nationale Wirtschaftspolitik:


ERSTENS, diesen Wahnsinn stoppen!
ZWEITENS, die Wirtschaft muß ein harmonisches Ganzes mit der sozialen
und kulturellen Gemeinschaft bilden!
DRITTENS, Handel und Wettbewerb sind wichtig, aber der
Verdrängungswettbewerb vernichtet die wirtschaftlichen und
sozioökonomischen Strukturen eines Landes und einer Region!
VIERTENS, unsere arbeitsteilige Wirtschaft muß für die materielle
Versorgung, aber auch für die sozioökonomische Funktionsfähigkeit
unseres Gemeinwesens sorgen. Erst wenn dies gewährleistet ist, kommt
dem internationalen Handel eine ergänzende Aufgabe zu.

Daher folgende Thesen zur Raumorientierten


Volkswirtschaft:

Die gewachsenen Lebensräume sind die Grundlage unserer sozialen,


wirtschaftlichen und kulturellen Existenz. Deswegen müssen diese in
erster Linie die Gestaltung der Wirtschaftsräume bestimmen, nicht die
Interessen des internationalen Finanzkapitals und nicht jene politischen
und wirtschaftlichen Akteure, die sich nicht ihren Völkern, sondern den
Shareholdern und den weltweiten Seilschaften von kosmopolitischen
Interessenvertretern verpflichtet fühlen.
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Die Wirtschaftsräume sollen eine organische, ineinander verschachtelte


Hierarchie bilden, gleichsam der konzentrischen Jahresringe eines
Baumes, in welcher jede neue Schicht jene Elemente zum Ganzen
hinzufügt, welche die inneren nicht abdecken können. Würde man diese
natürliche Struktur aufgeben, so wie die Globalisierungspolitik es will, so
wäre die Folge eine Zersetzung des fruchtbaren und lebensnotwendigen
Beziehungsdreiecks Arbeit-Kultur-Umwelt sowie jeder geographisch-
kulturell bestimmten Lebens- und Arbeitsgemeinschaft innerhalb des
Wirtschaftsgeschehens. Übrig bliebe dann nur ein wirtschaftlicher
Steinbruch, in dem sich das internationale Finanzkapital gemäß dem
"Gesetz der komparatiblen Kostenvorteile" produktionsfaktorenbedingte
Monokulturen heraushauen würde, um sie anschließend nach Belieben
ausbeuten und erpressen zu können. - Genau dieses unerfreuliche
Szenario entspricht der heutigen Tendenz im Rahmen der wirtschaftlichen
"Globalisierung".

Die Märkte sind die nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage in
ordnungspolitisch vorgegebenen Grenzen selbstregulierenden Systeme, in
deren Rahmen die gleichermaßen existenzsichernde wie gemeinschafts-
und kulturfördernde Arbeit in einem Gemeinwesen stattfinden kann.
Sie müssen, um die Wirtschafts- und Lebensräume in ihrer lebensnahen
Substanz erhalten zu können, räumlich begrenzt sein. Die räumliche
Begrenzung eines Marktes ist durch Vorteile der räumlich nahen
Wirtschaftstransaktionen gegenüber den räumlich fernen bedingt. Solche
Vorteile werden zwar durch die verkehrs- und kommunikationstechnische
Entwicklung tendenziell geringer. Allein aufgrund der kulturellen und
strukturpolitischen Kosten der Nivellierung von Lebens- und
Wirtschaftsräumen würden sie aber auch dann noch bestehen, wenn der
utopische Fall eintreten würde, daß sowohl die ökologischen und
gesundheitspolitischen als auch die energie- und rohstoffseitigen
Transportkosten auf Null sinken. Daß dieser Fall in der Tat utopisch ist,
beweisen die Ergebnisse zahlreicher Forschungsprojekte, wie etwa der
"Weltklimakonferenz" oder des "Clubs of Rome", aber natürlich auch die
derzeitige Entwicklung auf den Energie- und Rohstoffmärkten.

Der Staat hat die Aufgabe, die Identität und Integrität des Volkes und
seines Lebensraumes zu schützen. Dazu gehören Gestaltung und Schutz
der Wirtschaftsräume und Märkte durch die Wirtschafts- und
Raumordnungspolitik, die Währungs-, Finanz-, und Steuerpolitik etc. Zum
Schutz der Wirtschaftsräume und Märkte sind staatliche
Rahmenbedingungen in Form einer raumorientierten Marktordnung im
Inneren und eines angemessenen Außenschutzes nach außen erforderlich.
Zur Wahrnehmung dieser Aufgaben bedarf es eines starken und
souveränen Staates. Die staatliche Planungs- und Gestaltungshoheit muß
in allen Bereichen wiederhergestellt werden, zum Beispiel in der
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Währungs- und Finanzpolitik, in der Industriepolitik, in der Agrar-,


Lebensmittel- und Gesundheitspolitik, im Bereich des nationalen
Grenzregimes etc. Die auf Internationalisierung und internationale,
kapitalistische Kontrolle der Wirtschaft hinauslaufenden internationalen
Vereinbarungen, wie die EU- und GATT-/WTO-Verträge, müssen zum
frühest möglichen Zeitpunkt gekündigt und durch sinnvolle bilaterale
Handelsvereinbarungen ersetzt werden. In der Zwischenzeit müssen
Bestrebungen, durch weitere Fesselungsverträge, wie etwa den
berüchtigten MAI-Vertrag oder die sogenannte EU-Verfassung, die
nationalstaatlichen und regionalen Wirtschaftskompetenzen noch stärker
zu beschneiden, mit größter Entschlossenheit bekämpft werden.

Die durchwachsene, lebensnahe, humane, ökologisch und kulturell


verträgliche Wirtschaftsstruktur, welche das Ziel einer
raumorientierten Volkswirtschaftsordnung ist, setzt sich aus den oben
genannten Elementen zusammen. Sie entspricht der Aufgabe jeder
verantwortungsbewußten Politik, den inneren Zusammenhang zwischen
Einzelmensch, Sippe und Volk einerseits und Mensch und Umwelt
andererseits, oder kürzer: zwischen Mensch und Schöpfung, zu bewahren.

Insbesondere sollen die grundlegenden menschlichen Bedürfnisse,


wie Ernährung, Wohnung und Kleidung, soweit irgend möglich und
sinnvoll, in den heimat- und lebensnahen Wirtschaftsräumen abgedeckt
werden, damit diese Räume ihre vielfältige und durchwachsene Lebensart
und Arbeitskultur wie auch ihre ökologische Integrität erhalten und
entwickeln können.

Die Entwicklung und Produktion moderner Techniken mit


breitflächiger Verwendung, wie z.B. im Bereich der Energiegewinnung,
der Wiederverwertung von Stoffen (Recycling), der Umwelt- und
Biotechnologien, der sonstigen Verfahrenstechnologien, der Elektronik, der
Informationsverarbeitung, der Kommunikationstechnologie u.s.w., sollen
ebenfalls, soweit möglich, regional verteilt sein, damit die Kompetenzen
im Volk möglichst breit verankert sind, und eine an den Bedürfnissen der
Menschen und den natürlichen Gegebenheiten orientierte, intelligente,
vielseitige Entwicklung stattfinden kann.

Die Bereiche Großindustrie, Großtechnologie, Forschung, Lehre


und Information müssen sich zwar in überregionalen nationalen,
teilweise auch europäischen oder sogar weltweiten Wirtschaftsräumen
entwickeln. Im Gegensatz zum jetzigen Zustand darf dies aber kein
Selbstzweck werden. Der Grundsatz lautet auch hier: Nur was auf der
heimatlichen, regionalen, überregionalen u.s.w. Ebene nicht abdeckbar ist,
sollte auf die jeweils nächste Ebene verlagert werden.

Infrastrukturbereiche von existentieller nationaler Bedeutung, wie


z.B. das Postwesen, die festen Einrichtungen im Fernmeldenetz, die
Straßen-, Schienen- und Wasserwege, das Energieversorgungsnetz, die
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zentralen Energieversorgungsanlagen, die Anlagen und Verbindungen der


Trink- und Abwasserwirtschaft, müssen grundsätzlich unter
nationalstaatlicher Kontrolle bleiben bzw. dahin zurückgeführt werden.
Soweit solche Einrichtungen bereits privatisiert worden sind, müssen sie in
den Besitz von Bund, Ländern, Gemeinden oder öffentlich-rechtlichen
Körperschaften zurückgeführt werden. - Diese Forderung schließt nicht
aus, daß auf der Basis der im staatlichen oder öffentlich-rechtlichen Besitz
befindlichen Einrichtungen privatwirtschaftliche Dienstleistungen
angeboten werden können. So wäre zum Beispiel eine auf Netze und
Vermittlungseinrichtungen beschränkte staatliche Betreibergesellschaft für
das Fernmeldewesen denkbar, wobei im Bereich der Fernmeldedienste
privatwirtschaftliche Anbieter tätig werden könnten.

Eine moderne Technologiepolitik wird durch die raumorientierte


Volkswirtschaftsordnung nicht etwa behindert, sondern gefördert. Denn
erstens hängen die schöpferischen Fähigkeiten der Menschheit
grundsätzlich nicht von der Zusammenballung aller Potentiale, sondern
von der Vielfalt der völkischen und kulturellen Nischen ab. Zweitens
begünstigt die weit fortgeschrittene moderne Technik in hohem Maße
gerade die dezentralen innovativen Entwicklungsbestrebungen. Dies gilt
für Entwicklungen im Bereich der regenerativen Energien genau so wie für
die Biotechnik, die Entwicklung von elektronischen Schaltungen, Software
und vieles mehr. Die kleine, in der Region lebende und arbeitende
Entwicklungsgemeinschaft ist in vielen Bereichen geradezu zum
Prototypen für den technischen Fortschritt geworden. Wenn sich dieses
"Entwicklungsbiotop" inmitten einer wirtschaftlich, handwerklich und
technisch durchwachsenen, vielseitigen Region befindet, findet es ein
geradezu ideales Umfeld vor und erhält die für schöpferische, innovative
Tätigkeiten wertvollsten Impulse aus entsprechenden fachlichen wie
sozialen Querverbindungen.
In der raumorientierten Volkswirtschaftsordnung wird gerade die
schöpferische Intelligenz stärkste Förderung erfahren. Dies wird aber nicht
nur und nicht einmal vorwiegend durch die Förderung zentraler
Forschungs- und Technologiepotentiale, sondern vielmehr durch eine
intelligente Vernetzung aller kreativen, genialen Persönlichkeiten und
Personengemeinschaften im Volk geschehen, und zwar unter Beachtung
und Bewahrung ihrer heimatlichen, regionalen und landsmannschaftlichen,
kulturellen Verankerung. Überflüssig zu erwähnen, daß die moderne
Informations- und Kommunikationstechnik eine solche Vernetzung in
geradezu überwältigender Weise begünstigt. - Selbstverständlich erstreckt
sich diese Vernetzung auch über die Landesgrenzen hinweg, was aber
nach dem weltanschaulichen Sieg eines neuen natürlichen Kultur- und
Nationalbewußtseins über den gegenwärtigen kapitalistischen,
kosmopolitischen Wahnsinn nicht mehr zur Zersetzung der eigenen
kulturellen Lebensgrundlagen, sondern im wahrsten Sinne des Wortes zur
Völkerverständigung führen wird.
Im übrigen wird durch den technischen Fortschritt in allen Bereichen eine
Verstärkung eigenwirtschaftlicher Aktivitäten, angefangen bei der
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Wirtschaftseinheit Familie, tendenziell begünstigt. Dies gilt es, zu


erkennen und im Sinne der raumorientierten Volkswirtschaft umzusetzen.

Die raumorientierte Dezentralisierung der Wirtschaft muß mit einer


entsprechenden breiten Streuung der unternehmerischen Initiative sowie
des Eigentums am Produktivvermögen einhergehen.

Die Dominanz der Finanzmärkte muß gebrochen werden, und zwar


zugunsten der unmittelbar unternehmerisch Verantwortlichen, der am
Arbeitsprozeß Beteiligten und der Belange des sozioökonomischen und
kulturellen Umfeldes der Arbeit.
Das Aktiengesetz ist nach dem Prinzip "Eigentum verpflichtet"
dahingehend zu ändern, daß der Erwerb von Aktienpaketen maßgeblicher
Größe, z.B. Schachtelanteile, nur für physische oder juristische Personen
möglich ist, die eine besondere Gewähr dafür bieten, sich zu der
volkswirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Verantwortung des
Unternehmens zu bekennen und stets in diesem Sinne zu handeln. Hierfür
sind entsprechende Qualifikationsverfahren einzuführen.
Die Arbeitnehmerbeteiligung am Produktivvermögen, etwa durch die
Ausgabe von Belegschaftsaktien, zum Beispiel als Entgelt für besondere
Leistungen bzw Überleistungen, muß erweitert und auf eine verbesserte
gesetzliche Grundlage gestellt werden. Gleichzeitig müssen die
Anforderungen an die Treue und Loyalität der Mitarbeiter zum
Unternehmen ebenfalls erhöht werden.

Das kapitalistische Gewinnprinzip ist der Hauptgegenstand nationaler


Kapitalismuskritik, und zwar wegen seiner Pervertierung zu einem reinen
Vehikel des schrankenlosen Verdrängungswettbewerbs und seiner dadurch
bedingten beschleunigenden Wirkung auf den wirtschaftlichen
Konzentrationsprozeß und die Globalisierung. Im Laufe der Entwicklung
zur raumorientierten Volkswirtschaftsordnung wird dieses Prinzip einem
fundamentalen Wandel unterworfen werden, im Zuge dessen es auf
seinen eigentlichen, volkswirtschaftlich vertretbaren Sinn und Zweck
zurückgeführt werden soll.
Wir sprechen hier vom Gewinn als Differenz zwischen der Summe aller
Erlöse und der Summe aller Kosten, einschließlich aller Lohnkosten, eines
Unternehmens. Dieser Gewinn kann schon aus leicht verständlichen
logischen Gründen nicht dauerhaft bei allen Unternehmen positiv sein,
weil dies ja bedeuten würde, daß die Unternehmen ständig mehr Kaufkraft
vom Markt abschöpfen als sie in Form von Löhnen und anderen
Faktorkosten erzeugen. Etwa wie wenn in den Knotenpunkten eines
Rohrsystems ständig mehr zu- als abfließen würde.
Den zeitweiligen Gewinnen bei einigen Unternehmen müssen also bei
anderen zeitweilige Verluste gegenüberstehen. Unternehmen, die ständig
Verluste machen, verschwinden vom Markt, und deren Arbeitnehmer
werden möglicherweise arbeitslos. Die Gewinne der anderen Unternehmen
werden aber kapitalisiert, und mit Hilfe dieses Kapitals werden
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Investitionen getätigt, durch welche die Arbeitslosen wieder Arbeit finden


können. So sieht der Kreislauf schematisch aus. Es handelt sich um einen
Ausgleichsmechanismus, einen Regelkreis. Gewinne und Verluste
signalisieren an sich ein Ungleichgewicht, das aber in einer
Marktwirtschaft mit funktionierender Währung dynamisch - das heißt:
ständig, zu jedem Zeitpunkt - durch den Kapitalkreislauf ausgeglichen
wird.

Das heutige kapitalistische Gewinnprinzip, wonach nur Unternehmen, die


dauernd Gewinn machen, überhaupt noch eine Existenzberechtigung
haben, ist also in einer stabilen Volkswirtschaft auf die Dauer gar nicht
möglich. Es kann nur vorübergehend durchgesetzt werden, und zwar in
einem Prozeß des rücksichtslosen Verdrängungswettbewerbs, der die
gesamte gewachsene ökonomische Vielfalt des Landes vernichtet, einen
Großteil der inländischen Bedarfsdeckung auf Importe umstellt und von
der eigenen Wirtschaft am Ende nur wenige, von der Gesellschaft
weitgehend abgekoppelte Industrie- und Handelskonzerne überleben läßt.
Wenn alle wirtschaftlichen Feinstrukturen geschleift sind, hört der Prozeß
auf – und damit auch die Möglichkeit, Profit zu machen. Wenn zudem die
sogenannten komparativen Kostenvorteile der verbliebenen,
spezialisierten binnenländischen Wirtschaft gegenüber anderen Ländern
aus irgendwelchen Gründen wegfallen, wird das Land jegliche Attraktivität
als „Wirtschaftsstandort“ verlieren, Kapital und Unternehmen werden
„abwandern“ und das Land wird in eine Agonie von Armut und
Verwahrlosung verfallen.
In einer raumorientierten Wirtschaftsordnung wird dieser Todesprozeß
beendet werden, und zwar indem die Diktatur der Hochfinanz gebrochen
und die kapitalistische Einebnung der Volkswirtschaft gestoppt wird.

DAS KAPITAL. Da das Geldkapital, wie gerade geschildert, als eine Art
Ausgleichsglied zur Umwidmung (Reallokation) von Ressourcen zwischen
unterschiedlich ausgelasteten und prosperierenden Teilen einer Wirtschaft
fungiert, stellt es ein unverzichtbares Element zur Erhaltung der
sozioökonomischen Integrität einer Volkswirtschaft oder der Wirtschaft
einer Region dar.
Ich sage aber vorneweg: Damit das Kapital diese Aufgabe überhaupt
wahrnehmen kann, muß es wieder national werden und unter stärkste
nationalstaatliche Kontrolle gestellt werden. Das Kapital ist Eigentum des
Volkes, nicht der Kapitalisten. Diese haben es lediglich nach den politisch
vorgegebenen Spielregeln zum Wohle der Allgemeinheit zu verwalten.

In Deutschland nehmen auf regionaler Ebene traditionell vor allem die


öffentlich-rechtlichen Sparkassen und die Genossenschaftsbanken (Volks-
und Raiffeisenbanken) die Aufgabe als Pumpe im Geldkreislauf wahr, und
zwar als regionale Universalbanken, also als Geldsammelstellen und
Kreditgeber für alle wirtschaftlichen Aktivitäten in der Region, vom
einzelnen Familienhaushalt, über Landwirtschaftsbetriebe, kleine
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Handwerksbetriebe und Handelsbetriebe bis hin zu Gemeinden und


größeren mittelständischen Betrieben. So tragen sie entscheidend dazu
bei, die regionalen Kapitalkreisläufe und damit die sozioökonomische
Konsistenz der Regionen aufrecht zu erhalten.
Diese Institute geraten heute gerade wegen ihrer regionalen Verankerung
immer stärker unter Druck, und zwar durch internationale Regelungs-
und Interventionsmaßnahmen, die erklärtermaßen dazu dienen sollen, die
Eigenständigkeit der regionalen Kapitalkreisläufe zugunsten der
internationalen Kapitalmärkte zu schwächen. Stichworte: Europäische
Union und BASEL II.
Wenn die EU-Kommission von der BRD zum Beispiel die Abschaffung der
sogenannten Gewährsträgerhaftung und der Anstaltslast für die öffentlich-
rechtlichen Banken fordert, so bezweckt sie natürlich eine stärkere
Beteiligung von überregionalen und ausländischen Geldinstituten am
regionalen Geldkreislauf. Sie tut dies nicht etwa, um die Kapitalversorgung
in Deutschland zu verbessern, sondern vielmehr aus demselben Grund,
aus dem sie auch die Öffnung aller anderen Märkte fordert, nämlich um
deren teilweise eigenständigen Charakter möglichst zu beseitigen und sie
zu einem größeren Markt zu verschmelzen.
Dies kann vorübergehend einen Vorteil für prosperierende Regionen
bedeuten, die Kapital und Ressourcen an sich ziehen. Für schrumpfende
Regionen hingegen, deren Ökonomie sehr stark an überregionaler
Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt hat, führt es zur Schwächung des
regionalen Kapitalkreislaufs und damit zur Schwächung der
Kreditversorgung für regionale Vorhaben und Projekte. Das ist eine
zwangsläufige Folge aus der Verwendung überregionaler und zunehmend
internationaler Bonitätskriterien und Vergleichsmaßstäbe der Banken bei
gleichzeitiger mangelnder Wettbewerbsfähigkeit der implodierenden
Regionen. Durch die Abkopplung vom Kapitalkreislauf wird die Entleerung
und Strukturverarmung dieser Regionen weiter beschleunigt, was ihre
Wettbewerbsfähigkeit zusätzlich schwächt und so weiter. Der
Implosionsprozeß erhält eine verhängnisvolle positive Rückkopplung, das
heißt, er wird zum Teufelskreis.
Die in der politisch-ökonomischen Diskussion und Praxis dominierende
monetaristische Lehre bedeutet die Trennung von gesellschaftlichem
Kontext und Geldkapital und die Erhebung von letzterem zu einem
eigenständigen übergesellschaftlichen, übernationalen und überstaatlichen
Machtfaktor. Dadurch wird nicht nur die Akzeptanz, sondern auch schon
das reine Verständnis für die grundlegende Funktion des Kapitals zur
Erhaltung von Eigenvernetzung und Identität der sozioökonomischen
Gemeinschaften – und damit der Gesellschaften - immer mehr
geschwächt. Man beklagt zwar unter Umständen den Verfall von alten
gewachsenen Regionen und Kulturlandschaften, erkennt aber nicht, daß
dieser Verfall geradezu Sinn und Zweck der absoluten Kapitalfreiheit, also
der Entkopplung des Kapitals von der Gesellschaft ist. Denn dadurch
sollen ja bei der Ressourcenallokation gerade nicht die im
gesellschaftlichen, sozioökonomischen Kontext sinnvollsten Objekte,
15

sondern vielmehr die im Augenblick im Sinne des Kapitals rentabelsten


bedacht werden, und zwar im Extremfall weltweit. Jedes Bestreben,
entgegen dieser Entwicklung die Interessen der Gesellschaft über die des
entnationalisierten, von jeder gesellschaftlichen Bindung befreiten Kapitals
zu stellen, bedeutet einen schweren Zielkonflikt, der aber aus dem
öffentlichen Bewußtsein weitgehend ausgeblendet wird, weil Kritik am
herrschenden Kapitalverständnis tabuisiert ist und die Bedeutung des
nationalen Kapitalkreislaufs für die Integrität unserer gesellschaftlichen,
sozioökonomischen Grundlagen kaum eine Rolle in der politisch-
ökonomischen Diskussion spielt, zumindest nicht soweit diese öffentlich
geführt wird.
Dabei ist diese Bedeutung sehr einfach zu verstehen. Beispiel: Wenn in
einem Land Kapital entsteht, so ist dies in der Regel eine Folge davon, daß
in diesem Land ein gewisses ökonomisches Ungleichgewicht vorherrscht,
zu dessen Behebung das entstandene Kapital dienen sollte. Dadurch
schließt sich gewissermaßen ein Regelkreis. Wird zum Beispiel weniger
konsumiert, steigt die Sparquote und damit das verfügbare Kapital.
Gleichzeitig kommt es unter Umständen zu Entlassungen und zur
Arbeitslosigkeit, weil die Kapazitäten nicht ausgelastet sind. Das
entstandene Kapital und die entstandene Arbeitslosigkeit sind also Folgen
des gleichen Ungleichgewichts. Sie stehen in einem gemeinsamen
logischen und funktionalen Zusammenhang. Wenn das System, sprich die
Volkswirtschaft, im systemtechnischen Sinne stabil, also zur dynamischen
Selbstregulierung fähig sein soll, müssen die beiden Folgen des
Ungleichgewichts, die Arbeitslosen und das Kapital, im Sinne des
Systemganzen zusammenwirken, um ein neues Gleichgewicht
wiederherzustellen. Das heißt: das Kapital muß in der eigenen
Volkswirtschaft zur Umwidmung der freigestellten Kapazitäten eingesetzt
– investiert - werden.
Ein weiteres Beispiel: Wenn Unternehmen Gewinne machen, schöpfen sie
mehr Geld aus dem Geldkreislauf ab, als sie in Form von Faktorkosten,
vor allem Löhnen, in den Kreislauf hineinpumpen. Bei anderen
Unternehmen verhält es sich umgekehrt. Damit liegt ebenfalls ein
Ungleichgewicht vor. Aus den Gewinnen entsteht aber Geldkapital, dessen
Aufgabe es gerade ist, das Gleichgewicht durch Investitionen
wiederherzustellen.
Die Internationalisierung des Kapitals und der Regeln für die
Kapitalmärkte dient grundsätzlich dazu, diese sozioökonomische Bindung
des Kapitals aufzulösen. Das trifft, wie bereits erwähnt, verschiedene
Regionen und Länder unterschiedlich: Jene, die aus irgendwelchen
Gründen für Investoren gerade besonders attraktiv sind, ziehen Kapital
an. Strukturschwache Länder und Landesteile hingegen verlieren
zunehmend ihre Fähigkeit zur Regenerierung aus eigener Kraft, weil diese
Erneuerung eben durch Umwidmung von redundant gewordenen oder
brachliegenden Ressourcen mittels eines zumindest teilweise
eigenständigen Kapitalkreislaufs erfolgen müßte.
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Deswegen ist es im Zusammenhang mit der Problematik von


implodierenden Gesellschaften und Bevölkerungen unabdingbar, sich auch
mit der Entwicklung der Kapitalmärkte kritisch auseinanderzusetzen.
• Die erste Forderung ist dabei die Wiederherstellung eines
autonomen nationalen Währungsraumes, in dem der nationale
Kapitalkreislauf gewährleistet ist.
• Die zweite Forderung, die ebenso wichtig ist, ist die Aufhebung der
Kapitalfreiheit und die Einführung einer
Devisenbewirtschaftung. Das Kapital bildet die Schwankungen des
gesellschaftlichen – nationalen und regionalen – Wirtschaftsgefüges ab
und gehört deswegen auch jener regional gegliederten soziokulturellen
und sozioökonomischen Solidargemeinschaft, die wir Volk oder Nation
nennen.
Oder kürzer: Das Kapital ist seiner Natur und seiner Aufgabe nach
national und muß es auch de facto werden!

Das sind die mittel- oder langfristigen Maßnahmen,


aber auch viele kurzfristige Maßnahmen sind zur Abwehr des derzeit
rollenden Angriffes auf die nationalen Wirtschaftsräume und Kapitalmärkte
unbedingt erforderlich. Dazu gehören zum Beispiel:

• Die Sicherung des öffentlich-rechtlichen Bankensystems. Sicherstellung


der ausschließlichen direkten oder indirekten Trägerschaft für die
Sparkassen und Landesbanken durch Kommunen beziehungsweise
Länder; Wiederherstellung der Gewährsträgerhaftung und der
Anstaltspflicht durch die öffentlichen Träger; Verhinderung der
Privatisierung;

• Die Einschränkung der Anwendung von Basel II durch die Verpflichtung


der öffentlich-rechtlichen Banken, vorrangig den regionalen
Kapitalbedarf und Kapitalkreislauf zu bedienen; Maßstab für den Einsatz
regionaler Gelder müssen in erster Linie der nationale und regionale
Kreditbedarf und die im Lande erzielbaren Sicherheiten, nicht die
internationalen Kreditmarktverhältnisse sein. Die Anwendung
internationaler Bonitätskriterien würde nur dann einen Sinn machen,
wenn ein internationaler Kapitaleinsatz als Alternative zur regionalen
oder nationalen in Frage käme. Das sollte aber bei den Sparkassen
nicht der Fall sein.

• Verhinderung, daß die Umstellung von nationalen auf internationale


Rechnungslegungsstandards, die sogenannten International Financial
Reporting Standards (IFRS), zum buchhalterischen Verlust des
Eigenkapitals und zur entsprechenden Ausweitung des Fremdkapitals in
den Bilanzen von mittelständischen Unternehmen führt. In Deutschland
sind von diesen Regelungen Hunderttausende von GmbH’s und
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GmbH&Co KG’s, aber auch rund 1.350 Volks- und Raiffeisenbanken


potentiell betroffen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung spricht in
diesem Zusammenhang in ihrer Wirtschaftsberichtserstattung von
einem „Gift-Standard“ und kommentierte: „Kommt es hier nicht zu
einer Anpassung, stehen diese Unternehmen angesichts der
Bonitätsregeln auf dem Kapitalmarkt und der Beurteilung nach Basel-II-
Kriterien vor einer dramatischen Schlechterstellung“.
Wie bei Basel II geht es auch hier um den Vergleichsmaßstab für die
Kreditwürdigkeit. Die primäre Aufgabe des nationalen Kapitals, das
heißt der auf dem deutschen Kapitalmarkt gesammelten Gelder, ist die
Aufrechterhaltung der nationalen Volkswirtschaft und ihrer
sozioökonomischen Basis im ganzen Bundesgebiet. Deswegen müssen
in erster Linie die national und regional herrschenden Verhältnisse
hinsichtlich Eigenkapital und Bonität zum Maßstab für die
Unternehmensbeurteilung (das Rating) und die Kreditgewährung
verwendet werden.

Liebe Zuhörer, Kameradinnen und Kameraden!


Die Wirtschaft ist unser Schicksal. Denn sie hängt mit Gesellschaft, Volk
und Nation, Sprache, Identität und Heimatgefühl, Alltagskultur, sozialer
und verwaltungsmäßiger Stabilität aufs Engste zusammen.

Es ist kein Zufall, daß gerade im wirtschaftlichen Bereich heute der


Generalangriff gegen freie Völker und souveräne Staaten geführt wird.
Durch die Vernichtung der sozioökonomischen Eigenständigkeit von
Ländern und Regionen verlieren diese auch ihre Fähigkeit zum
selbstbestimmten Handeln, wodurch auch die Bürger in der Praxis ihre
demokratischen Mitbestimmungsrechte verlieren. Denn wer in einem
handlungsunfähigen Gemeinwesen lebt hat seine demokratischen Rechte
nur auf dem Papier.

Aber am schlimmsten wirkt sich der kapitalistische Globalisierungsangriff


auf die Wirtschaft dadurch aus, daß diese ihre durchwachsene, sozial
verankerte Vielfalt verliert und damit auch die Fähigkeit, die ganze
Bevölkerung in den sozioökonomischen Prozeß mit einzubeziehen. Statt
einer vielseitigen Volkswirtschaft, die die Schaffenskraft des gesamten
Volkes in allen Leistungsklassen und Ausprägungen widerspiegelt,
bekommen wir einen Standort der globalisierten Wirtschaft, an dem
wenige spezialisierte Industrie- und Dienstleistungsbereiche immer
weniger Menschen beschäftigen. Die anderen bleiben außen vor und sind
somit aus dem sozioökonomischen Prozeß gleichsam ausgeschlossen.
Damit können sie aber auch keine Steuern und keine Sozialbeiträge
zahlen. Der Staat wird finanziell handlungsunfähig. Die Transfersysteme
brechen zusammen. Die durch ein falsches Menschenbild und einen
pervertierten Familien- und Volksbegriff ohnehin stattfindende
Bevölkerungsimplosion wird durch die wirtschaftliche Strukturverarmung
noch beschleunigt. Die Menschen verlassen die wirtschaftlich
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implodierenden Regionen. Ganze Landesteile verwahrlosen. Verlassenes


Land, verlorenes Land!

Kameradinnen und Kameraden, diese Entwicklung muß um jeden


Preis gestoppt werden!
Die Not kennt kein Gesetz, weder das sogenannte Europäische
Wettbewerbsrecht, noch die im EU-Vertrag festgeschriebene
Kapitalfreiheit, noch die Handelsvereinbarungen der
Welthandelsorganisation (WTO).

Wenn Land und Volk sterben, weil ihre sozioökonomische Grundlage, die
nationale Arbeit, durch das internationale Kapital systematisch vernichtet
wird, brauchen wir nicht weniger als eine politisch-ökonomische
Revolution.
Diese wird kommen, und sie wird mit einem neuen ökonomischen
Paradigma einhergehen, eben der

Raumorientierten Nationalen Volkswirtschaft!

Damit bin ich am Ende meines Vortrages. Ich danke für Eure
Aufmerksamkeit.