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Oriana Fallaci

DIE KRAFT DER VERNUNFT


3
2007, Berlin: List Taschenbuch

KAPITEL 9

Ich bin ein christliche Atheistin. Ich glaube nicht an das, was wir mit den
Terminus Gott bezeichnen. Das habe ich schon in meiner ersten
»Armillarsphäre« geschrieben. Seit dem Tag, an dem ich merkte, dass ich daran
nicht glaubte (was ziemlich früh war, nämlich als ich als junges Mädchen
begann, mich mit den schrecklichen Dilemma »Gibt es Gott denn oder gibt es
ihn nicht« herumzuschlagen), denke ich, dass Gott von den Menschen
erschaffen wurde und nicht umgekehrt. Ich denke, dass die Menschen ihn aus
Einsamkeit, Ohnmacht und Verzweiflung erfunden haben. Also um eine
Antwort zu geben auf das Geheimnis der Existenz, um die unlösbare Fragen
abzumildern, die das Leben uns ins Gesicht schleudert … Wer sind wir, woher
kommen wir, wohin gehen wir. Was war vor uns und diesen Welten, Milliarden
von Welten, die mit so viel Präzision im Universum kreisen. Was wird danach
sein … Ich denke, dass Gott auch aus Schwäche erfunden wurde, das heißt aus
Furcht zu leben und zu sterben. Leben ist sehr schwierig, Sterben ist immer
bedauerlich, und die Vorstellung eines Gottes, der dabei hilft, die beiden
Unternehmungen durchzustehen, kann einem unendlich viel Erleichterung
verschaffen: Das verstehe ich gut. In der Tat beneide ich die, die glauben.
Manchmal bin ich regelrecht eifersüchtig auf sie. Das geht jedoch nicht so weit,
dass der Verdacht und damit die Hoffnung in mir reift, dass es diesen Gott gibt.
Dass er bei all den Milliarden von Welten die Zeit und die Fähigkeit hat, mich
aufzuspüren, sich mit mir zu befassen. Also schlage ich mich alleine durch. Fast
als genügte das noch nicht, ertrage ich auch die Kirchen kaum. Ihre Dogmen,
ihre Macht. Und mit den Pfaffen verstehe ich mich schlecht. Sogar wenn es sich
um intelligente oder unschuldige Menschen handelt, gelingt es mir nicht zu
vergessen, dass sie im Dienst jener Macht stehen, und es kommt immer der
Augenblick, in dem sich mein angeborener Antiklerikalismus wieder durchsetzt.
Dann lächle ich dem Gespenst meines Großvaters zu, der ein Anarchist des 19.
Jahrhunderts war und sang: »Mit dem Gedärm der Pfaffen werden wir die
Könige hängen.« Dennoch, ich wiederhole es, bin ich Christin.
Ich bin es, obwohl ich verschiedene Gebote des Christentums ablehne.
Zum Beispiel das, die andere Wange hinzuhalten, zu verzeihen. (Ein Fehler, der
nur Gemeinheit ermutigt und den ich nicht begehe.) Ich bin es, weil mir der
Diskurs, der dem Christentum zugrunde liegt, gefällt. Er überzeugt mich. Er
verführt mich so sehr, dass ich keinerlei Widerspruch zu meinem Atheismus und
meinem Laizismus darin erkenne. Die Rede ist selbstverständlich von Jesus von
Nazareth, nicht von dem, was die Katholische Kirche und auch die
protestantischen Kirchen mit ihren Verzerrungen und Verfälschungen daraus
gemacht haben. Ich meine den Diskurs, der sich jenseits aller Metaphysik auf
den Menschen konzentriert. Der den freien Willen anerkannt, also an das
Gewissen des Menschen appelliert, womit er uns für unsere Taten
verantwortlich macht. Ich sehe in diesem Diskurs eine Hymne an die Vernunft,
an den Verstand. Und da es dort, wo der Verstand herrscht, Wahlmöglichkeiten
gibt, und dort wo es Wahlmöglichkeiten gibt, Freiheit herrscht, sehe ich darin
die Überwindung des Gottes, den die Menschen aus Einsamkeit, Ohnmacht,
Verzweiflung, Schwäche, Furcht zu leben und zu sterben erfunden haben. Ich
sehe den abstrakten, allmächtigen, erbarmungslosen Gott fast aller Religionen
abtreten. Zeus, der die Menschen mit seinen Blitzen einäschert, Jahwe, der sie
mit seinen Drohungen und seinen Racheakten erpresst, Allah, der sie mit seinen
Grausamkeiten und seinen Torheiten, unterwirft. Und anstelle dieser
unsichtbaren, unberührbaren Tyrannen eine Idee, die niemand je zuvor gehabt
oder jedenfalls nie verbreitete hatte. Die Idee des Gottes, der Mensch wird, also
die Idee des Menschen, der Gott wird, Gott seiner selbst. Ein Gott mit zwei
Armen und zwei Beinen, ein Gott aus Fleisch und Blut, der durchs Land zieht
und Seelenrevolution macht oder zu machen versucht. Der von einem Schöpfer
im Himmel spricht (wer würde ihm sonst zuhören, wer würde ihn verstehen?),
sich als dessen Sohn ausgibt und erklärt, dass alle Menschen seine Brüder seien,
demnach ihrerseits Kinder jenes Gottes und in der Lage, ihr göttliches Wesen zu
leben. Es zu leben, indem sie das Gute predigen, das eine Frucht der Vernunft,
der Freiheit ist, indem sie Liebe geben, die eher ein Vernunftschluss als ein
Gefühl ist. Ein Syllogismus, ein Enthymem, aus dem du folgerst, dass Güte
Intelligenz bedeutet und Bosheit Schwachsinn. Ein Gott schließlich, der das
ethische Drama als Mensch angeht. Mit dem Hirn eines Menschen, dem Herzen
eines Menschen, den Gesten eines Menschen, und von wegen Milde! Von
wegen Milde, Zärtlichkeit, »lasset die Kindlein zu mir kommen«! Wie ein Mann
verprügelt er die Pharisäer und die Rabbiner, der die Religion vermarkten. Wie
ein Mann geht er das Thema des Laizismus an: »Gibt dem Kaiser, was des
Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.« Wie ein Mann hält er die Feiglinge auf,
die die Ehebrecherin steinigen wollen: »Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten
Stein.« Wie ein Mann wettert er gegen die Sklaverei, und wer hatte je gegen die
Sklaverei gewettert?!? Wer hatte je zuvor gesagt, dass die Sklaverei
unannehmbar, unzulässig, unvorstellbar sei? Kurz, er schlagt sich wie ein Mann.
Er quält sich, plagt sich, irrt sich, leidet, sündigt auch, und zuletzt stirbt er. Ohne
zu sterben, denn das Leben stirbt nicht. Es wird immer geboren, wird immer
wieder auferstehen, ist ewig. Und neben dem Diskurs über die Vernunft ist die
Vorstellung des Lebens, das nicht stirbt, der Punkt, der mich am meisten
überzeugt. Den ich am verführerischten finde. Denn ich sehe darin die
Ablehnung des Todes, die Apotheose des Lebens. Die Leidenschaft für das
Leben, und das Gegenteil von Leben ist das Nichts. Die Grundsätze letztendlich,
auf denen unsere Kultur beruht.

Heute Morgen habe ich den berühmten Aufsatz wieder gelesen, den
Benedetto Croce 1942 veröffentlichte: »Warum wir nicht sagen können dass wir
keine Christen sein.« (Ja, und zur Schande der Professoren, die den
»Leuchtturm« verherrlichen, heißt es dort: »Die lange glorreiche Epoche, die
das Mittelalter genannt wurde, vervollständigte die Christianisierung der
Barbaren und belebte die Verteidigung gegen den Islam, der für die europäische
Zivilisation so bedrohlich ist.«) Zwei Dinge beeindrucken mich an diesem
Aufsatz zutiefst: das lapidare Urteil, mit dem er das rühmt, was ich
Seelenrevolution nenne, und der Nachdruck, mit dem er behauptet, dass alle
späteren Revolutionen von dieser abgeleitet sind. »Das Christentum war die
größte Revolution, die die Menschheit je erlebt hat. Keine andere kann sich
damit messen. Im Vergleich wirken sie alle begrenzt.« Übrigens braucht man
nicht auf Croce zurückzugreifen, um sich klarzumachen, dass es ohne
Christentum keine Renaissance, keine Aufklärung und nicht einmal die
Französische Revolution gegeben hätte, die trotz ihrer Ungeheuerlichkeiten aus
der Achtung vor den Menschen entstand und in diesem Sinne etwas Positives
hinterlassen oder angestoßen hat. Auch den Sozialismus oder besser gesagt, das
sozialistische Experiment hätte es nicht gegeben. Es ist absolut katastrophal
gescheitert, hat aber, wie die Französische Revolution, etwas Positives
hinterlassen oder angestoßen. Und noch viel weniger hätte es den Liberalismus
gegeben. Den Liberalismus, der unvermeidlich die Grundlage einer zivilen
Gesellschaft bilden muss und den heute jeder akzeptiert oder zu akzeptieren
vorgibt. (Verbal sogar die unverbesserlichen Ex- und Neo-Kommunisten).
Meiner Meinung nach hätte es nicht einmal den längst verstorbenen Feminismus
gegeben, und deshalb sage ich dir: Wenn man die schönen Märchen über die
Wunder und die Auferstehung im Fleische abzieht, den katholische Überbau
weglässt, die doktrinären Fesseln sprengt und das Christentum auf das geniale
Idee des strahlenden Nazareners zurückführt, so ist es wahrhaftig eine
unwiderstehliche Provokation. Eine sensationelle Wette des Menschen mit sich
selbst. Und damit sind wir bei der Schuld der Katholischen Kirche angelangt, da
sie ja den Dreierbund anführt, den Islam begünstigt und ihm Wohltaten erweist
und sich auf diese Weise zur Hauptverantwortlichen für die Katastrophe, die wir
gerade erleben, gemacht hat und macht.
Denn mehr noch als auf die Invasion unseres Territoriums, die Zerstörung
unserer Kultur, die Auslösung unserer Identität hat der Islam darauf abgesehen,
diese unwiderstehliche Provokation zu vereiteln. Diese sensationelle Wette.
Weißt du, wie? Durch ideologischen Diebstahl. Indem er das Christentum an
sich reißt, es sich einverleibt, es im Gewand eines heruntergekommenen
Abkömmlings präsentiert und Jesus Christus als »einen Propheten Allahs«
bezeichnet. Einen Propheten zweiter Klasse noch dazu, der Mohammed so weit
unterlegen ist, dass dieser beinahe sechshundert Jahre später noch einmal von
vorne anfangen musste. Die Gespräch mit dem Erzengel Gabriel über sich
ergehen lassen und, leider, den Koran schreiben musste. Um unseres Jesus von
Nazareth besser habhaft zu werden, bestreiten die muslimischen Theologen
sogar, das er gekreuzigt wurde. Sie verpflanzen ihn in ihr Djanna, wo er wie ein
Trimalchio essen, wie ein Säufer trinken, wie ein Sexbesessener vögeln soll.
Dan urteilen sie: Der Ärmste, auf seine Weise hat er Allahs Wort ja verkündet,
aber seine niederträchtigen Jünger nannten Christentum, was in Wirklichkeit
schon Islam war, sie verfälschten, was er gesagt hatte, und … Nun gut, sie haben
es auch darauf abgesehen, das Judentum an sich zu reißen. Wenn sie behaupten,
Abraham sei der ersten Prophet des Islam gewesen, so fällt der alte Abraham als
Israels Stammvater weg. (Und selbstverständlich würde ich das, wäre ich Jüdin,
kein bisschen bedauern. Meiner Ansicht nach ist es gar nicht schade um einen
Stammvater, der zum Ruhme Gottes sein eigenes Kind abstechen will.) Was
Moses betrifft, so wird zu ihm ein Schwindler, der mit den Schlauchboten der
albanischen Mafia übers Rote Meer fährt. Ein Scharlatan, der ins Gelobte Land
kommt, um Arafat hereinzulegen, seinen Rivalen in der Liebe oder was weiß
ich. Doch das Judentum verteidigt sich mit Klauen und Zähnen gegen diese
Absichten. Die Katholische Kirche nicht. Oh, die Katholische Kirche weiß
genau, dass Christus, nach muslimischer Lesart, an einem Schnupfen gestorben
ist und dass er sich im Djanna mit den Uris verlustiert. Sie weiß genau, dass die
muslimischen Theologen diesen ideologischen Diebstahl schon immer begangen
haben, im Christentum schon immer einen fehlgeschlagenen Islam gesehen
haben. Sie weiß genau, dass der islamische Imperialismus seit jeher davon
träumt, Europa zu unterwerfen, weil Europa nicht nur wohlhabend und hoch
entwickelt und wasserreich ist, sondern auch die Wiege des Christentums.
(Inzwischen zwar manipuliert, verzerrt, verraten, was du willst, aber
Christentum bleibt Christentum.) Sie weiß genau, dass Karl Martells Franzosen
die bis nach Poitiers vorgedrungenen Mauren ohne den Gekreuzigten niemals
besiegt hätten. Dass die Spanier Ferdinands von Aragon und Isabellas von
Kastilien ohne den Gekreuzigten niemals Andalusien zurückerobert hätten, die
Normannen niemals Sizilien befreit hätten, Zar Iwan der Große niemals den
zweieinhalb Jahrhunderten mongolischer Herrschaft ein Ende gesetzt hätte. Sie
weiß genau, dass wir ohne den Gekreuzigten niemals die zweite Belagerung
Wiens durchbrochen, niemals die fünfhunderttausend Osmanen Kara Mustafas
zurückgedrängt hätten. (Heiligkeit, bei der Verteidigung Wiens im Jahre 1683
waren auch die Polen dabei, erinnern Sie sich? Aus Warschau gekommen unter
der Führung des heldhaften Königs Johann Sobieski. Und erinnern Sie sich, was
Sobieski vor de Schlacht rief? Er rief: »Soldaten, kämpfen wir für die Jungfrau
von Tschenstochau!« O ja. Die Jungfrau von Tschenstochau. Die Schwarze
Madonna, die Sie so sehr verehren.) Mit anderen Worten, die Katholische
Kirche weiß genau, das es unsere Kultur ohne den Gekreuzigten nicht gäbe. Sie
weiß auch, dass eine der Wurzeln, aus denen diese Zivilisation entstanden ist,
nämlich die griechisch-römische Kultur, uns nicht von den Avicenna und den
Averroes überliefert wurde, wie uns der Euro-Arabische Dialog glauben machen
will: Sie wurde uns vom Heiligen Augustinus überliefert, der sie schon sieben
Jahrhunderte vor Avicenna und Averroes in die christliche Theologie
eingebracht hatte. Schließlich weiß die Katholische Kirche, dass ohne die
unwiderstehliche Provokation, die sensationelle Wette, auch wir eine Sprache
sprächen, die das Wort Freiheit nicht kennt. Auch wir würden in einer Welt
dahinvegetieren, die weit davon entfernt ist, den Tod abzulehnen, ja sogar im
Tod ein Vorrecht sieht.

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