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JAZZ NEWS
Geschrieben von Gerd Filtgen am 16.10.2009
Die vier Neuzugänge könnten unter dem saloppen
Slogan „Alles außer Langeweile“ stehen. Für
Abwechselung bürgen Solveigh Slettahjells meditative
Songs auf Tarpan Seasons, in denen trotz
skandinavischer Kühle jede Menge an Optimismus und
Soul mitschwingen. Der britische Altsaxophonist Loren
Stillman besticht mit einer bilderreichen
musikalischen Formensprache, die auch auf Winter
Fruits an keine Vorbilder gebunden ist. Wild und
chaotisch, aber auch mit herb romantischen
Schlenkern durchforsten das Lucien Dubuis Trio & Marc Ribot auf Ultime Cosmos
spannende Distrikte der Pop- und Jazz Avantgarde. Und Heaven On Earth – eine All Star
Band um den Saxophonisten James Carter – beschert uns mit funky Sounds Modern Jazz
auf der Höhe der Zeit.

Mal so richtig abschalten? Gibt es dafür ein Patentrezept? Bewährt haben sich einige
Lebensphilosophien, zum Beispiel „in der Ruhe liegt die Kraft“. Derlei Erfahrung ist auch auf Musik
übertragbar. In den Songs von Solveigh Slettahjell dominiert skandinavische Coolness. Zur
Konzeption der norwegischen Sängerin gehört die schon fast meditative Annäherung an Songs aus
unterschiedlichen musikalischen Quellen. Mit tonal exponiertem glasklaren Gesang veredelt sie auf
Tarpan Seasons (Jazzland/Universal) ihre von Jazz, Soul und Country inspirierten Kompositionen.
„In den Liedern versuche ich, die großen Themen des Lebens auf die erdenklich einfachste Weise
anzusprechen“ resümiert die Künstlerin. Es sind trancehafte Klänge, die Stücke wie „Your River“
oder „A Day“ zu Ruheinseln im Ozean widerstrebender Gefühle machen. Das erreicht Slettahjell

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durch dramaturgisch gesetzte Pausen und eine sich Zeit lassende rhythmische Gestaltung. Mit
Gelassenheit begleitet ihre Band mit dem bezeichnenden Namen „Slow Motion Orchestra“ die
Beiträge der Vokalistin. Hervorzuheben sind die Einsätze des Trompeters Sjur Miljeteig, die sich in
ähnlich lyrischen Revieren bewegen wie die Chorusse Chet Bakers. Die Soli des Pianisten und
Elektronikers Morten Qvenvild sind von subtiler Ausdruckskraft. Man spürt unmittelbar, dass diese
Musiker schon lange mit der Sängerin zusammenarbeiten und ihren Songs eine außergewöhnliche
Färbung verleihen.

Zu den negativen Seiten im Musikbusiness zählt die Tatsache, dass in vielen Fällen nicht die
Qualität eines Produkts im Vordergrund steht, sondern Belangloses durch geschickte Strategie
vermarktet wird. Insofern müssten die Alarmglocken schrillen, wenn in inflationärer Anzahl immer
neue Künstler auf der Bildfläche erscheinen, die angeblich alles Bisherige in den Schatten stellen.
Zum Glück gibt es auch Ausnahmen. Dazu gehört der 1980 in London geborene Altsaxophonist
Loren Stillman. Schon seit einiger Zeit hat er seinen Wohnsitz nach New York verlegt. In der
Metropole fand er schnell Anschluss an die kreative Jazz-Szene. Vergeblich wird man auf seiner
aktuellen CD Winter Fruits (Pirouet/MVH) akribische Rekonstruktionen geschichtsträchtiger Modern
Jazz Zeitabschnitte suchen. Stillman gehört zu der Generation junger Musiker, die sich von eng
umrissenen stilistischen Begrenzungen verabschiedet haben. Außergewöhnliche klingende
Eigenkompositionen wie „Muted Dreams“ und „Man Of Mystery“ dienen dem Saxophonisten als
Ausgangsebene für melodische Improvisationen. In der Textur seiner Diskurse geistert kein
artistisches Skalengedudel umher. Stattdessen bilden sich Motivketten von erlesener Schönheit. Ein
Ideal, das auch die Bandmitglieder – Gary Versacer (Orgel), Nate Radley (Gitarre) und Ted Poor
(Drums) – verinnerlicht haben.

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Der Geheimtipp für spektakuläre Auftritte bei Clubkonzerten und Festivals lautet Lucien Dubuis. Der
in der französischen Schweiz beheimatete Multiinstrumentalist durchstreift mit seinem Trio auf
„Ultime Cosmos“ (Enja/Edel) die turbulenten Distrikte der improvisierten Musik. In schnell
wechselnder Folge überlagern sich scharfkantige melodische Segmente, die ebenso gut aus
progressiven Pop- wie auch aus Avantgarde-Jazz Quellen stammen könnten. Für den anarchischen
Groove tragen seine Mitstreiter, der Bassist Roman Nowka und der Drummer Lionel Friedli, die
Verantwortung. Als Gastmusiker konnte das Trio Marc Ribot gewinnen. Dessen röhrende Gitarren-
Sounds und metallische Töne demonstrieren, wie gut er zu dieser wilden Truppe passt. Aber der
Gitarrist hat auch seine romantische Seite. Im „Bal Les Masques“ tänzeln zunächst anmutige
Gitarrenlinien bis es dann doch wieder in Richtung Jazz Rock abdriftet. Durch den archaischen Klang
der von Dubuis virtuos eingesetzten Kontrabass-Klarinette – ein Instrument mit monströsen
Ausmaßen – kommt eine ungewohnte Klangfarbe hinzu Als Bonus enthält die CD eine DVD, auf der
man die Musiker im Studio bei den Proben beobachten kann

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Alles was der mittlerweile vierzigjährige James Carter anpackte, verriet eine individuelle
Handschrift. Der aus Detroit stammende Multiinstrumentalist, der sämtliche Instrumente der
Saxophon-Familie spielt, behauptete sich dank individueller Spielweise in so gegensätzlichen
Formationen wie der Mingus Dynasty Band und Lester Bowies New Organ Ensemble. Sein
neuestes Projekt nennt sich Heaven On Earth (Half Note/Warner). Unter diesem Bandnamen
formierten John Medeski (Hammond-B 3), Christian McBride (Baß), Adam Rogers (Gitarre) und Joey
Barron (Drums) für ein Konzert im New Yorker Blue Note. Dass der Auftritt zu einer Sternstunde
der improvisierten Musik geriet, muss an dem Fluidum des berühmten Clubs gelegen haben, auf
dessen Bühne legendäre Konzerte stattfanden. Aus seiner Bewunderung für Django Reinhardt
machte John Carter noch nie ein Geheimnis. Insofern verwundert es nicht weiter, dass die Band mit
„Diminishing“, einem Thema des belgischen Gitarristen, das Konzert beginnt. Carters Sound
verbindet leger die Energie des Black Swing, Bop und Free. Seine Improvisationen werden getragen
von einem funky Groove, der das einfallsreiche Solo des Gitarristen beflügelt und die Dramatik der
exzessiven Orgel-Beiträge unterstreicht. Bei dem auf em Tenorsaxophon kreierten Intro von „Street
Of Dream“ zitiert Carter zunächst eine Phrase der Rhythm’N’Blues Nummer „On Broadway“ bis er
mit relaxten Melodiebögen zum Solo des Bassisten überleitet. In der Traditionslinie des Jazz gibt es
keinen modernen Organisten, der sich nicht auf Larry Young beziehen würde. „Heaven On Earth“ –
ein Original des legendären Hammond-B 3 Strategen – gab nicht nur der Band ihren Namen,
sondern findet sich auch als Titel auf dem Album. Dass John Medeski die von Young ausgehenden
Anregungen ebenfalls verinnerlicht hat, demonstriert er in dieser funky Nummer mit
phantasievollen Orgelmotiven voller Soul.

Gerd Filtgen

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