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JOSEPH BEUYS

AKTIVE NEUTRALITÄT

DIE ÜBERWINDUNG VON KAPITALISMUS


UND KOMMUNISMUS
EIN V O R T R A G M I T D I S K U S S I O N A M 20. J A N U A R 1985

FREE INTERNATIONAL UNIVERSITY


CIP-Titelaufnahme der Deutschen Bibliothek
Beuys, Joseph:
Aktive Neutralität: die Überwindung von Kapitalismus und Kommunismus;
ein Vortrag mit Diskussion am Sonntag, 20. Januar 1985 im Stadthofsaal
Rorschach/Schwelz im Rahmen der von der Initiative "Mitteleuropäisches
Dialogforum" (Bodensee-Drelländereck) veranstalteten Tagung "Die Alter-
native 1st machbar" / Joseph Beuys. (Freie Volkshochsch. Argental e. V.,
Wangen. Niedersehr, nach e. Vldeo-Aufzelchn. von Hainer Rappmann,
Uberarb. von Johannes Stüttgen). - 3. Aufl. - Wangen: FlU-Versand d.
Freien Volkshochsch., 1989
ISBN 3-926673-01-X
© 1989 Freie Volkshochschule Argental e.V., Wangen
Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks
und der photomechanischen Wiedergabe vorbehalten.
Niederschrift nach einer Video-Aufzeichnung von
Rainer Rappmann, überarbeitet von Johannes Stüttgen.
Umschlaggestaltung: Rappmann/Stüttgen nach einem Zeltungs-
photo von Peter Vlcek, Rorschach
l.Auflage(1985) : 1000 Expl.
2.Auflage(1987) : 1000 Expl.
3.Auflage(1989) : 2000 Expl.
Vertrieb : FlU-Versand der Freien Volkshochschule Argental,
Engetswellerstr.24, D-7988 Wangen-4, Tel: 07528/7734
Joseph Beuys
- AKTIVE N E U T R A L I T Ä T -
Die Überwindung von Kapitalismus und Kommunismus

Ein Vortrag mit Diskussion am Sonntag, 20. Januar 1985


im Stadthofsaal Rorschach/Schweiz im Rahmen der von
der Initiative "Mitteleuropäisches Dialogforum" (Boden-
see-Dreiländereck) veranstalteten Tagung "Die Alterna-
tive ist machbar"

Wangen 1989
Düsseldorf/Wangen 1985
Sehr verehrte, liebe Anwesende und liebe Freunde!
Da es sich hier um eine Veranstaltung handelt, die dem
eben gekennzeichneten Thema dient und unter dem The-
ma gewisse Absichten von Menschen, die hier versam-
melt sind, ja auch im Programm beschrieben sind —
daß im Programm auch ein Gottesdienst vorgesehen ist,
deutet vielleicht schon auf eine Grenzüberschreitung der
geistigen Gewalt der Menschen hin, die sie dennoch ha-
ben inmitten der Machtkräfte — , habe ich mir gesagt:
zu einer solchen Absicht eines ökumenischen Gottesdien-
stes würden auch einige Sinnsprüche vielleicht passen. Ich
habe mir deswegen zwei Sinnsprüche ausgedacht, die
eigentlich nicht verstanden werden können, sondern die
ermeditiert werden müssen. Und zwar heißt der erste
Sinnspruch: "DER PRIMAT". Ich knüpfe mit diesem Be-
griff "der Primat" an einen Begriff von Niklas Luhmann
an, der ja ein bekannter Systemforscher ist, und der mit
Recht - wie ich meine - festgestellt hat, daß die Mensch-
heit in ihrem gegenwärtigen Gestelltsein, in ihren gegen-
wärtigen Aktivitäten, nur zu kennzeichnen ist als Zivili-
sationsbegriff oder als Kultur, wenn man einmal diesen
Begriff bemühen will, unter dem Begriff des W i r t -
s c h a f t s l e b e n s . Also Ich lese diesen Sinnspruch vor:

"Stellen wir uns einmal vor, der Mensch, die Mensch-


heit würde sich in einen ganz reinen, seelischen Zu-.
stand versetzen, d.h. sie würde sterben, so würde
sie sich damit noch keineswegs außerhalb des Wirt-
schaftlichen befinden. Die Freiheit, die Gleichheit,
die Brüderlichkeit - das Kapital - gelten auch im
Übersinnlichen, ja - sie sind geradezu übersinnliche
Substanzformen, sind Lebewesen, sind Wirklichkeiten,
weil sie Ideen sind."

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Vielleicht kann ich diesen Spruch am Ende noch einmal
vorlesen. Jetzt kommt der zweite Sinnspruch, der sich
bezieht auf die Absicht, ein Forum für die aktive Neutra-
lität zu gründen, d.h. einen Unternehmenszusammenhang
rein im Geistigen zu bilden, der ausstrahlen soll, und
der Einfluß nehmen soll auf möglichst viele Menschen.
Also heißt der zweite Sinnspruch: "ZUR AKTIVEN NEU-
TRALITÄT".
"Stellen wir uns einmal vor, alle Menschen deutscher
Zunge würden sich in einen ganz seelischen, aktiven
Zustand bringen, so wäre das Gewollte, d.h. die ak-
tive Neutralität, erreicht. Aber sie hätten es nach
den Gesetzen eben dieses reinen Seelischen nicht et-
wa für sich selbst erreicht, sondern für alle anderen
Völker."
Daran ist anzuschließen, daß hier etwas über das Wesen
des Menschen ausgesagt wird, das in der allgemeinen
Diskussion um das Gestelltsein des Menschen hier auf
der Erde innerhalb materialistischer Wissenschaftsvor-
stellungen ja gar nicht erscheint: die eigentliche Gewalt
des Menschen in seinem Geist, der größer ist als die gan-
ze Welt, der nicht mit seinem Körper endet, der nicht en-
det mit seinem Tode, der vor seinem Leben begonnen hat
und nach seinem Leben weiterwirken wird. Wenn man ein
solches Bild vom Menschen versucht, behutsam in das
Gespräch einzuführen, so wird es von vielen Menschen
auf dieser Erde, von vielen Völkern auf dieser Erde mit
Sicherheit aufgenommen werden, d.h. es wird zu einer
Resonanz kommen. Ein Substantielles, ein Substanzhaftes
im Menschen wird berührt werden. Und selbst wenn nicht
Massen von Menschen, große Mehrheiten von Menschen
einen solchen Standpunkt der menschlichen Arbeit - sage

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ich jetzt schon mal gleich - , also des menschlichen Wirt-
schaftens und Wirkens vertreten werden, so wird eben
auch eine genügend große Anzahl von Menschen genügen,
die Welt zu verändern. Wie groß diese genügend große
Anzahl von Menschen ist, darüber wollen wir keine festen
Zahlenwerte feststellen, ich denke aber, daß die Wirkung
auf die Welt, auf dieses Plasma, das sich ganz im Geisti-
gen um den Erdball spannt und als "die Soziale Substanz",
die soziale Substanz schlechthin, genannt werden kann,
daß diese Substanz auch impulsiert werden kann von drei
Menschen oder von vier Menschen oder von sieben Men-
schen oder von sechzehn Menschen, einundzwanzig Men-
schen, dreiunddreißig Menschen usw..
Daß diese Vorstellung nicht absurd ist, sondern einer kon-
kreten Wirklichkeit entspricht, das beweist ja auch, daß
wir nicht mehr absolut auf dem Nullpunkt stehen in bezug
auf die absolute Unmöglichkeit, etwas zu bewirken; denn
immerhin: markieren wir einmal die Zeit der Studenten-
rebellion, der Studentenbewegung, der außerparlamenta-
rischen Opposition! Sehen wir einmal zurück auf diese
Zeit, die wir mit der Feststellung versehen können, daß
eine solche Bewegung ja auch gescheitert ist, sie dennoch
aber weitergewirkt hat in ganz anderen Menschen, d.h.
daß durch wenige eine Übertragung gewisser Impulse statt-
gefunden hat, die sich in ganz anderer Richtung ausge -
wirkt haben! Wir sehen ja, daß nach der Studentenbewe-
gung die Bewegung für eine demokratische Gesellschaft
mehr in den Vordergrund gerückt ist, wir sehen Organi-
sationsformen, die sich mit dem Begriff elementarer und
direkter Demokratie auseinandersetzen, wir sehen Bürger-
initiativen, wir sehen Organisationsformen in ganz klei-
nem Rahmen entstehen, wir sehen aber auch größere Be-

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wegungen entstehen, die man dann die "Ökologische Bewe-
gung" genannt hat. Wir sehen, daß aus dieser Ökologi-
schen Bewegung heraus sich sogar eine Gruppierung ge-
bildet hat, die heute in vielen Parlamenten der Bundesre-
publik vertreten ist - ich meine die "Grüne Partei". Wie
immer es mit der Grünen Partei bestellt sein mag und
welche Widersprüche und welche inneren Kämpfe inner-
halb der Grünen Partei auch bestehen mögen, so ist sie
dennoch ein Beweis für das, was ich gesagt habe: daß we-
nige Menschen im Anfang etwas bewirken können, das
nach einer gewissen Zeit sich weithin sichtbar und be-
merkbar macht.
Das Phänomen der Bundesrepublik Deutschland ist für die
Welt zum Rätsel geworden. Man kann sagen: das, was
hier entstanden ist unter den Menschen, die die deutsche
Sprache sprechen, das ist für viele Menschen sowohl ein
Magnet wie ein Diskussionsthema größten Stiles gewor-
den. Wenn also heute Menschen nach Deutschland kommen
und sich irgendetwas anschauen, sei es, sie schauen sich
einen Dom an, eine Kirche, eine romanische oder eine
gotische Architektur, oder sie besuchen eine große inter-
nationale Kunstausstellung, so kann der wirklich genau
beobachtende Blick feststellen, daß diese Menschen sich
eigentlich diesen Dom nicht allein anschauen, sondern daß
sie eigentlich heute diesen Dom anschauen mit der Neu-
gierde auf das hin, was denn in diesem westlichen Teil
von Deutschland entstanden ist, das sie nicht deuten kön-
nen, das sie so und so beurteilen, das sie aber immerhin
fasziniert, daß sie Fragen stellen: Was wird aus so einer
Bewegung, aus so einem Impuls werden ?

Ich hatte nach diesem zweiten Sinnspruch, der ja doch


eigentlich den Menschen als ein ganz vergeistigtes Wesen

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sieht, das mit seinem Leibe in den Erdenverhältnissen
nicht mehr darinnensteht, das seine Leiblichkeit in diesem
vor gegriffenen Modell abgelegt hat, und zwar generell,
um dadurch in Verhältnisse hineinzukommen, die objekti-
ven Charakter haben, und die aus diesem objektiven Cha-
rakter die volle Qualität dessen, was zu schaffen ist, be-
wirken - ich hatte an dieser Stelle eigentlich das Bedürf-
nis gehabt, die Frage zu stellen: Aber warum pflanzen
wir dann noch Bäume ? Wenn es dem Menschen gegeben
ist, diese Erde auf dem geistigen Wege zu verlassen, und
in den physischen, körperlichen, fürchterlichen Schwierig-
keiten und den schlimmen Leiden, die ganz besonders un-
sere Zeit über die Menschheit hingeworfen hat - wofür hat
es denn dann einen Sinn, die äußersten Bemühungen auf
das hinzulenken, was doch ganz und gar dem physischen
Teil des Menschenwesens zugehört? Ich wollte diesen
Punkt nur andeuten, um dann zu sagen, daß es gerade für
die spirituelle Zukunft des Menschen ja gar keine andere
Möglichkeit gibt, als das Physische aufzubereiten, sodaß
das eigentliche Geistige entstehen kann. Also waren
eigentlich meine Sprüche - sie waren sehr, sehr weit vor-
gegriffen in die menschliche Zukunft hinein! - deswegen
gebracht worden, um klarzustellen, wie wichtig die phy-
sische Welt ist mit all ihren Schwierigkeiten, mit all
ihren Leiden, an denen die Menschen sich stoßen, mit all
ihren wirklichen Bemühungen, aus dem, was schon weit-
gehend dem Leben entzogen und zerstört ist, dennoch wie-
der etwas aufzubauen, was den Gang der Evolution dieses
Planeten fortsetzt, damit von der Erde aus dasjenige ent-
wickelt werden kann, was nur von der Erde aus entwickelt
werden kann. Das heißt aber zur gleichen Zeit, daß alles,
was in der Zukunft geschehen wird durch die Menschen
auf der Erde - denn durch wen sollte es sonst geschehen? -

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eine Schöpfung des Menschen ist. Alle zukünftige Natur,
jeder von nun an gepflanzte Baum, trägt die Merkmale
des Menschen an sich. Jedes zukünftig getane Werk ist in
viel weiterem Maße eine Schöpfung des Menschen als in
jeder Vergangenheit. Denn jede Vergangenheit vor diesem
Zeitpunkt ist doch weitgehend noch eine gewesen, die durch
inspirierende Führungskräfte den Menschen dorthin ge -
bracht hat, wo er selbständig werden mußte, und wo er
selbständig wurde, etwa vor 2oo Jahren, wo er sich also
eigentlich erst richtig in diese Erde inkarniert hat und
selbst mit seinen Füßen diesen Planeten erreicht hat. An
dieser Stelle entsteht der Materialismus als Denkgesin-
nung, als Wissenschaftsgesinnung, um ganz und gar und
gottverlassen den Menschen auf seine eigenen Füße zu
stellen, damit er mit der Rätselfrage der Materie zu
einem Ende kommt aus eigenen Kräften. Auf diesen Punkt
hin müssen wir verstehen, welche einerseits fürchterli-
chen Ergebnisse der Materialismus durch die Methodik
des exakten naturwissenschaftlichen Denkens dem Men-
schen gebracht hat. Aber auf der anderen Seite müssen
wir sehen, welche ungeheueren Fähigkeiten durch diese
Disziplinierung im Menschen entstanden sind, die vor
allen Dingen in ihm etwas bewußt haben werden lassen,
was man das Selbstbewußtsein nennt, was man das Ich-
Bewußtsein des Menschen nennt. Also haben wir es beim
Materialismus wahrhaftig mit einer großen und gewaltigen
Sache zu tun, die wir durchaus von zwei verschiedenen
Gesichtspunkten aus beurteilen lernen müssen. Wir müs-
sen wirklich das Geheimnis dieses Materialismus lüften.
Denn innerhalb dieser Phase, die man auch
charakterisieren kann als die Phase der "Moderne", er-
scheinen Persönlichkeiten, Menschengruppen, Zeitströ -

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mutigen, Stile, Symbole, die als große Rätsel empfunden
werden können, z.B. in der Kunst. Es sind in der soge-
nannten Moderne, also in der modernen Kunst, eine Fülle
geheimnisvoller Rätsel zu finden. Man braucht nur an
Mondrian, Picasso, den Surrealismus, den Kubismus,
den Suprematismus in Rußland zu denken, dann sieht man,
daß eine Erneuerung in Bezug auf ein Signal-Geben statt-
findet, also Symbole erscheinen, die auf etwas hinweisen,
das noch der Lösung bedarf. Diese Symbole sind nicht ge-
meint als platte, modische Innovationen irgendeines Stiles.
Wenngleich die Moderne in vielen ihrer Findungen zu
einer stilistischen Innovation allein nur fähig ist, so hat
sie dennoch einen großen Mehrwert, der sich etwa in
einem Satz von Picasso so äußert, daß er sagt über die
Kunst: "Die Kunst ist nicht dazu da, um unsere Wohnungen
und Schlafzimmer zu schmücken. Die Kunst ist eine Waffe
gegen den Feind." Wer ist der Feind?
Hier findet innerhalb der Moderne eine Aussage über die
menschliche Kunstfähigkeit statt, die ernstgenommen
werden will. Hier wird etwas über den Menschen ausge-
sagt, das ihn darstellt als einen, der große Mittel hat.
Wenn ich einmal von mir sprechen darf, so habe ich an
einer bestimmten Stelle meines Lebens von komplizierten
Spekulationen einen großen Abstand genommen und habe
vieles, was in wissenschaftlichen Terminologien und in
gewissen Wissenschaftspraktiken mir als ein intellektu-
eller Hochmut erschienen ist, einmal ganz einfach zurück-
gefragt, wie es sich denn auf mein Leben, auf das Leben
meiner Mitschüler auf der Schule, auf das Leben meiner
Mitkameraden während des Krieges, auf das Leben mei-
ner Mitstudierenden auf der Universität ausgewirkt hat.
Ich habe doch gesehen, daß diese Menschen von irgend-

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etwas bewegt waren, was sich schon in ihrer Kindheit be-
merkbar gemacht hat. Ich habe gesehen, daß sich etwas
entwickelt hat zu unterschiedlichen, aber zu immer wach
senden Fähigkeiten. Ich habe sehr tüchtige, ich habe ge-
niale Menschen kennengelernt. Und ich denke, daran muß
sich die Frage anschließen, daß sich soetwas selbstver-
ständlich niemals abschließen läßt, daß also in den Men-
schen grundsätzlich etwas lebt, was sich entwickelt. Bis
wohin es sich entwickelt, dafür kann man doch naturge-
mäß, d.h. aus der Sache heraus, nach einer solchen Be-
obachtung keine Grenzen stecken. Ich habe also alle die-
jenigen Vorstellungen, die als Ideologien auch in der Mo-
derne vorhanden sind, gesehen als das Ende dieser Epo -
che, da diese Ideologien nicht in der Lage waren, den
Entwicklungsgedanken zu fassen, d.h. überhaupt einen
Begriff vom menschlichen Wesen und seine biologische
Gestelltheit zwischen Geburt und Tod zu fassen - also,
daß das doch darauf hinweisen muß in Bezug auf die den-
noch in der Moderne vorhandene Signal- und Symbolwelt
und eine solche Äußerung von Pablo Picasso: daß diese
eine Schwelle ist zu einer anderen Kunstfertigkeit des
Menschen schlechthin. Wenn ich auch in der Moderne
noch die Unterscheidung feststelle, daß Kunst etwas ist,
was mit dem Leben eigentlich insofern nichts zu tun hat,
als es nicht einwirken kann auf diese Lebensverhältnisse,
da ja auch exakt in dieser Phase der Moderne das entstan
den ist, was unseren neuen Staatsbegriff formiert hat,
den Parteienbegriff formiert hat, die modernen Naturwis
senschaften gebracht hat, die Persönlichkeiten gebracht
hat, die zwar ungeheuer interessante Experimente anstel
len konnten an dieser Schwellensituation - einer Schwel-
lensituation, die aber aus der Lage heraus, in welcher
eben das Gestelltsein - ich sage jetzt gleich: - des Kunst -

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begriffes selbst, des Verständnisses der menschlichen
Fähigkeit, der Kreativität , einfach nicht weiterkam als
bis an einen bestimmten Punkt, der gebunden war in
einer Kulturvorstellung, die der Moderne, d.h. dem Ma-
terialismus, der Zeit des einseitig wirkenden, exakten
naturwissenschaftlichen Denkens angehört, und also das
Leben in seinem größeren Bezüge - nach dem Leben: die
Seele - , in dem noch viel größeren Bezüge - nach der
Seele: den Geist - , in einem immer größer werdenden
Bezüge - nach dem Geist: die höheren Stufen dieses Geist-
es - , überhaupt nicht fassen konnte. Und deswegen wur-
de für mich erlebbar, daß diese Moderne mit ihren Sig-
nalen nichts anderes bedeutet als eine Schwelle zu einer
ganz anderen Macht, die den Menschen gegeben ist, zu
einem ganz anderen Kunstbegriff also, der auf den so ge-
arteten Menschen mit seiner geistigen Gewalt stimmen
muß. Das wäre ein a n t r o p o l o g i s c h e r K u n s t b e -
g r i f f . Also die Logik des historischen Prozesses in Be-
zug auf die Fähigkeit des Menschen läßt sich fassen aus
einem Verständnis innerhalb der Moderne mit ihren Ideo-
logien und Einseitigkeiten, und sie läßt sich logisch über-
führen in die darauffolgende Metamorphose dieses Kunst-
und Fähigkeitsbegriffes im anthropologischen Rahmen.
"Im anthropologischen Rahmen" heißt aber dann: bezogen
auf alle Parameter dieses anthropologischen Feldes. Und
es heißt ganz besonders konkret und real, daß j e d e r
M e n s c h e i n K ü n s t l e r ist. Beschreibbar ist der
Mensch nur als der Träger der Fähigkeiten.
Dieser Logik bin ich - man kann sagen - ruhig gefolgt,
habe viele Experimente angestellt und habe viele Men -
sehen provoziert. Ich habe provozierende Formen des-
wegen benötigen müssen, um überhaupt eine Auf merksam-

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keit, d.h. eine Wachheit, eine Reaktion von den Menschen
zurückzubekommen. Ich denke in dieser Weise - ich grei-
fe einmal vor auf unser gemeinsames Vorhaben eines sol-
chen kontinuierlichen Forums hier in der Dreiländerecke-
daß wir dieses künstlerische Mittel nicht unterschätzen
dürfen und uns also auch nicht scheuen dürfen, andere
Menschen mit Fragen, Bildern und Gestalten zu konfron-
tieren, die sie provozieren, d.h. die etwas in ihnen her-
vorrufen - denn Provozieren heißt ja nach dem lateini-
schen Wort "Hervorrufen". Man ruft etwas hervor, mit
dem Ergebnis, daß etwas sehr Einfaches geschieht: man
kommt in ein Gespräch. Dabei ist es ganz uninteressant,
ob man in diesem Gespräch durch seine Provokation unter
liegt, obsiegt oder irgendwo im Gleichgewicht bleibt, so-
daß dieser ganze Vorgang des Gesprächs zunächst unent-
schieden ausläuft. Aber mit Sicherheit ist eines zu beach-
ten: daß dieses in Kontinuität, in einem ständigen Üben
mit nie nachlassender, ja besser - mit steigender Inten-
sität sich durch keinerlei Schwierigkeiten entmutigen läßt,
daß man sich also nicht entmutigen läßt, dieses Gespräch
zu führen. Ich denke, daß das eines der wichtigsten Er-
gebnisse eines erweiterten Kunstbegriffes ist: den Men-
schen als Künstler zu bezeichnen, weil er einer ist - je-
den Menschen als einen Künstler zu bezeichnen, weil er
einer ist, weil er ja doch nichts anderes ist als derjenige,
der in die Verhältnisse, z. B. in die Stoffeswelt so ein-
greift, daß irgendein Produkt zustande kommt, daß irgend-
eine Gestalt zustandekommt — daß also dieser Mensch
als Träger von Fähigkeiten begriffen wird, und daß mit
diesem Komplex der Ausgangspunkt bezeichnet ist: der
Primat — "Primat" zwar jetzt nicht im Sinne von Luh-
mann (wenn es auch sehr richtig ist, daß das Wirtschafts
leben das Wichtigste ist für unsere Kultur, und daß wir

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uns dort auseinandersetzen müssen), aber dennoch hängt
ein anthropologisch verstandener Wirtschaftsbegriff ja
organisch mit diesem Ausgangspunkt zusammen. Dieser
Ausgangspunkt findet statt in dem Wirken menschlicher
Kreativität. Dieses Wort enthält wieder eine lateinische
Wurzel und ist von Gott genommen. Hier wird vom Men-
schen etwas behauptet, als wäre er ein Gott. Ich glaube,
das entspricht einer objektiven Realität in bezug auf den
Werdegang des Menschen: heraus nämlich aus seinem Ge-
führtwerden durch Götter hin zu seinem Sich-Selbst-Fin-
den und selbst ein göttliches Wesen zumindest in sich zu
bemerken.
Er wird sich vielleicht gerade durch ein solches Erleben,
das er heute nur durch Schwierigkeiten in sein Bewußtsein
bekommt - denn so einfach wird es ihm ja nicht mehr ge-
geben! - zurückerinnern, daß dieses eigentlich ja die
christliche Wahrheit nicht nur gewesen ist, sondern i s t ,
daß sie aber in der Zwischenzeit - zwischen g e w e s e n
und i s t - völlig aus dem Bewußtsein verschwunden ist:
daß ja ein Gott in den Menschen eingezogen ist. Also
wird dieses Kreator-Prinzip von diesem Gott, der sagt:
ICH WERDE EUCH FREI MACHEN! nichts anderes bedeu-
ten, als daß gesagt werden muß: Kreativität ist Freiheits-
wissenschaft. Kreativität ist eben nicht eine modische Er-
scheinung. Sie wird, wie in allen Machtsystemen, die
kein Interesse an der menschlichen Bewußtwerdung haben,
durch die Medien, durch die Mittel also, die solche
Machtstrukturen besitzen, heruntergewirtschaftet zu
einem "fashonable creativity". Da wird den Menschen ge-
sagt: "Ja gut, du hast doch dein Hobby!", da wird dieses
Ganze, das der allerhöchsten Menschenwürde entspricht,
he runter manipuliert in einen Hobbycharakter. Beim Auf-

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tauchen eines solchen Begriffes wird der Mensch sofort
dergestalt bearbeitet, daß kein Bewußtsein über ihn selbst
entstehen kann.
Also ist wieder dieser Anfang die F ä h i g k e i t — die
Fähigkeit, etwas zu gestalten, es auch den Menschen ganz
handfest klarzumachen einfach im Experiment des Ge -
sprächs, daß die e r s t e G e s t a l t u n g , die dieser
Mensch als Bildhauer ja vollzieht, d i e F o r m e n s e i n e s
D e n k e n s sind. Daß die Formen seines Denkens durch
das Zusammenwirken der Formen seiner Gefühle mit den
Formen seines Denkens zur Sprache impulsiert werden,
kennzeichnet ihn als einen Bildhauer des sprachlichen Be-
reiches. Alleine durch diese Feststellung ist doch in sich
selbst gegründet, daß der Mensch ein gestaltendes Wesen
ist. Wenn dieses dem Menschen bewußt ist, wird ihm auch
etwas weiteres bewußt: daß er dadurch ein sich selbst be-
stimmendes Wesen ist. Denn aus dem Freiheitsbegriff und
aus dem Kreativitätsbegriff geht ja hervor, daß dieses sei-
ne Kraft ist, die ihn sich selbst bestimmen läßt, wodurch
er sich selbst bestimmen kann. Mit diesem Begriff ist or-
ganisch verbunden der des S o u v e r ä n s . Flugs wird ihm
klar, daß nichts mehr an dem, was überkommen ist an
Staatslehren, an Staatsphilosophien, an Wirrwarr soge-
nannter staatsrechtlicher Vorstellungen noch eine elemen-
tare Bedeutung hat, sondern daß das staatliche Wesen, d.h.
die letzte Instanz, die zur Entscheidung gerufen wird, e r
s e l b s t a l s M e n s c h ist, mit seinen Menschenbrüdern
und Menschenschwestern zusammen selbstverständlich.
Denn der Freiheitsbegriff führt in der Konsequenz ja auf
das hin, daß nur das Freiheit genannt werden kann, was
das Gegenteil von Willkür ist (auch von sogenannter "Wahl-
freiheit", die ja auch dem Willkürbereich angehört), son-

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dern daß die Freiheit eigentlich nur dann eine richtige Tä-
tigkeit ist, wenn sie Einsicht in alle Zusammenhänge der
Mitmenschen und der Natur herstellen kann. Wenn sie aus
Einsicht in alle Zusammenhänge zur gestalterischen Ak-
tion schreitet, dann handelt es sich um Freiheit.
Ich will noch einmal zurück, daß es also der Kunst ge-
lungen ist - da sind gewisse Anfänge durchaus gut gera-
ten - , an der Schwelle der Moderne an die Schwelle an-
thropologischen Bewußtseins, eines anthropologischen
Kreativitätsbegriffes, eines vom Menschenwesen her be-
gründeten Freiheitsbegriffes zu stoßen — "Kunst" jetzt
aber nicht so gefaßt, wie sie ja in der Sphäre der Moderne
durchaus noch - man sieht es ja an den Tageszeitungen -
bis in unsere Zeit hinein weiterwirkt. Dort, in dieser
Sphäre, ist die Kunst abgedrängt in eine Nischenexistenz.
Sie hat keinerlei Bedeutung für die großen Tagesfragen,
vor die die Menschheit gestellt ist, sondern wird ebenfalls,
wie der Kreativitätsbegriff, zur Dekoration der Systeme
benutzt auf diese oder jene Art, so, daß etwa im privaten
Kapitalismus, in der Welt der privatkapitalistischen Wirt-
schaftsweise, von Seiten dieses Systems und seiner Macht-
haber gesagt werden kann: "Da, schaut einmal, wie frei
wir sind! Die Künstler können machen, was sie wollen!"
Sie sehen, wie schlimm das ist: die Künstler dürfen ma-
chen, was sie wollen - was sie ja eigentlich gar nicht dür-
fen aus dem heraus, was wir vorhin gesagt haben. So
sieht man, wie wieder von Seiten der Machtmanipulation
der Gesellschaftssysteme im Westen wie im Osten, d.h.
innerhalb des staatszentralistischen wie innerhalb des
privatwirtschaftlichen Kapitalismus, die eigentlichen, sich
aus dem Menschen herausringen wollenden Gewalten und
geistigen Kräfte heruntermanipuliert werden, an den Rand

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gerückt werden. Bestenfalls läßt man ihnen Narrenfrei-
heit, aber dann sind diese Künstler auch Narren! Man
läßt ihnen eine Spielwiese, wo sie sich austoben dürfen,
um keinen Einfluß nehmen zu können auf das Geschehen
etwa des nächsten Bereiches, den der Mensch vorfindet
als ein zu gestaltendes Feld aus seiner Stellung als der
Souverän einer Menschengemeinschaft. Wir - der denken-
de und erkennende Mensch , der Mensch, der die Freiheit
versteht als die Einsicht in die Zusammenhänge - müssen
doch als das nächste Feld selbstverständlich das Feld der
Rechtsregelungen aller MenschenbeZiehungen in dieser
gestalterischen Tätigkeit, d.h. in dieser Arbeit sehen.
Dieses ist der zunächst zu gestaltende Urstoff. Das Rechts-
feld muß vom Menschen, vom Souverän neu gestaltet wer-
den. Dieses Feld muß eine Form finden, wie Michelangelo
eine Form gefunden hat für seine verschiedenen Figuren,
die die Menschen ja kennen, weil eine große Wirkung durch
die Zeit von einem solchen Giganten ausgegangen ist. So
wird auch der Mensch dieses Rechtsfeld, so wie Michel-
angelo, in eine gewaltige Figur hineinformen müssen. Es
ist dann eigentlich ganz selbstverständlich, daß in diesem
Formengebilde die Formen in Form von Rechten erschei-
nen, die die Formen für das menschliche Wirtschaften im
dritten Gestaltungsfelde herstellen, die richtigen Rechts-
formen über das Wie, Wer, Wann, Wo dessen, was zu
produzieren ist im Rahmen des menschlichen Arbeitsfel-
des und im Rahmen des menschlichen Konsumtionsfeldes.
Aus all dem, was jetzt gesprochen ist, geht zunächst nicht
hervor, daß wir einen Begriff wie "Politik" brauchen, was
bis jetzt geschildert wurde von mir. Und ich lege großen
Wert darauf, ich insistiere darauf, daß der Mensch zu-
nächst sich einmal ein Bild von sich als einem gestalten-
den Wesen verschafft, daß das alles, was den Sozialen

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Organismus in eine menschliche Figuration bringen kann,
nicht das geringste zu tun hat zunächst mit Politik - es
sei denn - aber darüber wollen wir später reden. Sie s e -
hen also - auch ein Beweis für die Notwendigkeit eines
anthropologischen, neuzeitlichen, auf der Höhe der Zeit
befindlichen Kunstbegriffes, Kreativitätsbegriffes, Fähig-
keitsbegriffes, Freiheitsbegriffes - , man muß verstehen
lernen, daß das, was der Mensch zu vollziehen hat, ist:
nach Formen zu suchen, seinen Produkten eine Form ab-
zuringen, die der Form dadurch würdig sind, daß er sie
den anderen zeigt, daß die Form also veröffentlicht wird
und nicht für sich behalten wird, so daß sie alle Menschen
sehen können. Nehmen wir einen großen Platz oder einen
großen Tisch, da wird die Form daraufgestellt und alle
Menschen schauen sich diese Form an und sprechen über
diese Form! Sie haben unter Umständen sehr viel an die-
ser Form auszusetzen. Wiederum kommt es nicht darauf
an, daß der erste Gestaltungsversuch gelingt. Aber es
kommt darauf an, daß er veröffentlicht wird, daß sich der
Mensch seinen Mitmenschen gegenüber so offen darstellt
mit all seinen Schwächen - ja, indem er gerade seine Wun-
de nach außen kehrt, die jeder Mensch hat, um diese Wun-
de den anderen Menschen zu zeigen, aus der heraus er die
Gestaltung der Zukunft bewirken will mit Hilfe der ande-
ren. Also tritt hier durch das, was ich durch Worte und
Begriffe aneinandergereiht habe, doch organisch das in
Erscheinung, was wir sehen wollen.
Wir wollen also zu diesem großen Tisch, zu dieser Platt-
form kommen, wo die Fragen Mitteleuropas und damit
selbstverständlich die Fragen der ganzen Welt nach all
diesen Richtungen hin diskutiert werden, die ich versucht
habe aufzureißen, die also weit über die materialistische

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Verengung hinaus alle Erweiterungen, die Erweiterung
des Kunstbegriffes, die Erweiterung des Wissenschafts-
begriffes, die Erweiterung des religiösen Begriffes zu-
sammenfassen dann schließlich wieder in einen erweiter-
ten Kunstbegriff, der klarmacht, daß d i e s e s d a s
K a p i t a l d e r M e n s c h h e i t i s t . Daß Marx ein dickes
Buch geschrieben hat mit dem Titel "Das Kapital", daß
dieser große, wollende und strebende Mensch allerdings
eine gigantische Kritik des kapitalistischen Systems ge-
liefert hat und garnichts über das K a p i t a l ausgesagt
hat, wird dann eine Wahrheit sein, die auf dieser Platt-
form, d.h. bei dieser permanenten Konferenz von spre -
chenden und denkenden Menschen, die nach außen wirken
wollen, dann offenbar wird. Marx wird dadurch nicht klei-
ner, sondern vielleicht sogar größer. Bei solchen Figuren
verhüllt man gewisse Dinge. Daß sie in der Moderne ge-
wisse Experimente gemacht haben, habe ich eingangs
schon gesagt. Das gilt auch für die Frage der National-
ökonomie ; denn Marx ist ja aus irgendeinem unklaren Wol-
len in ein pragmatisches Feld aus der Philosophie ausge-
stiegen und wollte Nationalökonom werden. Daß er das
wollte, war schon ganz folgerichtig, aber dann hat er ein
Experiment angestellt, das - so wichtig wie es ist - in
der Menschheit zu ganz großen Katastrophen geführt hat -
trotz seiner genialen und innerlich gigantisch impulsieren-
den Moralität eines alttestamentarischen Propheten. Es
ist durch Sigmund Freud ein Experiment gemacht worden
mit dem Versuch, die menschliche Seele in den Mittel-
punkt des menschlichen Bewußtseins zu rücken. Trotz sei-
ner interessanten Dispositionen und Literaturen und psy-
chologischen, experimentellen Systeme ist ihm durchaus
nicht gelungen, etwas über die Seele auszusagen, sondern
es ist ihm gelungen, über das Leibliche des Menschen et-

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was auszusagen, über das biologisch Leibliche, haupt-
sächlich über das sexuelle Leibliche, insoweit es unter
Umständen mit dem Seelischen zusammenhängt. Also die-
se eigentliche Seelenwissenschaft müssen wir im Rahmen
des ökonomischen Wollens, d.h. des wirtschaftlich Han-
delnden entwickeln; denn jetzt merken wir doch, der er-
weiterte Kunstbegriff ist fähig, in das Herz der Gesell-
schaft einzudringen. Wenn der erweiterte Kunstbegriff
klarstellt, daß die Fähigkeiten der Menschen das Kapital
sind - einerseits - und das, was aus den Fähigkeiten der
Menschen entsteht als Gestalt, daß diese beiden zusam -
mengenommen das Kapital sind, dann ist die Sache ja
eigentlich in einem Felde, wo sie die Frage der menschli-
chen Seele gerade auf dem sehr anspruchsvollen Niveau
berührt. Denn in dieser Bearbeitung des menschlichen
Kapitals als dem wesentlichen Stoff der Entwicklung in
alle Menschenzukunft hinein und über das Schicksal der
Erde hinweg, dort wird sich das menschliche Wirtschaften,
integriert mit dem erweiterten Kunstbegriff, eben erwei-
sen als eines, das den materiellen Bedarf der Menschen
auf dieser Erde befriedigen kann - einmal - , das den see-
lischen Bedarf der Menschen befriedigen kann - weiter - ,
das den Lebensbedarf der Natur befriedigen kann - drit-
tens - , das die Stoffe und Kräfte dieser Erde schützen
und organisieren kann, so, daß dieser Planet bis zu sei-
ner Transformation durch das sich transformierende und
metamorphisierende Menschenwesen hindurch reicht, bis
die Transformation an diesem Planeten selbst stattgefun-
den hat, so daß die Soziale Substanz selbst der Sonnenstaat
wird, d.h. der zukünftige Planet ist, auf dem die Menschen
unter anderen, höheren Lebensbedingungen arbeiten und
wirtschaften werden.

21
Ich möchte jetzt schließen und es zu einer ersten Diskus-
sionsrunde kommen lassen, nachdem ich jetzt versucht
habe, es so anzufassen. Es ist ja immer so: ich hatte ge-
dacht, ich fasse es vielleicht ein bißchen anders an, aber
dann habe ich Sie gesehen, und Sie haben mich inspiriert,
es so zu äußern, wie ich es jetzt getan habe.
- Beifall -

22
DISKUSSION

Ein Zuhörer fragt nach dem Beginn der Aufklärung und


danach, welchen Einfluß diese gehabt habe auf das Kom-
men von Marx, schließlich, welche Gegensätze zur Mon-
archie und zum Kaiserreich dadurch entstanden seien.

Beuys:
"Zunächst einmal ist es ein riesiges Paket, das man in
sehr ruhigen und langen Gesprächen durcharbeiten müßte.
Aber zur Aufklärung ist doch eigentlich zu sagen, daß sich
durch sie nichts aufgeklärt hat in bezug auf den Menschen,
daß sich in ihr nur etwas aufgeklärt hat in einem Felde,
das sich durch sich selbst aufklärt, wenn man logisch und
folgerichtig in ihm verfährt. Wenn man einmal anfängt zu
messen, wie groß eine Sache ist, wieviel sie wiegt, und
in welchen Zahleneinheiten man sie bestimmen kann etwa
innerhalb physikalischer Gesetzmäßigkeiten, dann schrei-
tet man in dieser Logik fort und klärt etwas auf, was sich
notgedrungen durch sich selbst aufklärt. Wenn man das tut
und sich ganz enthält, d.h. als denkender Mensch ganz
passiv wird und nur in diesen logischen Schritten weiter-
schreitet - was ja die Methode des exakten, naturwissen-
schaftlichen Denkens ist, daß der Mensch als denkendes
Wesen ganz passiv wird und nur ein ganz äußerliches, lo-
gisches System vor sich wirken läßt und er ganz unbetei-
ligt ist (er muß es auch sein in diesem Felde!) - , dann
klärt sich da das auf, was wir die bisher erworbene Kennt-

23
nis der materiellen Naturgesetzzusammenhänge innerhalb
der Physik, Chemie usw. nennen. Ich habe jetzt nicht ver-
standen, was Sie mit dem Kaiserreich meinten. "

Der Zuhörer ergänzt, daß Bismarck gegen sozialistische


Ideen eingestellt gewesen sei, und daß der 1. Weltkrieg
wieder alles übertüncht habe.

Beuys:
"Hier genügt es vielleicht zu sagen, daß ich nicht versucht
habe, von diesen sozialistischen Ideen zu sprechen. Denn
gerade sie haben ja in dieses Chaos, in das Dilemma hin-
eingeführt, in dem wir heute stehen mit der Zerstörung
der äußeren Natur, mit der Zerstörung der seelischen
Natur des Menschen. Damit hat es geendet. Dieses Ver-
ständnis von Sozialismus, also man könnte das die Ge-
schichte der Sozialen Bewegung nennen, ist eine sicher
sehr interessante und wahrzunehmende Geschichte. Aber
es haben sich sehr früh in ihr durch Denkirrtümer, durch
Erkenntnisfehler, weil sie aus materialistischer Selbstbe-
schränkung entstanden sind, verzerrte Bilder des Sozialen
ergeben, die zum sowjetischen Zentralismus geführt ha-
ben mit seiner völligen Ausschaltung des menschlichen
Freiheitsimpulses in der menschlichen Arbeit. Was Bis-
marck hier soll, weiß ich jetzt nicht. Der wußte sicher
auch nicht genau Bescheid! Jeder Mensch heute hier im
Saal weiß besser Bescheid als Bismarck!"

- Lachen -
"Natürlich muß man sagen, daß den Leuten auch vieles
über den Kopf gewachsen ist. Die Entwicklung hat sich
seit der Französischen Revolution so rapide vollzogen,
daß man ja heute sagen kann: Der Abstand, der etwa

24
Goethe, Schiller oder Novalis von der Antike, von Sokra-
tes trennt, der ist ja viel kleiner als der Abstand von
Goethe bis zur Jetztzeit. Goethe, Novalis und Schiller wa-
ren doch im Grunde noch in einer Welt, die der antiken
Welt sehrähnlich war. Da hatte sich eigentlich kaum etwas
verändert. Während Goethes und Schillers Zeiten lebten
die Menschen noch in Verhältnissen, die ja fast haargenau
diesselben waren. Es gab Pferde mit Wagen, wo Räder
dran waren, da wurde eine Kutsche davor gespannt, da war
ein Kutscher drauf. Das hatte man schon in der römischen
Arena oder bei den Termophylen. Es muß einem ja mal
klar werden, in welcher gewaltigen Explosion diese Be -
wußtseinserweiterung durch die exakte Methodik, durch
das Stoßen an der Materie - ich nenne es den vollen Inkar-
nationsprozess des Menschen - , wie explosionsartig sich
die Entwicklung dann vollzogen hat, und wie sehr wir da
aufpassen müssen, daß das jetzt gut weitergeht - ganz
naiv: gut weitergeht!"
Zwischenfrage einer Zuhörerin, warum er, Beuys, diese
Situation die "volle Inkarnation" nenne.
Beuys:
"Weil dort zum ersten Mal der Mensch ganz mit sich al-
leine ist. Die alten Kräfte haben versagt. Schließlich sind
ja auch noch Deutsche Kaiser, etwa Otto III. oder die Ho-
henstauffer partiell echte eingesetzte Führer von Gottes
Gnaden gewesen. Die Führung des Menschen durch Einzel-
figuren in der Gesellschaft hat sich ja vollzogen. Man kann
das deutlicher sehen, wenn man zurück zu den Pyramiden
geht, wo alleine noch der Inspirator bekannt ist, wo vom
Volke ja nichts mehr übriggeblieben ist in den Dokumenten
der Pyramiden. Man sieht nur noch den Inspirator, den
Führer selbst. Alles andere ist verschwunden. Man sieht

25
es aber auch bei Moses. Wenn man die Geschichte des
menschlichen Bewußtseins zu lesen lernt, sieht man, daß
dieser Moses auch schon etwas in Richtung Materialismus
vollzogen hatte, einfach die Geschichte des Judentums,
eine Art Selbstständigkeitsprozess, allerdings in diesem
Dialog auf dem Berge Sinai, wo er von oben gesagt bekam,
wie der Soziale Organismus auszusehen hat. "

EineZuhörerin möchte wissen, was man heute über die See-


le weiß, wenn Freud - wie behauptet - nichts darüber aus-
gesagt habe.

Beuys:
"Ja, man weiß wenig über die Seele, das gebe ich zu. Es
gibt allerdings Menschen und Strömungen in der Zeit, die
über die Seele doch Umfassenderes wissen, die also eine
Seelenforschung betrieben haben, die sich durch die Zeit
wie ein Roter Faden, der verborgen im Untergrund läuft,
zieht und eine gewisse Tradition gehabt hat. Goethe z.B.
wußte viel von der Seele, obschon da nicht unbedingt dau-
ernd von Psychologie geredet wird - von einem Ismus.
Sein ganzes Werk ist doch zu gleicher Zeit die Beschrei-
bung des menschlichen Seelenwesens. Goethe war einge-
weiht in diese Fragen der Seele. Er hat sich darum be-
müht, er hat darum in umfassender Weise gekämpft - und
Novalis auch. Wir sehen auch Novalis als großen Psycho-
logen und Seelenforscher. Und wir sehen den größten in
unserer eigenen Zeit, das ist Rudolf Steiner, der etwas
über die menschliche Seele aussagt in dieser umfassenden
Weise, die hineinreicht in alle Bereiche der menschlichen
Arbeit. Man muß natürlich einmal hinhören! Ich glaube,
um über die menschliche Seele etwas zu erfahren, denken
viele Leute, sie müßten in sich hineingrübeln. Aber Johann

26
Wolfgang Goethe war es schon klar, daß das gar nicht
geht, daß die Seele des Menschen nicht zu trennen ist von
allen anderen Seelen! Er wußte, daß der Mensch sich in
sich selbst gar nicht mehr erkennen kann. In der Zeit, in
der er lebte, war ihm das schon klar. Ihm war klar, daß
der Mensch sich nur im anderen erkennen kann. Nicht
nur im anderen, d.h. im sozialen Bezug oder im Liebes-
bezug, sondern auch im Liebesbezug zu allen anderen Ge-
gebenheiten der Welt, zu den Mineralien, zu den Pflanzen,
zu den Sternen, zu den Tieren, zu der Natur: daß, wenn
sich der Mensch in diese Natur hineinversenkt, er sich
dann selbst sieht. Das ist ja wohl Novalis gewesen, der
v
das gesagt hat, das Geheimnis von Sais: Ich bin die Ver-
gangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Kein Sterbli-
cher hat jemals meinen Schleier gelüftet.' Und da gibt es
ein Gedicht über einen Menschen, der einen Weg der
Übung beschreitet, der zieht den Schleier weg - und dann
v
heißt es im Gedicht: Was sah er, oh Wunder ? - sich
selbst.' Also das ist eine Sache des Erwerbens, des
Übens. Und dann kann man natürlich auch das wieder mit
hineinnehmen, was bei Freud interessant ist. Es sind ja
solche Einseitigkeiten nie so verkehrt, daß nicht ein biß-
chen davon auch richtig wäre!"
- Lachen -

Ein Zuhörer fragt nach dem Verhältnis von Kreativität,


Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft.

Beuys:
"Sie gehen ineinander über. Wer die Methoden der Natur-
wissenschaft auf das Seelengebiet verlängert, der ist im
Gebiete der Geisteswissenschaft. Er muß es aber mit

27
einem gewissen Bewußtsein tun, damit er sich dann aus
dem Zwang der rein materiellen Diktate einer sogenann-
ten naturwissenschaftlichen Denkmethode erweitert. Des-
v
wegen ist der Begriff erweitert' ja wichtig. Dort gibt es
ja einen Übergang. Wilfried Heidt hat vorhin von der Brük-
kenfunktion gesprochen, die der Mitteleuropäer zu leisten
hätte. Diese Brückenfunktion hat er an allen möglichen
Punkten fast jedes einzelnen Begriffes zu leisten. Es gibt
nämlich kaum noch einen Begriff, der nicht einer Inter-
pretation und eines Brückenschlages bedarf, um in ein
für den Menschen gedeihliches Momentum einzufließen.
Also ist das gar kein Gegensatz, sondern es ist einfach
nur die Erweiterung. Wie schade wäre es auch, wenn die
ungeheuren Fähigkeiten, die der Mensch durch die Dis-
ziplinierung erworben hat, in exakten, mathematischen,
logischen, strengen Begriffen im Äußeren zu denken -
wenn das für die Katz' wäre, und er nicht mit derselben
Genauigkeit, Gewissenhaftigkeit, Verantwortungsbereit-
schaft weiter in dasjenige Gebiet hineinarbeiten könnte und
müßte, was ja das nächste, zukünftige Feld ist, was der
Mensch lösen muß: die Frage der Freiheit zu lösen, die
Überwindung von Kommunismus und Kapitalismus als
zweier Systeme, die den Menschen versklaven, sich zu
befreien, d.h. die Befreiung der menschlichen Arbeit zu
vollziehen. Wie schade wäre es, wenn der Mensch nicht
aufmerksam würde auf das, was da schon geleistet worden
ist - einerseits, und - andererseits - dadurch auch zer-
stört worden ist. Ich sage, dieses janushafte Gebilde der
exakten Naturwissenschaft mit der damit verbundenen
Technologie muß man verstehen lernen. Und man muß
auch einen Humor für diese Sachen haben, ich glaube, das
ist wichtig. Es ist wichtig, daß man in humorvollen For-
men den Menschen erzählen kann, wie das Ganze trans-

28
formierbar ist. Das ist jaeigentlich gar nicht so schwie-
rig. Es bedarf einer gewissen Methodik. Aber es ist nicht
so, als müßte man in sich hineingrübeln. Nein! Das ein-
fache Gespräch bringt die Menschen in die ungeheure Stei-
gerung ihrer schöpferischen Kapazität - das einfache Ge-
spräch, das Vorzeigen dessen, gerade was ich n i c h t
kann. Ich brauche nicht immer etwas vorzeigen, was ich
kann: vor allen Dingen auch vorzeigen, was ich nicht kann!"

Ein Zuhörer meint, daß es verwirrend sei, wenn man dem


alten einen neuen Kapitalbegriff gegenüberstellt.

Beuys:
"Es ist aber vielleicht nur verwirrend, weil Du es nicht
gewohnt bist zu denken. Denn Du bist gewohnt zu denken,
daß Geld Kapital ist. Aber gerade dieses Geld, das ja heu-
te die Macht über die Menschen besitzt, was man in so-
genannten Nationalökonomischen Wissenschaftsbestre -
bungen zum Kapital rechnet, gerade dieses ist kein Kapi-
tal. Wenn das aber aus dem Wirtschaftsleben 'raus ist und
in seine Funktion, die es objektiv hat als Steuerungsmo -
ment aller kreativen Prozesse, dann ist dieses Geld ein
Steuerungsmoment, ein Gestaltungsmoment für Kapital.
Was bleibt denn dann noch übrig? Im Wirtschaftsleben ver-
bleibt das Kapital i'n zweifacher Gestalt, die eigentlich
eine einzige ist. Denn der Mensch, der sich in der Arbeit
durch seine Fähigkeit einsetzt, der bringt es ja zu einem
Ergebnis, zu einem Produkt. Da haben wir es doch! Marx
war ja nicht fähig, das zu denken. Warum war er nicht
fähig? Weil er sehr stolz darauf war, ein Materialist zu
sein! Er bekannte sich ja regelrecht zum Materialismus.
Kein Wunder, daß er an dem Geldwesen, das Adam Smith
und Ricardo als moderne Geld-Tausch-Wirtschaft ent -

29
wickelt hatten, garnichts auszusetzen hatte! Er hat ge-
meint, durch den Klassenkampf und durch die Tendenzen
des Kapitalismus selbst wird sich die Sache lösen. Das
hat er ja geglaubt. Dezidiert über das Wesen des Kapitals
findet man da nichts - vielleicht in gespiegelter Form:
man sieht, wie er auf dieses hinstrebt. Man findet z.B.
bei Marx etwas von dem echten Kapitalbegriff in seiner
Wärme als Denker und als Wollender. In seiner Wärme,
die er hat, ist der Kapitalbegriff erlebbar, in seinen Be-
griffen nicht."

Der Zuhörer möchte weiter darauf hinweisen, daß bei


Marx der Zusammenhang von Fähigkeit und Solidarität
als Kapital bezeichnet wird.

Beuys:
"Das mag er hie und da auch gesagt haben, das gebe ich
gerne zu. Aber dennoch hat er nichts über die Stellung
des Kapitals in seiner Evolution auf eine moderne, zu-
künftige Gesellschaft gebildet. Laß uns darüber nicht
streiten! Ich will ja auch nicht rechtbehalten! Ich habe
nur Ergebnisse aus meiner Werkstatt vorgestellt, aus
dem, was ich erarbeitet habe. Ich brauche nicht rechtzu-
haben - das wird sich an anderer Stelle entscheiden!
Dieses Material muß aber bewegt werden."

Ein Zuhörer sieht einen Gegensatz darin, wenn einmal be-


hauptet wird, dem Menschen sei die Natürlichkeit vor 200
Jahren abhanden gekommen, aber dann, der Mensch habe
damals erst gelernt, auf den Füßen zu stehen.

Beuys:
"Es ist ja gut, was Du gesagt hast. Ich muß es natürlich

30
von innen her begründen, daß der Mensch in dieser Zeit,
die markiert wurde, gelernt hat, ganz selbständig zu
werden und wirklich sein Denken an der Materie zu sto-
ßen - mit dem Erlebnis, diese Materie zum Mittelpunkt
seines Forschens zu machen. Das haben die Griechen
und Römer ja nicht gemacht. Die Griechen und Römer
haben sich z.B. Verdienste errungen, indem sie eine
Rechtskultur begründet haben. Es war kein Zusammen-
hang da, der einen zusammenhängenden Kreis schließt
zwischen dem erwachenden Selbstbewußtsein des Men-
schen als einem Analytiker der Stoffeswelt (das ist ein
wichtiger Begriff!). In dem Augenblick, wo der Begriff
der Analyse auftaucht, ist der Mensch voll inkarniert. Er
erlebt sich als au* der Materie gelandet. Derjenige, der
in der Rechtssphäre eine Kultur begründet, ist in einem
anderen Bereich, es sind Herzkräfte drin. Derjenige, der
sich mit der Kunst befaßt, wie alte Kulturen wie die Grie-
chen, der ist in einer anderen Sphäre, der schwebt in der
Natur, und vielleicht kann er sich gerade deswegen mit
der Natur viel besser verbinden. Diese steile Typ eines
exakten, naturwissenschaftlichen Denkers, der ja selbst
zur Materie geworden ist und die Sklerose, die Kristal-
lisation der toten Materie selbst in sich aufgenommen hat,
wodurch er aber ganz besonders stark logische und fein
geartete Meßbegriffe liefern kann wie ein Computer, der
ist dann wirklich so verstofflicht, daß man sagen kann:
er ist inkarniert. Er ist voll in der Materie da. Er hat
sein Golgatha-Erlebnis j e t z t . Und das muß er ent-
rätseln. Dieses Bild muß er enträtseln. Da muß er die
Auferstehung vollziehen; denn das ist das Urbild - - das
Urbild. Es ist ja überhaupt zu sagen, daß vieles rätsel-
haft ist, also daß man sich in die Bilder, Formen und Ge-
stalten hineinbegeben muß. Die liegen ja überall vor, diese

31
Rätsel! Wer weiß denn, was ein Stiefmütterchen ist ! "

Ein Zuhörer fragt, wie Beuys denn zu der Möglichkeit des


Irrtums stehe.

Beuys:
"Natürlich ist der Irrtum immer möglich, das ist klar.
Aber wir sind ja nicht nur ein Mensch mit seiner Möglich-
keit zu irren. Wir sind ja ein Teil der Menschheit. Und
ich denke, daß diese Menschheit sehr hoch entwickelt ist
in bezug auf ihr Vermögen, beurteilen zu können, wenn
sie einmal einen ernsthaften Anfang damit macht und nicht
nachläßt in diesem konsequenten, folgerichtigen Fortgehen
dieses Urteilens, wenn sie da mal einen Anfang macht.
Ich glaube, wenn sie einmal einen Anfang damit macht,
könnte man ganz großen Erfolg in der Sowjetunion haben
und das ganze System über den Haufen werfen. Ich bin
nicht der Meinung, daß man in der Sowjetunion, also im
Russischen Volke oder in den Völkern dieses gewaltigen
Steppenstaates, keinen Erfolg damit hätte. Ich glaube, im
stetigen und ständigen Herstellen dieser Vorstellungen
werden die Leute sehr schnell erkennen. Sie wissen es ja
im Grunde heute schon. Die lügen sich ja in die Tasche!
Die warten doch geradezu auf uns! So muß man es vor-
bringen. Also nicht immer die Angst vor den Russen ha-
ben! Die letzte Frage, vor die der Mensch gestellt ist, ist
ja eigentlich die: Ist es eigentlich so wichtig, daß wir hier
am Bodensee Bodensee-Leute haben? Hier könnten doch
genausogut auch Russen wohnen! Und die Leute vom Bo -
densee könnten doch auch in Moskau sein. Ist das denn
nicht vollkommen gleichgültig, ob hier Russen oder Ame-
rikaner durchmarschieren? Wäre das nicht vielleicht über-
haupt eine intensive Möglichkeit, wenn die alle hier rein-

32
spazierten, die Russen? Daß man mal mit ihnen in ein
Gespräch käme ?"
- Beifall - Lachen -

Ein Zuhörer, der sich als Arbeiter zu erkennen gibt, miß-


traut den mitteleuropäischen Kräften, weil von hier aus
schon sehr viel Unheil, sowohl Kapitalismus als auch
Kommunismus ausgegangen sei. Er möchte wissen, ob
Beuys an eine neue deutsche Führungsrolle glaubt.

Beuys:
"Nein - davon habe ich auch nicht gesprochen! Aber viel-
leicht eine Schweizer Führungsrolle? - " - heftiges Ge-
lächter - " - Ja, aber die Schweiz hatte doch eine großar-
tige Idee der Eidgenossenschaft! Wo ist sie denn geblie-
ben? Versteht Euch doch mal als Eidgenossen!"

Ein Zuhörer glaubt nicht, daß sich der Mensch selbst ent-
wickelt habe in den letzten 200 Jahren, als er die techni -
sehen Errungenschaften hervorbrachte.

Beuys:
"Das glaube ich wohl! Aus dem menschlichen Denken ist
in der Notwendigkeit, in exakten Bezügen zu denken, etwas
Großes geworden. Natürlich nicht auf materieller Basis.
Da ist alles versaut worden. Aber auf geistiger Basis ist
etwas errungen worden. Es braucht ja nur noch das hinzu-
gefügt zu werden, was während dieser Epoche so total ver-
nachlässigt worden ist: daß der Mensch in Bezug auf sein
logisches Denken innerhalb technologischer Dinge unend-
lich weit entwickelt ist, aber daß er im Sozialen ein tota-
ler Versager geblieben ist. Dieses Mißverhältnis muß aus-

33
geglichen werden. Es muß also in dieser Richtung über-
brückt, erweitert, nachgeholt werden. Aber das ist eine
Frage des menschlichen Bewußtseins, und es ist gar nicht
einfach, es den Menschen im Bewußtsein klarzumachen.
Der eine erfährt es durch irgendwelche Lebensumstände
früher, der andere später. Es kommt aber sehr darauf
an, daß wir es möglichst bald alle erfahren. Dafür sollte
ein solches Mitteleuropäisches Forum da sein. Schließlich
sollte ein solches Mitteleuropäisches Forum als Prinzip
auch fähig sein, eines Tages ein Freies Außenpolitisches
Amt zu betreiben - also zu sagen: Was die Parteien ma-
chen, das kann für uns nicht mehr verbindlich sein! Wir
werden aufgrund des viel interessanteren Begriffes von
Produktion vielleicht sehr anziehend wirken auf Menschen,
die großen Einfluß haben in Ost und West, Nord und Süd.
Wir werden sie vielleicht an einen Tisch bringen können.
Wir werden unter Umständen auch ein Schattenkabinett bil-
den müssen. Das sind alles Möglichkeiten, die daraus
generieren können. Vielleicht käme man heute mit einem
Schattenkabinett sehr viel weiter als mit dem augenblick-
lichen Zustand innerhalb der Parlamente!"

Ein Zuhörer fragt nach den Produktionsformen, in die sich


menschliche Kreativität einbringen könne.

Beuys:
"Ja, das fehlt hier noch. Man müßte ganz genau bezeich-
nen, wie das Kapital, die menschliche Fähigkeit mit sei-
nem Produkt, im Arbeitsfeld gestellt ist, also was dort
notwendig wird von der Geldseite. Wenn dieses Geld er-
kannt ist als ein Störenfried im Wirtschaftsleben und er-
kannt ist als der Rechte bewirkende Urquell für alle
Rechtsprozesse, dann wird es zu einem demokratischen

34
Kreditsystem kommen. Das wird nicht verständlich, wenn
man es nicht in einem Seminar immer wieder durchspielt.
Ich nenne nur mal den Begriff! Dann wird es sich um Unter-
nehmen handeln, die frei sind, wo die menschliche Krea-
tivität die Hauptsache ist! Denn aus ihr erfließt ja das
Kunstwerk. Und wir fordern ja schließlich von unseren
Produkten die Kunstfähigkeit! Wir wissen, daß heute die-
ses Wirtschaftssystem, das vom Profit getrieben ist und
an die Rentabilität des investierten Kapitals denkt und nur
an das denkt: 90% der Produkte sind Schund! Wenn wir mit
einem etwas wachen Auge durch die Straßen laufen und in
die Schaufenster schauen: 90% aller Produkte brauchen wir
nicht, und sie sind uns sogar schädlich. Das wird heute
produziert! Das wäre anders, wenn der Geldbegriff und
der Kapitalbegriff auf der Höhe der Zeit erst einmal ge -
d a c h t würde, dann durch eine genügend große Anzahl
von Menschen d u r c h g e s e t z t , so daß er Bestandteil
und Regulativ einer Menschengemeinschaft würde.

Ich glaube, ich muß jetzt schließen und bedanke mich ganz
herzlich für Ihr Zuhören und - das habe ich gespürt - für
Ihr Beteiligtsein an dem, was ich versucht habe vorzutra-
gen. Ganz herzlichen Dank!"

- Beifall -

35
Photo: Peter Vlcek, 20. Januar 1985
Nachwort zur 3. Auflage
"Aktive Neutralität" ist die einzigste unserer Beuys-Pub-
likationen, die der Autor noch gesehen und für gut befun-
den hat. Wir belassen sie deshalb in der 3. Auflage - auch
formal - in ihrer ersten Gestalt.
Der Vortrag, den Joseph Beuys ein Jahr vor seinem Tod
in unserer Nachbarschaft am schweizer Bodenseeufer ge-
halten hat, fand in einer sehr dichten, man kann schon
fast sagen meditativen Atmosphäre an einem Sonntagmor-
gen vor ca. 600 aufmerksamen Zuhörern statt. Diese In-
tensität hat sicher dazu beigetragen, daß der Vortrag zu
einem Kleinod unter den Beuys-Vorträgen geriet.
Wenn man sich mit Beuys beschäftigt - und dazu wollen
wir möglichst gutes Material zur Verfügung stellen -
legt man sich u. U. die Frage vor, wie man im Sinne dieser
Ansätze und Ideen tätig werden kann. Sicher wird jeder
für sich eine eigene Antwort finden. Was uns betrifft -
also die Freie Volkshochschule Argental als FIU-Zweig-
stelle - so haben wir die Veranstaltungsreihe "Studien-
gang Soziale Skulptur" eingerichtet, um das angedeutete
Arbeitsfeld möglichst vielfältig bearbeiten zu können.
Darüberhinaus ist seit 1987 der "Omnibus für Direkte
Demokratie" als fahrende Plastik der Freien Internatio-
nalen Universitär FIU) unterwegs, um der Idee der direk-
ten Mitgestaltung in Rechtsfragen auf gesamtgesellschaft-
licher Ebene zu mehr Bewußtsein zu verhelfen.
Im Sinne von Beuys weiterzuarbeiten heißt nicht (platt und
verkürzt gesagt): Fettecken machen. Vielmehr gilt es,
diejenigen ideellen Kraftquellen aufzuspüren und zu er-
forschen, aus denen auch er geschöpft hat, um daraus
die jeweils eigenen Gestaltungen zu entfalten.
Rainer Rappmann, Winter 1989

38
Freie Volkshochschule Argentai
Eigene Publikationen:
Johannes Stüttgen
PROFESSOR LAG DER LÄNGE NACH IN MARGARINE
Über den Erweiterten Kunstbegriff und Filz und Fett von Joseph Beuys,
ein Vortrag am 14. März 1983 in Bregenz, DIN A4-Broschüre, 40 Seiten, 14 Zeich-
nungen vom Verfasser, 7 Photos, ISBN 3-926673-00-1, vergriffen
Joseph Beuys
AKTjVE NEUTRALITÄT
Die Überwindung von Kapitalismus und Kommunismus
Ein Vortrag mit Diskussion am 20. Januar 1985 in Rohrschach/Schweiz,
DIN A5-Taschenbuch mit zwei Photos, 40 Seiten, 3. Auflage, Fadenheftung
ISBN 3-926673-01 -X 8,— DM
Joseph Beuys
EIN KURZES ERSTES BILD VON DEM
KONKRETEN WIRKUNGSFELDE DER SOZIALEN KUNST
Rede gehalten in Wangen/Allg. am 10.2.1985, DIN A5-Taschenbuch mit zwei doppel-
seitigen Abbildungen, 32 Seiten, Fadenheftung, 2. Auflage,
ISBN 3-926673-02-8 10,80 DM
Johannes Stüttgen
DAS WARHOL-BEUYS-EREIGNIS
drei Kapitel aus: Der ganze Riemen
2. Auflage (original reprint mit einem Vierfarbnachdruck des Beuys-Multiples Nr. 235),
DIN A4-Broschüre, zwei Abbildungen, 25 Seiten
ISBN 3-926673-03-6 10,— DM
Johannes Stüttgen
FREIE INTERNATIONALE UNIVERSITÄT
Organ des Erweiterten Kunstbegriffs für die Soziale Skulptur
eine Darstellung der Idee, Geschichte und Tätigkeit der FIU, 2. erweiterte und auf den
aktuellen Stand gebrachte Auflage, DIN A5-Taschenbuch, 51 Seiten, eine farbige Ab-
bildung auf dem Umschlag
ISBN 3-926673-04-4 12,— DM
Joseph Beuys.Bernhard Blume.Rainer Rappmann
ZWEI GESPRÄCHE ÜBER BÄUME
vom 24.4.1982 in Bonn und vom 26.8.1982 in Kempten/Allgäu, Herausgabe anläßl.
der Pflanzung der letzten von 7000 Eichen in Kassel, 60 Seiten, 20 Abbildungen, DIN
AS-Taschenbuch, Fadenheftung
ISBN 3-926673-05-2 17,80 DM
Wilhelm Schmundt
ZWEI GRUNDPROBLEME DES 2 0 . JAHRHUNDERTS
Die Materie und ihr Ursprung — Der soziale Organismus und sein Krankheitszu-
stand —biographischer Teil
DIN A5-Taschenbuch, Bildskizzen und 3 Photos, 80 Seiten, Fadenheftung
ISBN 3-926673-06-0 16,— DM
Weitere Publikationen in Vorbereitung

Bezugsquelle: FlU-Versand der Freien Volkshochschule Argental e.V.


Engetsweiler Str. 24, D-7988 Wangen-4, Tel. (0 75 28) 77 34
FlU-Versand
Volker Harlan, Rainer Rappmann, Peter Schata
SOZIALE PLASTIK — Materialien zu Joseph Beuys
3. erw. Aufl., Achberg 1984, 160 S., viele Photos u. Zeichnungen, Werk- und Stichwortverzeich-
nis, zwei Aufsätze und ein Vortrag von Joseph Beuys 29,— DM
DOCUMENTE NR. 1
Abendunterhaltung mit Joseph Beuys am 5. März 1977 in Hamburg mit Wissenschaftlern, Jour-
nalisten, Künstlern, Aufmachung in Zeitungsart, gefalzt, 24 Seiten, 17 Abbildungen, zwei Aufsät-
ze von Peter Schata 7,— DM
Joseph Beuys
AUFRUF ZUR ALTERNATIVE
Erstveröffentlichung in der Frankfurter Rundschau vom 23. Dezember 1978, DIN A5-Format, ge-
falzt, 12 Seiten 2,— DM
Johannes Stüttgen
ÜBER JOSEPH BEUYS UND JEDEN MENSCHEN, das Erdtelephon und zwei Wolkenkratzer;
über 7000 Eichen, 7000 Steine und ein schwarzes Loch
ein Vortrag am 5. Juni 1982 in Hamburg, 2. Auflage, DIN A5-Broschüre mit Zeichnungen vom
Verfasser und der Originalgraphik-Postkarte „Cosmos und Damian" von Joseph Beuys sowie zwei
Abbildungen, 12,— DM
Volker Harlan
WAS IST KUNST? — Werkstattgespräch mit Beuys
(vom 23. April 1979), 50 Abbildungen, 124 Seiten, vier Aufsätze von V. Harlan 29,80
Fernando Groener u. Rose-Maria Kandier (Hrsg.)
7000 EICHEN — JOSEPH BEUYS
mit Beiträgen von J. Beuys, J. Stüttgen, R.Thönges-Stringaris, K.H. Hülbusch, N. Scholz, S. San-
der, F. Dahlem u.a., viele Photos, Abb. u. Zeitungsausschnitte, Chronologie 1982—1987, 263 Sei-
ten 34 — DM
Johannes Matthiessen, Ingo Nussbaumer, Rainer Rappmann, Bernd Volk
HOMMAGE Ä JOSEPH BEUYS
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Galerie N, Wien vom 20.Okt. - 19.Nov. 87, 32 Sei-
ten, 28 Abb., Format: 21,2 x 21,2 cm , brosch., Auslieferung auch für Buchhandlungen
11,80 DM
Johannes Stüttgen
ZEITSTAU — Im Kraftfeld des Erweiterten Kunstbegriffs von Joseph Beuys
7 Vorträge, 75 Abb., 54 Figuren (Zeichnungen), 192 Seiten, kart. DIN A4-Buch 48,— DM
Dickhoff, Stüttgen
JOSEPH BEUYS — Zeichnungen, Skulpturen, Objekte
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in Düsseldorf (25.9. - 22.12.88), J. Stüttgen: Gespräch ("Im
Zentrum der Installation") sowie ein Aufsatz ("Die Stempel von J. Beuys"), größtenteils farbige
Abb. aller 102 Ausstellungsobjekte, 214 Seiten, Leinen 78,— DM
Wilhelm Schmundt
ERKENNTNISÜBUNGEN ZUR DREIGLIEDERUNG DES SOZIALEN ORGANISMUS
Durch Revolution der Begriffe zur Evolution der Gesellschaft
2. erw. Aufl. 1982, vierfarb. Titelillustration von J. Beuys: „Die Wärmezeitmaschine in der Ökono-
mie", 252 Seiten, tb, Zeichnungen von W. Schmundt 17,50 DM
Wilhelm Schmundt
ZEITGEMÄSSE WIRTSCHAFTSGESETZE
Über die Rechtsgrundlagen einer nachkapitalistischen, freien Unternehmensordnung
Taschenbuch, 70 Seiten, Bildskizzen 6,— DM
Und viele weitere Produktionen, z.B. Original Beuys-Multiples, Postkarten, Plakate, Aufkleber, Stem-
pel, Kassetten . . . Fordern Sie für 2,— DM in Briefmarken unseren Gesamtkatalog an!

Bezugsquelle: FlU-Versand der Freien Volkshochschule Argental e.V.


Engetsweiler Str. 24, D-7988 Wangen-4, Tel. (0 75 28) 77 34
Rhea Thönges-Stringaris

Letzter Raum
Joseph Beuys: dernier
espace avec introspecteur

.Mit Fotos von Mathias Bendau.


64 Seiten, mit 42 Fotos,
kart. D M 2 9 , -
ISBN 3-7725-0864-2

Letzter Raum
Joseph Beuys: dernier espace avec introspecteur
Vertag Freies Geistesleben

Die große Rauminstallation «der- sche Kunstschaffen und stellt an-


nier espace avec introspecteur» hand einiger beispielhafter Werke
VERLAG
(entstanden 1964-1982) fordert und Projekte seine Absichten und FREIES
den Betrachter heraus: Gelingt Wirkrichtungen dar. Das «Orga- GEISTES-
es, an diesem Kunstwerk unsere nische» des Gesamtkunstwerkes
Gedanken so in Bewegung zu von Joseph Beuys wird so unmit-
LEBEN
bringen, daß das Befremdliche, telbar anschaulich.
das Unverständliche sich zu Sinn,
zu Einsicht verwandelt?

Rhea Thönges-Stringaris nähert


sich diesem zentralen Werk von
Joseph Beuys mit unvoreinge-
nommenem Blick: sorgfältig be-
schreibt sie, was sie sieht; feinsin-
nig folgt sie den Kräftelinien und
Bewegungsrichtungen, die an
den Gegenständen zum Ausdruck
kommen. Stück für Stück er-
schließt sich ihr - und damit dem
Leser, der diesen Gedankenpro-
zeß miterlebt - ein Werk, das
sich sowohl auf ästhetischer als
auch auf gedanklicher Ebene zu
einer einheitlichen, in sich ge-
schlossenen, aber stets nachvoll-
ziehbaren Wirkung zusammen-
fügt. Aus diesen Erkundungen im
«Letzten Raum» eröffnet Rhea
Thönges-Stringaris eine grund-
sätzliche Einsicht In das Beuys-
• • • • • • • • • •
JOHANNES STÜTTGEN

ZEITSTAU
IM KRAFTFELD DES
TEN KUNSTBEGRIFFS V O N

JOSEPH BEUYS
URACHHAUS

192 Seiten, 75 Abbildungen,


54 Figuren, kartoniert DM 48,—

Johannes Stüttgen, Beuys' Assistent und engster Vertrauter durch fast 20 Jah-
re, spricht in diesen sieben Vorträgen aus dem Todesjahr von Joseph Beuys
über ihn nicht nur als Kenner, sondern als jemand, der uns auf präzise Beob-
achtungen und auf die notwendige eigene Gedankenbildung aufmerksam macht,
die allein die scheinbar unüberwindbare Kluft zwischen Werken und Ideen über-
brücken kann.
Es ist unbestritten, daß sich Beuys' Werke der leichten Aneignung widerset-
zen, den Erwartungen an Schönheit, Trost und bergenden Schein, denn der
Hinweis auf die Häßlichkeit und den Tod ist ihnen allen gemein. Aber erst die
Begegnung mit dem Tod, der Vorblick auf das sichere eigene Lebensende mit
seinen Verlusten und seiner Einsamkeit können aus freien Stücken den Wunsch
entstehen lassen, auf das gelebte Leben als auf eine vollendete Gestalt zurück-
blicken zu wollen wie auf die Skulptur eines Künstlers.

Urachnaus
TT T V E R L A G "| 1
DER P R I M A T
Stellen wir uns einmal vor, der Mensch, die Menschheit wür-
de sich in einen ganz reinen, seelischen Zustand versetzen,
d.h. sie würde sterben, so würde sie sich damit noch keines-
wegs außerhalb des Wirtschaftlichen befinden. Die Freiheit,
die Gleichheit, die Brüderlichkeit -das Kapital- gelten auch im
Übersinnlichen, ja - sie sind geradezu übersinnliche Substanz-
formen, sind Lebewesen, sind Wirklichkeiten, weil sie Ideen
sind.

ZUR AKTIVEN N E U T R A L I T Ä T
Stellen wir uns einmal vor, alle Menschen deutscher Zunge
würden sich in einen ganz seelischen, aktiven Zustand brin-
gen, so wäre das Gewollte, d.h. die aktive Neutralität, er-
reicht. Aber sie hätten es nach den Gesetzen eben dieses rei-
nen Seelischen nicht etwa für sich selbst erreicht, sondern für
alle anderen Völker.

Joseph Beuys, 20. Januar 1985, R o r s c h a c h / S c h w e i z

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