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WTSSEIüSC}TAFTLICHtr iÀITtrRPRETATIOI{ U NÐ ALI-TAGSVER.STÄNDN I S ]f E}iSCHLI CHÐN

H,{NÐELNSi

I. EINLEITUNG: ERFAHRUNGS]NHALT

UND

GE DÅN KLicHE çPG;' xsr-iixoe'

t) Dte Konstrt'thtiot'ten d.es øIltägl'ichen* wnd

d' e s u'i s s ens chaf tli.ch en' Ð enken

s

,,\Ãreder das Alliagsverständnis* noch die Wissenschaft können sich ent{alten, sofern sie nicht die strenge Einschränkung der

Betrachtung

auf das in der Erlahrung tatsächlich Gegebene auf-

\Vhiteheads biidet die Grundlage

seiner Analyse der Organisation des Denkens.l Selbst das irn

alltagiichen Leben wahrgenornmene Ðing ist mehr ais eine ein-

fache Sinnesvorstellung.z.Es ist ein gedanklicher Gegenstand,

geben." Ðieser Satz A. Ìd.

eine Konsiruktion höchst koneplizierter ì{atur; sie schließt nicht

nur bésondere Formen zeitlicher Abfolgen ein, in denen sich der Gegenstand als der einer einzigen Sinnesart, sagen ¡n'ir des

konstituiert, und räumliche Beziehungen, in denen er

Sehens,3

sich als Sinnesgegenstand mehrerer Sinnesarten konstituiert,

f ,,Common-Sense

and Scientific InterPretatiol of tr{uman Actiol," ín: Philosoþhy

,,alltãglicti",

ønd Phenomenological Research, 14, 1953, S. r-37. (R.G.)

*

Die Übe¡setze¡

,,Aìllagsverstand"

haben Umschreibuagen w.ie bzw. Zusammensetzungen

um bei

,,-tlltagsverstándnis",

rvie.,,alltägliche Erfahrung".,,alì-

de¡ Übersetzung des Begriffs ,,Com-

des,,gesunden Menschenver-

Sense" der Ðriahrunçstil lebens-

tägliche \4¡ahrnehmung" usrv. gewãhlt,

mon Sense" die alÌzu oft polemischeo Àquivokationen

stands" zu vermeiden. Fúr Schùtz ist

rveltlichen Verstehens im alltäglichen Umgang

,,Comnorr

zrvíschen Mitmenschen- Vgl- S' 6S-7r

ia diesem Band. (R.G.)

Fußnoten mtt

1

Alfred ì{ortb

abgedruckt in:

Ztitern stammen von Scbùtz. Fùßnoten mit Stern stammeq vom

Ausgabe, lfaurice Nâtanson (1f.\.) oder von den Über-

Herausgeber der englischen

setzer¡. (B-L.; R.G.) und

sind stets mii den Initialen gekennzeichnet'

Whiiehead, The Organization oJ Thought, London r9r7; zum Teii

The A'ims ol Êd.ucati'on, New York ag29, ietzt auch als Mentor Book,

Objects"

ì'ieu'York r949. Diese Ausgabe wi¡d hi¿r zitiert: siehe S. rro'

2 aaO, Kap. g:,,The '4nøtomy ol Sone Scientiiic ld'eas, I Fact, II

3 aaO, S. rzSf und S. r3r

ZUR METI{ODOl-O GiE DER SOZI,{Ll,VIS SENSCH,{FTEN

zum Beispiei des Sehens und des Tastens:1 um

des

die Konstruktion

bedarf es auch

Sinnesvorstel_

g."""";

gedanklichen Gegenstandes abzuschliessen,

Beitrags der Imagination hypothetischer

eines

lungen.z Nach

\4/hitehead ist ., g"råa" dieses zuietzi

Moment, nämlich

die Imagination hypothetischer Sinnår,orstel_

ist, auf dem aei

ist,,,:

g^n " Gedankenbal,

dã¡

als tatsächliche

von Mit anderen l1,.orten: die

". ist die Absicht

-G"g"rr.r".rdes

"titag

alltäglichen

wahrneh_

be_

lungen, ,,die der Fels

líche¡ Frfahrung errichtet

reflektiven Kritik,,,unsere Sinnesvorstellung

Realisierung des hypothetischen gedanklicher,

Wahrnehmungen zu konstruieren.,,4

¡eits Abstraktionen

müssen, um nicht

sogenannten konkreten Tatsachen der

mung sind gar nicht so konkret wie es scheint. Sie umfassen

höchst komplizierter Natur, dle i.vir beachten

dem Fehlschluß der unangebra-chten Kon_

imrner ein zri,eifaches

a", nrf"f.rorrg

krerheit zu verfallen.õ liach \\&itehead hat die Wissenschaft

Ziel: erstens

die Fertigung einer Theorie, die mit

übereìnstimmt,

und zr,veitens åie zumindest umrißhafte Erklá_

Begriffe von der Natur; diese E¡klärung be_

dieser Begriffe in einer u,issenschaftrichen

Denkenslo Zu diesem zweck rnuß die

Zusammenhrrrg .,rorr Wú*.ä;;_

denen díe gedanklichen

von denen der Wissen_

Beispiei Moleküle,

rung der alltäglichen

steht in der Erhaltung Theorie einstimmigen

Physik

{die a,lein in diesem

roeint ist)

Verfah¡en entwickeln, in

Gegenstände der alltäglichen Erfahrung

schaft

ersetzt werden.? Die letzte¡en,""urn

Atcme und

Eiektronen, haben dabei alle eualitâten verloren, die

Sinnesvo¡stellungen uimittelbar in unserem

sindlns nur durch die Ðreignis_

Ereignisse allerdîÇ,

,epråis"rrtiä

implizit enthaJten,

ror.t"Urrrrger,

vom unscha¡fen

in der Form von

Bewußtsein faßbar wären. Sie

¡eihen bekannt, d,e sie

die in unserem Bewußtsein in Sinne

we¡den. Mit diesem Ver{ah¡en wird eine Brùcke

F1u8 de¡ Sinne zur exakten Definition des Denkerrs geschlagen.s

r aaO, S.

r3r und S. r16

" aau,5. r33

3 aa0, S. r34

a aaO, S. r35

5 ^Alf¡ed North Whiteheað.,_science

aucb

êls,:\{entor Book,.Nerv york r9ag, S. ;;i'"*'"

; ì:Ïti:'"t'

I

**v)

v.

rJJ

aaO, S. 116

rhe '4iws oJ Educatlon,'aaa-,s.

tz6

and, the Mod.ern

llorl.d,

',.

New vork rgz5, jetzt

,/

WISSE\SCHAFTI-IIìÌ.iÐ

INTERPRETATIOìI

5

\4''ir beabsichtígen hier

nícht, die meisterhafte Methode rvhi¡e-

'erfoÌgen:

der

er benutzt das oben kurz organisation des Denkens,

indem er von der

Ideen', ausgeht

und mit den mathematisch gefaßter: Theorien dei mode¡nen

Logik endet.l

Von gröl3tem lnteresse ist jedoch die Grundeinstellung, die

Whitehead mit vielen anderen hen'orragenden Denkern unseîer

Zeit telIt, so mit William James,2 Dervev,3 Bergsona und llus-

ser1.5 Diese Einstellung kann man, rvenn auch sehr grob, r'vie lolgt

zgÆammenfassen:

heads Schritt fü¡ Schritt zu

skízziefte Prinzip in seiner Änalyse

,,AnaTomie *,issenschaftlicher

Physik und den Verfahrensregeln der s;",mbolischen

",/

,/

-\\¡elt, sei es im rvissênschaft- das

-g¡tha.lt_$9¡gtruLktionen-

Generalisierungen, 1ìor-

lìchen oder im ailtäglichen Ðenken,

heißt einen Verband von Abstraktioneq,

malisierungen und ldeaiisierungen, die der jeweilþn Stufe ge- danklicher Organisation gemäß sind. G_en4=ir-g-q4qry!ae4 gibt es

liilgçgd_s_Sq_etwa:_)yl9

g9_i1lç g_!Ç eþlache Jatsachen. AlIe Tat-

sachen sind immer schon aus einem universellen Zusammenhang durch unsere Bewußtseinsabiãufe ausgerváhlte Tatsachen. Somit

sind sie immer interpretierte TatgacþSn: entrveder sind sie in künstiicher Äbstraktion aus ihrem Zusammenhang gelöst oder

aber sie werden nur in ihrem partikulären Zusammenhang ge- sehen. Daher tragen in beiden Fãllen die Tatsachen ihren inter- pretativen inneren und äußeren Horizont mit sich. Für das ailtág-

Iiche Leben rvie für die \\¡issenschaft heißt dies nicht, daß wir die

Wirklichkeit der Welt nicht begreifen können. Es folgt nur, daß wir jeweils bloß bestimmte ihrer Aspekte erfassen, sofern sie

r aaO, S. Í\z-rz3 und S. 136-155

2 William James,

,,Tb.e Siream ol

3

The Princiþles oi Psychology, Nes'Yo¡k 1893, Bd. r, Kap. 5:

Thoughi", S. zz4f und bes. S. 289f.

John Dewey, Logic, the Theory oi I nquiry, New York r

,,The

9 38, bes. Kap - 3-+,7-B und

Object'ítism-Subjectiúsn ol Modern Ph,ilosoþhy"

rz', vgl. auch den Aufsatz

(r94r) in dem Sammeìband Problens oi Men,New York 1946, S. 3:6f-

a Henri Bergson, Malière et L,Iémoire, Paris r896. Kap. r: .,La Sélection des Images

par la Représentation".

5 Siehe z.B. Edmund HusseiÌ, Logische UntersuchtLngett, +. Aufl., Halle rgz8, Bd. 2,.

vgl. die

Teil z: Dle ideale Einheit der Species und die neuen åbstraktionstheorien;

vorzugliche DarsteÌlung in: Marvin Farber, The Foundat'ion ol Plrcnomenology, Cam-

bridge 1943, Kap.9, bes. S. z5rí-Siebeferne¡ Ðdmund Husserl, Ideen zu einet r¿inen

Phã,nomenoLog,ie,

Den l{aag r95o, {im

lolgenden kurz ld,een) r. Abschnitt; ebenso

Edmund Husserl, Fornale z¿nd, lranszsødentale Logik, Halle r929, (kwz Logìh) Par. 8z-86,94-96; vgl. hierzu Farber, aaO, S. 5orff. Siehe auch Edmund Hosserl, Erlah-

rung und, UtteiL, Prag r939, Par. 6-ro, 16-24, 4r-43.

6 ZUR JVfETHODOLOGIE DEIì SOZIALi\¡ISSENSCHÄFTEN

\,',t, ji¿. ',-'ii t

entweder fùr die Bervältigung des

der akzeptierten Verfahrensregeln des schaftsmethodik nennen, ¡eievant sind.

Ålltags oder vom Standpunkt

Ðenkens, die wir li/issen_

e ) Ðie b esondey e Styuktwr s ozi ø/,u.i s s ens c kalth,cher Konslruh,t

ionen

Wenn dieser Auffassung gemäß alle rvissenschaftlichen Kon- struktionen so entrvorfen sein sollen, daß sie die Gedankenkon-

struktionen des alltägiichen Denkens ersetzen, dann wird ein

prinzipieller Unterschied zr,vischen den \ïatu¡- und den Sozial-

rvissenschaften offenbar. Den liaturwissenschaftlern

bleibt es

vo¡behalten zu entscheiden, ¡ryelche¡

rvelche ih¡e¡ Tatsachen und Et"igrri

Sektor der gesamten -\*atur,

"@

Tatsachen und Ereignisse thematisch und interpretativ fùr ihr

-t:.t.J.r.a-,4

ì

,:

,,.,,

.r _, j"r1 I

at,ì:

,,,, i

,.

:

spezifi,sches nisse sind ím

¡""

Interesse relevant sind. Diese Tatsachen und Ereig-

vo¡aus weder ausgesondert noch gedeutet; sie zeigen

. Relevanz ist

npþ!:ryqgnggi. sie ist dãs Ergebnis der

Tätigkeit des Mensche., i*

u*-

der ì{atur. Die Tatsachen,

ih""" .p"rif

der ìiatu¡ a1s solche¡

- seLektiven und interpretativen

gang mit oder bei der Beobachtung

Ðaten und Ereignisse, rnit denen der Naturlvissenschaftler urn-

J-, a

gehen muß, sind lediglich Tatsachen,

halb seines Beobachtungsfeldes; jedoch

den

nichts.

Daten und Ereignisse jnner_

,,bed.eutet,, dieses Feld

darin befindlichen Moieküren, Atomen und Erektronen gar

Dem

Soziaiwissenschaftier riegen aber Tatsachen, Ereignisse

Struktur vor. Sein Beob-

ihrem wesen nach

unge_

t"Li i

und Daten einer vöiiig verschiedenen

.,,.!,/:1i{ achtungsfeld, die sozialr,veit, ist nicht

'.ri(t:(¡,,':

gliedert.lie hat eine besondere Sinn- und Relevanzstruktur für

*"i"i

verschiedenen Konstruktionen der

In

aJrtägrichen wi¡klichkeit

ir,t"rp."tiert, und

haben sie diese Welt im voraus gegliedert lrld

es sind

gedanktiche Gegenstãnde ciieser Art, die ihr v-erhalten

stimmen, ihre

be_

Handiungsziele d.efinieren und die Mittel :,lrtr

'orschreiben

und

kurz: sie verhelfen den

r e

rcrr=æal;e;¿*

ifu mlr;

;":

Realisierung solcher Ziele

Ilenschen in ihrer natùriichen

-A.uskqln_qen zu_find.en und

ge dant<li ctr e n

G-c g e n s t ¿i nàii

soziokuitureten l'mlvelt ihr

mit ihr Íns Reine zu kommen" I)ie

bildet u'erden, beziehen und gründen sich auf gedankìiche Ge-

wISSENSCHAFTLICIIE

I}¡TERPRETATIoN

7

genstände, die im Ve¡ständnis des im .{lltag unter seìnen }lít-

menschen ìebencien Menschen gebildet werden. Die Konstruk-

4Sqqn, 4iç 4ef!ezt.tl1Þ!9y!rf!l€I_

sa, gçn $ o_q9tf-qhtiS4e!_Z

geLt s

4.

Þgry{rt, .i'r¿ àãn"r rorlr-

ilK o" s tt"Iilio nen

_G.g4çg . el

jener Konstruktioner, dig j-rn Soliq]feid yon è_"¡ g_qa+-"Þ^+çg S",

bilciet werden, deren Verhalten der Wissenschaftler beobàðhiei

-jin

otrà i" Übereinstimmung mit den Verfahrensregelnl seiner \\¡is-

senschaft zu erklären versucht

stehen vor einem ernst-

haften Dilemma. Eine ,,Schuie" meint, es gäbe einen grundsätz-

lichen Unterschied zwischen den Strukturen der Sozialwelt und denen der Natur. Ðiese Einsicht frihrt jedoch zu dem irrigen

Schluß, daß die Sozialwissenschaften von den Naturwissenschaf- ten totøl verschieden sind, wobei die Tatsache übe¡sehen wird,

daß bestimmte Verfahrensregetrn korrekter gedankücher Organi-

sation al1en empirischen Wissenschaften gemeinsam sind. Ðie

andere ,,Schule" versucht, das Verhalten des Menschen in der-

seiben Weise zu sehen, in der der Naturwissenschaftler

das ,,\'-er-

Die modernen SoziallvissenSóhaften

'

'/

:

.;

':4, t): f:"

halten" seiner gedanklichen Gegenstände faßt: für sie ist es selbstverständlich, daß die Methoden der Naturwissenschaften (vor allem der rnathematischen Physik), die zu solch außeror-

dentiichen Erfoigeri fùhrten, die einzig rvissenschaftlichen Methoden sind. Andererseits nirnmt diese Richtung es als seibst- verständl.ich hin, daß allein die Übernahme naturu'issenschaft-

licher Methoden der Konstruktionsbildung zu veriässlichem

Wissen von sozialer Wi¡klichkeit fùhren wird. Diese beiden

Annahmen sind jedoch miteinander unvereinbar. Zam Beispiel

würde sich eín ideal verfeinertes und voll entwickeltes behavioris-

tisches System sehr lveit von den Konstruktionen entfernen, in

denen der Meilsch in der WirkLichkeit des alltäglichen Lebens sein

eigenes Verhaften und das seiner Mitrnenschen erfahrt*,z-

Die ÜL'errvindung dieser Schwierigkeit verlangfbesondere

Verfahren, unter anderem Konstruktionen

methodologische

rationaler ffandlungsmuster. Um die spezifische Art der ge-

danklichen Gegenstánde der Soziaiwissenschaften lveiterhin auf-

Zum BegriÍi der \.'eriahrensregeln (procedural ruìes)

1

Methodotogy ol ihe Sociat Sci'ences, Neç'Yo¡k 1944,

den ve¡schiedeael -{uífassuagen ùbe: das

Sozialwissenschaften.

lehr e der S o z'ialaiss ens chaiten, \\

ier r 9 36 ; R. G. )

vgl. Felix Kaufmatln,

bes. Kap'3-+; siehe Kap io zu

Verhältris zrvischen den Natur- und den

(Vor der Ðmigration publizierte Felix Kaufman\, ÙIethoden-

ZUR METI{OÐQLOGIE

DER SOZIALWISSENSCHåFTE\I

!YISSÐNSCHAFTLICI{E IN'f ERPRETATIO\

zukTàren, rnùssen rvir

einige Konstruktionen charakterisieren,

die im Alltag ve¡wand.t werden. Auf diesen sind die wissen_

schaftlichen Konstruktionen aufgebaut.

,,-liere", ,,] itmenschen". Angenommen, ich hatte bisher nie

einen Irischen Setter gesehen. Begegnet mir aber einer, so lveiß

ich, daß es ein Tier und insbesondere ein liund ist" der all die

vertrauten Zùge und das typische Verhalten eines

und nicht - sagen wir - das einer I(atze. Ich mag vernünftiger- rveise fragen: ,,\\¡as ist das fur ein i{und?" Díese Frage setzt voraus, daß die trinähnlichl<eit dieses besonderen Hundes mit

allen anderen mi¡ bekannten Hundearten hervorsteht und frag-

ri'úrdig rvird, und. z'¡,ar allein tn bezug auf die Àhnlichkeit,

die

ihn mit meinen fraglosen Erfahrungen von typischen Hunden verbindet. - ln der Terminclogie Husserls, dessen Á.naiyse der

ilundes zeigi,

II. DIE KOI.ISTRUKTTONEN

GEDANKIICHER

CSC¡TsTÀ¡iDE I}f ALLTÀGLICHEN DENKEì{

r) Døs Alltøgsw,issen des Einzelnen aon rier W ell ist ein System aon

K onstrukti on en ihr er

iy þ,i s chen A s þ e h,t e

Wir wollen zuerst die Àrt und lVeise beschreiben, in der wir hell-rvache,l erwachsene Menschen die intersubjektive welt

in der und auf die wir als Ùlensch unter unseren

als

des Âlltags sehen,

Mítmenschet *itk"

Sie wu¡de von ande¡en, unseren Vorgängern, als eine

w-elt erfahren und gedeutet. ìíun bietet sie sich unserer Erfah-

g"ordrr"t"

rung und Deutung an. Jede Interpretation dieser Welt

sich auf einem vorrat eigener od.er uns von Eitern od.er iehrern

grùndet

ve¡mittelter frùherer Welterfahrungen, die in der \,Veise unseres

,,verfügbaren Wissens" ein Bezugsschema bild en.

Zu diesem verfügbaren

Wissensvorr at zàhlt unser Wissen, daß

eine Welt von mehr oder rveniger

mit mehr oder rveniger definiti_

Gegenstãnden, zwischen denen

die wir einrvi¡ken

isoriert wahrge-

eingebetret

"i.,

die Welt, in der lvir leben,

genau umrissenen Gegenständen ven Qua-iitäten ist, eine Welt von

rvir uns belvegen, die uns widerstehen und auf

können. Keiner dieser Gegenstände wird jedoch

nomnôen. Der Gegenstand ist von vornherein

einen

wle er lst - brs auf

hingenommen wird,

ë-ø?lt

kann. Ðie otr"trg"r*@n

falls vom Ansatz her

heißt, sie tragen offene

i=V_irl&i¡theit und des eekanntseiis, ¿er - sã

rveiteres als fraglos verfügbarer WGñõorrat

d,"¡.

ltr"r,E"S,,j gd",

sind jedoch eben-

als tyþisch.e Erfahr-ungen verfugbar, das

Ho¡izonte zu erwa¡tender ähniicher

Beispiel erfahre ich die Außenwelt

einmaliger Gegenstände, die

Erfahrungen mit sich. - Zam

nicht als eine Anordnung diskretei

in Raum undZeit verteiit sind, sond.ern als",,Berg"e ,,,8ä;;";,

Typik der alltägEchen \l¡elt

ri'ir zusammenzufassen versuchten: 1

Was in der tatsächlichen \\'-ahrnehmung eines Gegensta"ndes

nommen rvird. Meine Errvartung dieser typischen Konformitát

mit anderen Gegenständen rvird in tatsächlicher Erfahrung be-

stätigt oder nicht. \\¡ird sie bestätigt, so e¡weitert sich der Inhalt

des antizipierten Tvps, de¡ dann gleichzeitig in l-Intertypen auf-

gespalten wird; der konkrete, wirkliche Gegenstand rvird

andererseits seine individueLlen Charakteristika ausrveisen, die

nichtsdesto,,veniger eine formale Typik haben.

Nun kann ich zwar, und dies ist ein entscheidender Punkt, den typisch apperzeptierten Gegenstand als ein Exetnþløø des allge-

meinen Typs nehmen und so zum Begriff des Typs führen lassen, aber ich mup keineswegs irn obigen Beispiel an den konkreten

Hund als ein Exemplar des allgemeinen Begriffs ,,Hund" denken.

,,Im alÌgemeinen" zeigt mein Irischer Setter Rover alle Charak- teristika, die der Typ ,,Hund" nach all meinen fruheren Erfah-

rungen impiiziert. Was jedoch gerade er mit anderen Hunden ge-

mein hat, ist für mich belanglos. Ich erblicke in ihm meinen Freund und Begleiter Rover, der als solcher unter allen anderen

Irischen Sette¡n ausgezeichnet ist, mit denen er bestimmte

typische Ðigenarten der Ðrscheínung und des Verhaltens teilt.

Ohne besonderen AnIaß rverde ich Rover nicht ais Sãugetier, als

Lebervesen, a1s Gegenstand der Außenrvelt betrachten, obgleich ich weiß, daß er ali dies auch ist.

erfahren rvird, erfährt eine aoperzeptive Übertragung auf jeden

. anderen ähniichen Gegenstand, der dann nur als Typ wahrge-

R¿Lten,

""),--t-":,präzisen

-A.lf¡ed

lt:

Be-deut^ung dieses

Begriffs

Schùtz, Gesanrnelte AujsøÍze,

vgl. über die .mannagfaltigen

lv.hklich-

datd I,5.244;im iotgenOãn turz àl i-

1 Husserl,

Erfahrung,

aaO, Par. r8-2r

pathologie und Bewußtseinsstrukturiefung",

und 8u-85, Vgl. auch

irr: Schùtz, Gl

,,Sprache, Sprach-

I, S. 3rg-325-

,i

1

.:

4ì:.i a.i

rO

ZLIRMETHODOLOGIEDERSOZIÀLWISSENSCH.{FTEN

In der natùrlichen Ðinstellung des

Ailtags beschâftigen uns

Hintergrund des frag_

nur bestimmte Gegenstânde, die vor dem

losen Feldes anderer vorerfahrener Gegenstände hervorstehei.

Ðiese selektive Tätigkeit unseres Bewußtseins führt dann zu de¡

Bestimmung, welche besonderen Charakteristika eines solchen

Gegenstandes individueil und rvelche t¡rpisch sind. Etwas allge-

rneiner gesagt: Wir befassen uns nur mit einigen Aspekten dieies

besonderen, typisierten Gegenstandes. Von diesem Gegenstand S

anzunehrnen, er habe die charakteristische Eigenschaft p in der Fo¡m ,,S ist p", wâre eine elliptische Aussage. Denn S - so wie

es rnir in aller Selbstverständlichkeit

erscheint - ist nicht nur p,

sondern auch q und r und vielerlei mehr. Der vollständige Satz

mr¡ßte heißen: ,,S ist, neben anderen Dingen wie

p." Behaupte ich bezügiich eines Elementes dieser als selbstver_

q und r, auch

ständlich hingenommenen Welt, daß S gieich p daß ich unter den vorliegenden I-imstánden am

interessiert bin und das q- und r-Sein ars nicht rerevant unbe- rücksichtigt lasse.l

p_Sein von S

ist, so heißt es,

,,fnteresse', und ,,Relevanz,, sind

jedoch bioße Titel für erne Reihe komprizierter probleme, die im

ausgearbeitet werden kön_

Ðie hier benutzten Begriffe

Rahmen dieser Untersuchung nicht

nen.*

Wir mùssen uns auf einige wenige Bemerkungen be_

schränken.

In jedem Zeitpunkt seines täglichen Lebens findet sich der

Mensch in

einer biographisch bestimmten Situation, das heißt, in

definierten natüriichen und. sozio_kulturellen Um_

einer von ihm

welt,z in der er eine

nicht nu¡ im Rahmen

ausgezeichnete Stellung hat: eine Stellung

und d.er kosmischei

des physischen Raumes

zeít, nicht nur bezügrich Status und Rorle

innerhalb des so-

id.eologische

sei

zialen Systems, sond.ern auch eine moralische und

Fosition.3 l]nse¡e Aussage, diese Ðefinition d.er Situation

biographisch bestimmt, soÌl nichts weiter heißen, als daß sie ihre

,V,S1. a* Literaturangaben in Fußnote auf

| .

]!1.4.

Schutz,,,Some Structures of the

lected PaÞers, Bd. IIl,

.

-"

W.

_Zu!

I.

BegrifÍ

Thomas,

der

S. 9.

Lif'e_Worl¿,,, in: Alfred Schütz, Col_

ai"

Den Ha ag 1962, S. rr6fí. (R.G.)

,,Definitì;n de; Situatìoi,i

in

d.em Band \,Vitliam l.

"gí.

bet¡effenden A¡beiten von

Soc,iøl Behatiu and, pey_

Reseøtch, Hrsg. Edmund

die vorzUgliche Einfùhrung von

I. Thomas, petson und.

3 Vgl. Maurice trferleau-ponty, phêaanténologie de Ie perceþt¿otu paris r945, S. r5g.

die jetzt

in.ãå.,

sonãlity, Contributions

W. I. Thoznas to Theory

H. Volkart, New York rosr, vorliegen. Vgl- auch

""iiì¿¿

\¡olka¡r. (Deutsche üb"riËtrrrg von O. Kinminich: \V.

Soziaherhalten,Neurvied

r9O5 ; R.G.)

WISSENSCHAFTLICHE II{TERPRETTTTION

í7

Geschichte hat: Ðiese besteht aus der Ablaeeruns ¿lls¡ rrcr-
.

_, - gangenen Erfahrungen des ìie@aren

wissensvorrat

sie ais solche gegeben ais sein einziganiger Besiiz.+ Ðiese biographisch bestimmte Situation erschließt ge-

rr,'isse }Iöglichkeiten künftiger praktischer oder theoretischer

in aer Fotm tiabilreil€rE;ignungen orga-nisiert

-;-indjhm-aflèñ-iêt

Tátigkeit, die hier kurz ,,verftigbare

Ziele" genannt s'erden. Das

verfügbare Ziei definiert

einer Situation, die fur dieses Ztelrelevant sind. Dieses Releyanz-

system bestimrat seinerseits, welche F-lemente zum Substrat

generalisierender Typisierungen gemacht werden müssen, q'elche

Merkmale dieser Ðlemente atrs kennzeichnend typisch und welche

werden müssen' Anders

als einzigartig ìndividuell ausgewählt

gesagt, das Relevanzsystem bestim:nt, ¡vie lveit wir in den

jene Elemente aus der ì'fannigfaltigkeit

"

'',t.

;.

tt-.1

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offenen }lorizont der Typik eindringen mùssen. Kehren wir zum obigen Beispiei zurùck: Ein Wechsel meines verfügbaren Zieìes und des damit verbundenen Relevanzsystems, also ein WechseÌ des ,.Zusarnmenhanges," in dem S mir inte¡essant erscheint,

kann mich dazu fiihren, daß ich mich nunmehr mit dem q-Sein

von S befasse, rvährend es irrelevant geworden ist, daß S zudem noch p ist.

z ) D erinter subi ekt'ia e C hør økter des Alltagsw'iss ens

Die ersten Konstruktionen des alitäglichen Denkens haben wir

bisher so untersucht, als wäre diese WeIt meine private Welt und

als dür{ten wir die Ta"tsache außer Acht lassen, daß sie von

Anfang an eine intersubjektive Kulturwelt ist. Sie ist intersub-

jektiv, da wir in ihr als Mensch unter Menschen leben, an welche

rvir durch gemeinsames Ðinwirken und Arbeiten gebunden sind,

welche wir verstehen und von ¡¡¡elchen wir verstanden werden.

Es ist eine Kulturrvelt, da die Welt des täglicheri Lebens von

aüem Anfang an für uns ein Universum von Bedeutungen ist, also ein Sinnzusammenhang, den wir interpretieren mùssen, um

uns in ihm zurechtzufinden und mit ihm ins Reine zu kommen.

Dieser Sinnzusammenhang entspringt jedoch - und darin unter-

scheidet sich der kultureile Bereich von dem de¡ Natur - mensch-

lichem Handein: unserem Handeln und dem Handeln unserer

* !-g1. ,,Das Wãtìlen zwíschea Handlungsentrvùrfen", I, S. 87-88 (M N.).

T2

ZURMÐTHODOI-OGIEDERSOZI,{LWISSENSCH¿,FTEìi

],{itmenschen,

unserer Zeitgenossen und i¡orgàngei-.

Alle kultu_

ry.r"¡¡",

;;;

rellen Gegenstände

Werkzeuge, S5rmbole, épr".t

"tc.

j

lveisen i"

Kunstu,erke , soziale f nstitutioner,

Bedeiltung auf die

.Urrp;qg

Tätigkeiten menschlicher Individuen

Àus diesem Grund sind

Bräuchen begegnenden ÐjgsS- Gesqhich4ich5eit ist

zurück.

-wir uns imme¡ der uns in ?raditionen und

Geschichtlichkeit der Kuìtu¡ bewußt.

Éie Sedimentatior, "qgsc¡lgþgl

erst

in

TätiC_

bezug auf

ich einen kulturel_

die ihn hervor_

Beispiei

ver-

keiten *d etschlffiung

diese Tatigkeìten. Aus demsetrben Grund. kann

1en Gegenstand nicht verstehen, ohne ihn auf

bringende menschliche Tätigkeit zobeziehen. Zum

stehe ich ein \,Verkzeug nicht, ohne den Z,,veck seines Eìtwurfs

zu kennen; ein zeichen

oder ein Symbol bleiben unverstandiJ,

es benutzende person dr*it

;;;;;

unverstândlich, solange i.h ;i.h;

bed.eutet, die in ihi und

,i"

sub_

falls ich nicht weiß, was die

eine Institution bteibt mir

weiß, was sie frìr die Individuen

hin ihr Verhalten orientieren. Ðas sogenannte postulat der

",rt

se,¡en

trrsprung. Es wird ,rns spãterioðñ-EìõEãTIÇõ-l-

zunächst

werden wir jedoch die weiteren Konstrukiionen

Alltagsdenken

auftauchen, sobald wir be_

private Welt isf, sondern

mein Wissen von der

intersubjektiv oder

genugt es, drei

untersuchen, die im

achten, daß diese Welt nicht meine

e_ine inte¡subjektive Welt, das heißt, àaß

1¡7elt nicht privat, sondern von vornherein

vergesellschaftlicht ist. Fùr unseren Zweck

-A'spekte

dieses Problems der Soziaiisierung d.es wisse ns kurz ztt

behandeln:

a) die Reziprozitàt der

perspektiven oder die strukturelle

;

oder die genetische Soziali_

Sozialisierung des Wissens

b) der soziale U-rsprung d.es Wissens

sierung des

Wissens;

c) die soziale Verteitrung des

Wissens.

ø) Ðie Reziþroz,itrit d.er persþeh,tiuen

trn der natürlichen

Einstellung des täglichen Lebens nehme

ãaß ",

irri"üig"rrte Mitmenschen

aan ãie Gegenstände dieser

ich es a-ls

seibstverständlich hin,

gibt. trch irnpiiziere Wett dem Wissen

damit prinzipleU,

-eirrei Miåerrs;;r, )ìgar,gri.h sind, aiso

entwede¡ bekannt oder e¡kennbar sind. Dies weiIj ich und nehme

lVISSENSCHA.FTLI CHE TNTERPRETATION

la

es fraglos, als selbstverstänolich hin. Ich lveiß aber auch und

nehme es als seibstverständlich

an, daß genau genommen d.ieser

,,selbe" Gegenstand ftìr rflich etrvas anderes bedeuten muß ais

fùr jeden beliebigen meiner Mitmenschen.

Ðies grùndet sich

i) darau{, daß ich ,,hier" in and.erer Ðistanz zu den Gegenstân- den stehe als er, der ,,dort" ist, und auch andere Aspekte der

Gegenstände als typisch erfahre. Aus dem gleichen Grund,

liegen bestimmte Gegenstánde außerhalb meiner Reichlveite (des Sehens, I{örens, I{andhabens etc.), jedoch innerhalb der

seinigen und umgekehrt.

ii) zumindest bis zu einem gervissen Grad auf die notwendige Diff erenz zu'ischen rneiner biographisch bestimmten Situation

und der meiner Mitmenschen und damit auf den Unterschied unserer je vorliegenden Absichtel und den in ihnen jeweils

grùndenden Relevanzsystemen.

Das Alltagsdenken ùberr,vind.et die Differenzen individueller Perspektiven, die aus jenen beiden Punkten folgen, durch zu'ei

grundlegende Idealisierungen

:

1) Dir-Jfupl!:tyyfSJgJ:l!.qy,, i"h-*

ey Sta.ndovte.'Würde so daß

sein ,,Hier" zu meinem wird, so ist es mír selbstverständlich, daß ich dann in derselben Ðistanz zu den Dingen stehe und sie in denselben typischen Aspekten sehe, wie er es tatsäch- lich tut; des r,r'eiteren wùrden dieselben Dinge in meíne Reich-

u'eite kommen, die ihm tatsächLich erreichbar sind. Ich

nehme an, daß fùr ihn die entsprechenden Annahmen eben- falls selbstverständlich sind.

1l) Di,e I dzalisiqøns Cey,!{: olLyu?!4ig4eleu øfLytterye ; Se}a4ge keine Widersprüche auftreten, ist es mir (und, r.vie ich

r/, '¿,i42,

t'ar

þ !, <

annehme, auch meinem Mitrnenschen) selbstverständlich, da8

die Verschiedenheit der Perspektiven, die in unseren je ein- zigartigen biographischen Situationen ihren lJrsprung hat,

für die momentanen Absichten eines jeden von uns ir¡elevant

ist. So hat er und so habe ich, so haben ,,wir" angenornmen,

daß u'ir beide alle tatsächiich oder potentiell gemeinsamen Gegenstände und ihre Eigenheiten ùbe¡einstimmend ausge- sucht und interpretiert haben, oder daß dies zumindest in

und a-iso fùr die Praxis

einer ,,empirisch übereinstimmenden" hinreichenden \tr¡eise geschehen ist.

r4

zurì METHODOLOGIE DER.SOZTALwTssENSCHAFTEN

Ðie beiden ldealisierungen, die der Vertauschbarkeit

Generølthese der reziþroÌ¿en pers6ehf.í.

ätJ.ü'J#:äff ;:ii:::ï:iåi

der meines Mitmens]chen

über_

der

Standorte und die der I(ongru eûz d.er Relevanzsvsteme konsti_

tureren zusammen die

Bei beiden handelt es sich@

dankricherGegenstanJf

meiner privaten Erfahrung und

lagern. Infolge dieser