Sie sind auf Seite 1von 185

Marcus Tulius Cicero

De Officiis

Übersetzung von Rainer Lohmann

Inhalt

Erstes Buch

Einleitung

Ethik als Thema

Definition und Einteilung der Pflichten

1. Hauptteil: Die aus der Tugend entspringenden Pflichten

o

o

o

o

o

o

o

o

Definition und Einteilung

Die Tugend der Einsicht und die daraus hervorgehenden Pflichten (1. Kardinaltugend)

Die Tugenden des geselligen Lebens und die daraus hervorgehenden Pflichten

Die eigentliche Gerechtigkeit (2. Kardinaltugend) Kein Unrecht tun. Das Eigentum achten Die zwei Arten der Ungerechtigkeit. Abwehr des Unrechts Pflichten der Gerechtigkeit nach Umständen Handlungen im Notstand

Summum ius summa iniuria Großmut und Vergebung

Wohltätigkeit und Güte Echte Wohltaten

Besonnenheit bei Wohltaten Wohltaten gegen besondere Nächste. Umstände Der Charakter des Empfängers Wohltaten für Würdige und Bedürftige. Beseitigung der Bedürftigkeit Wohltaten für Mitbürger, Freunde, Vaterland Erfahrung lehrt echte Wohltätigkeit

Tapferkeit und Hochsinn (3. Kardinaltugend) Die Tapferkeit Tapferkeit in Selbstbezwingung und in Ausführung großer Taten Fernbleiben vom Staatsleben nur in besonderer Lage

Tapferkeit im Kriege steht nicht höher als Mut im Frieden

Tapferkeit und Gemeinwohl

Der Tapfere ist großmütig, milde, bescheiden

o

Mäßigung (Besonnenheit) und Anstand (4. Kardinaltugend) Wesen und Einteilung des Schicklichen Pflichten, die aus dem Decorum hervorgehen Selbstbeherrschung Mäßigung in der Lust Bewahrung berechtigter Eigenart Richtige Berufswahl Neigungen und Altersstufen Pflichten verschiedener Gruppen Lebensstil der harmonischen Persönlichkeit Scheu vor Verletzung des Anstandes Schicklichkeit im Äußerlichen Angemessene Sprache Angemessenes Wohnen Rücksicht auf Zeit und Ort Wahl eines auch äußerlich anständigen Berufes

Konflikte der vier Kardinaltugenden. Ihr Verhältnis zueinander

Zweites Buch

Einleitung

Hauptteil: Das Nützliche und die daraus entstehenden Pflichten

o

Das Sittlichgute ist zugleich das Nützliche

o

Am meisten Nutzen zieht der Mensch vom Menschen

o

Die Tugend muss alle zusammenschließen

o

Motive der Menschen, anderen zu nützen

Überblick

Liebe und Furcht

Vertrauen und Ruhm Gerechtigkeit erweckt Vertrauen Der Gerechte erwirbt Ruhm Gerechtigkeit braucht sogar der Einsame,
Vertrauen und Ruhm
Gerechtigkeit erweckt Vertrauen
Der Gerechte erwirbt Ruhm
Gerechtigkeit braucht sogar der Einsame, besonders aber ein
Staat
Ruhm durch Krieg und moralische Leistung
Hilfe der Redekunst beim Streben nach Ruhm und anderen
Gütern
Wohltätigkeit und Freigebigkeit
Die Wohltätigkeit und ihre Arten
Verschwenderische Wohltätigkeit
Edle Freigebigkeit
Hilfe für einzelne, besonders durch Beistand vor Gericht
Wohltätigkeit bei steter Rücksicht auf das Wohl des Einzelnen
Der Politiker darf sich nicht bereichern
Fehlgeschlagene Reformen unter Antastung des
Privatvermögens
o
Anhang: Wert der Gesundheit und des Geldes
o
Konflikt der Pflichten und des Nutzens

Drittes Buch

Einleitung. Ausnützung der Muße

Der Konflikt zwischen den Pflichten der Tugend und des Nutzens

o

Panaitios führte dieses Thema nicht aus

o

Berechtigung der Frage nach dem Konflikt zwischen Tugend und Nutzen

o

Man darf nie für eigenen Nutzen andere schädigen

o

Beim Konflikt Tugend/Nutzen geht es nur um scheinbaren Nutzen

o

Unmoralisches Handeln und Nutzen gibt es nicht zusammen

o

Das Böse ist grundsätzlich zu meiden

Scheinbar Nützliches ohne Verletzung der Sittlichkeit

o

Gemeinwohl im Streit mit Pflichten gegen Einzelmenschen

o

Pflicht im Konflikt mit Freundschaft

o

Politischer Vorteil im Konflikt mit Pflichten gegenüber der Menschheit

Konflikte zwischen Nutzen und Tugend in Handel und Wandel

o

Ein Streitfall

o

Keine Lüge oder Täuschung bei Verkäufen!

o

Keine "kluge Lüge"! Bei Immobilien verbietet sie das Gesetz

o

Nicht durch die "Maschen des Gesetzes" schlüpfen

o

Weitere Konfliktsfälle

o

Auch großer Gewinn entschuldigt Schlechtigkeit nicht

o

Tyrannis als Konfliktsfall zwischen Nutzen und Moral

o

Beispiele aus Roms Geschichte

o

Weitere Konflikte

o

Wann muss man ein Versprechen nicht halten?

Konflikte des Nutzens mit der Tapferkeit

o

Odysseus und Regulus

o

Diskussion der Tat des Regulus

o

Weitere Beispiele von Eidestreue

Konflikte des scheinbaren Nutzens mit den Pflichten der Selbstbeherrschung

Epilog

Erstes Buch

1–4a Einleitung

[1] Obwohl du, mein Sohn Marcus, da du schon ein Jahr bei Cratippus studierst, und zwar in Athen, philosophische Vorschriften und Lehrmeinungen wegen des höchsten Ansehens des Lehrers und der Stadt im Übermaß haben musst, von denen der eine dich durch Wissen fördern kann, die andere durch Vorbilder, glaube ich dennoch, dass du, wie ich selbst zu meinem Nutzen immer mit dem Griechischen das Lateinische verbunden und dieses nicht nur in der Philosophie, sondern auch bei der Übung im Reden getan habe, dasselbe tun musst, damit du im gewandten Ausdruck in beiden Sprachen gleich tüchtig bist. In dieser Hinsicht haben wir sicherlich, wie wir meinen, unseren Landsleuten eine große Hilfe erwiesen, so dass nicht nur diejenigen, die griechischer Gelehrsamkeit unkundig sind, sondern auch die Gebildeten meinen, eine beträchtliche Hilfe für das Reden und Urteilen erlangt zu haben.

[2] Deshalb wirst du von dem führenden Vertreter der Philosophen dieses Zeitalters lernen, und zwar solange du willst; so lange aber wirst du es wollen müssen, wie du mit deinem Fortschritt zufrieden bist. Aber wenn du dennoch unsere Schriften liest, die sich nicht viel von denen der Peripatetiker unterscheiden, da wir beide Sokratiker und Platoniker sein wollen, so gebrauche hinsichtlich des Inhalts dein eigenes Urteilsvermögen – denn ich verhindere nichts -, deinen lateinischen Stil aber wirst du in der Tat vervollkommnen, indem du unsere Schriften liest. Aber ich möchte nicht, dass dieses für ein anmaßendes Wort gehalten wird. Denn wenn ich, obwohl ich philosophisches Wissen vielen zugestehe, das für mich beanspruche, was für

einen Redner eigentümlich ist, nämlich angemessen, klar gegliedert und kunstvoll zu reden, so schreibe ich mir dieses gewissermaßen mit vollem Recht zu.

[3] Daher fordere ich dich nachdrücklich auf, mein Cicero, nicht nur meine Reden, sondern auch die vorliegenden Bücher über Philosophie, die jenen fast schon gleichkommen, eifrig zu lesen – denn eine größere Wucht des Wortes liegt in jenen -, aber auch diese ausgewogene und ruhige Art des Redens muss gepflegt werden. Und ich sehe, dass folgendes jedenfalls keinem der Griechen bislang zuteil geworden ist, dass derselbe Mann in beiden Gattungen mit Erfolg arbeitete und sich mit jener Gattung der öffentlichen Rede und dieser ruhigen der Disputation befasste; es müsste denn sein, dass Demetrius aus Phaleron zu diesen gezählt werden kann, ein Meister scharfsinniger Erörterung, ein wenig schwungvoller Redner, dennoch einnehmend, so dass man ihn als Schüler Theophrasts erkennen kann. Welche Fortschritte wir aber in beiden Gattungen gemacht haben, sollen andere beurteilen, wir haben uns sicherlich mit beiden befasst.

[4a] Ich allerdings glaube, dass Platon, wenn er die Gattung der öffentlichen Rede hätte behandeln wollen, gewichtig und in reicher Fülle hätte reden können und Demosthenes, wenn er an jenem, was er von Platon gelernt hatte, hätte festhalten und es hätte zum Ausdruck bringen wollen, imstande gewesen wäre, dieses kunstvoll und prächtig zu tun; und auf dieselbe Weise urteile ich über Aristoteles und Isocrates, von denen beide an ihrem Fach Gefallen fanden und so das Fach des jeweils anderen verachteten.

4b-6 Ethik als Thema

[4b] Aber als ich mir vorgenommen hatte, zum jetzigen Zeitpunkt etwas an dich zu schreiben, vieles später, wünschte ich, wenn möglich, mit dem anzufangen,

was für deine Altersstufe und meine Kompetenz am geeignetsten ist. Denn obwohl viele bedeutende und nützliche Fragestellungen in der Philosophie genau und gedankenreich von den Philosophen erörtert worden sind, ist offenbar das von größter Bedeutung, was von jenen über pflichtgemäße Handlungen überliefert und gelehrt worden ist. Denn kein Gebiet des Lebens kann von der Pflicht frei sein, weder in politischen noch in privaten Belangen, weder in die Öffentlichkeit noch in die Familie betreffenden Fragen, weder wenn du auf dich allein gestellt bist noch dich mit einem anderen zusammentust, und auf ihrer Pflege beruht jede sittliche Lebensqualität und auf ihrer Vernachlässigung sittliche Minderwertigkeit.

[5] Ferner ist der Gegenstand dieser Untersuchung allen Philosophen gemeinsam. Wen gibt es nämlich, der es wagte, sich einen Philosophen zu nennen, ohne irgendwelche Lehren über die Pflicht weiterzugeben? Aber es existieren einige philosophische Richtungen, die durch die Art, das höchste Gut und das größte Übel festzulegen, jede Pflicht untergraben. Denn wer das höchste Gut so bestimmt, dass es keine Verbindung mit der Tugend hat, und dieses nach seinen persönlichen Interessen, nicht aber nach dem Sittlichguten bemisst, dürfte, wenn er mit sich selbst übereinstimmt und nicht zuweilen von einer glücklichen Naturanlage besiegt wird, weder Freundschaft noch Gerechtigkeit pflegen und auch nicht Freigebigkeit; tapfer kann gewiss in keiner Weise sein, wer den Schmerz für das größte Übel hält, oder maßvoll, wer meint, die Lust sei das höchste Gut. Obwohl diese Einsichten selbstverständlich sind, so dass es keiner Untersuchung bedarf, sind sie dennoch von uns an anderer Stelle er-örtert worden.

[6] Wenn diese philosophischen Richtungen also konsequent sein wollen, dürften sie nicht in der Lage sein, über die Pflicht zu sprechen, und es könnten keine dauerhaften, zuverlässigen und naturgemäßen Lehren über die Pflicht

weitergegeben werden, es sei denn entweder von denjenigen, die sagen, nur das Sittlichgute, oder von denen, die meinen, hauptsächlich das Sittlichgute sei aus sich heraus erstrebenswert. So ist diese Vorstellung für die Stoiker, Akademiker und Peripatetiker eigentümlich, da ja Aristons, Pyrrhons und Erillos' Lehrmeinung schon längst missbilligt worden ist, die gleichwohl ein ihnen zustehendes Recht besäßen, über die Pflicht zu disputieren, wenn sie einen Unterschied zwischen den Dingen übriggelassen hätten, so dass ein Zugang zum Finden der Pflicht bestünde. Wir folgen also unter solchen Umständen und in dieser Untersuchung vornehmlich den Stoikern, nicht wie Dolmetscher, sondern wir werden, wie wir es gewohnt sind, aus ihren Quellen nach unserem Urteil und Ermessen schöpfen, wie viel und auf welche Weise wir es für richtig halten.

7-10 Definition und Einteilung der Pflichten

[7] Es scheint also richtig, da die gesamte Abhandlung über die Pflicht handeln wird, vorher zu definieren, was eine pflichtmäßige Handlung ist; ich wundere mich, dass dieses von Panaitios übergangen worden ist. Denn jede Unterweisung, die methodisch über irgendeinen Gegenstand angestellt wird, muss von einer Definition ausgehen, damit erkannt wird, was der Gegenstand der Untersuchung ist. Jede wissenschaftliche Untersuchung über die Pflicht ist eine doppelte. Ein Teil bezieht sich auf das höchste Gut, ein anderer beruht auf den Vorschriften, durch die das praktische Leben in jeder Hinsicht gestaltet werden kann. Für den ersten Teil gibt es Beispiele folgender Art: Ob alle Pflichten vollkommene Pflichten sind; ob irgendeine Pflicht wichtiger ist als eine andere und welche Pflichten zu derselben Art gehören. Für diese Pflichten des zweiten Teils aber werden Vorschriften mitgeteilt; obwohl diese sich an dem höchsten Gut orientieren, ist dieses dennoch weniger deutlich, weil sie

sich offenbar auf die Gestaltung des praktischen Lebens beziehen; über diese Vorschriften müssen wir uns in den vorliegenden Büchern aussprechen.

[8] Und es liegt auch eine andere Einteilung der Pflicht vor. Denn es gibt eine so genannte mittlere und eine vollkommene Pflicht. Die vollkommene Pflicht wollen wir, so meine ich, die richtige nennen, da die Griechen sie als katórjwma, diese allgemeine Pflicht aber als kaj¨¨ñkon bezeichnen. Und diese Pflichten definieren sie so, dass sie sagen, die Pflicht sei die vollkommene, welche die richtige sei; die mittlere Pflicht aber sei, wie sie sagen, die, für die eine vernünftige Begründung vorgebracht werden könne.

[9] Also gibt es, wie Panaitios glaubt, eine dreifache Erwägung, nach der man einen Entschluss fasst. Denn sie überlegen, ob das, was Gegenstand der Erwä- gung ist, sittlich gut oder schändlich sei; denn während sie hierüber nachdenken, schwanken sie zwischen verschiedenen Meinungen. Dann aber untersuchen sie oder gehen mit sich zu Rate, ob hinsichtlich der Bequemlichkeit und Annehmlichkeit für das Leben, hinsichtlich der Mittel zur Bestreitung der Lebensbedürfnisse und deren Fülle, hinsichtlich von Einfluss und Macht, durch die sie sich und die Ihren unterstützen können, der Gegenstand der Beratung zuträglich ist oder nicht; diese Erwägung gehört ganz in den Bereich des Nutzens. Eine dritte Art der Überlegung ergibt sich, immer wenn das, was nützlich zu sein scheint, mit dem Sittlichguten offenbar im Widerspruch steht. Wenn nämlich der Nutzen, wie es den Anschein hat, an sich reißt, das Sittlichgute dagegen zu sich zurückführt, geschieht es, dass der Verstand, während er überlegt, in Zweifel gerät und eine zwiespältige Denkbemühung verursacht.

[10] In dieser Einteilung sind, obwohl es ein sehr schwerer Fehler ist, etwas beim Gliedern zu übergehen, zwei Punkte weggelassen worden. Es wird

nämlich gewöhnlich nicht nur darüber nachgedacht, ob etwas sittlich gut oder schändlich ist, sondern auch, wenn zwei sittlich gute Handlungsweisen vorliegen, welche von beiden sittlich besser ist, und ebenso, wenn zwei nützliche Handlungsweisen vorliegen, welche von beiden nützlicher ist. Folglich stellt sich heraus, dass die Überlegung, die, wie jener geglaubt hat, aus drei Teilen bestehe, in fünf unterteilt werden muss: Also ist erstens das Sittlichgute, aber in zweifacher Hinsicht, zweitens das Nützliche in gleicher Weise und drittens der Widerstreit zwischen diesen Prinzipien zu erörtern.

11-151 Die aus der Tugend entspringenden Pflichten 11-17 Definition und Einteilung

[11] Vom ersten Augenblick an ist jeder Art von Lebewesen von der Natur zugestanden worden, dass es sich, sein Leben und seinen Körper schützt, das meidet, was zu schaden droht und alles Lebensnotwendige sucht und beschafft wie Nahrung, wie Schlupfwinkel, wie anderes derselben Art. Gemeinsam ist ferner allen Lebewesen der Geselligkeitstrieb um der Fortpflanzung willen und eine gewisse Fürsorge für diejenigen, die hervorgebracht worden sind. Aber zwischen Mensch und Tier besteht insbesondere der Unterschied, dass dieses nur insoweit, als es von sinnlicher Wahrnehmung angesprochen wird, sich allein auf die unmittelbare Gegenwart einstellt, da es nur ganz wenig die Vergangenheit oder Zukunft wahrnimmt. Weil der Mensch aber der Vernunft teilhaftig ist, durch die er die Folgen erkennt, die Ursachen der Dinge begreift und ihre Entwicklungsstufen und gleichsam die vorausgehenden Anlässe genau kennt, verwandte Erscheinungen vergleicht und zukünftige Geschehnisse mit gegenwärtigen verknüpft und verbindet, sieht er leicht den Ablauf des ganzen Lebens und schafft, um dieses zu meistern, die notwendigen Dinge vorher an.

[12] Und dieselbe Natur bringt auch kraft der Vernunft den Menschen dem Mitmenschen näher zur Gemeinschaft der Sprache und des Lebens, und sie pflanzt ihm eine ganz außerordentliche Liebe zu seinen Nachkommen ein. Sie veranlasst ihn zu wollen, dass es Vereinigungen sowie Zusammenkünfte von Menschen gibt und diese von ihm besucht werden, und sich aus diesen Gründen um die Beschaffung dessen zu bemühen, was zur Verschönerung des Lebens und für den Unterhalt ausreicht, nicht für sich allein, sondern für seine Gattin, seine Kinder und die anderen, die er für wert hält und beschützen muss, eine Sorgepflicht, die sogar den Geist anregt und seine Tatkraft steigert.

[13] Ganz besonders sind dem Menschen das Suchen und die Erforschung der Wahrheit eigen. Wenn wir daher frei von notwendigen Geschäften und Besorgungen sind, dann verlangen wir danach, etwas zu sehen, zu hören, hinzuzulernen, und wir glauben, dass die Erkenntnis der Geheimnisse oder Wunder der Natur für ein glückliches Leben notwendig ist. Hieraus ist erkennbar, dass das Wahre, Aufrichtige und Unverfälschte der Natur des Menschen am angemessensten ist. Mit diesem Verlangen nach Wahrheitserkenntnis ist ein gewisser Trieb nach Unabhängigkeit verbunden, so dass ein gut angelegter Geist von Natur aus niemandem gehorchen will außer jemandem, der entweder theoretisch unterweist oder um des Nutzens willen nach Recht und Gesetz befiehlt; hieraus entstehen Seelengröße und Verachtung der irdischen Güter.

[14] Aber nicht gering ist jene Wirkung der vernunftbegabten Natur, dass nämlich dieses Lebewesen als einziges wahrnimmt, was Ordnung ist, was Schicklichkeit, was das rechte Maß in Taten und Worten. Kein anderes Lebewesen nimmt die Schönheit, die Anmut und die Wohlproportioniertheit der sichtbaren Welt wahr; deren Ähnlichkeit von den Augen auf den Geist übertragend, glaubt die vernunftbegabte Natur, dass sogar weit mehr die

Schönheit, Stetigkeit und Ordnung in den Überlegungen und Taten zu bewahren sind, und sie stellt sicher, dass sie nichts unschicklich oder verweichlicht verrichtet und sodann in allen Meinungen und Taten nichts ohne Selbstkontrolle tut oder denkt. Aus diesen Voraussetzungen wird das gebildet und bewirkt, was wir untersuchen, das Sittlichgute, das, auch wenn es keine Anerkennung findet, dennoch ehrenhaft ist, und das, wie wir wahrheitsgemäß sagen, auch wenn es von niemandem gelobt wird, von Natur aus lobenswert ist.

[15] Die Idee des Sittlichguten, mein Sohn Marcus, und gleichsam seine äu-ßere Erscheinung erkennst du, die, wenn man sie mit den Augen wahrnähme, eine außerordentliche Liebe zur Wahrheit, wie Platon sagt, hervorriefe. Aber alles, was sittlich gut ist, entspringt einem der vier Teilbereiche. Denn es beruht erstens auf der Fähigkeit und Gewandtheit in der Erkenntnis der Wahrheit, zweitens auf dem Schutz der menschlichen Gemeinschaft, darauf, dass jedem das ihm Zukommende zugeteilt wird und auf der Verlässlichkeit bei Vereinbarungen, drittens auf der Größe und Stärke eines erhabenen und unbesiegbaren Geistes und viertens auf dem Sinn für Ordnung und Maß in allen Taten und Äußerungen, was Mäßigung und Selbstbeherrschung ausmacht. Obwohl diese vier Formen der Tugend untereinander aufs Engste verbunden sind, entstehen dennoch aus jeder einzelnen von ihnen Verpflichtungen bestimmter Art, wie z.B. in dem Teil, der bei der Gliederung zum ersten gemacht worden ist und dem wir Weisheit und Klugheit zuteilen, die Erforschung und Findung der Wahrheit enthalten sind, und dieser Tugend ist diese Aufgabe eigen.

[16] Denn je mehr jeder erkennt, was in einer jeden Sache der Wahrheit am meisten entspricht, und je scharfsinniger und schneller er einen vernünftigen Grund zu erkennen und zu erklären vermag, für um so klüger und weiser wird

er gewöhnlich zu Recht gehalten. Deshalb liegt dieser Tugend gleichsam als Stoff, den sie behandelt und mit dem sie sich befasst, die Wahrheit zugrunde.

[17] Den übrigen drei Tugenden aber sind die Bedürfnisse des Lebens hinsichtlich der Besorgung und der Erhaltung der Güter als Aufgabe zugewiesen, auf denen die praktische Bewältigung des Lebens beruht, damit die Gemeinschaft der Menschen und ihre Verbindung bewahrt werden und die Erhabenheit und Größe des Geistes bei der Vermehrung des Vermögens und dem Erwerb von Vorteilen für sich und die Seinen sowie noch viel mehr bei der Verachtung derselben hervorleuchtet. Ordnung aber, Stetigkeit und Mäßigung samt dem, was diesen ähnlich ist, gehören zu dem Bereich, auf den eine praktische Tätigkeit, nicht nur geistige Regsamkeit zu verwenden ist. Denn wenn wir in dem gewöhnlichen Geschäft des Lebens einen gewissen Sinn für Maß und Ordnung walten lassen, werden wir Sittlichkeit und Schicklichkeit bewahren.

18-19 Die Tugend der Einsicht und die daraus hervorgehenden Pflichten (1. Kardinaltugend)

[18] Von den vier Bereichen aber, in die wir das Wesen und den Begriff des Sittlichguten eingeteilt haben, ist jener erste, das in der Erkenntnis der Wahrheit besteht, der menschlichen Natur besonders angemessen. Denn wir alle fühlen uns unwiderstehlich getrieben zum Verlangen nach Erkenntnis und Wissen, worin sich auszuzeichnen wir für vortrefflich halten, aber einen Fehler zu machen, zu irren, nicht zu wissen und sich täuschen zu lassen nennen wir schlecht und schimpflich. Auf diesem naturgemäßen und ehrenhaften Gebiet sind zwei Fehler zu vermeiden, erstens, dass wir Unbekanntes als Erkanntes ansehen und diesem unüberlegt zustimmen; wer diesem Fehler entgehen will –

alle aber müssen es wollen -, muss sich bei seinen Überlegungen Zeit lassen und sorgfältig vorgehen.

[19] Der zweite Fehler besteht darin, dass einige einen zu starken Eifer und zu viel Mühe auf dunkle, schwierige und dabei gar nicht notwendige Fragen verwenden. Wenn diese Fehler vermieden worden sind, wird man zu Recht den Aufwand von Mühe und Sorgfalt für ehrenvolle und der Erkenntnis würdige Gegenstände loben, wie wir es z.B. über C. Sulpicius in der Astronomie hören, über Sex. Pompeius in der Geometrie erfahren haben, über viele in der Logik, über mehrere im bürgerlichen Recht, alles Kenntnisse, die sich mit der Wahrheitsfindung befassen. Sich durch das Streben hiernach von den praktischen Tätigkeiten abbringen zu lassen ist gegen die Pflicht; denn der Vorzug der Tugend beruht ganz auf der Handlung. Dennoch geschieht oft eine Unterbrechung hierin, und es werden viele Möglichkeiten eröffnet, zu den Studien zurückzukehren; ferner kann uns die geistige Tätigkeit, die niemals zur Ruhe kommt, sogar ohne unser Zutun in unserem Streben nach Erkenntnis bewahren. Jeder Gedanke aber und jede Verstandestätigkeit müssen sich entweder mit Entschlüssen beschäftigen, die bezüglich ehrenhafter Gegenstände gefasst werden und solcher, die sich auf das gute und glückliche Leben beziehen, oder mit dem Streben nach wissenschaftlicher Erkenntnis. Und so haben wir über die erste Quelle der Pflicht gesprochen.

20-60 Die Tugenden des geselligen Lebens und die daraus hervorgehenden Pflichten 20-41 Die eigentliche Gerechtigkeit (2. Kardinaltugend) 20-23a Kein Unrecht tun. Das Eigentum achten

[20] Von den drei übrigen Bereichen aber findet diejenige Haltung die weiteste Anwendung, durch welche die Gemeinschaft der Menschen untereinander und

gleichsam ihr Zusammenleben bewahrt werden; von dieser Haltung gibt es zwei Teile: die Gerechtigkeit, bei der der Glanz der Tugend am größten ist, nach der die rechtschaffenen Männer benannt werden, und mit dieser verbunden die Wohltätigkeit, die zugleich als Güte oder Freigebigkeit bezeichnet werden kann. Aber die Bestimmung der Gerechtigkeit besteht erstens darin, dass niemand jemandem schadet, es sei denn, er ist zu einem Unrecht gereizt worden, zweitens, dass er Gemeingut als Gemeingut gebraucht und Privateigentum als persönlichen Besitz.

[21] Es gibt aber kein Privateigentum von Natur aus, sondern entweder infolge alter Besitznahme wie bei denen, die einst in menschenleere Gegenden gekommen sind, oder infolge eines Sieges wie bei denjenigen, die sich eines Krieges bemächtigt haben, oder durch Gesetz, Vertrag, Übereinkunft und Los; die Folge davon ist, dass das Gebiet von Arpinum das Gebiet der Arpinatier, das zu Tusculum gehörige Gebiet das der Tusculaner genannt wird; ähnlich ist die Verteilung privater Besitzungen. Infolgedessen mag ein jeder, weil einiges von dem persönliches Eigentum wird, was von Natur aus gemeinsamer Besitz gewesen war, das behalten, was ihm zugefallen ist; wenn aber jemand von diesem Privatbesitz etwas für sich erstrebt, wird er das Recht der menschlichen Gemeinschaft verletzen.

[22] Aber da wir, wie von Platon vortrefflich geschrieben worden ist, nicht nur für uns geboren sind, sondern einen Teil unserer Existenz das Vaterland beansprucht, einen anderen die Freunde und, wie die stoische Lehre sagt, alle Erzeugnisse der Erde zum Nutzen der Menschen hervorgebracht werden, die Menschen aber um der Menschen willen gezeugt sind, damit sie sich selbst untereinander nützen können, müssen wir in diesem Punkt der Natur als Führerin folgen, den gemeinsamen Nutzen in den Mittelpunkt stellen und durch gegenseitige Leistungen, durch Geben und Nehmen, ferner durch

Fachkenntnisse, Hilfeleistung und materielle Mittel das Band der Zusammengehörigkeit der Menschen untereinander knüpfen.

[23a] Die Grundlage der Gerechtigkeit aber ist die Treue, d.h. das aufrichtige Stehen zu Zusagen und Übereinkünften. Daher wollen wir, obwohl dieses vielleicht irgendeinem zu weit hergeholt erscheint, es dennoch wagen, die Stoiker nachzuahmen, die eifrig erkunden, woher die Wörter abgeleitet worden sind, und wir wollen glauben, dass die Treue ihren Namen hat, weil geschieht, was zugesagt ist.

23b-29 Die zwei Arten der Ungerechtigkeit. Abwehr des Unrechts

[23b] Aber es gibt zwei Arten von Ungerechtigkeit; die eine wird von denjenigen begangen, die Unrecht zufügen, die andere von denjenigen, die das Unrecht von denen, denen es zugefügt wird, auch wenn sie es können, nicht abwenden. Denn wer widerrechtlich irgendeinen angreift, aus Zorn oder durch eine andere Leidenschaft erregt, scheint gleichsam Hand an seinen Mitmenschen zu legen; wer aber seinen Nächsten nicht verteidigt und dem Unrecht keinen Widerstand leistet, auch wenn er es kann, ist genauso schuldig, wie wenn er seine Eltern, seine Freunde oder sein Vaterland im Stich lässt.

[24] Was nun jenes Unrecht betrifft, das um des Schädigens willen vorsätzlich zugefügt wird, so nimmt es oft mit der Furcht seinen Anfang, wenn derjenige, der einem anderen zu schaden beabsichtigt, fürchtet, dass er selbst, falls er dieses nicht tut, irgendeinen Schaden erleidet. Größtenteils aber schicken sie sich an, Unrecht zu tun, um das zu erlangen, was sie begehren; im Bereich dieses Fehlers kennt die Habgier keine Grenzen.

[25] Erstrebt wird der Reichtum aber sowohl für die notwendigen Bedürfnisse des Lebens als auch für den Genuss der Freuden. Bei den Menschen aber, die

eine höher stehende Gesinnung haben, zielt das Verlangen nach Vermögen auf Macht und auf die Möglichkeit, sich gefällig zu erweisen, wie neulich M. Crassus sagte, kein Vermögen sei für denjenigen zu groß, der im Staat die erste Rolle spielen wolle, falls er mit seinem Einkommen kein Heer unterhalten könne. Es erfreuen auch prächtige Ausstattungen und eine geschmackvolle und genussreiche Lebensgestaltung, wodurch bewirkt worden ist, dass ein grenzenloses Verlangen nach Vermögen herrscht. Zwar darf eine Steigerung des Vermögens, sofern sie niemandem schadet, nicht getadelt werden, aber immer ist Unrecht zu meiden.

[26] Ganz besonders aber werden die meisten dazu gebracht, die Gerechtigkeit zu vergessen, wenn sie dem Verlangen nach Macht, hohen Ämtern und Ruhm anheimgefallen sind. Was nämlich bei Ennius geschrieben steht ”Es gibt keine heilige Bindung und keine Treue in der Königsherrschaft", das hat weite Geltung. Denn auf jedem Gebiet, das so beschaffen ist, dass sich auf ihm mehrere auszeichnen können, kommt es meistens zu einem solchen Kampf, dass es sehr schwierig ist, die Heiligkeit der gesellschaftlichen Bindung zu bewahren. Dieses hat soeben die Unbesonnenheit C. Caesars gezeigt, der alle göttlichen und menschlichen Rechte umstürzte, weil er sich eine irrtümliche Vorstellung von dem Wesen eines Prinzipates gebildet hatte. Es ist aber auf diesem Gebiet bedauerlich, dass in den bedeutendsten Geistern und in den ausgezeichnetsten Genies meistens das Verlangen nach Ehre, Macht, Einfluss und Ruhm hervortritt. Umso mehr muss man sich davor hüten, dass in diesem Bereich ein Fehler gemacht wird.

[27] Aber bei jeder Art von Ungerechtigkeit macht es einen sehr großen Unterschied, ob durch irgendeinen Affekt, der meistens kurz ist und auf Zeit, oder mit Bedacht und Absicht das Unrecht geschieht. Leichter nämlich wiegt das, was sich infolge einer plötzlichen Erregung ereignet, als das, was nach

reiflicher Überlegung und Vorbereitung zugefügt wird. Somit also ist über die Zufügung von Unrecht genug gesprochen worden.

[28] Es gibt gewöhnlich mehrere Gründe, eine Verteidigung zu unterlassen und so seine Pflicht zu verletzen. Denn die Menschen wollen entweder keine Feindschaft, keine Anstrengung oder keine Kosten auf sich nehmen oder sie lassen sich auch durch Nachlässigkeit, Trägheit oder durch gewisse Neigungen oder Beschäftigungen so sehr abhalten, dass sie es hinnehmen, dass diejenigen, die sie schützen müssten, verlassen sind. Daher muss man zusehen, ob das genügt, was bei Platon hinsichtlich der Philosophen gesagt worden ist: Weil sie sich mit der Erforschung der Wahrheit beschäftigten und das, was die meisten heftig erstreben und um was sie gewöhnlich untereinander erbittert kämpfen, verachteten und als nichtig bewerteten, deswegen seien sie gerecht. [Denn die eine Art der Gerechtigkeit erreichen sie, dass sie niemandem schaden, indem sie ihm Unrecht zufügen; aber sie erliegen der anderen Art von Ungerechtigkeit, denn abgelenkt durch ihr Interesse am Lernen lassen sie diejenigen im Stich, die sie schützen müssen.] Daher glaubt er, sie würden auch nicht in den Staatsdienst eintreten, es sei denn, sie seien dazu gezwungen. Denn die sittlich gute Tat ist nur in dem Fall gerecht, wenn sie freiwillig geschieht.

[29] Auch gibt es welche, die entweder aufgrund ihres Bestrebens, ihr Vermögen zu schützen, oder aus einer gewissen Scheu gegenüber Menschen sagen, sie kümmerten sich nur um ihre Angelegenheiten, und die offenbar niemandem Unrecht zufügen. Diese Leute sind zwar von der einen Art der Ungerechtigkeit frei, verfallen aber der anderen; sie entziehen sich nämlich der Gemeinschaft des Lebens, weil sie auf diese keinen Eifer, keine Mühe und keine Geldmittel verwenden.

30-41 Pflichten der Gerechtigkeit nach Umständen

[30] Da wir also zwei Arten von Ungerechtigkeit dargelegt, die Gründe für beide Arten hinzugefügt und zuvor festgestellt haben, auf welchen Prinzipien die Gerechtigkeit beruht, werden wir, wenn wir uns selbst nicht zu sehr lieben, leicht beurteilen können, was die Pflicht in jedem einzelnen Fall ist. Die Sorge um fremde Angelegenheiten nämlich ist beschwerlich, allerdings glaubt jener Chremes des Terenz, ”nichts Menschliches sei ihm fremd"; indessen urteilen wir über jene anders als über uns, weil wir mehr das wahrnehmen und empfinden, was uns selbst entweder an Glück oder Unglück widerfährt, als jenes, was den anderen zustößt, was wir gleichsam in weiter Ferne sehen. Daher sind diejenigen gute Lehrer, die irgendetwas zu tun verbieten, von dem man nicht weiß, ob es gerecht oder ungerecht ist. Denn die Billigkeit leuchtet durch sich selbst ein, der Zweifel gibt den Gedanken an das Unrecht zu erkennen.

31-32 Handlungen im Notstand

[31] Aber es kommen oft Umstände vor, durch die solche Grundsätze, die in besonderer Weise eines gerechten Menschen würdig zu sein scheinen und desjenigen, den wir einen guten Mann nennen, umschlagen und sich ins Gegenteil verkehren, wie z.B. anvertrautes Gut [sogar einem Wütenden?] zurückzugeben, ein Versprechen zu erfüllen, und es sich als gerecht erweist, sich bisweilen über das hinwegzusetzen und nicht zu beachten, was Wahrheit und Treue betrifft. Denn solche Ausnahmen muss man auf das beziehen, was ich anfangs als Grundforderungen der Gerechtigkeit festgestellt habe, erstens, dass niemandem geschadet, zweitens, dass dem gemeinsamen Nutzen gedient werden soll. [Wenn diese Grundforderungen sich mit der Zeit ändern, ändert sich auch die Pflicht, und sie ist nicht immer dieselbe.]

[32] Es kann ja auch ein solches Versprechen und Abkommen eintreten, dass seine Einhaltung schädlich ist entweder für denjenigen, dem versprochen worden ist, oder für denjenigen, der versprochen hat. Denn wenn, wie die Mythologie berichtet, Neptun nicht getan hätte, was er Theseus versprochen hatte, so wäre Theseus nicht seines Sohnes Hippolytus beraubt worden. Von den drei Wünschen nämlich war, wie geschrieben wird, dieser der dritte, dass er sich in seinem Zorn die Vernichtung des Hippolytus wünschte; nachdem er diese erwirkt hatte, verfiel er der größten Trauer. Also brauchen die Versprechen nicht eingehalten zu werden, die für diejenigen nachteilig sind, denen man sie zugesagt hat, und wenn sie dir mehr schaden als sie jenem nützen, dem du sie zugesagt hast, ist es auch nicht gegen die Pflicht, dass das Wichtigere dem Unbedeutenderen vorgezogen wird: Wenn du z.B. mit jemandem die Vereinbarung getroffen hättest, dass du dich als Rechtsbeistand an Ort und Stelle begeben wirst, und inzwischen dein Sohn schwer erkrankt, so wäre es nicht gegen die Pflicht, nicht zu tun, was du gesagt hast, vielmehr würde jener, dem versprochen worden ist, von der Pflicht abweichen, wenn er beklagte, er sei im Stich gelassen worden. Ferner, wer erkennt nicht, dass man nicht jenen Versprechen treu bleiben muss, die jemand aus Furcht, die jemand durch eine List getäuscht abgegeben hat? Solche Versprechen werden ja auch in den meisten Fällen durch das Recht des Prätors ungültig gemacht, in einigen durch Gesetze.

33 Summum ius summa iniuria

[33] Oft auch kommt Unrecht vor infolge einer gewissen Rechtsverdrehung und einer raffinierten, aber arglistigen Auslegung des Rechts. Hieraus ist jenes schon abgedroschene Sprichwort entstanden: ”Das strengste Recht ist strengstes Unrecht." In diesem Zusammenhang werden in der Politik viele Fehler gemacht, wie jener es getan hat, der, nachdem für dreißig Tage ein

Waffenstillstand mit dem Feind geschlossen worden war, nachts die Felder verwüstete, weil man den Waffenstillstand für Tage, nicht für Nächte vereinbart hätte. Nicht einmal unser Landsmann darf Zustimmung finden, wenn es stimmt, dass Q. Fabius Labeo oder irgendein anderer – denn ich weiß darüber nur vom Hörensagen – den Einwohnern von Nola und Neapel in einem Grenzstreit als Schiedsrichter vom Senat gegeben worden sei und, nachdem er sich an Ort und Stelle begeben habe, mit beiden getrennt gesprochen habe, damit sie nichts aus Habsucht, nichts aus Gier taten und sich lieber zurückziehen als vorrücken wollten. Weil beide dieses getan hatten, wurde in der Mitte ziemlich viel Land übrig gelassen. Daher grenzte er ihr Gebiet so ab, wie sie selbst es gesagt hatten; was in der Mitte übrig war, sprach er dem römischen Volk zu. Täuschung bedeutet eben dieses, nicht Rechtsprechung. Deshalb ist in jeder Angelegenheit eine solche List zu meiden.

34-41 Großmut und Vergebung

[34] Es müssen einige Pflichten auch gegenüber denen beachtet werden, von denen man ein Unrecht erlitten hat. Denn für Rache und Strafe gibt es eine Grenze, und vielleicht reicht es aus, dass derjenige, der herausgefordert hat, sein Unrecht bereut, damit er selbst in Zukunft nichts Dergleichen tut und die anderen mit dem Unrecht weniger schnell bei der Hand sind. Und in der Außenpolitik müssen insbesondere die Kriegsrechte beibehalten werden. Denn weil es zwei Arten gibt, eine Entscheidung herbeizuführen, die eine durch Verhandlung, die andere durch Gewalt, und weil jene dem Menschen eigen ist, diese den Tieren, muss man zu der letztgenannten erst dann seine Zuflucht nehmen, wenn es nicht möglich ist, die erstgenannte zu gebrauchen.

[35] Deshalb muss man sich zwar Kriegen aus dem Grund unterziehen, damit man ohne Schaden im Frieden leben kann, wenn aber der Sieg errungen ist,

müssen diejenigen begnadigt werden, die im Krieg nicht grausam und unmenschlich gewesen sind, so wie unsere Vorfahren die Tusculaner, Aequer, Volscer, Sabiner und Hernicer in die Bürgerschaft aufgenommen haben. Aber Karthago und Numantia zerstörten sie von Grund aus; ich wollte, sie hätten Korinth nicht zerstört, aber ich glaube, sie verfolgten ein bestimmtes Ziel, am meisten die Vorteilhaftigkeit der Lage, damit niemals schon die Lage an sich dazu auffordern konnte, einen Krieg zu führen. Meiner Meinung nach muss man immer für den Frieden sorgen, der nichts befürchten lässt. Wenn man mir nur in diesem Punkt Gehorsam geschenkt hätte, hätten wir nicht den besten, aber doch wenigstens irgendeinen Staat, der jetzt überhaupt nicht existiert. Man muss sowohl für die sorgen, die man gewaltsam besiegt hat, als auch diejenigen, die sich, nachdem sie ihre Waffen niedergelegt haben, unter den Schutz der Feldherrn begeben werden, in Schutz nehmen, auch wenn der Sturmbock die Mauer durchstoßen hat. Hierbei wurde bei den Unsrigen die Gerechtigkeit so sehr gepflegt, dass diejenigen, die im Krieg besiegte Bürgerschaften und Völker in ihren Schutz aufgenommen hatten, nach der Sitte der Vorfahren ihre Schutzherren waren.

[36] Nun ist sicherlich das Kriegsrecht höchst gewissenhaft durch das Fetialrecht des römischen Volkes aufgezeichnet worden. Aus ihm kann erkannt werden, dass kein Krieg gerecht ist, es sei denn, er wird geführt, nachdem Ersatz für erlittenen Schaden gefordert worden ist, oder er wurde vorher angedroht und erklärt. [Der Feldherr Popilius hatte eine Provinz inne, in deren Heer ein Sohn Catos als Rekrut Kriegsdienst leistete. Als aber Popilius beschloss, eine Legion zu entlassen, entließ er auch Catos Sohn, der in derselben Legion Kriegsdienst leistete. Aber nachdem er aus Liebe zum Kampf im Heer zurückgeblieben war, schrieb Cato an Popilius, er möge ihn, falls er es gestatte, dass er im Heer zurückbleibe, einen zweiten Treueid schwören lassen,

weil er, da der erste Eid ungültig geworden war, mit den Feinden nicht kämpfen konnte. So hoch war die Gewissenhaftigkeit am Beginn eines Krieges.]

[37] Es gibt einen Brief des alten Marcus Cato an seinen Sohn Marcus, in dem er schreibt, er habe gehört, dieser sei vom Konsul aus dem Dienst entlassen worden, als er in Makedonien im Krieg mit Perseus Soldat war. Also mahnt er ihn sich davor zu hüten, einen Krieg zu beginnen; er sagt nämlich, es sei nicht rechtens, dass derjenige, der kein Soldat sei, gegen den Feind kämpfe. Ich meinerseits nehme auch jenes wahr, dass dadurch, dass derjenige, der nach seinem eigentlichen Namen ein Feind war, Fremder genannt wurde, die Härte der Sache abgeschwächt worden ist. Fremder (hostis) nämlich wurde bei unseren Vorfahren derjenige genannt, den wir nun einen Ausländer (peregrinus) nennen. Die Zwölftafelgesetze liefern den Beweis: ”Entweder ein vereinbarter Termin mit einem Fremden" und ebenso ”Gegen einen Fremden ewiges Eigentumsrecht". Was kann zu dieser Milde noch hinzugefügt werden, denjenigen, gegen den man Krieg führt, mit einem so sanften Namen zu bezeichnen? Indessen machte schon die Dauer der Zeit diesen Namen härter; denn er hat nicht mehr die Bedeutung ”Fremdling" und ist ausschließlich für den erhalten geblieben, der gegen einen Waffen trug.

[38] Wenn aber um die Herrschaft gekämpft und durch Krieg Ruhm gesucht wird, müssen dennoch auf jeden Fall dieselben Gründe vorhanden sein, die, wie ich kurz zuvor gesagt habe, gerechte Kriegsgründe sind. Aber diejenigen Kriege, bei denen es um den Ruhm von Herrschaft geht, sind weniger hart zu führen. Wie wir nämlich gegen einen Bürger anders kämpfen, wenn er ein Feind, anders, wenn er ein Mitbewerber ist – mit dem einen wird um Ehre und Würde gekämpft, mit dem anderen um Leben und Ruhm -, so wurde gegen die Keltiberer und gegen die Kimbrer wie gegen Feinde Krieg geführt, wer von beiden am Leben bleiben, nicht wer von beiden herrschen solle; mit den

Latinern, Sabinern, Samniten, Puniern und mit Pyrrhus wurde um die Herrschaft gekämpft. [Die Punier waren vertragsbrüchig, Hannibal grausam, die anderen gerechter.] Berühmt sind jene Worte des Pyrrhus über die Zurückgabe der Kriegsgefangenen: Weder fordere ich Gold für mich noch sollt ihr mir Lösegeld geben, da wir nicht um den Krieg kleinlich feilschen, sondern Krieg führen, wollen Wir beide mit dem Eisen, nicht mit Geld um das Leben kämpfen. Ob die Herrin Fortuna will, dass ihr oder dass ich herrsche, oder was sonst sie bringt, wollen wir durch Tapferkeit in Erfahrung bringen. Und vernimm zugleich dieses Wort: Es ist mein fester Entschluss, die Freiheit derjenigen zu schonen, deren Tapferkeit das Kriegsglück geschont hat. Ich schenke sie, nehmt sie mit, und ich gebe sie mit dem Willen der großen Götter. Eine fürwahr königliche Meinung und des Geschlechts der Aeaciden würdig.

[39] Aber auch wenn Einzelpersonen, durch die Lage veranlasst, dem Feind etwas versprochen haben, muss das Wort in dieser Sache gehalten werden, wie z.B. im Ersten Punischen Krieg der von den Puniern gefangen genommene Regulus, als er wegen eines Gefangenenaustausches nach Rom geschickt worden war und geschworen hatte, er werde zurückkehren, gleich nach seiner Ankunft zuerst im Senat gegen die Rückgabe der Kriegsgefangenen stimmte, dann aber, als er von Verwandten und Freunden zurückgehalten wurde, lieber zur Hinrichtung zurückkehren als sein dem Feind gegebenes Wort brechen wollte.

[40] [Aber im Zweiten Punischen Krieg nach der Schlacht bei Cannae ließen die Zensoren die zehn Männer, die Hannibal nach Rom schickte und durch einen Eid zur Rückkehr verpflichtet hatte, wenn sie wegen des Loskaufs der Gefangenen nichts erreichten, bei den Ärariern zurück, solange jeder von ihnen lebte, weil sie falsch geschoren hätten, und ebenso jenen, der sich durch Umgehung des Eides schuldig gemacht hatte. Als er nämlich mit Erlaubnis

Hannibals aus dem Lager gegangen war, kehrte er bald darauf zurück, weil er, wie er sagte, irgendetwas vergessen habe; danach entfernte er sich aus dem Lager und glaubte, vom Eid entbunden zu sein, und er war es den Worten nach, nicht in Wirklichkeit. Immer aber muss bei einem Versprechen bedacht werden, was man gemeint, nicht was man gesagt hat. Das bedeutendste Beispiel für Gerechtigkeit gegenüber dem Feind aber wurde von unseren Vorfahren gegeben, als ein Überläufer des Pyrrhus dem Senat versprach, er werde dem König Gift geben und ihn töten. Der Senat und C. Fabricius übergaben ihn Pyrrhus. So billigte nicht einmal der Feind die Vernichtung eines mächtigen Aggressors im Kriege, wenn ein Verbrechen damit verbunden wäre.]

[41] Somit ist über die Pflichten im Krieg genug gesagt. Wir wollen aber daran denken, dass auch gegenüber den Niedriggestellten Gerechtigkeit gewahrt werden muss. Am schlechtesten aber ist die Lage und das Schicksal der Sklaven, die wie Söldner zu gebrauchen diejenigen Philosophen nicht schlecht lehren, die es mit folgenden Worten befehlen: Leistung müsse eingefordert, das Gebührende gewährt werden. Wenn aber auf zwei Weisen, d.h. entweder durch Gewalt oder durch Betrug Unrecht entsteht, ist der Betrug gleichsam dem Füchslein eigen, die Gewalt dem Löwen; beides ist mit dem Menschsein völlig unvereinbar, der Betrug jedoch verdient größeren Hass, aber von allen Arten der Ungerechtigkeit ist keine sträflicher als die Ungerechtigkeit derer, die gerade dann, wenn sie einen Betrug begehen, sich bemühen, als gute Menschen zu erscheinen. Über die Gerechtigkeit ist genug gesprochen.

42-60 Wohltätigkeit und Güte 42-43 Echte Wohltaten

[42] Sodann soll, wie in Aussicht gestellt war, über die Wohltätigkeit und Freigebigkeit gesprochen werden, die sicherlich der Natur des Menschen am

angemessensten sind, aber Vorsichtsmaßregeln notwendig machen. Es muss nämlich darauf geachtet werden, dass die Güte weder genau denjenigen schadet, denen man eine Wohltat zu erweisen gedenkt, noch den Übrigen, zweitens dass die Güte nicht größer ist als die materiellen Mittel, ferner dass jedem entsprechend seiner Würde zugeteilt wird; denn das ist die Grundlage der Gerechtigkeit, auf die all dieses zu beziehen ist. Denn diejenigen, die jemandem zu Gefallen tun, was jenem schadet, dem sie offenbar nützen wollen, dürfen weder für wohltätig noch für freigebig gehalten werden, sondern sie haben als Unheil stiftende Schmeichler zu gelten, und diejenigen, die den einen schaden, um gegenüber anderen freigebig zu sein, sind genauso im Unrecht, wie wenn sie sich fremdes Gut aneigneten.

[43] Es gibt aber viele und zwar nach Ansehen und Ruhm Begierige, die den einen entreißen, was sie den anderen schenken, und diese glauben, sie würden den Eindruck erwecken, sie seien wohltätig gegenüber ihren Freunden, falls sie diese auf jede erdenkliche Weise bereicherten. Diese Einstellung ist jedoch so weit von einem pflichtmäßigen Handeln entfernt, dass es nichts Gegenteiligeres geben kann. Also muss darauf geachtet werden, dass wir eine solche Freigebigkeit zeigen, die den Freunden nützt, niemandem schadet. Daher darf die Vermögensübertragung durch L. Sulla und C. Caesar von den rechtmäßigen Besitzern auf Freunde nicht für Freigebigkeit gehalten werden; denn nichts verdient die Bezeichnung freigebig, das nicht zugleich auch gerecht ist.

44 Besonnenheit bei Wohltaten

[44] Der zweite Punkt der Vorsicht besteht darin, dass die Güte nicht größer sein soll als die materiellen Mittel, weil diejenigen, die gütiger sein wollen, als ihr Vermögen es erlaubt, zuerst dadurch einen Fehler machen, dass sie gegen-

über ihren nächsten Verwandten ungerecht sind; die Mittel nämlich, die ihnen reichlich zu gewähren und zu vererben gerechter wäre, übertragen sie auf Freunde. Es liegt aber in einer solchen Freigebigkeit das Verlangen, das meiste durch Unrecht an sich zu reißen und fortzuschaffen, damit die Mittel zum Schenken vorhanden sind. Man kann sogar beobachten, dass die meisten nicht so sehr von Natur aus freigebig sind als vielmehr aus einer gewissen Ruhmsucht heraus, damit sie in ihrer Güte vieles zu tun scheinen, was augenscheinlich mehr der Prahlerei entspringt als einer wahren Gesinnung. Eine solche Verstellung jedoch steht der Unehrlichkeit näher als der Freigebigkeit oder dem Anstand.

45-60 Wohltaten gegen besondere Nächste. Umstände

[45] Der dritte Punkt, den wir angeführt haben, besteht darin, dass es bezüglich der Wohltätigkeit eine Auswahl nach der Würdigkeit gibt; dabei ist der Charakter dessen zu beachten, dem man die Wohltat erweisen wird, seine Gesinnung uns gegenüber, seine nähere oder entferntere Stellung zu uns im Leben und die zuvor zu unserem Nutzen erwiesenen Dienste; dass dies alles zusammentrifft, ist wünschenswert; andernfalls wird die Mehrheit der Gründe sowie ihre größere Triftigkeit mehr Gewicht haben.

46 Der Charakter des Empfängers

[46] Aber da man nicht unter vollkommenen und vollständig weisen Menschen lebt, sondern unter solchen, bei denen man schon sehr zufrieden sein muss, wenn in ihnen Abbilder der Tugend vorhanden sind, glaube ich, dass auch dieses erkannt werden muss, dass niemand ganz vernachlässigt werden darf, in dem überhaupt eine Andeutung von Tugend sichtbar wird, dass aber jeder um so mehr geschätzt werden muss, je mehr er mit folgenden sanfteren Tugenden ausgestattet ist, mit Mäßigung, Selbstbeherrschung und eben der

Gerechtigkeit, über die schon vieles gesagt worden ist. Denn Tapferkeit und Hochsinn in einem nicht vollkommenen und nicht weisen Menschen sind meistens zu heftig, jene Tugenden jedoch scheinen eher zu einem rechtschaffenen Mann zu gehören. Und soweit über den Charakter.

47-49 Wohltaten für Würdige und Bedürftige. Beseitigung der Bedürftigkeit

[47] Was aber das Wohlwollen betrifft, das jeder uns gegenüber hat, so gehört es als erstes zum pflichtmäßigen Handeln, dass wir demjenigen am meisten zugestehen, von dem wir am meisten geschätzt werden, das Wohlwollen aber nicht wie die jungen Leute gleichsam nach der Heftigkeit der Zuneigung, sondern vielmehr nach Dauer und Festigkeit beurteilen. Wenn es sich aber um Wohltaten handelt, so dass man sich nicht beliebt machen muss, sondern Dank abzustatten hat, ist eine geradezu noch größere Aufmerksamkeit aufzubringen. Denn keine Pflicht ist notwendiger als das Abstatten von Dank.

[48] Wenn nun Hesiod befiehlt, das, was man als Darlehen empfangen hat, in noch größerem Maß, wenn man es nur kann, zurückzuerstatten, was müssen wir dann, durch eine Wohltat veranlasst, tun? Doch wohl fruchtbare Äcker nachahmen, die viel mehr hervorbringen, als sie angenommen haben? Denn wenn wir nicht zögern, denjenigen, die, wie wir hoffen, uns nutzen werden, unsere Pflichten zu erweisen, wie müssen wir uns dann denen gegenüber verhalten, die uns schon genutzt haben? Denn weil es zwei Arten von Freigebigkeit gibt, die eine, eine Wohltat zu gewähren, die andere, sie zu vergelten, liegt es in unserer Macht, ob wir sie gewähren oder nicht, sie nicht zu vergelten ist aber einem rechtschaffenen Mann nicht erlaubt, wenn er dieses nur ohne Unrecht tun kann.

[49]

gemacht werden, und es besteht kein Zweifel, dass gerade den größten

Unterscheidung

Unter

den

empfangenen

Wohltaten

aber

muss

eine

Wohltaten das meiste geschuldet wird. Hierbei ist dennoch besonders zu erwägen, in welcher Gesinnung, aus welchem Bestreben und mit welchem Wohlwollen jeder gehandelt hat. Viele nämlich machen vieles aus einer gewissen Unbesonnenheit heraus ohne Überlegung, entweder von einer krankhaften Neigung gegenüber allen oder von einer merkwürdigen plötzlichen Aufwallung wie von einem Sturmwind erfasst; diese Wohltaten dürfen nicht in gleicher Weise für bedeutend gehalten werden wie diejenigen, die mit Überlegung, mit Bedacht und innerer Festigkeit erbracht worden sind. Aber wenn eine Wohltat erwiesen oder Dank abgestattet wird, gehört, falls die übrigen Gesichtspunkte gleichrangig sind, besonders dieses zur Pflicht, je mehr ein jeder der Hilfe bedarf, ihm um so lieber beizustehen; das Gegenteil hiervon wird von den meisten getan; von wem sie sich nämlich das meiste erhoffen – auch wenn jener diese nicht nötig hat -, dem sind sie dennoch hauptsächlich zu Diensten.

50-58 Wohltaten für Mitbürger, Freunde, Vaterland

[50] Am besten aber wird die Gemeinschaft der Menschen und ihr Zusammengehörigkeitsgefühl bewahrt bleiben, wenn, je verbundener jeder sein wird, diesem um so mehr Güte erwiesen wird. Aber was die natürlichen Grundlagen des menschlichen Zusammenlebens und der menschlichen Gemeinschaft sind, muss offenbar gründlich behandelt werden. Es ist nämlich das erste Prinzip dasjenige, das in der Gemeinschaft des gesamten Menschengeschlechtes erkennbar ist. Das Band dieser Gemeinschaft aber sind Vernunft und Sprache, die durch Lehren, Lernen, SichBesprechen, Diskussion und endgültiges Urteil die Menschen untereinander verbinden und durch einen ganz natürlichen Gemeinschaftsgeist zusammenbringen, und in nichts sind wir weiter von der Natur der Tiere entfernt, denen, wie wir oft sagen, Tapferkeit einwohnt, wie z.B. den Pferden und Löwen, Gerechtigkeit, einen Sinn für das

rechte Maß und Güte hingegen nicht; denn sie besitzen keine Vernunft und keine Sprache.

[51] Und diese Gemeinschaft dehnt sich sehr weit aus auf die Menschen untereinander, auf alle unter allen. In ihr muss die Allgemeinheit aller Güter, welche die Natur zum gemeinsamen Nutzen der Menschen hervorgebracht hat, beibehalten werden, so dass diejenigen Güter, die durch die Gesetze und das bürgerliche Recht zugewiesen worden sind, in der Weise Eigentum sind, wie es durch die Gesetze selbst festgelegt ist, die übrigen Güter aber so betrachtet werden, wie es in einem griechischen Sprichwort heißt, Freunden sei alles gemeinsam. Allen Menschen aber scheint das gemeinsam zu sein, was von der Art ist, die, von Ennius auf einen Einzelfall beschränkt, auf sehr viele übertragen werden kann: Ein Mensch, der einem Umherirrenden freundlich den Weg weist, macht, dass er gleichsam Licht an seinem Licht anzündet. Nichtsdestoweniger leuchtet das Licht für ihn selbst, obwohl er es für jenen angezündet hat. Aufgrund eines Beispiels gibt er eine zutreffende Vorschrift, dass all das, was ohne Schaden zur Verfügung gestellt werden kann, sogar einem Unbekannten zugeteilt werden soll.

[52] Zu jenem Bereich gehören jene allgemeinen Grundsätze: nicht vom fließenden Wasser fernhalten, zulassen, dass jemand Feuer am Feuer entzündet, wenn er es will, jemandem, der überlegt, einen zuverlässigen Rat erteilen: Gefälligkeiten, die für diejenigen nützlich sind, die sie annehmen, und nicht beschwerlich für denjenigen, der sie erbringt. Daher muss man diese Grundsätze befolgen und immer etwas zum gemeinsamen Nutzen beitragen. Aber da die Hilfsmittel der Einzelnen gering sind, die Menge derer aber, die dieser bedürfen, unbegrenzt ist, muss sich die allgemeine Großzügigkeit nach jener von Ennius gesetzten Grenze richten – 'nichtsdestoweniger leuchtet das

Licht für ihn selbst' – damit es die Möglichkeit gibt, dass wir gegenüber unseren Angehörigen freigebig sind.

[53] Es gibt aber mehrere Grade menschlicher Gemeinschaft. Um nämlich von jener unbegrenzten Gemeinschaft abzusehen: näher steht einem die Gemeinschaft desselben Volkes, desselben Stammes und derselben Sprache, durch die Menschen am meisten verbunden werden. Ein noch engeres Band ist es, ein Mitglied derselben Bürgerschaft zu sein; denn vieles haben die Bürger untereinander gemeinsam: das Forum, Heiligtümer, Säulenhallen, Straßen, Gesetze, Rechtsnormen, Gerichte, Abstimmungen, außerdem geselligen Verkehr und vertrauten Umgang sowie überhaupt Geschäfts- und Handelsverbindungen, in die viele mit vielen eintreten. Aber ein noch engeres Band ist die Gemeinschaft der Verwandten; denn gegenüber jener unermesslichen Gemeinschaft des Menschengeschlechtes verengt diese sich auf einen ganz kleinen Kreis.

[54] Denn weil dieses von Natur aus den Lebewesen gemeinsam ist, dass sie den Zeugungstrieb haben, besteht die erste Stufe der Gemeinschaft in der Ehe selbst, die nächste in den Kindern, dann folgen die Gemeinschaft eines Hauses und die Gemeinsamkeit des ganzen Besitzes; dies aber ist der Ursprung der Stadt und gleichsam die Pflanzstätte des Staates. Es folgen die Verbindungen der Geschwister, danach die Verbindungen der Vettern mütterlicher- und väterlicherseits, die in andere Häuser wie in Kolonien ausziehen, weil sie in einem einzigen Haus nicht beherbergt werden können. Es folgen gesetzmäßige Ehen und Verschwägerungen, wodurch der Kreis der Verwandten sich noch vergrößert; diese Fortpflanzung und Nachkommenschaft ist der Ursprung der Staaten. Die Blutsverwandtschaft aber verbindet die Menschen durch Wohlwollen und Liebe.

[55] Es ist nämlich etwas Großartiges, dieselben Monumente der Vorfahren zu haben, dieselben heiligen Bräuche zu verwenden, gemeinsame Grabstätten zu besitzen. [Aber von allen Gemeinschaften ist keine vortrefflicher, keine gefestigter, als wenn rechtschaffene Männer, die sich in ihrem Charakter ähneln, durch Freundschaft verbunden sind; denn jenes Sittlichgute, das wir oft nennen, zieht uns, auch wenn wir es in einem anderen erblicken, dennoch an und verschafft jenem Freunde, dem es offenbar einwohnt.

[56] Und obwohl uns jede Tugend anlockt und bewirkt, dass wir diejenigen schätzen, die über sie zu verfügen scheinen, tragen dennoch Gerechtigkeit und Freigebigkeit am meisten dazu bei.] Nichts ist aber liebenswürdiger als die Ähnlichkeit eines guten Charakters; denn bei denjenigen, welche dieselben Interessen und dieselben Zielsetzungen haben, kommt es vor, dass jeder sich in gleicher Weise am anderen erfreut wie an sich selbst, und es wird das erreicht, was Pythagoras in der Freundschaft erreicht wissen möchte, dass aus mehreren ein einziger wird. Bedeutend ist auch jene Gemeinschaft, die auf gegenseitigen Wohltaten beruht; solange diese wechselseitig sind und Gefallen finden, werden diejenigen, unter denen diese Wohltaten ausgetauscht werden, durch ein starkes Band verknüpft.

[57] Aber wenn man alles mit Vernunft und Herz durchdenkt, ist von allen Gemeinschaften keine wichtiger, keine teurer als diejenige, die jeder einzelne von uns mit dem Staat hat. Teuer sind die Eltern, teuer sind die Kinder, teuer sind die Verwandten und Freunde, aber alle Gefühle der Zuneigung aller hat sich das eine Vaterland angeeignet. Aber welcher rechtschaffene Mensch dürfte zögern, für dieses den Tod zu suchen, falls es ihm nutzen würde? Umso verabscheuenswürdiger ist die Unmenschlichkeit derjenigen, die durch Frevel aller Art das Vaterland zerfleischt haben und damit beschäftigt sind und waren, dieses von Grund auf zu zerstören.

[58] Aber wenn eine Art Streit und ein Vergleich darüber entsteht, wem ein Höchstmaß an Dienstleistung zu erweisen ist, dürften die Ersten das Vaterland und die Eltern sein, durch deren Wohltaten wir am meisten verpflichtet sind, als nächstes die Kinder und die ganze Hausgemeinschaft, die ihre Blicke auf uns allein richtet und keinen anderen Zufluchtsort haben kann, sodann die in gutem Einvernehmen mit uns lebenden Verwandten, mit denen uns gewöhnlich auch die äußeren Lebensumstände gemeinsam sind. Deshalb werden die notwendigen Hilfsmittel des Lebens besonders den vorhin Erwähnten geschuldet, die gemeinsame Führung und Sicherung des Lebens aber, Beratungen, Gespräche, Aufmunterungen, Trostworte und zuweilen auch Zurechtweisungen haben in Freundschaften die größte Wirkung, und diejenige Freundschaft ist am angenehmsten, welche die Ähnlichkeit des Charakters verbunden hat.

59-60 Erfahrung lehrt rechte Wohltätigkeit

[59] Aber bei all diesen Diensterweisen wird man darauf achten müssen, was jedem am meisten erwiesen werden muss und was jeder auch ohne uns erreichen kann oder nicht. So werden die Abstufungen bei engen Verbindungen nicht dieselben sein wie die bei äußeren Umständen, und es gibt Pflichten, die den einen mehr als den anderen geschuldet werden; z.B. könntest du bei der Einbringung der Ernte einem Nachbarn schneller helfen als einem Bruder oder Freund, aber wenn ein Streit vor Gericht anhängig ist, dürftest du wohl eher einen Verwandten und Freund als einen Nachbarn verteidigen. Also ist dieses und Derartiges bei jedem Dienst zu bedenken, [und wir müssen uns Übung und Gewöhnung verschaffen] damit wir gute Berechner der Pflichten sein können und durch Addition und Subtraktion zu sehen vermögen, was der Restbetrag ist, aus dem man erkennt, wie viel jedem geschuldet wird.

[60] Aber wie weder Ärzte noch Feldherrn noch Redner, mögen sie sich auch die Theorie zu eigen gemacht haben, ohne Praxis und Erfahrung etwas erreichen können, was großen Lobes würdig ist, so werden zwar jene Vorschriften für rechtes Handeln weitergegeben, wie wir selbst es tun, aber die Bedeutung der Sache verlangt auch Praxis und Erfahrung. Und wir haben fast hinreichend ausgeführt, auf welche Weise aus den Handlungen, die gerecht sind in der menschlichen Gemeinschaft, das Sittlichgute abgeleitet wird, von dem das pflichtmä-ßige Handeln abhängig ist.

61-92 Tapferkeit und Hochsinn 61-65 Die Tapferkeit (3. Kardinaltugend)

[61] Man muss aber wissen, da vier Betätigungsfelder aufgestellt worden sind, aus denen Sittlichkeit und pflichtmäßiges Handeln hervorgehen, dass der Bereich am glänzendsten zu sein scheint, der durch eine große und erhabene Haltung, die auf äußerliche Werte herabblickt, entstanden ist. Daher liegt bei Vorwürfen ein Wort besonders nahe, falls etwas Derartiges gesagt werden kann: 'Ihr nämlich, junge Männer, zeigt die Gesinnung einer Frau, jenes Mädchen aber die eines Mannes'; und falls es etwas von dieser Art gibt:

'Salmakidenbeute ohne Schweiß und Blut (hast du)'. Andererseits loben wir gleichsam in vollerem Tone in Lobreden irgendwie das, was in erhabener Haltung, tapfer und vortrefflich getan worden ist. Von dieser Art ist das Betätigungsfeld der Redelehrer über Marathon, Salamis, Plataea, Thermopylae und Leuctra; daher werden unser Cocles, die Decier, Cn. und P. Scipio, M. Marcellus und unzählige andere gelobt, und besonders das römische Volk selbst zeichnet sich durch eine erhabene Gesinnung aus. Deutlich aber wird das Streben nach Kriegsruhm dadurch, dass wir auch Statuen in beinahe kriegerischer Aufmachung sehen.

[62] Aber wenn diese erhabene Gesinnung, die in Gefahren und bei Strapazen erkennbar ist, frei von Gerechtigkeit ist und nicht für das Gemeinwohl streitet, sondern für ihre eigenen Vorteile, gilt sie als Fehler; denn dieses ist nicht nur nicht ein Ausdruck von Tugend, sondern vielmehr von Brutalität, die jedes menschliche Gefühl von sich weist. Daher wird von den Stoikern die Tapferkeit treffend definiert, wenn sie sagen, sie sei eine Tugend, die für Recht und Billigkeit kämpft. Deswegen hat niemand, der den Ruhm der Tugend durch Hinterhältigkeit und Arglist erreicht hat, wahres Lob erlangt: Nichts kann sittlich gut sein, was frei von Gerechtigkeit ist.

[63] Vortrefflich also ist jene Stelle bei Plato: 'Nicht nur die Weisheit', sagte er, 'die von Gerechtigkeit frei ist, muss eher Verschlagenheit als Weisheit genannt werden, sondern auch ein zur Übernahme von Gefahr bereiter Charakter soll, falls er sich durch sein eigenes Verlangen, nicht durch den gemeinsamen Nutzen antreiben lässt, eher die Bezeichnung Verwegenheit als Tapferkeit haben.' Daher wollen wir, dass tapfere und großmütige Männer zugleich rechtschaffen und aufrichtig sind, Freunde der Wahrheit und nicht im Mindesten trügerisch; diese Eigenschaften gehören zu dem innersten Wesen der Gerechtigkeit.

[64] Aber jenes ist widerwärtig, dass nämlich bei dieser Erhabenheit und Grö- ße des Geistes sehr leicht Hartnäckigkeit und ein allzu starkes Verlangen nach der ersten Stelle aufkommen. Wie es nämlich bei Platon heißt, dass der ganze Charakter der Spartaner durch das Verlangen zu siegen entflammt sei, so will ein jeder, je mehr er sich durch Großmut auszeichnet, um so mehr der Erste von allen oder vielmehr der Einzige sein. Es ist aber schwierig, wenn man alle zu übertreffen wünscht, einen Sinn für Rechtmäßigkeit zu bewahren, der für die Gerechtigkeit besonders wesentlich ist. Daher geschieht es, dass sie nicht zulassen, dass sie in einer Diskussion oder durch Recht und Gesetz des Staates

besiegt werden, und sie erweisen sich in einem Staat meistens als Bestecher und Parteigänger, damit sie möglichst große Macht erlangen und eher durch Gewalt überlegen als durch Gerechtigkeit gleichgestellt sind. Aber je schwieriger es ist, Rechtmäßigkeit zu wahren, desto größer ist der Ruhm. Es gibt nämlich keine Zeit, die frei von Gerechtigkeit sein darf.

[65] Für tapfer und großmütig dürfen nicht diejenigen gehalten werden, die Unrecht begehen, sondern diejenigen, die es abwehren. Echter und weiser Großmut aber glaubt, dass jenes Sittlichgute, nach dem die Natur am meisten strebt, auf Taten beruht und nicht auf Ruhm, und er will lieber der Beste sein als scheinen. Denn wer von der Launenhaftigkeit der unwissenden Menge abhängt, darf nicht zu den großen Männern gezählt werden. Um so leichter aber wird jeder durch das Verlangen nach Ruhm zu ungerechten Handlungen verleitet, je hochstrebender sein Charakter ist; dieses Thema ist allerdings schwierig, weil sich kaum jemand finden lässt, der nicht, nachdem er Strapazen auf sich genommen und sich Gefahren unterzogen hat, Ruhm gleichsam als Belohnung für seine Taten ersehnt.

66-68 Tapferkeit in Selbstbezwingung und in Ausführung großer Taten

[66] Im Allgemeinen ist eine tapfere und erhabene Gesinnung besonders an zwei Haltungen erkennbar, von denen die eine auf der Verachtung äußerlicher Werte beruht, indem man überzeugt ist, dass der Mensch nur das Sittlichgute und Schickliche bewundern, wünschen und erstreben darf und es sich nicht gebührt, wenn er irgendjemandem nachgibt, weder einem Menschen noch einer Leidenschaft noch dem Zufall. Eine zweite Haltung besteht darin, dass du, wenn du so eingestellt bist, wie ich oben gesagt habe, nicht nur bedeutende und besonders nützliche Taten verrichtest, sondern auch sehr schwierige, die

voll von Mühen und Gefahren sind, für das Leben und für lebenswichtige Belange.

[67] Der ganze Glanz und das Ansehen dieser beiden Haltungen – ich füge auch ihren Nutzen hinzu – liegt in der letzteren, die bewirkende Ursache aber, die bedeutende Männer schafft, liegt in der ersten Haltung. Hierauf nämlich beruht jenes, was eine herausragende und äußerliche Werte verachtende Gesinnung hervorbringt. [Eben dieses aber zeigt sich in zwei Verhaltensweisen, wenn du nur das, was sittlich gut ist, für rechtschaffen hältst und von jeder Leidenschaft frei bist.] Denn das, was den meisten außerordentlich und herrlich zu sein scheint, gering zu schätzen und dieses mit einer gleichbleibenden und festen Haltung zu verachten muss als Ausdruck einer tapferen und erhabenen Gesinnung gewertet werden, und das, was bitter erscheint, was vielfach und in mannigfacher Gestalt in dem vom Schicksal bestimmten Leben der Menschen vorkommt, so zu ertragen, dass du um nichts von dem natürlichen Zustand abweichst, um nichts von der Würde des Weisen, ist Ausdruck einer kraftvollen Haltung und einer großen Unerschütterlichkeit.

[68] Es ist aber nicht folgerichtig, dass derjenige, der sich von der Furcht nicht überwältigen lässt, sich von dem Verlangen bezwingen lässt, und auch nicht, dass derjenige, der sich als von Mühsal unbezwingbar erwiesen hat, von dem Vergnügen besiegt wird. Daher muss man diese meiden und dem Verlangen nach Geld zu entgehen suchen; nichts nämlich ist Ausdruck einer kleinmü-tigen und engherzigen Gesinnung wie den Reichtum zu lieben, nichts ist ehrenvoller und großartiger als das Geld zu verachten, wenn man es nicht hat, und wenn man es aber hat, es auf großzügige Wohltätigkeit zu verwenden. Hüten muss man sich auch vor dem Verlangen nach Ruhm, wie ich oben gesagt habe; denn es entreißt die freie Gesinnung, für deren Erhalt großmütige Männer jede Anstrengung aufbringen müssen. Aber Kommandostellen dürfen nicht erstrebt

werden, sondern vielmehr sind sie zuweilen nicht anzunehmen oder manchmal niederzulegen.

69-73 Fernbleiben vom Staatsleben nur in besonderer Lage

[69] Man muss aber von jeder Leidenschaft frei sein, sowohl von Begierde und Furcht als auch von Bekümmernis und Freude, damit Seelenruhe und Heiterkeit zugegen sind, die Unerschütterlichkeit und Selbstachtung mit sich bringen. Viele aber gibt es und hat es gegeben, die diese Ruhe, von der ich spreche, erstrebt, sich deswegen aus der Politik zurückgezogen und ihre Zuflucht bei der Muße genommen haben, unter ihnen die berühmtesten und bei weitem angesehensten Philosophen und einige strenge und charakterfeste Menschen; einige konnten weder die Launen des Volkes noch die der Mächtigen ertragen und lebten auf dem Lande, wobei sie sich an ihrem privaten Besitz erfreuten.

[70] Diese hatten denselben Vorsatz wie Könige, nichts zu bedürfen, niemandem zu gehorchen, die Freiheit zu gebrauchen, einen Vorsatz, dessen Wesenszug es ist, so zu leben, wie man will. Weil diesen Lebensgrundsatz die Machtbegierigen mit diesen oben genannten Müßigen gemeinsam haben, deswegen meinen die einen, sie könnten dieses erreichen, wenn sie großen Reichtum hätten, die anderen, wenn sie mit dem Ihrigen und mit Wenigem zufrieden seien. Dabei darf zwar die Meinung keiner von beiden Parteien verachtet werden, aber leichter, sicherer und durch andere weniger beschwert oder unangenehm ist das Leben der Müßigen, Gewinn bringender jedoch für das Menschengeschlecht und geeigneter für Glanz und Ansehen ist das Leben derer, die sich dem Staat und der Verrichtung großer Aufgaben gewidmet haben.

[71] Deswegen muss man vielleicht denen gegenüber Nachsicht üben, da sie nicht die politische Laufbahn eingeschlagen haben, die sich auf Grund ihrer

ausgezeichneten Begabung der Gelehrsamkeit hingegeben haben, und auch gegenüber denjenigen, die sich, entweder durch ihre schwache Gesundheit oder durch einen anderen gewichtigeren Grund eingeschränkt, aus der Politik zurückgezogen haben, wobei sie aber die Gelegenheit und das Verdienst, den Staat zu leiten, anderen überließen. Denjenigen aber, die keinen solchen Grund haben, darf nicht nur nicht als Lob, sondern muss als Fehler, wie ich glaube, ausgelegt werden, wenn sie sagen, sie verachteten das, was die meisten bewundern, militärische und zivile Ämter. Schwierig ist es, deren Entscheidung in dem Punkte, dass sie Ruhm verachten und gering schätzen, nicht anzuerkennen, aber sie fürchten offenbar Anstrengungen und Beschwerlichkeiten, sodann eine Art von Schande und Schmach bei Scheitern und Abweisung. Denn es gibt welche, die bei Widerständen allzu wenig Halt haben, die Lust zwar sehr rigoros verachten, im Schmerz aber allzu empfindlich sind, sich um den Ruhm zwar nicht kümmern, sich aber durch einen üblen Ruf entmutigen lassen, und das ohne rechte Konsequenz.

[72] Aber diejenigen, die von Natur aus die erforderlichen Eigenschaften für die politische Tätigkeit haben, müssen sich, wenn sie alles Zögern abgelegt haben, um politische Ämter bewerben und den Staat lenken; denn anders kann eine Bürgerschaft nicht geleitet und Großmut nicht bewiesen werden. Diejenigen aber, welche die politische Laufbahn einschlagen, müssen ebenso wie die Philosophen, vielleicht sogar noch mehr, die oft genannte Hochherzigkeit und Verachtung äußerlicher Werte aufbringen sowie Seelenruhe und Gelassenheit, insofern sie nicht besorgt sein, sondern mit Würde und Charakterfestigkeit leben wollen.

[73] Dieses ist für die Philosophen umso leichter, je weniger Blößen sich in ihrem Leben bieten, die das Schicksal treffen könnte und je weniger Güter sie bedürfen und weil sie, falls sich irgendein Unglück ereignet, nicht so schwer

fallen können. Darum entstehen größere seelische Erregungen bei denen, die den Staat lenken, als bei den in Muße Lebenden. Umso mehr müssen diese Großmut und das Freisein von Ängsten aufbringen. Wer sich aber dem Staatsdienst widmet, soll darauf sehen, dass er nicht nur bedenkt, wie rühmlich jene Tätigkeit ist, sondern dass er auch eine Möglichkeit zur Verwirklichung hat; hierbei muss er darauf bedacht sein, dass er nicht aus Mangel an Energie ohne Grund verzweifelt oder sich aus Ehrgeiz zu viel zutraut. Bei allen Tätigkeiten aber muss, bevor man beginnt, eine gewissenhafte Vorbereitung hinzugezogen werden.

74-81 Tapferkeit im Kriege steht nicht höher als Mut im Frieden

[74] Aber da die meisten meinen, Leistungen im Kriege seien bedeutender als Leistungen im Frieden, muss dieser Meinung entgegengetreten werden. Denn viele suchten oft Kriege wegen des Verlangens nach Ruhm, und eine solche Handlungsweise kommt meistens bei Männern von großen Geistesgaben und Talenten, und das um so mehr, wenn sie für das Kriegswesen geeignet sind und begierig, Kriege zu führen; aber wenn wir wahrheitsgemäß urteilen wollen, so haben sich viele Leistungen im Frieden als bedeutsamer erwiesen denn Leistungen im Kriege.

[75] Denn wenn auch Themistokles noch so sehr zu Recht gelobt wird, sein Name bekannter ist als der Solons und Salamis als Zeuge eines sehr berühmten Sieges genannt wird, welcher der staatsmännischen Einsicht Solons vorzuziehen sei, durch die er die Areopagiten einsetzte, so ist diese letztere Tat als genauso vortrefflich zu beurteilen wie jene. Denn jene nützte einmal, diese hingegen wird der Bürgerschaft immer nützen; durch diesen Rat werden die Gesetze der Athener, durch ihn die Einrichtungen der Vorfahren bewahrt. Und Themistokles kann wohl kaum etwas anführen, wodurch er persönlich dem

Areopag geholfen hätte. Aber jener könnte tatsächlich sagen, Themistokles sei von ihm geholfen worden; der Krieg wurde nämlich nach der Maßregel desjenigen Senates geführt, der von Solon gegründet worden war.

[76] Dasselbe kann man von Pausanias und Lysander behaupten; obwohl geglaubt wird, dass durch deren Taten das Reich der Spartaner ausgebreitet worden sei, sind sie dennoch nicht im Geringsten mit den Gesetzen und der Ordnung Lykurgs zu vergleichen; ja sogar hatten sie aus eben diesen Gründen gehorsamere und tapferere Heere. Mir jedenfalls schien weder in meiner Jugend M. Scaurus dem C. Marius noch während meiner politischen Tätigkeit Q. Catulus dem Cn. Pompeius nachzustehen; denn wenig gelten Waffen im Ausland, wenn nicht zu Hause kluge Einsicht herrscht. Und Africanus, ein einzigartiger Mann und Feldherr, nützte bei der Zerstörung Numantias dem Staat nicht mehr als zu derselben Zeit der Privatmann P. Nasica, als er Ti. Gracchus tötete; allerdings gehört diese Tat nicht nur dem Gebiet der Innenpolitik an – sie berührt auch die Sache des Krieges, da sie mit Brachialgewalt ausgeführt worden ist – aber dennoch wurde die Tat selbst aufgrund eines innenpolitischen Beschlusses ohne Heer begangen.

[77] Jenes bekannte Wort aber ist am besten, gegen das, wie ich höre, Bösewichte und Neider vorgehen: Weichen sollen die Waffen dem Frieden, der Lorbeerkranz dem Ruhm. Um nämlich die anderen zu übergehen: Sind nicht, während wir den Staat lenkten, die Waffen dem Frieden gewichen? Denn es gab im Staat niemals eine schlimmere Gefahr und doch einen tieferen Frieden. So fielen durch unsere Entscheidungen und Wachsamkeit die Waffen schnell von selbst, nachdem sie aus den Händen der verwegensten Bürger geglitten waren. Welche Tat also wurde jemals in einem Krieg verrichtet, die so bedeutend war? Welcher Triumph kann hiermit verglichen werden?

[78] Denn es ist mir erlaubt, mein Sohn Marcus, mich vor dir zu rühmen, für den das Erbe meines Ruhmes und die Nachahmung meiner Taten Bedeutung haben. Mir jedenfalls hat ein Mann, der Kriegsruhm sicherlich im Überfluss hat, Cn. Pompeius, unter vielen Zuhörern das ehrenvolle Zugeständnis gemacht, seinen dritten Triumph hätte er vergeblich davongetragen, wenn er nicht durch mein Verdienst gegenüber dem Staat eine Stätte für seinen Triumph gehabt hätte. Es sind also tapfere Leistungen im Frieden nicht weniger bedeutend als militärische; für jene ersten muss man auch mehr Einsatz und Teilnahme erbringen als für diese.

[79] Zwar wird jenes Sittlichgute, das wir aus einer erhabenen und hochherzigen Gesinnung ableiten, durch die Kräfte des Geistes, nicht durch die des Körpers bewirkt, aber dennoch ist der Körper auszubilden und in den Zustand zu versetzen, dass er der Einsicht und der Vernunft gehorchen kann, während er Tätigkeiten ausführt und Strapaze erträgt. Das Sittlichgute aber, das wir untersuchen, beruht ganz auf der Sorge und Tätigkeit des Verstandes; in dieser Hinsicht erbringen diejenigen, die als Bürger im Friedenskleid den Staat leiten, keinen geringeren Nutzen als die, welche Krieg führen. Daher wurden nach deren Empfehlung Kriege oft entweder nicht angefangen oder sie wurden beendet, bisweilen sogar begonnen, wie auf M. Catos Empfehlung der Dritte Punische Krieg, in dem die Autorität sogar eines Toten Einfluss besaß.

[80] Daher ist die vernünftige Auseinandersetzung mehr zu erstreben als tapferes Kämpfen, aber wir müssen uns hüten, dass wir dieses nicht eher aus Angst vor dem Krieg als infolge der Berechnung des öffentlichen Nutzens tun. Den Krieg aber soll man in der Weise auf sich nehmen, dass scheinbar nichts anderes als Frieden gesucht worden ist. Es ist aber Zeichen einer tapferen und standhaften Gesinnung, sich nicht in schwieriger Lage verwirren zu lassen und

bestürzt den Kopf zu verlieren, wie man sagt, sondern Geistesgegenwart und Überlegung zu zeigen und sich nicht von der Vernunft zu entfernen.

[81] Jedoch kennzeichnet dieses eine erhabene Haltung, jenes sogar eine große Intelligenz, die Zukunft in Gedanken vorwegzunehmen und bedeutend früher festzustellen, was nach beiden Richtungen hin geschehen kann und was getan werden muss, wenn sich etwas ereignet hat, und es nicht dazu kommen zu lassen, dass irgendwann gesagt werden muss: 'Ich hätte es nicht geglaubt'. Dieses sind die Leistungen einer großen und erhabenen Gesinnung, die sich auf Klugheit und Einsicht verlässt; sich aber blindlings in den Kampf zu stürzen und im Handgemenge mit dem Feind zu kämpfen ist etwas Unmenschliches und den Tieren ähnlich; aber wenn Umstände und Lage es erfordern, ist mit der Hand um die Entscheidung zu kämpfen und der Tod Knechtschaft und Schande vorzuziehen.

82-87 Tapferkeit und Gemeinwohl

[82] [Aber hinsichtlich der Zerstörung und Plünderung von Städten muss man genau überlegen, damit nichts leichtfertig, damit nichts grausam geschieht. Und dieses zeichnet einen großen Mann aus, in stürmischen Zeiten die Übeltä- ter zu bestrafen, die Menge zu bewahren und in jeder Lebenslage das Rechte und Ehrenvolle beizubehalten.] Wie es nämlich welche gibt, wie ich oben gesagt habe, die den Leistungen im Frieden die Leistungen im Kriege vorziehen, so findet man viele, denen gefährliche und übereilte Pläne prächtiger und grö- ßer als ruhige und überdachte zu sein scheinen.

[83] Niemals allerdings darf man es durch Flucht vor einer Gefahr so weit kommen lassen, dass wir als feige und furchtsame Menschen angesehen werden, sondern auch jenes ist zu meiden, dass wir uns Gefahren ohne Grund aussetzen, was das Törichste ist, das es geben kann. Daher muss man, während

man sich Gefahren unterzieht, die Gewohnheit der Ärzte nachahmen, die leicht Erkrankte sanft behandeln, bei schlimmeren Krankheiten aber gezwungen werden, gefährliche und bedenkliche Heilmethoden anzuwenden. Daher zeugt es von Wahnsinn, bei ruhigem Wetter einen widrigen Sturm herbeizuwünschen, aber gegen einen Sturm auf jede Weise Vorkehrungen zu treffen ist ein Zeichen von Weisheit, und zwar um so mehr, wenn man mehr Nutzen davonträgt, indem man die Schwierigkeiten löst, als Schaden, indem man unentschlossen bleibt. Gefährlich aber sind Unternehmungen teils für diejenigen, die diese auf sich nehmen, teils für den Staat. Und ebenso riskieren die einen ihr Leben, andere ihre Ehre und das Wohlwollen ihrer Mitbürger. Also müssen wir bereitwilliger sein gegenüber Gefahren, die uns betreffen, als gegenüber solchen, die den Staat angehen, und entschlossener um Ehre und Ruhm als um die übrigen Vorteile kämpfen.

[84] Viele aber wurden gefunden, die bereit waren, nicht nur ihr Geld, sondern auch ihr Leben für das Vaterland preiszugeben, und doch nicht einmal die geringste Einbuße an Ruhm erleiden wollten, wie z.B. Callicratidas, der, als er Anführer der Spartaner im Peleponnesischen Krieg gewesen war und vieles vorzüglich getan hatte, zuletzt alles über den Haufen warf, indem er dem Rat derer nicht gehorchte, die glaubten, dass die Flotte von den Arginusen abgezogen werden müsse und man nicht mit den Athenern kämpfen dürfe. Ihnen antwortete jener, die Spartaner könnten, wenn sie jene Flotte verloren hätten, eine andere erwerben, er aber könne nicht ohne persönliche Schande fliehen. Und dieses war zwar für die Spartaner ein noch erträglicher, jenes hingegen ein unheilvoller Schlag, bei dem, als Cleombrotus aus Furcht vor übler Nachrede unbesonnen gegen Epaminondas gekämpft hatte, die Macht der Spartaner zusammenbrach. Wie viel besser agierte Q. Maximus, von dem Ennius gesagt hat: Ein einziger Mann stellte für uns durch sein Zögern den Staat

wieder her. Denn er setzte nicht das bösartige Geschwätz über das Wohlergehen des Staates. Also glänzt nun, je später desto mehr, der Ruhm des Mannes. Diese Art verkehrt zu handeln ist auch bei Friedensgeschäften zu vermeiden. Es gibt nämlich viele, die ihre Gedanken, auch wenn sie sehr gut sind, dennoch aus Furcht vor Anfeindung nicht zu äußern wagen.

[85] Überhaupt sollen die Staatslenker zwei Weisungen Platons beachten: die eine, dass sie den Nutzen der Bürger so wahren mögen, dass sie alles, was sie tun, auf diesen beziehen und ihre Vorteile vergessen, die andere, dass sie für den ganzen Staatskörper sorgen sollen, damit sie nicht, während sie irgendeinen Teil schützen, die übrigen preisgeben. Wie nämlich eine Vormundschaft, so ist die Verwaltung des Staates zum Nutzen derer auszuüben, die anvertraut sind, nicht zum Nutzen derer, denen er anvertraut ist. Diejenigen aber, die nur für einen Teil der Bürger sorgen, vernachlässigen den anderen und bringen etwas sehr Gefährliches in die Bürgerschaft hinein, Aufruhr und Zwietracht; daher geschieht es, dass die einen sich als Popularen, die anderen als Anhänger der Aristokraten und wenige als Vertreter der Gesamtheit zeigen.

[86] Hierdurch entstanden bei den Athenern schlimme Streitigkeiten, in unserem Staat nicht nur Zerwürfnisse, sondern auch unheilvolle Bürgerkriege; diese Fehler wird ein besonnener und tatkräftiger Bürger und ein solcher, der im Staat der höchsten Stelle würdig ist, meiden und hassen, er wird sich ganz dem Staat widmen, ohne nach Macht und Einfluss zu streben, und er wird diesen ganz so in Obhut nehmen, dass er für alle sorgt. Nicht aber wird er gegen jemanden unter falschen Vorwürfen Hass und Missgunst schüren, und er wird ganz und gar an Gerechtigkeit und Sittlichkeit so festhalten, dass er, wenn er nur diese bewahren kann, sogar den größten Anstoß erregt und lieber den Tod sucht als jene genannten Tugenden aufgibt.

[87] Am erbärmlichsten sind in jeder Hinsicht Amtserschleichung und der Wettstreit um Ehrenstellen, worüber trefflich ebenfalls bei Platon geschrieben steht, 'dass diejenigen, die untereinander wetteifern, wer von beiden den Staat eher verwalten solle, ähnlich handeln, wie wenn Seeleute streiten, wer von ihnen hauptsächlich das Steuerruder führen solle'. Derselbe schreibt vor, dass wir diejenigen für Feinde halten sollen, die Waffen gegen den Staat richten, nicht aber die, welche nach ihrer Überzeugung den Staat schützen wollen, ein Streit, wie es ihn zwischen P. Africanus und Q. Metellus ohne Bitterkeit gegeben hat.

88-92 Der Tapfere ist großmütig, milde, bescheiden

[88] Nicht aber darf man auf diejenigen hören, die der Ansicht sein werden, Feinden müsse man heftig zürnen, und meinen, dieses zeichne einen groß- mütigen und tapferen Mann aus; denn nichts ist lobenswerter, nichts eines großen und trefflichen Mannes würdiger als Versöhnlichkeit und Milde. In freien Völkern aber und bei Gleichberechtigung aller sind auch Umgänglichkeit und so genannte Selbstbeherrschung auszuüben, damit wir nicht, falls wir entweder denen zürnen, die sich zur Unzeit einmischen, oder denen, die unverschämt bitten, einer unnützen und widerwärtigen schlechten Laune verfallen. Und dennoch sind Milde und Nachsicht nur so weit zu billigen, dass um des Staates willen Strenge angewendet wird, ohne die ein Gemeinwesen nicht geleitet werden kann. Jede Strafe und Zurechtweisung aber müssen frei von Beleidigung sein und dürfen sich nicht auf den Nutzen desjenigen beziehen, der jemanden bestraft oder mit Worten züchtigt, sondern auf den Nutzen des Staates.

[89] Auch muss man sich davor hüten, dass die Strafe größer ist als die Schuld und aus denselben Gründen die einen gestraft, die anderen nicht einmal zur

Rede gestellt werden. Am meisten aber ist der Zorn beim Strafen fern zu halten; niemals nämlich wird derjenige, der sich im Zorn mit einer Strafe beschäftigt, jenen Mittelweg einhalten, der zwischen einem Zuviel und einem Zuwenig liegt, der von den Peripathetikern für gut befunden wird und das zu Recht, wenn sie nur nicht den Jähzorn lobten und sagten, er sei auf nützliche Weise von der Natur gegeben worden. Jener muss wahrlich in allen Situationen abgelehnt werden, und es ist zu wünschen, dass die Lenker des Staates den Gesetzen ähnlich sind, die sich, um zu strafen, nicht vom Jähzorn, sondern von der Gerechtigkeit leiten lassen.

[90] Und auch im Glück, da alles nach unseren Wünschen läuft, wollen wir ganz besonders Übermut, Geringschätzung und Anmaßung meiden. Denn es zeugt von Haltlosigkeit, wie das Unglück so auch das Glück unbeherrscht zu ertragen, und vortrefflich sind in jeder Lebenslage Ausgeglichenheit, eine unveränderliche Miene und derselbe Gesichtsausdruck, wie wir es von Sokrates und ebenso von C. Laelius gehört haben. Dass Philippus, der König der Makedonen, an Taten und Ruhm von seinem Sohn übertroffen worden ist, an Umgänglichkeit und Menschlichkeit ihm aber überlegen war, weiß ich. Daher erscheint der eine immer bedeutend, der andere oft ganz abscheulich, so dass diejenigen offenbar recht lehren, die mahnen, dass wir uns, je überlegener wir sind, umso bescheidener verhalten sollen. Panaitios behauptet, sein Schüler und Freund Africanus habe gewöhnlich gesagt, 'wie sie Pferde, die wegen häufigen Kampfgetümmels durch Zügellosigkeit übermütig geworden seien, Bändigern zu überstellen pflegten, um diese müheloser gebrauchen zu können, so müssten Menschen, die ob ihres Glücks zügellos seien und sich zu sehr vertrauten, gleichsam an der Longe der Vernunft und der Unterweisung gehen, damit sie die Schwäche der menschlichen Verhältnisse und die Wechselfälle des Schicksals erkennen.'

[91] Und in den glücklichsten Situationen ist besonders der Rat von Freunden zu gebrauchen, und ihnen muss noch größere Geltung zukommen als vorher. Und in einer solchen Lage müssen wir uns auch davor hüten, dass wir Schmeichlern unsere Ohren öffnen und zulassen, dass sie vor uns kriechen, wodurch man leicht der Selbsttäuschung verfällt. Denn wir halten uns für solche Menschen, dass wir zu Recht gelobt werden; hieraus entstehen unzählige Vergehen, wenn Menschen, aufgeblasen vor Einbildung, schmählich ausgelacht werden und sich in den größten Irrtümern befinden.

[92] Doch genug davon. Jenes Urteil aber muss so gelten, dass die größten und edelsten Taten von denjenigen verrichtet werden, die die Staaten lenken, weil deren Führung das weiteste Anwendungsfeld hat und die meisten betrifft; dass es aber viele mit einer erhabenen Gesinnung sogar in einem Leben frei von Staatsgeschäften gibt und gegeben hat, die entweder mit wichtigen Forschungen oder Unternehmungen beschäftigt waren und sich auf ihren Kreis beschränkten oder in der Mitte zwischen den Philosophen und den Staatslenkern stehend an der Verwaltung ihrer Habe Freude hatten, wobei sie diese nicht auf jede Art und Weise vermehrten und ihre Angehörigen nicht von deren Genuss ausschlossen, sondern vielmehr ihren Freunden und dem Staat davon zuteilten, wenn es einmal nötig war. Diese Habe soll man sich erstens auf rechte Weise verschafft haben, weder durch schändlichen noch durch anrü- chigen Erwerb [dann soll sie sich für möglichst viele, allerdings nur für Würdige, als nützlich erweisen], zweitens soll sie durch vernünftigen Gebrauch, Sorgfalt und Sparsamkeit vermehrt werden und nicht so sehr der Begierde und der Ausschweifung dienen als vielmehr der Freigebigkeit und Wohltätigkeit. Wenn man diese Weisungen beachtet, ist es möglich, in Größe, würdevoll und beherzt zu leben und sogar einfach, aufrichtig und als wahrer Menschenfreund.

93-151 Mäßigung (Besonnenheit) und Anstand (4. Kardinaltugend) 93-99 Wesen und Einteilung des Schicklichen

[93] Es ergibt sich, dass über den einzigen noch verbleibenden Bereich der Sittlichkeit gesprochen werden muss, in dem sich Sittsamkeit und gleichsam eine Art von Ausschmückung des Lebens zeigen, Mäßigung, Besonnenheit, die völlige Beherrschung der Leidenschaften und ein Maß in allen Dingen. In diesem Bereich wird das erfasst, was lateinisch das Schickliche genannt werden kann; auf Griechisch nämlich wird es prépon genannt.

[94] Dessen Wesen beruht darauf, dass es nicht vom Sittlichguten getrennt werden kann; denn was schicklich ist, ist sittlich gut, und was sittlich gut ist, ist schicklich. Was für ein Unterschied aber zwischen dem Sittlichen und dem Schicklichen besteht, kann leichter erkannt als erklärt werden. Denn was auch immer das Schickliche sein mag, es zeigt sich erst dann, wenn die Sittlichkeit vorausgegangen ist. Daher wird nicht nur in diesem Bereich der Sittlichkeit, der an dieser Stelle erörtert werden muss, sondern auch in den drei oben besprochenen sichtbar, was schicklich ist. Denn vernünftig zu denken, sachgemäß zu reden, wohlbedacht zu tun, was man tut, und in jeder Angelegenheit darauf zu achten und daran festzuhalten, was wahr ist, ist schicklich, und andererseits sich zu täuschen, sich zu irren, zu fehlen und sich hinters Licht führen zu lassen schicken sich ebenso wenig wie verrückt und von Sinnen zu sein; und alles Gerechte ist schicklich, alles Widerrechtliche hingegen in dem Maße unschicklich, wie es schändlich ist. Ähnlich steht es um die Tapferkeit; denn was mannhaft und mutig getan wird, das ist offenbar eines Mannes würdig und schicklich, das Gegenteil aber ebenso unschicklich wie schändlich.

[95] Deshalb gehört dieses Schickliche, wie ich es nenne, zum ganzen Wesen der Sittlichkeit, und zwar so, dass es nicht durch tieferes philosophisches Denken erkennbar ist, sondern auf der Hand liegt. Denn es gibt ein gewisses Etwas, das sich geziemt, und dieses wird in jeder Tugend erkannt; dieses kann eher theoretisch von der Tugend getrennt werden als praktisch. Wie die Anmut und die Schönheit des Körpers sich nicht von der Gesundheit trennen lassen, so ist dieses Schickliche, über das wir sprechen, zwar ganz mit der Tugend verschmolzen, aber es ist durch den denkenden Verstand unterscheidbar.

[96] Es gibt aber eine zweifache Definition des Schicklichen; denn wir erkennen, dass das Schickliche etwas Allgemeines ist, das sich in jeder Form der Sittlichkeit findet, und dass es speziell etwas diesem Untergeordnetes ist, das sich auf die einzelnen Teile der Sittlichkeit bezieht. Nun wird jenes Erstgenannte gewöhnlich ungefähr so definiert, das Schickliche sei das, was in Einklang steht mit der überragenden Stellung des Menschen, insofern sich seine Natur von den übrigen Lebewesen unterscheidet. Den Teil aber, der dem Allgemeinen untergeordnet ist, definieren sie so, dass sie bestimmen, das Schickliche sei das, was so mit der Natur in Einklang stehe, dass sich in ihm Mäßigung und Selbstbeherrschung zeigen gewissermaßen mit dem eines freien Mannes würdigen Erscheinungsbild.

[97] Die Richtigkeit dieser Erklärung können wir nach dem Begriff des Anstandes beurteilen, den die Dichter anstreben, worüber an anderer Stelle gewöhnlich mehr gesagt wird. Jedenfalls sagen wir, dass die Dichter jenes, was sich ziemt, dann beachten, wenn das, was jedes einzelnen Charakters würdig ist, getan und gesagt wird, so dass, falls Aeacus oder Minos sagten 'Mögen sie mich hassen, wenn sie mich nur fürchten' oder 'Den Kindern bereitet der Vater selbst das Grab', dieses unschicklich erscheinen würde, weil wir gehört haben, dass diese gerecht gewesen waren; aber wenn Atreus es sagt, wird Beifall

hervorgerufen, denn die Worte sind seines Charakters würdig. Aber die Dichter werden nach dem Charakter beurteilen, was für jeden schicklich ist, uns aber hat die Natur selbst eine Rolle zugewiesen mit einer großen Vortrefflichkeit und einem großen Vorzug vor den übrigen Lebewesen.

[98] Bei der großen Vielfalt der Charaktere werden die Dichter darauf achten, was sich sogar für die Lasterhaften schickt und was sich für sie ziemt; weil uns aber von der Natur die Aufgabe der Standhaftigkeit, der Selbstbeherrschung, der Mäßigung und Zurückhaltung gegeben worden ist und weil dieselbe Natur uns lehrt, nicht zu vernachlässigen, wie wir uns gegenüber Menschen verhalten sollen, deswegen wird Klarheit darüber hergestellt, wie weit jenes Schickliche reicht, das sich auf die gesamte Sittlichkeit bezieht, und dieses, das in jeder einzelnen Art von Tugend erblickt wird. Denn wie die Schönheit des Körpers durch eine passende Anordnung der Glieder die Augen auf sich zieht und eben dadurch erfreut, dass alle Teile untereinander mit einer gewissen Anmut harmonisieren, so verursacht dieses Schickliche, das in der Lebensführung sichtbar hervortritt, den Beifall derer, mit denen man zusammenlebt, durch die Ordnung, Beständigkeit und Mäßigung in allen Worten und Taten.

[99] Beachtet werden muss also eine gewisse Ehrerbietung gegenüber den Menschen, sowohl gegenüber allen Guten als auch den Übrigen. Denn zu ignorieren, was jeder über einen denkt, verrät nicht nur einen anmaßenden, sondern auch einen ganz und gar leichtfertigen Menschen. Es gibt aber im Hinblick auf die Menschen einen Unterschied zwischen Gerechtigkeit und Ehrerbietung. Die Pflicht der Gerechtigkeit besteht darin, Menschen keine Gewalt anzutun, die Pflicht der Ehrerbietung, sie nicht zu kränken, worin besonders die Bedeutung des Schicklichen erkannt wird. Da dieses also dargelegt worden ist, glaube ich, dass erkannt ist, von welcher Art das so genannte Schickliche ist.

100-125 Pflichten, die aus dem Decorum hervorgehen

[100] Das pflichtgemäße Handeln aber, das sich vom Schicklichen leiten lässt, muss in erster Linie den Weg gehen, der zur Wahrung der Übereinstimmung mit der Natur führt; wenn wir dieser als Führerin folgen, werden wir niemals in die Irre gehen, sondern erstens das erreichen, was von Natur aus scharfsinnig und einsichtsvoll ist, zweitens das, was ausgerichtet ist auf die enge Verbindung der Menschen, und drittens das, was heftig und stark ist. Aber die größte Bedeutung des Schicklichen liegt in dem Bereich, den wir er-örtern; denn nicht nur die Bewegungen des Körpers, so weit sie in Einklang mit der Natur stehen, sondern viel mehr noch die Bewegungen des Geistes sind gutzuheißen, so weit sie ebenso an die Natur angepasst sind.

101-104 Selbstbeherrschung

[101] Zweifach nämlich ist das naturgegebene Vermögen der Seele: Ein Teil beruht auf dem Begehren, was auf Griechisch o™rmä bedeutet, das den Menschen hierhin und dorthin drängt, der andere Teil beruht auf der Vernunft, die lehrt und erklärt, was zu tun und was zu meiden ist. [So kommt es, dass die Vernunft die Lenkung hat, das Begehren gehorcht. Jede Handlung aber muss frei sein von Unbesonnenheit und Nachlässigkeit, und derjenige, der handelt, darf aber nichts tun, für das er nicht einen glaubhaften Grund angeben kann; dieses nämlich ist fast eine Definition von Pflicht.]

[102] Es ist aber zu bewirken, dass die Triebe der Vernunft gehorchen und ihr weder zuvorkommen noch sie aus Trägheit und Untüchtigkeit im Stich lassen, sondern dass sie ruhig sind und frei von jeder geistigen Verwirrung; hieraus werden in vollem Umfang Beständigkeit und Mäßigung zutage treten. Denn diejenigen Triebe, die weiter um sich greifen und gleichsam übermütig infolge ihres Verlangens oder ihrer Flucht nicht hinreichend von der Vernunft in

Schranken gehalten werden, überschreiten ohne Zweifel Maß und Ziel. Denn sie vernachlässigen und verwerfen den Gehorsam und gehorchen nicht der Vernunft, der sie durch das Gesetz der Natur unterworfen sind; von ihnen wird nicht nur der Geist in Unruhe versetzt, sondern auch die Körper. Dieses kann man schon an den Gesichtern der Zornigen oder derjenigen erkennen, die entweder durch irgendeine Leidenschaft oder Furcht beunruhigt sind oder sich aus allzu starker Freude zügellos gebärden; die Mienen, Stimmen, Bewegungen und Haltungen all dieser verändern sich.

[103] Hieraus ersieht man, um zum Begriff der Pflicht zurückzukehren, dass alle Triebe zu bändigen und zu beruhigen sind und dass Aufmerksamkeit und Sorgfalt aufgeboten werden müssen, damit wir nichts planlos und blindlings, unüberlegt und nachlässig tun. Wir sind nämlich von der Natur nicht so erschaffen worden, dass wir offenbar für das Spiel und den Spaß entstanden sind, sondern vielmehr für den Ernst und für einige gewichtigere und bedeutendere Beschäftigungen. Jenes Spiel und jenen Scherz zu gebrauchen ist zwar möglich, aber so wie den Schlaf und die übrigen Arten der Ruhe immer dann, wenn wir den gewichtigen und ernsten Aufgaben Genüge getan haben. Und die Art des Scherzens selbst darf nicht ausgelassen und zügellos, sondern muss anständig und witzig sein. Denn wie wir den Kindern nicht eine unbegrenzte Freiheit zu spielen geben, sondern diejenige, die mit anständigem Betragen in Einklang steht, so soll selbst im Scherz ein Funke edler Gesinnung sichtbar hervortreten.

[104] Im Ganzen gibt es eine doppelte Art des Scherzens: Die eine ist eines Freien unwürdig, frivol, schändlich, unanständig, die andere ist gewählt, geschmackvoll, geistreich und humorvoll, eine Art, von der nicht nur unser Plautus und die alte Komödie der Attiker, sondern auch die Bücher der sokratischen Philosophie gefüllt sind, und es sind viele humorvolle Worte von

vielen vorhanden, die vom alten Cato gesammelt worden sind, die a¬pofqégmata (Apophthegmata) genannt werden. Leicht also ist die Unterscheidung des anständigen und eines Freien würdigen Scherzes. Der eine ist, wenn er zur rechten Zeit geschieht, wie z.B. zur Zeit geistiger Entspannung, eines sehr bedeutenden Menschen würdig, der andere nicht einmal eines Freien, falls ein schändlicher Inhalt oder unanständige Ausdrücke hinzukommen. Auch muss beim Spiel ein gewisses Maß beibehalten werden, damit wir nicht zu sehr alles übertreiben und durch ausgelassenes Vergnügtsein irgendeiner Schande verfallen. Es liefern aber unser Marsfeld und die Beschäftigungen mit der Jagd ehrbare Vorbilder des Spieles.

105-106 Mäßigung in der Lust

[105] Aber es gehört zu jeder Untersuchung über die Pflicht, vor Augen zu haben, wie weit die Natur des Menschen das Vieh und die übrigen Tiere übertrifft; jene empfinden nichts außer Lust und werfen sich mit ganzer Kraft auf sie, der Verstand des Menschen aber wird genährt durch Lernen und Denken, immer erforscht oder tut er irgendetwas und lässt sich leiten durch den Genuss des Sehens und Hörens. Ja sogar, falls jemand ein wenig stärker der Lust zugeneigt ist, wenn er nur nicht nach der Art des Viehs ist – denn einige sind Menschen nicht der Sache, sondern nur dem Namen nach -, falls also jemand auf einer etwas höheren Stufe steht, verbirgt und verheimlicht er, auch wenn er sich von der Lust hinreißen lässt, den Hang zur Lust aus natürlichem Anstandsgefühl.

[106] Hieraus ist erkennbar, dass die körperliche Lust der überlegenen Stellung des Menschen nicht würdig genug ist und sie verachtet und zurückgewiesen werden muss, dass, wenn es aber irgendeinen gibt, der auf die Lust einigen Wert legt, dieser bei ihrem Genuss sorgfältig Maß halten muss. Daher sollen

sich die Ernährung und die Pflege des Körpers auf die Gesundheit und die Körperkräfte beziehen, nicht auf die Lust. Und auch, wenn wir erwägen wollen, was in unserer Natur die überlegene Stellung und Würde ausmacht, werden wir erkennen, wie schändlich es ist, in Üppigkeit zu verkommen und verzärtelt und verweichlicht zu leben, und wie ehrenvoll, sparsam, enthaltsam, streng und besonnen zu leben.

107-114 Bewahrung berechtigter Eigenart

[107] Es muss aber auch erkannt werden, dass wir von der Natur gleichsam mit zwei Rollen ausgestattet sind; von diesen ist die eine uns allen deshalb gemeinsam, weil wir alle an derjenigen Vernunft und überlegenen Stellung teilhaben, durch die wir die Tiere übertreffen, von der jedes Sittlichgute und Schickliche abgeleitet und durch die der Weg gezeigt wird, auf dem die Pflicht zu finden ist, die andere Rolle aber ist diejenige, die individuell den Einzelnen zugewiesen ist. Wie es nämlich bei den Körpern große Verschiedenartigkeiten gibt – wir sehen, dass die einen aufgrund ihrer Schnelligkeit für den Lauf geeignet sind, die anderen aufgrund ihrer Kräfte für das Ringen und ebenso hinsichtlich des Äußeren den einen Würde anhaftet, den anderen Anmut -, so zeigt sich in den Veranlagungen eine noch größere Mannigfaltigkeit.

[108] L. Crassus und L. Philippus verfügten über viel Humor, über einen noch größeren und mehr absichtlichen C. Caesar, der Sohn des Lucius; aber zu derselben Zeit zeigten M. Scaurus und der junge M. Drusus eine einzigartige Strenge, C. Laelius viel Heiterkeit und sein Vertrauter Scipio größeren Ehrgeiz, aber eine ernstere Lebensauffassung. Bezüglich der Griechen aber haben wir erfahren, dass Sokrates angenehm, witzig, von fröhlicher Unterhaltungsgabe und in jeder Rede ein Meister der Verstellungskunst gewesen ist, den die Griechen ei¢rwn genannt haben, dass hingegen Pythagoras und Perikles

höchstes Ansehen ohne jede Heiterkeit erlangt haben. Dass von den Feldherrn der Punier Hannibal und von unseren Feldherrn Q. Maximus verschlagen gewesen ist, haben wir erfahren, dass sie gerne verheimlichten, schwiegen, sich verstellten, auflauerten und die Pläne der Feinde im Voraus vereitelten. In dieser Beziehung ziehen die Griechen Themistokles und Iason aus Pherae den Übrigen vor und besonders die verschlagene und listige Tat Solons, der, damit sein Leben um so sicherer war und er dem Staat erheblich mehr nutzen konnte, so tat, als sei er von Sinnen.

[109] Andere sind diesen sehr unähnlich, arglos und offenherzig, die meinen, nichts dürfe heimlich, nichts dürfe durch einen Hinterhalt geschehen, Verehrer der Wahrheit, Feinde des Betruges, und ebenso andere, die sich alles gefallen lassen, jedem ergeben sind, wenn sie nur das erreichen, was sie wollen, wie wir Sulla und M. Crassus erlebten. Dass in dieser Hinsicht der Spartaner Lysander sehr listig und geduldig gewesen ist, haben wir erfahren, und dass Callicratidas das Gegenteil gewesen ist, welcher der nächste Flottenpräfekt nach lysander war. Und ebenso haben wir erfahren, dass ein anderer, mag er auch noch so einflussreich sein, in Gesprächen bewirkt, dass er einer von vielen zu sein scheint, was wir bei Catulus gesehen haben, bei seinem Vater und Sohn und ebenso bei Q. Mucius Maucia. Ich habe von Älteren gehört, dass dasselbe auf P. Scipio Nasica zugetroffen hat, sein Vater hingegen, jener, der die ruchlosen Versuche des T. Gracchus geahndet hat, keine Freundlichkeit in der Unterhaltung gezeigt habe und genau deswegen groß und berühmt gewesen sei. Es gibt andere unzählige Verschiedenartigkeiten im Wesen und in den Gewohnheiten, die dennoch keineswegs tadelnswert sind.

[110] In hohem Grade aber muss jeder an seinen individuellen Eigenschaften festhalten, soweit sie nicht fehlerhaft sind, aber doch den eigenen Charakter ausmachen, damit um so leichter jenes von uns untersuchte Schickliche

bewahrt wird. So nämlich müssen wir handeln, dass wir nichts gegen die allgemeine Natur anstreben und dennoch, ohne diese zu schädigen, unserem individuellen Charakter folgen, damit wir, auch wenn anderes bedeutender und besser ist, dennoch unsere Ziele nach dem Maßstab unserer Natur beurteilen; denn es ist nicht sinnvoll, der Natur zu widerstreiten und nach etwas zu trachten, das man nicht erreichen kann. Hierdurch wird besser sichtbar, wie beschaffen jenes Schickliche ist, deswegen weil gegen den Willen Minervas nichts schicklich ist, wie man sagt, d.h. wenn die Natur Widerstand leistet und sich widersetzt.

[111] Mit einem Wort, wenn überhaupt irgendetwas schicklich ist, dann ist in der Tat nichts schicklicher als die Ausgeglichenheit des gesamten Lebens sowie der einzelnen Handlungen, die du nicht bewahren kannst, wenn du die Natur anderer nachahmst und deine verleugnest. Wie wir nämlich die Sprache gebrauchen müssen, die uns angeboren ist, damit wir nicht wie manche, die griechische Worte einschalten, mit vollem Recht verlacht werden, so dürfen wir in unsere Handlungen und unser ganzes Leben keine Widersprüchlichkeit hineintragen.

[112] Und dieser Unterschied der Naturen hat eine so große Bedeutung, dass manchmal der eine Selbstmord begehen, der andere es unter denselben Umständen aber nicht muss. War denn M. Cato in der einen Situation, in einer anderen die Übrigen, die sich in Afrika Caesar ausgeliefert haben? Nun aber wäre es den Übrigen vielleicht als Fehler angerechnet worden, wenn sie sich umgebracht hätten, deswegen weil ihr Leben anpassungsfähiger und ihre Gewohnheiten umgänglicher gewesen waren; weil die Natur Cato eine unglaubliche Strenge verliehen und er selbst diese in fortwährender Beständigkeit gefestigt hatte sowie immer bei seiner Zielsetzung und seiner

vorgefassten Absicht geblieben war, musste er lieber sterben als das Gesicht des Tyrannen erblicken.

[113] Wie vieles hat Odysseus auf jener lange dauernden Irrfahrt erlitten, als er Frauen diente, wenn Circe und Calypso als Frauen zu bezeichnen sind, und im Umgang mit jedermann zu allen freundlich und liebenswürdig sein wollte. Zu Hause aber ertrug er auch die schmachvolle Behandlung durch seine Sklaven und Sklavinnen, um endlich einmal zu dem zu gelangen, was er wünschte. Aber Aiax hätte bei der Gemütsart, die er nach der Überlieferung hatte, tausendmal lieber in den Tod gehen als jenes ertragen wollen. Wenn wir dieses betrachten, wird es notwendig sein zu erwägen, was jeder an Eigenart hat, und dieses harmonisch auszuformen, ohne erproben zu wollen, wie sehr fremde Eigenschaften zu einem passen; das nämlich ziemst sich für jeden am meisten, was für jeden am meisten das Seine ist.

[114] Also soll jeder seinen individuellen Charakter erkennen und sich als strenger Richter seiner Vorzüge und Fehler erweisen, damit nicht Schauspieler mehr Klugheit als wir zu haben scheinen. Jene nämlich wählen nicht die besten, sondern die für sie geeignetsten Theaterstücke aus; diejenigen, die sich auf ihre Stimme verlassen, wählen die Epigonen und Medos, die ihrem Gebärdenspiel vertrauen, Melanippa und Clytemestra, immer wählt Rupsilius, an den ich mich erinnere, Antiopa, Aesopus nicht oft Aiax. Also wird ein Schauspieler hierauf auf der Bühne achten, ein weiser Mann wird es in seinem Leben nicht tun? Wir werden uns also hauptsächlich bei den Tätigkeiten anstrengen, für die wir am geeignetsten sein werden. Wenn uns aber einmal eine Notlage zu dem drängt, was nicht unserer Anlage entsprechen wird, muss jede mögliche Sorgfalt aufgewendet werden, jede mögliche Einübung und Aufmerksamkeit, damit wir dieses wenn schon nicht schicklich, aber doch möglichst wenig unschicklich tun können, und wir brauchen uns nicht so sehr anzustrengen, dass wir nach den

Vorzügen streben, die uns nicht gegeben sind, als vielmehr, dass wir Fehler vermeiden.

115-121 Richtige Berufswahl

[115] Und diesen zwei Rollen, die ich oben genannt habe, wird eine dritte hinzugefügt, die irgendein Zufall oder eine Gelegenheit aufbürdet, sogar eine vierte, die wir uns selbst nach unserer Entscheidung anlegen. Denn Königsherrschaften und Befehlsgewalten, Adel und Ehren, Reichtum und Macht und das, was diesem entgegengesetzt ist, werden, weil sie auf Zufall beruhen, von den Zeitumständen gelenkt; welche Rolle wir selbst aber spielen wollen, hängt von unserem Willen ab. Daher widmen sich die einen der Philosophie, andere dem bürgerlichen Recht und wieder andere der Beredsamkeit, und hinsichtlich der Tugenden selbst will sich der eine lieber in dieser, der andere in jener auszeichnen.

[116] Diejenigen aber, deren Väter oder Vorfahren sich durch irgendeine rühmliche Tätigkeit ausgezeichnet haben, trachten meistens danach, sich auf demselben verdienstvollen Gebiet hervorzutun, wie Q. Mucius, der Sohn des Publius, im bürgerlichen Recht und Africanus, der Sohn des Paulus, im Kriegswesen. Einige aber fügen zu den Verdiensten, die sie von ihren Vätern übernommen haben, einen eigenen hinzu, wie eben dieser Africanus durch seine Beredsamkeit den Kriegsruhm gesteigert hat, was gleichfalls Timotheus tat, Konons Sohn, der, obwohl er seinem Vater an Kriegsruhm nicht nachgestanden hatte, zu diesem Ruhm die Anerkennung für seine Gelehrsamkeit und seine Begabung hinzufügte. Zuweilen kommt es aber vor, dass einige die Nachahmung ihrer Vorfahren unterlassen und einem sozusagen persönlichen Lebensplan folgen, und besonders strengen sich hierbei meistens

diejenigen an, die sich Großes vornehmen, da sie von ruhmlosen Vorfahren abstammen.

[117] All dieses müssen wir, wenn wir nach dem Schicklichen fragen, mit Herz und Verstand erfassen; vor allem aber müssen wir uns klar machen, wer und von welcher Art wir und in welchem Beruf wir sein wollen, eine Überlegung, die die schwierigste von allen ist. Denn zu Beginn der Jugendzeit, wenn die Einsicht noch auf recht schwachen Füßen steht, entscheidet sich ein jeder für diejenige Art sein Leben zu verbringen, für die er sich am meisten begeistert hat. Daher lässt er sich auf eine bestimmte Lebensweise und einen Lebenslauf ein, bevor er beurteilen konnte, was am besten ist.

[118] Denn wenn Podicus sagt, dass Herkules, wie es bei Xenophon steht, in den ersten Jahren der Jugendreife – ein Lebensabschnitt, der von der Natur gegeben ist, um auszuwählen, welchen Lebensweg jeder einschlagen will – in die Einsamkeit weggegangen sei und dort sitzend sich lange und ernstlich gefragt habe, als er zwei Wege erkannte, den einen des Vergnügens und den anderen der Tugend, welchen von beiden einzuschlagen besser sei, konnte dieses vielleicht dem Herkules, da er ein Zeussprössling war, gelingen, uns aber nicht in gleicher Weise, die wir diejenigen nachahmen, die nachzuahmen uns richtig scheint, und zu deren Zielsetzungen und Grundsätzen wir uns hinbewegen lassen. Meistens aber werden wir durch die Weisungen der Eltern angeleitet und lassen uns zu deren Sitten und Gewohnheiten hinführen; andere lassen sich von dem Urteil der Menge bestimmen, und sie ersehnen meistens das, was dem größeren Teil sehr schön zu sein scheint; einige sind dennoch entweder infolge einer gewissen glücklichen oder guten Naturanlage dem rechten Lebensweg gefolgt.

[119] Jene Gruppe aber ist besonders selten, nämlich die Gruppe derer, die, entweder mit vortrefflicher Geistesgröße oder ausgezeichneter Bildung und Gelehrsamkeit oder mit beidem ausgestattet, sogar die Möglichkeit hatten zu überlegen, welchem Lebenslauf sie vornehmlich folgen wollen; bei dieser Überlegung muss sich ein Plan ganz nach der persönlichen Veranlagung eines jeden ausrichten. Denn wenn wir bei allem, was getan wird, entsprechend der Herkunft eines jeden, wie oben gesagt worden ist, fragen, was schicklich ist, dann ist bei der Einrichtung des ganzen Lebensplanes eine viel größere Sorge um diesen Punkt aufzubringen, damit wir das ganze Leben hindurch uns selbst treu bleiben, ohne in irgendeiner Pflichtausübung zu schwanken.

[120] Da aber auf diese Überlegung die Natur den größten Einfluss hat, die äußeren Umstände den zweitgrößten, muss bei der Wahl des Berufes zwar auf beide Rücksicht genommen werden, mehr aber auf die Natur; denn sie ist viel stärker und beständiger, so dass das Schicksal manchmal, gleich als ob es selbst sterblich wäre, mit der unsterblichen Natur zu kämpfen scheint. Wer also seinen ganzen Lebensplan nach der Beschaffenheit seiner Natur ausgerichtet hat, sofern sie nicht fehlerhaft ist, der soll sich treu bleiben (dieses nämlich ziemt sich ganz besonders), es müsste denn sein, dass er erkannt hat, sich bei der Wahl des Berufes geirrt zu haben. Falls dieses eintritt (es kann aber eintreten), hat eine Änderung des Auftretens und der Lebensführung zu erfolgen. Wenn die Zeitumstände diese Änderung unterstützen, werden wir sie leichter und bequemer bewältigen; andernfalls muss sie kaum merklich und allmählich erfolgen, wie die Weisen meinen, es sei schicklicher, Freundschaften, die weniger erfreuen und weniger anerkannt werden, allmählich aufzulösen als plötzlich abzubrechen. Sobald aber der Beruf geändert worden ist, müssen wir mit allen Mitteln dafür sorgen, dass wir dieses nach reiflicher Überlegung getan zu haben scheinen.

[121] Aber da kurz zuvor gesagt worden ist, dass die Älteren nachzuahmen seien, soll erstens folgende Ausnahme gelten, dass Fehler nicht nachgeahmt werden dürfen, zweitens, falls die Natur es nicht zulassen wird, dass sie einiges nachahmen können – wie der Sohn des älteren Africanus, der diesen Sohn des Paulus adoptiert hat, wegen seiner schwachen Gesundheit nicht so dem Vater ähnlich sein konnte, wie jener seinem ähnlich gewesen war -, wenn er also nicht imstande sein wird, entweder als Rechtsanwalt tätig zu sein oder das Volk durch Reden zu fesseln oder Kriege zu führen, so wird er dennoch jene Tugenden zeigen müssen, die in seiner Macht liegen werden, Gerechtigkeit, Treue, Freigebigkeit, Bescheidenheit und Selbstbeherrschung, damit an ihm um so weniger das vermisst wird, was fehlt. Als beste Erbschaft aber, die vorzüglicher ist als jedes Erbe, wird den Kindern von ihren Vätern der Ruhm der Tugend und der Taten überlassen, dem Schande zu bringen als Frevel und Fehler beurteilt werden muss.

122-123 Neigungen und Altersstufen

[122] Da die Pflichten nicht zugleich verschiedenen Altersstufen zugewiesen werden, sondern die einen zu jungen Leuten passen, die anderen zu älteren, muss auch etwas über diese Unterscheidung gesagt werden. Es ist also die Aufgabe eines jungen Menschen, die Vorfahren zu verehren und aus ihnen die Besten und Bewährtesten auszuwählen, um sich auf deren Rat und Ansehen zu stützen; denn die Unerfahrenheit der Jugend muss durch die Klugheit der Alten unterwiesen und gelenkt werden. Am meisten aber ist diese Altersstufe von Ausschweifungen fernzuhalten, und sie ist auszubilden in Anstrengungen und in der Ausdauer von Körper und Geist, damit bei ihrer Verrichtung kriegerischer und ziviler Aufgaben eine rege Betriebsamkeit herrscht. Und auch dann, wenn sie sich erholen und der Fröhlichkeit anheimgeben wollen, sollen sie sich vor Unmäßigkeit hüten und sich auf die Zurückhaltung besinnen, was leichter sein

wird,

teilnehmen lassen.

falls

sie

die

Älteren

bereitwillig

an

derartigen

Unternehmungen

[123] Ferner müssen die Alten offenbar körperliche Strapazen verringern und die Übung des Geistes sogar verstärken, sie haben sich aber Mühe zu geben, dass sie Freunde, die Jugend und besonders den Staat durch ihre Einsicht und ihre praktische Erfahrung möglichst viel unterstützen. Vor nichts aber muss sich das Greisenalter mehr fürchten als davor, dass es sich der Schlaffheit und dem Müßiggang hingibt; die Genusssucht aber ist für jedes Lebensalter schändlich und am schmählichsten für das Greisenalter. Wenn aber auch noch die Zügellosigkeit in den Ausschweifungen hinzugetreten ist, ist das Übel ein doppeltes, weil das Greisenalter selbst eine Schande auf sich lädt und die Zügellosigkeit der Jugend noch schamloser macht.

124-125 Pflichten verschiedener Gruppen

[124] Und nun liegt sicherlich auch jenes nicht außerhalb des Themas, über die Pflichten von Beamten, Privatleuten, Bürgern und Fremden zu sprechen. Es ist also die eigentümliche Aufgabe eines Beamten zu erkennen, dass er die Bürgergemeinde vertritt, ihre Würde und Ehre aufrechterhalten, die Gesetze beachten, die Rechtsansprüche sichern und sich auf das besinnen muss, was seiner Redlichkeit anvertraut worden ist. Ein Privatmann aber muss auf ganz gleicher Rechtsgrundlage mit den Bürgern leben, weder unterwürfig und verzagt noch überheblich, und sodann als Staatsbürger das wollen, was friedlich und ehrenhaft ist; einen solchen nämlich pflegen wir als einen guten Bürger zu betrachten und zu bezeichnen.

[125] Es ist aber die Pflicht eines Fremden und eines ansässigen Ausländers, nichts außer seinen Aufgaben zu verrichten, sich nicht um eines anderen Privatanliegen zu kümmern und sich keineswegs in einen fremden Staat

einzumischen. – So wird man in der Regel die Pflichten finden, indem gefragt wird, was schicklich ist und was zu den Personen, Zeitumständen und Altersstufen passt. Es gibt aber nichts, was sich so ziemt wie bei jeder Handlung und jedem Plan Beständigkeit zu bewahren.

126-152 Lebensstil der harmonischen Persönlichkeit 126-129 Scheu vor Verletzung des Anstandes

[126] Aber da jenes Schickliche in allen Taten und Worten, schließlich in der Bewegung und Haltung des Körpers erkennbar ist und auf drei Voraussetzungen beruht, auf Schönheit, den Sinn für Ordnung und einem der Handlung angemessenen Auftreten – diese sind schwer in Worten auszudrücken, aber es wird genügen, dass sie erkannt werden -, da ferner in diesen drei Voraussetzungen auch die Sorge darum enthalten ist, dass wir von denjenigen anerkannt werden, mit denen und bei denen wir leben, soll auch hierüber einiges gesagt werden. Von Anfang an scheint die Natur unserem Körper große Bedeutung geschenkt zu haben, da sie unser Antlitz und die übrigen Körperteile, soweit sie einen schönen Anblick bieten, frei sichtbar anordnete, die Körperteile aber, die, zur Verrichtung eines natürlichen Bedürfnisses gegeben, einen unförmigen und hässlichen Anblick bieten sollten, bedeckte und verbarg.

[127] Dieser so sorgfältigen Einrichtung der Natur ist der Anstand der Menschen gefolgt. Was nämlich die Natur verborgen hat, entfernen gleichfalls alle, die bei gesundem Verstand sind, vor den Augen, und sie geben sich selbst Mühe, dass sie ihre natürlichen Verrichtungen möglichst geheim vollziehen. Was nun diejenigen Körperteile betrifft, deren Funktionen notwendig sind:

weder nennen sie diese Teile noch deren Funktionen mit ihren eigentlichen Bezeichnungen, und was zu tun nicht schändlich ist, wenn es nur im

Verborgenen geschieht, erregt Anstoß, wenn es benannt wird. Daher ist weder die offene Verrichtung jener Handlungen frei von Frechheit noch ist es die Anstößigkeit der Rede.

[128] Nicht aber verdienen die Kyniker Gehör oder falls irgendwelche Stoiker beinahe Kyniker gewesen sind, die kritisieren und darüber spotten, dass wir das, was von der Sache her nicht schändlich ist, durch unsere Ausdrücke dafür als schändlich erachten, jenes aber, was schändlich ist, mit den eigentlichen Bezeichnungen benennen. Straßenraub zu treiben, zu betrügen, die Ehe zu brechen ist wirklich schändlich, aber der Gebrauch dieser Worte ist nicht unanständig; Kinder zu zeugen ist von der Sache her ehrenhaft, aber vom Namen her unanständig; und noch mehr wird in diesem Sinne von denselben gegen den Anstand angeführt. Wir aber wollen der Natur folgen und alles meiden, was der Billigung durch Augen und Ohren widerstrebt; das Stehen, der Gang, das Sitzen, das SichzuTischLegen, der Gesichtsausdruck, die Augen und die Bewegung der Hände sollen jenem Schicklichen entsprechen.

[129] Hierbei sind besonders zwei Fehler zu meiden, dass etwas verweichlicht oder schlaff und dass etwas grob oder plump ist. Nicht aber darf den Schauspielern und Rednern eingeräumt werden, dass ein solches Verhalten bei ihnen passend und richtig vor sich geht, bei uns jedoch als zügellos gilt. Das Betragen der Schauspieler zeigt nach alter Zucht eine so große Zurückhaltung, dass niemand ohne Schurz auf die Bühne tritt; sie fürchten sich nämlich, dass, falls es zufällig geschieht, dass gewisse Körperteile entblößt werden, sie einen unanständigen Anblick gewähren. Nach unserer Sitte waschen sich nicht die erwachsenen Söhne mit ihren Vätern, die Schwiegersöhne nicht mit ihren Schwiegervätern. Eine Scheu dieser Art muss also beibehalten werden, zumal wenn die Natur selbst Lehrerin und Führerin ist.

130-132a Schicklichkeit im Äußerlichen

[130] Da es aber zwei Arten von Schönheit gibt, von denen die Anmut der einen zugehört, die Würde der anderen, müssen wir die Anmut für die Sache der Frauen halten, die Würde für die Sache der Männer. Also soll von der äußeren Erscheinung jeder Schmuck ferngehalten werden, der eines Mannes nicht würdig ist, und vor einem Fehler, der diesem ähnlich ist, soll man sich in Gesten und Bewegungen hüten. Denn angelernte Bewegungen sind oft ziemlich anstößig und einige Gesten von Schauspielern sind nicht frei von Albernheiten, und in beiden Fällen wird das gelobt, was schlicht und einfach ist. Die Würde der äußeren Erscheinung aber muss durch eine frische Farbe erhalten werden, die Farbe durch Übungen des Körpers. Außerdem ist auf Sauberkeit Wert zu legen, nicht auf eine pedantische und allzu übertriebene, sondern nur auf eine solche, die plumpe und unfeine Nachlässigkeit meidet. Dieselbe Rücksicht muss auf die Kleidung genommen werden, bei der wie bei den meisten Dingen der Mittelweg am besten ist.

[131] Wir müssen uns aber davor hü-ten, dass wir weder beim Gehen einer allzu behäbigen Langsamkeit frönen, so dass wir den Trägern bei Prozessionen ähnlich zu sein scheinen, noch uns in eiligen Fällen zu großer Hast hingeben, durch die wir, wenn sie geschieht, ins Keuchen geraten, der Gesichtsausdruck sich verändert und der Mund sich verzerrt; hieran erkennt man deutlich, dass eine gesetzte Haltung nicht vorhanden ist. Aber um vieles mehr müssen wir uns auch bemühen, dass die Bewegungen der Seele sich nicht von der Natur entfernen, was wir erreichen werden, wenn wir uns davor hüten, den Leidenschaften und der Mutlosigkeit zu verfallen, und wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf die Bewahrung des Schicklichen richten.

[132a] Die Bewegungen der Seele aber sind zweifach, die einen sind die des Denkens, die anderen die des Begehrens. Das Denken beschäftigt sich hauptsächlich mit der Erforschung der Wahrheit, das Begehren treibt zum Handeln an. Wir müssen also dafür sorgen, dass wir das Denken auf möglichst würdige Gegenstände richten und das Begehren als der Vernunft gehorchend erweisen.

132b-137 Angemessene Sprache

[132b] Und da die Bedeutung der Rede groß ist und dies in zweifacher Weise, einerseits als Streitrede und andererseits als Gespräch, soll die Streitrede den Verhandlungen bei Gericht, in Volksversammlungen und im Senat zugewiesen werden, das Gespräch soll in Versammlungen, bei Disputationen und bei familiären Begegnungen vorkommen und auch den Gastmählern folgen. Für die Streitrede gibt es Regeln von Rhetoren, für das Gespräch gibt es keine, obwohl es auch diese geben könnte. Aber für eifrige Schüler werden Lehrer gefunden, jedoch sind keine vorhanden, die sich um dieses Gespräch bemühen, überall findet sich der Schülerschwarm der Rhetoren; indessen werden die Regeln, die für die Anordnung von Worten und Sätzen gegeben werden, zugleich für das Gespräch gelten.

[133] Aber da wir die Stimme als Ausdrucksorgan unserer Sprache haben, bei der Stimme aber zwei Prinzipien folgen, dass sie deutlich und angenehm sein soll, muss beides grundsätzlich von der Natur eingefordert werden, aber das eine wird die Übung fördern, das andere die Nachahmung derer, die ausdrucksvoll und wohllautend sprechen. Bei den beiden Catulern gab es keine Veranlassung zu glauben, sie hätten einen besonders feinen Sinn für Sprache, obwohl sie gebildet waren (aber dies waren auch andere); von diesen jedoch glaubte man, sie hätten die beste lateinische Aussprache. Ihre Aussprache war

angenehm, ihre Worte weder zu breit noch verschluckt, damit das Gesagte nicht undeutlich oder affektiert war; ohne dass sie sich anstrengten, war ihre Stimme weder monoton noch singend. Ausdrucksreicher war die Rede des L. Crassus, aber nicht weniger elegant, jedoch der Ruf der Catuler, gute Redner zu sein, nicht geringer. An Witz aber und geistreicher Art übertraf Caesar, der Bruder von Catulus' Vater, alle, so dass er sogar in jenem Bereich der Gerichtsrede den Streitreden der anderen durch seinen Gesprächston überlegen war. Bei all diesem also muss man sich Mühe geben, wenn wir in allem untersuchen, was schicklich ist.

[134] Es soll also dieses Gespräch, in dem sich die Sokratiker am meisten auszeichnen, ruhig und keineswegs starrsinnig sein, Humor soll in ihm enthalten sein. Nicht aber schließe er, als ob ihm alles gehörte, andere aus, sondern er halte wie im Allgemeinen so auch in dem gewöhnlichen Gespräch Rede und Gegenrede nicht für unangemessen. Und besonders achte er darauf, über welche Gegenstände er spricht; wenn über ernste, soll er Strenge walten lassen, wenn über scherzhafte, Humor. Vor allem sorge er dafür, dass das Gespräch nicht aufdeckt, dass irgendein Fehler in seinem Charakter enthalten ist; dieses geschieht gewöhnlich dann, wenn mit Eifer über Abwesende, um sie entweder im Scherz oder im Ernst zu verleumden, lästernd und schmähend gesprochen wird.

[135] Meistens aber werden Gespräche über häusliche Angelegenheiten, über den Staat oder über künstlerische Bestrebungen und die Wissenschaft geführt. Man muss sich also Mühe geben, dass die Rede, auch wenn sie zu anderen Themen abzuschweifen beginnt, hierauf zurückgeführt wird, aber je nachdem die Anwesenden geartet sind; denn hinsichtlich derselben Gegenstände werden wir weder zu jeder Zeit noch in ähnlicher Weise durch das Gespräch erfreut. Auch ist darauf zu achten, wie weit das Gespräch Gefallen findet, und

wie es einen geeigneten Augenblick für den Beginn geben sollte, so auch eine sinnvolle Begrenzung.

[136] Aber wie in jeder Lebenslage sehr zu Recht vorgeschrieben wird, dass wir Leidenschaften meiden sollen, d.h. allzu starke Gefühlserregungen, die der Vernunft nicht gehorchen, so muss das Gespräch von derartigen Empfindungen frei sein, damit nicht Zorn aufkommt oder irgendeine Begierde, Trägheit oder Feigheit oder sich etwas Derartiges zeigt, und am meisten muss dafür gesorgt werden, dass wir diejenigen, mit denen wir uns unterhalten werden, offenbar achten und lieben. Manchmal kommt auch unvermeidlicher Tadel vor, bei dem wir vielleicht eine stärkere Anspannung der Stimme und schärfere, ernstere Worte gebrauchen und auch darauf hinarbeiten müssen, dass wir dieses im Zorn zu tun scheinen. Aber wie wir nur selten und unwillig zum Ausbrennen und Schneiden kommen, so auch zu dieser Art des Tadelns, nur notgedrungen, falls kein anderes Heilmittel gefunden wird, aber dennoch sei der Zorn fern, mit dem nichts richtig, nichts überlegt gemacht werden kann.

[137] Großenteils aber ist es möglich, einen milden Tadel zu gebrauchen, gleichwohl verbunden mit Ernsthaftigkeit, damit Strenge gebraucht und eine schmachvolle Behandlung vermieden wird, und es muss deutlich gezeigt werden, dass eben jene Härte, die der Tadel hat, um dessentwillen, der getadelt wird, angewendet wurde. Richtig ist es aber, auch in jenen Streitreden, die mit den größten Feinden geführt werden, selbst wenn wir etwas hören, was unser unwürdig ist, dennoch Würde zu bewahren und den Zorn zurückzudrängen; was nämlich mit einiger Aufregung geschieht, das kann weder in entschiedener Haltung getan noch von denjenigen gebilligt werden, die zugegen sind. Ungebührlich ist es auch, sich selbst zu rühmen, zumal mit Falschem, und unter dem Hohn der Zuhörer den prahlerischen Soldaten nachzuahmen.

138-141 Angemessenes Wohnen

[138] Und da wir alle Lebensbereiche darstellen, wir wollen es wenigstens, muss darüber gesprochen werden, von welcher Art unserer Meinung nach das Haus eines angesehenen und führenden Mannes sein soll, dessen Zweck der Gebrauch ist, an den der Bauplan anzupassen und wobei dennoch auf Zweckmäßigkeit und Würde Rücksicht zu nehmen ist. Wir haben gehört, dass es für Cn. Octavius, der als erster aus jener Familie Konsul geworden ist, ehrenvoll gewesen war, auf dem Palatin ein prächtiges und würdevolles Haus erbaut zu haben, von dem man glaubte, es habe, als es von der Menge besichtigt wurde, seinen Eigentümer, einen Emporkömmling, für das Konsulat empfohlen. Dieses riss Scaurus nieder und fügte seinem Haus das Haus des Octavius als Anbau hinzu. Und so brachte jener als erster das Konsulat in sein Haus, dieser, der Sohn eines sehr hohen und berühmten Mannes, trug in sein erweitertes Haus nicht nur die Zurückweisung bei der Amtsbewerbung, sondern auch Schmach und Unheil.

[139] Denn die Würde muss durch das Haus erhöht werden, sie ist nicht gänzlich aus dem Haus zu erwerben, und der Hausherr ist nicht durch sein Haus, sondern das Haus durch den Hausherrn zu ehren, und wie man in den übrigen Belangen nicht nur auf sich Rücksicht zu nehmen hat, sondern auch auf andere, so muss in dem Haus eines berühmten Mannes, in das viele Gäste aufgenommen und eine Vielzahl Menschen jeden Schlages zugelassen werden muss, für Geräumigkeit Sorge getragen werden. Andernfalls bringt ein geräumiges Haus seinem Eigentümer oft Schande, wenn es einmal unter einem anderen Hausherrn oft aufgesucht zu werden pflegte. Es ist nämlich Anstoß erregend, wenn von Vorübergehenden gesagt wird: 'Welch altes Haus und von welch ungleichem Hausherrn wirst du beherrscht'. Solches kann man in diesen Zeiten mit Bezug auf viele Häuser sagen.

[140] Es ist aber dafür zu sorgen, zumal wenn du selbst baust, dass du nicht durch Aufwand und Prunk das Maß überschreitest; in dieser Hinsicht bringt das Beispiel viel Übel. Denn eifrig ahmen zumal in dieser Beziehung die meisten die Taten der führenden Leute nach wie die des L. Lucullus, eines sehr hochstehenden Mannes, wer ahmt aber seine Tüchtigkeit nach? Aber wie viele haben den Prunk seiner Villen nachgeahmt! Hierbei muss sicherlich ein Maß angewendet werden und dieselbe Mäßigung ist auf alle Lebensgewohnheiten und den gesamten Lebensstil zu übertragen. Aber dieses bis hierher.

[141] Bei der Ausführung jeder Handlung aber müssen drei Gesichtspunkte beachtet werden, erstens, dass das triebhafte Begehren der Vernunft gehorcht, was am geeignetsten zur Einhaltung der Pflichten ist, zweitens, dass erkannt wird, wie groß jene Sache ist, die wir bewirken wollen, damit man weder eine größere noch eine geringere Sorgfalt und Mühe aufwenden muss als die, welche die Sache erfordert. Der dritte Gesichtspunkt besteht darin, dass wir dafür sorgen, dass das, was sich auf die edle Erscheinung und würdevolle Haltung bezieht, maßvoll gewahrt ist. Das beste Maß aber ist es, das Schickliche selbst zu bewahren, über das wir zuvor gesprochen haben und nicht dar-über hinauszugehen. Gleichwohl ist der wichtigste dieser drei Gesichtspunkte der, dass das triebhafte Begehren der Vernunft gehorcht.

142-149 Rücksicht auf Zeit und Ort

[142] Sodann muss über die Ordnung unserer Handlungen und über den günstigen Zeitpunkt gesprochen werden. Diese Eigenschaften aber beruhen auf dem Wissen, das die Griechen eu¬taxía nennen, nicht die eu¬taxía, die wir mit Mäßigung (modestia) übersetzen, ein Wort, in dem 'Maß' enthalten ist, sondern es ist jene eu¬taxía, unter der man die Bewahrung von Ordnung versteht. Daher wird, damit wir dasselbe mit dem Begriff 'modestia' meinen,

diese von den Stoikern so definiert, dass 'modestia' die Fähigkeit bezeichnet, das, was getan oder gesagt wird, an der richtigen Stelle einzuordnen. [So scheint die Bedeutung von Ordnung und Stellung dieselbe zu sein; denn Ordnung definieren sie so als die richtige Platzierung der Handlungen an geeigneten und passenden Stellen.] Sie meinen aber damit, dass der Ort der Handlung der günstige Augenblick sei; der günstige Zeitpunkt für die Handlung aber wird auf Griechisch eu¬kairía genannt, auf Lateinisch die Gelegenheit. So kommt es, dass die 'modestia', die wir so deuten, wie ich gesagt habe, das Wissen um die günstigen Augenblicke bedeutet, die zum Handeln geeignet sind.

[143] Aber die Definition von Klugheit, über die wir am Anfang gesprochen haben, kann dieselbe sein, an dieser Stelle aber fragen wir nach der Mäßigung und Selbstbeherrschung sowie nach den Tugenden, die diesen ähnlich sind. Daher ist das, was für die Klugheit eigentümlich ist, an passender Stelle gesagt worden; was aber für diejenigen Tugenden eigentümlich ist, über die wir schon lange sprechen, die sich auf die Ehrfurcht vor denen und die Anerkennung derer beziehen, mit denen wir leben, muss nun gesagt werden.

[144] Also muss eine solche Anordnung der Handlungen verwendet werden, dass wie in einer konsequent durchgeführten Rede so auch im Leben alles untereinander angemessen und schicklich ist; denn es ist schändlich und sehr tadelnswert, bei einem ernsten Thema leichte Tischgespräche oder irgendeine schlüpfrige Ausdrucksweise einzuführen. Richtig hat Perikles gesprochen, als er in der Heerführung den Dichter Sophokles als seinen Kollegen hatte, als sie zwecks einer gemeinsamen Aufgabe zusammengekommen waren und ein schöner Knabe zufällig vorüberging und Sophokles gesagt hatte "Welch schö- ner Knabe, Perikles!": "Ja, aber es ziemt sich für einen Heerführer, Sophokles, nicht nur die Hände, sondern auch die Augen im Zaum zu halten." Wenn nun

aber Sophokles genau dasselbe bei der Musterung von Wettkämpfern gesagt hätte, wäre er ohne einen rechtmäßigen Tadel geblieben: So groß ist die Bedeutung des Ortes und der Zeit. Z.B. falls jemand bei der Vorbereitung auf eine Prozessrede unterwegs oder bei einem Spaziergang bei sich selbst nachsinnt oder etwas anderes aufmerksamer bedenkt, dürfte er nicht getadelt werden, tut er aber genau dasselbe bei einem Gastmahl, dürfte er wegen seiner Unkenntnis der äußeren Umstände ungebildet erscheinen.

[145] Aber das, was mit anständigem Benehmen sehr im Widerspruch steht, z.B. wenn jemand auf dem Forum singt oder wenn es irgendeine andere große Verkehrtheit gibt, verlangt nicht sonderlich nach einer Ermahnung und nach Weisungen; vor den Fehlern aber, die gering zu sein scheinen und die nicht von vielen erkannt werden können, muss man sich sorgfältiger hüten. Wie beim Saiten- oder Flötenspiel, wenn es auch nur ein wenig vom Richtigen abweicht, dieses dennoch von einem Kenner gewöhnlich bemerkt wird, so ist im Leben darauf zu achten, dass nicht etwa eine Disharmonie auftritt, oder es ist sogar bei weitem mehr darauf zu achten, je bedeutender und besser die Harmonie der Handlungen im Vergleich zu den Tönen ist.

[146] Wie daher beim Saitenspiel die Ohren der Musiker sogar die geringsten Mängel merken, so werden wir, wenn wir strenge und gewissenhafte Richter und Beobachter von Fehlern sein wollen, oft Großes aus Kleinem erkennen. Aus dem Blick der Augen, aus dem Sinkenlassen oder dem Zusammenziehen der Augenbrauen, aus Traurigkeit oder Heiterkeit, aus dem Lachen, aus dem Sprechen oder dem Stillschweigen, aus der Anspannung oder Senkung der Stimme und aus anderen ähnlichen Verhaltensweisen werden wir leicht beurteilen, was an diesen Äußerungen angemessen ist, was mit der Pflicht und der Natur im Widerspruch steht. In diesem Fall ist es nicht unzweckmäßig, mit Blick auf andere zu beurteilen, von welcher Art jede dieser Handlungen ist, so

dass, wenn sich etwas für jene nicht ziemt, auch wir dieses meiden. Denn merkwürdigerweise geschieht es, dass wir mehr bei anderen als bei uns erkennen, wenn ein Fehler begangen wird. Daher werden diejenigen sehr leicht beim Lernen verbessert, deren Fehler die Lehrer nachahmen, um sie zu verbessern.

[147] Es ist aber nicht nachteilig, um eine richtige Entscheidung in den Angelegenheiten zu treffen, die Zweifel hervorbringen, gelehrte oder auch praktisch erfahrene Männer hinzuzuziehen und zu ergründen, welche Meinung sie zu jeder Art pflichtgemäßen Handelns haben. [Denn die Mehrheit pflegt in der Regel dorthin zu gelangen, wohin sie von der Natur selbst geführt wird.] Bei ihnen ist nicht nur darauf zu achten, was jeder sagt, sondern auch was jeder denkt und auch aus welchem Grund er dieses denkt. Wie nämlich Maler, Bildhauer und sogar Dichter wollen, dass ihr Werk von der Menge betrachtet wird, damit, falls etwas von der Mehrheit kritisiert worden ist, dieses verbessert werden kann, und wie sie bei sich und zusammen mit anderen ergründen, was hierbei verkehrt gemacht worden ist, so müssen wir nach dem Urteil anderer sehr vieles tun oder nicht tun sowie verändern und verbessern.

[148] Was aber gemäß der Sitte und staatlicher Einrichtungen verrichtet wird, darüber brauchen keine Vorschriften erlassen zu werden; denn jene sind an sich schon Weisungen, und niemand darf sich von dem Irrtum leiten lassen zu meinen, falls Sokrates oder Aristippos etwas gegen die Sitte und die öffentliche Gewohnheit getan oder gesagt hätten, sei dasselbe auch ihnen erlaubt; durch große und übermenschliche Vorzüge erlangten jene diese Freiheit. Die Lehre der Kyniker aber muss ganz verworfen werden; denn sie ist feindlich gegenüber der Zurückhaltung eingestellt, ohne die nichts recht sein kann, nichts ehrenhaft.

[149] Diejenigen aber, deren Leben erprobt ist in ehrenhaften und guten Taten, müssen wir als wahre Patrioten, die sich um den Staat verdient gemacht haben oder verdient machen, hoch achten und verehren, wie wenn sie eine Ehrenstelle oder ein höheres Amt bekleideten; auch dem Alter müssen wir einen hohen Wert beilegen und denen nachgeben, die ein Amt innehaben werden, einen Unterschied müssen wir machen zwischen einem Bürger und einem Fremden und bei einem Fremden selbst, ob er privat oder im Namen des Staates gekommen ist. Mit einem Wort, damit wir keine Einzelheiten abhandeln, wir müssen die gemeinsame Verbindung und Vereinigung des ganzen Menschengeschlechts untereinander ehren, beschützen und bewahren.

150-151 Wahl eines auch äußerlich anständigen Berufes

[150] Bezüglich Handwerksarbeiten und Erwerbszweige, welche für eines freigeborenen Mannes würdig, welche für unanständig zu halten sind, haben wir bereits ungefähr folgendes vernommen. Zuerst werden diejenigen Erwerbszweige missbilligt, die dem Hass der Menschen anheim fallen, wie die der Zolleinnehmer und Geldverleiher. Als eines Freien unwürdig aber und unanständig gelten die Erwerbszweige aller Tagelöhner, deren Dienste, nicht deren künstlerische Leistungen bezahlt werden; denn in ihrem Fall ist der Lohn selbst ein Handgeld für Dienstbarkeit. Auch müssen diejenigen als unanständig erachtet werden, die von Großhändlern kaufen, was sie sofort wieder verkaufen; denn sie dürften nicht davon profitieren, wenn sie nicht sehr schwindeln; und in der Tat gibt es nichts Schändlicheres als Unredlichkeit. Auch alle Handwerker betreiben ein unanständiges Gewerbe; denn eine Werkstatt kann nichts Anständiges an sich haben. Und keineswegs sind die Gewerbe zu billigen, die Dienerinnen des Vergnügens sind: 'Seefischhändler, Metzger, Köche, Geflügelmäster, Fischhändler', wie Terenz sagt. Nimm noch hinzu, wenn es beliebt, Salbenhändler, Pantomimen und das ganze Tanzspiel.

[151] Diejenigen Künste aber, denen entweder eine größere Einsicht innewohnt oder durch die ein nicht geringer Nutzen angestrebt wird wie die Medizin, die Architektur und der Unterricht in den ehrbaren Wissenschaften, sind schicklich für diejenigen, zu deren Stand sie passen: Der Handel jedoch, wenn er gering ist, muss für unanständig gehalten werden; wenn er aber groß und ausgedehnt ist, vieles von überall her herbeibringt und vielen ohne Betrügerei zuteilt, darf er nicht sehr getadelt werden; und auch, wenn der Kaufmann durch den Erwerb gesättigt oder vielmehr mit ihm zufrieden ist, scheint er, sowie er sich oft vom Meer in den Hafen und aus dem Hafen selbst auf das Land und seine Besitzungen begeben hat, mit vollem Recht gelobt werden zu können. Von all dem aber, durch das etwas erworben wird, ist nichts besser, nichts ergiebiger, nichts angenehmer, nichts eines freien Menschen würdiger als der Ackerbau. Da wir über ihn im "Älteren Cato" ziemlich viel gesagt haben, wirst du dort erfahren, was zu diesem Thema gehören wird.

152-161 Konflikte der vier Kardinaltugenden. Ihr Verhältnis zueinander

[152] Aber auf welche Weise aus den Bereichen, die das Sittlichgute konstituieren, die Pflichten abgeleitet werden, scheint hinreichend dargelegt worden zu sein. Aber unter dem, was sittlich gut ist, kann es oft zu einem Wettstreit und einem Vergleich kommen, welche von zwei Tugenden ehrbarer ist, ein Punkt, der von Panaitios übergangen worden ist. Denn weil die Sittlichkeit als ganzes vier Quellen entspringt, von denen die eine die Erkenntnis ist, die andere das Gemeinschaftsgefühl, die dritte die Hochherzigkeit, die vierte die Mäßigung, müssen diese bei der Wahl der Pflicht oft untereinander verglichen werden.

[153] Es scheint also richtig, dass diejenigen Pflichten, die aus dem Gemeinschaftsgefühl abgeleitet werden, der Natur angemessener sind als

diejenigen, die aus der Erkenntnis stammen. Und dieses kann durch folgenden Beweis bekräftigt werden, dass der Weise, auch wenn ihm ein solches Leben gefällt, dass er bei Überfluss an allen Mitteln alles, was der Erkenntnis würdig ist, mit höchster Muße bei sich bedenkt und betrachtet, dennoch aus dem Leben scheidet, wenn die Einsamkeit so groß ist, dass er keinen Menschen sehen kann. Und vorrangig vor allen Tugenden ist jene Weisheit, welche die Griechen sofía nennen (unter der Klugheit nämlich, welche die Griechen frónhsiv nennen, verstehen wir etwas ganz anderes, nämlich das Wissen um die Dinge, die zu erstreben und zu meiden sind), jene Weisheit aber, die ich als vorrangig bezeichnet habe, ist das Wissen um die göttlichen und menschlichen Güter, auf dem die Gemeinschaft der Götter und Menschen beruht und die Verbindung unter ihnen selbst; wenn dieses Wissen am bedeutendsten ist, wie es wirklich ist, so muss sicherlich diejenige Pflicht, die aus dem Gemeinschaftsgefühl abgeleitet wird, am höchsten sein. Denn Erkenntnis und geistige Betrachtung sind gewissermaßen bruchstückhaft und unvollständig, falls keine Verwirklichung durch die Tat folgen sollte. Diese Tat aber ist am besten erkennbar im Schutz menschlicher Interessen; sie hat also Bedeutung für die Gemeinschaft des Menschengeschlechtes; also ist sie der Erkenntnis vorzuziehen.

[154] Und in der Tat zeigen dieses gerade die Besten und urteilen danach. Denn wer ist so versessen auf die genaue Erkenntnis der Naturordnung, dass er, falls ihm, während er sich mit den der Erkenntnis würdigsten Gegenständen befasst und diese betrachtet, plötzlich die äußerste Gefährdung des Vaterlandes gemeldet worden ist, dem er zu Hilfe kommen und beistehen könnte, nicht all jenes zurückließe und hintanstellte, auch wenn er glaubte, die Sterne zählen oder die Größe des Kosmos abmessen zu können? Und dieses würde derselbe bei einem Vorteil oder einer Gefahr für seinen Vater und seinen Freund tun.

[155] Hierdurch lässt sich einsehen, dass dem pflichtgemä-ßen Bemühen um Erkenntnis die Pflichten der Gerechtigkeit vorzuziehen sind, die das Gemeinwohl der Menschen betreffen, das für den Menschen das Wichtigste sein muss. Und selbst jene, deren Bemühungen und ganzes Leben um die Erkenntnis der Dinge gekreist ist, haben sich dennoch damit beschäftigt, den Nutzen und das Interesse der Menschen zu mehren. Denn sie haben viele unterwiesen, damit sie um so bessere und nützlichere Bürger für die Staaten seien, wie der Pythagoreer Lysis den Thebaner Epaminondas, Platon den Syrakusaner Dion und viele andere ihrerseits wieder viele andere, und wir selbst haben uns, was auch immer wir dem Staat erwiesen haben, wenn wir ihm nur etwas erwiesen haben, dem Staatsdienst gewidmet, nachdem wir von Lehrern und in wissenschaftlicher Bildung unterwiesen und unterrichtet worden waren.

[156] Und nicht nur zu ihren Lebzeiten und persönlich unterrichten und lehren sie diejenigen, die dem Lernen zugetan sind, sondern dieses erreichen sie gleichfalls auch nach ihrem Tod durch ihre Lehrbücher. Denn kein Thema wurde von ihnen übergangen, soweit es sich auf die Gesetze, die Sitten und die Ordnung des Staates bezog, so dass sie ihre Freizeit in den Dienst unserer Tätigkeit gestellt zu haben scheinen. So verwenden eben jene, die sich dem Studium der Wissenschaft und der Weisheit gewidmet haben, ihre Einsicht und ihre Klugheit hauptsächlich zum Nutzen der Menschen; und aus diesem Grunde ist es besser, beredt öffentlich zu sprechen, wenn es nur auf kluge Weise geschieht, als noch so scharfsinnig ohne Beredsamkeit nachzudenken, weil das Denken auf sich selbst beschränkt bleibt, die Beredsamkeit aber diejenigen umfasst, mit denen wir zu einer Gemeinschaft verbunden sind.

[157] Und wie sich die Bienenschwärme zusammenscharen, nicht um Waben zu bilden, sondern weil sie von Natur aus gesellig sind, die Waben bilden, so

entfalten die Menschen, und dies sogar bei weitem mehr, nachdem sie sich von Natur aus zusammengeschlossen haben, ihre Begabung zum Handeln und Denken. Wenn daher die Tugend, die auf dem Schutz der Menschen beruht, d.h. auf dem Erhalt der menschlichen Gemeinschaft, nicht mit der Erkenntnis der Dinge in Beziehung tritt, dürfte die Erkenntnis auf sich allein bezogen und damit erfolglos erscheinen, und ebenso ist wohl die Tapferkeit ohne soziales Verantwortungsgefühl für die Mitmenschen eine Art von Rohheit und Unmenschlichkeit. So kommt es, dass die Vereinigung und die Gemeinschaft der Menschen einen höheren Rang einnehmen als das Streben nach Erkenntnis.

[158] Nicht wahr aber ist, was von einigen wegen der Lebensbedürfnisse gesagt wird, dass die Gemeinschaft und die Verbindung mit den Menschen deswegen ihren Anfang genommen habe, weil wir das, was die Natur vermissen lasse, ohne andere nicht erreichen und bewirken könnten; wenn uns aber alles, was zum Lebensunterhalt und zur Lebensgestaltung gehört, gleichsam mittels einer Wünschelrute, wie man sagt, reichlich zur Verfügung stünde, dann würden alle Hochbegabten ihre Tätigkeiten aufgeben und sich ganz auf die Erkenntnis und das Wissen verlegen. So ist es nicht. Denn er würde vor der Einsamkeit fliehen und einen Gefährten für das Studium suchen, dann würde er lehren, dann lernen, dann hören, dann reden wollen. Also ist jede Pflicht, die auf den Schutz der Vereinigung und Gemeinschaft von Menschen abzielt, jener Pflicht vorzuziehen, die auf Erkenntnis und Wissen beruht.

[159] Vielleicht ist danach zu fragen, ob diese Gemeinschaft, die der Natur besonders angemessen ist, auch der Mäßigung und der Besonnenheit immer vorzuziehen ist. Ich meine nicht; denn gewisse Handlungen sind teils so abscheulich, teils so verbrecherisch, dass der Weise sie nicht einmal um der Rettung des Vaterlandes willen verrichten wird. Posidonius hat sehr viele von

diesen gesammelt, aber einige so unmoralische, so unanständige, dass es schimpflich erscheint, sie auch nur zu nennen. Diese also wird der Weise nicht um des Staates willen verrichten, auch der Staat wird nicht wollen, dass sie für ihn verrichtet werden. Aber die Sachlage stellt sich dadurch leichter dar, dass keine solche Zeit eintreten kann, in der es für den Staat wichtig wäre, dass ein Weiser eine jener Handlungen ausführt.

[160] Deshalb dürfte es klar sein, dass bei der Auswahl der Pflichten der Bereich der Pflichten den Vorrang hat, die auf der menschlichen Gemeinschaft gegründet sind. [Denn der Erkenntnis und Klugheit wird eine überlegte Handlung folgen. Daraus folgt, dass besonnenes Handeln wertvoller ist als kluges Denken.] Dies mag so weit genügen. Denn der wesentliche Gesichtspunkt ist geklärt, so dass es nicht schwierig ist, bei der Untersuchung der Pflicht zu erkennen, welche Handlungsweise jeder einzelnen Pflicht vorzuziehen ist. In der Gemeinschaft selbst aber gibt es Abstufungen von Pflichten, aus denen erkannt werden kann, welche Handlungsweise besser als jede andere ist, so dass die ersten Pflichten den unsterblichen Göttern, die zweiten dem Vaterland, die dritten den Eltern, sodann stufenweise den Übrigen Pflichten geschuldet werden.

[161] An diesen kurzen Erörterungen kann erkannt werden, dass Menschen gewöhnlich nicht nur darüber nachdenken, ob etwas sittlich gut oder schändlich ist, sondern auch, wenn zwei sittlich gute Handlungsweisen vorliegen, welche von beiden besser ist. Dieser Punkt ist, wie ich oben gesagt habe, von Panaitios übergangen worden. Aber erörtern wir jetzt das Übrige.

Zweites Buch

1-8 Einleitung

[1] Wie sich die Pflichten von der Sittlichkeit herleiten, mein Sohn Marcus, und von jeder einzelnen Art der Tugend, ist, wie ich glaube, im voraufgehenden Buch hinreichend entfaltet worden. Im Folgenden unter- suche ich diejenigen Arten von Pflichten, die sich auf die Verfeinerung des Lebensstiles und die Verfügung über die Dinge beziehen, die Men- schen brauchen, auf Macht und Reichtum; hierbei wird, wie ich gesagt habe, untersucht, was nützlich, was unnütz ist, was aus dem Bereich des Nützlichen nützlicher oder am nützlichsten ist. Hierüber zu sprechen werde ich mich anschicken, wenn ich zuvor einiges über mein Vorhaben und meine Richtung gesagt habe.

[2] Obwohl nämlich nicht wenige unserer Bücher nicht nur zur Freude am Lesen, sondern auch zur Freude am Schreiben angespornt haben, fürchte ich dennoch bisweilen, dass einigen braven Leuten das Wort Philosophie verhasst ist und sie sich wundern, dass ich so viel Mühe und Zeit auf sie verwende. Ich aber richtete, solange der Staat durch diejenigen gelenkt wurde, denen er sich selbst anvertraut hatte, alle meine Bemühungen und Gedanken auf ihn. Als aber alles durch die Gewaltherrschaft eines Einzigen in Beschlag genommen wurde und es nirgends Raum für überle- gene Einsicht oder persönliches Ansehen gab, ich schließlich die bedeu- tendsten Männer als Verbündete für die Verteidigung des Staates verlo- ren hatte, gab ich mich weder den Ängsten hin, durch die ich aufgezehrt worden wäre, wenn ich ihnen nicht widerstanden hätte, noch umgekehrt den Vergnügungen, die eines gebildeten Menschen unwürdig sind.

[3] Und wäre doch der Staat in seiner anfänglichen Verfassung bestehen geblieben und nicht in die Hände von Menschen geraten, die nicht so sehr nach einer Reform als vielmehr nach einem Umsturz der Verhältnisse strebten! Als erstes nämlich würden wir, wie wir es zu tun pflegten, als die Republik noch bestand, mehr Mühe auf die Tätigkeit als Redner denn auf das Schreiben verwenden, sodann nicht das schriftlich aufzeichnen, was wir jetzt verschriftlichen, sondern unsere Vorträge, wie wir es oft getan haben. Als aber der Staat, auf den ich gewöhnlich meine ganze Sorge, mein Denken und meine Mühen richtete, überhaupt nicht mehr existierte, verstummte selbstverständlich jenes Wort auf dem Forum und im Senat.

[4] Weil ich aber etwas tun musste, glaubte ich, da ich mich vom Beginn meines Lebens an mit diesen Studien beschäftigt hatte, ich könne meine Verbitterung auf eine sehr ehrenhafte Weise los- werden, falls ich mich wieder der Philosophie zuwenden würde. Während ich ihr in meiner Jugend viel Zeit gewidmet hatte, um zu lernen, stand für die Philosophie, nachdem ich die Ämterlaufbahn einzuschlagen be- gonnen und mich ganz in den Dienst des Gemeinwesens gestellt hatte, so viel Raum zur Verfügung, wie von dem Zeitaufwand für Freunde und Senat übrig geblieben war. Diese Zeit wurde vollständig mit Lesen zugebracht; Muße für das Schreiben gab es nicht.

[5] Trotz der größten Übel also glauben wir des Guten so viel erreicht zu haben, dass wir das schriftlich aufzeichnen konnten, was unseren Leuten einerseits nicht hinreichend bekannt, andererseits aber in hohem Maße des Kennenlernens würdig war. Was nämlich ist, bei den Göttern, wünschenswerter als die Weisheit, was vortrefflicher, was besser für den Menschen, was eines Menschen würdiger? Diejenigen also, die diese erstreben, werden Philosophen genannt, und nichts anderes ist die Phi- losophie, wenn man das Wort übersetzen will, als das Streben nach Weisheit.

Die Weisheit aber ist, wie von den alten Philosophen definiert worden ist, das Wissen um die göttlichen und menschlichen Dinge und um die Ursachen, von denen diese Dinge abhängig sind; ich verstehe allerdings nicht recht, was nach Meinung desjenigen, der das Streben nach Weisheit tadelt, überhaupt noch lobenswert ist.

[6] Denn sei es, dass angenehme Zerstreuung gesucht wird und Erholung von Sorgen, wie kann dies mit den Bemühungen derer verglichen werden, die immer etwas erforschen, was auf ein gutes und glückliches Leben abzielt und für dieses bedeutsam ist? Sei es, dass das Denken auf Standhaftigkeit und Tugend gerichtet wird, so ist es entweder dieses methodische Vor- gehen oder überhaupt keines, durch das wir diese erfassen. Zu sagen, dass es für die höchsten Fragen kein methodisches Vorgehen gebe, wohl aber für die niedrigsten, zeugt von Menschen, die zu wenig besonnen reden und sich in den höchsten Fragen irren. Wenn es aber auch nur ir- gendeine Anleitung zur Tugend gibt, wo wird man diese dann suchen, sobald man sich von dieser Art des Lernens verabschiedet hat? Aber wenn wir zur Philosophie ermuntern, werden diese Fragen gewöhnlich sorgfältiger erörtert, was wir in einem ganz anderen Buch getan haben. Im gegenwärtigen Augenblick aber mussten wir nur darlegen, warum wir uns, des politischen Wirkungskreises beraubt, hauptsächlich dieser Be- schäftigung gewidmet hatten.

[7] Es wird uns aber, und zwar von gelehrten und gebildeten Menschen, mit der Frage entgegengetreten, ob wir konsequent genug zu handeln glaubten, da wir doch, obwohl wir der Meinung seien, dass nichts klar erfasst werden könne, dennoch andere Dinge zu erörtern gewohnt seien und zu eben diesem Zeitpunkt den Vorschriften über pflichtgemäßes Handeln bis ins Einzelne nachgingen. Wäre ihnen doch unsere Anschau- ung hinreichend bekannt! Wir sind nämlich nicht von der Art, dass wir ziellos umherirren und niemals

bestimmte Grundsätze besitzen. Denn wie wäre es um unsere Geisteshaltung oder vielmehr Lebensführung be- stellt, wenn nicht nur die Dialektik, sondern auch die Ethik aufgehoben würde? Wie die Übrigen sagen, das eine sei sicher, das andere unsicher, so meinen wir hingegen, indem wir diesen widersprechen, das eine sei wahrscheinlich, das andere gegenteilig.

[8] Was ist das also, was mich abhält, dem, was mir billigenswert erscheint, zu folgen, das Gegenteilige zu verwerfen und die Anmaßung, feste Behauptungen aufzustellen, meidend dem Vorwurf der Unbedachtsamkeit zu entgehen, die der Weisheit am meisten widerspricht. Gegen alles aber stellen die Unsrigen Er- örterungen an, weil eben dieses Wahrscheinliche nicht ans Licht treten könne, wenn nicht ein Streit der Standpunkte aus beiden Richtungen stattgefunden habe. Aber diese Themen sind in unseren Academica, wie ich glaube, sorgfältig genug dargestellt. Dass dir nämlich, mein Cicero, obwohl du dich mit der altehrwürdigsten und vortrefflichsten Philoso- phie unter der Anleitung des Cratippos beschäftigst, der denjenigen sehr ähnlich ist, die jene Lehre begründet haben, dennoch diese unsere Position, die eurer nahe steht, unbekannt ist, wollte ich nicht. Aber jetzt wollen wir unser Vorhaben beginnen.

Hauptteil: Das Nützliche und die daraus entstehenden Pflichten (9-87) 9-10 Das Sittlichgute ist zugleich das Nützliche

[9] Fünf Gesichtspunkte also waren für die genaue Untersuchung der Frage nach dem rechten Handeln festgelegt worden, von denen sich zwei auf die Schicklichkeit und das Sittliche beziehen, zwei auf die Annehmlichkeiten des Lebens, Reichtum, Einfluss und materielle Mittel, der fünfte auf das richtige Urteil bei der Wahl, wenn einmal die Punkte, die ich genannt habe, einander zu widersprechen scheinen; von diesen Prinzipien ist nun der Teil, der das Sittliche betrifft, erschöpfend behandelt, der dir sicher, wie ich es wünsche, sehr

bekannt ist. Unser jetziges Thema aber ist genau das, was das Nützliche genannt wird. In Bezug auf dieses Wort ist der Sprachgebrauch in die Irre gegangen, vom rechten Weg abgewichen und allmählich dahin geraten, dass er, das Sittliche vom Nutzen trennend, die Behauptung aufstellte, sittlich sei etwas, was nicht nützlich, und nützlich, was nicht sittlich sei, das größte Verderben, das dem Leben der Menschen beigebracht werden konnte.

[10] Mit höchster Autorität trennen die Philosophen theoretisch im strengen Wortsinn des Sittlichen diese drei untereinander verschmolzenen Bereiche. Denn alles Rechtmäßige ist meiner Meinung nach auch nützlich und ebenso das Sittliche zugleich rechtmäßig, woraus sich ergibt, dass alles, was sittlich, zugleich nützlich ist. Diejenigen, die diese Wahrheit zu wenig durchschauen, halten, weil sie oft verschlagene und geriebene Menschen bewundern, Arglist für Weisheit. Diesen Leuten muss man ihren Irrtum nehmen, und diesen allgemeinen Wahn gilt es in die Hoffnung umzuwandeln, sie möchten erkennen, dass sie das, was sie wollen, durch ehrenhafte Pläne und rechtmäßige Taten erreichen können, nicht durch Betrug und Arglist.

11-16 Am meisten Nutzen zieht der Mensch vom Menschen

[11] Was also die Erhaltung des Lebens der Menschen betrifft, so gibt es teils Lebloses, wie z.B. Gold, Silber, wie das, was aus der Erde hervorgebracht wird, wie anderes derselben Art, teils Belebtes, das seine eigenen Triebe und Strebungen hat. Von dem Belebten aber ist das eine ohne Vernunft, das andere gebraucht die Vernunft. Ohne Vernunft sind die Pferde, die Rinder, das übrige Kleinvieh und die Bienen, durch deren Dienstleistung etwas bewirkt wird zum Nutzen und für das Leben der Menschen. Von den Wesen aber, welche die Vernunft gebrauchen, nehmen sie zwei Arten an; die eine Art sind die Götter, die andere die Menschen. Frömmigkeit und unsträflicher Lebenswandel

werden die Götter gnädig stimmen; unmittelbar nach den Göttern aber können die Menschen den Menschen am nützlichsten sein.

[12] Und ebenso gibt es hinsichtlich der Dinge, die schaden und hinderlich sind, dieselbe Einteilung. Aber weil sie nicht glauben, dass die Götter schaden, sehen sie von diesen ab und glauben, dass die Menschen den Menschen den größten Schaden zufügen. Denn genau die Dinge, die wir die leblosen genannt haben, sind zum größten Teil durch die Tätigkeit der Menschen bewirkt worden; diese besäßen wir nicht, wenn nicht Menschenhand und Technik hinzugekommen wären, und auch würden wir sie nicht ohne das Zutun der Menschen gebrauchen. Denn weder die Sorge um die Gesundheit noch die Schifffahrt, weder der Ackerbau noch die Ernte und die Aufbewahrung der Feldfrüchte samt der übrigen Früchte wären ohne die Tätigkeit von Menschen überhaupt möglich gewesen.

[13] Sogar die Ausfuhr derjenigen Güter, die wir im Überfluss haben, und die Einfuhr solcher, die wir entbehren, gäbe es überhaupt nicht, wenn Menschen nicht diese Aufgaben ausführten. Aus demselben Grund würden weder Steine aus der Erde herausgebrochen, die für unseren Bedarf notwendig sind, noch Eisen, Erz, Gold und Silber, tief im Schoß der Erde geborgen, ohne Arbeit von Menschenhand ausgegraben. Häuser vollends, um durch sie die Macht der Kälte und die Belästigungen durch Hitze zu mildern - von wem hätten sie am Anfang dem Menschengeschlecht gegeben werden oder wodurch hät- ten sie später helfen können, falls sie durch die Gewalt eines Unwet- ters, durch ein Erdbeben oder infolge ihres Alters eingestürzt wären, wenn nicht die Lebensgemeinschaft es gelernt hätte, von den übrigen Menschen Hilfe gegen solche Unfälle zu erbitten?

[14] Dazu kommen noch Wasserleitungen, Ableitungen von Flüssen, Bewässerungen von Fel- dern, Dämme gegen Überflutung, künstliche Hafenanlagen: Woher könnten wir dies alles ohne menschliche Arbeit haben? Aus diesem und vielem anderem wird klar, dass wir den Gewinn und den Nutzen, der aus dem, was leblos ist, gezogen wird, in keiner Weise ohne die Tätigkeit menschlicher Hände hätten haben können. Welchen Gewinn schließlich oder welcher Vorteil könnte aus den Tieren gezogen werden, wenn nicht Menschen ihre Dienste leisteten? Denn diejenigen, die zuerst darauf kamen, welchen Nutzen wir von jedem einzelnen Tier haben können, sind sicherlich Menschen gewesen, und auch heutzutage könnten wir diese ohne menschliche Tätigkeit weder zähmen noch weiden noch schützen und keine Vorteile zur rechten Zeit aus ihnen ziehen; und von denselben Menschen werden die Tiere, die schaden, getötet und die, welche nützlich sein können, gefangen.

[15] Wozu soll ich die Vielzahl der Künste aufzählen, ohne die das Leben überhaupt keines hätte sein können? Auf welche Weise nämlich würde man den Kranken Beistand leisten, welchen Genuss gäbe es für die Gesunden, welche Nahrung und Kleidung, wenn uns nicht so viele Künste die Dinge verschafften, durch die sich das verfeinerte Leben der Menschen so sehr von der Lebensweise und Lebensart der Tiere unterscheidet. Die Städte aber hätten ohne die Zusammenkunft der Menschen weder erbaut noch bevölkert werden können, wodurch sich Gesetze und Sitten, alsdann eine gerechte Verteilung der Rechte und eine bestimmte Ordnung der Lebensführung konstituierten; hierauf folgten Milde des Charakters und Gefühl für Anstand, und es wurde erreicht, dass das Leben gesicherter war und wir durch Geben und Nehmen sowie durch wechselseitigen Austausch von Möglichkeiten und Vorteilen nichts zu entbehren brauchten.

[16] An dieser Stelle sind wir ausführlicher, als es notwendig ist. Denn wen gibt es, dem jenes nicht klar ist, was mit mehreren Worten von Panaitios erwähnt wird, dass niemand weder als Feldherr noch als Politiker große und heilbringende Taten ohne eifrige Beteiligung der Mitbürger hätte ausführen können. Angeführt werden von ihm Themistokles, Perikles, Kyrus, Agesilaus und Alexander, die, wie er sagt, ohne Hilfe durch Menschen so bedeutende Dinge nicht hätten bewirken können. Er bedient sich bei einem nicht ungewissen Sachverhalt nicht notwendiger Zeugen. Und wie wir großen Nutzen mittels Einigkeit und Übereinstimmungen von Menschen erlangen, so gibt es kein auch noch so abscheuliches Unheil, das nicht einem Menschen durch einen anderen erwächst. Es gibt über den Untergang von Menschen ein Buch des Dikaiarchos, eines berühmten und beredten Peripatetikers, der, nachdem er sonstige Ursachen hierfür gesammelt hat, nämlich Überschwemmung, Pest, Verödung und auch wilde Tiere, die plötzlich überhand nehmen, durch deren Angriff, wie er lehrt, einige Menschengeschlechter vernichtet worden seien, sodann vergleichend feststellt, wie viel mehr Menschen durch den Angriff von Menschen ausgelöscht worden sind, d.h. durch Kriege oder Aufstände, als durch jede übrige Katastrophe.

17-20 Die Tugend muss alle zusammenschließen

[17] Weil also dieser Punkt keinen Zweifel zulässt, dass die Menschen den Menschen am meisten nützen und schaden, halte ich es für eine wesentliche Aufgabe der Tugend, Menschen zu verbinden und ihren Zwecken dienstbar zu machen. Daher wird das, was bei Leblosem und bei der Verwendung sowie Behandlung von Tieren in nützlicher Weise für das Leben der Menschen geschieht, dem Handwerk zugeschrieben; der Eifer der Menschen aber, welcher dazu bereit und entschlossen ist, unser Glück zu vermehren, wird durch die Weisheit und Tugend vortrefflicher Männer geweckt.

[18] Denn die Tugend beruht in Gänze auf ungefähr drei Bereichen, von denen der erste in der Erkenntnis dessen besteht, was in jeder Sache wahr und unverfälscht ist, was mit ihr vereinbar, was folgerichtig ist, woraus alles entsteht, welches der Grund einer jeden Sache ist; der zweite Bereich zielt darauf ab, unkontrollierte Gemütsbewegungen, welche die Griechen páqh nennen, zu zügeln und die Triebe, welche jene o™rmaí nennen, der Vernunft zu unterwerfen; der dritte Bereich beruht darauf, diejenigen, mit denen wir Umgang haben, besonnen und einsichtsvoll zu behandeln, damit wir durch ihre Geneigtheit unsere natürlichen Bedürfnisse völlig befriedigen, durch dieselben, falls uns ein Unglück zugefügt wird, diejenigen abwehren und uns an denen rächen, die versucht haben, uns zu schaden, und sie mit einer solchen Strafe belegen, wie Billigkeit und Humanität es zulassen.

[19] Mit welchen Mitteln wir aber diese Fähigkeit erwerben können, dass wir die Zuneigung der Menschen gewinnen und festhalten, werden wir sagen, und zwar nicht so viel später, aber weniges ist noch vorauszuschicken. Dass dem Glück in doppelter Hinsicht eine große Bedeutung zukommt, bezüglich des Wohls und Wehe der Menschen, wer weiß das nicht? Denn wenn wir uns seines günstigen Wehens erfreuen, kommen wir zu den gewünschten Zielen, und wenn das Glück entgegenweht, scheitern wir. Dieses Glück selbst also bringt sonstige ziemlich seltene Wechselfälle mit sich, erstens infolge elementarer Ereignisse Stürme, Unwetter, Schiffbrüche, Stürze, Brände, zweitens durch Tiere verursachte Stöße, Bisse, Angriffe. Diese Vorkommnisse sind, wie ich gesagt habe, seltener.

[20] Aber der Untergang von Heeren, wie jüngst von dreien, oft von vielen, die Niederlagen von Feldherrn, wie neulich die eines sehr hochstehenden und einzigartigen Mannes, außerdem Hassausbrüche der Menge und deswegen Vertreibungen von Bürgern, die sich oft verdient gemacht haben,

Verurteilungen und freiwillige Flucht, andererseits glückliche Verhältnisse, Ehren, Befehlsgewalten und Siege - sie alle können, obwohl sie in der Hand des Glücks liegen, dennoch in keinerlei Hinsicht ohne Einfluss und Mitwirkung von Menschen herbeigeführt werden. Nachdem dieses also erkannt ist, muss gesagt werden, auf welche Weise wir die Zuneigung der Menschen zu unserem Nutzen gewinnen und wecken können. Wenn diese Rede allzu lang ist, könnte sie mit der Größe ihres Nutzens verglichen werden; so wird sie vielleicht sogar zu kurz erscheinen.

21-85 Motive der Menschen, anderen zu nützen 21 Überblick

[21] Alles also, was die Menschen dem Menschen zukommen lassen, um ihn zu fördern und zu ehren, tun sie entweder aus persönlichem Wohlwollen, wenn sie aus irgendeinem Grunde jemanden lieben, oder aus Hochachtung, falls sie zu jemandes Tugend aufblicken und glauben, er verdiene eine möglichst angesehene Stellung, falls sie jemandem Vertrauen schenken und meinen, er sorge gut für ihre Belange, falls sie jemandes Macht fürchten oder, im Gegenteil, von irgendwelchen etwas erwarten, z.B. wenn Könige oder Demokraten irgendwelche Spenden in Aussicht stellen, oder sie lassen sich schließlich von Geld und Lohn leiten, was gewiss der schmutzigste Beweggrund ist und äußerst schändlich für diejenigen, die sich dadurch fangen lassen, und für jene, die sich hierin zu flüchten versuchen.

22-30 Liebe und Furcht

[22] Denn es steht schlecht, wenn das, was durch Tugend bewirkt wer- den müsste, mit Geld probiert wird, aber da manchmal diese Stütze not- wendig ist, werden wir sagen, wie sie zu gebrauchen ist, wenn wir zu- vor über das gesprochen haben, was der Tugend näher liegt. Und die Menschen

unterwerfen sich sogar dem Befehl und der Macht eines anderen aus mehreren Gründen. Sie lassen sich nämlich durch Wohlwollen leiten oder durch die Größe der Verdienste, durch eine vortreffliche Würdenstellung oder durch die Hoffnung, dieses werde für sie nützlich sein, sowie die Furcht, sie könnten gewaltsam zum Gehorsam gezwungen werden; oder sie lassen sich von der Hoffnung auf eine Spende und von Versprechen vereinnahmen oder schließlich, wie wir es oft in unserem Staat sehen, durch Geld dingen.

[23] Von allen Mitteln aber ist keines geeigneter zur Sicherung und Behauptung der Macht als geliebt zu werden und keines unangebrachter als gefürchtet zu werden. Vortrefflich nämlich sagt Ennius: ”Wen sie fürchten, hassen sie; jeder trachtet danach, dass derjenige, den er hasst, auch zugrunde geht.“ Dass aber dem Hass vieler keine Macht zu widerstehen vermag, hat man, falls es zuvor unbekannt gewesen ist, neulich erfahren. Aber nicht nur der Untergang dieses Tyrannen, den die mit Waffen unterdrückte Bürgerschaft ertragen musste und dem sie jetzt mehr denn je nach seinem Tod gehorcht, zeigt, wie sehr der Hass der Mitmenschen ins Verderben führt, sondern auch ähnliche Schicksale der übrigen Tyrannen, von denen fast niemand einem solchen Ende entgangen ist. Denn die Furcht ist auf Dauer ein schlechter Wächter, und dagegen kann man sich auf Wohlwollen fest verlassen, sogar für immer.

[24] Aber gegen diejenigen, die über gewaltsam unterdrückte Menschen herrschen, mag mit Grausamkeit vorzugehen sein, wie z.B. gegen die, welche über Sklaven gebieten, wenn sie anders nicht in Zucht gehalten werden können; hingegen kann nichts törichter sein als diejenigen, die sich in einem freien Staat so ausrüsten, dass sie gefürchtet werden. Denn wie sehr auch die Gesetze durch irgendjemandes Macht verschüttet sind, wie sehr auch die Freiheit eingeschüchtert ist: dennoch treten diese Mächte bisweilen zutage entweder durch stillschweigende Verurteilungen oder in geheimen

Abstimmungen über die Ehre. Die Angriffe unterdrückter Freiheit aber sind heftiger als die bewahrter Freiheit. Was also weiteste Geltung besitzt und nicht nur für die persönliche Sicherheit, sondern auch für Macht und Gewalt von größter Bedeutung ist, das wollen wir festhalten, damit die Furcht vor uns fern ist, die Liebe zu uns erhalten bleibt. So werden wir sehr leicht das erreichen, was wir im privaten Bereich und in der Politik wünschen. Denn es ist notwendig, dass diejenigen, die gefürchtet werden wollen, ihrerseits selbst eben die fürchten, von denen sie gefürchtet werden.

[25] Was denn? Von welcher qualvollen Furcht wurde, wie wir glauben müssen, jener bekannte Dionysius der Ältere fortwährend gequält, der sich aus Angst vor Rasiermessern mit glühender Kohle den Bart absengte? Ferner, in welchem Bewusstsein hat nach unserer Meinung Alexander aus Pherai gelebt? Obwohl dieser seine Frau Thebe sehr liebte, befahl er dennoch - wie wir in einer Darstellung lesen -, wenn er zu ihr vom Mahl ins Schlafgemach kam, einem Barbaren, und zwar einem, der, wie geschrieben steht, mit thrakischen Zeichen tätowiert war, mit gezogenem Schwert vorauszugehen, und er schickte von seinen Begleitern einige vorweg, welche die Schatullen seiner Frau durchsuchen und ermitteln sollten, dass nicht eine Waffe in ihrer Kleidung versteckt wäre. Welch unglücklicher Mensch, da er glaubte, ein Barbar und Tätowierter sei zuverlässiger als die Ehefrau. Er täuschte sich nicht; denn von ihr selbst wurde er wegen des Verdachts auf Umgang mit einer Nebenfrau getötet. Und tatsächlich ist keine Befehlsgewalt so stark, dass sie, sobald Furcht sie bedrängt, langdauernd sein könnte.

[26] Ein Zeuge ist Phalaris, dessen Grausamkeit mehr als die übrigen berühmt wurde, der nicht aufgrund eines Hinterhalts umgekommen ist, wie derjenige, den ich soeben genannt habe, Alexander, nicht von wenigen getötet wurde, wie der Unsrige hier, sondern auf den die gesamte Menge der Agrigentiner

einen Angriff machte. Ferner, haben nicht die Makedonen Demetrius verlassen und sich alle auf Pyrrhus‘ Seite geschlagen? Ferner, haben nicht plötzlich fast alle Verbündeten die ungerecht herrschenden Lakedaimonier im Stich gelassen und sich als müßige Zuschauer der Niederlage bei Leuktra erwiesen? An Beispiele des Auslandes erinnere ich mich lieber in einem solchen Zusammenhang als an solche aus Rom. Aber so viel muss ich doch sagen:

Solange die Herrschaft des römischen Volkes auf Wohltaten beruhte und nicht auf Unrecht, solange Kriege entweder zum Schutz der Bundesgenossen oder zur Sicherung des Reiches geführt wurden, waren die Ergebnisse der Kriege entweder erträglich oder unvermeidbar, war der Senat Schutz und Zufluchtsort für Könige, Völker und Stämme, bemühten sich weiter unsere Magistrate und Feldherrn, nur wegen dieser einen Tat Lob zu empfangen, wenn sie Provinzen, wenn sie Verbündete gerecht und gewissenhaft verteidigt hatten.

[27] Daher konnte jenes richtiger Schutzherrschaft des Erdkreises genannt werden als Oberherrschaft. Allmählich ließen wir schon früher diese Gewohnheit und Selbstzucht verfallen, nach dem Sieg Sullas aber haben wir sie völlig aufgegeben; denn nicht länger hatte man den Eindruck, etwas sei ungerecht gegenüber den Bundesgenossen, nachdem eine so große Grausamkeit gegen Mitbürger hervorgetreten war. Also folgte, was jenen betrifft, einer gerechten Sache eine nicht ehrenhafte Nutzung des Sieges. Denn er erdreistete sich bei der öffentlichen Versteigerung zu sagen, als er auf dem Forum die Vermögen guter und wohlhabender Männer und gewiss auch Bürger verkaufte, er verkaufe seine Kriegsbeute. Es folgte jemand, der in einer ungerechten Sache, bei einem noch ehrloseren Sieg, nicht das Vermögen einzelner Bürger beschlag- nahmte, sondern ganze Provinzen und Gebiete in den gleichen jammer- vollen Zustand versetzte.

[28] Daher sahen wir, nachdem ausländische Völker misshandelt und zugrunde gerichtet worden waren, dass als Beispiel für den Verlust des Reiches ein Bild von Massilia im Triumph einhergetragen und über die Stadt triumphiert wurde, ohne die unsere Feldherrn niemals in den Kriegen jenseits der Alpen einen Triumph fei- erten. Viele Verbrechen gegen die Bundesgenossen würde ich außerdem erwähnen, wenn die Sonne etwas Unwürdigeres als dieses eine gesehen hätte. Zu Recht also büßen wir. Denn wenn wir die Verbrechen vieler nicht straflos hätten hingehen lassen, wäre niemals eine solche Will- kürherrschaft zu einem einzigen gelangt, von dem das Erbe seines Ver- mögens auf wenige übergegangen ist, das Erbe seiner Begierden aber auf viele Ruchlose.

[29] Niemals aber werden die Ursache und der Grund für Bürgerkriege abhanden gekommen sein, solange sich ruchlose Menschen an jene blutige Lanze erinnern und auf sie hoffen werden; nachdem P. Sulla diese unter der Diktatur seines Verwandten geschwungen hatte, entfernte sich derselbe sechsunddreißig Jahre später nicht von einer noch ver- ruchteren Lanze; ein anderer Sulla aber, der in jener Diktatur Schreiber gewesen war, war in dieser städtischer Quaestor. Hieraus ist zu ersehen, dass Bürgerkriege, solange solche Belohnungen in Aussicht stehen, niemals fehlen werden. Und so bleiben nur noch die Mauern der Stadt bestehen - und sogar diese fürchten schlimmste Verbrechen - die republikanische Verfassung aber haben wir völlig verloren. Und in diese Katastrophen geraten wir - wir müssen nämlich zum Thema zurückkehren -, solange wir lieber gefürchtet werden wollen als geschätzt und geliebt. Wenn dieses dem römischen Volk, als es ungerecht herrschte, widerfahren konnte, womit müssen dann die Einzelnen rechnen? Da also klar ist, dass der Einfluss des Wohlwollens groß, der der Furcht schwach ist, folgt

daraus, dass wir erörtern, mit welchen Mitteln wir sehr leicht die gewünschte Liebe erlangen, die sich auf Ehre und Vertrauen gründet.

[30] Aber dieser bedürfen nicht alle in gleicher Weise; denn nach der Lebensgestaltung eines jeden hat es sich zu richten, ob es nötig ist, von vielen, oder ob es ausreicht, von wenigen geliebt zu werden. Dieses also dürfte sicher sein und dies das Erste und Notwendigste, zuverlässige Freundschaften mit Freunden zu haben, die uns lieben und unsere Vorzü- ge anerkennen. Denn dieses ist geradezu der einzige Punkt, der wenig Unterschied lässt zwischen Männern aus dem höchsten und dem mitt- leren Stand, und hierum müssen sich beide fast in gleicher Weise bemühen.

[31] Ehre, Ruhm und Wohlwollen von Mitbürgern brauchen viel- leicht nicht alle gleichermaßen, aber dennoch helfen sie beträchtlich, falls sie jemandem zur Verfügung stehen, um sich das Übrige sowie Freundschaften zu erwerben.

31-51 Vertrauen und Ruhm 31-34 Gerechtigkeit erweckt Vertrauen

Aber über die Freundschaft wurde in einem anderen Buch gesprochen, das mit ’Laelius‘ betitelt ist; nun wollen wir über den Ruhm sprechen, obwohl es auch hierüber zwei Bücher von uns gibt, aber wir wollen uns mit dem Ruhm befassen, da er ja bei höheren Aufgaben sehr viel Hilfe leistet. Also beruht der höchste und vollkommene Ruhm auf folgenden drei Vorbedingungen: falls die Menge liebt, falls sie Zutrauen hat, falls sie mit einer gewissen Bewunderung glaubt, dass wir Ehre verdienen. Aber diese Dinge verschafft man sich bei der Menge, wenn man offen und knapp sprechen soll, mit fast denselben Mitteln wie bei den Einzelnen. Aber es gibt auch gleichsam einen anderen Zugang zur Menge, damit wir in die Herzen aller sozusagen hineinströmen können.

[32] Zuerst wollen wir von jenen drei Vorbedingungen, die ich zuvor genannt habe, die Regeln bedenken, die das Wohlwollen betreffen; dieses Wohlwollen wird zwar besonders durch Wohltaten erworben, an zweiter Stelle aber schon durch den guten Willen zum Wohltun hervorgerufen, auch wenn die Geldmittel vielleicht nicht ausreichen; heftig aber wird die Liebe der Menge schon durch den Ruf und den Glauben geweckt, man sei freigebig, wohltätig, gerecht und treu und verfüge über all die Tugenden, die zu einem sanftmütigen und umgänglichen Charakter gehören. Denn weil jenes selbst, das, wie wir sagen, ehrenhaft und geziemend sei, uns an sich schon gefällt, durch seine natürliche Schönheit alle beeindruckt und besonders aus den Tugenden gleichsam hervorstrahlt, die ich erwähnt habe, deswegen werden wir von der Natur selbst gezwungen, jene zu lieben, die nach unserer Meinung diese Tugenden besitzen. Und dieses sind die gewichtigsten Gründe zu lieben; außerdem nämlich kann es einige unbedeutendere geben.

[33] Dass aber Vertrauen geschenkt wird, kann durch zwei Weisen bewirkt werden, wenn man glauben wird, dass wir Klugheit verbunden mit Gerechtigkeit erlangt haben. Denn wir schenken denjenigen Vertrauen, die, wie wir glauben, klüger sind als wir und die nach unserer Ansicht die Zukunft vorhersehen und, wenn es zu handeln gilt und man sich entscheiden muss, eine Sache durchführen sowie einen Plan nach Lage der Umstände fassen können; denn dieses halten Menschen für eine nützliche und wahre Klugheit. Gerechten Menschen aber, d.h. guten Männern, wird unter der Bedingung Vertrauen geschenkt, dass es bei ihnen keinen Verdacht auf Täuschung und Unrecht gibt. Daher glauben wir, dass diesen unser Wohl, diesen unser Glück, diesen unsere Kinder mit vollem Recht anvertraut werden.

[34] Von diesen zwei Tugenden also vermag die Gerechtigkeit mehr für den Erwerb des Vertrauens, da diese auch ohne Klugheit über genug Ansehen

verfügt; Klugheit ohne Gerechtigkeit vermag nichts für den Erwerb des Vertrauens. Denn je schlauer und gewandter jemand ist, um so verhasster und verdächtiger ist er, wenn er den guten Ruf der Rechtschaffenheit verloren hat. Deswegen wird Gerechtigkeit verbunden mit Einsicht unbegrenzte Mittel haben, um Vertrauen zu erwerben, Gerechtigkeit ohne Klugheit wird viel vermögen, Klugheit ohne Gerechtigkeit hingegen nichts.

35-38 Der Gerechte erwirbt Ruhm

[35] Aber damit sich niemand wundert, warum ich, obwohl es unter allen Philosophen bekannt ist und von mir selbst oft erörtert worden ist, dass derjenige, der eine Tugend besitzt, alle hat, nun so trenne, als ob jemand gerecht sein kann, der nicht zugleich klug ist: Etwas anderes ist jene Genauigkeit, wenn die Wahrheit an sich in einer Disputation untersucht wird, wieder etwas anderes ist es, wenn die Rede ganz der allgemeinen Vorstellung angepasst wird. Deswegen wollen wir wie das Volk an dieser Stelle so sprechen, dass wir sagen, die einen seien tapfere, die anderen gute Männer, wieder andere kluge. Denn mit allgemein verbreiteten und gewöhnlichen Worten muss man zu Werke gehen, wenn wir über die allgemeine Vorstellung sprechen, und dieses tat Panaetius in derselben Weise. Aber wir wollen zum Thema zurückkehren.

[36] Also bestand von den drei Punkten, die nach unserer Ansicht den Ruhm betreffen, dieser dritte darin, dass die Leute uns bewundern und wir deshalb als der Ehre würdig erachtet wurden. Jene bewundern also im Allgemeinen alles, was sie als bedeutend und ihre Erwartung übertreffend wahrgenommen haben, hingegen im Besonderen, wenn sie bei Einzelnen ganz unvermutete Vorzüge erkennen. Daher verehren sie die- jenigen Männer und preisen sie mit dem größten Lob, bei denen sie, wie sie meinen, ganz herausragende und

einzigartige Tugenden erkennen; sie schauen aber auf diejenigen herab und verachten sie, bei denen es, wie sie glauben, keine Tugend, keinen Mut, keine Energie gibt. Denn sie ver- achten nicht all die, von denen sie eine schlechte Meinung haben. Denn diejenigen, die sie für schlecht, verleumderisch und arglistig halten und für geeignet, Unrecht zu begehen, verachten sie zwar keineswegs, aber sie haben von ihnen eine schlechte Meinung. Deswegen werden, wie ich zuvor gesagt habe, diejenigen verachtet, die ’weder für sich noch für andere‘ (etwas taugen), wie es heißt, bei denen es keine Anstrengung, keinen Fleiß, keine Sorgfalt gibt.

[37] Es werden aber diejenigen bewundert, die, wie man glaubt, die Übrigen an Tugend übertreffen und frei von jeder Schande sind, besonders aber von den Lastern, denen andere kaum widerstehen können. Denn die Freuden, die schmeichlerischsten Gebieterinnen, bringen den größten Teil der Menschen von der Tugend ab, und die Meisten lassen sich, wenn sich brennende Schmerzen nähern, übermäßig erschrecken; Leben, Tod, Reichtum und Armut beeindrucken alle Menschen aufs Ärgste. Diejenigen, die diese Dinge weder fürchtend noch begehrend mit einer erhabenen und hohen Gesinnung verachten und die sich, wenn sich ihnen irgendetwas Bedeutendes und Ehrenhaftes bietet, diesem ganz zuwenden und mitreißen lassen: Wer sollte da nicht den Glanz und die Schönheit der Tugend bewundern?

[38] Also erregt diese Verachtung große Bewunderung, und besonders die Gerechtigkeit, welches hauptsächlich die Tugend ist, nach der Männer als gut bezeichnet werden, scheint der Menge ganz wunderbar zu sein, und nicht zu Unrecht. Niemand nämlich kann gerecht sein, der den Tod, der den Schmerz, der das Exil, der bittere Armut fürchtet oder der das, was diesem entgegengesetzt ist, der Gerechtigkeit vorzieht. Und besonders bewundern sie denjenigen, der sich nicht durch Geld beeinflussen lässt; der Mann, bei dem

diese Eigenschaft erkennbar ist, hat nach ihrer Meinung die Feuerprobe bestanden. Daher vollendet die Gerechtigkeit jene drei Vorbedingungen für das Erwerben von Ruhm zur Gänze, erstens das Wohlwollen, weil sie, die Gerechtigkeit, den meisten nützen will, zweitens aus demselben Grund das Vertrauen und drittens die Bewunderung, weil sie das verachtet und vernachlässigt, zu dem die meisten sich begierig hinreißen lassen.

39-43 Gerechtigkeit braucht sogar der Einsame, besonders aber ein Staat

[39] Meiner Meinung nach verlangt jede Weise und Einrichtung des Lebens die Hilfe von Menschen, und zwar in erster Linie zu dem Zweck, dass der Mensch welche hat, mit denen er vertrauliche Gespräche führen kann; dieses ist schwierig, wenn man nicht den Eindruck eines anständigen Menschen macht. Also ist sogar für einen alleinstehenden Menschen und für jemanden, der sein Leben auf dem Land verbringt, der Ruf, ein gerechter Mann zu sein, notwendig, und zwar um so mehr, weil sie, falls sie die Gerechtigkeit nicht haben werden, durch keinen Beistand geschützt sind und vielerlei Unrecht erleiden werden.

[40] Und selbst für diejenigen, die verkaufen, kaufen, mieten, verpachten und sich auf den Abschluss von Geschäften einlassen, ist für ihre Zwecke die Gerechtigkeit notwendig, deren Macht so groß ist, dass nicht einmal jene, die an Übeltaten und Verbrechen ihre Freude haben, ohne ein Quäntchen Gerechtigkeit zu leben vermögen. Denn derjenige, der irgendeinem von denen, die gemeinsam mit ihm Räuberei treiben, etwas entwendet oder entreißt, kann für sich keinen Platz in der Räuberbande behaupten, jener aber, der Seeräuberführer genannt wird, dürfte, wenn er die Beute nicht gleichmäßig verteilt, entweder von seinen Kameraden getötet oder verlassen werden. Ja sogar unter Räubern soll es Gesetze geben, denen sie gehorchen, die sie beachten. Daher hatte wegen gerechter Verteilung der Beute Bardulis, ein

illyrischer Räuber, über den bei Theopompos berich- tet ist, großen Reichtum und noch viel größeren Viriatus aus Lusitanien, dem sogar unsere Heere und Feldherrn nachgegeben haben, den C. Laelius, er, welcher ’der Weise‘ genannt wird, als Praetor demütigte und schwächte und dessen Übermut er so hemmte, dass dieser mühelos den anderen den Krieg überließ. Da also die Kraft der Gerechtigkeit so groß ist, dass diese sogar die Macht von Räubern stärkt und vermehrt, wie groß wird dann erst nach unserer Überzeugung ihr Einfluss unter Gesetzen und Gerichten und in einem ordentlichen Staatswesen sein?

[41] Mir jedenfalls scheinen nicht nur bei den Medern, wie Herodot sagt, sondern auch bei unseren Vorfahren, um die Vorteile der Gerechtigkeit zu genießen, einst wohlgesittete Könige eingesetzt worden zu sein. Denn als in ruhiger Zeit die Menge von denen bedrängt wurde, die größere Macht hatten, nahmen sie ihre Zuflucht bei einem Einzigen, der sich durch Tüchtigkeit auszeichnete und, indem er die Geringeren vor Unrecht schützte, durch Herstellung der Rechtsgleichheit die Höchsten und die Niedrigsten unter das gleiche Recht stellte. Der Grund für die Einführung der Gesetze war derselbe wie der für die Einsetzung der Könige.

[42] Das Recht ist nämlich immer als etwas gesucht worden, das für alle gleich ist; denn anders wäre es kein Recht. Wenn die Menschen dieses von einem einzigen gerechten und guten Mann erlangten, waren sie damit zufrieden; als dieses weniger gelang, wurden Gesetze gefunden, die mit allen immer mit ein und derselben Stimme sprachen. Also ist dieses klar, dass für die Herrschaft diejenigen gewöhnlich ausgewählt wurden, über deren Gerechtigkeit die Menge eine hohe Meinung hatte. Kam nun noch hinzu, dass dieselben auch für klug gehalten wurden, gab es nichts, was die Menschen auf deren Rat hin für unerreichbar hielten. Also ist die Gerechtigkeit auf jede Weise zu pflegen und zu bewahren sowohl um ihrer selbst willen - denn anders gäbe es keine

Gerechtigkeit - als auch besonders wegen der Vermehrung von Ehre und Ruhm. Aber wie es eine Methode gibt, nicht nur Geld zu erwerben, sondern auch anzulegen, damit es für die laufenden Ausgaben ausreicht, nicht nur für die notwendigen, sondern auch für die standesgemäßen, so muss der Ruhm mit Methode gesucht und bewahrt werden.

[43] Allerdings sagte Sokrates vortrefflich, dass dies der nächste und gleichsam abgekürzte Weg zum Ruhm sei, wenn jemand darauf bedacht sei, derjenige zu sein, für den er gehalten werden möchte. Wenn also manche Leute glauben, sie könnten durch Heuchelei, leere Zurschaustellung und durch eine nicht nur heuchlerische Redeweise, sondern auch durch einen eben solchen Gesichtsausdruck dauerhaften Ruhm erlangen, irren sie gewaltig. Wahrer Ruhm schlägt Wurzeln und pflanzt sich sogar fort, alles Erlogene vergeht wie die Blüten, und nichts Erheucheltes kann ewig bestehen. Zeugen gibt es sehr viele für beide Richtungen, aber um der Kürze willen werden wir mit einer einzigen Familie zufrieden sein. Tiberius Gracchus nämlich, den Sohn des Publius, wird man so lange loben, wie die Erinnerung an die römische Geschichte Bestand haben wird, aber dessen Söhne machten sich zu ihren Lebzeiten bei den Rechtschaffenen nicht beliebt und gelten nach ihrem Tod als zu Recht ermordet. Wer also wah- ren Ruhm erlangen will, soll die Pflichten der Gerechtigkeit verrichten. Welches diese sind, ist im voraufgegangenen Buch gesagt worden.

44-47 Ruhm durch Krieg und moralische Leistung

[44] Aber damit wir sehr leicht so zu sein scheinen, wie wir sind, müssen dennoch, obwohl entscheidende Bedeutung gerade darin liegt, dass wir diejenigen sind, für die wir gehalten werden wollen, einige Weisungen gegeben werden. Denn wenn jemand von früher Jugend an die Anwartschaft auf einen

gefeierten Namen hat, die er entweder von seinem Vater als Erbe empfangen hat, was dir, mein Cicero, wie ich glaube, zuteil geworden ist, oder durch Zufall und glückliche Umstände, richten sich die Augen aller auf ihn, und man erkundigt sich, was er tut und wie er lebt, und gleich als ob er sich im hellsten Licht befindet, kann weder eines seiner Worte noch eine seiner Taten verborgen bleiben.

[45] Sobald diejenigen aber, deren Tugend wegen ihrer niedrigen und unbedeutenden Herkunft den Leuten unbekannt ist, beginnen junge Männer zu sein, müssen sie sich große Ziele setzen und auf diese in unverrückbarem Streben hinarbeiten; dieses werden sie um so entschlossener tun, weil man ihnen jenes Alter nicht nur nicht neidet, sondern sogar gönnt. Für einen jungen Mann also ist der beste Schritt hin zum Ruhm, wenn dieser durch Leistungen im Krieg erworben werden kann, ein Ruhm, in dem sich viele bei unseren Vorfahren ausgezeichnet haben; denn fast immer werden Kriege geführt. Deine Jugend aber fiel in den Krieg, dessen eine Partei mit allzu großem Verbrechen verbunden war, dessen andere mit wenig Erfolg. Dennoch erlangtest du in diesem Krieg, weil Pompeius dich an die Spitze eines Reiterschwadrons gestellt hatte, gro-ßes Lob von dem höchsten Mann und dem Heer, indem du als Reiter dientest, den Wurfspieß warfst und mit aller militärischen Anstrengung Geduld zeigtest. Und dieses dein Lob ging zusammen mit dem Staat unter. Ich aber habe mich zu dieser Rede nicht deinetwegen entschlossen, sondern wegen des Gegenstandes im Allgemeinen. Deshalb wollen wir zu dem weitergehen, was noch aussteht.

[46] Wie also in den übrigen Bereichen die Taten des Geistes viel bedeutender sind als die des Körpers, so ist das, was wir mit Verstand und kluger Überlegung erreichen wollen, willkommener als das, was wir mit Körperkraft durchführen. Die erste Empfehlung also beginnt mit der Selbstbeherrschung, sodann mit der

Ehrerbietung gegenüber den Eltern und dem Wohlwollen gegenüber den Angehörigen. Am leichtesten aber und vorteilhaftesten machen sich die jungen Männer bekannt, die sich berühmten und weisen Männern, welche für den Staat gut sorgen, angeschlossen haben; wenn sie mit diesen oft zusammen sind, verbreiten sie im Volk die Meinung, sie würden denjenigen ähnlich sein, die sie sich selbst zur Nachahmung ausgewählt hätten.

[47] Den P. Rutilius brachte als jungen Mann das Haus des P. Mucius in den Ruf der Unbescholtenheit und der Rechtskenntnis. Denn L. Crassus borgte, obwohl er ein sehr jun- ger Mann war, nicht anderswoher, sondern erwarb sich selbst größtes Lob durch jene bekannte und ruhmvolle Anklage, und in dem Alter, in dem diejenigen, die sich ausbilden lassen, gewöhnlich gelobt werden, wie wir über Demosthenes gehört haben, zeigte L. Crassus, dass er auf dem Forum das bereits am besten verrichtet, worauf er sich damals noch zu seinem Lobe daheim hätte vorbereiten können.

48-51 Hilfe der Redekunst beim Streben nach Ruhm und anderen Gütern

[48] Aber obwohl es zwei Arten von Reden gibt, von denen die eine das Gespräch ist, die andere die Streitrede, steht es außer Zweifel, dass die Streitrede größere Bedeutung für den Ruhm hat - das nämlich ist es, was wir Beredsamkeit nennen -, aber dennoch ist es schwierig zu sagen, wie sehr die Freundlichkeit und Zugänglichkeit des Gespräches die Menschen gewinnen. Es existieren noch die Briefe des Philippus an Alexander, des Antipater an Kassander und des Antigonos an seinen Sohn Philippus, Briefe dreier sehr kluger Männer - denn so haben wir es vernommen -, in denen sie ihren Söhnen auftragen, durch eine freundliche Rede die Menge zum Wohlwollen zu bewegen und die Soldaten durch eine schmeichelnde Anrede zu beschwichtigen. Die Rede aber, die vor der Menge mit Anspannung gehalten

wird, begeistert oft die gesamte Menge. Groß nämlich ist die Bewunderung für denjenigen, der wortreich und weise spricht; diejenigen, die ihn hören, meinen, dass er sogar mehr versteht und einsichtiger ist als die Übrigen. Wenn aber einer Rede Erhabenheit gepaart mit Mäßigung anhaftet, kann nichts Bewunderungswürdigeres geschehen, und zwar um so mehr, wenn diese Eigenschaften bei einem jungen Mann auftreten.

[49] Aber obwohl es mehrere Arten von Anlässen gibt, die Beredsamkeit benötigen, und viele junge Männer in unserem Staat vor Richtern, vor dem Volk und vor dem Senat durch Reden Lob erlangt haben, ist die Bewunderung für Gerichtsreden am größten, von denen es zwei Arten gibt. Denn die Gerichtsrede besteht aus der Anklage und der Verteidigung, von denen die Anklage, obwohl die Verteidigung rühmlicher ist, dennoch sogar sehr häufig Beifall gefunden hat. Ich habe kurz zuvor über Crassus gesprochen, dasselbe machte der junge M. Antonius, auch die Beredsamkeit des P. Sulpicius machte eine Anklage berühmt, als er einen aufrührerischen und unnützen Bürger, C. Norbanus, verklagte.

[50] Aber dieses darf nicht häufig getan werden und immer nur um des Staates willen, wie diejenigen, die ich zuvor genannt habe, es getan haben, entweder um sich zu rächen, wie die beiden Luculli, oder wegen des Schutzes, wie wir für die Sizilier und Iulius für die Sarden. Auch bei der Anklage des M.‘ Aquilius ist der Fleiß des L. Fufius bekannt. Ein einziges Mal also ist anzuklagen oder sicherlich nicht oft. Wenn es aber jemanden geben wird, der es häufiger tun muss, so soll er diese Aufgabe dem Staat zuliebe erfüllen, dessen Feinde häufiger zu bestrafen nicht tadelnswert ist; ein Maß soll es dennoch geben. Denn es scheint einen harten Menschen auszumachen oder vielmehr kaum eines Menschen würdig zu sein, viele in Lebensgefahr zu bringen. Dieses ist gefährlich für einen selbst sowie auch schmählich für den guten Ruf, es dahin

kommen zu lassen, dass man Ankläger genannt wird; soches widerfuhr dem M. Brutus, einem Mann von bester Herkunft, dem Sohn jenes Brutus, der besonders im Zivilrecht kundig war.

[51] Und auch diese Vorschrift der Pflicht gilt es sorgfältig einzuhalten, dass man niemals einen Unschuldigen auf Tod und Leben anklagen sollte; denn dieses kann ohne ein Verbrechen in keiner Weise geschehen. Denn was ist so unmenschlich wie die Beredsamkeit, die von der Natur zum Wohl der Menschen und zu ihrer Erhaltung gegeben ist, zum Verderben und zur Vernichtung der Rechtschaffenen zu verwenden? Aber dennoch darf man es nicht, wie dieses zu meiden ist, auf gleiche Weise für bedenklich halten, einmal einen Schuldigen zu verteidigen, nur nicht einen Frevler und Bösewicht. Die Menge will dieses, die Gewohnheit erträgt es, auch die Menschlichkeit lässt es sich gefallen. Es ist Aufgabe eines Richters, in Prozessen immer nach der Wahrheit zu streben, eines Verteidigers, das Wahrscheinliche, auch wenn es weniger wahr ist, zu verteidigen; dieses würde ich, zumal ich über Philosophie schreibe, nicht zu schreiben wagen, wenn dasselbe nicht die Meinung des sehr sittenstrengen Stoikers Panaetius wäre. Am meisten aber werden Ruhm und Beliebtheit durch Verteidigungen erworben, und zwar um so mehr, wenn es einmal vorkommt, dass demjenigen geholfen wird, der durch die Stärke eines Mächtigen unterdrückt und bedrängt zu werden scheint, wie ich es sonst oft und als junger Mann gegen die Macht des tyrannischen L. Sulla für Sex. Roscius Amerinus getan habe, in einer Rede, die, wie du weißt, noch erhalten ist.

52-85 Wohltätigkeit und Freigebigkeit 52-55a Die Wohltätigkeit und ihre Arten

[52] Aber nachdem die Pflichten der jungen Leute dargelegt sind, soweit sie für den Erwerb von Ruhm Bedeutung haben, muss nun der Reihe nach über

Wohltätigkeit und Freigebigkeit gesprochen werden, von denen es zwei Arten gibt. Denn entweder wird durch persönliches Eingreifen oder durch Geld den Bedürftigen Gutes erwiesen. Leichter ist diese letztere Art und Weise, zumal für einen Wohlhabenden, aber jene ist anständiger und angesehener und eines tüchtigen und ruhmvollen Mannes würdiger. Denn obwohl in beiden Fällen der edle Wille zu helfen gegeben ist, wird gleichwohl das eine aus der Geldkiste genommen, das andere aus persönlicher Kraft, und die Geldspende, die aus dem Vermögen gegeben wird, erschöpft gerade die Mittel zum Wohltun. So wird durch Wohltätigkeit Wohltätigkeit aufgehoben, da man sie, für je mehr Menschen man sie gebraucht hat, um so weniger für viele verwenden kann.

[53] A-ber diejenigen, die durch ihre eigene Anstrengung, d.h. durch Tatkraft und Fleiß, wohltätig und freigebig sind, werden erstens, je mehr Menschen es sind, denen sie genützt haben, um so mehr Helfer zur Verfügung haben, um Gutes zu erweisen, und zweitens werden sie durch ihre Gewöhnung an die Wohltätigkeit bereiter und gleichsam geübter sein, sich um viele verdient zu machen. In höchst anerkennenswerter Weise beschuldigt in einem Brief Philippus seinen Sohn Alexander, dass er durch Geldspenden das Wohlwollen der Makedonen zu erlangen suche. ”Welche Überlegung hat dich, zum Teufel“, sagte er, ”in die Hoffnung versetzt, dass du glaubst, diejenigen würden dir treu sein, die du mit Geld bestochen hättest? Oder arbeitest du etwa darauf hin, dass die Makedonen hoffen, du seiest nicht ihr König, sondern ihr Diener und Lieferant?“ Zu Recht sagte er ’Diener und Lieferant‘, weil es für einen König erniedrigend ist, noch besser aber ist, dass er sagte, eine Geldspende sei ein Verderbnis. Denn schlechter wird, wer annimmt und bereiter ist, immer dasselbe zu erwarten. Dieses schrieb jener seinem Sohn vor, aber wir wollen glauben, dass es allen vorgeschrieben worden ist.

[54] Deshalb steht es außer Zweifel, dass jene Wohltätigkeit, die auf Anstrengung und Fleiß beruht, ehrenwerter ist, ein weiteres Wirkungsfeld hat und mehreren nutzen kann. Dennoch gilt es manchmal zu schenken, und es darf diese Art der Wohltätigkeit nicht völlig abgelehnt werden; oft ist würdigen Menschen, die Mangel leiden, aus dem Vermögen etwas zu schenken, aber wohlbedacht und besonnen. Viele nämlich haben ihr Vermögen verschleudert, indem sie unüberlegt Schenkungen machten. Was aber ist törichter als dafür zu sorgen, dass man das, was man gerne tut, nicht länger machen kann? Und auf Schenkung folgt sogar Raub. Denn sobald sie durch Geben zu darben begonnen haben, werden sie gezwungen, an fremdem Vermögen Hand anzulegen. So erlangen sie, weil sie, um Wohlwollen zu erwerben, wohltä-tig sein wollen, von denjenigen, denen sie gegeben haben, eine Zunei- gung, die nicht so groß ist wie der Hass derer, denen sie genommen haben.

[55] Daher darf das Vermögen einerseits nicht so verschlossen werden, dass die Wohltätigkeit es nicht zu öffnen vermag, andererseits nicht so geöffnet werden, dass es allen offen steht; Mäßigung soll man üben und diese auf die eigenen Geldmittel beziehen. Kurz, wir müssen uns an das erinnern, was von unseren Leuten sehr häufig in den Mund genommen wird und schon zu einem gebräuchlichen Sprichwort geworden ist, dass nämlich das Schenken keinen Boden hat. Denn welches Maß kann es geben, da zugleich diejenigen, die sich daran gewöhnt haben anzunehmen, und auch andere jenes begehren?

55b-60 Verschwenderische Wohltätigkeit

Im Ganzen gibt es zwei Arten von Freigebigen, von denen die einen verschwenderisch, die anderen großzügig sind; verschwenderisch sind diejenigen, die durch Festmähler, Fleischspenden für das Volk und Gladiatorenspiele, durch die Vorbereitung von Wettkämpfen und Tierhetzen

Gelder für solche Dinge verschleudern, an die sie entweder eine kurze oder überhaupt keine Erinnerung zurücklassen werden; großzügig aber sind diejenigen, die auf Grund ihrer Mittel Gefangene von Räubern loskaufen, Schulden ihrer Freunde übernehmen, diese bei der Verheiratung der Töchter unterstützen oder ihnen bei dem Erwerb oder der Vermehrung von Besitz helfen.

[56] Daher frage ich mich verwundert, was Theophrast in den Sinn gekommen ist, in dem Buch, das er über den Reichtum geschrieben hat, in dem er vieles vortrefflich, jenes aber unpassend gesagt hat: denn er lobt eifrig den Prunk und die Vorbereitung der Festspiele für das Volk und hält die Möglichkeit, einen derartigen Aufwand zu betreiben, für eine Frucht des Reichtums. Mir aber scheint jene Frucht der Freigebigkeit, für die ich wenige Beispiele gegeben habe, viel größer und sicherer zu sein. Um wieviel ernster und aufrichtiger tadelt uns Aristoteles, weil wir uns nicht über diese Geldverschwendungen wundern, die gemacht werden, um die Menge zu beschwichtigen. Denn er sagt, wenn diejenigen, die vom Feind belagert werden, gezwungen würden, einen Krug Wasser für eine Mine zu kaufen, hielten wir dieses zuerst für unglaubwürdig und alle wunderten sich darüber; aber bei näherer Überlegung brächten sie Verständnis wegen der Notlage auf, während wir uns bei diesen Spielen wegen der riesigen Aufwendungen und unbegrenzten Kosten nicht sonderlich wunderten, zumal da man weder einem wirklichen Notstand abhelfe noch das Ansehen vermehre und eben jene Unterhaltung der Menge nur für eine kurze und knappe Zeit gesucht werde, und zwar gerade von den unbedeutendsten Gestalten, bei denen dennoch gemeinsam mit der Befriedigung auch die Erinnerung an die Freude absterbe.

[57] Gut folgerte er auch, dass dieses den Knaben, den schwachen Frauen, den Sklaven und den Freien, die den Sklaven sehr ähnlich sind, willkommen sei; von

einem ernsten Menschen aber und einem solchen, der das, was geschieht, nach sicherem Urteilsvermögen erwägt, könne es in keiner Weise gebilligt werden. Indessen erkenne ich, dass sich in unserem Staat bereits in der guten alten Zeit eingebürgert hat, dass Glanz im Amt des Ädils von den besten Männern gefordert wird. Und so versah P. Crassus, der den Beinamen ”der Reiche“ trug und reich an Vermögen war, das Amt des Ädils in herausragendster Weise, und ein wenig später verrichtete L. Crassus mit Q. Mucius, dem maßvollsten aller Menschen, die prachtvollste Ädilität, danach C. Claudius, der Sohn des Appius, viele später, die Luculler, Hortensius, Silanus; alle Vorgänger aber hat P. Lentulus unter meinem Konsulat übertroffen; ihn ahmte Scaurus nach; am prächtigsten aber waren die Spiele unseres Pompeius in seinem zweiten Konsulat; was ich von all diesem halte, siehst du.

[58] Dennoch ist der Verdacht der Habgier zu meiden. Mamercus, einem sehr reichen Mann, brachte die Unterlassung der Bewerbung um die Ädilität eine Niederlage bei der Bewerbung um das Konsulat ein. Daher müssen es, wenn es vom Volk gefordert wird, die guten Männer tun, wenn auch nicht auf ihren Wunsch hin, aber so doch wenigstens billigend, eben entsprechend ihrer Geldmittel, wie wir es selbst getan haben, und auch, wenn einmal etwas Größeres und Nützlicheres durch eine Spende an das Volk erstrebt wird, wie neulich dem Orest das Frühstück auf der Straße unter dem Namen des Zehnten große Ehre bescherte. Nicht einmal dem M. Seius wurde es als Fehler angerechnet, dass er bei der Teuerung den Scheffel Getreide für ein As dem Volk gab; denn von großer und altgewohnter Missliebigkeit befreite er sich durch eine nicht schimpfliche, da er ja Ädil war, und nicht sehr große Ausgabe. Aber höchste Ehre brachte es neulich unserem Milo ein, dass er, nachdem er Gladiatoren um des Staates willen gekauft hatte, dessen Wohl von meiner Rettung abhing, alle Versuche und Verblendungen des P. Clodius unterdrückte.

Es gibt also einen Grund für eine Spende, wenn es entweder notwendig oder nützlich ist.

[59] Bei diesen Spenden aber ist der Grundsatz des Maßhaltens am besten. L. Philippus, der Sohn des Quintus, ein Mann von großer Begabung und besonders berühmt, pflegte sich zu brüsten, er habe ohne jede Gabe alles erreicht, was für sehr bedeutend gehalten werde. Dasselbe sagten Cotta und Curio. Auch uns ist es möglich, in diesem Punkt in gewisser Weise zu prahlen; denn im Verhältnis zu der Größe der Ämter, die wir bei allen Abstimmungen im gesetzlich festgelegten Mindestalter erlangt haben, was niemandem von denen gelungen ist, die ich eben genannt habe, war der Aufwand für die Ädilität durchaus gering.

[60] Und auch sind jene Aufwendungen besser, Mauern, Docks, Häfen, Wasserleitungen und alles, was sich auf den Nutzen für den Staat bezieht; gleichwohl ist das angenehmer, was unmittelbar gleichsam in die Hand gegeben wird; dennoch ist dieses für die Zukunft erwünschter. Theater, Säulengänge und neue Tempel tadele ich mit mehr Zurückhaltung wegen Pompeius, aber die größten Philosophen billigen es nicht, wie auch gerade dieser Panaetius, dem ich in diesen Büchern viel gefolgt bin, ohne ihn wörtlich zu übersetzen, und Demetrius aus Phaleron, der Pericles, den ersten Mann in Griechenland, tadelt, dass er so viel Geld für jene berühmten Propyläen hinausgeworfen habe. Aber dieser ganze Bereich ist in den Büchern sorgfältig abgehandelt worden, die ich über den Staat geschrieben habe. Das ganze Verfahren solcher Schenkungen also ist an sich verkehrt, zu Zeiten notwendig und muss gerade dann den Mitteln an- gepasst und durch gesundes Maßhalten gesteuert werden.

61-64 Edle Freigebigkeit

[61] In jenem zweiten Bereich des Schenkens aber, welcher von der Freigebigkeit ausgeht, dürfen wir nicht auf nur eine Weise bei verschiedenen Fällen gestimmt sein. Anders verhält es sich mit dem, der durch ein Unglück bedrängt wird, als mit dem, der eine Besserung seiner Lage sucht, ohne selbst in widrigen Umständen zu leben.

[62] Das Wohlwollen wird den schwer Heimgesuchten mehr zugetan sein müssen, wenn sie nicht etwa ein Unglück verdient haben. Dennoch dürfen wir solchen gegenüber, die sich helfen lassen wollen, nicht damit sie kein Unglück erleiden, sondern damit sie einen höheren Rang erklimmen, zwar ganz und gar nicht zurückhaltend sein, aber wir müssen bei der Auswahl geeigneter Leute Überlegung und Sorgfalt walten lassen. Denn vortrefflich hat Ennius gesagt: ’Ich glaube, dass gute Taten, wenn sie schlecht angelegt sind, schlechte Taten sind.‘

[63] Was aber einem guten und werten Mann erwiesen worden ist, darin liegt Gewinn, der von ihm selbst und auch von anderen herrührt. Entfernt man nämlich die Leichtfertigkeit, die wahllos gibt, so ist die Freigebigkeit sehr willkommen, und die Meisten loben sie eifriger, deswegen weil die Güte gerade der Höchsten die gemeinsame Zuflucht aller ist. Also müssen wir uns Mühe geben, dass wir möglichst vielen diese Wohltaten erweisen, damit die Erinnerung an sie den Kindern und Nachfahren weitergegeben wird, so dass es diesen nicht möglich ist, undankbar zu sein. Alle nämlich hassen den, der sich nicht an eine Wohltat erinnert, und glauben, dieses Unrecht werde, weil dadurch die Freigebigkeit abgeschreckt wird, sogar ihnen angetan, und sie halten den, der solches macht, für den gemeinsamen Feind der Schwächeren. Und diese Wohltätigkeit ist auch für den Staat nützlich, wenn Gefangene aus der Knechtschaft losgekauft, die Schwächeren reich gemacht werden; dass

dieses im Allgemeinen von unserem Stand gewöhnlich getan worden ist, sehen wir in einer Rede des Crassus ausführlich beschrieben. Ich ziehe diese Gewohnheit gütig zu sein dem großen Aufwand für Spiele bei weitem vor; diese private Wohltätigkeit zeichnet würdevolle und große Menschen aus, jene ist typisch gleichsam für Schmeichler des Volkes, die die wankelmütige Menge durch Lust sozusagen kitzeln.

[64] Es wird sich aber schicken, im Geben mildtätig zu sein und auch beim Eintreiben nicht hart und beim Abschluss eines jeden Geschäftes, beim Verkaufen und Kaufen, beim Mieten und Vermieten, in Nachbarschafts- und Grenzverhältnissen gerecht und umgänglich, vielen vieles von seinem eigenen Recht abtretend, vor Streitigkeiten aber zurückschreckend, soweit es möglich ist und vielleicht sogar ein wenig mehr als möglich. Es ist nämlich nicht nur anständig, manchmal ein wenig auf sein Recht zu verzichten, sondern zuweilen auch nützlich. Es muss aber auf das Vermögen Rücksicht genommen werden, das verfallen zu lassen schändlich ist, aber so, dass der Verdacht auf Knauserigkeit und Habgier fern liegt. Denn großzügig sein zu können, ohne sich seines Vermögens zu berauben, ist ohne Zweifel der größte Vorteil des Geldes. Zu Recht ist die Gastfreundlichkeit auch von Theophrast gelobt worden. Denn es macht, wie ich glaube, einen sehr guten Eindruck, wenn die Häuser berühmter Menschen für berühmte Gastfreunde offen stehen, und auch für den Staat bedeutet es eine Auszeichnung, wenn Menschen aus dem Ausland diese Art der Freigebigkeit in unserer Stadt nicht vermissen. Aber es ist sehr nützlich für diejenigen, die mit rechtlichen Mitteln Bedeutung gewinnen wollen, durch Gastfreunde bei fremden Völkern mittels Vermögen und Beliebtheit Einfluss zu haben. Theophrast schreibt, Ci- mon sei in Athen sogar gegenüber den Laciaden, den Angehörigen seines Demos, gastfreundlich

gewesen; denn so habe er es bestimmt und seinen Gutsverwaltern befohlen, dass alles jedem Laciaden gewährt werde, der in sein Haus eingekehrt sei.

65-71 Hilfe für einzelne, besonders durch Beistand vor Gericht

[65] Die Wohltaten aber, die durch persönliche Leistung, nicht durch eine Spende erwiesen werden, kommen bald dem gesamten Staat zu, bald einzelnen Bürgern. Denn im Recht Rat zu erteilen, durch ein Rechtsgutachten zu unterstützen und in diesem Bereich des Wissens möglichst vielen zu nützen hat starken Einfluss auf die Vermehrung von Macht und Beliebtheit. Daher waren viele Einrichtungen der Vorfahren vortrefflich und auch die Tatsache, dass die Kenntnis und Auslegung des bestens ge- ordneten bürgerlichen Rechts immer in höchstem Ansehen stand; dieses hielten die führenden Männer vor der Unordnung dieser Zeit in ihrem Besitz, jetzt aber ist wie die Ehren, wie alle Würdenränge, so auch der Glanz dieses Wissens ausgelöscht worden; und dieser Zustand ist um so unwürdiger, weil er in einer Zeit eingetreten ist, da derjenige lebte, der alle Früheren, denen er an politischen Ehrenämtern gleichkam, leicht an Wissen übertroffen hatte. Diese Leistungen also sind bei vielen beliebt und geeignet, Menschen durch Wohltaten zu verpflichten.

[66] Und dieser Kunst am nächsten ist das noch bedeutsamere, willkommenere und höher geachtete Redetalent. Denn was ist vorzüglicher als die Beredsamkeit oder die Bewunderung der Zuhörer oder die Hoffnung derer, die dieser Kunst bedürfen, oder der Dank derjenigen, die verteidigt worden sind? Dieser Kunst also wurde von unseren Vorfahren im Frieden höchstes Ansehen zuteil. Also ziehen die Wohltaten und Verteidigungen eines beredten Mannes und eines solchen, der sich bereitwillig abmüht und, wie es der Vätersitte entspricht, die Angelegenheiten vieler ohne viele Umstände und unentgeltlich verteidigt, weite Kreise.

[67] Die Gelegenheit würde mich locken, auch an dieser Stelle die zeitweise Unterbrechung der Beredsamkeit, um nicht zu sagen ihren Untergang zu beweinen, wenn ich nicht fürchtete, den Eindruck zu erwecken, ich stimmte über mich selbst die Klage an. Aber dennoch sehen wir, welche Redner gestorben sind, auf wie wenigen die Hoffnung ruht, wie viel we- niger noch über die Redegabe verfügen, wie viele Vermessenheit an den Tag legen. Aber obwohl nicht alle, nicht einmal viele, rechtskundig oder beredt sein können, ist es dennoch möglich, wenigstens durch eigene Mühe vielen zu nutzen, indem man Wohltaten für sie erbittet, sie Rich- tern und Beamten empfiehlt, für die Sache eines anderen wachsam ist und eben die bittet, die entweder um Rat gefragt werden oder verteidigen; diejenigen, die dieses tun, erlangen sehr viel Dankbarkeit, und ihre Tätigkeit greift sehr weit um sich.

[68] Ferner brauchen sie nicht daran erinnert zu werden - denn es liegt auf der Hand -, dass sie achtgeben sollen, wenn sie anderen helfen wollen, niemanden vor den Kopf zu stoßen. Oft nämlich verletzen sie diejenigen, die sie nicht verletzen dürfen, oder die, die zu verletzen nicht förderlich ist; wenn sie es aus Versehen tun, ist es ein Zeichen von Nachlässigkeit, wenn wissentlich, zeugt es von Leichtfertigkeit. Auch muss man sich gegenüber denjenigen entschuldigen, die man wider Willen kränkt, auf jede mögliche Weise, weshalb das, was man getan hat, notwendig gewesen ist und man es anders nicht hätte tun können; und durch Dienste und pflichtgemäße Handlungen wird das auszugleichen sein, worin man jemanden verletzt zu haben scheint.

[69] Aber da man bei der Unterstützung von Menschen entweder auf ihren Charakter oder auf ihre Lage zu sehen gewohnt ist, ist es leicht zu sagen - und so reden sie im Allgemeinen -, dass sie sich, wenn Wohltaten erwiesen werden sollen, an den Charakter der Menschen, nicht an ihre Lage halten. Eine schönklingende Rede ist das, aber wen gibt es schließlich, der beim Erweis

eines Dienstes nicht den Dank eines Reichen und Mächtigen der Sache eines armen Mannes, auch wenn er der beste ist, vorzieht? Denn demjenigen ist unser Wille in der Regel eher zugetan, von dem offenbar eine raschere und schnellere Erwiderung kommt. Aber man muss sorgfältiger beachten, was das Wesen der Dinge ist. Ohne Zweifel nämlich kann jener Arme, falls er ein guter Mann ist, auch wenn er keinen Dank abstatten kann, gewiss dankbar sein. Treffend aber hat gesprochen, wer auch immer gesagt hat: ’Wer Geld habe, habe es nicht zurückgegeben, wer es zurückgegeben habe, habe es nicht; wer dagegen Dank abgestattet habe, sei dankbar, und wer dankbar sei, habe auch Dank abgestattet.‘ Aber diejenigen, die sich für reich, angesehen und glücklich halten, wollen nicht einmal durch eine Wohltat verpflichtet werden; ja sogar glauben sie, eine Wohltat erwiesen zu haben, obwohl sie selbst eine auch noch so große angenommen haben, und sie mutmaßen, dass auch von ihnen etwas gefordert oder erwartet wird; aber Schutz gebraucht zu haben oder als Klienten bezeichnet zu werden gilt ihnen als der Tod.

[70] Aber da jener Geringe glaubt, dass man, was auch immer getan worden sei, auf ihn gesehen habe, nicht auf seine Lage, bemüht er sich, nicht nur gegenüber jenem, der sich um ihn verdient gemacht hat, sondern auch gegenüber jenen, von denen er etwas erwartet - denn er bedarf vieler -, dankbar zu erscheinen, andererseits aber vermehrt er seine Leistung, falls er vielleicht eine erbringt, nicht durch Worte, sondern schwächt sie sogar ab. Man muss die Tatsache berücksichtigen, dass, wenn man einen wohlhabenden und begüterten Mann verteidigt, in diesem allein oder günstigen Falles in seinen Kindern der Dank fortbesteht; wenn man aber einen armen, aber gleichwohl rechtschaffenen und maßvollen Menschen verteidigt, sehen alle Geringen, die nicht unredlich sind und von denen es eine große Zahl im Volk gibt, dass ihnen Hilfe verschafft worden ist.

[71] Deshalb glaube ich, dass es besser ist, guten Menschen eine Wohltat zu erweisen als begüterten. Wir müssen uns überaus Mühe geben, dass wir imstande sind, jeder Art von Menschen Genüge zu tun, aber wenn es zur Entscheidung kommt, muss natürlich Themistocles als Gewährsmann hinzugezogen werden, der, als er befragt wurde, ob er seine Tochter mit einem guten, aber armen Mann oder mit einem weniger ehrbaren, aber reichen verheirate, sagte: ”Ich möchte lieber den Mann, der Geld nötig hat, als das Geld, das den Mann nötig hat.“ Aber gute Sitten sind durch die Bewunderung des Reichtums verdorben und verunstaltet worden; was aber geht dessen Größe jeden Einzelnen von uns an? Vielleicht hilft er jenem, der ihn hat; nicht einmal dieses trifft immer zu; aber setze den Fall, er hilft; mag es auch jemand sein, der mehr ausgeben kann, wieso aber ist er ehrbarer? Wenn er nun auch ein guter Mann ist, so soll sein Reichtum nicht verhindern, dass ihm geholfen wird, wenn nur der Reich- tum selbst nicht hilft, und die Entscheidung soll ganz davon abhängen, nicht wie reich jeder ist, sondern welchen Charakter er hat. Die letzte Weisung aber, wenn Wohltaten und Hilfe zu erweisen sind, besteht darin, dass man sich nicht wider die Gerechtigkeit bemüht, nicht zugunsten des Unrechts; denn die Grundlage einer beständigen Anerkennung und eines eben solchen Rufes ist die Gerechtigkeit, ohne die nichts löblich sein kann.

72-74 Wohltätigkeit bei steter Rücksicht auf das Wohl des Einzelnen

[72] Aber da ja über die Art von Wohltaten gesprochen worden ist, die auf einzelne zielen, müssen nun folgerichtig diejenigen erörtert werden, die sich auf alle und auf den Staat beziehen. Ein Teil dieser Wohltaten aber ist von der Art, dass er sich auf alle Bürger bezieht, der andere Teil ist so, dass er einzelne mitbetrifft; dieser wird um so dankbarer empfunden. Mühe muss man durchaus auf beide verwenden, falls es möglich ist, aber ebenso auch darauf, dass für einzelne gesorgt wird, allerdings nur insoweit, dass dieses dem Staat

entweder nützt oder wenigstens nicht schadet. Groß war die Getreidespende des C. Gracchus, sie erschöpfte also die Staatskasse; mäßig war die des M. Octavius, erträglich für den Staat und notwendig für das Volk, also sowohl für die Bürger als auch für den Staat nützlich.

[73] Vor allem aber wird derjenige, der den Staat lenken wird, darauf achten müssen, dass jeder das Seine behält und nicht durch staatlichen Eingriff eine Verringerung des Privatvermögens eintritt. Denn staatsgefährdend handelte Philippus während seines Tribunates, als er das A- ckergesetz einbrachte, dessen Verwerfung er dennoch gelassen ertrug, wobei er sich sehr gemäßigt zeigte; aber bei seiner Ansprache an das Volk sagte er vieles demagogisch, jenes aber auf üble Weise: ’Im Staat seien nicht zweitausend Menschen, die Eigentum hätten.‘ Eine verderb- liche Rede ist es, da sie auf Güterausgleich zielt: Welches Unheil kann größer sein als dieses? Besonders nämlich aus dem Grunde, dass Eigentum erhalten wird, wurden Staatsverfassungen und Staaten ge- schaffen. Denn auch wenn sich die Menschen unter Führung der Natur sammelten, suchten sie dennoch in der Hoffnung auf Bewahrung ihres Ei- gentums den Schutz der Städte.

[74] Man muss auch darauf sehen, dass nicht, was bei unseren Vorfahren wegen der Armut der Staatskasse und der Fortdauer der Kriege oft geschah, eine Abgabe aufgebracht werden muss, und damit dieses nicht passiert, dafür wird man viel früher zu sorgen haben. Wenn aber irgendeine Notwendigkeit dieser Leistung auf einen Staat zukommt - ich will nämlich lieber einem fremden Staat weissagen als unserem, und übrigens erörtere ich nicht unseren, sondern jeden Staat -, wird man sich Mühe geben müssen, damit alle erkennen, dass der Notwendigkeit zu gehorchen ist, falls sie mit dem Leben davonkommen wollen. Und auch alle Staatslenker werden dafür zu sorgen haben, dass eine Fülle von Dingen da ist, die für den Lebensunterhalt

notwendig sind. Wie die Beschaffung dieser Mittel gewöhnlich erfolgt und erfolgen muss, braucht man nicht zu erörtern; denn es liegt auf der Hand; nur durfte dieser Punkt nicht übergangen werden.

75-77 Der Politiker darf sich nicht bereichern

[75] Der Hauptgrundsatz aber bei jeder Besorgung einer öffentlichen Aufgabe und eines solchen Amtes lautet, dass auch nur der geringste Verdacht auf Eigennutz ferngehalten werden soll. ”Wenn mich doch das Schicksal“, sagte der Samniter C. Pontius, ”für jene Zeiten aufbewahrt hätte und ich dann geboren wäre, da die Römer begannen Geschenke an- zunehmen. Ich hätte es nicht zugelassen, dass diese länger herrschten.“ Jener hätte wahrlich nicht viele Menschenalter zu warten brauchen: Denn vor kurzem drang dieses Übel in unseren Staat ein. Daher ist es mir recht, dass es Pontius eher damals gegeben hat, da er so viel Stärke besaß. Es sind noch keine 110 Jahre vergangen, da von L. Piso ein Gesetz über wiederzuerstattende Geldsummen eingebracht worden ist, nachdem es zuvor keines gegeben hatte. Aber später waren so viele Gesetze vor- handen, das nächste immer schärfer als das vorige, so viele Angeklagte, so viele Verurteilte, gab es einen so erbitterten Krieg in Italien, ausge- löst wegen der Furcht vor Prozessen, nach Aufhebung der Gesetze und Gerichte eine solche Ausplünderung und Ausraubung der Bundesge- nossen, dass wir durch die Schwäche anderer, nicht dank unserer eige- nen Kraft Macht besitzen.

[76] Panaetius lobt Africanus, weil er unei- gennützig gewesen sei. Warum sollte er ihn nicht loben? Aber jener hat- te noch andere bedeutendere Eigenschaften. Das Lob der Uneigennützigkeit gehört nicht nur dem Menschen, sondern auch jenen Zeiten. Des ge- samten Schatzes der Macedonen, der sehr groß war, bemächtigte sich Paulus; so viel Geld brachte er in die Staatskasse,

dass die Beute eines einzigen Feldherrn den Tributen ein Ende bereitete. Aber dieser nahm nichts mit in sein Haus außer der ewigen Erinnerung an seinen Namen. Africanus ahmte seinen Vater nach und wurde um nichts reicher nach der Zerstörung Carthagos. Wie? Derjenige, der sein Kollege im Zensoramt war, L. Mummius, war er etwa wohlhabender, nachdem er die wohl- habendste Stadt völlig vernichtet hatte? Er wollte lieber Italien schmü- cken als sein Haus; allerdings scheint mir das Haus selbst mehr ge- schmückt zu sein als das geschmückte Italien.

[77] Kein Laster also ist abscheulicher - damit die Rede zu dem Punkt zurückkehrt, von dem sie abgeschweift ist - als die Habgier, zumal bei den führenden Leuten und denen, die den Staat leiten. Denn den Staat als Erwerbsquelle zu betrachten ist nicht nur schimpflich, sondern auch ein nichtswürdiges Verbrechen. Daher hat offenbar Apoll in Delphi das Orakel, das er verkündet hat, nämlich dass Sparta durch nichts anderes als durch Habgier umkommen werde, nicht nur den Lacedaemoniern, sondern auch allen wohlhabenden Völkern prophezeit. Durch nichts aber können die Staatslenker leichter das Wohlwollen der Menge für sich gewinnen als durch strengste Uneigennützigkeit.

78-85 Fehlgeschlagene Reformen unter Antastung des Privatvermögens

[78] Diejenigen aber, die als Volksfreunde gelten wollen und aus diesem Grunde entweder die Agrarfrage in Angriff nehmen, damit die Besitzer von Staatsgütern von ihren Wohnsitzen vertrieben werden, oder glauben, geliehene Gelder müssten den Schuldnern nachgelassen werden, erschüttern die Grundlagen des Staates, zuerst die Eintracht, die es nicht geben kann, wenn den einen das Geld genommen, den anderen nachgelassen wird, zweitens die Gerechtigkeit, die gänzlich beseitigt wird, wenn es jemandem nicht möglich ist,

das Seine zu besitzen. Das nämlich zeichnet, wie ich oben gesagt habe, eine Bürgerschaft und eine Stadt aus, dass sie frei ist und ungestört durch die Bewahrung des Besitzes eines jeden.

[79] Und bei diesem Untergang des Staates erlangen sie nicht einmal jene Gunst, die sie zu erlangen glauben. Denn derjenige, dem Besitz entrissen wurde, ist ein Feind; derjenige, dem er gegeben wurde, tut sogar so, als habe er ihn nicht annehmen wollen, und verbirgt besonders bei Schulden seine Freude, um nicht den Eindruck zu erwecken, er sei nicht zahlungsfähig gewesen. Aber jener, der das Unrecht erlitten hat, erinnert sich daran und zeigt seinen Schmerz deutlich, und wenn diejenigen, denen zu Unrecht gegeben wurde, in der Mehrheit sind gegenüber jenen, denen zu Unrecht genommen wurde, sind sie, die Beschenkten, deswegen nicht auch noch mächtiger. Denn dieses wird nicht nach der Zahl der Menschen bemessen, sondern nach ihrer Bedeutung. Denn worin liegt die Gerechtigkeit, wenn derjenige, der kein Grundstück hatte, nun eines besitzt, welches viele Jahre oder sogar Jahrhunderte zuvor in Besitz genommen worden war, derjenige aber, der eines hatte, es nun verliert?

[80] Und wegen dieser Art des Unrechts vertrieben die Lacedaemonier den Ephoren Lysander, König Agis - was niemals zuvor bei ihnen geschehen war - töteten sie, und seit dieser Zeit folgten so große Zwistigkeiten, dass Tyrannen auftraten, die Optimaten verjagt wurden und der prächtigst eingerichtete Staat zerfiel. Aber nicht nur er selbst ging unter, sondern er brachte auch das übrige Griechenland durch Ansteckung mit den Übeln zu Fall, die, nachdem sie von den Lacedaemoniern ausgegangen waren, weiter um sich griffen. Was? Haben unsere Gracchen, die Söhne des Tiberius Gracchus, die Enkel des Africanus, nicht die Kämpfe um eine Bodenreform zugrunde gerichtet?

[81] Aber Aratus aus Sicyon wird zu Recht gelobt, der, als dessen Bürgerschaft fünfzig Jahre von Tyrannen beherrscht wurde, aus Argos nach Sicyon aufbrach und sich in einem heimlichen Einmarsch der Stadt bemächtigte und, nachdem er den Tyrannen Nicocles unversehens überwältigt hatte, sechshundert Verbannte, die die Wohlhabendsten dieser Bürgerschaft gewesen waren, zurückführte und den Staat durch seine Ankunft befreite. Aber als er die große Schwierigkeit bei den Vermögens- und Besitzverhältnissen erkannte, da er glaubte, es sei sehr ungerecht, wenn diejenigen, die er selbst zurückgeführt, deren Hab und Gut andere in Besitz genommen hatten, Not litten, und er es auch nicht für allzu ge- recht hielt, an fünfzig Jahre alte Besitzverhältnisse zu rühren, deswe- gen weil man in einem so langen Zeitraum vieles durch Erbschaften, vie- les durch Käufe, vieles durch Mitgift ohne Unrecht besaß, kam er zu der Einsicht, man dürfe jenen nichts wegnehmen und müsse denjenigen Genüge tun, denen jenes Hab und Gut gehört hatte;.

[82] Nachdem er also festgestellt hatte, dass Geld nötig sei, um diese Angelegenheit zu ord- nen, sagte er, er wolle nach Alexandria aufbrechen, und befahl, die Sa- che bis zu seiner Rückkehr unangetastet zu lassen; schnell kam er zu Ptolemaeus, seinem Gastfreund, der damals als zweiter Ptolemaeer nach der Gründung Alexandrias regierte. Als er ihm seine Absicht, das Vaterland zu befreien, dargelegt und ihn über den Rechtsfall unterwie- sen hatte, erwirkte der höchststehende Mann ohne Mühe vom reichen Kö- nig, dass er mit einer großen Geldsumme unterstützt wurde. Als er die- se nach Sicyon mitgebracht hatte, zog er fünfzehn führende Männer zu einer Beratung hinzu, mit denen er die Rechtsfälle untersuchte, die Rechtsfälle derer, die fremdes Eigentum besaßen, und derer, die ihren Besitz verloren hatten; er erreichte, indem er den Wert des Besitzes ab- schätzte, dass er die einen dazu überreden konnte, lieber Geld annehmen zu wollen, den Besitz aber aufzugeben, die anderen, dass sie es

für günstiger hielten, sich den entsprechenden Preis auszahlen zu lassen als ihr Eigentum wiederzuerlangen. So wurde durchgesetzt, dass alle in festgefügter Eintracht ohne Klage auseinandergingen.

[83] Welch bedeutender Mann und würdig, in unserem Staat geboren zu sein! So ziemt es sich, mit den Bürgern zu verfahren, nicht, wie wir es schon zweimal gesehen haben, die Lanze auf dem Forum aufzupflanzen und das Vermögen der Bürger der Stimme des Ausrufers preiszugeben. Aber jener Grieche glaubte, das, was die Aufgabe eines weisen und vortrefflichen Mannes gewesen ist, für alle sorgen zu müssen, und dieses ist die höchste Maxime und Weisheit eines guten Bürgers, den Besitz der Bürger nicht zu vernichten, sondern alle mit derselben Gleichheit des Rechts zusammenzuhalten. Sie sollen unentgeltlich bei einem Fremden wohnen. Warum dies? Damit du, während ich gekauft und gebaut habe, in gutem baulichen Zustand erhalte und Geld aufwende, gegen meinen Willen mein Eigentum genießt? Das heißt doch, den einen ihr Eigentum zu entreißen, den anderen fremdes Gut zu geben!

[84] Welchen Zweck aber haben neue Schuldenbücher, außer dass du für mein Geld ein Grundstück kaufst, du dieses hast, ich aber kein Geld habe? Deshalb ist Vorsorge zu treffen, dass es keine Schulden gibt, die dem Staat schaden, was durch viele Maßnahmen sichergestellt werden kann, nicht aber so, falls Schulden vorhanden sind, dass die Wohlhabenden ihren Besitz verlieren, die Schuldner aber fremdes Eigentum gewin- nen. Denn nichts hält den Staat stärker zusammen als das Vertrauen, das keines sein kann, wenn die Abzahlung geliehenen Geldes nicht notwendig sein wird. Dass nicht abgezahlt wurde, betrieb man niemals energischer als unter meinem Konsulat. Mit einem bewaffneten Heerlager wurde die Angelegenheit von Menschen jeden Schlags und Standes in Angriff ge- nommen; diesen habe ich einen solchen Widerstand geleistet, dass die- ses ganze Übel aus dem Staat entfernt wurde. Niemals gab

es größere Schulden, und niemals wurden sie besser und leichter abbezahlt; denn nachdem die Hoffnung zu betrügen genommen war, folgte der Zwang zur Zahlung. Aber dieser, der jetzt Sieger ist, damals Besiegter war, führte das, was er ausgedacht hatte, da, wo es wichtig für ihn war, auch aus, obwohl ihn selbst nichts mehr daran lag. Eine solche Lust am Bösen hatte er, dass es ihn selbst freute sich zu vergehen, auch wenn es keinen Grund gab.

[85] Von dieser Art Schenkung also, dass den einen gegeben, den anderen genommen wird, werden sich diejenigen fernhalten, die den Staat schützen werden, und vor allem werden sie sich Mühe geben, dass jeder durch gerechte Handhabung von Rechtsvorschriften und Gerichtsverfahren seinen Besitz bewahrt und weder die Minderbemittelten wegen ihres niedrigen Standes bedrängt werden noch den Wohlhabenden, wenn sie das Ihre bewahren oder zurückgewinnen wollen, Neid im Wege steht, außer- dem, dass sie mit allen nur möglichen Mitteln des Krieges oder Friedens den Machtbereich des Staates erweitern und seine Ländereien und Ein- künfte vergrößern. Dieses sind die Aufgaben bedeutender Menschen; die- ses wurde bei unseren Vorfahren gewöhnlich verrichtet; diejenigen, die diese Arten von Pflichten mit höchstem Nutzen für den Staat ausführen, werden auch persönlich große Beliebtheit und Ruhm erlangen.

86-87 Anhang: Wert der Gesundheit und des Geldes

[86] In dieser Lehre über den Nutzen sind, wie Antipater von Tyros, ein Stoiker, der neulich in Athen gestorben ist, glaubt, zwei Punkte von Panaetius übergangen worden, die Sorge um die Gesundheit und das Geld; nach meiner Meinung hat der sehr bedeutende Philosoph diese Punkte übergangen, weil sie selbstverständlich waren; nützlich sind sie sicherlich. Aber die Gesundheit wird erhalten durch Kenntnis des eigenen Körpers und durch Beachtung dessen, was

gewöhnlich entweder nützt oder schadet, durch Enthaltsamkeit in der ganzen Lebensweise, durch die Pflege des Körpers und letztlich durch die Kunst derjenigen, deren Wis- sen sich hierauf bezieht.

[87] Vermögen aber muss mit den Mitteln er- worben werden, die frei von Schande sind; es muss aber mit Sorgfalt und Sparsamkeit bewahrt und auch mit denselben Mitteln vermehrt wer- den. Diese Themen hat der Sokratiker Xenophon sehr treffend in dem Buch dargestellt, das ’Oeconomicus‘ betitelt ist, welches ich, als ich fast in dem Alter war, in dem du jetzt bist, aus dem Griechischen ins Lateinische übersetzt habe. Aber dieser ganze Bereich, der Erwerb und die Anlage des Geldes (ich wünschte auch der Gebrauch) wird von eini- gen sehr guten Männern, die bei der mittleren Torhalle sitzen, besser erörtert als von irgendwelchen Philosophen in einer Schule. Dennoch muss man die Geldgeschäfte lernen, denn sie gehören zum Nützlichen, das in diesem Buch erörtert worden ist.

88-89 Konflikt der Pflichten und des Nutzens

[88] Aber ein Vergleich des Nutzens, da dieses der vierte Punkt ist, den Panaetius übergangen hat, ist oft notwendig. Denn die Güter des Körpers werden gewöhnlich mit äußerlichen Gütern, die äußerlichen mit denen des Körpers, die Güter des Körpers untereinander und die äußerlichen Güter miteinander verglichen. Mit den äußerlichen Gütern werden die Güter des Körpers in der Weise verglichen,dass man lieber gesund als reich sein will, mit den Gütern des Körpers die äußerlichen so, dass man lieber reich als mit den größten Körperkräften ausgestattet sein will: Die Güter des Körpers werden untereinander so verglichen, dass die Gesundheit der Lust vorgezogen wird, die Kräfte der Schnelligkeit; der Vergleich der äußerlichen Güter aber fällt so aus,

dass der Ruhm dem Reichtum, die Einkünfte in der Stadt denen auf dem Lande vorgezogen werden.

[89] Zu dieser Art von Vergleich gehört jener Ausspruch des greisen Cato; als er gefragt wurde, was hinsichtlich des Vermögens am meisten Vorteil einbringe, antwortete er: ”Gute Viehzucht treiben“; was an zweiter Stelle: ”Recht gute Viehzucht treiben“; was an dritter: ”Schlechte Viehzucht treiben“; was an vierter: ”Ackerbau treiben“. Und als jener, der gefragt hatte, gesagt hatte: ”Wie steht es mit der Geldausleihe gegen Zinsen?“, da entgegnete Cato: ”Das ist ja das Gleiche wie einen Menschen töten.“ Hieraus und aus vielem anderen muss erkannt werden, dass Vergleiche des Nutzens gewöhnlich angestellt werden und dieser vierte Bereich, die Pflichten zu erforschen, zu Recht hinzugefügt ist. Den Rest werden wir der Reihe nach darstellen.

Drittes Buch

1-6 Einleitung. Ausnützung der Muße

[1] P. Scipio, mein Sohn Marcus, derjenige, der als erster Africanus genannt wurde, pflegte zu sagen, wie Cato schrieb, der fast sein Zeitgenosse war, niemals sei er weniger frei von Staatsgeschäften, als wenn er ihrer ledig sei, und nicht weniger allein, als wenn er allein sei. Ein in der Tat großartiger Ausspruch und eines bedeutenden und weisen Mannes würdig; dieser bedeutet, dass jener in der Muße über die Staatsgeschäfte nachzudenken und in der Einsamkeit mit sich zu sprechen pflegte, so dass er niemals untätig war und bisweilen die Unterhaltung mit einem anderen nicht vermisste. So spornten jenen zwei Dinge an, die den Übrigen Resignation bringen: Muße und Einsamkeit. Ich wünschte, uns wäre dieses ebenso mit voller Wahrheit zu sagen möglich, aber wenn wir weniger durch Nachahmung eine so große Vortrefflichkeit des Geistes erreichen können, so kommen wir gewiss über den Willen sehr nahe an diese heran. Denn da wir von der politischen Tätigkeit und den Tätigkeiten auf dem Forum durch ruchlose Waffen gewaltsam ausgeschlossen sind, suchen wir die Muße und sind deswegen oft allein, wenn wir die Stadt verlassen haben und von einem Landhaus zum anderen wechseln.

[2] Aber weder ist diese Muße mit der Muße des Africanus noch diese Einsamkeit mit jener zu vergleichen. Jener nämlich wählte für sich dann und wann die Muße, wenn er sich von der schönsten politischen Wirksamkeit erholte, und zog sich von der Zusammenkunft und der Masse der Menschen mitunter wie in einen Hafen in die Einsamkeit zurück, unsere Muße aber beruht auf dem Mangel an Betätigung, nicht auf dem Bestreben auszuruhen. Denn

was gibt es noch nach der Entmachtung des Senates und der Unterdrückung der Gerichte, das wir, unser würdig, entweder in der Kurie oder auf dem Forum tun könnten?

[3] So meiden wir jetzt, während wir einst vor aller Welt und vor den Augen der Bürger gelebt haben, den Anblick verruchter Menschen, von denen alles überströmt, wir verbergen uns, soweit es möglich ist, und sind oft allein. Aber weil wir von gebildeten Menschen vernommen haben, dass man nicht nur aus den Übeln die geringsten auswählen, sondern auch aus ihnen selbst aussuchen soll, falls etwas Gutes darin enthalten sei, deswegen genieße ich einerseits die Muße, freilich nicht jene, die derjenige genießen müsste, der einst den Frieden für die Bürgerschaft ermöglicht hatte, und lasse andererseits nicht zu, dass die Einsamkeit langweilig ist, die meine Notsituation, nicht mein Wille mir einbringt.

[4] Indessen erlangte Africanus nach meiner Meinung größeren Ruhm. Denn keine schriftlich niedergelegten Erinnerungszeichen seines Geistes, kein Werk seiner Muße, keine Frucht seiner Einsamkeit sind erhalten; hieraus muss erkannt werden, dass jener infolge der Regsamkeit seines Geistes und der Erforschung der Gegenstände, über die er nachdachte, weder müßig noch jemals allein gewesen ist; wir aber, die wir nicht so viel Kraft haben, dass wir durch geistige Arbeit im Stillen von der Einsamkeit loskommen, richten unseren ganzen Eifer und unsere Bemühung auf diese schriftstellerische Tätigkeit. Daher haben wir in kurzer Zeit nach der Zerstörung des Staates mehr geschrieben als in den vielen Jahren, da er Bestand hatte.

[5] Aber weil die ganze Philosophie, mein Cicero, fruchtbar und ersprießlich ist und kein Teil von ihr öde und unfruchtbar, gibt es sodann in ihr kein ertragreicheres und ergiebigeres Thema als das über die Pflichten, von denen

die Vorschriften für ein charakterfestes und ehrenhaftes Leben abgeleitet werden. Obwohl ich daher darauf vertraue, dass du dieses von unserem Cratippus, dem führenden Philosophen unserer Zeit, unablässig hörst und in dich aufnimmst, glaube ich dennoch, dass es nützlich ist, wenn deine Ohren überall von solchen Stimmen umtönt werden und sie nichts anderes hören, falls es möglich ist.

[6] Dieses müssen alle tun, die beabsichtigen, sich auf ein ehrenhaftes Leben einzulassen, und vielleicht niemand mehr als du. Du trägst nämlich die nicht geringe Erwartung, dass du unseren Fleiß, die große, dass du unsere Ehren, die nicht unbedeutende, dass du vielleicht unseren Ruhm nachahmen wirst. Außerdem hast du die Verantwortung übernommen, die dir Athen und Cratippus auferlegen; weil du dich zu diesen begeben hast, um die Wis senschaften gleichsam einzukaufen, ist es äußerst schändlich, wenn du mit leeren Händen zurückkehrst und so das Ansehen der Stadt und des Lehrers entehrst. Wie viel an geistiger Anstrengung dir daher möglich ist, wie viel du unter Mühen erstreben kannst, wenn wirklich das Lernen mehr eine Arbeit als ein Vergnügen ist, so viel tue, um etwas zu leisten, und lasse es nicht so weit kommen, dass du selbst, obwohl dir alles von uns bereitgestellt worden ist, den Eindruck erweckst, du habest es an dir fehlen lassen. Aber genug davon; vieles nämlich haben wir dir oft schon geschrieben, um dich zu ermahnen; nun wollen wir zu dem noch ausstehenden Teil der angeführten Einteilung zurückkehren.

7-120 Der Konflikt zwischen den Pflichten der Tugend und des Nutzens 7-10 Panaitios führte dieses Thema nicht aus

[7] Panaitios also, der ohne Zweifel die Pflichten sehr genau untersucht hat und dem wir, nachdem wir eine gewisse Richtigstellung vorgenommen haben, hauptsächlich gefolgt sind, stellte drei Bereiche auf, in denen Menschen über

die Pflicht nachzudenken und zu beratschlagen gewohnt seien: erstens wenn sie zweifelnd fragten, ob das sittlich gut sei, um was es gehe, oder schändlich, zweitens, ob es nützlich sei oder unnütz, drittens, ob das, was vermeintlich das Sittlichgute sei, dem widerspreche, was nützlich erscheine, und auf welche Weise dieses unterschieden werden müsse. Die beiden ersten Bereiche setzte er in drei Büchern auseinander und schrieb, über den dritten Bereich aber werde er im Folgenden sprechen, ohne jedoch zu erfüllen, was er versprochen hatte.

[8] Hierüber wundere ich mich um so mehr, weil von seinem Schüler Poseidonios geschrieben worden ist, Panaitios habe dreißig Jahre, nachdem er jene Bücher herausgegeben habe, noch gelebt. Ich wundere mich, dass Panaitios dieses Thema nur kurz in einigen Aufzeichnungen berührt hat, zumal er schreibt, in der gesamten Philosophie sei kein Thema so notwendig.

[9] Keineswegs aber stimme ich denjenigen zu, die leugnen, dass Panaitios dieses Thema ohne Absicht übergangen hat, aber behaupten, er habe es absichtlich aufgegeben und man brauche überhaupt nicht darüber zu schreiben, weil der Nutzen niemals mit dem Sittlichguten im Streit liegen könne. Diesbezüglich kann das eine zweifelhaft sein, ob diese Frage, die in der Einteilung des Panaitios die dritte ist, berücksichtigt werden muss oder gänzlich unerwähnt bleiben darf; das andere kann nicht bezweifelt werden, dass sie von Panaitios geplant, aber nicht ausgeführt worden ist. Denn demjenigen, der aus einer dreigeteilten Gliederung zwei Teile zu Ende geführt hat, muss ein dritter übrig bleiben; außerdem verspricht er am Ende des dritten Buches über diesen Teil im Folgenden sprechen zu wollen.

[10] Zu diesen Gründen kommt als zuverlässiger Zeuge Poseidonios, der in einem Brief sogar schreibt, P. Rutilius Rufus, der Panaitios gehört hatte, pflege

zu sagen, wie kein Maler gefunden worden sei, der bei der Venus von Kos den Teil, den Apelles im Anfangsstadium aufgegeben habe, fertigstelle - denn die Schönheit ihres Antlitzes nahm die Hoffnung, den restlichen Körper in gleicher Weise darzustellen -, so habe niemand das, was Panaitios übergangen habe, wegen der Vortrefflichkeit dessen, was er vollendet habe, zu Ende geführt.

11-19a Berechtigung der Frage nach dem Konflikt zwischen Tugend und Nutzen

[11] Daher darf an der Meinung des Panaitios nicht gezweifelt werden; ob er aber diesen dritten Teil seiner Untersuchung über die Pflicht zu Recht angeschlossen hat oder zu Unrecht, darüber kann vielleicht disputiert werden. Denn sei es, dass das Sittlichgute allein ein Gut ist, wie die Stoiker meinen, sei es, dass das, was sittlich gut ist, in der Weise das höchste Gut ist, wie eure Peripathetiker glauben, dass nämlich alles, was auf die andere Seite gelegt worden sei, kaum den geringsten Ausschlag gebe, es darf nicht daran gezweifelt werden, dass der Nutzen niemals mit dem Sittlichguten in Konflikt kommen kann. Und so haben wir erfahren, dass Socrates diejenigen zu verwünschen gewohnt war, die zuerst diesen von Natur aus bestehenden Zusammenhang in der Vorstellung aufgelöst hatten. Ihm stimmten die Stoiker in der Wiese zu, dass sie meinten, alles, was sittlich gut sei, sei nützlich und nichts sei nützlich, was nicht sittlich gut sei.

[12] Wenn nun Panaitios so wäre, dass er sagte, die Tugend müsse deswegen gewahrt werden, weil sie den Nutzen bewirke, wie diejenigen es tun, die erstrebenswerte Dinge entweder an der Lust oder an dem Freisein von Schmerz messen, wäre es ihm möglich zu sagen, der Nutzen widerspreche manchmal dem Sittlichguten. Aber weil er so ist, dass er meint, das allein sei gut, was sittlich gut ist, das Leben aber werde weder durch das Hinzukommen dessen, was mit einem scheinbaren Nutzen dem Sittlichguten widerstreite,

besser noch durch die Verminderung desselben schlechter, scheint es, er habe eine solche Überlegung nicht vorbringen dürfen, bei der das, was nützlich erscheint, mit dem, was sittlich gut ist, verglichen wird.

[13] Denn was das höchste Gut von den Stoikern genannt wird, im Einklang mit der Natur zu leben, das bedeutet, wie ich meine, immer mit der Natur übereinzustimmen, das Übrige aber, was der Natur gemäß ist, dann auszuwählen, wenn es der Tugend nicht widerspricht. Obwohl dieses so ist, glauben manche, dieser Vergleich sei nicht zu Recht angeführt worden und in diesem Bereich hätte überhaupt nichts vorgeschrieben werden dürfen. Und jenes Sittlichgute, das im eigentlichen Sinn so genannt wird, gibt es allein bei den Weisen und kann niemals von der Tugend getrennt werden. Bei denjenigen aber, die keine vollendete Weisheit haben, kann es jenes vollendete Sittlichgute in keiner Weise geben, wohl aber Annäherungen an das Sittlichgute.

[14] Diese pflichtmäßigen Handlungen nämlich, über die wir in diesen Büchern disputieren, nennen die Stoiker die mittleren; diejenigen gehen alle an und erstrecken sich weithin, die viele auf Grund ihrer glücklichen Anlage und ihrer fortschreitenden Besserung erreichen können. Jene pflichtmäßige Handlung aber, welche sie das Richtige nennen, ist vollendet und, wie dieselben sagen, ohne Einschränkung vollkommen und kann nur auf einen Weisen zutreffen.

[15] Wenn aber etwas getan worden ist, bei dem die mittleren pflichtmäßigen Handlungen zum Vorschein kommen, scheint dieses deswegen gänzlich vollkommen zu sein, weil das Volk das, was zur Vollkommenheit fehlt, nur ausnahmsweise erkennt; sofern es dieses aber erkennt, glaubt es, nichts sei unterlassen worden. Das Gleiche kommt bei Gedichten, bei Gemälden und mehreren anderen Werken vor, dass nämlich die Unkundigen sich daran

erfreuen und das loben, was nicht lobenswert ist, aus dem Grunde, wie ich glaube, weil in diesen Kunstwerken etwas Richtiges enthalten ist, das die Unwissenden für sich einnimmt, die zugleich nicht beurteilen können, was an jedem einzelnen Gegenstand fehlerhaft ist. Wenn sie daher von wirklichen Sachkennern unterwiesen worden sind, lassen sie leicht von ihrer Meinung ab. Diese pflichtmäßigen Handlungen also, die wir in diesen Büchern erörtern, sind, wie sie sagen, sozusagen Tugenden zweiten Grades, die nicht nur den Weisen zu Eigen sind, sondern für das ganze Menschengeschlecht gelten.

[16] Daher lassen sich von diesen pflichtmäßigen Handlungen alle bewegen, die über eine angeborene Tüchtigkeit verfügen. Nicht aber nimmt man sich, wenn die beiden Decier oder die beiden Scipionen als tapfere Männer angeführt oder wenn Fabricius oder Aristides gerecht genannt werden, an jenen ein Beispiel für Tapferkeit oder an diesen ein Beispiel für Gerechtigkeit wie an einem Weisen; denn niemand von ihnen war so weise, wie wir einen Weisen verstanden wissen wollen, und auch diejenigen, die für weise gehalten und so genannt wurden, M. Cato und C. Laelius, waren nicht weise, nicht einmal jene sieben, sondern sie hatten, da sie das mittlere rechte Handeln häufig ausübten, eine gewisse Ähnlichkeit mit Weisen und den Anschein derselben.

[17] Daher ist es weder schicklich, wenn das, was wirklich sittlich gut ist, mit dem angeblich widerstreitenden Nutzen verglichen wird, noch darf das, was wir gemeinhin das Sittlichgute nennen, was von denjenigen gepflegt wird, die für gute Männer gehalten werden wollen, jemals mit dem Nutzen verglichen werden, vielmehr müssen wir dieses Sittlichgute, das Gegenstand unseres Erkennens ist, so bewahren und erhalten wie die Weisen jenes, was im eigentlichen Sinne und wirklich das Sittlichgute genannt wird; denn sonst kann der Fortschritt nicht beibehalten werden, falls er auf die Tugend hin erfolgt ist.

Aber dieses habe ich über diejenigen gesagt, die, da sie die Pflichten bewahren, als die Guten angesehen werden.

[18] Diejenigen aber, die alles nach Vorteil und Nutzen beurteilen und nicht wollen, dass das Sittlichgute diese überwiegt, vergleichen gewöhnlich in ihren Überlegungen das Sittlichgute mit dem, was sie für nützlich halten, gute Männer pflegen dieses nicht zu tun. Und so glaube ich, dass Panaitios, als er sagte, dass Menschen bei diesem Vergleich zu zögern pflegen, eben das gemeint hat, was er gesagt hat, dass sie es nur zu tun pflegen, nicht aber auch müssen. Denn es ist nicht nur sehr schmählich, das, was nützlich erscheint, höher zu schätzen als das, was sittlich gut ist, sondern auch diese beiden untereinander zu vergleichen und hierbei Zweifel zu hegen. Was also ist das, was manchmal Zweifel zu verursachen pflegt und bedenkenswert erscheint? Ich glaube, wenn einmal ein Zweifel darüber entsteht, von welcher Art das ist, was erwogen wird.

[19a] Oft nämlich geschieht es durch die Umstände, dass das, was meistens für schändlich gehalten zu werden pflegt, für nicht schändlich befunden wird. Um eines Beispiels willen soll etwas angeführt werden, was weite Geltung hat. Welches Verbrechen ist größer als nicht nur einen Menschen, sondern sogar einen befreundeten Menschen zu töten? Hat sich also jemand eines Verbrechens schuldig gemacht, wenn er einen Tyrannen getötet hat, mochte dieser auch noch so befreundet mit ihm sein? Dem römischen Volk jedenfalls scheint es nicht so zu sein, das von allen glänzenden Taten jene für die schönste hält. Es hat also der Nutzen über das Sittlichgute gesiegt? Im Gegenteil, dem Sittlichguten ist der Nutzen gefolgt.

19b-32 Man darf nie für eigenen Nutzen andere schädigen

[19b] Damit wir daher ohne jeden Irrtum eine Entscheidung treffen können, wenn einmal das, was wir das Nützliche nennen, offenbar mit dem im Streit zu liegen scheint, was wir unter dem Sittlichguten verstehen, muss eine gewisse Norm aufgestellt werden; wenn wir dieser bei dem Vergleich folgen, werden wir niemals von der pflichtmäßigen Handlung abweichen.

[20] Es wird aber diese Norm in besonderer Weise mit der Lehre und dem System der Stoiker übereinstimmen; ihr folgen wir in diesen Büchern deswegen, weil diese Fragen, obwohl von den alten Akademikern und euren Peripatetikern, die einst dieselben waren wie die Akademiker, das, was sittlich gut ist, dem vorgezogen wird, was nützlich erscheint, dennoch von denjenigen, denen alles, was sittlich gut ist, zugleich nützlich erscheint und nichts nützlich, was nicht sittlich gut ist, würdevoller erörtert werden als von denjenigen, denen etwas Sittlichgutes nicht nützlich oder etwas Nützliches nicht sittlich gut ist. Uns aber gewährt unsere Akademie eine große Freiheit, so dass es uns möglich ist, nach unserem Recht zu verteidigen, was auch immer uns besonders gut vorkommt. Aber ich kehre zur Norm zurück.

[21] Dass ein Mensch also einem anderen etwas wegnimmt und zum Nachteil des Nächsten seinen eigenen Vorteil vermehrt, ist mehr gegen die Natur als der Tod, als die Armut, als der Schmerz, als das Übrige, das entweder dem Körper oder den Gütern, welche die Außenwelt gewährt widerfahren kann. Denn erstens zerstört ein solches Verhalten das menschliche Zusammenleben und die Gemeinschaft. Wenn wir nämlich so gesinnt sein werden, dass jeder wegen seines Vorteils den Nächsten beraubt oder verletzt, muss die Verbindung des Menschengeschlechts zerreißen, die am meisten gemäß der Natur ist.

[22] Wie der gesamte Körper geschwächt werden und zugrunde gehen müsste, wenn jedes einzelne Glied folgende Meinung hätte, dass es glaubte, es könne wohlauf sein, wenn es die Lebenskraft des ihm nächsten Gliedes für sich gewonnen hätte, so wird notwendigerweise die Verbindung der Menschen und ihre Gemeinschaft zerstört, wenn jeder einzelne von uns die Vorteile der anderen an sich reißt und wegnimmt, was er jedem um seines persönlichen Nutzens willen wegnehmen kann. Denn dass jeder lieber für sich erwerben will, was zum Bedarf des Lebens gehört, als für einen anderen, ist zugestanden worden, ohne dass die Natur widerspricht; jenes aber duldet die Natur nicht, dass wir durch Ausplünderung anderer unsere Mittel, unser Vermögen und unseren Reichtum vermehren.

[23] Aber nicht nur durch die Natur, d.h. durch das Völkerrecht, sondern auch durch die Gesetze der Völker, auf denen in einzelnen Staaten die Staatsverfassung beruht, ist dieses auf dieselbe Weise bestimmt worden, dass es nicht erlaubt ist, um des eigenen Vorteils willen einem anderen zu schaden. Denn danach streben die Gesetze, dieses wollen sie, dass die Vereinigung der Bürger wohlbehalten ist; diejenigen, die diese Vereinigung aufheben, strafen sie mit Tod, Verbannung, Gefängnis und Geldbuße. Und diese Einschränkung bewirkt viel stärker die natürliche Weltordnung selbst, welche das göttliche und menschliche Gesetz ist; wer dieser gehorchen will - alle aber werden gehorchen, die gemäß der Natur leben wollen -, wird es niemals dazu kommen lassen, dass er fremdes Eigentum begehrt und das für sich beansprucht, was er einem anderen weggenommen hat.

[24] Denn Erhabenheit und Größe der Gesinnung und ebenso Freundlichkeit, Gerechtigkeit und Freigebigkeit entsprechen viel mehr der Natur als Lust, Leben und Reichtum; diese Werte zu verachten und gering zu schätzen, wenn man sie mit dem allgemeinen Nutzen vergleicht, zeugt von einer großen und

erhabenen Gesinnung. (Einem anderen aber etwas wegzunehmen um eines persönlichen Vorteils willen ist mehr gegen die Natur als Tod, Schmerz und das Übrige derselben Art.)

[25] Und ebenso entspricht es mehr der Natur für die Bewahrung und Unterstützung aller Völker, falls es geschehen kann, die größten Strapazen und Beschwerlichkeiten auf sich zu nehmen, indem man jenen Hercules nachahmt, den die Nachrede der Menschen in Erinnerung an seine Wohltaten der Versammlung der Götter zugezählt hat, als in der Einsamkeit zu leben nicht nur ohne alle Beschwerlichkeiten, sondern auch in den größten Freuden, da man Überfluss an allen Mitteln hat, so dass man sich auch durch Schönheit und Stärke auszeichnet. Daher zieht jeder, der über den besten und edelsten Charakter verfügt, jenes Leben bei weitem diesem vor. Daraus ergibt sich, dass ein Mensch, welcher der Natur gehorcht, seinem Mitmenschen nicht schaden kann.

[26] Ferner, wer einen anderen verletzt, um selbst irgendeinen Vorteil zu erlangen, glaubt entweder, er handle nicht gegen die Natur, oder er meint, Tod, Armut, Schmerz und auch der Verlust von Kindern, Verwandten und Freunden müssten mehr gemieden werden als irgendjemandem Unrecht zuzufügen. Wenn er glaubt, dass durch Verletzung von Menschen nichts gegen die Natur geschieht, was erörterst du dann wohl mit ihm, da er doch dem Menschen das nimmt, was ihn überhaupt zum Menschen macht? Wenn er aber meint, dieses müsse zwar gemieden werden, jenes aber sei bei weitem schlechter, nämlich Tod, Armut und Schmerz, so irrt er in diesem Punkte, dass er glaubt, irgendein körperliches Gebrechen oder eine Beeinträchtigung des Besitzes seien schlimmer als moralische Übel. Also müssen alle dies vor allem zum Grundsatz haben, dass der Nutzen jedes Einzelnen und der Gesamtheit

derselbe ist; wenn jeder den Nutzen an sich reißt, wird sich die ganze menschliche Gemeinschaft auflösen.

[27] Und wenn sogar die Natur dieses vorschreibt, dass der Mensch für den Mitmenschen, wer auch immer es sein mag, gesorgt wissen will, aus eben dem Grunde, weil dieser ein Mensch ist, muss gemäß derselben Natur der Nutzen aller ein gemeinsamer sein. Wenn dieses so ist, stehen wir alle unter ein und demselben Gesetz der Natur, und wenn eben dieses so ist, werden wir gewiss durch das Naturgesetz daran gehindert, einen anderen zu verletzen. Der Vordersatz aber ist wahr, folglich ist es auch der Schlusssatz.

[28] Denn jenes ist absurd, dass einige sagen, sie würden ihrem Vater oder ihrem Bruder um ihres Vorteils willen nichts wegnehmen, das Verhältnis zu den übrigen Bürgern sei dagegen ein anderes. Diese stellen den Satz auf, sie hätten keine Rechtssatzung, kein Bündnis wegen eines gemeinsamen Nutzens zusammen mit den Bürgern, eine Ansicht, die das gesamte Bündnis der Bürgerschaft auflöst. Diejenigen aber, die behaupten, auf Bürger müsse man Rücksicht nehmen, nicht hingegen auf Fremde, heben das gemeinsame Bündnis des Menschengeschlechtes auf; wenn dieses beseitigt ist, werden Güte, Freigebigkeit, Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit von Grund auf beseitigt; diejenigen, die diese Verhaltensweisen beseitigen, müssen für ruchlos auch gegenüber den unsterblichen Göttern gehalten werden. Denn die von diesen unter den Menschen begründete Gemeinschaft zerstören sie, deren engstes Band auf der Meinung beruht, es sei mehr gegen die Natur, wenn ein Mensch einem Menschen um des eigenen Vorteils willen etwas wegnehme als alle Nachteile äußerlicher oder körperlicher Art auf sich nehme, oder sogar des Geistes < zu erwerben> (vgl. Atzert 1971 z.St.), sofern es dabei an Gerechtigkeit fehlt. Denn die Gerechtigkeit ist als einzige Tugend die Herrin und Königin aller Tugenden.

[29] Vielleicht könnte jemand einwenden: Würde also nicht ein Weiser, wenn er selbst durch Hunger erschöpft wird, einem anderen Menschen, der für nichts nützlich ist, die Nahrung wegnehmen? [Keineswegs aber: Denn mein Leben ist für mich nicht nützlicher als eine solche Verhaltensdisposition, dass ich niemanden um eines Vorteils willen verletze.] Ferner, wenn den Phalaris, einen grausamen und unmenschlichen Tyrannen, ein guter Mann, um selbst nicht vor Kälte umzukommen, seiner Kleidung berauben könnte, würde er es nicht tun?

[30] Dieses ist sehr leicht zu beurteilen. Denn wenn du einem Menschen, der in keiner Beziehung nützlich ist, nur zu deinem eigenen Nutzen etwas wegnimmst, würdest du unmenschlich handeln und damit gegen das Naturgesetz; wenn du aber so beschaffen bist, dass du dem Staat und der menschlichen Gemeinschaft, falls du am Leben bleibst, großen Nutzen bringen kannst, würdest du, wenn du einem anderen aus diesem Grund etwas wegnimmst, keinen Tadel verdienen. Wenn aber die Lage nicht derartig ist, muss jeder seinen Nachteil ertragen statt einem anderen seine Vorteile zu nehmen. Also sind Krankheit, Armut oder etwas anderes dieser Art genauso gegen die Natur wie die Wegnahme fremden Besitzes und das Streben nach ihm, aber die Vernachlässigung des gemeinsamen Nutzens ist gegen die Natur; sie ist nämlich ungerecht.

[31] Daher wird das Naturgesetz selbst, das den Nutzen der Menschen bewahrt und festhält, sicherlich verfügen, dass die lebensnotwendigen Dinge von einem trägen und unnützen Menschen auf einen weisen, guten und tüchtigen Mann übergehen, dessen Tod dem Gemeinwohl viel entziehen würde, vorausgesetzt er handelt so, dass er nicht selbst aus Überheblichkeit und Eigenliebe dieses als Vorwand nimmt, um Unrecht zu tun. Auf diese Weise wird er immer seine

Pflicht erfüllen, da er für das Wohl der Menschen und diejenige menschliche Gemeinschaft sorgt, die ich oft anführe.

[32] Denn was Phalaris betrifft, so ist das Urteil sehr leicht. Wir haben nämlich keine Gemeinschaft mit Tyrannen, sondern vielmehr das größte Zerwürfnis, und es ist nicht wider die Natur, denjenigen nach Möglichkeit zu berauben, den zu töten ehrenhaft ist, und dieser ganze unheilvolle und ruchlose Menschenschlag muss aus der menschlichen Gemeinschaft verbannt werden. Denn wie einige Glieder amputiert werden, wenn sie selbst anfangen ohne Blut und gleichsam ohne Lebensatem zu sein und den übrigen Teilen des Körpers schaden, so muss dieses wilde und brutale Tier in Menschengestalt sozusagen aus der sittlichen Gemeinschaft der Menschen abgesondert werden. Untersuchungen dieser Art sind all diejenigen, bei denen das pflichtgemäße Handeln nach Lage der Umstände ermittelt wird.

33-34 Beim Konflikt Tugend/Nutzen geht es nur um scheinbaren Nutzen

[33] Ich glaube also, dass Panaitios derartige Themen behandelt hätte, wenn nicht irgendein Zufall oder eine Beschäftigung seinen Plan vereitelt hätten. In Bezug auf eben diese Fragen gibt es in seinen früheren Büchern hinreichend viele Lehren, aus denen erkannt werden kann, was wegen Unsittlichkeit zu meiden ist, was das ist, das deswegen nicht zu meiden ist, weil es überhaupt nicht unsittlich ist. Aber wie Mathematiker gewöhnlich nicht alles beweisen, sondern voraussetzen, dass ihnen einiges eingeräumt wird, damit sie um so leichter erklären können, was sie wollen, so fordere ich von dir, mein Cicero, da wir einem begonnenen, aber dennoch fast abgeschlossenen Bauwerk gleichsam die Krönung aufsetzen, du mögest mir einräumen, falls du dazu imstande bist, dass das Sittlichgute um seiner selbst willen erstrebenswert ist. Wenn es aber wegen Cratippus nicht möglich ist, so wirst du mir doch

wenigstens zugestehen, dass das Sittlichgute am meisten um seiner selbst willen erstrebenswert ist. Mir genügen beide Ansichten und bald erscheint mir diese, bald jene wahrscheinlicher, außer diesen beiden aber keine.

[34] Und zuerst muss Panaitios in dieser Beziehung verteidigt werden, dass er nicht gesagt hat, das Nützliche könne zuweilen mit dem Sittlichguten im Streit liegen (denn das hätte er nicht gedurft), sondern das, was nützlich erscheine. Dass aber nichts nützlich sei, was nicht zugleich sittlich gut, nichts sittlich gut, was nicht zugleich nützlich, bekundet er oft und sagt, kein größeres Unheil sei in das Leben der Menschen eingedrungen als die Meinung derer, die diese Begriffe trennten. Daher führte er, nicht damit wir manchmal das Nützliche dem Sittlichguten vorziehen, sondern solche Konfliktsfälle, wenn sie einmal auftreten sollten, ohne Schwanken entscheiden, diesen vermeintlichen, aber nicht wirklichen Widerstreit ein. Also werden wir diesen nicht behandelten Teil ohne Hilfsmittel vervollständigen, aber sozusagen auf eigene Faust. Denn nichts von dem, was in meine Hände gelangt ist, ist seit Panaitios über diesen Teil so auseinandergesetzt worden, dass es mir zusagen würde.

35-37a Unmoralisches Handeln und Nutzen gibt es nicht zusammen

[35] Wenn sich uns also irgendein scheinbarer Nutzen zeigt, müssen wir beeindruckt werden. Aber wenn du nach gründlichem Nachdenken erkennst, dass Unsittlichkeit mit dem verbunden ist, was den scheinbaren Nutzen verursacht, dann muss nicht auf den Nutzen verzichtet werden, sondern es gilt zu erkennen, dass dort, wo die Unsittlichkeit ist, der Nutzen nicht sein kann. Wenn nun nichts so wider die Natur ist wie die Unsittlichkeit - denn das Aufrechte, Harmonische und Beständige verlangt die Natur und sie verschmäht das Entgegengesetzte - und nichts so gemäß der Natur ist wie der Nutzen, so können Nutzen und Unsittlichkeit gewiss nicht in derselben Sache enthalten

sein. Ganz ebenso gilt: Wenn wir für das Sittlichgute bestimmt sind und dieses entweder allein erstrebenswert ist, wie Zenon meint, oder ohne Zweifel für unendlich gewichtiger als alles Übrige gehalten werden muss, was die Ansicht des Aristoteles ist, dann muss das Sittlichgute entweder das einzige oder das höchste Gut sein, das aber, was das Gute ist, sicherlich nützlich, folglich alles Sittlichgute auch nützlich.

[36] Daher trennen nicht rechtschaffene Menschen in ihrem Irrtum, sobald sie etwas, was ihnen nützlich erscheint, ergriffen haben, dieses unverzüglich vom Sittlichguten. Dieses ist der Ursprung von Meuchelmorden, Vergiftungen, falschen Testamenten, hierdurch entstehen Diebstähle, Unterschlagungen, Ausplünderungen und Beraubungen von Bundesgenossen und Bürgern, die Gier nach übermäßigem Vermögen, nach unerträglicher Macht und schließlich auch nach Alleinherrschaft in freien Bürgerschaften, was das Schändlichste und Abscheulichste ist, das man sich ausdenken kann. Denn die Vorteile der Dinge erkennen sie in ihrem getrübten Urteil, die Strafe hingegen nicht, ich meine nicht die der Gesetze, die sie oft mit Füßen treten, sondern die der Unsittlichkeit selbst, die am härtesten ist.

[37a] Deswegen sollen Zweifler dieser Art fortgejagt werden - sie sind nämlich alle verbrecherisch und ruchlos -, diejenigen, die überlegen, ob sie dem folgen sollen, was nach ihrer Erkenntnis sittlich gut ist, oder sich wissentlich mit einer Untat beflecken sollen; denn schon im bloßen Zweifel liegt eine Untat, auch wenn sie nicht zu ihrer Ausführung gekommen sind. Also darf das gar nicht überlegt werden, bei dem die Überlegung an sich schon schändlich ist.

37b-39 Das Böse ist grundsätzlich zu meiden

[37b] Und auch die eitle Hoffnung zu verheimlichen und zu verbergen ist von jeder Überlegung fernzuhalten; denn wir müssen, wenn wir nur irgendeinen

Fortschritt in der Philosophie gemacht haben, völlig überzeugt sein, dass wir, auch wenn wir es vor allen Göttern und Menschen verheimlichen könnten, dennoch nichts habgierig, nichts ungerecht, nichts ausschweifend, nichts unmäßig verrichten dürfen.

[38] Aus diesem Grunde wird jener bekannte Gyges von Platon eingeführt, der, als die Erde sich infolge einiger Wolkenbrüche gespalten hatte, in jenen Spalt hinabstieg und ein ehernes Pferd, wie Sagen berichten, bemerkte, in dessen Flanken sich Türen befanden; als er diese geöffnet hatte, erblickte er den Körper eines toten Menschen von noch nie gesehener Größe und einen goldenen Ring an seinem Finger; sobald er ihn abgezogen hatte, steckte er ihn sich selbst an (er war aber ein königlicher Hirte), dann begab er sich in die Versammlung der Hirten. Sooft er dort den Stein dieses Ringes zu seiner Handfläche hin umgedreht hatte, wurde er von niemandem gesehen, er selbst aber sah alles; umgekehrt wurde er wieder gesehen, wenn er den Ring an den richtigen Platz gedreht hatte. Daher machte er sich den Vorteil zu Nutze, den der Ring bot, schändete die Königin und beseitigte mit ihrer Hilfe seinen königlichen Herrn, er räumte diejenigen aus dem Wege, die ihm seiner Meinung nach hinderlich waren, ohne dass ihn jemand bei diesem verbrecherischen Treiben hätte sehen können. So trat er plötzlich durch den Vorteil eines Ringes als König über Lydien auf. Wenn also ein Weiser genau diesen Ring hätte, dürfte er genauso wenig glauben, dass ihm ein Vergehen erlaubt sei, wie wenn er ihn nicht hätte; sittlich Gutes nämlich erstreben gute Männer, nicht Verborgenes.

[39] Und an dieser Stelle sagen einige Philosophen, jene keinesfalls schlechten, aber nicht hinreichend scharfsinnigen, die von Platon vorgebrachte Geschichte sei nur erfunden und erlogen, als ob jener tatsächlich behaupten würde, dieses sei entweder geschehen oder hätte geschehen können. Folgendes ist die

Bedeutung dieses Rings und dieses Beispiels: Falls niemand wissen, niemand nicht einmal ahnen wird, sobald du etwas um des Reichtums, der Macht, der Alleinherrschaft und der Begierde willen tust, falls dieses Göttern und Menschen immer unbekannt sein wird, ob du es dann tun wirst. Sie sagen, dieses könne nicht geschehen. Keineswegs kann dieses geschehen, aber ich frage, was sie tun würden, wenn das, von dem sie sagen, es könne nicht geschehen, sich zutragen könnte. Sie bleiben hartnäckig dabei. Sie behaupten nämlich, es könne nicht geschehen, und beharren auf diesem Standpunkt; was dieses Wort "können" bedeutet, begreifen sie nicht. Denn wenn wir fragen, was sie tun würden, wenn sie es verheimlichen könnten, fragen wir nicht, ob sie es verheimlichen könnten, sondern wir wenden gleichsam einige Zwangsmittel an, damit sie, falls sie antworten, sie würden unter Gewährung von Straffreiheit tun, was nützt, eingestehen, dass sie Verbrecher sind, und einräumen, falls sie nein sagen, dass alles Schändliche um seiner selbst willen gemieden werden muss. Aber wir wollen nun zum Thema zurückkehren.

40-95 Scheinbar Nützliches ohne Verletzung der Sittlichkeit 40-42 Gemeinwohl im Streit mit Pflichten gegen Einzelmenschen

[40] Oft ereignen sich viele Fälle, welche die Menschen durch einen scheinbaren Nutzen verwirren, nicht weil die Frage bedacht wird, ob das Sittlichgute wegen der Größe des Nutzens geopfert werden muss - denn dieses wäre auf jeden Fall schlecht -, sondern jene, ob das, was nützlich erscheint, ohne Schändlichkeit getan werden kann. Als Brutus seinem Kollegen Collatinus die Amtsgewalt entzog, konnte es scheinen, als tue er dieses zu Unrecht; denn bei der Vertreibung der Könige beteiligte er sich an den Plänen des Brutus und unterstützte sie. Als aber der Senat den Plan gefasst hatte, die Blutsverwandten des Superbus, den Namen der Tarquinier und die Erinnerung an die Monarchie beseitigen zu müssen, war das, was nützlich war, nämlich für das Vaterland zu

sorgen, so ehrenhaft, dass es sogar die Zustimmung selbst des Collatinus finden musste. Und so hatte der Nutzen wegen des Sittlichguten Gewicht, ohne das es auch den Nutzen nicht hätte geben können.

[41] Aber bei dem König, der die Stadt gegründet hat, verhielt es sich nicht so. Denn scheinbarer Nutzen beeinflusste seine Gedanken; weil es ihm nützlicher erschien, allein als mit einem anderen zu herrschen, tötete er seinen Bruder. Er ließ Bruderliebe und Menschlichkeit außer Acht, um das, was nützlich erschien, aber nicht war, erlangen zu können, und dennoch schützte er die Mauer als Grund vor, um den Schein von Ehrenhaftigkeit zu erwecken, was weder gut noch sonderlich geschickt war. Er hat sich also vergangen, mit seiner Zustimmung möchte ich dieses sagen, ob er nun Quirinus oder Romulus ist.

[42] Dennoch dürfen wir unsere Vorteile nicht aufgeben und anderen überlassen, da wir sie selbst nötig haben, sondern man muss jedem persönlichen Nutzen dienen, soweit dieses ohne Unrecht an einem Mitmenschen geschehen kann. Geistreich sagte Chrysippus wie vieles sonst:

'Wer in der Rennbahn um die Wette läuft, muss sich anstrengen und bemühen, so sehr er kann, um zu siegen, aber demjenigen ein Bein stellen, mit dem er streitet, oder ihn mit der Hand aus der Bahn werfen darf er in keiner Weise; daher ist es nicht ungerecht, wenn jeder im Leben für sich erstrebt, was dem Nutzen dient, einem anderen aber etwas zu entreißen ist ein Unrecht.'

43-46a Pflicht im Konflikt mit Freundschaft

[43] Am meisten aber werden die Begriffe von Pflicht bei Freunden in Unordnung gebracht, denen nicht zuzugestehen, wozu man in rechter Weise imstande ist, und zuzugestehen, was nicht rechtens ist, gegen die Pflicht verstößt. Aber die Vorschrift über diesen ganzen Bereich ist kurz und nicht schwierig. Was nämlich nützlich erscheint, Ehren, Reichtum, Freuden und

anderes derselben Art, das darf niemals der Freundschaft vorgezogen werden. Aber weder gegen den Staat noch gegen einen Treueid wird ein rechtschaffener Mann um eines Freundes willen handeln, auch dann nicht, wenn er Richter über seinen eigenen Freund sein wird; er legt nämlich die Rolle des Freundes ab, wenn er die Rolle des Richters anlegt. Nur so weit wird er der Freundschaft Rechnung tragen, dass er es lieber sieht, wenn es die Sache des Freundes ist, die mit der Wahrheit übereinstimmt, dass er, solange es durch das Gesetz möglich ist, dem Freund die Zeit für den Vortrag seines Falles günstig einrichtet.

[44] Wenn aber unter Eid das Urteil verkündet werden muss, soll er daran denken, dass er Gott als Zeugen hinzuzieht, d.h., wie ich glaube, seinen Geist, das Göttlichste, das Gott selbst dem Menschen gegeben hat. Daher haben wir von unseren Vorfahren die vortreffliche Gewohnheit übernommen, wenn wir uns nur an sie halten würden, den Richter um das zu bitten, was er guten Gewissens tun könne. Diese Forderung bezieht sich auf das, was, wie ich kurz zuvor gesagt habe, einem Freund vom Richter auf ehrenhafte Weise eingeräumt werden kann. Denn wenn alles getan werden müsste, was Freunde wollen, dürften Freundschaften nicht für solche gehalten werden, sondern für Verschwörungen.

[45] Ich spreche aber über gewöhnliche Freundschaften; denn bei weisen und vollkommenen Männern kann es solches nicht geben. Man erzählt, die Pythagoräer Damon und Phintias seien untereinander so gesinnt gewesen, dass, als der Tyrann Dionysius dem einen von ihnen den Tag der Hinrichtung bestimmt und der, welcher dem Tod geweiht war, einige Tage für sich gefordert hatte, um das Seine dem Schutz von Freunden zu empfehlen, der andere zum Bürgen dafür gemacht worden sei, dass er ihn vor Gericht erscheinen lasse, unter der Bedingung, selbst sterben zu müssen, falls jener

nicht zurückkehre. Als er sich zum festgesetzten Zeitpunkt eingefunden hatte, bewunderte der Tyrann ihre Treue und bat sie, ihn als Dritten in ihr Freundschaftsverhältnis aufzunehmen.

[46a] Wenn also das, was in der Freundschaft nützlich erscheint, mit dem, was sittlich gut ist, verglichen wird, soll der scheinbare Nutzen unbeachtet bleiben, das Sittlichgute aber Bedeutung haben. Wenn aber in der Freundschaft das, was nicht sittlich gut ist, gefordert wird, sollen Gewissenhaftigkeit und Redlichkeit der Freundschaft vorgezogen werden; so wird man diejenige Wahl des rechten Handelns treffen, nach der wir fragen.

46b-49 Politischer Vorteil im Konflikt mit Pflichten gegenüber der Menschheit

[46b] Aber wegen eines scheinbaren Nutzens werden in der Politik sehr häufig Fehler begangen, wie die Unsrigen bei der Zerstörung Korinths es getan haben; härter noch vergingen sich sogar die Athener, die befahlen, dass den Aegineten, die durch ihre Flotte stark waren, die Daumen abgeschnitten wurden. Dieses erschien ihnen nützlich; denn zu sehr drohte Aegina wegen seiner Nähe Piraeus. Aber nichts, was grausam ist, ist nützlich; denn die größte Feindin der menschlichen Natur, der wir folgen müssen, ist die Grausamkeit.

[47] Übel handeln auch diejenigen, die Ausländer daran hindern, sich in den Städten aufzuhalten und sie vertreiben, wie Pennus bei unseren Vorfahren und Papius neulich. Denn in der Position eines Bürgers zu sein, obwohl man keiner ist, ist zu Recht nicht erlaubt; dieses Gesetz brachten die sehr weisen Konsuln Crassus und Scaevola ein. Aber Fremde vom Nutzen einer Stadt fernzuhalten ist ganz und gar unmenschlich. Berühmt sind jene Fälle, bei denen ein scheinbarer Nutzen des Staates gegenüber der Sittlichkeit geringgeschätzt wird. Reich an Beispielen ist unser Staat, oft und ganz besonders auch im Zweiten Punischen Krieg, als er, nachdem er die Niederlage von Cannae erlitten hatte, mehr Mut

aufbrachte als jemals unter glücklichen Umständen; es gab kein Anzeichen von Furcht, keine Erwähnung des Friedens. So groß ist die Macht des Sittlichguten, dass sie den scheinbaren Nutzen in den Schatten stellt.

[48] Als die Athener dem Angriff der Perser auf keine Weise standzuhalten vermochten und beschlossen, die Schiffe zu besteigen, nachdem sie die Stadt aufgegeben und Frauen und Kinder in Troezen in Sicherheit gebracht hätten, und die Freiheit Griechenlands mit der Flotte zu verteidigen, überschütteten sie einen gewissen Cyrsilus mit Steinen, da er ihnen riet, in der Stadt zu bleiben und Xerxes aufzunehmen. Und doch schien jener dem Nutzen zu folgen, aber es war keiner, da die Sittlichkeit dem widerstrebte.

[49a] Themistocles sagte nach seinem Sieg in dem Krieg, der gegen die Perser geführt wurde, in der Volksversammlung, er habe einen für den Staat vorteilhaften Plan, aber es sei nicht zweckmäßig, dass dieser allgemein bekannt werde; er forderte, das Volk solle jemanden nennen, mit dem er sich besprechen könne; Aristides wurde genannt. Diesem sagte jener, die Flotte der Spartaner, die bei Gytheus an Land gezogen worden sei, könne heimlich angezündet werden, wodurch die Macht der Lacedaemonier notwendigerweise gebrochen werde. Als Aristides dieses gehört hatte, kam er unter großer Erwartung in die Volksversammlung und sagte, der Plan, den Themistocles vorlege, sei zwar sehr nützlich, aber keineswegs sittlich gut. Daher glaubten die Athener, weil er nicht sittlich gut sei, sei er auch nicht nützlich, und sie wiesen auf Aristides' Veranlassung das ganze Unterfangen zurück, das sie nicht einmal gehört hatten. Diese fassten einen besseren Entschluss als wir, die wir abgabenfreie Piraten, aber steuerpflichtige Bundesgenossen haben.

49b-95 Konflikte zwischen Nutzen und Tugend in Handel und Wandel 49b-53a Ein Streitfall

[49b] Es bleibe also dabei, dass das, was schändlich ist, niemals nützlich ist, nicht einmal dann, wenn man das, was man für nützlich hält, erlangt; denn schon der Gedanke, nützlich sei, was schändlich, ist unheilvoll.

[50] Aber es treten, wie ich oben gesagt habe, häufig Fälle von der Art auf, dass der Nutzen im Widerspruch mit der Sittlichkeit zu stehen scheint, so dass man genau zu beachten hat, ob er völlig im Widerspruch steht oder sich mit der Sittlichkeit vereinbaren lassen kann. Fragen dieser Art sind folgende: Wenn z.B. ein anständiger Mensch aus Alexandria nach Rhodos eine große Menge Getreide fahren würde während einer Hungersnot bei den Rhodiern und zu einer Zeit, da höchste Teuerung des Getreides herrscht, wenn er zugleich wüsste, dass mehrere Händler aus Alexandrien abgesegelt sind, und sähe, wie die mit Getreide beladenen Schiffe Kurs auf Rhodos nehmen, würde er dieses den Rhodiern sagen oder schweigend sein Getreide so teuer wie möglich verkaufen? Einen weisen und anständigen Menschen stellen wir uns vor; nach der Überlegung und Erwägung desjenigen fragen wir, der es nicht vor den Rhodiern verheimlichen würde, falls er dieses Verhalten für schändlich hielte, aber daran zweifelt, ob es schändlich ist.

[51] In derartigen Angelegenheiten wird das eine von dem Babylonier Diogenes, einem großen und angesehenen Stoiker, gewöhnlich für gut befunden, das andere von Antipater, seinem Schüler, einem sehr scharfsinnigen Menschen; Antipater ist der Meinung, alles müsse offen gesagt werden, damit auch der Käufer das, was der Verkäufer weiß, ganz und gar kennt; Diogenes vertritt die Ansicht, der Verkäufer müsse, insoweit es durch das bürgerliche Recht festgesetzt sei, die Mängel nennen, den Rest ohne

Hinterhalt tun und, da er ja verkaufe, auch möglichst gut verkaufen wollen. "Ich habe meine Ladung herangebracht und zum Verkauf angeboten, ich verkaufe sie nicht teurer als die Übrigen, vielleicht sogar billiger, wenn mein Vorrat größer ist; wem geschieht da ein Unrecht?"

[52] Auf der anderen Seite erhebt sich die Argumentation Antipaters: "Was sagst du da? Während du für die Menschen Sorge tragen und der menschlichen Gemeinschaft dienen musst sowie unter einem solchen Gesetz geboren bist und über derartige Prinzipien der Natur verfügst, denen du gehorchen musst, dass dein Nutzen zugleich der Nutzen der Gemeinschaft ist und umgekehrt der Nutzen der Gemeinschaft auch deiner, willst du den Menschen verheimlichen, welcher Vorteil und welche Menge ihnen zur Verfügung steht?" Diogenes wird vielleicht so antworten: "Etwas anderes bedeutet es zu verheimlichen, etwas anderes zu schweigen, und nicht verheimliche ich dir jetzt etwas, wenn ich dir nicht sage, was das Wesen der Götter, was das höchste Gut ist, ein Wissen, das dir mehr nutzen würde, wenn es dir bekannt wäre, als der geringe Preis des Getreides. Aber nicht alles, was für dich zu hören nützlich ist, brauche ich dir zu sagen."

[53] "Aber ja", wird jener sagen, "ich muss es, wenn du dich daran erinnerst, dass unter den Menschen durch die Natur eine Verbindung geknüpft ist." "Ich erinnere mich", wird jener sagen, "aber ist diese Verbindung etwa so, dass nichts Privateigentum ist? Wenn dieses so ist, darf auch nichts verkauft, sondern muss alles verschenkt werden."

53b-60 Keine Lüge oder Täuschung bei Verkäufen!

[53b] Du siehst, dass bei diesem ganzen Meinungsaustausch nicht gesagt wird "Auch wenn dieses schändlich ist, will ich es dennoch tun, da es nützt", sondern

es sei nützlich, ohne allerdings schändlich zu sein, dass auf der anderen Seite aber gesagt wird, es dürfe deswegen nicht getan werden, weil es schändlich sei.

[54] Stelle dir vor, es verkauft ein rechtschaffener Mann sein Haus wegen irgendwelcher Mängel, die er selbst kennt, die anderen aber nicht; das Haus ist verseucht, gilt aber als gesundheitsfördernd; man weiß nicht, dass in allen Zimmern Schlangen zu sehen sind; es ist aus schlechtem Bauholz hergestellt und baufällig, aber außer dem Besitzer weiß dieses niemand; ich frage, wenn dieses der Verkäufer den Käufern nicht sagen, sondern er das Haus viel teurer verkaufen sollte als er meint, es verkaufen zu können, ob es widerrechtlich oder doch wenigstens unredlich ist, wenn er dieses getan hat. "Jener würde in der Tat so handeln", sagt Antipater. "Denn was anderes bedeutet es, einem, der sich verirrt, den Weg nicht zu zeigen, was in Athen unter öffentlichen Verfluchungen verboten worden ist, wenn nicht dasselbe wie zuzulassen, dass der Käufer ins Verderben stürzt und aus Irrtum einem sehr großen Schaden erliegt. Es bedeutet sogar mehr als den Weg nicht zu zeigen, denn es meint wissentlich einen anderen in die Irre zu führen."

[55] Diogenes entgegnet: "Hat dich etwa zu kaufen gezwungen, wer dich nicht einmal dazu ermuntert hat? Jener hat öffentlich angeboten, was ihm nicht gefiel, du hast gekauft, was dir gefiel. Wenn man nun nicht glaubt, dass diejenigen, die ein gutes und richtig gebautes Haus öffentlich anbieten, einen Betrug begangen haben, auch wenn jenes Haus weder gut noch ordentlich erbaut ist, wie viel weniger nimmt man es von denjenigen an, die das Haus nicht gelobt haben. Wie nämlich kann dort, wo es die eigene Urteilsbildung des Käufers gibt, ein Betrug des Verkäufers vorhanden sein? Wenn also nicht alles, was gesagt ist, erfüllt werden muss, ist dann deiner Meinung nach das zu erfüllen, was nicht gesagt worden ist? Was aber ist törichter als dass ein Verkäufer die Fehler des Gegenstandes erwähnt, den er verkauft? Was aber ist

so absurd, wie wenn auf Befehl des Besitzers ein Ausrufer folgendermaßen anbietet: 'Ein verseuchtes Haus verkaufe ich'?"

[56] So nämlich wird in etlichen ungewissen Fällen einerseits das Sittlichgute verteidigt, andererseits so über den Nutzen gesprochen, dass das, was nützlich erscheint, nicht nur zu tun zulässig ist, sondern es sogar unzulässig ist, wenn man es nicht tut. Dieses ist jener Widerstreit des Nützlichen mit dem Sittlichguten, der oft zu entstehen scheint. Diese Fälle müssen entschieden werden; denn nicht um nur Streitfragen aufzuwerfen, haben wir dieses dargestellt, sondern um deren Lösung zu entfalten.

[57] Es scheint also, dass weder jener Getreidehändler die Rhodier noch dieser Hausverkäufer die Käufer hätte in Unkenntnis lassen dürfen. Denn verheimlichen bedeutet nicht etwas zu verschweigen, von welcher Art auch immer es ist, wohl aber, wenn du willst, dass das, was du weißt, um deines Vorteils willen diejenigen nicht wissen, für die es wichtig wäre, dass sie es wissen. Wer aber erkennt nicht die Beschaffenheit dieser Art von Verheimlichung und zu welchen Menschen sie gehört? Sicherlich nicht zu einem offenen, nicht zu einem ehrlichen, nicht zu einem aufrichtigen, nicht zu einem gerechten, nicht zu einem guten Mann, eher zu einem verschlagenen, verschlossenen, listigen, hinterhältigen, boshaften, heimtückischen, durchtriebenen und verschmitzten. Ist es nicht von Nachteil, sich diese so zahlreichen Schandnamen und noch andere mehr zuzuziehen?

[58] also diejenigen zu tadeln sind, die geschwiegen haben, wie muss man dann erst über die urteilen, die sich nichtigen Geredes bedient haben? Als C. Canius, ein römischer Ritter, nicht ohne Witz und hinreichend gebildet, sich nach Syracus zur Erholung, wie er selbst zu sagen pflegte, und nicht um der Handelsgeschäfte willen begeben hatte, sagte er oft, er wolle irgendein kleines

Landgut kaufen, wohin er seine Freunde einladen und wo er sich ohne störende Besucher erheitern könne. Als dieses bekannt geworden war, sagte ihm ein gewisser Pythius, der in Syracus ein Bankhaus hatte, er habe zwar keinen Park zu verkaufen, aber es sei Canius erlaubt, wenn er wolle, diesen wie seinen eigenen zu benutzen, und zugleich lud er ihn für den nächsten Tag zu einem Essen in seinen Park ein. Nachdem jener zugesagt hatte, rief Pythius, der als Bankier bei allen Ständen beliebt war, Fischer zu sich und bat sie, vor seinem Park am folgenden Tag zu fischen. Und er sagte, was sie tun sollten. Pünktlich kam Canius zum Essen; prächtig wurde von Pythius das Gastmahl vorbereitet, vor seinen Augen lag eine Vielzahl von Kähnen, nach seinen Kräften brachte jeder herbei, was er gefangen hatte; vor die Füße des Pythius wurden die Fische geworfen.

[59] Da sagte Canius: "Um Himmels willen! Was bedeutet das, Pythius? So viele Fische? So viele Kähne?" Und jener sprach: "Was Wunder? An diesem Ort fängt man alle Fische, die es in Syracus gibt, ohne dieses Landgut können diese da nicht sein." Zuerst machte jener Schwierigkeiten. Wozu viele Worte? Canius setzte sein Ansinnen durch. Der versessene und wohlhabende Mann kaufte den Park für so viel Geld, wie Pythius es wollte, und zwar mit allem Zubehör. Er ließ die Schuldposten eintragen, er schloss das Geschäft ab. Canius lud tags darauf seine Freunde ein, er selbst kam rechtzeitig, nicht einen einzigen Ruderpflock erblickte er. Er fragte seinen nächsten Nachbarn, ob die Fischer einige Ferientage hätten, weil er gar keinen sehe. "Es gibt keine Ferientage", sagte jener, "aber hier fischt gewöhnlich keiner. Daher konnte ich gestern nicht begreifen, was geschehen war."

[60] Canius ärgerte sich, aber was hätte er tun sollen? Denn C. Aquilius, mein Kollege und Freund, hatte noch nicht die Rechtsformeln bezüglich böswilliger Täuschung veröffentlicht; als er gefragt wurde, was in eben diesen

Rechtsformeln böswillige Täuschung sei, antwortete er, wenn das eine vorgespielt, das andere aber getan worden sei. Das lässt sich hören, wie es von einem des Definierens kundigen Menschen erwartet werden kann. Also sind Pythius und alle, die das eine vorgeben, aber anderes tun, unredlich, boshaft und heimtückisch. Keine ihrer Taten kann also nützlich sein, da sie durch so viele Laster befleckt ist.

61-68a Keine "kluge Lüge"! Bei Immobilien verbietet sie das Gesetz

[61] Wenn also die Definition des Aquilius richtig ist, müssen aus dem gesamten Leben Vortäuschung und Verstellung entfernt werden. So wird ein rechtschaffener Mann weder um besser zu kaufen noch um besser zu verkaufen irgendetwas vortäuschen oder verheimlichen. Und in der Tat war diese böswillige Täuschung auch durch Gesetze geahndet worden, wie die Vormundschaft durch die Zwölftafelgesetze, die Übervorteilung Jugendlicher durch die 'lex Plaetoria' und ohne Gesetzesgrundlage in Prozessen, bei denen hinzugefügt wird 'nach bestem Wissen und Gewissen'. In den übrigen Prozessen aber treten folgende Rechtsformeln ganz besonders hervor: bei einem Urteil über das Vermögen einer Frau 'besser und billiger', bei einem Vertrag auf Treu und Glauben 'wie unter Rechtschaffenen gut gehandelt wird'. Was also? Kann in diesem Grundsatz 'was besser und billiger' irgendeine Spur von Betrug enthalten sein? Oder wenn 'unter Rechtschaffenen gut handeln' gesagt wird, kann da etwas arglistig oder heimtückisch getan werden? Böswillige Täuschung aber beruht, wie Aquilius sagt, auf Vorspiegelung falscher Tatsachen. Beim Abschluss von Verträgen also ist jede Täuschung zu eliminieren. Nicht wird ein Verkäufer einen Scheinkäufer anstellen, nicht ein Käufer jemanden, der gegen ihn bietet. Wenn beide kommen, um zu bieten, werden sie nicht mehr als einmal bieten.

[62] Nachdem Quintus Scaevola, ein Sohn des Publius, gefordert hatte, der Preis für das Anwesen, dessen Käufer er war, solle ihm nur einmal genannt werden, und der Verkäufer dieses getan hatte, sagte er, er schätze das Anwesen höher ein; er fügte 100.000 Sesterze hinzu. Es gibt niemanden, der bestreitet, dass diese Tat die eines rechtschaffenen Mannes gewesen ist; dass sie die eines weisen Mannes gewesen ist, bestreiten sie, als wenn er das Anwesen billiger als möglich verkauft hätte. Darauf also beruht jene verderbliche Lehre, dass sie die einen für rechtschaffen, die anderen für weise halten. Aus diesem Grund schreibt Ennius, 'vergeblich weise sei der Weise, der sich selbst nicht nützen könne'. Der Wahrheit gemäß hat Ennius dieses gesagt, falls ich mit Ennius darin übereinstimmte, was die Bedeutung von 'nützen' ist.

[63] Ich sehe, dass der Rhodier Hecaton, ein Schüler des Panaitios, in den Büchern, die er dem Q. Tubero über die Pflicht geschrieben hat, sagt, es sei die Pflicht eines Weisen, sich um sein Vermögen zu kümmern, ohne dass er gegen Sitten, Gesetze und Bräuche verstoße. Denn wir wollen nicht nur für uns reich sein, sondern auch für Kinder, Verwandte, Freunde und besonders den Staat. Die Mittel und das Vermögen von Einzelpersonen sind nämlich der Reichtum der Bürgerschaft. Diesem kann Scaevolas Tat, über die ich kurz zuvor gesprochen habe, in keiner Weise gefallen. Denn er sagt deutlich, um eines persönlichen Vorteils willen werde er nur das nicht tun, was nicht rechtmäßig sei. Ihm sind weder großes Lob noch Dank zu erweisen.

[64] Aber sei es, dass Vortäuschung und Verstellung böswillige Täuschung bedeuten: es gibt nur sehr wenige Dinge, in denen diese böswillige Täuschung nicht wirkt; sei es, dass ein rechtschaffener Mann derjenige ist, der nützt, wem er nützen kann, und niemandem schadet: gewiss finden wir diesen rechtschaffenen Mann nicht leicht. Niemals also ist verkehrtes Handeln

nützlich, weil es immer schändlich ist, und weil es immer sittlich gut ist, ein rechtschaffener Mann zu sein, ist es immer auch nützlich.

[65] Und bezüglich des Grundstücksrechts ist bei uns durch das bürgerliche Recht festgelegt worden, dass bei ihrem Verkauf die Mängel genannt werden sollen, die dem Verkäufer bekannt sind. Denn während es nach den Zwölftafelgesetzen ausreichte, dass man nur für das einstand, was man ausdrücklich angegeben hatte, und derjenige, der diese Mängel nicht eingestanden hatte, das Doppelte der Strafe zahlte, wurde von den Rechtskundigen auch eine Strafe für das Verschweigen bestimmt. Sie beschlossen nämlich, man müsse für all das einstehen, was an einem Grundstück fehlerhaft sei, falls der Verkäufer es wisse und es nicht namentlich genannt worden sei.

[66] Beispiel: Als auf dem Capitol die Vogelschauer ein Augurium vornehmen wollten und dem T. Claudius Centumalus befohlen hatten, der auf dem Caelius ein Haus hatte, den Teil einzureißen, dessen Höhe die Auspizien beeinträchtige, schrieb Claudius das Mietshaus zum Verkauf aus und P. Calpurnius kaufte es. Diesem wurde von den Auguren genau dasselbe gemeldet. Nachdem daher Calpurnius das Haus eingerissen und in Erfahrung gebracht hatte, dass Claudius dieses erst zum Verkauf angeboten habe, als ihm der Abriss von den Auguren befohlen worden sei, lud er jenen vor den Schiedsrichter: 'Er müsse ihm alles geben und leisten nach Treu und Glauben'. M. Cato fällte den Urteilsspruch, der Vater dieses unseres Cato. Wie nämlich die übrigen nach ihren Vätern, so muss dieser, der jenes leuchtende Vorbild hervorbrachte, nach seinem Sohn benannt werden. Also entschied dieser als Richter folgendermaßen: Da er beim Verkauf von diesem Mangel gewusst und ihn nicht angegeben habe, müsse dem Käufer Ersatz geleistet werden.

[67] Also beschloss er, dass es zum Wesen von Treu und Glauben gehöre, wenn der Fehler, den der Verkäufer kenne, dem Käufer bekannt sei. Wenn er daher recht entschieden hat, so war es nicht recht, dass jener Getreidehändler und der Verkäufer des verseuchten Hauses schwiegen. Aber derartige Fälle von Verschweigen können durch das bürgerliche Recht nicht erfasst werden; was aber erfasst werden kann, wird sorgfältig geahndet. M. Marius Gratidianus, unser Verwandter, hatte C. Sergius Orata das Haus verkauft, das er selbst von demselben wenige Jahre zuvor gekauft hatte. Dieses Haus war belastet, aber davon hatte Marius im Kaufvertrag nichts gesagt; die Angelegenheit wurde vor Gericht gebracht. Crassus verteidigte Orata, Antonius Gratidianus. Crassus betonte den juristischen Standpunkt: "Der Verkäufer müsse für den Fehler, den er nicht genannt habe, obwohl er ihn kenne, einstehen"; Antonius beharrte auf dem Billigkeitsprinzip: "Da dieser Fehler dem Sergius nicht unbekannt gewesen sei, da er jenes Haus gekauft habe, hätte nichts gesagt werden müssen und derjenige sei nicht getäuscht worden, der die Rechtslage des gekauften Gegenstandes genau kannte."

[68a] Wohin zielt diese Darstellung? Dass du erkennst, dass verschlagene Charaktere unseren Vorfahren nicht gefallen haben.

68b-72 Nicht durch die "Maschen des Gesetzes" schlüpfen

[68b] Aber anders gehen die Gesetze, anders die Philosophen gegen Intrigen an: Die Gesetze, insofern sie diese mit Gewalt ahnden, die Philosophen, insofern sie dieses mit Vernunft und Einsicht tun. Also fordert die Vernunft, dass nichts hinterhältig, nichts zum Schein, nichts betrügerisch geschieht. Bedeutet es also nicht einen Hinterhalt, Netze auszuspannen, auch wenn du Tiere nicht aufscheuchen und jagen willst? Denn die Tiere geraten oft von selbst hinein, ohne dass jemand sie verfolgt. Würdest du auf diese Weise ein

Haus zum Verkauf anbieten, ein Verkaufsplakat wie ein Netz aufstellen, soll jemand, ohne es zu wissen, in dieses hineinlaufen?

[69] Obwohl ich sehe, dass ein solcher Betrug wegen der entarteten öffentlichen Meinung weder nach der heutigen Sitte für schändlich gehalten noch durch das Gesetz oder das bürgerliche Recht bestraft wird, ist er dennoch durch das Gesetz verboten. Auch wenn dieses schon oft gesagt worden ist, muss es gleichwohl noch häufiger gesagt werden: Die Gemeinschaft nämlich, die sich am weitesten ausbreitet, ist die aller unter allen, eine engere Gemeinschaft bilden diejenigen, die zu demselben Volk gehören, eine vertrautere diejenigen, welche dieselbe Bürgerschaft bilden. Daher wollten unsere Vorfahren, dass das eine das Völkerrecht, das andere das bürgerliche Recht sei; was das bürgerliche Recht ist, muss nicht ohne Weiteres das Völkerrecht sein, was aber das Völkerrecht ist, muss zugleich das bürgerliche Recht sein, aber wir haben nicht die wirkliche und lebensechte Gestalt des wahren Rechts und der echten Gerechtigkeit, nur einen Schatten und Bilder gebrauchen wir. Wenn wir doch nur diesen folgen würden! Sie sind nämlich den besten Beispielen der Natur und der Wahrheit entnommen.

[70] Denn wie hoch müssen jene Worte geschätzt werden: 'Dass ich nicht durch deine Schuld oder das Vertrauen zu dir getäuscht oder übervorteilt bin!' Wie herrlich sind jene Worte: 'Wie unter Rechtschaffenen gut gehandelt werden muss und ohne Betrug'. Aber wer die Rechtschaffenen sind und was es heißt, gut zu handeln, ist eine wichtige Frage. Q. Scaevola, der höchste Priester, sagte, größere Bedeutung komme all jenen Schiedssprüchen zu, bei denen hinzugefügt werde 'auf Treu und Glauben', und er meinte, der Begriff 'Treu und Glauben' greife am weitesten um sich und spiele eine Rolle bei Vormundschaften, Verbindungen, anvertrauten Gütern, Aufträgen, Käufen und Verkäufen, Pachtung und Verpachtung, worauf das gemeinschaftliche Leben

beruhe; in diesen Fällen sei es die Aufgabe eines fähigen Richters, Entscheidungen zu fällen, zumal bei den meisten Vorgängen Gegenklagen möglich seien, was jeder jedem leisten müsse.

[71] Daher muss man gegen Intrigen angehen und gegen diejenige Arglist, die zwar als Klugheit erscheinen möchte, aber von ihr entfernt ist und sich am meisten von ihr unterscheidet; denn die Klugheit zeigt sich bei der Wahl zwischen dem Guten und Schlechten, die Arglist zieht, wenn alles, was schändlich, auch schlecht ist, das Schlechte dem Guten vor. Aber nicht nur bei Grundstücken bestraft das von der Natur abgeleitete bürgerliche Recht Hinterlist und Betrug, sondern auch beim Verkauf von Sklaven wird der Betrug des Verkäufers gänzlich unmöglich gemacht. Denn wer von ihrer Gesundheit, ihrem Hang zur Flucht und ihrem Diebstahl wissen muss, hat nach dem Edikt der Ädilen dafür einzustehen. Anders verhält es sich bei Erben.

[72] Hieraus ersieht man, da die Natur die Quelle des Rechts ist, dass es gemäß der Natur ist, wenn niemand danach strebt, aus dem Nichtwissen eines anderen Gewinn zu ziehen. Und es kann kein größeres Unglück für das Leben gefunden werden als die Vortäuschung von höherer Einsicht bei Arglist, woraus diese unzähligen Fälle entstehen, in denen das Nützliche mit dem Sittlichguten im Streit zu liegen scheint. Denn wie wenige wird man finden, die sich des Unrechts enthalten können, wenn ihnen Straffreiheit und Unkenntnis aller in Aussicht gestellt sind!

73-78 Weitere Konfliktsfälle

[73] Wir wollen die Probe machen, wenn es gefällt, und zwar für diejenigen Fälle, in denen verkehrt gehandelt wird, obwohl es eine große Mehrheit der Menschen vielleicht nicht glaubt. Denn an dieser Stelle muss nicht über Meuchelmörder, Giftmischer, Testamentsfälscher, Diebe und Veruntreuer

öffentlicher Gelder gesprochen werden, denen man nicht mit Worten und einer philosophischen Abhandlung, sondern mit Gefängnis und Kerker zusetzen muss; wir wollen vielmehr erwägen, was diejenigen tun, die für rechtschaffen gehalten werden. Das gefälschte Testament des reichen L. Minucius Basilus brachten einige aus Griechenland mit nach Rom. Damit sie dieses umso leichter durchsetzen konnten, schrieben sie als Miterben M. Crassus und Q. Hortensius hinein, die mächtigsten Menschen derselben Zeit. Obwohl sie vermuteten, dass jenes Testament gefälscht sei, verschmähten sie nicht, da sie sich andererseits keiner Schuld bewusst waren, das kleine Geschenk aus einem fremden Verbrechen. Wie also? Reicht dieses aus, dass sie glauben, sich nicht vergangen zu haben? Ich jedenfalls glaube es nicht, obwohl ich den einen, als er noch lebte, geliebt habe, den anderen nach seinem Tod nicht hasse.

[74] Aber als Basilus den M. Satrius, den Sohn seiner Schwester, adoptiert und ihn zu seinem Erben gemacht hatte, ich meine den jetzt lebenden Patron des pikenischen und sabinischen Gebietes (welche Schande für unsere Zeit!), war es nicht gerecht, dass die vornehmsten Bürger Geld besaßen, Satrius aber nichts außer seinem Namen zuteil wurde. Denn wenn derjenige, der das Unrecht nicht abwehrt und nicht von den Seinen abwendet, obwohl er es kann, ungerecht handelt, wie ich im ersten Buch erörtert habe, wie ist dann erst derjenige zu betrachten, der das Unrecht nicht nur nicht abwehrt, sondern es sogar fördert? Mir jedenfalls scheinen auch rechtmäßige Erbschaften nicht ehrenhaft zu sein, wenn sie durch heimtückische Schmeicheleien, nicht aber durch aufrichtige, sondern durch vorgetäuschte Dienste erworben worden sind. Gleichwohl scheint in solchen Situationen das eine bisweilen nützlich, das andere sittlich gut zu sein. Zu Unrecht! Denn der Maßstab für den Nutzen ist derselbe wie für das Sittlichgute.

[75] Wer dieses nicht erkennt, wird zu jeder Art von Betrug fähig sein, zu jeder Untat. Denn wer denkt 'jenes ist zwar sittlich gut, aber dieses ist nützlich', wird es wagen, von Natur aus verbundene Dinge durch eine Fehleinschätzung zu trennen, welche die Quelle aller Täuschungen, Übeltaten und Verbrechen ist. Wenn daher ein rechtschaffener Mann diese Macht hätte, dass sich sein Name, falls er mit den Fingern schnalzte, in die Testamente wohlhabender Leute einschleichen könnte, so würde er diese Macht nicht gebrauchen, nicht einmal wenn er sicher wüsste, dass überhaupt niemand dieses jemals vermuten werde. Aber gäbe man diese Macht M. Crassus, dass er durch das Schnalzen der Finger zum Erben eingesetzt werden könnte, obwohl er tatsächlich kein Erbe wäre, er würde, glaube mir, auf dem Forum tanzen. Ein rechtschaffener Mann aber und ein solcher, den wir als einen rechtschaffenen Mann ansehen, wird niemandem etwas entziehen, um es sich zu übertragen. Wer sich hierüber wundert, gibt wohl zu nicht zu wissen, was ein rechtschaffener Mann ist.

[76] Aber wenn er die Vorstellung davon, die in seiner Seele zusammengefalten ist, klären möchte, würde er alsbald sich selbst lehren, dass derjenige ein rechtschaffener Mann ist, der nützt, wem er kann, und niemandem schadet, wenn er nicht durch ein Unrecht herausgefordert worden ist. Was also? Würde sich derjenige nicht schuldig machen, der gleichsam durch ein Zaubermittel erreicht, dass er die wirklichen Erben verdrängt und selbst an deren Stelle tritt? "Also würde er nicht tun", könnte jemand sagen, "was nützlich, was zuträglich ist?" Im Gegenteil, er würde erkennen, dass nichts zuträglich oder nützlich ist, was ungerecht. Wer dieses nicht gelernt hat, wird kein rechtschaffener Mann sein können.

[77] Ich hörte als Junge von unserem Vater, dass der Konsular C. Fimbria zum Richter für M. Lutatius Pinthia bestellt worden sei, einen überaus ehrenhaften römischen Ritter, nachdem dieser eine Prozesswette eingegangen war, 'wenn

er kein rechtschaffener Mann wäre'. Daher habe Fimbria ihm gesagt, er werde niemals jenes Richteramt ausüben, weder um einen trefflichen Menschen seines guten Rufes zu berauben, falls er ihn verurteile, noch um den Eindruck zu erwecken, er habe entschieden, jemand sei ein rechtschaffener Mann, wenn dieses Urteil auf unzähligen Verrichtungen und ruhmvollen Taten beruhe. Einem solchen rechtschaffenen Mann also, den schon Fimbria, nicht nur Socrates kannte, kann in keiner Weise etwas nützlich erscheinen, was nicht sittlich gut ist. Daher wird ein solcher Mann es nicht wagen, nicht nur etwas zu tun, sondern nicht einmal an etwas zu denken, was er nicht auch öffentlich auszusprechen wagt. Ist es nicht eine Schande, wenn Philosophen im Zweifel hierüber sind, wo doch nicht einmal Bauern diesbezüglich Bedenken tragen? Von ihnen stammt das Sprichwort, das infolge seines Alters schon abgedroschen ist. Denn wenn sie jemandes Treue und Gutmütigkeit loben, sagen sie, er sei es wert, dass man mit ihm im Finstern würfelt. Welche Bedeutung hat dieses Sprichwort wenn nicht jene, dass nichts nützlich ist, was sich nicht ziemt, auch wenn man dieses erreichen kann, ohne dass einen jemand überführt?

[78] Siehst du, dass nach diesem Sprichwort weder jenem Gyges verziehen werden kann noch diesem, der, wie ich kurz zuvor mir ausdachte, durch das Schnalzen der Finger die Erbschaften aller zusammenscharren kann? Wie nämlich das, was schändlich ist, auch wenn es verheimlicht wird, dennoch in keiner Weise sittlich gut genannt werden kann, so kann nicht bewirkt werden, dass das, was nicht sittlich gut, nützlich ist, da die Natur dem widerstreitet und widerstrebt.

79-82a Auch großer Gewinn entschuldigt Schlechtigkeit nicht

[79] Aber wenn es sehr große Belohnungen gibt, ist auch ein Grund vorhanden, sich zu vergehen. Als C. Marius von der Aussicht auf das Konsulat weit entfernt war und schon das siebte Jahr nach seiner Prätur ohne Einfluss war, ohne dass es schien, als werde er sich jemals um das Konsulat bewerben, beschuldigte er Q. Metellus, dessen Unterfeldherr er war, einen sehr vorzüglichen Mann und Bürger, vor dem römischen Volk nachdem er von ihm, seinem Feldherrn, nach Rom geschickt worden war: Jener ziehe den Krieg in die Länge; falls sie ihn zum Konsul machten, werde er in kurzer Zeit Iugurtha entweder tot oder lebendig in die Gewalt des römischen Volkes bringen. Und so wurde jener zwar Konsul, aber er gab die Treue und die Gerechtigkeit auf, da er den besten und angesehensten Bürger, dessen Unterfeldherr er war und der ihn geschickt hatte, durch eine falsche Beschuldigung verhasst machte.

[80] Nicht einmal unser Gratidianus erfüllte damals die Pflicht eines rechtschaffenen Mannes, als er Prätor war und die Volkstribunen das Prätorenkollegium hinzugezogen hatten, damit das Münzwesen nach einer gemeinsamen Entscheidung geordnet werde; denn in jener Zeit schwankte der Geldkurs so, dass niemand wissen konnte, was er besaß. Sie verfassten gemeinsam ein Edikt mit Festsetzung der Strafe und des Gerichts und beschlossen, dass alle zugleich nach der Mittagszeit auf die Rednertribüne steigen sollten. Die anderen gingen auseinander, der eine hierhin, der andere dorthin: Marius begab sich ohne Umschweife zur Rednertribüne und machte allein bekannt, was gemeinsam verfasst worden war. Und diese Tat brachte ihm, wenn du fragst, große Ehre ein; in allen Stadtvierteln wurden ihm Statuen errichtet, bei ihnen Weihrauch und Wachskerzen verbrannt. Wozu mache ich viele Worte? Niemand war bei der Menge jemals beliebter.

[81] Solche Fälle sind es, die bisweilen beim Abwägen Verwirrung stiften, wenn die Sache, bei der die Gerechtigkeit verletzt wird, nicht so bedeutend, jenes aber, was hieraus erwächst, sehr bedeutend erscheint, so wie Marius es nicht für so schändlich hielt, den Kollegen und dem Volkstribunen die Gunst des Volkes zu entreißen, hingegen Konsul zu werden, deswegen weil er es sich damals vorgenommen hatte, für sehr nützlich. Aber in allen Fällen gibt es einen Maßstab, der dir, wie ich es mir wünsche, sehr bekannt ist: entweder soll jenes, was nützlich erscheint, nicht schändlich oder, wenn es schändlich ist, nicht nützlich erscheinen. Was also? Können wir jenen Marius für einen rechtschaffenen Mann halten oder diesen Gratidianus? Entfalte und prüfe dein Erkenntnisvermögen, damit du begreifst, welche Vorstellung und welcher Begriff von einem rechtschaffenen Mann in ihm enthalten sind. Passt es also zu einem rechtschaffenen Mann, um eines eigenen Vorteils willen zu lügen, zu verleumden, vorwegzunehmen und zu täuschen? In der Tat nichts weniger.

[82a] Ist also irgendetwas so viel wert oder ist ein Vorteil so erstrebenswert, dass du dafür den ruhmvollen Namen eines rechtschaffenen Mannes verlierst? Was bedeutet es, dass dieser so genannte Nutzen genauso viel herbeischaffen wie wegnehmen kann, wenn er den Namen eines rechtschaffenen Mannes entrissen und das Vertrauen zu dessen Gerechtigkeit entzogen hat? Was nämlich macht es für einen Unterschied, ob sich jemand aus einem Menschen in ein Tier verwandelt oder mit der äußeren Gestalt eines Menschen die Entsetzlichkeit eines Ungeheuers an den Tag legt?

82-b85 Tyrannis als Konfliktsfall zwischen Nutzen und Moral

[82b] Was? Diejenigen, die alles Rechte und Sittlichgute vernachlässigen, wenn sie nur Macht erlangen, tun sie nicht dasselbe wie derjenige, der sogar den zum Schwiegervater haben wollte, durch dessen Kühnheit er selbst mächtig zu sein

beabsichtigte? Nützlich erschien es ihm, aufgrund der Verhasstheit eines anderen sehr viel Einfluss zu haben. Wie ungerecht dieses gegenüber dem Vaterland war und wie schändlich, begriff er nicht. Der Schwiegervater selbst aber hatte immer griechische Verse aus den Phoinikerinnen im Mund, die ich, so gut ich kann, übersetzen werde, ungewandt vielleicht, aber dennoch so, dass der Inhalt verstanden werden kann: "Denn wenn das Recht um des Herrschens willen verletzt werden muss, ist es zu verletzen; in den anderen Fällen magst du das Pflichtgefühl wahren." Todeswürdig ist Eteocles oder vielmehr Euripides, da er dieses eine, was am verruchtesten von allem ist, als Ausnahme betrachtet hat.

[83] Wozu also suchen wir unbedeutende Beispiele zusammen, betrügerische Erbschaften, Handelsgeschäfte und Verkäufe? Da hast du den Mann, der wünschte, König des römischen Volkes und Herr aller Völker zu sein, und dieses auch erreichte. Wenn jemand behauptet, diese Leidenschaft sei ehrenhaft, so ist er von Sinnen; er billigt nämlich den Untergang von Gesetzen und Freiheit und hält deren schändliche und verabscheuungswürdige Unterdrückung für rühmlich. Derjenige aber, der bekennt, es sei zwar nicht sittlich gut, in der Bürgerschaft, die frei gewesen sei und dieses auch bleiben müsse, zu herrschen, aber es sei für denjenigen nützlich, der dieses machen könne: mit welchem Tadel oder vielmehr mit welcher Zurechtweisung soll ich versuchen, ihn von einem so gewaltigen Irrtum wegzubringen? Kann denn etwa, unsterbliche Götter, für irgendjemanden der äußerst scheußliche und schändliche Hochverrat am Vaterland nützlich sein, auch wenn derjenige, der sich hierin verstrickt hat, von den unterdrückten Bürgern Vater genannt wird? Nach dem Sittlichguten also muss der Nutzen beurteilt werden, und zwar so, dass diese beiden dem Wort nach nicht zu harmonieren, der Sache nach aber dasselbe zu bedeuten scheinen.

[84] Ich weiß nicht, welcher Nutzen nach der Meinung der Menge größer sein kann als der zu herrschen; im Gegenteil, nichts, finde ich, ist unnützer für denjenigen, der dieses auf ungerechte Weise erreicht hat, sobald ich beginne, den Gedanken auf die Wirklichkeit zu richten. Können denn für irgendjemanden Anwandlungen von Angst nützlich sein, Besorgnisse, Furcht bei Tage und bei Nacht, ein Leben reich an Hinterhalt und Gefahren? "Viele sind ungerecht und untreu gegen die Königsherrschaft, wenige nur wohlwollend" sagt Accius. Aber gegen welche Königsherrschaft? Diese von Tantalus und Pelops vererbte wurde zu Recht innegehabt. Denn wieviel mehr waren deiner Meinung nach demjenigen König feindlich gesinnt, der mit dem Heer des römischen Volkes das römische Volk selbst unterdrückt und eine nicht nur freie, sondern auch über Völker herrschende Bürgerschaft gezwungen hatte, ihm zu dienen.

[85] Welchen Verfall des Gewissens, welche Wunden hatte er deiner Ansicht nach in seinem Innern? Wessen Leben aber kann für ihn selbst nützlich sein, wenn der Zustand dieses Lebens so ist, dass derjenige, der jenes entrissen hat, in der größten Gunst und dem größten Ruhm stehen wird? Wenn also diese Dinge nicht nützlich sind, muss man, weil das am meisten nützlich erscheint, was reich an Schmach und Schande ist, hinreichend überzeugt sein, dass nichts nützlich ist, was nicht sittlich gut ist.

86-88 Beispiele aus Roms Geschichte

[86] Allerdings ist so oft zu anderer Zeit, besonders aber im Krieg mit Pyrrhus von C. Fabricius in seinem zweiten Konsulat und von unserem Senat entschieden worden. Als nämlich König Pyrrhus mit dem römischen Volk ohne Grund Krieg angefangen hatte und es mit dem vornehmen und mächtigen König einen Kampf um den Bestand des Reiches gab, kam ein Überläufer von

ihm in das Lager des Fabricius und versprach ihm, falls er ihm eine Belohnung in Aussicht stelle, werde er, wie er heimlich gekommen sei, so auch wieder heimlich in das Lager des Pyrrhus zurückkehren und ihn mit Gift töten. Diesen ließ Fabricius zu Pyrrhus zurückführen, und diese seine Tat wurde vom Senat gelobt. Wenn wir nun aber nach dem scheinbaren und vermeintlichen Nutzen fragen, so hätte ein einziger Überläufer jenen großen Krieg beendet und einen schweren Gegner des Reiches vernichtet, aber es wäre eine schlimme Schmach und Schandtat gewesen, wenn derjenige, mit dem es einen Kampf um den Ruhm gegeben hatte, nicht durch Tapferkeit, sondern durch ein Verbrechen besiegt worden wäre.

[87] War es also für Fabricius nützlicher, der in dieser Stadt ein solcher gewesen ist wie Aristides in Athen, oder für unseren Senat, der niemals den Nutzen von der Würde getrennt hat, mit Waffen gegen den Feind zu kämpfen oder mit Gift? Wenn die Herrschaft um des Ruhmes willen erstrebenswert ist, so soll das Verbrechen fern sein, auf dem sich Ruhm nicht gründen kann; wenn aber die Macht um ihrer selbst willen unter allen Umständen erstrebt wird, so wird sie nicht nützlich sein können, wenn Schande daran klebt. Also ist jener Gesetzesvorschlag des L. Philippus, des Sohnes von Quintus, nicht nützlich, dass diejenigen Bürgerschaften, die L. Sulla gegen Erhalt einer Geldsumme entsprechend einem Senatsbeschluss von Tributen befreit hatte, von neuem steuerpflichtig sein und wir ihnen das Geld, das sie für ihre Freiheit gezahlt hatten, nicht zurückgeben sollten. Ihm stimmte der Senat zu. Eine Schande für das Reich! Denn die Zuverlässigkeit von Piraten ist besser als die des Senates. 'Aber vermehrt worden ist das Steueraufkommen, also ist es nützlich.' Wie lange noch werden sie es wagen, etwas nützlich zu nennen, was nicht sittlich gut ist?

[88] Können aber für irgendein Reich, das auf Ruhm und Wohlwollen der Bundesgenossen gestützt sein muss, Hass und Schmach nützlich sein? Sogar mit meinem Cato stimmte ich oft nicht überein. Allzu schroff schien er mir die Staatskasse und die Steuern zu verteidigen, alles den Steuerpächtern abzuschlagen, vieles den Bundesgenossen, obwohl wir diesen gegenüber hätten gefällig sein und mit jenen hätten so verfahren müssen, wie wir es mit unseren Privatpächtern zu tun pflegten, und zwar um so mehr, weil jene Verbindung unter den Ständen das Wohlergehen des Staates betraf. Schlecht handelte auch Curio, als er sagte, die Sache der Transpadaner sei gerecht, aber immer hinzufügte 'Es siege der Nutzen'. Lieber hätte er darlegen sollen, sie sei nicht gerecht, weil nicht nützlich für den Staat, als eingestehen, sie sei gerecht, wobei er aber sagte, sie sei nicht nützlich.

89-92a Weitere Konflikte

[89] Das sechste Buch Hecatons "Über die Pflichten" ist reich an derartigen Untersuchungen, ob es zu einem rechtschaffenen Mann gehört, bei einer sehr starken Teuerung des Getreides die Dienerschaft nicht zu ernähren. Er erörtert das Für und Wider, aber dennoch beurteilt er schließlich die Pflicht mehr nach dem Nutzen, wie er ihn sich denkt, als nach der Menschlichkeit. Er wirft die Frage auf, ob er für den Fall, dass auf dem Meer etwas über Bord geworfen werden muss, lieber ein wertvolles Pferd oder einen billigen Sklaven verlieren soll. In diesem Fall zieht ihn der Besitz hierhin, die Menschlichkeit dorthin. "Wenn ein Tor ein Brett aus einem Schiffbruch an sich gerissen hat, wird ein Weiser ihm dieses entreißen, wenn er es kann?" Er sagt nein, weil es ungerecht sei. Was? Wird der Eigentümer des Schiffes ihm den Balken wegnehmen, weil es sein Eigentum ist? Keineswegs, ebensowenig wie er jemanden, der auf dem Meer segelt, vom Schiff werfen will, weil es ihm gehört. Denn bis man an das

Ziel gelangt, für das ein Schiff angemietet worden ist, gehört das Schiff nicht seinem Eigentümer, sondern dem Segelnden.

[90] Was? Wenn es ein einziges Brett gibt, aber zwei Schiffbrüchige, und zwar weise, sollen dann beide dieses an sich reißen oder soll der eine dem anderen nachgeben? Er soll natürlich nachgeben, aber demjenigen, dessen Leben wertvoller ist entweder um seiner selbst oder um des Staates willen? Was? Wenn diese Bedingungen auf beide in gleicher Weise zutreffen? Es wird keinen Streit geben, sondern gleich als ob er durch das Los oder im Moraspiel besiegt worden wäre, wird der eine dem anderen nachgeben. Was? Wenn ein Vater Heiligtümer plündern und unterirdische Gänge zur Staatskasse vorantreiben würde, soll sein Sohn dieses den Beamten anzeigen? Dieses wäre ein Unrecht, ja sogar soll er den Vater verteidigen, wenn dieser angeklagt wird. Ist also nicht das Vaterland allen Pflichten übergeordnet? Gewiss, aber es ist für das Vaterland selbst zuträglich, Bürger zu haben, die gegenüber ihren Eltern pflichtmäßig handeln. Was? Wenn der Vater versuchen wird, die Gewaltherrschaft zu okkupieren und das Vaterland zu verraten, wird der Sohn dann schweigen? Im Gegenteil, er wird seinen Vater anflehen, dieses nicht zu tun. Wenn er nichts bewirkt, wird er ihn anklagen, ihm sogar drohen; schließlich wird er, wenn dem Vaterland Verderben droht, das Wohlergehen des Vaterlandes dem Wohlergehen des Vaters vorziehen.

[91] Auch fragt er, ob ein Weiser, wenn er aus Versehen gefälschte Münzen statt echter angenommen hat, diese, obwohl er etwas davon gemerkt hat, in Zahlung geben wird anstelle der echten, falls er jemandem etwas schuldet. Diogenes bejaht es, Antipater verneint es, dem ich lieber zustimme. Ob derjenige, der abstehenden Wein wissentlich verkauft, dieses sagen muss, wird gefragt. Diogenes glaubt, es sei nicht notwendig, Antipater meint, es gehöre zu einem rechtschaffenen Mann, dieses zu sagen. Dieses sind gleichsam die

strittigen Rechtsfragen mit den Stoikern. Gefragt wird, ob beim Verkauf eines Sklaven seine Fehler genannt werden müssen, nicht diejenigen, durch die, wenn man sie nicht nennt, der Sklave nach dem bürgerlichen Recht zurückgegeben wird, sondern folgende, ein Lügner zu sein, ein Würfelspieler, ein Dieb, ein Trunkenbold. Der eine glaubt, sie müssten genannt werden, der andere nicht.

[92a] Wenn jemand Gold verkauft und meint, er verkaufe Messing, soll ein rechtschaffener Mann diesem anzeigen, dass jenes Gold ist, oder soll er für einen Denar kaufen, was tausend Denare wert ist? Es ist nunmehr klar, was ich denke und was die Streitfrage unter den Philosophen ist, die ich genannt habe.

92b-95 Wann muss man ein Versprechen nicht halten?

[92b] Gefragt wird, ob Verträge und Versprechen immer eingehalten werden müssen, die weder durch Gewalt noch durch böswillige Täuschung, wie die Prätoren es zu sagen pflegen, entstanden sind. Wenn jemand irgendeinem ein Medikament gegen Wassersucht gegeben und festgesetzt hat, dass er, falls er durch dieses Medikament gesund gemacht worden sei, jenes Medikament später niemals benutzen solle, wenn er durch dieses Medikament gesund geworden und einige Jahre später derselben Krankheit verfallen ist, aber von demjenigen, mit dem er diese Vereinbarung getroffen hatte, nicht erreicht, dass er dieses ein zweites Mal benutzen darf, was da zu tun sei, wird gefragt. Da derjenige unmenschlich ist, der dieses nicht zugesteht, und jenem dennoch kein Unrecht zugefügt wird, muss für sein Leben und seine Gesundheit gesorgt werden.

[93] Was? Wenn irgendein Weiser von demjenigen gebeten worden ist, der ihn zum Erben macht, indem ihm im Testament 100 Millionen Sesterze hinterlassen werden, er möge, bevor er die Erbschaft antrete, am hellen Tage

öffentlich auf dem Forum tanzen, und wenn er dieses zu tun versprochen hat, weil jener ihn sonst nicht zum Erben einsetzen will, soll er das, was er versprochen habe, tun oder nicht? Ich wollte, er hätte es nicht versprochen, und ich glaube, es wäre ein Zeichen von Würde gewesen; da er es versprochen hat, wird es für ihn, wenn er das Tanzen auf dem Forum für schändlich halten wird, ehrenvoller sein zu lügen, falls er nichts von der Erbschaft genommen hat, als zu lügen, wenn er sie genommen hat, es sei denn, er hat dieses Geld für eine schwere Lage des Staates hergegeben, so dass sogar das Tanzen, da er für das Vaterland Sorge tragen wird, nicht schändlich ist.

[94] Auch sind jene Versprechen nicht einzuhalten, die genau für diejenigen nicht nützlich sind, denen du jenes versprochen hast. Der Sonnengott sagte zu seinem Sohn Phaeton, um zu den Mythen zurückzukehren, er werde alles tun, was er wünsche. Er wünschte auf den Wagen seines Vaters zu steigen; er stieg hinauf; und noch ehe er auf dem Wagen stand, ging er infolge eines Blitzschlags in Flammen auf; wie viel besser wäre es gewesen, wenn in diesem Fall das Versprechen des Vaters nicht eingehalten worden wäre. Was? Welches Versprechen forderte Theseus von Neptun? Als Neptun ihm drei Wünsche eingeräumt hatte, wünschte er sich den Tod seines Vaters Hippolytus, weil dieser seinem Vater wegen seiner Stiefmutter verdächtig war; nachdem Theseus diesen Wunsch durchgesetzt hatte, befand er sich in tiefster Trauer.

[95] Und Agamemnon? Weil er Diana das Schönste gelobt hatte, was in seinem Königreich in jenem Jahr geboren war, opferte er Iphigenie; Schöneres als sie war in diesem Jahr nicht geboren worden. Besser wäre es gewesen, das Versprechen nicht zu erfüllen als ein so schreckliches Verbrechen zu begehen. Also dürfen Versprechen zuweilen nicht erfüllt und anvertraute Güter nicht immer zurückgegeben werden. Wenn jemand bei dir bei gesundem Verstand sein Schwert abgelegt hat und es als Wahnsinniger zurückverlangt, ist es wohl

ein Vergehen, dieses zurückzugeben, und eine Pflicht, es nicht zurückzugeben. Was? Wenn derjenige, der bei dir Geld in Verwahrung gegeben hat, das Vaterland angreift, würdest du das anvertraute Gut zurückgeben? Ich glaube es nicht, du wirst nämlich gegen das Vaterland handeln, welches das Liebste sein muss. So hört vieles, was von Natur aus sittlich gut zu sein scheint, unter bestimmten Umständen auf, sittlich gut zu sein. Das Erfüllen von Versprechen, das Festhalten an Abmachungen und die Rückgabe anvertrauten Gutes hören auf sittlich gut zu sein, wenn der Nutzen ins Gegenteil umschlägt. Und über das, was im Widerspruch mit der Gerechtigkeit unter dem Schein von Klugheit nützlich zu sein scheint, ist meiner Meinung nach hinreichend gesprochen worden.

96-115 Konflikte des Nutzens mit der Tapferkeit

[96] Aber da wir aus den vier Quellen des Sittlichguten im ersten Buch die pflichtgemäßen Handlungen abgeleitet haben, wollen wir bei denselben bleiben, wenn wir darlegen werden, wie feindselig gegenüber der Tugend die Dinge sind, die nützlich zu sein scheinen, es aber nicht sind. Über die Klugheit, welche eine böswillige Gesinnung nachahmen will, und ebenso über die Gerechtigkeit, die immer nützlich ist, ist disputiert worden. Übrig sind zwei Bereiche des Sittlichguten, von denen sich der eine in der Größe und Vortrefflichkeit einer herausragenden Gesinnung zeigt, der andere in der edlen Selbstbeherrschung durch maßvolle Haltung.

97-101a Odysseus und Regulus

[97] Nützlich erschien dem Odysseus, wie es Tragödiendichter überliefert haben, denn bei Homer, dem besten Gewährsmann, gibt es keinen derartigen Verdacht bezüglich Odysseus, sondern Tragödiendichter bezichtigen ihn, er habe sich unter dem Vorwand von Wahnsinn dem Kriegsdienst entziehen

wollen. Ein nicht ehrenhafter, aber nützlicher Plan, König zu sein, auf Ithaka in Frieden zu leben gemeinsam mit den Eltern, mit der Gattin und dem Sohn. Glaubst du, dass irgendeine Ruhmestat bei täglichen Strapazen und Gefahren mit dieser Ruhe zu vergleichen ist? Ich aber glaube, dass diese Ruhe verachtet und aufgegeben werden muss, da sie meiner Meinung nach, weil nicht ehrenhaft, auch nicht nützlich ist.

[98] Was nämlich hätte Odysseus, glaubst du, zu hören bekommen, wenn er mit jenem Vorwand fortgefahren wäre? Obwohl er sehr bedeutende Taten im Krieg vollbracht hat, soll er dennoch folgende Worte von Aiax zu hören bekommen:

"Er, der selbst als erster dieses eidliche Versprechen gegeben hat, wollte als einziger den Eid nicht erfüllen, was ihr alle wisst. Zu wüten und sich zu verstellen begann er, um nicht einzurücken. Wenn nicht die scharfsichtige Klugheit des Palamedes seine boshafte Unverschämtheit bemerkt hätte, würde er fortwährend den geheiligten Treueid nicht erfüllen."

[99] Für jenen aber war es besser nicht nur gegen die Feinde, sondern auch gegen die Fluten zu kämpfen, wie er es auch wirklich tat, als Griechenland im Stich zu lassen, das sich darin einig war, mit den Barbaren einen Krieg anzufangen. Aber wir wollen die Mythologie und fremde Vorgänge beiseite lassen. Als M. Atilius Regulus in seinem zweiten Konsulat in Afrika infolge eines Hinterhalts unter dem Kommando des Lakedaimoniers Xanthippus gefangen genommen worden war, während Hamilkar, der Vater Hannibals, Feldherr war, wurde er, nachdem er einen Eid abgelegt hatte, zum Senat geschickt unter der Bedingung, dass er von sich aus nach Karthago zurückkehre, falls den Puniern nicht einige adlige Kriegsgefangene zurückgegeben würden. Als dieser nach Rom gekommen war, erkannte er den scheinbaren Nutzen, aber er hielt diesen

für falsch, wie der Vorgang verdeutlicht; dieser scheinbare Nutzen sah so aus:

Im Vaterland zu bleiben, im eigenen Haus gemeinsam mit der Gattin und den Kindern zu leben, die Niederlage, die er im Krieg erlitten hatte, für ein Missgeschick zu halten, das jeden im Krieg treffen kann, und die Würde seines konsularischen Ranges beizubehalten. Wer sagt, dieses sei nicht nützlich? Wer bestreitet dieses deiner Meinung nach? Großmut und Tapferkeit bestreiten es.

[100] Suchst du etwa gewichtigere Gewährsleute? Es ist nämlich für diese Tugenden kennzeichnend, sich vor nichts zu fürchten, alles Menschliche gering zu schätzen, nichts, was einem Menschen widerfahren kann, für unerträglich zu halten. Was hat er daher getan? Er kam in den Senat, er legte seine Aufträge dar und weigerte sich, mit darüber abzustimmen; solange er durch einen Eid gegenüber den Feinden gebunden werde, sei er kein Senator. Und auch jenes muss erwähnt werden (Welch törichter Mensch, könnte jemand sagen, der sich seinem eigenen Vorteil widersetzt): Dass man die Kriegsgefangenen zurückgebe, sei nicht nützlich, sagte er; jene seien nämlich junge Männer und gute Befehlshaber, er hingegen schon durch das Greisenalter geschwächt. Als sich sein Rat durchgesetzt hatte, wurden die Kriegsgefangenen zurückbehalten, er selbst kehrte nach Karthago zurück. Damals wusste er aber genau, dass er zu dem grausamsten Feind und zu ausgesuchten Strafen aufbrach, aber er glaubte, den Eid einhalten zu müssen. Und so befand er sich dann, meine ich, als er durch Schlafentzug getötet wurde, in einer besseren Situation, als wenn er als kriegsgefangener Greis und meineidiger Konsular zu Hause geblieben wäre.

[101a] Aber töricht handelte derjenige, der nicht nur dagegen votierte, dass die Kriegsgefangenen zurückgeschickt werden müssten, sondern sogar davon abriet. Auf welche Weise töricht? Auch, falls es dem Staat nützte? Kann aber das, was für den Staat unnütz ist, für irgendeinen Bürger nützlich sein?

101b-110 Diskussion der Tat des Regulus

[101b] Die Menschen vernichten das, was die Fundamente der Natur sind, wenn sie den Nutzen von dem Sittlichguten trennen. Wir alle nämlich erstreben den Nutzen und lassen uns zu ihm hinreißen, und anders können wir in keiner Weise handeln. Denn wer ist derjenige, der vor dem Nützlichen flieht? Oder wer ist vielmehr derjenige, der diesem nicht sehr eifrig nachjagt? Aber weil wir das Nützliche nirgends finden können außer in einer Ruhmestat, in der Ehre und dem Sittlichguten, deswegen halten wir diese Eigenschaften für die ersten und höchsten, das Wort Nutzen erachten wir nicht so sehr als erhaben denn als notwendig.

[102] Was also, könnte jemand sagen, liegt im Eid so Wichtiges? Fürchten wir etwa einen zornigen Jupiter? Aber dieses ist allgemeine Lehre aller Philosophen, nicht nur derjenigen, die sagen, die Gottheit selbst habe keine Mühe und mache keinem Mühe, sondern auch derjenigen, die wollen, dass die Gottheit immer etwas tut und ins Werk setzt: Niemals zürnt die Gottheit noch schadet sie. Ferner: Welchen größeren Schaden hätte Jupiter in seinem Zorn zufügen können als denjenigen, den Regulus sich selbst zugefügt hat? Es gab also keinen religiösen Zwang, der einen so großen Nutzen umkehren konnte? Oder fürchtete er, schimpflich zu handeln? Erstens gilt es, aus den Übeln die geringsten auszuwählen. Also hatte diese Schändlichkeit nicht so viel Übles an sich wie jene Qual. Zweitens gilt auch jene Ansicht bei Accius: "Hast du die Treue gebrochen? Weder habe ich sie erwiesen noch erweise ich sie irgendeinem Treulosen." Obwohl dieses von einem ruchlosen König gesagt wird, wird es dennoch treffend gesagt.

[103] Sie fügen auch hinzu: Wie wir behaupten, einiges erscheine nützlich, was nicht nützlich sei, so erklärten sie, einiges erscheine sittlich gut, was nicht

sittlich gut sei; z.B. erscheine gerade sein Verhalten, zur qualvollen Hinrichtung zurückgekehrt zu sein, um den Eid zu halten, als sittlich gut, aber es werde nicht sittlich gut, weil das, was durch Gewalt seitens der Feinde erzwungen sei, nicht verbindlich habe sein dürfen. Sie fügen sogar hinzu, alles, was sehr nützlich sei, werde sittlich gut, auch wenn es vorher nicht so zu sein scheine. Ungefähr diese Worte führen sie gegen Regulus an. Aber lasst uns den ersten Einwand betrachten.

[104] Nicht brauchte man zu befürchten, dass Jupiter im Zorn Schaden zufügte, der weder zu zürnen noch zu schaden gewohnt ist. Diese Begründung gilt nicht nur gegenüber dem Eid des Regulus, sondern gegenüber jedem Eid. Aber bei einem Eid muss man sich darüber im Klaren sein, nicht was man zu befürchten hat, sondern was seine Bedeutung ist. Der Eid ist nämlich eine heilige Beteuerung; was man aber unter Beteuerungen und gleichsam bei Gott als Zeugen versprochen hat, das ist zu halten. Denn der Eid bezieht sich nicht mehr auf den Zorn der Götter, den es nicht gibt, sondern auf die Gerechtigkeit und Treue. Denn vortrefflich sagt Ennius: "Segen spendende, geflügelte Treue und bei Jupiter geschworener Eid." Wer also einen Eid verletzt, der verletzt die Treue, die nach dem Willen unserer Vorfahren auf dem Capitol eine Nachbarin des Jupiter Optimus Maximus ist, wie es in einer Rede Catos steht.

[105] Aber nicht einmal im Zorn hätte Jupiter dem Regulus mehr geschadet, als Regulus sich selbst geschadet hat. Das trifft zu, wenn nichts außer Schmerz zu empfinden ein Übel wäre. Dass dieses aber nicht nur nicht das höchste Übel ist, sondern nicht einmal ein Übel, versichern Philosophen von größter Autorität. Deren nicht geringen, sondern vielleicht bedeutendsten Zeugen, Regulus, tadelt bitte nicht. Denn welchen glaubwürdigeren Zeugen suchen wir als den größten Mann des römischen Volkes, der, um seine Pflicht zu erfüllen, freiwillige Folter auf sich genommen hat? Denn wenn sie sagen 'Aus Übeln

müssen die geringsten ausgewählt werden', d.h. dass wir eher schändlich handeln sollen: Gibt es etwa ein größeres Übel als die Schande? Wenn diese im Falle körperlicher Hässlichkeit Anstoß erregt, wie groß muss dann offenbar jene gemeine Entstellung eines sittenlosen Charakters sein?

[106] Daher wagen es diejenigen, die dieses kraftvoller erörtern, allein das ein Übel zu nennen, was schändlich ist, diejenigen aber, die es nachlässiger tun, zögern dennoch nicht, von einem höchsten Übel zu sprechen. Denn jener Vers "Weder habe ich erwiesen noch erweise ich einem Treulosen Treue" wurde deswegen zu Recht von einem Dichter gesagt, weil er sich an die Rolle halten musste, als Atreus dargestellt wurde. Aber wenn sie dieses für sich annehmen werden, dass ein Versprechen ungültig ist, das einem Untreuen gegeben worden ist, sollen sie zusehen, dass für einen Meineid kein Schlupfwinkel gesucht wird.

[107] Es sind aber auch das Kriegsrecht und die Einhaltung eines Eides gegenüber dem Feind oft zu beachten. Was nämlich in der Weise geschworen worden ist, dass der Verstand sich über dessen Notwendigkeit im Klaren ist, muss eingehalten werden. Was anders geschworen worden ist, gilt, wenn der Schwörende dieses nicht getan hat, nicht als Meineid. Wenn man z.B. Räubern das pro Kopf ausbedungene Lösegeld nicht bringt, so ist es kein Betrug, auch dann nicht, wenn man dieses nach einem Schwur nicht getan hat. Denn der Pirat ist nicht der Zahl der Staatsfeinde zugerechnet, sondern er ist der gemeine Feind aller; denn mit diesem darf es kein verbindliches Versprechen und keinen verbindlichen Eid geben.

[108] Denn nicht Falsches zu schwören macht einen Meineid aus, sondern das nicht zu tun bezeichnet einen Meineid, was man 'mit seiner ehrlichen Überzeugung' geschworen hat, wie es nach unserer Art in Worte gefasst ist.

Treffend sagte nämlich Euripides: "Ich habe mit der Zunge geschworen, mein Gewissen aber weiß nichts von diesem Schwur." Regulus aber durfte nicht die im Krieg und mit dem Feinde geschlossenen Übereinkommen und Verträge durch einen Meineid brechen. Denn gegen einen regulären und rechtmäßigen Feind wurde gekämpft, gegenüber dem das Fetialrecht und viele Rechte verbindlich sind. Andernfalls hätte der Senat niemals den Feinden berühmte Männer in Fesseln übergeben.

[109] Aber weil T. Veturius und Sp. Postumius während ihres zweiten Konsulats nach ihrem erfolglosen Kampf bei Caudium, als unsere Legionen unter das Joch geschickt worden waren, mit den Samniten Frieden geschlossen hatten, wurden sie diesen übergeben, denn nicht auf Befehl des Volkes und des Senates hatten sie ihn geschlossen. Zur selben Zeit wurden Ti. Numicius und Q. Maelius, die damals Volkstribunen waren, weil durch deren Autorität Frieden geschlossen worden war, überstellt, damit der Friede mit den Samniten zurückgewiesen werden konnte. Und Postumius selbst, der übergeben wurde, war der Fürsprecher und Urheber dieser Auslieferung. Genau dasselbe tat viele Jahre später C. Mancinus, der, damit er den Numantinern überstellt werden konnte, mit denen er ohne den Willen des Senates einen Vertrag abgeschlossen hatte, zu diesem Antrag riet, den L. Furius und Sex. Atilius aufgrund eines Senatsbeschlusses einbrachten; der Antrag wurde angenommen und er den Feinden überstellt. Dieser handelte ehrenhafter als Q. Pompeius, auf dessen Bitten das Gesetz, obwohl er sich in derselben Lage befand, nicht angenommen wurde. Hier vermochte der vermeintliche Nutzen mehr als das Sittlichgute, bei den Früheren wurde der trügerische Schein des Nutzens von der Macht des Sittlichguten übertroffen.

[110] Aber es durfte nicht verbindlich sein, was gewaltsam getan worden war, gleich als ob einem tapferen Mann Gewalt angetan werden könnte. Warum

also brach er zum Senat auf, zumal er von den Kriegsgefangenen abraten wollte? Was am bedeutendsten an ihm ist, das tadelt ihr. Denn er blieb nicht bei seinem Urteil stehen, sondern übernahm die Vertretung der Sache, damit der Senat entscheide; wenn nicht er selbst Ratgeber für den Senat gewesen wäre, wären die Kriegsgefangenen in der Tat den Puniern zurückgegeben worden. So wäre Regulus wohlbehalten in seinem Vaterland zurückgeblieben. Weil dieses seiner Meinung nach für das Vaterland nicht nützlich war, deswegen glaubte er, es sei für ihn ehrenvoll, seine Meinung auszusprechen und zu leiden. Denn was das anbetrifft, dass sie behaupten, was sehr nützlich sei, werde sittlich gut [richtiger müsste gesagt werden, sehr nützlich werde, was sittlich gut sei], so hätte im Gegenteil gesagt werden müssen, es sei und nicht es werde sittlich gut. Denn nichts ist nützlich, was nicht zugleich sittlich gut ist, und es ist nicht, weil nützlich, sittlich gut, sondern weil sittlich gut, auch nützlich. Deswegen dürfte schwerlich jemand von den vielen bewundernswerten Beispielen eines nennen, das lobenswerter oder vortrefflicher ist als dieses.

111-115 Weitere Beispiele von Eidestreue

[111] Aber von diesem ganzen ehrenvollen Verhalten des Regulus verdient nur jenes Bewunderung, dass er dazu riet, die Kriegsgefangenen zurückzubehalten. Denn dass er zurückgekehrt ist, erscheint uns heutzutage erstaunlich, in jenen Zeiten aber konnte er nicht anders handeln. Daher ist dieses die Ruhmestat nicht eines Menschen, sondern des Zeitgeistes. Denn unsere Vorfahren wollten, dass kein Band fester sei als der Eid, um zum Worthalten zu zwingen. Dieses zeigen die Gesetze auf den zwölf Tafeln, dieses zeigen die Schwurgesetze, dieses zeigen die Verträge, durch welche die Treue sogar gegenüber dem Feind verbindlich gemacht wird, dieses zeigen die Rügen und Strafen der Zensoren, die über nichts genauer urteilten als über einen Eid.

[112] Als L. Manlius, der Sohn des Aulus, Diktator gewesen war, lud ihn der Volkstribun M. Pomponius auf einen bestimmten Tag vor Gericht, weil sich dieser wenige Tage zur Ausübung der Diktatur hinzugefügt habe. Er beschuldigte ihn auch, dass er seinen Sohn Titus, der später Torquatus genannt wurde, von den Menschen fortgeschickt und ihm befohlen habe, auf dem Land zu leben. Als der junge Sohn dieses gehört hatte, dass man seinem Vater zu schaffen mache, soll er nach Rom geeilt und bei Tagesanbruch zum Haus des Pomponius gekommen sein. Nachdem ihm dieses gemeldet worden war, erhob er sich, da er glaubte, jener werde im Zorn etwas gegen den Vater vorbringen, von seinem Ruhelager und ließ den jungen Mann ohne Zeugen zu sich kommen. Aber nachdem jener eingetreten war, zog er sofort das Schwert und schwor, jenen auf der Stelle zu töten, wenn er ihm nicht das eidliche Versprechen geben werde, dass er jenen gehen lasse. Aus Angst hierüber leistete Pomponius den Eid; er brachte die Sache vor die Volksversammlung, unterwies diese, warum er den Prozess fallen lasse müsse, und ließ Manlius gehen. (Und dieser T. Manlius ist derjenige, der am Anio einem Gallier, den er nach einer Provokation durch ihn getötet hatte, seine Halskette wegriss und so seinen Beinamen fand, in dessen drittem Konsulat die Latiner an der Veseris geschlagen und verjagt worden waren, ein ganz bedeutender Mann, der sehr nachsichtig gegenüber seinem Vater, zugleich aber unerbittlich streng gegenüber seinem Sohn gewesen war.)

[113] Aber wie Regulus wegen seiner Eidestreue gelobt werden muss, so sind jene zehn, wenn sie wirklich nicht zurückkehrten, zu tadeln, die Hannibal nach der Schlacht bei Cannae zum Senat schickte, nachdem sie geschworen hatten, sie würden in das Lager zurückkehren, dessen sich die Punier bemächtigt hatten, falls sie keinen Erfolg mit dem Loskauf der Gefangenen hätten. Hierüber berichten nicht alle auf dieselbe Art und Weise. Denn Polybius, ein

überaus vertrauenswürdiger Gewährsmann, behauptet, von den zehn Männern vornehmster Herkunft, die damals geschickt worden waren, seien neun zurückgekehrt, nachdem sie beim Senat kein Gehör gefunden hatten; einer von den zehn, der ein wenig später, nachdem er das Lager verlassen hatte, zurückgekehrt sei, als ob er etwas vergessen habe, sei in Rom zurückgeblieben. Er sagte nämlich zur Erklärung, durch die Rückkehr in das Lager sei er von dem Eid befreit worden, und dieses sagt er zu Unrecht. Denn Betrug macht des Eidbruchs schuldig, hebt aber nicht den Meineid auf. Also war es törichte Verschlagenheit, die auf verkehrte Weise Klugheit nachzuahmen suchte. Daher beschloss der Senat, jener verschlagene Gauner solle gefesselt zu Hannibal geführt werden.

[114] Aber jenes ist am eindrucksvollsten. Achttausend Mann hielt Hannibal fest, nicht solche, die in der Schlacht gefangen genommen waren oder sich in der Todesgefahr zerstreut hatten, sondern im Lager von den Konsuln Paulus und Varro zurückgelassen waren. Der Senat beschloss, dass diese nicht zurückgekauft werden dürften, obwohl dieses mit wenig Geld hätte geschehen können, damit unseren Soldaten entweder der Sieg oder der Tod eingeimpft sei. Als Hannibal dieses gehört habe, sei seine Zuversicht gebrochen, wie derselbe schreibt, weil der Senat und das römische Volk trotz ihrer verzweifelten Lage einen derartigen Großmut bewiesen hätten. So wird das, was nützlich erscheint, im Vergleich mit dem Sittlichguten übertroffen.

[115] Acilius aber, der in griechischer Sprache ein Geschichtswerk verfasst hat, sagt, mehrere seien es gewesen, die in derselben trügerischen Absicht, von dem Eid befreit zu werden, in das Lager zurückgekehrt seien, und die Zensoren hätten sie mit jeder Art von Schande gebrandmarkt. Jetzt soll dieses Thema beendet sein. Es ist nämlich deutlich, dass das, was mit einer scheuen, feigen, kleinmütigen und kraftlosen Gesinnung verrichtet wird - von dieser Art wäre

die Tat des Regulus gewesen, wenn er bezüglich der Kriegsgefangenen das beantragt hätte, was ihm selbst und nicht dem Staat zweckmäßig erschien, oder wenn er hätte zu Hause bleiben wollen -, nicht nützlich ist, weil schmachvoll, abscheulich und schändlich.

116-120

Selbstbeherrschung

Konflikte

des

scheinbaren

Nutzens

mit

den

Pflichten

der

[116] Es bleibt der vierte Bereich übrig, der auf Anstand, Maßhalten, Bescheidenheit, Selbstbeherrschung und Mäßigung beruht. Kann also etwas nützlich sein, das dieser Reihe so herrlicher Tugenden entgegengesetzt ist? Gleichwohl verlegten die Cyrenaiker, die Anhänger Aristipps, und die Annikerier, so genannte Philosophen, jedes Gut in die Freude und meinten, die Tugend müsse deswegen gelobt werden, weil sie die Urheberin der Freude sei; als diese aus der Mode gekommen waren, stand Epikur in Ansehen, ein Förderer und Vertreter fast derselben Lehrmeinung. Mit aller Macht, wie man sagt, muss gestritten werden, wenn es unser Wille ist, das Sittlichgute zu schützen und zu bewahren.

[117] Denn wenn nicht nur der Nutzen, sondern das gesamte glückselige Leben auf einer starken Verfassung des Körpers beruht und darauf, dass die Hoffnung auf ein Fortbestehen dieses Zustandes ausgemacht ist, wie Metrodorus geschrieben hat, wird dieser Nutzen, und zwar der höchste - so nämlich meinen sie - sicher mit dem Sittlichguten im Streit liegen. Denn wo wird erstens der Klugheit eine Stelle eingeräumt? Etwa zu dem Zweck, dass sie die Genüsse überall zusammensucht? Wie erbärmlich ist die Dienstbarkeit der Tugend, wenn sie der Freude dient. Was aber ist die Aufgabe der Klugheit? Etwa die Freuden intelligent auszuwählen? Setze den Fall, dass nichts angenehmer ist als dieses, was kann da Schändlicheres gedacht werden? Ferner, welchen

Stellenwert hat bei demjenigen, der den Schmerz für das größte Übel hält, die Tapferkeit inne, welche in der Verachtung von Schmerzen und Strapazen besteht? Denn auch wenn Epikur an vielen Stellen, wie er es auch wirklich tut, recht energisch über den Schmerz spricht, so ist dennoch nicht darauf zu achten, was er sagt, sondern was für ihn zu sagen konsequent wäre, da er ja die Güter nach der Freude, die Übel nach dem Schmerz bemessen hat. Und wenn ich auf ihn hören wollte hinsichtlich der Selbstbeherrschung und Mäßigung:

Jener sagt zwar vieles an vielen Stellen, aber das Wasser fließt nicht, wie man sagt. Denn wie kann derjenige die Mäßigung loben, der das höchste Gut auf die Freude verlegt? Die Mäßigung ist nämlich die Feindin der Begierden, die Begierden aber sind Anhängerinnen der Freude.

[118] Und dennoch suchen sie bei den drei besprochenen Kardinaltugenden so gut sie können nicht ungeschickt Ausflüchte. Die Klugheit führen sie als Wissen ein, das reichlich Freuden gewährt, Schmerzen aber vertreibt. Auch die Tapferkeit erklären sie irgendwie, wenn sie lehren, sie sei ein vernünftiges Mittel, den Tod zu vernachlässigen und den Schmerz zu erdulden. Sogar die Mäßigung führen jene auf, zwar mit größter Mühe, aber dennoch so gut sie können. Sie sagen nämlich, dass sich die Größe der Freude nach der Befreiung vom Schmerz bemisst. Die Gerechtigkeit steht auf schwachen Füßen oder liegt vielmehr danieder und all die Tugenden, die sich im Gemeinschaftsleben und in der Verbindung des Menschengeschlechts zeigen. Denn Rechtschaffenheit, Freigebigkeit und Freundlichkeit können nicht existieren ebensowenig wie die Freundschaft, wenn diese nicht um ihrer selbst willen begehrt, sondern auf die Freude oder den Nutzen bezogen werden. Wir wollen also kurz zusammenfassen.

[119] Denn wie wir gezeigt haben, dass es keinen Nutzen gibt, der dem Sittlichguten entgegengesetzt ist, so sagen wir, dass jeder sinnliche Genuss

dem Sittlichguten entgegengesetzt ist. Umso mehr, meine ich, müssen Calliphon und Dinomachus getadelt werden, die glaubten, sie würden den Streit schlichten, wenn sie mit dem Sittlichguten die Freude sowie mit dem Menschen das Vieh verbunden hätten. Das Sittlichgute nimmt diese Verbindung nicht an, sondern verachtet sie und weist sie zurück. Nicht aber können das höchste Gut und das höchste Übel, welche einfach sein müssen, eine Mischung und Zusammensetzung aus sehr verschiedenen Qualitäten abgeben. Aber über dieses Thema habe ich - denn es ist ein wichtiges Thema - an anderer Stelle gesprochen; nun wollen wir zu unserem Hauptgegenstand zurückkehren.

[120] Auf welche Weise also, wenn einmal der scheinbare Nutzen dem Sittlichguten widerstreitet, die Sache entschieden werden muss, ist oben hinreichend erörtert worden. Wenn aber auch die Freude einen Schein von Nutzen haben soll, kann es keine Verbindung zwischen ihr und dem Sittlichguten geben. Denn selbst wenn wir der Freude einen Wert beimessen, wird sie vielleicht etwas Würze haben, Nutzen sicherlich keinen.

121 Epilog

[121] Du hast von mir ein Geschenk, mein Sohn Marcus, meiner Meinung nach ein großes, aber sein Wert wird von der Art abhängen, wie du es aufnimmst. Allerdings wirst du diese drei Bücher gleichsam als Gäste unter die Vorlesungen des Cratippus aufnehmen müssen, aber wie du auch mich gelegentlich hören würdest, wenn ich selbst nach Athen gekommen wäre, was bestimmt geschehen wäre, wenn mich nicht das Vaterland mitten auf der Fahrt mit deutlicher Stimme zurückgerufen hätte, so wirst du, da mein Wort durch diese Schriften zu dir gelangt, für diese so viel Zeit aufwenden, wie du kannst, du wirst aber nur so viel aufbringen können, wie du willst. Sobald ich aber

erkenne, dass du dich über diese Art des Wissens freust, werde ich persönlich mit dir in nächster Zeit, wie ich hoffe, und für die Zeit deiner Abwesenheit als Abwesender sprechen. Lebe also wohl, mein Cicero, und überzeuge dich davon, dass du für mich sicherlich der liebste Mensch bist, dass du mir aber viel lieber sein wirst, wenn du dich über derartige Werke und Weisungen freust.