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N. T. M. 14 (2006) 222–230 0036-6978/06/0400222–9 DOI 10.

1007/s00048-006-0254-6 © 2006 Birkhäuser Verlag, Basel

Michel Foucault [1966] und Sergio Moravia [1980] haben die epistemologischen Wandlungen im ausgehenden 18.
Jahrhundert beschrieben, die
die z.B.darin aus,dass die Geschlechtsorgane der Frau ihren ganzen K Herausbildung des
Menschen zum Gegenstand der Wissenschaften ermöglichten. Im Anschluss daran hat Claudia Honegger [1991] gezeigt, dass
diese Entwicklung auch die Erhebung des Mannes zum alleinigen Repräsentanten der Menschheit beinhaltete, während die
Frau zum „besonderen“ geschlechtlichen Wesen wurde. Folgt man Honegger,war die Entstehung der Humanwissenschaften
eng mit der Konstituierung der Gynäkologie als medizinische Disziplin,die sich etwa um 1820 vollzog,verknüpft. Geneviève

Der Mann als medizinisches Wissensobjekt: Ein


blinder Fleck in der Wissenschaftsgeschichte
Florence Vienne
Fraisse hat diese These weitgehend bestätigt.Unmittelbar nach der französischen Revolution bestimmten die médecin-
philosophes die Geschlechterdifferenz neu: während der Mann als Mensch, d.h. als Verkörperung der allgemeinen
While historians of science have demonstrated that in the late eighteenth century the emergence of the
human sciences went along with the sexualization and medicalization of women, they paid almost no
attention to the development of a medical knowledge on male (in)fertility. This paper argues that in the
early twentieth century, the scientific investigation of the male role in reproduction was due to the rise of
eugenics and the racial sciences. In order to illustrate this relation, I will discuss how in the context of
the Nazi population and racial policy new research outcomes in the field of male (in)fertiliy research
were achieved. More generally, I want to show that the transformation of man into a reproductive being
and an object of medical knowledge is not only relevant for the history of reproductive medicine, but
also for the history of the human sciences in the twentieth century.
Menschheit (homme générique) betrachtet wurde, stellte die Frau hingegen das Besondere, das Geschlechtliche dar. Für die
médecin-philosophes drückte sich das

In einer Rezension zum Stand feministischer Wissenschaftskritik von 1990 stellte


Clifford Geertz auf humorvolle Art fest, dass die Frage, ob Wissenschaft männlich sei,
nicht weniger sinnvoll als die Frage nach der Männlichkeit von Fussball oder Papstum,
allerdings wesentlich schwieriger zu beantworten sei.1Die Antwort scheint auf der Hand
zu liegen. Schließlich wird Wissenschaft überwiegend von Männern betrieben, während
‚die Frau’ – als Verkörperung ‚der Natur’ – eines ihrer bevorzugten Forschungsobjekte
darstellt.Wie verhält es sich aber mit der Frage,ob Männlichkeit Gegenstand der
Wissenschaft ist? Denn im Gegensatz zur ‚Frau’ ist ‚der Mann’ als Wissensobjekt in der
Wissenschaftsgeschichte unsichtbar. In diesem Beitrag möchte ich gerade diesen blinden
Fleck thematisieren.

örper

und nat

ür

lich auch ihr Gehirn

beherrschen. Die Frau verk

örperte demnach aber nicht nur das Geschlechtliche, sie wurde auch zur Hauptinstanz der Fortpflanzung der Art. Der m

ännliche Anteil an der Fortpflanzung hingegen wurde nicht thematisiert.


Plus

, schlussfolgert Fraisse,

„ Spermien nach der Vasektomie noch

le sexe f

éminin est plac


Nicht nur im 19., sondern auch bis weit in das 20. Jahrhundert hinein scheint der Mann
als geschlechtsspezifisches Wesen unsichtbar geblieben zu sein.Für Nelly Oudshoorn war
die Reproduktionsmedizin im 20. Jahrhundert vor allem auf den Frauenkörper gerichtet.
Den Grund hierfür sieht sie in dem Fehlen institutioneller Strukturen und Netzwerke, die
sich den männlichen Geschlechtsorganen widmeten. Während Ärzte in gynäkologischen
Kliniken Zugang zu weiblichen Patienten hatten, gab es bis in die 1960er Jahre hinein
keine entsprechende medizinische Disziplin, die sich mit der Physiologie und Pathologie
der männlichen Reproduktionsorgane befasste [Oudshoorn, 2003, S. 4–6; vgl. auch
Oudshoorn, 1994]. Tatsächlich ist die Andrologie als eine institutionalisierte Disziplin
erst in den 1970er Jahren entstanden. Jedoch entwickelte sich von der Jahrhundertwende
bis in die NS-Zeit in Deutschland eine medizinische Literatur über männliche
(Un)fruchtbarkeit: Artikel zu Erektions- und Ejakulationsstörungen sowie über die
Qualität von Spermien erschienen in allgemeinmedizinischen, gynäkologischen,
urologischen und endokrinologischen Zeitschriften;etliche Monographien thematisierten
die Sterilitas virilis.In der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts wurde der Mann zum Objekt
eines medizinischen Forschungsfeldes, das in der Wissenschaftsgeschichte bisher kaum
wahrgenommen wurde. Im Folgenden möchte ich anhand einiger Beispiele aus der Zeit
des Nationalsozialismus zeigen, wie sich das Wissen über männliche (Un)fruchtbarkeit
im Kontext der Bevölkerungs- und Rassenpolitik erweiterte.

é dans l

Sterilisationspraxis und Erforschung der männlichen (Un)fruchtbarkeit im


Kontext des Nationalsozialismus
Die erste bevölkerungspolitische Maßnahme des NS-Regimes war das „Gesetz zur
Verhütung erbkranken Nachwuchses“ vom 14. Juli 1933. Insgesamt wurden etwa

ordre du visible, plus le sexe masculin para

ît invisible

[Fraisse, 1992, S. 81].

200.000 Frauen und 200.000 Männer in Deutschland zwischen 1933 und 1945 auf der Grundlage dieses Gesetzes
zwangssterilisiert.2 Unmittelbar nach Inkrafttreten des Sterilisationsgesetzes am 1. Januar 1934 löste seine Umsetzung eine heftige Debatte unter den Chirurgen aus, die die
Sterilisationsoperationen bei Männern ausführten. Zwar waren sie sich darüber einig, dass die Unfruchtbarmachung des Mannes – die
Vasektomie – im Gegensatz zur Operation der Frau einen einfachen, ungefährlichen Eingriff darstelle.3 Jedoch bewirke die Sterilisation
beim Mann,im Unterschied zur Frau,keine sofortige Zeugungsunfähigkeit:In den Samenwegen konnten sich noch
fortpflanzungsfähige Spermien befinden. Eine Befruchtung nach der Sterilisation war also nicht ausgeschlossen – zumindest
theoretisch. So stritten sich die Chirurgen darüber, ob es notwendig sei, die Sterilisierten nach der Operation an einem
Geschlechtsverkehr zu hindern (z.B. durch Internierung), oder die in den Samenwegen noch verbleibenden Spermien durch
einen zusätzlichen medizinischen Eingriff „abzutöten“.Dreh- und Angelpunkt dieser Debatte war die Frage,wie lange

lebensf

ähig

bzw.

befruchtungsf

ähig

waren

eine Frage, die die Mediziner nicht genau beantworten konnten: Einige sprachen von mehreren Wochen, andere sogar von
mehreren Monaten.

4
In den weiblichen Genitalorganen hingegen,in der Vagina,in der Cervix,im Uterus oder in den Tuben,war die „Lebensdauer“
der Spermien laut Belonoschkin stark begrenzt. Überhaupt beschrieb er den Frauenkörper als gefährlichen Aufenthaltsort für
Spermatozoen. Insbesondere wenn der Orgasmus der Frau ausblieb, muss


ten die Spermien den Weg bis zum Uterus
aus eigener Kraft

Im Rahmen dieser Debatte veröffentlichte der Chirurg Hans Boeminghaus (1893–1979) eine
größere Arbeit zur „Physiologie der Samenblasen und der Spermien“, in der er von seinen
experimentellen Untersuchungen über „spermientötende Lösungen“ berichtete (vgl.
[Boeminghaus/Baldus, 1934]). Tatsächlich suchte (und fand) er ein Mittel und eine Technik – die
Rivanolspülung – um die Spermien, die sich nach der Operation noch in den Samenwegen
befanden, „abzutöten“ [Naujoks/Boeminghaus 1934,S.18] und plädierte vehement für eine
systematische Anwendung dieses Verfahrens.Boeminghaus gelang es anscheinend,seine Kollegen
zu überzeugen. Jedenfalls wurde in den folgenden Jahren „die Rivanolspülung nach Boeminghaus“
in den meisten (vgl. [Bauer/Mikulicz-Radecki, 1936, S. 54]), laut seinem Kollegen Hans Stiasny
sogar „in allen Kliniken“ praktiziert. Stiasny führte weiter aus,dass mit der Verbreitung dieses
Eingriffs die Frage,ob sterilisierte Männer „nach der Operation noch für einige Monate
befruchtungsfähig“ seien, nun eine „untergeordenete Rolle“ spielte [Stiasny 1936, S. 1750]. Nach
1937 veröffentlichte Boeminghaus keinen Artikel mehr zu diesem Thema.

Stiasny befasste sich seit 1936 mit einer anderen Frage, nämlich mit der Erforschung der
„Fertilität“ von „erbkranken“ Männern. Durch die zahlreichen Operationen, die Stiasny und sein
Kollege Konstantin Generales am Urban-Krankenhaus in Berlin ausführten, erhielten sie die
Möglichkeit, Spermien „aus verschiedenen Abschnitten der Samenwege“ für Forschungszwecke zu
gewinnen.Während Gynäkologen oder Tierärzte für das Erforschen des Spermas „nur Ejakulat
hatten“ oder nur „an Leichen und Tieren“ untersuchen konnten,standen Stiasny und seinem Kol-
legen nun „Material von lebenden erbkranken Menschen zur Verfügung“ (vgl. [Stiasny/Generales
1937, S. 2]). Doch nicht nur Chirurgen, sondern auch Gynäkologen interessierten sich für Fragen
der männlichen Fertilität.

Der Gynäkologe Boris Belonoschkin (1906 –?) z.B.erforschte Spermien in Tierversuchen seit dem
Ende der 1920er Jahre am anatomischen und später am physiologischen Institut der Universität
Würzburg (vgl.[Belonoschkin 1929,1931]).Sein Interesse galt vor allem der „Bewegung“
beziehungsweise dem „Verhalten“ der Spermien.Die Bewegung der Spermatozoen war für ihn „ein
Ausdruck des Lebens“ sowie ein Gradmesser für ihre „Befruchtungsfähigkeit“ [Belonoschkin
1934, S. 351]. Wie bei der Debatte der Chirurgen über die Sterilisation „erbkranker“ Männer ging
es Belonoschkin ebenfalls um die Frage nach der „Lebensdauer“ von Spermien. Im Unterschied zu
Boeminghaus suchte er aber nicht nach einem Mittel, um Spermien möglichst rasch „abzutöten“,
sondern nach günstigen Bedingungen, um sie lange „am Leben zu erhalten“:Während im
menschlichen Körper die Bewegung von Spermien nach einigen Stunden nachließ, konnten sie
außerhalb des Körpers bei niedrigeren Temperaturen längere Zeit konserviert werden (vgl.
[Belonoschkin, 1934,

S.355]).Allerdings herrschte noch weitgehende Uneinigkeit über die optimale Tem-


peratur für die Konservierung von Spermien.

zur

ücklegen und waren der

sch

ädlichen Wirkung des Vaginalsekretes

ausgesetzt (vgl.[Belonoschkin,1939,
Im Kontext des Zweiten Weltkriegs wurden zunehmend auch lebende Männer behandelt, deren Spermien „tot“ waren (die
Ärzte sprechen bis heute von „Nekro-Spermie“) oder sich nur schwach bewegten. Belonoschkin,der seit 1942 das Sperma
von insgesamt 234 Männern untersucht hatte, berichtete über diese Fälle kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges (vgl.
[Belonoschkin, 1944a, S. 453 und 1944b, S. 20]). Dabei handelte es sich nicht um Opfer des Terrorsystems oder der Zwangs-
sterilisationspolitik des NS-Regimes,sondern um Männer,die wegen ihrer Unfruchtbarkeit freiwillig einen Arzt aufsuchten.
Seit 1942 war die 1942 in jedem Gau eine Arbeitsgemeinschaft Sterilität von
Männern gesetzlich als eine
Belonoschkin,
S. 179]). Stiasny Ergebnis
Um zu diesem und Boeminghaus
zu kommen, gehörten in den 1940er
hatte Belonoschkin – als Jahren
Arzt in zu
der den
führendender
Frauenklinik Ärzten
Stadtauf dem Gebiet
Danzig – eine der Erforschung
Reihe der männlichen
von Versuchen Sterilität.
durchgeführt, die u.Während
a. darin sie
ihre Ergebnissevom
bestanden,Ejakulat zu Beginn
Ehemannder NS-Zeit weitgehend
„künstlich“ in die Vaginaunabhängig
einzuführenvoneinander erzielt und
und es anschließend
– nach verschiedenen
publiziert hatten, Zeitabständen
entspann sich– zwischen
wieder ausihnen
der Vagina zu entnehmen.
während des Krieges In einer
eine anderen
Diskussion
Versuchsreihe wurde kurze und
über Ursachen,Diagnose ZeitBehandlung
(drei Minuten) nach einer
der männlichen „normal vollzogenen
Unfruchtbarkeit. Sie gingen
Kohabitation“
dazu über, das Sperma mikroskopisch
Erfahrungen umzusetzen, untersucht. Die Frauen,
die sie im Rahmen der an denen er diese Versuche
Sterilisationspraxis erworben
durchführte, waren,
hatten. Für wie Belonoschkin betonte,
die Sterilitätsdiagnose, in der die „anatomisch und bakteriologisch
Spermienuntersuchung genital
eine wesentliche
gesund“
Rolleund spielte,verwendete
standen wegen SterilitätStiasny
in Behandlung
ein [Belonoschkin,
sogenanntes 1939, S. 168, 169].
„Spermiogramm“ (vgl.
[Stiasny,1944]).Stiasny hatte diese Methode,die dazu diente, die Anzahl „normaler“ und
Bis „pathologischer“
Ende der 1930er Jahre hatte Belonoschkin
Spermien im Ejakulat Spermien außerhalb
eines Mannes des männlichen
zu klassifizieren undKörpers und
zu berechnen
innerhalb
(nebendesderweiblichen Körpers von
Beweglichkeit erforscht, nicht aber
Spermien galt in
– den
und männlichen Geschlechtsorganen
gilt bis heute – ihre Form als
selbst. Durch das
Indikator fürNS-Terrorsystem erhielt er die Möglichkeit,
ihre Befruchtungsfähigkeit), im Rahmen dieses Forschungsgebiet,
seiner Forschungen zurüberFertilität
das,
wie „erbkranker“
er schrieb, „so Männer
gut wie nichts bekannt
entwickelt ist“, zu erschließen.1937,
[Stiasny/Generales, 1942 veröffentlichte Belonoschkin
S. 76]. Boeminghaus, der sich
– inzwischen
1934 für wardie ersystematische
Oberarzt in derAnwendung
Gaufrauenklinik Posen
seines – die Ergebnisse
Verfahrens seiner Untersuchun-
zur Abtötung von Spermien
gen eingesetzt
an „14 Paarhatte,
Hoden“ von seit
führte Hingerichteten [Belonoschkin,
1937 chirurgische 1942,durch,
Eingriffe S. 358,um
356]. Das Überlassen
„erbgesunde“, sterile
der Männer
Leichen zu
vonheilen.
Hingerichteten
7 an anatomische Institute war zwar schon lange vor 1933 eine
gängige Praxis; das NS-Regime erleichterte den Zugang zu diesem „Forschungsmaterial“
allerdings erheblich, insbesondere in den Gebieten, in denen die polnische und jüdische
Das Sichtbarmachen des männlichen Körpers als Objekt medizinischer Eingriffe:
Bevölkerung dem politischen Terror ausgesetzt war.
Implikationen für die Wissenschaftsgeschichte
In der bisherigen Literatur ist die Zwangssterilisationspraxis sowie der Zusammenhang
Über die Gründe
zwischen für die Hinrichtung
Zwangssterilisation undderSterilitätsforschung
14 Männer, an denen im Belonoschkin forschen nur
Nationalsozialismus
durfte, erfahren wir
hinsichtlich desnichts; nur, dass es sich
medizinischen um „gesunde“
Zugriffs auf den Männer zwischen 21thematisiert
Frauenkörper und 44
Jahren handelte, die zuvordiezwischen
worden.Insbesondere drei Jahren
berüchtigten und 17 Tagen
Experimente,die im GefängnisCarl
der Gynäkologe gesessen
Clauberg
hatten. Er erwähnte
(1898–1957) an diese Angaben, um zudurchführte,
KZ-Häftlingsfrauen zeigen, dasssind
„psychische Erlebnisse“ und
früh dokumentiert – damit
in den
warZusammenhang
die Haftdauer und das Verkünden
mit seiner Sterilitäts-der
undTodesstrafe gemeintsowie
Hormonforschung – sichmit
nicht
den auf die der
Zielen
Beweglichkeit der Spermien
nationalsozialistischen auswirkten.Während
Bevölkerungs- Belonoschkin
und Rassenpolitik der Ansicht
gestellt worden.war,
8
Auchdasssind
die bisher
weiblichen Geschlechtsorgane
nur die von psychischen
Experimente an hingerichteten Faktoren
Frauen beeinflusst
bekannt, würden,stellte
die der Anatom Hermann
für Stieve
ihn hingegen die „Psyche“
(1886–1952) des Mannes
in der NS-Zeit kein Hindernis
durchführte für dessen Fruchtbarkeit
(vgl. [Oleschinski, dar.
1992]). Die Beispiele
Ferner
der war die Erkenntnis,
Chirurgen Stiasny unddassBoeminghaus
Spermien in und demdesKörper des Mannes
Gynäkologen noch mehrere
Belonoschkin zeigen,
Stunden
dass nach
nicht seinem Tod ihresondern
nur Frauen, „Lebensenergie“
auch Männer beibehielten
in ihrer(vgl. [Belonoschkin,
körperlichen 1942, ein
Spezifität
S. 361, 360]), vor
Gegenstand der dem Hintergrund und
NS-Rassenpolitik des damit
Zweiten Weltkrieges
auch von hoher
der medizinischen symbolischer
Forschung waren.
Bedeutung:der Tod von Männern führte nicht sofort zum Verlust ihrer
Zeugungsfähigkeit.
Krankheit anerkannt worden, deren Behandlung von den Krankenkassen zu tragen war – eine entsprechende Entscheidung
des Reichsversicherungsamts von 1936 hatte zunächst nur für „Ehefrauen“ gegolten.5 Ferner wurde

Hilfe bei Kinderlosigkeit in der Ehe

errichtet.

Den männlichen Körper als Objekt medizinischer Eingriffe in diesem historischen Kontext sichtbar zu machen, ist nicht nur
für die Geschlechtergeschichte bedeutsam, sondern birgt auch für die Wissenschaftsgeschichte eine Reihe von Impli-
kationen.Obwohl der Begriff „Reproduktionsmedizin“ erst nach 1945 entstand,verdeutlichen die beschriebenen Forschungen
zur männlichen Fertilität,dass der Nationalsozialismus ein wichtiges Kapitel ihrer Geschichte darstellt. Durch die Sterilisa-
tionsoperationen,das NS-Terrorsystem,aber auch durch die Definition der Sterilität als Krankheit und die Gründung von
Einrichtungen zur Sterilitätsbehandlung erhielten Ärzte in einem bis dahin unbekannten Ausmaß Zugang zu männlichen
Patienten.Trotz der Abwesenheit einer entsprechend etablierten medizinischen Disziplin gab es im nationalsozialistischen
Deutschland Ärzte, aber auch Institutionen und Strukturen, die sich mit der männlichen Fertilität befassten. Bereits in der
ersten
älfte des 20. Jahrhunderts existierte also ein medizinisches Interesse am m

ännli

H hated it

Während aber in der gynäkologischen Praxis die weiblichen Geschlechts- und


Reproduktionsorgane Gegenstand eines medizinischen Eingriffs waren, spielten sowohl in der
Debatte der Chirurgen über die Sterilisation „erbkranker“ Männer als auch in den Untersuchungen
des Gynäkologen Belonoschkin die männlichen Genitalorgane nur eine untergeordnete Rolle
gegenüber dem Sperma. Das Interesse der Ärzte galt vor allem den Möglichkeiten,die
„Lebensdauer“ bzw.„Befruchtungsfähigkeit“ von Spermatozoen zu beeinflussen. Insbesondere
Belonoschkins Untersuchungen zeigen, dass er den Spermien ein von der Psyche und vom Körper
des Mannes eigenständiges Dasein zuschrieb. Die Erkenntnis, dass Spermien mehrere Stunden den
Tod des Mannes überlebten, dass sie außerhalb des männlichen, aber vor allem außerhalb des
weiblichen Körpers länger am Leben blieben, bot der Medizin eine Vielzahl von Möglichkeiten, in
die Natur einzugreifen und die natürliche Befruchtung durch eine künstliche zu ersetzen. Die
„künstlichen Befruchtungen“, die in den 1940er Jahren praktiziert wurden, beschränkten sich zwar
‚nur’ darauf, Sperma in den Uterus einzuführen [Belonoschkin, 1944b, S. 71–72]. Die Ziel-
vorstellung, den Befruchtungsvorgang ganz aus dem weiblichen Körper heraus zu verlagern, kam
jedoch in Belonoschkins Untersuchugen klar zum Ausdruck.
chen Anteil an der Reproduktion.

Interessant ist nicht nur, dass in der Zeit des Nationalsozialismus Forschungsergebnisse erzielt
wurden,die bis heute unser Wissen über Reproduktion prägen:Heute spielt die Feststellung der
Anzahl „abgestorbener“ und „lebender“ Spermien in der männlichen Fertilitätsdiagnose ein
wichtige Rolle und In-Vitro-Fertilisationen sind eine gängige Praxis. Von Bedeutung ist auch, dass
die Suche nach Möglichkeiten, die „Lebensdauer“ von Spermien künstlich zu verlängern,in
demselben historischen Kontext stattfand wie die Entwicklung eines Verfahrens zur „Vernichtung“
der Spermien „erbkranker“ Männer. Die Geschichte des Mannes als medizinisches Wissensobjekt
ist eng mit der Geschichte der Rassenhygiene und den mit ihr verbundenen lebens- und
körperbezogenen Praktiken verknüpft. Diesen Zusammenhang weiter zu erforschen, eröffnet nicht
nur neue Perspektiven für die Geschichte der Reproduktionsmedizin, sondern auch für die
Geschichte der Humanwissenschaften im 20. Jahrhundert.

Geht man mit den eingangs erwähnten Studien davon aus, dass die Unsichtbarkeit des
männlichen Anteils an der Fortpflanzung ein konstitutives Element der Hu-
manwissenschaften darstellte, so weist das Aufkommen eines medizinischen Wissens
über männliche (Un)fruchtbarkeit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts darauf hin,
dass in diesem Zeitraum tief greifende Veränderungen in den Wissenschaften vom
Menschen stattfanden. Die Tatsache, dass der Mann im Zeitalter des wissenschaftlichen
Rassismus und des Nationalsozialismus zum medizinischen Wissensobjekt wurde, stellt
die Wissenschaftsgeschichte vor neue Fragen, die zweifellos nicht leichter zu
beantworten sind als die Frage, ob Wissenschaft männlich ist.

Anmerkungen

„If ‚woman’ and ‚man’ are historically situated social categories, like ‚black’ or‚ Norwegian’ or ‚communist’ or ‚middle class’
- or like ‚astronomer’ or ‚gynecologist’ - then asking whether science is ‚a man’, or anyway ‚masculine’ (the mode word now
– Virginia Woolf would have

is

androcentric

) is no more unreasonable than to ask whether football or the papacy are masculine. It may, however, be a good deal harder to
answer

[Geertz, 1990, S.19].

2 Für eine umfassende Analyse der Zwangssterilisationspraxis in Bezug auf Frauen siehe [Bock
1986].
3 Die Resektion eines 2–3 cm langen Stücks des Samenleiters. Die einfache Durchtrennung des
Samenleiters (Vasotomie) wurde als nicht zuverlässig genug betrachtet, vgl. [Naujoks/Boe minghaus,
1934, S. 14] und [Bauer/Mikulicz-Radecki, 1936, S. 36–39].
4 Vgl. Haberland 1933, 1934, Oelecker 1934, Boeminghaus 1934, Schüller 1934, Boeminghaus
1935a,Roesner 1935,Hilgenfeldt 1935, Naujoks/Boeminghaus 1934, Boeminghaus 1935b, 1937,
Bauer/Mikulicz-Radecki,1936,S.49–50 sowie Bericht über die XXIV.Tagung der Vereinigung mitteldeutscher
Chirurgen in Jena, 1. und 2. Juni 1934, in: Zentralblatt für Chirurgie, Band 61, 1934, S. 2519–2525, Bericht
der Berliner Gesellschaft für Chirurgie, Sitzung vom 12. November 1934, Zentralblatt für Chirurgie, Band 62,
1935, S. 586–590.
5 Vgl. Reichsarbeitsblatt, Nr. 33, 1942, S. 582. In der Entscheidung des Reichsversicherungsamts
vom Juni 1936 wurde Sterilität für behandlungsbedürftig erklärt „auch ohne, dass sie wesentliche
Beschwerden verursacht oder mit Arbeitsunfähigkeit verbunden ist“. Entscheidend war nicht mehr, ob „ihre
Beseitigung“ im persönlichen Interesse der Versicherten, sondern ob sie „im Interesse der Allgemeinheit
erwünscht“ war. Die Änderung der Reichsversicherungsordnung betraf also nur „erbgesunde“ Ehefrauen.Vor
Beginn jeder Behandlung musste durch ärztliches Zeugnis die Zeugungsfähigkeit des Ehemannes festgestellt
werden, vgl. Reichsarbeitsblatt Nr. 39, 1936, S. 232–233.

6 Vgl. Reichsarbeitsblatt, Nr. 33, 1942, S. 582. Es wurde auch eine „Beratungsstelle bei Kinder-
losigkeit“ im Rasse- und Siedlungshauptamt für SS-Ehefrauen und SS-Bräute gegründet. Die Existenz dieser
Institutionen zur Behandlung der Sterilität wird in der Literatur zwar erwähnt, vgl. [Lilienthal, 1985, S. 141–
147; Weindling, 1989, S. 551; Proctor, 1988, S. 121]; ihre Struktur und Tätigkeit ist bisher jedoch nicht
erforscht worden.
7 Boeminghaus 1939: 196, 193, vgl. auch Boeminghaus 1942. Auf die Praxis der männlichen
Sterilitätsbehandlung im Nationalsozialismus kann im Rahmen dieses Beitrages nicht weiter ein-
gegangen werden, vgl. dazu [Vienne 2005].
8 Vgl. [Fejkiel und Sehn 1959; Grosch 1993]. Gabriele Czarnowski [1990] hat am Beispiel des
Gynäkologen Felix von Mikulicz-Radecki gezeigt, wie die Zwangssterilisationsoperationen an der
Königsberger Universitätsklinik ihm die Möglichkeit eröffnete, den „Eiauffangmechanismus“ bei
„genitalgesunden Frauen“ zu erforschen.

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Anschrift der Verfasserin:

Dr. Florence Vienne Ahlbecker Str.


19 D-10437 Berlin e-mail:
vienne.florence@berlin.de

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