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Martin-Luther Universität Halle-Wittenberg

FB Philologie I,
Soziologisches Institut
VL Theorie 1: „Einführung in soziologische
Grundprobleme und Theorien“
Wintersemester 2008/2009

Dozent: Dr. Olaf Struck
Übungsleiter: Dr. Michael Bayer

Hausklausur
Goffmans „Korrektives Modell“

FRAGESTELLUNG 2:
Skizzieren Sie Goffmans Modell des "korrek-
tiven Austauschs". Veranschaulichen Sie die
Mechanismen der Erklärung und der Ent-
schuldigung anhand eines aktuellen, gesell-
schaftlich relevanten empirischen Beispiels.

Jesko Habert
Rannische Str. 1
06108 Halle
Mail: jesko.habert@student.uni-halle.de
Matrikelnummer: 208202642

Zweifach-Bachelor
Soziologie 90 LP (1. Semester)
Vorgelegt am 27.01.2009

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Gliederung

1. Vorbetrachtungen 3
1.1. Begriffseinführungen 3
1.2. Das Image und öffentliche Verhaltensregeln 3
2. Das Modell des korrektiven Austausches 4
2.1. Veranschaulichung an einem herkömmlichen Beispiel 6
3. Der korrektive Austausch in Zeiten des Internets 7
4. Anhang I: Weitere Begriffe 8
5. Bibliographie 9

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1. Vorbetrachtungen
1.1 BEGRIFFSEINFÜHRUNGEN
Um Goffmans Modell des korrektiven Austausches anwenden zu können, benötigt man ein
gewisses Begriffsinventar, welches er vor allem in „Das Individuum im öffentlichen
Austausch“ festsetzt (Goffman, 2000). Einige davon sind selbsterklärend, andere gehören zum
alltäglichen Selbstverständnis. An dieser Stelle werde ich nur die zum Verständnis wichtigsten
Begriffe einführen, eine ausführliche Liste finden Sie im Anhang I.
Neben dem Begriff der Sanktion, welche sowohl negativ als auch positiv sein kann, ist vor
allem das „Ritual“ elementar – Goffman definiert dies als ein regulierendes Verhalten,
welches als korrektive Handlung einen Fehler zwar nicht wieder gut macht, diesen aber als
solchen eingesteht und den Regelverletzenden in korrekten Bezug zu den verletzten
Konventionen (also vorübergehenden Übereinkünften) und Prinzipien (unabdingbaren
Normen) stellt. (Vgl. Goffman, 2000.) Diese Normen bestehen wiederum aus Verpflichtungen
(auf bestimmte Weise in Bezug auf Andere zu handeln) und Erwartungen (dass Andere auf
einen selbst bezogen auf gewisse Weise handeln), welche sich als Rechte (also erwünschte
Normen) und Pflichten (unerwünschte Normen) präsentieren.

1.2 DAS IMAGE UND ÖFFENTLICHE VERHALTENSREGELN
In „Interaktionsrituale“ (Goffman, 1991) legt Goffman bereits einige Grundelemente für das
Modell des korrektiven Austausches, die für dessen Verständnis sehr wichtig sind. Hier
definiert er das Image eines Menschen als „etwas heiliges“ (ebd., 1991, 25), dessen
Verletzung gewisse Rituale erfordert. Goffman geht es hierbei um alltägliches Verhalten, in
dem wir uns durch ständige Rituale wie bestimmte Begrüßungen, Verabschiedungen,
Gefälligkeiten u.ä. gegenseitig unseres Territoriums und unseres Selbstbildes (Image)
versichern. Dies ist bei nahezu jeder Interaktion der Fall, da wir uns stets so präsentieren, wie
wir uns selbst wahrnehmen – das Image repräsentiert unsere Achtung von Werten und
Normen sowie unser gewöhnliches Verhalten. Ein (positives) Image orientiert sich dabei an
den in der jeweiligen Gesellschaft üblichen Prinzipien und Konventionen, während eine
Person ohne diese Orientierung kein Image besitzt – wird ein Individuum der Vortäuschung
eines Images durch eine entsprechende Normverletzung enttarnt, so kann dies als falsches
Image bezeichnet werden.
Tritt also nun ein Ungleichgewicht bzw. eine Unterbrechung der Interaktion (Niesen,
Stolpern, unpassendes Lachen etc.) auf, korrigiert das Ritual dieses, wodurch der
Verantwortliche verdeutlicht, dass er weiterhin ein achtenswerter Bestandteil des
Interaktionsprozesses ist. Länge und Intensität der Ausgleichshandlung sind dabei dem
Ausmaß der Normverletzung angepasst. (Vgl. ebd., 1991, 25)

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2. Das Modell des korrektiven Austausches
Goffmans Modell des korrektiven Austausches betrachtet als zentrales Element die
Ausgleichshandlungen nach Eingriffen in die Territorien von Interaktionspartnern, undzwar
vor allem im öffentlichen Leben. Hierbei ist eine nähere Betrachtung weitaus komplizierter
als in gesetzlichen Delikten, da aufgrund des fehlenden Beweismaterials der Täter „auf
frischer Tat ertappt“ werden muss. Des weiteren ist die Unterscheidung von regelkonformem
Handeln und der genügenden Beweisproduktion oder auch nur der Behauptung um einiges
schwerer zu ziehen, da für die fälschliche Beweisproduktion (z.B. von Höflichkeit)
tatsächliche Regelkonformität vonnöten ist.
Als Folge einer Regelverletzung betrachtet Goffman vier Handlungsschritte zur Wahrung
des Images und der Wiederherstellung der Norm (und damit des Interaktionsverlaufes):
1. Die Herausforderung des Betroffenen oder eines weiteren Interaktions-
partners an den Verletzenden, indem er auf das Fehlverhalten hinweist.
2. Das Wiedergutmachungsangebot des Verletzenden in Form von Erklärung oder
Entschuldigung in einer der unten dargelegten Ausprägungen. Hierdurch
erklärt er das weitere Vorhandensein der Verhaltensregeln sowie seine Akzep-
tanz derselben, weil er sich trotz der Tat in den Betroffenen versetzen kann
und sogar dessen „Bestrafung“ selbst an sich vornehmen kann.

3. Die Annahme des Angebots von Seiten des Betroffenen, welche selbige als
befriedigendes Mittel zur Image- und Ordnungswiederherstellung akzeptiert.

4. Die Dankbarkeitssignalisierung des Täters für die Akzeptanz des Betroffenen.

Dies ist selbstverständlich ein allgemeines Modell, das nach Belieben variiert werden kann
und um mehrere Zwischenschritte erweitert oder auch verkürzt werden kann, ebenso wie
ausgedrückte Emotionen (Schmerz, Zorn etc.) nicht nur unmittelbarer Bestandteil dieses
Ablaufes sind, sondern auch Verbaläußerungen in jedem der Schritte ganz ersetzen können.
(Vgl. ebd, 1991, 26ff)
An die (nicht zwingendermaßen stattfindende) Dankbarkeitssignalisierung schließt sich die
erneute Aufnahme der ursprünglichen Interaktion an, was das eigentliche Ziel der korrektiven
Handlung ist – die Rückkehr zur Normalität. Aus diesem Grund kommt es auch vor, dass
Unbeteiligte die Schuld an Stelle des Verletzenden auf sich nehmen, um auf schnellstem Wege
zum Interaktionsprozess zurückkehren zu können.
Als Normverletzender muss eine Person stets von dem sogenannten „virtuellen Vergehen“,
also der schlimmstmöglichen Deutung seines Deliktes ausgehen, was in den meisten Fällen
einem schlechten Charakter (noch vor persönlicher Rivalität) entspricht. Sein korrektives

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Handeln entspricht also der Deutungstransformation von einem offensiven in ein akzeptables
Motiv. Hierfür stehen ihm verschiedene Methoden zur Verfügung, welche gesellschaftlich
klar definiert sind und ihren jeweils passenden Anlass haben. Goffman legt hier die
Mechanismen von Erklärung, Entschuldigung und Ersuchen dar, wovon ich im Folgenden auf
die ersten zwei Elemente näher eingehen möchte (da das Ersuchen eine im voraus
anzubringende Methode ist, die somit bei Annahme den Deliktbestand negiert). Häufig
werden Erklärung und Entschuldigung auch in einer Kombination verwendet.
Eine Entschuldigung entspricht einer rituellen Wiedergutmachung, welche die Tat nicht
substantiell entschädigt – da im öffentlichen Leben in der Regel kein materieller Schaden
entsteht, ist dies meist auch gar nicht möglich. Stattdessen ist es eine Methode, „durch die ein
Individuum sich in zwei Teile spaltet“ (ebd., 2000, 161), von denen eines das Vergehen
begangen hat und das andere sich von selbigem distanziert und die verletzte Regel anerkennt.
Dadurch bestätigt der Verletzende, dass er weiterhin in einem korrekten Bezug zur Norm
befindet und in Zukunft versuchen wird, den verletzenden Teil seines Selbst zu unterdrücken.
Zu einer Entschuldigung gehören in der Regel aufrichte Bekümmerung, das Wissen um die
richtige Verhaltensweise, das Ankündigen einer freiwilligen Entschädigung (sofern restitutiv
möglich) und die (meist sprachliche) Selbstverurteilung; im Extremfall auch die körperliche
Selbstkasteiung. Letztere Elemente zeigen dem Verletzten vor allem, dass dieser eine u.U.
angebrachte Bestrafung nicht mehr ausüben muss. (Vgl. ebd, 2000, S. 161ff)
Eine Erklärung kann sich auf viele verschiedene Aspekte berufen und sind entweder
Rechtfertigungen (obejktiv berechtigt) oder Ausreden (objektiv unberechtigt). Dies kann sich
zum Beispiel in einem Einspruch (also dem Bestreiten der Tat oder der Verantwortung), dem
Einbringen von übergeordneten (meist mildernden) Umständen oder Erwägungen oder
verminderter Zurechnungsfähigkeit bzw. in der Unvorhersehbarkeit der Ergebnisse ausprägen.
Sämtliche Erklärungen können objektiv gut oder schlecht sein, je nachdem wie stark sie die
Schuld des Verletzenden mindert – dies ist nicht gleichzusetzen mit den Termini „falsch“ oder
„wahr“, denn oftmals kann eine gelogene Erklärung den Verletzenden besser von einer Schuld
befreien als es die wahre könnte. (Vgl. ebd, 2000, 159ff)
Entschuldigung und Erklärung (sowie in gewissem Ausmaß Ersuchen) sind, zusammen-
gefasst, Methoden, um das eigene Image wieder in das Licht zu rücken, in dem man es sehen
will. Da jeder Mensch ständig, meist ungewollt, in die Territorien seiner Mitmenschen eintritt,
haben wir das Recht, durch die Annahme dieser korrektiven Maßnahmen die Verletzung des
Anderen zu annullieren und sein Selbstbild wieder herzustellen (vorausgesetzt die
Erklärungen sind berechtigt), sowie die Pflicht, diese Methoden selbst zu nutzen, wenn wir
selbst in die Rolle des Normverletzenden versetzt werden. (Vgl. ebd., 2000, 173)

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2.1 VERANSCHAULICHUNG AN EINEM HERKÖMMLICHEN BEISPIEL
Im folgenden Textausschnitt habe ich die einzelnen Handlungsschritte eines korrektiven
Prozesses mit unterschiedlichen Farben markiert, um die Häufigkeit ihrer Verwendung zu
verdeutlichen und zu veranschaulichen, auf welche Situationen diese Theorie unter anderem
angewendet werden kann.
Eine junge Angestellte eines gehobenen Restaurants wurde zu einer öffentlichen Feier eingeladen. Da
sie sich mit ihrem Chef recht gut versteht, entscheidet sie sich, ein Gespräch mit seiner ihr nur flüchtig
bekannten Frau zu beginnen, welche sie in hinter einer Gruppe feiner Herren entdeckt. Legende:
Da sie keinen Umweg um die Gruppe nehmen will, fragt sie den direkt vor ihr stehenden Herr: Regelverletzung
„Entschuldigen Sie bitte, dürfte ich mal?“ und tippt ihm auf die Schulter, um vorbeigehen zu können. Herausforderung
„Aber selbstverständlich!“ antwortet dieser und macht ihr den Weg frei, was sie mit einem freundlichen Erklärung
Nicken erwidert. Im Vorbeigehen streift sie versehentlich einen weiteren Herren der Gruppe zu ihrer
rechten, wofür sie sich mit einem kurzen „Verzeihung“ entschuldigt. „Kein Problem, hübsche Dame!“ Entschuldigung
schmeichelt dieser höflich und widmet sich weiter seinem Gespräch. Annahme
Als unsere Protagonistin die Ehefrau des Arbeitgebers erreicht hat, stellt sie sich ihr, wie gewohnt Danksagung
höflich vor, und macht sie darauf aufmerksam, dass sie sich bei der letzten derartigen Veranstaltung Rückkehr zur
bereits begegnet sind, was diese mit einem „Tatsächlich, ich erinnere mich“ quittiert. Interaktion
Nach etwas Small-Talk stellt die Angestellte mit einem plötzlich überraschten Blick auf das Kleid der
Gesprächspartnerin fest: „Sagen Sie, hatten Sie dieses Kleid nicht auch neulich auf der letzten Feier an?“
„Ich bitte Sie, dieses Kleid ist doch eindeutig dunkelrot! Das habe ich mir gerade neu gekauft - das
letzte Mal hatte ich ein nadelgrünes Stück von meinem Lieblingsdesigner!“ Erklärung der
„Oh“, antwortet die Angestellte beschämt und ergänzt: „Verzeihen Sie, aber ich leide seit meiner Herausforderung
Geburt unter Farbenblindheit und deshalb fällt es mir schwer, die beiden Farben zu unterscheiden“
„Ach so“ kommentiert ihr Gegenüber und nickt verstehend. „Das ist natürlich etwas anderes. Sagen
Sie, haben Sie schon diese kleinen Törtchen am Buffet probiert?“
... ...
Wie zu sehen ist, finden sich in einer solch kurzen und einfachen Situation bereits drei
Regelverletzungen im Sinne einer Interaktionsunterbrechung und entsprechend viele, darauf
angepasste Korrektivhandlungen. Der erste Fall ist strenggenommen ein vorangehendes
Ersuchen, weshalb die korrektive Handlung vor der Regelverletzung erfolgt. Die gleich daran
anschließende Situation ist ein klassischer Fall einer einfachen Entschuldigung, eine
Erklärung ist hier nicht notwendig und die Handlung wird von dem Betroffenen nicht nur
angenommen, sondern im Scherz zu einer Schmeichelei erhöht. Auch hier (im ersten Fall
wurde dies lediglich nicht erwähnt) kehrt die Interaktion der gestörten Personen sofort zum
ursprünglichen Zustand zurück.
Die auffälligste, dritte Regelverletzung der Protagonistin wird fast schon formell mit einer
Herausforderung zur Wiedergutmachung erwidert, wobei die Betroffene sich selbst dafür auch
noch rechtfertigt. Die Reaktion der Verletzenden ist der zweite Handlungsschritt nach dem
oben ausgeführten Modell, undzwar eine Verbindung aus Entschuldigung und Erklärung,
welche zwar falsch ist, da die Protagonistin als Frau nicht farbenblind sein kann, aber
trotzdem als gute Erklärung gelten kann, da sie zumindest oberflächlich zur Wiederher-
stellung ihres Images und zur Rückkehr zum normalen Gespräch führt, nachdem die Be-
troffene das Angebot der Verletzenden akzeptiert hat – wobei es durchaus möglich ist, dass sie
dies trotz einer Kenntnis der Lüge getan haben könnte, um zur Gesprächsnormalität
zurückzukehren zu können.

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3. Der korrektive Austausch in Zeiten des Internets
Gofmans Modell des korrektiven Austausches ist in seiner ursprünglichen Form für das
Verhalten im öffentlichen face-to-face Leben entwickelt. Da es recht allgemein gefasst ist,
lässt es sich auf diverse andere Situationen übertragen. Ein in den letzten Jahren zunehmend
relevantes Thema im Kommunikationsprozess unserer Gesellschaft stellt das Internet dar,
welches in Zeiten des sogenannten „Web 2.0“ ein vielfältiges Angebot an Onlineinteraktion
bietet – von der ursprünglichsten Form des „Usenets“ über E-Mail, Chaträume und Foren.
Während E-Mails zum größten Teil ähnlich aufgebaut sind wie Briefe, sind vor allem die
anderen drei Elemente eine Verschriftlichung einer üblicherweise verbal stattfindenden
Kommunikation. Um hierbei ein gewisses Maß an normalem Kommunikationsverhalten zu
garantieren, existiert die sogenannte „Netikette“ (bzw. „Chatikette) mit gewissen
Verhaltensnormen. Ich möchte mich nun vor allem dem Medium der Foren widmen,
Chaträume und das Usenet lassen sich prinzipiell aber auf ähnliche Weise analysieren.

Ich habe mich vor allem nach folgenden, im Internet als Regelverletzungen angesehenen
Beiträgen umgesehen: Texten in GROSSBUCHSTABEN (Situation A), was allgemein mit
verbalem Schreien gleichgesetzt wird, unpassenden Anreden (Situation B), Beschimpfungen
(Situation C) und sarkastischen Äußerungen (Situation D).

Während der erste Schritt in alltäglichem face-to-face Verhalten oft gestisch ausgedrückt
wird und nur in härteren Fällen tatsächlich ausgesprochen wird, findet sich in Internetplatt-
formen nur die schriftliche Möglichkeit sowie das Abwarten auf eine von selbst stattfindende
Korrektivhandlung sowie den sogenannten „Smileys“ als Gestenersatz. Eine schriftliche
Herausforderung dürfte also beispielsweise folgendermaßen aussehen: „Bitte sieh mal nach
deiner Caps-Lock Taste, vielleicht ist sie festgeklemmt“ wäre eine höfliche Reaktion auf die
Situation A, da sie ein Versehen voraussetzt, eine komplementäre Reaktion wäre z.B. eine
Beschimpfung als „Troll“ (Autor unsachmäßiger Posts) in Situation C oder D.

Die korrektive Handlung des zweiten Schrittes besteht interessanterweise in äußerst seltenen
Fällen aus einfachen Entschuldigungen, sondern ist fast durchgängig mit einer Erklärung
versehen. Dies liegt einerseits daran, dass einfachste Delikte wie Niesen oder eine
versehentliche Berührung, die in der realen Welt von einer simplen Entschuldigung gefolgt
werden würden, in Foren nicht passieren können und es sich bei einer weit größeren Zahl um
erklärungsbedürftiges Verhalten handelt. Des weiteren bleibt eine Provokation durch die
schriftliche Archivierung länger aktuell. Viel häufiger als im öffentlichen Leben erfolgt dieser
Schritt jedoch nicht sofort auf die Herausforderung, sondern wird erst mit wiederholtem
Schlagabtausch von Provokationen beantwortet, bevor einer der Teilnehmenden zur Einsicht

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kommt. Dies liegt sicherlich an der (scheinbaren) Anonymität im Internet, durch welche viele
Interaktionsteilnehmer sich eher auf ein Streitgespräch einlassen, als sie es in der realen Welt
tun würden.

Den dritten und vierten Handlungsschritt beobachtet man generell recht selten im Internet –
höchstens den Schritt der Annahme kann man hin und wieder beobachten, die Dankbarkeits-
stufe fällt jedoch so regelmäßig weg, dass man Goffmans Modell bezogen auf Internet-
kommunikation modifizieren müsste, da dieser Schritt eher die Ausnahme als die Regel
bildet, und daher getrost gekürzt werden kann.

Ebenso wie sich Goffmans Modell nicht nur an Alltagssituationen (wie auf Seite 6), sondern
auch an erweiterter Alltagskommunikation wie dem Internet veranschaulichen lässt, so lässt
es sich auch auf weitaus größere Delikte erweitern, da auch hier die vier Schritte der
korrektiven Interaktion vorgenommen werden – mit dem Unterschied, dass hier die
Feststellung des Schuldigen von weitaus größerer Relevanz ist als bei alltäglichen Delikten,
bei denen die Wiederaufnahme des Kommunikationsprozesses im Mittelpunkt steht. Dies
zeigt, dass Goffman mit seinem Modell nicht nur eine Bestandaufnahme vorgelegt hat,
sondern eine Möglichkeit gefunden hat, selbst Austauschhandlungen in neuen, zu damaliger
Zeit noch kaum relevanten Medien zu analysieren.

4. Anhang I: Weitere Begriffe

Formelle Sanktion durch dafür eingerichtete Institution ausgeübte Sanktion
Informelle Sanktion von dem Handelnden selbst oder einer ihm emotional nahstehenden
Person ausgeübte Sanktion
Territorium Selbstbestimmter Bereich eines Individuums, dessen
ungerechtfertigte Verletzung als unangenehm empfunden wird.
(Körperliche Nähe, Intimsphäre, Privatsphäre etc.)
Standard ein Ideal, das nicht oder nicht immer erfüllt werden muss (z.B.
Schönheitsideal).
Anforderung ein Ideal, welches eine vollständige Regelbefolgung fordert (z.B.
nicht zu morden).
Verantwortlichkeit Vor allem unmittelbar (für die eigene Tat) oder für Schadenersatz
(Vormundschaft), außerdem definiert als V. des vorsätzlichen
Handelns (trotz Kenntnis der negativen Auswirkung ausgeführt) oder
der eigentlichen Absicht (mit Ziel dieser negativen Auswirkung).
Goffman beschreibt außerdem noch die moralische Verantwortung
als Frage nach der Handlung und wie gehandelt hätte werden sollen.

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5. Bibliographie
Gemünden, J., 1996. Gewalt gegen Männer in hetereosexuellen Intimpartnerschaften. Ein
Vergleich mit dem Thema Gewalt gegen Frauen auf der Basis einer kritischen Auswertung
empirischer Untersuchungen. Seite 93f. 1. Auflage. o.O.:Tectum Verlag.
http://books.google.com/books?id=vBIEi1DRtUgC&pg=PA93&lpg=PA93&dq=Goffman+kor
rektive+Ausgleich&source=bl&ots=7rJvhCrpML&sig=H3U0oV_claQSpamP-
3q7JGs6vDA&hl=de&sa=X&oi=book_result&resnum=1&ct=result

Goffman, E., 1991. Interaktionsrituale: über Verhalten in direkter Kommunikation. 2.
Auflage. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Goffman, E., 2000. Das Individuum im öffentlichen Austausch: Mikrostudien zur öffentlichen
Ordnung. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

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