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Umweltpolitik

Was bedeutet Ihnen die Natur?


Deutschland übernimmt im Jahr 2007 die Präsidentschaft in der EU und in der Runde der
wichtigsten Industrienationen, den G-8-Staaten. In dieser Zeit will sich Bundeskanzlerin
Angela Merkel verstärkt der Umwelt widmen und dabei ein Thema forcieren, das ihre
Kanzlerschaft auf bisher ungeahnte Weise prägen könnte: den Kampf gegen den
Klimawandel. Cicero wollte von der Bundeskanzlerin wissen, warum sie diese Angelegenheit
so sehr umtreibt.

Lesen Sie hier das Gespräch mit Angela Merkel:

Cicero: Sie wollen die Welt im Jahr 2007 mit umweltpolitischen Initiativen überraschen. Ist
die Lage wirklich so ernst? Müssen wir uns vom Klima und der Natur, wie wir sie kennen,
tatsächlich verabschieden?
Angela Merkel: Wir sind in Deutschland derzeit noch relativ ruhig, weil wir uns durch den
Klimawandel nicht direkt bedroht sehen. Es gab immer mal einen Sturm, eine Flut, einen
heißen Sommer und einen warmen Herbst. Wenn man allerdings mit Wissenschaftlern oder
auch Rückversicherern spricht, wird deutlich, dass die Häufigkeit solcher Ereignisse
zunimmt. Das Beispiel von dem schwindenden Gletscher auf der Zugspitze macht es sehr
deutlich: Heute geborene Kinder werden womöglich mit 14 Jahren diese Naturerscheinung
nicht mehr erleben können. Die Seenotkreuzer vor Helgoland sind heute schon doppelt so
lang wie früher, weil die alten 20 Meter langen Schiffe den Wellen bei heftiger werdenden
Stürmen nicht mehr Paroli bieten können. In der Uckermark, die mit großer Trockenheit zu
kämpfen hat, sind die Eichen bedroht. Der Klimawandel ist eine globale Entwicklung. Wir
sind glücklicherweise als Land nicht so betroffen wie viele Inselstaaten, die bei steigendem
Meeresspiegel versinken, oder wie Afrika mit verheerenden Dürreperioden. Angesichts
dieser Szenarien will ich international Vorsorge treffen.

Cicero: 2007 wird also für Sie das grüne Jahr der Umweltpolitik.
Merkel: Zuerst einmal arbeite ich daran, dass es für Deutschland ein erfolgreiches Jahr wird.
Ein Jahr, in dem sich die wirtschaftliche Belebung fortsetzt und in den Augen der Menschen
als nachhaltig zeigt. Aber mein Ziel ist auch, 2007 auf dem Weg zu mehr Klimaschutz
voranzukommen. Wir haben heute die Begrenztheit der natürlichen Ressourcen und die
Folgen des Klimawandels vor Augen. Vor diesem Hintergrund werde ich den ökologischen
Themen im internationalen Rahmen einen besonderen Stellenwert geben. Das Thema liegt
mir seit Jahren am Herzen. Als Umweltministerin habe ich vor zehn Jahren die Berliner
Klimaschutzkonferenz geleitet, die das Vorläufer-Abkommen zu Kyoto verabschiedet hat.

Cicero: Was heißt für Sie, den ökologischen Themen international besonderen Stellenwert
zu geben?
Merkel: Ich möchte erreichen, dass Europa die Beschränkung der Treibhausgasemissionen
weiter vorantreibt. Wir müssen in der EU ein gemeinsames Verhandlungsmandat für ein
Nachfolgeabkommen zum Kyoto-Protokoll für die Zeit ab 2012 über die Begrenzung dieser
Schadstoffproduktion festlegen. Wünschenswert ist, dies vor dem G-8-Gipfel in
Heiligendamm zu schaffen.

Cicero: Es wird schwer werden, die USA zu überzeugen...


Merkel: Die EU könnte dann weltweit gegenüber den wichtigsten Industrienationen ein
Signal setzen - aber auch gegenüber Staaten wie Brasilien, Mexiko, China, Indien und
Südafrika. Allen muss klar sein, dass jedes Land in Sachen Schadstoffreduzierung aktiv
werden muss. Denn nach Auslaufen des Kyoto-Protokolls im Jahr 2012 wird man nicht mehr
so vorgehen können, dass nur die klassischen Industrieländer Verpflichtungen zur
Reduzierung des Kohlendioxid-Ausstoßes übernehmen. Wir werden versuchen müssen,
auch die Entwicklungsländer einzubinden.

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Jedes Land muss in Sachen Schadstoffreduzierung aktiv werden

Cicero: Die werden sich querlegen. China und Indien sind schon jetzt - ohne weitreichende
Verpflichtungen - nicht konstruktiv.
Merkel: Ich möchte den Gedanken ins Spiel bringen, das Wirtschaftswachstum durch
bessere Technologien und mehr Effizienz stärker vom Energieverbrauch zu entkoppeln.
Staaten wie China oder Indien können unter den gegenwärtigen Bedingungen ihre
Emissionen wegen des immensen Wachstums nicht reduzieren. Im Gegenteil: Diese werden
steigen. Es muss uns aber gelingen, überall das Bewusstsein dafür zu wecken, dass
Energieverbrauch und Schadstoffausstoß trotz wirtschaftlicher Prosperität so gering wie
möglich zu halten sind.

Cicero: Dass das gelingt, ist doch eine Illusion.


Merkel: Wir müssen aber daran arbeiten. Denn wir haben keine andere Wahl. Selbst wenn
wir in Europa überhaupt keine Energie mehr verbrauchen würden, würde die Erderwärmung
durch einen unveränderten Konsum von Ländern wie China und Indien um die von
Wissenschaftlern als bedenklich erachteten zwei Grad und mehr zunehmen und dann für
Tausende Jahre so bleiben, mit unabsehbaren Folgen für die Gestalt aller Kontinente. Wir
können Vorreiter sein, aber lösen können wir das Problem nicht. Deshalb ist es in unserem
ureigenen Interesse, auch andere zu verantwortungsbewusstem Umgang mit Energie zu
bringen. Optimistisch stimmt mich, dass in Peking und Schanghai angesichts des Smogs
dort drastische Maßnahmen eingeleitet und auch akzeptiert wurden. Hier sehe ich einen
gewissen Bewusstseinswandel.

Cicero: Beobachten Sie den auch in den USA? Bislang haben die Amerikaner sich
geweigert, das Kyoto-Protokoll zu ratifizieren.
Merkel: Natürlich müssen und werden wir mit den Amerikanern reden, dass
Reduktionsverpflichtungen bei Kohlendioxid auch von ihnen zu übernehmen sind. Da ist ein
dickes Brett zu bohren. Positiv ist allerdings, dass es in den USA mittlerweile eine Debatte
über den Umgang mit Energie gibt, auch einen stärkeren Einsatz der "renewables", also der
erneuerbaren Energien. Ich werde bei meinem Besuch Anfang Januar in den USA mit
Präsident Bush über mein Programm für die EU- und die G-8-Präsidentschaft sprechen.
Dabei wird das Thema Klimaschutz auf der Tagesordnung stehen.

Cicero: Kann die Verschiebung des politischen Gewichts hin zu den Demokraten zu einer
konstruktiveren Haltung in der Klimapolitik beitragen?
Merkel: Immerhin hat der ehemalige Vizepräsident und denkbare nächste
Präsidentschaftskandidat AI Gore mit seinem Film "Eine unbequeme Wahrheit" die
Problematik einer breiten Öffentlichkeit nahegebracht. Vor einigen Jahren waren
Demokraten wie Republikaner gleichermaßen wenig bis gar nicht aufgeschlossen für
Klimaschutz. Als es um die Verabschiedung des Kyoto-Protokolls ging, gab es eine
Resolution des amerikanischen Senats, in der sich 98 Senatoren ablehnend geäußert
hatten. Senator Lieberman hat mir damals, als ich Umweltministerin war, diese
Entschließung gezeigt und erklärt, die beiden, die fehlten, seien nicht etwa für Kyoto,
sondern an dem Tag der Verabschiedung der Resolution einfach nicht anwesend gewesen.
Mehr an parteiübergreifender Einigkeit ist eigentlich nicht zu erreichen. Aber das hat sich
zwischenzeitlich geändert. Katastrophen, die deutlich machen, wie stark etwa die Region um
New Orleans von einem Wandel des Klimas betroffen sein kann, haben ein Umdenken in
Gang gesetzt.

Natürlich müssen und werden wir mit den Amerikanern darüber reden, dass
Reduktionsverpflichtungen bei Kohlendioxid auch von ihnen zu übernehmen sind

Cicero: Reicht das aus?


Merkel: Wir müssen zu Veränderungen kommen. Ich mache allen, die dabei der These vom
Klimawandel skeptisch gegenüberstehen, immer wieder deutlich, dass es eine Fülle

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zusätzlicher guter Argumente dafür gibt, mit Energie und mit Ressourcen sparsam
umzugehen: Wenn man sieht, wie hoch die Abhängigkeit - insbesondere der USA - von Öl
und Gas ist. Wenn man sieht, wie die Nachfrage auf dem Weltmarkt steigt, aus welch
instabilen Regionen die Rohstoffe kommen, wie die Zahl der Konflikte um Ressourcen steigt,
gibt es noch eine andere Perspektive, aus der heraus man zu denselben Schlussfolgerungen
kommen kann wie bei dem Ziel, den Klimawandel einzudämmen. Darum ist mir gleich recht,
ob einer aus Sorge um die Abhängigkeit von Rohstoffen oder um das Klima zu dem Ergebnis
kommt, den Treibhausgas-Ausstoß in seinem Land zu reduzieren. Ich stelle jedenfalls
mittlerweile in den USA eine große Nachdenklichkeit fest.

Cicero: Die Briten haben Sie jedenfalls an Ihrer Seite. Der ehemalige Weltbank-Ökonom
Nicolas Stern hat im Auftrag von Premier Tony Blair eine umfassende Studie erstellt und
argumentiert, dass sich Wirtschaftswachstum und Klimaschutz nicht ausschließen. Ist das
aber nicht auch eine fatale Beruhigung?
Merkel: Ich habe nie einen immanenten Widerspruch zwischen Ökonomie und Ökologie
gesehen. Genau wie die soziale Marktwirtschaft es geschafft hat, Kapital und Arbeit zu
versöhnen, so muss die Marktwirtschaft versuchen, in der ökologischen Dimension die
Spannung zwischen nachhaltiger Wirtschaft und kurzfristigem ökonomischen Erfolg zu
überbrücken. Die ökologische Dimension muss in die soziale Marktwirtschaft einbezogen
werden. Denn ich gehöre zu denen, die im Rahmen der Globalisierung nach den deutschen
Wettbewerbschancen suchen. Wir müssen uns zukunftsfähige Märkte erschließen, in denen
wir mit Spitzenleistungen Arbeitsplätze und Forschungsmöglichkeiten sichern - ganz im
Sinne des Bundespräsidenten, dass wir um so viel besser sein müssen, wie wir teurer sind.

Die ökologische Dimension muss in die soziale Marktwirtschaft einbezogen werden

Cicero: Also wird uns die Rettung der Welt nichts kosten?
Merkel: Stern prophezeit für den Fall, dass wir dem Klimawandel nicht weltweit
entgegentreten, werde das Wirtschaften nach den herkömmlichen Methoden um ein
Vielfaches teurer. Es entstehen dann zum Beispiel erhebliche Kosten durch Überflutungen
oder Stürme. Wir wissen doch, welche Schäden Naturgewalten hervorrufen können. Ich
halte es für sehr viel sinnvoller, nicht zu warten, bis Geld zur Behebung von
Katastrophenschäden ausgegeben werden muss, sondern das Geld zu investieren, um
solche Naturkatastrophen zu verhindern. Damit müssen mehr Länder schnell beginnen und
langfristig dabei bleiben. Wenn wir das Phänomen in den Griff bekommen wollen, müssen
andere und neue Technologien entwickelt werden. Selbst wenn solche Technologien im
Anschub teurer sind, so bin ich fest davon überzeugt, dass der Mehrwert ein Vielfaches sein
wird. Natürlich war es seinerzeit etwas kostspielig, Entschwefelungsanlagen in unsere
Kohlekraftwerke einzubauen. Heute aber sind unsere Kraftwerksanlagen auf dem Weltmarkt
sehr gefragt.

Cicero: Was bedeutet Natur Ihnen persönlich?


Merkel: Ich bin auf dem Land aufgewachsen. Das hat mich geprägt. Ich kenne die Schönheit
der Natur, das hat auch immer etwas Romantisierendes. Ich kenne aber auch die Angst vor
Naturgewalten und habe erlebt, wie schnell der Mensch mit seinen Fähigkeiten am Ende ist.
Schon als Kind habe ich immer staunend beobachtet, dass Tiere vielfach robuster
ausgestattet sind, der Natur zu trotzen, als der Mensch.

Cicero: Das müssen Sie erklären.


Merkel: Ich bewunderte immer, wie Kühe fast während des ganzen Jahres draußen leben
und nicht frieren oder gar krank werden. Wir sind nach ein paar Stunden Regen meistens
schon am Ende und schaffen auch die nur, wenn wir die entsprechende Kleidung tragen.

Das Aussterben von täglich mehr als hundert größtenteils unerforschten Arten
weltweit ist in hohem Maße beängstigend

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Cicero: Das klingt geradezu kindlich staunend.
Merkel: Ehrfürchtig passt eigentlich besser für mein Verhältnis zur Natur. Die Notwendigkeit,
die breit angelegte Biosphäre zu schützen, wird häufig unterschätzt. Ich gehöre zu denen,
die nicht nur die Beherrschung der Natur im Kopf haben, sondern sich eben ein großes
Stück Respekt vor der Natur bewahrt haben. Deshalb plädiere ich für den Erhalt möglichst
vieler Arten und halte das Aussterben von täglich mehr als hundert größtenteils
unerforschten Arten weltweit für in hohem Maße beängstigend.

Cicero: Man stellt sich gerade vor, dass Angela Merkel einen Eimer Kröten über die Straße
trägt.
Merkel: Es sind doch viele Kleinigkeiten, mit denen man etwas für die Umwelt tun kann.
Etwa beim Energiesparen: Warum müssen alle Geräte immer auf Standby stehen?
Genauso, wie wir gelernt haben, den Müll zu trennen, könnten wir uns doch eigentlich auch
angewöhnen, die Waschmaschine komplett auszuschalten, wenn wir sie nicht benutzen.
Oder nehmen Sie die Wärmeisolierung von Häusern. Viele Menschen haben hier schon
große Anstrengungen unternommen. Aber man kann durchaus noch mehr tun, und der Staat
leistet hier auch Unterstützung.

Cicero: Jetzt sind die Ideen der Grünen also auch in der Volkspartei CDU angekommen.
Merkel: Ich sehe das nicht als Vorrecht der Grünen. Helmut Kohl hat es immer für einen
Fehler gehalten, dass einer wie Herbert Gruhl aus der CDU ausgetreten ist. Die bayerische
Staatsregierung hat schon 1970 den ersten Umweltminister überhaupt eingesetzt. Die Union
hat lange erkannt, dass der Teil der Bevölkerung, dem die Bewahrung der Schöpfung sehr
am Herzen liegt, damit konservativ, also bewahrend im Wortsinne, ausgerichtet ist. Wenn die
Union dann dieses Thema mitunter nicht mit dem erforderlichen Nachdruck verfolgt hat, so
haben wir da doch viel aufgeholt. Für mich ist immer klar, als Volkspartei kann man vor
weiten Teilen der Bevölkerung nicht bestehen, wenn man die Bewahrung der Schöpfung
vernachlässigt.

Cicero: Da konzentrieren sich natürlich auch viele Hoffnungen auf Sie. Sie sind eine Frau,
gleichzeitig sensibel für ökologische Fragen. Sie stehen eigentlich für ein schwarz-grünes
Projekt in nicht allzu ferner Zukunft.
Merkel: Das ist mir eine zu verengende Sicht. So habe ich mich auch immer dagegen
gewehrt, dass die Grünen besonders für die Gleichberechtigung stehen. Die CDU hat die
Beteiligung von Frauen sehr früh thematisiert und mittlerweile einen Bundesvorstand, in dem
14 Beisitzerinnen und zwölf Beisitzer sind. Ich würde auch davor warnen, dass Ökologie und
Frau eine natürliche Symbiose bilden. Ich erinnere mich zwar noch, wie begeistert die
Vertreter afrikanischer Staaten waren, als Helmut Kohl 1995 die Klimakonferenz in Berlin
eröffnete und von der "Mutter Erde" sprach. Aber ich kenne auch genügend naturbewegte
Männer.

Cicero: Aber das Thema hat nun einmal eine machtpolitische Komponente...
Merkel: Die steht bei diesem Thema für mich aber nicht im Vordergrund. Ich verfolge die
Klimaschutzpolitik, weil ich sie schon als Umweltministerin für zwingend erachtet habe und
das heute noch immer so sehe. Ich will die Menschen, die dafür sensibilisiert sind, an die
Union binden. Nicht nur, weil ich ihre Stimmen bekommen möchte, was natürlich schön
wäre. Aber vor allem, weil ich davon überzeugt bin, dass die Bewahrung der Schöpfung ein
zentrales Anliegen der CDU ist.
Ich plädiere sehr dafür, die Kernfusion voranzutreiben. Deutschland soll sich daran
durchaus beteiligen

Cicero: Was halten Sie von dem in Frankreich gestarteten Versuch, einen
Atomfusionsreaktor zu entwickeln?
Merkel: Ich hätte den ITER (Internationaler Thermonuklearer Experimenteller Reaktor) auch
gern in Greifswald gehabt. Dass er nun in Frankreich gebaut wird und nicht in Japan, was ja

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auch zur Debatte stand, ist für die EU jedenfalls eine gute Entwicklung. Ich plädiere sehr
dafür, die Kernfusion voranzutreiben. Deutschland soll sich daran durchaus beteiligen.

Cicero: Wir haben aber kaum noch Atomphysiker...


Merkel: Zumindest treiben wir durch die Initiative der Bundesregierung die
Sicherheitsforschung wieder voran. Meine Haltung ist bekannt: Ich halte den verfrühten
Ausstieg aus der Kernenergie für die falsche Antwort. International stehen wir damit auch
weitgehend isoliert da.

Cicero: Ist Ihnen die weitverbreitete Angst vor der Kernenergie nachvollziehbar oder halten
Sie diese als Physikerin für völlig überzogen?
Merkel: Einige Punkte kann ich nachvollziehen, zum Beispiel ist es nicht gut, dass wir keine
Endlager für die Überreste der nuklearen Energieversorgung haben. Es war keine gute
Entwicklung, dass ernsthafte Bemühungen dorthin immer wieder blockiert wurden. In dieser
Legislaturperiode wollen wir zumindest ein Endlager für die schwach- und mittelradioaktiven
Überreste bekommen. Es ist doch unverantwortlich, dass in Deutschland seit fast hundert
Jahren geröntgt wird, aber es nicht gelingt, ein Endlager für die Röntgenplatten zu schaffen.
Und Deutschland sollte sich durchaus auch an Forschung beteiligen, wie man die
Umwandlung der nuklearen Reststoffe in Elemente mit geringerer Halbwertszeit vorantreibt,
wie es die Franzosen tun.

Cicero: Wie haben Sie 1986 eigentlich den Störfall von Tschernobyl wahrgenommen?
Merkel: Aus dem Westradio natürlich. Und dann erinnere ich mich, wie sehr wir uns über
Honecker erbost haben, der gesagt hat, es würde reichen, den Salat ein bisschen mehr als
gewöhnlich zu waschen. Bestimmte Importe aus Polen - Pilze zum Beispiel - haben wir eine
Weile nicht gekauft, weil es ja überhaupt keine Möglichkeiten für irgendwelche
Testmessungen gab.

Wissenschaftliche Begründungen für oder gegen Angst gibt es nicht

Cicero: Resultiert Ihr Eintreten für die Kernenergie aus Ihrem Beruf als Physikerin?
Merkel: Nein. Über das Studium der Naturwissenschaften können Sie wie bei allen Studien
sowohl zu einer positiven wie zu einer sehr skeptischen Betrachtung der
Naturwissenschaften kommen. Mir ist mittlerweile eines klar geworden: Wissenschaftliche
Begründungen für oder gegen Angst gibt es nicht. Ob die Menschen bei einem Thema
Sorgen oder Zutrauen haben, lässt sich wissenschaftlich allein nicht steuern. Da kommt eine
andere Ebene ins Spiel. Manchen hilft es, wenn sie die Details kennen, andere werden
angesichts der Kompliziertheit vieler Vorgänge erst richtig skeptisch...

Cicero: Was heißt das für die politische Arbeit?


Merkel: Man kann für die eigene Bewertung immer wieder die Wissenschaft zurate ziehen.
Und unsere Gesellschaft muss stärker lernen, Risiken zu bewerten, ganz generell
gesprochen. Das Leben mit der Chance und dem Risiko ist ein wichtiges gesellschaftliches
Problem. Ich finde es in einer komplexer werdenden Welt auch wichtig, Kinder bereits
frühzeitig an solche Abwägungen heranzuführen, die sie später immer wieder vornehmen
müssen.

Cicero: Wie soll das aussehen?


Merkel: Im Kindergarten und in der Schule können Kinder spielerisch lernen, was
Wahrscheinlichkeit und Risiko bedeuten. Nehmen Sie die morgendliche Diskussion nach
Hören des Wetterberichts, ob man nun die Regenjacke mitnimmt oder nicht. Denn die
Regenjacke zu schleppen, wenn die Sonne scheint, ist das Unangenehmste, was einem
nach der Schule passieren kann. Aber bei 70 Prozent Regenwahrscheinlichkeit: keinen
Schutz zu haben und nass zu werden, wäre auch ungemütlich. Darüber zu diskutieren, dass
man für Schutz höheren Aufwand betreiben und abwägen muss, ob dieser sich lohnt, halte
ich für wichtig.

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Cicero: Haben Sie eigentlich die Jacke öfter mitgenommen oder zu Hause gelassen?
Merkel: Ich bin meistens ohne Regenjacke losgelaufen.

Cicero: Was ist also von der risikofreudigen Angela Merkel die Botschaft für 2007?
Merkel: Durchaus mit der inneren Haltung an die Zukunft herangehen, dass neue Probleme
auf uns zukommen, wir diese aber bewältigen können. Ich plädiere nicht für leichtfertigen
Optimismus. Eine positive Grundhaltung ist aber wichtig.

Mit der CDU-Vorsitzenden, Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel, sprachen Martina Fietz,
Markus C. Hurek und Wolfram Weimer. In: Cicero vom 01.01.2007.