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Sad al suud

ABAH AIEE
© ABAH AIEE
2008
Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-940190-88-8

Gedruckt auf alterungsbeständigem, säurefreiem Papier.

Printed in Germany

Herstellung: xlibri.de Welden 18 86925 Fuchstal

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Inhalt

Das Glück des Glückes 7


Über das Gute 9
Einstimmung 10
Suche nach dem Glück 16

Nicht daß ich viel weiß 20


Der Mensch ist ein symbolisches Wesen 22
Das Bewußtsein entwickelt sich in Stufen 23
Jeder Stufe entspricht eine symbolische Form 24
An den Übergängen kommt es zu Überlagerungen 25
Der Weg geht vom Primitiven zum Einfachen 26

alogoi – Unaussprechliche Zahlen 28


Der Mensch ist aller Dinge Maß 31

Erste Impulse einer neuen Stufe 33


Vom Geschöpf zum Schöpfer 36
Dezimalbruch und Koordinatensystem 38
Natur wird mathematisiert 43
Die Naturwissenschaften werden mathematisch 46
Konkrete Phantasie – ein neues symbolisches Vermögen 49

Rösselsprung – Symmetriebruch der Neuzeit 51

Verschränkung der Dimensionen - Vom Maß zur Matrix - 52


Maßstab der Maßstäbe 58
I Metamorphosen 61
II Eichmaß 63
III Spiritus rector 64
Aufgeklärtes Bewußtsein der Beliebigkeit 68

Der WEG zum integralen Bewußtsein 71


I Harmonikale Verhältnisse 74
II Rhythmische Verhältnisse 79
III Maßgebende Verhältnisse 84

Transluzenz des Kristalls - Spuren der Befreiung - 89


I Das Projekt der Gotik 91
II wahrnehmen 93
III erkennen 96
IV gestalten 97
V Physik des Werdens 100

Yanlorum und Gizdelspil - Freiheit und Form - 104

„Alle göttlichen Gesandten müssen Mathematiker seyn.“ 111

Jenseits der Zeit - Auf der Spitze des Bewußtseins - 120


Die Masche - Mitte und Rand - 123
I Verantwortung - freie Energie - 124
II Autonomie - regionale Vernetzung - 125
III Vernunft - ästhetische Erziehung - 126

Des Fadens Faden - unsichtbare Mitte – 129

Literatur 132
Das Glück des Glückes

„Sadalsuud“ ist die Transkription des arabischen Wortes für den scheinbar
hellsten Stern im Sternbild des Wassermanns in lateinische Buchstaben.

„Glück des Glückes“ – so die deutsche Übersetzung – bringt das Anliegen


dieser Schrift aufs schönste zum Ausdruck, und zwar in zweierlei Hinsicht:
Zum einen haben wir den Bezug zum Wassermann als der bestimmenden
Qualität des - immerhin schon über vierzig Jahre währenden - neuen Zeital-
ters. Der Erkenntnisweg dieser neuen über 2000 Jahre währenden kosmi-
schen Periode ist die Zahl. Es geht um den Übergang vom Wissen zur
Weisheit. Weisheit aber ist kein Denkstil im Sinn von Ver-stehen sondern
es ist das Ver-nehmen der heiligen Zahl. Es geht in diesem Zeitalter also um
die Erweiterung des Verstandes hin zur Vernunft.

Zum anderen ist der Ausdruck „Glück des Glückes“ ein wunderbares Bei-
spiel für das schon immer als eigenartig empfundene Verhältnis vom Teil
zum Ganzen, zur Einheit. Das ausgehende 20. Jahrhundert hat dafür den
Begriff des Fraktals geprägt. Die vollkommene Einheit – mathematisch
ausgedrückt in der Zahl Eins – ist aber auch ein Synonym für das Gute und
dieses wird nicht selten mit dem Glück in eins gesetzt. So schließt sich der
Kreis.

-7-
-8-
Über das Gute

Platons Abschiedsvorlesung (vor über 2300 Jahren) widmete sich dem


Thema „Über das Gute“. Dabei ging es keinesfalls um irgendwelche speku-
lativen ethischen Normen oder moralische Fragen. Vielmehr erörterte Pla-
ton Fragen zur Zahl, insbesondere das Phänomen von Einheit und Vielfalt,
also eine Variation des Themas „Der Teil und das Ganze“. Wie kommt es,
daß sich ein Philosoph vom Kaliber eines Platon mit einem solchen Thema
verabschiedet – erst recht aber: daß sich die gesamte Philosophie (die nach
Whitehead nur Fußnoten zu Platon darstellt) nur am Rand mit diesem The-
ma beschäftigt? Sind wir deshalb so weit von unserem Glück entfernt?

Vor 300 Jahren, im Jahr 1707 wurde in Basel ein Mann geboren, der we-
sentlich dazu beitrug, den Übergang in das Wassermannzeitalter vorzuberei-
ten. Sein Name: Leonard Euler. Die griechische Vorsilbe „eu“ steht für gut,
schön, auch: wohl, glücklich. Wenn es stimmt, daß Nomen Omen ist, war ja
von ihm etwas zu erwarten - und Euler hat uns nicht enttäuscht. Leonard
Euler war nicht nur als Mensch ein Großer, er war auch einer der größten
Mathematiker aller Zeiten. Aber wie meistens hat die Gesellschaft nur das
vordergründig Nützliche in Anspruch genommen und das Wesentliche
übergangen oder aber bis heute nicht verstanden.

-9-
Einstimmung

„Wie der Lebenskreis, ist auch das Weltenjahr ein astronomisch-


musikalisches Maß, der weiteste Rahmen aller Geschichtsvorstellungen, der
immer nur im Übergang von einem Äon zum anderen auftritt, wie heute im
Zeichen des Wassermanns. 1962 trat der Frühlingspunkt bei einer absolu-
ten Sonnenfinsternis über Neuguinea – geographisch die Grenze Krebs-
Löwe, mit allen sichtbaren Planeten um 15 Grad Wassermann – in diese
Konstellation über; ein Zeitpunkt, der schon seit den Griechen berechnet
worden war und mit dem Beginn der humanistischen Psychologie überein-
stimmt. Indien erkannte es als die Konstellation der Schlacht von Kuruks-
hetra in der Bhagavad-Gita. Viele erwarteten den Weltuntergang, nur weni-
ge begingen bewußt das Fest des Übergangs – so wir in Kalkutta um 4 Uhr
morgens, in einer menschenleeren Stadt, wo die Brahmanen trommelten,
um mögliches Unheil abzuwenden.“
„Mit der Wassermannzeit ist nun die Menschheit im kosmischen Rahmen
selbst zur Gemeinschaft geworden. Alle kleineren Verbände entsprechen
nicht mehr der sozialen Wirklichkeit und gehen zugrunde. Der Gottesbegriff
ist in den Löwen gewandert, in das Paradies vor der neolithischen Revoluti-
on. Daher ist nicht mehr das Buch, sondern der unmittelbare Zusammen-
hang mit dem All, mit den Geistern und den Wesen, wie er in der Altstein-
zeit geherrscht hat, im Vordergrund. Die Frucht des Lebensbaums tritt zu
jener des Baums der Erkenntnis für die Menschen, die den Mut zur inneren
Wandlung besitzen.“

Diese beiden Zitate stammen von Arnold Keyserling. Er war neben seinen
Vortags- und Seminarreisen Professor für Religionsphilosophie an der
Hochschule für angewandte Kunst in Wien. Seine Lehre ist zusammenge-
faßt im „Rad“, als einem Urbild ganzheitlichen analogen Denkens und als
numerologischer Schlüssel zur Weltweisheit. Keyserling verstarb 2005 in
Matrei in Tirol.

1962, das Jahr des Übergangs in das Wassermannzeitalter, war auch das
Todesjahr von Hermann Hesse. Nicht ganz zwanzig Jahre zuvor erschien
1943 in der Schweiz sein Roman „Das Glasperlenspiel“, dessen Einlei-
tungstext folgende Passage enthält:

„Nichts entzieht sich der Darstellung durch Worte so sehr und nichts ist
doch notwendiger, den Menschen vor Augen zu stellen, als gewisse Dinge,
deren Existenz weder beweisbar noch wahrscheinlich ist, welche aber eben
dadurch, daß fromme und gewissenhafte Menschen sie gewissermaßen als

- 10 -
seiende Dinge behandeln, dem Sein und der Möglichkeit des Geboren-
werdens um einen Schritt näher geführt werden.“

Dieser Aufgabe hat sich Hesse meisterlich gestellt und erhielt dafür ein Jahr
nach dem (offiziellen) Ende des 2. Weltkriegs 1946 den Literaturnobelpreis.

Gehen wir weitere einhundertfünfzig Jahre zurück:

„Jetzo mit der Kraft des Stranges


Wiegt die Glock mir aus der Gruft,
Daß sie in das Reich des Klanges
Steige, in die Himmelsluft.
Ziehet, ziehet, hebt!
Sie bewegt sich, schwebt.
Freude dieser Stadt bedeute,
Friede sei ihr erst Geläute.“
Dies sind die hoffnungsvollen letzten Zeilen aus Friedrich Schillers Gedicht
„Das Lied von der Glocke“, das er im Jahr 1800 im Musenalmanach veröf-
fentlichte.
Und noch dreihundert Jahre früher:
„Man weiß keinen Teil, wenn man nicht das Ganze weiß. Das Ganze gibt
das Maß für den Teil ab. Darum wird es nötig sein, daß für das Wissen von
einem Einzelnen vorher das Wissen vom Ganzen und seinen Teilen vorhan-
den ist.“
„Da nun das Urbild aller Dinge im Geiste wie die Wirklichkeit im Abbild
widerstrahlt, so hat der Geist in sich etwas, auf das er hinschaut und nach
dem er ein Urteil über die Außendinge fällt.“
Diese Sätze aus der Erkenntnislehre des Nikolaus von Kues (Cusanus) wur-
den an der Epochenschwelle zur Neuzeit, im 15. Jahrhundert niederge-
schrieben.

Ihr mühtet euch, das war mir leid,


Umsonst in ganz vergebnem Streit.
Dass wer den Gral sich möcht erstreiten,
War unerhöhrt zu allen Zeiten.

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Also nicht durch Streit und argumentieren gelangen wir zum heiligen Gral,
sondern durch weisheitsvolle Einsicht. Diese Lehre erhält Parzival (steht für
die alogische Vernunft) von Trevrizent nach der Heilung des Anfortas (er
repräsentiert den logischen Verstand). In der Parzival-Dichtung des Wolf-
ram von Eschenbach, entstanden Anfang des 13. Jahrhunderts, wird das
Thema angeschlagen, das bereits seit dem 9. Jahrhundert als Vision lebte
und heute zur Vollendung ansteht: nämlich daß wir den Verstand wieder zur
Vernunft bringen.

Seit mehr als zweitausend Jahren leben die abendländischen Menschen nun
schon in ihrem Gefängnis des bloßen Verstandes. Platon hat die Situation in
seinem berühmten Höhlengleichnis im 4. Jahrhundert v.Chr. thematisiert:

Gefesselt, mit dem Rücken zum Höhleneingang, durch den Licht


fällt, erblickt der Mensch nur die Schatten der Dinge, die er für die
alleinige Wirklichkeit hält. Führt man ihn in die lichte Welt der
wirklichen Dinge, würden ihn die Augen schmerzen, er würde sei-
ne Schattenwelt für wahr, die wahre Welt für unwirklich halten.
Nur allmählich würde er sich an die Wahrheit gewöhnen. Kehrte er
in die Höhle zurück, um die anderen von ihrem Wahn zu erlösen,
würden sie ihm nicht glauben, ihm zürnen, ja, ihn vielleicht sogar
töten.

Soviel zur Gesamtsituation, der sich der Mensch seit etwa fünftausend Jah-
ren gegenübersieht. Unüberhörbar spricht aus all diesen Texten auch eine
Sehnsucht nach Befreiung, nach einem, wie auch immer vorgestellten,
friedlichen Paradies. Immer stärker spüren wir das Abgetrenntsein vom
Geist und entsprechend verstärkt sich der Wunsch, in die eigentliche Hei-
mat des Menschen, in das Reich des Geistigen zurückzukehren.
Das Zeitalter der Aufklärung versprach das ersehnte Licht, man wähnte sich
im Besitz der Vernunft. Die vorausgegangene Renaissance war jedoch
„nur“ die Wiedergeburt der griechischen Wissenschaften und entsprechend
tut sich der Geist bis heute schwer, sich aus den Fesseln der griechischen
Philosophie befreien. Wir wissen nicht mehr, was Vernunft überhaupt sein
soll.
Statt der erhofften Erleuchtung erleben wir heute allenfalls das Dämmer-
licht der Glühbirne und der rechnende Verstand spielt sich noch immer als
Herr über die Vernunft auf. Die Aufklärung ist selbst längst als Mythos
entlarvt. Der Verstand hat die Untaten nur erbarmungsloser gemacht. Und
so kommt es, daß Ernst Bloch auch noch zweihundert Jahre nach der Auf-
klärung völlig zutreffend schreiben muß: „Unsere bisherige Technik steht in

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der Natur wie eine Besatzungsarmee in Feindesland, und vom Landesinnern
weiß sie nichts.“

Der Kontrast zwischen dem technischen Vermögen zur Beherrschung der


Materie einerseits und die Unfähigkeit mit diesem Vermögen verantwortlich
umzugehen andererseits, im Sinn der Erhaltung und Förderung des Lebens,
ist eines der wesentlichen und zugleich bedrohlichen Kennzeichen unserer
Zeit.

Auf dem Konzil von Konstantinopel (heute Istanbul) im Jahre 869 wurde
der christlich-katholische Mensch endgültig von seinen geistigen Wurzeln
getrennt, nicht länger mehr war er als ein geistiges Wesen angesehen. Mit
der Einführung der Null im 13. Jahrhundert wurde das Tor zur Beliebigkeit
entriegelt. Aufgestoßen wurde es dann dreihundert Jahre später mit der
Dezimalrechnung. Weitere 300 Jahre später wurde die Lehre zur Lösung
von Gleichungen, die Algebra, auf eine neue Stufe gehoben, die den Men-
schen endgültig in den Stand des selbstherrlichen Schöpfers erhob. Die
theoretische Physik wurde möglich und damit all das, was Segen und Fluch
des 20. Jahrhunderts ausgemacht hat.

Die Mathematik ist zu einem Werkzeug in der Hand von Banausen ver-
kommen. Ist da irgendetwas falsch gelaufen, gibt es möglicherweise einen
Weg zum Besseren? – einen Weg zum Glücklichsein, vielleicht sogar den
Weg zum Weltenglück, zum Sadalsuud?

Wir alle wissen (oder könnten es wissen), daß es mit einer Ethik, welcher
Art auch immer, nicht getan ist. Alle Appelle und frommen Wünsche sind
allenfalls dazu angetan, die Gutgläubigen zu entrechten und weiter im guten
Glauben, will sagen: im glauben an das Gute, weiterschlummern zu lassen,
während diejenigen, die diese Gebote und Gesetze zwecks Besserung auf-
stellen und im Namen der aufklärerischen Ideale „Freiheit – Gleichheit –
Brüderlichkeit“ verkünden, bis auf weiteres ein materiell sorgenfreies Le-
ben auf Kosten ihrer Schäfchen bzw. Sklaven führen.
Solange fehlerhafte Entwicklungen lediglich zu lokalen und vorüber-
gehenden Katastrophen geführt haben und man sich damit trösten konnte,
daß die Zeit alle Wunden heilen werde, solange mochte man mit der
Zweiteilung – hier technische Entwicklung zur Beherrschung der Erde, da
ethisch-psychologische Raffinesse zur Beherrschung der Menschen – mehr
oder weniger gut leben können. Immerhin hatte der Einzelne noch eine reale
Möglichkeit zur Flucht.

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Auf einem Globus allerdings, der vollständig vom Netz der elektronischen
Datenspinne überzogen ist und wo jeder weitere Großkonflikt ohne weiteres
zur Auslöschung allen höheren Lebens führen kann, gibt es kein Entkom-
men mehr, und Wunden, verstanden als begrenzte Verletzungen, gibt es
auch keine mehr zu heilen. Nicht zu vergessen, daß sich diese Entwicklung
keineswegs in Jahrhunderten vollzieht, sondern in immer kürzeren Zyklen,
mittlerweile im Takt von Jahrzehnten.

Wenn also weder Ethik noch Flucht noch Eselsgeduld künftig reale Aus-
sichten auf ein erträgliches, vielleicht sogar friedliches Leben bieten, ist es
doch an der Zeit zu fragen, ob möglicherweise in den zugrunde liegenden
Strukturen, im tiefsten Fundament etwas nicht stimmt.
Technik ist dasjenige, worum sich die gesamte Neuzeit dreht. Ihr Kern, der
sie ermöglicht, ist die Physik. Der harte Kern der Physik aber ist die Ma-
thematik. Sie ist das Fundament der Neuzeit. Der vordergründige materielle
Erfolg spricht für die Stabilität dieses Fundaments und niemand wagt es,
schon gar nicht als Unberufener, diesen Gral der Wahrhaftigkeit zu hinter-
fragen. Diese unselige Tradition wollen wir hier beenden.
Was waren die Marksteine auf dem Weg zur neuzeitlichen Mathematik seit
ihren Anfängen im 13. Jahrhundert? Wurden diese Ecksteine möglicherwei-
se falsch in das Gebäude eingebaut? Mathematik hat sich keineswegs unab-
hängig von den jeweils vorherrschenden Philosophierichtungen und Denk-
stilen entwickelt. So werden wir also auf der Suche nach möglichen Fehlern
im Fundament auch diese streifen.

Am Ende werden wir einerseits auf den altehrwürdigen Logos der vormeta-
physischen Zeit stoßen und andererseits feststellen, daß uns der Umweg
über die Philosophie mit Logik, Metaphysik und Ethik ein neues Vermögen
beschert hat, das wir jedoch erst noch wahrhaft ins Bewußtsein heben müs-
sen. Es geht um eine neue Stufe symbolischen Vermögens und dabei stellen
wir fest, daß das Neue zugleich ein Altes berührt. Genau an diesem Punkt
finden wir uns in einem gefährlichen Dilemma: wir müssen konstatieren,
daß uns Heutigen im Großen und Ganzen jeglicher Sinn für das Wesen
symbolischer Formen abhanden gekommen ist. So verstehen wir einerseits
das Alte nicht mehr und das Neue noch nicht und wir drohen davon über-
wältigt zu werden. Erich Neumann formuliert es optimistisch so: „Die
Menschheit nimmt langsam aber fortschreitend die seelischen Projektionen
zurück, mit denen sie in Hierarchien von Göttern und Geistern, Himmeln
und Höllen die Leere der Welt ausgestattet hatte, und erfährt staunend die
schöpferische Fülle des eigenen seelischen Urgrundes.“ Das trifft sich mit
dem von Keyserling genannten „unmittelbaren Zusammenhang mit dem

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All, mit den Geistern und den Wesen, wie er in der Altseinzeit geherrscht
hat“. Es kann nun natürlich keine Rede davon sein, daß die Menschheit die
Errungenschaften der Neuzeit zugunsten einer primitiven Idolatrie wieder
aufgibt – eine Gefahr, die angesichts der Star- und Führerkulte durchaus
real ist – sondern es geht darum, die archetypische Qualität der Zahl ihrer
Substanz nach wieder zu erkennen und in ihren unterschiedlichen Funktio-
nen klar auseinander zu halten. Nur so kann es gelingen, das Gebäude der
Mathematik und damit auch die Physik und die Technik zu erden, zu fun-
dieren.
Während die vom Geist getrennte reduktionistische Naturwissenschaft in
kurzer Zeit einen ungeheuren Wissensstoff ansammelte, verlor sie sowohl
das eigentliche Menschenwesen als auch die Welt und kettete sich an die
Materie. Dieses Verschlungenwerden durch die Erde ist nun aber etwas
völlig anderes als Erdung im Sinn einer Verbindung mit der Erde. Was wir
brauchen ist demnach nicht eine irgendwie geartete neue Ethik, vielmehr
wird alles darauf ankommen, daß wir wieder ein Verständnis vom Zusam-
menhang des Schöpferischen mit der zeitlosen symbolischen Wirklichkeit
gewinnen. Die lebendige Verbindung von klarem Verstandesbewußtsein mit
den schöpferischen Mächten des Unbewußten wird uns eine Weiterentwik-
klung auch des Bewußtseins ermöglichen, die uns schlußendlich zum Glück
gereichen kann. Machen wir doch endlich von unserer Intelligenz
Gebrauch: Intelligenz kommt von intus legere, was so viel bedeutet wie
„lesen der göttlichen Schriftzeichen in der Natur“.

Goethe hat seinem Sekretär gegenüber schon treffend geäußert, was uns als
Menschheit bevorsteht: „Hinter uns liegt die Revolution des Bürgers. Nun-
mehr erleben wir den Anfang der Revolution durch die Maschine. Aber
kommen wird die große Revolution, die da aufräumt mit den Albernheiten
unserer Kreatur – die Revolution des Bewußtseins schlechthin.“

Eine der großartigsten und womöglich wichtigsten Aufgabe besteht auch


zukünftig darin, unseren Nachkommen das Zusammenspiel von Freiheit
und Form so zu vermitteln, daß ihre Phantasie nicht länger von vornherein
beschlagnahmt wird. Grundlage einer Bildung von Persönlichkeiten ist die
Vermittlung mathematischer und ästhetischer Prinzipien, durch die der
junge Mensch in die ursprüngliche Kraft des schöpferischen Entwurfs ge-
langen kann. Identifikation mit dem Schöpferischen bringt Erdung und Maß
mit sich, woraus eine Ehrfurcht vor dem Leben erwachsen kann, so daß die
Menschheit ihr schöpferisches Vermögen nicht länger zur barbarischen
Zerstörung mißbraucht.

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Das Wassermannzeitalter ist das Zeitalter der Zahl, wo das Leben nicht
länger Arbeit ist, sondern spielend und schöpferisch verläuft. Ein veränder-
tes Verständnis für Zahlen und Formen öffnet Tore in die Amension und
führt uns wieder auf den Weg zum Glück – vielleicht sogar in das Welten-
glück, in das Glück des Glücks: Sadalsuud, den scheinbar hellsten Stern im
Sternbild des Wassermanns.

Bevor wir uns auf den Weg ins Glück machen, wollen wir uns kurz orientie-
ren, was denn Glück eigentlich ist – oder wenigstens sein könnte.

„Auf harmonische Art und Weise handeln, das heißt Glück.“ So übersetzt
Richard Wilhelm das 16. Zeichen im I Ging, dem chinesischen Buch der
Wandlung.

„Alle, die unglücklich sind, sind es, weil sie nur ihr eigenes Lebensglück
verfolgen. Alle, die glücklich sind, sind es, weil ihnen das Glück der ande-
ren am Herzen liegt.“ Shantideva

Friedrich Nietzsche beobachtet: „Aller grosse Lärm macht, dass wir das
Glück in die Stille und Ferne setzen.“

Aber nicht nur der Lärm, auch die Unrast der Zeit hindert uns am Glück-
lichsein. Hermann Hesse schreibt: „Zum erleben des Glückes bedarf es vor
allem der Unabhängigkeit von der Zeit und damit von der Furcht sowohl
wie von der Hoffnung. Der Sinn des Daseins ist es, jene Einheit des Vielfäl-
tigen, oder doch jene Fähigkeit des Geistes, den Wirrwarr der Welt als Ein-
heit und Harmonie zu ahnen.“

Wie ganz anders hört sich das bei völlig entgeisterten Autoren im 20. Jahr-
hundert an: "Glück, das ist einfach eine gute Gesundheit und ein schlechtes
Gedächtnis." so Ernest Hemingway. Um einiges zynischer meint Gottfried
Benn: „Dumm sein und Arbeit haben, das ist Glück!“ Peter Sloterdijk zitiert
den Satz als Jahrhundertformulierung des Zynismus schlechthin. Eine sol-

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che Glücksauffassung steht am Ende einer Entwicklung, in der sich der
Mensch selbst setzt und damit auch das Maß für sein Leben. „Der moderne
Zyniker ist ein integrierter Asozialer; der es an unterschwelliger Illusionslo-
sigkeit mit jedem Hippie aufnimmt.“ und „Handeln wider besseres Wissen
ist das globale Überbauverhältnis heute.“ diagnostiziert Sloterdijk im Jahr
1983.

Wie konnten wir in eine solch nihilistisch-zynische, existentialistisch-


trostlose, elendigliche Befindlichkeit geraten? An der grundsätzlichen Situa-
tion der Menschheit hat sich auch nach der Jahrtausendwende nichts geän-
dert. Die Menschheit steht nach wie vor als Ganzes auf der Kippe – heute
möglicherweise die gesamte belebte Natur.

Die Symptome sind für jeden spürbar, die Diagnosen klar und lassen an
Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Auch an zutreffenden Analysen ist
kein Mangel. Allerdings stoßen sie in den meisten Fällen nicht zum Kern
vor und dennoch ist man angesichts der offenbaren akuten Bedrohungen
geneigt, die nächst beste Aktion zu unternehmen - um dann festzustellen,
daß man sich in einer noch schlimmeren Situation befindet als zuvor.

Die schnellste und am wenigsten schmerzhafte Art zu reagieren liegt darin,


daß wir unsere Methoden verändern, d.h. unser praktisches Handeln in der
Begegnung mit unserer Umgebung. Methoden sind verhältnismäßig leicht
zu ändern und es verschafft schnell ein Gefühl der Entlastung. Auf dieser
Ebene bewegen sich praktisch alle politischen Magazine, Nachrichten,
Blogs und Gesprächsrunden. Zu jedem Thema gibt es pro und contra und es
läßt sich trefflich streiten. Solange die Strukturen nicht angetastet werden,
ist jeder Kompromiß gleich gut oder schlecht. Hauptsache man hat etwas
getan, wenn auch unter dem Strich nicht unbedingt mit dem gewünschten
Erfolg.

Wesentlich schwerer tun wir uns als Gemeinschaft bzw. Gesellschaft (und
erst recht als Weltgesellschaft), wenn es darum geht, organisatorische
Strukturen zu verändern. Auf den ersten Blick scheint das den Tatsachen
vollständig zu widersprechen. Denn tatsächlich finden derzeit ja gewaltige
Umwälzungen im globalen Maßstab statt und wir lassen diese mehr oder
weniger klaglos über uns ergehen. Diese Umstrukturierungen (unter dem
Vorwand der Sicherheit – aber wessen Sicherheit?) dienen jedoch allesamt
und ausschließlich dazu, die herrschenden Strukturen, die in der Tat äußerst
zäh und widerstandsfähig sind, den bisherigen status quo auf der nationalen
Ebene in einen globalen Maßstab zu transformieren. Die mittlerweile jahr-

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tausende alten und immer noch bestehenden, im Grunde überlebten Muster,
werden global projiziert und können ihre Vormachtstellung und ihren
Einfluß einzig deswegen nach wie vor behaupten, weil sie von den Völkern
weiterhin, wenn auch widerwillig, gestützt werden. Wir angeblich Aufge-
klärten ignorieren unsere persönliche Verantwortung und sind zu bequem,
um den Sumpf auszutrocknen, dem Apparat die Energie zu entziehen. Un-
beirrt und gutgläubig gehen wir zur Wahlurne, zahlen wir Steuern, schicken
wir die Kinder zur Schule, vertrauen wir unsere Gesundheit Krankenhäu-
sern an und konsumieren wir die Massenmedien. Mit dieser primitiv-
egoistischen Haltung haben machtbesessene Despoten leichtes Spiel. Genau
genommen kommt es darauf an, daß wir uns als Volk überhaupt erstmalig
von unten vernetzen, eigenständig organisieren, Verantwortung für uns
selbst übernehmen und menschengemäße Strukturen zur Selbstverwaltung
entwickeln. Das schließt globale Zusammenarbeit, wo nötig, nicht aus.

Dasjenige aber, was sich als das Beständigste erweist, das sind Weltbilder,
die in Form von Religionen und Philosophien so tief in den Seelen der Völ-
ker verankert sind, daß ihre Veränderung geradezu als Weltuntergang be-
trachtet wird. Genau das ist die Situation, der wir uns heute gegenüber se-
hen. Auf dieser hochgradig immateriellen, nicht-sinnlichen Ebene ist
Spenglers „Untergang des Abendlandes“ oder Nietzsches „Zarathustra“ mit
dem Übermenschen angesiedelt. Angesichts der Tiefe, respektive Höhe, auf
der diese und auch andere Autoren reflektierten, werden sie von den meis-
ten Menschen, die es gewohnt sind auf der Methodenebene, allenfalls aber
auf der Strukturebene zu denken, entweder gar nicht oder aber völlig miß-
verstanden.

Was diese Philosophen verhandeln, das erscheint vielen Zeitgenossen als


weltfremd, abstrakt und theoretisch. Tatsächlich unternehmen sie das, was
geboten ist: es geht heute darum, den Boden, auf dem wir uns, teils bewußt,
größtenteils aber unbewußt bewegen und über den wir uns gewöhnlich
keine Gedanken machen, bei laufendem Betrieb auszutauschen! – und das
ausgerechnet in einer Situation, wo wir nichts dringender bräuchten als ein
festes Fundament. Aber das haben fundamentale Veränderungen so an sich:
wir anerkennen ihre Notwendigkeit erst dann, wenn sie nur noch mit äus-
serster Anstrengung überhaupt gelingen können. In diesem epochalen Di-
lemma liegt die Furcht vor der wirklichen Freiheit und damit auch die
Furcht vor dem Glück. Wir können und werden es aber nur erreichen, wenn
wir uns endlich selbst diesen, nur scheinbar stabilen, Boden unter den Füs-
sen wegziehen und lernen, in einem neuen, ungewohnten Bewußtsein zu
leben.

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Die äußerlichen Vorboten des Wandels sehen wir in den mutigen Sprüngen
der Drachenflieger über Felskanten, den waghalsigen Kapriolen von Snow-
boardern oder den atemberaubenden Aktionen von Freeclimbern. Was diese
im Bereich körperlicher Grenzerfahrungen ausloten, steht auch und vor
allem im Bereich des Geistigen auf der Tagesordnung. Das geistige Aben-
teuer aber scheint den Allermeisten offenbar viel gefährlicher, als wenn sie
im Sport oder im Rausch von Drogen ihr physisches Leben aufs Spiel set-
zen.

Im Bild gesprochen bewegen sich die aktionistischen Methodiker auf der


Ebene des Modeschöpfers, oder mehr bodenständig ausgedrückt: auf der
Ebene des Schneiders. Dieser braucht aber für seine Ideen Stoffe. Diese
werden eine Ebene tiefer in den Webstuben hergestellt. Die dort tätigen
Weber entsprechen den organisierenden Strukturalisten, die buchstäblich
die Fäden ziehen. Damit ist aber zugleich das Stichwort gegeben für dieje-
nigen, deren Arbeitsplatz noch eine Ebene tiefer angesiedelt ist: die Spinn-
stuben liegen tiefer als die Webstuben. Hier bei den Spinnern werden die
Fäden selbst gezwirnt, hier hinunter müssen wir heute steigen, wenn wir
noch den Hauch einer Chance haben wollen, die Welt für uns und das künf-
tige Leben auf diesem Planeten zu retten. Der Faden selbst muß neu ge-
sponnen werden.

- 19 -
Nicht daß ich viel weiß, aber das was viele nicht wissen.
(Pico de Mirandola)

Hast Du auch einen Lieblingsplatz? Einen Ort, den außer dir niemand
kennt, wo du hingehst wenn du mit dir oder einem geliebten Menschen
allein sein willst?
Diesen Platz würdest du natürlich niemals jemandem verraten. Bald schon
würde er zum Geheimtipp und nach noch kürzerer Zeit zum Abfallplatz.
Ganz sicher aber kein Ort mehr um sich wohl zu fühlen.

An genau einen solchen Ort lade ich aber nun alle ein. Auch du bist einge-
laden zu einem Spaziergang im Garten einer Königin. Ich möchte dir mei-
nen Lieblingsplatz zeigen. Ob es tatsächlich unser neues Paradies ist – wer
weiß. Jedenfalls kann es nicht von irgendjemandem in Beschlag genommen
werden. Jeder kann sich dahin begeben und man muß keineswegs befürch-
ten sich gegenseitig auf den Füssen zu stehen.

Der Garten, in den ich dich einlade, ist für heutige Verhältnisse auf den
ersten Blick vergleichsweise wenig attraktiv, weil die Effekte nicht ohne
weiteres offensichtlich sind. Dafür sind sie umso nachhaltiger, wenn man
sie einmal erfaßt hat.
Um jedoch das, was wir in dem Garten zu sehen bekommen, gebührend
würdigen zu können, werden wir zuerst noch ein Stück Weg gehen. Wir
werden uns also nicht mit Überlichtgeschwindigkeit in den Garten versetzen
lassen, sondern den dem heutigen Menschen immer noch angemessenen
(gedanklichen) Fußweg einschlagen.

Wenn wir nämlich unvermittelt in eine Attraktion geraten, macht das zwar
im Moment viel Effekt, ist aber im Allgemeinen ohne bleibende Wirkung
und wir finden uns schon bald auf der Suche nach einem stärkeren Effekt.
Im Wiederholungsfall führt das bekanntlich zur Sucht mit allen unange-
nehmen Folgen, die ein extremes, maßloses Auf und Ab mit sich bringt. Die
Effekthascherei wird zum Selbstzweck und endet schließlich unweigerlich
in der Selbstzerstörung ohne daß wir auch nur annähernd den Zipfel vom
Glück erfaßt haben, geschweige denn das Glück des Glücks genossen hät-
ten.

- 20 -
Bunte Fenster

Sahst du schon am Dom die Scheiben,


Wirr in graues Blei gefaßt,
Wie sie überm Menschentreiben
Trübe stehn im Sonnenglast?

Doch sie glüh’n in bunten Farben,


Trittst du ein zu stiller Schau –
Sieh, es schmücken Strahlengarben
Eines Meisters Wunderbau!
Karl Berner

Wir, die wir die Nacht zum Tag gemacht haben, immer wieder den Verlo-
ckungen der grellen Lichtreklamen nachgeben, sind wir nicht im gleichen
Maß inwendig grau geworden? Äußerlich kann es uns dafür gar nicht bunt
genug sein.

Auf dem ersten Stück unseres Weges werden wir die äußeren Farben viel-
leicht vermissen. Dem einen oder anderen mag der Weg zunächst, wie die
Scheiben am Dom von außen, grau und trüb erscheinen. Das soll der Weg
sein zu einem bunten Paradiesgarten? Nun - es ist wie auf dem Weg in den
Bergen: die Anstrengungen werden durch einen wunderbaren Ausblick
belohnt werden.

Da es sich um fundamentale Fragen des menschlichen Daseins handelt (wie


gesagt: der Faden selbst muß neu gesponnen werden), kommen wir nicht
umhin, bei Adam und Eva anzufangen. Aber wir werden sehr rasch voran
schreiten. Damit dies gelingt, sind die rückblickenden Bezüge thesenartig
zusammengefaßt. Wir können und wollen hier nicht die ganze Geistesge-
schichte der Menschheit aufrollen, sondern nur einige wenige der für uns
relevanten Gesichtspunkte hervorheben.

Bist du bereit? – dann kann es losgehen!

- 21 -
Der Mensch ist ein symbolisches Wesen

Alles was ist, ist nur, weil es sich in der Konkurrenz mit anderem zu be-
haupten vermag. Die Beständigkeit eines Minerals ist garantiert durch seine
kristalline Gestalt. Im Fall der Pflanzen und Tiere beruht die Fähigkeit zum
Überleben auf verschiedensten spezialisierten Funktionen. Bei ersteren sind
es vielleicht ausgeklügelte chemische Umsetzungsprozesse, raffinierte
Blattstellungen oder -formen zur maximalen Lichtausbeute, betörende
Lockstoffe für Insekten usw. Bei einem Tier ist es vielleicht die schiere
Kraft, sind es besonders feine Sinnesorgane, hochspezialisierte Fangtechni-
ken oder auch Täuschungsmanöver. Hier spielt bereits die Zeit in Form von
Gedächtnisleistungen mit hinein.

Der Mensch ist mit keiner dieser Fähigkeiten oder Funktionen besonders
ausgestattet. Seine Stärke ist die über alle Maßen ausgeprägte Fähigkeit
zum Erkennen. Zusätzlich zum Gedächtnis hat er Eingebungen und unmit-
telbare Einsichten, die Fähigkeit zum ordnen und kombinieren und: er kann
zukünftige Ereignisse gedanklich vorwegnehmen. Er weiß um seine Fähig-
keiten zur Wahrnehmung, zur Erkenntnis und zur Gestaltung. Das ist sein
WEG und wir nennen das bewußt-Sein.

Der siamesische Zwilling zum Bewußtsein ist seine Fähigkeit zur zeichen-
haften Kommunikation, d.h. zur Entwicklung von Symbolen zwecks Dar-
stellung des sinnlich nicht Wahrnehmbaren. Diese anfänglich so unschein-
bare Fähigkeit zum Ordnen durch Unterscheidung von Ereignissen und
Objekten, und insbesondere die symbolische Repräsentation durch Zeichen,
haben ihn zu dem gemacht, was er heute ist: die größte Macht und damit
auch Gefahr für diesen Planeten.

Wir können davon ausgehen, daß die Ordnungszahlen zu den allerersten


Zeichen des Menschen überhaupt gehören. Die Tiefenpsychologie betrach-
tet sie als vorbewußte, d.h. archetypische Strukturdispositionen. Shiv Cha-
rang Singh sagt: Zahlen sind die primäre Intelligenz. In archaischen Kultu-
ren genießt der Numerator, derjenige der mit Zahlen umgehen kann, von
jeher höchstes Ansehen. Er ist der Magier, der das Göttliche verehrt. Den
Heiden in aller Welt waren innere Ordnung in den Dingen, Rhythmus und
Harmonie selbstverständlich.

Ordinalzahlen

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Das Bewußtsein entwickelt sich in Stufen

Zum Umgang mit Zahlen gehörte, so können wir annehmen, recht bald auch
die Fähigkeit, die Größe einer Gruppe oder Menge zu bestimmen. Das heißt
man entdeckt in der Zahl ihre Abzählfunktion, man lernt zu zählen, mit der
Zahl zu operieren.

Bis zu diesem Punkt mochten die Zahlen mit dem jeweils zu ordnenden
oder zu zählenden Objekt, d.h. der jeweiligen Gruppe bzw. Menge fest
verbunden sein. Dann aber kam irgendwann die Einsicht, daß man von einer
Gruppe auch abzählbare Anzahlen wegnehmen kann. Nicht nur das – man
konnte je nach Größe diese Anzahl sogar mehrmals wegnehmen und: das
gleiche funktionierte auch bei anderen Mengen. Es spielt demnach keine
Rolle, ob ich beispielsweise von eine Gruppe Menschen mehrmals vier
wegnehme oder aus einer Herde Tiere.

Das ist eine gewaltige Abstraktionsleistung. Die Zahlen werden vom ge-
zählten Objekt unabhängig und zudem verschieblich. Das, was wir heute
Differenz nennen, ist selbst eine Zahl. Die heute so genannten Kardinal-
zahlen sind geboren: ich kann eine Anzahl hinzufügen oder wegnehmen.
Die Differenz als Vielfache der Einheit verändert sich nicht.

Während eine solche Einsicht für jeden Einzelnen einen abrupten Schritt
bedeutet, wenn nämlich der berühmte Groschen fällt, so zieht sich doch ein
solcher Stufenwechsel für eine Gruppe von Menschen, oder gar die
Menschheit als Ganzem, über lange Zeit hin. Es bedarf gewissermaßen
einer gewissen Inkubationszeit, bis die Erkenntnis in voller Breite zum
Durchbruch kommt.

Sobald eine solche Einsicht aber einmal als gesicherte Erkenntnis in der
Welt ist, läßt sie sich nicht rückgängig machen. Der Übergang ist unum-
kehrbar, modern gesprochen handelt es sich dabei um einen Symmetrie-
bruch. Symmetriebrechung bedeutet sowohl einen Zuwachs an Ordnung als
auch an Komplexität. Das bedeutet einerseits mehr Gestaltungsmöglichkei-
ten, erfordert gleichzeitig eine höhere Präzision in der Ausführung. Je mehr
Elemente aufeinander bezogen sind, desto genauer muß das Zusammenspiel
funktionieren. Die zusätzliche Gestaltungsfreiheit setzt damit ein vertieftes
Verständnis der naturgegebenen Gesetze voraus.

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Jeder Bewußtseinsschicht entspricht eine symbolische Form

Mit der Einsicht in das Wesen der Differenz war die Einheit von Zahl und
Objekt aufgehoben. Die Unabhängigkeit der Zahl vom Objekt erforderte
zugleich eine andere Abstraktion: das Gezählte mußte unabhängig von der
Zahl bezeichnet werden. Das zahlenfreie Symbol entstand, das Zeichen das
auf etwas Konkretes verweist, also z.B. den Menschen oder das Schaf. Daß
das Symbol dabei selbst eine Entwicklung vom plastischen, dreidimensio-
nalen zum bildhaften, zweidimensionalen Stadium durchläuft, um schließ-
lich im völlig abstrahierten Zeichen zu münden, sei nur am Rande vermerkt.

Mit der Entwicklung der Kardinalzahlen und den Symbolen ist zweifellos
eine neue Stufe im Bewußtsein der Menschen bezeichnet. Beide, sowohl die
Kardinalzahlen wie die Symbole, haben die Eigenschaft, vom tatsächlichen,
konkreten Objekt unabhängig zu sein. Das bedeutet: ich kann etwas gegen-
ständlich und gegenwärtig nicht Vorhandenes, also ein nur in den Gedanken
Gegebenes, kommunizieren, dem anderen mitteilen.

Die Art und Weise der Kommunikation, ihre Form, ändert sich mit jeder
neuen Bewußtseinsstufe. Die bisherigen symbolischen Formen werden um
eine neue Form bereichert. Damit ändert sich auch die Art und Weise, wie
wir die Welt wahrnehmen und uns in ihr und zu ihr verhalten. Ein sich im-
mer weiter differenzierendes Sprachvermögen ist das Spiegelbild dieser sich
stufenweise erweiternden symbolischen Formen.

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An den Übergängen zwischen den Schichten
kommt es zu kritischen Überlagerungen

Wenn sich ein neues Wissen ausbreitet, wird es zunächst wo möglich vom
herkömmlichen Bewußtsein, das übermächtig ist, vereinnahmt. Das bedeu-
tet, das Neue wird vor dem Hintergrund des bisherigen Wissens interpretiert
und erfährt damit im Allgemeinen eine Deformation. Im Ergebnis wird das
(falschverstandene) Neue damit bis zu einem gewissen Grad in Mißkredit
gebracht. Andererseits erfährt das bisherige Bewußtsein umgekehrt Beein-
trächtigungen, die es im Rückblick als eine defiziente Form erscheinen
lassen. Übergänge sind damit Phasen der Ungewissheit.

So ist die erlebnisgesättigte Magie im Übergang von der magischen zur


mythischen Bewußtseinsstufe zum faulen Zauber und geistzersetzenden
Aberglauben verkommen. Aus den vielschichtigen und tiefgründigen My-
then wurden im Übergang zum mentalen Zeitalter verklärende Märchen und
überspannte Heldensagen. Die tatsächlichen Gehalte der Riten, Mythen und
Weisheiten gingen und gehen auf diese Weise gerade durch diejenigen
Kräfte, die sie eigentlich bewahren wollten und wollen, weitgehend verlo-
ren. Das geschieht dadurch, daß diese sich mit aller Macht an das Über-
kommene klammern und das Neue nur durch ihre alte Brille sehen können.

Ein solcher Übergang ist immer ein Übergang auf Biegen und Brechen. Das
neuerworbene symbolische Vermögen wird dazu eingesetzt, um die vorlau-
fenden Bewußtseinsstufen auf neue Art und Weise zu reproduzieren – und
zwar mit dem größtmöglichen Energiedurchsatz und bis zur totalen Er-
schöpfung. Alte Macht und neue Mittel ergeben damit eine hochbrisante
Mischung, die jede Gesellschaft an den Rand ihrer Existenz bringt.

Damit sich das Neue endgültig durchsetzt, bedarf es aller verfügbaren geis-
tigen Ressourcen. Diese dürfen nun keineswegs zur Bekämpfung des Her-
kömmlichen eingesetzt werden. Das wäre gleichbedeutend mit seiner Un-
terstützung indem wir Energien zuführen. Vielmehr kann und soll sich das
Neue durchsetzen kraft seines Vorrangs vor dem Überkommenen. Dieser
Vorrang kommt allerdings nur zur Geltung mit der aktiven und konsequen-
ten Durchdringung der neuen Formen in ihrem Wesen durch fortwährende
kritische Beschäftigung und Einübung.

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Der Weg geht vom Primitiven über
das Komplizierte zum Einfachen
oder: den Verstand zur Vernunft bringen

In eben einem solchen Übergang befinden wir uns seit dem Beginn der
Neuzeit, also etwa seit Anfang des 15. Jahrhunderts. Aller Fortschritt, und
als dessen Träger insbesondere die Technik, ist bis heute vorwiegend durch
das metaphysische Denken bestimmt. Das innerste Wesen dessen, was mo-
derne Technik möglich gemacht hat, ist nach wie vor unbewußt.

Kern der Technik ist die Physik, der harte Kern der Physik aber ist die Ma-
thematik – heute mehr denn je. Gerade in ihr aber kommt das neue symboli-
sche Vermögen zum Ausdruck. Das ist gleichbedeutend mit dem Kommu-
nikations- und Organisationsvermögen einer Gesellschaft und dieses be-
stimmt letztlich deren Entwicklungshorizont. Mit der Verfügbarkeit der
Mittel allein ist es also nicht getan. Es ist nicht die Mathematik, die unsere
Technik und unsere Gesellschaften so kompliziert macht. Es ist unsere man-
gelnde Einsicht in deren Wesen.

Wir haben gelernt, Strukturen und ihre Veränderung zu beschreiben.


Gleichzeitig bewegt sich unser Bewußtsein noch in den starren Formen
eines auf Begriffe fixierten Verstandes. Die Erlangung eines Bewußtseins,
das dem neuen Vermögen angemessenen ist, bedeutet, das begrifflich er-
starrte Denken in Fluß bringen. Genau dafür hat Max Born, einer der Väter
der Quantenphysik, mit großer Verspätung im Jahr 1954 den Nobelpreis
erhalten. Wir sind auf dem Weg. Erst wenn der Verstand wieder die Rolle
hat, die ihm zukommt, nämlich der Vernunft, die auf den Fluß des Lebens
hört, zu dienen, werden wir der Einfachheit desselben wieder gewahr wer-
den.

Die Kohle oder das ebenso schwarze Rohöl sind die äußeren Signaturen
einer unmenschlichen und naturwidrigen Technik. Wir sind derzeit Zeugen
eines kritischen Punkts im Übergang, bei dem die schwarze, amorphe Kohle
durch immensen Druck in den Zustand des klaren, durchsichtigen Diamants
verwandelt wird – oder aber zu Staub pulverisiert. Eine neu entdeckte Mo-
difikation des Kohlenstoffs, die Fullerane, umgangssprachlich auch Fuß-
ballkohlenstoffe genannt, mögen ein Hinweis sein auf den im Gang befind-
lichen Wechsel des Aggregatzustands unserer Bewußtseine.

Vier große Werke der Geistesgeschichte fallen mir ein, die in überragender
Weise diese Entwicklung vorhergesehen, begleitet und auch mitbestimmt

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haben. Ganz am Anfang die „Parzival“-Dichtung des Wolfram von Eschen-
bach aus dem Jahr 1200. Dreihundert Jahre später, zu Anfang des 16. Jahr-
hunderts, schuf Albrecht Dürer einen der wohl am meisten reproduzierten
Kupferstiche: „Die Melancholie“. „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ von
Johann Wolfgang von Goethe entstanden weitere 300 Jahre später und
schließlich erschien 1943 der bereits zitierte Roman „Das Glasperlenspiel“
von Hermann Hesse.

Es ist die präzise und zugleich spielerische Einfachheit der Welt, die unserer
einseitig komplizierten Logik bisher nicht einzuleuchten vermag. Vielleicht
sind die wissenschaftlichen Entwicklungen seit der zweiten Hälfte des 20.
Jahrhunderts geeignet, uns hierbei auf die Sprünge zu helfen.

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alogoi - Unaussprechliche Zahlen
oder: von der Meßkunst

„Logisch“ und „rational“ haben im allgemeinen Sprachgebrauch die nahezu


gleiche Bedeutung. Während sich ersteres mehr auf das begriffliche und
folgerichtige Denken bezieht, hebt das zweite auf Berechenbarkeit ab. Diese
verstandeszentrierte Erkenntnisweise bestimmt heute größtenteils unser
Weltbild. Alles, was sich nicht in diese Weltanschauung einordnen läßt, gilt
als irrational und kann aus dieser Sicht nicht wirklich ernst genommen wer-
den.
Grundlage für eine ungestörte Ausbildung dieser Denkart war die Verban-
nung der unberechenbaren Energien oder Götter zunächst in den Bannkreis
der Magier, dann in das Templum der Priester. Bezogen auf unser oben
begonnenes Schema der Bewußtseinsstufen nennen wir diese Stufe, in An-
lehnung an Jean Gebser, das mentale Bewußtsein.

Für das Zahlverständnis ist der Schritt auf diese Stufe gleichbedeutend mit
der Erkenntnis, daß, wenn Kardinalzahlen untereinander verglichen, d.h.
zueinander ins Verhältnis gesetzt werden, ein charakteristischer neuer Wert
entsteht, der von den Ausgangsgrößen unabhängig ist. So ist etwa das Ver-
hältnis von 15:5 das gleiche wie das Verhältnis von 6:2 oder von 9:3. Das
wird unmittelbar anschaulich in den uns geläufigen abstrakten geometri-
schen Figuren, wo gleiche Verhältnisse ähnliche, d.h. winkel-gleiche Figu-
ren bedeuten.

Die Erkenntnis von den Zahlverhältnissen, wir nennen sie Proportionen


oder Verhältnisgleichungen, mochte sich zu Zeiten des Übergangs von
Jägern und Sammlern zu Bauern und Viehzüchtern entwickelt haben, also
während der neolithischen Revolution etwa im 4. Jahrtausend v.C. im Zwei-
stromland, in den Kulturen der Sumerer und Babylonier.
Die Babylonier verfügten bereits über ein leistungsfähiges mathematisches
Instrumentarium. Sie benutzten einfache trigonometrische Methoden für
astronomische Berechnungen und auch Figuren zur Erdvermessung, eben
der Geo-metrie. Spätestens seit den nachfolgenden Kulturen in Ägypten ist
der sogenannte „pythagoräische Lehrsatz“ bekannt und damit auch das
Phänomen der inkommensurablen Strecken, von uns „irrationale Zahlen“
genannt. Sowohl der Durchmesser des Kreises, als auch die Diagonalen
regelmäßiger Kreisteilungsfiguren, also etwa Dreieck oder Quadrat, lassen
sich nicht als „glatte“ Verhältnisse zum Umfang bzw. zu den Seitenab-
schnitten darstellen.

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Diese allgegenwärtigen unaussprechlichen Zahlen, für die ein ausgeprägtes
Bewußtsein vorhanden war, wurden mit göttlichen Attributen belegt, ebenso
wie das Phänomen der Zeitzyklen, das untrennbar mit dem Lauf der Sterne
verbunden war. Nach Albert von Thimus spricht einiges dafür, daß das
ägyptische Ankh-Zeichen die gleiche Bedeutung hatte, wie heute das Qua-
dratwurzelzeichen.

Von besonderer Bedeutung für die Ägypter war die Einheit, symbolisiert
durch die Zahl 1, die ja als Ordinalzahl auch das erste und höchste bedeutet.
Alle Maße wurden von ihnen als Stammbrüche bzw. Summen von Zahlen
und Stammbrüchen angeschrieben (mit Ausnahme von 2/3). Zwangsläufig
stößt man bei dem Versuch, das Inkommensurable für praktische Zwecke
durch Brüche methodisch anzunähern, auf das Unendlichkleine. Bis auf den
heutigen Tag ist das ungelöste Problem des Unendlichen eine der treibenden
Kräfte in der Mathematik.

Von dem Griechen Protagoras stammt der Satz: „Aller Dinge Maß ist der
Mensch.“. Das ist der berühmte „homo-mensura“- Satz. Zu seiner Zeit, nach
Pythagoras und vor Platon, war die Eins als Maß noch in Geltung und man
gestand den Dingen noch das ihnen je eigene Maß zu. Man war sich darüber
im Klaren, daß sich der Raum mit den verfügbaren Mitteln des Verstandes
für praktische Zwecke zwar näherungsweise präzise, methodisch jedoch
nicht vollkommen exakt ausmessen läßt. Protagoras sprach in diesem Satz
also nicht über die Vollmacht des Menschen über die Dinge, indem jener
diese seinem willkürlichen Maß unterwirft, sondern über die Grenzen des
menschlichen Erkennens.

Im Allgemeinen wird die Geburt der abendländischen Wissenschaften den


Griechen zugeschrieben. Sie nimmt ihren Ausgangspunkt wesentlich von
der Geometrie, d.h. der Raumwissenschaft, wie sie von den Babyloniern
und Ägyptern vorbereitet war. Platon schreibt dann aber, es sei lächerlich zu
glauben, daß Geometrie etwas mit Erdmessung zu tun habe. Vielmehr ist
Meßkunst die Kenntnis des Immerseienden. Hier haben wir erneut einen
einschneidenden Abstraktionsvorgang: so wie sich seinerzeit die Kardinal-
zahl als Differenz vom gezählten Objekt gelöst hat, so löst sich jetzt das
Maß als Verhältnis von der Figur. Waren für den in ägyptischer Tradition
geschulten Pythagoras Zahlen und Verhältnisse durchweg noch dem Kos-
mos immanente göttliche Urprinzipien, so waren diese für Platon jenseitige
Ideen eines abstrakten, von den Dingen abgezogenen kosmischen Ord-
nungsprinzips, mit denen formal mathematisch operiert werden kann.

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Für den an der praktischen Erfahrung orientierten Aristoteles, und in seinem
Gefolge für die griechische Wissenschaft, waren nur die (natürlichen) Zah-
len und deren Verhältnisse von Interesse. Sie waren der gewöhnlichen Be-
rechnung zugänglich und entsprachen der von Aristoteles entwickelten
eindeutigen Begriffslogik. Die inkommensurablen Verhältnisse aber, die
Irrationalen, blieben, ebenso wie die Zeit, in den Himmel der Götter ver-
bannt. Dieser Bereich, die Metaphysik, der letztlich für alle Energien maß-
gebend war und ist, die Erkenntnis des Immerseienden, überließ man den
platonischen Philosophen und der traditionellen Priesterschaft. Schließlich
wurde der Himmel von den großen Buchreligionen übernommen. So kommt
es nicht von ungefähr, daß in allen heiligen Büchern an verschiedenen Stel-
len spezifische Zahlen und verklausulierte Rechenexempel auftauchen.

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Der Mensch ist aller Dinge Maß
oder: Der Verlust des Maßes

An der Schwelle zur Neuzeit waren Wissenschaft und Kunst aufs engste
verflochten, oft in einer Person. Die Renaissance brachte schöpferische
Typen hervor. Die Mathematik war im Wesentlichen noch in die überliefer-
ten Zahlvorstellungen eingebunden und die Geometrie an der äußeren Form
der Dinge ausgerichtet. Der himmlische Schöpfergott war eine feste Größe,
wenngleich die katholische Kirche in dem Maß ihre zentrale Stellung ver-
lor, wie die Erde in den Köpfen der Menschen ihrer Mittelpunktsstellung im
Weltall beraubt wurde. Dieser Umschwung im Denken der Menschen ver-
dankt sich dem wohl einzigartigen Impuls dieser Zeit: der Individuation des
Menschen. Der Verstandmensch setzt sich ins Zentrum der Person.
Der Mensch der Renaissance verstand sich durchaus noch als Teil eines
größeren Ganzen, das in Gott aufgehoben war. Aber er machte eben auch
seinen Wert als Teil in diesem größeren Ganzen geltend. Das ist der Sinn
des Namens „Parzival“, der der Dichtung des Wolfram von Eschenbach aus
dem 13. Jahrhundert seinen Titel gab. In diese Zeit fallen neben dem Bau
der hochaufstrebenden Kathedralen auch sehr viele Stadtgründungen, die
eine Trennung von Stadt- und Landbevölkerung mit sich brachte, ebenso
wie eine ausgeprägte Arbeitsteilung innerhalb der Gesellschaft. Mehr als
bisher war der einzelne damit durch seinen spezifischen Beruf herausgeho-
ben, dem er dann auch seinen Namen verdankt.

Mit der Erfindung der Uhr um 1300 n.C. wird die kreisende, zyklische Zeit
allmählich von der Bewegung des Himmels losgelöst und geht über in den
linearen Takt des Uhrwerks. Die kontinuierliche Zeit, bis dahin Inbegriff
des Irrationalen, des Himmlischen, Göttlichen, wird durch die Ankerhem-
mung in Sekundenpartikel zerlegt und so dem teilenden Prinzip des Zählens
unterworfen. Die Zeit des Aufbruchs bringt auch den Buchdruck mit be-
weglichen Lettern, Fortschritte in der Navigation und mit dem protestanti-
schen Geist Luthers den unmittelbaren Zugang zu Gott.

Man hat nun nicht nur den Raum, sondern prinzipiell die Zeit verfügbar
gemacht. Mit diesem Selbstbewußtsein geht der Renaissancemensch daran,
das Problem der Inkommensurablen und damit auch das der Unendlichkeit
zu beherrschen. Es gelingt ihm, indem er den Sinn des homo-mensura-
Satzes in sein Gegenteil verkehrt. Der faustische Mensch glaubt allen Erns-
tes, den Dingen sein eigenes Maß überstülpen zu können und gewinnt damit
zunächst auch eine ungeheure Macht über die ihn umgebende Natur. Nicht,
daß sich die Grenzen seines Erkenntnisvermögens grundsätzlich geändert

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hätten. Er reduzierte vielmehr die Natur auf ihre rein äußerlichen messbaren
Größen, d.h. auf ihre quantitativen Aspekte, indem er sie dem Koordinaten-
system und den analytischen Operationen unterwarf.

Über dem Messen blieb jedoch das Wissen um Maß und Zahl auf der Strek-
ke. Bedürfnisse wurden wach, die mehr und mehr in maßlose Begehrlich-
keiten umschlugen und wir erkennen heute, daß die Mißachtung naturgege-
bener Maßverhältnisse unweigerlich in die Selbstzerstörung führt. Unser
Problem besteht darin, daß wir Maß und Zahl als solche überhaupt nicht
mehr kennen. Maß ist, was selbst nicht gemessen werden kann. Es steht
außerhalb des verstandesmäßigen Denkens, ebenso wie die Zahl.
Damit ist der abendländische Mensch im Grunde hinter das ägyptische
Bewußtsein zurückgefallen. Die großartige Errungenschaft der vorgängigen
Bewußseinsstufe – das Wissen um Maß und Zahl – ging verloren, ein we-
sentlicher Teil unseres Unterscheidungs- und damit Erkenntnisvermögens
ist damit egalisiert.

In Dürers Denkbild „Melancholia“ kommt das deutlich zum Ausdruck.


Dürer, selbst noch ein Meister der Meßkunst, sowohl der alten wie auch der
seinerzeit neuentdeckten Perspektive, platzierte den Zirkel als Symbol des
Maßes und die Sanduhr als Symbol der kontinuierlichen Himmelszeit auf
die Mittelachse des Bildes. Die Melancholie mag bedenken, ob es wohl
gelingt, das verlorene Maß in neuer Form wieder zu gewinnen.

Das Phänomen der Renaissance, der Wiedergeburt der Antike, war nicht
von heute auf morgen da, sondern es hat sich entwickelt. Es wurde durch
einige vorlaufende Initialschritte eingeleitet. Wir wollen uns diese im Fol-
genden kurz anschauen, bevor wir uns dann der wirklich revolutionären
Entdeckung der Dezimalzahlen zuwenden.

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Erste Impulse einer neuen Stufe des Bewußtseins

Stellen wir uns vor, daß wir auf unserem Weg zum versprochenen Garten
am Ufer des Meeres entlanggehen. Das Alte, Feste wird überspült vom
Unbeständigen, Flüssigen. Einerseits dringt das Wasser in das Feste ein –
aus anderer Sicht saugt das Feste das Flüssige auf, am Sandstrand unauffäl-
liger als an den Klippen der felsigen Steilküste. So können wir auch die
Wechselbeziehung der Überlagerung im Übergang zur neuen Bewußt-
seinsstufe sehen.

Eine erste Welle war die Arabisierung Spaniens, getragen durch die islami-
sche Expansion. Hier kam altes griechisches, und damit heidnisches Wissen
über den Umweg von Gondischapur in das südliche Abendland. In einem
zweiten Impuls läutete die alles beherrschende katholische Kirche ihren
eigenen Niedergang ein, indem sie auf dem Konzil von Kontantinopel im
Jahr 869 dem Menschen die Geistigkeit absprach, dieser war demnach nur-
mehr noch ein körperlich-seelisches Wesen. Das war das Signal für den
Verstand, im Menschen die Herrschaft zu übernehmen.
Während Aristoteles trotz allem logischen Denken in Bezug auf die Ma-
thematik noch der sinnlichen Anschauung verbunden war, war der abend-
ländische Mensch nun bereit, auch in der praktischen Mathematik den rein
formalen Überlegungen zu folgen. Dem formal Richtigen wurde der Vor-
rang vor dem offensichtlich Wahren eingeräumt.

Damit war der Boden bereitet für eine erfolgreiche Einführung der arabi-
schen Ziffern durch Leonardo von Pisa, genannt Fibonacci, zu Anfang des
13. Jahrhunderts. Insbesondere wurde damit auch die Null als Zahl einge-
führt. Zunächst noch nach der 9 geschrieben, eroberte sie sich innerhalb von
etwa 200 Jahren den Platz vor der 1.
Die Null war seit den Babyloniern bekannt – aber eben nicht als Zahl wie
die anderen Zahlen, sondern als Platzhalter zur Bezeichnung von Leerstel-
len in der Darstellung größerer Zahlen. In diesem Sinn kannten auch die
Griechen die Null, die sie in ihren Kalendertafeln als kleines Omikron ange-
schrieben haben.

Zu Zeiten der Renaissance war die Null endgültig als Zahl anerkannt. Die
indischen Mathematiker, denen die sogenannten arabischen Ziffern zu ver-
danken sind, hatten die Null, ebenso wie die Chinesen, etwa im 7. Jahrhun-
dert n.C. als Rechengröße eingeführt. Ihnen war aufgrund ihres Glaubens
weniger an den diesseitigen Dingen gelegen, die für sie nur Schein sind, und
der Umgang mit Zahlen war ihnen ein rein intellektuelles Vergnügen. Daher

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verdanken wir ihnen in erster Linie die Algebra, das Rechnen mit Formeln
ohne Bindung an irgendeine sinnliche Vorstellung. Sie hatten kein Problem
damit, beispielsweise von vier sieben abzuziehen. Damit gelangten sie ei-
nerseits zum Konzept des beidseitig ins Unendliche auslaufenden Zahlen-
strahls; andererseits ergaben sich daraus auch die negativen Zahlen und die
Null, die ihren Platz zwischen eins und minus eins hatte.

Damit ist ein zweiter entscheidender Baustein für die neue Mathematik
genannt: die negativen Zahlen. Man behauptet aufgrund der formalen Rich-
tigkeit nicht nur die Existenz der Null, sondern darüberhinaus die Existenz
negativer Zahlen in der Reihe der Zahlen. Wenn Zahlen Repräsentanten der
wirklichen Dinge der Welt sind, so ist das ein völliger Widersinn und es hat
daher auch mehrer Jahrhunderte gedauert, bis den negativen Zahlen in der
Mathematik volles Bürgerrecht gewährt wurde.

Für die handelstüchtigen Kaufleute in Indien wie im Kaiserreich der Staufer


war der Sinn auf Anhieb verständlich (und so wurden die negativen Zahlen
auch eingeführt): negative Zahlen sind Schulden. Damit wurde etwas, das
eigentlich und ursprünglich dem sogenannten geistigen Bereich angehört, in
den Bereich der Materie versetzt und damit das gesamte Weltgefüge auf den
Kopf gestellt. Alles weitere ist die bekannte Geschichte des Kapitals, das
mit dem calvinistisch geprägten Protestantismus auch eine „geistige“ Fun-
dierung erhielt.

Fibonacci hat aber nicht nur die arabischen Ziffern ins Abendland gebracht.
Er war es auch, der die althergebrachte Proportionsgleichung, die immer
vierteilig angeschrieben wurde, in eine dreiteilige Gleichung aufgelöst hat.
Fibonacci schärfte den Verstand für etwas, was viele vor ihm wohl gesehen,
aber nie ernsthaft als Operation in Betracht gezogen haben, was ihnen als
Blasphemie erscheinen mußte: daß nämlich die Eins im Nenner auch weg-
gelassen werden konnte! Die Eins versank buchstäblich im Fundament der
Mathematik, die sich mehr und mehr zur rein formalen Rechnerei entwik-
kelte. Der Schritt von der vierteiligen Proportion zur dreiteiligen Gleichung
war die Vorbereitung des Übergangs vom konkreten rationalen Verhältnis
zur stetigen Funktion. Die rechte Seite der Gleichung ist mithin nicht länger
ein bestimmtes Verhältnis oder Maß, sondern repräsentiert als digital fixier-
ter Wert die ganze Reihe denkbarer Entsprechungen (Analoga) des einen
spezifischen Verhältnisses links vom Gleichheitszeichen. Als abstrakter
Repräsentant ist die einzelne Zahl völlig unabhängig von irgendeiner tat-
sächlich existierenden materiellen oder bildlich vorgestellten Entsprechung.

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Mit diesem Schritt tritt der Verlust des Maßbewußtseins in voller Klarheit
zutage: Die Harmonie der Welt beruht auf der Unversehrtheit der einzelnen
Teile, die ihrem Wesen nach formbestimmt sind. Die Form resultiert aus
dem Verhältnis einer Sache bzw. eines einzelnen Wesens als Teil zum grös-
seren Ganzen, zur Einheit, der es zugehörig ist und die Proportion doku-
mentiert diesen Formaspekt der Dinge, ihre Skalennatur. In einem als ganz-
zahligen Bruch dargestellten Verhältnis kommt immer auch, und jeweils
beispielhaft, die universelle Harmonie alles Gewordenen zum Ausdruck.
Dieser Zusammenhang, der Sinn für das Ganze, Unversehrte, der Sinn für
Ordnung, die In-form-ation geht mit der Reduktion auf die dreiteilige Glei-
chung verloren. Nachdem bereits das Konzil 869 dem abendländischen
Christenmenschen die universale geistige Heimat offiziell abgesprochen
hat, hat sich der selbstbewußte Mensch mit der Profanierung der Eins, die
damit zu einer gleich-gültigen Zahl geworden ist, auch persönlich von sei-
nem Maß, seinem Rhythmusgeber, seinem individuellen Lebensimpuls,
seinem Generator abgekoppelt. Das ist das faustische Thema, wo der ins
Unendliche strebende Mensch dem Mephisto seine Seele verkauft. Der
Mensch wird zwar kreativ, vermag aber nichts Schöpferisches ohne das
entsprechende Maßbewußtsein. Er bleibt in maßlosen Konstruktionen be-
fangen.

Übrigens wird auch dieser Aspekt der Eins als Referenz, als Nicht-Zahl, in
Dürers „Melancholie“ dargestellt, und zwar bereits im richtigen Titel „Me-
lencolia I“. Peter-Klaus Schuster hat gezeigt, wie die „I“ im Titel des Blat-
tes vollumfänglich der griechischen Lesart der Eins entspricht, nämlich als
Symbol für das Maß aller Zahlen und damit das mathematische Prinzip im
ursprünglichen Sinn schlechthin.

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Vom Geschöpf zum Schöpfer
- Einschlag der Vernunft -

Während Platon noch ein fundiertes Bewußtsein vom Maß hatte, das in
mehr oder weniger abgeschatteter Form bis zur Renaissance hin überdauer-
te, legte er mit seiner Ideenlehre, d.h. der Trennung von Idee und Exemplar,
indirekt auch den Grund für eine Denkweise, die schließlich im sogenann-
ten Nominalismus gipfelte. Bereits in der Schule von Chartres, also ab etwa
1000 n.C., begannen Bemühungen, Gott vernunftmäßig zu begründen. War
die Gewißheit eines jeden Seienden bisher durch seine göttliche Substanz,
seine Verbindung mit der Idee verbürgt, so mochte man das nicht länger als
gegeben hinnehmen. Die Dinge wurden nicht mehr als beseelt angesehen
und damit war der Rückbezug zum Symbol abgeschnitten. Was bleibt, ist
die nominalistische Gewißheit des eigenen Denkens, das von Rene Des-
cartes in dem Satz „cogito ergo sum“ formuliert wurde.
Demnach sind alle unsere Begriffe für die Dinge der Welt, ihre Namen,
unsere eigenen Geistprodukte und das sogenannte Wesen, als vorlaufende
Idee und eigentliche Realität, ein Hirngespinst. Das soll auch für die Zahlen
gelten. Der Begriff ist damit nicht länger etwas den Dingen nachfolgendes,
vielmehr wird er von den Dingen unabhängig und vermag diesen sogar
vorauszugehen. Der prometheische Mensch, der Vorausdenkende, wird zum
Vorgreifenden. Das aber bedeutet: der bisher lediglich planende Mensch
wird schöpferisch, wird ein Poet, ein Hervorbringender.

In der Konsequenz führt das zum Primat der Sprache bzw. dem Sprachzei-
chen vor dem Zahlzeichen. Der Vorrang der Sprache vor der Zahl wurde
bereits von Platon angeprangert und wird dann im spätmittelalterlichen
Bildungskanon der freien Künste festgeschrieben. Im weiteren Verlauf führt
der Nominalismus zur Trennung von Syntax und Semantik: Das Zeichen
bzw. das Wort, der Begriff, wird gegenüber seiner Bedeutung verschieblich,
operabel. Das mathematische Gegenstück dazu ist die Buchstabenrechnung,
die im 16. Jahrhundert von dem Franzosen Vieta eingeführt wurde. Hierin
ist die zahlengebundene Form bis zum allerletzten Rest zur reinen Formel
aufgelöst.

In Umkehrung des aristotelischen Grundgedankens wird auf einer einmal


freigelegten Struktur eine völlig neue dingliche, sinnlich faßbare Konstruk-
tion aufgebaut, ein Artefakt wird gezielt kon-struiert und materiell oder
virtuell hervorgebracht. Gott hat zwar die Welt als Ganzes geschaffen, aber
innerhalb dieses Systems ist alles von allem gesetzmäßig abhängig. Die
„Methode“ von Rene Descartes ist dann nicht mehr und nicht weniger als

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die Wissenschaft, deren Aufgabe es ist, die Gesamtheit all der Einzelzu-
sammenhänge aufzudecken und mathematisch zu explizieren. Die ursprüng-
lich individuell-göttlichen Verbindungen der Dinge werden durch einen
einzigen großartigen systematischen Zusammenhang ersetzt, die Weltma-
schine, dargestellt durch eine Unzahl von Funktionen. Wenn wir diese
durchschauen, können wir auch unsere eigenen Werke hinzufügen. „Teil
und Ganzes“ hat unter diesen Umständen im herkömmlichen Sinn keine
Bedeutung mehr – es gibt nur noch Teile und Konstrukte, die wiederum
Teil eines größeren Konstrukts sind.

Der Mensch wird zum Schöpfer und Namensgeber – ohne jedoch vom Maß
eine Ahnung zu haben. Die platonische Idee wird auf den konstruktiven
Begriff reduziert. Das gilt auch für die Zahlen und ganz besonders für die
Eins. Wenn die Dinge ihrer Substanz oder ihres Wesens entledigt sind, dann
werden auch ihre Repräsentanten bedeutungslos und degenerieren zu bloßen
Rechengrößen. Im Fall der Eins haben wir bereits gesehen, wie sie von der
maß-gebenden Einheit zur gleich-gültigen frei verfügbaren Größe absinkt.
Die neuen Elemente der Mathematik, wie die Null, das Minuszeichen oder
das Wurzelzeichen, werden nicht in ihrer wahren Bedeutung erfaßt, sondern
als bloße Operatoren bzw. Zahlen der rein formalen Verstandeslogik unter-
geordnet. Innerhalb des Horizonts des mentalen Bewußtseins ist auch nichts
anderes zu erwarten. Die Mathesis wird zum Rechenknecht degradiert.

Die nominalistische Auffassung vom „Begriff“ wird zum Ausgangspunkt


für völlig neue, bisher nicht da gewesene Dinge. Im Verbund mit der linear
gewordenen Zeit, die, wie der Raum, ebenfalls vom Menschen in den Griff
genommen worden ist, werden Neuzeit und Fortschritt zu Synonymen.
Darin wird Freiheit als Selbstgesetzlichkeit mißverstanden und Form ledig-
lich als zu überwindende Begrenzung wahrgenommen. Schillers Mahnung
an die Künstler ist daher nicht von ungefähr: "Der Menschheit Würde ist in
eure Hand gegeben."

Wenn Friedrich Nietzsche bang fragt: „Wer gab uns den Schwamm, um den
ganzen Horizont wegzuwischen?“, so können wir antworten: Der Nomina-
lismus ist es, der den Horizont aufreißt, aus dem ein neues symbolisches
Vermögen und damit letztendlich auch ein neues Bewußtsein hervorgeht. Es
liegt an uns, den neuen Horizont zu bestimmen (sofern der Begriff Horizont
überhaupt noch Sinn macht!).

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Dezimalbruch und Koordinatensystem
- zwei geniale Überlagerungen -

I Rationalisierung des Irrationalen

Mit der Dezimalbruchdarstellung scheint der alte Traum von der Meiste-
rung des Irrationalen, die Vergleichung des Unvergleichlichen endlich er-
füllt.

13.072 13072 .13072

Ich unterstelle jetzt einfach, daß Du den Unterschied dieser Zeichenfolgen


auf Anhieb benennen kannst. Wenn Du jemandem erklären müßtest, wie du
darauf gekommen bist, wirst du wahrscheinlich anfangen, etwas von Einern,
Zehnern und Hundertern usw. zu erzählen, weil sich in einem Stellenwert-
system der Wert der einzelnen Ziffer nach ihrer Stelle in der Folge richtet.
Das reine Darstellungsprinzip war übrigens schon den Mayas, Chinesen und
Babyloniern vor Christus bekannt. Daher waren die Babylonier auch ge-
zwungen, einen Platzhalter zu erfinden. Es war die Null.

So weit so gut. Was würdest du erzählen, wenn da stünde

13.0728 130728 .130728

Nun, langer Rede kurzer Sinn: ich möchte darauf aufmerksam machen, daß
hinter den Dezimalbrüchen (zur Basis 10) mehr steckt, als wir gewöhnlich
meinen. Vor allem aber haben wir sie so verinnerlicht, daß nicht wenige
(auch akademisch Gebildete) glauben, daß dieses System gewissermaßen
naturgegeben sei. So steht etwa im Mathematikband eines Abiturienten-
lexikons von 1968: „Das Rechnen mit Zehnerlogarithmen ist besonders
vorteilhaft, weil die Zehnerlogarithmen der Zehnerpotenzen mit ganzen
Hochzahlen ganzzahlig sind.“ Wenn wir an jeder Stelle, wo hier das Wort
„zehn“ steht, irgendein anderes Zahlwort einsetzen ist der Satz ebenso rich-
tig. Zumindest aus zahlentheoretischer Sicht gibt es nichts, was die Zahl
„zehn“ vor den anderen Zahlen in Bezug auf die Darstellung auszeichnet.
Überhaupt – wer sagt uns denn, daß es sich bei diesen Zifferngruppen um
drei Zahlen handelt? Zur Zahl wird jeder dieser Ausdrücke schließlich erst
dann, wenn ihm eine logarithmische Basis zugeordnet wird. Es wird also
einiges vorausgesetzt, wenn an der Preistafel „Benzin 152.9“ steht und ich
etwas damit anfangen soll.

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Das Rechnen mit Dezimalbrüchen, wie wir sie kennen, setzt alle bisher als
Impuls genannten Elemente voraus: die Null, die negativen Zahlen, die
dreigliedrige Gleichung; dazu kommen die Rechenregeln für Potenzen.

Das geniale gerade dieses Zahlensystems beruht wesentlich darauf, daß wir
(im Allgemeinen) zehn Finger haben und das System damit einem intuitiven
Zahlensystem, in dem Einheiten und übergeordnete Gruppen von Einheiten
zusammengezählt werden (etwa bei den römischen Zahlen) zum Verwech-
seln ähnlich ist. D.h. der ganze notwendige mathematische Hintergrund
wird elegant überspielt und somit ein Zusammenhang mit der wirklichen
Welt nahegelegt.

Tatsächlich jedoch erfüllt auch die Dezimalbruchdarstellung in hohem Mas-


se das, was der nominalistische Begriff mit sich bringt: puren Formalismus,
völlige Abstraktion von der wirklichen Welt und damit vollkommene Unan-
schaulichkeit. Das Wesen der gemeinten Zahl, nämlich ihre Teilbarkeits-
struktur, die das komplexe Verhältnis eines gegebenen Sachverhalts veran-
schaulicht und damit einen Zusammenhang mit der realen Welt wiedergibt,
wird durch ein Stellenwertsystem geradezu unkenntlich gemacht.

Mit dem Dezimalsystem haben wir ein äußerst mächtiges Instrument in der
Hand, ohne daß wir uns über tatsächliche Zahlen Gedanken machen müs-
sen. Die verselbständigten Zeichen erlauben Konstruktionen nach Formeln
ohne eigentliche Form und so manipulieren wir das uns Unzugängliche im
großen Stil, ohne wirklich zu wissen, was wir tun. „... denn sie wissen nicht
was sie tun!“
Mit einem Dezimalbruch läßt sich jede Zahl auf beliebig viele Stellen nach
dem Komma genau darstellen. Das Problem des Unendlichen scheint damit
endgültig erledigt zu sein. Bezeichnenderweise wurde diese Darstellung
dann auch in trigonometrischen und logarithmischen Tafelwerken erstmals
konsequent genutzt, waren es doch ursprünglich die trigonometrischen
Rechnungen der Astronomen in Babylon (und damit Aufgaben der Zeit-
rechnung), die das Problem heraufbeschworen haben. Zum Instrument der
Raumberechnung wurden trigonometrische Erkenntnisse erst bei den Grie-
chen, nachdem Euklid den göttlichen rechten Winkel gewissermaßen vom
Himmel geholt hatte. So ist es auch zu erklären, daß die Winkel der Geo-
metrie bis heute in Minuten und Sekunden unterteilt werden.

Tatsächlich ist „beliebig viele Stellen“ eine rein theoretische Aussage. So-
bald wir die Folge an irgendeiner Stelle abbrechen, ist es vorbei mit der
exakten Unendlichkeit. Der Widerspruch von abstraktem Erkenntnisvermö-

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gen und unmittelbarer Anschauung läßt sich auch mit den Dezimalbrüchen
nicht aus der Welt schaffen. Exaktheit ist eine Fiktion und es bleibt in der
praktischen Rechnung bei der präzisen Näherung und rationalen Größen.

Der faustische Mensch möchte sich mit allen Mitteln der Sachverhalte in
den Strukturen des Lebenden wie des Toten bemächtigen und vergißt im
Rausch des Formalismus die faktische Unschärfe. Das bei aller Perfektion
immer wieder und überall auftretende Chaos zeugt davon, daß das ver-
meintlich gebändigte Irrationale letztlich das Konstruktive der mensch-
lichen Kreationen überwuchert. Letztlich sind all die Unbestimmtheiten und
Unsicherheiten unserem numerischen Analphabetentum geschuldet. Wenn
auch praktisch Jeder und Jede mit allen möglichen Zahlen mehr oder weni-
ger erfolgreich jonglieren kann, haben die allermeisten letztlich doch keinen
Schimmer mehr davon, was Zahlen eigentlich sind bzw. bedeuten.

Die Unwissenheit wird mit den Dezimalzahlen überaus erfolgreich ka-


schiert. Wir können alles berechnen, bleiben aber im rein Quantitativen. So
ist es nicht verwunderlich, daß die Mathematik gemeinhin als die Wissen-
schaft von den Größen betrachtet wird.

II Fasconti - fascinosum continuum

Eine geometrische und damit anschauliche Interpretation der Meisterung


des Irrationalen liefert Rene Descartes mit der Einführung des (später
rechtwinkligen) Koordinatensystems. Dabei ist die Darstellung von Zu-
sammenhängen in einem rechteckigen Schema nicht neu. Neu war zunächst
die Verstetigung des Zahlenstrahls.
Die Anordnung der Zahlen auf einer Geraden war schon um 1560 geleistet
worden. Descartes aber erkühnte sich etwa siebzig Jahre später, diese Linie,
die bis dahin eigentlich nur eine lückenlose Anordnung diskreter Punkt ist,
mithilfe der irrationalen Dezimalzahlen zum kontinuierlichen Zahlenstrahl
zu erklären. Er unterlegt dem Strahl der diskreten Zahlen und Verhältnisse
mit den Dezimalen ein stetiges Kontinuum. Damit ist der Unterschied zwi-
schen Maß und Größe auch in der Anschauung egalisiert und zugleich ein
wesentliches Erkenntnismittel abgeblendet.
Auf dem kontinuierlichen Strahl der reellen Zahlen wird jeder physikali-
schen Größe eine reelle Zahl zugeordnet. Indem die Achse als reine Zahl-
größe, d.h. als Vielfache einer willkürlichen Längeneinheit erfaßt wird, ist
die mathematische Behandlung oder Operation von jeglicher Anschauung
getrennt.

- 40 -
Das gilt jetzt auch für die Zeit, denn seitdem die Zeit mithilfe der Uhr in
völlig gleichmäßigen Stunden-, Minuten- und Sekundeabschnitten erfaßt
und damit gemessen werden kann, hat sie auf dem bildhaften Zahlenstrahl
als gerichtete Zeit ebenso ihren Platz, wie die räumliche Ausdehnung. Zeit
ist damit nicht nur anschaulich sondern auch operationalisierbar geworden.

Der zweite Schritt war dann folgerichtig, über die Linie hinaus zunächst die
Ebene und dann den gesamten euklidischen Raum dem Kontinuum der
Zahlen zu entwerfen. Darin wird jeder Raumpunkt durch eine reelle Zahl
repräsentiert. Damit ist jeder beliebige Punkt, jede Figur, jede Kurve, jeder
Körper im Raum unabhängig von jeglicher Anschauung der Berechnung
zugänglich.

Der absolute Raum und die absolute Zeit werden als homogene Indifferenz
betrachtet. Das euklidische Ideal vom Raumkontinuum wird um das Konti-
nuum einer absolut gedachten Zeit erweitert. Grundlage ist die Fiktion der
exakten Erfaßbarkeit des Unendlichen, in diesem Fall eines unendlich Klei-
nen, das als Punkt gedacht wird, mit dem als Größe mathematisch operiert
werden kann.
Das gedankliche Korsett eines absoluten Raums, in dem wir uns seit Euklid
bewegen, wird mit Descartes auf die Ebene der Zahlen ausgeweitet. Modell
bzw. Ideal und Wirklichkeit wurden mit Euklid erfolgreich in eins gesetzt,
die Verwechslung beider ist perfekt und wird jetzt mit Descartes auf der
Ebene der Zahlen fortgeführt. Die Geometrie wird den Regeln der Arithme-
tik und der Algebra zugänglich und kann damit vollständig in Formeln
aufgelöst werden.

Mit Descartes’ Idee wird einerseits dem anschaulichen bzw. gefühlten Kon-
tinuum das Teilungsprinzip eingewoben und umgekehrt beinhaltet das Prin-
zip der Teilung auf diese Weise das Kontinuum. Sämtliche physikalische
Größen, einschließlich Raum und Zeit, können damit dimensioniert, d.h. in
mathematische Ausdrücke umgewandelt werden, und umgekehrt können
mathematische Werte als anschauliche Größen interpretiert werden. Sinn
und Verstand bleiben damit weiterhin auf eine fruchtbare (oder furchtbare?)
Weise verschmolzen.

Die Überlagerung des Neuen durch das Alte wird hier perfekt vorgeführt. In
der Wahl der Basis des Zahlsystems ist man noch dem dinglich-
begrifflichen Bewußtsein verpflichtet, nämlich den zehn Fingern. In der
Wahl der Mittel werden aber alle verfügbaren Möglichkeiten des sich neu
anbahnenden Bewußtseins genutzt. Ergebnis: scheinbar völlige schöpferi-

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sche Freiheit ohne Rücksicht auf die Form. Diese wird lediglich als Begren-
zung aufgefaßt. Mit dem mathematischen Raum des Koordinatensystems
wird andererseits das Gefängnis der Fiktion von einem absoluten Raum
aufrechterhalten und damit der Übergang bzw. Durchgang in den immanen-
ten Bereich der Information (Gegenraum, Amension) verhindert. So wird
das Althergebrachte um den zeitlichen Aspekt erweitert und mit neuen Mit-
teln frisch verpackt.

Zwar hat schon Leibniz das Koordinatensystem, mit dem willkürlich ge-
wählten Ursprung, als wesensfremden Gesichtspunkt der analytischen Ge-
ometrie kritisiert, hat Desargues, ein Freund Descartes’, diesem seine Ideen
zur projektiven Geometrie nahegebracht – allein: gefruchtet hat das alles
nicht. Die analytische Geometrie mit allen ihren Erweiterungen und Verfei-
nerungen bestimmt bis heute maßgeblich unsere Vorstellung von Raum und
Zeit. Dedekind konstruierte (und rechtfertigte damit) die irrationalen Zahlen
mit Hilfe der Null – soweit ich das erkennen kann ein klassischer Zir-
kelschluß. Das Wesen der Zahlen und der Verhältnisse wird bis heute durch
das faktische Monopol des Dezimalbruchs in der Zahldarstellung verschlei-
ert, macht es geradezu unsichtbar.

Die Darstellung von Verhältnissen in Form von Dezimalzahlen hat den Sinn
für Ordnung verkümmern lassen. Die Zahlen sind zu nichtssagenden Zif-
fernfolgen degeneriert. Das Zeitalter des Rationalismus, des Verstandes, ist
vollständig auf Irrationalen aufgebaut, die wir beliebig verwenden. Wie
gesehen, handelt es sich zwar praktisch doch um Rationale, allerdings ist
die Wissenschaft, und damit wir alle, in dem (irrationalen) Glauben befan-
gen, es handele sich tatsächlich um das Unendliche. Diese Selbsttäuschung
ist zwar mit der Entwicklung der Physik von der Elektrodynamik über die
Thermodynamik zur Quantenphysik schwer erschüttert worden. Tatsächlich
überwunden ist sie bis heute nicht. Jedoch: die Reduktion des ursprünglich
Göttlichen auf das sinnlich Faßbare und unmittelbar Meßbare ohne Rück-
sicht auf das wahre Wesen der Zahl selbst erweist sich zunehmend als
selbstzerstörerisch.

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Natur wird mathematisiert
- Von der Proportion zur Funktion -

Ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht die Überlagerung mit dem Begriff der
Funktion. Die Funktion ist das neue Ideal des wissenschaftlichen Begriffs
und steht im Gegensatz zur formalen Logik der aristotelischen Begriffs-
schemata. Die Formel als mathematischer Begriff steht dem ontologischen
Begriff, in Gestalt des Wortes, gegenüber.

Die Funktion ist die zeitgemäße Adaption eines Gedankens, den der deut-
sche Kardinal Nikolaus von Kues rund zweihundert Jahre zuvor formuliert
hat. In seinem Buch über den „Zusammenfall der Gegensätze“ geht er da-
von aus, daß sich das Eine und das Viele, oder das Unendlich und das End-
liche, wechselweise bedingen. Jedes Einzelne ist als Teil des großen Ganzen
immer schon auf ein anderes angelegt. Die Welt ist der Funktionszusam-
menhang, der sowohl zwischen den Teilen und dem Ganzen, als auch die
Teile untereinander nach bestimmten Regeln vermittelt. In diesem Zusam-
menhang gibt es nach Cusanus keine statischen Dinge mehr sondern nur
noch Zustände, Momentaufnahmen von Knotenpunkten in einem fortwäh-
rend bewegten und sich verändernden Beziehungsgeflecht.

Dieser weitreichende Gedanke wird zu Beginn des 17. Jahrhunderts im


Horizont des Verstandesbewußtseins unter Aufbietung aller verfügbaren
neuen Errungenschaften umgesetzt. Dazu gehören neben der auf Dauer
reduzierten Zeit, den Dezimalzahlen, und dem Koordinatensystem mit all
seinen Voraussetzungen, auch das Rechnen mit Buchstaben. Eine Funktion
beschreibt in Gestalt einer mathematischen Formel einen gesetzmäßigen
Relationszusammenhang, in dem an Stelle bestimmter Einzelmerkmale
Variablen als Platzhalter für variierende Größen erscheinen. Indem die
Variablen eine stetige Reihe von Größen durchlaufen, sind unter dem All-
gemeinbegriff der Formel zugleich alle denkbaren und somit auch spezielle
Fälle erfaßt. Unter einem Relationszusammenhang verstehen wir die Ver-
änderung einer Größe im Verhältnis zu einer unabhängigen Umgebungs-
größe.

Während in der formalen Logik die dinglichen Eigenschaften mit den Mo-
menten der Beziehung unterschiedslos verquickt sind, sind es gerade die
gesetzmäßig sich verändernden Beziehungen, für die mit der Funktion eine
erzeugende Regel herauspräpariert wird. Also nicht ein allgemeines Bild der
Vorstellung, eine Idee, sondern ein Reihengesetz, das beschreibt wie ein

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Zustand aus dem anderen hervorgeht, ist das charakteristische Moment, das
dem Funktionsbegriff sein Gepräge gibt.

Veränderung wurde seinerzeit in eins gedacht mit „Bewegung im Raum“.


Das aber war gleichbedeutend mit einem Zeitverlauf, einer Zeitdauer. Die
Vereinnahmung der erst kürzlich gemeisterten Zeit durch das mentale Be-
wußtsein erreichte mit der klassischen Experimentalphysik ihren vorläufi-
gen Höhepunkt. Mit der veränderlichen Zahl auf dem Zahlenstrahl haben
die ersten neuzeitlichen Physiker, kongeniale Forscher wie Galilei, Bacon
oder Kepler, das entscheidende Instrument zur Analyse physikalischer Vor-
gänge in die Hand bekommen.

Mathematisierung der Natur war gleichbedeutend mit messen. D.h. physika-


lische Größen werden in Zahlen übersetzt, mit denen dann mathematisch
operiert werden kann. Gemessen wird dabei nicht das Objekt selbst, sondern
sein Verhältnis zur Umgebung. Damit aber Meßresultate verglichen werden
können, muß ein homogener Bedingungszusammenhang gewährleistet sein.
Das führt bei komplexen Untersuchungen zwangsläufig zu willkürlichen,
abstrakten Eichmaßen bzw. Vergleichseinheiten. Die bekannten Experimen-
te der klassischen Mechanik zeigen, wie die Bewegung eines in sich als
unveränderlich gedachten Objekts im Raum (z.B. eine Kugel) relativ zu
seiner fixierten Umgebung gemessen wird (z.B. schiefe Kugelbahn).

Das Koordinatensystem ist nun das perfekte mathematische Gegenstück zur


Laborumgebung der Forscher. Eine Bewegung bzw. Veränderung im realen
Raum ist als idealer Vorgang sowohl im System der fixierten Koordinaten
mit Hilfe eines Funktionsgraphen, als auch mit einer Funktionsformel ma-
thematisch beschreibbar. Indem sich der Zahlbegriff mit dem Funktionsbe-
griff durchdringt, wird jede mögliche Form der gesetzmäßigen Abhängig-
keit von Größen darstellbar. Insbesondere können durch die Erweiterung
der Funktionsidee zur Analysis (oder zum Calculus, wie diese seinerzeit
genannt wurde) einzelne Momente fest-gestellt werden.

Ein solcher diskreter Punkt innerhalb der kontinuierlich gedachten Bewe-


gung wird Grenzwert genannt. Tatsächlich ist ein mathematischer Punkt
unvorstellbar. „Punkt“ meint immer eine, wenn auch klitzekleine, sinnliche
Ausdehnung. Wieder sind wir beim Problem der Irrationalen. Mit der Fixie-
rung eines Grenzwerts halten wir gedanklich immer noch krampfhaft am
dinglichen Objekt fest. Damit heben wir die Errungenschaft des Funktions-
gedankens auf. Sein Objekt ist die Regel, die eine Relation bestimmt. Durch
unser Denken in starren, statischen Begriffen beschränken wir uns selbst.

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Indem wir den Funktionswert als Größe fixieren, schlägt Mathematik in
Magie um, wird zum maß-losen Formalismus. Hier hat auch das Spengler-
sche Wort von der Funktion als faustischer Zahl seine Berechtigung.

Der seßhafte Mensch ist auf Besitz programmiert. Übernimmt der Verstand
mit der formalen Logik die Herrschaft, wird daraus Kontrollsucht und letzt-
lich ein unbedingter Machtanspruch. Der Verstand denkt nicht daran, sich
auf die Dinge einzulassen wie sie sind. Er verfügt über sie und maßt sich an,
sie in sein Maß zu zwingen. In diesen unterschiedlichen Haltungen der
Natur gegenüber liegt auch der Kern der bekannten Kontroverse um das
Farberkennen zwischen Goethe und Newton.

Der Funktionsgedanke des Cusanus wird bei Descartes durch ein bewun-
dernswert ausgeklügeltes mathematisches Instrumentarium realisiert. Dieses
ist jedoch durch einen rein dinglich orientierten Verstand geprägt.

Neben dieser massiven Überlagerung ist eine zweite Überlagerung festzu-


stellen: die Überlagerung durch die Sprache. Es fehlen uns einfach die Wor-
te, das angemessene Ausdrucksvermögen. Unsere Sprachen zentrieren sich
um Haupt- oder Dingwörter, sie sind statisch ausgerichtet. Wir verfügen
nicht über entsprechende Sprachkonstrukte, um den allgegenwärtigen Be-
wegungsvorgängen den ihrer Dynamik angemessenen Ausdruck zu verlei-
hen. Max Bense drückt es so aus: „Wenn die Sprache unzulänglich wird, so
offenbart sich, daß die Dinge, die sie ausdrücken soll, auf einer neuen ande-
ren ontologischen Stufe liegen als diejenigen Dinge, an denen sich die Spra-
che selbst gebildet hat.“ Hier nun ist ein neues symbolisches Vermögen
vonnöten.

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Die Naturwissenschaften werden mathematisch
- Vom Begriff zur Formel -

„Der Vogel kämpft sich aus dem Ei. Das Ei ist die Welt. Wer geboren wer-
den will, muß eine Welt zerstören. Der Vogel fliegt zu Gott. Der Gott heißt
Abraxas.“ Mit diesen Worten beginnt im Entwicklungsroman „Demian“
von Hermann Hesse der Weg der Hauptfigur zu sich selbst. Auf unserem
Weg zum Garten ist es jetzt auch nur noch ein kleines Stück. Wir beobach-
ten zunächst, wie der Schmetterling aus seiner Puppe schlüpft.

Das entscheidende Moment der Überlagerung liegt in der Verdinglichung,


der scheinbaren Fixierung des Irrationalen als einer handhabbaren Größe.
Mit dieser gedanklichen Materialisierung wird der Kern des Funktionsge-
dankens aber praktisch gelähmt.
Wohl hat Descartes in seinem Konzept der Dimensionslehre äußerst fein-
sinnige Überlegungen angestellt, wenn es darum geht, in einem System die
Dinge und deren Schnittstellen oder Übergänge, und somit deren Grenzen,
korrekt zu beschreiben. Schlußendlich ist es ihm aber angesichts des inqui-
sitorischen Urteils gegen Galilei noch nicht gelungen, das an den sinnlich-
konkreten Dingen orientierte Denken dahingehend zu überwinden, daß er
die Beziehung eines Objekts zu dessen Umgebung vollständig ohne Raum
denken konnte. So bewegt sich Descartes in der dinglich-euklidischen Welt,
die er vollständig als funktionales System abzubilden vermag.

Die ausschlaggebende Wende zur Erfassung des reinen Relationen-


zusammenhangs kam durch einen Generationswechsel. Als Rene Descartes
im Jahr 1650 das Zeitliche segnete, war Gottfried Wilhelm Leibniz gerade
mal vier Jahre alt. Blaise Pascal, der eine wichtige Brücke zwischen beiden
darstellt, wurde 1623 geboren und starb nicht ganz vierzigjährig, als Leibniz
im Alter von sechzehn Jahren gerade sein erstes Jahr als Jurastudent absol-
viert hatte.

Für Pascal stellt jede Dimension (er nennt diese „Ordnung“) einer Sache
einen eigenen Gesichtspunkt auf eben diese Sache dar. Verschiedene Di-
mensionen repräsentieren dasselbe Ding unabhängig auf unterschiedliche
Arten und Weisen. Obwohl sich die Ordnungen gewissermaßen gegenseitig
durchdringen, bleibt doch jede einzelne für die andere unsichtbar. Pascal
entdeckt in diesem Zusammen unterschiedlicher Ordnungen das, was seit
dem Philosophen Kant transzendentale Differenz genannt wird. Das Ord-
nungsmodell Pascals beinhaltete durchaus auch hierarchische Gliederungen,
wobei das Übergeordnete das Nachgeordnete „sieht“, insbesondere aber

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sind sämtliche Ordnungen ihrerseits den Gesetzmäßigkeiten einer allem
übergeordneten Ordnung unterworfen.

Die formale Meisterung des Problems gelingt dann Leibniz, indem er die
raumgebundene „mathesis universalis“ des Rene Descartes zur „scientia
generalis“ aufweitet. Er betrachtet reine Relationen, die zwar keine sinnlich
wahrnehmbare Substanzen sind, aber nichtsdestotrotz als konkrete Phäno-
mene wirken, als eigenständige, wie Objekte zu behandelnde, Elemente, die
untereinander, ebenso wie ihre dinglichen Vettern, durch ihre gegenseitige
Stelle in einer umfassenden Ordnung bestimmt sind.
Das Urbild einer solch umfassenden Stellenordnung sieht Leibniz im Reich
der natürlichen Zahlen. Damit wird ein jeglicher konkrete Zusammenhang
von klar definierten Relationen auf eine Zahlordnung und somit auch auf
Zahlen abbildbar. Solchermaßen formalisiert ist jeder Zusammenhang dem
mathematischen Kalkül zugänglich.

Leibniz, mit dem Blick für das Wesen des Mathematischen und dem klaren
Bewußtsein von symbolischer Mathematik, führt seine eignen Einsichten
und die mathematischen Elemente seiner unmittelbaren Vorgänger, wie
Fermat, Pascal oder Descartes, zur „ars combinatoria“ zusammen. Er selbst
sieht darin schon geradezu ein neues geistiges Organ, das der Mensch damit
gewonnen hat. Er war sich sicher, daß dieses „die Leistungsfähigkeit des
Geistes weit mehr erhöhen wird als die optischen Instrumente die Sehtüch-
tigkeit der Augen erhöht.“ Aus der Kombination der Elementarbegriffe
lassen sich alle möglichen Erkenntnisse gewinnen. Sein Gedankenalphabet,
die „characteristica universalis“, wird durch die Kombinatorik zur regel-
rechten Entdeckungskunst, eröffnet ein Meer an Möglichkeiten von Ver-
knüpfungen.

Von dieser Warte aus gesehen ist die „mathesis uninversalis“ des Descartes
die Wissenschaft einer durchgängigen Ordnung, eines spezifischen Sys-
tems. Die „scientia gegeneralis“ von Leibniz ist hingegen eine Ordnung von
Ordnungen, d.h. sie beschreibt eine Struktur. Hier wird nicht der Zusam-
menhang von Objekten formal beschrieben, sondern der gesetzmäßige Zu-
sammenhang von Beziehungen wird mathematisch formuliert. Die darin
auftretenden Grenzen im Sinn von Tranformations- oder Übergangsphasen
sind dabei keine fixierbaren Größen, können allerdings im Kalkül wie Grö-
ßen eingesetzt und behandelt werden.

Bei Leibniz stehen bzw. bewegen sich Dinge nicht mehr in Zusammenhän-
gen, vielmehr gehen sie überhaupt erst aus dem Zusammenhang einer

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durchgehenden Einheit hervor. Diese durchgängige Einheit alles Seienden –
sowohl als einzelnes Ganzes in sich und als Teil des großen Ganzen – fußt
letztlich auf dem Unendlichkeits- oder Infinitesimalprinzip. Dieses besagt,
daß eine Größe einer Ordnung in einer qualitativ anderen Ordnung als
Grenzwert auftreten kann, wo sie zwar unter dem Gesetz der anderen Ord-
nung steht, jedoch in ihrer Eigenschaft als Grenzwert innerhalb dieser ande-
ren Ordnung nicht als Größe fixiert ist.

Schon bei Descartes findet sich als Beispiel für diesen Zusammenhang die
geometrische Tatsache der Strecke, die als bestimmter Teil einer Geraden
der ersten Dimension angehört, als Diagonale aber auch Teil einer ebenen
Fläche, also der zweiten Dimension, sein kann.

Der auf dieser Grundlage abgeleitete Kalkül, die „ars combinatoria“, ist
zum einen Grundlage der mathematischen Logik. Daraus resultiert unter
anderem die Mathematisierung der Naturwissenschaften selbst (die cartesi-
sche Funktion brachte die Mathematisierung der Natur). Zum anderen sind
es aber diese Einsichten, die die Entwicklung der verzweigten Algebra und
damit auch die gesamte symbolische Mathematik möglich gemacht haben.

Während sich das gesamte Zeitalter der industriellen Revolution bis zur
Atombombe, d.h. im wesentlichen die Entwicklung von Energiemaschinen,
so gut wie vollständig im mathematischen Barock vollzieht, also im Hori-
zont des ursprünglich durch Descartes bestimmten Funktionsbegriffs, kom-
men die Einsichten und Ideen von Pascal und Leibniz erst mit der Compu-
terrevolution des 20. Jahrhunderts in vollem Umfang zum Tragen. Nicht
mehr der Ersatz der Muskelkraft, sondern die Ablösung formalisierbarer
Verstandesleistungen durch Maschinen steht im Vordergrund. Diese Ent-
wicklung verdankt sich letztlich der grundstürzenden Einsicht von Gottfried
Wilhelm Leibniz: „Das Fundament der Wahrheit liegt in der Verknüpfung.“

Der Leibnizsche Kalkül begründet die Strukturwissenschaften. Durch diese


werden eine Reihe philosophischer Probleme auf ein mathematisches Ni-
veau gehoben und wird zugleich die Provinz des Menschen neu abgesteckt.
Der geschlüpfte Schmetterling ist aber so lange flugunfähig, wie ihm sein
Verstand immer noch einredet, er sei eine Raupe und müsse auf der Blatt-
oberfläche herumkriechen. Intellektuelle Gschaftlhuberei ist eben noch kein
neues Bewußtsein.

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Konkrete Phantasie
- eine neues symbolisches Vermögen -

Der Leibniz’sche Kalkül macht aus dem Denken in Begriffen ein Rechnen
mit bedeutungsfreien, von den Dingen abgelösten Zeichen. Für Leibniz-
sprachen ist die formale Strenge ausschlaggebend. Der kombinatorische
Formalismus wurde unter anderen vorbereitet durch Diophant, Raimundus
Lullus, Francois Viete und Blaise Pascal. Das im sogenannten Pascalschen
Dreieck versammelte Ordnungspotential ist übrigens uraltes Wissen und
wurde von Pascal lediglich wiederentdeckt.

Bedeutungsfrei sind die Zeichen des Kalküls allerdings nur aus der Sicht
eines metaphysisch geprägten, dinglich orientierten Verstandes. Demnach
handelte es sich um einen vollkommen verselbständigten Regelapparat.
Tatsächlich wird mit dem Kalkül, sowohl in Gestalt der Matrix, wie auch in
den Formeln der Differential- und Integralrechnung (die für Leibniz ledig-
lich die Anwendung seiner ars combinatoria auf die analytische Geometrie
von Descartes sind), die vormals unfaßbare Vielfalt möglicher Weisen der
Verknüpfung eines Systems dargestellt. Der gesetzmäßige innere Zusam-
menhang ist gegeben durch das Infinitesimalprinzip. In ihm entfaltet sich
der unendlich gebrochene innere Horizont eines Beziehungsgeflechts, wur-
zelt die Struktur (morphé) eines Ganzen.

Der Mechanikergott, der bei Descartes noch dem metaphysischen Dualis-


mus von Himmel und Erde, Geist und Materie verpflichtet war, hat ausge-
dient. Da aber auch Leibniz noch nicht ganz auf diesen numinosen Hinter-
grund verzichten kann, verwandelt sich bei ihm der Uhrmachergott in einen
Gärtnergott. Aus dem kausalen System der Fakten des Descartes wird bei
Leibniz eine synchrotopische Struktur der Möglichkeiten.

Aus einem auf kleinstem Raum in einem Augenblick zusammengefaßten


Keim, einem Etwas, einem punctum saliens, dem springenden Punkt, entfal-
tet sich aus einer Unzahl theoretischer Möglichkeiten eine wohlgeordnete,
vielfach sich wandelnde Gestalt. Ihren dennoch unvergleichlichen Charakter
verdankt sie der unsichtbaren und unveränderlichen Form, die sich im Au-
genblick der In-form-ation, der Auswahl aus der Fülle der Möglichkeiten,
konstituiert hat.

Die „scientia generalis“ sieht nicht länger das eine große Weltsystem. Mit
dem Übergang zur formalen Symbolik treten an Stelle von partikularen
Lösungen, und seien sie noch so komplex, universelle Lösungsmethoden.

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Diese sind für das große Ganze ebenso anwendbar, wie für das kleinste
Ganze. Unabhängig von seiner Größe wird jedes einzelne Ganze zu einem
eigenständigen Kosmion, das, entsprechend seiner Eigenzeit und seiner
strukturellen Anlagen, seine individuellen Metamorphosen durchlebt.

Nach Leibniz fordert alles Mögliche, was überhaupt verwirklicht werden


kann, weil es keinen Widerspruch einschließt, seine Verwirklichung. Den-
noch gibt es außer dem denkbaren Widerspruch offenbar noch ein Aus-
wahlprinzip, das aus der Fülle des Möglichen das Wirkliche herauspräpa-
riert. Leibniz formuliert dies in seiner Theodizee philosophisch bzw. theo-
logisch als die beste der möglichen Welten, mathematisch als Extremalprin-
zip und physikalisch als Prinzip der kleinsten Wirkung. Damit begründet er
die theoretische Physik.

Das neue symbolische Vermögen zeichnet sich dadurch aus, daß wir durch
den Kalkül in die Lage versetzt sind, sowohl bestehende Ordnungen zu
analysieren, als auch – und insbesondere – solche unsichtbaren Ordnungen
planmäßig zu neuen Ordnungsgefügen zu verschränken. Mit Hilfe mathe-
matischer Strukturen können wir diese formal beschreiben und somit auch
kalkulieren. Dieser schöpferische Akt vollzieht sich grundsätzlich in der
Sphäre der Verhältnisse. Den Prozeß, mit dem eine neue Struktur in die
sinnliche Welt projiziert und damit verwirklicht wird, nennen wir Informa-
tion.

Mit diesem Vermögen ist das bisherige Geschöpf Mensch, bisher ein pla-
nendes, endgültig zum schöpferischen Wesen geworden. Der Gestaltung
geht jedoch wahrnehmen und erkennen voraus. Die angemessene Wahr-
nehmung von Ordnungen, mathematisch erfaßt als Systeme und Strukturen,
bedarf der konkreten Phantasie. Das (bisher so genannte) Geistige wohnt
unsichtbar, ist aber dem anschauenden Denken zugänglich.

In Bezug auf dieses Wahrnehmungsvermögen, das seinem Wesen nach alt


ist, aber neu in der heutigen Form, befinden wir uns größtenteils noch im
Embryonalstadium. In dieser Tatsache gründet die Forderung nach Ausbil-
dung eines angemessenen Wahrnehmungsvermögens. Dieses ist Vorausset-
zung für ein entsprechendes Ausdrucks- und Gestaltungsvermögen. Wo
dieses in einer so hochgradig vom Kalkül bestimmten technischen Welt
nicht gegeben ist, ist die Entladung durch Gewalt vorprogrammiert.

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Der Rösselsprung
- Symmetriebruch der Neuzeit -

Das Pferd oder der Springer ist im Schachspiel das Symbol für den Erwach-
ten. Nichts zeigt besser unsere Situation: wir haben, als Menschheit, eine
neue Figur dazubekommen: den Springer. Er wechselt systematisch zwi-
schen weißen und schwarzen Feldern, zwischen Herz und Verstand. Die
Verschränkung, der Übergang zwischen Raum und Form, hinüber und her-
über ist gesetzmäßig!

Wir machen aber nach wie vor Züge mit ihm, die wir von den anderen Figu-
ren gewohnt sind: geradeaus oder diagonal. Wir haben mit dem Springer
zwar das schöpferische Potential hinzubekommen, spielen aber nach selbst
aufgestellten Regeln bzw. nach dem herkömmlichen Schema.

Der Umgang mit dem Springer erfordert eine strukturelle Veränderung


unserer Wahrnehmung, unseres Denkens und Handelns – nur Umdenken
wäre unzureichend: damit bleiben wir im System. Nein: unsere eigene
Struktur hat sich verändert! Die Bedingungen unseres Daseins haben sich
verändert. Im Moment glauben wir, der König sei Schach matt, weil wir
ihn, nach unserem (Un)verständnis, mit dem Springer bedrohen.

Was auf unteren Ebenen gemischt, undurchsichtig und kompliziert er-


scheint, folgt in Wirklichkeit einfachen Gesetzen auf höheren Ebenen. Auf
einem Spielbrett als Möbiusfläche werden auch die Springerzüge einfach.
Aber wir spielen nun mal in unserer Welt der drei Dimensionen. „Die kö-
nigliche Kunst besteht darin, die Welt in Übereinstimmung mit den ihr
eigenen Gesetzen zu beherrschen. Diese Kunst erfordert die Weisheit, wel-
che in der Erkenntnis der Möglichkeiten besteht.“ (Titus Burckhardt) Der
Kalkül eröffnet uns die Möglichkeiten, es bedarf aber eines neuen Bewußt-
seins, um die Bestmöglichen zu verwirklichen.

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Verschränkung der Dimensionen
- Vom Maß zur Matrix -

Ich habe eine gute Nachricht für Dich: wir sind am Garten angekommen.
Allerdings können wir da nicht so ohne weiteres hineinspazieren. Wie alles
kostbare, ist auch dieser Garten nur über Treppen, Brücken und Tore zu-
gänglich. Nun stehen wir also vor dem Tor und dieses ist doppelt gesichert.
Wir brauchen deshalb noch zwei Schlüssel. Den ersten benötigen wir, um
zunächst die Verschränkungen selbst zu entschlüsseln.

Wir haben ja auf dem letzten Stück des Weges schon von Ordnungen und
deren Verschränkungen gehört. Was hat es mit der Verschränkung auf sich?
Das Wort kommt von der Schranke, genauer der Gerichtsschranke. In den
Bischofskirchen gibt es die Chorschranken und in der Handarbeit gibt es
verschränkte Maschen. Wenn ein Sägeblatt geschränkt wird, dann werden
die Zähne schräg gestellt. Die Gerichtsschranken sahen ursprünglich unge-
fähr so aus, wie unser Gartentor mit den sich schräg überkreuzenden Stä-
ben, vielleicht nicht so hoch.

Was hat das mit dem Schlüssel für das Tor zum Garten der Mathematik zu
tun? Nun - Mathematik ist ordnen, hat mit erkennen zu tun. Erkennen heißt,
daß wir ein Etwas von einem anderen Etwas unterscheiden. Wir haben das
bei der stufenweisen Entwicklung des Bewußtseins schon gesehen. Dort
haben wir die Kardinalzahlen als gewissermaßen verselbständigte „Diffe-
renzen“, d.h. aber „Unterschiede“, kennengelernt. Es ist vollkommen ein-
sichtig, daß man von einer endlichen Menge nur endlich oft eine Differenz
wegnehmen, abziehen kann. Nach jeder einzelnen Operation bleibt eine
bestimmte Größe übrig, oder aber schließlich nichts mehr.

- 52 -
Auf der Suche nach den ersten Impulsen für den aktuellen Bewußtseins-
übergang sind uns dann die Null und die negativen Zahlen begegnet. Diese
wurden bekanntlich erst nach langem Zögern als solche akzeptiert. Wir
haben also entgegen jeglicher Vernunft hingenommen, daß wir von einer
Menge mehr wegnehmen können als überhaupt vorhanden ist. Und wenn
wir von der resultierenden negativen Zahl, von der niemand ahnt, was sie
bedeutet, noch einmal etwas wegnehmen, gibt es noch mehr von diesem
Unbekannten. Das „Weniger“ summiert sich also. Auf der Zahlengeraden
können wir wegnehmen als Fortschreiten in Richtung „Weniger“ interpre-
tieren. Beim Rechnen müssen wir aufpassen, ob wir das Minuszeichen als
Operator verwenden oder als Vorzeichen einer Zahl.

Spätestens jetzt müßten wir uns fragen, ob da vielleicht buchstäblich etwas


nicht mit rechten Dingen zugeht – sondern mit linken (nämlich dem un-
sichtbaren „Weniger“). Tatsächlich treten wir bereits mit dem Minus-
Zeichen in das Reich der Verhältnisse ein. Hier verhält sich etwas zu einem
anderen – allerdings innerhalb derselben Ordnung. Im allereinfachsten Fall
sprechen wir, wie gesehen, noch von Unterschied, im Allgemeinen aber
drücken wir ein Verhältnis heute in einem Bruch aus. Dabei unterscheiden
wir unechte Brüche (das ausgerechnete Ergebnis ist größer als Eins) von
den echten Brüchen (wo das Ergebnis kleiner als Eins ist). Was hat das nun
mit negativen Zahlen zu tun?

Die einfachsten echten Brüche sind die Stammbrüche: Eine Einheit, z.B.
eine Torte, wird (gerecht) in so viele Teile geteilt, wie hungrige Mäuler da
sind. Wenn vier Kinder um den Tisch sitzen bekommt jedes 1/4 von der
Torte. Dezimal schreiben wir das als 0.25. Eine ganz unübliche Schreibwei-
se wäre 4 -1. Hoppala! Hier taucht also eine negative Zahl auf – aber als
Hochzahl, oder in der Sprache der Mathematiker: als Exponent. Exponenten
tauchen doch sonst nur bei Potenzen auf. Was bedeuten sie dort? Eine
Hochzahl ist eine Rechenvorschrift, mithin ein Operator wie +, -, x oder /.
Im Unterschied zu diesen handelt es sich aber um einen wertbehafteten
Operator, wir geben neben der hochgestellten Position zugleich eine Häu-
figkeit an, nämlich wie oft die sogenannte Basis mit sich selbst multipliziert
werden soll.

Eine hochgestellte negative Zahl hat etwas mit Teilung, mit dividieren zu
tun. Auf dem Zahlenstrahl bedeutet das zwar auch ein weniger, aber jetzt
nicht mehr jenseits der Null, sondern zwischen Eins und Null. Das Ergebnis
ist eine praktisch verwertbare Größe, auch wenn sie noch so klein, d.h. noch
so nahe bei der Null sein sollte. Potenzieren mit negativen Exponenten ist

- 53 -
also fortgesetztes Dividieren mit dem immergleichen Teiler oder Divisor.
Potenzieren mit positiven Exponenten kann immer auf die Operation des
Multiplizierens und diese wiederum auf das Addieren zurückgeführt wer-
den. Ist der Exponent negativ steckt dahinter eine Division, die umgekehrte
Multiplikation. Halten wir fest, daß der Exponent, ob positiv oder negativ,
ein werthaltiger Operator ist.

Im Fall, daß der Exponent 2 ist, sprechen wir vom quadrieren. Dabei fällt
dem einen oder anderen vielleicht die „Quadratwurzel“ ein, die er als Um-
kehrung der Potenzierung kennen gelernt hat. Diese Umkehrung bedeutet
nichts anderes, als daß der Operator selbst eine gebrochene Zahl ist .Hier
geraten wir jetzt ganz offensichtlich in den Bereich der Verschränkung von
Ordnungen. Betrachten wir uns das zunächst am geometrisch-anschaulichen
Fall der Dimensionsverschränkung.
Schon seit den Babyloniern hat man aus Potenzen die Quadratwurzel gezo-
gen – sofern die Potenz (formal: der Radikand) eine Quadratzahl war bzw.
das Quadrat einer rationalen Zahl, also eines einfachen Verhältnisses. Wir
erinnern uns: bei der Meßkunst ging es um die Aufteilung von Flächen. Im
Gegensatz zur Division, wo eine lineare Größe in gleiche Teile geteilt wer-
den soll, brauchen wir hier einen (linearen) Maßstab, ein Maßverhältnis, um
nicht-rechteckige Flächen rechnerisch in gleichgroße Teile zu zerlegen.
Hier verschränkt sich also die erste Dimension einer Strecke, oder allge-
mein: eine lineare Größe, mit der zweidimensionalen Fläche. Nehmen wir
den einfachen Fall der Quadratwurzel aus 16. Wir können den Ausdruck so
schreiben:

2
16
oder aber so:

1
1
2 2
16 ..... und das ist gleichbedeutend mit 16

Nun sind wir also glücklichst dort angelangt, wo der Exponent – wir erin-
nern uns: ein Operator – selbst noch einmal potenziert wird, und zwar mit
einem negativen Exponenten. Während der Bruch eine Verschränkung
innerhalb desselben Ordnungszusammenhangs beschreibt, erkennbar am
einfachen negativen Exponenten, ist die Wurzel der formale Ausdruck einer
interdimensionalen Verschränkung. Diese Verschränkung zwischen unter-

- 54 -
schiedlichen Ordnungen zeichnet sich dadurch aus, daß ein Exponent selbst
mit einem negativen Exponenten potenziert wird.

Als sich die Menschen während der neolithischen Revolution der Meßkunst
bemächtigt haben, gab es natürlich nicht nur das Ideal quadratzahliger Ra-
dikanden. Damals löste man das Problem des Wurzelziehens durch raffi-
nierte Näherungsformeln. Es kam schon zur Sprache, daß das göttliche
Ankh-Symbol der Ägypter möglicherweise unserem Wurzelsymbol ent-
sprach. Das zeigt, welche Bedeutung man diesem Können beimaß.

Bei dieser Gelegenheit sind wir auch den Alogoi, den unaussprechlichen
Zahlen, begegnet. Diese irrrationalen Ergebnisse verweisen klar auf eine
andere Zahlqualität. Hier geht es nicht mehr einfach nur darum, eine Mehr-
fachmultiplikation rückgängig zu machen. Denn: wie wollen wir eine einfa-
che Quadratwurzel ziehen, wenn wir nicht das kleine 1x1 und ein paar
Quadrate von Brüchen im Kopf haben? Es ist ja nicht jeder ein Leonard
Euler. Wir können feststellen, daß bei der Verschränkung zwischen unter-
schiedlichen Ordnungen grundsätzlich irrationale Werte erscheinen. Einfach
und anschaulich sehen wir das in der Geometrie: Im Quadrat ist das Ver-
hältnis von Grundseite und Diagonale irrational. Die Diagonale ist eine
charakteristische Strecke im Quadrat und als solche ein eindimensionales
Element innerhalb der zweidimensionalen Fläche. Nach dem, was wir schon
wissen, stellt sie damit einen Grenzwert dar, jedoch keine Größe. Die
Grundseite ist zwar eine Begrenzung des Quadrats, aber auch als Randele-
ment derselben ist sie eine Größe innerhalb der Fläche.

Aus diesen Überlegungen zur Verschränkung von Ordnungen ist bei Herrn
Leibniz letztlich auch die Integralrechnung entsprungen. So liefert bei-
spielsweise im Fall des Kreises das Integral der Umfangsformel unmittelbar
die Kreisflächenfunktion.

- 55 -
Im Zusammenhang mit Flächenberechnungen stoßen wir unweigerlich auch
auf den rechten Winkel, den Satz des Pythagoras und die Winkelfunktionen.
Nun sind Winkelfunktionen per se schon als Verhältnisse definiert und
stehen somit in engstem Zusammenhang mit der Verschränkung von Ord-
nungen. Dies erklärt auch das Auftreten von typischen Quadratwurzel-
werten in einer Reihe von ausgezeichneten Winkeln.

Für den rechten Winkel gilt bekanntlich ein Kosinuswert von 0. Das bedeu-
tet, daß sich Ordnungen, die, geometrisch gesprochen, senkrecht oder or-
thogonal aufeinander stehen, genau wie Wellen, ungestört durchdringen.
Die unterschiedlichen Ordnungen nehmen gewissermaßen keine Notiz von-
einander, es kommt zu keinerlei irgendwie gearteten Manifestation. Das gilt
natürlich auch für uns selbst als physische Wesen: Wenn wir etwas nicht
sehen, dann rührt das daher, daß dieses Etwas einer Ordnung angehört, die
senkrecht zu allen unseren anderen Dimensionen steht, mit denen wir auf
die eine oder andere Art verschränkt sind und von denen wir deshalb eine
Wahrnehmung haben. Verschränkung ist Voraussetzung für wahrnehmen,
unterscheiden und erkennen.

Sind Schwingungen die Voraussetzung dafür, daß Verschränkung überhaupt


stattfinden kann? Nehmen wir wahr, weil wir Schwingungsmuster, kreisen-
de, wirbelnde Wesen sind, so wie alles um uns herum? Seit der geometri-
schen Interpretation der sogenannten imaginären Zahlen durch Argand und
Gauß (als Zahlenachse senkrecht zum allgemein bekannten Zahlenstrahl),
werden diese auf der Grundlage der berühmten Eulerschen Formel zur ma-
thematischen Behandlung von physikalischen Schwingungsprozessen he-
rangezogen. Die imaginäre Einheit „i“ steht für den bis dahin nicht erklärten
2 1
Wert der Quadratwurzel aus – 1:

Führen wir die oben angestellten Überlegungen zur Wurzeldarstellung fort,


erhalten wir
1
2
1

Was kann das bedeuten? Anschaulich gesprochen, wird hier aus der Um-
kehrung, dem Spiegelbild des Originals, die Wurzel gezogen – und die ist
imaginär. Die beiden Zahlenachsen spannen die Ebene der komplexen Zah-
len auf und damit hat sich unser Spielfeld, zumindest rechnerisch, um eine
Dimension erweitert. Rowan Hamilton waren zwei Dimensionen aber nicht
genug und so hat er aus der zweidimensionalen Ebene einen vierdimensio-

- 56 -
nalen Zahlenraum gemacht. Schließlich wurde auch dieser noch zum acht-
dimensionalen erweitert. Das Rechnen mit komplexen Zahlen, Quaternio-
nen und Oktonionen ist aber nichts anderes, als die Verschränkung mit
Ordnungszusammenhängen, die uns nur mittelbar zugänglich sind. Eine
ungefähre Vorstellung bekommen wir, wenn wir in den Spiegel schauen
und uns danach in einer Konstruktion betrachten, die zunächst um einen,
dann um zwei Spiegel erweitert ist, wobei diese jeweils rechtwinklig zu den
anderen stehen. Die Bedeutung von -1 als Basis ist damit natürlich keines-
wegs erklärt. Vielleicht enthält der zweite Schlüssel eine Antwort.

Das Ausziehen von Wurzeln wird, wie das Potenzieren, als sogenannte
algebraische Operation betrachtet. Die anderen algebraischen Operationen
sind die uns bekannten Grundrechenarten. Der entscheidende Gesichtspunkt
für die Algebraizität einer Operation besteht darin, daß die beteiligten Ope-
randen, auf denen operiert wird, in einem unvermittelten Verhältnis stehen.
Im Fall des Wurzelziehens bedeutet das, daß der Wurzelwert direkt durch
Anwendung des Wurzelexponenten auf die Ausgangspotenz bzw. den Ra-
dikanden ermittelt wird. Dies wurde, wie schon erwähnt, durch Näherungs-
verfahren erreicht, und geschieht heute über den Umweg des Logarithmie-
rens.

Auf diese Weise erscheinen nun alle Werte (mit Ausnahme der Exponenten)
als Größen. Solange wir uns im numerischen Bereich bewegen, liefern diese
Rechnungen auch durchaus brauchbare Werte – einfach deshalb, weil jede
formal irrationale Zahl faktisch auf eine rationale reduziert wird. Dieses
Denken in Größen wird in Bezug auf irrationale Zahlen allerdings proble-
matisch, weil dadurch und mit der rein formalen Betrachtungsweise das
tatsächliche Geschehen auf der Ebene der Ordnungen und Beziehungen,
nach Leibniz ja das Fundament der Wahrheit, vollständig verdeckt wird.
Damit ist auch der Zusammenhang der Arithmetik und Analysis mit dem
ursprünglichen Funktionsgedanken in entscheidender Hinsicht verschleiert.

Es bleibt festzuhalten, daß negative Exponenten immer etwas mit Ordnung


bzw. ordnungsstiftenden Relationen, und d.h.: mit Verschränkungen, zu tun
haben. Handelt es sich um interdimensionale Verschränkungen, erkennbar
als Wurzelausdrücke oder auch Winkelfunktionen, sind die resultierenden
Maßzahlen im Allgemeinen irrationale Grenzwerte und damit keine fest-
stellbaren Größen.

- 57 -
Maßstab der Maßstäbe
- Vom Maß zum Logarithmus -

Wir haben gesehen, wie sehr die Dimensionierung physischer Größen im


Zug des Überlagerungsprozesses den Aufschwung der experimentellen
Physik beflügelt hat. Vor diesem praktisch-dinglich ausgerichteten Hinter-
grund, auch im Hinblick auf die überseeischen Eroberungsbestrebungen und
die damit verbundenen Navigationsaufgaben, kam den trigonometrischen
und logarithmischen Tafeln als nützlichen Rechenhilfen eine überragende
Bedeutung zu.

Ganz sicher schon zu Zeiten der Griechen, wahrscheinlich aber schon den
Ägyptern, war bekannt, daß die Exponenten einer geometrischen Folge eine
arithmetische Folge bilden.

geometrische Folge: 2 4 8 16 32
die entsprechenden
Exponenten zur Basis 2: 1 2 3 4 5

Während also die „Basisglieder“ durch Multiplikation auseinanderhervor-


gehen, gelangen wir zu den entsprechenden Potenzausdrücken, indem wir
den Exponenten jeweils um eins erhöhen. Ein ähnlicher Zusammenhang
war den Ägyptern auch für Winkelfunktionen in Form der, von den Grie-
chen so genannten, prostaphäretischen Regeln bekannt. Für die Rechenpra-
xis bedeutet das, daß wenn wir uns bei numerischen Berechnungen auf eine
gleichbleibende Basis festlegen, alle Zahlen auch durch deren entsprechen-
de Exponenten repräsentiert werden können. Damit werden aus aufwendi-
gen Multiplikations- und Divisionsaufgaben einfacher zu bewältigende
Additions- und Subtraktionsaufgaben.
Solange als Exponenten nur die ganzen Zahlen zugelassen sind, ist der Vor-
teil aber offensichtlich gering. Für den umfassenden und alltäglichen
Gebrauch muß demzufolge der zulässige Bereich für Exponenten auf das
Zahlenkontinuum ausgedehnt werden. Genau das war die entscheidende
Idee von Napier und Bürgi, die beide unabhängig voneinander das erfunden
haben, was wir heute den „Logarithmus“ nennen. Indem wir also, ausge-
hend von der bekannten Potenzrechnung, einerseits für die Exponenten das
ganze Zahlenkontinuum zulassen, und uns zum andern auf eine definierte
Basis festlegen, werden aus Exponenten Logarithmen, verstanden als Re-
präsentanten beliebiger Zahlen, verbunden mit den oben genannten Re-
chenvorteilen.

- 58 -
Aufgrund des identischen formalen Operationszusammenhangs wird das
Logarithmieren bis heute als die zweite Umkehrung des Potenzierens be-
zeichnet (neben dem Wurzelziehen bzw. Radizieren als erste Umkehrung).
Was bedeutet aber logarithmieren?

Im Gegensatz zum Potenzieren, ebenso wie zum Radizieren, wo der Expo-


nent feststeht und entweder von der Basis auf die Potenz oder von der Po-
tenz auf die Basis geschlossen wird, ist es beim Logarithmieren gerade der
Exponent selbst, der Operator, zu dem wir den Wert suchen. Was drückt
aber der zum Operator gehörende Wert aus? Es ist das Verhältnis zwischen
der Basis und der Potenz. Also ist der Exponent eine Verhältniszahl – und
exakt das ist die Bedeutung des Wortes „Logarithmus“.

Warum nun einmal Exponent und einmal Logarithmus? Wir wissen bereits,
daß potenzieren und radizieren algebraische Operationen sind. Der Expo-
nent gibt dann den Grad dieser spezifischen Verschränkung an. Sowohl die
Basis als auch die Potenz sind unmittelbar aufeinanderbezogen - und zwar
ganzzahlig. Und: die Operation ist völlig unabhängig von irgendwelchen
anderen Verschränkungen derselben Objekte oder innerhalb des gleichen
Ordnungszusammenhangs.
Das ändert sich grundlegend, wenn wir logarithmieren. Hier haben wir den
gesamten Zusammenhang im Blick und wollen Relationen bzw. Verhältnis-
se oder Verschränkungen untereinander vergleichen, das bedeutet aber: das
Verhältnis von Verhältnissen bestimmen. Und genau aus diesem Grund ist
es primär sinnvoll, eine Basis zu fixieren. Damit werden sämtliche Zahlen,
insbesondere auch die Irrationalen selbst, die ja in den Logarithmen auch
zugelassen sind, untereinander vergleichbar.

Erinnern wir uns noch einmal des ursprünglichen Funktionsgedankens von


Nikolaus von Kues. Unter Absehung von den Dingen geht es ihm darum,
das Gesetz der sich gesetzmäßig verändernden Beziehungen zu formulieren.
Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um Beziehungen zwischen Objekten
im Sinn von Dingen handelt (vgl. klassische Experimentalphysik und Ana-
lysis) oder ob die Objekte selbst schon Beziehungen sind (ars combinato-
ria). Hier haben wir also mit den Logarithmen die genaue arithmetische
Entsprechung zur Ordnung der Ordnungen, die algebraisch formal mit dem
Kalkül beschreibbar wird. Das ist der Grund, weshalb Leonard Euler die
Logarithmusfunktion mit Recht zu den transzendenten Funktionen rechnet,
auch wenn seine Begründung eine andere war.

- 59 -
Damit es dahin kommen konnte, waren, ausgehend von den Logarithmenta-
feln, einige fundamentale Einsichten nötig. Wir sagten schon, daß die Loga-
rithmen anfangs als effiziente Rechenhilfen und die Werte als Größen be-
trachtet wurden. Im Zug der Quadrierung der Hyperbel, d.h. der Ermittlung
der Fläche unter dem Graphen der Funktion f(x) = 1/x, wurden die Mathe-
matiker darauf aufmerksam, daß es sich beim Logarithmus überhaupt um
eine Funktion handelt. D.h.: er bildet einen gesetzmäßigen Entwicklungszu-
sammenhang ab und stellt somit ein Maß dar. Allerdings war damals noch
nicht klar, welches die korrekte Basis sei. Sicher war nur, daß es nicht die
seinerzeit (um 1630) übliche Basis 10 (!) sein konnte. Nach und nach stellte
sich heraus, daß es sich um einen Wert handelt, der heute der ganzen (wis-
senschaftlichen) Welt unter der Bezeichnung „e“ geläufig ist. Es gibt so gut
wie keine natürliche Entwicklung, wo dieser Wert nicht in der einen oder
anderen Weise in Erscheinung tritt – also auch bei der Flächenberechnung
der Hyperbel. Die dazugehörigen Logarithmen wurden seinerzeit von Isaac
Newton denn auch hyperbolische Logarithmen genannt.

Leonard Euler, geboren 1707, gewissermaßen der Mozart der Mathematik,


hat die Zahl „e“ zwar nicht entdeckt, aber er hat ihren wesentlichen Gehalt
erschlossen und ihr den Namen gegeben. Gefunden hat die Zahl Jakob Ber-
noulli bereits 1690 im Rahmen der Suche nach einer Formel für Zinseszin-
sen. Jakob Bernoulli war es auch, der leidenschaftlich die bereits ebenfalls
um 1630 von Descartes und Torricelli gefundene logarithmische Spirale
studierte. Dabei stellte er unter anderem fest, daß diese Spirale unabhängig
vom Maßstab, d.h. von der Entfernung zum Zentrum, immer die gleiche
Gestalt hat. Sie ist in jeder Windung selbstähnlich und Bernoulli nannte sie
daher „spira mirabilis“. Analytisch betrachtet ist die Ableitungsfunktion mit
der Ausgangsfunktion identisch, und das hat sie mit der Exponentialfunkti-
on (zur Basis e) gemeinsam. Nachdem klar geworden war, daß diese Funk-
tion die Umkehrfunktion der Logarithmusfunktion zur Basis „e“ ist, heißen
die Logarithmen zur Basis „e“ wegen der Universalität der Zahl „e“ heute
„natürliche Logarithmen“.

Die Transzendenz der Logarithmusfunktion begründet Euler einfach damit,


daß sie nicht algebraisch ist, d.h. sie ist weder Potenz- noch Wurzelfunktion
und erst recht nicht beinhaltet sie eine der Grundrechenarten. Nun ist das
aber eine derart grundlegende Differenz, daß es nicht sein kann, daß es sich
beim Logarithmieren um eine zweite Umkehrung des Potenzierens handelt.
Ein weiteres Argument gegen diesen Un-fug ist die Symmetrieregel: jede
Operation hat genau ein Gegenstück. Warum sollte das Potenzieren da eine
Ausnahme machen?

- 60 -
Noch einmal: Der Logarithmus ist aufgrund der fixierten Basis, unabhängig
von der jeweils konkreten Aufgabenstellung, die genaue arithmetische Ent-
sprechung zur numerischen Behandlung der Ordnung der Ordnungen. Dem
entspricht dann algebraisch-formal natürlich die Logarithmusfunktion. So
wie mit den algebraischen Funktionen die einzelnen Relationen innerhalb
und zwischen Ordnungen in einem System erfaßt werden, d.h. die einzelnen
Verschränkungen, so kann mit der transzendenten Logarithmusfunktion, die
Gesamtstruktur, die Ordnung der Ordnungen mathematisch erfasst werden.

Es ist diese Ordnung der Ordnungen, die ursprüngliche synchrotopische


Struktur der Möglichkeiten, aus der an einem spezifischen Ort in einem
bestimmten Augenblick eine spezifische, unwiederholbare Form entspringt:
der Ur-sprung einer Gestalt, der diese sich wandelnde Gestalt durch ihren
gesamten Lebenszyklus begleitet und mit seiner Unveränderlichkeit den
Bestand und Charakter dieser Gestalt ge-währ-leistet.

I Metamorphosen

In der unerschöpflichen Vielfalt natürlicher Gestalten von Mineralien,


Pflanzen und Tieren können wir diesen Prozess tagtäglich um uns herum,
aber auch an uns selbst, beobachten. In der daraus abstrahierten Welt der
Geometrie war es wohl erstmals Johannes Kepler, der mit seinen morpholo-
gischen Betrachtungen des Kreises den inneren Zusammenhang der soge-
nannten Kegelschnitte durchsichtig gemacht hat.

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Rene Descartes hat diese Verwandtschaft dann algebraisch als Gleichungen
zweiten Grades identifiziert, die im Koordinatensystem die entsprechenden
Funktionsgraphen liefern. Es ist auch hier die Hochzahl, der Exponent 2,
der das einigende Band, die Verschränkung der Kegelschnittkurven bildet.

Johann Wolfgang von Goethe, der sich Kepler zu seinem Hausheiligen


erkoren hatte, hat das Phänomen des fortwährenden Gestaltwandels später
eingehend studiert und in der Einleitung zu einer geplanten Gesamtdarstel-
lung, der von ihm so genannten Morphologie, schon treffend dargestellt.
Zentraler Begriff seiner Lehre ist die „Metamorphose“, in dem dieses Phä-
nomen immerwährender Wandlung zusammengezogen ist.
In völlig anderer Form begegnet uns das gleiche Prinzip in der Musik. Die
gesamte „Kunst der Fuge“ von Johann Sebastian Bach ist eine Reihe von
Variationen, in denen ein einzelnes Motiv eine fortwährende Verwandlung
erfährt, um am Ende in sich selbst zurückzukehren. Auch hier ist das be-
herrschende Thema der innere funktionale Zusammenhang einer Vielfalt
von Gestalten.

Was hat Johannes Kepler gemacht? Er beobachtete die Schattenbilder einer


Kreisscheibe, die durch einen wandernden Lichtkegel erzeugt werden, ge-
nauer: er beobachtete die fortlaufenden Übergänge von einem charakteristi-
schen Schattenbild zum nächsten, während das schattenwerfende Objekt
doch immer das gleiche bleibt. In freier Form beschrieb er dann den Über-
gang vom Kreis über die Ellipse und Parabel zur Hyperbel. Nebenbei führte
er bei dieser Gelegenheit auch den Begriff des Brennpunkts ein.

Mit seinen Kreismetamorphosen legte Kepler den Grundstein zu einer Ge-


ometrie, die dann 200 Jahre später die metaphysisch überlagerte Perspektive
der frühen Renaissance überwand. Die synthetische Geometrie (im Gegen-
satz zu Descartes’ „analytischer Geoemtrie“) macht konsequent Gebrauch
von der konkreten Phantasie, unserem neuen symbolischen Vermögen. Die
neue, auch projektiv genannte, Geometrie führt uns somit zu einer bewegli-
chen Wahrnehmung der Dinge aus ihrer Mitte. Als geometrische Entspre-
chung zum Leibnizschen Kalkül ist es nicht weiter verwunderlich, daß die
Metrik dieser Geometrie logarithmischer Natur ist: die hyperbolische Maß-
bestimmung bestimmt das Verhältnis aufeinanderfolgender Schritte im
Bewegungsablauf des Gestaltwandels als Logarithmus – und zwar in Bezug
auf ein unabhängiges, im allgemeinen ideelles und damit nicht offensichtli-
ches, Projektionszentrum, das aber eben durch das symbolische Vermögen
offenbar wird.

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II Eichmaß

Es ist dieses nicht offensichtliche, aber offenbare Projektionszentrum der


zweite Schlüssel zu unserem Garten. Theologisch gewendet handelt es sich
dabei um das Zentrum aller Religionen, um Gott. Im Fall der Keplerschen
Schattenbilder ist es die Spitze des Lichtkegels, im Fall der Logarithmen ist
es die fixierte Basis, die alle möglichen und noch so verschiedenen Erschei-
nungsweisen oder Gestalten der einen Form zusammenhält.

Grundsätzlich kann jede Zahl als Basis eines Logarithmensystems dienen.


In den Briggschen Logarithmen und in unserem Dezimalsystem ist es die
Zahl zehn, in der Informatik dominieren die Basen zwei und sechzehn. Nun
haben wir aber schon gesehen, daß es eine Zahl gibt, deren Universalität
alles in den Schatten stellt. Es ist die Eulersche Zahl e, dezimal mit den
ersten Nachkommastellen: 2, 71828182845904523536028747135 .........

Euler, der algebraische und transzendente Funktionen unterschied, kannte


noch nicht den Begriff der transzendenten Zahl. Diese Klassifizierung war
eine Errungenschaft des 19. Jahrhunderts. In Anbetracht der besonderen
Bedeutung von „e“, ist es nun nicht überraschend, daß nicht nur die Expo-
nentialfunktionen allgemein transzendent sind, sondern auch die Zahl „e“,
die Basis der natürlichen Logarithmen. In ihrer Eigenschaft als Projektions-
zentrum (geometrisch gesprochen) ist sie die maßgebende Größe aller Ord-
nungszusammenhänge, der Ordner der Ordnungen. Für eine maß-geben-de
Größe haben wir aber den Begriff „Eichmaß“. Als geprüftes und bewährtes
Maß steht es außerhalb jeglicher Relativität und ist dasjenige Maß, aus dem
systemspezifische Maßstäbe, also Eichmaße für eigenständige Ordnungszu-
sammenhänge, wie beispielsweise das Maßwerk eines Tempels, letztlich
ihre Legitimation beziehen.

Nun muß man natürlich fragen, woher „e“ selbst seine Autorität bezieht.
Gefunden wurde der Wert, wie schon gesagt, im Zusammenhang mit der
Zinseszinsrechnung, also einer äußerst weltlichen Angelegenheit. Nicht viel
besser steht es mit der Begründung, die sich auf physikalische Experimente
bezieht, würde damit doch nur das bestätigt, was schon vorausgesetzt ist.
Kurz: wir bewegen uns bisher im objekthaften, von metaphysischen Vor-
stellungen geprägten Denkschema, sitzen sozusagen in der Falle der Über-
lagerung. „e“ ist uns so selbstverständlich, daß seine Rolle in der Ausbil-
dung des neuen Bewußtseins gar nicht erst auf dem Monitor unserer Ge-
danken erscheint.

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Seine unbestreitbare Autorität als unumstößliches Prinzip im Aufbau jegli-
cher Ordnung erhält „e“ aus seiner Sonderstellung innerhalb der unendlich
vielen Logarithmensysteme. Die Steigungen der (dazu spiegelbildlichen)
Exponentialkurven entsprechen jeweils dem natürlichen Logarithmus der
zugrundeliegenden Basis des Systems multipliziert mit dem aktuellen Funk-
tionswert: die Ableitung von ax = ax * ln(a). In der Analysis hat das zwei
charakteristische Konsequenzen: Für das Logarithmensystem mit der Basis
e ergibt sich daraus, daß die zugehörige Exponentialkurve mit ihrer eige-
nen Ableitung identisch ist und: alle denkbaren Exponentialkurven haben an
der Stelle x = 0 im Punkt y = 1 die Steigung ln(a).

„e“ ist der Ordner der Ordnungen, das Eichmaß aller Logarithmensysteme,
die ihrerseits für „ihr“ jeweiliges Ordnungsgefüge maß-gebend sind. Ist also
„e“ das unerkannte wiedergefundene Maß? Aufgrund der Tatsache, daß im
wissenschaftlichen Bereich fast ausschließlich mit den natürlichen Loga-
rithmen gerechnet wird, sozusagen mit dem Original, dem Metalogarith-
mus, wird seine wahre Bedeutung als Projektionszentrum jeglicher Ordnung
völlig übersehen. So wie seinerzeit, beim Übergang von der vierteiligen
Proportion zur dreiteiligen Gleichung, die Eins im Fundament der Mathe-
matik verschwunden ist, so ist heute „e“ so tief im Fundament vergraben,
daß wir es in seiner wahren Eigenschaft gar nicht zur Kenntnis nehmen.
Novalis hat sehr zurecht darauf aufmerksam gemacht: „Was ihr [der Ma-
thematik] die Logarythmen sind, ist sie den anderen Wissenschaften.“

III spiritus rector

Was fasziniert uns an einem Kristall? Was macht regelmäßig gegliederte


Figuren so anziehend – allen voran der Kreis? Was macht ein Rad nützlich?
Warum wird eine Tonfolge melodisch? Es ist ihre mehr oder weniger of-
fenbare Ordnung. Diese Ordnung aber bezieht jegliche Gestalt immer aus
einem mehr oder weniger erkennbaren Bezugspunkt. Ob Symmetriezen-
trum, Mittelpunkt, Radnabe oder Grundton – immer gibt es einen Ordner,
einen „spiritus rector“, der ein Ganzes harmonisch zusammenhält. Im Fall
der Logarithmen ist es die gemeinsame Basis. Wenn der ZEN-Meister mit
seinem Pinsel einen perfekten Kreis auf das Papier bringt, dann hinterläßt er
keinen Einstichpunkt mit dem Zirkel – es gelingt ihm, weil er selbst in sei-
ner Mitte ist. Das ist auch das Thema von Heinrich von Kleists „Marionet-
tentheater“.

- 64 -
Was hindert uns bisher daran, diese geheimnisvolle Mitte, die alle Teile in
einer „prästabilierten Harmonie“ aufeinander hin ordnet, zu erkennen?

Die Entwicklung des ersten Schlüssels hat uns bereits gezeigt, daß Wurzeln
im Allgemeinen zu irrationalen Zahlen führen. Sie sind keine Größen son-
dern Verhältniszahlen. Während Wurzeln die Verschränkung zwischen zwei
abzählbaren, dinglichen Objekten in voneinander verschiedenen Ordnungen
bestimmen, sind Logarithmen Ausdruck der Relation zwischen Ordnungs-
gefügen. Auch sie sind im allgemeinen irrational. Außerdem finden wir
gültige Wurzelwerte in den allermeisten Fällen nur über das Logarithmie-
ren.

Im Fall der Physik sind wir dahinter gekommen, daß die Funktion um so
reiner in Erscheinung tritt, je besser es gelingt, das Objekt und seine Bezie-
hungen auseinanderzuhalten. In der Mathematik bringen wir die Unter-
scheidungen dann durch eine entsprechende symbolische Schreibweise zum
Ausdruck. Die verschiedenen Zahlenarten betrachten wir bisher rein men-
gentheoretisch und erklären diese fortschreitend als Obermengen der vor-
hergehenden, ohne Rücksicht auf den Unterschied von Zählzahl und Ver-
hältniszahl.

- 65 -
Diesen Unterschied kannten aber bereits die Griechen, als sie die logoi von
den arithmoi begrifflich getrennt haben. Wir ignorieren diesen Unterschied
bis heute und verorten sämtliche Zahlen auf der einen Geraden, dem von
Descartes eingeführten Zahlenkontinuum.

Zweifellos ist die geometrische Interpretation der Zahlordnung ein äußerst


hilfreiches Instrument. Als Symbol soll es einen an sich unsichtbaren, aber
nichtsdestoweniger realen Zusammenhang vermitteln. Wenn ein Symbol
aber nicht stimmig ist, trägt es mit seiner suggestiven Wirkung mehr zur
Verwirrung als zur Klärung des tatsächlichen Sachverhalts bei. Im Fall der
Zahlengeraden ist es aufgrund der bisherigen Ausführungen nur konse-
quent, wenn wir den einen Zahlenstrahl in Geraden auflösen, auf denen die
Zahlen entsprechend ihrer Funktion getrennt aufgetragen werden: 1. als
ausschließlich positive rationale Zählzahlen und Größen, 2. als arationale
Verhältniszahlen und 3. als Ordner von Verhältnissen.

Damit hat auch die Redeweise von den irrationalen Zahlen ein Ende. Schon
Kepler hat zurecht darauf verwiesen, daß die als „irrational“ übersetzten
„alogoi“ (wir erinnern uns: die Unaussprechlichen) „durch die besten Grün-

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de (rationes) in ihrem Bestand gesichert werden.“ Irrational sind also nicht
die Zahlen. Irrational ist vielmehr der Vorgang, wenn Rene Descartes, der
Verstandesmensch, im Zug des geschilderten Überlagerungsprozesses und
im Hochgefühl der Überwältigung des Unendlichen, die Zählzahlen mit den
Verhältniszahlen willkürlich zum Zahlenkontinuum erweitert.

Es ist von besonderer Wichtigkeit zu erkennen, daß es sich bei den ganz-
zahligen und gebrochenen Verhältniswerten nicht um eindeutig feststell-
bare, diskrete Größen handelt, sondern, ebenso wie bei den unendlichen
Wurzelwerten, um Grenzwerte im Sinn der Verschränkung von Ordnungen.
Das bedeutet, daß auch diese Werte einen Prozess repräsentieren, etwas in
Bewegung befindliches, eine Oszillation. Beispielsweise erfassen die Werte
3,9999... und 4,0...01 den Grenzwert 4, d.h. das arationale Verhältnis 4/1,
aber nicht die Zahl 4. Anders gewendet: Die Quadratwurzel aus 16 ist nicht
identisch mit der Zählzahl 4.

Hinter jeder Operation zur Bildung von Verhältnissen, angefangen mit der
Differenz, über den Bruch und weiter zur Wurzel, steht ein Umkehrprozeß.
Wir haben im ersten Schlüssel gesehen, daß dieser Prozeß durch das Sym-
bol -1 repräsentiert wird. Bei der Quadrierung der Hyperbel ( f(x) = x -1 )
war es exakt dieser Wert, der zur Erkenntnis geführt hat, daß es sich beim
Logarithmus um eine Funktion handelt. In der schon angesprochenen pro-
jektiven Geometrie ist die Inversion am Kreis, ebenfalls eine Umkehrung
(Spiegelung), eine fundamentale Transformation, bei der der Mittelpunkt
zum unendlich fernen Punkt wird. In diesem Sinn bedeutet jede Verhältnis-
bildung, jede Kehre einen Durchgang durch das Unendliche. In der komple-
xen Zahlenebene ist dieser Schritt ein gleitender Übergang. So gelangen wir
bei der Bildung des Verhältnisses von logarithmischen Basen in letzter
Konsequenz zum Eigentlichen, zur Zahl „e“.
Erst wenn wir die Hierarchie der Ordnungen und deren Ordner klar vor
Augen haben, können wir der letztendlich formbildenden, in-form-ierenden
Mitte gewahr werden. Das aber erfordert die Unterscheidung der „logoi“
von den „arithmoi“.

Interessanterweise ist „Information“, also derjenige Prozeß, dem unser Zeit-


abschnitt seinen Namen verdankt, durch einen negativen Logarithmus defi-
niert, und der Mathematiker und Physiker Hartmut Müller definiert „e“ als
Eichmaß für Information. Schließlich können wir noch festhalten, daß be-
reits in vorchristlicher Zeit in Mittel- und Nordeuropa „ ê “ soviel bedeutete
wie Religion, und zwar im Sinn von „ewige Ordnung“ oder „ewig geltendes
Gesetz“.

- 67 -
Aufgeklärtes Bewußtsein der Beliebigkeit
oder: Vom Faktischen zum Möglichen

Nun haben wir also das Tor zu unserem Garten entriegelt. Wir stehen auf
der Schwelle und bevor wir in den Garten eintreten, wollen wir doch einen
kurzen Blick zurück werfen.

Was wir im Übergang zu der neuen Bewußtseinsstufe vor allem anderen


sehen können, ist eine erneute Differenzierung des Zahlbegriffs: Logarith-
men beschreiben Verhältnisse von Beziehungen untereinander. Zu dem
statischen Begriff kommt der Fluß der Information. Durch die verweltlichte
Zeit hat unser Dasein eine neue Dynamik gewonnen, die wir rechnerisch
durch die Funktion erfassen. Die „ars combinatoria“ hat eine völlig neue
Welt an Möglichkeiten eröffnet, deren bedenkenlose Anwendung allerdings
zunehmend außer Kontrolle gerät.

- 68 -
Das Motto scheint zu sein: machen was machbar ist. Alfred Anders sagt mit
Recht, daß wir mehr herstellen, als wir uns vorstellen können. Wir verfügen
über ein gewaltiges Wissen, mit dem wir einiges anstellen. Es fehlt an der
nötigen Weisheit. Wenn kleine Kinder etwas anstellen, können wir das
meistens wieder ohne Folgeschäden in Ordnung bringen. Wenn heute die
großen Kinder etwas anstellen, sind die Folgen nicht mehr absehbar. Die
Fiktion absoluter Genauigkeit, die exakte Berechenbarkeit von allem und
jedem beflügelt uns in dem Wahn, alles unter Kontrolle zu haben, bestärkt
uns in dem Glauben an einen ungebremsten Fortschritt.

Mit der Trennung von Teil und Maß, entsprechend der Trennung von Ding
und Beziehung, haben wir den Weg zur Klärung der tatsächlichen Ord-
nungsverhältnisse beschritten. Es zeigt sich, daß es sich bei allen neuen
Zahlenarten seit Fibonacci (0, Negative, reelle Dezimalbrüche) durchweg
um Verhältnisse handelt. Und diese sind nicht fixierbar!
Ein Grund, warum trotz unseres arroganten Draufloskonstruierens, unseres
Verschwendungsdrangs in der Manier von Halbstarken, noch nicht alles
zerstört ist, nicht alles völlig schief läuft, ist neben der hohen Toleranz-
schwelle der Natur die Tatsache, daß wir in die meisten Rechnungen die
Zahl „e“ miteinbeziehen. Allerdings geschieht das nicht aus dem o.g.
Grund, sondern weil es sich in der Praxis bewährt hat. Hier wirkt das zu-
künftige neue Bewußtsein in die Gegenwart hinein.

Das derzeit vorherrschende, sogenannte aufgeklärte, Bewußtsein ist ein


Bewußtsein der Beliebigkeit. Als solches stellt es den Gipfel der Überlage-
rung dar.

Weder nach dem ersten noch nach dem zweiten Schritt in der Bewußtseins-
entwicklung, war für uns ein Mittelpunkt erkennbar. Und dennoch haben
wir die Gewißheit nie verloren, daß ein solcher existiert. In Ermangelung
eines offensichtlichen Punktes, haben wir „Gott“ an seine Stelle gesetzt.

- 69 -
Heute, nach dem dritten Schritt stellen wir mit Nietzsche fest: „Wer gab uns
den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Gott ist tot. Gott
bleibt tot!“ Wir brauchen „ihn“ nicht mehr. Mit der Proportion haben wir
einen sichtbaren Mittelpunkt gewonnen. Was uns allerdings fehlt, ist ein
entsprechendes Formbewußtsein. Mit der dreigliedrigen Gleichung haben
wir die Einheit, das wesentliche der Proportion, begraben. Mit den irrationa-
len Lösungen, in Form des Dezimalbruchs als der Weisheit letzter Schluß,
haben wir kurz danach dem Verstand die Herrschaft in unserem fragwürdig
gewordenen Bewußtsein überlassen.

Mit diesem einen Gesichtspunkt im Zentrum sind wir perspektivisch auf


Fortschritt fixiert. In unserem primitiv-linearen Zeitverständnis hegen wir
insgeheim immer noch die Fiktion der exakten Feststellung, die Hoffnung,
das Unendliche schließlich doch noch dingfest machen zu können.

Was not tut, ist die Anerkennung der Eigenzeit einer jeden Form. Das kleine
kann das größere nicht steuern. Wir können unseren Rhythmus mit den
Rhythmen des Anderen in eine gewisse Resonanz bringen. Schwingung ist
Bewegung, braucht Raum. Daher muß der Punkt zur Fläche erweitert wer-
den. Dies gelingt, wenn wir diese Figur, die pythagoräische Tetraktys
(=Vierzahl) zur „Fünfzahl“ oder der Pentaktys erweitern.

- 70 -
Integrales Bewußtsein
- gequantelte Formen -

Unser Garten ist klein und unscheinbar. Geradeso wie das Tor. Das soll der
Garten einer Königin sein? Die Königin ist die Mathesis und sie ist unsterb-
lich. Sie regiert seit Urzeiten und wird weiter regieren, wenn es uns, die wir
über sie nachdenken, längst nicht mehr gibt. Sie regiert mit dem intensiven
Licht der Weisheit, nicht mit dem oberflächlichen Glanz einer Wissensfülle,
einem Wissen, das immer ein Wissen über etwas ist. Glanz setzt einen Trä-
ger voraus wie z.B. Gold.
Wir sind heute gewöhnt an die Fülle, die große Zahl. Je mehr und größer,
desto besser. Quantität ist der einzige Gesichtspunkt unter dem wir Zahlen
noch zu sehen vermögen. Dieser Garten ist überschaubar, und ich habe dich
hierher geführt, damit du ein Gefühl dafür bekommst, was Zahlen auch
noch sein können.

Wenn wir in ein Gewächshaus kommen oder auf eine Golfanlage, sind wir
überwältigt von der schieren Menge, der Farbintensität, der Monotonie. Es
gibt hier nicht viel Neues: wenn wir eine Tulpe gesehen haben, haben wir
alle gesehen, wenn wir einen Grashalm gesehen haben, kennen wir den
ganzen Platz.
Mathematik ist die Sprache der Natur. Obwohl diese ungeheuer vielfältig
ist, hat sie doch nur eine Fakultät. Wir haben seit Leibniz eifrig die Gram-
matik dieser Sprache studiert, aber der Wortschatz ist doch ziemlich dürftig.
Die Wörter der Mathematik sind die Zahlen. Nun könnte man meinen, daß
der Wortschatz doch ungeheuer groß ist, ja ins Unendliche geht. Aber hier
bemißt sich der Wortschatz nach der Fülle der Gesichtspunkte, die wir auf
eine Zahl haben. Von einer Fülle an Gesichtspunkten kann aber heute keine
Rede sein. Der Gesichtpunkt ist einer und der beschränkt sich eben auf die
Quantität, angezeigt in Form der Dezimalzahl.

Mit der Algebra haben wir eine Menge über die Grammatik dieser Sprache
gelernt, ohne einen Gedanken an die Wörter zu verlieren. Die Zeichen der
„characteristica universalis“ haben sich verselbständigt. Wir kennen alle
Möglichkeiten der Verknüpfung von angeblich beliebigen Elementen. Und
weil wir die Grammatik so gut erforscht haben, können wir jetzt nicht mehr
nur im Buch der Natur lesen, sondern auch selbst in das Buch hineinschrei-
ben. Die Wahrscheinlichkeit aber, daß wir eine Reihe sinnvoller Verknüp-
fungen bilden, sprich: einen vernünftigen Satz zustande bringen, sinkt mit
der Fülle der Möglichkeiten. Denn die Wahrscheinlichkeit eines Treffers
verhält sich umgekehrt proportional zu den Möglichkeiten. Das kennt jeder

- 71 -
von der Lotterie. Mehr Zahlen bedeuten mehr Kombinationsmöglichkeiten,
und mehr mögliche Kombinationen bedeuten eine geringere Gewinnchance.
Und da die Zeichen, sprich Zahlen und auch Begriffe, nicht mehr an ir-
gendwelche Dinge gebunden sind, sind sie verschieblich geworden. Jeder
gibt einem Wort die Bedeutung, die ihm gerade paßt. Rilke setzte diesen
Umstand perfekt ins Bild, als er sagte: „Die Bedeutung hängt von den Wör-
tern herab.“ Im Sprachbereich nennt man das Ideologie. Wer die Sprache
(und die Kommunikationskanäle, sprich: die Medien) beherrscht, beherrscht
die Menschen.

Angesichts der Herrschaft der Beliebigkeit ist die Furcht vor dem Chaos
zweifellos berechtigt. Doch die Tatsachen der Natur sprechen dagegen. In
ihr gibt es keine Beliebigkeit. Sie nutzt alle Freiheiten und ist zugleich vol-
ler Ordnung und Harmonie. Leibniz spricht von der besten der möglichen
Welten, dank einer prästabilierten Harmonie. Nicht alles, was grammatika-
lisch bzw. formal-rechnerisch möglich ist, wird realisiert. Auch wenn sich
Leibniz bei der erstaunlichen Auswahlsicherheit der Natur auf das Extre-
malprinzip bzw. das Infinitesimalprinzip beruft, so vermochte er damit doch
nicht zu erklären, warum uns immer und überall ganz bestimmte Verhält-
nisse bzw. Verschränkungen bevorzugt begegnen.

Gottfried Wilhelm Leibniz hat die „ars combinatoria“ entwickelt, den Zei-
chen Autonomie gegeben, und er hat mit seiner Monadenlehre Gott ins
Innere verlegt. Leonard Euler war gerade neun Jahre alt, als Leibniz 1716
siebzigjährig starb. Euler war ein glühender Protestant und konnte mit dem
Gärtnergott des aufgeklärten Leibniz nichts anfangen. So kam es, daß die
Leibnizsche Gedankenwelt, die zu Zeiten Eulers von Christian Wolff vertre-
ten wurde, von Euler vehement bekämpft wurde. Der Gegensatz spiegelte
sich auch im Reich der Mathematik wieder. Euler war ein Zahlenmagier.
Man sagt von ihm, daß er gerechnet habe, wie andere atmen. Euler brauchte
keinen Taschenrechner, er war ein Taschenrechner – und zwar ein wissen-
schaftlicher. Während sich also der eine bevorzugt der Grammatik der Na-
tursprache gewidmet hat, ist der andere vollkommen im Wortschatz dieser
Sprache aufgegangen. Was, nicht zuletzt durch die theologisch-philosophi-
sche Gegnerschaft, nicht zustande kam, war die Verbindung von Arithmetik
und Algebra. Dieser Zusammenhang wurde erst eine Generation später von
Carl Friedrich Gauß, dieser war sechs Jahre alt, als Euler 1783 mit sieben-
undsiebzig Jahren starb, systematisch in Angriff genommen. Dabei konnte
er auf die reichhaltigen analytischen Untersuchungen Eulers zurückgreifen.
Seine Theorie der Kreisteilung, 1801 in seinen „Disquisitiones aritmeticae“
veröffentlicht, war wegweisend.

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Die sich später daraus entwickelnde Theorie der Gruppen hat dann aller-
dings den numerischen Aspekt wieder aus den Augen verloren. Sie führt die
Zahlen als gewissermaßen willkürliche, aber doch besonders geeignete
Beispiele von Gruppen an, weil darin alle Verknüpfungen so wunderschön
funktionieren. Man gewinnt den Eindruck, daß die algebraischen Strukturen
unabhängig von den Zahlen existieren, d.h. als autonomes Zeichenuniver-
sum. Es gibt die Tendenz zur Flucht in bloß formale Gedankensysteme, in
eine inhaltlich leere, wenn auch geistreiche mathematische Symbolik ohne
jeglichen Bezug zur physikalischen Realität. Werden allerdings dann andere
Objekte als die Zahlen herangezogen, so kommt man im Zug der Gruppen-
operationen schließlich doch wieder auf die Ordnung der Zahlen zurück.
Damit erweist sich, daß nicht nur die Arithmetik a priori ist (Kurt Gödel),
sondern auch die Zahlen.

Für einen Albrecht Dürer oder Agrippa von Nettesheim war die Zahl im 16.
Jahrhundert noch bedeutungsvoll. Wer heute über die Qualitäten von Zahlen
redet, wird tendenziell eher abschätzig als Numerologe (ab)qualifiziert.
Tatsächlich können wir feststellen, daß die mit der „ars combinatoria“ ex-
plizit gewordene Struktur im inneren Zusammenhang der natürlichen Zah-
len gründet. Das ist die Antwort auf die paradox anmutende Aussage des
gläubigen Albert Einstein: „Das ewig Unbegreifliche an der Welt ist ihre
Begreiflichkeit.“

Wie sieht aber dieser innere Zusammenhang aus?


Ein Zusammenhang ist eine Beziehung, wird hergestellt durch eine Relati-
on, ein Verhältnis. Wir haben uns ja im Vorfeld bereits mit den verschiede-
nen Arten der Verhältnisbildung befaßt und die Differenz als allereinfachste
identifiziert. Es ist offensichtlich, daß wir mit einem rein additiven bzw.
subtraktiven Zusammenhang den Naturerscheinungen nicht gerecht werden.
Wir müssen uns also, gruppentheoretisch gesprochen, mit multiplikativen
Verknüpfungen befassen. Das haben unsere Vorfahren auch schon ohne
Gruppentheorie begriffen. Von jeher herausragende Verhältnisse waren die
Verhältnisse zur Einheit. Hier sei an die Stammbrüche der Ägypter erinnert,
aber auch an die Auflösung der vierteiligen Proportion in einen nichtssa-
genden Dezimalbruch.

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I Harmonikale Verhältnisse

Von besonderem Interesse ist hier, neben der Welt der Dinge, die Welt der
Musik. Die für das Gehör gleichmäßig-additive, lineare Tonleiter entpuppt
sich auf der messbaren physikalischen Ebene als ein multiplikativer Zu-
sammenhang. Damit sind wir aber mitten in dem Problem, wo Ordnungen
zueinander ins Verhältnis gesetzt werden müssen. Mit anderen Worten: in
der Welt der Logarithmen. Wer auf der Tastatur eines Klaviers drei oder
mehr Oktavtöne hintereinander spielt, der logarithmiert. Die Oktave be-
zeichnet einen Tonschritt, ein sogenanntes Intervall, mit höchstmöglicher
Resonanz. Physikalisch entspricht dem das denkbar einfachste Verhältnis:
die Verdoppelung bzw. Halbierung der Saitenlänge oder der Luftsäule in
einem Blasinstrument. In Zahlen ausgedrückt: 1/2 – der einfachste der
Stammbrüche.

Während sich die Reihe der Stammbrüche aus der Reihe der natürlichen
Zahlen entwickelt und damit als Funktion die Hyperbel darstellt, entwickeln
sich die harmonikalen Intervalle, wie wir sie aus der Musik als Tonleiter
kennen, aus der jeweiligen Ergänzung zur Einheit (einmal als Bruch und
einmal als Potenz geschrieben):

1/2 1/3 1/4 1/5 1/6


2-1 3-1 4-1 5-1 6-1

1/2 2/3 3/4 4/5 5/6


1x 2-1 2 x 3-1 3 x 4-1 4 x 5-1 5 x 6-1

Das ist es, was Pythagoras seinerzeit entdeckt hat, und was als Geburt der
Wissenschaft gilt: er abstrahierte den in Zahlen faßbaren Zusammenhang
zwischen Tonhöhe und der Länge einer schwingenden Saite. Das war sozu-
sagen der Weg von der Qualität (des Hörens) zur Quantität (des messenden
Experiments). Ernst Rasmussen meint, daß es doch auch einen Weg zurück
geben müsse, von der Quantität zur Qualität. Aber hinter den Symmetrie-
bruch der Neuzeit gibt es kein zurück, wir können uns nur das alte Wissen
mit den neuen Mitteln auf unsere Art neu erobern. Dabei sind wir mit der
nicht-lokalen Quantenphysik durchaus auf einem guten Weg. „Die Bedeu-
tung der abstrakten Idee der Periodizität stand also am allerersten Anfang
sowohl der Mathematik wie der europäischen Philosophie. ... Und nun, im
zwanzigsten Jahrhundert, finden wir die Physiker weithin beschäftigt, die
Periodizitäten der Atome zu analysieren.“ schreibt Alfred North Whitehead.

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Die Idee von der Schwingung als Schöpfungsimpuls reicht im Gedankengut
der Menschheit weit zurück. Aus den Untersuchungen von Pythagoras ging
nicht nur die Tetraktys hervor, sondern auch ein Schema, das er Chi nannte
und das aus zwei Multiplikationstabellen gebildet wird: das Gamma mit den
natürlichen Zahlen und das Lambdoma mit den rationalen Verhältnissen.

„Harmonik“ war im antiken Bildungskanon einer der vier Wege im Vier-


weg, dem Quadrivium. Die antiken Mathematiker bezeugen dabei ein sehr

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tiefes Verständnis in Bezug auf Verhältnisse, also genau das, was uns heute
zu fehlen scheint. Sie unterschieden bereits die drei auch uns bekannten
Mittelwerte, nämlich das arithmetische, das geometrische und das harmoni-
sche Mittel. So wußten sie, daß jeder Stammbruch das sogenannte „harmo-
nische Mittel“ zwischen seinen beiden Nachbarn ist. Mit Hilfe der entspre-
chenden Proportionsgleichungen (die einfachste und zugleich perfekteste im
Hinblick auf die Harmonik, ist in der schon erwähnten pythagoräischen
Tetraktys verschlüsselt) gelang es bereits den Babyloniern, recht gute Nähe-
rungen für Quadratwurzeln zu ermitteln.

Obwohl Pythagoras aufgrund der Reihung der musikalischen Intervalle mit


dem Problem der Skalierung konfrontiert war und das Tongesetz kannte, ist
er nicht bis zum Logarithmus vorgestoßen. Das hat zum einen damit zu tun,
daß die Tonhöhe direkt von der Saitenlänge bzw. Höhe der Luftsäule, d.h.
aber: einem linearen, eindimensionalen Medium abhängig ist und so den
logarithmischen Effekt verdeckt. Zum anderen spielt der Quanteneffekt eine
Rolle, d.h. daß in der Physik überhaupt nur rationale Teilungen als Töne
hörbar sind und keineswegs an jedem x-beliebigen Punkt einer, als kontinu-
ierlich gedachten, Strecke der Saite oder Luftsäule.

1619 hat Johannes Kepler mit seinem Buch über die „Weltharmonik“ das
Wissen um die harmonikalen Verhältnisse kraftvoll erneuert. Diese Art der
Weltbetrachtung führte ihn direkt zu den nach ihm benannten Planetenge-
setzen. Genau 72 Jahre später, das entspricht einem Tag im Weltenjahr,
wurde mithilfe analytischer Methoden das Geheimnis der Kettenlinie gelüf-
tet. In moderner Schreibweise erkennen wir in der Formel eine Art Mittel-
wert zweier Exponentialfunktionen zur Basis „e“. Horst von Hasselbach hat
dann zum Ende 20. Jahrhunderts den „Pythagoras“ mit Hilfe der Kettenli-
nienformel auf ein neues Niveau gehoben. Mit dem von ihm eingeführten
Mittelwert der relativen Biharmonik zeigt er den direkten Zusammenhang
zwischen pythagoräischem Dreieck und der Kettenlinie.

Bereits in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhundert hat Hans Kayser, ausge-
hend vom pythagoräischen Chi, seine Teiltonkoordinaten entwickelt, die im
Einklang mit modernsten Forschungen die Harmonik als universales Gestal-
tungsprinzip eindrucksvoll bestätigen. Kayser hat die einzelnen Werte auf
die Null bezogen, wie oben dargestellt, und die entsprechenden logarithmi-
schen Werte ermittelt. Die Tafel der Teiltonkoordinaten war dann für
Arnold Keyserling die Vorlage für das Rad als numerologischem Schlüssel
des analogen Denkens zur Weltweisheit.

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Die Verwendung des Wortes „harmonisch“ scheint mir in der Mathematik
nicht besonders glücklich, ist Harmonie doch ein umgangssprachlicher und
damit dehnbarer Begriff. Hans Kayser würde vielleicht sagen, er paßt zum
temperierten Schlendrian. In Anlehnung an Kayser verwende ich im ma-
thematisch-exakten Zusammenhang lieber das Wort „harmonikal“ und
reserviere „harmonisch“ für den ungefähren-gefühlten Bereich. Dazu gehört
zweifelsohne auch die Musik als ein elementares sinnliches Phänomen.
Nicht selten wird Musik mit Harmonie in eins gesetzt, etwa so, wie man bei
Räumen gleich an Architektur denkt. Aufgrund des archetypischen Charak-
ters der Zahlen halten wir aber fest, daß Harmonik kein musikalisches Phä-
nomen ist, vielmehr gilt umgekehrt: Musik ist ein harmonikales Phänomen.

Bleiben wir noch einen Moment bei den sinnlichen Eindrücken: Während
sich Schwingungszahlen oder Frequenzen vervielfachen und Wellenlängen
entsprechend in Bruchteile zerlegt werden, hört unser Ohr eine gleichmäßig
ansteigende Tonreihe. Es ist aber nicht nur unser Ohr, es sind alle unsere
Sinne logarithmisch organisiert. D.h. unser Gehirn, genauer unsere Sinne,
rechnen die physikalischen Eindrücke unserer Empfangsorgane, den Golfen
unserer Sinne, automatisch in Verhältnisse um. Das sind aber, mathematisch
gesehen, nichts anderes als Logarithmen. Die Logarithmische Gerade ist der
Vermittler zwischen der ordnenden, verhältnisbildenden Instanz und den
quantitativen, physikalisch messbaren Erscheinungen.

Es geht immer weniger darum, wie im Anfang der Experimentalphysik, ein


Ganzes in Bezug auf seine Umgebung zu messen. Vielmehr befassen sich
die Wissenschaften heute zunehmend mit den Verhältnissen innerhalb eines
Ganzen, insbesondere lebendiger Ganzheiten. Was wir als Gestalt wahr-
nehmen, verdankt sich immer einem Informationsprozess, der, einmal initi-
iert, fortlaufend die Form, die unveränderliche Seele einer äußerlich sich
kontinuierlich wandelnden Gestalt generiert. Der Informationsprozess stellt
den Bezug zum Ordner her. Dies gelingt aber nur, wenn das Ganze im Be-
ginn seiner Existenz auf der physikalischen Geraden verortet, geeicht wird.
D.h. der Nullpunkt der logarithmischen Geraden wird auf die Einheit, die
Eins der Größengeraden eingestellt (e0 = 1). Der Nullpunkt der logarithmi-
schen Geraden stellt für mich als Mensch, aber jeweils auch für jede andere
Gestalt, die Identität dar, diejenige Mitte, aus der sich diese Gestalt bewährt.
Der entsprechende Punkt auf der Zahlgeraden der Größen, der physikali-
schen Meßwerte, die Eins, das ist die von anderen wahrgenommene Gestalt
in ihrer Einheit. In dieser Unterscheidung von Identität und Einheit haben
wir also die tatsächliche Bedeutung der Null, die zu Beginn des 13. Jahr-
hunderts nach Europa kam: sie macht den ordnenden Hintergrund, auf dem

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Dinge überhaupt nur existieren können, zunächst durchsichtig und, je mehr
wir in dieser Weisheit zuhause sind, auch für jeden Einzelnen erfahrbar.

Im Zentrum eines jeglichen Ordnungszusammenhangs steht „e“. „e“ ist der


Ordner letzter Instanz. Was hat aber nun diese Zahl „e“, dieses dezimale
Ungetüm 2,718281828459...... mit dem inneren Zusammenhang der natür-
lichen Zahlen zu tun? Eine Zahl, die kein Ende hat, nicht periodisch ist und
außerdem noch transzendent. Wie die Kreiszahl „π“ erscheint auch „e“ den
meisten Menschen, und insbesondere den Wissenschaftlern, ohne innere
Regelhaftigkeit. Chaotische Irrationalität scheint sogar ein unverzichtbares
Merkmal der Transzendenz zu sein.

Wir haben bereits früher erfahren, daß das Wesen der Zahlen, und das ist
vor allem ihre Teilbarkeitsstruktur, in der dezimalen Darstellung aufgrund
ihres Basisbezugs deformiert und völlig verschleiert wird. Das gilt natürlich
auch für die Zahl „e“. Hier kommt nun erneut Leonard Euler ins Spiel, der
große Mathematiker, der dieser fundamentalen Zahl ihren Namen gab.

Bereits im 16. Jahrhundert, also während sich die Dezimalrechnung entwik-


kelte, haben einige Mathematiker daneben noch eine andere Form der Zahl-
darstellung verwendet, den sogenannten Kettenbruch. Leonard Euler hat
dann, mit seinem Gespür für Zahlen und ihre Strukturen, die dafür gültigen
Rechenregeln systematisch entwickelt. Doch nicht nur das: er hat auch
gleich für einige irrationale Zahlen deren Kettenbrüche angegeben. Im Zug
der praktischen Verwendung spielten die Kettenbrüche dann allerdings bis
ins 20. Jahrhundert hinein so gut wie keine Rolle.

Für die Darstellung von Zahlen in Form von Kettenbrüchen sind folgende
Merkmale von Belang:
• sämtliche Werte des Zahlenkontinuums sind als Kettenbrüche
darstellbar
• alle Elemente eines Kettenbruchs sind ausnahmslos natürliche
Zahlen
• alle natürlichen Zahlen sind aus Primzahlen konstruierbar
• die Kettenbruchdarstellung einer Zahl ist, im Gegensatz zur
Dezimaldarstellung, nicht an eine "Basis" gebunden
• rationale Zahlen liefern endliche Kettenbrüche – arationale Zah-
len liefern unendliche Kettenbrüche

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• die Kettenbruchentwicklung quadratischer Arationalzahlen ist
periodisch
• sind alle Teilnenner eines regelmäßigen Kettebruchs identisch,
handelt es sich um einen reinperiodischen Kettenbruch
• die interne Struktur eines Kettenbruchs ist fraktal
• Kettenbrüche sind die kürzesten Zahldarstellungen bei bestmög-
licher Näherung

Der geniale Euler hat für „e“ gleich mehrere verschiedene Kettenbrüche
angegeben. Einer dieser Kettenbrüche entfaltet die ganze Erhabenheit dieses
Ordners aller Ordner und zeigt zugleich glasklar den Rang der Harmonik im
Weltenbau. Gleich am Anfang begegnen wir also der spektakulärsten Blu-
me in unserem Garten, der Zahl „e“ in Kettenbruchdarstellung.

Kannst du die gestufte Reihe der harmonikalen Intervalle erkennen, die sich
wie eine Kaskade an die 2 anhängt?

II Rhythmische Verhältnisse

Die Kettenbruchdarstellung von „e“ belegt aufs schönste die Aussage von
Rudolf Stössel, „daß zum harmonikalen Zusammenklang unserer Welt
gemäß [Pythagoras und] Kepler nicht nur die kleinen ganzen Zahlen und
ihre Proportionen gehören, sondern auch die irrationalen und die transzen-
denten Zahlen“. Wir wissen inzwischen aufgrund der Trennung der Ver-
hältnisgeraden von der Größengeraden, daß es sich tatsächlich um arationa-
le Zahlen handelt. Hier sind wir exakt an dem Punkt, wo wir mit den natür-

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lichen Logarithmen, über das altehrwürdige Wissen hinaus, eine tiefere
Einsicht in das Gefüge der Ordnungen erhalten haben. Unser Universum ist
eine Anwendung dieser Prinzipien, und dieses Wissen, weise angewandt,
erlaubt es uns, selbst in das Buch der Natur zu schreiben, macht uns Men-
schen zu wirklich schöpferischen Wesen.

Wie wir eben schon gehört haben, wird jede Gestalt durch den ihr eigenen
Informationsprozess in Form gehalten. Es handelt sich um komplexe
Schwingungsmuster, fortlaufend sich durchdringende und wechselwirkende
Wirbel. Das zentrale Instrument zur Berechnung der solchermaßen kreis-
förmig bzw. hyperbolisch bewirkten Verschränkungen ist die Trigonomet-
rie, also die Lehre von der Dreiecksmessung. Analytisch können wir solche
Drehungen als wellenförmige Sinus- und Kosinusfunktionen darstellen.
Wenn das schon immer gewußt wurde (Mathesis = das immer schon Ge-
wußte), stellt sich mir die Frage, ob die berühmte epochale Erfindung des
Rades wirklich so großartig war und uns Nachfahren tatsächlich über die
radlosen Kulturen erhebt oder aber, ob die tatsächliche oder vermeintliche
Primitivität der Vorfahren seinen Grund nicht in der Heiligkeit des Rades
als einem Symbol des Lebenswirbels hatte, das mit dieser Erfindung profa-
niert wurde. Hat sich der Mensch möglicherweise mit dem physischen Rad
die innere Lebensenergie verfügbar gemacht, so wie wir vor 700 Jahren mit
dem Uhrwerk die äußere Zeit vom Himmel geholt haben? – und dabei den
Rhythmus verloren haben?

Womöglich wird das Rad mit der neuzeitlichen Mathematik, genauer mit
der Einführung der komplexen Zahlenebene, wieder an den ihm gebühren-
den Platz befördert. Der geometrischen Interpretation um 1800 ging die
Einsicht Leonard Eulers voraus, daß die imaginäre Einheit zwischen Kreis
und Hyperbel einen Zusammenhang herzustellen vermag. Eine Multiplika-
tion mit der imaginären Einheit, von der wir ja wissen, daß sie eine komple-
xe Verschränkung repräsentiert, bedeutet geometrisch eine Drehstreckung.
Der Physik dient „i“ spätestens seit Einsteins Relativitätstheorie als Zeitko-
ordinate und in der Elektrotechnik zur Darstellung periodischer Schwingun-
gen. In Burkhard Heims Feldtheorie in Bezug auf die Elementarstrukturen
der Materie repräsentiert „i“ die Dimensionen „oberhalb“ der dreidimensio-
nalen Welt unserer Wahrnehmung. In der Schule werden bei der Berech-
nung von quadratischen Wurzelausdrücken die imaginären Lösungen im
Allgemeinen als irrelevant verworfen. Letzten Endes wird sich aber wohl
herausstellen, daß „i“ die Rückkopplung des Daseins an die Totalität des
Universums, den energetisch-informatorischen Spiegel des Seienden dar-
stellt. Die lineare Zeit der frühen Nominalisten kommt mehr und mehr in

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Bewegung. Ein Indiz ist der Kozyrev-Spiegel, mit dem wir zukünftige Ma-
nifestationen in der Gegenwart beobachten können. Einen weiteren wissen-
schaftlich fundierten Hinweis gibt der Chemiker Klaus Volkamer, der wohl
erstmalig „negative Massen“ nachgewiesen hat. Das aber bedeutet, daß wir
über ein zusätzliches Instrument verfügen, um Verschränkungen mit Di-
mensionen nachzuweisen, die wir mit dem überkommenen Bewußtsein
nicht wahrzunehmen vermögen. Die imaginäre Einheit „i“ vermittelt dem-
nach den lebenserhaltenden und identitätsstiftenden Informationsprozess,
mathematisch nachvollziehbar anhand der senkrecht aufeinanderstehenden
(hyperbolischen) Sinus- und Kosinusfunktionen. Bei der Gelegenheit sei
noch einmal an die Hyperpythagoräik von Horst von Hasselbach erinnert.

Information gewährleistet die Form, das Wesen einer Gestalt. Ablesbar ist
diese Form am Verhältnis der inneren Relationen, der Vermaschung unter-
schiedlichster Fäden. Das Verhältnis von Verhältnissen wird aber, wie wir
gesehen haben, in Logarithmen ausgedrückt und Logarithmus bedeutet die
zahlenmäßige Erfassung eines Verhältnisses.

Wir hatten bereits davon gesprochen, daß sich das Wesen einer Zahl in ihrer
Teilbarkeitsstruktur ausdrückt. Das ist aber nichts andres als ihr spezifisches
Verhältnis zur Einheit, der Eins. Wir können das auch als ihr spezifisches
Frequenzmuster betrachten, ihren unverwechselbaren Fingerabdruck. Was
ist unter einem solchen spezifischen Verhältnis zu verstehen?

Im Fall der arationalen Zahlen, die ja sowohl Wurzeln als auch Logarithmen
sein können, kommt dieses Verhältnis im Kettenbruch zum Ausdruck. Der
Kettenbruch offenbart einen mehr oder weniger ausgeprägten Rhythmus
und ist erkennbar anhand

• der Anzahl unterschiedlicher Zahlen,


• deren spezifischen Reihenfolge und
• der Periodenlänge einer solchen Reihe.

Je kleiner die auftretenden Zahlen, je weniger unterschiedliche Zahlen und


je kürzer die Reihe einer Periode, desto höher die Stabilität und damit auch
die Attraktorwirkung des so repräsentierten Verhältnisses.

Je „tiefer“ wir in einem Kettenbruch „hinabsteigen“, desto feiner die Faser


einer solchen Masche. Ein solches oder ein ähnliches Bild mag
G.W.Leibniz im Sinn gehabt haben, als er sinngemäß davon sprach, daß
wenn man das unbegrenzte Universum in immer kleiner Elemente, die Ge-

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samtenergie in immer kleinere Quanten, das weltbreite Geschehen in immer
dünnere Fäden des individuellen Wirkens sondert, man zu immer minimale-
ren Welten gelangt, die dem Makrokosmos immer gleichartiger werden.
Und ganz am Ende, wo das unendlich Kleine und das unendlich Große sich
berühren, erleben wir dann den Grenzfall, den Durchgang durch das Eigent-
liche.

Im Fall der natürlichen Zahlen ist das eindeutige Verhältnis zur Einheit mit
ihrer Zerlegung in Primfaktoren gegeben. Für Hartmut Müller ist das über
der Zahlengeraden aufgebaute Fraktal der Primfaktoren, das sich logarith-
misch verkürzt als stehende Welle präsentiert, das Grundfraktal der Arith-
metik, und damit der Mathematik schlechthin. Ob nun Kettenbruch oder
Faktorzerlegung, für den Rang, den eine Zahl in der Gewährleistung von
Verschränkungen der Verhältnisse hat, ist das Bildungsgesetz entsprechend
der o.g. Kriterien buchstäblich maß-gebend. Die individuelle Ordnung der
Relationen ist als Muster auch so etwas wie das Gedächtnis und präsentiert
sich uns mathematisch als ein gequanteltes Fraktal, aufgebaut aus ganzen
Zahlen. Der zu Zeiten Heraklits so genannte Logos, die innere Ordnung des
Kosmos, begegnet uns heute wieder als Logarithmus – vielleicht besser: als
Logarhythmus.

Wenn wir o.g. Kriterien für die Attraktivität eines Verhältnisses in Anschlag
bringen, dann ist es nicht mehr verwunderlich, daß die einfachsten Polygo-
ne, wie sie mit der regelmäßigen Kreisteilung entstehen, seit jeher von so
großer Bedeutung waren und es selbstverständlich auch immer sein werden.
Im folgenden präsentieren wir die Kettenbrüche für die Verhältnisse der
Seitenlängen zu den Umkreisradien

• im gleichseitigen Dreieck (√ 3)
• im Quadrat (√ 2)
• im Pentagon ( zunächst φ , der goldene Schnitt)
• das Radiusverhältnis ist eine Variation
des goldenen Schnitts ( √(φ²+1); eine erste Näherung) )
• im (Halb)Kreis ( π ).

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III Maßgebende Verhältnisse

Wer den Faden ausgespannt weiß,


Dem die Wesen sind angewebt,
Ja, wer des Fadens Faden kennt,
Der weiß die große Brahmankraft.

Diese Zeilen können wir dem Atharvaveda entnehmen. Haben die Weisen
Indiens „e“ gekannt? „e“ ist der Polarstern über dem ewig bewegten Meer
der Verhältnisse. Alles Tun ohne „e“ ist orientierungslos. Ich habe eingangs
schon gesagt, daß es darum geht, den Faden selbst völlig neu zu spinnen.
Aber solange wir nur Wissen haben ohne Weisheit, bleibt unsere Lage pre-
kär.
Es zittert dieses Leben um sein Gleichgewicht
Wie Wasser am Rand des Lotusblattes.
Der Weise aber kann uns augenblicklich
Die Brücke zeigen über dies Meer des Wandels.

Wie kann ein zehnjähriger Junge so etwas schreiben? Woher kommen seine
Einsichten? Sie sind Teil eines längeren Gedichts, das Shankara etwa im
Jahr 700 schrieb. Er kannte wohl des Fadens Faden. Jedes Wesen ist das
Geschöpf einer unbeirrbaren Himmelsmathematik und der gesamte Kosmos
ist Maß und Zahl. Wenn in der Bibel im Buch der Weisheit steht: „Doch
alles hast du nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet.“, dann ist auch hier die
Trennung von Maß und Zahl ernst zu nehmen, so wie wir die Zahlgerade
nach Größen und Verhältnissen unterschieden haben. In jeder Weisheitsleh-
re und in jeder Religion geht es um die weisheitsvolle Ordnung.

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Diese entsteht im beharrlichen Gerichtetsein auf das je gestaltbestimmende
Eine. Wir haben bereits früher gesehen, wie während der Renaissance die
Ablösung vom Ding im Abendland zugleich den Verlust des Maßes mit sich
brachte. Das aber ist in letzter Konsequenz gleichbedeutend mit geistiger
Zeugungsunfähigkeit. „Maßnehmen“ steht in der Bibel, ähnlich wie „erken-
nen“, für zeugen. Hugo Kükelhaus spricht die Wahrheit, wenn er sagt: „Nur
wenn der Mensch die Einheiten, die dem Leben das Maß geben, klar im
anschauenden Geiste trägt, kann er richtig urteilen und handeln. Ohne sie
kann er keine Ordnung stiften.“

Zunächst einmal stellen wir fest, daß die „Ablösung vom Ding“ nicht
gleichbedeutend sein muß mit der “Ablösung von Ordnung“. Die Relatio-
nen, die mit dem Funktionsdenken in den Mittelpunkt gerückt sind, gehor-
chen selbst einer Ordnung, wie sie in den natürlichen Zahlen beschlossen
ist. Zahlen sind Quanten, zählen ist quanteln. Irgendeine Kardinalzahl um-
faßt in sich die gesamte Entwicklung bis zu sich selbst, sie ist sozusagen ihr
eigenes Gedächtnis. Ihre Individualität ist ablesbar in ihren Primfaktoren.
Ist sie selbst Primzahl, eröffnet sich mit ihr aufgrund ihrer unmittelbaren
Verbindung mit der Einheit, musikalisch gesprochen, ein neues Oberton-
spektrum, sprießt ein neuer Zweig am Zahlenbaum, wird eine neue Familie
begründet, entwickelt sich ein weiteres eigenständiges Ordnungsgefüge.
Aber auch in diesem sind die maß-gebenden Verhältnisse der Schlüssel zur
Ordnung.

Maß-gebende Verhältnisse aber sind Resonanzen. Bestimmte Zahlverhält-


nisse sind ursächlich für das, was uns gefällt, womit wir als Per-son in
Re-son-anz gehen oder umgekehrt: was uns mißfällt, worauf wir mit Anti-
pathie reagieren. In Resonanz gehen heißt „mitschwingen“. „per-sonare“
meint ursprünglich im Theater „durch die Maske sprechen“. Es bedeutet
aber auch, etwas zum erklingen bringen oder eben, daß sich ein Mensch mit
dem Kosmos im Einklang befindet.

Die größtmögliche Resonanz ist mathematisch gegeben mit rationalen Zah-


len, die sich aus den kleinstmöglichen Zahlen zusammensetzen. Für hoch-
gradig komplexe, tief gegliederte und reich eingefaltete Systeme ist der
Zwang zur präzisen Abstimmung der Teile untereinander und auf das Ganze
unabdingbar. In dem Maß, wie wir die Gliederung verfeinern und die Kom-
plexität erhöhen, muß der Rhythmus, der alles zusammenhält, präzisiert und
entsprechend eingehalten werden. Die Frequenzmuster verschiedener Ord-
nungen, die in einem umfassenden Ganzen zusammenwirken sollen, müssen
in jedem Moment präzise aufeinander abgestimmt sein. Über 100.000 feh-

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lerlose, aufeinander abgestimmte Reaktionen innerhalb einer einzigen Zelle
pro Sekunde, und das mit einem Höchstmaß an Energieeffizienz, ist ohne
dieses Höchstmaß an Abstimmung oder Kohärenz nicht möglich. Nichts
was in der Natur Bestand haben will – und wer oder was will das nicht, –
kann es sich auf Dauer erlauben, die maßgeblichen Verhältnisse zu ignorie-
ren, geschweige denn sich gegen diese zu verhalten. Symmetriebrechung ist
Verfeinerung der Gliederung, Erhöhung des Ordnungs- und Energieniveaus.
Sie bedeutet aber auch erhöhte Fragilität, die nur durch eine präzisere und,
entsprechend der exponentiell vervielfachten Verschränkungen, erfinderi-
sche Organisation ausgeglichen werden kann.

In diesem Sinn nehmen bestimmten Zahlen als ausgezeichnete Verhältnisse


eine Sonderrolle ein. Ich nenne diese Zahlen Protozahlen. Protozahlen sind
demnach in sich stabile Ganzheiten mit hoher Resonanzgüte. Wir nehmen
sie in Form natürlicher Zahlen unmittelbar als abzählbare Einheiten wahr,
oder aber als Glieder einer Primfaktorzerlegung oder eines Kettebruchs. Das
Maß wiedergewinnen auf der Höhe der Zeit, unserer Zeit, bedeutet, daß wir
lernen, Zahlen anhand ihrer Resonanzgüte zu unterscheiden. Von daher
gewinnt Leibniz’ Wort von der prästabilierten Harmonie seinen Gehalt.

Resonanzgüte bedeutet hier nicht die Fähigkeit, mit möglichst vielen ande-
ren Verhältnissen in Resonanz gehen zu können. Oftmals ist ja gerade das
gar nicht wünschenswert. Gemeint ist vielmehr, daß ein spezifisches Ver-
hältnis in sich hochgradig stabil und damit, aufgrund seiner Attraktorwir-
kung, in der Lage ist, ein umfassendes Ganzes zu integrieren und zusam-
menzuhalten. Damit ist zugleich ein Hinweis gegeben, daß Form und damit
Verhältnisse maßgeblich sind für das Energiepotential einer Gestalt.

Wenn wir uns in Bezug auf Resonanzverhalten unter den ausgezeichneten


Verhältnissen die Extreme aussuchen, haben wir am einen Ende das Oktav-
verhältnis 1/2 und am anderen Ende den goldenen Schnitt, die Zahl „φ“.
Das Oktavverhältnis repräsentiert das rationalste aller Verhältnisse und „φ“
das arationalste. Resonanz bedeutet immer auch Beeinflussung – das kann
sein zum Guten, also gewollt oder zum Schaden, was eher nicht gewollt ist.
Daher finden wir das Verhältnis des goldenen Schnitts überall dort, wo sich
eine Ordnung möglichst ungestört und damit unbeeinflußt von anderen
Ordnungen entwickeln will. Das gilt im Makrokosmos der Planetenbahnen
ebenso, wie im Mikrokosmos der Organismen. Dan Winter widmet sich
diesem für das Leben offenbar fundamentalen Verhältnis intensiv. Seine
Untersuchungen führten auf allen möglichen Gebieten zu bemerkenswerten

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Ergebnissen, so im Bereich der Herzfrequenzmuster, der Gravitation oder
der Entstehung der Farben.

Der Wert des goldenen Schnitts kann außer als Kettenbruch auch durch eine
Reihe einfacher rationaler Verhältnisse angenähert werden, die sogenannte
Fibonacci-Reihe. Fibonacci hat zwar die 1 im Fundament verschwinden
lassen, hat sie aber andererseits indirekt im Kettenbruch von „φ“ wieder
gerettet. Ganz am Anfang der Reihe sind die Glieder mit den einfachsten
musikalischen Intervallen identisch, u.a. erscheint auch der Wert 2/3. Das
ist das nächste Intervall nach der Oktave und in der Musik als Quinte be-
kannt.

Unter dem Titel „alogoi“ habe ich schon die Eigenart der Ägypter erwähnt,
alle Maße als Summen von Stammbrüchen zu notieren - mit Ausnahme des
Wertes 2/3. Ein Grund für die herausragende Stellung, den wohl auch die
Ägypter kannten, ist der, daß 2/3 einerseits noch eine hohe Konsonanz lie-
fert und andererseits mit sehr kleinen Zahlwerten recht nahe an das Ideal
größtmöglicher Arationalität kommt. Das Oktavintervall 1/2 hat in seiner
Doppeleigenschaft, als erster Stammbruch und zugleich als erstes harmoni-
kales Intervall, einen vollkommen statischen Charakter. Die Quinte bedeutet
hingegen Ungleichgewicht - und das ist die Voraussetzung für Bewegung
und damit auch Entwicklung und Lebendigkeit.
Kurt Schneider zeigt, daß sich diese Ausnahmestellung des Quint-Intervalls,
nämlich ein hoher Grad an Konsonanz und gleichzeitig größtmögliche
Arationalität, auch in den Winkelbeziehungen der Raumwinkel der beiden
fünfzähligen platonischen Körper, dem Zwölf- und Zwanzigflächer, nieder-
schlägt. Erkennbar wird das allerdings nur, wenn die Sinuswerte nicht de-
zimal, sondern als Brüche und deren Wurzeln angeschrieben werden. Die
Resonanz von Relationen, die im Exponenten der Quadratwurzel angezeigt
ist, wird in diesem Fall elegant dadurch verschleiert, daß der Radikand,
nämlich 4/9, aus den beiden kleinsten Quadratzahlen besteht und damit
einfach in 2/3 aufgelöste werden kann.

Qualität, Gestalt und Ganzheit haben mit dem Logarithmus und der Ketten-
bruchdarstellung eine erneuerte mathematische Grundlage erhalten. Sym-
metrie, Harmonie und Rhythmus nehmen, nach der fast vergessenen „heili-
gen Geometrie“ und den einfachen Proportionen, wieder ihren angestamm-
ten Platz ein und zwar energischer als je zuvor. Bevor wir uns mit den Spu-
ren dieser Entwicklung befassen, wollen wir uns am Ende unseres kurzen
Spaziergangs noch die neue Ordnung der Zahlen unter Berücksichtigung
der Protozahlen betrachten.

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Zahlgesamtheit Protozahlen
Dezimalzahl Kettenbruch
diskret N natürlich P prim konsonant
↓ R rational (Q) H harmonikal ↑
stetig A arational (R) E eminent dissonant

Die beiden äußeren Spalten der Tabelle geben Tendenzen an, die an die
jeweilige Darstellungsart anknüpfen. Wir setzen hier voraus, daß der her-
kömmliche Zahlenstrahl entsprechend dem vorausgegangenen Schlüssel
aufgeteilt ist in Größen und Verhältnisse.

Auf der Gerade der Größen gibt es ausschließlich positive Werte. Diese sind
entweder ganze natürliche Zahlen (N) oder aber echte Brüche, also rein
rationale Zahlen (R) oder (zwischen den natürlichen Zahlen) unechte bzw.
aus N + R zusammengesetzte Brüche. Es handelt sich also um die bekannte
Gerade der abzählbaren, diskreten Zahlen, die punkthaft und überall dicht
diese Gerade belegen, die in 1, der Einheit, ihr Zentrum hat.
Die Protozahlen auf dieser Geraden sind die Bausteine der Arithmetik: zum
einen die Primzahlen und deren Stammbrüche (P) und zum andern die
harmonikalen Verhältnisse mit ihren Kehrwerten (H), wie sie aus der Har-
monielehre bekannt sind.

Bei der Geraden der Verhältnisse handelt es sich um eine stetige Linie, wo
wir ausschließlich oszillierende Grenzwerte, die Frequenzmuster unendli-
cher Informationsprozesse vorfinden, die arationalen Zahlen (A).
Die Protozahlen dieser Geraden, die hier, ebenso wie auf der Größen-
geraden, als Untermenge der Gesamtmenge anzusehen sind, nenne ich die
eminenten Zahlen (E). Dazu gehören die beiden transzendenten Zahlen „e“
und „π“ ebenso, wie der goldene Schnitt und die Quadratwurzeln aus den
Elementarzahlen 2 und 3. Es wird interessant sein zu beobachten, welche
weiteren Zahlen, die bislang als Dezimalbruch ein unscheinbares Dasein
fristen, sich in die Reihe der eminenten Zahlen einordnen werden.

Da es sich bei den arationalen Zahlen durchweg um Verhältnisse von Ver-


hältnissen handelt, können hier, in Anlehnung an den Vorschlag von Gauß,
direkte (+) und inverse (-) Verhältnisse unterschieden werden. Das Zentrum
der Verhältnisgeraden bildet die Identität, also das 0-Verhältnis.

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Transluzenz des Kristalls
- Spuren der Befreiung -

Der Impuls, der den Übergang auf eine neue Stufe des Bewußtseins einge-
leitet hat, zielte ab auf die Durchlichtung der Materie, auf die sich ihrer
selbst bewußt werdenden Form. Das Thema wurde paradigmatisch verwirk-
licht im Bau der gotischen Kathedralen zu Beginn des 13. Jahrhunderts.

Bereits 200 Jahre zuvor dokumentiert Alhazen in Baghdad die optischen


Gesetze, beschreibt gläserne Linsen und baut Parabolspiegel. Nun ist das
aber in seinen Anfängen nichts anderes als die Wiederentdeckung eines
Wissens, über das, nach Robert Temple, bereits die Ägypter verfügt haben.
Was haben die Menschen der Renaissance daraus gemacht? Auch hier kön-
nen wir Überlagerungseffekte erkennen. Während das Sehen noch im aus-
gehenden Mittelalter als seelisch-geistige Erfahrung erlebt wurde und man
davon ausging, daß das Auge als Seelenlicht aktiv einen Sehstrahl aussen-
det, setzte sich im Zug der Renaissance mit zunehmendem Selbstbewußsein
mehr und mehr die Überzeugung durch, wonach das Sehen ein mechanisch-
optischer Vorgang ist und das Auge lediglich als passiver Empfänger dient.
Das Auge wählt zwar durch Fokussierung aus, ist aber als technisches In-
strument beschreibbar. Daraus entwickelte sich die Vorstellung der „camera
obscura“ und schließlich unsere Fotokamera.

Nachdem man gelernt hatte durchsichtiges Glas herzustellen und zu schlei-


fen, erfand Galilei zu Beginn des 17. Jahrhunderts das Fernglas und Johan-
nes Kepler konstruierte das erste astronomische Fernrohr. Das Tor in die
Weiten des Weltraums, in dem neuerdings die Erde nur noch eine Kugel
unter anderen ist, war geöffnet. Immanuel Kant rückte mit seiner Transzen-
dentalphilosophie der überholten Metaphysik zu Leibe und die totale Frei-
heit für alle Menschen rückte in greifbare Nähe.

Mit der Vorstellung einer absoluten, linear abspulenden Zeit entwickelte


sich ein Fortschrittsdenken, dessen Bestreben drauf gerichtet ist, das Gehäu-
se, das sich die Menschen gedanklich gebaut haben und die Erde, an die sie
durch die Schwerkraft gebunden sind, zu verlassen, deren Grenzen zu trans-
zendieren, zu übersteigen. Bislang hat allerdings jeglicher räumliche und
zeitliche Ausgriff nur dazu geführt, daß das Korsett, in das wir uns mit
unserem Verstand gezwängt haben, und aus dem wir eigentlich heraus wol-
len, einfach immer mitgewachsen ist und gleichzeitig für den Einzelnen
immer bedrohlicher wurde. Wir haben die Welt mit Hilfe unseres Begriffs-
vermögens fein säuberlich in die unterschiedlichsten Fakultäten aufgeteilt,

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so daß jeder Gedanke an einen Zusammenhang in immer weitere Ferne
rückt. Die Geisteswissenschaften sind von den Naturwissenschaften weiter
entfernt, als Pluto von der Sonne. Aus der Hoffnung auf eine Befreiung
wurde zunehmend der Alptraum eines unüberschaubaren, chaotischen Ap-
parates, der uns heute nicht nur geistig, sondern zunehmend auch physisch
die Luft zum Atmen nimmt.

Mit dem Beginn des Wassermannzeitalters setzte eine Wende ein. Wir ge-
langen langsam, aber zunehmend schneller, zur Einsicht, daß wir uns als
Menschen nur weiterentwickeln können, wenn wir uns auf unser Skelett
besinnen. Der Kettenbruch ist in seiner Struktur ein gutes Symbol für diese
Entwicklung. Der Mensch verdankt seinen aufrechten Gang und seine
Sprachfähigkeit ja nicht zuletzt eben dem Umstand, daß er nicht, wie die
gepanzerten Insekten, in einer Kapsel lebt, sondern sich dank der Skelett-
bauweise außerdem verhältnismäßig rasch an unterschiedlichste Verände-
rungen anpassen kann. Übertragen auf den geistigen Bereich bedeutet ein
solcher Sinneswandel die Fokussierung auf die eigene Mitte, anstatt auf
irgendwelche äußeren Chimären. Im Bereich der Wissenschaften haben wir
bei Leibniz den Umschwung vom Uhrmachergott zum Gärtnergott gesehen.
Goethe konnte später schreiben:

Was wär´ ein Gott, der nur von außen stieße,


Im Kreis das All am Finger laufen ließe!
Ihm ziemts die Welt im Innen zu bewegen,
Natur in sich, sich in Natur zu hegen,
So daß, was in ihm webt und lebt und ist,
Nie seine Kraft, nie seinen Geist vermißt.

Und sein Zeitgenosse Georg Christoph Lichtenberg weist darauf hin, daß
man „nicht allein Dinge aus der Körperwelt transzendent machen“ kann,
„sondern auch Dinge aus der Geisterwelt retroszendent auf die Körperwelt
zurück.“ Das Projekt der Durchlichtung der Materie, das heißt auch von uns
selbst, kann nur gelingen, wenn wir uns unserer Mitte zuwenden.

Es geht darum, zum einen unsere eigene Mitte zu bestimmen und zum ande-
ren, die Dinge aus ihrer jeweils eigenen Mitte wahrzunehmen. Wir erinnern
uns dabei an den ZEN-Meister und an Kleists „Marionettentheater“. Mit
den heute verfügbaren Mitteln sind wir zu schöpferischen Wesen geworden.
Allerdings werden wir niemals zu einer gelungenen Gestaltung kommen,
wenn dieser nicht ein Entwurf zugrundeliegt, in dem der Punkt der Translu-
zenz, der Kristallisationspunkt, klar bestimmt ist. Wo uns die erweiterte

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Freiheit durch die zeichengebundene Logik eine neue Dimension erschließt,
nämlich die Freiheit des ausgreifenden Entwurfs, dort ist als Gegengewicht
ein fundierter Begriff von den maßgebenden Verhältnissen als Verankerung
notwendig.

Wir beobachten einen Wandel der Metaphern zum Aufbau des Kosmos vom
Stufenbau des Mittelalters über das Uhrwerk der klassischen Mechanik hin
zum Regelkreis der Kybernetiker. Was sich durch alle diese Vorstellungen
zieht, ist die Vorstellung der äußeren Kontrolle aus dem einen subjektiven,
alles überschauenden Gesichtpunkt. Warum nicht die Welt als Hologramm?
Aus verschiedenen Blickwinkeln nehmen wir das immer Gleiche unter-
schiedlich wahr. Die absolute Zeit, im Koordinatensystem aufgetragen als
fortlaufende getaktete Partikel, hat mit der Wirklichkeit des Lebens recht
wenig zu tun. Das Leben eines jeden Wesens verläuft vielmehr im nicht-
linearen Rhythmus der jeweiligen Eigenzeit. Der amerikanische Seher
Edgar Cayce schrieb in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts: „Jedes
Modell enthält von Natur aus seinen eigenen Entwurf zu wachsen und sich
zu entwickeln, der dem Klang eines bestimmten Tones entspricht.“ und der
Architekt Louis Kahn entwickelte seine Entwürfe aus der Einsicht: “Das
Wesentliche einer Sache ist ihr Wunsch, zu sich selbst zu kommen.“

Immer geht es um die Mitte, den springenden Punkt maximaler Resonanz,


die Identität, die auf der logarithmischen Geraden der Verhältnisse durch
die Null markiert ist. Sie ist es, an die die fortwährend sich wandelnde Ge-
stalt über den Prozess der Information rückgekoppelt ist und sich überhaupt
nur so als Einheit verstehen, ein durchgehendes Bewußtsein von sich Selbst
haben kann.

I Das Projekt der Gotik

Dieser Grundegedanke liegt dem Projekt der Gotik zugrunde. In Gestalt der
Kathedrale ist sie der Gegenentwurf zu den Pyramiden der Pharaonen. Das
Licht hebt die Schwere der steinernen Materie auf, die Statik gerät in Be-
wegung. „Vom Fenster, dem eigentlichen Verwandler, hängt im gotischen
Bauwerk alles ab; Säulen, Wände und Wölbung sind der Fenster wegen da.“
schreibt Reinhold Schneider. Der Strahl des Lichts bringt Raum und Zeit in
Fluß, die Rhythmen der Zeit und Entwicklung gelangen in unseren Wahr-
nehmungshorizont und wir gewinnen den geistigen Raum, schöpferisch
Neues hervorzubringen. Das elektrische Licht der Aufklärung hat das Ge-
genteil bewirkt.

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Zum Fenster gehört aber nicht nur das lichtdurchlässige Glas, sondern auch
der Rahmen. Im Fall der Kathedralfenster ist der Rahmen in seiner Bedeu-
tung für den geistigen Wandel den bunten Gläsern absolut ebenbürtig. Die
Wand löst sich auf, wird zur Form, die ihrerseits die Bedingung für die
Möglichkeiten des Farbenspiels wird. Die Auflösung geschieht dabei nicht
irgendwie, sondern gehorcht der strengen Regel eines Maßwerks. Neben der
Auflösung des Raumes durch das Licht, gewinnen wir so den Eindruck der
rhythmischen Überwindung der Schwerkraft. Damit werden im Kirchenbau
des 13. Jahrhundert wesentliche Elemente vorweggenommen, die entschei-
dend sind für die mathematische Fundierung der neuzeitlichen Entwicklung:
die Erfindung der Logarithmen um 1600 und die Selbstähnlichkeit fraktaler
Strukturen in der Geometrie des 20. Jahrhunderts.

Mit der Kathedrale eröffneten sich völlig neue Welten der visuellen Wahr-
nehmung. Damit in engstem Zusammenhang steht die Wiederentdeckung
der Perspektive im 14. Jahrhundert. Aber auch das ist schon wieder eine Art
von Überlagerung durch die herkömmliche, nämlich die euklidische Welt-
betrachtung. Der räumliche Eindruck verflacht zum Tableau und der Bet-
rachter eines zentralperspektivisch konstruierten Bildes wird auf einen
Standpunkt festgelegt, nämlich den des Malers.

Es dauert rund fünfhundert Jahre, bis sich die Geometrie aus dieser subjek-
tiven Sicht des absoluten Raums, über einige Zwischenstationen im 17.
Jahrhundert wie Kepler, Pascal und Desargues, zur frei beweglichen Meta-
morphose in der sogenannten synthetischen oder projektiven Geometrie
befreit hat. Allein, der Begriff „Geometrie“ suggeriert immer noch eine
Bindung an den äußeren Raum, die Erdmessung (auch wenn Platon diese
Zuordnung schon als lächerlich bezeichnet hat). Ich nenne diese strenge
Kunst Radiografie. Sie erlaubt es, analog zur rein zeichenhaften Algebra,
komplexe Verschränkungen buchstäblich grenzenlos zu visualisieren. Wäh-
rend es in er euklidischen Geometrie letztlich nur Punkte und Kreise gibt,
ist die Radiografie eine Kunst der Strahlen (Strahl = radius) und kann daher
(rein theoretisch) ausschließlich mit dem Lineal ausgeführt werden. Wir
haben es also buchstäblich mit einer strahlenden Weltgestaltung zu tun.

Für die Praxis mit ihrer Bindung an den beschränkten dreidimensionalen


Raum ist dann allerdings der Zirkel doch hilfreich. Ganz besonders gilt das
für die Konstruktion von Spiegelungen am Kreis. Diese Konstruktion ist
insofern von außerordentlicher Bedeutung, weil wir über sie, als Gegen-
stück zum Mittelpunkt, einen Begriff vom Urkreis und dessen Punkte im

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Unendlichen gewinnen. Der Urkreis ist es, aus dem ein jegliches Dasein
letztlich seine Existenz bezieht.

Bereits Kepler hat im Zug seiner Untersuchungen zur Optik klar erkannt,
daß sich Welt, d.h. eine jegliche Gestalt, immer aus zwei strahlenden Mit-
telpunkten formt. Energetisch ist das der keimende Kern einerseits und die
Sonne als Strahlenzentrum andererseits. In der Radiografie entsprechen
diesen beiden Punkten die Brennpunkte der Kegelschnitte. Erst das wech-
selweise Aufeinanderbezogensein zweier Punkte führt zur freien Ausbil-
dung der immanenten Form in der Metamorphose. Die Strahlen bilden als
Tangenten die Hüllkurve der aufstrebenden Gestalt. Wir haben hier das
exakte Gegenstück zu Lichtenbergs Begriffen der Transzendenz und
Retroszendenz. Arthur Zajonc formuliert es so: „Zwei Lichter erhellen un-
sere Welt. Sonne und Augenlicht. Nur dank ihrer Verschwisterung sehen
wir: Fehlt eines, sind wir blind.“

Wie in jedem anderen Wesen, liegt auch im Menschen das, was ich den
aufnahmefähigen Kristallisationspunkt nenne. Diesen aufzufinden und sich
hineinzustellen, dieses Zentrum selbst zu sein, das ist der Weg zum strah-
lenden Menschen, zum menschlichen Diamant. Solange wir mit unseren
Film- und Fotoapparaten nicht über die Ablichtung der äußeren Welt und
damit über die Zentralperspektive hinaus gelangen, bleiben wir Gefangene
des euklidischen Raumes. Der nur einseitig strahlende Augpunkt der Per-
spektive führt ins Maßlose, so wie das ebene rechtwinklige Koordinatensys-
tem zur Erstarrung führt.

Das sichtbare Licht war eine, wenn nicht die treibende Kraft in der Ent-
wicklung der Physik des 20. Jahrhunderts. Einstein sagte: „Den Rest mei-
nes Lebens werde ich darüber nachdenken, was Licht ist!“ Es ist wün-
schenswert, daß es uns gelingt, den Gesichtspunkt so zu verändern, daß wir
auch das innere Licht in den Blick bekommen. Es ist offensichtlich nicht
ausreichend, immer nur das Richtige festzustellen. Vielmehr sind wir darauf
angewiesen, wieder wahr-zu-nehmen, wenn wir uns nicht vor lauter Recht
verirren wollen, um dann schließlich in völliger Verwirrung zu enden.

II wahrnehmen

Euklidische Geometrie und logisches Denken in Begriffen (von be-greifen)


haben zu einer Bevorzugung und letztlich zur ausschließlichen Ansehung
des Materials geführt. Was nicht begreifbar ist, existiert nicht. Die Unter-

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scheidung von Form und Gestalt entfällt ebenso, wie die zwischen Vernunft
und Verstand. Das gilt insbesondere für die englische und französische
Sprache. Die Sprache bestimmt aber unsere Art und Weise des Denkens,
und in Folge dann auch des Handelns.
Raum wurde, und wird oft genug immer noch, als Innenraum verstanden
und Form als das Gehäuse, das uns daran hindert diesen Raum zu verlassen.
Form wird als Be-schränkung verstanden, das gilt auch für gesellschaftliche
Formen. So sind die Nachkommenden immer und immer wieder bestrebt,
die aktuellen Formen aufzulösen, zu zerschlagen, so daß an ihrer Stelle
etwas Neues entstehen kann. Das Ergebnis sind dann aber meist nur wieder
neue, größere Räume mit noch unüberwindlicheren Beschränkungen.

Form ist aber nicht die äußere, beschränkende Gestalt. Form ist die Kraft
der Ver-schränkung, die immer schon vorhandene integrierende Kraft, die
die verschiedenen Elemente zu einer inneren Einheit zu verbinden vermag.
Erst wenn uns das wieder bewußt wird, werden wir uns nicht länger nach
Sisyphus-Manier damit abmühen, konkrete, materialisierte Gestaltungen
kaputt zu machen. Wir werden die Dinge aus ihrer Mitte, aus ihrem eigenen
Kraftzentrum, aus ihren konstituierenden Verhältnissen heraus anschauen
und dann mit leichter Hand, nämlich durch eine veränderte Wahrneh-
mungsweise, verändern können.
Form ist Kraft und zugleich Bedingung für unendlich viele Möglichkeiten.
Ganzheitlich wahrnehmen meint, die Formen wahrnehmen. Wenn wir das
gestaltende Kraftzentrum, die Form einer Gestalt ausfindig gemacht haben,
können wir den gesamten Komplex einer Gestalt auf einmal erfassen - ob in
seiner räumlichen Ausdehnung oder in seiner zeitlichen Entwicklung.
Richard Buckminster Fuller sah seine Aufgabe darin, das Unsichtbare sicht-
bar zu machen. Damit meint er eben die Form, die unbeirrbaren und
zugleich unsichtbaren Verhältnisse, die eine Gestalt in all ihren Erscheinun-
gen bestimmen. Es kommt nicht darauf an, das Gewordene zu sehen, son-
dern vor allem das Werdende zu durchschauen.

Eine Gestalt auf einmal in all ihren Metamorphosen zu schauen, indem wir
ihrer wesentlichen Form gewahr werden, das ist ganzheitliches Wahrneh-
men. Lynkeus, der luchsäugige Türmer bringt es zum Ausdruck im Türmer-
lied in Goethes Faust: „Zum Sehen geboren, zum schauen bestellt“. Auch
Ralph Waldo Emerson hat erkannt, daß uns die Dinge erst dann durchsich-
tig werden, wenn die Achse des Sehens mit der Achse der Dinge zusam-
menfällt.

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Die Entwicklung einer beweglichen, spielerischen Wahrnehmung kommt
der Ausbildung einer neuen Organs gleich. Es ist sicherlich eine der drän-
gendsten Aufgaben, unser Empfinden für die feinen verborgenen Kräfte
auszubilden und einzuüben. Das Wort „Ästhetik“ meint genau das: Empfin-
dungsvermögen. Friedrich Schiller hat dieses zentrale Problem der Mensch-
heit in unserer Übergangsphase erkannt und sich in den Briefen „Über die
ästhetische Erziehung des Menschen“ der Sache angenommen. Dabei ging
er allerdings von einem Schönheitsideal aus, das noch jeglicher mathemati-
schen Fundierung entbehrt. Damit hängt aber alles Reden über Ästhetik
ebenso in der Luft, wie vergleichbare Reden über die Ethik. Wie gesagt:
Natur hat nur eine Fakultät und ist Geist und Physik gleichermaßen.

Sechs Jahre nachdem Schiller in Jena seine Briefe zur Ästhetik veröffent-
licht hat, erschien in Göttingen die Arbeit des 24-jährigen Carl Friedrich
Gauß zur Theorie der Kreisteilung. Zahl und Figur wurden hier im rhyth-
misch geteilten Kreis wieder eine Einheit. Die Zahl, in der Formel zum
wesenlosen Rechenschemen verflüchtigt, erhielt durch Gauß als rhyth-
misch-zyklische Zahlgestalt ihre Qualität und damit ihre Würde zurück. In
dieser Qualität gründet die Kraft der ausgezeichneten Verhältnisse. Hierin
hat die für Einstein unbegreifliche Begreifbarkeit der Welt ihre Ursache.
Ästhetisches empfinden, d.h. Gestalterkennen ist nicht denkbar ohne Reso-
nanz mit Protozahlen. Es sind die Primzahlen, die Harmonikalen und die
eminenten Zahlen, die vermitteln zwischen Idee und Gestalt.

Das gilt ganz offenbar für die Gestalt von Melodien, in der musikalischen
Wahrnehmung haben wir eine gewisse Übung. Diese Welt des Hörens steht
aber im offensichtlichen Widerspruch zur Welt des Sehens, wie sie durch
die euklidische Geometrie vermittelt wird. Dabei liegt die Diskrepanz kei-
neswegs daran, daß das Auge etwa linear und das Ohr logarithmisch organi-
siert wäre. Wie schon früher erwähnt, sind alle unsere Sinne auf eine loga-
rithmische Wahrnehmung ausgelegt. Als schöpferische Menschen, die heute
technisch zu beinahe allem und jedem in der Lage sind, ist es unumgäng-
lich, daß wir uns eine der Wirklichkeit entsprechende Sicht auf die Welt
aneignen. Es kommt also darauf an, eine der auditiven Wahrnehmungsweise
entsprechende visuelle Wahrnehmung zu entwickeln. Die auditive Wahr-
nehmung speist sich aus der Harmonielehre und deren mathematische
Grundlage ist identisch mit den Grundlagen der Radiografie. Mit ihrer Hilfe
sollte es gelingen, die räumlich gestaltete Welt in eine strahlende Welt zu
verwandeln, bevor sie als verstrahlte Welt dem völligen Zerfall anheimfällt.

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III erkennen

Das neue symbolische Vermögen der neuzeitlichen Mathematik hat aus


dem Geschöpf Mensch das schöpferische Wesen Mensch gemacht. Keine
Sekunde haben wir gezögert, dieser Fähigkeit Taten folgen zu lassen, ganz
im Sinne Fausts: „Dieser Erdenkreis gewährt noch Raum zu großen Taten.“
Der Dichter des „Faust“, Goethe, gibt aber an anderer Stelle, nämlich in
„Wilhelm Meisters Lehrjahren“, zu bedenken: „Es sind nur wenige, die den
Sinn haben und zugleich zur Tat fähig sind.“
Überall begegnet der Mensch nur noch sich selbst, in Form seiner Taten.
Man unterscheidet den Handelnden vom Erkennenden, den Anwender und
Praktiker vom Theoretiker. Nur selten treffen wir auf den aus Erkenntnis
Handelnden. Es fehlt an der ursprünglichen Kraft zum Entwurf. In Anbe-
tracht der Unmenge an fragwürdigen Ergebnissen, wurde im 20. Jahrhun-
dert von verschiedenen Seiten die Forderung nach einer Theorie des Ent-
werfens erhoben. Immer steht dahinter die Vision einer humanen Technik.
Es war nicht ohne weiteres offensichtlich, daß es sich beim Entwurf, neben
Theorie und Praxis, um eine eigenständige Form des Erkennens handelt.
Damit ist aber eine Entwurfstheorie ein Widerspruch in sich, und es ist ja zu
einem nicht geringen Teil gerade die Theorie, im Sinn begrifflich-abstrakter
Logik, die den gelungenen Entwurf verhindert.

Auch hier stoßen wir wieder auf das Phänomen der Überlagerung an der
Schnittstelle zweier Bewußtseinsstufen. Auf der einen Seite die überkom-
mene, euklidisch-raumorientierte Wahrnehmungsweise, und andererseits
das neue symbolische Vermögen als Erkenntnisinstrument. Mathematische
Formeln sind höchstentwickelte symbolische Formen, abgeleitet aus der
Rationalität der sichtbaren und unsichtbaren Natur. Dieser verdanken sie
ihre Einfachheit und Klarheit. Rein formal eingesetzt, passiert es leicht, daß
die angestellten Berechnungen sozusagen über der Wirklichkeit schweben.
Das Denken verstrickt sich in die Klugheit des algebraischen Kalküls der
Möglichkeiten, meidet aber den Weg in die Auferstehung. Werner Heisen-
berg, der Atomphysiker, beschreibt die Situation folgendermaßen: „Die rein
mathematische Spekulation wird unfruchtbar, weil sie aus einem Spiel mit
der Fülle der möglichen Formen nicht mehr zurückfindet zu den ganz weni-
gen Formen, nach denen die Natur wirklich gebildet ist.“

Einer der Gründe dafür, daß wir uns bis heute aus der Überlagerung nicht
befreit haben, scheint mir darin zu liegen, daß sich die überwältigende
Mehrheit sowohl der Erkennenden wie der Handelnden bis heute über das
Wesen symbolischer Formen nicht im Klaren ist. Das Symbol, verstanden

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als Element einer frühen Bewußtseinsstufe, wird nicht als eine Form unter
anderen erkannt. Es mangelt an der Einsicht, daß jede symbolische Form
ein legitimes Instrument der Erkenntnis ist. In jeder dieser Formen manifes-
tiert sich eine andre Schicht der Übereinstimmung oder Resonanz zwischen
dem Seienden und unserer Fähigkeit zur Erkenntnis. Im Anfang des 20.
Jahrhunderts haben sowohl Charles Sanders Peirce als auch Ernst Cassirer
fundierte Studien zu diesem Thema veröffentlicht.

Der Mensch ist nicht nur ein schöpferisches Wesen, er ist auch ein geistiges
Wesen, das irdische Erfahrungen macht. Was aber bedeutet „geistig“? Die
Geistigkeit des Menschen leitet sich ab aus seiner Fähigkeit zur Unterschei-
dung und damit zum erkennen von Ordnung bzw. Ordnungen. Mathesis ist
der unmittelbare Ausfluß dieses Erkenntnisvermögens. Max Bense sagt
deshalb völlig zurecht: „Die Zahl ist die eigentliche Signatur des Geisti-
gen.“ und „Erst durch die Mathematik erfährt der Mensch, was Geist ist.“
Erst mit der Anbindung an die Zahl gelangen wir wieder in die Kraft des
ursprünglichen und zugleich schöpferischen Entwurfs. Das gilt vor allem
für die natürlichen Logarithmen zur Basis „e“. Diese Zahl wird allerdings
von nicht Wenigen als mehr oder weniger willkürliche Gegebenheit ange-
sehen, die man gerne und achtlos verwendet. Der Vorrang der Algebra
bleibt ungebrochen und erfährt im kybernetischen Zeitalter noch nachhalti-
ge Unterstützung.

Was wir brauchen ist also keine Theorie des Entwurfs, wohl aber eine dem
Herstellungsvermögen entsprechendes Wahrnehmungsvermögen. Aus bei-
den kann sich dann ein Bewußtsein entwickeln, das dem neuen symboli-
schen Vermögen, verstanden als Erkenntnispotential, angemessen ist. Nur
wenn wahrnehmen und erkennen im Gleichgewicht sind, denken und fühlen
sich auf einer Ebene verschränken, kann sich das Potential des neu gewon-
nenen Vermögens zum Segen für das Leben entfalten.

IV gestalten

Das neue symbolische Vermögen hat uns zur Maßlosigkeit verführt. Sym-
bole sind zu säkularen Hülsen geworden, die man scheinbar nach Belieben
in Dienst nehmen kann. Gestaltung wurde zum beliebigen Design. Wir
werden allerdings mehr und mehr gewahr, daß in der grenzenlosen Masse
jegliche Form verfehlt wird. Wir merken, daß das, was wir da tun, nicht
echt ist, daß wir uns mit dem Massenhaften selbst an der Wahr-nehmung
hindern. Titus Burckhardt: „Was die Wahrheit auf der gedanklichen Ebene,

- 97 -
ist Form auf der sinnlichen. Keine geistige Schau deshalb ohne entspre-
chende Formgebung: fehlt Erkenntnis, wird Form verfehlt, und zeitlos Gül-
tiges bleibt unsichtbar.“

„Design“ hat mit unterscheiden und ordnen zu tun. „designieren“ ist ab-
grenzen oder herausheben aus dem Meer der Möglichkeiten, die ja mit der
„ars combinatoria“ auch mathematisch gegeben sind. In der künstlerischen
Gestaltung wird der immer wieder in Erscheinung getretene Konflikt, näm-
lich der Versuch, sich aus der Überlagerung durch alte Wahrnehmungs- und
Empfindungsmuster zu befreien, mit dem klarsten Bewußtsein ausgetragen.

Eine Reihe von Ausdrucksformen ist entstanden und entsteht weiterhin, das
Publikum betrachtet es verständnislos oder aber mit theoretischer Expertise.
Oftmals ist die Verbindung zur Wirklichkeit entweder schlicht nicht gege-
ben oder aber das anstehende Problem ist nicht oder nur unzulänglich ge-
meistert. Eine absolute Ausnahmestellung nehmen die Arbeiten von Maurits
Cornelius Escher ein. Mit mathematischer Präzision schuf er seine „unmög-
lichen Welten“ und wie kein anderer vermochte er es, mit seinen Werken
unsere scheinbar selbstverständliche Sicht der Welt in Frage zu stellen.

Eine ganz andere Kategorie sogenannter Kunst ist die Flucht in eine kreati-
ve Beliebigkeit oder in phantastische Simulationen. Dabei bedient man sich
modernster elektronischer Mittel, um auf hochtechnologische Art der über-
kommenen Wahrnehmung des Gewordenen und in einem endlosen Bewe-
gungstaumel einer rein funktional verstandenen Zeit zu huldigen. Es ist klar,
daß die meßbare Verfallszeit und der vermessene Weltraum des Geworde-
nen kein Kriterium sein kann, für wirklichkeitsgemäße Gestaltung. Dazu
bedarf es der Hinwendung zur rhythmisch-schöpferischen Zeit des Werden-
den, um so neue Reiche schöpferischen Gestaltens zu eröffnen.

Zu den einflußreichsten Schulen moderner Gestaltung gehört das „Bauhaus“


in der ersten Häfte des 20. Jahrhunderts und nach 1950 die „Ulmer Hoch-
schule für Gestaltung“. Einer ihrer Direktoren, Max Bill, sagte über die von
ihm mitbegründete konkrete Kunst: „das ziel der konkreten kunst ist es,
gegenstände für den geistigen gebrauch zu entwickeln, ähnlich wie der
mensch sich gegenstände schafft für den materiellen gebrauch. konkrete
kunst ist in ihrer letzten konsequenz der reine ausdruck von harmonischem
maß und gesetz.“

Ein anderer Schweizer, der Architekturhistoriker Siegfried Giedion, hebt die


großartigen Entwürfe von Architekten hervor, die den „kosmischen Kontakt

- 98 -
mit den Elementen der Natur und der Vergangenheit“, also den Kontakt mit
dem Leben wiedergefunden haben. Namentlich erwähnt er unter anderen
auch den Architekten der Oper von Sydney, Jorn Utzon. Am Beispiel dieses
Bauwerks zeigt Giedion auf, daß auch bei diesem Bauwerk, wie bei allen
gelungenen Entwürfen, der alles integrierende Dreh- und Angelpunkt, der
als formales Zentrum die gesamte Konstruktion wie in einem Brennpunkt
versammelt, daß dieser Kristallisationspunkt unsichtbar ist und buchstäblich
nur re-konstruiert, rückwärts konstruiert werden kann.

1967 zeichnete Richard Buckminster Fuller verantwortlich für den US-


Ausstellungspavillon in Montreal, einer riesigen Kugel, ein sogenannter
Fuller-Dome. Fuller ist auch der Namenspatron für die schon erwähnten
Fullerene oder Buckyballs, den zeitweiligen Stars der Molekularchemiker
im ausgehenden 20. Jahrhundert. Diese haben eine dritte, auf der Erde bis-
her nicht natürlich vorkommende Kohlenstoffkonfiguration designt, die
landläufig auch unter dem Namen Fußballkohlenstoffe bekannt sind.

Ebenfalls ein deutliches Zeichen neuen Gestaltungsbewußtseins setzt der


Architekt Frei Otto mit seinen Zeltdachkonstruktionen, deren bedeutendste
wohl bis heute das Münchner Olympiadach sein dürfte. Um die Wende ins
3. Jahrtausend hinterläßt der spanische Architekt Santiago Calatrava seine
Spuren. Die Brückenkonstruktionen von Calatrava sind legendär und man-
che von ihnen scheinen direkt aus einem Lehrbuch der Radiografie ent-
nommen zu sein.

Es ist bezeichnend, daß alle genannten Projekte nach 1962, dem Eintritt in
das Wassermannzeitalter, entstanden sind. Die frühen kleineren Zeltkon-
struktionen Frei Ottos wurden von 1955 bis 1963 realisiert. Sein „Institut
für leichte Flächentragwerke“ war Impulsgeber für alle nachfolgenden „na-
türlichen“ Konstruktionen, wo sich archaische Konstruktionsprinzipien,
High-Tec-Materialien und modernste Produktionsmethoden auf das glück-
lichste verbinden. Inwieweit man dabei in Bezug auf letztere beiden über
das Ziel hinausschießt, bleibt noch abzuwarten. Aber mit einer Naturwis-
senschaft, die dem Geist der Logarithmen und damit auch der neuen Geo-
metrie gerecht wird, sollte es möglich sein, auch diese Bereiche aus dem
Stadium hemmungs- und rücksichtsloser Experimentierfreude in das Fließ-
gleichgewicht organisch-harmonischer Berechnung zu überführen. Noch
sind wir, und zwar weltweit, in der Phase, in der gilt, was Giedion 1964
schrieb: „Nichts scheint heute schwerer, als den einfachen Bedürfnissen des
Lebens Achtung zu verschaffen.“

- 99 -
V Physik des Werdens

„physis“ bedeutet im Griechischen ursprünglich das (natürliche) Wachstum.


Jedes Wachstum geht entsprechend der individuellen Information nach
immanenten Maßen vonstatten. Heutige Physik ist eine Theorie des Mes-
sens. Das „Maß“ ist dann ein Element der Mess-Operation und nicht etwa
eine immanente Bestimmung des Phänomens, das gemessen werden soll.
Wir können Georg Picht getrost zustimmen, wenn er behauptet: „Das Mes-
sen überwuchert die Erkenntnis der Maße.“

Spätestens seit Planck beobachten wir eine fundamentale Wandlung der


Pysik. Einstein sprach davon, daß die klassische Physik eine Theorie der
Objekte sei, wohingegen die Quantenphysik auf eine Theorie der Beziehun-
gen hinausläuft. Daran können wir sehen wie sich ein Vorgang, der sich
bereits früher im Übergang von Descartes zu Leibniz in der Mathematik
abgespielt hat, in den Naturwissenschaften wiederholt. Wie die Algebra
eine Mathematik der Möglich- und Wahrscheinlichkeiten begründet, so
kann man auch die Quantenphysik als eine Physik der Wahrscheinlichkeiten
bezeichnen.

Es ist bemerkenswert, daß die mathematische Grundlegung der neuen Phy-


sik hervorgegangen ist aus der Durchdringung der Radiogafie mit den Mit-
teln der höheren Algebra. Berühmt geworden ist im Anfang der Quanten-
physik die Heisenbergsche Matrizenmechanik, ein rein algebraisches Kon-
strukt. Alfred North Whitehead faßt die Situation jener Zeit so zusammen:
„Die moderne Physik hat den Standpunkt der eindeutigen Lokalisierbarkeit
aufgegeben. Man muß sich die physischen Dinge vielmehr als Modifikatio-
nen eines Feldes vorstellen, das sich über die Gesamtheit von Raum und
Zeit erstreckt. Das Ding widersetzt sich hartnäckig dem Versuch, es als ein
rein gegenwärtiges Faktum aufzufassen. Es repräsentiert vielmehr einen
momentanen vorübergehenden Erregungszustand, besteht aus einer be-
stimmten Koordination von Raum- und Zeitabschnitten. Damit sind wir
aber zu einer Grundposition von Platon zurückgekehrt.“

Die Quantenphysik als eine rein theoretische Physik läuft nun im Schlepp-
tau der Algebra Gefahr, sich ebenso wie diese in einer geistreichen mathe-
matischen Symbolik zu verlieren, und in Form einer gigantischen Tautolo-
gie immer wieder nur ihre eignen Modelle zu bestätigen, die sie zwischen-
zeitlich immer wieder einmal mit der Wirklichkeit verwechselt. In dieser
Physik ist weit und breit nicht zu erkennen, daß man auch nur die Spur einer
Ahnung davon hat, was „Maß“ eigentlich bedeutet. Dabei ist es eine alte

- 100 -
Weisheit, daß nichts Bestand hat, was sich nicht innerhalb seiner spezifi-
schen Maße hält. (Und hier ist natürlich das individuelle Maß der jeweiligen
Form gemeint.) Für Richard Feynman, einem der führenden Quantenphysi-
ker Mitte des 20. Jahrhunderts, ist Geometrie ein Buch mit sieben Siegeln
und er kokettiert mit seinem Unverständnis für Kegelschnitteigenschaften.
Er spricht in einer Vorlesung von einem elementaren geometrischen Beweis
Keplers und sagt dann: „’Elementar’ bedeutet, daß zum Verständnis sehr
wenig Vorwissen nötig ist, aber unendlich viel Intelligenz. Man braucht
kein Wissen, aber Intelligenz, um einen elementaren Beweis zu verstehen.“
Das ist ein Schlaglicht auf die Situation in den modernen Naturwissenschaf-
ten um 1960.

Mit der „Global Scaling“-Theorie von Hartmut Müller hat die Physik An-
fang der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts dann einen Schritt vollzogen, der
im Dreischritt vom Primitiven über das Komplizierte zum Einfachen den
dritten Schritt markieren dürfte. Mit „Global Scaling“ ist die Physik dort
angekommen, wo die Mathematik Mitte des 19. Jahrhunderts angekommen
war: bei der Radiografie.

Obwohl der Logarithmus in der Physik seit ihren Anfängen unverzichtbar


war - zunächst als Vereinfachung von komplizierten Rechnungen, dann aber
auch, ebenso wie hyperbolische Relationen, in allen möglichen Formeln
auftauchte - war er doch nie als Ausdruck der fundamentalen Tatsache er-
kannt worden, daß sich sämtliche relevanten Relationen im logarithmischen
Raum abspielen und über den Logarithmus in den physischen Raum proji-
ziert werden. D.h. jede Formel, in der mit einem Logarithmus operiert wird,
verknüpft den logarithmischen mit dem physikalischen Raum. Ähnliches
geschieht, wenn wir mit imaginären Einheiten operieren und unterschiedli-
che Dimensionen bzw. Ordnungsgefüge ineinander verschränken.

In „Global Scaling“ ist der Logarithmus fest im Grundansatz des Modells


verankert. Dieses Modell postuliert eine globale stehende Welle des Vaku-
ums auf der logarithmischen Geraden. Die Verteilung der für die klassische
Physik konstitutiven Materie auf der Zahlengerade der linearen Welt in der
3. Dimension ist dann eine Projektion entsprechend der Rhythmen, die sich
durch die Resonanzen kleinster Verhältnisse auf der logarithmischen Gera-
den ergeben. Dabei fungiert das Proton als Eichmaß und Physik ist nichts
weiter als geeichte Mathematik.

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Rhythmus spielt seit Urzeiten in allen Kulturen eine zentrale Rolle. Mein
Rhythmus ist das Maß meiner Existenz. Tagore, vom indischen Subkonti-
nent, wußte: „Der Rhythmus verleiht den Dingen, die ohne Halt und eigene
Bedeutung sind, Wirklichkeit.“ und der Afrikaner Leopold Senghor aus
dem Senegal schreibt: "Der Rhythmus ist die Architektur des Seins, ist die
innere Dynamik, die ihm Form gibt, ist das Wellensystem, welches das Sein
dem Anderen entgegensendet, ist der eine Ausdruck der Lebenskraft."
Neben dem Rhythmus ist auch das Oktavintervall, die Verdoppelung auf
der logarithmischen Geraden, als Resonanzphänomen in den elementaren
Ordnungsgefügen gegenwärtig. Sei es in der Musik, im Periodensystem der
Elemente, in der Doppelhelix der DNS oder im Farbenspektrum des Regen-
bogens. Übersetzt in den euklidischen Raum erfassen wir dieses Muster
abstrakt als Quadrat, z.B. im Schachbrett als Plan für das königliche Spiel
des Lebens oder aber auch in der Figur des Achtecks als Doppelquadrat.

So gesehen ist die neue Physik nicht neu. Das bestätigen auch Messungen
an den Pyramiden. Sie ist aber neu sowohl in Bezug auf die klassische Phy-
sik der Dinge und insofern, als uns mit dem Logarithmus ein zuverlässiges
Werkzeug für präzise Berechnungen zur Verfügung steht. Wie wir gesehen
haben ist aber auch der Logarithmus nichts ohne die Basis und hier, den
Ordner der Ordner, die Zahl „e“. Diese verdankt sich als bewährtes Maß
gleichermaßen der Analytik wie der Algebra bzw. dem funktionalen Den-
ken ebenso wie der rein relationalen, zeichengebundenen Logik.

Nach diesem Streifzug können wir auch unsere Tetraktys der Bewußt-
seinsstufen zur Pentaktys erweitern. Hierin ist der Fixpunkt in der Mitte zur
Fläche erweitert, die mit der jeweils zugehörigen Peripherie die zyklische
Bewegung von der Wahrnehmung über die Erkenntnis zur Gestaltung re-
flektiert. Die Eckpunkte werden gebildet durch: den Funktionsaspekt zur
Wahrnehmung der metamorphen Veränderungen, die Proportion als Sensor
der Erkenntnis und den Tensor als Kalkül zur optimalen Gestaltung.

- 103 -
Yanlorum und Gizdelspil
- Freiheit und Form -

Nachdem die Menschen über Jahrtausende um ihre Wurzeln in der geistigen


Welt wußten und sich auf Erden als dankbare Gäste verstanden, ging dieses
Bewußtsein nach und nach verloren. Heute sind wir dabei dieses Bewußt-
sein auf einer geläuterten Stufe wieder zu gewinnen. Wir verfügen über das
neue symbolische Vermögen, sind schöpferisch geworden. Aber es fehlt am
entsprechenden Bewußtsein. Was hindert uns bisher daran, uns gemäß die-
ser neuen Möglichkeiten wahrhaftig zu verwirklichen? Wie kann es gelin-
gen, den Schwerpunkt unserer Existenz vom Kampf ums Überleben auf das
wahrhaftige Werk zu verlagern? Ist das, was wir wollen, wirklich unser
ureigenster Wille? Ist es nicht doch der Wille eines anderen, der uns einre-
det, dies oder jenes zu wollen? Sind wir tatsächlich frei in unserem Willen?

Wir haben eingangs gesehen, wie sich zu Zeiten der Renaissance das Ich-
Ideal entwickelt. Ein gesundes Selbstbewußtsein hat sich im Zug der Tech-
nisierung zunehmend in pure Selbstgefälligkeit, in einen nur am Äußerli-
chen orientierten Egoismus verwandelt. Das Urvertrauen in die eigene Mit-
te, das uns wirkliche Freiheit gewähren könnte, haben wir einer äußeren
Mobilität geopfert. Der Effekt der Überlagerung durch das überkommene
Bewußtsein ist übermächtig. Angebunden an den materiellen Wohlstand,
sind wir nur noch damit beschäftigt, den unaufhaltsamen Verfall des Ge-
wordenen auf hohem Niveau zu organisieren. Wir nennen das Ökonomie.

Wir haben das Ich gewonnen, aber das Maß verloren. „In unserer Kultur ist
es zu einer Radikalisierung des Ich-Ideals gekommen.“ schreibt Erich Neu-
mann. Unser Verstand hat die Götter und Dämonen zwar gebannt und ge-
fesselt, aber wir haben es versäumt sie zu verwandeln. Wir verweigern den
frühen symbolischen Formen, den tieferen Schichten unserer Seele, die
Anerkennung, wollen sie nicht als das sehen, was sie sind und kommen mit
unseren dürren Begriffen nicht über eine abstrakte Analyse hinaus. Und so
kehren diese Bewußtseinsgötter zur Zeit der Götterdämmerung unverwan-
delt und mächtig zurück. Wer vermag es dann, unvorbereitet wie wir sind
und nur dem Verstand verpflichtet, sich ihnen zu entziehen?

Das Geheimnis des Werdens, des Lebens ist uns fremd geworden. Wir ha-
ben das schöpferische Potential und zugleich Angst vor dem Neuen. Wir
verschanzen uns hinter der vermeintlichen Sicherheit der Materie, identifi-
zieren uns mit dem Toten, Gewordenen und nicht mit dem Leben. Wir
fürchten uns vor der Freiheit und flüchten uns in unserer Angst davor, daß

- 104 -
wir diese Identität verlieren könnten, in defensive Institutionen. Sie sind die
Verteidigungsstellungen des herrschenden Bewußtseins. In diesen Wehr-
burgen verwandeln sich die vermeintlichen Freiheiten der Aufklärung mit
schlafwandlerischer Sicherheit in ihr Gegenteil. Noch immer bevorzugen
wir die menschengemachten äußeren Ordnungen, egal in welcher Verklei-
dung, als Ersatz für die nach wie vor unerkannte innere Ordnung, bevorzu-
gen wir das Korsett vor dem Skelett.

Wohl handhaben wir die neuen Mittel souverän – aber nur aus der Stellung
des gesicherten alten Bewußtseins. Wir haben kein Verhältnis zum Wesen
der Technik, weil wir größtenteils eben gar nicht wissen, was das Wesen der
Technik überhaupt ist. Bei jedem neuen Versagen berufen sich die Täter auf
ihre Unwissenheit („Das haben wir nicht voraussehen können!“) und die
geduldigen Opfer appellieren an ein ethisches Verhalten. Jeder weiß, daß
die daraufhin gegebenen Versprechen nicht mehr sind als Lippenbekennt-
nisse. So probieren wir also das Neue aus und beobachten die Wirkungen
aus der vermeintlich sicheren Distanz nach dem Motto: „Wasch mir den
Pelz, aber mach mich nicht naß.“ Der Ver-stand sucht den sicheren Stand,
ist nicht bereit sich dem Fluß des Lebens anzuvertrauen oder sich gar der
Vernunft unterzuordnen.

Bei aller Dynamik der Moderne haben wir noch nicht wieder den Sinn für
Bewegung. Allenfalls sind wir in einem Bewegungstaumel. Wir nehmen
weder die Dinge noch uns selbst in ihrer bzw. unserer Eigenbewegung
wahr. In der heutigen martialischen Technik manifestiert sich unsere Angst
vor dem Ende des alten und vor der Entfaltung eines neuen Bewußstseins
gleichermaßen. Auch wenn der Verstand immer und überall die erste Stelle
einnimmt, sind wir in Bezug auf das sinnlich Faßbare, das irdisch Gegebene
doch gefangen in einem rational überformten, uralten symbolisch-
dinglichen Denken. In Bezug auf unsere Vorstellungen von der Welt model-
lieren wir mit einem funktional-begrifflichen Denken ein fiktives Konti-
nuum und in Bezug auf unseren Gestaltungseifer simulieren wir phantasie-
volle Welten, ohne den Schatten eines Formbewußtseins zu haben. Aber
sowohl die Religionen mit ihren hierarchischen Gott- und Götterwelten, wie
das stumpfsinnige intelligenzfreie Kalkulieren beleidigen die Vernunft
gleichermaßen.

Die gesellschaftliche Organisation mit all ihren Institutionen ist eine einzige
Ausweichbewegung – wir versuchen, dem vermeintlich Irrationalen auszu-
weichen. Dabei ist das Zeitalter der Vernunft aufgebaut auf den von uns
bisher so genannten irrationalen Zahlen. Irrational daran ist aber einzig

- 105 -
unser Glaube, daß wir mit diesen Dezimalzahlen einen beliebigen Wert
exakt feststellen können. Tatsächlich ist es mit der Festigkeit nicht weit her.
Wir machen uns etwas vor und werden gerade dadurch unfrei. Der jeweils
letzte Stand wissenschaftlicher Modelle wird für die sichere Realität ausge-
geben. Auch wenn es nur eine statistische Sicherheit ist, wird jede Abwei-
chung vom Durchschnitt, d.h. also das tatsächliche Leben, in Frage gestellt.
Die Verunsicherung durch das Leben führt dazu, daß man sich als Mensch
den Institutionen, also selbsternannten Besserwissern, Experten,
Gut-achtern und anderen Richtern gegenüber, ständig rechtfertigen soll
(„Können Sie das beweisen?!“), ja man muß sich dafür entschuldigen, daß
man überhaupt lebt.

Der einzige, der uns daran hindert, mit dem neu erworbenen Wissen der
Neuzeit vernünftig umzugehen und die bürgerliche Gesellschaft als mensch-
liche Gemeinschaft zu organisieren, bin ich selbst mit meinem gewöhnli-
chen, geistlosen Egoismus ohne Vertrauen in die Gesetze des Universums.
Es gibt eine intelligente, smarte Jugend ohne Ahnung von Geist, verwirrt,
mißbraucht, verdummt. Gefühl, auch im Sinn der feinfühligen Wahrneh-
mung, wird als irrational abqualifiziert und zugleich wird es mit allen psy-
chologischen Tricks ausgebeutet. Mit dem Gefühl ist es wie mit der Frei-
heit: wo sie vorhanden sind, nimmt man sie als selbstverständlich. Wo sie
unterdrückt werden, wird dem Leben sein Impuls entzogen.

Was können wir in dieser Situation tun? Wie kommen wir aus unseren Ver-
teidigungsstellungen heraus, wie kommen wir zurück in den Fluß des Le-
bens? Hermann Hesse schrieb angesichts des Elends (wörtlich: Heimatlo-
sigkeit) nach dem ersten Weltkrieg: „... wir müssen vorn anfangen, beim
Bau der Persönlichkeit, ....“ In dem Mitte des 20. Jahrhunderts entdeckten
Thomas-Evangelium können wir lesen: „Die Pharisäer und Schriftgelehrten
haben die Schlüssel der Erkenntnis erhalten und sie versteckt. Selbst sind
sie nicht hineingegangen, aber sie ließen auch die, die hineingehen wollten,
nicht hinein. Wehe ihnen, den Pharisäern! Denn sie gleichen einem Hund,
der auf der Krippe bei den Rindern schläft. Weder er frißt, noch läßt er die
Rinder fressen.“ Ich denke, wir haben den Schlüssel mit den arationalen
Zahlen und ihren Rhythmen wiedergefunden. Es kommt nun darauf an,
diesen Schlüssel tatsächlich zu nutzen und den Hund bzw. die Hunde von
der Krippe jagen! Es liegt an uns, das Tor aufzuschließen und hinauszuge-
hen. Wir dürfen uns allerdings nicht fürchten vor dem Licht der Wahrheit
und müssen endlich den Mut zu wirklicher Verantwortung, nämlich der
Verantwortung für unser eigenes Leben aufbringen.

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Die Mitte finden, unsere Gabe für unsere ureigenste Aufgabe einsetzen, das
ist die Antwort an unser Selbst. Aus dieser Mitte erhält unser Leben seinen
Sinn und seine Bedeutung. Sie regieren das Leben, nicht Nützlichkeit und
Bequemlichkeit. Hierin liegt das, was uns zu freien Menschen macht. Damit
werden wir wahrhaft schöpferisch und bei schöpferischen Tätigkeiten ist es
unser Wille, er kommt aus uns selbst und macht die Tätigkeit zur Freude.

Wenn wir uns selbst und die Dinge nicht aus ihrer jeweiligen Mitte wahr-
nehmen, erfassen die Dinge uns in unserer Mitte. Vollgestopft mit Wissen
und bar jeglicher natürlicher Intelligenz, getrennt vom Leben, versteht sich
nichts mehr von selbst. Der Mensch in der technischen Zivilisation führt ein
Leben aus zweiter Hand. Kaum etwas geschieht mehr unmittelbar, alles ist
vermittelt, mediatisiert, für alles braucht es Experten und Leben erscheint
uns als eine komplizierte Angelegenheit. Ein zentrales Thema der Parzival-
Dichtung aus dem 13. Jahrhundert dreht sich darum, daß wir nach dem
(nicht mehr) Selbstverständlichen fragen, nach unserem Wert (= val) als
Teil (= part) des großen Ganzen. Als Teil bilden wir in unserer Gestalt eine
Einheit (1), beziehen aber unsere Identität (0), unser in-uns-selbst-sein,
unseren Mittelpunkt aus unserer Position in der komplexen Ordnung der
Verhältnisse des großen Ganzen (e). Der Seele des Menschen sind die
Formgesetze eingeschrieben, ja diese machen geradezu, das aus, was wir
die „Seele“ oder unser „Selbst“ nennen. Sie steuert die In-form-ation, be-
stimmt was in Form kommt, mit dem Kriterium der Resonanz filtert sie das
für sie richtige heraus. Aber umgekehrt kann das kleine Ich, die Einheit, das
größere Selbst nicht steuern.

Wir haben keine Wahl, der Symmetriebruch ist unumkehrbar. Die metaphy-
sischen Voraussetzungen unserer Existenz sind ins Unterbewußtsein abge-
sunken. Der Gott der Metaphysik, die Geister und Götter, allesamt Platzhal-
ter für unkontrollierbare Energien und damit für das Irrationale, sie alle sind
tot und wir haben dafür das mathematische Substrat. Wir verfügen über ein
neues symbolische Vermögen und die Erhaltung der Menschen wird davon
abhängen, ob wir fähig und bereit sind, die uns nicht verfügbare ewige Ord-
nung der Natur als unumstößliche Macht anzuerkennen.

Das jeweilige symbolische Vermögen bezeichnet den Horizont der Mög-


lichkeiten im Umgang mit Energie. Die unterschiedlichen symbolischen
Formen, darunter natürlich auch die Symbole im engeren Sinn, sind der
sicht- oder hörbare Ausdruck dieser Vermögen auf den verschiedenen Ebe-
nen des Bewußtseins. Eine dem Potential angemessene und optimale Um-
setzung der Möglichkeiten setzt aber ein entsprechendes Bewußtsein vor-

- 107 -
aus, ein Bewußtsein der Form. Georg Picht: „Die Macht des Geistes mani-
festiert sich in den Strukturen, nicht in den Inhalten.“ Für uns bedeutet das:
dasjenige, was es zu meistern gilt, nämlich der Komplex der Formen oder
Ordnungsgefüge, war immer schon da, ist uralt; neu sind die uns verfügba-
ren Möglichkeiten im Umgang mit diesen Energien, die letztendlich immer
Energien der Form sind. Es kommt also darauf an, den Sinn, eine Empfind-
lichkeit, für die Form entwickeln. Das aber ist das Projekt der ästhetischen
Erziehung.

Was den Menschen als geistiges Wesen ausmacht, das ist ja gerade seine
Aufmerksamkeit für Ordnung, für die Formen des Lebens. Der griechische
Name für die innere Ordnung des Kosmos ist Logos (und nicht etwa
„Wort“). In dem Moment, wo der Einzelne der universellen Sphäre des
Logos begegnet, erwacht er zur Wahrnehmung. „Wo sich das konstruktive
Verstandesdenken mit dem empfangenden Vernunftdenken paart, wird das
Denken schöpferisch.“ sagt Georg Kühlewind. Die Indianer ganz Amerikas
nennen das den weißen Weg: „Bring your mind home.“ (Tony Gwilliam)
Der Kondor der südamerikanischen Anden soll sich mit dem Adler der
nordamerikanischen Rocky Mountains versöhnen. „Den Verstand zur Ver-
nunft bringen“ hat also auch etwas mit Schönheit zu tun, mit empfinden,
d.h. mit Ästhetik. Für Schönheit als Argument haben wir spätestens jetzt ein
mathematisches Kriterium: Zahlverhältnisse sind ursächlich für das, was
uns gefällt, womit wir in Resonanz gehen. Die Resonanz ist es, die wir
spüren und es wird viel davon abhängen, dieses Gespür wieder bewußt zu
entwickeln. Dazu gehört auch die Intuition, das ver-nehmen (daher Ver-
nunft), hinhören auf das „Gedächtnis der Zukunft“, wie Sri Aurobindo es
nannte. Spätestens seit den Arbeiten von Kozyrev hat dieser Ausdruck auch
eine wissenschaftliche Grundlage.

Das besagte mathematische Substrat zur Erfassung des Logos war zunächst,
wie wir gesehen haben, das Maß. Daher erklärt Heraklit zu Beginn des
griechischen Zeitalters: „Diesen Kosmos hat weder einer der Götter noch
der Mensch hervorgebracht, sondern er war immer und ist und wird sein:
ewig lebendes Feuer, sich entzündend in Maßen und verlöschend in
Maßen.“ Nach dem neuerlichen Symmetriebruch der Neuzeit ist es der
Logarithmus. Eigentlich müßten wir schreiben: Logarhythmus, denn es ist
der Rhythmus, der sich in der Kettenbruchdarstellung offenbart und der den
Ordnungsgrad und die jeweilige Reichweite bestimmt. Die Komplexität
einer Struktur, die mathematische Entsprechung eines umfassenden Ord-
nungsgefüges, bemißt sich ihrerseits an der Vielzahl der immanenten
Gleichgewichtsverhältnisse, am Reichtum der immanenten Maße.

- 108 -
Ob Kettenbruch oder Primfaktoren, immer werden wir letztlich auf die
Ordnung der natürlichen Zahlen geführt, für C.G.Jung der „bewußtgewor-
dene Archetypus der Ordnung.“. Archetypen werden von der Tiefenpsycho-
logie als gleichbleibende und damit unveränderliche Strukturdispositionen
des Bewußtseins angesehen. Interessanterweise treten die natürlichen Zah-
len zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit Macht ins Rampenlicht der Physik
und geben der maßgeblichen Richtung des ganzen Jahrhunderts ihren Na-
men: der Quantenphysik. Energiemengen, also komplex verschränkte
Schwingungsknäuel, treten grundsätzlich immer nur als ganzzahlige Vielfa-
che des Planck’schen Wirkungsquantums in Erscheinung. Dieser Umstand
ist für den Aufbau der Atome, und damit der Materie insgesamt, grundle-
gend. Sowohl für den Lehrer einer Reihe von Quantenphysikern, Arnold
Sommerfeld, als auch für einen seiner bedeutendsten Schüler, Wolfgang
Pauli, sind die natürlichen Zahlen die letzten Strukturelemente des Seien-
den.

Das neue Bewußtsein ist so etwas wie ein neuer Aggregatzustand. Wir ha-
ben es bereits skizziert unter der Überschrift „Rösselsprung“. Weder gibt es
eine neue Zeit noch ein neues Denken. Vielmehr geht es darum, das Den-
ken, oder besser: die Gedanken, wieder in Fluß zu bringen. Der Physiker
David Bohm hat in diesem Zusammenhang den Begriff „Rheo-Modus“
vorgeschlagen. Nur Denken im Fluß, in Bewegung, in Schwingung, kann
mit anderen Gedanken in Resonanz gelangen und so auch in der bewußten
Ebene das erreichen, was die Natur ohnehin und seit Jahrtausenden erfolg-
reich praktiziert: Hyperkommunikation. Diese völlig andere Art des Aus-
tauschs macht auch das möglich, was wir Gruppenbewußtsein nennen kön-
nen. All das sind aber Phänomene, die sich im logarhythmischen Maßstab
abspielen.

Viele der Impulse, die den Weg zu dem neuen Bewußtsein geebnet haben,
kommen aus der Mitte Europas. Es ist deshalb nicht verwunderlich, daß
sich die großen äußeren Auseinandersetzungen der letzten fünfhundert Jah-
re, in Form von offenen, aber auch verdeckten Kriegen, ausgerechnet eben-
falls in dieser Region der Erde abgespielt haben. Das alte Bewußtsein, das
sich nach wie vor über ein äußerst effizientes Erziehungs-, Bildungs- und
Mediensystem tradiert, wehrt sich mit allen Mitteln gegen das Ende seiner
Vormachtstellung.

Die Träger dieser Tradition, die man mittlerweile als buchstäblich furchtba-
re Tradition bezeichnen muß, haben tausende Jahre Erfahrung innerhalb

- 109 -
ihres Horizontes, dem Horizont des verstandesmäßigen Denkens, dem Den-
ken in Begriffen. Aufrechterhalten und verteidigt wird diese Tradition, und
damit auch dieses Bewußtsein, aber nicht nur von ihren amtlichen Trägern,
sondern auch von ihren Gegnern. Der Versuch, die überkommenen Ord-
nungen mit ihren eignen Mitteln zu beseitigen ist deshalb sinnlos. Jeder
argumentative oder gewalttätige Angriff ist nicht nur vergeudete Energie,
dieser stärkt im Gegenteil die etablierte Struktur. Der Apparat ist darauf
bedacht, auch diese Energien gezielt in Vereinen und organisierten Gruppen
zu bündeln. Gestärkt wir das absterbende Bewußtsein natürlich erst recht,
wenn wir unsere Verantwortung an die Institutionen abgeben, indem wir
uns auf sie verlassen oder gar ausdrücklich nach ihnen verlangen.

Fragen wir uns also lieber: „wer bin ich wirklich?“, „was ist mir wirklich
wichtig?“ und konzentrieren unsere Energien auf die Be-antwortung dieser
Fragen. Indem wir auf diese Weise Ver-antwortung für uns Selbst über-
nehmen, wird das „alte“ Bewußtsein und werden mit ihm die herkömmli-
chen Institutionen von alleine in sich zusammenfallen und austrocknen.
Salopp formuliert geht es einfach nur darum, dem Apparat (und wir alle
sind der Apparat) den Stecker zu ziehen und damit den Saft abzustellen.
Das ist kein großartiger äußerlicher Akt. Das kann nur im Kopf, aber noch
mehr im Herzen eines jeden einzelnen geschehen.

Erst wenn wir „Form“ nicht mehr als Beschränkung, sondern als Bedingung
für Möglichkeiten begreifen und „Freiheit“ nicht mehr allein auf grenzenlo-
se Bewegungs- und Ausdrucksfreiheit reduzieren, sondern als Realisation
unserer ureigensten Aufgabe unter Nutzung der gesamten Vielfalt der For-
men erkennen, erst dann werden wir das süße Glück des Glückes genießen
können.

- 110 -
„Alle göttlichen Gesandten müssen Mathematiker seyn.“
- Novalis -

Es gab und gibt immer wieder Menschen, die als Gesandte aus dem Reich
des Geistes uns berichtet haben und von denen wir den Eindruck haben, daß
sie anderes oder mehr wissen als der Normalsterbliche. Diese Seelenfürsten
kennen das Gesetz und haben uns immer wieder Mitteilung davon gemacht
– nicht zuletzt auch mathematische. Aber wir haben es verlernt, auf die
Worte zu hören, sie zu ver-nehmen.

Die Ver-nunft ist uns abhanden gekommen. Wir sind heute Gesetzgeber auf
eigene Faust und bilden uns ein, mit unserem beschränkten Verstand und
unserem armselig gewordenen Wahrnehmungsvermögen die Welt und das
Sonnensystem nach unseren Vorstellungen beliebig umgestalten zu können.
Ich kann nicht behaupten, daß ich uns dabei auf einem erfolgversprechen-
den Weg sehe. Denjenigen, die mir nun fortschrittsgläubig vorhalten, ich sei
ein Pessimist, kann ich nur mit Hans Pestalozzi antworten: „Ich bin kein
Pessimist, aber Sie sind naiv!“

Ich lasse im folgenden eine Reihe von diesen Botschaftern zu Wort kom-
men. Mit dabei sind neben Dichtern und Naturphilosophen auch Naturwis-
senschaftler und Mathematiker. Diese mehr dichterische Form soll uns
dabei helfen, derlei Texte (z.B. auch alte Überlieferungen), vor dem neu
gewonnenen mathematischen Hintergrund durchaus vernünftig zu interpre-
tieren. Damit erscheint vieles, was bisher unwirklich, rätsel- oder märchen-
haft oder einfach nur unsinnig erschien, in einem anderen Licht.

Sri Aurobindo:

Das Leben, das ihr führt, verbirgt das Licht, das ihr seid!

Hinter einem jeden Ding im Leben steht ein Absolutes, nach welchem die-
ses Ding in seiner eigenen Weise sucht, alles Endliche bemüht sich darum,
ein Unendliches zum Ausdruck zu bringen, von dem es fühlt, daß es seine
eigentliche Wahrheit ist. Dem logischen Verstand gelingt es nur, mit dem
fertig zu werden, was festgelegt und endlich ist.

- 111 -
Gottfried Wilhelm Leibniz:

„Es wird eine Zeit kommen, wo


der hohe Wert einer heiligeren Philosophie von den zu sich
selbst zurückkehrenden Menschen wieder erkannt,
den mathematischen Studien dann eine Richtung gegeben werden,
o teils auf Schärfung eines in ernsterer Weise geübten Urteils,
o teils auf die anzustrebende Erkenntnis
des Wesens der Harmonie und
des Urbildes gleichsam der Schönheit;
· die Naturforschung von neuem
o der Verherrlichung des in der sichtbaren Welt uns das Abbild der
ideellen zeigenden Urhebers der Natur dienstbar sein werde,
endlich aber alle Studien wieder auf die Erlangung der Seligkeit gerichtet
sein würden.“

Heraklit:

Die Natur ist ihrem Wesen nach so beschaffen, daß die Masse der Men-
schen ihrem schreckenerregenden Anblick ausweichen und vor der Wahr-
heit des Logos eine Ausflucht in der Benebelung ihrer angemaßten "eigenen
Einsicht" suchen muß. Aber sie werden dafür mit ihrem Untergang bezah-
len.

Obwohl der Logos ein gemeinsamer ist, leben die Vielen, als hätten sie
eigene Einsicht.

Förderlich ist die Erkenntnis des eigenen Maßes; denn wer sein Maß nicht
erfüllt oder es überschreitet, kommt zu Fall.

Die Gleichgültigkeit gegenüber dem Sein lagert um den Planeten.

Unsichtbare Harmonie ist stärker als die sichtbare.

Erich Neumann: Der Mensch als "homo creator" ist das entscheidende
Anliegen unserer Zeit, deren Gesundung und Entwicklung davon abhängt,
ob der Einzelne sich wieder als schöpferisch, d.h. mit seinem Wesen und
dem Wesen der Welt verbunden, zu erfahren vermag.

- 112 -
Proklos:

Dies ist also die Mathematik,


die Wiedererinnerung an die unsichtbaren Formen der Seele;
und ihre Leistung, wie schon aus ihrem Namen hervorgeht, ist dies:
sie gibt ihren eigenen Erkenntnissen Leben,
sie weckt den Geist, reinigt den Verstand,
sie bringt die Ideen, welche wesenhaft in uns sind, ans Licht,
sie entfernt das Vergessen und die Unwissenheit,
welche uns durch die Geburt geworden sind,
sie löst uns von den Fesseln des Irrationalen, gemäß dem Gott,
der in Wahrheit der Wächter dieser Wissenschaft ist,
der die Geschenke des Geistes leuchten läßt,
der alles mit göttlichen Formen erfüllt
und die Seelen zum Geist bewegt
und sie wie aus einem tiefen Todesschlaf erweckt,
der sie durch die wissenschaftliche Arbeit zu sich selber
zurückwendet und durch Geburtshilfe zur Vollendung bringt,
und, indem er sie den klaren Geist finden läßt,
zum wahrhaft glückseligen Leben führt.

Für die Betrachtung der Natur leistet die Mathematik den größten Beitrag,
indem sie das wohlgeordnete Gefüge der Gedanken enthüllt, nach dem das
All gebildet ist ... und die einfachen Urelemente in ihrem ganzen harmoni-
schen und gleichmäßigen Aufbau darlegt, mit denen auch der ganze Him-
mel begründet wurde, indem er in seinen einzelnen Teilen die ihm zukom-
menden Formen annahm.

Novalis:

Das Leben der Götter ist Mathematik.


Alle göttlichen Gesandten müssen Mathematiker seyn.
Auf alles was der Mensch vornimmt, muß er seine
ungeteilte Aufmerksamkeit oder sein Ich richten.

- 113 -
Ralph Waldo Emerson:

Wird die Vernunft zu noch ernsterem Schauen angeregt, werden Formen


und Flächen transparent und können nicht mehr gesehen werden; Ursachen
und Geister werden durch sie geschaut. Dieses Erwachen der höheren Kräf-
te sind die höchsten Augenblicke des Lebens.

Andreas Speiser:

Gleichzeitig die Geometrie und die Zahlen anzurufen, ist nicht nur möglich,
sondern darin besteht ganz eigentlich der ganze Zweck unseres Lebens.

Geometrische Symmetrien sind die eigentlichen formbildenden Mächte.

Besud Erdini:

Reine Mathematik ist die Essenz der Natur. Ästhetik wird objektiv mathe-
matisch.

Nikolaus von Kues:

So schließe ich, das erste Exemplar der Dinge in der Seele des Schöpfers sei
die Zahl. Das zeigt die Ergötzung und die Schönheit, die allen Dingen in-
newohnt und die in der Proportion besteht, die Proportion wieder in der
Zahl; daher ist die Zahl der trefflichste Pfad, welcher zur Weisheit empor-
führt.

Ernst Buchholz:

Mathematik ist für Albrecht Dürer die Wissenschaft, die die Formen des
Geistes erforscht, ihren Zusammenhang sucht und die "Gesetze des Geistes"
als harmonische Symmetrien aufspürt.

Gaston Bachelard:

Selten sind diejenigen unter uns, denen das Leben das volle Maß seines
kosmischen Bezuges gegeben hat.

- 114 -
Hermann Weyl:

Hierauf beruht in erster Linie das Gefühl des Geheimnisvollen an der Zahl,
die Zahlenmagie: daß in der Zahlenreihe der Geist aus sich eine unendliche
Mannigfaltigkeit wohlcharakterisierter Sonderwesen erzeugt; nachfühlbar
auch für uns z.B. in dem undurchsichtigen Gesetz der Verteilung der Prim-
zahlen.

Man kann kaum die Tiefe der geometrischen Phantasie und Erfindungsgabe
überschätzen, die in diesen Mustern zutage tritt. Ihre Konstruktion ist weit
davon entfernt, mathematisch trivial zu sein. Die Kunst der Ornamentik
enthält implizite das älteste uns bekannte Stück höherer Mathematik.

Hugo Kükelhaus:

Das Ich kann sich durch keine andere Maßnahme befreien, als durch das,
was in dem Wort Maßnahme selbst beschlossen liegt. Masswerk und Ehr-
furcht vor dem Leben, Leben in Kristall, Pflanze, Tier, Metall und Stein,
das ist eines.

Agrippa von Nettesheim:

Alles von Anbeginn der Dinge erschaffene ist nach Zahlenverhältnissen


geformt, die als Vorbild in dem Geiste des Schöpfers lagen. Es wohnen
deshalb den Zahlen große und erhabene Kräfte inne.
Alles, was ist und wird, besteht durch bestimmte Zahlen und erhält von
ihnen seine Kraft.
Vor allem aber ist hier zu bemerken, daß die einfachen Zahlen die göttli-
chen Dinge bezeichnen.

Carl Gustav Carus:

Alles, was wir Naturgestalten nennen, nur sei: eine Gliederung des ewig
Werdenden nach den ewigen Gesetzen der Form und der Zahl; eine Gliede-
rung, welche sich nur dadurch überall von dem Gesetz an und für sich un-
terscheidet, daß sie nie ohne irgend eine leise Beimischung von etwas Irra-
tionalem sich verwirklicht.

- 115 -
Albertus Magnus :
Die formgebenden Kräfte,
welche aus den Lichtwelten des Urstandes und der
Intelligenzen unaufhörlich hineinfluten in die Materie,
existieren vollkommener im Urstand und in den
lichten Reihen der Intelligenzen als in der Materie.
Und nicht fluten sie formgestaltend in das Reich der Materie,
um ein materielles Dasein zu haben, während natürlich
die Materie sie herbeisehnt als ein Göttliches, Gutes.

So kann nicht gesagt werden,


daß jene formgestaltenden Kräfte,
die als kosmische bezeichnet werden,
herabfluten, um die Fülle ihres Quellenreichtums zu zeigen,
denn es entspricht nicht einer großartigen Fülle,
die Substanz in Minderwertigem aufzubrauchen.
Daher muß es schon so sein, daß sie herabfluten,
um irgendein göttliches Sein zu erschaffen
und göttliche Aufgaben zu vollbringen.

Das göttliche Sein und göttliche Aufgaben


können sie nur voll ausleben getrennt von der Materie,
und wir wissen, daß nur von der menschlichen Seele
diese Trennung vollzogen werden kann.
Und so ist es weltnotwendig, daß sie durch die von der Materie
erlösende Intelligenz zum göttlichen Sein zurückgeführt werden.

Ein solches Zurückführen zum Urstand


geschieht aber nicht durch die kosmische Intelligenz.
Denn jene Formen umfassende Intelligenz hält sich
rein übersinnlich in göttlichem Sein und Wirksamkeit.

Es muß also notwendigerweise geschehen


durch die Intelligenz des Menschen,
welcher dazu Kräfte und Organe besitzt,
daß er zurückempfange von der Materie aus
die Offenbarung der göttlichen Formen.

- 116 -
Dante Alighieri:

In falsche Einbildung hüllst du dich ein,


machst es dir selber schwer und kannst nicht sehn,
was du mit freiem Blick wohl sehen könntest:
du bist nicht mehr auf Erden, wie du glaubst.

Alle Dinge stehn einander zugeordnet: dies die Form,


durch die das Weltall seinem Schöpfer gleicht.
In ihr erkennen höhere Geschöpfe
die Spur der ewigen Kraft, des hohen Ziels,
wonach besagte Norm und Ordnung steht.

Unsinnige Verstrickung irdischer Sorgen,


wie mangelhaft eure Gedankenkünste,
daß ihr die Flügel kaum vom Boden hebt!

Die Menschen sollen nicht so sicher tun


im Urteil und den Hafer auf dem Acker
nicht schätzen wollen, ehe er gereift ist.

Die geheimnisvollen Dinge,


die hier sich als Erscheinende mit geben,
bleiben den Augen drunten so verborgen,
daß dort ihr Dasein ganz auf Glauben ruht.

Doch weil in euern Schulen bei den Menschen


gelehrt wird, daß die englische Natur
Verstand, Erinnerung und Willen habe,
sag ich noch mehr, auf daß du rein und schlicht
die Wahrheit schauest, die man dort verwirrt
in doppelsinniger Gelehrsamkeit.

Ein Zweifel kommt dir jetzt und macht dich still;


doch will ich dir den harten Knoten lösen,
in den dein klügelnd Denken dich verstrickt.

Doch weil in mir die Sehkraft sich verstärkte


durch Schaun, verwandelte für mich die eine
Erscheinung sich, da ich mich selbst veränderte.

- 117 -
Werner Heisenberg:

Die Vielfalt der Erscheinungen kann verstanden werden, weil ihr einheitli-
che Formprinzipien zugrunde liegen, die einer mathematischen Darstellung
zugänglich sind: Das ist das ganze Programm der Naturwissenschaft.

Die Wurzel der Erscheinungen ist das mathematische Gesetz, das funda-
mentale Symmetrieoperationen definiert und damit den Rahmen bestimmt,
in dem alles Geschehen stattfindet.

Hans Kayser:

Die harmonikale Ordnung des Universums ist eine Ordnung der Zahlen.

Regine Kather:

Die Erkenntnis des Schönen als Gestaltwahrnehmung beinhaltet auch die


Wahrnehmung der gestaltenden Kraft. Das Schöne sensibilisiert für die
verborgenen Seiten der Wirklichkeit, schult den Blick für die strukturverlei-
henden Kräfte.

Licht, Sinnbild zeitloser Gegenwärtigkeit und vollkommener Bewußtheit,


wird zum Mittler zwischen Stofflichem und Geistigem.

Plotin:

Die Idee tritt also hinzu; das was durch Zusammensetzung aus vielen Teilen
zu einer Einheit werden soll, das ordnet sie zusammen, bringt es in ein ein-
heitliches Gefüge und macht es mit sich eins und übereinstimmend.

V. Geilen:

Das Unendliche bedarf einer symbolischen Normierung, die untergründet


wird durch einen Zahlbegriff, der den entscheidenden Schritt von jeder
äußerlichen, starren, toten Zahlauffassung zu einer tieferen, freieren, leben-
digen Auffassung vom Wesen der Zahl als rhythmischen Pulsierens dar-
stellt, zu einer Zahlauffassung, die in dem Symbol der pulsierenden Welle
ihren naturgemäßen und zugleich vollkommensten anschaulichen Ausdruck
findet.

- 118 -
Diogenes:

Auf der Jagd nach Vergnügen um jeden Preis wird ihr Leben immer freud-
loser und mühsamer, und während sie glauben, für sich selbst vorzusorgen,
kommen sie vor lauter Sorge und Voraussicht erbärmlich um.

Goethe:

Selbst im Augenblicke greift es roh zu;


Faßt, was ihm begegnet, eignets an sich,
Wirft es weg, nicht sinnend, nicht bedenkend,
Wie mans bilden möge höhrem Nutzen.
Also schreiten sie mit Kinderleichtsinn
Und mit rohem Tasten in den Tag hin.
Möchten sie Vergangnes mehr beherzgen,
Gegenwärtges, formend, mehr sich eignen,
Wär es gut für alle; solches wünscht ich.

Was ist die Harmonie anders als die Regeln, und die Melodie anders als die
Ausübung. Die ganze Natur ist eine Melodie, in der eine tiefe Harmonie
verborgen ist.

Max Horkheimer:

Sich der Aufklärung und dem Fortschritt zu widersetzen durch Regression


auf primitive Stufen, mildert die permanente Krise nicht – im Gegenteil,
solche Auswege führen von historisch vernünftigen zu äußerst barbarischen
Formen gesellschaftlicher Herrschaft.

Ernst Jünger:

Wir sind dabei über die Linie zu gehen: mit dem Kopf sind wir teilweise
schon drüber.

Rolling Thunder:

Eines der wichtigsten Prinzipien ist, daß anderen nicht geschadet werden
darf. Weder kontrollieren noch manipulieren, nicht versuchen, fremde An-
gelegenheiten in die eigene Hand zu nehmen. Jedes Lebewesen hat das
Recht, sein eigenes Leben nach seinen eigenen Vorstellungen zu gestalten.

- 119 -
Jenseits der Zeit
- Auf der Spitze des Bewußtseins -

Es gibt keinen äußeren Maßstab für das Glück, für ein gelungenes Leben.
Der Maßstab liegt in mir und es gibt keine wichtigere und zugleich glück-
verheißendere Aufgabe, als diesen Maßstab zu finden und dann sein Leben
an diesem auszurichten. Wer sich ruhig auf die Spitze seines Bewußtseins
stellen und dabei sein Gleichgewicht halten kann, der ist glücklich. Das
wird dann gelingen, wenn wir in unserer Mitte sind und uns nichts aus der
Ruhe bringen kann. Das bedeutet keineswegs, daß jemand dabei nicht ein
äußerst bewegtes Leben führen kann – wenn es sein Muster ist und er dabei
in seiner Mitte ist – warum nicht?

Eines der besten Indizien dafür, daß jemand nicht in seiner Mitte ist, ent-
nehmen wir dem Satz: „Ich habe keine Zeit.“ Ein ägyptisches Sprichwort
sagt: „Alle haben Angst vor der Zeit – nur die Zeit hat Angst vor der Pyra-
mide!“ In der Tat scheint im heutigen Getriebe der Welt, Zeit das wichtigste
zu sein, was wir haben. Unser Leben erscheint uns als eine begrenzte Le-
bensspanne hin auf einen Endpunkt, den Tod, vor dem (fast) alle mehr oder
weniger Angst haben. Führen wir dann ein glückliches Leben, wenn wir in
dieser Zeitspanne möglichst viel erleben, sich möglichst viel ereignet? Das
Resultat ist: alle sind ständig unterwegs, gehetzt, und am Ende doch nicht
glücklich.

Ständig vergleichen wir uns mit den andern. Das ist aber eine der besten
Methoden, um unglücklich zu sein. Das beginnt in der Schule und setzt sich
nahtlos fort in den Werbebotschaften, die uns gewollt und ungewollt um-
spülen. So stehen wir fortwährend in der Gefahr, aus unserer Mitte ver-
drängt zu werden. Die Dinge bestimmen uns, wenn wir selbst nicht in unse-
rer Mitte sind und die Dinge nicht aus ihrer jeweiligen Mitte heraus wahr-
nehmen. Unser Tun ist dann fremdbestimmt, zweckorientiert. Wir handeln
nicht aus einem inneren Impuls, sondern um eines anderen Etwas willen,
um ein Ziel, einen Zweck zu erreichen. Schöpferisches Tun ist hingegen
selbstbestimmt, autonom. Das setzt voraus, daß wir uns selbst in unserer
Mitte gewahr werden und sagen können: Ich bin und ich bin mit meinem
Selbst identisch.

Hat Unglücklichsein tatsächlich etwas mit fehlender Zeit zu tun? Woher


kommt die Angst davor, keine Zeit zu haben. Warum wehren wir uns dage-
gen, daß andere über unsere Zeit bestimmen oder es auch nur versuchen?
Im Grunde ist es nicht ein Zeitmangel, sondern es ist das „außer sich sein“,

- 120 -
das „nicht in seiner Mitte sein“, das uns überhaupt erst das Zeitbewußtsein
vermittelt.

Unser Unterbewußtsein hat ein sehr gutes Gefühl dafür, wenn wir uns von
unserer Mitte weg bewegen oder jemand bzw. irgendetwas versucht, uns
aus unserer Mitte zu verdrängen. In dieser Situation entsteht das Gefühl von
der Zeit, die uns davon läuft. Es ist also in Wahrheit nicht die fehlende Zeit,
die uns ängstigt, sondern die Tatsache, daß wir nicht in unserer Mitte sind
und uns entweder immer weiter davon entfernen, oder aber nichts dazu tun,
um in unsere Mitte zu kommen. Das Leben verläuft auf einer Spiralbahn
und wenn jemand glaubt, er gehe an einer geraden Linie entlang, dann liegt
der Irrtum darin begründet, daß er zu weit vom Mittelpunkt entfernt ist.

Diesem Punkt, dem Mittelpunkt unseres Lebens, entsprechen mathematisch


die 1 (Einheit) und die 0 (Identität) auf unseren Zahlengeraden. Die Spitze
der Pyramide, des perfekten Kristalls, ist ein Symbol dieser Identität. Mit
der Pyramide verbinden sich nun unterschiedliche Vorstellungen.

Die Pyramide ist zum einen das Symbol der derzeitigen Organisationsform
unserer Gesellschaften. Ein starres institutionalisiertes Gehäuse, das vor
allem anderen bewirkt, daß wir nicht zu uns selbst, nicht in unsere Mitte
kommen und das uns damit auch daran hindert, glücklich zu sein. Die nur
unbewußt gewußte Mitte wird in die Spitze der Pyramide projiziert.

Es gibt aber auch die sinnlich erfahrbare Pyramide. Das ist diejenige, vor
der die Zeit – deren planetares Symbol der Saturn und deren Wochentag der
Samstag ist (Englisch: Saturday) – Angst hat. Die Zeit, wie wir sie kennen,
hört nämlich dann auf zu existieren, wenn sich die schwarze Kohle in den
glasklaren durchsichtigen Diamanten verwandelt, d.h.: wenn wir in unsere
Mitte kommen. Der Diamant kristallisiert bevorzugt in Oktaedern und
Rhombenzwölfflächnern. Die Spitzen dieser Kristallformen entsprechen
exakt den äußeren Formen der beiden kleineren Pyramiden auf dem Gizeh-
Plateau in Ägypten. Es geht also darum diese Pyramide in uns zu verwirkli-
chen.

Einer dritten Art von Pyramide begegnen wir in der Bedürfnispyramide von
Abraham Maslow, einem der Gründer der humanistischen Psychologie im
Jahr 1962. Wie alle Pyramiden mündet auch diese in einer Spitze und er-
fährt dadurch eine gewisse Abgeschlossenheit. Da die Spitze menschlicher
Bedürfnisse aber die Selbsterfüllung ist, mithin das Glück, möchte ich das
Bild dieser Pyramide der Bedürfnisse dahingehend modifizieren, daß sie

- 121 -
sich nach dem Durchgang durch die Spitze, das ist das Finden unserer Iden-
tität, zur Fülle der unendlichen Möglichkeiten wiederum öffnet und sich so
im Ganzen wieder mit den Grundbedürfnissen an der Basis der Pyramide
zusammenschließt.

An dieser Stelle sei an die Briefe Schillers zur Ästhetik erinnert: In seiner
Analyse über Formtrieb, Spiel und Schönheit kommt er zu dem Schluß, daß
der Mensch nur durch das Spiel, in dem die Zeit innerhalb des Zeitlichen
aufgehoben wird, aus dem Reich der Notwendigkeit - des Zeitlichen, in dem
der Sinnentrieb vorherrschend ist - in das Reich der Freiheit gelangen kann,
wo der Formtrieb der bestimmende ist. Auch Sokrates war schon der Mei-
nung, daß der Mensch nicht ernst sein solle, um sich danach im Spiel zu
erholen, sondern er solle spielen um dessentwillen, was das Ernsteste ist:
um der Götter und der Bildung willen.

- 122 -
D i e M as c h e
- Mitte und Rand -

Die Vorstellung vom „Reich der Notwendigkeit“, dem „Tal der Tränen“ in
dem jeder „sein Brot im Schweiße seines Angesichts erarbeiten“ muß, ist
ein fest verwurzeltes Bild des mentalen Zeitalters und aufs engste verknüpft
mit der Mißachtung der universalen Gesetze. Es ist Grundlage der herr-
schenden zentralistischen Politikvorstellungen und Machtgefüge. Mit dem
Verlust des Königswissens, dem Wissen von Strukturen, ging auch das
Wissen um die freien Formen der Energie verloren. Verknappung von Gü-
tern, hinterhältige Geldsysteme und Verfolgung freier Geister sind demnach
bis heute das zentrale Mittel für findige, aber keineswegs weise Menschen,
eine Hierarchie aufrechtzuerhalten, in der sämtliche Energien zur Spitze der
Pyramide gelenkt werden.

Indem sich die gesellschaftliche Pyramide als hierarchisch erstarrtes


Zwangsgebilde zum inneren Diamant in einem jeden Einzelnen verwandelt,
der ihm die erforderliche Integrationskraft verleiht, vollzieht sich auf der
strukturellen Ebene, im Bild gesprochen: in der Werkstatt der Weber, ein
epochaler Umbau hin zu einem elastischen Netzwerk autonomer Gemein-
schaften. In diesem globalen Ganzen ist jeder Einzelne, sowohl wie jede
Gemeinschaft, zugleich eine Masche im Netzwerk, als auch selbst ein kom-
plex vermaschtes Ganzes. Jeder kann mit Recht behaupten: Die Mitte ist da,
wo ich bin. Das gilt für jeden Punkt auf der Oberfläche einer Kugel. Das
Zentrum der Kugel bleibt davon unberührt. Gleichzeitig ist jeder Punkt auch
absolute Peripherie – eben in Bezug auf den Kugelmittelpunkt.

Der für alle anstehenden Änderungen maßgebliche Gedanke ist die Idee der
Dezentralisierung. Diese Idee wird durchdrungen vom Gedanken der Drei-
gliederung der Gesellschaft. Die dahinter liegende Vorstellung von der
Gesellschaft als ein dem menschlichen Körper analoges Wesen geht weit
zurück. Danach gliedert sich sowohl der Mensch wie die Gesellschaft in
drei autonome Einheiten, die synergetisch zusammenwirken. In der Gesell-
schaft unterscheiden wir demnach den Bereich des Haushaltens, also der
Wirtschaft, die Rechtssphäre, also die politische Organisation einschließlich
des Geldwesens (Geld stellt einen Rechtsanspruch dar) und den Bereich der
Kultur bzw. des Geistes, also der Bildung und der Kunst.

Wie im Bereich der Mathematik, so sind auch hier schwerwiegende Überla-


gerungen zu beobachten. Die Losung während der französischen Aufklä-
rung „liberté – egalité – fraternité“, ins deutsche übernommen als „Einig-

- 123 -
keit und Recht und Freiheit“ (man beachte die Umkehrung der Reihenfolge)
hat einen direkten Bezug zum Dreigliederungsgedanken. Die sinnvolle
Zuordnung der Brüderlichkeit zum Wirtschaftsleben, der Gleichheit zum
Rechtsleben und der Freiheit zum Geistesleben wurde und wird durch die
von Illuminaten kontrollierte Pyramidenspitze vertauscht. Daher gilt in allen
aufgeklärten und demokratischen Staaten: Freiheit des Kapitals im Wirt-
schaftsleben, Gleichheit des Denkens im Geistesleben und Brüderlichkeit
bei der Verteilung von Positionen in den politischen Hierarchien, also im
Rechtsleben.

Was können wir von diesen Ideen nach einer Bereinigung erwarten?

I Verantwortung - freie Energie -

Der Mensch ist ein auf Gemeinschaft angelegtes Wesen. Gleichermaßen


strebt er danach, sein Selbst möglichst unverfälscht zu verwirklichen. Wenn
wir davon ausgehen, daß er seine ihm gegebenen Gaben und damit seine
Aufgabe einmal erkannt hat, wird er also bestrebt sein, dieser bestmöglich
gerecht zu werden und so seinem Selbst Ausdruck verleihen. Dem steht
nicht entgegen, daß er sich mit Anderen gleicher Begabung zusammentut
und sie alle voneinander lernen.

Das, was heute noch ein Privileg verhältnismäßig Weniger ist, nämlich das
tun zu können, was man von innen heraus und gerne tut, das wird zum
Normalfall. Das Tun wird schöpferisch, die Menschen kommen in Reso-
nanz mit dem Leben und mit ihrem Selbst. Der Mensch, der in seiner Mitte
ist, kommt in Fluß und dieser öffnet Tore der Intuition, Energien fließen im
Übermaß. Wir sind nicht länger damit beschäftigt, das Gewordene in sei-
nem Verfall zu organisieren, mit hohem Aufwand eine sogenannte Ökono-
mie zu betreiben und bei sogenannten Arbeitgebern um, im Grunde wesens-
fremde, Arbeit anzustehen. Vielmehr wird es mit dem entsprechenden Be-
wußtsein gelingen, die überall verfügbaren freien Energien in den Aufbau
eigener und wahrhaftiger Schöpfungen zu leiten, die allen zugute kommen.

„Energie ist der meßbare Ausdruck der Revolte des Geistes gegen seine
Gefangenschaft im Stoff.“ (Anthony West) Wie wollen wir diese Revolte
des Geistes meistern, wenn wir kein Wissen vom Geist haben? Wir brau-
chen also wieder ein Bewußtsein von den Formen. Denn Energie schafft
sich Form (Viktor Schauberger) und Energie ist in Form (Leibniz). Energie
ist demnach nicht zuletzt ein Formproblem, hat zu tun mit In-form-ation
und damit mit Verhältnissen. Ohne eine Kenntnis der Gesetzmäßigkeiten

- 124 -
der Hierarchie der Verhältnisse und damit der Zahlen, über die uns diese
Hierarchie zugänglich ist, ist keine effektive Einkoppelung in den Strom der
Energien möglich.

Es geht nicht darum, Energien einzusperren, sondern ihren ewigen Fluß


weise zu lenken. Das bedarf der Ver-nunft, d.h. daß wir uns selbst dem
Strom anvertrauen, auf ihn hören, d.h. ihn ver-nehmen. Nur dann können
wir entsprechend antworten und damit Ver-antwort-ung übernehmen. Nie-
mand wird den Strom der freien Energie ohne das entsprechende Bewußt-
sein und nur mit dem reinen Verstand in Dienst nehmen können.

II Autonomie - regionale Vernetzung -

Bei allem Gemeinschaftssinn sind in einer räumlich begrenzten Welt Kon-


flikte nicht ausgeschlossen. Diese wurden in ferner Vergangenheit von
weisen Königen und Richtern geschlichtet. Seine Aufgabe war die Auf-
rechterhaltung von Gerechtigkeit, indem er im Komplex der Ansprüche
dafür sorgte, daß keiner aus seiner (ihm selbst unbekannten) Mitte verdrängt
wurde.
Im Ausgleich der praktischen Interessen in einem Netzwerk geht es nicht
länger um Appelle an die Moral, um ethische Normen und geheimnisvolle
letzte Instanzen, sondern um das Wissen von Strukturen. Strukturwissen ist
Königswissen. Religio ist im ursprünglichsten Sinn Rückbindung an die
Gesetze des Seins. In diesem Sinn ist Religion und Mythos eine unter ande-
ren symbolischen Formen. In allen bisherigen symbolischen Formen war
das Wissen um die Strukturen ein implizites, ein eingefaltetes Wissen. Das
war deswegen nicht weniger effizient, als das unsrige, aber es konnte nicht
ohne weiteres kommuniziert werden. Das ist der Grund für die lange Aus-
bildung von künftigen Schamanen, Priestern und Wissenschaftlern.

Heute ist dieses Königswissen, zumindest im Prinzip, allen verfügbar.


Struktur ist explizit geworden und über die Rhythmen der Zahlen zugäng-
lich. Es ist offensichtlich, daß sich ein hochkomplexes Netzwerk nicht mit
den Mitteln des althergebrachten Denkens in Hierarchien steuern läßt. Al-
lein schon der Begriff der Steuerung ist verräterisch. Das gilt auch für die
sogenannten selbststeuernden Systeme. Immer noch schwingt dabei die
Vorstellung von Objekten mit und der heimliche Wunsch, als Teil dem
ganzen die Richtung geben zu können. Aber das wird so lange nicht gelin-
gen bzw. in Katastrophen münden, wie wir uns nicht selbst auch hier in den
Fluß der Veränderung begeben.

- 125 -
Geld regiert die Welt. Regieren ist Steuern. Ist Geld also ein Mittel der
Selbststeuerung? So wie es derzeit organisiert ist, wohl kaum. Geld als
Abbild von Entropieströmen ist über den Zinsmechanismus derzeit in der
Lage, sich selbst zu vermehren. Hier liegt ein offensichtlicher Widerspruch
zu den Gesetzen des Seins vor. Wenn Geld auch in Zukunft als Ausgleichs-
symbol fungieren soll, dann muß dieser grundsätzliche Konstruktionsfehler
beseitigt werden. Wie das geschehen kann, wird bereits in den verschie-
densten Regionen der Welt in Form von Regionalgeld und mit Barter-
Systemen realisiert.

III Vernunft - ästhetische Erziehung -

Der Mensch ist nicht nur ein „homo oeconomicus“ und ein „zoon poli-
ticon“, sondern auch und vor allem ein „animal symbolicum“. Schon gleich
zu Beginn haben wir darauf aufmerksam gemacht, daß seine besondere
Fähigkeit zur erkennenden Wahrnehmung und zur kombinatorischen Ord-
nung ihm die Möglichkeit gibt, seine grundsätzliche Schwäche mangelnder
Spezialisierung in eine überragende Stärke zu verwandeln. So wird er zu-
nächst zum „homo faber“, der Werkzeuge planmäßig herstellt und einsetzt,
dann aber auch zum Verfasser von bedeutungsvollen Symbolen.

Kunst und Technik waren einst ungeschieden. Techné ist das Wissen vom
Gestalten, vom Hervorbringen. Wenn es also einen Grund gibt, daß sich die
Kunst verselbständigt hat, dann aufgrund der Verselbständigung der Zei-
chen. Die beschriebenen Überlagerungsprozesse greifen auch auf die Kunst
über: wie die „ars combinatoria“ alles möglich erscheinen läßt, so geraten
auch Künstler leicht in den Sog der Beliebigkeit.

Diese kommt auch zum Ausdruck in der Formel von der Zweckfreiheit der
Kunst. Das ist allerdings ein grobes Mißverständnis, wie das damit verbun-
dene Urteil der Nutzlosigkeit. Kunst verstanden einerseits als Verfeinerung
des symbolischen Vermögens und andererseits als schöpferische Selbstver-
wirklichung des Künstlers ist diejenige Tätigkeit, die letztlich über den
Fortbestand einer Kultur entscheidet. Alle Künste sind Methoden der Reini-
gung. Immer geht es darum seiner Aufgabe noch besser gerecht zu werden.
So wie die Glocke nur dann ganz rein klingt, wenn sie von jeglichem
Schmutz befreit ist, so hat auch jeder Mensch die Aufgabe selbst immer
klarer, heller und durchsichtiger zu werden. Die letzte Instanz als Maß für
mein Glück ist die Reinheit meiner Schwingung, d.h. ich bin im Einklang
mit meinem Selbst, eins und null werden identisch.

- 126 -
Im autonomen schöpferischen Tun zählt nur das hier und jetzt, bin ich aus-
serhalb der Zeit, wie das Kind in seinem Spiel. In diesem Zusammenhang
sei Friedrich Schillers berühmte Formulierung aus seinen Briefen „Über die
ästhetischen Erziehung des Menschen“ zitiert: „Der Mensch spielt nur, wo
er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz
Mensch, wo er spielt.“ Im Sinn der Verschränkung der drei Glieder im sozi-
alen Organismus ist jedermann zu jederzeit immer auch ein Künstler. Jeder
soll immer und überall seine Aufgabe so gut erledigen, wie es ihm möglich
ist. Ob nun Gärtner, Kaufmann, Heiler, Handwerker, Pfleger oder Ruten-
gänger – jede Handlung bezeugt auch eine innere Haltung zum Gesetz des
Seins und ist eine Übung zur Verfeinerung und Pflege des Wissens und
Könnens.

Die prinzipielle Unfertigkeit des Menschen bei der Geburt und als Merkmal
seiner Spezies, macht ihn einerseits empfänglich für Neues und die Fülle
der Möglichkeiten. Darin liegt andererseits aber auch die Gefahr der über-
mäßigen Manipulation durch Erziehung. Es liegt in der Verantwortung der
Erzieher und Lehrer, daß der Mensch, sein Leben lang immer erneut vor
Entscheidungen gestellt, die für ihn richtigen Entscheidungen fällt.

Eine der wichtigsten Entscheidungen, nämlich die für seinen Lehrer, wird
ihm heute durch ein institutionalisiertes Schulsystem abgenommen. Die
Entmündigung und Verschulung bringt das hervor, was das alte System
braucht: willenlose Zombies. Ivan Illich sagt daher: „Die Schule ist eine
Werbeagentur, die einen dahin bringt zu glauben, man brauche die Gesell-
schaft so, wie sie ist.“ Tatsächlich aber ist es Aufgabe einer Pflanzstätte, die
Schüler über das rein intellektuelle Wissen hinaus zu einem spirituellen
Leben zu befähigen. Ohne ein gültiges, verläßliches Eichmaß - und das
finden wir nur in uns selbst - ist alles Rechnen vielleicht richtig, aber nur in
den seltensten Fällen wahr. Der Schüler kann durchaus beurteilen, welches
der für ihn richtige Lehrer ist, nämlich der, der ihn darin unterstützt, seinen
Weg zu sich selbst, zu seiner Mitte zu finden. Woher er das weiß? – wenn
er nicht zuvor schon manipuliert wurde, ist das schlicht eine Frage der Re-
sonanz und davon verstehen Kinder bis zum siebten Lebensjahr heute noch
mehr als die meisten Erwachsenen.

- 127 -
Des Fadens Faden
- unsichtbare Mitte -

Die Neugierde des Menschen ist Chance und Gefahr gleichermaßen. Wenn
diese in reine Sensationslust umschlägt, d.h. die Befriedigung der Sinne,
womöglich bis zur Betäubung, kann von einem bewußten Sein nicht mehr
die Rede sein, und es ist ein leichtes, ihn völlig aus dem Bereich seiner
Mitte zu schubsen. Anhand des Dreigliederungsgedankens, im Zusammen-
hang mit dem Dezentralisierungsprinzip, haben wir uns ansatzweise Mög-
lichkeiten vergegenwärtigt, wie dieser institutionalisierten Entgeisterung der
Menschheit der Boden entzogen werden kann. Nun mag der eine oder ande-
re angesichts der unbestreitbaren Enttäuschungen, trotz aller Anstrengun-
gen, einigermaßen skeptisch sein, was die Erfolgschancen derartiger Um-
bauten betrifft. Diese Skepsis ist durchaus berechtigt.

Ich habe bereits am Anfang darauf hingewiesen, daß die Spinnstuben tiefer
liegen als die Webstuben. Die strukturellen Änderungen auf der Ebene der
Webstuben haben wir angedeutet. Was diese neuen Strukturen allerdings
nicht nur so kraftlos erscheinen läßt, sondern sie tatsächlich kraftlos macht,
ist die Tatsache, daß die neuen Stoffe immer noch mit dem alten Faden der
Metaphysik gewoben werden. Immer und überall ist noch die Rede von
Ethik und Logik und Recht und und und .... Das mangelnde Vokabular für
das Neue macht es schwer, aus dieser Verlegenheit herauszukommen. Das
ist aber keine Entschuldigung dafür, es nicht doch wenigstens zu versuchen.

Wir haben auf den vergangenen Seiten ausführlich auf den Kern der Neu-
zeit, nämlich die Mathematik, hingewiesen und sie als ein neues symboli-
sches Vermögen identifiziert, das in seinem Wesen bis heute überwiegend
nicht erkannt ist. Des Fadens Faden, der neu gesponnen wurde, ist ein quali-
tatives Verständnis für die Zahl und ihre Unterscheidung in Größen und
Verhältnisse. Erst wenn dieser Faden die Menschen durchzieht, werden wir
brauchbare neue Stoffe weben können. Und erst dann können die Schneider
auch neue ansprechende, zeitgemäße Kleider entwerfen.

Im Mittelpunkt des neuen symbolischen Vermögens stehen die Gesetze der


Form. Sie liefern den Bedingungsrahmen für die unerschöpfliche Fülle an
Möglichkeiten. Der unsichtbare Gott der Metaphysik ist tot, die Struktur ist
explizit geworden. Hinter all der Vielfalt, der äußerlichen Differenzierung,
erkennen wir nicht nur eine Ordnung - das wurde zu allen Zeiten gewußt -
wir können sie heute mathematisch, d.h. mit Zahlen und Formeln erfassen
und beschreiben. Das neue symbolische Vermögen markiert eine neue Stufe

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des Bewußtseins, das integrale Bewußtsein. Der Mensch ist selbst zum
Schöpfer geworden.

Allen Kulturen war die Pflege der jeweiligen symbolischen Form, und mag
sie uns noch so primitiv erscheinen, heilig. Sie garantiert den Bestand der
Kultur. Hieraus beziehen die Rituale ihre Bedeutung. Gleiches gilt für das
Tabu und entsprechende Sanktionen für Tabuverletzungen. Wenn wir glau-
ben, auf die Verfeinerung und Pflege unseres neu erworbenen Wissens
verzichten zu können, weil wir es in unserer Verblendung gar nicht erken-
nen und demnach nicht schätzen lernen, wird das, was einmal Kultur war,
zur bloßen Zivilisation herabsinken und in kurzer Zeit vergessen sein. Es
gibt daher keine wichtigere Aufgabe, als das tote Halbwissen in lebendige
Weisheit zu verwandeln.

Das Wissen um die Verhältnisse der Ordnungen, des Fadens Faden, ist
Grundlage von allen Dingen in der Natur. Nur wenn wir dieses Wissen auch
in allen unseren Handlungen und Schöpfungen berücksichtigen, wird das
verwirklicht, was Arnold Keyserling angekündigt hat: „Die Frucht des Le-
bensbaums tritt zu jener des Baums der Erkenntnis.“ Damit war der Satz
aber nicht zu Ende. Keyserling weist darauf hin, daß diese Vereinigung von
Kopf und Herz, von Verstand und Vernunft, nur denen gelingen kann, „die
den Mut zur inneren Wandlung besitzen.“

Tatsächlich brauchen wir nicht mehr, aber bessere Mathematik. Es geht


nicht um die Fülle und Vielfalt an Methoden und Formeln. Davon haben
wir, wie in allen anderen Fächern auch, mehr als genug. Die Verwirrung hat
Methode und ist nur geeignet, uns aus unserer Mitte zu verdrängen. Was wir
brauchen ist eine völlig andere Qualität und Herangehensweise.

Was die Inhalte angeht, so ist das Neue ja nicht sonderlich schwierig. Das
Haupthindernis besteht darin, den ganzen Schutt und die Schlacke zu ent-
fernen, mit der die Menschen von Kindesbeinen an überzogen werden.
Diese haftet an ihnen ihr Leben lang und hindert sie außerdem daran, Ande-
res an- und aufzunehmen.

Ich habe bereits auf die Bedeutung von Ritualen und Tabus hingewiesen
und reklamiere das auch für dieses symbolische Vermögen. Das bisherige
formale mathematische Wissen wird nur dann zur Weisheit von der Zahl
werden, wenn wir es verfeinern und pflegen. So wie der Gärtner die Erde
auflockert, damit der Regen zu den Wurzeln der Pflanzen eindringen kann
und die Pflanzen gedeihen können, bedarf es auch in Bezug auf das mathe-

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matische Wissen der geduldigen Übung. Dies umso mehr, als nicht wenige
Menschen sich nach der Schule mit gutem Grund von der Mathematik ab-
gewendet haben. Das bedeutet aber in letzter Konsequenz, daß sie sich von
der Grundlage des neuzeitlichen Lebens abgekoppelt haben. Das ist insofern
fatal, als es keinen Weg gibt, der hinter den Symmetriebruch zurückführt,
Gott ist tot! Darin liegt die von Erich Neuman angemahnte Gefahr, daß
nämlich die nicht ins Bewußtsein gebrachten Archetypen zu einer Bewußt-
seinsauflösung und Regression führen.

Strukturwissen ist Königswissen und es muß zur Verfügung stehen. Es


gehört nicht zu der Kategorie Wissen, dessen Halbwertzeit unter fünf Jahren
liegt. Dieses Wissen behält seine Gültigkeit über das Leben der Menschheit
hinaus. Dementsprechend wird es nicht vermittelt werden können, wie man
einen Maschinenkurs oder einen Kurs für ein neues Computerprogramm
absolviert. Zu Vermittlung und Pflege dieses Wissens, oder kurz: zur Kulti-
vierung dieser Weisheit, bedarf es keines großartigen materiellen Aufwan-
des, dafür sollten aber die energetischen Rahmenbedingungen sorgfältig
bedacht und erfühlt werden.

Es wäre wünschenswert, daß es, zumindest der Idee nach, mehr Stätten gibt,
wie das Mathematische Forschungsinstitut in Oberwolfach. Dieser inspirie-
rende Ort teilt leider das Schicksal so vieler Einrichtungen, die dem Geisti-
gen verpflichtet sind: es ist ein Elfenbeinturm. Diese Schwierigkeit beginnt
schon mit dem Erwachen des Geistigen überhaupt. „Solange der Geist in
der reglosen Welt seiner Hoffnungen schweigt, spiegelt und ordnet sich
alles zu jener Einheit, die sein Heimweh ersehnt. Bei seiner ersten Regung
aber wird diese Welt brüchig, sie stürzt ein, und wir haben es mit einer
Unzahl schillernder Bruchstücke zu tun.“ Diese Feststellung von Albert
Camus ist solange richtig, wie das Wissen um die unsichtbare Ordnung auf
Glauben und esoterische Erleuchtung gegründet ist. Das führt zur unseligen
Trennung von Himmel und Erde, dem Dualismus von Form und Inhalt usw.
Das sogenannte Geistige muß sich aufgrund des esoterischen Gebarens den
Vorwurf der Abgehobenheit gefallen lassen.

Das gilt auch für die als elitär geltende Ordensschule der Glasperlenspieler
in Waldzell in Hermann Hesses Roman „Das Glasperlenspiel“. Hesse sagt
darin sehr viel wahres über die Funktion solcher Pflegestätten des Geistes.
Er macht aber auch deutlich, wie leicht diese aufgrund der Abgehobenheit
und Isolation abgleiten in Sterilität, Unfruchtbarkeit und Dekadenz und so

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letztlich ihre eigentliche Funktion als Quell der kulturellen Erneuerung
verfehlen.

Der Geist tut sich schwer und zugleich öffnet er Tür und Tor für die Mani-
pulation derer, die sich ihm verweigern. „Der Mensch ist das einzige Ge-
schöpf, das sich weigert zu sein, was es ist.“ Auch dieser bestrickende Satz
von Camus gilt nur dann, wenn wir das eigentliche Wesen des Menschen
verkennen. Der Mensch ist ein geistiges Wesen, d.h. fähig zum erkennen
von Ordnung und sein Sensor dafür sind die Zahlen.

Diese Erkenntnis ist nicht grundsätzlich neu. Jedoch: „Mit dem Tod von
Pythagoras ging der großartige Schlüssel zur Zahlenweisheit verloren.“ Das
teilt uns Manley Hall mit. Spätestens seit Platon ist die Zahl nicht länger
etwas Göttliches, ein den Dingen immanentes Ordnungsprinzip. Sie ver-
flüchtigt sich zum einen zur transzendenten Idee eines abstrakten Ord-
nungsprinzips, zum andern degenerierte sie bei den Schülern von Aristote-
les zur bloßen Rechengröße. Platons Metaphysik der Transzendenz hat mit
der immanenten Ordnung der Ägypter, Orphiker und Pythagoräer nichts
mehr gemein. Die Mißachtung der Zahl als Qualität stand im Mittelpunkt
unserer Gedanken über das Glück des Glücks.

Heute ist der Schlüssel erneut in unseren Händen und wir sind wieder bei
der Unbestechlichkeit der Zahl angelangt. Die jahrtausende alte Diskrepanz
zwischen dem Geistigen und Sinnlichen sollte mit der erneuerten Zahlen-
weisheit überwunden werden. Integrales Bewußtsein wird dazu führen, daß
Kultur und Alltag wieder eine Einheit werden. Unser Tun wird geistig und
unser Geist wird unseren Handlungen immanent sein.

Es ist nicht zu erwarten, daß diese Situation von heute auf morgen eintritt.
Daher sind Pflanzstätten und Initiativen nötig, die diese neue alte Form
ausprobieren und einüben. Daß das keine Utopie ist, das zeigt die beeindru-
ckende und bewundernswürdige Sekem-Initiative des Ägypters Ibrahim
Abouleish.

Das Glück des Glücks steht uns allen offen. Auch wenn das Offenbare nicht
ohne weiteres offensichtlich ist, so ist es doch nicht länger in irgendeiner
Weise geheimnisvoll und es liegt an uns, es einfach zu erfassen. Mit dem
Mut zur inneren Wandlung ist es ein leichtes. In diesem Sinn wünsche ich
dir alles gute auf dem Weg zum Sad al suud, ins Glück des Glücks!

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Literatur
Adams, George: Strahlende Weltgestaltung
Agrippa von Nettesheim: De occulta philosophia
Anders, Günther: Die Antiquiertheit des Menschen
Arnheim, Rudolf: Anschauliches Denken
Bateson, Gregory: Ökologie des Geistes
Becker, Oskar: Grundlagen der Mathematik in geschichtlicher Entwicklung
Bense, Max: Ausgewählte Schriften in vier Bänden
Berner, Karl: Bunte Fenster
Bernhard, Arnold: Projektive Geometrie aus der Raumanschauung
Bindel, Ernst: Logarithmen für Jedermann
Bischof, Marco: Biophotonen
Bloch, Ernst: Prinzip Hoffnung
Blumenberg, Hans: Die Genesis der kopernikanischen Welt
Bohm, David: Die implizite Ordnung
Burckhardt, Martin: Metamorphosen von Raum und Zeit
Burckhardt, Titus: Spiegel der Weisheit
Camus, Albert: Der Mythos von Sisyphos
Der Mensch in der Revolte
Cassirer, Ernst: Philosophie der symbolischen Formen
Substanzbegriff und Funktionsbegriff
Freiheit und Form
Ceming, Katharina; Werlitz, Jürgen: Die verbotenen Evangelien
Chardin, Teilhard de: Der Mensch im Kosmos
Coats, Callum: Naturenergien verstehen und nutzen
Colerus, Egmont: Vom Einmaleins zum Integral
Cusanus s. Nikolaus von Kues
Devlin, Keith: Sternstunden der modernen Mathematik
Dürrenmatt, Friedrich: Philosophie und Naturwissenschaft
Edmondson, Amy C.: A Fuller Explanation
Emerson, Ralph Waldo: Natur
Ernst, Bruno: Der Zauberspiegel des M.C.Escher
Eschenbach, Wolfram von: Parzival
Euler, Leonard: Einleitung in die Analysis des Unendlichen
Feynman, Richard s. Goodstein

- 132 -
Fichte, Immanuel Hermann: Blütenlese aus seinen Werken (Ehret Hrsg.)
Fideler, David: Jesus Christ Sun of God
Fosar, Grazyna; Bludorf, Franz: Vernetzte Intelligenz
Foucault, Michel: Die Ordnung der Dinge
Franz, Marie-Louise von: Zahl und Zeit
Friedmann, Hermann: Die Welt der Formen
Fromm, Erich: Die Furcht vor der Freiheit
Fuller, Richard Buckminster s. Edmondson, Amy
Gebser, Jean: Gesamtausgabe in 8 Bänden
Gehlen, Arnold: Der Mensch Seine Natur und seine Stellung in der Welt
Giedion, Siegfried: Raum, Zeit, Architektur
Goethe, Johann Wolfgang von: Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahre
Faust-Dichtungen
Anschauendes Denken Schriften zur Naturwissenschaft
Goodstein, David & Judith: Feynmans verschollene Vorlesung
Gorsleben, Rudolf John: Hoch-Zeit der Menschheit
Govinda, Lama Anagarika: Die innere Struktur des I Ging
Greenspan, Nancy T.: Max Born Baumeister der Quantenwelt
Guthrie, Kenneth Sylvan: The Pythagorean Sourcebook and Library
Gwilliam, Tony: Bring your mind home
Hall, Manley: The secret teachings of all ages
Hartmann, Hans, Mislin, Hans: Die Spirale
Hasenclever, Richard: Die Grundzüge der esoterischen Harmonik
Hasselbach, Horst v.: Hyperpythagoräik in: Mensch u.Technik –naturgemäß
Heidegger, Martin: Die Technik und die Kehre
Heisenberg, Werner: Schritte über Grenzen
Helten, Leonhard: Mittelalterliches Maßwerk
Hesse, Hermann: Sämtliche Werke
Hunke, Sigrid: Europas eigene Religion
Ifrah, Georges: Universalgeschichte der Zahlen
Illich, Ivan: Entschulung der Gesellschaft
Kahn, Louis: Die Architektur und die Stille
Kayser, Hans: Der hörende Mensch
Kepler, Johannes: Weltharmonik
Keyserling, Arnold: Der neue Name Gottes

- 133 -
Kleist, Heinrich von: Werke in zwei Bänden
Kühlewind, Georg: Der sanfte Wille
Kükelhaus, Hugo: Urzahl und Gebärde
Lawlor, Robert: Sacred Geometry
Le Corbusier: Der Modulor
Lelord, Francois: Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück
Leroi-Gourhan, André: Hand und Wort
Lichtenberg, Georg Christoph: Aphorismen
Maack, Ferdinand: Die heilige Mathesis
Mahnke, Dietrich: Leibniz und Goethe
Mainzer, Klaus: Geschichte der Geometrie
Maor, Eli: Die Zahl e – Geschichte und Geschichten
Dem Unendlichen auf der Spur
Mayer-Kuckuk, Theo: Der gebrochene Spiegel
Meier, Anton C.:Emma Kunz
Mensching, Günther: Über d. gesellschaftlichen Ursprung des Individuums
Mirandolla, Giovanni Pico della: Die Würde des Menschen
Müller, Hartmut: Global Scaling in: raum&zeit special 1
Neumann, Erich: Der schöpferische Mensch
s. a. Walch, Gerhard
Nietzsche, Friedrich: Also sprach Zarathustra
Die fröhliche Wissenschaft
Nikolaus von Kues: Liber de mente
Novalis: Werke, Tagebücher und Briefe
Olivastro, Dominic: Das chinesische Dreieck
Peirce, Charles Sanders: Phänomen und Logik der Zeichen
Picht, Georg: Das richtige Maß finden
Glauben und Wissen
Naturwissenschaft und Bildung
Von der Zeit
Pietschmann, Herbert: Das Ende des naturwissenschaftlichen Zeitalters
Platon: Sämtliche Werke griechisch-deutsch
Pugh, Nirmal & Derek: Unveiling Creation
Rasmussen, Ernst: Die verborgene Seite der Zahlen in: raum & zeit # 141
Ricard, Matthieu: Das Licht Tibets
Rilke, Rainer Maria: Werke in drei Bänden

- 134 -
Rombach, Heinrich: Substanz System Struktur
Rüegg, Walter: Antike Geisteswelt
Schiller, Friedrich: Gedichte
Über die ästhetische Erziehung des Menschen
Schmieke, Marcus: Die Physik des Hyperraums in: raum & zeit # 152 / # 154
Schneider, Kurt: Der Polyederzyklus
Schneider, Reinhold: Macht und Gnade
Schuster, Peter-Klaus: Melencolia I Dürers Denkbild
Seife, Charles: Zwilling der Unendlichkeit
Senghor, Leopold Sedar: Negritude und Humanismus
Shankara: Das Kleinod der Unterscheidung
Shiv Charang Singh: Die Sprache der Zahlen in: Tattva viveka #28
Sloterdijk, Peter: Kritik der zynischen Vernunft
Speiser, Andreas: Die Theorie der Gruppen von endlicher Ordnung
Spengler, Oswald: Der Untergang des Abendlandes
Stein, Walter Johannes: Weltgeschichte im Lichte des heiligen Gral
Störig, Hans Joachim: Kleine Weltgeschichte der Philosophie
Stössel, Rudolf: Harmonikale Faszination
Strieder, Peter: Dürer
Tagore , Rabindranath: Persönlichkeit
Temple, Robert: Die Kristallsonne
Thimus, Albert von s. Hasenclever
Tolle, Eckhart: Eine neue Erde
Volkamer, Klaus: Feinstoffliche Erweiterung der Naturwissenschaften
Walch, Gerhard M.: Tiefenpsychologie und neue Ethik von Erich Neumann
Warnke, Ulrich: Diesseits und Jenseits der Raum-Zeit-Netze
Weber, Max: Die protestantische Ethik
Weizsäcker, Carl Friedrich von: Die Einheit der Natur
West, John Anthony: Serpent in the sky
Weyl, Hermann: Philosophie der Mathematik und Naturwissenschaft
Whitehead, Alfred North: Wissenschaft und moderne Welt
Wilhelm, Richard: I Ging
Winter, Dan: verschiedene Websites und Videomaterialien
Zajonc, Arthur: Die gemeinsame Geschichte von Licht und Bewußtsein

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