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Sonderdruck aus: M. A. Speidel, Heer und Herrschaft im Römischen Reich der Hohen Kaiserzeit, Stuttgart 2009, 19-51.

AUGUSTUSMILITÄRISCHE NEUORDNUNG UND IHR BEITRAG ZUM ERFOLG DES IMPERIUM ROMANUM

Zu Heer und Reichskonzept

Das Römische Weltreich wurde durch sein Wirken während der Jahrhunderte seines Bestehens sowie durch die in den darauf folgenden Jahrhunderten daran wach gehaltene Erinnerung zur zentralen Epoche der europäischen Geschichte. Wer nach den Gründen für diesen einzigartigen Erfolg sucht, wird meist auch an das römische Heer denken, denn das Imperium Romanum entstand als eine Folge der überlegenen militärischen Macht Roms. Viele Jahrhunderte lang hat man das Geheimnis dieses Erfolgs (genauso wie die Erklärung für den Untergang des Reiches) deshalb im Militärischen zu ergründen versucht, nicht zuletzt um daraus Lehren für die Gegenwart zu ziehen. 1 Besonders deutlich zeigt sich das etwa an der ausserordentlich grossen Zahl von mittelalterlichen Abschriften der Epitoma Rei Militaris des spätantiken Autors Publius Vegetius Renatus. 2 Aber selbst als das Interesse an diesem Werk im Laufe des 16. Jahrhunderts abnahm, hielt die Suche nach Nützlichem und auf moderne Armeen Anwendbarem in den Schriften der antiken Autoren bis weit ins 19. Jahrhundert an 3 und noch immer lässt sich eine weit verbreitete Bewunderung für die militärischen Leistungen der römischen Legionen feststellen. Der grosse militärische Erfolg der kaiserzeitlichen Truppen, die Ent- schlossenheit und Härte, mit der sie gegen Aufständische und äussere Feinde eingesetzt wurden, ihre Rolle in den Bürgerkriegen, aber auch einige zeitgenössische Beschreibungen des römischen Soldaten sowie die christliche Überlieferung haben bei vielen modernen Betrachtern aber auch Unbehagen und Zweifel über die Eigenschaften und die moralischen Werte dieses Heeres

Erstveröffentlichung.

1 Siehe nur Niccolò Machiavelli, L’arte della Guerra (1521). Zu jüngsten Versuchen, die Überlegenheit der römischen Truppen auf dem Schlachtfeld zu erklären, siehe etwa A. Goldsworthy, The Roman Army at War (1996). Ders. Roman Warfare (2005). J.E. Lendon, Soldiers and Ghosts (2005). Zur Schwierigkeit, aus der antiken Überlieferung «the face of battle» für römische Soldaten zu rekonstruieren siehe aber auch den Beitrag «Halbmond und Halbwahrheit».

2 N. Milner, Vegetius: Epitome of Military Science (1996 2 ) bes. XIIIff. M.B. Charles, Vegetius in Context (2007) mit E.L. Wheeler, BMCR 2008.06.42 jeweils mit weiterer Literatur. Zum Text: M.D. Reeves, Vegetius. Epitoma rei militaris (2004).

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geweckt. Nicht selten wurden in ihm deshalb die Merkmale einer Unter- drückungsmacht und einer fremden Besatzungsarmee erkannt. Insgesamt kann aber kaum ein Zweifel daran bestehen, dass der römische Soldat das heute allgemein verbreitete Bild vom Imperium Romanum stärker geprägt hat, als jede andere Bevölkerungsgruppe im Römischen Reich. Die Frage nach den Eigenschaften, dem Wesen und der Rolle des Römischen Heeres als Herrschafts- instrument und nach seinem Beitrag zum Erfolg des Imperium Romanum ist deshalb von grosser und allgemeiner historischer Bedeutung. Das römische Heer war – wie jede andere Armee auch – eine militärische Streitmacht, die dazu eingerichtet und unterhalten wurde, um der staatlichen Führung die Möglichkeit zu geben, ihren Willen einem Feind auch mit tödlicher Gewalt aufzuzwingen. Die jahrhundertelange militärische Überlegenheit der römischen Truppen war deshalb zweifellos eine grundlegende Voraussetzung für das lange Bestehen des Römischen Reiches. Doch der Alltag des kaiserzeitlichen Soldaten unterschied sich erheblich von demjenigen seines republikanischen Vorgängers, der das Reich im Auftrag des Senats und seiner führenden Familien im Wesentlichen erobert hatte, 4 denn nach der Regierungszeit des Augustus war das römische Heer zur Hauptsache mit der Bewahrung und der Beherrschung des Imperium Romanum beschäftigt. Erfolge auf dem Schlachtfeld waren deshalb keineswegs der einzige wesentliche Anteil, den das kaiserzeitliche Militär an der langen Lebensdauer und den besonderen Kennzeichen dieses Staates hatte. So prägte das kaiserzeitliche Heer neben seinem Wirken auf die Grenzen und die Grenzregionen des römischen Herrschaftsraumes das Imperium Romanum auch im Inneren auf vielfältige Weise – wenn auch lokal in höchst unterschiedlichem Ausmass. Veränderungen im Heer und Veränderungen im Reich standen dabei meist in engster Wechselwirkung. Das Heer der Kaiserzeit war gleichermassen Träger der römischen Weltmacht, bedeutende Kraft bei der Entwicklung der inneren Geschichte des Reiches, ein entscheidender Faktor bei der Ausprägung seiner staatlichen Strukturen und wichtigste Stütze der kaiserlichen Herrschaft. Der Wirkung dieses Heeres ist auch deshalb besondere Bedeutung beizumessen, weil es die einzige staatliche Organisation war, die in nennenswerter Zahl Vertreter der Zentralmacht in den Provinzen beschäftigte. Der Auftrag des Heeres und das Verhältnis der Soldaten und Offiziere zur zivilen Bevölkerung waren für die friedliche Entwicklung des Lebens im Römischen Reich somit von erheblicher Bedeutung. Die Anforderungen an das kaiserzeitliche Heer ergaben sich vor allem aus der politischen Ordnung des Reiches, dem gewaltigen Bestand des Imperium Romanum und dem Grad der militärischen Bedrohung. Als wichtigstes Instrument des römischen Herrschaftswillens und als Grundlage der kaiserlichen Macht sollte das Heer selbst beherrschbar bleiben. Dazu bedurfte es nicht nur der Loyalität

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zum Herrscher und einer klaren Befehlsstruktur sondern auch weiterer gemeinsamer Werte und Überzeugungen, die inneren Zusammenhalt und Identität schufen. Als schlagkräftige Reichsarmee und als Besatzungsheer, das es wenigstens zu Beginn der römischen Herrschaft in den Provinzen war, sollte es dafür sorgen, dass diese Gebiete nach ihrer Eroberung dauerhafte und friedliche Bestandteile des Reiches blieben. Es musste deshalb in der Lage sein, jederzeit inneren und äusseren Bedrohungen standzuhalten aber auch ausserhalb der Reichsgrenzen offensiv und erfolgreich Krieg zu führen, jedoch ohne dass die Soldaten an ihren Stationierungsorten selbst Anlass zum Ausbruch von Gewalt gaben. Sein Umfang, seine Zusammensetzung und seine Schlagkraft hatten deshalb sowohl der Grösse des Herrschaftsraums und den militärischen Erforder- nissen angepasst zu sein als auch der Verfügbarkeit geeigneter Freiwilliger und den finanziellen Möglichkeiten des Reiches. Der Alltag der kaiserzeitlichen Soldaten und Offiziere war aber noch durch viele weitere Aufgaben geprägt, die nicht zum eigentlichen Kriegsdienst zu zählen sind, denn die zahllosen Arbeitskräfte des Heeres sowie die dort verfügbare technische, bürokratische und juristische Kompetenz wurden häufig etwa für die Planung und Durchführung wichtiger infrastruktureller Arbeiten und Baumassnahmen oder für logistische, polizeiliche und richterliche Aufgaben herangezogen. Auch in der Provinzver- waltung waren regelmässig Soldaten beschäftigt. 5 Das Römische Reich war aber auch auf diese Dienste des Heeres angewiesen, denn es verfügte weder über staatliches Personal noch über zivile Einrichtungen, die solche Aufgaben anstelle der Soldaten und Offiziere hätten übernehmen können. Die Bedeutung der Armee für das kaiserzeitliche Imperium Romanum und ihr Beitrag zu seinem Erfolg lässt sich deshalb nur ermessen, wenn alle Anforderungen an das Heer und seine Angehörigen sowie die Auswirkungen ihres Handelns auf das Verhältnis zur Zivilbevölkerung berücksichtigt werden. Das Heer war kein willen- und seelenloses Instrument in der Hand der Kaiser. Tiberius’ berühmter Ausspruch, über das Römische Reich zu herrschen sei so schwierig wie einen Wolf bei den Ohren zu halten, trifft deshalb in besonderem Masse auf das Heer zu. 6 Die Motivation und die Gefolgschaft der Soldaten erforderten – wie bei jedem anderen Heer auch – das Vertrauen in ihre Führer, in deren Fähigkeiten, Fürsorge und Legitimität sowie in die Kameradschaft der Mitsoldaten, in den inneren Zusammenhalt der Einheiten und des gesamten

5 Schlagkraft und Effizienz als Mittel, die Grösse und damit die Kosten des Heeres zu be- schränken: Jos., BJ 3,10,2. Zu den Aufgaben ausserhalb des eigentlichen Kriegsdienstes siehe in diesem Band die Beiträge im Kapitel «II. Militärischer Alltag und Verwaltung» sowie: M. Horster, Bauinschriften römischer Kaiser (2001) bes. 168ff. B. Palme, in: A. Kolb (Hg.), Herrschaftsstrukturen und Herrschaftspraxis (2006) 299–328 jeweils mit weiterer Literatur.

6 Suet., Tib. 25,1. Vgl. 24,1. Dazu jetzt in diesem Sinne auch A.R. Birley, Making Emperors. Imperial Instrument or Independent Force? In: P. Erdkamp (Hg.), A Companion to the Roman Army (2007) 379–394, bes. 381.

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Heeres und schliesslich in die eigene Überlegenheit auf dem Schlachtfeld. Die Soldaten bedurften aber gleichermassen auch einer Überzeugung für die strategische Notwendigkeit und die moralische Rechtfertigung ihres Auftrags sowie eines ausreichenden Rückhalts in der Gesellschaft und in der öffentlichen Meinung. Das galt um so mehr, als die römischen Soldaten in ihrem Alltag, ihrem Handeln und in ihrem Verhalten natürlich auch durch zahlreiche kulturelle Werte und Traditionen sowie durch Denk- und Empfindungsweisen der zivilen Gesellschaft geprägt waren, aus der sie hervorgingen, und mit der sie auch während ihrer Dienstzeit in vielfältigem Austausch standen. 7 Augustus’ Herrschaft brachte bekanntlich eine neue politische Ordnung und eine erhebliche Vermehrung des Reichsbestands. Seine Umwandlung des republikanischen Milizheeres zur kaiserzeitlichen, stehenden Berufsarmee führte deshalb auch zu wesentlichen Veränderungen der militärischen Kultur im römischen Heer. Dazu hat zweifellos auch die Verlegung der Einheiten an zunehmend feste Stationierungsorte in den wichtigsten Grenzprovinzen beitragen, in denen die Soldaten während ihres meist weit über zwanzigjährigen Dienstes in dauerhaft errichteten Lagern eine neue Heimat fanden. Denn dies musste auch zu einer neuen Formulierung ihres Auftrags führen und damit bei Soldaten und Zivilisten neue Erwartungen an den Militärdienst wecken. Während die Heeresreformen des Augustus bisher vor allem im Hinblick auf ihre grosse politische Bedeutung und die strukturellen Veränderungen des Heeres hin untersucht wurden, wurde bisher kaum danach gefragt, welche Massnahmen seiner Neuordnung langfristig auf das Verhalten der Soldaten, auf ihre Einstellung zu ihrem Dienst und damit auf Raum und Bevölkerung als Wirkungsfeld des römischen militärischen Handelns wirkten und welchen Anteil dies schliesslich am ausserordentlichen Erfolg des römischen Heeres als Herrschaftsinstrument im kaiserzeitlichen Imperium Romanum hatte.

I. Die neue militärische Kultur des kaiserzeitlichen Heeres

Zur Zeit der Republik bestand die Rechtfertigung für das Bestehen eines römischen Heeres nur während der Dauer eines Krieges. Der römische Soldat der Republik wurde zum Militärdienst aufgerufen, um gegen einen zum Feind ausgerufenen Gegner Roms in den Krieg zu ziehen, an Schlachten und Be- lagerungen teilzunehmen, und um einen Sieg zu erringen und Beute zu gewinnen. Augustus hat mit dieser Tradition dauerhaft gebrochen. Er entliess das Heer selbst dann nicht, als er während seiner Alleinherrschaft dreimal verkündete, der Friede

7 Siehe dazu die Beiträge «Das römische Heer als Kulturträger», «Soldaten und Zivilisten im Römischen Reich» und «Dressed for the Occasion» sowie den wichtigen Beitrag von J.- M. Carrié, in: A. Giardina (Hg.), Der Mensch der römischen Antike (1991) 117–157.

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sei im gesamten römischen Herrschaftsbereich durch Siege hergestellt und die Tore des Janusbogens seien auf Senatsbeschluss geschlossen worden. 8 Das liess keinen Zweifel daran, dass das Heer zu einer dauerhaften Einrichtung geworden war. Für das Heer sowie für seine Rolle und seine Wirkung im Römischen Reich begann damit ein neues Zeitalter. Mit der Schaffung eines stehenden Heeres waren aber mehrere grosse Aufgaben verbunden, von deren Lösung die Zukunft von Augustus’ Herrschaft abhing und auf die er deshalb die entscheidenden Antworten finden musste. Bei keinem antiken Autor wird der gesamte Ablauf dieser Entwicklung im Zusammenhang und in seinen Einzelheiten berichtet. Dennoch steht es fest, dass Augustus die Umgestaltung des Heerwesens im Laufe seiner langen Regierungszeit – wie bei manch Anderem – nicht auf einen Schlag gelang, sondern erst in mehreren Schritten. Den Umbildungsprozess begann Augustus nach der Entscheidungsschlacht bei Actium: Es galt das Heer auf eine bezahlbare und dennoch ausreichende Grösse zu verkleinern, die Mittel, die für deren Unterhalt notwendig waren, dauerhaft zu sichern (was auch neue Strukturen des staatlichen Finanzwesens erforderte) 9 und die Truppen, die er zum überwiegenden Teil in die Grenz- provinzen verlegte, mit neuen Aufgaben zu beschäftigen. 10 Schliesslich mussten auch die Ergänzung (fortan in aller Regel durch Freiwillige) und die Entlassungen neu geregelt werden, was ebenfalls die Schaffung der dazu notwendigen Ver- waltungsstrukturen und -prozesse erforderte. 11 Diese von Augustus in den Jahren nach Actium getroffenen Massnahmen lassen erkennen, dass er und seine Berater sich schon damals erste grundlegende Gedanken zur neuen Rolle des römischen Heeres gemacht hatten. Das war jedenfalls auch die Überzeugung des Historikers und hochrangigen Senators Cassius Dio im frühen dritten Jahrhundert, der in seinem Geschichtswerk den Maecenas solche Gedanken in einer Rede mit Empfehlungen für Augustus zur Neuordnung des Reiches ausdrücken liess. 12 Der Wortlaut der Rede ist zweifellos von Dio erfunden, doch viele der darin angesprochenen grundsätzlichen Fragen stellten sich dem Sieger von Actium zweifellos schon zu jenem Zeitpunkt. Mit der

8 In den Jahren 29 v.Chr., 25/24 v.Chr. und wohl 7 v.Chr. RgdA 13. Suet., Aug. 22. Dio 53,27,1. R. Syme, History in Ovid (1978) 24ff. 170ff.

9 Zu den Auswirkungen des stehenden Heeres auf die Neuordnung des staatlichen Finanzwesens unter Augustus siehe den Beitrag «Geld und Macht».

10 Aus der umfangreichen Literatur siehe besonders W. Eck, Augustus und seine Zeit (1998) bes. 80ff. L. Keppie, The Making of the Roman Army (1998 2 ) 145ff. D. Kienast, Augustus. Prinzeps und Monarch (1999 3 ) 320ff. K.A. Raaflaub, in: W.S. Hanson / L.J.F. Keppie (Hg.), Roman Frontier Studies 1979 (1980) 1005ff. Ders., in G. Binder (Hg.), Saeculum Augustum I (1987) 246ff.

11 Siehe etwa G.R. Watson, in: Proceedings of the African Classical Association 16 (1982) 46ff. P. Brunt, in: Ders., Roman Imperial Themes (1990) 188ff. Carrié (Anm. 7) 124f. W. Eck, in:

Ders. / A. Eich (Hg.), Die römische kaiserzeitliche Armee und ihre Verwaltung (im Druck) sowie den Beitrag «Rekruten für ferne Provinzen».

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Einrichtung eines stehenden und überwiegend in den Grenzprovinzen stationierten Heeres verbunden waren auf Dauer auch die Anpassung der Versorgung und der Kommunikation an die geänderten Erfordernisse. 13 Die Befehlsstrukturen der Provinzarmeen unter Augustus bergen zwar im Einzelnen noch einige offene Fragen, doch durch seinen direkten Einfluss auf die Besetzung aller wichtigen Kommandostellen sicherte sich der Herrscher die Kontrolle über die Auswahl der senatorischen und ritterlichen Heeres- und Truppenbefehlshaber. 14 Selbst viele der Tribunen und nicht wenige Zenturionen verdankten ihm persönlich ihre Stellung beim Heer. Der Eid (sacramentum), den alle Soldaten auf ihn ablegten und jährlich erneuerten, seine Sorge um den besonders für die höheren Ränge sehr grosszügig bemessenen Sold, Geschenke und die Aussicht auf Beförderungen und Auszeichnungen, seine Zuständigkeit für Entlassungen und die Auszahlung der Entlassungsprämien, aber etwa auch sein praenomen Imperator und seine Rolle als oberster Kriegsherr sowie die Entwicklungen, die schliesslich zur kultischen Verehrung der Kaiser und ihrer Familie in den Militärlagern führten, schufen und stärkten ein dichtes Geflecht von Loyalität aller Ränge mit dem Herrscher. 15 Gerade auch seine Sorge für die Bedürfnisse der Armee förderte das Bewusstsein der Soldaten für ihre Abhängigkeit vom Herrscher sowie für ihr Verständnis, ihren Dienst nicht nur für Rom sondern auch für ihn zu versehen. 16 Durch Augustus’ Reformen wurde der römische Militärdienst endgültig zum Beruf mit festen Anstellungsbedingungen. Einen neuen Dienstvertrag für die Soldaten, in dem die Mindestdienstzeit, Sold und Entlassungsprämien fest- geschrieben wurden, schuf er allerdings erst im Rahmen der Vorbereitungen für die Germanenkriege im Jahre 13 v.Chr. und veränderte ihn noch einmal im Jahre 5 n.Chr. 17 Das aerarium militare als Mittel zur Sicherung der staatlichen Einkünfte für die Entlassungsgelder wurde schliesslich im Jahre 6 n.Chr.

13 Siehe dazu und zu den folgenden Entwicklungen die Beiträge «Das römische Heer als Kulturträger», «Der römische Neubeginn im Gebiet der Helvetier und in der Vallis Poenina», «Heer und Strassen – militares viae» und «Auf kürzestem Weg und gut verpflegt an die Front».

14 Dazu etwa W. Eck, Die Verwaltung des Römischen Reiches in der Hohen Kaiserzeit I (1995)

103–158.

15 Dazu und zum folgenden bes. W.Eck, in: J.J. Wilkes (Hg.), Documenting the Roman Army (2003) 55–87. J.B. Campbell, The Emperor and the Roman Army 31 BC–235 AD (1984). J. Stäcker, Princeps und miles (2003) mit den kritischen Bemerkungen von E.L. Wheeler, BMCR 2004.06.27. Siehe auch die Beiträge «Roman Army Pay Scales», «Sold und Wirtschaftslage der römischen Soldaten» (I.), «Geld und Macht» (II. und IV.), «Albata Decursio», «Honesta Missio» (I.), «Der römische Neubeginn im Gebiet der Helvetier und in der Vallis Poenina» (II.).

16 Siehe z.B. RgdA 15. 30. Tac., Ann. 1,26. Apul., Met. 9,41f. Vgl. Ael. Arist. 88 und siehe den Beitrag «Das römische Heer als Kulturträger» (III.).

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geschaffen. 18 Andere Bereiche jedoch, in denen Augustus keinen grundsätzlichen Reformbedarf erkannte, wie etwa die Höhe des Soldes oder das System militärischer Auszeichnungen, wurden aus der republikanischen Tradition ins neue Berufsheer übernommen. 19 Somit schuf und festigte Augustus in mehreren Schritten bis zum Ende seiner Regierungszeit fast alle wesentlichen Grundlagen der Struktur des kaiserzeitlichen Berufsheeres. Auch wenn Vieles aus der späten Republik übernommen wurde und manche Änderungen und Entwicklungen erst unter späteren Herrschern wirksam wurden, so kommt den Massnahmen des Augustus dennoch eine entscheidende Bedeutung zu, weil sie nun einem Heer galten, das er zu einer dauerhaften Einrichtung in einem zur Monarchie gewandelten Staat gestaltet hatte. Um die Belange dieses Heeres musste sich nun jeder Kaiser kümmern, wollte er nicht den Zerfall seiner Macht erleben, wie dies etwa Nero, Galba oder Nerva widerfuhr. Aber auch jene, die einen regierenden Kaiser stürzen wollten, waren auf die Mitwirkung oder wenigstens die Duldung des Heeres angewiesen und mussten deshalb auf die Wünsche und Überzeugungen der Soldaten angemessen eingehen. 20 Somit blieb das Heer auch während der Kaiserzeit in höchstem Masse ein politischer Faktor im Römischen Reich, wenn auch in weitgehend anderer Form als zur Zeit der späten Republik. Mit der Umgestaltung zum stehenden Berufsheer verbunden war aber auch ein insgesamt stark ansteigender Bedarf an Planung und Verwaltung sowohl innerhalb der Einheiten als auch auf der Ebene der Provinzen und der Zentrale in Rom. 21 Zwar waren schriftliche Dokumente den Heeren der Republik ebenfalls nicht fremd, 22 doch ein Soldat jener Zeit hätte es wohl kaum für möglich gehalten, wie viele seiner kaiserzeitlichen Nachfolger mit Schreibarbeiten beschäftigt waren, wieviel Aufwand und Zeit in die Erstellung von Akten und Berichten etwa zur Verfügbarkeit und zum Zustand von Menschen, Tieren und Material floss,

18 Nicht in allen Punkten zutreffend ist die Erklärung der Heeresreformen des Augustus als politische Antwort auf die Erfahrungen der ausgehenden Republik und der anschliessenden Bürgerkriege: so aber bes. Raaflaub (Anm. 10). Denn das kann schon aus chronologischen Gründen für den Dienstvertrag von 13 v.Chr. oder gar für die Einrichtung des aerarium militare 6 n.Chr. nicht im gleichen Massstab gelten wie für die tiefgreifenden Änderungen in den Jahren unmittelbar nach Actium.

19 Suet., Aug. 24: In re militari et commutavit multa et instituit atque etiam ad antiquum morem nonulla revocavit. Zur Rationalisierung im römischen Heerwesen vgl. etwa M.P. Speidel, Ancient Germanic Warriors (2004) 193ff. Lendon (Anm. 1) 163ff.

20 Dazu jetzt Birley (Anm. 6) 379–394.

21 Siehe dazu in diesem Band die entsprechenden Beiträge im Kapitel «II. Militärischer Alltag und Verwaltung» sowie die Beiträge «Roman Army Pay Scales» und «Specialisation and Promotion in the Roman Army». Zum Thema siehe auch K. Stauner, Das offizielle Schrift- wesen des römischen Heeres von Augustus bis Gallienus (27 v.Chr.–268 n.Chr.) (2004) und S.E. Phang, in: P. Erdkamp (Hg.), A Companion to the Roman Army (2007) 286–305 mit der jeweils dort aufgeführten Literatur.

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und in welchem Umfang Schriftstücke archiviert und Informationen verdichtet und weiter verwendet wurden. Die Ausgestaltung dieser bürokratischen, auf schriftlichen Dokumenten und Archiven fussenden Strukturen und Prozesse zu einer dauerhaften militärischen Routine wurde durch die Schaffung des stehenden Heeres unter der obersten Führung des Herrschers erheblich beschleunigt, ausgeweitet und vereinheitlicht. Sie bedeutete eine verstärkte Rationalisierung des Heerwesens und förderte sowohl erhöhte Effizienz und Sachlichkeit als auch verbesserte Kontrolle und Überwachung. Wichtige Voraussetzung dafür war auch die deutlich hierarchisch struk- turierte und damit ebenfalls einer rationalen Ordnung unterworfene innere Gliederung der Mannschaften in wenige Soldklassen mit jeweils einer grösseren Zahl von Aufgaben und Funktionen nicht nur innerhalb der Schlachtordnung sondern zunehmend auch für technische, administrative und medizinische Dienste. 23 Beförderungen sollten grundsätzlich allen Soldaten nach berechenbaren und nachvollziehbaren Vorgaben, also besonderen Leistungen und Fähigkeiten, bis hinauf zum Posten des primus pilus offenstehen. 24 Dabei half zwar die persönliche Förderung durch Vorgesetzte, 25 doch der Patronage waren auch Grenzen gesetzt, denn die Zahl der begehrteren Posten im Heer oder in den Stäben liess sich nicht einfach willkürlich vermehren, um Günstlinge zu fördern. 26 Gerechte Beförderungen und Auszeichnungen 27 forderte jedenfalls auch die Aufrechterhaltung der disciplina militaris, 28 um die sich Augustus in schriftlichen

23 Siehe dazu in diesem Band die Beiträge im Kapitel «III. Rangordnung und Sold».

24 Siehe etwa Caes., BAfr. 54,5. Ael. Arist., Or. Rom. 85. Artem. Dald., Oneirokritika 2.20. ILS 2558. 2666. AE 1991, 1620. etc. Dazu M.P. Speidel, Roman Army Studies II (1992) 124ff. Ders., in: K. Vössing (Hg.), Biographie und Prosopographie (2005) 73ff. sowie der Beitrag «Specialisation and Promotion in the Roman Imperial Army». Der Alltag konnte freilich von diesem Ideal abweichen: siehe etwa Tac., Ann. 2,55,5, O.Krok. 95 oder P.Mich. VIII 468 mit der Klage, dass ohne Geld im Heer nichts zu erreichen sei.

25 Siehe etwa Plin., Ep. 6,25. Tac., Hist, 4,48. P.Mich. VIII 468. ChLA X 424. Tab. Vindol. II 250. Sel.Pap. II 122. AE 1917/18, 50. CIL VI 3641 = 8086. CIL VIII 21000 = AE 1954, 136 = AE 2003, 2016. CIL VIII 21056. etc. J. Nélis-Clément, Les beneficiarii: militaires et administrateurs au service de l’empire (Ier s.a.C.–VIe s.p.C.) (2000) 128 sowie den Beitrag «Carrière militaire et solde».

26 Plin., Ep. 10,21f. 10,27f. Tac., Hist, 4,48. P.Mich VIII 466. Vgl. auch AE 1962, 183 = 1971,

(Marcus Aurelius zur Beförderung des

491:

utor opportunitate quae nunc [o]bte/git

Q. Domitius Marsianus auf eine ducenare Prokuratur).

27 Vgl. Suet., Aug. 25.

28 Cn. Piso pater wurde etwa vorgeworfen, u.a. durch die Beförderung Unwürdiger die von Augustus eingerichtete und von Tiberius erhaltene disciplina militaris verletzt zu haben und auch dadurch das römische Heer an den Rand eines Bürgerkriegs getrieben zu haben: Tac., Ann. 2,55,5. CIL II 5, 900 Z. 52ff. Dazu W. Eck / A. Caballos / F. Fernandez, Das senatus consultum de Cn. Pisone patre (1996) 42. 172ff. Sowohl in älteren als auch in neueren Abhandlungen (siehe unten) wird der römischen Begriff disciplina militaris häufig auf die modere Bedeutung von Disziplin eingeschränkt. Disciplina militaris beinhaltete jedoch sowohl das richtige Verhalten beim Heer in einem weit umfassenderen Sinn als der moderne Begriff Disziplin als auch die schriftlichen Anordnungen, aus denen dieses Verhalten

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Äusserungen besonders bemüht hat. 29 Bis auf einen einzigen Satz ist dieses in seiner Bedeutung für die Gestaltung des Heeres (und mithin des Reiches) heute weithin unterschätzte Werk, auf das sich selbst Vegetius im ausgehenden vierten (oder frühen fünften) Jahrhundert noch berief, vollständig verloren. 30 Über den genauen Zweck dieses Werkes mit dem (Kurz?-)Titel disciplina Augusti, besteht in der Forschung keine Einigkeit. So wurde es etwa als Brief, als Militär- handbuch, als Ausbildungsreglement oder als Ratgeber des Augustus zu Fragen der disciplina militaris beschrieben. 31 Der von diesem Werk in den Digesten ehaltene Satz (es um geht die Frage, ob Soldaten für gewisse handwerkliche Aufgaben zum privaten Nutzen der Statthalter herangezogen werden dürfen) wurde vom severischen Juristen Aemilius Macer in seinem Werk De re militari zitiert, um die Vorschrift zu erläutern, dass Statthalter die Soldaten ihrer Provinzarmee nicht zu persönlichen Diensten abkommandieren durften. Augustus’ schriftliche Äusserungen zur disciplina militaris betrafen somit auch Fragen zum Einsatz von Soldaten ausserhalb des eigentlichen Kriegsdienstes. Der Satz aus der disciplina Augusti ist dabei als persönliche Mitteilung des Herrschers an einen Statthalter formuliert. Dieses Werk bestand nach der Aussage des

hervorging: siehe etwa Dig. 49,16,12,1 (Macer). Plin., Ep. 6,31,4ff. Zum Thema siehe etwa:

J. Sulser, Disciplina (1923). O. Mauch, Der lateinische Begriff disciplina (1941). A. Neumann, RE Suppl. X (1965) 142–178. V. Guiffré, ANRW II 13 (1980) 234–277. C. Giuffrida, in: Le trasformationi della cultura nella Tarda Antichità (1985) 837–860. G. Horsmann, Untersuchungen zur militärischen Ausbildung im republikanischen und kaiserzeitlichen Rom (1991) bes. 187ff. M. Zielkowski, Riv. Stor. Ant. 20 (1990) 97–107. Ders., AArchHung 33 (1990–1992) 347–350. Ders., in: Nunc de Suebis dicendum est (1995) 303ff. A.R. Birley, Hadrian. The restless emperor (1997) 117f. 132. D. Woods, CQ 47 (1997) 269–291. G. Wesch-Klein, Soziale Aspekte des römischen Heerwesens in der Kaiserzeit (1998) 147ff. A.D. Lee, CAH 13 (1998) 211–237. J.-M. Carrié / S. Janniard, Ant. Tard. 8 (2000) 321–341. O. Stoll, Römisches Heer und Gesellschaft (2001) 269–279. Y. LeBohec, L'armée romaine sous le Haut-Empire (2002 3 ) 122ff. M. Whitby, in: S. Swain / M. Edwards (Hg.), Approaching Late Antiquity (2004) 156–185. Lendon (Anm. 1) passim. M.P. Speidel, Emperor Hadrian’s speeches to the African Army – a new Text (2006) 35. 91 sowie zuletzt S.E. Phang, Roman Military Service: Ideologies of Discipline in the Late Republic and Early Principate (2008).

29 Dig. 49,16,12,1 (siehe dazu die folgende Anmerkung). Veg. 1,8. 1,27. Siehe auch CIL II 5, 900 Z. 52. Suet., Aug. 24. Tac. Ann. 6,3. Ferner RIC II 746f. mit Horsmann (Anm. 28) 103f.

30 Dig. 49,16,12,1 (Macer): Nam in disciplina Augusti ita cavetur: Etsi scio fabrilibus operibus exerceri milites non esse alienum, vereor tamen, si quicquam permisero, quod in usum meum aut tuum fiat, ne modus in ea re non adhibeatur, qui mihi sit tolerandus. Vgl. damit Plin., Ep. 10,20. Sall., Jug. 44,5. HA Hadr. 10,3. Veg., 1,8. 1,27. Keine Erwähnung des Werkes etwa bei S. Riccobono, Acta Divi Augusti (1945). E. Malcovati, Imperatoris Caesaris Augusti Operum Fragmenta (1969 2 ). Kienast (Anm. 10).

31 Brief: E. Albertini, CRAI 1938, 330. Handbuch und Reglement: bes. A. Neumann, Klio 26 (1933) 360–362. CPh 31 (1936) 1–10. Ders., CPh 41 (1946) 217–225. Horsmann (Anm. 28) 103ff. 110f. Ratgeber: Phang (Anm. 28) 211 («book of advice»).

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Vegetius aus constitutiones Augusti, 32 die somit wohl oft als Reskripte an die Statthalter entstanden waren, 33 (durch Augustus und spätere Kaiser wiederholt oder ergänzt) Aufnahme in die Anweisungen (mandata) an die Statthalter für ihre Tätigkeit in den Provinzen finden konnten, 34 und die jedenfalls allgemeine Gültigkeit erhielten. 35 Während der Bürgerkriege der ausgehenden Republik war die Durchsetzung der in der römischen Kultur tief verwurzelten disciplina militaris von den Heerführern unterschiedlich und oft im Hinblick auf die Zufriedenheit und die Gefolgschaft der Soldaten gehandhabt worden. 36 Nach seinem Sieg über Antonius konnte und musste Augustus andere Massstäbe durchsetzen. So berichtet Sueton:

disciplinam severissime rexit und veranschaulicht dies mit Beispielen für strenge Strafen, die er über Soldaten und Offiziere für deren Vergehen verhängt hat. 37 Zweifellos fanden sich deshalb in den schriftlichen Äusserungen des Augustus zur disciplina militaris solche Verfügungen. Aus ihnen gingen Richtlinien hervor, die der Herrscher für das richtige Verhalten und den Einsatz von Soldaten und Offizieren bestimmt hatte, 38 und die nicht nur den Dienstbetrieb betrafen sondern

32 Veg. 1,8 und 1,27 mit der Erklärung, es seien dort Angaben de disciplina militari zu finden gewesen. Dass es sich dabei um Augustus handelte, zeigt der gleichzeitige Hinweis auf die constitutiones Traiani und Hadriani.

33 Dies legen der Inhalt und die Formulierung des Zitats aus der disciplina Augusti in Dig. 49,16,12,1 (Macer) in der ersten Person nahe (zum Wortlaut oben Anm. 30). Ferner: Plin., Ep. 6,31,4ff.: Caesar (sc. Traian) et nomen centurionis et commemorationem disciplinae militaris sententiae adiecit, ne omnis eius modi causas revocare ad se videretur. Dig. 2,12,9. Florent., Inst. 2,11,1.

34 Zu diesem Vorgang siehe Dig. 29,1,1 pr. (Ulpian). BGU V 1210 pr. 1ff. Dass die mandata Anweisungen zur disciplina militaris enthielten, zeigen etwa Plin., Ep. 10,22,1. 10,30.1. Das gilt bereits für die Regierungszeiten des Augustus und des Tiberius: Tac., Ann. 2,77 und bes. AE 1976, 653 = AE 1989, 727 = SEG XXVI 1392. Siehe auch Dio 53,15,4.

35 Den Prokonsuln stand es zunächst vielleicht noch frei, bestimmte Bereiche der disciplina militaris (etwa das Strafrecht und die Vergabe von Auszeichnungen) nach traditionellen Vorgaben und ihren eigenen Vorstellungen zu gestalten und durchzusetzen. So lässt sich jedenfalls erklären, weshalb Cn. Calpurnius Piso als Prokonsul von Afrika Soldaten hinrichten lassen konnte (Sen., ira 1,18,3f. 19,3), ohne dass ihm dies später vorgeworfen wurde, während das gleiche Urteil als legatus Augusti in Syria in seinem späteren Prozess zum Anklagepunkt wurde: vgl. Eck et al. (Anm. 28) 169ff. Siehe auch Tac., Ann. 3,21. Suet., Galba 7,2f.

36 Siehe z.B. Appian, BC 5,17. Plut., Marius 7,4f. Zur maiorum disciplina siehe auch Sallust, Bell. Jug. 44,3 und 55,1.

37 Suet., Aug. 24. Zwar gehen die in den Rechtsquellen erhaltenen Bestimmungen des ius militare und die Sammlung von Strafen für Vergehen gegen die disciplina militaris (siehe etwa die Sammlung De re militari in Dig. 49,16) mehrheitlich auf Schriften von Juristen der Severerzeit zurück, doch zeigen verschiedene Texte, darunter auch der erwähnte Abschnitt bei Sueton (Aug. 24), dass zumindest die wichtigsten Grundsätze schon in den Jahrhunderten zuvor galten. Allgemein dazu etwa G. Wesch-Klein, Soziale Aspekte des römischen Heerwesens in der Kaiserzeit (1998) 147ff.

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auch in bedeutende Bereiche der Freizeit eingriffen. 39 Vieles konnte er zwar aus den Traditionen der Republik oder aus der Überlieferung schöpfen, doch durch seine schriftliche Zusammenstellung, durch seine eigenen Ergänzungen und durch die Anwendung auf die veränderten Umstände der Monarchie schuf Augustus ein neues, einheitliches und verbindliches Verständnis für den Inhalt und die Durchsetzung der disciplina militaris im römischen Heer: die disciplina Augusti. Die Notwendigkeit eines solchen Regelwerks, das Augustus die Gestaltung der disciplina militaris nach seinen Vorstellungen ermöglichte, ergab sich zunächst unmittelbar aus seiner Verantwortung für die Truppen in seinen Pro- vinzen sowie aus seinem Entschluss, seine Aufgaben vor Ort durch Stellvertreter, legati Augusti pro praetore, durchführen zu lassen. Zu diesen Aufgaben gehörte auch die Durchsetzung der disciplina militaris. 40 Dem Spielraum der Statthalter war in dieser Hinsicht damit Grenzen gesetzt, 41 denn auch wenn im militärischen Alltag vor allem die Zenturionen und die Truppenbefehlshaber für die Durchsetzung der disciplina militaris zuständig waren, konnte nun ihre Erhaltung und ihre Gestaltung durch die Statthalter an den schriftlichen Verfügungen der disciplina Augusti gemessen werden. Ihre Durchsetzung bedeutete deshalb auch Loyalität zum Kaiser und damit die Sicherheit des Herrschers und des Reiches vor äusseren Gefahren und vor Bürgerkriegen. Beging ein Statthalter in diesem Bereich grobe Fehler, oder machte er sich offenkundiger oder gar absichtlicher Vernachlässigung schuldig, musste er fürchten, dass ihm mangelnde Loyalität oder gar der Versuch, einen Bürgerkrieg auszulösen vorgeworfen würde. 42 Damit wirkte die disciplina militaris in den Provinzarmeen insgesamt auch auf ein von Respekt, Gehorsam, Gerechtigkeit und gegenseitiger Verpflichtung geprägtes Verhältnis zwischen Vorgesetzten und Untergebenen im Heer. 43

39 Siehe z.B. HA Hadr. 10,3ff. Dazu etwa M.A. Speidel, Die römischen Schreibtafeln von Vindonissa (1996) 78ff. sowie den Beitrag «Das römische Heer als Kulturträger» (I. und II.).

40 Dig. 49,16,12,pr. (Macer): Officium regentis exercitum non tantum in danda, sed etiam in observanda disciplina constitit. Ferner z.B. CIL II 5, 900 Z. 52f. mit Eck et al. (Anm. 28) 42. 169ff. IAM II 307. Tac., Ann. 1,16. 11,18,1ff. Suet., Galba 7,2f. Plin., Ep. 6,31,4ff. HA Hadr. 3,9. Dig. 2,12,9 (Ulpian, De officio proconsulis) etc. Siehe auch Hadrians lobende Worte an den Statthalter Q. Fabius Catullinus für dessen Sorge für das Heer und für geglückte Manöveraufführungen: Speidel (Anm. 28) bes. 8. 13ff. Ferner oben Anm. 33f. sowie Wesch- Klein (Anm. 37) 147ff.

41 Die Ausführungen des Augustus zur disciplina militaris liessen aber vermutlich noch manches im Ermessen des Statthalters, was erst durch spätere Nachträge und Überarbeitungen (z.B. Plin., Ep. 6,31,4ff. Dig. 2,12,9. Horsmann [Anm. 28] 103f.) genaueren Bestimmungen unterworfen wurde: siehe z.B. Vell. 2,114,3.

42 Siehe z.B. Tac., Ann. 1,16. 2,55ff. 2,69ff. 6,3. CIL II 5, 900 Z. 47ff. mit Eck et al. (Anm. 28) 42. 167ff. Die Soldaten liessen sich jedoch nicht immer durch die Aussicht auf eine Lockerung der disciplina verführen: Dio 60,15,2ff.

43 Siehe etwa Tac., Ann. 1,28. Übermässige Strenge vor allem der Zenturionen konnte zur Meuterei führen: z.B. Tac., Ann. 1,20. 1,23. 1,32. Siehe auch Suet., Cal. 48,1. Zu den Anstrengungen beider Seiten, im Rahmen der durch die disciplina und die sozialen Unterschiede gegebenen Möglichkeiten, ein gutes Verhältnis herzustellen siehe etwa

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Der Begriff disciplina militaris beinhaltete das richtige Verhalten beim Heer aber noch in einem weiteren Sinn, denn er beschrieb auch die militärische Schulung für den geordneten und gelenkten Kampf im Verband, die Fähigkeit auch während der Schlacht neue Befehle genau auszuführen, somit die durch ständiges Üben erworbene Kriegstüchtigkeit und mithin die Fähigkeit zum Sieg. 44 Deshalb enthielten die Ausführungen des Augustus zur disciplina militaris auch Übungsvorschriften und Manöveranleitungen. 45 Wiederum waren die Provinz- statthalter für die ordnungsgemässe Durchführung der militärischen Übungen und Manöver verantwortlich. 46 Ziel solcher Übungen war es einerseits, (neben den taktischen Vorteilen der verschiedenen Kampfformationen) die Kontrolle der Befehlshaber über die eigenen Soldaten und Truppen im Kampfgeschehen zu erhöhen, um damit die Möglichkeit zu gewinnen, auf Unvorhergesehenes reagieren und den Verlauf einer bereits begonnenen Schlacht weiterhin be- einflussen zu können. 47 Andererseits gab dem einzelnen Soldaten die gemeinsame Ausführung vertrauter Manöver im Verband seiner Mitsoldaten Mut und Zuversicht während des Kampfgeschehens und half gleichzeitig, die Zahl der Verluste zu begrenzen. 48 In der Kontrolle der Befehlshaber über ihre Truppen und in der durch disciplina gewonnenen Zuversicht und Kameradschaft der Soldaten lagen aber zwei Wesenszüge des römischen Heeres, die entscheidend zum Erfolg auf dem Schlachtfeld beitrugen. 49 Selbst wenn die Quellen immer wieder auch

E. Birley, The Roman Army (1988) 206ff. Speidel (Anm. 24) 308. D. Erkelenz, Optimo

praesidi (2003) 70ff. J.E. Lendon, Empire of Honor (1997) 238ff. sowie den Beitrag «Kaiser, Kommandeure und Kleingeld».

44 Liv. 8,7,16. Front., Strat. 4,1 und 2. Quintilian 3,14. etc. Allgemein dazu Horsmann (Anm. 28) passim und bes. 287ff.

45 Das zeigt etwa die Aufzählung dessen, was Hadrian im Einzelnen erneuerte: HA Hadr. 10,3ff. Vegetius (1,27) fand in den entsprechenden constitutiones Augusti (siehe oben Anm. 32) auch Bestimmungen zur ambulatio.

46 Speidel (Anm. 28) bes. 13 (field 25f.): [Catullinum legatum meum virum clarissimum] /

14 (field 29f.): Tota exercitatione

perae[q]ue pla/cuistis. Catullinus legatus meus vir clarissimus in o[mni]/bus quibus praeest parem suam curam exhib[uit]. Und: Catullini leg(ati) mei c(larissimi) v(iri) [insignis virtus] apparet, quod tales vos sub illo v[ir]o vi[ri estis]. Ferner: Arrian, Takt. Suet., Galba 6. Plin. Paneg.18,1. Fronto, Princ. Hist. 8 (VdH 19).

47 Siehe z.B. Caes., BC 3,92ff. Arrian, Ekt. 25ff. Amm. 16,12,18–57. Auch darin zeigt sich die etwa von Goldsworthy (Anm. 1) betonte, aggressive Entschlossenheit der römischen Kriegs- führung.

48 Siehe etwa Jos., BJ 4,1,6. 5,2,4. Dexippos FGH II A 100, F 26,5 etc.

49 Nicht anders war noch im zweiten Weltkrieg die Einschätzung von General G.S Patton, War

as I knew it (1947) 336: «No sane man is unafraid in battle, but discipline produces in him a form of vicarious courage which, with his manhood, makes for victory. Self-respect grows

The sense of duty and obligation to his comrades and superiors

comes from a knowledge of reciprocal obligation, and from the sharing of the same way of life. Self-confidence, the greatest military virtue, results from the demonstrated ability derived from the acquisition of all the preceding qualities and from the exercise in the use of weapons».

laudo quod convertuit vos ad hanc exercitat[ionem

].

directly from discipline

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von Fahnenflüchtigen oder von einzelnen Soldaten oder ganzen Gruppen berichten, die in der Schlacht auf eigene Faust gehandelt haben, 50 so darf dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass nicht Solches sondern die disciplina militaris Roms Kriegsführung und das Verhalten der kaiserzeitlichen Soldaten im Kampf entscheidend geprägt hat und diese von anderen zeitgenössischen Heeren und ihrem Einsatz ganz wesentlich unterschied. 51 Was aber durch den Gewinn von Ordnung und Kontrolle an ungezügeltem, draufgängerischen Kampfgeist vor allem bei den Legionen eingebüsst wurde, ersetzten teilweise die regulären Hilfstruppen, 52 vor allem aber die angeheuerten Verbände fremder Völker (Germanen, Mauren, Osrhoener usw.). 53 Mit dieser ausserordentlich erfolgreichen, auch schon von Pompeius und Caesar angewandten Verbindung zweier grund- sätzlich verschiedener Kampfweisen – einer rationalen, römischen und einer draufgängerischen, «barbarischen» – gelang es dem römischen Heer der Kaiser- zeit, seine militärische Überlegenheit jahrhundertelang zu erhalten. 54 Nach der Stationierung der Truppen in den Grenzprovinzen musste sich eine reichsweite Einheitlichkeit der militärischen Übungen sowie der wesentlichen Züge des militärischen Alltags langfristig als besonders wirksam erweisen, denn nur so war es möglich, nach längerer Zeit eine Auswahl der auf die langen Reichsgrenzen verstreuten Einheiten bei Bedarf schnell wieder zu einem schlag- kräftigen Heer zusammenzuführen. Zwar war auch gründliches Üben zur Erreichung militärischer Tüchtigkeit im römischen Heer keineswegs neu. Doch dadurch, dass Augustus es seinem neuen Berufsheer überall nach verbindlichen

50 Dazu etwa Lendon (Anm. 1) 233ff. (zum Judenaufstand der Jahre 67–70), der jedoch zu sehr auf solchen Vorkommnissen (die auch sonst bezeugt sind: dazu unten im Text) beharrt. Denn Berichte (wie jene bei Josephus) vom ungestümen Vorpreschen einzelner Soldaten oder grösserer Gruppen ohne Befehl helfen zwar, den tatsächlichen Grad der Ordnung zu verstehen, den das römische Heer unter bestimmten Umständen in der Schlacht erreichte, sie beschreiben jedoch gerade nicht das Übliche und damit das Wesentliche der römischen Kriegsführung (was gerade auch Josephus’ Werk deutlich bezeugt), zumal solches Vorgehen, nach Josephus’ Bericht, von Vespasian und Titus jeweils scharf verurteilt (wenn auch nicht bestraft) wurde: z.B. Jos. 4,1,4ff. 5,3,3f. 5,7,3. Vor allem aber sind Belagerungen oder Strassenkämpfe, wie sie bei der Niederschlagung des Judenaufstandes besonders häufig vor- kamen (vgl. Dio 69,14,1), nicht der geeignete Zusammenhang, um ein allgemeines Urteil über den disziplinierten Kampf im Verband zu gewinnen. Nachlässigkeit in anderen disziplinarischen Bereichen bestrafte Titus hart: z.B. 6,2,7. 6,7,1. Zu Fahnenflüchtigen siehe etwa Wesch-Klein (Anm. 37) 163ff. Dies., in: Y. Le Bohec (Hg.), L’armée romaine de Dioclétien à Valentinien I er (2004) 475–487.

51 Z.B. Polyb. 2,35,2f. Strabo 4,4,2. Jos., BJ 2,16,4. 3,10,2. 4,1,6. Dio 38,45,4f. Dexippos FGH II A 100, F 26,5. etc. Horsmann (Anm. 28) 196. Speidel (Anm. 19) 194ff. Zusammenfassend zu den Heeren von Roms Gegnern siehe etwa Goldsworthy 1996 (Anm. 1) 39ff. Y. LeBohec, L’armée romaine sous le Bas-Empire (2006) 125ff. Stoll (Anm. 28) 269ff. Speidel (Anm.

19).

52 So zurecht Lendon (Anm. 1) 242ff.

53 Dazu Speidel (Anm. 19) sowie der Beitrag «Germanische Verbände im römischen Heer».

54 Caesar: Caes., BG 7,13,1. 7,65,4. 7,67,5. 7,70,2ff. 7,80,6. 8,10,4. 8,13,2. Caes., BC 1,83,5. 3,4,3. B.Afr. 19,2ff. Pompeius: Caes., BC 3,4,6.

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Regeln und als regelmässige Tätigkeit vorschrieb, sorgte er langfristig für die reichsweite Einheitlichkeit der Ausbildung und für die ständige Kriegsbereitschaft der Truppen auch in Friedenszeiten und formte damit auf entscheidende Weise den Alltag und die Gemeinschaft der kaiserzeitlichen römischen Soldaten und ihrer Offiziere. Auf die Frage nach dem Grund für den Erfolg der römischen Waffen und für Roms Weltherrschaft hatten viele antike Autoren unterschiedlichster Herkunft eine klare Antwort: dies war der römischen disciplina militaris zu verdanken. 55 So schrieb Valerius Maximus unter Tiberius: certissima Romani imperii custos, severa castrorum disciplina. 56 Als custos imperi Romani totiusque orbis terrarum und als Begründer der militaris disciplina wurde auch Augustus selbst bezeichnet. 57 Noch Vegetius empfahl einem spätantiken Kaiser disciplina im Heer als Mittel zur Erhaltung des Römischen Reiches. 58 In dieser Tradition standen somit sowohl das Rezept zur Sicherung der römischen Herrschaft, die disciplina militaris, als auch der für seine Umsetzung Verantwortliche, der Kaiser, fest. 59 Damit war die kaiserliche Sorge um die disciplina militaris aber weit mehr als eine militärische Angelegenheit: Sie war auch von ausserordentlich grosser politischer Bedeutung. Das ist nicht zuletzt daran zu erkennen, dass man ihre angebliche oder tatsächliche Vernachlässigung oder Erneuerung als wichtiges Argument für die Beurteilung der politischen Leistung eines Kaisers aufführen konnte. 60

55 Vgl. etwa Polyb. 6,37,9ff. Liv. 8,7,16. Val. Max. 2,7. 6,1,11. Front., Strateg. 4,1 und 2.

Quintilian 3,14. Jos., BJ 2,20,7. 3,5,1–8. 4,1,6. AJ 19,1,15. Appian 4,1,3. Ael. Arist., Or. Rom. 77. 86ff. Dio 38,45,4f. Amm. 16,12,47. Paneg. Lat. 12,24,2. HA Alex.Sev. 53,5. Veg. 1,1. 1,8. etc. Horsmann (Anm. 28) 1f. 193ff. Siehe auch Hadrians Überzeugung, dass langes Üben den Legionär dem Ansturm wilder Barbaren überlegen macht: Speidel (Anm. 28) 35. Zum Thema ferner auch B. Bleckmann, Die Reichskrise des III. Jahrhunderts in der spätantiken und byzantinischen Geschichtsschreibung (1992) 208f.

56 Val. Max. 6,1,11. Siehe dort auch 2,7: Venio nunc ad praecipuum decus et ad stabilimentum Romani imperii, salutari perseverantia ad hoc tempus sincerum et incolume servatum, militaris disciplinae tenacissimum vinculum, in cuius sinu ac tutela serenus tranquillusque beatae pacis status adquiescit.

militarem disciplinam a divo Aug(usto) institutam et

57 ILS 140 (Pisa). CIL II 5, 900 Z. 52f.:

servatam a Ti. Caesar(e) Aug(usto)

58 Veg., 1 prol. 1,1. passim.

59 Siehe etwa Plin., Ep. 6,31,4ff. Horsmann (Anm. 28) 103f. sowie den Beitrag «Soldaten und Zivilisten im Römischen Reich» (II.).

60 Siehe etwa Plinius’ (Ep. 8,14,7) ungerechtfertigten Vorwurf, die disciplina militaris sei unter Domitian völlig zusammengebrochen (vgl. dagegen: Suet., Dom. 8). Vergleiche auch die widersprüchlichen Angaben zu Traian bei Plin., Ep. 10,38: conditor disciplinae militaris firmatorque (sc. Traian, ähnlich auch Plin., Paneg. 18,1f. Dio 68,7,5) mit jener bei HA Hadr. 10,3: labentem disciplinam incuria superiorum principum retinuit (sc. Hadrian, ähnlich auch Dio 69,9,1ff.). Hadrians Leistungen sollten durch solche Aussagen überhöht werden. Zu Traian siehe auch Speidel (Anm. 28) bes. 13 und 57 sowie den Beitrag «Traian:

Bellicosissimus princeps» (I.). Zu Hadrian ferner HA Hadr. 3,9. Veg. 1,8. Birley (Anm. 28) 117ff. Speidel (Anm. 28) passim. Ähnliches Lob erhielten etwa auch Septimius Severus (ILS

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Wenn die kaiserzeitlichen und spätantiken Historiker immer wieder von verfallener oder wiederhergestellter Heeresdisziplin berichten, lässt sich deshalb daraus oft weniger über den tatsächlichen Zustand der Disziplin im römischen Heer erfahren als über den rhetorischen Wert solcher oft stark übertriebenen Aussagen. 61 Auch die durch Papyri, Ostraca und Inschriften erhaltenen Texte, die Zustände und Vorkommnisse von Disziplinlosigkeit bezeugen, 62 (etwa Berichte von Schmiergeldern, die zu zahlen waren, um die Versetzung in eine andere Einheit zu erwirken, 63 oder vom Missbrauch von Privilegien bei offiziellen Reisen von Heeresangehörigen 64 ), helfen nur wenig, ein Bild vom allgemeinen Zustand der disciplina militaris im römischen Heer insgesamt zu gewinnen. Denn die Formulierungen dieser Texte bestätigen, dass Solches als beklagenswert galt, vor allem aber bezeugen die meisten dieser Urkunden gleichzeitig das Einschreiten höherer Offiziere gegen die festgestellten Verstösse. Nur in seltenen Fällen ist eine deutlich erkennbare Häufung von Klagen über das Fehlverhalten von Heeresangehörigen dokumentarisch überliefert, die weitere Schlüsse zulässt. 65 Auch wenn Verstösse gegen die disciplina militaris immer wieder vorkamen, ist doch stets zu erkennen, dass man in ihr ein wichtiges Ideal erkannte, das es zu erfüllen galt. Die grosse politische Bedeutung für die kaiserliche Regierung, die in mandata und constitutiones festgehaltenen Vorgaben und Pflichten der Statthalter, die Verwaltungspraxis der Truppen sowie schliesslich die Möglichkeiten der Provinzbewohner aber auch der Soldaten und Offiziere, sich mit Klagen direkt an den Kaiser zu wenden, 66 werden dabei zur Durchsetzung des fas disciplinae vor

446), Severus Alexander und Maximinus (HA Max. 7,2), Decius (ILS 8922), Aurelian (Eutr. 4,27), Valentinian I. (Amm. 30,9,1), Valens (Amm. 31,12,2) oder Theodosius I. (Paneg. Lat. 12,16,3) und andere.

61 Siehe nur Tac., Ann. 13,35 mit der Geschichte eines Soldaten, der von Cn. Domitius Corbulo im Rahmen seiner Massnahmen zur Erneuerung der Disziplin im eiskalten Winter 58 n.Chr. zum Holzsammeln ausgeschickt worden war, und dem bei seiner Rückkehr ins Lager die erstarrten und am Holz festgefrorenen Hände von den Armstümpfen abgebrochen und zu Boden gefallen seien. Solche Märchen wecken Zweifel an ähnlichen Nachrichten: z.B. Tac., Ann. 11,18 (von Tacitus selbst bezweifelt). HA Avid. 4ff. HA Macr. 12. Siehe auch den Beitrag «Die Thebäische Legion und das spätrömische Heer». Zur Durchsetzung der disciplina im Heer als Lob für Statthalter siehe z.B. Tac., Agr. 18ff. HA Hadr. 3,9. Zum Topos der schlechten Heeresdisziplin bei den im Osten stationierten Legionen bes. E. Wheeler, in: D. Kennedy (Hg.), The Roman Army in the East (1996) 229–276.

62 Siehe nur Campbell (Anm. 15) 246ff. 300ff. sowie jetzt O.Krok. 99. 100.

63 P.Mich. VIII 468. O.Krok. 95. Vgl. Tac., 1,17 und 35. Zum Thema ferner R. MacMullen, Corruption and Decline of Rome (1988) bes. 129ff.

64 Siehe dazu die Beiträge «Heer und Strassen – militares viae» und «Soldaten und Zivilisten im Römischen Reich» (II.).

65 Siehe den Beitrag «Soldaten und Zivilisten» (II.).

66 Siehe z.B. Tac., Ann. 4,15. Dio 57,23,4f. sowie den Beitrag «Soldaten und Zivilisten» (II.).

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allem während der ersten beiden Jahrhunderte wesentlich beigetragen haben. 67 Bürgerkriege und Usurpationsversuche haben jedoch der disciplina militaris (genauso wie der politischen Ordnung) erheblichen und im Laufe des dritten Jahrhunderts zunehmenden Schaden zugefügt. 68 Ihre Missachtung hatte den entscheidenden Anteil an der Katastrophe von Adrianopel im Jahre 378 und damit letztlich auch am Untergang des Römischen Reiches. 69 Ob man jedoch im gesamten spätrömischen Heer einen allgemeinen und tiefgreifenden Zerfall der disciplina, wie ihn die spätrömischen Schriftsteller und Juristen gerne nahe- legten, 70 annehmen darf, ist nicht sicher. 71 Am Ideal wurde jedenfalls nie gezweifelt. Mit seinen Bestimmungen zur disciplina militaris schuf Augustus somit das reichsweit gültige Regelwerk für sein neues Berufsheer und prägte damit in erheblichem Mass den Alltag seiner Soldaten und Offiziere. Die disciplina Augusti bestimmte den Tagesablauf des Einzelnen und der Gemeinschaft, den rechtlichen Rahmen für die Handlungen und den Einsatz der Armeeangehörigen sowie die Massstäbe für Erfolg, Beförderungen und Vergünstigungen. Wer als römischer Soldat seine virtus in den Dienst der Gemeinschaft stellte und den Vorgaben der disciplina Augusti folgte, erfüllte die Erwartungen des Kaisers sowie die militärischen Wertvorstellungen und Ideale der Soldatengemeinschaft (etwa obsequium, modestia, patientia, labor) und konnte hoffen, durch besondere Leistungen (fortia, industria) seine Stellung im Heer zu verbessern oder gar zum Vorbild der anderen zu werden. 72 Vom Stolz, der alle erfüllte, denen solches gelang, zeugen zahlreiche Inschriften. 73 Jenen hingegen, die die Vorgaben der disciplina Augusti nicht eingehalten oder gar willentlich missachtet hatten,

67 Dazu, wie sich dies im Alltag der Soldaten in den nordwestlichen Provinzen konkret niederschlug siehe den Beitrag «Das römische Heer als Kulturträger».

68 Z.B. Tac., Hist. 1,51,1ff. Suet., Vesp. 8,2f. etc. Birley (Anm. 6) 379–394. Siehe auch die Beiträge «Soldaten und Zivilisten» (II.) und «Das römische Heer als Kulturträger» (III. und V.).

69 M.P. Speidel, Klio 78 (1996) 434–437. Vgl. damit aber Liv. 8,7,16.

70 Siehe etwa die Zusammenstellungen bei P. Southern / K.R. Dixon, The Late Roman Army (1996) 170ff. Le Bohec (Anm. 51) 93ff.

71 Positivere Urteile etwa bei Lib., Or. 24,5. Vgl. 24,3. Siehe auch Carrié / Janniard (Anm. 28). Lendon (Anm. 1) 258.

72 Siehe z.B. ILS 2558. 2666. AE 1991, 1620. etc. Plin., Paneg. 15,5. Dazu bes. Speidel (Anm. 24) 124ff. Ders., in: K. Vössing (Hg.), Biographie und Prosopographie (2005) 73ff. Ferner die Beiträge «Specialisation and Promotion in the Roman Imperial Army» und «Albata Decursio». Hierzu und zum folgenden auch Horsmann (Anm. 28) 188ff. J.E. Lendon, Empire of Honor (1997) 243ff. Siehe auch ders. (Anm. 1) 252ff., der jedoch durch Begriffe wie «undisciplined virtus» (nach Lendon vor allem bei den Hilfstruppensoldaten) und «competitive disciplina» (nach Lendon vor allem eine Eigenschaft der Legionen) den Gegen- satz zwischen den beiden Idealen überzeichnet. Virtus konnte auch für ganze Legionen beansprucht werden (ILS 2295. 4006. Vgl. AE 1973, 417), ohne dass daraus zu folgern wäre, dass diese deshalb den Vorgaben der disciplina nicht mehr gehorchten.

73 Zu drei besonders eindrücklichen Beispielen siehe Speidel (Anm. 72) 73–89.

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drohten nicht nur Strafen sondern auch Scham und Schande. 74 Auch wenn das Ideal im Alltag nicht immer erreicht wurde und vor allem durch Bürgerkriege erheblichen Schaden nahm, und obwohl das Zusammenleben der Soldaten auch noch von weiteren bedeutenden kulturellen Einflüssen der römischen Welt bestimmt war, 75 prägte die disciplina militaris das eigentlich Militärische am Alltag der römischen Soldaten und unterschied diesen nicht nur von jenem anderer Bevölkerungsgruppen im Reich sondern auch von jenem anderer zeit- genössischer (aber auch der meisten früheren und späteren) Heere. 76 Unter Hadrian, der sich gerne als neuer Augustus verstand, und der die disciplina Augusti überarbeitete und auf eine neue Grundlage stellte, begannen die Soldaten die personifizierte disciplina Augusti kultisch zu verehren. 77 Auch drin zeigt sich ihre Kraft, unter den Soldaten Identität, Zusammenhalt und Gemeinschaftsgefühl zu stiften. Die disciplina Augusti war somit ein wesentliches und in seiner besonderen Form ausgesprochen römisches Mittel, mit dem sowohl die Schlagkraft des kaiserzeitlichen Heeres im Krieg gesichert werden sollte als auch das gewünschte Verhalten der Heeresangehörigen und ihrer Befehlshaber in Friedenszeiten. 78 Zusammen mit der hierarchischen Ordnung und Befehlsstruktur sowie der bürokratischen Verwaltungspraxis für die Versorgung, die Rekrutierung, die Kommunikation und den militärischen Betrieb verlieh sie dem Heer der Kaiserzeit einen Grad der Rationalisierung, wie sie die meisten Heere europäischer Staaten erst wieder im Laufe des 18. und vor allem des 19. Jahrhunderts erreicht haben. Dies waren entscheidende Grundlagen für die Beherrschbarkeit der römischen Armee und damit des riesigen Raums, den das Römische Reich umfasste.

II. Auftrag und Einsatz des Heers

Entscheidenden Einfluss auf die Motivation der Soldaten sowie auf ihr Verhalten und ihr Handeln im Reich musste ihre Überzeugung vom Sinn und von der Notwendigkeit ihres Dienstes ausüben. Diese Überzeugung konnten die Soldaten aus allgemeinen kulturellen und traditionellen Werten schöpfen, aus konkreten

74 Z.B. Caes., BC 2,31. Sall., Jug. 100,5. Front., Strat. 4,1,26ff. Tac., Ann., 1,39. 1,48. Hist. 1,30. 4,58f. 4,62. 4,72. Suet., Aug. 24,2. Zos. 3,3,4f. Vgl. auch BHL 7599. Dig. 3,2,2,4 (Ulpian). 49,16,13,3 (Macer). Dazu etwa . Lendon (Anm. 72) 247ff.

75 Siehe dazu den Beitrag «Das römische Heer als Kulturträger».

76 Dazu etwa Stoll (Anm. 28) 269ff. Horsmann (Anm. 28) 193ff.

77 Siehe z.B. AE 1973, 629. AE 1979, 388. IAM II 346. ILS 3810. RIB 1128. 2092 etc. Ferner RIC II 746f. Dazu bes. Horsmann (Anm. 28) 103f. E. Birley, The Roman Army (1988) 404ff. Zielkowski (Anm. 28). Birley (Anm. 28) 117ff. (disciplina). 111f. 142ff. 200f.

78 Tacitus nennt etwa Begriffe wie mos obsequii und fas disciplinae (Ann. 1,19), amor obsequii (Ann. 1,28) oder parendi amor (Hist. 2,19) und veteris disciplinae decus (Ann. 1,35). Zum Thema zuletzt Phang (Anm. 28).

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offiziellen Äusserungen des Herrschers und der Zentrale sowie aus den persönlichen Erfahrungen ihres eigenen Einsatzes oder demjenigen ihrer Kameraden im ganzen Heer. Augustus’ Herrschaft brachte auch in dieser Hinsicht einen einschneidenden Wandel. Wiederum vollzog sich dieser Wandel erst in mehreren Schritten und in den verschiedenen Reichsteilen auch in unterschied- licher Geschwindigkeit, insgesamt jedoch über nahezu die gesamte Zeit der Alleinherrschaft des Augustus. Mit der Schaffung eines stehenden, in den Grenzgebieten liegenden Berufs- heeres von zunächst 26, wenig später 28 Legionen und einer Vielzahl von Hilfstruppen hat Augustus weit mehr beabsichtigt, als die unmittelbare Sicherung seiner persönlichen Macht. Das wurde schon unmittelbar nach Actium deutlich. Denn als er in den Jahren 30/29 v.Chr. das Heer durch die Entlassung etwa eines Drittels aller Soldaten verkleinerte 79 und die Einheiten in unterschiedlicher Anzahl auf die Provinzen vor allem an den Grenzen verteilte, 80 erforderte dies bereits wenigstens leitende Gesichtspunkte, wenn nicht gar die Grundzüge eines Konzepts, das nicht nur die innere Sicherheit und seine Machtposition berück- sichtigte, sondern auch den Gesamtbedarf des Reiches an militärischen Macht- mitteln sowie die Aufgaben der Truppen an ihren neuen Stationierungsorten. Spätestens als er sich mit den Senatsbeschlüssen vom Januar 27 v.Chr. die Provinzen ganz Hispaniens, ganz Galliens sowie Ägypten und Syrien mit Kilikien und Zypern (und damit den grössten Teil des Heeres) auf zehn Jahre zuteilen liess, um diese Gebiete von innerer Unsicherheit und äusserer Bedrohungen zu befrieden, wurde auch der vorgesehene Einsatz der dort stationierten Truppen deutlich. 81 Die Leitung seiner Provinzen war inhaltlich so eng mit der mili- tärischen Aufgabe verbunden, dass Augustus (so jedenfalls nach Dios Bericht) versprach, sie früher wieder an den Senat zurückzugeben, sollte er sie vor Ablauf der Frist befriedet haben. 82 Wollte Augustus hier aber Frieden herstellen, so musste das aus römischer Sicht immer dann Krieg bedeuten, wenn sich der Gegner nicht freiwillig unterwarf. Ein römischer Sieg war dann die Voraus- setzung für den Frieden, der Friede deshalb auch ein Denkmal des Sieges. Victoria und Pax wurden somit zwar nahezu sinngleiche Begriffe, doch wenn Augustus für seine Alleinherrschaft die Betonung vor allem auf die pax Augusti legte, so musste er sich am Ergebnis seiner Feldzüge messen lassen, dem fried- lichen Zustand des gesamten Reiches. Er verlor jedenfalls keine Zeit und brach

79 W. Schmitthenner, HZ 190 (1960) 16: 80'000 Entlassungen. Siehe auch P.A. Brunt, Italian Manpower 225 B.C. – A.D. 14 (1971) 498ff.

80 Suet., Aug. 49,1. Oros., Advers. Pag. 6,19,14. Dazu etwa G. Wesch-Klein, in: Die römische Okkupation nördlich der Alpen zur Zeit des Augustus (1991) 203–216, bes. 214ff. mit weiterer Literatur.

81 Dio 53,12,1ff. Vgl. Suet., Aug. 47,1.

82 Dio 53,12,1ff. Die Rückgabe von Zypern und der Gallia Narbonnensis an den Senat im Jahre 22 v.Chr wurde dann auch damit begründet, dass sie den Schutz der Truppen nicht länger benötigten: Dio 54,4,1.

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(wohl auch aus innerpolitischen Gründen) schon kurz nach der restitutio rei publicae im Jahre 27 v.Chr. auf, um die Kantabrer im Nordwesten der iberischen Halbinsel zu unterwerfen. Als er im Jahre 25 v.Chr. den römischen Sieg ver- kündete und sogar die Tore des Heiligtums des Ianus Quirinus schliessen liess, gab er aber weder Hispanien an den Senat zurück noch entliess er gar sein Heer. Vielmehr folgten unter seiner langen Regierung mit den selben Begründungen bekanntlich noch zahlreiche weitere Eroberungsfeldzüge. 83 Vieles daran erinnert an das Vorgehen zur Zeit der späten Republik. Auch waren römische Siege und die Ausdehnung der Herrschaft durchaus nach dem Sinn der öffentlichen Meinung in Rom. Augustus hat mit seinen Feldzügen zweifellos solche traditionellen Erwartungen nach der Ausdehnung der römischen Weltherrschaft, dem imperium sine fine Vergils, geweckt und in vielen Bereichen auch erfüllt, 84 denn insgesamt fügte er dem Reich mehr Gebiet hinzu als je ein römischer Feldherr vor ihm. Die Ausgangslage für solche Feldzüge hatte sich seit der Republik jedoch wesentlich verändert. Als Alleinherrscher konnte Augustus nicht nur die gesamte Macht des Imperium Romanum nach seinen Vorstellungen aufbieten, er hatte auch als erster die Möglichkeit, während seiner langen Regierungszeit umfassendere Konzepte für die Struktur und den Bestand des Reiches zu entwickeln und seine militärischen Unternehmungen einem auf das gesamte Reich bezogenen Gedanken zu unterwerfen. 85 Während der Senats- herrschaft war hingegen der Einsatz des römischen Heeres entweder eine Reaktion auf äussere Gegebenheiten oder die Folge des persönlichen Ehrgeizes einzelner Politiker und der Konkurrenz aristokratischer Familien. Er stand aber kaum im Dienst eines übergeordneten Reichsgedankens. Solche Konzepte hätten im politischen System der Republik mit ihren jährlich wechselnden Magistraten weder als dauerhafte Vorgabe entwickelt noch gar über einen längeren Zeitraum hinweg durchgesetzt werden können. Der römische Herrschaftsraum, der damals entstand, wurde deshalb zurecht als Stückwerk ohne innere Struktur und ohne territoriales Konzept beschrieben. 86 Die zahlreichen Feldzüge des Augustus, die auf den ersten Blick oft einer Fortsetzung der republikanischen Eroberungen gleichen, scheinen von ihrem Ergebnis her betrachtet tatsächlich einem übergeordneten Gedanken gefolgt zu sein. Denn insgesamt haben seine Gebietsgewinne das Territorium des Reiches abgerundet, indem sie Begonnenes vollendeten, bestehende Besitzungen mit-

83 Zu den militärischen Unternehmungen des Augustus siehe nur Kienast (Anm. 10) 335ff. Ferner die Beiträge «Ausserhalb des Reiches?» (III.) und «Der römische Neubeginn im Gebiet der Helvetier und in der Vallis Poenina».

84 Verg., Aen. 1,279. Siehe die Sammlung der einschlägigen Quellenzitate und der Forschungs- literatur bei Kienast (Anm. 10) 332ff. C. M. Wells, The German Policy of Augustus (1972) 3ff. M. Roddaz, Africa Romana 15 (2004) 261ff.

85 Siehe auch A. Lintott, Imperium Romanum (1993) 119f. und vor allem W. Eck, KölnerJb. 37 (2004) 11–22., bes. 11ff.

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einander verbanden, Italien im Norden ganz mit römischem Reichsgebiet umgaben oder das Vorfeld bestehender Provinzen und neu besetzter Gebiete unter römische Kontrolle brachten. 87 Es ist deshalb von grosser Bedeutung, dass schon Augustus’ Zeitgenossen gerade darin besonderes Lob für sein militärisches Lebenswerk fanden. 88 Das ist aber bemerkenswert, denn zunächst schien die Öffentlichkeit in Rom ein ganz anderes Ziel der militärischen Anstrengungen erwartet zu haben: einen umfassenden Eroberungsfeldzug gegen die Parther. 89 Augustus hat aber offenbar nie konkrete Vorbereitungen für einen solchen Krieg getroffen, obwohl gerade hier der grösste Ruhm auf einen römischen Kriegsherrn wartete. Denn die beuteträchtigen Feldzüge von Sulla und Pompeius hatten gezeigt, mit welchem Gewinn bei Feldzügen im Osten gerechnet werden konnte. Vor allem aber hatte der Verlust der römischen Feldzeichen durch die Niederlage des Crassus und der im März 44 v.Chr. bereits in Gang gesetzte und später von Antonius erneut aufgenommene aber im Jahr 36 v.Chr. erfolglos und verlustreich abgebrochene letzte römische Partherfeldzug grosse Erwartungen an Augustus geschaffen. Es ist zwar möglich, dass er zunächst noch an ein militärisches Vorgehen gegen die Parther dachte oder sich zumindest diese Möglichkeit offen hielt, doch für die Beurteilung seiner Eroberungspläne ist es bedeutsam, dass sich Augustus während seiner weit über vierzigjährigen Alleinherrschaft nie dazu entschied. Zwar blieb Augustus im Osten nicht untätig und erreichte im Jahre 20 v.Chr. bekanntlich auch den entscheidenden Erfolg, doch das grösste militärische Vorhaben seiner Regierungszeit lag in Europa: im Norden Italiens, am Rhein und auf dem Balkan. Hier weist das Vorgehen und der zeitliche Ablauf der einzelnen Unternehmungen zudem auf einen weit ausgreifenden und übergeordneten Plan für die auf einander abgestimmten einzelnen Feldzüge. 90 Die Eroberungspolitik des Augustus wird meist nach der Frage untersucht, ob sie in ihrem Ziel als defensiv oder als expansiv zu werten sei. 91 Vermutlich hat sich Augustus die Frage aber nie so gestellt. Nach seinen eigenen Verlautbar- ungen und jenen der übrigen Überlieferung dienten seine militärischen Unter- nehmungen der Sicherheit des Reiches. Jedenfalls kann Expansion um ihrer selbst Willen oder allein aus Ruhmsucht als Beweggrund für seine zahlreichen Eroberungen kaum wahrscheinlich gemacht werden. Das ergibt sich nicht nur daraus, dass er keinen grossen Eroberungskrieg gegen die Parther geführt hat, sondern auch aus der Übersicht seiner Kriege insgesamt, die keineswegs überall

87 Siehe Tac., Ann. 1,9 (dazu die folgende Anmerkung).

88 Tac., Ann. 1,9: mari Oceano aut amnibus longinquis saeptum imperium. Legiones, provincias, classis, cuncta inter se conexa. Zweifellos ging diese Einschätzung auf Verlautbarungen aus der Umgebung des Herrschers zurück. Siehe nur RgdA 26ff.

89 Dazu Kienast (Anm. 10) 342ff. mit der dort zitierten Literatur.

90 Dazu jüngst mit Nachdruck Eck (Anm. 85). Siehe auch den Beitrag «Die römische Neu- ordnung im Gebiet der Helvetier und in der Vallis Poenina».

91 J. Bleicken, Augustus (1998) 565ff. Kienast (Anm. 10) 332ff. mit der dort zitierten Literatur.

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römische Expansionsabsichten erkennen lassen, sondern oft auf bewusste Ent- scheidungen des Herrschers und seiner Berater deuten. So verzichtete Augustus etwa nach dem verlustreichen Rückzug des Aelius Gallus auf weitere Feldzüge in Südarabien, während er in Spanien, Germanien und Pannonien Rückschläge sofort mit militärischen Mitteln beantwortete. Das spricht jedenfalls gegen die Annahme, Augustus habe sich am Roten Meer gleich beim ersten Misserfolg militärisch geschlagen gegeben und auf die Eroberung der einträglichen Beute, als die er Südarabien angeblich gesehen hatte, 92 schlicht und dauerhaft verzichtet. Weit wahrscheinlicher ist die Annahme, dass er hier mit dem Erreichten grundsätzlich zufrieden war, und dass er in diesen Gebieten seine militärischen Ziele auch ohne dauerhafte römische Besetzung glaubte erreicht zu haben. 93 Ähnliches gilt sicherlich auch für die militärisch erfolgreichen Expeditionen des P. Petronius bis tief in den heutigen Sudan oder das römische Vorgehen in Armenien und in Nordafrika. In diesem Zusammenhang ist eine Nachricht bei Cassius Dio von grosser Bedeutung, denn sie zeigt, dass sich Augustus und Agrippa spätestens in den Jahren vor 20 v.Chr. grundsätzliche Gedanken zu Ausdehnung, Bestand und Struktur des Reiches gemacht hatten: Nachdem beide persönlich an der Ordnung der Verhältnisse in Kleinasien und im Nahen Osten gewirkt hatten, Armenien als von Rom abhängiges Königreich erneut gesichert worden war und auch die bei Carrhae verlorenen Feldzeichen von den Parthern zurückgegeben worden waren, liess Augustus im Jahre 20 v.Chr. im Senat verkünden, er wolle im Osten weder die Provinzen erweitern, noch das indirekt beherrschte Gebiet ausdehnen, sondern sich mit dem vorhandenen Besitz zufriedengeben. 94 Der grosse Aufwand, mit der die Rückgabe der Feldzeichen öffentlich als militärischer Sieg des Augustus gefeiert wurde und die dabei gewählte Darstellung der Parther als in die Kniee gezwungene, um die römische amicitia flehende Bittsteller, 95 sowie die Errichtung eines grossen Bogens auf dem Forum mit einem Bild des Augustus im Triumphal- gespann bestätigen Dios Nachricht, dass Augustus damals tatsächlich seine Ordnung der Verhältnisse im Osten zum Abschluss brachte. Spätere, erneute Spannungen zwischen Rom und den Parthern mögen zwar bei Teilen der Öffentlichkeit die Hoffnung oder die Erwartung eines grossen Partherkrieges wieder geweckt haben, doch da es dazu nicht kam, müssen auch alle Über- legungen, ob mit einem solchen Feldzug Eroberungspläne verbunden gewesen wären, Spekulation bleiben. Es ist jedenfalls von Bedeutung, dass Augustus seine im Jahre 20 v.Chr. im Senat verkündete Absicht, das römische Herrschaftsgebiet

92 So etwa Lintott (Anm. 85) 119. Kienast (Anm. 10) 334f. Anders Chr. Marek, Chiron 23 (1993) 121ff. Siehe auch die dort zitierte Literatur.

93 Dazu der Beitrag «Ausserhalb des Reiches?» (III.).

94 Dio 54,9,1. Zu den Ereignissen im Einzelnen und zum Folgenden siehe etwa Kienast (Anm. 10) 342ff. und die dort zitierte Literatur.

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im Osten nicht weiter auszudehnen, während der folgenden vierunddreissig Jahre seiner Herrschaft nie öffentlich widerrufen hat. Wenn aber Augustus im Jahre 20 v.Chr. im Senat verkündete, dass er im Osten keine weitere Ausdehung des römischen Herrschaftsgebiets beabsichtige, weil er mit dem vorhandenen Besitz zufrieden sei, und wenn er schon wenig später mit der Planung und den Vorbereitungen für die umfassenden Feldzüge im Alpenbogen, im nördlichen Alpenvorland, in Germanien und in den Gebieten bis zur Donau begann, so deutet dies darauf hin, dass seine militärischen Vorhaben von einem weit gefassten Gedanken geleitet waren. Militärischer Handlungs- bedarf war am Rhein, in den Alpen und auf dem Balken zweifellos vorhanden, doch das weite Ausgreifen der Operationen und die Errichtung fester, militärischer und ziviler Anlagen gerade in Germanien zeigt, dass es hier um weit mehr ging als um Strafexpeditionen oder um die militärische Kontrolle des rechtsrheinischen Gebietes. 96 Zudem wurde auch für diese Feldzüge spätestens im Verlauf des Krieges ein begrenztes (wenn auch sehr umfangreiches) territoriales Ziel entwickelt, das ebenfalls mit dem Schutz Italiens und der römischen Besitzungen gerechtfertigt wurde, und das auf dem Balkan im Jahre 9 v.Chr., in Germanien ein Jahr danach, militärisch offiziell als erreicht galt. 97 Zu welchem Zeitpunkt und in welchen Schritten Augustus aber begann, die nach Actium eingeleiteten Massnahmen zu einem umfassenderen Konzept zu entwickeln und wie man sich dessen Bestandteile im Einzelnen vorzustellen hat, liegt im Dunkeln, denn dazu fehlt jede Überlieferung. Der Öffentlichkeit hat Augustus seine Eroberungsabsichten jedenfalls nie vorgestellt, denn Solches gehörte zu den Entscheidungen, die er nur im engsten Beraterkreis besprach. 98 Zudem lässt sich nur schwer vorstellen, wie er umfangreiche Eroberungspläne bei der traditionellen und religiös verankerten Vorgabe des bellum iustum schon im Voraus hätte öffentlich rechtfertigen wollen. Es fällt deshalb auch auf, dass er sich bei der Schilderung seiner Eroberungskriege in seinem Tatenbericht beeilte darauf

96 Eck (Anm. 85) 12f. Ders., Köln in römischer Zeit (2004) 63ff.

97 Eck (Anm. 85) 13f. Territoriales Ziel und Sicherheit: Strabo 7,1,4 für Germanien bis zur Elbe sowie Vell. 2,108,1 und Tac., Ann. 2,63 für den geplanten Feldzug gegen das Marko- mannenreich des Marbod. Der zu erobernde Raum im Norden sollte zweifellos von Anfang an durch neue Flussgrenzen bestimmt werden, da dies traditionellen römischen Vorstellungen besonders entsprach (vgl. nur den Ebro, den Rubicon, den Euphrat, etc.). Daraus folgt aber weder, dass Augustus bereits ein Konzept der linearen Grenzverteidigung vorschwebte, noch gar dass er militärische Operationen jenseits dieser Grenzen ausschloss. Weit eher als die Verteidigung von Grenzen stand damlas die Beherrschung des Raums im Zentrum der Planung. Kaum wahrscheinlich ist aber, dass Augustus’ Feldzüge in den Alpen, in Germanien und auf dem Balkan lediglich als Auftakt zur Eroberung eines allumfassenden Weltreichs zu verstehen sind. Vgl. aber Wells (Anm. 84) 3ff. Dagegen zurecht auch Bleicken (Anm. 91) 566f. Zum Thema ferner R. Wolters, Römische Eroberung und Herrschafts- organisation in Gallien und Germanien (1990).

98 Siehe etwa Dio 53,19,3. Juv., Sat. 4,37ff., bes. 75ff.

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hinzuweisen, dass er mit keinem Volk widerrechtlich Krieg geführt hatte. 99 Die öffentlich verkündeten Begründungen seiner militärischen Unternehmungen betonten jedenfalls die Herstellung oder Erweiterung der Sicherheit des römischen Herrschaftsgebietes. Der Einsatz des Heeres für einen Krieg oder auch nur für ein Gefecht sollte dabei von der Gewissheit bestimmt sein, dass der zu erwartende Erfolg grösser erscheine als die zu befürchtenden Verluste. 100 Wenn Augustus seine Eroberungsfeldzüge mit dem Ziel rechtfertigte, die Sicherheit Italiens und der römischen Provinzen herzustellen, so wurde das Konzept «Sicherheit durch Expansion» auch in den folgenden zwei Jahrhunderten nie völlig aufgegeben. Zur üblichen Praxis wurde es indes nicht. Denn noch am Ende seiner Regierungszeit erklärte Augustus, er habe die Grenzen all jener römischen Provinzen erweitert, deren Nachbarvölker dem imperium nostrum nicht gehorcht hatten. 101 Damit verkündete er, dass er sein Ziel, welches er seit 27 v.Chr. offiziell mit dem Einsatz des Heeres verfolgte, dem Reich Friede und Sicherheit zu bringen, erreicht habe. Gleichzeitig hielt er es nun für richtig, das Reich künftig innerhalb der bestehenden Grenzen zu halten. 102 Diese Einsicht war bekanntlich einem nicht für die Öffentlichkeit bestimmten Dokument, dem breviarium totius imperii, beigefügt, in dem die staatlichen Machtmittel (opes publicae), also die militärischen Einheiten und die Zahl der Soldaten aufgeführt waren, sowie der Reichsbestand (Provinzen und abhängige Königreiche), die gesamten Einnahmen (tributa und vectigalia) und Ausgaben (necessitates und largitiones) aber auch die in den Schatzkammern vorhandenen Reserven und noch ausstehenden Steuereinnahmen. 103 Heeresstärke, Reichsbestand und eine ausgeglichene Staatsrechnung standen für Augustus somit in einem inhaltlichen Zusammenhang und in gegenseitiger Abhängigkeit, denn aus den im breviarium totius imperii aufgelisteten Informationen zog er am Ende seines Lebens offenbar den Schluss, dass das Imperium Romanum als zusammenhängendes, lebens-

99 RgdA 26: nulli genti bello per iniuriam inlato. Die Aussage steht bereits im dritten Satz dieses Kapitels und bezieht sich streng genommen nur auf die Alpenfeldzüge, bei denen deshalb offenbar ein besonderer Rechtfertigungsbedarf bestand. Sie gilt aber ohne jeden Zweifel für alle militärischen Unternehmungen des Augustus, denn es wäre natürlich völlig unmöglich sie so zu verstehen, dass er von sich selbst behauptete, er habe in allen anderen Fällen widerrechtlich Krieg begonnen. Siehe auch Suet., Aug. 21.

100 So jedenfalls überliefert Sueton, Aug. 25, die Grundsätze des Augustus zu militärischen Einsätzen.

101 RgdA 26: Omnium provinciarum populi Romani, quibus finitimae fuerunt gentes quae non parerent imperio nostro, fines auxi.

102 Tac., Ann. 1,11. Dio 56,33,5. Siehe auch Suet., Aug. 101,4. Tac., Agr. 13,2. Dazu A. Mócsy, Pannonien und das römische Heer (1992) 8ff. Von diesem Rat ausgeschlossen war zweifellos die damals unter Germanicus betriebene Rückgewinnung Germaniens. Die Echtheit des Rats bezweifelt Kienast (Anm. 10) 373f. Anm. 205 ohne überzeugende Argumente.

103 Siehe dazu auch den Beitrag «Geld und Macht».

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fähiges und beherrschbares Ganzes in einem berechenbaren Zustand des ausgewogenen Gleichgewichts sei. 104 Dieser Zustand sollte aber nach den vielen Eroberungen einerseits und den bewussten Verzichten auf bestimmte Reichserweiterungen andererseits während seiner langen Regierungszeit kaum allein als Ergebnis eines Zufalls gewertet werden. Das breviarium totius imperii des Augustus lässt dann aber zentrale Leitgedanken seines Reichskonzepts erkennen. Denn will man nicht Tacitus’ Urteil folgen, wonach Augustus nur aus Furcht oder aus Missgunst von weiteren Eroberungen absah, so dürften neben Sicherheitsüberlegungen auch die Zusammenhänge des breviarium totius imperii bereits Augustus’ Entscheidungen über Umfang und Erweiterungen des römischen Herrschaftsgebietes beeinflusst haben. Es ist deshalb bedeutsam, dass Strabo in diesen Jahren den Verzicht auf eine Eroberung Britanniens als Einsicht aus einer negativen Kosten-Nutzen- Rechnung erklärt, und dass Tacitus diesen Verzicht einer bewussten Entscheidung des Augustus zuschrieb. Wenn schliesslich auch Livius die (allerdings nur allgemein formulierte) Meinung äusserte, Rom leide an der Ausdehung seines Reiches, so zeigt auch dies, dass sich zumindest gewisse Kreise bereits unter Augustus mit grundsätzlichen Fragen zur idealen Grösse des Imperium Romanum beschäftigten. 105 Auch wenn nicht genau ermittelt werden kann, von welchem Zeitpunkt an Augustus die genannten Abhängigkeiten im vollen Umfang wahrgenommen hat und seit wann er sie seinen militärischen und diplomatischen Entscheidungen zugrunde legte, so hat er damit jedenfalls ein während der ganzen Kaiserzeit wirksames Bewusstsein für die militärischen Möglichkeiten des Reiches geschaffen sowie für die rationalen Kriterien, nach denen eine bezahlbare und friedlich beherrschbare Reichsgrösse zu bestimmen war. 106 Auch die letzte grosse Reichserweiterung im nördlichen Mesopotamien Ende des zweiten Jahrhunderts wurde von Septimius Severus noch mit der verbesserten Sicherheit des Reiches (genauer: der Provinz Syria) begründet, bedingte die Aufstellung neuer Legionen und wurde nach ihren Kosten und ihrem Nutzen beurteilt. 107 Solche Erweiterungen

104 Zu den kaiserzeitlichen Möglichkeiten, grossräumige strategische Konzepte zu entwickeln und umzusetzen, siehe bes. E. Wheeler, The Journal of Military History 57 (1993) 7–41 und bes. 215–240.

105 Strabo 2,5,8. 4,5,3. Tac., Agr. 13,2: consilium id divus Augustus vocabat, Tiberius prae- ceptum. Liv., Praef. 4.

106 Zur Wahrnehmung der direkten Abhängigkeit von Einnahmen, Heeresgrösse, Reichsgrösse und -sicherheit: z.B. Strabo 2,5,8 mit 4,5,3. Suet. Dom. 12. Tac., Agr. 24. Tac., Hist. 4,26. 4,74. Vgl. auch Appian, Praef. 15. Florus 2,17. 3,12. 4,12. Dio 52,18,5. Der Verlust von «nur» 3 Legionen und 9 Hilfstruppen im Jahre 9 n.Chr. erweckte die Furcht vor dem Untergang des gesamten Reiches: Vell. 2,120,1. Suet. Aug. 23. Dio 56,23,1ff. Siehe ferner:

J.C. Mann, Hermes 91 (1963) 483–489, bes. 483ff. Mócsy (Anm. 102) sowie den Beitrag «Geld und Macht».

107 Siehe den Beitrag «Ein Bollwerk für Syrien».

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jenseits der von Augustus zum Reich gezählten Gebiete blieben jedoch insgesamt, wie von ihm empfohlen, seltene Ausnahmen. Denn zählt man, wie Augustus dies getan hat, die schon zu seiner Regierungszeit von Rom abhängigen Königreiche als feste Bestandteile zum Imperium Romanum, so kann ihre spätere Um- wandlung zum Provinzgebiet, ob mit oder ohne militärische Gewalt und trotz der tiefgreifenden lokalen Veränderungen der politischen und administrativen Verhältnisse, aus römischer Sicht nicht als eigentliche Erweiterung des Reichs- bestandes begriffen werden. 108 Tiberius hat den Rat des Augustus angenommen und liess sogar die Rück- eroberung Germaniens Ende 16 n.Chr. einstellen. Mit wenigen Ausnahmen zielten die seitdem durchgeführten militärischen Unternehmungen auf die Erhaltung und Sicherung des von Augustus geschaffenen Reichsbestandes. 109 Damit wandelte sich aber auch der Auftrag des römischen Heeres. Sein Bestehen wurde jetzt nicht mehr, wie noch zur Zeit der Republik, mit der Durchführung eines Krieges gerechtfertigt, sondern mit der Aufgabe, die Grenzen zu schützen sowie Frieden und Sicherheit zu erhalten. 110 Cassius Dio war im frühen dritten Jahrhundert so sehr von der Richtigkeit dieses Vorgehens überzeugt, dass er solche Vor- stellungen in der Rede des Maecenas zum Ausdruck brachte: das römische Heer sollte keine gefährlichen Eroberungszüge führen, sondern kriegsbereit an den Grenzen stehen, für die Sicherheit des Reiches sorgen und jenseits der Grenzen höchstens Strafexpeditionen unternehmen, 111 da sonst die Gefahr drohe, sogar den vorhandenen Besitz zu verlieren. 112 Tatsächlich bestand der übliche Einsatz des kaiserzeitlichen Heeres bei Konflikten mit benachbarten Stämmen und Völkern darin, nach einer militärischen Bestrafung jenseits der Grenzen eine neue, romfreundliche Ordnung einzurichten und die römischen Truppen, wenn notwendig unter Zurücklassung einiger vorgeschobener Posten, wieder hinter die bestehenden Grenzen zurückzuziehen. 113 Auch solche Einsätze hatte Augustus,

108 Siehe die Beschreibung des Reichsbestandes im breviarium totius imperii sowie etwa Suet., Aug. 48. Tac., Ann. 1,11. Strabo 6,4,2. 17,3,25. Dig. 49,15,19,3. Dazu die Beiträge «Traian:

Bellicosissimus Princeps» (II.), «Early Roman Rule in Commagene», «Cappadocia. Vom Königreich zur Provinz» und «Ausserhalb des Reiches?» (III.).

109 Vgl. Appian, Praef. 7.

110 Z.B. Strabo 17,3,25. Philo, Flacc. 5. Tac., Hist. 4,74,1ff. 4,48,1: legio in Africa auxiliaque

Frontin, Strat. 1,1,8. Dio Chrys., Or. 1,28f. Ael. Arist., Or. Rom.

78ff. Herodian 7,8,4. AE 1905, 212 mit M.P. Speidel, Roman Army Studies I (1984) 267. AE 1927, 49. CIL VIII 2495. IAM II 307. ILAfr. 281. ILBulg 211. ILS 395. 396. 419. 510. 986. RIU 5, 1127ff. etc. Siehe ferner E. Wheeler, The Journal of Military History 57 (1993) 215– 240. S.P. Mattern, Roman and the Enemy (1999).

111 Dio 52,27. 52,37,1. Vgl. 52,18,5.

112 Dio 56,33,5. Vgl. Tac., Agr. 41,2. Ähnliche Aussagen überliefert Sueton, Aug. 25 für Augustus selbst.

113 Von den zahlreichen Beispielen siehe bes. Tac., Ann. 11,18ff. ILS 986. Allgemein dazu etwa H. Wolff, in: R. Frei-Stolba / M.A. Speidel (Hg.), Römische Inschriften – Neufunde, Neulesungen und Neuinterpretationen. Festschrift für Hans Lieb (1995) bes. 320ff.

tutandis imperii finibus

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vor allem im Osten und in Nordafrika, mehrfach durchführen lassen. In ihnen hat man deshalb die eigentlichen Vorbilder für den Einsatz des römischen Heeres in den folgenden Jahrhunderten zu erkennen.

III. Erwartungen und Folgen

Insgesamt sollten militärische Eingriffe und Kriege aber die Ausnahme bleiben, 114 denn idealerweise hätte das römische Heer allein schon durch seine Anwesenheit an den Grenzen und durch die Kunde von seiner Sieghaftigkeit feindliche Barbaren abschrecken und von Angriffen abhalten sollen. 115 Wenn das auch meist Wunschvorstellung blieb, so hatte sich mit dem neuen Reichskonzept des Augustus und dem neuen Auftrag des Heeres auch der Inhalt und der Alltag des Militärdienstes grundlegend geändert. Der römische Soldat trat nun nicht mehr ins Heer ein, um in einem bestimmten Krieg unter der Führung eines dazu ausge- wählten Feldherrn einen römischen Sieg und Beute zu gewinnen, sondern es erwartete ihn im Allgemeinen ein weit über zwanzigjähriger meist unkriegerisch- er, von militärischen Übungen und vor allem von verschiedenen Routinetätig- keiten innerhalb und ausserhalb seines Lagers geprägter Dienst unter der Führung eines vom Imperator bestimmten Stellvertreters. 116 Zwar gehörten Schlachten und Kriege, aber auch blutige Kämpfe kleineren Ausmasses, 117 weiterhin zu den Er- lebnissen vieler römischer Soldaten der Kaiserzeit, doch der Auftrag, das Reich und den Frieden zu erhalten, liess grössere Feldzüge im Alltag der überwiegenden Mehrheit der Heeresangehörigen nun weit hinter die Routine des Dienstbetriebs zurücktreten. Das prägte die Tätigkeit der Soldaten beim Heer und die Erfahrung des kaiserzeitlichen Militärdienstes somit in ganz anderer Weise als zur Zeit der Republik. Es wäre zwar sicherlich falsch, daraus zu schliessen, dass der kaiserzeitliche Soldat ein friedfertigerer Mensch war als sein Vorgänger zur Zeit der Republik. Vor allem zu Beginn der römischen Herrschaft in den eroberten Gebieten konnte das Verhalten der Soldaten und Offiziere gegenüber der unterworfenen Be- völkerung noch zu grossen Aufständen führen. So soll etwa Bato, ein Anführer der pannonischen Aufständischen der Jahre 6–9 n.Chr., Tiberius auf die Frage, warum er von Rom abgefallen und die Römer so lange bekriegt habe, geantwortet haben: «Daran seid ihr schuld! Denn als Wächter habt ihr zu euren Herden nicht Hunde und Hirten sondern Wölfe geschickt». Das konnte keine Grundlage für eine friedliche Herrschaft Roms in den Provinzen sein. Doch mit der Sta-

114 Siehe etwa. Tac., Ann. 2,26. 6,32. Ähnlich auch Jos., BJ 4,6,2. Plin., Paneg. 16,1ff.

115 Z.B. Plin., Paneg. 16,2ff. Ael. Arist., Or. Rom. 70ff. Amm. 22,9,1. Veg. 3 prooem.

116 Siehe etwa R.W. Davies, Service in the Roman Army (1989) 33ff. Vgl. zuletzt auch Phang (Anm. 28).

117 Siehe jetzt bes. O.Krok. 6. 47. 87.

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tionierung fast aller Truppen an weit entfernten Grenzen und mit der zu- nehmenden Rekrutierung Einheimischer ins römische Heer begannen der Alltag der Soldaten und ihr Auftrag, den Bestand und den Frieden des Reiches zu sichern, den Heeresangehörigen allmählich ein insgesamt anderes Bewusstsein für den Sinn und die strategische Notwendigkeit des Militärdienstes zu verschaffen. Dieses veränderte Verständnis für den Dienst im römischen Heer und die zunehmenden Bindungen der Soldaten an die lokale Bevölkerung prägten schliesslich auch das Verhältnis von Soldaten und Zivilisten in den Grenzgebieten und im Reich. 118 Mit Begriffen wie Pax, Victoria, Felicitas, Securitas, Salus, usw. verkündeten Augustus und seine Nachfolger ein Ideal vom Leben in diesem Reich, das Soldaten wie Zivilisten gleichermassen vor allem über die Münzprägung aber auch über zahlreiche grosse Denkmäler mit ihren Inschriften und Reliefs erreichte. Wo das Heer in solchen von der Zentrale verbreiteten Botschaften erschien, wurde es stets als Instrument in der Hand des Kaisers beschrieben. Unter der Führung des Kaisers und mit Hilfe seiner Sieghaftigkeit (virtus) sollte das Heer das Ideal von Sicherheit und ewigem Frieden in diesem Reich sichern oder schaffen. 119 Diese Verkündigungen von der Rolle des Kaisers und seines Heeres prägten nicht nur die Auffassung der Soldaten von ihrem Dienst, 120 sondern sie wurden offensichtlich auch von den Reichsbewohnern wahrgenommen und diskutiert. 121 Die Sieghaftigkeit der römischen Heere an den Reichsgrenzen konnte sogar als Rechtfertigung oder Aufforderung dienen, sich sorgenfrei zum fried- lichen Spiel niederzulassen, wie dies etwa durch Inschriften auf Spielbrettern und Würfeltürmen verkündet wurde: Parthi occisi, / Br[i]tt[o] victus, / ludit[e] [R]omani, oder: virtus imperi, / hostes vincti, / ludant Romani, und: Pictos / victos, / hostis / deleta, / ludite / securi. 122 Auch die überall im Reich und teilweise

118 Bato: Dio 56,16,3. Verständnis des Militärdienstes: Dio Chrys., Or. 1,28. Ael. Arist., Or. Rom. bes. 66f. 78ff. Appian, Praef. 7f. Siehe etwa auch IAM II 307. CIL VIII 20869. O. Stoll, Römisches Heer und Gesellschaft (2001) 72ff. Ferner Carrié (Anm. 7) sowie die Beiträge «Das römische Heer als Kulturträger», «Soldaten und Zivilisten im Römischen Reich» und «Dressed for the Occasion».

119 Siehe etwa Ael. Arist. 71. 84. A. Alföldi, Studien zur Geschichte der Weltkrise des 3. Jahrhunderts nach Christus (1967) 42f.

120 Siehe dazu den Beitrag «Das römische Heer als Kulturträger» (III.).

121 Zur Wahrnehmung der Botschaften auf Münzen: z.B. R. Wolters, Nummi Signati (1999) 255ff. K. Wittwer, Kaiser und Heer im Spiegel der Reichsmünzen (1986), zu jener der Denkmäler: W. Eck, in: G. Alföldy / B. Dobson / W. Eck (Hg.), Kaiser Heer und Gesellschaft in der Römischen Kaiserzeit (2000) 483ff. Vgl. zum Thema jüngst auch O. Hekster, in: P. Erdkamp (Hg.), A Companion to the Roman Army (2007) 339ff.

122 ILS 8626a (Rom) und b (Trier). AE 1989, 562b (Froitzheim). Siehe ferner etwa CIL XIII 3780 (Trier). 3781 (Trier). AE 1891, 131 (Luni). AE 1892, 30 (Tipasa).

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sogar jenseits des Provinzgebiets 123 verbreitete kultische Verehrung des römischen Herrschers war nicht vom Wunsch zu trennen, der sieghafte Kaiser möge mit seinem Heer das Reich, den Frieden und die bestehende Ordnung bewahren. Denn wer sich am Kaiserkult beteiligte, äusserte damit gleichzeitig seine Zustimmung zur römischen Herrschaft und zur Zugehörigkeit seiner Lebenswelt zum Imperium Romanum. Wenn dieser Wunsch nicht überall schon zu Beginn der römischen Herrschaft bestand, so liegen doch selbst aus einigen militärisch unterworfenen oder besetzten Gebieten erstaunlich frühe einheimische Äusserungen von Loyalität gegenüber Rom und dem römischen Herrscher vor, 124 und insgesamt entwickelte sich das Imperium Romanum zu einem Lebensraum, zu dem die meisten Reichsbewohner keine Alternativen mehr suchten und wohl auch keine mehr sahen. Nur so ist es etwa auch zu verstehen, weshalb selbst die Herrscher Palmyras in der zweiten Hälfte des dritten Jahrunderts nach ihrem Bruch mit der Zentrale in Rom für ihre eigene Herrschaft in ihrem neuen Reich weiterhin die Namen und Symbole römischer Macht verwendeten. 125 Wurde der Imperator von den Reichsbewohnern als Garant für die Erhaltung ihres Lebensraums und ihrer friedlichen Lebensumstände wahrgenommen, so entsprach dies seit der Regierungszeit des Augustus auch den tatsächlichen Vollmachten des Herrschers und seinem Handeln, denn selbst von Rom aus lenkte der Kaiser über seine Weisungen (mandata und epistulae) an die Statthalter die grundlegenden Fragen der Aussenpolitik und entschied über den Kriegseinsatz des Heeres. 126 Die reichsweit verkündete Rolle des Heeres als kaiserliches Instru- ment zur Erhaltung von Reich, Friede und Sicherheit musste deshalb die Erwartungen der zivilen Reichsbevölkerung an die Soldaten bestimmen. Vor allem mit der zunehmenden Bedrohung der Reichsgrenzen wurde der Wunsch nach der Bewahrung des Reiches durch Kaiser und Heer auch auf Inschriften vermehrt zum Ausdruck gebracht. 127 Besonders deutlich ist dieser Wunsch auch

123 Z.B. IGRR I 853ff. Chr. Schuler, Chiron 37 (2007) 383ff. D. Metzler, in: H.-J. Drexhage / J. Sünskes (Hg.), Migratio et Commutatio (1989) 196ff. Siehe auch den Beitrag: «Ausserhalb des Reiches?» (III.).

124 Siehe die Beiträge «Der römische Neubeginn im Gebiet der Helvetier und in der vallis Poenina» und «Early Roman Rule in Commagene».

125 Vgl. etwa Ael. Arist., Or. Rom. 59f. 99. Appian, Praef. 7. Tert., De pallio 2,7. Rut. Nam. 1,63. Palmyra: siehe bes. ILS 8924. F. Millar, The Roman Near East (1993) 167ff. 334ff. bes. 335: «The facts suggest that is was not a separatist movement, designed to detach Syria, or the whole Near East, from Roman rule, but an abortive claim to the Empire».

126 CIL II 5, 900 Z. 37ff. mit Eck et al. (Anm. 28) 162ff. AE 1984, 508 Frg. I 15f. Jos., Ant.

18,4,4. 18,5,1ff. Jos., BJ 4,9,2. Tac., Ann. 6,32. Dio 54,3,2ff. Siehe auch Strabo 17,3,25. Dio 58,26,3. Etc. Zum Thema siehe bes. auch D. Potter, in: D. Kennedy (Hg.), The Roman Army in the East, JRA Suppl. 18 (1996) 49–66.

127 Z.B. ILS 4139 (Corduba): Ex iussu Matris Deum / pro salute imperii

H. Finke, 17.

BerRGK (1927) 254 (Ripsdorf): Pro [salute] / impe[rii et domus] / divina[e]

CIL XIII

7844 (Gressenich): [I(ovi) O(ptimo) M(aximo)] / et genio loci pro / salute imperi

Zu dieser

Inschrift jüngst W. Eck, in: O. Hekster / G. de Kleijn / D. Slootjes (Hg.), Crisis and the

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auf einem Altar formuliert worden, den Flavius, der Sohn des Barhadad und Priester des Iuppiter Dolichenus bei der legio XIII Gemina, bei Apulum in der Provinz Dacia Superior errichtete, wo diese Legion ihr Standlager hatte: 128

I(ovi) O(ptimo) M(aximo) D(olicheno) et Deae Suriae Magna[e] Caelesti pro salu- te perpetui imperi

5 Romani et leg(ionis) XIII Gem(inae) Flavius Bar- hadadi s(acerdos) I(ovis) D(olicheni) ad leg(ionem) s(upra) s(criptam) v(oto) l(ibens) m(erito) p(osuit).

Auf diesem Altar, der vermutlich aus der Regierungszeit des Septimius Severus stammt, 129 wurde dem Iuppiter Dolichenus, der Dea Syria Magna Caelestis sowie dem Heil der immerwährenden römischen Herrschaft und jenem der dreizehnten Legion geopfert. Iuppiter Dolichenus, der im kommagenischen Doliche im Norden der Provinz Syria sein Zentralheiligtum hatte, war für seine Anhänger die Verkörperung grösster göttlicher Macht, was im Bild durch Attribute wie das Blitzbündel, die Doppelaxt, den Ochsen, Panzer und Schwert usw. vermittelt wurde. Er war der conservator totius poli, der Erhalter der gesamten Welt, wie es in einer Inschrift aus der Stadt Rom heisst. 130 In dieser Aufgabe wurde der Gott von seinen Verehrern als Partner des römischen Kaisers verstanden, denn dieser garantierte bereits seit Caesar und Augustus ebenfalls die bestehende Ordnung. 131

Empire (2007) 23–43. RIU II 410 (Brigetio): I(ovi) O(ptimo) M(aximo) e(t) Iunoni regin(a)e /

pro salutem(!) imperi

Aug(usti) / [et securi]tatis impe[ri]

Vgl. auch ILS 4424. Besonders häufig finden sich

CIL III 10433 (Aquincum): [Libero et Li]berae [-] / [pro salu]te

solche Weihungen im dakischen Apulum: ILS 4006 = IDR III 5, 185: I(ovi) O(ptimo)

M(aximo) / et consessui deo/rum dearumque pro salute imperii / Romani et virtute leg(ionis)

XIII G(eminae)

(siehe auch IDR III

IDR III 5, 356: - In]/victo pro sa/lute imp(erii) p(opuli)q(ue) R(omani)

5, 357). ILS 364 = IDR III 5, 364: Veneri Vic/trici pro sal(ute) / imperi et s(enatus)

p(opuli)q(ue) R(omani)

Der selbe Wortlaut auch auf ILS 3802 = IDR III 5, 367 (für die

IDR III 5, 208: I(ovi) O(ptimo) M(aximo) / Cimiste/no pro sa/lute imperi

Virtus Romana) und auf IDR III 5, 388 (der Name der Gottheit ist weggebrochen).

128 AE 1965, 30 = AE 1972, 460 = AE 1975, 719 = IDR III 5, 221.

129 I. Piso (IDR III 5,1 S. 172) schlägt eine Datierung in die Zeit des Septimius Severus vor, jedenfalls aber vor dem Jahre 214, wegen der peregrinen Namensform des Priesters und des fehlenden kaiserlichen Beinamens der Legion. Zu dieser Datierung passt auch die Ehrung der (Iuno) Caelestis, die in Dakien unter Septimius Severus offenbar besonders häufig vorkam. Dazu M. B rbulescu , Africa Romana 10 (1994) 1320ff.

130 ILS 4316. Siehe auch AE 1940, 80.

131 In den Formulierungen der Inschriften z.B. IG XII 5, 557 (Karthaia, Caesar): tÚn yeÚn ka‹ aÈtokrãtora ka‹ svt ra t w o koum°nhw. ILS 140 (Pisa, Augustus): custos imperi

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Das wurde auf den offiziellen Siegeln von Doliche auch ganz deutlich im Bild gezeigt, denn hier sieht man den bärtigen Iuppiter Dolichenus mit Doppelaxt oder Blitzbündel in der Linken, wie er dem ihm gegenüberstehenden römischen Kaiser, der im Muskelpanzer in seiner Rolle als Imperator und militärischer Ober- befehlshaber dargestellt ist, die Hand reicht. 132 Gerade seit der Zeit, aus der diese Inschrift stammt, häuft sich die Verbindung des Kaisers mit dem römischen Iuppiter Conservator in der Münzprägung und mehrere Inschriften bezeugen, dass die Kaiser selbst, vor allem seit Septimius Severus, ausdrücklich als conservator orbis verehrt wurden. 133 Von Iuppiter erhielt der Kaiser mit der Herrschaft das Szepter, dessen Zauber-Schutz sich gerade auch auf das Heer erstreckte. 134 Der Kaiser war somit auch nach offizieller römischer Ansicht der Partner Iuppiters und gleichsam sein Stellvertreter auf Erden. 135 Auch diese kaiserzeitliche Anschauung hatte ihre Wurzeln in der Regierungszeit des Augustus. Dem Iuppiter Optimus Maximus galt aber auch der zentrale Kult in jeder Legion, deren wichtigstes Symbol bekanntlich seit Marius Iuppiters Adler war. 136 Inschriften auf bronzenen Schwertgürtelbeschlägen (der Fahnenträger?) verkündeten deshalb die Hoffnung der Soldaten, Iuppiter möge sie schützen: Optime Maxime, conserva numerum omnium militantium! 137 Iuppiter und der Kaiser hatten somit die selbe Aufgabe zu erfüllen: das Heer und mit seiner Hilfe das Reich zu bewahren.

Romani totiusque orbis terrarum. Chr. Schuler, Chiron 37 (2007) 383ff. (Tyberissos, Augustus): §pÒpthw g w ka‹ yalãsshw. IGRR III 719 (Andriake, Augustus): aÈtokrãtora g w ka‹ yalãshw (sic), tÚn eÈerg°t[hn] ka‹ svt ra toË sÊnpanto[w] kÒsmou. Das selbe Formular ebendort auch für Tiberius: IGRR III 721. CIL II 5, 748 = CIL II 2038 (Anticaria, Tiberius): princeps et conservator. SEG 41, 328 (Messene, Tiberius): ègem n toË pantÚw kÒsmou. Syll. 3 814 Z. 31 (Akraiphia, Nero): ı toË pantÚw kÒsmou kÊriow. Als despÒthw oder kÊriow g w ka‹ yalãsshw und ähnlich wurden etwa auch Traian (I.Pergamon 395ff.), Hadrian (TAM V 1231) oder Caracalla (F. Goddio / A. Bernand / E. Bernand, ZPE 121 [1998] 131–143, dort 136 Nr. 1 und 2 sowie IGLS I 1063 auch kosmokrãtor. IGLS I 1064:

svtÆr t w ˜lhw o koum°nhw) etc. verehrt.

132 Dazu zuletzt G. Heedemann, in: E. Winter (Hg.), PATRIS PANTFOROS KOMMAGHNH. Asia Minor Studien 60 (2007) 101f.

133 Iuppiter Conservator: siehe nur die zahlreichen Beispiele in RIC, BMC etc. Inschriften:

H. Finke, 17. BerRGK (1927) 96 (Aventicum, Septimius Severus): conservat[ori] orb[is]. IRT 387 (Lepcis Magna, Septimius Severus): conservatori orbis. ILS 579 (Brixia, Aurelian):

conservatori orbis. IGLTyr 22 (Tyrus, Diokletian): conservatori et propagatori orbis imperique Rom(ani). ILS 691 (Cirta, Konstantin d.Gr.): conservatori t[otius orbis]. Siehe aber auch bereits CIL II 5, 748 = CIL II 2038 (Anticaria, Tiberius): princeps et conservator. Siehe auch die Bezeichnung rector orbis auf Münzen dieser Zeit (Didius Julianus, Septimius Severus, Caracalla, Elagabal).

134 Speidel (Anm. 72) 83ff.

135 A. Alföldi, Die monarchische Repräsentation im römischen Kaiserreiche (1970) 220ff. 228ff. Ders., AJA 63 (1959) 17. Speidel (Anm. 72) 83ff.

136 Plin., N.H. 10,16. Zu Iuppiter und dem Heer vor Marius siehe etwa Cic., Div. 1,35,77.

137 Z.B. AE 1912, 291. AE 1938, 36. AE 1966, 618. AE 2000, 1093. H. Ubl, in: Mitt. d. Museumsv. Lauriacum Enns 35 (1997) 11–21. R. MacMullen, Changes in the Roman Empire, Essays in the Ordinary (1990) 111. Siehe auch AE 1978, 525. IGLS 13, 9014.

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Die Göttin Dea Syria, die sich als eine orientalische Sonderform der Juno verstehen liess, war in ihrer traditionellen Gestalt (Astarte) das weibliche Gegen- stück zum nordmesopotamischen Wettergott Hadad, auf den seinerseits der Iuppiter Dolichenus der Kaiserzeit zurückgeht. 138 Sie steht hier also für Juno Dolichena ein, mit der sie in diesem Fall offenbar gleichgesetzt wurde. Die syrische Gottheit wurde in unserer Inschrift zudem mit der kleinasiatischen Magna Mater (Cybele) und der nordafrikanischen (Iuno) Caelestis (Tanit) verbunden. 139 Für die im römischen Heer dienenden Anhänger des Welterhalters Iuppiter Dolichenus war die Verehrung ihres Gottes in Verbindung mit der gleichzeitigen Hoffnung auf das Wohl der immerwährenden römischen Herrschaft somit besonders sinnvoll, denn er und seine Göttin sollten, genau wie (oder in Zusammenarbeit mit) Kaiser und Kaiserin, der mater castrorum, die bestehende Ordnung erhalten. Ein Teil dieser Ordnung und gleichzeitig ein Mittel, sie zu erhalten, war auch die dreizehnte Legion, deren Wohlergehen deshalb ebenfalls Teil des Gelübdes war, das der Priester Flavius Barhadadi mit der Errichtung dieses Altars einlöste. Die Heimat des Flavius Barhadadi lag, wie der semitische Name seines Vaters, Barhadad, 140 nahe legt, im Nahen Osten, woher auch die meisten übrigen Dolichenuspriester stammten. 141 Die peregrine Form seines Namens ist ein Hinweis darauf, dass er nicht im Besitz des Römischen Bürgerrechts war und deshalb wohl auch nicht zu den Soldaten der dreizehnten Legion zählte. Dafür spricht auch die Formulierung s(acerdos) I(ovis) D(olicheni) ad leg(ionem) s(upra) s(criptam). 142 Vielleicht war er zu einem Zeitpunkt zur dreizehnten Legion gekommen, als eine Abteilung ihrer Soldaten durch sein Heimatgebiet zog, 143 denn gerade an den Partherkriegen des Septimius Severus haben Soldaten der legio XIII Gemina aus Apulum nachweislich teilgenommen. 144 Es ist sogar durch-

138 Lukian, De Dea Syria. Allgemein etwa M.P. Speidel, Jupiter Dolichenus. Der Himmelsgott auf dem Stier (1980).

139 Zur (Iuno) Caelestis in Dakien B rbulescu (Anm. 129) 1320ff. mit dem Hinweis auf ihre besondere Verbreitung unter Septimius Severus.

140 Zum Namen siehe J.K. Stark, Personal Names in Palmyrene Inscriptions (1971) 11. 65. R. Wuthnow, Die semitischen Menschennamen in griechischen Inschriften und Papyri des vorderen Orients (1930) 12.

141 Speidel (Anm. 138) 46.

142 So auch Piso (Anm. 129) S. 172. Zwingend ist dies hingegen nicht, da in seltenen Fällen Legionssoldaten im dritten Jahrhundert in ihren Inschriften auch peregrine Namensformen trugen: siehe z.B. G. Alföldy, Römische Heeresgeschichte (1987) 368ff. Zu Priestern im römischen Heer siehe jetzt auch E.L. Wheeler, in: V.E. Hirschmann / A. Krieckhaus / H.M. Schellenberg (Hg.), A Roman Miscellany: Essays in Honour of Anthony R. Birley on His Seventieth Birthday (2008).

143 Zu dieser Art der Rekrutierung siehe den Beitrag «Soldaten für ferne Provinzen» (III.).

144 Siehe z.B. AE 1941, 161 = IK 55, 55 (Tyana, Cappadocia). AE 1983, 916 (Ephesos, Asia). AE 1993, 1576 (Apamea, Syria). CIL III 267 (Ankyra, Galatia). CIL III 7041 (Augustopolis,

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aus möglich, dass Flavius Barhadadi unmittelbar aus der Umgebung des Zentral- heiligtums seines Gottes im kommagenischen Doliche stammte, 145 denn einerseits war der Name Barhadad dort heimisch 146 und andererseits zeigt ein noch unver- öffentlicher Soldatengrabstein aus der näheren Umgebung von Doliche, 147 dass Soldaten der legio XIII Gemina hier unter Septimius Severus (oder in der ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts?) Station gemacht hatten. Vielleicht traute man den Priestern, die aus der Umgebung des zentralen Heiligtums dieses Gottes stammten, besondere Kenntnisse oder Fähigkeiten im Umgang mit dem komma- genischen Gott zu. Vor allem aber war der Name Barhadad («Sohn des Hadad» = «Sohn des Iuppiter Dolichenus») für einen Anhänger des kommagenischen Gottes besonders bedeutungsvoll und so sind noch zwei weitere seiner Priester bekannt geworden, die diesen Namen trugen. 148 Wie der Text zeigt, war es damals nicht nur möglich sondern offensichtlich erwünscht, dass ein peregriner Priester aus dem Nahen Osten einem orientalischen Götterpaar mit kleinasiatischen und nordafrikanischen Zügen im dakischen Apulum für das Heil des immerwährenden Römischen Reiches und für dasjenige einer Legion tätig war, in der Römische Bürger vor allem aus dem unteren Donauraum aber auch aus weiter entfernten Reichsteilen dienten. Die Soldaten Roms verehrten hier wie andernorts den Gott eines Landes, gegen das Rom einst Krieg geführt hatte, 149 als den Bewahrer ihrer Welt und als den Partner ihres Kaisers. 150 Der peregrine Orientale war seinerseits bereit, sich in Dakien in den Dienst einer römischen Legion zu stellen und seine priesterlichen Fähigkeiten zum Wohl dieser Einheit und für den ewigen Erhalt des gesamten Römischen Reiches einzusetzen. In den acht Zeilen dieses Altars tritt damit ein auch sonst in dieser Zeit oft ausgedrücktes Verständnis zutage, nach dem das immerwährende Fortbestehen dieses sowohl von kultureller Vielfalt als auch von einer überge- ordneten Einheit geprägten Staates seinen Bewohnern überaus wünschenswert erschien. Die Erfüllung dieses Wunsches erwartete man von der Hilfe der Götter, vom Kaiser und vor allem vom römischen Heer. Zweifellos bestand ein wesent- licher Ansporn für die Soldaten, diese Erwartungen zu erfüllen, auch darin, dass

Phrygia). SEG XLV 1699 (Bakikhisar, Galatia). Ferner: E. Ritterling, RE XII (1925) 1721. I. Piso, in: Y. LeBohec (Hg.), Les légions de Rome sous le Haut-Empire (2000) 223.

145 Zu den jüngsten Grabungs- und Feldforschungsergebnissen vom Dülük Baba Tepesi siehe E. Winter (Hg.), PATRIS PANTFOROS KOMMAGHNH. Asia Minor Studien 60 (2007).

146 Siehe etwa CCID 3 sowie das Militärdiplom RMD IV 307 vom 29.11.221 für den Flottensoldaten C(aio) Iulio Barhadati fil(io) Montano Dolich(e) ex Syr(ia) / vico Araba.

147 Die Kenntnis von diesem Grabstein verdanke ich M. Facella (Pisa). Ihr sei hier dafür nochmals herzlich gedankt.

148 Ein Mann namens Aquila Barhadados war im Jahre 183 Priester des Iuppiter Dolichenus in Rom: AE 1940, 72. Ein Aurelius Baradados ist als Priester dieses Gottes am Zentralheiligtum in Doliche bezeugt: CCID 3.

149 Siehe dazu den Beitrag «Early Roman Rule in Commagene».

150 Zur Verehrung des Iuppiter Dolichenus im römischen Heer siehe Speidel (Anm. 138).

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sie sich selbst als Teil der römischen Welt verstanden, die zu schützen sie von Kaiser und Göttern beauftragt waren, dass diese Welt der einzig vorstellbare Lebensraum für sie selbst, ihre Familien, Freunde und Verwandten bildete, und dass sie an den Errungenschaften und Annehmlichkeiten dieser Welt teilhaben wollten. 151 Wenn es unter den Zivilisten offenbar nicht wenige gab, die die Härte des Heeresdienstes für nicht ausreichend hielten, und die das Soldatenleben gerne von mehr Strenge geprägt gewusst hätten, 152 so waren sich Soldaten und Zivilisten im Reich jedenfalls über den Auftrag der Armee, das Reich als sicheren und friedlichen Lebensraum zu erhalten, offenbar einig. Die jahrhundertelange, weitgehend erfolgreiche Erfüllung dieses Auftrags mit einem, im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung des Reiches kleinen und für die meisten Reichsbewohner während der Hohen Kaiserzeit in ihrem Alltag kaum sichtbaren Heer 153 hat zweifellos wesentlich zur Akzeptanz der römischen Herrschaft insgesamt beigetragen. Viele mögen deshalb so gedacht haben, wie der aus der Provinz Asia stammende griechische Redner P. Aelius Aristides, der den Erfolg des Römischen Reiches um die Mitte des zweiten Jahrhunderts in seiner berühmten Romrede als das Ergebnis der römischen Herrschaftsprinzipen und der Herrschaftspraxis beschrieb. Denn das römische Heer, das Aristides für seine Schlagkraft, seine Organisation, seine Zusammensetzung und für sein Leistungs- prinzip bewunderte, lobte er vor allem dafür, dass es an weit entfernten Grenzen die Sicherheit des Reiches bewahrte und damit den Städten und den Reichs- bewohnern im Inneren ein friedliches Leben ermöglichte. 154 Die Erhaltung der immensa Romanae pacis maiestas war nach dieser Ansicht die gewohnte Aufgabe (solita munia) des kaiserzeitlichen Soldaten, wie er aus der militärischen Neu- ordnung des Augustus hervorgegangen war. 155 Wie bei jeder grösseren Gemein- schaft von Menschen waren freilich auch dieser Welt Fehltritte und wider- rechtliches Verhalten einzelner oder mehrerer nicht fremd. Klagen über Selbst- bereicherung, Korruption und Machtmissbrauch römischer Soldaten und Offiziere sind ebenso mehrfach und für nahezu alle Abschnitte der Kaiserzeit überliefert wie Bürgerkriege, unfähige Heerführer und Niederlagen auf dem Schlachtfeld. Augustus’ neues Reichskonzept und seine Massnahmen zur Umwandlung des Heeres hatten jedoch einen wesentlichen Anteil daran, dass der Alltag im Heer und im Römischen Reich der Kaiserzeit nicht hauptsächlich dadurch, sondern vor allem durch militärische Erfolge, insgesamt friedliche Zustände und eine aussergewöhnlich dauerhafte Stabilität geprägt war.

151 Siehe dazu die Beiträge «Das römische Heer als Kulturträger» (IV. und V.) und «Dressed for the Occasion».

152 Dazu Carrié (Anm. 7) sowie die Beiträge «Das römische Heer als Kulturträger» (III. V.), «Soldaten und Zivilisten im Römischen Reich» (II.) und «Heer und Strassen».

153 Siehe dazu den Beitrag «Soldaten und Zivilisten im Römischen Reich» (I.).

154 Ael. Arist., Or. Rom. 67. 69–89. 97.