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FOTOS: YURI KOZYREV/NOOR / DER SPIEGEL (O.); CARLOS SPOTTORNO / DER SPIEGEL (U.)

/ DER SPIEGEL (O.); CARLOS SPOTTORNO / DER SPIEGEL (U.) Das deutsche Nachrichten-Magazin Das deutsche

Das deutsche Nachrichten-Magazin

Das deutsche Nachrichten-Magazin

Hausmitteilung

Betr.: Russland, Titel, Flüchtlinge

Traufetter, Schepp, Setschin
Traufetter, Schepp, Setschin

D ie Männer im Machtzirkel von Wla- dimir Putin geben Medien aus dem

Westen eigentlich keine Interviews. Als besonders scheu gilt Igor Setschin, Chef des Energieriesen Rosneft und der nach Putin wohl mächtigste Mann im Land. Umso überraschender kam das plötz- liche Einverständnis Setschins, sich den SPIEGEL-Redakteuren Matthias Schepp und Gerald Traufetter zu stellen. Im

Interview wettert Setschin gegen den Westen, vor allem gegen die Amerikaner. „Die schweren Vorwürfe sind ein Symptom, wie verfahren die Lage in der Ukraine ist“, sagt Schepp. Längst seien es nicht mehr nur Freiwillige, die Russland über die Grenzen sende, sondern, nach Schätzungen der Nato, mehr als tausend reguläre Soldaten – eine gefährliche Eskalation. Die Entwicklung beobachten für den SPIEGEL neben Schepp und Autor Christian Neef noch drei weitere Kol- legen im Land, von Donezk bis Sibirien. Redakteure in Berlin und Brüssel be- schreiben, was die Verschärfung der Krise für die Bundeskanzlerin und die Nato bedeutet. Setschin schlug am Ende seines Interviews noch versöhnliche Töne an, er zitierte aus dem Buch der Prediger: „Und ich richtete mein Herz darauf, dass ich lernte Weisheit und erkennte Tollheit und Torheit.“ Seiten 20, 62, 80

A nfangs dachte SPIEGEL-Redakteur Jörg Schindler noch an „Monty Python“:

Der „Verein zur Verzögerung der Zeit“ will den hektischen Alltag verlang-

samen – indem man etwa einen Sonnenaufgang nahezu in Echtzeit nachstellt oder Liegestühle in Fußgängerzonen schleppt. So schräg die Aktionen sind, so ernst gemeint ist die Frage: Warum haben wir es immer eiliger? Und trotzdem keine Zeit? Was Schindler darüber zusammentrug, in Gesprächen mit Soziologen, Psychologen, Arbeitsmedizinern, wurde zum zentralen Kapitel seines soeben er- schienenen Buches „Stadt, Land, Überfluss“ – und zur Titelgeschichte dieser Aus- gabe. Schindlers Recherche blieb übrigens für ihn nicht ohne Folgen: Als er den Vereinsvorstand der „Zeitverzögerer“, Martin Liebmann, dringend sprechen wollte, musste er zur Kenntnis nehmen, dass der im Urlaub unerreichbar war – und zwar prinzipiell. Schindler fand das fast schon vorbildlich. Seite 114

Popp an Grenzzaun in Nordafrika
Popp an Grenzzaun in Nordafrika

F ünf Wochen lang bereisten SPIEGEL- Redakteur Maximilian Popp und

Fotograf Carlos Spottorno die Grenzbe- festigungen Europas. Popp interviewte Politiker und Grenzschützer in Grie- chenland und Spanien, sprach mit Schleusern und Flüchtlingen in der Tür- kei, Marokko und Ungarn. Das Fazit, überraschend einhellig: So kann es nicht

weitergehen. An den Grenzen Europas hat sich ein System etabliert, das Ab- schottung praktiziert und Tragödien hervorbringt. Die EU riegelt den Kontinent ab, nicht zuletzt indem sie die Arbeit der Abschreckung delegiert, an Nachbar- staaten und gegen Bezahlung – etwa an Marokko. Dabei gäbe es durchaus noch

Möglichkeiten, erfuhr Popp, legale Wege zu eröffnen, qualifizierte Arbeitskräfte zu holen, Ärztinnen aus Syrien, Ingenieure aus Iran. Damit würde die illegale Einwanderung nicht völlig verhindert; aber das Leid an den Grenzen Europas

Seite 48

könnte gelindert werden.

FOTOS: MAXIM SHEMETOV / REUTERS (O.); ULLSTEIN BILD (M.L.); STEFFEN JÄNICKE / DER SPIEGEL (U.L.); PATRICK HARBRON/NETFLIX/COURTESY EVERETT COLLECTION/ACTION PRESS (U.R.)

Die heimliche Invasion Ukraine US-Satellitenbilder und zahlreiche Indizien deuten darauf hin, dass russische Sol-
Die
heimliche
Invasion
Ukraine US-Satellitenbilder
und zahlreiche Indizien deuten
darauf hin, dass russische Sol-
daten in der Ostukraine kämp-
fen. Präsident Putin leugnet
und provoziert den Westen.
In der Nato wächst der Druck
auf Kanzlerin Merkel, aktiv
zu werden. Seiten 20, 62, 80
auf Kanzlerin Merkel, aktiv zu werden. Seiten 20, 62, 80 Klagen gegen Hauskredite Finanzen Der Bankenbranche

Klagen gegen Hauskredite

Finanzen Der Bankenbranche droht eine Klagewelle: Viele Immobilienkreditverträge, die zwischen 2002 und 2010 abge- schlossen wurden, sind vor Gericht anfechtbar – deshalb können Kunden ihre Darlehen kündigen. Immer mehr Men- schen nutzen die Situation, um teure Altkredite loszuwerden und von den zurzeit niedrigen Zinsen zu profitieren. S. 70

den zurzeit niedri gen Zinsen zu profitieren. S . 7 0 Heimat für moderne Hippies Stadtplanung
den zurzeit niedri gen Zinsen zu profitieren. S . 7 0 Heimat für moderne Hippies Stadtplanung

Heimat für moderne Hippies

Stadtplanung Die Betreiber

der Bar 25 haben das exzessive Berliner Nachtleben geprägt, nun aber wollen sie vernünftig werden. Sie verhandeln mit Behörden, um sich den Bau ei- nes ganzen Stadtviertels an der Spree genehmigen zu lassen. Das Quartier soll dem Lebens- gefühl geschäftsbewusster Hip- pies entsprechen. Seite 124

Hip- pies entsprechen. S e i t e 1 2 4 Der berechnete Zuschauer Fernsehen Durch

Der berechnete Zuschauer

Fernsehen Durch Serien wie „House of Cards“ mit Kevin Spacey als skrupellosem Politiker wurde der Onlinedienst Net- flix weltweit bekannt und erfolgreich. Das Unternehmen liefert Fernsehfilme zu jeder Zeit auf jedes Gerät. Eine Software berechnet, was den Kunden gefallen könnte, und macht passende Angebote. Nun startet Netflix in Deutschland. Seite 74

BENOIT TESSIER / REUTERS (M.); INGO PERTRAMER / DER SPIEGEL (U.)

FOTOS: WERNER SCHUERING / DER SPIEGEL (O.);

Titel

114 Alltag Warum der

moderne Mensch immer mehr Zeit spart – und doch immer weniger davon hat

Deutschland

14 Leitartikel Soll der Westen

mit Assad gegen den „Islamischen Staat“ vorgehen?

16 Ex-Bundeswehrsoldaten

im Dschihad / Polizei zahlt keine Miete mehr / Machnig wird Staats- sekretär / Kolumne: Die Klassensprecherin

20 Regierung Nach dem

Scheitern von Kanzlerin Merkels Telefondiplomatie drängen die Hardliner in der Nato auf einen schärferen Kurs gegenüber Wladimir Putin

23 Verteidigung Jens

Stoltenberg, designierter Nato-Generalsekretär, meidet Konflikte

24 Europa Warum der

Konflikt um die deutsche

Asyl Die EU rüstet ihre

Außengrenzen gegen Flüchtlinge auf – und bezahlt Nachbarstaaten für die Abschreckung

58 Homestory Was man als

Deutscher in Amerika so alles erklären muss

48

Wirtschaft

60 Schäubles Angst vor

teureren Schulden / Neues Angebot der Bahn im Tarifkonflikt / Der Preis der Ikea-Garantie

62 Energie Putins Chef-

Oligarch Igor Setschin wehrt sich im SPIEGEL-Gespräch gegen die Sanktionen des Westens und verspricht siche- re Gaslieferungen für Europa

67 Lufthansa Die wahren

Ursachen des Pilotenstreiks

70 Immobilien Banken

fürchten eine Kündigungswelle bei Baukrediten

72 Geldanlage Ein BMW-

Manager zockte vermögende Autokunden ab

Sparpolitik wieder

entbrannt ist

Medien

28 Interview EU-Parlaments-

präsident Martin Schulz erklärt die Franzosen

30 Parteien Wie die

Maut die Union spaltet

34 Kabinett Eine Task-

force im Kanzleramt plant das Regieren mit Psychotricks

36 Hauptstadt Wowereits

angekündigter Rückzug legt das Elend der Berliner Sozialdemokratie offen

37 Kandidaten Berlins SPD-

Fraktionschef Raed Saleh über den Kampf um die Nach- folge im Bürgermeisteramt

39 Familie Über Jahre

ließ die Bundesregierung die Familienpolitik eva- luieren – und ignoriert nun das Ergebnis

40 Zeitgeschichte Warum

gelten Zwangssterilisierte bis heute rechtlich nicht als NS-Opfer?

44 Jagd Frauen und

Städter erklimmen die Hochsitze

Gesellschaft

46 Sechserpack: Globales

Frühstück / Böse Gästekommentare und ihre Folgen

47 Ein Video und seine

Geschichte Wie ein

erbkrankes Mädchen

gemobbt wurde

73 Streit um „Wetten,

dass

muss Entschädigung zahlen /

Amazons Spielestrategie

74 Fernsehen Der Deutsch-

landstart des US- Erfolgskonzerns Netflix

?“-Pleite / „Bunte“

Ausland

78 Der Grieche Stavros

Theodorakis über den Erfolg

seiner Partei To Potami / Kampf um Mugabes

Nachfolge in Simbabwe

80 Ukraine Krieg ohne Kriegs-

erklärung – Putins gezielte

Provokationen und Lügen

85 Großbritannien Die Miss-

brauchten von Rotherham

86 Türkei Snowden-Doku-

menten zufolge spionieren der US-Geheimdienst NSA und der britische Dienst GCHQ seit Jahren die türki- sche Führung aus

88 Ägypten SPIEGEL-

Gespräch mit Außenminister Samih Schukri über die israelisch-palästinensischen Friedensverhandlungen und die Regierung von Präsi-

dent Sisi

94 Österreich Was treibt

Sebastian Kurz, den jüngsten Außenminister der Welt?

98 Global Village Warum im

südafrikanischen Kleinfontein 20 Jahre nach Ende der Apartheid nur Weiße wohnen

Sport

99 Bayern-Trainer Pep Guar- diola und seine Schuld am Champions-League-Aus gegen Real Madrid / Jérôme Cham- pagne, der einzige Herausfor- derer von Fifa-Chef Blatter

100 Fußball Video-Schieds-

richter sollen das Spiel gerechter machen

103 Automobile Elektrorenn-

wagen bringen den Motorsport in die Metropolen

Wissenschaft

104 Schlechte Vorbereitung

der Airlines auf Vulkan- ausbrüche / Industrienationen müssen Ebola stoppen

106 Geschichte Seeleute,

Händler, Räuber – in Berlin startet die bislang aufwendigs- te Wikinger-Ausstellung

109 Internet Strenges Copy-

right beschränkt die digitale

Weltbibliothek

110 Schicksale Wie ein Mann

das Hospiz überlebte

113 Katastrophen Ein Buch

will das Rätsel um den ver- schollenen Flug MH370 lösen

Kultur

122 Der verunglückte Holo-

caust-Roman des britischen

Autors Martin Amis / Ein Kinofilm zeigt Oralverkehr und löst damit einen Porno- grafieprozess aus / Kolumne:

Besser weiß ich es nicht

124 Stadtplanung Berliner

Clubbetreiber planen neues Viertel in der Hauptstadt

128 Kino Regisseur David

Cronenberg über den faulen

Zauber Hollywoods

130 Übersetzungen Wie ein

amerikanischer Bestseller durch seine Übertragung ins Deutsche Schaden nahm

134 Literatur Dem Dichter

Lutz Seiler ist mit seinem ers- ten Roman ein würdiges Gegenstück zu Thomas Manns „Zauberberg“ gelungen

137 Ausstellungskritik Die

südafrikanische Künstlerin Marlene Dumas wird end- lich mit einer großen Retro- spektive geehrt

10

Briefe

133

Bestseller

138

Impressum, Leserservice

139

Nachrufe

140

Personalien

142

Hohlspiegel/Rückspiegel

Wegweiser für Informanten:

www.spiegel.de/briefkasten

In diesem Heft

für Informanten: www.spiegel.de/briefkasten In diesem Heft Raed Saleh, Fraktionschef der Berliner SPD, möchte Klaus

Raed Saleh,

Fraktionschef der Berliner SPD, möchte Klaus Wowereit als Regierenden Bürgermeis- ter beerben. Saleh, gebürtiger Palästinenser, will die Haupt- stadt zum Integrationsmodell ausbauen. Seite 37

Haupt- stadt zum Integrationsmodell ausbauen. Seite 37 David Cronenberg, kanadischer Regisseur, hat eine Satire

David Cronenberg,

kanadischer Regisseur, hat eine Satire über die US-Film- welt gedreht. Im Interview sagt er: „Selbst Menschen, die intelligent und belesen sind, werden von Hollywood vergiftet.“ Seite 128

sind, werden von Hollywood vergiftet.“ Seite 128 Sebastian Kurz, mit 28 Jahren jüngster Außen - minister

Sebastian Kurz,

mit 28 Jahren jüngster Außen- minister der Welt, fliegt Eco- nomy, lässt sich gern duzen und will Österreichs Position in Europa stärken. Was treibt den Mann an? Seite 94

Briefe „Wenn fast 40 Prozent der Deutschen dem antisemitischen Mordwahn verfallen waren, ist es wohl

Briefe

„Wenn fast 40 Prozent der Deutschen dem antisemitischen Mordwahn verfallen waren, ist es wohl zu verstehen, dass eine Verurteilung Schuldiger wegen Massenmords nicht stattfand. Umso wunderbarer sind die Taten der wenigen heroischen Menschen, die unter Einsatz ihres Lebens Verfolgte retteten.“

Richard Marx, München

Fassungslos sprachlos

Nr. 35/2014 Die Akte Auschwitz – Schuld ohne Sühne:

Warum die letzten SS-Männer davonkommen

Selten habe ich einen ebenso erschüttern- den wie wütend machenden Artikel in ei- ner so komprimierten Form gelesen. Dafür gebührt dem Verfasser ein großes Lob. Es ist geradezu lächerlich, wie man in einer Großaktion greisen ehemaligen SS-Scher- gen nachstellte. Und es ist mehr als be- schämend, dass unsere Justiz nach diesen Jahren des Horrors keine Mittel fand, die Verantwortlichen zügig zur Rechenschaft zu ziehen. Nein, diese menschenverach- tenden Verbrecher fanden auch noch nach ihren Gräueltaten berufsmäßige Verwen- dung in deutschen Behörden. Unfassbar.

Horst Winkler, Herne (NRW)

Es ist ja löblich, dass der SPIEGEL die Ver- säumnisse der deutschen Justiz bei der Aufarbeitung des Holocaust untersucht. In Zeiten, da sich die Krisen in schwindeler- regendem Tempo verselbstständigen, soll- te der Blick aber nach vorn gerichtet sein. Wann befassen Sie sich endlich in einem Titel mit dem „Urkonflikt“ des Nahen Os- tens, der israelischen Politik in Palästina?

Ingo Budde, Achim (Nieders.)

Als ein Überlebender des Gettos Litz- mannstadt und des KZ Buchenwald be- danke ich mich für Ihre Ausgabe zu Ausch- witz. Niemals zuvor hat es einen solchen Massenmord gegeben. Aber was ist mit den Nachkommen der Einsatzgruppen, die heute ebensolche Antisemiten sind wie ihre Großväter?

Siegfried Buchwalter, Baltimore (USA)

Mag sein, dass eine entschlossene Verfol- gung der Verbrechen gegen die Mensch- lichkeit wenig dagegen hätte ausrichten können, dass 70 Jahre nach Auschwitz Rufe wie „Hamas, Hamas, Juden ins Gas!“ in deutschen Großstädten zu hören sind, dass hierzulande im Jahr 2014 Israelfreun- de beleidigt und geschlagen werden und vor wenigen Wochen in Wuppertal ein Brandanschlag auf eine Synagoge verübt wurde. Es bleibt jedoch wichtig zu sagen:

Antisemiten dürfen sich in Deutschland nicht wohlfühlen.

André Beßler, Bremen Mitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft

Als langjähriger Leser stelle ich die Frage:

Wann endlich schließt der SPIEGEL die „Akte“ und bringt auf der Titelseite keine

Themen mehr aus der NS-Zeit? Die Welt hat reichlich dringende aktuelle Probleme. Das soll nicht heißen, dass Artikel zur Zeit- geschichte, auch solche, die sich mit der Aufarbeitung der NS-Zeit befassen, unter- bleiben sollen.

Roland Kiesewetter, Hamburg

Ich gebe zu, als ich den Titel des SPIEGEL dieser Woche sah, dachte ich: na, wieder mal dieses Thema. Doch nach der Lektüre des hervorragend recherchierten und auf- wühlenden Artikels bin ich fassungslos, sprachlos, wütend. Mir war das Ausmaß der geheuchelten Ignoranz, bewussten Verdrehungen, Verharmlosungen und in vielen Fällen zynischen und die Opfer im Nachhinein herabwürdigenden sogenann- ten Urteile gegen Beteiligte des NS-Re- gimes nicht bewusst. 0,48 Prozent – diese Zahl zum Anteil der verurteilten SS-An- gehörigen, die im KZ Auschwitz tätig wa- ren, wird mir ewig im Gedächtnis bleiben. Sie beschämt und verstört.

Lutz Jäkel, Berlin

Wenn, wie Sie schreiben, der erste deut- sche Bundeskanzler Israel dazu drängte zu akzeptieren, dass die Bundesrepublik die NS-Strafverfolgung einstellt, frage ich mich, wie man so einen Mann noch ehren kann – und ob jene Partei mit dem großen C am Anfang nicht ihrer parteinahen Stif- tung einen anderen Namen geben sollte. Der Begriff „Massenmord“ beschönigt das Jahrhundertverbrechen. Es handelte sich um ein systematisches Zu-Tode-Foltern von Millionen Menschen. So war es ein moralisches Verbrechen, die Strafverfol- gung der NS-Täter einstellen zu wollen.

Ulf Pape, Berlin

Seit Bundeskanzler Adenauer zählt es leider zu den Konstanten dieser Republik, dass die Opfer der NS-Herrschaft um ihre Rechte kämpfen müssen, während man nicht wenigen belasteten Tätern eine ge- neröse Pension gewährt. Daher kann man gar nicht genug über diese in der Tat „zweite Schuld“ sprechen.

Rasmus Helt, Hamburg

Der Bericht ist hervorragend recherchiert und sichtlich um Objektivität bemüht. Zwei Punkte gilt es dennoch anzuspre- chen: Richtig ist, dass die Initiative für die Vorermittlungen gegen John Demjanjuk von Thomas Walther ausging und er hier richtungsweisend tätig war. Völlig unver- ständlich ist demgegenüber der Vorwurf

„intellektueller Trägheit“ der Kollegen. Herr Walther war nur deshalb in der Lage, den Fall Demjanjuk gründlich zu recher- chieren, weil ich ihn über Monate hinweg von sämtlichen übrigen Aufgaben freistell- te, die dann von diesen ihm in puncto geistlicher Beweglichkeit ebenbürtigen Kollegen – klaglos – erfüllt werden muss- ten. Meine Aussage, Auschwitz sei bei der Justiz gedanklich abgeschlossen gewesen, gründet sich auf dem Urteil des Bundes- gerichtshofs zu Auschwitz 1969. Eine der- art eindeutige Aussage des obersten deut- schen Gerichts ist für die Ermittlungs- behörden nach einer Rechtsauffassung bindend, nach einer anderen zumindest richtungsweisend. Bei uns kontrolliert die Rechtsprechung die Exekutive, nicht um- gekehrt. Ich habe in all den Jahren keine Kritik seitens der Wissenschaft an diesem Urteil vernommen. Erst jetzt – nach dem Urteil gegen Demjanjuk – melden sich ei- nige Professoren zu Wort. Das erscheint mir etwas billig.

Kurt Schrimm, Ludwigsburg Leiter der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen

Sprung ins Fettnäpfchen

Nr. 34/2014 Wie der BND amerikanische Außenminister abhörte

Nun sind sie endlich entlarvt worden, die ideologisch verbildeten Gutmenschen mit ihrer blinden Wut auf die USA. Vernünftige Menschen wussten schon immer, dass un- eingeschränkte Abhörmaßnahmen der Ge- heimdienste weltweit zum Alltag gehören. Sie sind zur Verhinderung und Aufklärung von Verbrechen unerlässlich.

Herbert Gaiser, München

Nach der öffentlichen Demütigung durch Edward Snowden hat der BND verzweifelt um seine Daseinsberechtigung gekämpft. Jetzt hat er durch einen gewaltigen Sprung ins Fettnäpfchen wenigstens einen Arbeits- nachweis erbracht.

Rolf Lemke, Mülheim an der Ruhr (NRW)

Hat der BND gerade hier nicht richtig gehandelt? Ist es nicht Aufgabe eines Geheimdienstes, bei klaren Verdachts- momenten Spionage zu betreiben, um der Politik Mittel an die Hand zu geben, zu handeln? Das ist ja gerade der Unterschied zum Vorgehen der NSA, die alles und je- den ohne Verdachtsmomente überwacht, während der BND in Bezug auf die Türkei gezielt aufgrund von Indizien aktiv wurde.

Sven Jösting, Hamburg

Briefe

Wer ist jetzt behindert?

Nr. 34/2014 SPIEGEL-Gespräch mit dem Inklusions- kritiker Bernd Ahrbeck über die bestmögliche Förderung behinderter Kinder

Vielen Dank an Herrn Ahrbeck für seinen Mut zur Wahrheit. Möglicherweise steckt hinter dem unsäglichen Inklusions-Gleich- macherei-Gedöns auch der ganz profane politische Sparwille. Denn wenn alle gleich sind, brauchen wir weder Sonder- oder Förderschulen noch deren Personal.

Dirk Zahn, Hennigsdorf (Brandenb.)

Die Inklusion wird scheitern, weil die Län- der die nötigen finanziellen Mittel nicht zur Verfügung stellen können. Und weil Inklusionskinder an der Regelschule meist schlechter gefördert werden als an der Förderschule.

Bernhard Sauerwein, Breuna (Hessen) Diplompädagoge und Förderschulrektor a.D.

Mir ist noch kein Förderschüler begegnet, dem es gefällt, als behindert bezeichnet zu werden, und der es vorzöge, „unter sei- nesgleichen zu bleiben“. Die Lebenswirk- lichkeit setzt für Kinder mit Behinderun- gen viel eher ein, wenn sie mit Nichtbe- hinderten zusammen sind. Und nicht nur sie lernen sehr viel voneinander, sondern insbesondere auch die Lehrer und Eltern, die sich so gemeinsam auf den Weg zu einer humaneren Gesellschaft machen. Dank den SPIEGEL-Redakteuren für ihre pointierten und von Sachkenntnis und Un- voreingenommenheit geprägten Fragen.

Regina Mannitz, Trier, Förderschulrektorin

Ich bin behindert, und das ist gut so. Doch zum Glück geschah der Unfall erst nach meinem Abi. Wenn ich mir vorstelle, welch ein endloser Kampf das wäre, vom Schulbetrieb weiterhin in die gängigen Schablonen gepresst zu werden, als ob man funktionierte wie „normal“! Nur weil diese Maschinerie – aus Bequemlichkeit? aus Geld- und Zeitnot? – nicht einsehen kann, dass man nicht so leistungsfähig ist. Wer ist denn jetzt behindert, hä?

Bernd Heydecke, Neukalen (Meckl.-Vorp.)

Wenn zum Beweis, dass schulische Inklu- sion nicht gelingen kann, immer die Schü- ler herhalten müssen, bei denen es beson- ders schwierig erscheint, kann man die Diskussion über eine neue Schule gleich beenden. Die vehemente Verteidigung un-

seres „differenzierten“ Schulsystems und die These, dass im Wesentlichen in der äu- ßeren Selektion individualisiertes Lernen möglich ist, zeugen eher davon, dass Ahr- becks Einblick in die Welt der Regel- und Förderschulen sehr begrenzt ist.

Gerd Dahm Behindertenbeauftragter der Stadt Trier

Kindern mit Beeinträchtigungen im kogni- tiven oder emotional-sozialen Bereich täg- lich in einem leistungsvergleichenden Sys- tem zu zeigen, wie sie niemals sein werden, grenzt an emotionale Grausamkeit.

Nadja Gschwendtner, Schwanstetten (Bayern)

Big Brother im All

Nr. 34/2014 Wie realistisch ist es, den Wüsten- planeten Mars zu besiedeln?

Die Idee, oder besser gesagt das blödsin- nige Vorhaben, Menschen auf dem Mars anzusiedeln, halte ich für völlig absurd. Allein die kosmische Strahlung, der ein Mensch im Raumflug dorthin ausgesetzt wäre, würde zu einer Belastung führen, als ob er 250-mal hintereinander mit einem Röntgengerät untersucht würde. Eine Krebserkrankung könnte die Folge sein. Ein Raumflug zum Mars wäre deshalb nicht sehr lebenswert.

Dipl.-Ing. Karl-Hermann Reich, Mellrichstadt (Bayern)

Dieses Projekt erscheint mir finanziell wie technologisch ein Luftschloss zu sein, dün- ner als die Marsatmosphäre. Möglicher- weise könnte aber die mediale Beachtung für „Mars One“ Anstoß für ein multina- tionales staatliches Großprojekt einer Marsmission sein und damit doch der erste Schritt zur Besiedlung des Planeten.

Dr. Karsten Strey, Hamburg

Die Summe von sechs Milliarden Dollar könnte man sinnvoller einsetzen, als sie ins All zu schießen für 24 Stunden „Big Brother“. Immerhin würde dann die Welt dabei zuschauen, wie Menschen sterben.

Johannes Raabe, Falkenthal (Brandenb.)

Das Projekt ist unmoralisch und wider- spricht sämtlichen Regeln der bemannten Raumfahrt („human spaceflight“).

Joachim Kehr, Weßling (Bayern)

Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe ge- kürzt und auch elektronisch zu veröffentlichen:

leserbriefe@spiegel.de

Korrektur

zu Heft 33/2014, Seite 58 „Eine Welt voller Überfluss“:

Monika Griefahn, seinerzeit Umweltministerin in Niedersachsen, war – anders als be- richtet – niemals Mitglied der Grünen; auch ist sie nicht im Jahr 2012, sondern 2010 aus der Politik ausgestiegen. Sie hat überdies nie versucht, ihren Mann in einer Enquete- kommission unterzubringen.

FOTO: AHMED DEEB / AFP

Das deutsche Nachrichten-Magazin Leitartikel Das syrische Dilemma Darf der Westen im Kampf gegen den „Islamischen

Das deutsche Nachrichten-Magazin

Leitartikel

Das syrische Dilemma

Darf der Westen im Kampf gegen den „Islamischen Staat“ mit Assad kooperieren?

D ie USA und mit ihnen die freie westliche Welt stehen vor einem moralischen Dilemma. Um die ebenso gru- seligen wie grausamen Kämpfer des „Islamischen

Staats“ (IS) zu besiegen, genügt es nicht, ein paar Bomben über dem Nordirak abzuwerfen. Der Krieg müsste auch in Syrien geführt werden, wo die Dschihadisten große Gebiete kontrollieren und Stützpunkte haben. Wie im Nordirak, wo die USA mit den Kurden kooperieren, braucht es auch dort einen Partner, der über den rasanten Wechsel der Machtver- hältnisse im Bilde ist und den Kampf auf dem Boden fortset-

zen könnte. Dabei bieten sich zwei Partner an: die gemäßigten Rebellen der Freien Syrischen Armee und, ausgerechnet, Ba- schar al-Assad, der Präsident Syriens. Darf man das? Darf der Westen mit einem Mann koope- rieren, der längst vor dem Kriegsverbrechertribunal stehen sollte – wegen Massenmords am eigenen Volk, wegen des Einsatzes von Giftgas? Darf er gemeinsame Sache mit einem menschenverachtenden Regime

machen, um die Ausbreitung ei- nes noch ruchloseren Regimes zu stoppen? Klar ist, dass der IS ebenfalls in Syrien gestoppt werden muss, auch wenn das nicht ohne Kolla- teralschaden geschehen kann und ein Eingreifen der USA uner- wünschte Auswirkungen auf die Bürgerkriegsparteien haben dürf- te. Die unfassbare Grausamkeit der Miliz, gepaart mit einem überbordenden Sendungsbewusst- sein, macht den IS zu einer einzigartigen Bedrohung auch für den Westen, einer weit größeren, als Assad es jemals war. Das mag zynisch klingen, es ist deshalb nicht falsch. Kurzfristig mag es den Dschi-

hadisten „nur“ um die Gründung eines eigenen Staats gehen, des Kalifats. Gelänge es wie beabsichtigt, wäre dies bedrohlich genug, denn dort böte sich islamistischen Terroristen ein Rück- zugsgebiet. Denn auch über ihre langfristigen Ziele lassen die Gründer des Kalifatsstaats keinen Zweifel. Die IS-Milizen führen einen mörderischen Kulturkampf. Sie begnügen sich nicht damit, ihr eigenes Reich abzusichern, sie sind auf welt- weite Bekehrung und Vernichtung aus. „Wir haben eure Sol- daten im Irak gedemütigt“, sagte ein Pressesprecher des IS. „Wir werden sie überall demütigen. Das ist der Wille Gottes. Wir werden die Flagge Allahs im Weißen Haus hissen.“ Im Kampf gegen dieses Krebsgeschwür des 21. Jahrhunderts sind viele Mittel legitim. Es ist auch den Anhängern von Demokratie und Menschenrechten nicht verboten, in Aus-

nahmesituationen die eigenen Interessen zu ordnen und Prioritäten zu setzen.

Deshalb klingt es zwar paradox, wenn der Westen nun eine Zusammenarbeit mit Assad erwägt, den viele am liebsten

schon längst aus seinem Palast gebombt hätten. Realpolitikern sind solche Gedanken trotzdem nicht fremd. Im Vergleich mit dem religiösen Eifer und Wahn der IS-Milizen ist Assads erbärmlicher Kampf um die eigene Macht lokal klar begrenzt. Bei allen Grausamkeiten, die er an seinem Volk begangen hat und für die er eines späteren Tages noch zur Verantwor- tung gezogen werden sollte, fehlt ihm der imperialistische, kreuzzüglerische Antrieb des „Islamischen Staats“. Diesen Unterschied darf der Westen berücksichtigen, wenn es um die Frage geht, ob Assad bei der Eindämmung des IS brauchbar sein könnte. Oder wenn der Westen zuließe, dass Assad indirekt von Luftschlägen profitierte. Man würde diesen Massenmörder dadurch weder rehabili- tieren noch moralisch aufwerten. Der alte Grundsatz, wonach der Feind meines Feindes zugleich mein Freund ist, muss nicht immer stimmen. Man wür-

de Assad lediglich zum nützli- chen Despoten erklären, um ein hohes Interesse zu verfolgen. Die Sicherheit kann in Ausnahme- situationen schwerer wiegen als die Durchsetzung von Menschen- rechten. Die Weltgeschichte kennt solche Kompromisse mit den eigenen Überzeugungen. Es ist furchtbar, sie schließen zu müssen, für die eigenen Ziele die Moral beiseitezuschieben. Vielleicht ist eine direkte Ko- operation mit Assad aber gar nicht nötig. Wäre der Westen be- reit, einen alten Fehler zu korri- gieren, ließe sich sogar beides miteinander vereinbaren: der Kampf gegen die Dschihadisten und der Kampf gegen das syri- sche Regime. Die Freie Syrische Armee (FSA) kämpft seit Jahres- beginn gegen die Soldaten des IS. Die FSA-Anführer haben ebenfalls ein Interesse an US-Unterstützung aus der Luft. Die FSA könnte Amerika ähnlich wertvolle Informationen für Luftschläge liefern wie Assads Regime und zugleich den Kampf auf dem Boden fortführen. Im Gegenzug müsste der Westen die FSA konsequent und nachhaltig unterstützen, auch mit Waffen. Dazu war er bislang nicht bereit. Auch in diesem Fall würde Assad kurzfristig wohl von Luftschlägen gegen den IS profitieren. Aber der Nutzen wäre von be- grenzter Dauer. Deshalb bietet sich dieser Weg an: Es erst mit der FSA zu versuchen. Ist sie trotz Aufrüstung nicht schlagkräftig genug, um den IS zu besiegen, muss man die schwere Frage diskutieren, was wichtiger ist: die Moral oder die eigenen Interessen.

Syrischer Rebell in Aleppo
Syrischer Rebell in Aleppo

FOTOS: AP / DPA (O.); PETER SCHATZ (U.);

Deutschland

Terrorismus

Deutsche Ex-Soldaten im Dschihad

Rund 20 ehemalige Angehörige der Bundeswehr sind in die Krisenregion in Syrien und im Irak gereist, um sich dort of- fenbar dschihadistischen Einheiten anzuschließen. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen handelt es sich um ehema- lige Wehrdienstleistende. Sie sind für Gruppierungen wie die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) besonders wertvoll, da der Großteil der rund 400 in die Region ausgereisten deutschen Dschihadisten keinerlei militärische Vorkenntnis-

IS-Kämpfer im Irak

se hat. Der Militärische Abschirmdienst (MAD) betrachtet den Islamismus bei der Bundeswehr als zunehmendes Pro- blem: Erst kürzlich versuchte ein ehemaliger Stabsunter- offizier, ebenfalls in die Krisenregion zu gelangen. Er war zuvor nach Ermittlungen des MAD wegen seiner islamis- tischen Ansichten aus der Bundeswehr ausgeschlossen wor- den. Die Sicherheitsbehörden konnten seine Ausreise bis- lang verhindern. fis, jdl

Waffenexporte

Umweg über Bagdad

Die Bundesregierung stößt auf unvermutete Schwierig- keiten, den Kurden im Nord- irak die zugesagten Waffen und Schutzausrüstung zu liefern. Nach dem Außenwirt- schafts- und dem Kriegswaf- fenkontrollgesetz muss der Wirtschaftsminister die Liefe- rung genehmigen. Sigmar Gabriel benötigt dafür jedoch eine schriftliche Erklärung aus Bagdad. Dort hat die neue Regierung ihre Arbeit aber noch nicht aufgenom- men. Gabriel hatte in der ver- gangenen Woche bei einem Treffen mit Kanzlerin Angela Merkel, Verteidigungsminis- terin von der Leyen und Außenminister Frank-Walter Steinmeier diplomatische

Hilfe bei der Lösung des Pro- blems erbeten. Nun brütet die Bundesregierung nach Angaben aus dem Auswärti- gen Amt über einer rechtlich einwandfreien Lösung. Die könnte nach Einschätzung von SPD-Sicherheitsexperten beinhalten, dass die deut- schen Transportflugzeuge zu- nächst in Bagdad zwischen- landen müssen und erst dann nach Arbil weiterfliegen, um das Material zu entladen. red

Bundesrechnungshof

Teure

Geheimdienste

Der Bundesrechnungshof kritisiert die Auslandsauf- klärung der Bundeswehr. Das „Militärische Nachrichtenwe- sen“ überwache im Ausland

Nachrichtenwe- sen“ überwache im Ausland Abhöranlage in Bad Aibling zivile Fernmeldeverbindun- gen

Abhöranlage in Bad Aibling

zivile Fernmeldeverbindun- gen und Richtfunkstrecken, ohne dafür eine gesetzliche Grundlage zu haben, heißt es in einem vertraulichen Prüf- bericht. Es gebe zudem „Dop- pelstrukturen“, da der Bun- desnachrichtendienst eben- falls in den Einsatzgebieten der Bundeswehr lausche. Diesbezügliche Vereinbarun- gen zwischen dem Auslands- geheimdienst und der Bun- deswehr müssten „unverzüg-

lich“ überarbeitet werden. Kritik üben die Prüfer auch am Militärischen Abschirm- dienst (MAD). Es sei zweifel- haft, ob nach einer Struktur- reform der Bundeswehr noch zwölf MAD-Standorte in Deutschland nötig seien. Grundsätzlich müsse die Sicherheitsarchitektur in Deutschland aus Kostengrün- den „grundlegend reformiert“ werden, fordert der Rech- nungshof. Gemeinsame Zen- tren verschiedener Dienste von Bund und Ländern, etwa gegen die Bedrohung durch islamistischen Terrorismus oder Rechtsextremismus, sollten an einem Ort zusam- mengelegt werden. Auch das Nebeneinander von Ver- fassungsschutzbehörden auf Bundes- und Landesebene sehen die Prüfer kritisch. gud

und Landesebene sehen die Prüfer kritisch. g u d 16 DER SPIEGEL 36 / 2014 Ein

ILLUSTRATION: PETRA DUFKOVA / DIE ILLUSTRATOREN / DER SPIEGEL

FOTO: CHRISTIAN THIEL (U.);

Internet

Hacker bei den Piraten?

Der Fund einer Spionage- software auf dem Rechner eines Piraten-Mitarbeiters sorgt für Unmut unter den Kollegen im Düsseldorfer Landtag. Mit dem Programm Cain können Passwörter anderer Benutzer ausspio- niert werden. Tagelang wei- gerten sich die Piraten, den Rechner herauszugeben. Schließlich rückten sieben Beamte des Landeskriminal- amts an. Sie fanden eine professionell gesäuberte Festplatte, entdeckten aber beim Wiederherstellen auch das Spionageprogramm. Hinweise auf Datenmiss- brauch gibt es bislang nicht. Mysteriös ist aber, wie das Programm überhaupt über das gut gesicherte Netz des Landtags auf den Rechner gelangen konnte. Zugriff ha- ben nur dessen IT-Experten. Ein Hackerangriff wird jetzt vermutet. Die Piratenspitze muss darum am Mittwoch vor dem Ältestenrat antre- ten. Die geplante Wahl einer Piratin zur Vizelandtags- präsidentin, der höhere Be- züge und ein Dienstwagen mit Chauffeur zustehen, ist jetzt erst einmal verschoben worden – wegen des „un-

geheuerlichen Vorgangs“, wie sich der SPD-Fraktions- chef Norbert Römer em- pörte. bas

Grüne

32 Stunden

Bei den Grünen bahnt sich neuer Streit in der Familien- politik an. Die Forderung von Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt nach Einfüh- rung der 32-Stunden-Woche für Eltern von kleinen Kin- dern stößt auf Widerspruch:

„Starre Gerüste wie eine 32- Stunden-Woche werden der Vielfalt der Bedürfnisse von Familien nicht gerecht“, sagt die familienpolitische Spre- cherin Franziska Brantner, selbst Mutter eines Kindes. „Politik soll Arbeitnehmerin- nen und Arbeitnehmern er- möglichen, selbstbestimmt mit ihrer Zeit umzugehen.“ Brantner fordert „arbeitszeit- liche Flexibilität, aber im Sin- ne der Eltern und individuell ausgestaltet“. In dieser Wo- che veranstaltet die Grünen- Fraktion eine Tagung zum Thema Zeit und Familie. Göring-Eckardt hatte in ei- nem Interview die Pläne von Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) zur Einführung der 32-Stunden- Woche unterstützt. flo

Göring-Eckardt
Göring-Eckardt

Juli Zeh Die Klassensprecherin

Seltsamer Reflex

Juli Zeh Die Klassensprecherin Seltsamer Reflex Der Amazon-Streit geht in die dritte Phase. Phase eins –

Der Amazon-Streit geht in die dritte Phase. Phase eins – das Problem wird erkannt. Mehre- re Verlage machen öffentlich, dass Amazon ihre Bücher beim Onlinevertrieb benachteiligt, um einen höheren Anteil am Verkaufspreis für E-Books zu erpressen. Phase zwei – Kritik wird laut. In mehreren Ländern

erscheinen offene Briefe von Autoren, die Medien berichten. Phase drei – eine Antwort wird gefunden. Sie lautet: Wenn Amazon so schlimm ist, sollen die Leute ihre Bücher doch woanders kaufen. Das ist ein neuerdings beliebter Reflex auf drängen- de politische Fragen. Wer nicht von Geheimdiensten ausgespäht werden will, soll eben keine E-Mails schrei- ben. Wer nicht möchte, dass man ihm die Daten klaut, kann sich ja von Facebook und Google fernhalten. Wem die Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie nicht gefallen, darf keine billigen Klamotten erwerben. Gewiss wäre die Welt ein Stück gerechter, wenn die Kunden ihre Bücher bei den Leuten bestellen würden, die die Arbeit machen. Amazon erhält bis zu 50 Pro- zent vom Preis jedes verkauften Buchs. Zum Vergleich:

Der Anteil der Autoren liegt bei rund 10 Prozent, der Gewinn der Verlage meist noch darunter. Beim E-Book bekommt Amazon derzeit „nur“ knapp ein Drittel dessen, was der Kunde zahlt. Das will Amazon ändern. Die Wahrung seiner Geschäftsinteressen dürfte dem Konzern nicht schwerfallen. Deutsche Publikumsver- lage beziffern den Marktanteil Amazons bei E-Books auf bis zu 60 Prozent. Bei einem solchen Wert geht das Kartellrecht von einer marktbeherrschenden Stellung aus. Auf der anderen Seite muss es sich ein Verleger zweimal überlegen, ob er auch nur eine Rundmail an seine Kollegen schreibt. In den USA wurden mehrere Verlage verklagt, die sich gegen Amazon zusammen- geschlossen hatten. Nötig wäre deshalb eine Reform des Kartellrechts, das aus vordigitalen Tagen stammt. Dazu käme eine Angleichung von E-Books an den reduzierten Mehr- wertsteuersatz gedruckter Bücher (sieben Prozent). Und vor allem die Einführung einer gesetzlichen Ober- grenze für den Anteil, den ein Händler am Verkauf eines E-Books einfordern darf. Zu glauben, alle diese Probleme könne der Verbrau- cher lösen, ist naiv. Der Verbraucher hat noch nie ein Übel aus der Welt geschafft. Das wäre in etwa so, als hätte man auf die Idee der Energiewende erwidert:

Wer keinen Atomstrom mag, muss ja das Licht nicht anschalten. Es geht darum, ethische Standards unter neuen tech- nologischen Bedingungen zu bewahren. Diese zen- trale Aufgabe darf die Politik nicht auf die Konsumen- ten abschieben. Auch wenn es selbstverständlich nicht schadet, ein E-Book direkt beim Verlag zu bestellen.

An dieser Stelle schreiben drei Kolumnisten im Wechsel. Nächste Woche ist Jakob Augstein an der Reihe, danach Jan Fleischhauer.

FOTO: WERNER SCHUERING / IMAGETRUST

Deutschland

Gewerkschaften

Verfassungsexperte gegen Tarifeinheit

Der frühere Bundesverfas- sungsrichter Udo Di Fabio hält die Pläne der Großen Koalition für ein Gesetz zur sogenannten Tarifeinheit für nicht verfassungsgemäß. Die im Grundgesetz garantierte Koalitionsfreiheit würde in ihrem Wesensgehalt verletzt, wenn künftig nur noch dieje- nige Gewerkschaft mit den meisten Mitgliedern in ei- nem Betrieb Arbeitskämpfe führen dürfte. Zu diesem Schluss kommt der Staats- rechtler in einem Gutachten für die Ärzte-Gewerkschaft Marburger Bund, das am Freitag vorgestellt werden soll. Mit dem Papier will die Lobby der Krankenhausme- diziner die Pläne von Bun- desarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) stoppen, das Streikrecht kleinerer Arbeit- nehmergruppen wie Fluglot- sen, Lokführer oder eben Ärzte einzuschränken. Vor allem die Wirtschaft dringt derzeit auf eine Regelung, um Dauerarbeitskämpfe in den Unternehmen zu verhin- dern. Das Di-Fabio-Gutach- ten ist heikel für die Bundes- regierung, weil sie eine Än- derung des Grundgesetzes dringend vermeiden will. Derzeit diskutiert eine Ar- beitsgruppe über Details des Gesetzentwurfs, der im Herbst vorgelegt werden soll. Annäherung gibt es in ersten Einzelheiten: Können sich mehrere Gewerkschaften im Betrieb nicht auf eine Zu- sammenarbeit einigen, soll künftig ein neutraler Dritter eingeschaltet werden. So könnte ein Notar ermitteln, welches die stärkste Arbeit- nehmervertretung ist. Nur ihm gegenüber müssten die Gewerkschaften offenlegen, wie viele Mitarbeiter sie organisieren. Am Dienstag trifft Bundeskanzlerin Ange- la Merkel beim Meseberger Zukunftsgespräch die Spit- zen von Arbeitgebern und Gewerkschaften. Dort soll das Thema besprochen wer-

den. ama, cos, mad

BER-Chaos

„Haltungsnoten wie beim Sport“

Hartmut Mehdorn, 72, Chef des noch immer nicht eröffneten Berliner Flughafens BER, über den Rücktritt von Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), dem BER-Aufsichtsratschef

SPIEGEL: Sie haben oft mit Wowereit gestrit- ten. Freut Sie sein Abgang? Mehdorn: Ganz und gar nicht. Ich bedaure Klaus Wowereits Rücktritt sehr. Wir sind nicht immer einer Meinung, aber ich arbei- te ausgesprochen gern mit ihm zusammen. Im persönlichen Umgang ist er verlässlich, fair und ehrlich. Dank ihm kennt die Welt Berlin als weltoffene Metropole, nicht als piefige Schrebergartenkolonie. SPIEGEL: Leider auch als Metropole ohne Großflughafen. Mehdorn: Ich meine, das stimmt nicht. Wir haben zwei funktionierende und beliebte Flughäfen. Richtig ist, dass viele wichtige Weichen für den BER vor Wowereits Amts- antritt falsch gestellt wurden. Er selbst hat sich für das Projekt stets engagiert. Viele Kontroversen verdanken wir auch der kom- plizierten Eigentümerstruktur, mit dem Bund, Berlin und Brandenburg als Gesell- schaftern, die jeweils eigene Interessen und begrenzte finanzielle Mittel haben. SPIEGEL: Wowereit sieht die Verspätung des Flughafens als seine größte Niederlage. Was hat er als Aufsichtsratschef falsch gemacht? Mehdorn: Da wird etwas verwechselt: Ein Aufsichtsratschef ist kein Oberbauleiter. Er

kontrolliert und berät die Geschäftsführung, die allein für alles Operative zuständig ist. So ist es überall auf der Welt – außer beim BER. Der Flughafen ist eine politische Bau- stelle. Da werden Haltungsnoten verteilt wie beim Sport. Jeder wirft von der Außen- linie seinen Kommentar rein. SPIEGEL: Der Flughafen gehört ja auch den Steuerzahlern. Mehdorn: Der Flughafen wird größtenteils von der Flughafengesellschaft selbst finanziert. Vor allem ist er ein industrielles Großprojekt, das nur funktionieren kann, wenn es nach wirtschaftlichen Prinzipien organisiert wird. SPIEGEL: Was erwarten Sie von Wowereits Nachfolger im Aufsichtsrat? Mehdorn: Wer ihm nachfolgt, ist eine Schlüs- selfrage für den Flughafen. Jetzt ist die Gelegenheit für einen personellen Richtungs- wechsel, vor allem mit dem angemessenen Rollenverständnis für Eigentümer, Auf- sichtsrat und Geschäftsführung. SPIEGEL: Was meinen Sie damit? Mehdorn: Beim BER werden laufend Politik und Sachthemen vermischt. Im Aufsichts- rat sind Politiker und Ministeriale mit Fragen konfrontiert, für die sie nicht aus- gebildet sind. Wir sollten die Chance er- greifen, den Flughafen zu entpolitisieren. Es gehören mehr Mitglieder mit unter- nehmerischem Sachverstand in den Auf- sichtsrat. ama

Bundespolizei

Faktisch pleite

Die Bundespolizei will künf- tig keine Miete mehr für ihre Liegenschaften bezahlen. Weil die Finanzmittel wegen einer Haushaltssperre ver- braucht sind, würden schon ab diesem Monat die Über- weisungen eingestellt. Das

habe Vizepräsident Franz Palm bei internen Bespre- chungen unlängst angekün- digt, heißt es unter Teilneh- mern. Davon betroffen sei nicht nur die Bundesanstalt für Immobilienangelegenhei- ten, die Häuser und Grund- stücke im Bundesvermögen verwaltet und dem Finanz- ministerium untersteht, son-

dern auch private Flughafen- betreiber wie Fraport in Frankfurt. Angeblich müss- ten außerdem sämtliche Behördenleitertagungen und Besprechungen storniert wer- den, die mit Reise- und Un- terbringungskosten verbun- den seien. Die Bundespolizei ist laut Insidern seit August „faktisch zahlungsunfähig“.

FOTOS: ANDREAS PROST / DDP IMAGES / DAPD (L.); ARNO BURGI / DPA (R.O.); ZOO DRESDEN (R.M.)

/ DAPD (L.); ARNO BURGI / DPA (R.O.); ZOO DRESDEN (R.M.) Der Augenzeuge „Ein Pfeil hätte

Der Augenzeuge

„Ein Pfeil hätte nicht gereicht“

(R.M.) Der Augenzeuge „Ein Pfeil hätte nicht gereicht“ Helmar Pohle, 45, arbeitet als Inspektor im Dresdner

Helmar Pohle, 45, arbeitet als Inspektor im Dresdner Zoo. Normalerweise bildet er Tierpfleger aus, betreut Bauprojekte in den Gehegen und kümmert sich um Futternachschub. Als sich ein Elchbulle in ein Bürogebäude verirrte, rückte Pohle mit dem Narkosegewehr aus.

Der Elch stand in einem verglasten Durchgang eines Büro- hauses. Was ihn getrieben hat, in das Gebäude zu gehen, weiß nur der Wind. Äußerlich war er ruhig, salopp gesagt:

einfach fertig. Theoretisch weiß ich, wie junge Elchbullen ticken. Aber wenn man vor einem steht, ist das doch im- mer eine individuelle Geschichte – und diesen kannte ich natürlich nicht. Deshalb habe ich getestet, wie er drauf ist. Zuerst habe ich versucht, ihn mit Laub zu locken. Dann bin ich durch ein Fenster in den Durchgang geklet- tert, um zu sehen, wie er reagiert. Da ist er hochgegan- gen und hat mit den Vorderhufen geschlagen. Weil rund- herum alles verglast war, habe ich mich zurückgezogen. Angst hatte ich nicht, ich war halt vorsichtig. Es dauerte ein paar Stunden, bis der Transportcontainer da war. Mit dem Jagdpächter, dem Ordnungsamt und einer Tierärztin hatte ich besprochen, dass wir erst mal im Guten versu- chen, das Tier mit Blättern und Zweigen hineinzulocken. Weil das nicht geklappt hat, habe ich mit dem Gewehr zwei Narkosepfeile verschossen – einer hätte für die Medikamentendosis nicht gereicht. Irgendwann lag das Tier so ruhig da, dass wir uns gefahrlos nähern konnten. Sicherheitshalber haben wir die Beine fixiert. Da waren ein paar stämmige Feuerwehrleute und Polizisten, die habe ich verpflichtet, beim Tragen mitanzupacken – ins- gesamt acht Mann, glaube ich. So ein junger Elch wiegt ja locker weit über 300 Kilo. Wir haben ihn gerettet, ohne dass jemand verletzt wurde. Das hat mich sehr gefreut. Aber ich wünsche mir, dass die Leute mehr Verständnis haben. Schaulustige sind ein Problem. Manche sind sogar in dem Durchgang gewesen, bevor ich ankam. Das ist le- bensgefährlich, und es stresst den Elch zusätzlich. Der Le-

SPD

Machnig wieder da

Matthias Machnig, SPD-Viel- zweckwaffe, wird am 1. Ok-

tober als Staatssekretär ins

Bundeswirtschaftsministe-

rium einziehen. Darauf ha- ben sich Minister Sigmar Gabriel und Machnig verstän- digt. Er wird die Nachfolge von Stefan Kapferer (FDP) antreten, der zur OECD nach Paris wechselt. Der 54-Jähri- ge ist damit für zentrale The- men des Ressorts, darunter Außenwirtschaft, Mittelstand, Technologie, Digitales und Rüstungsexporte, zuständig. Machnig, einer der engsten politischen Vertrauten Ga- briels, hatte zuletzt im Willy- Brandt-Haus den Europa- Wahlkampf der SPD geleitet. Im November 2013 war er als

Wahlkampf der SPD geleitet. Im November 2013 war er als Machnig, Gabriel Wirtschaftsminister in Thü -

Machnig, Gabriel

Wirtschaftsminister in Thü- ringen ausgeschieden. Zuvor war bekannt geworden, dass er jahrelang Bezüge aus seiner Zeit als Bundes-Umweltstaats- sekretär bezogen hatte – zu- sätzlich zu seinem Gehalt als Landesminister. Ursprüngli- che Betrugsvorwürfe erhielt die Staatsanwaltschaft jedoch nicht aufrecht. red

Gesundheit

Finanzressort warnt vor Ausgabenplus

Das Bundesfinanzministerium warnt vor künftigen Haus- haltsrisiken durch die gesetz- liche Krankenversicherung. „Perspektivisch dürften die Ausgaben der Krankenkassen erheblich schneller steigen als ihre Beitragseinnahmen“, heißt es in einem Sachstands- bericht zur Gesundheits- reform, den die Beamten von Ressortchef Wolfgang Schäub- le (CDU) verfasst haben. Das Papier darf auch als Mahnung an dessen Parteifreund Ge- sundheitsminister Hermann Gröhe verstanden werden. So erinnern die Haushaltsexper- ten an den Koalitionsvertrag, der „eine umsichtige Ausga- benpolitik“ im Gesundheits- system versprochen hatte. Diese sei „zwingend erforder- lich, sollen weitere Erhöhun- gen des Bundeszuschusses und/oder steigende Zusatzbei- träge vermieden werden“, so das Finanzministerium. Vom nächsten Jahr an sinkt der festgeschriebene Beitragssatz zur gesetzlichen Krankenver- sicherung von derzeit 15,5 auf 14,6 Prozent. Arbeitnehmer und Arbeitgeber tragen davon jeweils die Hälfte. Kassen, die mit diesem Geld nicht aus- kommen, sollen von den Ver- sicherten aber zusätzlich ei- nen Beitrag erheben, der sich an deren Einkommen orien- tiert. Derzeit verfügt die ge- setzliche Krankenversicherung noch über Reserven von rund 30 Milliarden Euro. cos, rei

Blick auf Deutschland

Euro. c o s , r e i Blick auf Deutschland Roman Kuźniar , Berater des

Roman Kuźniar, Berater des polnischen

Präsidenten, über die Zuverlässigkeit

Deutschlands in der Ukrainekrise in

der Tageszeitung Rzeczpospolita am

26. August

bensraum der Tiere wird seit vielen Jahren kleiner, gleich- zeitig siedeln sich manche wieder bei uns an. Wir müssen lernen, mit solchen Gefahren umzugehen. Das war der dritte Elch in Dresden innerhalb von 15 Jahren. Wenn er das Ganze gut überstanden hat, kann er übermorgen schon wieder hier stehen. Er wurde nach Ostsachsen ge- bracht, ich würde gern erfahren, was aus ihm geworden ist. Aber es ist mir auch recht, wenn ich nie wieder was

Aufgezeichnet von Benjamin Schulz

„Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass wir in Fragen der Regionalsicherheit auf Deutschland wegen seiner speziellen Einstellung gegenüber Russland nicht zählen können.“

von ihm höre.

DER SPIEGEL 36 / 2014 19

FOTO: METZEL MIKHAIL / ITAR-TASS / ACTION PRESS

Deutschland

Stufe vier

Regierung Die monatelange Telefondiplomatie der Kanzlerin hat bei Russlands Präsident Putin nicht verfangen. In der Nato gewinnen die Hardliner Zulauf. Sie wollen viel mehr als nur neue Wirtschaftssanktionen – und könnten sich jetzt erstmals durchsetzen.

D ie offizielle Zählung liegt bei 25. So oft hat die Bundesregierung seit November vergangenen Jahres ei-

gens eine Erklärung zu einem Telefonat zwischen der Kanzlerin und Russlands Prä- sidenten Wladimir Putin herausgegeben. Schätzungen und Hinweise lassen eher an um die 35 direkte Gespräche glauben. Im- mer kreisten die beiden um die Ukraine, nie gelang der Durchbruch. „Tausendmal berührt, tausendmal ist nix passiert“, so ging vor 30 Jahren einmal ein deutscher Schlager. Die kleine Geschichte, die er erzählt, hat ein Happy End. Die Ge- schichte zwischen Angela Merkel und Wla- dimir Putin hat bislang keines. Und auf das Wörtchen „bislang“ in diesem Satz würde derzeit kaum jemand im Regie- rungslager bestehen. Die Krise in Osteuropa, zwei Flugstun- den von Berlin entfernt, geht in ihren zehn- ten Monat. Was mit dem Scheitern eines Abkommens zwischen der Europäischen Union und der Ukraine begann,

muss man jetzt einen Krieg nen- nen. Mit schweren Waffen wird um Städte und Dörfer gekämpft, von „strategisch wichtigen Anhö- hen“ ist in Berichten der Militärs die Rede. Und täglich sterben Sol- daten, sei es mit, sei es ohne regu-

läre Uniform. Von Beginn dieser Krise an, die eher ins 19. als ins 21. Jahrhundert zu passen scheint, war es Angela Merkel, die ihr ein- gespieltes Verhältnis zu Russlands Präsi- denten nutzte: um ihn wenigstens zu ver- stehen, um zu vermitteln, zu warnen. US- Präsident Barack Obama und die übrigen Europäer folgten ihrer Linie. Aber sie hat nicht ins Ziel geführt. Ein Vorwurf wird der Kanzlerin daraus weder in der EU noch in der Nato gemacht. Doch beim Bündnisgipfel in dieser Woche wird sich Angela Merkel zwei Fragen stel- len müssen: Warum weiter mit einem Mann reden, der sein Wort zu oft nicht hält? Was bedeutet es, wenn stetig ver- schärfte Sanktionen im Kreml keinen Ein- druck hinterlassen? Die Krise ist an jenem Punkt angelangt, den die Kanzlerin auf jeden Fall vermeiden wollte: dort, wo erst die eine und womög-

lich dann auch die andere Seite aus der di- plomatischen Verhaltenslogik in eine mili- tärische wechselt. Wladimir Putin scheint

diesen Punkt überschritten zu haben, er lässt russische Truppen samt Gerät in der Ostukraine einsetzen. Und in der Nato wächst der Druck auf Merkel, ganz anders als bislang zu reagieren. Wie sehr dieser Druck schon in den Ber- liner Köpfen wirkt, ließ ein Sprecher Frank- Walter Steinmeiers am Freitag unfreiwillig erkennen, als er sagte: „Der Außenminis- ter hat alles andere als ein schlechtes Ge- wissen“, weil er versucht habe, eine diplo- matische Lösung zu finden. Neben ihm in der Bundespressekonferenz wand sich Re- gierungssprecher Steffen Seibert minuten- lang um den Begriff „Krieg“ oder „Inva- sion“ herum. Er blieb bei einer holprigen Formulierung, wonach sich die Berichte aus der Ostukraine zu einer „militärischen Intervention addieren“. Das nennt man wohl, in der Defensive zu sein. Merkel und Steinmeier stehen einer rus- sischen Führung gegenüber, die mit ihnen zu spielen scheint. Mitte April ließ

sich Wladimir Putin nach langem Drängen auf eine Konferenz in Genf ein, an der neben der EU und den USA auch die Ukraine teil- nahm. In der Abschlusserklärung hieß es: „Alle illegalen bewaffne- ten Gruppen müssen entwaffnet,

alle illegal besetzten Gebäude ih- ren rechtmäßigen Eigentümern zurückge- geben werden.“ Nichts dergleichen geschah. Später forderte Putin am Telefon mit Merkel eine einseitige Waffenruhe, die Kanzlerin verwandte sich in Kiew dafür. Aber als die ukrainische Führung schließ- lich zustimmte, ließ Putin zu, dass die pro- russischen Rebellen mehrere Grenzüber- gänge einnahmen, über die seitdem nächt- licher Nachschub aus Russland kommt. Wochen später schickte Putin seinen Au- ßenminister zu einem Treffen nach Berlin, sobald der aber zurück in Moskau war, „verirrte“ sich ein Militärkonvoi auf ukrai- nisches Gebiet. Und seit Wochen bemüht man sich in Berlin um eine OSZE-Über- wachung der ukrainisch-russischen Grenze mithilfe von Drohnen. 20 Beamte waren in Berlin damit beschäftigt, die Geräte zu beschaffen sowie sechswöchige Bedie- nungslehrgänge zu organisieren. Auch das dürfte nun hinfällig sein.

Es sind nur einige von vielen enttäusch- ten Hoffnungen, die in Berlin aufgezählt

enttäusch- ten Hoffnungen, die in Berlin aufgezählt werden. Ob jeder der russischen Züge Teil eines Plans

werden. Ob jeder der russischen Züge Teil eines Plans ist oder spontane Reaktion auch auf interne Machtkämpfe, vermögen die Russlandexperten der Regierung nicht zu sagen. Inzwischen wird befürchtet, Putin wolle einen Korridor entlang der Schwarz- meerküste von der ukrainischen Ostgrenze bis nach Transnistrien im Westen abtrennen, also jene südlichen Provinzen der Ukraine, die der Kreml als „Neurussland“ bezeichnet. Moskau hätte damit eine Landbrücke zur Krim sowie eine direkte Verbindung zu den russischen Separatisten im mol- dauischen Transnistrien. Noch vor zwei Wochen, als Merkel für einen Kurzbesuch nach Lettland reiste, ging man in Berlin davon aus, dass es Putin nicht gelingen würde, diesen Plan zu verwirklichen. Das sieht jetzt anders aus. In dieser Ratlosigkeit bleibt die offizielle Reaktion der Bundesregierung weiter die alte. Man setze auf eine „diplomatische Lösung“ und werde es weiter versuchen. Dazu gehören auch verschärfte Sanktio- nen der sogenannten „Stufe 3“. Sie wür- den dann ganze Branchen betreffen, nicht länger nur ausgewählte Personen, Güter oder Firmen, von denen mehr als hundert inzwischen auf der EU-Strafliste stehen. Wenn das überhaupt wirkt, dann nur „mit einigem zeitlichen Abstand“, räumt ein Merkel-Berater kleinlaut ein. Reicht also „Stufe 3“, oder braucht es so etwas wie eine „Stufe 4“? Die Antwort darauf wird nicht aus den Verhandlungssälen der Europäischen Uni- on kommen oder von einem EU-Gipfel- treffen wie dem am vergangenen Samstag. Sie liegt bei der Nato. In dieser Woche ta- gen die Staats- und Regierungschefs des Bündnisses im Waliser Hotelkomplex Cel- tic Manor. Die Außen- und Verteidigungs- minister sollen auch dabei sein, ebenso der ukrainische Präsident Petro Poroschenko. Bislang hatte Merkel für ihre Strategie breiten Rückhalt in der Nato. Sie konnte durchsetzen, dass als Nachfolger des kan- tigen Nato-Generalsekretärs Anders Fogh Rasmussen der geschmeidig-diplomatische Norweger Jens Stoltenberg berufen wurde (siehe Seite 23). Aber der Wind dreht sich. Mit jeder neuen russischen Provokation werden die Argumente derjenigen stärker, die auf Konfrontation schalten wollen. In der vorvergangenen Woche musste die Bundesregierung in diesem Streit erst-

Kontrahenten Putin, Merkel

FOTO: LUKASZ MAKOWSKI / FOTOLINK / ACTION PRESS

FOTO: LUKASZ MAKOWSKI / FOTOLINK / ACTION PRESS US-Soldaten in Polen: „Die Diplomatie stößt an ihre

US-Soldaten in Polen: „Die Diplomatie stößt an ihre Grenzen“

mals zurückstecken. Polen und die balti- schen Staaten hatten darauf gedrängt, dass die geplanten Beschlüsse zu einer höheren Nato-Präsenz in ihren Ländern nicht auto- matisch nach einem Jahr auslaufen. Die Osteuropäer hatten in den Wochen zuvor alle Nato-Staaten auf ihre Seite gezogen, nur Deutschland nicht. Praktisch beschließen will das Bündnis beim Wales-Gipfel die weitere Entsendung von jeweils einer Kompanie nach Polen und in die drei Balten-Staaten. Derzeit stellen die USA die insgesamt nötigen rund 600 Mann, die Bundesregierung hat sich intern bereit erklärt, bei der nächsten Rotation nach sechs Monaten eine Kom- panie von 100 bis 120 Mann zu ersetzen. Zudem wird das Nato-Kommando in Stet- tin in einen höheren Bereitschaftsgrad versetzt und erhält zusätzliche Dienst- posten, auch dafür sind Bundeswehrsolda- ten zugesagt. Als rote Linie, über die eine erhöhte Bündnispräsenz im Osten nicht gehen soll, gilt dabei vorerst noch die „Nato-Russ- land-Grundakte“ von 1997. Darin verzich- tet die Allianz darauf, auf dem Gebiet des ehemaligen Ostblocks „zusätzlich substan- zielle Kampftruppen dauerhaft“ zu statio- nieren. Die Akte zu kündigen könnte „Stufe 4“ sein, aber damit auch das Risiko erhöhen, in die militärische Logik eines neuen Kalten Krieges mit Russland zu verfallen. Das fürchtet die Kanzlerin, die vorerst zur Nato-Russland-Akte steht, und sei es nur, um sich diese letzte Eskalation des Westens so lange wie möglich aufzusparen. Polen und die baltischen Staaten werben trotzdem für den demonstrativen Bruch mit Moskau, und sie erhalten zunehmend Unterstützung. Kanada hat sich auf ihre Seite geschlagen, dort leben weit über eine Million Menschen ukrainischer Abstam- mung. „Die Diplomatie stößt angesichts

der immer neuen russischen Aggressionen an ihre Grenzen“, sagt sogar der Luxem- burger Außenminister Jean Asselborn. „Es stellt sich die Frage, ob man bei Putin über- haupt noch etwas auf dem Verhandlungs- wege erreichen kann.“ Mehrere osteuro- päische Regierungen kommen zu ähn- lichen Schlüssen. Die USA scheinen dagegen unentschlos- sen, heißt es in Berliner Regierungskreisen. Mal neigten sie den Hardlinern zu, mal der deutschen Position. Ihr Votum könnte entscheiden, vor dem Nato-Gipfel reist Prä- sident Obama nach Estland. In Berliner Regierungskreisen erwartet man auch deswegen einen Gipfel, der „eine gewisse Dynamik“ entfalten könnte. „Jetzt wird alles wieder auf den Tisch kommen“, sagt ein hochrangiger Diplo- mat. Putins Verhalten verschaffe denen Aufwind, die die Nato-Russland-Akte am liebsten aufkündigen würden – trotz aller Risiken. „So weit sind wir noch nicht, aber es wird mit jedem weiteren militärischen Schritt der Russen schwieriger, die deut- sche Position durchzusetzen.“ Offiziell hat die Nato erklärt, mehr als tausend russische Soldaten seien den Re-

erklärt, mehr als tausend russische Soldaten seien den Re- Tweet der kanadischen Nato-Delegation Orientierungshilfe

Tweet der kanadischen Nato-Delegation Orientierungshilfe für russische Soldaten

bellen in der Ostukraine zu Hilfe geeilt. Sprüche eines Separatistenführers, wonach diese Männer alles Freiwillige seien, die ihre Ferien lieber im Krieg als „am Strand“ verbrächten, werden nicht nur in Berlin als Verhöhnung empfunden. Auch das treibt die Politik in eine gefährliche Es- kalation. „Wenn die Entwicklung so weitergeht, dann werden politische Lösungen immer schwieriger“, sagte Außenminister Stein- meier am Freitag. Und der stellvertreten- de Unionsfraktionschef Andreas Scho- ckenhoff fordert eine entschiedene Reak- tion der Nato. „Es gibt eine neue Bedro- hung in Europa, auf die wir reagieren müssen. Die Nato muss sich wieder stär- ker auf ihren ursprünglichen Auftrag, die Verteidigung, konzentrieren.“ Auch wenn die Ukraine nicht Nato-Mitglied ist, wäre das ein deutliches Signal an Moskau. Schockenhoff spricht sich zudem für mehr Nato-Übungen in Osteuropa aus, um Russland klarzumachen, dass man im Notfall schnell eingreifen könne. „Die Nato muss zeigen, dass sie nicht zahn- los ist.“ Die ukrainische Regierung weiß, wel- chen Beweis solcher Entschlossenheit sie fordern will, moderne Ausrüstung für ihre Armee. „Waffenlieferungen sind über- haupt nichts, woran die Bundesregierung denkt“, sagt ein Regierungssprecher dazu. Das allerdings hatte er Anfang August sinn- gemäß auch mit Blick auf den Nordirak erklärt. Binnen weniger als fünf Tagen räumte die Regierung ihre Position. An diesem Montag wird der Bundestag Waf- fen für die Kurden gutheißen.

Nikolaus Blome, Christiane Hoffmann, Ralf Neukirch, Christoph Schult

Lesen Sie weiter zum Thema Interview mit dem Rosneft-Chef Seite 62 Reportage aus der Ukraine Seite 80

FOTO: JEFF J MITCHELL / GETTY IMAGES

Der Sanfte

Verteidigung Der künftige Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg ist das Gegenteil sei- nes Vorgängers Rasmussen:

moderat – und russlandfreundlich.

K urz nachdem der norwegische Mi- nisterpräsident Jens Stoltenberg im vergangenen Jahr abgewählt wor-

den war, bekam er einen Anruf aus Berlin. Am Apparat meldete sich die deutsche Bundeskanzlerin. Angela Merkel fragte den Sozialdemokraten, so erzählt es Stol- tenberg, „ob ich verfügbar wäre für inter- nationale Aufgaben“. Merkel kam rasch zur Sache. „Sie erwähnte den Posten des Nato-Generalsekretärs.“ In einer Zeit, in der das Bündnis über den richtigen Kurs gegenüber Russland streitet, ist es eine kleine Sensation, dass sich die 28 Mitgliedstaaten innerhalb kür- zester Zeit auf den Nachfolger des Dänen Anders Fogh Rasmussen einigten. Anfang

April, mitten in der Ukrainekrise, nomi- nierten die Nato-Botschafter Stoltenberg einstimmig. Und das, obwohl er als ausge- sprochen russlandfreundlich gilt. Beim Nato-Gipfel Ende dieser Woche in Wales wird er sich auf dem neuen Terrain prä- sentieren. Im Oktober soll er den Chefpos- ten des Bündnisses antreten. Dabei lag es alles andere als nahe, den 55-jährigen Sozialdemokraten aus Norwe- gen zum Nato-Generalsekretär zu machen. Stoltenberg ist außenpolitisch unerfahren. Andere Anwärter, der polnische Außen- minister Radek Sikorski oder der belgische Verteidigungsminister Pieter De Crem, wa- ren ihm an Kompetenz und Expertise klar überlegen. Außerdem begann er seine politische Karriere als erklärter Gegner der Nato. Bei seiner Bewerbung für den Vorsitz der sozialistischen Parteijugend Norwegens forderte der damals 25-Jährige den Austritt seines Landes aus dem Bünd- nis. Die Rede war auch eine Kampfansage an seinen Vater Thorvald, den vormaligen Verteidigungsminister. Die Forderung geriet schnell in Verges- senheit. Auf seinem Weg zum Regierungs- chef konzentrierte sich der studierte Volks- wirtschaftler auf soziale und ökonomische Themen. „Deshalb kann Stoltenberg kaum auf ein internationales Netzwerk an Freun- den und Verbündeten zurückgreifen“, ana- lysiert der Osloer Politologe Asle Toje. Und schließlich lag Stoltenberg lange über Kreuz mit der Nato-Führungsmacht, den USA. Als Chef seiner rot-grünen Koa- lition verkündete Stoltenberg nach einer Unterredung mit dem damaligen US-Prä-

nach einer Unterredung mit dem damaligen US-Prä- Ministerpräsident Stoltenberg 2011*: „Unsere Antwort

Ministerpräsident Stoltenberg 2011*: „Unsere Antwort lautet: mehr Demokratie“

sidenten George W. Bush der Öffentlich- keit, er habe dem Amerikaner angekün- digt, die norwegischen Soldaten aus dem Irak zurückzuziehen. Doch die beiden Politiker hatten darüber so nicht gespro- chen, wie die norwegische Presse später berichtete. Bush hielt ihn seitdem für einen Lügner, wollte ihn nicht mehr treffen oder mit ihm telefonieren. Das Verhältnis besserte sich erst unter Bushs Nachfolger, Barack Obama. Stolten- berg traf den US-Präsidenten, bevor der im Rathaus von Oslo den Friedensnobel- preis verliehen bekam. Die Chemie zwi- schen beiden stimmte. Als Stoltenberg im Februar dieses Jahres den entscheidenden Anruf aus dem Weißen Haus erhielt, ging alles sehr schnell. Er müsse sich innerhalb von 24 Stunden entscheiden, teilte ihm Washington mit. Befürchtungen, es könne in der zerstrittenen Nato zu viele Gegner geben, die ihn am Ende verhinderten, zer- streute Obamas Sicherheitsberaterin Susan Rice später: „Der Präsident ist Ihr persön- licher Wahlkampfleiter.“ Doch ein Kampf war gar nicht nötig. Ausschlaggebend war die Rolle, die Stol- tenberg in dem tragischsten Moment in Norwegens Nachkriegsgeschichte spielte:

nach dem Anschlag von Oslo und dem Massaker auf der Insel Utøya, bei denen

* Nach dem Anschlag auf seinen Regierungssitz.

insgesamt 77 Menschen ums Leben kamen. Beeindruckt nahm die Welt zur Kenntnis, wie besonnen Stoltenberg reagierte, als in seinem Volk Wut und Rachegefühle hoch- schlugen. „Unsere Antwort lautet: mehr Offenheit und mehr Demokratie“, sagte er am Tag nach den Anschlägen. Seither verband sich für die Weltöffentlichkeit sein Gesicht mit Standhaftigkeit, aber auch mit großer Menschlichkeit und Empathie. Nun muss Stoltenberg die Nato mitten in der sich immer weiter zuspitzenden Kri- se mit Russland übernehmen. Sein Vorgän- ger Rasmussen hatte die Öffentlichkeit und manche Mitgliedstaaten wiederholt mit scharfen Äußerungen in Richtung Moskau irritiert. Rasmussen galt als Scharfmacher, „Kriegstreiberei“ wurde ihm vorgeworfen. Stoltenberg ist dagegen einer, der nicht auf Konfrontation setzt. „Er vermeidet Konflikte“, sagt Politikwissenschaftler Toje. Der Charakterzug sei so stark in ihm ausgeprägt, dass er in Konfliktsituationen schon mal einfach das Telefon nicht abhe- be. So berichten es jedenfalls Vertraute. Diese Masche wird der Norweger, der einst einen jahrzehntelangen Grenzkon- flikt mit Russland auf dem Verhandlungs- wege löste, nicht beibehalten können. Schon beim Nato-Gipfel diese Woche wird das Bündnis wohl nicht nur die Wortwahl gegenüber Moskau verschärfen.

Christoph Schult, Gerald Traufetter

Er hat von Angela Merkel immer wieder das Gleiche verlangt und ist immer wieder abgeblitzt.

Staatschef Hollande bei Gedenkfeiern in der Bretagne am 25. August

FOTOS: PHILIPPE WOJAZER / REUTERS (L.); ERIC PIERMONT / AFP (R.)

Eine Frage des Glaubens

Deutschland

Europa Der Streit über die deutsche Sparpolitik ist neu entbrannt. Frankreichs Präsident Hollande fordert ein Konjunkturprogramm, Kanzlerin Merkel stellt sich gegen EZB-Chef Draghi.

D ie Kanzlerin blickt auf den erregten Frager wie auf ein seltsames Insekt. Das orangefarbene Mikro in der

Linken, die Augenbrauen weit hochgezo- gen, sucht sie in ihrem Sessel auf der Büh- ne des Berliner Ensembles so großen Ab- stand wie möglich zum Journalisten des Magazins Cicero. Der hatte, mit rudernden Armen, gerade von der „Verletzung“ der Franzosen gesprochen, die in Europa ge- genüber Deutschland so sehr zurückgefal- len sind. „Hält Deutschland diese Rolle aus?“, wollte er von ihr wissen. „Na ja“, antwortet Angela Merkel schließlich. „Auch andere leisten sehr viel.“ Und was genau tun die Franzosen? Als Antwort fallen Merkel, nach einem weiteren Zögern, „Mali“ und „Zentralafri- ka“ ein, die französischen Militärinterven- tionen in Afrika. Darüber hinaus gibt es von ihr an diesem vergangenen Mittwoch- abend keine aufbauenden Worte. Sie hält die Botschaft bereit, die sie seit Jahren ver- kündet: Das Nachbarland müsse seine Strukturprobleme lösen, dann könne Frankreich „auch wieder vorne sein“. Dass französische Soldaten kämpfen, wo Deutschland höchstens ein paar Flug- zeuge beisteuert, darüber freuen sich viele Franzosen tatsächlich. Aber diese kleine Genugtuung lindert nicht das im ganzen Land verbreitete Gefühl, von den Deut- schen abgehängt worden zu sein. Nicht zu- letzt deshalb wankt der deutsch-französi- sche Pfeiler, auf dem die EU seit ihrer Gründung ruht. Beide Seiten halten insge- heim nach neuen Verbündeten Ausschau. Viele regierende Sozialisten suchen die Schuld an Frankreichs Misere, anders als Merkel, nicht bei sich selbst und den aus- bleibenden Strukturreformen. Sondern bei der Wirtschaftspolitik der Deutschen. Ge- spalten ist die französische Linke dabei vor allem in einer Frage: Wie laut soll man das sagen? Und so ist die französische Re- gierung vergangene Woche gewisserma- ßen über Angela Merkel gestürzt. Präsident François Hollande entließ am Montag alle Minister, denn sein Premier Manuel Valls wollte endlich seinen Wider- sacher vom linken Flügel loswerden: Wirt- schaftsminister Arnaud Montebourg hatte

sich zuvor lauthals über die „Austerität“ in Europa beklagt und gefordert, die Re- gierung dürfe sich nicht mit den „Ob- sessionen der deutschen Rechten“ gemein- machen. Das Ergebnis ist: Frankreich hat nun eine neue Regierung, die sich so einhellig

für Reformen ausspricht wie keine zuvor. Doch zugleich will Präsident Hollande den Druck auf Deutschland erhöhen, seine Wirtschaftspolitik grundlegend zu über- denken. Er möchte Merkel dazu bringen, einer Lockerung der Stabilitätskriterien zuzustimmen. Vergangene Woche verlang- te er gar nach einem EU-Sondergipfel, um Wachstumsmaßnahmen zu beschließen. Das heißt etwa: mehr staatliches Geld in die Wirtschaft zu pumpen, so wie die Fran- zosen es traditionell machen. Im Kern geht es um die wirtschaftspoli- tische Glaubensfrage, um die seit Beginn der Eurokrise gestritten wird. Das Kanz- leramt verlangt von den europäischen Kri- senländern Strukturreformen, gepaart mit einer strikten Sparpolitik. Dagegen fordert der Elysée-Palast eine flexiblere Auslegung des europäischen Stabilitätspaktes, um die Wirtschaft anzukurbeln – und Reformen sollten vielleicht später folgen. Bislang hiel- ten sich in der EU die Anhänger beider Lager die Waage. Doch zuletzt gewann Pa- ris unerwartete Verbündete. Zu den Befürwortern einer neuen Poli- tik gehören nicht nur Hollande und der energische italienische Ministerpräsident Matteo Renzi. Der neue Kommissionsprä- sident Jean-Claude Juncker möchte die Re- geln des Stabilitätspaktes ebenfalls so fle- xibel wie möglich auslegen. Die USA und der internationale Währungsfonds äußern sich ähnlich. Beim Treffen der Nobelpreisträger in Lindau am Bodensee kritisierten die an- wesenden Wirtschaftswissenschaftler ein- hellig Merkels Rezepte. Dem Kontinent drohe eine dauerhafte Wachstumsschwä-

Dem Kontinent drohe eine dauerhafte Wachstumsschwä- Finanzminister Schäuble Am Telefon beschwichtigt che, wenn

Finanzminister Schäuble Am Telefon beschwichtigt

che, wenn die Defizitregeln so streng ge- handhabt würden. Angesichts der gegen- wärtigen Teuerungsrate von 0,4 Prozent warnen einige vor Deflation – also dauer- haft sinkenden Preisen. Die größten Pessi- misten befürchten gar, dass die Eurokrise wiederkehren könne. Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble sind dagegen überzeugt, dass der Euroraum davon weit entfernt ist. Sie wol- len am bisherigen Kurs festhalten und se- hen zugleich besorgt, wie überall bisherige Gewissheiten ins Wanken kommen: Die Bundesbank plädiert für höhere Löhne, die Europäische Zentralbank (EZB) für In- vestitionsprogramme. Besonders beunruhigt ist die Bundes- regierung über die Haltung von EZB-Chef Mario Draghi. Der Italiener hatte kürzlich eine Rede vor Geldpolitikern aus aller Welt im amerikanischen Jackson Hole gehalten – unter den Gästen war auch Janet Yellen, Chefin der amerikanischen Notenbank Fed. Zum Erstaunen seiner Zuhörer ermunterte Draghi die Regierun- gen der Eurozone, ihren Volkswirtschaf- ten mit „unterstützender Fiskalpolitik“ Schub zu verleihen. Das heißt: Schulden machen, um wachstumsfördernde Maß- nahmen zu finanzieren, wie es auch Hol- lande fordert. Und so kam es vergangene Woche zu einem in jeder Hinsicht erstaunlichen Te- lefongespräch: Merkel griff zum Hörer, um Draghi zur Rede zu stellen. Gewöhnlich achten deutsche Kanzler und Finanzminis- ter penibel darauf, sich nicht in Angele- genheiten der EZB einzumischen. Die Un- abhängigkeit der Notenbank zählt zur deutscher Staatsräson. Was er damit gemeint habe, wollte Mer- kel am Telefon von Draghi wissen. Bedeu- te die Rede etwa eine Abkehr der EZB von der vereinbarten Sparpolitik? Dann stünde sie endgültig allein da. Der Italiener wand sich. Er verwies darauf, dass er in seiner Rede direkt im Anschluss weitere Strukturreformen in den schlingernden Ländern der Eurozone ge- fordert habe. Von einem Kurswechsel kön- ne deshalb keine Rede sein. Um die auf- gebrachten Deutschen zu besänftigen, rief Draghi anschließend auch noch Finanzmi- nister Schäuble an. Wieder bestand seine Botschaft vor allem aus Abwiegeln. Offiziell will die Bundesregierung die Angelegenheit nicht kommentieren. Hin- ter vorgehaltener Hand geben sich Regie- rungsvertreter hemmungsloser. „Wir ver-

FOTOS: MICHAELA REHLE / REUTERS (O.); DAVID STUBBS / REUTERS (U.)

MICHAELA REHLE / REUTERS (O.); DAVID STUBBS / REUTERS (U.) Partner Merkel, Hollande: „Einfach zu viel

Partner Merkel, Hollande: „Einfach zu viel Zeit verloren“

stehen Draghi nicht so, wie er derzeit ver- standen wird“, sagt einer. Sollte er aber tatsächlich Investitionsprogramme fordern, „so wäre es falsch“. Finanzminister Schäuble sprach sich am vergangenen Freitag in Paris öffentlich ge- gen eine Intervention der EZB aus. Auch an anderen Fronten kämpft das Kanzler- amt gegen den Verlust der Deutungshoheit an: Über Wochen versuchte es, den Fran- zosen Pierre Moscovici im Amt des Wäh- rungskommissars zu verhindern – der hatte als Finanzminister keinen einzigen EU- konformen Haushalt vorgelegt. Aber nach Informationen des SPIEGEL hat Berlin die- sen Kampf aufgegeben, Merkel hat sich in- zwischen damit abgefunden, dass Mosco- vici das Amt wohl bekommen wird. Allerdings soll ihm ein Aufpasser zur Seite gestellt werden. Juncker will einen haushaltspolitischen Hardliner aus dem Norden Europas zum Vizepräsidenten der Kommission ernennen. Dieser soll dem Währungskommissar vorgesetzt sein. Fa- vorit für den Vizeposten ist der ehemalige finnische Premier Jyrki Katainen. Angela Merkels Kritiker werden zahl- reicher – sie selbst widerspricht deren Ein- schätzung der Lage jedoch fundamental. Wenn sie sich im Kanzleramt zu Gesprä- chen über die Lage in der Eurozone trifft, hat sie nicht selten eine kleine Mappe mit Grafiken und Tabellen dabei. Sie zeigen, dass sich seit geraumer Zeit wichtige Kenn- ziffern von Krisenstaaten wie Portugal, Spanien oder Griechenland positiv entwi- ckelt haben. Dann fährt die Kanzlerin mit dem Zeigefinger die bunten Linien für je- des Land entlang, die etwa bei Haushalts- defizit und Lohnstückkosten fast immer in die richtige Richtung gehen. Nur bei Frankreich ist das anders. Wachstum null, Wettbewerbsfähigkeit schwindend, Arbeitslosigkeit steigend, De- fizit seit Jahren über der Grenze von drei Prozent der Wirtschaftsleistung. Aus Sicht der Kanzlerin ist Frankreich heute das, was

Deutschland vor gut zehn Jahren war: der kranke Mann Europas. Präsident Hollande hat bis auf eine be- scheidene Reform des Arbeitsrechts bisher kaum etwas zustande gebracht. Die Um- setzung des bislang größten Vorhabens, die in diesem Jahr groß angekündigte Sen- kung der Lohnnebenkosten durch Spar- maßnahmen in Höhe von 50 Milliarden Euro, ist weiter ungewiss. Als Hollande vergangene Woche seine neue, reformfreundliche Regierung er- nannte, zeigten Regierungsmitglieder und hohe Beamte in Berlin deshalb einhellig Respekt. „Hollande riskiert etwas, end- lich“, sagt ein Minister im kleinen Kreis. Ein Kabinettsmitglied spricht von der „letzten Chance, die Hollande hat“. Doch selbst notorische Optimisten in Berlin sehen geringe Chancen auf einen raschen Kurswechsel. Denn im französi-

Chancen auf einen raschen Kurswechsel. Denn im französi- Notenbanker Draghi, Yellen Abkehr von der vereinbarten

Notenbanker Draghi, Yellen Abkehr von der vereinbarten Sparpolitik?

schen Parlament verfügen die Sozialisten nur über eine Mehrheit von zwei Stim- men – damit kann der linke Flügel umstrit- tene Vorhaben jederzeit boykottieren. „Für Frankreich ist es nicht fünf vor zwölf, es ist zwölf“, sagt der Vorsitzende des Europaausschusses im Bundestag, Gun- ther Krichbaum. Es gibt nicht wenige im Regierungslager, die Frankreichs Staats- chef politisch regelrecht abgeschrieben ha- ben. „Es ist wahrscheinlich zu spät, Hol- lande hat einfach zu viel Zeit verloren“, sagt ein hoher Regierungsbeamter. Besonders gut kommt in Berlin der neue Wirtschaftsminister Emmanuel Macron an:

Er ist erst 36, war einst Rothschild-Banker und versuchte Hollande schon früher auf Reformkurs zu drängen. Macron war ein erklärter Gegner der berüchtigten 75-Pro- zent-Steuer auf Einkommen von über ei- ner Million Euro, die Hollande im Wahl- kampf versprach. Sein Land würde ein „Kuba ohne Sonne“, lästerte er damals. Im Kanzleramt kennt man Macron gut und schätzt ihn – er hatte im Elysée als Wirt- schaftsberater des Präsidenten gearbeitet. Doch auch er ist ein Kritiker der Berli- ner Fiskalpolitik. Gleichzeitig gilt Macron zwar als eindeutiger Anhänger von Struk- turreformen. In einem Interview kurz vor seiner Ernennung vergangene Woche regte er eine Lockerung der 35-Stunden-Woche an – und musste sich von Premier Valls deshalb prompt zurückpfeifen lassen. Doch zugleich hat Macron in Hintergrund- gesprächen klargemacht, dass Deutschland zu viel Wert auf die Einhaltung der Defi- zitregeln lege. Das liegt daran, dass in Frankreich ein grundlegend anderes Verständnis von staatlicher Wirtschaftspolitik vorherrscht – nicht nur bei der Linken, sondern auch bei Konservativen glaubt man an eine flexib- lere Geldpolitik. Und dennoch verwundert die französische Dauerkritik: Denn anders als in Griechenland oder Spanien, die Hilfs- programme in Anspruch nahmen, herrsch- te in Frankreich zu keinem Zeitpunkt auch nur annähernd so etwas wie „Austerität“ – seit 2008 hat keine Regierung die Defizit- regeln eingehalten, das wird auch in die- sem Jahr nicht der Fall sein. 2015 und 2016 wohl ebenfalls nicht. Die Bundesregierung wird bald vor ei- nem Dilemma stehen: Soll man ein EU- Verfahren gegen den wichtigsten Partner unterstützen und Hollande damit eine wei- tere Demütigung zufügen? Oder wäre es besser, die Regeln für Frankreich weiterhin großzügig zu interpretieren? Das würde aber den Vorwurf bestätigen, nur die klei- neren Mitgliedsländer müssten sich an die Vorgaben halten. Im Auswärtigen Amt wird dafür plädiert, mit den Franzosen milde umzugehen. „Die hohe Nervosität im Kanzleramt, die alles betrifft, was eine angebliche Abkehr vom

Sparkurs angeht, ist wenig hilfreich“, heißt es dort. „Wir müssen den Franzosen Luft zum Atmen geben.“ Es sei undenkbar, dass das stolze Frankreich die vorgesehenen Geldstrafen akzeptieren würde. Andererseits weiß man auch in der Um- gebung von Außenminister Frank-Walter Steinmeier, dass die EU Paris einen ekla- tanten Verstoß gegen die Kriterien nicht einfach durchgehen lassen kann. „Die fran- zösische Regierung hat unsere volle Un- terstützung auf ihrem Reformweg ver- dient“, sagt der Staatsminister im Auswär- tigen Amt, Michael Roth. „Sie steht jetzt unter großem Erfolgsdruck. Die europäi- schen Regeln gelten für alle Mitglied- staaten.“ Die Franzosen möchten die Regeln am liebsten für alle aufweichen – um nicht al- lein dazustehen, aber auch aus Überzeu- gung. Der italienische Ministerpräsident Renzi hat mit Hollande gemeinsam den Vorschlag gemacht, sogenannte staatliche Zukunftsinvestitionen aus dem Defizit herauszurechnen. Aber auch die Deutschen suchen nach neuen Verbündeten. Bei den Verhandlun- gen zum EU-Haushalt für die kommenden Jahre machte die Bundesregierung mit Briten und Skandinaviern gemeinsame

Sache, um die Ausgabenwünsche aus den südeuropäischen Staaten und aus Frank- reich abzuwehren. Zugleich umgarnt Merkel die spanische Regierung, lobt de- monstrativ deren Reformen und will den spanischen Wirtschaftsminister Luis de Guindos in das einflussreiche Amt des Eurogruppenchefs hieven. Die entscheidende Frage aus deutscher Sicht ist, ob es Frankreich und Italien mit den Strukturreformen wirklich ernst mei- nen. Denn nur damit könnten sie Merkel beeindrucken. Renzi hat zwar ein gewalti- ges Reformprogramm angekündigt, das al- lerdings aus politischen Gründen bereits ins Stocken geraten ist. Die Franzosen ha- ben ihrerseits bisher jedes Jahr Schulden gemacht und sämtliche Versprechen gebro- chen – dennoch verharren sie in politischer Lähmung. Der Teufelskreis, den François Hollande und seine Regierungen bisher nicht zu durchbrechen wagten, sieht so aus: Zwar beteuerten sie stets, eine „seriöse Haus- haltspolitik“ anzustreben. Weil die Wirt- schaft seit Jahren kaum wächst, wollten sie aber nicht massiv bei den Ausgaben sparen – um eine Rezession zu vermeiden. Zugleich wollten sie jedoch auch struk- turelle Reformen nur ganz behutsam

Deutschland

angehen, um die sozialistische Basis nicht zu verschrecken – was dann beschlossen wurde, reichte bei Weitem nicht aus, um die Wirtschaft anzukurbeln. Die linken Wähler Hollandes waren trotzdem sauer: Es reichte, dass der Präsi- dent sich verbal zu einer als neoliberal empfundenen Reform- und Sparpolitik be- kannte, auch wenn er sie nicht umsetzte. So hat Hollande es geschafft, alle glei- chermaßen zu enttäuschen: die einen mit seinen Ankündigungen, die anderen mit seiner Untätigkeit und alle gemeinsam mit der schlechten Figur, die er dabei machte. Nun ist er wieder bei der Forderung ge- landet, mit der er seinen Wahlkampf be- stritt. Er wolle „Europa neu ausrichten“, sagte er damals und verlangte ein Ende der „Austerität“. Damit verstimmte er Merkel so sehr, dass sie ein Treffen vor der Wahl verweigerte. Seither hat Hollande von ihr immer wie- der das Gleiche verlangt und ist immer wieder damit abgeblitzt. Vielleicht hat er die ganze Zeit gehofft, dass am Ende derjenige recht bekommt, der sich oft genug wiederholt.

Nikolaus Blome, Ralf Neukirch, Christian Reiermann, Mathieu von Rohr, Christoph Schult

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Deutschland

„Das ist eine Identitätskrise“

Interview EU-Parlamentspräsident Martin Schulz, 58, warnt vor deutscher Überheblichkeit und fordert mehr Zeit für die französischen Reformen.

SPIEGEL: Frankreichs Staatspräsident Fran- çois Hollande hat die Regierung umgebil- det und auf seinen Sparkurs verpflichtet. Kommt jetzt mit Jahren Verspätung die französische Variante einer Agenda 2010? Schulz: Warum verspätet? François Hol- lande hat schon vor längerer Zeit mit dem sogenannten Verantwortungspakt Refor- men begonnen. Durch die jüngste Regie- rungsumbildung und die zentrale Rolle des Wirtschaftsministers Michel Sapin werden diese jetzt verstärkt. SPIEGEL: Warum hat Hollande so zaghaft begonnen? Schulz: Das hat er nicht. Unmittelbar nach seiner Amtsübernahme hat er zum Bei- spiel eine Steuerreform verkündet, die gro- ße Einkommen belastet. Das war keine Kleinigkeit, wie man an der Steuerflucht von Gérard Depardieu ins Ausland sehen konnte. SPIEGEL: Was Hollande und Sie Reformpro- gramm nennen, hat aber kaum Früchte getragen. Der Widerstand ist beträchtlich, die Kabinettsumbildung ist schon die zwei- te binnen weniger Monate. Schulz: Hollande hat eine Erblast zu bewäl- tigen. Die Krise begann schließlich nicht mit seiner Regierungsübernahme. Deshalb wird es dauern, bis die Reformen um- gesetzt sind. Die deutsche Agenda 2010 war anfangs auch hoch umstritten, erst heute ernten wir die Früchte. Richtig ist allerdings, dass sich Reformen nicht in jedem Land auf die gleiche Art durchset- zen lassen. SPIEGEL: Warum ist es in Frankreich schwie- riger? Schulz: Auf den ersten Blick ist es in Frank- reich sogar leichter, denn das zentralisti- sche System der Fünften Republik verleiht dem Präsidialamt, zumindest auf dem Papier, eine enorme Machtfülle. Aber die Wirklichkeit ist komplizierter. Die franzö- sische Gesellschaft ist gespalten. Frank- reich ist ein stark klientelistisch organisier- tes Land. Es leidet, wie ich finde, sehr un- ter der Polarisierung in der Politik. Das lässt wenig Kompromisse zu. Wir haben in Deutschland den Vorteil, dass unser föderales System mit Bundestag und Bun- desrat unterschiedliche politische Strömun- gen dazu zwingt, im Gesetzgebungsver- fahren zusammenzuwirken. SPIEGEL: Gibt es neben den strukturellen auch psychologische Barrieren, die Refor- men in Frankreich erschweren? Schulz: Der Blick der Franzosen auf sich selbst hat oft mit der Realität im Land

nichts zu tun. Frankreich ist in der vergan- genen Woche an die Märkte gegangen und hat negative Zinsen bekommen. SPIEGEL: Die Anleger verzichten mithin auf Zinsen und zahlen Frankreich stattdessen eine Prämie, weil sie ihr Geld dort für sehr sicher halten. Schulz: Man sieht also: Das Vertrauen der Investoren in das Land ist vorhanden, aber die Bürger sind trotzdem verunsichert. Ich nenne das eine Identitätskrise. SPIEGEL: Ein Minderwertigkeitskomplex? Schulz: Nein. Es hat sich in Frankreich eine Art Krisenrhetorik entwickelt, die so dra- matisch daherkommt, dass die Leute ihr

die so dra- matisch daherkommt, dass die Leute ihr „Man kann sich nicht einfach auf den

„Man kann sich nicht einfach auf den Standpunkt stellen: Was wir gekonnt haben, muss dort auch gehen.“

glauben. Das ist nicht gerechtfertigt. Bis- lang hat Frankreich alle seine Krisen am Ende sehr gut gemeistert. In den Sechzi- ger- und Siebzigerjahren hat das Land in der Telekommunikationstechnologie Maßstäbe gesetzt. Auch wenn die Nuklear- technologie umstritten ist, war Frankreich in der Energieversorgung eines der führen- den Länder. Oder denken Sie an die Entwicklung der Hochgeschwindigkeits- züge, da war Frankreich Pilotland. Das Potenzial, das dieses Land hat, ist unge- heuer groß. SPIEGEL: Haben Franzosen andere Erwar- tungen an den Staat und an die Politik als Deutsche?

Schulz: Der Glaube an einen starken Staat findet sich in allen politischen Lagern Frankreichs. Aufgabe der Republik ist nach Meinung der allermeisten Franzosen der Schutz der Nation. Jedes auch nur schein- bare Abrücken von der Fürsorgepflicht des Staates kann sofort als Verrat an den Prin- zipien der Nation denunziert werden. SPIEGEL: Warum fallen Proteste in Frank- reich rabiater aus als in Deutschland? Schulz: In einem Land, das 1793 seinen Kö- nig hingerichtet hat, herrscht eine gewisse Tradition der Unbotmäßigkeit. Über die Deutschen soll Lenin ja gesagt haben:

Wenn sie einen Bahnhof stürmen wollen, kaufen sie sich erst mal eine Bahnsteig- karte. Die Geschichte der französischen Nation der letzten 200 Jahre ist eine Ge- schichte von Revolten. Die Ablösung der Vierten Republik war ein Akt hart am Ran- de des Staatsstreichs. Radikale Strömun- gen, selbst wenn es nur kleine Gruppen sind, werden in Frankreich als legitim emp- funden. SPIEGEL: Sind das nicht alles Ausreden? Mangelt es den französischen Politikern nicht einfach an Mut? Schulz: Wir müssen Reformen in Europa von Land zu Land unterschiedlich durch- führen. Man kann sich nicht einfach auf den Standpunkt stellen: Was wir gekonnt haben, muss dort auch gehen. Aus deut- scher Sicht muss man zunächst einmal das tun, was zwischen Freunden das Wichtigs- te ist: François Hollande vertrauen. Ihm sagen: Wir glauben dir, dass du diese Re- formen durchführen willst, und wir sehen die Schwierigkeiten. SPIEGEL: Angesichts einer Rekordarbeits- losigkeit und eines Schuldenstands, der nicht sinken will, fällt es schwer, Hollande zu vertrauen. Schulz: Wenn in Berliner Amtsstuben, im Beraterstab von Regierungsmitgliedern, bei jeder Aktion, die von Paris angekün- digt wird, sofort eine negative Kommen- tierung stattfindet, dann ist das nicht Ko- operation, sondern Konfrontation. Das führt dazu, dass die Gegner von Hollande die Regierungspläne mit dem Hinweis at- tackieren, Berlin sei ja dagegen. Auch Deutschlands Reformen haben Zeit und Geld gekostet. Die Abwrackprämie und das Kurzarbeitergeld haben die deutschen Haushalte belastet und die Staatsverschul- dung erhöht, aber wir sind dadurch sehr gut durch die Krise gekommen. Wenn jetzt Frankreich Instrumente beschließt, die Zeit und Geld kosten und das Land voran-

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Gewerkschaftsprotest in Paris: „Radikale Strömungen werden als legitim empfunden“

bringen, sollten wir Deutschen das unter- stützen. Die Frage ist doch: Meint Hol- lande es ernst? Ich bin sicher, er meint es ernst. SPIEGEL: Können die Franzosen, bei allen Unterschieden, etwas aus den schröder- schen Reformen lernen? Schulz: Von Gerhard Schröder kann man lernen, dass man manchmal den Willen und die Kraft haben muss, unpopuläre Re- formen durchzusetzen. Aber man kann da- raus auch lernen, dass ein Land manchmal mehr Zeit braucht. Schröder hat gesagt:

Wenn ich mich gegen das Defizitverfahren der EU-Kommission nicht zur Wehr ge- setzt hätte, wäre die Agenda 2010 geschei- tert. Würde Frankreich zu dem Reform- programm, das es jetzt durchführt, ein Defizitverfahren auferlegt, bei dem es zu weiteren milliardenschweren Kürzungen kommt, könnte es sein, dass das Reform- projekt am Widerstand im Volk und im Parlament scheitert. Damit ist niemandem gedient. Es geht um die Abwägung zwi- schen dem strikten Einhalten der Kriterien und einer notwendigen pragmatischen Fle- xibilität. Das ist eine Frage, die in Brüssel entschieden werden muss und nicht in na- tionalen Hauptstädten, wie manche es gern hätten. SPIEGEL: Unser Eindruck ist, dass Angela Merkel den französischen Präsidenten schon abgeschrieben hat. Schulz: Wir haben zugelassen, dass die deutsch-französische Zusammenarbeit stark ideologisiert worden ist. Die partei- politische Verortung des Regierungschefs

des anderen Landes ist wichtiger geworden als der Regierungsauftrag. Man kann in Berlin nicht so tun, als habe die französi- sche Geschichte erst 2012 begonnen. Nach dem Motto: Seitdem regiert eine bestimm- te Partei, vorher gab es keine Probleme. Das ist so falsch wie die Aussage in Paris, dass alle Probleme auf Angela Merkel zu- rückzuführen seien. SPIEGEL: Es gilt also noch der Satz von Hel- mut Kohl, dass man die Trikolore stets dreimal grüßen sollte? Schulz: Einmal grüßen reicht. Die deutsch- französischen Beziehungen waren immer sehr stark davon geprägt, dass Regierungs- chefs aus unterschiedlichen politischen Lagern sehr gut miteinander harmonierten. Sie stellten nicht ihre unterschiedliche politische Verortung in den Vordergrund, sondern die deutsch-französische Koopera- tion, das sollte immer das Leitmotiv sein. Wenn das deutsch-französische Tandem par- teipolitisch instrumentalisiert wird, hat es Lasten zu tragen, die es nicht tragen kann. SPIEGEL: Das Kanzleramt setzt auf andere Verbündete. Selbst der EU-kritische briti- sche Premier David Cameron ist auf Schloss Meseberg, dem Gästehaus der Bun- desregierung, herzlicher empfangen wor- den als Hollande seinerzeit in Merkels Wahlkreis auf Rügen. Schulz: Deutschland hat schon immer ge- schwankt zwischen Anglophilie und Fran- kophilie. Ich halte auch viel vom Weimarer Dreieck und der Einbindung Polens. Aber wenn die Europäische Union funktionie- ren soll, geht das nur über Deutschland

und Frankreich. Zusammen erwirtschaften die beiden Ländern 50 Prozent des Brut- tosozialprodukts der Eurozone. Und 100 Jahre nach Beginn des Ersten Welt- kriegs darf man das mal sagen: Die deutsch-französische Zusammenarbeit ist der Imperativ für Europa. SPIEGEL: Mit welchen Gefühlen schauen die Franzosen auf Deutschland? Schulz: Ich habe den Urlaub in der Bretagne verbracht. Viele Franzosen sind beeindruckt vom wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands. Sie finden es toll, wie wir Deutschen in be- stimmten Grundsatzfragen zusammenarbei- ten, dass eine Große Koalition in Berlin möglich ist. Aber viele Franzosen sagen auch, dass sie Töne hören, die sie aus Deutschland lange nicht mehr gehört haben. Eine gewisse Selbstgefälligkeit der Deut- schen mit dem Erreichten. Eine Tendenz, die eigenen Reformmodelle als idealtypisch für alle anderen zu erklären. SPIEGEL: Nach dem Motto: Am deutschen Wesen soll die Welt genesen? Schulz: Nach dem Fall der Mauer war die Angst vor einem wiedererstarkten Deutsch- land groß, damals entstand in der Mitte des Kontinents das größte und reichste Land der EU. 25 Jahre später ist Deutsch- land unbestritten die Führungsmacht in Europa, ökonomisch wie politisch. Das löst Ängste aus, das habe ich als deutscher Europapolitiker im Wahlkampf selbst er- lebt. Deutschland sollte daher alles tun, um gar nicht erst den Verdacht zu erwecken, Hegemonialpolitik zu betreiben.

Interview: Horand Knaup, Christoph Schult

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„Horst, du musst mir glauben“

Parteien Der Streit um die Maut spaltet die Union. CDU-Landesverbände wollen der schwächelnden CSU eine Lektion erteilen, Finanzminister Schäuble arbeitet an einem Alternativkonzept.

A ls Horst Seehofer frühmorgens in die Küche seines Ferienhauses im idyllischen Altmühltal kommt, ent-

deckt er auf seinem BlackBerry eine Nach- richt der Kanzlerin. „Lieber Horst, können wir um 7.45 Uhr telefonieren?“ Seehofer macht sich erst mal einen Kaffee. Dann schaut er auf die Uhr. Viertel vor acht. Er greift zum Telefon. Anders als der bayerische Ministerpräsi- dent ist die Kanzlerin in Berlin längst nicht mehr im Ferienmodus. Die Krise in der Ukraine, der IS-Terror im Irak, für den Tag der Kanzlerin reichen 24 Stunden derzeit nicht aus. Aber am vergangenen Donners- tagfrüh steht Krisenprävention im kleineren Maßstab an. Da will sie rasch dafür sorgen, dass beim CSU-Chef kein Argwohn auf- keimt. Immerhin geht es um dessen Lieb- lingsprojekt, die sogenannte Ausländermaut.

Merkel, so berichtete die Bild-Zeitung am selben Morgen, hintertreibe die Maut- pläne der CSU. Am Wochenende zuvor hatten die CDU-Landesverbände Baden-

Württemberg und Nordrhein-Westfalen das Vorhaben von Verkehrsminister Alex- ander Dobrindt (CSU) scharf attackiert. Nun sah es so aus, als hätte Merkel die An- griffe bestellt. „Horst, du musst mir glau- ben“, sagt Merkel, „da ist nichts dran.“ Bei der Maut, das zeigt das Telefonat zur Morgenstunde, geht es längst nicht mehr nur um die Frage, ob Ausländer künf- tig auf deutschen Straßen eine Abgabe zah- len müssen. Es geht auch um die Einheit der Unionsparteien. Ausgerechnet um die Maut entbrennt der erste tiefe Streit seit der Bundestagswahl. Der massive Wider- stand der Schwesterpartei zeigt vor allem, wie schwach die CSU in Berlin inzwischen ist und wie wenig Respekt die CDU deren Ministern noch entgegenbringt. Inzwischen ist es so weit, dass Bundes- finanzminister Wolfgang Schäuble, ein glü- hender Europäer, heimlich ein weitreichen- des Alternativkonzept zu den CSU-Plänen erarbeiten lässt. Danach würde Dobrindts Ausländermaut womöglich überflüssig.

Die Autorität von CSU-Chef Seehofer steht auf dem Spiel. Gerade weil die CSU- Ministerriege in der Hauptstadt so glanzlos auftritt, braucht er die Maut, um zu be- weisen, dass er in Berlin nicht alle Durch- schlagskraft eingebüßt hat. Deshalb appel- liert Seehofer sogar an die Koalitionstreue der Kanzlerin. „Die CSU hat sich bei vie- len Dingen, die für sie schwierig waren, koalitionstreu verhalten“, sagt er. „Ich er- warte jetzt, dass die CDU-Spitze sich ge- nauso verhält.“ Was aber will Merkel? Der Unmut über Dobrindts Pläne reicht inzwischen bis weit in die Unions-Bundestagsfraktion. Den ein- stimmigen Beschluss, mit dem die 63 Par- lamentarier starke NRW-Landesgruppe das Mautkonzept am vergangenen Mitt- woch ablehnte, trugen auch mehrere Par- lamentarische Staatssekretäre und Bundes- tagspräsident Norbert Lammert mit. Zuvor hatten die CDU-Bundestagsabge- ordneten aus NRW im Kanzleramt nach einer Antwort gesucht. Doch die Kanzlerin

Seehofer beim CSU-Parteitag im Juli 2013

sprach beim Mittagessen nicht über die Maut, sie hatte anderes um die Ohren, den IS-Terror im Irak, die Krise um die Ukrai- ne. Fünf Minuten vor Ende der Sitzung fragte sie unschuldig: „Gibt es noch ein Thema?“ – „Maut!“, rief jemand in die Runde. „Darüber redet ihr ja gleich noch in der Landesgruppe“, wiegelte Merkel ab. Merkel nervt die Verbissenheit, mit der selbst sonst eher besonnene CDU-Topleute das Thema beackern. „Peter, wir kennen deine Meinung“, fuhr sie im Parteivor- stand ihrem Vertrauten, NRW-Landesgrup- penchef Peter Hintze, über den Mund. Der hatte zuvor den Widerstand der NRW- CDU gegen die Maut mitorganisiert. Ein Anruf Merkels, und der treue Hintze wür- de seine Attacken einstellen. Doch diese Ansage kam bisher nicht. Merkel war noch nie Fan einer Maut. Und sie nimmt es ernst, wenn ihr Armin Laschet, der Chef der NRW-CDU, beim Abendessen von den Sorgen der Wirt- schaft in den Grenzregionen berichtet. Im

Kanzleramt schrumpfen ihre Leute das Mautvorhaben schon auf Witzformat. „Die Maut kommt, aber nur für Modellautos“, scherzt einer in Anspielung auf die Affäre von Seehofers Staatskanzleichefin Chris- tine Haderthauer. Zum Glück Seehofers will Merkel der- zeit nur eines noch weniger als eine Maut – Krach mit der CSU. Damit folgt ausge- rechnet Merkel einer alten Doktrin Helmut Kohls: Frieden mit der CSU ist immer wichtig, egal mit welchem Unsinn die Bay- ern ankommen. Merkel will die CSU nicht reizen, sie weiß, dass das Selbstvertrauen von Seeho- fers Berliner Truppe ziemlich ramponiert ist. Das beginnt schon damit, dass die CSU kein Kernressort mehr führt, seit Merkel Seehofer bei den Koalitionsverhandlungen das Innenministerium entzog. Sicher, ein gutes Straßennetz ist wichtig und auch Flüchtlingshilfe in Afrika steht einem rei- chen Land wie Deutschland gut an. Dass sich ein Christsozialer um die Bauern küm- mert, muss auch kein Fehler sein. Doch der Eindruck setzt sich fest: Während sich die CDU-Kanzlerin und der SPD-Außen- minister um Fragen von Krieg und Frieden kümmern, bleibt der CSU der Bundesver- kehrwegeplan – und eben die Maut. Inzwischen behandelt die CDU ihre Schwesterpartei mit kaum verhohlener He- rablassung. Wenn es um wirklich wichtige Fragen geht, Waffenlieferungen an die Kur- den etwa, will man sie lieber gar nicht da- beihaben. Als sich Merkel in der vorver- gangenen Woche unter anderen mit den Ministern für Äußeres und Verteidigung zur entscheidenden Besprechung über die geplante Lieferung traf, wollte auch Ent- wicklungshilfeminister Gerd Müller dazu- stoßen. Doch die Kanzerlin beschied ihm knapp, dass er nicht eingeladen sei. Seehofer schäumte und beraumte aus seinem Feriendomizil heraus eine Schalt- konferenz der Parteispitze ein. Doch trotz aller Empörung entschlossen sich die CSU- Granden, Merkels Affront nicht an die gro- ße Glocke zu hängen: Schließlich würde sonst allzu offensichtlich, dass die Christ- sozialen in der Berliner Koalition nur noch in der zweiten Reihe spielen. Während SPD-Chef Sigmar Gabriel sein Wirtschaftsministerium zu einem Neben- kanzleramt ausgebaut hat, gibt es in der CSU niemanden mit Überblick über das gesamte Regierungsgeschehen. Zwar hat sich Verkehrsminister Dobrindt selbst auf den Posten des Koordinators gehoben und die „Schulterklappen“ des Generalsekre- tärs wieder angelegt (SPIEGEL 23/2014). Doch seine sogenannte Koordinierungs- runde tagt nur unregelmäßig. Seehofer beobachtet beunruhigt, wie sei- ne Berliner Truppen wanken. Zumal der CSU-Chef ahnt, dass im Kräftemessen in Sachen Maut sein eigentlicher Gegner noch

Deutschland

gar nicht aus der Deckung gekommen ist. Genau nimmt er zur Kenntnis, wie Bundes- finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) in Interviews gegen die Maut stichelt. Es ist kein Geheimnis, dass dem über- zeugten Europäer Schäuble die ganze europafeindliche Richtung der Ausländer- maut nicht passt. Er hätte so einen Auftrag als Minister nicht angenommen, ließ er kürzlich Mitarbeiter wissen. Um so schlim- mer für die CSU, dass Schäuble bei der Umsetzung des Mautkonzepts eine Schlüs- selstellung hat. Will Dobrindt das Verspre- chen des Koalitionsvertrags halten und deutsche Autofahrer trotz Maut nicht stär- ker zur Kasse bitten, muss die Kfz-Steuer sinken – Terrain des Finanzministers. Doch Schäuble denkt, wie üblich, in viel größeren Zusammenhängen. Er hält sich nicht mit Dobrindts Plänen auf. Stattdessen ist er dabei, ein eigenes Modell zu entwer- fen, um mehr privates Kapital für den Stra- ßenbau zu mobilisieren. Eine Straßennut- zungsgebühr könnte dabei helfen. Schon heute funktioniert der Deal so: Private Fir- men bauen im Rahmen einer sogenannten Public-Private-Partnership auf eigene Kos- ten eine Autobahn aus wie etwa zwischen München und Augsburg. Im Gegenzug be- kommen sie die Einnahmen aus der Lkw- Maut für Jahre abgetreten – daraus ergibt sich die Rendite für die Unternehmen. Dieses Modell, so die Idee, ließe sich ge- waltig ausweiten, wenn künftig nicht nur Lkw zur Kasse gebeten würden, sondern alle Nutzer der Autobahnen, egal ob Deut- sche oder Ausländer. Nur so, davon ist Schäuble überzeugt, könne man die riesi- gen Investitionslücken im deutschen Stra- ßennetz schließen. Zwar lassen sich diese Überlegungen frü- hestens in der nächsten Wahlperiode um- setzen, weil der Koalitionsvertrag derzeit eine stärkere Belastung deutscher Auto- fahrer ausschließt. Dennoch, so gibt sich Schäuble gegenüber Mitarbeitern über- zeugt, mache sein Plan Dobrindts Maut obsolet. Bereits bei den anstehenden Ge- sprächen über die Reform der Finanzbe- ziehungen zwischen Bund und Ländern will Schäuble seine Idee einbringen. Seehofer gibt sich keiner Illusion da- rüber hin, dass die entscheidenden Aus- einandersetzungen noch ausstehen. Zum Glück, so erzählte er am vergangenen Mitt- wochabend auf der Wahlkampfbühne im sächsischen Plauen, habe er aber im Ur- laub ein Mittel gefunden, um seine Schlag- kraft im Berliner Politikpoker zu erhöhen. Um den Hügel zu seinem Ferienhaus leich- ter zu erklimmen, habe er sich kürzlich ein Elektrofahrrad zugelegt. Das helfe auch in Berlin. „Denn wenn man gegen Berlin fährt“, flachste Seehofer, „hat man sowieso immer Gegenwind.“

Melanie Amann, Peter Müller, Christian Reiermann

FOTO: ALAMY / MAURITIUS IMAGES (U.)

Deutschland

Alchemie im Kanzleramt

Kabinett Eine Arbeitsgruppe der Regierung entwickelt Psychotricks, um die Bürger zu lenken. Ist das Verfahren die bessere Regulierung – oder eine besonders hinterhältige Form der Gängelei?

I m sechsten Stock des Bundeskanzler- amts, eine Etage unter Angela Merkels Büro, trifft sich seit einigen Monaten

eine kleine Runde aus Spitzenbeamten und Wissenschaftlern; sie hat den rätsel- haften Namen „Projektgruppe Wirksam Regieren“. Eva Christiansen, Chefin des Merkel-Stabs für „Politische Planung, Grundsatzfragen und Sonderaufgaben“, hat alle Ministerien um Zuarbeit gebeten. Experten von außerhalb unterstützen das Team: Mal war ein Experimentalpsycho- loge aus London bei einer Sitzung zu Gast, mal ein Verhaltensforscher aus Brüssel. Demnächst sollen noch drei Referenten hinzustoßen, die sich, so die Stellenaus- schreibung, durch hervorragende psycho- logische, soziologische oder anthropologi- sche Kenntnisse auszeichen müssen. Experimentalpsychologie? Anthropolo- gische Kenntnisse? Langgediente Regie- rungsbeamte wundern sich: Was soll die Alchemie im Kanzleramt? Die Runde geht einem delikaten Auftrag nach. Sie will herausfinden, wie der Bürger tickt, welche Macken er hat – und mit wel- chen psychologischen Kniffen es der Re- gierung gelingen könnte, ihn zu beeinflus- sen, ohne scharfe Instrumente wie Verbote und Vorordnungen einzusetzen. Die Teil- nehmer des Projekts sind fasziniert von der Idee, sich die jüngsten Erkenntnisse der Verhaltensforschung für ihre politi- schen Ziele zunutze zu machen. Als Vorbild dient das „Behavioural In- sights Team“ der britischen Regierung, eine Beratereinheit, der es in Pilotprojek- ten gelungen ist, beispielsweise die Bereit- schaft der Briten zur Organspende zu ver- bessern. Premierminister David Cameron nennt sie stolz seine „Nudge Unit“, auf Deutsch: „Anstups-Einheit“. In den nächsten Wochen will die Kanz- leramtsrunde entscheiden, welche konkre- ten Projekte sie sich vornimmt. Das Justiz- ministerium möchte gern seine Verbrau- cherinformationen so überarbeiten, dass mehr Bürger als bislang darauf zugreifen. Das Bundesgesundheitsministerium regt an, sich um das Thema Impfschutz zu küm- mern. Vor allem Erwachsene sollen dazu gebracht werden, sich piksen zu lassen –

aber ohne gesetzlichen Zwang. Braucht es dazu ein neues Bonussystem bei der Kran- kenversicherung? Reicht eine Kampagne?

Vom Autor erscheint am 29. September ein SPIEGEL- Buch bei DVA: „Total beschränkt. Wie uns der Staat mit immer neuen Vorschriften das Denken abgewöhnt“. 304 Seiten; 19,99 Euro.

Auch das Finanz- und das Innenminis- terium haben Vorschläge gemacht. Für die Regierung eines Landes, in dem selbst die Feuerfestigkeit von Unterhosen per Gesetz normiert wird, klingen die Pläne der Kanz- leramtsrunde revolutionär: Regulierung ist out, es lebe die sanfte Manipulation? Doch während in den Papieren der Projekt- gruppe bereits von „kreativen Prozessen“, „neuen politischen Lösungsansätzen“ und „verhaltenswissenschaftlicher Evidenz“ ge- schwärmt wird, dürften viele Wähler zu- mindest überrascht sein zu erfahren, dass die Regierung jetzt mit Psychotricks arbei- ten will, um ihre Ziele zu erreichen. Eine Grundsatzdebatte ist nötig: Werden die Bürger als Versuchskaninchen miss- braucht? Wie soll die Anstupserei funktio- nieren?

Das Geheimnis der Toilettenfliege

Ende der Neunzigerjahre klebte auf der Herrentoilette am Flughafen Schiphol in Amsterdam plötzlich das Bild einer Fliege im Urinal. Ein Manager glaubte, dass es die Trefferquote der Männer erhöht, wenn man ihnen ein Ziel gibt. Und tatsächlich:

An den Urinalen ging bis zu 80 Prozent weniger daneben, die Putzleute freuten sich, die Reinigungskosten sanken. Überall auf der Welt werden Männer auf der Toi- lette seither aufgefordert, Bilder zu treffen, Bälle zu bewegen oder in Tore zu zielen.

zu treffen, Bälle zu bewegen oder in Tore zu zielen. Raucherhinweis, WC-Fliege Stups in die erwünschte
zu treffen, Bälle zu bewegen oder in Tore zu zielen. Raucherhinweis, WC-Fliege Stups in die erwünschte

Raucherhinweis, WC-Fliege Stups in die erwünschte Richtung

Die Toilettenfliege wurde zum Symbol eines neuen, sanften Paternalismus, dem „Nudging“. Psychologen, Ökonomen, Poli- tikwissenschaftler und Hirnforscher den- ken über Möglichkeiten nach, den Bürger sanft in die gewünschte Richtung zu schub- sen. Mal sollen Kantinenbesucher durch geschickte Platzierung der Lebensmittel verführt werden, statt Pommes mehr Ge- müsesticks zu essen. Mal werden Drucker und Kopierer jetzt so voreingestellt, dass automatisch Vor- und Rückseite bedruckt werden, um Papier zu sparen. In den USA zahlen manche Unterneh- men ihren Beschäftigten das Gehalt nicht einmal im Monat aus, sondern alle 14 Tage. In zwei Kalendermonaten gibt es dadurch nicht zwei, sondern drei Zahltage. Einige Beschäftigte legen diesen dritten Scheck für die Altersvorsorge zurück und gehen dadurch insgesamt vorsichtiger mit ihrem Geld um. Kalifornische Kommunen teste- ten eine Energiesparaktion, bei der die Be- wohner informiert wurden, wie viel Strom sie im Vergleich zu den Nachbarn verbrau- chen. Sparsame Haushalte bekamen einen Brief mit einem Smiley-Logo – ganz wie in der Grundschule, als man für gute Mit- arbeit mit Glanzbildchen und Fleißbien- chen belohnt wurde. Die Grundschulpäda- gogik funktionierte auch hier: In einigen Nachbarschaften kam ein Wettlauf um den niedrigsten Stromverbrauch in Gang. Dänische Wissenschaftler vom Netz- werk iNudgeyou halfen dabei, einen Kon- flikt zwischen Rauchern und Nichtrau- chern am Flughafen von Kopenhagen zu entschärfen. Im Flughafengebäude gilt striktes Rauchverbot. Umso größer war das Gedrängel vor den Eingängen, wo sich täglich Hunderte Raucher zwischen Check- in und Abflug noch schnell eine Zigarette anzündeten. Am Flughafen wurden deshalb zunächst weitere Verbotsschilder aufgestellt. Auch direkt vor den Eingängen sollte nicht mehr gequalmt werden; die dort platzierten Aschenbecher wurden entfernt und statt- dessen Verbotszeichen auf den Boden ge- klebt. Doch der Erfolg war gleich null. Die Raucher hielten sich nicht an das Verbot. Weil es keine Aschenbecher mehr gab, la- gen noch mehr Kippen auf dem Boden. Die Nudging-Experten schlugen deshalb einen anderen Weg ein: Sie ersetzten die Rauchen-verboten-Schilder durch Hinwei- se, wo Rauchen erlaubt ist. Bereits im Flug- hafenterminal weisen jetzt blaue Fußbo- denmarkierungen den Weg nach draußen

FOTO: HC PLAMBECK

FOTO: HC PLAMBECK Merkel-Beraterin Christiansen: Sanfter Paternalismus zur nächsten Raucherzone. Diese liegt etwa zehn
FOTO: HC PLAMBECK Merkel-Beraterin Christiansen: Sanfter Paternalismus zur nächsten Raucherzone. Diese liegt etwa zehn

Merkel-Beraterin Christiansen: Sanfter Paternalismus

zur nächsten Raucherzone. Diese liegt etwa zehn Meter vom Eingang entfernt und ist durch eine weitere Bodenmarkie- rung und orangefarbene Aschenbecher gut zu erkennen. Die Zahl der Raucher vor der Eingangstür hat sich dadurch schlag- artig etwa halbiert, ebenso die Zahl der Kippen auf dem Boden.

Ein Psychologe im Kanzleramt

Die Gurus der Bewegung sind zwei ameri- kanische Professoren, Richard Thaler und Cass Sunstein, deren 2008 veröffentlichtes Buch „Nudge“ (deutscher Untertitel: „Wie man kluge Entscheidungen anstößt“) in den USA und Großbritannien eine breite Regu- lierungsdebatte auslöste. Thaler und Sun- stein glauben, den perfekten Mittelweg zwi- schen Regulierung und Laisser-faire, Verbot und Libertinage, Plan und Markt gefunden zu haben. „Wir sind nicht für mehr staat- liche Vorgaben, sondern für bessere“, sagt Sunstein. US-Präsident Barack Obama je- denfalls war so begeistert von dem Konzept, dass er Sunstein zum Chef einer Regulie- rungsbehörde im Weißen Haus ernannte. Koautor Thaler half, die Nudge Unit von Premier Cameron in London aufzubauen. In Deutschland reagierte die Politik zu- nächst reservierter auf die Vorschläge der Professoren. Als Sunstein im Sommer ver- gangenen Jahres Deutschland besuchte, traf er sich zwar mit Abgeordneten des Bundestags sowie mit dem damaligen Bun- desumweltminister und heutigen Kanzler- amtschef Peter Altmaier (CDU). Es ging um die Frage, welche Nudges die deutsche Politik den Bürgern verpassen könnte, um die Energiewende zu beschleunigen.

Doch das Treffen verlief enttäuschend. Sunstein, der auf Detailfragen zum Erneu- erbare-Energien-Gesetz nicht vorbereitet war, hielt eine 30 Minuten lange Standard- rede. Altmaier wirkte nicht inspiriert. Merkels Vertraute Eva Christiansen al- lerdings reiste damals nach London, um sich über die Arbeit der britischen Nudge Unit zu informieren. Und auch bei der SPD war man dem Geheimnis der Toilet- tenfliege auf der Spur. Oliver Schmolke, inzwischen Chef der Planungsabteilung von Wirtschafts- und Energieminister Sig- mar Gabriel, machte führende Genossen auf das Thema aufmerksam. Nach der Bun- destagswahl tauchte das Thema dann unter dem Stichwort „Wirksam und vorausschau- end regieren“ auf Seite 105 des Koalitions- vertrags auf. Im März lud das Kanzleramt den Psychologen David Halpern, Chef der britischen Nudge Unit, ein, von seinen Er- fahrungen zu berichten. Dessen Auftritt hinterließ bleibenden Eindruck; so machte er Vorschläge, wie sich die Steuermoral heben ließe. In Groß- britannien ist es üblich, dass Kleinunter- nehmer und Freiberufler selbst schätzen, wie viele Steuern sie dem Staat über- weisen müssen. Verpassen sie den Termin, bekommen sie ein standardisiertes Mahn- schreiben. Die Nudge Unit veränderte den Wortlaut des Schreibens. Sie teilte den Be- troffenen mit, dass die meisten anderen Menschen in ihrer Gemeinde die Steuern pünktlich bezahlt hätten. Auf diese Weise, so vermuteten die Wissenschaftler, werde Gruppendruck ausgeübt. Und tatsächlich beeilten sich viele Betroffene, ihre Steuer- schuld zu begleichen. Die Zahlungsmoral verbesserte sich um 15 Prozent.

Noch günstiger fiel das Ergebnis aus, als die Nudge Unit das Unterschriftenfeld und eine Ehrenerklärung („Ich erkläre, dass ich dieses Formular vollständig und nach bestem Wissen wahrheitsgemäß aus- füllen werde“) vom Ende des Steuerfor- mulars an dessen Anfang verlegte. Es wur- de weniger gelogen. In einem Jahr kamen durch diese und andere Maßnahmen der Nudge Unit zusätzlich 200 Millionen Pfund herein.

Stupser oder Rempler?

Die Verfechter des sanften Paternalismus nehmen für sich in Anspruch, den Willen des Bürgers zu respektieren. Niemand wer- de gezwungen, dem Stupser Folge zu leis- ten, abweichendes Verhalten werde nicht bestraft. Sie sprechen von „libertärem Pa- ternalismus“. In gewisser Weise ähneln sie einer etwas strengen, aber lebenserfahre- nen Tante, die ihrem Patenkind zum Ge- burtstag lange Unterhosen und ein gutes Buch schenkt. Liberale Kritiker hingegen halten Nud- ging für eine besonders hinterhältige Form des bevormundenden Staates. Der Bürger merke nicht einmal mehr, dass er entmün- digt werde. Zudem schlage sich auch der sanfte Pa- ternalist mit den typischen Problemen je- der staatlichen Verhaltenslenkung herum, in der aus Anreizen schnell Fehlanreize werden. Und was passiert, wenn sich he- rausstellt, dass der Stupser nicht ausreicht, um den Bürger in die gewünschte Richtung zu manövrieren? Wird der sanfte Paterna- list nur ein beleidigtes Gesicht machen wie die Tante, die beim nächsten Besuch fest- stellt, dass ihr Patenkind die langen Un- terhosen noch nie getragen hat? Oder wird dann aus dem Stups ein rüder Rempler? In der bislang dogmatisch geführten Dis- kussion um Nudging treffen glühende Fans auf erbitterte Gegner. Doch die Debatte greift zu kurz. Die Forschung der Verhal- tensökonomen steht erst am Anfang. Sie könne „nur einer von mehreren Pfeilern der Politikberatung sein“, sagt der Kölner Ökonom Axel Ockenfels. „Es wäre dumm, die Verhaltensökonomie zu ignorieren, denn sie könnte die Politikberatung ver- bessern“, so der Magdeburger Wirtschafts- wissenschaftler Joachim Weimann. Sorgsam ausgewählte Nudges sind eine Alternative zu einer harten Verbots- und Regulierungspolitik. Sie greifen weniger in die Freiheitsrechte der Bürger ein. Nud- ges verursachen keine hohen Kosten und kommen ohne Gesetzgebungsverfahren aus. Und sollte sich herausstellen, dass ein Nudge nicht so funktioniert, wie die Politik es sich vorgestellt hat, lässt er sich leicht korrigieren, nach dem Motto: Es gibt kei- nen guten Paternalismus, aber vielleicht

einen besseren.

Alexander Neubacher

FOTOS: SABETH STICKFORTH / IMAGO (O.); HAUKE-CHRISTIAN DITTRICH / DPA (M.); FABRIZIO BENSCH / REUTERS (U.)

Deutschland

Bizarre

Situation

Hauptstadt Der Rückzug des Re- gierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit eröffnet den Kampf ums Rote Rathaus – und offen- bart das Elend der Berliner SPD.

Z umindest ein Gewinner steht nach dem angekündigten Rückzug von Klaus Wowereit aus dem Roten Rat-

haus fest: Klaus Wowereit. Am Tag eins nach seinem Versprechen, zum Jahresende aufzuhören, flaniert er abends bei bester Laune über ein Grillfest von Szenekünst- lern in Berlin-Marzahn und langt kräftig zu bei Speis und Trank. Befreit vom Bal- last der Verantwortung, lässt er seiner be- rüchtigten und in der Hauptstadt beliebten Berliner Schnauze freien Lauf: Mit drei Bier und einer Caipirinha im Blut holt er sich noch eine Bratwurst mit Senf und lässt den verdutzten Verkäufer stehen: „Das bezahlt jetzt die SPD.“ Der Preis für Wowereits Rückzug könnte für die Hauptstadt-Genossen aller- dings sehr hoch werden. Der chaotische Kampf um die Nachfolge offenbart das ganze Elend der Berliner SPD. Das schwe- re Erbe inklusive Flughafendebakel ist nicht geregelt. Wowereit hat den Staffel- stab nicht übergeben, sondern in die Luft

geworfen und gleich drei Kandidaten strecken sich danach: Fraktionschef Raed Saleh, 37, der Landesvorsitzende Jan

Fraktionschef Raed Saleh, 37, der Landesvorsitzende Jan Genossen Stöß, Müller „Ohne externe Hilfe“ Stöß,
Fraktionschef Raed Saleh, 37, der Landesvorsitzende Jan Genossen Stöß, Müller „Ohne externe Hilfe“ Stöß,

Genossen Stöß, Müller „Ohne externe Hilfe“

Stöß, 41, und der Senator für Stadtentwicklung Michael Müller, 49. Da die SPD seit Monaten im Umfragetief hängt, der davon profitierenden CDU aber ein anderer Partner fehlt, scheut die Große Koalition Neuwah- len. Bis 2016 will sie mit einem Ersatzbürgermeister durch- regieren. Das führt zu der bizarren Situation, dass in der Millio- nenmetropole nun nur die rund 17000 Mitglieder der SPD mittels Basisbefragung darü- ber befinden sollen, wer Wo- wereit im Winter ablöst. Das

Rote Rathaus als Erbhof; um das einst stolze Amt des Regierenden Bür- germeisters, das mal Männer wie Ernst Reuter, Willy Brandt und Richard von Weizsäcker ausfüllten, feilschen nun wo- chenlang mindestens drei von der SPD- Zankstelle, bis einer übrig bleibt: drei, zwei, eins, meins. Als aussichtsreicher Kandidat gilt Sena- tor Müller aufgrund seiner großen Erfah- rung: Er war lange Landes- und Fraktions- vorsitzender, bis Saleh und Stöß ihn gemeinsam stürzten. Mit dem wichtigen Bauressort besetzt der geborene Berliner eine Schlüsselposition in der Exekutive. Als sein größtes Manko gelten das fehlen- de Charisma – und die ewige Treue zu Wowereit. Dahinter rangeln die Newcomer Stöß und Saleh. Das Einzige, was sie verbindet, ist ihr großes Selbstvertrauen – und dass sie ziemlich unbekannt sind. Jurist Stöß hat sich frühzeitig von Wowereit abgesetzt, die Landespartei klar vom Se-

nat abgegrenzt und setzt mit linkem Kurs auf die Unter- stützung der SPD-Funktionärs- riege. Stöß ärgerte sich im Laufe der vergangenen Woche da- rüber, wie Parteichef Sigmar Gabriel sich in die Berliner Angelegenheiten eingemischt hat. Der hätte im Sommer am liebsten den EU-Parlaments- präsidenten Martin Schulz überredet, als Wowereit-Nach- folger zu kandidieren. „Wir ha- ben gute Kandidaten, die ei- nen fairen Wettbewerb um die besten Ideen für Berlin austra- gen“, sagt Stöß, „wir werden

einen ausgezeichneten Regie- renden Bürgermeister stellen, auch ohne externe Hilfe und Hinweise.“ Mitreden will dabei aber auch noch Ber- lins zurzeit populärster Politiker, Finanz- senator Ulrich Nußbaum. Doch weil er kein Mitglied der SPD ist, kann er sich schlecht selbst einwechseln und klagt:

„Mich hat bisher keiner gefragt.“ Die Kandidatenliste jedenfalls sollte bis Montag dieser Woche offen bleiben. Egal, wer es wird, der Neue braucht ein „dickes Fell“ (Wowereit), und ihm bleiben kaum zwei Jahre bis zur nächsten Wahl, um sich einen Namen zu machen. Und das mög- lichst über Berlin hinaus. Zwar spielt die Hauptstadt-SPD mit ihrer bescheidenen Mitgliederzahl keine große Rolle in der Bundes-SPD, auch sind die vier Berliner Stimmen im Bundesrat überschaubar. Bundeschef Gabriel treiben die Hauptstadt-Genossen dennoch Sorgen- falten auf die Stirn. Gabriel fürchtet ausgerechnet in der wichtigsten Stadt den Nimbus als Groß- stadt-Partei zu verlieren. Ende 2016 dann womöglich das Rote Rathaus räumen zu müssen wäre ein schlechter Start der SPD in das Bundestagswahljahr 2017. So nahm sich Gabriel kürzlich, noch vor Wowereits Verkündung, den Berliner Fraktionschef Saleh spontan zur Brust und blaffte ihn bei einem Wahlkampftermin in Brandenburg an: „Was treibt ihr da eigent- lich in Berlin? Was wollt ihr eigentlich machen, wenn Wowereit hinschmeißt?“ Sie machten das, was sie schon immer am besten konnten: gegeneinander ar- beiten. Nur einer sorgte sich vergangenen Mitt- woch auf dem Grillfest nicht um die Zu- kunft, jedenfalls nicht um seine. Er könne ja Chef der Arbeitsgemeinschaft „60plus“ in der SPD werden: „Dann habe ich“, frot- zelte Wowereit im Hinblick auf die über- alterte Mitgliederstruktur der Partei, „die Mehrheit wieder hinter mir.“

Markus Deggerich, Gordon Repinski, Andreas Wassermann

Stadtoberhaupt Wowereit
Stadtoberhaupt Wowereit

FOTO: WERNER SCHUERING / DER SPIEGEL

„Aufstieg ist möglich“ Kandidaten Der Berliner SPD-Fraktionschef Raed Saleh, 37, über den Kampf um die
„Aufstieg ist möglich“
Kandidaten Der Berliner SPD-Fraktionschef Raed Saleh, 37,
über den Kampf um die Nachfolge von Klaus Wowereit

SPIEGEL: Herr Saleh, was ist Ihre früheste Erinnerung an Berlin? Saleh: Das Wort „verboten“. Ein Grenzpoli- zist rief es, als ich 1982 als Fünfjähriger aus dem Westjordanland am Flughafen ankam. Und dann weiß ich noch, wie mein Vater mich und meine Geschwister angeschaut hat und sagte: „Das ist eure neue Heimat. Wir sind hier nicht nur vorübergehend. Also benehmt euch und denkt daran, dass ihr Botschafter unserer alten Heimat seid.“ SPIEGEL: Ihr Vater ist als Gastarbeiter ge- kommen? Saleh: Ja, aber er hat sich nie so gefühlt. Er hat sich sehr früh als Deutscher ver- standen. Als er uns nachholte, hat er sofort Deutsch mit uns gesprochen. Wir sollten nicht glauben, dass wir hier auf gepackten Koffern säßen. Deshalb sind wir auch nicht in die Araberviertel von Neukölln gezo- gen, sondern an den Stadtrand. SPIEGEL: Früher sprach man von Auslän- dern, Gastarbeitern, dann von Zuwande- rern, Migranten, Menschen mit Migrations- hintergrund. Welchen Begriff halten Sie für passend? Saleh: Ach, diese Schubladen spielten schon keine Rolle mehr, als ich noch klein war. Nicht das Anderssein, sondern das Gemeinsame hatte in meiner Familie Prio- rität. Und nur mal nebenbei: Ich habe mich schon als Jugendlicher fürs deutsche Lied- gut eingesetzt – als Mitbegründer eines Biene-Maja-Schlagerklubs. Damals lief ja alles auf Englisch. Da habe ich mir ge- dacht: Mensch, das ist doch schade, unsere Sprache kann so viel Emotion ausdrücken. SPIEGEL: Klaus Wowereit wurde durch den Spruch „Ich bin schwul, und das ist auch

gut so“ berühmt. Wie stellen Sie sich den Berlinern vor? Saleh: Auch wenn es langweiliger klingen mag: Ich bin deutscher Sozialdemokrat und habe zufällig einen Migrationshinter- grund. SPIEGEL: Sie bewerben sich als Wowereits Nachfolger. Wenn Sie gewinnen, wären Sie in Deutschland der erste SPD-Minister- präsident mit diesem Profil. Saleh: Na und? Ich glaube, dass Aufstieg möglich ist. Für alle. Ich habe gekämpft, ich habe meinen Weg gesucht, und das war mit meiner Geschichte auch in einer großen Partei wie der SPD nicht immer einfach. SPIEGEL: Als Sie Fraktionschef wurden, spotteten Berliner Abgeordnete: Jetzt müssen wir auch noch den Gebetsteppich ausrollen. Dann gab es Karikaturen, die Ihre Frau in der Burka zeigten. Saleh: Er kann nicht mit Messer und Gabel essen, hieß es auch noch. Aber ich kann mich nicht beschweren. Andere arbeiten härter. Was machen denn Leute, die den ganzen Tag auf dem Bau schuften? Was macht eine alleinerziehende Mutter, die die Familie über die Runden bringen muss? Was machen denn die Leute, die sich Tag für Tag an die Kasse stellen, um ein paar Euro zu verdienen? Die kämpfen täglich hart, und für die setze ich mich ein. Ich möchte, dass die Leute Hoffnung haben hier in Berlin. Ich möchte, dass die jungen Berliner sagen können: Egal wo ich gebo- ren, egal wo ich aufgewachsen bin – hier kann ich meinen Weg machen. SPIEGEL: Vorigen Dienstag kündigte Wowe- reit überraschend seinen Rücktritt an. Kei- ne zwei Stunden später haben Sie sich um

seine Nachfolge beworben. Mehr Bedenk- zeit brauchten Sie nicht? Saleh: Der Termin hat uns alle überrascht. Aber natürlich konnte man vorher schon mal über die Zukunft nachdenken. SPIEGEL: Da sind Sie nicht der Einzige. Ihre Partei ist zerstritten. Landesparteichef Jan Stöß kandidiert ebenfalls, und auch SPD- Bausenator Michael Müller möchte Regie- render Bürgermeister werden. Wären Neu- wahlen in dieser Lage nicht das Beste? Saleh: Das Abgeordnetenhaus ist bis 2016 gewählt. Wir haben ein Bundesland zu regieren, 3,4 Millionen Menschen. Deshalb müssen wir jetzt alles daransetzen, dass es stabil und kontinuierlich weitergeht. SPIEGEL: Aber mit wem? Nach einem wo- chenlangen Machtkampf wären Sie alle drei beschädigt. Saleh: Ich bin überzeugt davon, dass wir ein geeignetes Verfahren finden, um zügig einen neuen Regierenden Bürgermeister zu präsentieren. Machtwechsel mitten in der Legislaturperiode hat es auch in an- deren Bundesländern gegeben, ebenfalls ohne Neuwahlen. SPIEGEL: Erst haben Ihre Genossen monate- lang an Wowereits Stuhl gesägt. Und jetzt können sie sich nicht mal auf einen Nach- folger verständigen. Saleh: Ich bin froh darüber, dass der Re- gierende Bürgermeister bei seiner Rück- trittsankündigung auch erwähnt hat, dass die Fraktion in den letzten Jahren loyal an seiner Seite stand. SPIEGEL: Anders als die Landespartei? Saleh: Das müssen andere beurteilen. Die Fraktion ist jedenfalls stabil, und die Ko- alition mit der CDU ist es auch.

FOTO: STEFFI LOOS / COMMONLENS / DDP IMAGES

Deutschland

SPIEGEL: Berlin ist zur Stadt der Großpro- jekte geworden, vom neuen Flughafen bis zur neuen Autobahn. Und jetzt soll es auch noch Olympische Spiele geben. Was wür- den Sie hinzufügen? Saleh: Mein Großprojekt soll werden, dass wir eine Stadt des Miteinanders hin- kriegen, eine sichere, weltoffene Stadt, die ihre Liberalität dadurch bewahrt, dass wir für unser Miteinander klare Regeln aufstellen. Neben den großen Vorhaben müssen wir uns viel stärker in die klein- teiligen Dinge hineinknien, in die Sorgen der Menschen. SPIEGEL: Wo würden Sie beginnen? Saleh: Im Kindergarten. Kitas müssen zu Bildungsstätten werden, und Kleinkinder sollten frühestmöglich dorthin. Damit sie zum Beispiel, wenn sie das zu Hause nicht können, rechtzeitig die deutsche Sprache lernen. Ich kann mir deshalb auch eine Kita-Pflicht gut vorstellen. Wichtig ist, dass wir unterm Strich mehr Verbindlichkeit herstellen. Das gilt natürlich überall, auch in der Schule. Wer schwänzt, dessen Eltern müssen ein Bußgeld zahlen. Das ist in Ber- lin heute schon Praxis, und in diese Rich- tung sollten wir weiterdenken. SPIEGEL: Das ist eigentlich nicht die Art von Integrationspolitik, die man aus Berlin kennt. Saleh: Wenn die Jungs aus Marzahn oder Neukölln auf der Straße abhängen, statt im Unterricht zu sitzen, dann haben wir ein Problem. Eine Gesellschaft, die weg- schaut, versagt. Wir müssen uns im Inter- esse einer guten Integrationspolitik für die nächsten 10, 15 Jahre auf Spielregeln ver- lassen können. Deshalb haben wir schon einen Millionenbetrag für 200 Berliner Brennpunktschulen bereitgestellt. SPIEGEL: Das ist dann die gefühlt 23. Schul- reform im SPD-regierten Berlin?

Saleh: Wir brauchen keine weitere Reform. Allen dasselbe aufdrücken – das funktio- niert nicht mehr. Ich habe viele Problem- schulen besucht, jede hat ihre eigenen Nöte. Die einen brauchen eine Psycholo- gin, die anderen einen Anti-Gewalt-Trai- ner, jemand Drittes einen Sprachvermitt- ler für rumänische Schüler oder einen Sozialarbeiter. Deshalb haben wir diesen Schulen jeweils bis zu 100 000 Euro zur freien Verfügung eingeräumt. Die wissen selbst am besten, was sie damit machen müssen. SPIEGEL: Ihr Parteifreund Heinz Busch- kowsky beschreibt in Neukölln, wo er Bezirksbürgermeister ist, Parallelgesell- schaften, in denen Kinder und Jugendliche mitunter ziemlich losgelöst von Staat und Gesellschaft aufwachsen. Hat er recht? Saleh: Es gibt tatsächlich Strukturen, die nicht akzeptabel sind. Ich möchte eine tolerante Stadt. Aber Toleranz kann man nicht mit Gleichgültigkeit verwechseln. Ich glaube, dass wir in einigen Feldern eine neue Ernsthaftigkeit brauchen. SPIEGEL: In welchen? Saleh: Mich nervt zum Beispiel, dass immer wieder schnell von Polizeigewalt gespro- chen wird, wenn es bei Demonstrationen irgendwelche Probleme gibt. Zu selten höre ich, dass die Polizei in Berlin unseren vollsten Respekt verdient. SPIEGEL: Ist in Berlin der Staat zu schwach? In Kreuzberg haben Flüchtlinge monate- lang erst einen Platz und dann eine ehe- malige Schule besetzt, es gab Gewalt und sogar einen Todesfall – aber die Politik hielt sich sehr lange raus. Saleh: Es war eine wegschauende und kei- ne hinschauende Integrationspolitik. Öf- fentliche Plätze sind für alle da, Sicherheit gilt für alle. Es war ein Fehler, die Beset- zung des Oranienplatzes zu dulden. Damit

Fehler, die Beset- zung des Oranienplatzes zu dulden. Damit Bildungsaktion mit Berliner Kindern: „Ich kann mir

Bildungsaktion mit Berliner Kindern: „Ich kann mir eine Kita-Pflicht gut vorstellen“

hat man auch den übrigen 10000 Flücht- lingen, die hier auf Klärung ihrer Situation warten, keinen Gefallen getan. Der Staat muss sich durchsetzen, aber er braucht auch eine moderne, liberale Flüchtlings- politik. SPIEGEL: Wie sähe die aus? Saleh: Ich möchte, dass die Residenzpflicht abgeschafft wird. Ich möchte, dass die Flüchtlingskinder sofort in die Kita oder in die Schule kommen und hier nicht ein- fach abhängen. Und ich möchte, dass ihre Eltern, während sie hier sind, eine Arbeit annehmen dürfen. SPIEGEL: Wie hoch ist Berlins aktueller Schuldenstand? Saleh: 63 Milliarden Euro. SPIEGEL: Und vielleicht werden es noch mehr, wenn irgendwann die Endrechnung für den Flughafen BER vorliegt. Welcher Gestaltungsspielraum bleibt da noch für den nächsten Regierenden Bürgermeister? Saleh: Im Moment sprudeln unsere Ein- nahmen. Ich habe einen Schuldentil- gungsfonds vorgeschlagen: Eine Hälfte der Überschüsse wird investiert, und mit der anderen bauen wir die Schulden ab. Aber gerade in schlechteren Jahren brau- chen wir verlässliche Einnahmen. Deshalb bin ich froh, dass wir die Wasserwerke schon zurückgekauft haben und nun auch die Gas- und Stromnetze zurück- holen wollen. SPIEGEL: All das haben doch Ihre eigenen Parteifreunde vor nicht allzu langer Zeit selbst mitverkauft. Saleh: Das war ein großer historischer Fehler. Deswegen will ich neben der Schuldenbremse auch eine Privatisierungs- bremse in der Landesverfassung veran- kern. Manchmal muss man ja Politiker vor ihren eigenen Entscheidungen schützen. Wasser, Strom, Gas, Nahverkehr und das Gesundheitswesen: Das alles gehört den Berlinern. Wenn man es verkaufen will, muss man sie vorher fragen. SPIEGEL: Vor fast 25 Jahren fiel die Mauer. Ist Berlin noch eine gespaltene Stadt? Saleh: Die Spaltung besteht nicht mehr zwi- schen Ost und West oder zwischen Deut- schen und Migranten. Sie besteht zwischen Arm und Reich. Berlin ist eine tolle Stadt, die tollste in Europa. Aber wir müssen auch dafür sorgen, dass es gerecht zugeht in unserer Gesellschaft. Wenn uns das gelingt, können wir zum Vorbild, zum In- tegrationsmodell für andere internationale Metropolen werden. SPIEGEL: Im Moment sieht es allerdings so aus, als kämen Sie womöglich gar nicht zum Zug: Ihre Mitbewerber Jan Stöß und Michael Müller gelten als Favoriten. Saleh: Das bin ich gewöhnt. Mein ganzes Leben lang musste ich mich von unten nach oben arbeiten und andere erst mal überzeugen.

Interview: Markus Deggerich, Frank Hornig

FOTO: HC PLAMBECK / LAIF

FOTO: HC PLAMBECK / LAIF Attacke sieht anders aus Familie Ein Gutachten kritisiert das Ehegattensplitting. Nun

Attacke sieht anders aus

Familie Ein Gutachten kritisiert das Ehegattensplitting. Nun könnte die SPD dagegen vorgehen, aber der Partei- chef bremst seine Genossen.

D ieses Kribbeln im Bauch. Vergan- genen Mittwoch steigt Holger Bo- nin die Treppen zum Pressesaal des

Berliner Bundesfamilienministeriums hi- nauf, erfüllt von einem feierlichen Gefühl. Fünf Jahre lang hat der 45-jährige Ökonom vom Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung auf diesen Tag hin- gearbeitet. Tausende Tabellen hat Bonin ausgewertet, ganze Nächte lang durchge- rechnet, in strapaziösen Sitzungen bei Filter- kaffee und Pappbrötchen diskutiert. Nun würde die Politik ihm endlich zu- hören. Bonin ist einer der Hauptautoren der bislang aufwendigsten Untersuchung über die Wirksamkeit deutscher Familien- politik. Gut 70 Forscher sollten klären, ob zentrale familienpolitische Leistungen, von Kindergeld bis Ehegattensplitting, im Wert von jährlich 153 Milliarden Euro überhaupt zielführend sind. Vergangene Woche durfte Bonin die Ergebnisse vorstellen, gemein- sam mit der neuen Ministerin Manuela Schwesig (SPD). Sein Team lobte das Elterngeld und den Kita-Ausbau. Kritik übten die Forscher da- gegen am Ehegattensplitting, einem fami-

lienpolitischen Instrument im Geiste der Fünfzigerjahre. Das Verdikt der Forscher ist vernichtend:

Das Splitting wirkt gegen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und trägt nicht zur wirtschaftlichen Stabilität von Haushalten bei. Bonin wünscht sich, dass seine Ergeb- nisse nun auch Wirkung zeigen: „Ich hoffe, dass sich unsere Schlussfolgerungen poli- tisch niederschlagen.“ Doch das wird so bald nicht geschehen, ganz sicher nicht im Fall des Ehegatten- splittings. Nach fast fünf Jahren, Projekt- kosten von gut elf Millionen Euro und ei- nem 425 Seiten starken Abschlussbericht plant die Bundesregierung hierzu: nichts. Zwar hat die Große Koalition nun schwarz auf weiß, dass der Steuervorteil für verheiratete Paare, von dem vor allem wohlhabende Einverdiener-Ehen profitie- ren, an Millionen Deutschen vorbeigeht. Dass sie Fehlanreize schafft und viele Fa- milien mit Kindern nicht erreicht. Nur, wen kümmert’s? Die SPD will den fiskal- politischen Fehlgriff zwar seit Jahren be- seitigen. Doch ausgerechnet jetzt, da sie wissenschaftliche Schützenhilfe bekom- men, halten die Genossen still. Der Koali- tionsfrieden mit der Union, die nichts von einer Abschaffung hält, ist wichtiger, da müssen Opfer gebracht werden. Gewiss, Schwesig warnt: „An den Ergeb- nissen dieser Evaluation kommt keiner vorbei.“ Man werde sie „innerhalb der Koalition diskutieren“. Auch Sönke Rix, familienpolitischer Sprecher der SPD-Bun- destagsfraktion, nennt den Bericht der For- scher eine „gute Arbeitsgrundlage“. Aber Attacke sieht anders aus. Schwesig gibt sich kooperativ, sie will einen zu schnellen Vorstoß und ein sofor- tiges Nein der Union verhindern. „Ich

Ministerin Schwesig Opfer für den Frieden

möchte keinen ideologischen Kleinkrieg führen“, sagt sie. Tatsächlich fehlt ihr für den Kampf gegen das Ehegattensplitting die innerparteiliche Rückendeckung. Ob- wohl sie stellvertretende Parteivorsitzende ist, gilt die Ministerin nicht als Schwer- gewicht in der Parteihierarchie. Um den absehbaren Widerstand von Finanzminister Wolfgang Schäuble beim Splitting aufzubrechen, brauchte Schwesig die Unterstützung von Parteichef Sigmar Gabriel. Aber genau der ist ihr Problem. Der Vizekanzler will keinen Streit in der Koalition. Wiederholt hat er die SPD- Kabinettskollegen angehalten, Konflikte mit der Union möglichst zu vermeiden. Sogar das CSU-Lieblingsprojekt der Auto- bahnmaut, das unter Sozialdemokraten für Kopfschütteln sorgt, muss von offener Kri- tik verschont bleiben. Jetzt wird erst einmal „verlässlich und gut“ regiert, wie es Gabriel gern propa- giert. So kann sich der familienpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Marcus Weinberg, unbekümmert über den Exper- tenrat hinwegsetzen: „Das Ehegattensplit- ting ersatzlos abzuschaffen wäre der fal- sche Weg.“ Es sei auch nur ein Instrument von vielen, und Familienpolitik dürfe oh- nehin nicht zu stark von einer „ökonomi- schen Sichtweise“ geprägt werden. Dabei hatte die CDU die Expertise der Ökonomen, die sie nun ignoriert, einst selbst bestellt, nämlich unter der dama- ligen Familienministerin Ursula von der Leyen. Viele Unionspolitiker hätten auch nichts mehr dagegen, das Ehegattensplit- ting zum Familiensplitting auszubauen, mit dieser Forderung hat die CDU sogar ihren letzten Bundestagswahlkampf bestritten. „Wir müssen uns der Frage stellen, ob un- ser Steuerrecht noch der heutigen Lebens- wirklichkeit entspricht“, sagt Ralph Brink- haus, Fraktionsvize für Finanzen. Aber die Reform hätte ihren Preis: jedes Jahr bis zu 32 Milliarden Euro weniger Steuereinnah- men, wie das Bundesfinanzministerium im April 2013 auf Anfrage der Grünen hin errechnete. Zu teuer. „Im Moment hat die schwarze Null finanzpolitische Priorität“, sagt Brinkhaus. Deshalb fällt die Reform des Ehegatten- splittings aus. Stattdessen denkt die SPD verstärkt über Qualitätsverbesserungen bei den Erziehern nach und über ein einkom- mensbezogenes Kindergeld. Das sind The- men, für die Fachpolitiker Rix Verständi- gungsmöglichkeiten mit der Union sieht. Spätestens Ende 2016 dürfte die kollegiale Tonlage dann wieder schriller werden. „Wenn wir beim Familiensplitting auch jetzt nicht weiterkommen“, sagt Rix, „im Wahl- kampf wird das sicher ein Thema sein.“

Nicola Abé, Melanie Amann, Horand Knaup

(R.)

FOTOS: MARIA FECK / DER SPIEGEL (L.); MARCUS KAUFHOLD / DER SPIEGEL

Seniorin Buck
Seniorin Buck

Ein Stigma, lebenslang

Zeitgeschichte Rund 360000 Menschen wurden im „Dritten Reich“ zwangssterilisiert – aber sie gelten rechtlich nicht als NS- Opfer. Aus mangelndem politischem Willen, urteilen Staatsrechtler.

E s gibt Momente, in denen wird Ge- schichte zur Gegenwart. Als Doro- thea Buck ihre Bettdecke zurück-

schlägt, ist das so ein Moment. Vorsichtig tastet die 97-Jährige über ihren Bauch. „Hier“, sagt sie, „da ist sie.“ Ihre Finger

streichen über eine Narbe, knapp sechs Zen- timeter lang: „Ich war 19. Ich hatte keine Ahnung, was sie mit mir gemacht haben.“ Horst S. war gerade mal zwölf Jahre alt, als Pfleger ihn festhielten und ein Arzt ein Messer in die Hand nahm. Weinend hatte ihn seine Mutter zuvor in der Pots- damer Klinik abgegeben. „Ich habe sie noch getröstet. Dabei wusste ich nicht mal, worum es geht“, sagt er. Der Blick des 93- Jährigen ist auf die geblümte Tischdecke vor ihm geheftet, die Lippen hat er fest zusammengepresst; er wirkt so verletzlich wie auf dem Schwarz-Weiß-Foto, das ihn als Jungen zeigt. Zwei Menschen tauchen in ihre schmerzhaften Erinnerungen. Dorothea

Buck im Norden Hamburgs, Horst S. im Süden Münchens. Sie sind einander nie begegnet, doch sie verbindet das gleiche Schicksal: Sie wurden im „Dritten Reich“ zwangssterilisiert; verfolgt und gequält, weil sie als minderwertig und somit schäd- lich für den sogenannten Volkskörper gal- ten. Rund 360000 Menschen erging es zwi- schen 1933 und 1945 wie Dorothea Buck und Horst S. Die meisten von ihnen sind inzwischen tot. Aber die Gräueltaten der Nazis wir- ken bis heute nach. Jedes Schulkind wird mit Hitlers Exzess der Gewalt konfron- tiert; mit dem Leid, das er brachte, mit den Verbrechen, die der NS-Staat vor al- lem an Juden, aber auch an Ausländern, Andersgläubigen und Andersdenkenden beging. Viele Gruppen führt das Bundesentschä- digungsgesetz als NS-Opfer auf. Jene Men- schen, die gegen ihren Willen unfruchtbar gemacht wurden, fallen indes nicht darun-

ter. So sind auch Horst S. und Dorothea Buck bis heute rechtlich nicht als Verfolgte des NS-Regimes anerkannt. Seit Jahren fordern Opfervertreter, die- ses Versäumnis nachzuholen. Sie haben eine Theorie, warum sie immer wieder abgeschmettert werden – weil ansonsten weitere Gruppen Ansprüche anmelden könnten: die verfolgten Homosexuellen, Deserteure oder die einst als Asoziale Gebrandmarkten. Das Gesetz, das die Opfergruppen der NS-Diktatur benennt, sei nun mal 1969 geschlossen worden, er- klären Politiker, und zwar endgültig. Doch ist das tatsächlich so? Staatsrecht- ler der Universität Köln haben sich jüngst des Themas noch einmal angenommen – und ziehen in einem juristischen Vermerk andere Schlüsse. Eine Öffnung des Geset- zes und somit eine rechtliche Anerken- nung und Gleichstellung der Zwangssteri- lisierten sei durchaus möglich. Es fehle nur eines: der politische Wille. Dorothea Buck wuchs in Oldenburg auf. Die Pfarrerstochter wollte Kindergärtne- rin werden. Doch dann, am frühen Mor- gen des 2. März 1936, sie weichte gerade die Wäsche ein, ereilte sie ein schizophre- ner Schub. „Ich war davon überwältigt, dass ein ungeheurer Krieg kommt, ich die Braut Christi bin und einmal etwas zu sagen haben würde“, erzählt Buck. Sie wurde in die Von-Bodelschwinghschen Anstalten Bethel in Bielefeld gebracht; schon damals wurden in der diakonischen Einrichtung Menschen mit Epilepsie, geis- tiger Behinderung oder psychischen Be- einträchtigungen betreut. Knapp 80 Jahre ist das her. Heute lebt Dorothea Buck in einem Pflegeheim. Ihr dünner Rollkragenpullover hat das helle Blau ihrer Augen. Trotz ihres hohen Al- ters blicken sie noch klar auf die Welt. Ihre Eltern hätten sie damals gezielt nach Bethel gebracht, berichtet sie. „Ein christliches Haus, hofften sie, würde mich vor dem Schlimmsten bewahren.“ Sie irrten. Nach fünf Monaten in Bethel kam eine Schwester zu ihr, entkleidete sie und ra- sierte ihr die Schamhaare ab. „Ich fragte, was mit mir passieren würde“, erinnert sich Dorothea Buck. „Ein notwendiger kleiner Eingriff“, lautete die Antwort. Am nächsten Tag hatte sie die gleiche „Blind- darmnarbe“ wie die Mädchen und Frauen in den Betten neben ihr. Die Nazis beriefen sich auf das 1934 ein- geführte „Gesetz zur Verhütung erbkran- ken Nachwuchses“. Es war ein zentraler Bestandteil der nationalsozialistischen Ge- sundheits- und Rassenpolitik. Durch das Sterilisieren von „Minderwertigen“ und „Ballastexistenzen“ sollte der „Volkskör- per“ langfristig gereinigt werden. Als „Ballastexistenzen“ beschrieb das Gesetz Menschen, die unter angeblichen

Erbkrankheiten litten wie angeborenem Schwachsinn, Schizophrenie, erblich be- dingter Fallsucht, Blindheit oder Taubheit. Auch schwere körperliche Missbildungen und Alkoholismus zählten dazu. Über Jahre wurden fortan Frauen und Männer busweise aus Heil- und Pflegean- stalten zwecks Sterilisierung in die Kran- kenhäuser gebracht, zudem Kinder aus Hilfsschulen herausgeholt. Ärzte waren verpflichtet, all jene beim Gesundheitsamt anzuzeigen, die unter das Gesetz fallen konnten. Letztlich konnte dort jeder jeden denunzieren. Am Ende entschied ein sogenanntes Erbgesundheitsgericht über die Zwangs- sterilisation. Zwar bestand die Möglichkeit des Einspruchs, doch in erster Linie auf dem Papier. Viele Betroffene wurden un- ter Polizeizwang in die Kliniken gebracht. Nach dem Eingriff mussten sie oft unter- schreiben, nie darüber zu sprechen. In Archiven bundesweit, insbesondere jenen der Frauenkliniken, finden sich bis heute Krankenakten der Opfer. Vielerorts haben Studenten über das Thema promo- viert. Die Dissertationen offenbaren, mit welchen Diagnosen die Eingriffe in der Praxis noch legitimiert wurden: In Mün- chen etwa wurde eine junge Frau unfrucht-

wurden: In Mün- chen etwa wurde eine junge Frau unfrucht- NS-Krankenakten von Sterilisationsopfern Unter Polizeizwang

NS-Krankenakten von Sterilisationsopfern Unter Polizeizwang in die Klinik

bar gemacht, weil sie nach dem Tod der Mutter als melancholisch galt. In Mainz wurde bei einer Patientin nur vermerkt:

Zigeunermischling. Eine Indikation war auch, uneheliche Kinder zu haben – oder eines zu sein. Angeborener Schwachsinn wurde mit- hilfe eines Intelligenztests abgefragt – wer zu klug antwortete, bekam mitunter mo- ralischen Schwachsinn attestiert. Horst S. ging in die vierte Klasse, als er erstmals einen epileptischen Anfall erlitt.

Deutschland

Der Schularzt zeigte ihn daraufhin an. Er sei als Baby von der Chaiselongue gefal- len, beteuerte seine Mutter beim Gesund- heitsamt. Auch der Vater habe vor dem Erbgesundheitsgericht um ihn gekämpft, sagt Horst S.: „Er war Offizier. Aber auch das hat nichts genützt.“ Zwei Wochen nachdem seinen Eltern der Beschluss zugestellt wurde, musste Horst S. in die Klinik. „Ich habe den Ein- griff bei vollem Bewusstsein miterlebt“, sagt er und schüttelt den Kopf. Als müsse er die Erinnerung sofort durch ein positives Erlebnis verdrängen, greift der ehemalige Gärtnermeister nach der Hand seiner Frau Elfriede. „Weißt du noch, wie wir uns zum ersten Mal ge- sehen haben?“, fragt er. „Das hat gleich gefunkt, nicht wahr?“ Seine Frau strahlt ihn an. „Ich wollte dich unbedingt“, er- zählt die 87-Jährige. Vor Kurzem erst haben sie eiserne Hochzeit gefeiert, 65 Jahre Ehe. „Sie hat ein großes Opfer für mich gebracht“, sagt Horst S. über seine Frau. „Aber es gab eine Zeit, so mit 40, da habe auch ich sehr gelitten, niemals Vater sein zu können. Ich wäre so gern abends nach Hause gekommen, und am Abendbrottisch wäre ordentlich Trubel gewesen.“ Als hör-

FOTO: BPK

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FOTO: BPK Deutschland NS-Propaganda 1936: Schädlich für den „Volkskörper“ te sie dies zum ersten Mal, sagt

NS-Propaganda 1936: Schädlich für den „Volkskörper“

te sie dies zum ersten Mal, sagt seine Frau ganz leise: „Ach Gottchen, Horst.“ Im Rahmen des Euthanasie-Programms wurden rund 70000 Menschen in den Jah- ren 1940/41 systematisch ermordet. Im Zuge der Zwangssterilisationen starben schätzungsweise 6000 Menschen. Beson- ders für Frauen war der Eingriff gefährlich:

Über tiefe Bauchschnitte wurde ihnen die Eileiter zerquetscht oder zerschnitten. Mancherorts bekamen sie Radium vaginal eingeführt, für 50 Stunden. Selbst vor bereits schwangeren Frauen machten die Nazis nicht halt. Bis zum sieb- ten Monat wurde abgetrieben – alles für den reinen Volkskörper. Erst Wochen nach dem Eingriff erfuhr Dorothea Buck von einer Mitpatientin, dass sie unfruchtbar gemacht worden war. „Ich war am Boden zerstört“, erinnert sie sich. Um Kontakte zu anderen Menschen zu erschweren, durften Zwangssterilisierte keine sozialen Berufe ausüben. „Aus der Traum, Kindergärtnerin zu werden“, sagt Dorothea Buck. Nach einem Dreivierteljahr in Bethel wurde sie entlassen. Ohne dass ein einzi- ges Mal ein Arzt mit ihr gesprochen habe, sagt sie. Von ihrer Psychose habe sie sich letztlich selbst geheilt, behauptet sie. „Ich habe einen Schub einfach nicht mehr als Teil der Wirklichkeit gesehen, sondern als Traum“, erzählt sie. Das Gefühl, minder- wertig zu sein, wurde sie dagegen nie mehr los. „Das bescheinigt zu bekommen war zu verletzend“, sagt sie. Der Schmerz, keine Kinder bekommen zu können, traf Dorothea Buck erst später. Sie tröstete sich mit dem Gedanken, dass ihr womöglich Leid erspart blieb: „Nicht alle Kinder sind ja gesund oder wohlgeraten.“

Nichts jedoch tröstete sie über den Verlust ihrer großen Liebe hinweg. Sie wa- ren sich bei einem Orgelkonzert im Harz begegnet. Mehr möchte Dorothea Buck darüber nicht berichten. Weil zwangsste- rilisierte Frauen nicht heiraten durften, hatte ihre Liebe damals keine Chance. Dorothea Buck zog nach Hamburg, wid- mete sich der Bildhauerei. Viele Skulptu- ren zeigen Mutter und Kind. Doch statt in ihrer Kunst zu verstummen, wurde Do- rothea Buck im Laufe ihres Lebens immer lauter: Vor allem die Wut trieb sie, in Brie- fen und Büchern kämpfte sie gegen „see- lendumme Psychiater“ und für eine mo- derne, menschenfreundliche Psychiatrie. Und dafür, dass es Unrecht war, Menschen wie sie als minderwertig zu erniedrigen. Eugenische Sterilisationen wurden noch viele Jahre nach Kriegsende als angemes- sene Methoden der Gesundheitskontrolle angesehen. Erst 1974 wurde das NS-Gesetz auf Bundesebene endgültig außer Kraft gesetzt. 1980, im Rahmen der Debatte um ebenjene vergessenen NS-Opfer wie Do- rothea Buck und Horst S., erhielten die Geschädigten einmalig 5000 Mark – sofern sie unterschrieben, keine weiteren Forde- rungen zu stellen. 1988 wurden ihnen dann monatliche Zahlungen nach dem Allgemeinen Kriegsfolgengesetz zugestan- den. Im selben Jahr bezeichnete der Bun- destag die Zwangssterilisationen als NS- Unrecht, bevor er 1998 die Urteile der Erb- gesundheitsgerichte aufhob. Eine Würdigung ihrer Qualen, eine rechtliche Anerkennung, wie sie andere Opfergruppen nach Paragraf 1 Bundesent- schädigungsgesetz (BEG) erfuhren, erfolg- te nicht. Das stets gleiche Argument: Ihr Leid sei kein typisches NS-Unrecht gewe-

sen, da sie nicht aus Gründen der Rasse oder der Weltanschauung verfolgt worden seien. Das Gegenargument, dass ihre Ste- rilisation der sogenannten Rassenhygiene gedient habe, bleibt bis heute ungehört. „Empörend und beschämend“ findet das Michael Wunder, Mitglied des Deut- schen Ethikrats und des Arbeitskreises zur Erforschung der nationalsozialistischen „Euthanasie“ und Zwangssterilisation:

„Die Opfer werden dadurch weiterhin ausgegrenzt. Es ist die längst überfällige ethische und moralische Pflicht des Ge- setzgebers, dies zu korrigieren.“ Wunder und andere Fachleute und Op- fervertreter drängen darauf, das BEG zu öffnen und es um die Zwangssterilisierten sowie um die Angehörigen von Euthana- sie-Geschädigten zu erweitern. Dass das durchaus möglich wäre, haben sie seit Kurzem schriftlich. Anfang des Jahres hatte Wunder den Kölner Staats- rechtler Wolfram Höfling, einen Kollegen aus dem Ethikrat, um dessen Einschätzung gebeten. Höflings Urteil ist eindeutig:

„Das Schlussgesetz ist kein Schlusspunkt. Das ist aus meiner Sicht ein vorgeschobe- nes Argument. Eine Erweiterung wäre aus verfassungsrechtlicher Sicht ohne Wei- teres möglich, erscheint mir aber nicht politisch gewollt.“ Inzwischen liegt ein juristischer Ver- merk zu Wunders Anfrage vor, aus Höf- lings Institut für Staatsrecht der Uni Köln. Die Stellungnahme, die auch eine mögli- che ergänzende Formulierung im BEG vorschlägt, nutzten Wunder und seine Mitstreiter im April für einen Appell unter anderem an den Bundespräsidenten, die Ministerpräsidenten der Länder und die Fraktionsvorsitzenden des Bundestags. Von Bundespräsident Joachim Gauck gibt es bislang keine Reaktion. Die Regie- rungsfraktionen sehen keinen Änderungs- bedarf, und die Länder verweisen auf den Bund, dieser auf das zuständige Bundes- finanzministerium. Von dort gibt es eine Einlassung des Staatssekretärs Werner Gatzer, für den die Causa vor allem eine Frage der Entschädigung zu sein scheint:

„Auch wenn eine rechtliche Gleichstellung mit anderen Opfergruppen nicht zu erzie- len ist, so wurden in der Vergangenheit materielle Unterschiede ausgeglichen.“ Seit 2011 bekommen die Geschädigten eine monatliche Rente von 291 Euro. Laut Bundesfinanzministerium beziehen diese Rente derzeit noch drei „Euthanasie“-Ge- schädigte und 364 Zwangssterilisierte. Mit Wunders Anliegen tut sich offen- kundig nicht nur das Ministerium schwer. Auch der Hamburger Sozialsenator Detlef Scheele (SPD) sieht „kaum Erfolgsaussich- ten“ für die Initiative des Ethikratsmit- glieds. Wunders bittere Replik: „Die Poli- tik setzt auf die biologische Lösung.“

Antje Windmann

FOTO: JOHANNES ARLT / DER SPIEGEL

FOTO: JOHANNES ARLT / DER SPIEGEL Jagdschülerin Sticher: Üben für den perfekten Schuss Fährten im Schlamm

Jagdschülerin Sticher: Üben für den perfekten Schuss

Fährten im Schlamm

Jagd Immer mehr Frauen und Städter zieht es auf Hochsitze. Den neuen Jägern geht es nicht um Tradition, sondern um Landlust und bewusste Ernährung.

C arolin Sticher weiß, sie muss jetzt ruhig bleiben. Luft holen, langsam ausatmen, Jagdgewehr anheben,

zielen, abdrücken. Die 24-jährige Studen- tin steht in einem Kiefernwald in Meck- lenburg-Vorpommern, es ist noch sehr früh und so kalt, dass Sticher ihren Atem sieht. Es ist ihr zweites Mal am Schießstand, sie ist unruhig. Sie denkt: Belaste die Füße gleichmäßig, um einen sicheren Stand zu haben. Sie denkt: Zieh den Gewehrschaft fest in die rechte Schulter, damit der Rückstoß nicht schmerzt. Sie denkt: Krümm den rechten Zeige- finger nur leicht, um den Abzug mit dem oberen Glied zu erwischen. Sie denkt: Ich muss treffen. Es knallt, 165 Dezibel, Düsenjägerlautstärke. Daneben. „Scheiße“, sagt Sticher. „Hör auf zu denken“, sagt der Schieß- lehrer an ihrer Seite. Carolin Sticher steht in Sneakers, Jeans und weißem Kapuzenpulli in der Bretter- bude eines Schießstands bei Schwerin, die braunen Haare hat sie zu einem kurzen Pferdeschwanz gebunden, die Wimpern getuscht. An der rechten Hand trägt sie drei Silberringe, auf den Nägeln farblosen Lack. 50 Meter vor ihr fährt das Bild eines

Keilers von rechts nach links. Sie müsste die Zielscheibe auf der vorderen Körper- hälfte treffen. Zehn Punkte sind perfekt, sie bedeuten: Lunge getroffen. Neben der Novizin steht an diesem Som- mermorgen Helmut Herbold, 55, Jäger seit seinem 17. Lebensjahr. Er trägt derbe Schuhe, einen grünen Wollpulli über dem karierten Hemd und eine Schiebermütze. Er sagt: „Das ist Hochleistungssport, was wir hier machen.“ Und: „Das muss auch Spaß machen.“ Wenn Herbold das alte Bild der Jagd verkörpert, steht Sticher für das neue. Sie ist jung, sie kommt aus der Stadt, in ihrer Familie hat das Schießen keine Tradition. Die Studentin steht für einen erstaunlichen Trend: Die Jägerschaft in Deutschland wird jünger, weiblicher, moderner. Noch nie interessierten sich so viele Menschen fürs Pirschen und Schießen. Im vorigen Jahr besaßen deutschlandweit 361557 Men- schen den Jagdschein, rund 23000 mehr als noch vor zehn Jahren; auf 223 Einwoh- ner kommt ein Jäger. Inzwischen sind knapp 20 Prozent der Anwärter Frauen. Auf Gut Grambow bei Schwerin, wo Ca- rolin Sticher gemeinsam mit ihrem Vater, ihrem jüngeren Bruder und ihrem Freund den Jagdschein macht, lag die Frauenquote