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Das Ende der Schweiz Der Unfall im Kernkraftwerk Tschemobyl wirkte sich auch in der Schweiz
Das Ende der Schweiz
Der Unfall im Kernkraftwerk Tschemobyl wirkte sich auch in der
Schweiz aus: Zwei Wochen lang und länger mußten die Gärtner den
Salat kompostieren, durften Kleinkinder keine Kuhmilch trinken, war
das Schlachten von Ziegen und Schafen verboten. Noch Monate
später durften die Fische im Luganersee nicht gegessen werden. Der
Unfall gab nicht nur den Grünen Auftrieb, sondern regte sogar die
Konservativen und Liberalen zum Nachdenken an — ein seltenes Phä
nomen. Solange sich solche Katastrophen in Rußland oder in den
USA ereignen, regt man sich in der Schweiz trotz allem nicht beson
das auI~ schließlich sind Rußland und die USA groß genug, um die
Betroffenen innerhalb ihrer Staatsgrenzen umsiedeln zu können. Was
aber würde mit den Schweizem geschehen, wenn in einem ihrer ffinf
Atomkraftwerke ein GAU stattfinden sollte? Wohin siedelt man Leute
um in einem Land, dessen Fläche nur 40000 Quadratkilometer be
trägt, von denen 40 Prozent aus Fels, Eis und Wasser bestehen? Wohin
siedelt man jemanden aus der Region Gösgen um, wenn die Distanz
zur entferntesten Landesgrenze kaum zweihundert Kilometer beträgt?
Diese Frage stellten sich auch die chemischen und pharmazeuti
schen Firmen in Basel, denn von Basel ist es — in der Luftlinie — kaum
dreißig Kilometer nach Gösgen oder zum 1(1KW Leibstadt; auch ein
französisches KKW liegt nur ein paar Kilometer unterhalb der Stadt
am Rhein. Die Firmen schlossen mit der kanadischen Regierung einen
geheimen Vertrag, daß in einem solchen Fall die Direktion und die
leitenden Angestellten auf dem Luftweg nach Montreal verfrachtet
würden, um dort ihre profitable Produktion wieder aufzunehmen. Der
Vertrag soll nicht billig gekommen sein.
Um das Volk zu beruhigen, beschloß die Schweizer Regierung im
Einvernehmen mit den bürgerlichen Parteien, eine Denkpause einzu
schalten und den Bau weiterer KKWs auftuschrieben — in der richti
gen Annahme, in ein oder zwei Jahren würden die verseuchten Ziegen
und Fische vergessen sein.
In jener Zeit amtete im KKW Gösgen Alois Müller, dipl. Ingenieur
der Eidgenössischen Technischen Hochschule, als Direktor, ein hoch
qualifizierter Mann, verantwortungsbewußt, zuverlässig, rechtsliberal.
Hätte er diese Eigenschaften nicht besessen, wäre er nicht auf jenen
Posten berufen worden. Aber eine Komponente seiner Persönlichkeit
hatten die Direktoren der Gesellschaft Aare-Tessin A. G., der das KKW
Gösgen gehörte, nicht berücksichtigt: Müller war ein Hurnanist; er
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— so Thomas von Aquin, Marx und Engels, Teilhard de Chardin. Er glaubte an einen
— so Thomas von Aquin, Marx und Engels, Teilhard de Chardin. Er
glaubte an einen Schöpfer und war der Ansicht, die Erde und das
Leben auf ihr seien etwas Gewaltiges und Schönes und sollten um
jeden Preis erhalten werden, ja, er hielt die Kontinuität des Lebens
langfristig für wichtiger als die kurzfristige Steigerung des Nationalpro
dukts und der damit verbundenen Steigemng der Gewinne.
Müller war sich bewußt, daß sich ein GAU im Stil von Tschernobyl
bei einem KK‘.X‘ im Durchschnitt nur alle tausend Jahre einmal ereig
nen würde. Nun existierten aber bereits über zweihundert KKWs auf
der Erde, und überall wurden weitere erstellt. Laut Wahrscheinlich
keitsrechnung würde der nächste Reaktorunfall also in weniger als fünf
Jahren stattfinden. Aber schon 1988 würde man Inder Schweiz Tscher
nobyl und Harrisburg vergessen haben oder davon überzeugt sein, daß
es sich um vermeidbare und unglückliche Einzelfille gehandelt habe.
Bevor der nächste vermeidbare und unglückliche Einzelfall sich ereig
nen würde — 1990 oder später—, hätte die Aare-Tessin A. G. ein weiteres
KKW gebaut.
Bei sechs Kernkraftwerken und der Wahrscheinlichkeit eines GAUs
alle tausend jahre hätte die Schweiz eine wahrscheinliche Überlebens-
dauer von l66Jahren. Bezieht man die in der Nachbarschaft gelegenen
KKWs der Bundesrepublik und Frankreichs mit ein, sinkt diese Le
benserwartung auf die Hälfte.
Gab es keine Möglichkeit, die aktive Opposition der Bevölkerung
gegen KKWs zu zwingen? — Es gab sie: ein weiterer Unfall im Stil von
Tschernobyl!
Müller kontrollierte nur ein KKW — dasjenige von Gösgen. Lieber
wäre ihm ein weiterer Unfall in den USA oder Rußland gewesen, aber
wenn er selbst ein GAU auslösen wollte, kam nur Gösgen in Frage.
Das Gebiet zwischen St. Gallen und Genf, Basel und Luzern müßte
evakuiert werden. 5,5 von 6,5 Millionen Schweizern müßten das bnd
verlassen; der Rest würde im Tessin und den südlichen Graubündner
Tälern eine zweite, aber karge Heimat finden. Diese Gebiete würden
sich wohl Italien und Östeffeich anschließen — Österreich, das weit
sichtig auf Kernkraft verzichtet hatte. Die Schweiz würde — nach 700
Jahren — sang- und klanglos untergehen. Sie hatte sich militärisch bis
an die Zähne gerüstet, war aber schließlich einem einzelnen Humani
sten zum Opfer gefallen. Aber: Die Schweiz hatte Europa vor dem
Untergang gerettet! Wenn es die exakt arbeitenden Schweizer nicht
fertig brachten, ein KKW unter Kontrolle zu halten, was war da von
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hatte Phantasie und ein Gewissen und las heimlich unpassende Bücher den Lässe-fär-Franzosen, von den unzuverlässigen Italienern, von den

mit Terroristen geplagten Deutschen zu erwarten? Neunzig Prozent der Weltbevölkerung würde mit Nachdruck verlangen,
mit Terroristen geplagten Deutschen zu erwarten? Neunzig Prozent
der Weltbevölkerung würde mit Nachdruck verlangen, daß augen
blicklich alle Atomkraftwerke stillgelegt würden, und die Regierungen
würden demütig gehorchen — schließlich war es ihre Hauptaufgabe
und Pflicht, wiedergewählt zu werden. Man würde die KKW-Gesell
schaften reichlich entschädigen und dazu die Steuern erhöhen, aber
mit der GAU-Gefahr wäre es aufJahrzehnte vorbei!
Diese Vision trug Müller mit sich herum — einen ganzen Monat
lang. Dann transferierte er sein Geld auf die Schweizer Kreditanstalt
in New York, schickte seine Familie nach Florida in die Ferien und
stellte die Kühlpumpen in Gösgen ab. Nachdem er sich im Pumpraum
mit dem Armeerevolver erfolgreich gegen das alarmierte Sicherheits
personal zur Wehr gesetzt hatte — solange, bis es zu spät war, die Ka
tastrophe zu verhindern —‚ jagte er sich eine Kugel in den Kopf.
An Verseuchung starben innert Jahresfrist 44000 Aargauer und So
lothurner, 18 wurden durch Knochenmarktransplantationen gerettet.
Die übrigen Schweizer wurden in einer gigantischen Aktion auf leeren
iranischen und griechischen Öltankem nach Kanada und Australien
gebracht. Nachdem die Regierung von Bern nach Balerna verlegt wor
den war, amteten die Bundesräte noch drei Jahre lang weiter, dann
schlossen sich der Tessin und das Misox Italien, Graubünden Öster
reich an. Der Rest der Schweiz wurde auf vorläufig 200 jahre abgerie
gelt.
Müller hatte richtig gerechnet: Alle KKWs wurden abgestellt, die
Erde war gerettet.
Kommentar von Hans Wiederkehr Ich habe mich erkundigt: Der Direktor des KKW Gösgen heißt gar
Kommentar von Hans Wiederkehr
Ich habe mich erkundigt: Der Direktor des KKW Gösgen heißt gar
nicht Müller — Gott sei Dank! Obwohl diese Geschichte also erstun
ken und erlogen ist, finde ich es doch deprimierend, ja sogar kriminell,
daß ein Schweizer den Untergang des eigenen Landes positiv darstel
len kann, dazu einer, der am Nationalfeiertag Geburtstag hat!
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