32 [ Computer und Digitalisierung: Medium, Tool, Form?

der Stuttgarter Gruppe stochastische Texte am Großcomputer Zuse. Künstlerisches Ziel der aleatorischen Textgenerierung war es, die kreative Praxis
soweit zu schematisieren, dass diese auch von computerunterstützten
Technologien automatisch und beliebig oft reproduziert werden konnte:
»Markoffketten, nicht Bedeutungen erzeugen Schönheit oder Hässlichkeit«,37 schreibt Bense r96o in sein Manifest.
Benses ästhetische Würdigung des automatischen Schreibens auf der
Basis computerbasierteT Algorithmen wurde jedoch bisher in den Debatten
um den künstlerischen Stellenwert von Hypertext und Multi-Linearität
wenig rezipiert.3 8 Die wissenschaftsgeschichtliche Relevanz seiner Schriften zur Programmierung des Schönen haben allerdings in der akademischen Literatur in den letzten Jahren eine starke Beachtung und Aufwertung erfahren.3 9

Der Stift der Natur ( 1844)
WnLIAM HENRY

Fox TALBOT

ANSICHT DER BOULEVARDS VON PARIS

Diese Ansicht wurde von einem der obersten Fenster des Hotels de Douvres aufgenommen, das an der Ecke der Rue de la Paix liegt. Der Betrachter
blickt in Richtung Nordost. Die Zeit ist Nachmittag. Die Sonne scheint gerade nicht mehr auf die Reihe der Gebäude, die mit Säulen geschmückt
sind, ihre Fassade liegt schon im Schatten, aber ein einzelner, offenstehender Fensterflügel reicht gerade noch so weit, dass ihn ein Sonnenstrahl
erreicht. Das Wetter ist heiß und staubig- man hat gerade die Straße mit
Wasser besprengt, was die zwei breiten dunklen Streifen anzeigen, die
Vordergrund zusammenlaufen. Die Straße wird nämlich gerade repariertwas man an den zwei Schubkarren und a~ anderen Details erkennen kann
-, und so musste der eine Sprengwagen auf die andere Spur ausweichen.
Am Straßenrand erblickt man eine Reihe von wartenden Droschken
und Cabriolets, und ganz in der Ferne sieht man rechts eine Kutsche. Ein
ganzer Wald von Schornsteinen erhebt sich vor dem Horizont: Denn das
Instrument registriert, was auch immer es sieht, und sicher würde es einen
Kamin oder einen Kaminfeger mit der gleichen Unparteilichkeit wie den
Apoll von Belvedere aufzeichnen.
Die Ansicht ist von beträchtlicher Höhe aus aufgenommen, was man
leicht erkennen kann, wenn man das Haus zur Rechten betrachtet. Das
Auge muss notwendigerweise auf einem Niveau mit der Zone des Gebäudes sein, an der die horizontalen Linien oder Mauerfugen als Parallelen zur
unteren Bildkante erscheinen.
37

I

Ebd., S.

2I.

38 I Eine Ausnahme markieren die genealogischen Untersuchungen zur
Kunst im Internet u.a. von Roberto Simanowksi: Vom Schreiben im Netz, Frankfurt
a. M. 2001, vgl. seinen Text im Kapitel» Hypertext-Hypermedia- Interfictions«.
39 I Vgl. Barbara BüscherjHans-Christian von HerrmannjChristoph Hoffmann (Hg.): Ästhetik als Programm. Max BensejDaten und Streuungen (Kaleidoskopien. Medien- Wissen- Performance, Band 5), Berlin 2004-

GEGENSTÄNDE AUS PORZELLAN

Dieses Beispiel macht deutlich, dass es nur wenig länger dauert, die ganze
Vitrine eines Porzellansammlers auf Papier zu bannen, als sie in der üblichen Weise schriftlich zu inventarisieren. Je seltener und phantastischer

34

I William

Henry Fox Talbot

die Formen seiner Teegeschirre ausfallen, desto größer ist der Vorzug des
Bildes gegenüber der Beschreibung.
Und sollte einmal ein Dieb diese Schätze entwenden, dann würde
sicher eine neue Art der Beweisführung entstehen, wenn man das stumme
Zeugnis des Bildes gegen ihn bei Gericht vorlegt. Ich überlasse es der
Spekulation der Rechtskundigen, wie der Richter und die Jury darauf
reagieren werden.
Die Gegenstände auf dieser Tafel sind zahlreich, aber wie zahlreich die
Dinge auch sind, wie kompliziert ihre Zusammenstellung auch ausfällt, die
Kamera bildet sie alle auf einmal ab. Man kann auch sagen: Sie bildet alles
ab, was sie sieht. Das gläserne Objektiv ist das Auge des Instrumentes das lichtempfindliche Papier lässt sich mit der Retina vergleichen. Und das
Auge sollte keine zu große Pupille haben, das heißt, der Lichteinfall der
Linse sollte durch eine Blende verringert werden können, in der ein ldeines
rundes Loch ist. Wenn das Auge des Instrumentes die Gegenstände durch
diese verengte Öffnung registriert, fallt das Bild schärfer und gerrauer aus.
Aber es dauert länger, bis es sich auf dem Papier abgezeichnet hat, denn je
ldeiner die Blendenöffnung ist, desto weniger Strahlen fallen von den
gegenüberliegenden Objekten in das Instrument und auf das Papier.

BüSTE DES PATROKLUS

Statuen, Büsten und andere Werke der Skulptur lassen sich durch die
fotografische Kunst gut abbilden und, je nach Helligkeit des Objektes, auch
sehr schnell. Diese Abbildungen sind beinahe unendlich variierbar. Denn
eine Statue kann man von allen Seiten beleuchten, entweder frontal oder
von der Seite- der direkte oder schräge Einfall des Sonnenlichts wird natürlich die Wirkung sehr verschieden ausfallen lassen. Und wenn der
Lichteinfall einmal festgelegt ist, dann kann die Statue auf ihrem Sockel
gedreht werden, was eine zweite Serie von nicht weniger wirkungsvollen
Variationen erzeugt. Und wenn man hierzu noch den Wechsel der Abbildungsgröße nimmt, der durch die nähere oder weitere Entfernung der
Camera obscura entsteht, dann wird es klar, welch große Zahl verschiedener Ansichten man einer einzigen Skulptur abgewinnen kann.
Bei vielen Statuen fahrt man besser, wenn man sie bei bedecktem
Himmel aufnimmt. Denn das Sonnenlicht erzeugt so schwarze Schatten,
die bisweilen den Gesamteindruck verwischen. Um dies zu verhindern, ist
es ein gutes Mittel, ein weißes Tuch in geringer Entfernung von der Statue
aufzuhängen, das die Sonnenstrahlen reflektiert und so eine leichte Aufhellung der Teile bewirkt, die ansonsten im Schatten versinken würden.

Der Stift der Natur (1844)

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DIE OFFENE TüR

Der Hauptzweck des vorliegenden Werkes ist es, eine neue Kunst in ihren
Anfangsversuchen festzuhalten, bevor sie durch die Hilfe des englischen
Talents zu dem von uns erwarteten Stadium ihrer Vervollkommnung gebracht wird.
Dies ist eine der bescheidenen Bemühungen aus ihren Kindheitstagen,
die von einigen parteiischen Freunden lobend hervorgehoben wurde. Wir
kennen viele Beispiele der niederländischen Kunst, die alltägliche und
vertraute Gegenstände darstellen. Das Auge eines Malers wird oft von
Sujets gefesselt, an denen der Normalmensch nichts Bemerkenswertes
feststellen kann. Ein zufalliger Lichtschimmer, ein Schatten, der über dem
Weg liegt, eine verwitterte Eiche oder ein moosbedeckter Stein können
einen Strom von Gedanken und Gefühlen und pittoresken Vorstellungen
in Gang setzen.

DER HEUHAUFEN

Ein Vorteil, den die Erfindung der Fotografie gebracht hat, ist der Umstand, dass sie es uns ermöglicht, in unsere Bilder eine VielzahlHeinster
Details aufzunehmen, die die Wahrheit und Realitätsnähe der Darstellung
steigern helfen und die kein Künstler so getreu in der Natur abkopieren
würde.
·
Sich mit der Gesamtwirkung begnügend, würde er es wahrscheinlich
als unter seiner Würde erachten, jeden Licht- und Schatteneffekt zu registrieren. Und er könnte es auch nicht, ohne unverhältnismäßig viel Zeit und
Mühe aufzuwenden, die er an anderer Stelle besser investierte. Dennoch
ist es ein Vorteil, jetzt die Mittel zur Verfügung zu haben, die uns diese
Details ohne zusätzlichen AufWand erschließen, denn sie verleihen mancher Szenerie, von der man es nicht erwartet hatte, einen Anstrich von
Reichtum und Vielfalt.

KOPIE EINER LITHOGRAFIE

Hier haben wir die Kopie einer Pariser Lithografie, die verm}ltlich viele
meiner Leser kennen.
Alle Arten von Grafik können mit fotografischen Mitteln kopiert werden, und diese Anwendungsweise der Kunst ist sehr wichtig, nichf'nur weil
sie Kopien von beinahe Faksimile-Qualität hervorbringt, sonderii weil sie
es in unser Belieben stellt, den Abbildungsmaßstab zu ändern und die
Kopien um so vieles größer oder ldeiner als die Originale zu machen, wie
wir es wollen.
Die alte Methode, die Größe einer Zeichnung mit dem Pantografen
oder einem anderen Behelf abzuändern, war sehr lästig und verlangte ein

36

I William

Henry Fox Talbot

exakt konstruiertes und wohl eingerichtetes Instrument, während die
fotografischen Kopien größer oder ldeiner werden, indem man nur die
Originale näher oder weiter vor die Kamera hält.
Diese Tafel ist ein Beispiel für diese nützliche Anwendung der Kunst;
sie ist eine Kopie, die trotz starker Verldeinerung alle Proportionen des
Originals getreu bewahrt.

QUEENS COLLEGE, ÜXFORD, EINGANG

Auf der ersten Tafel dieses Buches habe ich eine andere Ecke dieses Gebäudes gezeigt. Hier haben wir eine Ansicht des Portalvorbaus und der
mittleren Partie des Colleges. Sie wurde von einem Fenster der gegenüberliegenden Seite der High Street aus aufgenommen. Wenn man gut durchgearbeitete Fotografien studieren will, empfiehlt sich der Gebrauch einer
großen Lupe, so wie sie ältere Menschen häufig beim Lesen verwenden.
Diese vergrößert die dargestellten Objekte um das Zwei- bis Dreifache
und enthüllt eine Fülle winziger Details, die man vorher nicht realisiert
hat. Es geschieht überdies häufig, dass der Fotograf selbst bei einer solchen
späteren Überprüfung entdeckt, dass er viele Dinge aufgezeichnet hat, die
ihm zur Zeit der Aufnahme entgangen waren- und das macht zu Teilen
den Charme der Fotografie aus. Manchmal findet man Inschriften und
Daten auf Gebäuden oder ganz unbedeutende Anschläge; manchmal erkennt man das entfernte Zifferblatt einer Uhr und auf ihr - unbewusst
festgehalten - die Uhrzeit, zu der die Aufnahme gemacht wurde.

BüsTE

DES PATROKLUS

Eine andere Ansicht der Büste, die auf der fünften Tafel dieses Buches
erscheint.
Man hat oft gesagt- und es ist bereits sprichwörtlich geworden-, dass
es keinen Königsweg des Lernens gibt. Aber das Sprichwort trügt, denn es
gibt ganz sicher einen Königsweg zum Zeichnen-Lernen. Und eines Tages,
wenn er besser erkannt und erkundet ist, werden ihn wohl viele beschreiten. Schon jetzt haben einige Amateure den Stift niedergelegt und sich mit
Chemikalien und Kameras ausgerüstet. Besonders diejenigen Amateureund das sind nicht wenige -, welchiClie Regeln der Perspektive zu schwierig finden und welche unglücklicherweise ein wenig faul sind, ziehen eine
Methode vor, die sie von allen diesen Mühen befreit. Und selbst ausgebildete Künstler bedienen sich nunmehr einer Erfindung, die in wenigen
Augenblicken die unzähligen Details gotischer Architektur festhält, wofür
ein ganzer Tag zum korrekten Abzeichnen in der althergebrachten Weise
kaum reichen würde.

Übersetzung aus dem Englischen: Wolfgang Kemp

Computermaschinerie und lntellige
ALAN

M. TURING

1. DAS IMITATIONSSPIEL
Ich beabsichtige, die Frage »Können Maschil
Diese Überlegung sollte damit beginnen, die
schine« und »Denken« zu definieren. Die D
sein, dass man die übliche Verwendung dies
diese Haltung ist gefährlich. Wenn die Bede1
und »Denken« durch eine Untersuchung ~
rausgefunden werden soll, ist es schwierig,
kommen, dass ihre Bedeutung sowie die A:
Maschinen denken?« durch eine statistisch
lup-Umfrage zu ermitteln ist. Statt es mit ei
suchen, werde ich die Frage durch eine and\
verwandt ist und in relativ eindeutigen Begr
Die neue Form der Problemstellung ka
wir das »Imitationsspiel« nennen wollen, bE
drei Personen gespielt, einem Mann (A), ei
den Person (C), die weiblich oder männlich
sich in einem von den beiden anderen getre
für den Frager, zu bestimmen, wer von den
wer die Frau ist. Für ihn bzw. sie werden si\
net und am Ende des Spiels sagt er entwedE
ist Bund Y ist A«. Der Frager darf A und B
C: »Würde X mir bitte die Länge seines
Nun nehmen wir an, X ist tatsächlich A
diesem Spiel ist es das Ziel, C zu einer fals<
Seine Antwort könnte daher sein:
»Mein Haar ist sehr kurz geschnitten
ungefähr 9 Inches lang.«
Damit der Klang der Stimmen dem F
Antworten aufgeschrieben oder, noch bes~
den. Die ideale Anordnung sieht einen F

KARIN BRUNS, RAM6N REICHERT

(HG.)

READER NEUE MEDIEN

Texte zur digitalen Kultur und Kommunikation

[ transcript]

C ULT U RAL ST U D I ES

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