Sie sind auf Seite 1von 4

GABRIELE LÖSEKRUG-MÖLLER

MITGLIED DES DEUTSCHEN BUNDESTAGES

Hameln‐Holzminden, im Januar 2010

Liebe Genossinnen und Genossen,

ich wünsche Euch allen ein gutes und vor allem gesundes neues Jahr 2010.

Wir haben ein schwieriges Jahr vor uns, denn die Folgen der Finanz‐ und Wirtschaftskrise
sind noch nicht bewältigt. Erinnern wir uns, dieser tiefste ökonomische Einbruch in der bun‐
desdeutschen Geschichte wurde verursacht durch verantwortungslose Spekulation auf den
Finanzmärkten. Er hat die produzierenden Unternehmen schwer getroffen. Er hat die öf‐
fentlichen Haushalte stark belastet. Und auch wenn es uns durch beherztes Krisenmanage‐
ment gelungen ist, dass die Krise im vergangenen Jahr keine Schneise der Verwüstung durch
Deutschland gezogen hat, auch wenn wir in 2009 Millionen von Arbeitsplätzen sichern konn‐
ten: Die Gefahr für die Arbeitsplätze, für die soziale Sicherheit, für die Staatsfinanzen ist
nicht gebannt! Ganz im Gegenteil!

In dieser ernsten Situation kommt es auf eine wirklich nachhaltige Politik für Wachstum
und Arbeit an, auf Vorrang für Investitionen in Zukunftsbranchen wie Energie und Umwelt
entwickeln und vor allem bessere Bildung. Das heißt auch: Wir dürfen das Geld der Steuer‐
zahler nicht für ungerechte Klientelgeschenke verschwenden, die unserer Wirtschaft nicht
nutzen, sogar neue Bürokratie schaffen. Wir dürfen keine Schulden für Steuergeschenke an
wohlhabende Gruppen machen, die sie nicht brauchen. Das aber ist schwarz‐gelbe Politik in
Berlin.

Es sind fatale Fehlentscheidungen vor allem auch in der Finanzpolitik: Die Steuer‐
Hasardeure in Union und FDP haben sich mit dem so genannten „Wachstumsbeschleuni‐
gungsgesetz“ durchgesetzt. Die Bezeichnung ist unverschämter Etikettenschwindel. Denn
dies ist ein Gesetz, das kein Wachstum schafft, sondern Schulden beschleunigt, Bürokratie
aufbaut und Zukunft verhindert. 100 Milliarden Euro neue Kredite muss allein der Bund
2010 aufnehmen. Und in dieser hochkritischen Lage befriedigt Schwarz‐Gelb mit Steuersen‐
kungen auf Pump Klientelwünsche, führt neue Subventionen und Privilegien ein. Das ge‐
fährdet die Handlungsfähigkeit von Bund, Ländern und Kommunen und setzt die Zukunftsin‐
vestitionen in Deutschland aufs Spiel.

Die Länder kostet das 2010 noch einmal mindestens 2,5 Milliarden Euro, die Kommunen
mindestens 1,1 Milliarden Euro. Ab 2011 gehen für die Länder 10,1 Milliarden, für die Kom‐
munen 6 Milliarden Euro jährlich verloren. Und wofür das alles? Für ein Mehrwertsteuerpri‐
vileg auf Hotelübernachtungen, für Privilegien für Firmenerben, die an den Rand der Verfas‐
sungswidrigkeit gehen, für Begünstigung von Gewinnverlagerungen ins Ausland und Beihilfe
zu Strategien der Steuervermeidung.

Und die Steuersenkungen auf Pump sollen erst richtig losgehen! Der zweite Streich soll, laut
Koalitionsvertrag „möglichst“ ab 2011, ein Stufentarif bei der Einkommenssteuer sein. Kei‐
ner will allerdings Ross und Reiter benennen und die tatsächliche Umverteilung beziffern.
Kurzum: Niemand hatte bisher den Mut, das Modell exakt zu beschreiben und vor allem,
GABRIELE LÖSEKRUG-MÖLLER
MITGLIED DES DEUTSCHEN BUNDESTAGES

was es denn zum Schluss kosten wird. Der einzige „Stufentarif“, den wir kennen, ist das FDP‐
Modell. Eine Studie des Forschungsinstitutes für Arbeit rechnet vor, dass die Verwirklichung
dieses Modells 51,8 Milliarden Euro an Steuerverlusten bringen würde.

Aber nirgendwo treten die chaotischen Zustände in dieser Bundesregierung deutlicher Zuta‐
ge als bei der mangelhaften Aufklärung des Luftangriffs in Kundus. Minister Jung musste
zurücktreten, weil er Parlament und Öffentlichkeit falsch informiert hat. Aber auch für sei‐
nen Nachfolger im Amt des Verteidigungsministers Karl‐Theodor zu Guttenberg gelten die‐
selben Maßstäbe politischer Verantwortung.

Wir haben diesen Angriff zu keinem Zeitpunkt verharmlost und zivile Opfer nie bestritten.
Ganz im Gegenteil: Wir haben immer gesagt, dass man nach diesem Luftschlag nicht einfach
zur Tagesordnung übergehen kann. Wenn bewusst eine große Zahl ziviler Opfer in Kauf ge‐
nommen wurde, um Angehörige der Taliban zu töten, stand dieses Vorgehen im Wider‐
spruch zu den NATO‐Einsatzregeln und zu unserer erklärten Politik. Die Affäre wirft inzwi‐
schen mehr Fragen auf, als Verteidigungsminister zu Guttenberg beantworten will oder
kann.

Liebe Genossinnen, liebe Genossen,


wir brauchen einen handlungsfähigen Sozialstaat. Wir brauchen ein solidarisches System der
sozialen Sicherung, damit die Gesellschaft nicht zerreißt. Schwarz‐Gelb aber spielt mit die‐
sem fundamentalen Gesellschaftsvertrag. Bei der lebenswichtigen Frage der Gesundheits‐
versorgung wird über einen Systembruch spekuliert. Und wieder erhält niemand eine klare
Auskunft, was eigentlich geplant ist. Die wenigen Stichworte aus dem Koalitionsvertrag –
einkommensunabhängige Prämien, Einfrieren des Arbeitgeberbeitrags, Regionalisierung –
zeigen eine gefährliche Stoßrichtung: Die solidarische und gerechte Finanzierung der Risiken
bei Krankheit und Pflegebedürftigkeit soll aufgekündigt werden. Der Weg in die Entsolidari‐
sierung und die Privatisierung sozialer Risiken. Ein Irrweg, der in den USA dramatisch ge‐
scheitert ist und schwierige Reformanstrengungen der Regierung Obama zur Folge hat, um
allen Menschen eine Gesundheitsversorgung zu ermöglichen. In Deutschland aber soll es
rückwärts in die soziale Spaltung gehen!

Union und FDP bestreiten das und weisen auf den steuerfinanzierten Sozialausgleich hin.
Wer soll darauf vertrauen, wenn zugleich radikale Steuersenkungen den Staat arm machen?
Sollte die Einführung einer ungerechten Kopfpauschale kommen, die für den Bankdirektor
genauso hoch ist wie für den Pförtner, und wollte man die soziale Schieflage ausgleichen
wollen, so wären dafür 35 Milliarden Euro Steuergeld nötig! Das ist die schwarz‐gelbe Lüge
vom Sozialausgleich, den es nie geben wird.

Wer also soll die Zeche zahlen? Einen Vorgeschmack bieten Spekulationen über die Abschaf‐
fung der Steuerfreiheit von Sonntags‐, Feiertags‐ und Nachtzuschlägen. Wenn diese Zu‐
schläge gestrichen oder gekürzt werden, müssen Schichtarbeiter, Krankenschwestern oder
Polizisten die Steuergeschenke zugunsten von Erben, Unternehmern und Hotelketten be‐
zahlen. Menschen, die einen unverzichtbaren Dienst am Gemeinwohl leisten, würden be‐
straft. Wir fordern von der Bundesregierung ein Bekenntnis, dass sie die Steuerfreiheit der
Zuschläge für Sonntags‐, Feiertags‐ und Nachtarbeit nicht antasten wird.

SEITE 2
GABRIELE LÖSEKRUG-MÖLLER
MITGLIED DES DEUTSCHEN BUNDESTAGES

Schwarz‐Gelb zog mit dem Slogan „Mehr Netto vom Brutto“ in den Wahlkampf. Am Ende
aber werden Millionen von Menschen weniger Netto haben! Mehr Netto gilt für den obe‐
ren Teil der Gesellschaft. Die Mehrheit der Menschen aber muss draufzahlen.

Tatsache ist: Deutschland braucht für das schwierige Jahr 2010 eine bessere Alternative:
Mehr finanzpolitische Vernunft, mehr wirtschaftspolitische Verantwortung, mehr bildungs‐
politische Ehrlichkeit. Mehr Gerechtigkeit beim Schultern der Krisenfolgen und mehr Ent‐
schlossenheit dabei, Finanzmarktkrisen, die der ganzen Gesellschaft schweren Schaden zu‐
fügen, in Zukunft zu verhindern.

Liebe Genossinnen, liebe Genossen,


wir wollen einen „Pakt der wirtschaftlichen Vernunft“, um die erforderlichen Zukunftsin‐
vestitionen in Deutschland zu mobilisieren. Wir übernehmen damit die wirtschaftspolitische
Initiative. Die zentralen Elemente des Pakts sind die konsequente Regulierung der Finanz‐
märkte, wirksame Maßnahmen zur Sicherstellung der Kreditversorgung, vor allem für den
Mittelstand und eine nachhaltige Wachstums‐ und Beschäftigungspolitik.

Deutschland kann nur dann gestärkt aus der Krise kommen, wenn Chancengleichheit, sozia‐
ler Ausgleich, Integration und gerechte Teilhabe unser ganzes Bildungssystem und unsere
Arbeitswelt prägen.

Neue Studien belegen, dass der Großteil, mehr als 70 % der Menschen in Deutschland die
zunehmende soziale Ungleichheit als Hauptproblem unserer Gesellschaft sehen. Das hat vor
allem auch mit den Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt zu tun. Stagnation von Löhnen,
Schwund von Kaufkraft, Verschlechterung der Arbeitsbedingungen – von der Tarifflucht bis
zur Bespitzelung am Arbeitsplatz – können wir nicht einfach hinnehmen. In der Krise waren
die deutsche Mitbestimmung und das System der Tarifverträge, oft verspottet, jetzt interna‐
tional anerkannt, ein Sicherungsanker, der Beschäftigung erhalten hat.

Wir werden das nicht vergessen und mit den Gewerkschaften dafür kämpfen, dass die Rech‐
te der Arbeitnehmer gesichert und die Augenhöhe im Verhältnis von Kapital und Arbeit wie‐
dergewonnen wird.

Schwarz‐Gelb will die im Rahmen des Arbeitnehmerentsendegesetzes eingeführten Min‐


destlöhne bis Oktober 2011 evaluieren. Was das bedeutet, ahnen wir: Die Mindestlöhne
stehen trotz den Versprechungen von Merkel vor der Wahl erneut zur Disposition. Stattdes‐
sen soll gering entlohnte Beschäftigung ausgeweitet werden. Ausweitung des Niedriglohn‐
sektors und Lohnsubventionierung als staatliche Daueraufgabe – das ist der Weg von
Schwarz‐Gelb.

Was das heißt, zeigt das Beispiel der Drogeriemarktkette Schlecker. Das Unternehmen will
4.000 Filialen schließen, um neue, größere „XL‐Märkte“ zu eröffnen. Das betrifft 12.000
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer – 80 % Frauen. Allein im vergangenen Jahr haben
2.000 Beschäftigte ihren Job verloren. Künftig sollen die Beschäftigten von Schlecker über
eine „konzerninterne Arbeitnehmerüberlassung“, eine neu gegründete Strohfirma, zu
schlechteren Bedingungen eingestellt werden. Der Stundenlohn liegt hier bei 6,78 Euro, kein
Urlaubsgeld, kein Weihnachtsgeld. Damit setzt Schlecker darauf, Tariflöhne zu unterlaufen.

SEITE 3
GABRIELE LÖSEKRUG-MÖLLER
MITGLIED DES DEUTSCHEN BUNDESTAGES

Dieser systematischen Dumpingstrategie, die tariftreue Wettbewerber ausbooten soll, darf


die Politik nicht die Hand reichen.

Wir brauchen eine grundsätzlich andere Wachstumsstrategie. Schlechte Löhne, schlechte


Produkte, Auspressen von Menschen und Raubbau an der Umwelt haben keine Zukunft. Wir
wollen, dass Qualitätswettbewerb im Zentrum steht. Nachhaltiges Wachstum, das begreift
auch den Klimaschutz als Chance auf die Erschließung neuer Märkte. In diesem Feld brau‐
chen wir massive Investitionen, hier in Deutschland, aber auch in den Schwellen‐ und Ent‐
wicklungsländern.

Eine internationale Forschergruppe hat der neuen Bundesregierung im Bericht „Nachhaltig‐


keit made in Germany“ ein schlechtes Zeugnis ausgestellt: Deutschlands Spitzenstellung in
der Nachhaltigkeits‐ und Klimapolitik ist nach Ansicht der Experten eindeutig gefährdet.

Liebe Genossinnen, liebe Genossen,


die Liste der schlechten Noten für Regierungspolitik ließe sich fortsetzen – leider.
Klimapolitik: Kopenhagen: gescheitert!
Finanzmarkt: internationale Finanztransaktionssteuer– Fehlanzeige!
Atomkonsens und Ausstiegsbeschluss: nach 10 Jahren werden Laufzeitverlängerungen ver‐
handelt – sicherheitshalber nach der NRW‐Wahl! …Um nur drei weitere Beispiele zu nen‐
nen!

Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik hat eine Regierung so katastrophal begon‐
nen. Wir müssen befürchten, dass es so weiter gehen wird. Noch werden wichtige Entschei‐
dungen „auf die lange Bank geschoben“, ein durchsichtiges Manöver. Kommissionen und
Prüfaufträge bestimmen den Koalitionsvertrag. Ein ehrlicher Text hätte stattdessen immer
formuliert: Das werden wir sicherheitshalber erst nach der NRW‐Wahl entscheiden!

Ich bin sicher, dass dieses Durchschummeln keinen Erfolg haben wird. Nicht an Rhein und
Ruhr, und auch nicht an der Spree!

Bundestagsfraktion und Parteivorstand sind gut aufgestellt. Wir haben unsere Oppositions‐
rolle angenommen, klar und selbstbewusst. Aber eben auch mit dem Ziel, uns nicht dauer‐
haft in dieser Rolle einrichten. Es gibt also viel zu tun für Sozialdemokraten und Sozialdemo‐
kratinnen, auf der Bundesebene wie in Niedersachsen.

Liebe Genossinnen und Genossen,


ihr habt euch in den letzten Jahren durch kontinuierliche, verlässliche Arbeit sozialdemokra‐
tische Politik im Kleinen und Großen ausgezeichnet. Dafür danke ich euch, darauf bauen wir
gemeinsam auch in 2010!

Es grüßt Euch herzlich Eure

SEITE 4