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Grotheer, Michael, Christoph Köhler, Tim Schröder und Olaf Struck. 2007.

Instabile
Beschäftigung. Neue Ergebnisse zu einer alten Kontroverse. Kölner Zeitschrift für
Soziologie und Sozialpsychologie 59: 294-317.

Abschnitt 1: Einleitung

Der deutsche Arbeitsmarkt zeichnete sich lange Zeit durch langfristige Beschäftigungs-
verhältnisse aus, die die Leistungsfähigkeit der Angestellten sicherstellen sollten. Diese
Verhältnisse der Beschäftigung sind nach Meinung von Sozialforschern in einem Prozess der
Erosion.
Die Autoren werden erstens mittels einer Strichprobe, die den Zeitraum von 1975-2001
umfasst, den Erosionsprozess belegen und zweitens „die Annahmen der Arbeitsmarkttheorie
über Ursachen und Funktionen stabiler Betriebsbedingen“ revidieren.

Abschnitt 2: Bedeutung und Rahmenentwicklung von Beschäftigungsstabilität

Stabilen Beschäftigungsverhältnissen wird in der Arbeitsmarktforschung aus folgenden


Gründen eine hohe Bedeutung bemessen
a) Kosten für die Suche und Einarbeitung bleiben für Betriebe klein. Der Zugang zu
‚neuem Wissen‘ erfolgt durch interne Fortbildung und schafft schwer ersetzbare
Fachkräfte.
b) Motivation der Beschäftigung steigt durch gegebene Sicherheiten.
c) Angebot und Nachfrage sind im Arbeitsmarkt auf Grund der beschränkten Offenheit
schwer abzustimmen. So bleiben besonders „höhere Altersgruppen“ außen vor.
d) Durch soziale Absicherung, z.B. bei Arbeitslosigkeit, und Beschäftigungsregulierung
entstehen zusätzliche Ausgaben.

Veränderungen von Rahmenbedingungen des Arbeitsmarktes


a) Zugleich erhöhte Erwerbstätigkeit von Frauen und Zuwanderern, und Rationalisierung
b) Rationalisierungsprozess zum Zweck der kurzfristigen Renditensteigerung vernichtet
„unrentable ‚Nischen‘“.
c) Zunahme von orts- und qualifikationsunabhängigen Dienstleistungen.
d) Rechtliche Reformen, wie veränderter Kündigungsschutz, und hohe Sozialabgaben
fördern Kurzzeitbeschäftigungen.
e) Beschäftigungsinteressen, wie Flexibilisierung und private Lebensplanung, variieren
mit zunehmendem Lebensalter.

Eine flexiblere und mobilere Beschäftigung wird festgestellt. Diese greift nicht nur extern,
sonder auch intern durch Lohn-, Arbeitszeit- und Qualifiktionsflexibilität.

Abschnitt 3: Konträre Auffassung zur Entwicklung von Beschäftigungsstabilität

Es bestehen zwei Grundauffassungen zur Entwicklung von Beschäftigungsstabilität


a) Das deutsche Beschäftigungsverhältnis verändert sich grundlegend (Kommission für
Zukunftsfragen Bayern und Sachsen, Beck). Langfristige Beschäftigungen werden in
ihrer Struktur erodieren und ‚atypische‘ Beschäftigungsformen sich ausweiten.
Unternehmen regieren auf veränderte Rahmenbedingungen mit kurzweiligeren
Beschäftigungsformen (‚top-down-Perspektive‘).
b) Das deutsche Beschäftigungsverhältnis ist beständig (Erlinghagen) und hat sich im
Laufe der 80er bis 90er Jahre verlängert (Zimmermann). Grund dafür ist das
wachsende Segment der „qualitativ höherwertigen“ Produktions- und
Dienstleistungsbereiche, das „hohe Qualifikations-, Kooperations- und Motivations-
potentiale“ voraussetzt. Diese Attribute können nur in Verhältnissen der
Normalbeschäftigung aufgebaut werden (‚bottom-down-Perspektive‘).

Hinsichtlich offener und geschlossener Arbeitsmärkte besteht in der sozialwissenschaftlichen


Forschung Einigkeit. Ursachen und Entwicklung der Beschäftigungsstabilität sind dagegen
umstritten.

Abschnitt 4: Methodische Schwierigkeiten der Messung von Beschäftigungsstabilität

a) Veränderte Vertragsformen werden dokumentiert aber Übergänge von befristeter und


unbefristeter Beschäftigung übersehen.
b) Arbeitgeberwechsel und Fluktuationsraten werden gemessen, aber Dauer und Wechsel
von wenigen Personen bleiben unberücksichtigt.
c) Beschäftigungsdauer wird zu einem bestimmten Zeitpunkt erhoben und kann in ihrer
tatsächlichen Länge variieren.
d) Es ist verlässlicher, abgeschlossene Dauern von Beschäftigungsverhältnissen zu
erfassen

Abschnitt 5: Zur Entwicklung stabiler und instabiler Beschäftigung

Nach einer Regionalstudie der IAB von 1975 – 2001 sinkt die Beschäftigungsdauer seit 1975
stetig. Beschäftige, die erst seit wenigen Jahren in einem Betrieb arbeiten, sind davon kaum
betroffen, da sie prinzipiell eine hohe Mobilität aufweisen. Dagegen weisen Beschäftigte mit
hoher Beschäftigungsdauer eine höhere Instabilität auf, was darauf zurückzuführen ist, dass
sie bessere Möglichkeiten haben Betriebswechsel vorzunehmen. So ist das Risiko der
Arbeitslosigkeit minimal.
Nichtdeutsche und jüngere Personen sind deutlich instabiler beschäftigt. Für eine kurzfristige
Beschäftigung ist ein guter Schulabschluss von Vorteil.
Bei langfristigen Beschäftigungen sind besonders Frauen und Hochschüler von hohen
Austrittsrisiken gekennzeichnet.
In den konjunkturstarken 90er Jahren fluktuierten Beschäftige dagegen freiwillig. Der
Dienstleistungsmarkt zeugt von hoher Mobilität und Instabilität.
Auf die Stabilität von langfristigen Beschäftigungen hat die Konjunktur keinen Einfluss, da
sie kontinuierlich abnimmt unabhängig von Konjunkturphasen.
Zunehmend geringe Beschäftigungsdauer führt aber nicht unweigerlich in die
Arbeitslosigkeit. Langfristig Beschäftigte mit hohen Austrittsraten bewegen sich zwischen
Betrieben und kommen nicht so oft in die Arbeitslosigkeit wie kurzfristig Beschäftigte.
Nichtdeutsche, Frauen, die hohe Stabilität bei kurzfristigen Arbeitsverhältnissen aufweisen,
und Personen ohne Ausbildung haben weder bei langer noch bei kurzer Beschäftigung
Aussicht auf einen Betriebswechsel.
Bei guter Konjunkturlage steigt die Chance auf einen Betriebswechsel während das Riskio
arbeitslos zu werden sinkt.
Im Laufe der Jahre zeigt sich eine hohe Austrittsrate aller Beschäftigten. Besonders bei
längerfristig Beschäftigten sinkt die Überlebensdauer signifikant. Vor allem im
Dienstleistungsbereich fand ab den 1990er Jahren eine Mobilisierung, unabhängig von der
Konjunkturphase, statt, die eine hohe Beschäftigungsinstabilität mit sich zog.
Obwohl betriebliche Instabilität zunimmt, führt sie nicht zwangsweise in die Arbeitslosigkeit,
sondern geht mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit auf einen Betriebswechsel einher.

Fazit: Es lässt sich weder von einem radikalen Wandel, noch von Beständigkeit sprechen.

Abschnitt 6: Zu betrieblichen Ursachen langfristiger Beschäftigungsperspektiven