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Aus:

"Operation Sunrise". Atti del convegno internazionale (Locarno, 2 maggio 2005), a cura di
Marino Viganò - Dominic M. Pedrazzini (Lugano 2006)

Helden braucht das Land

Waibels Sonnenfinsternis

Von Shraga Elam*


Mit Geheimdienstoffizier Max Waibel hat die Schweiz einen neuen Helden gefunden, der das
Ende des zweiten Weltkriegs beschleunigt haben soll. Tatsächlich spielte Weibel eine
zwiespältige Rolle in problematischen Verhandlungen zwischen der SS und den Westalliierten
und schützte nach dem Krieg NS-Kriegsverbrecher.
Am 2. Mai 1945, sechs Tage vor Kriegsende in Europa, kapitulierten die Deutschen in
Norditalien. Bewirkt hatte die frühzeitige Waffenniederlegung die so genannte «Operation
Sunrise». Unter diesem Namen führten US-Geheimdienstler hierzulande
Friedensverhandlungen mit SS-Offizieren. Von grosser Bedeutung waren dabei der Schweizer
Nachrichtenoffizier Max Waibel samt Mitarbeitern und ein Informant namens Max Husmann.
Sie stellten nicht nur eine Villa im Tessin zur Verfügung und ermöglichten die komplizierte
Ein- und Ausreise der Nazis. Sie traten auch immer in Erscheinung, wenn die Verhandlungen
ins Stocken gerieten. Nach dem Krieg entstand das Bild, Waibel hätte, im Alleingang und
ohne die Zustimmung seiner Vorgesetzten, «Sunrise», zu Erfolg geführt. Endgültig zum
Helden wurde Waibel, weil der Bundesrat ihn rügte und viele Jahre lang das Erscheinen
seines «Sunrise»-Buches verbot. Waibel soll aber nicht nur das Bedürfnis nach Helden
befriedigen, sondern auch als eine Art Entgegnung auf die Vorwürfe dienen, wonach die
Schweiz den Krieg verlängert habe.
Freilich gibt es da noch einige Details, welche die Freude am hochgejubelten neuen Helden
verderben könnten. Namhafte Forscher wie Militärhistoriker Hans-Rudolf Fuhrer beurteilen
die Kriegsverkürzung nämlich als unbedeutend. Umso schwerer wiegen der geleistete Schutz
für NS-Kriegsverbrecher und die nachrichtendienstlichen Fehlleistungen. Und was Waibels
Friedensstiftung betrifft, so kann man darin auch die ersten Schüsse im Kalten Krieg
erkennen.
«Mutig und beharrlich, nicht Befehlen, sondern dem eigenen Gewissen gehorchend,
entzündete er das Friedensfanal, das den Krieg in Europa verkürzte», heisst es auf der
Gedenktafel für Waibel, die am 6. Mai 2005 beim Armee-Ausbildungszentrum Luzern
enthüllt wurde. Einige Tage zuvor wurde in Losone/TI der inzwischen verstorbene Waibel
offiziell gefeiert und rehabilitiert. Unter Beteiligung internationaler Prominenz würdigte der
damalige Bundespräsident Samuel Schmid die «Operation Sunrise» und den Geheimdienstler.
Max Waibel wurde am 2. Mai 1901 in Basel geboren und promovierte 1923 zum Doktor der
politischen Wissenschaften. Ab 1927 fungierte er als Instruktionsoffizier auf dem Waffenplatz
Luzern. 1935 in den Generalstab versetzt, wurde er 1938 an die Kriegsakademie Berlin
abkommandiert. Bei Kriegsausbruch 1939 kehrte er in die Schweiz zurück und leitete
während des Aktivdienstes die Nachrichtensammelstelle Rigi/Luzern. 1940 gehörte Waibel zu
den Anführern des «Offiziersbundes», welcher den Kampf gegen eventuell einmarschierende
deutsche Truppen auf eigene Faust aufnehmen wollte, falls der Bundesrat die Kapitulation
beschliessen würde. Zusammen mit zwei anderen Offizieren wurde Waibel verhaftet, jedoch
bald wieder entlassen und Ende 1940 sogar zum Major befördert. Sein grösster Ruhm erlangte
Waibel aber durch seine besonders delikate Rolle bei den «Sunrise»-Verhandlungen ab
Februar 1945. Und über die Jahre mutierte Waibel gewissermassen zum „Mr. Sunrise“.
Anlässlich seiner festlichen Ansprache in Losone am 1. Mai 2005 hielt der damalige
Bundespräsident Samuel Schmid fest: «Zwischen dem 2. und dem 8. Mai 1945 [Kriegsende in
Europa] liegt ein Unterschied von sechs Tagen. Sechs Tage weniger Blutvergiessen. Sechs
Tage weniger Zerstörungen. Sechs Tage weniger menschliches Leid. Daran dürfen wir auch
nach sechzig Jahren noch mit Fug und Recht erinnern.» 1
Der Historiker Edgar Bonjour war seinerzeit sogar noch weiter gegangen: «Sunrise» habe den
Krieg um ganze sechs bis acht Wochen verkürzt. Und nicht nur das. Dank Waibels
Vermittlerkünsten sollen die Deutschen in Oberitalien auf die Taktik der «verbrannten Erde»
verzichtet haben. Mit andern Worten: Unzählige Städte, Dörfer, Strassen, Brücken und
Kulturgüter wurden von der Zerstörung bewahrt, unzählige Gefangene vor der Erschiessung
gerettet, schrieb Bonjour. 2
Die italienische Historikerin Elena Aga Rossi postuliert, dass das Kapitulationsabkommen
nicht nur die Zerschlagung der norditalienischen Schwerindustrie verhinderte, sondern auch
den Rückzug deutscher Truppen in die sogenannte «Alpenfestung». Dort, im österreichisch-
bayerischen Alpenmassiv, hätten Elitetruppen bis zum letzten Blutstropfen Widerstand leisten
sollen. Aber auch die Schweiz hätte von «Sunrise» profitiert: Es sicherte ihr den wichtigen
Zugang zum Genueser Hafen und ersparte ihr eine Flüchtlingswelle. 3
Studien, die dieses positive Bild in Frage stellen, werden von der Öffentlichkeit dagegen
kaum wahrgenommen. So argumentiert etwa der Schweizer Militärhistoriker Hans Rudolf
Fuhrer aufgrund deutscher Akten, dass die Wehrmacht in Norditalien ohnehin kurz vor dem
Zusammenbruch gestanden habe. Ihre Versorgungslage sei katastrophal gewesen, die
Flugzeuge der Alliierten hätten uneingeschränkt den Luftraum kontrolliert, die
Kampfeinheiten seien sehr schlecht besetzt gewesen und der immer stärker werdende
Partisanenkrieg habe zusätzlich die Nachschubtransporte und den Meldefahrerverkehr
erschwert. 4
Militärhistoriker Fuhrer sieht in der «verbrannte Erde»-Drohung, welche die Geheim-
Verhandlungen ausgelöst haben soll, ein reines Phantom:
«Der eindeutige Nachweis eines klaren Befehls zur systematischen Zerstörung Norditaliens in
den Jahren 1944/45 liegt bis heute nicht vor. Weder im zentralen deutschen Bundesarchiv-
Milittärarchiv in Freiburg in Breisgau noch in den amerikanischen National Archives in
Maryland finden sich substantielle Hinweise für eine derartige Planung.»5
Die italienische Historikerin Elena Aga Rossi vertrat am gleichen Kolloquium eine andere
Einschätzung. «Sie gehe davon aus», berichtete Radio DRS, «dass die Wehrmacht eben doch
eine Politik der verbrannten Erde verfolgt habe - auch in Italien, entgegnete sie Fuhrer. In
Mittel- und Süditalien habe die Wehrmacht auf ihrem Rückzug Häuser, aber vor allem
Industrieanlagen, Häfen und Eisenbahnanlagen zerstört. (…) Es habe ein Plan zur
Zerstörung Norditaliens bestanden - nur schon der Hafen von Genua beispielsweise sei
vermint gewesen, sagt Aga Rossi.»6
Max Waibel sah die Lage, selbst ein Jahr nach Kriegsende, ganz anders als Fuhrer. Seine
Beschreibung der «Sunrise»-Ausgangssituation liest sich wie ein Eigenlob: «Erst wenn man
sich die allgemeine Lage an den Kampffronten und insbesondere die Situation der
Heeresgruppe C [Wehrmacht in Italien] wieder vergegenwärtigt, wird klar, wie gewagt und
scheinbar aussichtslos es sein musste, ausgerechnet diese Heeresgruppe zur bedingungslosen
Kapitulation veranlassen zu wollen. Unter allen deutschen Heeresgruppen stand die in Italien

1
http://www.bundespraesident.admin.ch/internet/president/de/home/redint/reden2005/050501a.html
2
Edgar Bonjour, Geschichte der schweizerischen Neutralität, Band IV, Basel, Helbling & Lichtenhahn 1976 S.
125-133
3
Elena Aga Rossi, Vortrag 2. Mai 2005, Promotions-Kollegium "Sunrise '05, Lugano. Elena Aga Rossi and
Bradley F. Smith, Operation Sunrise: the secret surrender, New York, Basic Books, 1979.
4
Hans Rudolf Fuhrer, Vortrag 2. Mai 2005, Promotions-Kollegium "Sunrise '05, Lugano
5
Ebenda.
6
Schweizer Radio DRS 2, Kontext, 9.5.2005
noch am festesten.»7
Zweifellos entpuppte sich das deutsche «Alpen-Réduit» als leere Drohung. Nach dem Krieg
wunderte sich ein SS-Nachrichtenoffizier, «dass die Alpenfestung von den Alliierten masslos
überschätzt wurde.»8 Selbst die US-Armee gab 1981 zu, dass das «Réduit» erwiesenermassen
das Produkt deutscher Täuschung und fehlerhafter Nachrichtendienstarbeit sei.
«Although it eventually proved to be a product of German delusion and faulty American
intelligence, the so-called German National Redoubt nonetheless influenced Allied strategy in
1945.» 9
Das heisst im Klartext: Sowohl Schweizer wie US-Geheimdienste schätzten die Stärke und
Strategie der Deutschen falsch ein. Diese waren am Ende und blufften nur. In Tat und
Wahrheit hatten sie kaum mehr etwas anzubieten; den verhandelnden Nazis ging es vor allem
um ihr eigenes Überleben. Denn der Preis für die deutsche Kapitulation war sehr hoch: ein
Straferlass für Kriegsverbrecher.
Einen zentralen Aspekt des Waibel-Mythos entkräftete ausgerechnet der heutige persönliche
Berater Samuel Schmids, Stefan Costa. Dieser räumte schon 1998 in seiner Liz-Arbeit mit der
Legende vom Alleingang Waibels gegen den Widerstand seiner Vorgesetzten auf.10
Gemäss Costa zeigen die Bundesarchiv-Akten, dass Nachrichtendienst-Chef Brigadier Roger
Masson in groben Zügen sehr wohl über die Rolle seines Untergebenen bei «Sunrise»
informiert war und diese auch billigte. Das Gleiche gilt für den Armeechef General Henri
Guisan. Costa schreibt: «Roger Masson wandte sich - als ihn Max Waibel über die Bedeutung
der sich anbahnenden Aktion [«Sunrise»] informierte - insgesamt fünf Mal persönlich an
General Henri Guisan.» Das war ungewöhnlich. «Normalerweise wurde die schweizerische
Armeespitze durch den Nachrichtendienst mittels periodisch erscheinender "Bulletins de
renseignements" über die allgemeine Lage sowie die spezielle Nachrichtensituation ins Bild
gesetzt. In diesem Fall jedoch glaubte Masson Guisan und den Generalstabschef (GSC)
Korpskommandant Jakob Huber direkt über den Vorstoss... orientieren zu müssen.»11
Als Waibel nach dem Krieg unter Beschuss geriet, weil er seine Vermittlerrolle bekannt
gemacht hatte, konnte er nicht nur auf Massons Rückendeckung zählen. Auch die graue
Eminenz des Aussenministeriums, Walter Stucki, der «Sunrise» schon während des Krieges
unterstützte, schaltete sich öffentlich zugunsten Waibels ein. Er schrieb: «Denken wir an die
humanitären Aufgaben, die Wahrung fremder Interessen, an die von den Mächten anerkannte
Vermittlertätigkeit, wie sie etwa in Vichy oder in der Beschleunigung der deutschen
Kapitulation in Oberitalien durch schweizerische Hilfe zum Ausdruck gekommen war.
Deutlicher denn je muss die Welt wissen, dass diese Dienste an jenen, die in den Krieg
gestürzt wurden, nur dank unserer neutralen Stellung möglich gewesen sind. Daraus erkennt
aber die Welt ebenso deutlich, dass Neutralität für uns nicht bequemes Abseitsstehen
bedeutete.»12
Was häufig vergessen wird: «Sunrise» war keine Einzelaktion, die von 'Friedensaktivsten' in
die Welt gesetzt wurde. Hinweise zeigen, dass Himmler schon ab 1941 anfing, Fühler in die
Richtung der Alliierten auszustrecken. Dies, weil Militäreinschätzungen dem Russlandfeldzug
keine Erfolgschance beimassen, jedoch Hitler von diesem Vorhaben nicht abzubringen war.
Die Prognosen der Strategen bewahrheiteten sich schnell. Schon einige Monate nach Beginn
der deutschen Russlandinvasion sollen auf Himmlers Schreibtisch Berichte gelegen haben,

7
Max Waibel, Kapitulation in Norditalien. Originalbericht des Vermittlers, Basel, Helbling & Lichtenhan, 1981
S. 26
8
SD-Obersturmbahnführer Wilhelm Höttl, Interview im «Spiegel», 27.11.1963
9
The US Army Military History Institute (USAMHI), German National Redoubt – 1945 - European Theater
#8e, Oct 1981 http://www.ibiblio.org/pub/academic/history/marshall/military/mil_hist_inst/w/ww2eto8e.asc
10
Stefan Costa, Auswirkung der ‚Sunrise’ –Waffenstillstandverhandlungen: Aspekte des Übergangs vom
Zweiten Weltkrieg in den Kalten Krieg?, Lizentiatsarbeit, Universität Bern, Eingereicht im Januar 1998
11
Costa, Auswirkung der ‚Sunrise’ ,S. 39 und Schweizer Bundesarchiv E27/9540/ Bd. 3, Roger Masson an
General Henri Guisan und Generalstabschef Jakob Huber, 8.3.1945.
12
Schweizer Bundesarchiv E27/9540/Bd 1 S. 5, Waibel an de Montmollin, 30.4.1946, Zit. In Costa, S. 63
dass ein grosser Teil der deutschen Armee an der Ostfront nicht mehr existiere. Spätestens am
31. Juli 1941 erfuhr Himmler, «Dass von 18 an der Ostfront eingesetzten Panzerdivisionen
gut 40% als endgültig vernichtet betrachtet werden können. Die Menschenverluste seien
horrend.» 13
Folglich versuchte die SS-Führung, wie auch ein Teil der NS-Elite, zu retten, was zu retten
war. Vergeblich. Die Alliierten lehnten ihre Friedensinitiativen immer wieder ab. Nur eine
bedingungslose Kapitulation kam in Frage, lautete die Antwort. Abgesehen davon misstrauten
die Westmächte dem Separatfriedensangebot. Laut ihrer «Keiltheorie» wollten die Nazis
damit lediglich die Alliierten spalten. Denn ein NS-Vorschlag war, den Krieg zu stoppen und
die gemeinsame antikommunistische Sache aufzunehmen.
Um den Widerstand der Alliierten gegen das Angebot zu überwinden, versuchte Himmler,
Juden als Druckmittel zu benutzen. Zwei grosse Erpressungsversuche, in denen seine
Botschaft (auch über die Schweiz) übermittelt wurde, sind bekannt: der Europa Plan von
1942/43 und jener in Ungarn von 1944/45. Er wäre bereit, Millionen von Juden frei zu lassen,
wenn die Westmächte mit ihm verhandeln und eine entsprechende Zahlung erfolgen würde,
lauteten seine Forderungen, ansonsten würden diese Juden vernichtet. Wie andere Rassisten
glaubte auch Himmler, dass «die Juden» die Welt beherrschen, und entsprechend sollte das
imaginäre Weltjudentum im Stande sein, z.B. Roosevelt zu beeinflussen, auf den grausamen
Deal einzugehen. Die Erpressung des SS-Chefs funktionierte aber nicht, u.a. auch weil die
jüdischen Lobbys damals nicht so einflussreich waren, wie er glaubte. Und dass einige
Millionen Juden ermordet würden, war auch den Machthabenden der Alliierten ziemlich
egal.14
Ab 1944 wurden die SS-Bemühungen, einen Sonderfrieden zu schliessen, intensiviert. Es gab
mehrere Schienen verschiedener SS-Fraktionen, die sich gegenseitig bekämpften und
konkurrierten. Denn ihnen ging es vor allem um das eigene Überleben, die Sicherung ihrer
Existenz nach der sich anbahnenden Niederlage und eine eventuelle Machtposition in der
Nachkriegsneuordnung. Eine zentrale Figur bei diesen Bestrebungen war Walter
Schellenberg, der Chef des Geheimdienstes SD, der über mehrere Kanäle die Alliierten zu
erreichen versuchte. Aber auch ihm ging es vor allem um eigene Interessen, denn 1944
blockierte er die Initiative von Wilhelm Harster, dem SD-Chef in Italien, der einen
italienischen Industriellen namens Franco Marinotti in Oktober 1944 als Geheimvermittler in
die Schweiz sandte, um mit britischen Vertretern über einen separaten Frieden zu
diskutieren.15 Kurz darauf sandte die SS aus Italien einen anderen Friedensboten, nämlich den
Priester Don Giuseppe Bicchierai, der mit Dulles Kontakt aufnahm. Bicchierai überreicht
Dulles ein schriftliches Projekt von Kardinal Schuster aus Mailand.16 Wie englische
Dokumente zeigen, stand Bicchierai in enger Verbindung mit dem SS-Standartenführer
Walther Rauff aus Mailand. 17 Nach dem Krieg half dieser Priester mehreren Nazi-
Verbrechern, darunter auch Rauff, aus Europa zu fliehen.
Im November 1944 wurde die Idee, erneut einen italienischen Mittelsmann in der Schweiz
einzusetzen, wieder belebt. In einem Meeting von SS-Geheimdienstoffizieren schlug
Obersturmführer Guido Zimmer vor, seinen Freund, den italienischen SS-Vertrauensmann
und Industriellen Baron Luigi Parrilli in die Schweiz zu schicken. Dieser sollte Kontakt mit

13
Kurt Emmenegger, Q.N. wusste Bescheid, Schweizer Spiegel verlag, Zürich 1965, S. 28
14
Für eine detaillierte Beschreibung s. Shraga Elam, Hitlers Fälscher - wie jüdische, amerikanische und
Schweizer Agenten der SS beim Falschgeldwaschen halfen, Wien, Ueberreuter Verlag, 2000, Kapitel 6, S. 52f.
15
National Archives and Records Administration (NARA), RG 226, E 119A, Box 71, Folder 1828, Sixth
Detailed Interrogation Report on SS Sturmbannfuehrer Huegel, Dr. Klaus, 21.6.1945. S. auch Allen Dulles –
Geron v.S. Gaevernitz, Unternehmen »SUNRISE« - Die geheime Geschichte des Kriegsendes in Italien,
Düsseldorf/Wien, Econ-Verlag, 1967 S. 62-64.
16
Ebenda S. 64-66.
17
The National Archives of England, Wales and the United Kingdom, HS 8/887 Op. BOYKIN: interrogations
and statements, interrogation report on Benuzzi Valerio, 21.1.1945
dem US-Geheimdienstler Allen Dulles herstellen.18
Parrilli wurde ausführlich von Zimmer instruiert. Der italienische Baron hätte zu erwähnen,
dass Zimmer «ohne Wissen seiner Dienststellen einigen Kreisen von einflussreichen Personen
angehoere, die eine bestimmte politische Richtung verfolgen, die fuer die Englaender dann
Bedeutung haben falls der Entschluss, Deutschland um jeden Preis zu vernichten und
Russland das Feld zu ueberlassen, nicht schon entschieden sei.»19
Dulles war ab 1943 Chef des US-Nachrichtendienstes OSS für die Schweiz in der wichtigen
Spionage-Schaltstelle Bern. Nach dem Krieg wurde er CIA-Chef. Die Wahl von Dulles war
nicht zufällig, denn er galt als deutschfreundlich, weil er vor dem Zweiten Weltkrieg als
Wirtschaftsanwalt, zusammen mit seinem Bruder John Forster, ein wichtiges Bindeglied
zwischen dem amerikanischen Big Business und dem deutschen Grossunternehmertum war.
Kein Wunder, bemühten sich etliche Deutsche, unter ihnen auch Delegierte von Himmler,
Kontakte zu ihm zu knüpfen, um die Sonderfrieden-Perspektiven zu entwickeln.
Es dauerte lange, bis Berlin die Parilli-Mission in der Schweiz bewilligte. Mitte Februar 1945
konnte auch die Unterstützung von SS-General Karl Wolff gewonnen werden. Wolff
bekleidete damals das Amt des höchsten SS- und Polizeiführers in Italien und war der dritte
Mann in der SS-Hierarchie. Ihm unterstanden alle SS-, Polizei- und Sicherungstruppen sowie
das Wirtschaftsdezernat in Italien.
Der italienische Emissär fuhr am 21. Februar 1945 in die Schweiz. Ein deutscher Diplomat
behauptete, Parrilli sei ein Nazi-Agent und habe «für eine Reise für ein paar Tage vom Comer
See nach der Schweiz und zurück 6.000 sfrs verlangt und erhalten, dies zu wiederholten
Malen.»20 Der Baron traf in Zürich seinen langjährigen Freund Dr. Max Husmann und
unterbreitete ihm das Angebot der SS: einen Separatfrieden um die Zerstörung von
Norditalien zu verhindern.
Husmann, Inhaber des Zugerberger Knabeninstituts Montana, war eine undurchsichtige Figur.
Der zum Katholizismus konvertierte Jude wurde von der militärischen Spionageabwehr
(Spab) verdächtigt, für den SS-Geheimdienst zu arbeiten und eine «stark deutsche und
faschistische Einstellung» zu pflegen: «Die stark deutsche und faschistische Einstellung des
Dr. Husmann wird darin erblickt, dass er englische und holländische Lehrer entliess und
italienische und speziell den deutschen Lehrer bevorzugt, der Rassenlehre und
Mathematikunterricht erteile, obschon er zunächst nur als Hauslehrer für den deutschen
Schüler Assag herkam und auch nur für diese Tätigkeit Aufenthaltbewilligung erhielt.»21 Der
Verdacht im Dienst der SS zu stehen wurde nach dem Krieg durch den ehemaligen deutschen
Botschafter in Italien, Rudolf Rahn, bestätigt.22
Der Schweizer Geheimdienstler Max Waibel hingegen bezeichnete Husmann als Freund, mit
dem er seit Frühjahr 1940 «in regem Gedankenaustausch über alle wichtigen Probleme,
welche der Krieg stellte» 23 sei. Die Vermutung liegt deshalb nahe, dass Husmann ein
Doppelagent war.
Nach dem Erhalt von Parrillis Botschaft kontaktierte Husmann Waibel. Der Geheimdienstler
brach seine Winterferien in St. Moritz ab und fuhr sofort nach Zürich, um Parrilli zu sehen.
Am 25. Februar traf Waibel Allen Dulles in Luzern, und die «Operation Sunrise» wurde
lanciert. Nach einigen Vorbereitungsrunden kam General Wolff am 8. März nach Zürich, wo
18
Richard Breitman, Analysis of the Name File of Guido Zimmer, Record Group 263: Records of the Central
Intelligence Agency, Records of the Directorate of Operations
http://www.archives.gov/iwg/declassified-records/rg-263-cia-records/rg-263-zimmer.html. S. auch NARA
Zimmer Name File, (ZNF) ‘File traces on Zimmer,’ Zipper Desk, (nd), #7, JRX-554 28.6.1945, Interrogation
Report Ennemoser Frida.
19
NARA, Zimmer Name File, Guido Zimmer Notebooks S. 12, Betrifft: Schweizer Reise des Baron P.
20
Schweizer Bundesarchiv E4320 B 1973/17 Bd. 4, Bundesanwaltschafts-Akten Max Husmann, Aktennotiz
Insp. Schmid 14.7.1949
21
Schweizer Bundesarchiv, E27/10065 Spab-Akten, Bericht Major Barblan, 29.7.1941
22
Schweizer Bundesarchiv E4320 B 1973/17 Bd. 4, Bundesanwaltschafts-Akten Max Husmann, Aktennotiz
Insp. Schmid 14.7.1949
23
Max Waibel, 1945 Kapitulation in Norditalien, Basel, Helbing & Lichtenhahn Verlag, 1981, S. 28
er sich mit Dulles traf. Dieser war vom SS-General positiv beeindruckt.
Laut Dulles sagte Wolff, er könne den Befehlshaber des deutschen Militärs in Italien, Albert
Kesselring, zum Mitmachen bewegen. Kesselring könnte dann zusammen mit Wolff die
Situation in Norditalien und Westösterreich kontrollieren. Dadurch würden Hitler und
Himmler nicht imstande sein, Gegenmassnahmen zu ergreifen. Wolff war auch der Meinung,
dass die Kapitulation in Italien auf andere Generäle, die alle auf einen ersten Schritt warteten,
ansteckend wirken könnte. Gemäss Dulles forderte Wolff keine Gegenleistung, was seine
persönliche Sicherheit oder «privilegierte Behandlung aus 'kriegsverbrecherischer'
Betrachtung»24 anbelangte.
Die letzte Aussage ist allerdings nicht glaubwürdig, denn einige Tage vor diesem Treffen, bei
den Vorgesprächen, gab Dulles' Mitarbeiter Paul Blum den SS-Leuten zu verstehen, dass die
an den Verhandlungen beteiligten Deutschen nach dem Krieg geschützt würden. «Jeder, der
hilft, den Krieg zu verkürzen, gibt uns damit den Beweis seines guten Willens...»25 Dieses
Versprechen - wie weiter unten zu sehen sein wird - wurde nach dem Krieg eingelöst und
schwere NS-Kriegsverbrecher wie Karl Wolff und Guido Zimmer wurden gedeckt.
Um seinen Goodwill zu beweisen, war Wolff bereit, die Kriegsführung gegen die Partisanen
einzustellen und 150 Juden, die im KZ-Bozen interniert waren, sowie andere Gefangene
freizulassen. Er behauptete, gemäss Dulles, «dass er jegliche in diesem Zusammenhang
angebotenen Lösegelder zurückgewiesen habe. Solche Gelder wurden wahrscheinlich schon
von den Mittelsmännern geschluckt.»26
Akten in der Schweiz und Israel zeigen, dass Wolff schon im Januar 1945 in Verhandlungen
zur Freilassung von 150 Juden verwickelt war27. In einer Meldung an einen jüdischen
Aktivisten teilte der Vermittler, der IKRK-Delegierte Hans Bon, der sich mit Wolff getroffen
hatte, mit, dass finanzielle Forderungen gestellt wurden.28 Es ist nicht wahrscheinlich, dass
Wolff, der eine zentrale Rolle bei dieser Angelegenheit spielte, zwar über Zahlungen von
Lösegeldern informiert war, jedoch selber nichts damit zu tun gehabt hätte. Wolffs
Erwähnung der möglichen Befreiung von jüdischen Häftlingen erinnert stark an die schon
erwähnten SS-Versuche, mit Juden Menschenhandel zu betreiben und sie gleichzeitig als
Druckmittel bei zähen Verhandlungen zu benutzen.
Der jüdische Nazi-Agent Valerio Benuzzi, der im Auftrag Wolffs und dessen Untergebenen,
Standartenführer Walther Rauff (Guido Zimmers Vorgesetzten), in dieser Sache tätig war,
verschwand am 28. Februar 1945 spurlos aus dem Hotel Bellevue in Bern, ohne seine
Ausweispapiere mitgenommen zu haben. Benuzzi hatte zuvor das IKRK in Genf besucht und
die Erpressungsbotschaft auch an den Schweizer Vertreter der jüdischen US-Hilfsorganisation
AJDC, Saly Mayer, übermittelt.
Wie neu entdeckte britische Akten zeigen, wurde Benuzzi mit zwei anderen Italienern vom
britischen Geheimdienst auf Schweizer Boden entführt und über Frankreich nach Italien
verschleppt. Die drei standen unter Verdacht, Spionage in der Schweiz zu betreiben und
italienische Widerstandsorganisationen infiltriert zu haben.29
Am 26. April wurde mitgeteilt, dass nach den Verhandlungen zwischen dem IKRK-
Generalsekretär, Hans Bachmann, und dem zweiten Mann in der SS-Hierarchie, Ernst
Kaltenbrunner, dieser den Befehl gab, die Juden im KZ Bozen freizulassen.30
Was genau hinter den deutschen Kulissen ablief, ist nicht bekannt. Einerseits behauptete

24
NARA, Record Group 226, Entry 90, Box 7, Folder 86, From: Bern Switzerland (Dulles), To: OSS, 9 March
1945. #6689. For Glavin, 109, and Forgan. #829.
25
Dulles und Gaevernitz, Unternehmen »SUNRISE«, S. 100
26
Neal H. Petersen, (ed.) Allen Welsh Dulles, From Hitler's Doorstep: The Wartime Intelligence Reports of
Allen Dulles, 1942-1945, University Park, Pa, Pennsylvania State University Press, 1996, p. 469
27
IKRK-Archiv, G3/24b Bd. 83 Italie du Nord 1944-1945, Protokoll der Sitzung am 26. Januar 1945
28
Yad-Vashem-Archiv, Jerusalem, P 36, Saly Mayer Archive, Mikrofilm Nr. 16, Lelio Vittorio Valobra an Saly
Mayer 4. Februar 1945
29
The National Archives of England, Wales and the United Kingdom, HS 8/886 Operation BOYKIN
30
IKRK-Archiv G.59/8/EV, Telefongespräch-Protokoll, 26.4.1945
Wolff, er habe die Verhandlungen mit Dulles im Alleingang und gegen den Widerstand von
Kaltenbrunner und Himmler geführt, anderseits lag das KZ Bozen eindeutig im
Einflussbereich Wolffs. Denn gemäss einem mit der Freilassung beauftragten jüdischen Nazi-
Agenten hätte der KZ-Kommandant ohne Bewilligung Wolffs die Häftlinge nicht freisetzen
können.31
Die Sachlage war noch verwickelter, da Kaltenbrunner, parallel zu Wolffs Schiene, versuchte,
andere Kanäle zu Dulles zu eröffnen. Es war das Verhandlungsangebot seines vertrauten
Nachrichtenoffiziers, des ebenfalls aus Österreich stammenden Wilhelm Höttl, das am 25.
Februar Dulles erreichte. Drei Tage später reiste Höttl in die Schweiz ein, und zwar mit der
Hilfe von Waibels engstem Mitarbeiter, Hauptmann Konrad Lienert, der gleichzeitig als St.
Galler Kantonspolizei-Chef amtierte.
Höttl war über Wollfs Verhandlungen gut informiert, und schon deshalb ist es nicht sehr
wahrscheinlich, dass sein Chef Kaltenbrunner und auch Himmler nicht im Bild waren. In
seinen Memoiren schrieb Höttl:
«[Botschafter Rudolf] Rahn erzählte mir auch ganz offen von seinem Plan und dass die
Verbindung bereits hergestellt sei, und zwar durch einen alten VM [Vertrauensmann] von uns,
den .... Baron Luigi Parilli...32«
Als Höttls Trumpfkarte bei den Gesprächen mit Dulles erwies sich die Drohung mit einer
imaginären «Alpenfestung». Dulles glaubte an diese Gefahr, nicht zuletzt, weil er darüber
viele überzeugende Berichte des ansonsten zuverlässigen Schweizer Geheindienstlers Hans
Hausamann erhalten hatte. Der OSS-Mann wollte eine solche Gefahr unbedingt neutralisieren.
Dass er sich dabei verschätzte, brachte ihm nach dem Krieg viel Kritik ein. Denn sein Irrtum
prägte nicht nur die «Sunrise»-Verhandlungen. Er beeinflusste auch die Strategie der
Westalliierten in Europa.
Höttl sagte nach dem Krieg: «Ich habe zu meiner Überraschung bei den Verhandlungen mit
Dulles in der Schweiz festgestellt, dass die Alpenfestung von den Alliierten masslos
überschätzt wurde. (...) ...die Amerikaner hatten ... eine Mordsangst vor der Alpenfestung,
weil es ihnen an Hochgebirgstruppen und entsprechender Ausrüstung fehlte. Sie verfügten
über Agentenberichte, die von Verlagerungen der Rüstungswerke in Alpenstollen
sprachen...33»
Die «Alpenfestung» diente Dulles als Begründung für seine Gesprächsbereitschaft mit der SS.
In einem Telegramm an die OSS-Zentrale teilte er folgendes mit:
«Natürlich können Personen wie Himmler und Kaltenbrunner keine Immunität von unserseits
erlangen; solange sie aber glauben, dass dies möglich sei, bietet sich uns die Möglichkeit,
einen Keil in die SD zu schieben und damit die Effektivität der deutschen Réduit-Pläne zu
mindern. .... Ich habe keinen Skrupel solche Typen wie Himmler, Kaltenbrunner & Co. zu
betrügen. Durch indirekte Kanäle arrangieren wir, dass Höttl an der Schweizer Grenze
kommen kann, wo er von einem Vertrauensmann empfangen wird.34»
In einem Buch, welches von Höttl inspiriert wurde steht:
«In St. Gallen wurden die Verhandlungen mit alliierten Stellen mit Falschgeld finanziert.»35
Solche Blüten, nämlich von der SS gefälschte Pfundnote landeten in der Tat auch bei OSS-
31
«Ich kehrte zurück zum Gauleiter und sagte: "Ich habe meinen Teil erfüllt. Lassen Sie bitte jetzt die KZ-
Insassen frei." Er antwortete: "Ich kann es nicht machen. Dafür muss ich die Bewilligung von SS-General Wolff
haben."» S. Hitlers Fälscher S. 78 bzw. Haganah Archiv (Tel –Aviv) Signatur 93.23, Interview der israelischen
Historikerin Nana Nusinow (Sagi) mit dem jüdischen Nazi-Kollaborateur Jaac van Harten in Tel Aviv, 23. 9.
1967 S. 8 f. Diese Aussage wurde eigentlich von einem anderen jüdischen Naziagenten namens Valerio Benuzzi
anlässlich seines Besuches beim IKRK in Genf bestätigt (s. IKRK Archiv G59/3/7, Note sur un entretien avec
Monsieur Valerio BENUZZI; Concerne: situation des Israélites en Italie du Nord, P. Kuhne, 18.12.1944).
32
Wilhelm Höttl, Einsatz für das Reich - Im Auslandsgeheimdienst des Dritten Reiches, Koblenz, Verlag S.
Bublies, 1997, S. 340
33
«Spiegel», 27.11.1963
34
Neal H. Petersen, From Hitler's Doorstep, p. 461
35
Eberhard Frowein, Wunderwaffe Falschgeld -In freie Bearbeitung den Tatsachen nacherzählt, Kreuzlingen
Neptun Verlag, 1954, Klappentext
Agenten. Etwa drei Tage nach dem Krieg tauchten in Feldkirch sieben oder acht Männer auf,
die aus der Schweiz kamen. Sie trugen Halstücher mit Sowjetsternen und gaben sich als
Mitglieder der österreichischen Widerstandsbewegung aus. Sie plünderten und stahlen bis die
französischen Militärpolizei sie entwaffnete und auswies. In der Schweiz gaben sie zu
Protokoll, dass sie in Zürich vom Dulles-Agenten Kurt Grimm (Falsch-)Geld und den US-
Amerikanern Waffen erhalten hätten. Weitere Untersuchungen des Zürcher Polizei-
Nachrichtendienstes ergaben, dass Hptm. Konrad Lienert und Waibels
Nachrichtensammelstelle 1 (N.S.1 oder Rigi) in diese Aktion verwickelt waren, d.h. davon
wussten und dabei mitgeholfen hatten. 36
Höttls Versuche ein Abkommen mit Dulles zu erreichen, scheiterten, auch wenn er den US-
Geheimdienstler über eine weitere Schiene zu erreichen versuchte, und zwar durch den
ehemaligen deutschen Generalkonsul in Los Angeles, Georg Gyssling, welcher damals beim
Hauptquartier der SS-Waschanlage der gefälschten Pfundnoten in Meran/Südtirol stationiert
war.37
Die Dulles-Wolff-Linie dagegen schaffte es, trotz grosser Schwierigkeiten auf beiden Seiten,
ihr Ziel zu erreichen. Wolff war erfolgreich, weil es ihm gelungen war, Wehrmacht-Generäle
mit einzubeziehen und den Eindruck zu erwecken, dass weder Himmler noch Kaltenbrunner
in den Verhandlungen verwickelt waren.
Nach dem Krieg wollte Waibel die Geschichte der Verhandlungen veröffentlichen. Doch die
Publikation seines Werks wurde ihm verboten und eine Untersuchung eingeleitet. Das
Problem lag nicht nur darin, dass ein publizitätsfreudiger Geheimdienstler von den Behörden
nicht gern gesehen wird. Es bestand die Befürchtung, die UdSSR könnte gegen eine
Verletzung der Schweizer Neutralität protestieren. Denn die Sowjetunion betrachtete
«Sunrise» als antikommunistische deutsch-britisch-amerikanische Verschwörung und als
einen der ersten Schüsse im Kalten Krieg.
Dieser Eindruck wird dadurch verstärkt, dass Kriegsverbrecher wie Karl Wolff und Guido
Zimmer durch Dulles, Waibel und Husmann später geschützt wurden. Damit wurde «Sunrise»
zu einem Vorläufer verschiedener Operationen, die mit System betrieben wurden: US-
Geheimdienste retteten eine ganze Reihe von Nazi-Verbrechern, um sie später im Kalten
Krieg gegen die Kommunisten zu benutzen.
Der Historiker Stefan Costa erbringt Beweise, wie sich Husmann nach dem Krieg für SS-
General Wolff einsetzte: «[Husmann] wandte sich am 9. August 1947 mittels eines
siebenseitigen Briefes direkt an den zuständigen Ankläger in Nürnberg, General Telford T.
Taylor. Husmann schrieb darin: ‹(...) Nach unserer Schweizer Auffassung gehören General
Wolff und seine Mitarbeiter für die Kapitulation nicht vor ein Gericht, sondern sie haben das
militärische Versprechen auf eine loyale Behandlung nach Kriegsende.›»38
Costa verzichtet darauf, mehr aus dem gleichen Schreiben Husmanns zu zitieren:
«Major Max Waibel ..... und ich haben als Schweizer General Wolff die Garantie gegeben,
dass die Anglosachsen ihr Versprechen halten werden, auch ohne irgendwelchen schriftlichen
Vertrag. Die Alliierten lehnten es kategorisch ab, eine schriftliche Vereinbarung zu treffen,
weil es uns damals schon bekannt war, und heute öffentlich und historisch nachgewiesen ist,
dass General Stalin bei Präsident Roosevelt energisch intervenierte, diese Verhandlungen in
der Schweiz abzubrechen.»39
Dies war zweifelsohne Teil der Reaktion Husmanns auf einen Brief, den Wolff aus der
Gefangenschaft schrieb:
«AUF GRUND MEINES GUTEN GEWISSENS UND MEINER REINEN HAENDE GLAUBE
ICH TROTZ ALLEDEM FEST AN DIE UNVERAENDERTE GRUNDEINSTELLUNG
UNSERES GEMEINSAMEN FREUNDES, SOLANGE ICH NICHT EINE GEGENTEILIGE
36
Schweizer Bundesarchiv E4320 (B) 1991/243 Bd. 75 A.Z. C.13.921, Bundesanwaltschafts-Dossier Wilhelm
Bruckner, Bericht des Nachrichtendienstes der Zürcher Polizei 25. Juni 1946
37
Elams, Hitlers Fälscher, S. 77-78
38
Costa, Auswirkung der Sunrise, S. 25
39
Schweizer Bundesarchiv E27/9540/Bd. 5 Brief von Max Husmann an Gen. Telford T. Taylor, 9.8.1947
MITTEILUNG MIT BEGRUENDUNG ERHALTE. –KOENNEN SIE ALS MEIN
NEUTRALER FREUND + GARANT ETWAS FUER MEINE BEIDEN FAMILIEN SORGEN
ODER WENIGSTENS DEN 9 UNSCHULDIGEN KINDERN WAEHREND DER
HUNGERSNOT AB UND ZU EIN LIEBESGABENPAKET ZUKOMMEN LASSEN?»40
In seinem 2007 erscheinenden Buch will der britische Historiker Michael Salter neue Belege
für die aktive Beschützung Wolffs durch Dulles und Waibel veröffentlichen41. Salter
beschreibt darin, wie sich Wolff 1950 bei Waibel beschwerte, dass private Effekten seiner
Familie von den US-Amerikanern beschlagnahmt und nie zurückgegeben wurden. Wolff
verlangte eine Kompensation. Waibel wandte sich an Dulles mit der Empfehlung, Wolff zu
helfen und beschrieb diese Angelegenheit als «die letzte Phase unseres Sunrise Spiels», um
hinzuzufügen; «Unter uns gesagt bezweifle ich, ob dieses Spiel je zu Ende gehen wird.»42
Waibels Bemerkung weist klar darauf hin, dass die Deckung der deutschen «Sunrise»-
Unterhändler zur Operation gehörte.
Dulles war empört über Wolffs unverschämte Forderung, und schrieb im Wissen über dessen
kriegsverbrecherische Vergangenheit zurück; «Unter uns gesagt, KW [Karl Wolff] realisiert
nicht, was für ein Glück er hat, dass er den Rest seines Lebens nicht im Gefängnis verbringen
muss. Seine klügste Politik wäre es also, schön ruhig über den Verlust von Unterwäsche usw.
zu bleiben. Er hätte leicht mehr als nur sein Hemd verlieren können.»43 Trotz aller
Schutzmassnahmen wurde Wolff 1964 in München wegen Beihilfe zum Mord an mindestens
300 000 Juden zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt – notabene nicht von den Alliierten, sondern
von einem deutschen Gericht.
Ein Mitbeteiligter an «Sunrise», F. J. Stalder, schrieb 1946, dass Guido Zimmer der wichtigste
Verbindungsoffizier zwischen Wolff und Dulles gewesen sei und dass ohne Hilfe Zimmers –
der jeweils unter Gefahr für sein eigenes Leben gehandelt habe – die Kapitulationsgespräche
sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich gewesen seien. «Aus verschiedenen Gesprächen
über das Unternehmen Sunrise meine ich mich zu erinnern, dass wiederholt gesagt wurde,
Zimmer solle, wegen seiner Rolle bei den Kapitulationsverhandlungen, jede Nachsicht durch
die Alliierten erfahren. Über diese Empfehlung hinaus denke ich nicht, dass wir irgend eine
moralische Verpflichtung gegenüber Zimmer haben, obwohl ich keine Gegenargumente sehe,
ihm kleine Gefallen zu leisten.»44
In einem Artikel argumentiert Historiker Salter weiter, dass Dulles Obersturmführer Zimmer
nicht nur wegen dessen sehr wichtiger Rolle bei «Sunrise» geschützt habe, sondern weil er
den SS-Mann als geeignete Informationsquelle betrachtete und ihn ausserdem anfänglich als
Berater für geheimdienstliche Aktionen in Italien vorsah. Ein anonymer US-Beamte
protestierte in einem Memo vom September 1945 gegen die Beihilfe, welche Dulles Zimmer
leistete. Denn Zimmer war an der Ermordung, Beraubung und Deportation von italienischen
Juden beteiligt.45
Dass «Sunrise» Nazi-Verbrecher deckte, wirft grosse Schatten auf die Operation und deren
Protagonisten Waibel, Dulles und Husmann. Denn gegenüber Erpressern kann es keine
Loyalität geben. Waibel jedoch war, wie sein Brief an Dulles beweist, bereit, diesen Beistand
unbefristet zu leisten. Schon deshalb taugt er nicht zur Heldenrolle und auch nicht zum
Märtyrer. Waibels Militärkarriere litt überdies keineswegs. Im Gegenteil: Kurz nach
Kriegsende wurde der Geheimdienstler zum Oberstleutnant befördert. Ab 1947 bekleidete er
40
Ferruccio Lanfranchi, La resa degli ottocentomila, Milano, Rizzoli, 1948, S. 358
Brief Wolff and Husmann 9.4.1946
41
Michael Salter, Nazi War Crimes: Intelligence Agencies And Selective Legal Accountability, London,
Glasshouse Press, 2007. Herr Prof. Salter war so freundlich, dem Autor einige Stellen über Wolff zur Verfügung
zu stellen.
42
Mudd Library, Princeton University New Jersey DCMLP Box 59, Folder 10 Allen Dulles Paper, Waibel to
Dulles, June 7, 1950 (Dank an Prof. Salter)
43
Ebenda, Dulles to Waibel, June 12, 1950 (Dank an Prof. Salter)
44
NARA RG 263 Box 59 Zimmer Name File, Brief J.F. Stalder and Mr. Horton, 3.4.1946
45
Michael Salter and Maggi Eastwood, Negotiating Nolle Prosequi at Nuremberg: The Case of Captain
Zimmer , Journal of International Criminal Justice 2005 3(3), p. 649-665
den wichtigen Posten eines Militärattaches in Washington, und 1954 wählte ihn der Bundesrat
zum Waffenchef der Infanterie mit der gleichzeitigen Beförderung zum Oberstdivisionär.
Abgesehen davon räumte sogar Waibel selber ein, dass weder er noch Dulles die wichtigsten
Figuren bei den Verhandlungen waren - sondern Husmann: «Allen Dulles [war nicht] der
Spiritus rector, sondern Dr. Max Husmann. Ihm ist es in erster Linie zu verdanken, dass die
fast unüberwindlichen Schwierigkeiten immer wieder aus dem Weg geräumt werden konnten,
während Allen Dulles eher zögerte, sehr vorsichtig war und stets befürchtete, gegen die
Weisungen der amerikanischen Regierung oder später Feldmarschall Alexanders zu handeln.
Die Initiative, die Verantwortungsfreude, und überhaupt der Glaube, der einen beseelen
muss, wenn man ein so schweres Werk vollbringen will, lag bei Dr. Husmann und, wenn ich
so sagen darf, gelegentlich auch bei mir.»46
Wenn es bei der Operation «Sunrise» einen Helden gegeben haben sollte, so wäre dies am
ehesten Max Husmann gewesen – ein mutmasslicher Nazi-Doppelagent.

*Der israelische Recherchierjoumalist und Buchautor Shraga Elam lebt in Zürich. 2004
gewann er den renommierten australischen Journalistenpreis Gold Walkley Award für seine
Enthüllung über Konti australischer Prominenter bei Bank Leumi (Schweiz)

46
Schweizer Bundesarchiv J.1.121 1974/64/N1 Wilhelm Lützelschwab/13, Waibel, Bericht zum Buche von Kimche
(Vorbemerkungen). Zitiert in Costa, Auswirkung der ,Sunrise’, S. 105