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Cuernavaca, Mexiko

26. Dezember 2009

Hallo ihr Lieben!

Les deseo feliz navidad y un prospero año nuevo!


Dieses Jahr sollen euch meine Weihnachtsgrüße auf Spanisch erreichen! Ich
werde hier in Mexiko ein ganz anderes Weihnachten als sonst erleben, ein
Weihnachten nach mexikanischer Art, ohne Schnee, mit Piñatas, bei
sommerlichen Temperaturen hier in Cuernavaca, der Stadt des ewigen
Frühlings, was mir jetzt, da in Deutschland Flughäfen wegen Schneefalles
geschlossen werden, noch mehr bewusst wurde. Weihnachtsstimmung
kommt hier nur leicht auf, es passt für mich einfach noch nicht zusammen,
dass drinnen der Weihnachtsbaum steht,
dass es in manchen Familien (bei mir nicht!) in unzähligen Farben blinkt und
nebenher noch Jingle Bells erklingt, dass ich draußen im T-Shirt rumlaufen
kann und einfach kein Schnee fallen will .....

Seit meinem letzten Rundbrief sind zwei Monate vergangen und ja, wie so
überall ist auch hier viel geschehen und es fällt mir nicht allzu leicht, all das
in einen Rundbrief zu packen. Vieles ist schon alltäglich geworden aber
immer noch begegnet mir viel neues, vieles das so ganz anders ist als in
Deutschland und es so zu beschreiben, das man es sich auch weit weg von
hier gut vorstellen kann ist manchmal fast unmöglich. Dennoch will ich es
versuchen und auch euch zu Weihnachten ein Stück von Mexiko schicken.

Am 1. November gab es in meiner mexikanischen Gastfamilie einen Grund


zu feiern: Meine jüngste Gastschwester wurde drei Jahre alt. Der dritte und
der fünfzehnte Geburtstag wird hier in Mexiko größer gefeiert als die
restlichen und so wurde auch diese Fiesta schon Wochen vorher geplant,
Einladungen verteilt und natürlich ganz wichtig - das Festkleid für das
Geburtstagskind ausgesucht. Schon Tage vorher hat sich meine
Gastschwester auf ihre Fiesta gefreut, darauf dass man ihr die “Mañanitas”
(das mexikanische Geburtstagslied) singt und ja, dann war es wirklich
soweit. Morgens sind wir alle gemeinsam in die Kirche, sie soll so nochmal
unter den Schutz Gottes gestellt werden. Gefeiert danach wurde bei uns zu
Hause beziehungsweise in der Straße vor unserem Haus. Was für
Deutschland mehr als unüblich wäre, ist hier normal: Wenn du im Haus den
Platz nicht hast, verlagerst du die Feier einfach auf die Straße. Und mit 70
Gästen war es für mexikanische Verhältnisse noch wirklich eine kleine Feier,
die Mexikaner können es immer kaum glauben, wenn ich ihnen erkläre, wie
ein dritter Geburtstag in Deutschland aussieht. Es wurde viel getanzt und
auch ich hatte meine ersten Salsastunden. Aber bis ich so tanzen kann wie
die Mexikaner wird es wohl noch ein bisschen dauern . Der Höhepunkt
dieser Fiestas ist – vor allem für die Kinder – das Zerschlagen der Piñata, ein
mit Süßigkeiten gefüllter Tontopf. Die ursprüngliche Piñata ist ein Tontopf mit
sieben kegelförmigen Spitzen. Jede dieser Spitzen stellt eine der sieben
Todsünden dar..
Wird nun dieser Tontopf zerschlagen, so werden damit auch die Sünden
zerschlagen.
Die herabfallenden Süßigkeiten symbolisieren den Segen, der auf die
Teilnehmer fällt.
Heute hat die Piñata ihren ursprünglichen Sinn aber fast verloren. Sie darf
bei fast keiner Feier fehlen und es ist immer ein großer Spaß für alle
Teilnehmer. Ist der Tontopf dann endlich zerbrochen und fallen die
Süßigkeiten heraus, stürzen sich nicht nur die Kinder auf den Boden, um so
viel wie möglich zu ergattern.

Meine kleine Gastschwester


beim Zerschlagen der Piñata:

“Dale, dale, dale,


no pierdes el tino,
porque si lo pierdes,
pierdes el camino.
Y le diste una,
ya le diste dos,
ya le diste tres
y tu tiempo se acabó:
Una, dos, tres!”

Dia de los Muertos

Der 1. November ist hier in Mexiko einer der wichtigsten Feiertage, der Dia
de los Muertos, der “Tag der Toten”. Der Umgang mit dem Tod hier in
Mexiko ist sehr bestimmt, der Tod wird nicht tabuisiert, er gehört hier zum
Leben dazu wie die Geburt. Dieser Feiertag gibt dementsprechend auch kein
Anlass zu trauern, er gleicht eher einem großen Volksfest. Nach
mexikanischem Glauben kehren an diesem Tag die Toten zu den Familien
zurück um sie zu besuchen. In den Häusern werden Gabentische
(“Ofrendas”) aufgestellt, an denen sich die Toten stärken sollen. Fotos der
Verstorbenen werden neben den Altären aufgestellt, um an sie zu erinnern.

Ein buntes Fest zum Gedenken der Verstorbenen: Essen, das der
Verstorbene früher gerne gegessen hat, werden ihm bereitgestellt, damit
er sich bei seiner Rückkehr stärken kann. Oben liegend auf dem Altar soll
der Verstorbene dargestellt werden, die Kleidung stammt von ihm selbst.
Auch bei uns im Projekt wurde der Dia de los Muertos gefeiert, schon Tage
vorher wurde der Altar bei uns im Klassenzimmer vorbereitet, dekoriert und
am Tag selber hat jedes Kind eine Kleinigkeit zum Essen mitgebracht. Es
wurden Fotos von denen Kindern aufgehängt, die jetzt nicht mehr zu uns in
die Gruppe kommen, weil sie z.B. arbeiten müssen oder in einzelnen Fällen
eine öffentliche Schule besuchen können. Zu jedem einzelnen Kind wurde
kurz etwas gesagt und auch uns Freiwilligen erklärt, warum sie nicht mehr
ins Projekt kommen.

Der Altar in unserem


Klassenzimmer: Jedes
Kind hat einen Totenkopf
aus Schokolade oder
Zucker, eine Frucht und
Brot bekommen.
Ausschließlich in diesen
Tagen um den 1.
November kann man das
“Pan de los Muertos”,
das “Brot der
Verstorbenen” kaufen.

Die Arbeit im Projekt macht mir noch immer


Spaß und ich merke auch, wie wir Freiwilligen
mit der Zeit mehr Verantwortung bekommen.
Ich bin immer noch in der gleichen Gruppe
und hab die Kinder dort schon richtig lieb
gewonnen.

Zum Abschluss des Jahres haben wir letzte


Woche einen Ausflug zu Höhlen hier in der
Nähe gemacht, die Kinder haben es sehr
genossen, sogar unsere beiden vierjährigen
haben sich rein getraut 

Vor ungefähr eineinhalb Monaten hab mit Jugendlichen und einer Lehrerin
ein Videoprojekt angefangen, dass auch für mich sehr spannend ist:
Viele Familien, die zu uns ins Projekt kommen, kommen aus dem Viertel “La
Via”. Der Großteil von ihnen kommt ursprünglich nicht aus Cuernavaca, sie
haben sich alle an den ehemaligen Bahngleisen angesiedelt, manche kamen
erst vor kurzem an, andere leben schon Jahre dort. Mit ein paar Jugendlichen
haben wir jetzt angefangen, diese Leute zu interviewen und ein Video
daraus zu machen. Es geht darum, heraus zu finden, wer wann gekommen
ist, warum und wie sie hier in Cuernavaca angekommen sind , von wem sie
das Grundstück hatten usw. Es ist auch für mich ziemlich spannend, das zu
machen, ich erfahre so einiges über die Menschen hier, über ihre Herkunft
und auch über die ganze Situation des Viertels. Wir haben schon einige
Leute interviewt, am Ende soll daraus ein Video gemacht werden, in dem die
Geschichte des Viertels dargestellt werden soll.
In dem neuen Jahr werde ich als einzige deutsche Freiwillige in meiner
Gruppe sein, bisher waren wir zu zweit. Es wird einige Wechsel innerhalb des
Projektes geben, sind wir also gespannt darauf, was die neuen
Konstellationen im neuen Jahr ergeben, was überhaupt das neue Jahr bringt.

Ich wünsche euch allen frohe und gesegnete Weihnachten!

Un abrazo fuerte

Melanie