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HUBERTUS R.

DROBNER

LEHRBUCH
DER
PATROLOGIE

HERDER FREIBURG BASEL WIEN


Die Deutsche Bibliothek-CIP-Einheitsaufnahme Drobner,

Hubertus R.:
Lehrbuch der Patrologie / Hubertus R. Drobner. -Freiburg
im Breisgau ; Basel; Wien : Herder, 1994
ISBN 3-451-23498-X kart.
ISBN 3-451-23499-8 Gb.

Alle Rechte vorbehalten - Printed in Germany © Verlag


Herder Freiburg im Breisgau 1994
Satz: Barbara Herrmann, Freiburg Belichtung: Johannes
Schimann, Ingolstadt Druck und Bindung: Freiburger Graphische
Betriebe 1994 Gedruckt auf umweltfreundlichem, chlorfrei
gebleichtem Papier ISBN 3-451-23498-X (kartoniert) ISBN 3-
451-23499-8 (gebunden)
ZWEITES KAPITEL Die

nachapostolische Literatur

Die meisten modernen Patrologien beginnen ihre Darstellung nicht mit den
biblischen Apokryphen, sondern mit den sog. „Apostolischen Vätern", weil sie die
kanonischen Bücher des NT nicht zur frühchristlichen Literatur zählen und diese
nicht zum Gegenstand der Patrologie gehören. Dann folgen die biblischen
Apokryphen chronologisch zu Recht in einem späteren Kapitel. Betrachtet man
jedoch den Ausschluß der kanonischen Bücher aus der Patrologie als einen
„technischen" aufgrund der besonderen Bedeutung dieser Werke als Hl. Schrift,
was sie aber von ihrem Charakter her nicht von der frühchristlichen Literatur
ausnimmt, muß man mit ihrer Entstehung und den davon abhängigen biblischen
Apokryphen beginnen. Allerdings durchbricht eine solche Anordnung die
Chronologie, denn die Entstehung der Apokryphen erstreckte sich über fünf
Jahrhunderte, während deren sich die patristische Literatur in den vielfältigsten
Formen zur Blüte entwickelte. Es gilt daher jetzt, zur chronologischen Behandlung
der ersten Väterschriften zurückzukehren.
Die Abgrenzung der Kategorien ist nicht leicht und auch nicht immer eindeutig
zu vollziehen, da die nachapostolische Literatur in derselben Umwelt und
Theologie wie das ntl. Schrifttum entstand und einzelne ihrer Werke in der Antike
sogar kanonische Geltung besaßen. Die hilfreichste Unterscheidung bietet
zunächst das gattungsgeschichtliche Kriterium, das die Genera des Evangeliums,
der Apostelgeschichte und der Apokalypse ausschließlich der ntl. Literatur
zuordnet. Das vierte Genus biblischer Schriften, der Brief, kommt in der gesamten
urchristlichen Literatur vor, die apokryphen Briefe gehören jedoch alle zu den
Pseudepigraphen. Als entscheidendes Kriterium kann freilich letztlich nur die
Tradition der Kirche geltend gemacht werden.
Die nachapostolische Literatur, die sich etwa über den Zeitraum von 90 bis 160
n. Chr. erstreckte, prägte vier literarische Genera, die teils die ntl. Formen
fortsetzten, teils neue entwickelten. Zunächst entstanden echte Briefe, die an ganze
Gemeinden gerichtet und zur öffentlichen Bekanntgabe bestimmt waren. Darüber
hinaus brachten die Liturgie und das Leben der Gemeinden die neuen Formen von
Unterweisungen, Predigten und erster christlicher Dichtung hervor. Sie atmen
noch ganz den Geist des Urchristentums, indem sie von Apostelschülern oder
Autoren, die der apostolischen Zeit nahestanden, verfaßt wurden, sich auf
unmittelbare apostolische Überlieferung berufen und nach Gemeindestruktur,
Lebensäußerungen, Theologie und Sprache in enger Verwandtschaft zu den ntl.
Schriften stehen. „Die Verfasser suchen den Gläubigen in einfachen Worten die
Bedeutung des in Christus erschienenen Heils zu zeigen und sie in der Hoffnung
auf die Wiederkunft des Herrn zu bestärken. Sie fordern Gehorsam gegen die
Hirten der Gemeinden und warnen vor Häresien und Schismen. Eine
wissenschaftliche Begründung des Christentums oder einzelner Glaubenslehren,
wie sie im 2. Jh. die Apologeten versuchen, liegt ihnen ferne" (Altaner/Stuiber
8
1978, 43).
Sieben Autoren bzw. Schriften davon faßt man traditionellerweise unter die
Gruppe der „Apostolischen Väter". Jean-Baptiste Cotelier veröffentlichte 1672
eine Sammelausgabe der Väter, „die zu apostolischen Zeiten blühten", die die
Briefe des Barnabas, Klemens von Rom, Ignatius von Antiochien, Polykarp von
Smyrna sowie den „Hirt" des Hermas enthielt. Später nahm man noch die
Fragmente des Papias von Hierapolis und den Diognetbrief hinzu, bisweilen auch
die Didache und das Quadratus-Frag-ment. Diese Sammelbezeichnung steht schon
seit Anfang dieses Jahrhunderts in Frage und muß wohl trotz der Versuche, sie in
einschränkendem und präzisierendem Sinne zu retten, aufgegeben werden, weil
die „Apostolischen Väter" nach literarhistorischen Kategorien keine einheitliche
Schriftengruppe darstellen, sondern einerseits einige von ihnen den biblischen
Apokryphen zuzurechnen sind, andererseits die nachapostolische Literatur sehr
viel mehr als nur sie umfaßt.