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Schreiben als mentaler und sprachlicher Prozeß 1005

85. Schreiben als mentaler und sprachlicher Prozeß

1. Einleitung sinnvoll erscheinen (vgl. Sammelband von


2. Schreiben als Problemlöseprozeß Antos & Krings 1989).
3. Vom Schreibenlernen zur Schreibkompetenz: Aus diesen Gründen werden die im folgen-
Entwicklungspsychologische Aspekte
4. Vom Gedanken zum Wort: Schreiben als
den dargestellten Modelle nach inhaltlichen
Sprachproduktion Schwerpunkten gruppiert: Schreiben als Pro-
5. Aufgabenspezifische Strategien der blemlöseprozeß (Zf. 2), als Erwerb von Fä-
Textproduktion higkeitskomplexen (Zf. 3), als Sprachproduk-
6. Schreiben als mentaler und sprachlicher tion (Zf. 4) sowie aufgabenspezifische Mo-
Prozeß: Grenzen der Modelle delle der Textproduktion (Zf. 5). Der Modell-
7. Literatur
begriff ist hierbei sehr weit gefaßt und wird
auch auf einfache Verlaufsschemata oder ge-
ordnete Listen von Handlungen und Pro-
1. Einleitung
zessen angewandt, die laut Forschung die
Der Begriff Schreiben im engen Sinne be- Grundlage verschiedener Schreibaktivitäten
zeichnet die graphomotorischen Prozesse bei bilden.
der Produktion schriftlicher Äußerungen (→
Art. 86). Eine weite Auslegung des Begriffs
umfaßt dagegen alle übergeordneten Ebenen 2. Schreiben als Problemlöseprozeß
der Planung und Redaktion von Texten, ins-
besondere jene Aspekte, in denen sich Schrei- Beim derzeit populärsten Ansatz wird Schrei-
ben vom Sprechen unterscheidet (→ Art. 77). ben als Problemlöseprozeß aufgefaßt (z. B.
Für alle gezielten Aktivitäten, die Schreiben Hayes & Flower 1980; Beaugrande 1984; Ei-
als mentalen und sprachlichen Prozeß cha- gler 1985, Eigler et al. 1990; Ludwig 1983;
rakterisieren, wurde der Begriff Textproduk- Molitor 1984). Dieser Ansatz löste die lang
tion eingeführt. Gegenstand dieses Artikels favorisierte Vorstellung des Schreibens als se-
sind Modelle der Textproduktion. Schreiben quentiellem Prozeß mit eingrenzbaren, chro-
in diesem Sinne war zwar schon immer ein nologisch angeordneten Produktionsstufen
Thema der Rhetorik und Stilistik (z. B. ab. In den linguistisch fundierten sequentiel-
Ueding 1985; Ueding & Steinbrink 1986; len Schreibmodellen wurde der Schreibpro-
Ludwig 1988), die systematische Analyse und zeß als Sequenz von meistens fünf aufeinan-
Modellierung der Textproduktion wurde je- der folgenden (und aufeinander aufbauen-
doch erst in den letzten zwei Jahrzehnten ge- den) Stufen angesehen. Demnach werden
leistet. beim Schreiben zunächst pragmatische, dann
Zur Textproduktion gibt es eine Vielzahl
semantische, syntaktische und lexikalische
heterogener Ansätze, was eine repräsentative
Entscheidungen getroffen, die schließlich mit-
Auswahl homogen gruppierter Modelle er-
tels Buchstabenketten graphisch umgesetzt
schwert. Eine Klassifikation nach strukturel-
len Gesichtspunkten würde z. B. sequentielle werden (s. Abb. 85.1).
Modelle umfassen, wie sie der didaktischen Der Problemlöse-Ansatz dagegen betont
Konzeption „Planen ! Schreiben ! Überar- die Interaktivität dieser Prozesse. Er ver-
beiten“ zugrunde liegen (s. Ludwig 1989; Roh- dankt seine Verbreitung im wesentlichen den
man 1965; Coe 1986), und solche Modelle, Arbeiten von John Hayes und Linda Flower
die den Schreibprozeß entlang der linguisti- (z. B. Hayes & Flower 1979), die bei der
schen Ebene aufteilen (z. B. Beaugrande Analyse handlungsbegleitender Verbalisatio-
1984, s. u. Zf. 2 und 4). Modelle können auch nen von Autoren die klassischen Kategorien
nach ihrer Herkunft klassifiziert werden: Je der Problemlöse-Literatur wiederfanden: die
nachdem, ob sie aus einer pädagogischen, lin- Formulierung von Zielen und Problemen,
guistischen oder psychologischen Perspektive vorwärtsgerichtete Suchprozesse nach einer
entwickelt wurden, bilden sich unterschiedli- geeigneten Vorgehensweise (d. h. nach einer
che Schwerpunkte für die Erkenntnisgewin- Sequenz von Operatoren) zur Erreichung
nung heraus. Die zunehmende Grenzverwi- dieser Ziele, sowie die Analyse und Bewer-
schung zwischen den Fächern läßt dieses tung der Lösungswege beim Auftreten von
Klassifikationskriterium allerdings wenig Schwierigkeiten im Lösungsvorgang.
1006 VII. Psychologische Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit
AUTOR/SPRECHER

TEXTOBERFLÄCHE
semantische syntaktische lexikalische phonemisch-
pragmatische Ebene/ Ebene/ Ebene/ graphemische
Ebene/Pläne Bedeutung Phrasen- Wörter Ebene/Laute,
struktur Buchstaben

Zeit

Abb. 85.1: Schema eines sequentiellen Schreibmodells (nach Beaugrande (1982 a, 236); übers. v. d. Verf.)

AUFGABENUMFELD

Schreibauftrag bisher geschriebene


- Thema Textteile
- Adressat
- Motivation

SCHREIBPROZESS
PLANEN FORMULIEREN ÜBERARBEITEN
Langzeitgedächtnis
des Autors Gene- Struktu- Lesen
rieren rieren
- Wissen zum Thema
- Wissen über Adressat Ziele Revi-
- vorhandene Pläne setzen dieren

KONTROLL-/STEUERUNGSINSTANZ

Abb. 85.2: Allgemeines Modell der Textproduktion (nach Hayes & Flower (1980, 11); übers. v. d. Verf.)

2.1. Das Ur-Modell von Hayes & Flower durch eine Kontroll- und Steuerungsinstanz
1980 ! dem sogenannten Monitor ! reguliert wer-
2.1.1. Globalmodell den. Jeder dieser Prozesse ist seinerseits in
weitere Teilprozesse aufteilbar, die zur Errei-
Das Modell von Hayes & Flower 1980 erfüllt chung entsprechender Teilziele notwendig
die Bedingungen eines Problemlösemodells sind (s. u. Zf. 2.1.2).
weitgehend: Es nennt Ziele, Probleme, eine Inhalt und Gestaltung sämtlicher Prozesse
Sequenz von Operatoren und enthält einen werden nach Hayes & Flower durch die
Mechanismus zur Analyse und Bewertung Schreibsituation und das Langzeitgedächtnis
des Lösungsvorgangs (s. Abb. 85.2). des Schreibenden beeinflußt. Hier werden die
Die Schreibaufgabe stellt das Problem dar, Bedingungen, das notwendige Wissen, die
dessen Lösung die erfolgreiche Durchfüh- Prüfkriterien und Einschränkungen genannt,
rung verschiedener Prozesse erfordert, die als denen der Schreibprozeß unterliegt. Das Mo-
Zielhierarchie angegeben werden. Dabei han- dell setzt keine feste Abfolge zwischen den
delt es sich um die aus der Schreibdidaktik Prozessen voraus, und alle Prozesse können
bekannten Prozesse des Planens (planning), beliebig oft wiederholt werden. Mit dem Mo-
Formulierens (translating) und Überarbeitens nitor, der nach bestimmten Regeln die Ab-
(reviewing), deren Abfolge und Interaktion folge der Prozesse reguliert, wird die Schreib-
85. Schreiben als mentaler und sprachlicher Prozeß 1007

strategie des Autors beschrieben. Formal hat wörter und Satzbruchstücke) in den schriftli-
diese Kontrollinstanz die Struktur eines Pro- chen Produkten.
duktionssystems (Anderson 1980). Damit las- Abb. 85.3 zeigt exemplarisch den Verlauf
sen sich kognitive Fertigkeiten als Regeln be- eines Generierungsprozesses: Eine Idee oder
schreiben, die angeben, unter welchen Bedin- ein Planungselement dient als Suchschema
gungen welche Handlungen bzw. Operatio- bei der Aktivierung des Gedächtnisses. Bei
nen erfolgen sollen. Ein Produktionssystem Fehlanzeige wird das aktuelle Suchschema
besitzt demnach zwei Seiten: auf der linken durch ein Neues ersetzt. Ideen, die dem Such-
Seite die Bedingung, auf der rechten Seite die schema entsprechen, werden evaluiert, wobei
Aktion. Die Bedingung gibt an, unter wel- ein inneres Modell des Adressaten die Selek-
chen Umständen die Produktionsregel gilt, tionsentscheidungen unterstützen kann, in-
die Aktion bezeichnet die zu erfolgende Ope- dem dessen potentielle Motive vom Autor vor-
ration, wobei es sich um Verhaltensweisen weggenommen werden. „Gute“ Ideen werden
(äußere Operationen) oder kognitive (innere) eventuell niedergeschrieben, unbrauchbare
Operationen handeln kann. Ideen führen u. U. zu einer Wiederholung des
Aus den Produktionsregeln geht also her- Generierungsprozesses mit dem gleichen oder
vor, unter welchen Bedingungen ein Prozeß einem neuen Suchschema.
eingeleitet bzw. abgebrochen wird, und wie die
Interaktivität der Prozesse zustande kommt.
Die Verlagerung des Arbeitsschwerpunktes
geht nach Hayes & Flowers Auffassung mit mit aktuellem aktuelles Such-
zunehmender Fertigstellung des Textes ein- Suchschema schema durch
deutig von links nach rechts, d. h. von der Ideen abrufen neues ersetzen
Inhaltsgenerierung zum Formulieren und mißlungen
Überarbeiten (s. u. Beaugrande 1980, Zf. gelungen
2.2.2).
Unter dem Problemlöseparadigma wurden abgerufenes
ja
die Hauptprozesse des Schreibens von den Element ⇒ aktuelles
Autoren teilweise weiter unterteilt. Als Bei- Suchschema
spiel werden im folgenden Abschnitt Pla-
nungsprozesse dargestellt.

2.1.2. Detailmodell: Planungsprozesse Evaluation des Ziel =


abgerufenen Genererieren?
Planungsprozesse werden von Hayes & Flo- Elements nicht nein
wer in die Teilprozesse Generieren, Struktu- brauchbar
rieren und Zielsetzungen untergliedert. Mit
dem Generierungsprozeß ist der Abruf rele- brauchbar aus
vanter Informationen aus dem Langzeitge-
dächtnis gemeint. Durch den Strukturie-
rungsprozeß sollen aus den abgerufenen In-
formationen die nützlichsten ausgesucht und Notieren?
zu einem Plan zusammengestellt werden.
Hierzu gehören außer den Inhalten, über die
geschrieben werden soll, auch die Gütekrite- Notiz nein
schreiben
rien, nach denen man sich beim Schreiben
richtet und die später zur Evaluation des Ge-
schriebenen herangezogen werden. Die Güte- ja Ziel =
kriterien zu identifizieren und festzuhalten ist Generieren?
die Funktion des Zielsetzungsprozesses.
Generierungs- und Strukturierungspro- nein
zesse werden als Entscheidungsketten darge-
stellt, die in einem Flußdiagramm veran-
schaulicht sind. Als empirische Hinweise für
aus
diese Vorstellung nennen die Autoren längere
Assoziationsketten in den Protokollen lauten Abb. 85.3: Der Prozeß der Inhaltsgenerierung
Denken, und die Notizen (einzelne Inhalts- (nach Hayes & Flower (1980, 13); übers. v. d. Verf.)
1008 VII. Psychologische Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

In ähnlicher Form wird der Strukturie- 2.2.1. Ludwig (1983)


rungsprozeß mit folgenden Arbeitsschritten Ludwig (1983) teilt die genannten Kritik-
veranschaulicht (Hayes & Flower 1980, 14): punkte und bemängelt die Reduktion des
Die Notizen der Materialsammlung werden Schreibprozesses auf rein kognitive Prozesse
gesichtet und jedes brauchbare Element unter sowie das Fehlen motorischer Handlungen
dem Gesichtspunkt bewertet, ob es als An- und den untergeordneten Stellenwert der
fangs- oder als Schlußpunkt in Frage kommt, Motivation. Des weiteren könne der Text als
in welchem Verhältnis es zu (einem) früher Produkt des Schreibvorgangs nicht anderen
notierten Punkt(en) steht, ob es bereits Punkte Elementen der Schreibsituation gleichgestellt
gibt, die ihm über- bzw. untergeordnet wer- werden. Ludwigs Modellentwurf sieht insge-
den können, und ob sich eine Kategorie dar- samt fünf Komponenten vor: eine motivatio-
aus ableiten läßt (z. B. ein Teil eines Textsche- nale Basis, konzeptionelle Prozesse, inner-
mas). Eine positive Bewertung nach einer die- sprachliche Prozesse, motorische Prozesse
ser Kategorien führt zur entsprechenden Sy- und redigierende Aktivitäten (s. Abb. 85.4).
stematisierung der Notizen durch Einrük- Die vollständige Ausführung dieser Kom-
kung, Numerierung usw., so daß eine Gliede- ponenten führt zu einem komplexen Ver-
rung entsteht. Jeder Punkt bekommt seinen laufsdiagramm, das hier nicht vollständig,
Platz in einer chronologisch, hierarchisch sondern nur in seinen Unterschieden zum
oder gemischt aufgebauten Sequenz. Ände- Schema von Hayes & Flower erläutert wer-
rungen in der Gliederung sind durch Wieder- den kann.
holungen des Strukturierungsprozesses jeder- Abweichend von Hayes & Flower wird die
zeit möglich.
motivationale Basis als Teil des Schreibpro-
Auch die Prozesse des Formulierens (s. u.
zesses i. e. S. gesehen und der entstehende
Zf. 4) und des Revidierens (s. u. Zf. 5) wur-
Text aus den situativen Bedingungen des Auf-
den von Hayes & Flower in dieser Form ver-
gabenumfeldes ausgegliedert. Die Funktion
anschaulicht.
der Komponente Monitor ist z. T. in der An-
2.2. Parallel- und Weiterentwicklungen des lage der konzeptionellen Prozesse wiederzu-
Modells finden und erhält somit einen anderen Stel-
lenwert. In einem detaillierteren Diagramm,
Das Modell von Hayes & Flower ist von ver-
das den Ablauf des Schreibprozesses unter
schiedenen Autoren kritisiert, aber auch wei-
Einbeziehung aller genannten Komponenten
terentwickelt oder auf spezifische Schreib-
strategien adaptiert worden (s. u. Zf. 5). Ei- darstellt, taucht der Monitor in Form eines
gler 1985 bemängelt, daß auf den Problemlö- ist-soll-Vergleichs auf, der die konzeptionel-
sungscharakter des Schreibprozesses zwar len, innersprachlichen und motorischen Pro-
häufig hingewiesen wird, dies aber im Gegen- zesse begleitet. Dabei liefern die konzeptio-
satz zu einer früheren Abhandlung der Auto- nellen Prozesse zur Generierung der Zielvor-
ren (Flower & Hayes 1977) nur wenig ausge- stellungen die Soll-Kriterien. Die Prozesse
führt wird. Ferner zeige das Modell nur das der „gedanklichen Konzeption“ entsprechen
Verhalten von Schreibexperten, ohne An- der Planung, und die „innersprachlichen Pro-
haltspunkte zu bieten, wie aus Schreibnovi- zesse“ der Durchführung, während die „redi-
zen Schreibexperten werden könnten. gierenden Aktivitäten“ die Kontrolle des ge-
Auch die Hierarchisierung der Teilprozesse samten Schreibprozesses betreffen. Neu in
des Schreibens ist problematisch (Molitor Ludwigs Modell sind die Komponenten
1984): So wird z. B. den Prozessen des Pla- Vorbereitungshandlungen (z. B. Wahl der
nens, des Formulierens und des Überarbei- Schreibwerkzeuge) und Kontextbedingun-
tens die gleiche Komplexitätsebene zugespro- gen, womit der entstehende Text gemeint ist.
chen, während der Prozeß des Lesens als Teil
des Überarbeitens sich auf der Hierarchie- 2.2.2. Beaugrande (1984)
Ebene des Generierens befindet. Durch die Unabhängig von Hayes & Flower entwickelte
fehlende Verbindung zwischen Formulieren auch Beaugrande ein Modell, das dem Pro-
und Überarbeiten wird die Rückwirkung ver- blemlöseparadigma verhaftet ist (Beaugrande
schiedener Zwischenprodukte des Schreibens 1982a, 1984). Er befaßt sich nicht primär
auf Planungsprozesse nicht berücksichtigt. mit einzelnen Zwischenzielen wie Generieren
Ferner werden im Modell keine Auswirkun- oder Planen, sondern stellt diese als grundle-
gen des Schreibens auf den Bestand des gendere Abrufs- oder Strukturierungspro-
Langzeitgedächtnisses in Betracht gezogen. zesse auf verschiedenen Abstraktionsniveaus
85. Schreiben als mentaler und sprachlicher Prozeß 1009

1 MOTIVATIONALE BASIS S KONTEXT-


C BEDINGUNGEN
S 2 KONZEP- 2.1 Zielsetzung H
LANGZEIT- C TIONELLE R
GEDÄCHTNIS H PROZESSE 2.2 Gedankliche Konzeption Der
R E
Wissen E 2.3 Bildung eines Schreibplanes I entstehende
- insbes. I B Text
sprachliches B 3 INNER- 3.1 Textbildung P
Wissen P SPRACHLICHE R
R PROZESSE 3.2 Satzbildung O
- auch Wissen
O Z
über Schreib- Z 3.3 Berücksichtigung von
pläne Konventionen der E
E
S geschriebenen Sprache S
Fähigkeiten S S
Beherrschung 4 MOTORISCHE 4.1 Bildung eines Bewegungs-
der PROZESSE progamms
motorischen
Prozesse 4.2 Ausführung

4.3 Kontrolle
VOR-
5 REDIGIERENDE 5.1 Lesen
BEREITUNGS-
HANDLUNGEN AKTIVITÄTEN
5.2 Korrigieren
5.3 Emendieren

5.4 Redigieren

5.5 Neu fassen

SITUATIVE BEDINGUNGEN Anlaß, Leser, Ort, Zeit und weitere Umstände

Abb. 85.4: Die Struktur des Schreibprozesses (Ludwig 1983, 46)

LAUTE/BUCHSTABEN LAUTE/BUCHSTABEN
LINEARISIEREN LINEARISIEREN
PHRASEN LINEARISIEREN PHRASEN LINEARISIEREN

AUSDRUCK/VERBALISIERUNG AUSDRUCK/VERBALISIERUNG

KONZEPTIONELLE ENTWICKLUNG KONZEPTIONELLE ENTWICKLUNG

IDEEN ABRUFEN IDEEN ABRUFEN

ZIELE SETZEN ZIELE SETZEN

Zeitachse

Abb. 85.5: Interaktives Parallel-Prozeß-Modell (nach Beaugrande (1984, 129); übers. v. d. Verf.)

dar, die grob den Ebenen des o. g. sequentiel- Pläne, Ziele und Inhalte, später verstärkt auf
len Modells entsprechen. In seinem interakti- deren sprachliche Realisierung (z. B. Syntax,
ven Parallell-Prozeß-Modell unterscheidet er Grammatik und Wortwahl). Wie Abb. 85.5
Abrufprozesse (ideation), Linearisierungspro- zeigt, überlappen sich die Prozesse mit zeit-
zesse (linearization) und Verbalisierungspro- lich verschobenen Dominanzen (s. Klam-
zesse (expression). Am Anfang beziehen diese mern am Rand), wobei die Verlagerung des
Prozesse sich eher auf abstraktere Vorstellun- Arbeitsschwerpunktes ! ähnlich wie in den
gen und Vorformen des Textes, wie z. B. o. g. Modellen ! von den konzeptionellen
1010 VII. Psychologische Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

Prozessen zu den Formulierungsprozessen (s. 3.1. Ontogenese der Schreibkompetenz


Zickzack-Kurve) übergeht.
Durch die Vermischung von Prozessen und 3.1.1. Erwerb von Fähigkeitskomplexen
Produkten wird Beaugrandes Schema etwas Ein viel zitiertes Modell zur Differenzierung
undurchsichtig und ein Vergleich mit anderen der Fähigkeiten, die man zum Erwerb voll-
Modellen erschwert. Sein Interesse gilt v. a. ständiger Schreibkompetenz braucht, stammt
der Identifizierung jener Stellen im zeitlichen von Bereiter (1980). Der Begriff Schreibkom-
Verlauf des Produktionsprozesses, an denen petenz ist in diesem Zusammenhang als voll-
die Informationsverarbeitungskapazität des ausgereifte Schreibfähigkeit zu verstehen: die
Schreibenden besonders strapaziert wird (vgl. Fähigkeit, sich anderen schriftlich mitzuteilen
Schema in Beaugrande 1982 b, 129). und seine Gedanken schriftlich zu artikulie-
Das Modell von Hayes & Flower stellt eine ren und dabei weiterzuentwickeln. Bereiter
brauchbare Aufgabenanalyse für den For- beschreibt Fähigkeitskomplexe, die ein Kind
scher und den Pädagogen dar. Es zeigt, was nach und nach erwerben und integrieren
die kognitiven Prozesse beim Schreiben zu muß, bevor es über eine solche Schreibkom-
leisten haben, und wodurch diese Prozesse petenz verfügt.
beeinflußt werden können. In pädagogischer Die in der folgenden Grafik dargestellten
Hinsicht kann das Modell genutzt werden, Fähigkeiten betreffen nicht nur den Schreib-
um Engpässe bei der kognitiven Beanspru- prozeß, sondern beziehen auch das Produkt
chung des Schreibens vorherzusehen und so ! den Text ! und den Leser mit ein (s.
den Stellenwert einzelner Schreibübungen Abb. 85.6).
und Hilfen zu ermessen. Nach Ludwig 1983 Für die erste Stufe des assoziativen Schrei-
können solche Modelle der Textproduktion bens (associative writing) müssen grundle-
auch als Folie für das Gebiet des Schrift- gende prozeßbezogene Fähigkeiten wie „flüs-
spracherwerbs dienen, um die einzelnen sige“ schriftliche Sprachproduktion und ge-
Schritte in der Entwicklung der Schreibfähig- zieltes Abrufen von Ideen durch kontrollierte
keit, sowie Defizite oder Fehlentwicklungen Assoziationen vorhanden sein, wobei die
deutlich ablesen zu können (Ansätze dazu s. Schreibkonventionen der Gesellschaft noch
Zf. 3). Aufgabe der Forschung sei, auf der nicht befolgt werden müssen. Erst wenn als
Grundlage solcher Schemata die einzelnen produktbezogene Fähigkeit die Beherrschung
Komponenten zwecks Modellbildung empi- der Schreibkonventionen hinzukommt, wird
risch zu überprüfen. mit dem Stadium des flüssigen Schreibens
(performative writing) zumindest auf der me-
chanischen Ebene eine gewisse Vollendung
3. Vom Schreibenlernen zur der Schreibkompetenz erreicht. Die Fähig-
Schreibkompetenz: keit, sich in andere hineinversetzen zu kön-
Entwicklungspsychologische nen ! soziale Kognition ! ermöglicht Leser-
Aspekte bezogenheit und damit das kommunikative
Schreiben (communicative writing). Zwei wei-
In diesem Abschnitt werden entwicklungs- tere produkt- und prozeßbezogene kognitive
psychologische Modelle beschrieben. In ih- Fähigkeiten ergänzen die Schreibkompetenz
nen werden Komponenten des Schreibens be- zum reflektierten Schreiben (unified writing),
nannt und isoliert, deren Erwerb den Kin- wenn Texte unter literarischen und logischen
dern gemeinhin Schwierigkeiten bereitet und Gesichtspunkten kompetent bewertet werden
die pädagogisch unterstützt werden können. können, und zum epistemischen Schreiben
Im Mittelpunkt der Modelle steht die Kom- (epistemic writing), wenn die Fähigkeit zur
ponente des Wissens (das Langzeitgedächtnis Selbstreflexion gegeben ist. Die beiden letzt-
im Modell von Hayes & Flower): Fähigkei- genannten Fähigkeiten ermöglichen eine Wei-
ten-Modelle veranschaulichen Entwicklung terentwicklung der Gedanken beim Schrei-
und Aufbau von Teilkompetenzen des Schrei- ben und unterstützen dadurch den Wissens-
bens (Zf. 3.1) und Strategie-Modelle zeigen erwerb. Schreiben wird eine „produktive
den unterschiedlichen Verlauf einzelner Teil- Kraft“ (Eigler 1985, 309).
prozesse des Schreibens während der Onto- Bereiter begründet sein Modell mit der
genese aufgrund unterschiedlichen Wissens Piaget-nahen Theorie von Pascual-Leone:
(Zf. 3.2). Demnach werden Kinder aufgrund ihrer be-
85. Schreiben als mentaler und sprachlicher Prozeß 1011

Fokus
soziale kommunikatives
Leser
Kognition Schreiben

Schreib- flüssiges kritische Urteils- reflektiertes


Produkt konventionen Schreiben fähigkeit Schreiben
(literarisch/logisch)

kontrollierte
Assoziationen
assoziatives reflexives epistemisches
Prozeß Schreiben Denken Schreiben
schriftliche
Sprachproduktion

Abb. 85.6: Fähigkeiten der Schreibkompetenz (nach Bereiter 1980; übers. v. d. Verf.)

grenzten Kapazität, Informationen zu verar- gen zurückgreifen. Die Ebenen des kogniti-
beiten, erst mit zunehmendem Alter fähig, ven Systems und die des kommunikativen
mehrere Tätigkeiten gleichzeitig zu koordi- Handelns werden in einem dritten Schritt zu
nieren (Pascual-Leone & Smith 1969). Exper- generellen Annahmen über den Verlauf bzw.
ten gelingt dies erst durch die Automatisie- die Richtung der stattfindenden Prozesse in
rung „niederer“ Prozesse. Sie erlaubt es, die Beziehung gesetzt.
Aufmerksamkeit zeitweise zwischen verschie- An erster Stelle steht demnach ein kogniti-
denen ranghöheren Tätigkeiten (im Sinne von ves Modell (s. Abb. 85.7). In Anlehnung an
Bereiters Modell) zu verteilen. das Handlungsmodell von Leontjew 1975 un-
Mit seinem Modell schafft Bereiter eine terscheiden Feilke & Augst zwischen drei Ar-
brauchbare Grundlage für die Entstehung ten des Wissens, die in einer hierarchischen
und Erklärung von Schreibstrategien, die Verbindung stehen und eine Stufenfolge von
sich in der Ontogenese durch schrittweise In- bewußtem zum unbewußtem Wissen darstel-
tegration neuer Fähigkeitskomplexe immer len: Konzeptionswissen, Realisierungswissen
wieder umstrukturieren und zu neuen For- und Routinewissen. Das Konzeptionswissen
men des Schreibens führen (s. u. Zf. 3.2, → umfaßt Wissen über allgemeine Kommunika-
Art. 100). tionsnormen und Weltwissen, d. h. Erfah-
rungswissen. An zweiter Stelle steht das Re-
3.1.2. Entwicklung des alisierungswissen, das davon handelt, wie
Makrostrukturwissens man Konzeptionswissen sprachlich umsetzt.
Die Möglichkeit, ein fundiertes Modell über Zum Realisierungswissen, das bereits als
die Entwicklung der Schreibkompetenz zu er- sprachliches Wissen im engeren Sinne be-
stellen, wird von Feilke & Augst (1989) skep- trachtet werden kann, zählen linguistisches
tisch eingeschätzt. Sie weisen auf die theore- Makrostrukturwissen (z. B. Kenntnis von
tischen Probleme hin, die in Ermangelung Planungstechniken) und linguistisches Mikro-
einer empirisch begründeten Theorie des strukturwissen (z. B. Beherrschung syntakti-
Schriftspracherwerbs und einer konsensfähi- scher und lexikalischer Alternativen der For-
gen entwicklungspsychologischen Theorie be- mulierung und der Verkettung von Proposi-
reits bei der Bezeichnung des Gegenstandsbe- tionen). An dritter Stelle steht der am wenig-
reiches entstünden: Ist der Schriftspracher- sten bewußte Teil des Wissens, das Routine-
werb ein Reifungsprozeß in nuce, ein Erwerb wissen. Es umfaßt nicht nur schriftsprach-
im Sinne Chomskys, ein Sozialisationspro- liche Routinen, sondern auch Planungspro-
zeß, der lediglich internalisiert werden muß, zesse beim Formulieren und Strukturieren
oder ein vom Individuum ausgehender Lern- der Texte (s. Abb. 85.7).
prozeß? In Abb. 85.7 markieren die Pfeile zwischen
Angesichts dieser Lage definieren die Auto- den genannten Wissensbeständen Bezüge zwi-
ren Entwicklungsprozesse als Veränderungen schen den unterschiedlichen Parametern lin-
von Wissensbeständen innerhalb des kogniti- guistischer, kognitiver und sozial-kognitiver
ven Systems, zu deren Erklärung sie auch auf Entwicklungen, die die Hypothesenbildung
Handlungs- und Kommunikationsbedingun- erleichtern sollen. So bedeutet z. B. der Pfeil
1012 VII. Psychologische Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

Konzeptionswissen Realisierungswissen Routinewissen

Kommunikationsnormen- Linguistisches Makrostruktur-


wissen wissen
- Aufrichtigkeit - Planungstechniken
- Objektivität - Textsortenwissen
- Verständlichkeit - Kohärenzprinzipien
- situative Angemessenheit
- Schreibmotorik
- Schreibung und
Interpunktion
Weltwissen Linguistisches Mikrostruktur- - literale Routinen
wissen
- frames
- Prototypen - Kohäsionstechniken
- Begriffe - Syntax
- Lexik
(Formulierung)

Abb. 85.7: Kognitives Modell für die Ontogenese der Schreibkompetenz (Feilke & Augst 1989, 302)

vom Weltwissen zum Mikrostrukturwissen, rungsfähigkeit). Hinsichtlich der kognitiven


daß mit zunehmender Ausweitung und Kom- Problemdimension müssen die Fähigkeiten
plexität des Weltwissens auch die Anforde- zur Versprachlichung und zur Dekontextuali-
rungen an die linguistische Kompetenz stei- sierung erworben werden, um das Fehlen des
gen (vgl. Augst & Faigel 1986; Scardamalia gemeinsamen Handlungskontextes zwischen
1982; Rickheit 1975). In diesem Modell wird Autor und Leser und den verstärkten Einfluß
der Entwicklung von Makrostrukturwissen des semantischen Umfeldes im schriftlichen
als entwicklungspsychologischer Kompo- Text zu kompensieren. Als besonders schwie-
nente im Erwerb schriftsprachlicher Fähig- rig betrachten Feilke und Augst die soziale
keiten eine Schlüsselstellung eingeräumt. Da Problemdimension. Schriftliche Kommuni-
die Makrostruktur im kognitionspsychologi- kation erfordert bzw. ermöglicht die Ausbil-
schen Sinne die top-down-Prozesse der Text- dung einer Kontextualisierungskompetenz,
produktion organisiert, beeinflußt sie alle an- weil alle möglichen Reaktionen des Adres-
deren Merkmale des Textes. saten in der Phantasie vorweggenommen und
Weil sie den Schreibprozeß als Versuch beim Schreiben bedacht werden müssen. Die
auffassen, ein komplexes Kommunikations- textuelle Problemdimension besagt, daß die
problem zu lösen, ergänzen Feilke & Augst Anforderungen, die an „Texte“ im Sinne der
(1989) das interaktive Modell der Wissens- Texttheorie gestellt werden, in jeder Modali-
komponenten durch ein semiotisch begrün- tät andere Probleme mit sich bringen. Hier
detes Modell kommunikativer Handlungs- wird die funktionale Integration aller ange-
probleme, die in einen expressiven, einen sprochenen Problemdimensionen verlangt,
kognitiven und einen sozialen Problemraum was vor allem durch das Verhältnis der ge-
aufgeteilt sind. Diese Dimensionen, bei denen nannten Probleme zueinander im Text und
das Bühlersche Organon-Modell Pate stand, durch genuin schriftsprachlich bedingte Pro-
werden durch einen weiteren, textuellen Pro- bleme ! z. B. den richtigen „Startpunkt“ zu
blemraum ergänzt, in dem alle anderen Pro- finden (vgl. Feilke 1988) ! erschwert werden
blemaspekte münden. Als Norm für die Text- kann. Die hier erforderliche Planungskompe-
qualität gilt die Homogenität des gesamten tenz verlangt eine möglichst weit gehende gei-
Textes. Die expressive Problemdimension be- stige Vorwegnahme aller Handlungskonse-
sagt, daß beim Schriftspracherwerb unter on- quenzen im Schreiben (Reflexivierungskom-
togenetischer Perspektive aufgrund steigen- petenz).
der Affektdistanz eine zunehmende symboli- Während Bereiters Modell teilweise auf ei-
sche Durchstrukturierung der Ausdrucks- genen Untersuchungen beruhte, handelt es
kommunikation erfolgt (Desymptomatisie- sich bei Feilke & Augst um ein heuristisches
85. Schreiben als mentaler und sprachlicher Prozeß 1013

Modell mit bestimmten Hypothesen zur Ent- Eine Folge der Entwicklung der Wissens-
wicklung der Schreibkompetenz. Es umfaßt komponente ist, daß Teilprozesse der Schreib-
allerdings nur kognitive und sprachliche Ent- handlung je nach Alter in Abhängigkeit des
wicklungsprozesse, die zur Lösung der an- Wissens unterschiedlich durchgeführt werden.
geführten kommunikativen Schreibhand- Die nun folgenden Modelle über Schreib-
lungsprobleme notwendig sind. Da Schrei- strategien beschreiben den Umgang mit die-
benlernen meist als Erwerb einer kommuni- sem Wissen.
kativen Fähigkeit angesehen wird, ist dieser
Fokus aus entwicklungspsychologischer Sicht 3.2. Ontogenese von Schreibstrategien
sinnvoll. Das Hauptaugenmerk richtet sich Mit Schreibstrategien unter entwicklungspsy-
dabei auf die Entwicklung des Makrostruk- chologischem Aspekt befassen sich Scarda-
turwissens, dessen Ordnungsprinzipien bisher malia & Bereiter (1986, 1987) aus pädagogi-
wenig in vergleichenden Untersuchungen er- schen Gründen. Sie untersuchten die Schreib-
forscht wurden. strategien von Schülern und Studenten und

mentale Repräsentation
der Aufgabe

Prozeß der
inhaltsbezogenes Wissens- sprachbezogenes
Wissen reproduktion Wissen

thematische Hinweise
Hinweise auf Textart
suchen suchen

Abrufschemata
konstruieren

mit Hilfe der Suchschemata


Inhalte aus dem Gedächtnis
abrufen

Inhalte auf
Angemessenheit prüfen
nicht
angemessen angemessen

Schreiben
(Notizen, Rohfassung usw.)

mentale Repräsentation
des Textes aktualisieren

Abb. 85.8: Strategie der Wissensreproduktion (knowledge telling model) nach Scardamalia & Bereiter (1986,
62; übers. v. d. Verf.)
1014 VII. Psychologische Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

versuchten diese durch procedural facilitation mehr Planungs-, Zielsetzungs- und Überar-
(einem Verfahren, das fehlerhafte oder un- beitungsprozesse als ein normales Gespräch.
vollständige Denkprozesse durch strategische Dadurch können Kinder ihre bereits wei-
Hinweise unterstützen soll) weiterzuentwik- terentwickelten Gesprächsführungsstrategien
keln. beim Schreiben übernehmen (Bereiter &
Aus ihren Untersuchungen gingen zwei Scardamalia 1982). Für die Plausibilität die-
Strategie-Modelle hervor: Das sogenannte ses Strategie-Modells sprechen laut Scarda-
knowledge-telling-model, eine Strategie der malia & Bereiter zahlreiche Belege: Schreib-
bloßen Wiedergabe von Wissen beim Schrei- anfänger „kleben“ an bekannten literarischen
ben, und das knowledge-transforming-model, Textschemata und wählen die Inhalte ohne
eine Schreibstrategie, bei der Wissen durch große Rücksicht auf den Adressaten (vgl.
den Produktionsprozeß verändert wird. For- auch writer-based prose nach Flower 1979).
mal gesehen entsprechen diese Modelle dem Anzeichen von Zielsetzungs-, Planungs- oder
Problemlöseschema, mit Schwerpunkt auf anderen Problemlöseverhaltensweisen zeigen
dem Prozeß der Inhaltsgenerierung. sie beim lauten Denken wie in Selbstberich-
Die Strategie der einfachen Wissensrepro- ten allenfalls auf lokaler Ebene. Die Anlauf-
duktion (knowledge-telling-model), die Scar- zeit beim Schreiben ist daher unabhängig von
damalia & Bereiter als typische Herangehens- der Schwierigkeit der Schreibaufgabe, und
weise bei Anfängern feststellten, ermöglicht die Art Kohärenz der produzierten Texte ent-
es, Inhalte ohne übergreifende Planung oder spricht den Erwartungen des Modells. Ähn-
Ziel, d. h. ohne die für das Schreiben übli- liche Verhaltensweisen wurden beim Revidie-
chen Problemlöseverfahren, zu generieren ren und den Lesestrategien von Schreiban-
(Bereiter & Scardamalia 1985). Dieses Ver- fängern beobachtet (Bereiter & Scardamalia
fahren läßt sich allerdings nur bei einer ver- 1987).
trauten Textart und einem ansprechenden Im Unterschied zum Modell der Wissens-
Thema aufrechterhalten. Das inhaltliche und reproduktion umfaßt das Modell der Wissens-
sprachliche Wissen zum Thema wird dabei transformation (knowledge-transforming-stra-
praktisch ungefiltert assoziativ wiedergege- tegy) eine Reihe von Problemlöseverfahren.
ben (s. Abb. 85.8). Diese fortgeschrittenere Schreibstrategie ent-
Auf der Grundlage einer mentalen Reprä- hält das erstgenannte Modell noch als Unter-
sentation der Aufgabe werden thematische prozeß im Rahmen eines komplexen Pro-
und textartspezifische Reizwörter zur Steue- blemlösevorgangs. Es handelt sich also weder
rung der Suchprozesse im Gedächtnis be- um eine Verfeinerung des ersten Modells
stimmt. Diese Suchwörter aktivieren automa- noch um etwas völlig Neues.
tisch zusammenhängende Konzepte, im Bei der Strategie der Wissenstransforma-
Sinne einer spreading activation (Anderson tion wird im Sinne Newells (1980) von einem
1983). Bei dieser Art der Gedächtnisaktivie- inhaltlichen und einem rhetorischen Pro-
rung werden im wesentlichen solche Informa- blemraum ausgegangen. Der Begriff Pro-
tionen abgerufen, die dem unmittelbaren blemraum bezeichnet eine abstrakte Einheit,
Kontext bzw. dem Aktivierungsursprung am bestehend aus verschiedenen Wissenszustän-
nächsten sind. Dies führt im allgemeinen den und Operationen, die dazu dienen, einen
automatisch zu kohärenten Texten, ohne daß Wissenszustand in einen nächsten zu über-
der Schreibende diese Kohärenz über Pla- führen. Im vorliegenden Beispiel werden im
nungsprozesse sicherzustellen braucht. Jede inhaltlichen Problemraum die Überzeugun-
geschriebene Texteinheit dient ihrerseits als gen des Schreibenden angenommen, die
weitere Quelle für themenbezogene und gen- durch Operationen wie Schlußfolgern und
respezifische Reizwörter und verstärkt da- Hypothesenbildung geändert werden kön-
durch die Tendenz zur Kohärenz. Literari- nen. Der rhetorische Problemraum seinerseits
sches Wissen oder eine gezielte und bewußte besteht aus Repräsentationen der rhetori-
Anwendung des Erfahrungswissens spielen schen Situation, d. h. des Textes und der da-
für Kohärenz und Stil eines mit dieser Strate- mit verbundenen Ziele. Im rhetorischen Pro-
gie produzierten Textes eine untergeordnete blemraum setzt man sich demnach mit der
Rolle. Beziehung zwischen Inhalten und den mögli-
Diese Schreibstrategie wird häufig bis ins chen Reaktionen eines Lesers auseinander.
Erwachsenenalter beibehalten und hat un- Die Wissenszustände im rhetorischen Pro-
übersehbare Vorteile: Sie erlaubt schnelles blemraum werden durch Operationen beein-
Schreiben und erfordert nicht wesentlich flußt, mit denen der Text, die Ziele oder die
85. Schreiben als mentaler und sprachlicher Prozeß 1015

mentale Repräsentation
der Aufgabe

Problemanalyse,
Zielsetzung

inhalts- sprach-
bezogenes bezogenes
Wissen Wissen

Problem-
inhaltlicher übersetzung rhetorischer
Problem- Problem-
raum raum
Problem-
übersetzung

Prozeß der
Wissens-
reproduktion

Abb. 85.9: Modell der Wissenstransformation (knowledge-trans-


forming-strategy) nach Scardamalia & Bereiter (1987, 146; übers.
v. d. Verf.)

Beziehungen zwischen dem Text und den Zie- beiden Modellen gleich ist, gibt es einen Un-
len geändert werden. terschied in der Qualität der aktivierten Ge-
Wissenstransformation durch Schreiben dächtnisinhalte. Bei der Strategie der Wis-
findet im inhaltlichen Problemraum statt, senstransformation spielen rhetorische Teil-
wenn eine Wechselwirkung zwischen inhalt- ziele eine wesentlich größere Rolle. Infolge-
lichem und rhetorischem Problemraum gege- dessen passen die abgerufenen Informationen
ben ist. Dazu müssen Probleme aus dem rhe- nicht nur zum Thema und zum Textgenre,
torischen Problemraum in Teilziele übersetzt sondern auch zu den konkreten Gegebenhei-
werden, die im inhaltlichen Problemraum er- ten der rhetorischen Situation. Mit wachsen-
füllt werden, und umgekehrt. Ein Beispiel: der Übung des Schreibenden ist den Texten
Das rhetorische Problem, eine Aussage klar äußerlich oft kaum noch anzumerken, mit
und überzeugend zu gestalten, kann in Teil- welcher Strategie sie produziert wurden, doch
ziele wie „Generiere Beispiele für einen Be- bleibt als charakteristischer Unterschied das
griff“, „Begründe eine Überzeugung“, „Ge- Fehlen oder Vorhandensein von strategisch
neriere Zwischenschritte in einer Argumen- formulierten Zielen und Teilzielen, von Such-
tationskette“ usw. übersetzt werden. Diese kriterien sowie anderen Komponenten von
Operationen werden im inhaltlichen Pro- Problemlöseprozessen.
blemraum durchgeführt und können ihrer- Die Tatsache, daß das Modell der Wissens-
seits auf die Überzeugungen des Schreiben- reproduktion in dem fortgeschritteneren Mo-
den zurückwirken. Es entstehen z. B. neue dell integriert ist, läßt vermuten, daß es sich
Bezüge, neue Zusammenhänge oder Ziele für um allgemein gültige Entwicklungsstadien
weiteres Nachdenken. So kann die dialekti- des Schreibens handelt. Wahrscheinlicher ist
sche Wechselwirkung zwischen beiden Pro- jedoch, daß jemand, der beim Schreiben über
blemräumen Inhalt und Struktur des Wissens eine ausgeprägte Strategie der Wissenstrans-
verändern (s. Abb. 85.9). formation verfügt, bereits von Anfang an
Obwohl die Art und Weise, wie Informa- eine zielgerichtetere Einstellung zum Schrei-
tion aus dem Gedächtnis abgerufen wird, in ben hatte (vgl. Britton 1982; Scardamalia &
1016 VII. Psychologische Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

Bereiter 1982). Die reifere Strategie ermög- ren), das zur Überwachung der eigenen
licht es, zwischen verschiedenen Schreibakti- Sprachproduktion notwendig ist. Der Weg
vitäten abzuwechseln, deren Angemessenheit vom Gedanken zum Wort geht von der prä-
fortlaufend zu überprüfen und deren Ergeb- verbalen Botschaft über die innere Sprache
nisse zu koordinieren. Die Anwendung heuri- zur Äußerung, aus der zur Kontrolle die
stischer Suchprozesse erhöht die Wahrschein- postverbale Botschaft heraus interpretiert
lichkeit, die richtigen Inhalte zu finden. Der wird. Levelt belegt den Verlauf dieser Pro-
Umgang mit unterschiedlichen mentalen Re- zesse vor allem mit einer Sammlung von Ver-
präsentationen des Textes ermöglicht eine ge- sprechern und dem Verhalten bei Selbstkor-
zieltere und präzisere Denkarbeit: Wortwört- rekturen.
liche Repräsentationen, detaillierte Repräsen- Da Fehleranalysen von Texten auf die glei-
tationen des Inhalts (Mikropropositionen) che Vorgehensweise beim Prozeß der schriftli-
oder des allgemeinen Sinns (Makroproposi- chen Formulierung hindeuten (s. Daiute
tionen), Repräsentationen der Struktur, der 1986; Kaufer et al. 1986; Nystrand 1982 a;
Probleme und Ziele erlauben eine genauere Hotopf 1983; Wiese 1989), spricht einiges da-
Fehlerdiagnostik und bieten Möglichkeiten für, die mündliche wie schriftliche Sprach-
für kreative Momente, die bei der Strategie oder Textproduktion zumindest unter dem
der Wissensreproduktion nicht zu erwarten Aspekt der „Verbalisierung“ (im Sinne der
sind. Versprachlichung sprachfreier Gedanken) als
größtenteils gleichwertig anzusehen. In den
bekannten Modellen wird dieser Weg im all-
4. Vom Gedanken zum Wort: gemeinen in drei Stufen eingeteilt (s. Zf. 4.1).
Schreiben als Sprachproduktion Einen weiteren Schwerpunkt bildet die Un-
tersuchung der beobachtbaren Prozeßabläufe
Historisch gesehen hat die Schreibforschung (s. Zf. 4.2).
auch wesentliche Impulse aus der Forschung
zur mündlichen Sprachproduktion erhalten. 4.1. Stufen der Sprachproduktion
Es wurden daher auch einige Modelle entwik- In diesem Abschnitt werden mehrere Modelle
kelt, deren Komponenten aus den Gemein- zur schriftlichen Sprachproduktion beschrie-
samkeiten und Unterschieden zwischen Spre- ben und den Stufen mündlicher Sprachpro-
chen und Schreiben hervorgehen. Im Mittel- duktion zum Vergleich gegenübergestellt.
punkt steht bei diesen Modellen die Umset- Ein typisches Stufenmodell der Sprachpro-
zung von (vermutlich) sprachfreien Gedan- duktion stammt von Herrmann & Hoppe-
ken in gesprochene und geschriebene Spra- Graff (1989). Sie unterscheiden als Produk-
che. Im Vergleich zu den Modellen der vor- tionsstufen eine Stufe der Wissensaktualisie-
ausgegangenen Abschnitte, in denen der rung und -fokussierung, eine Stufe der Selek-
gesamte Schreibprozeß und die Komponente tion und Linearisierung und eine Stufe der
des Wissens modelliert wurden, handelt es verbalen Enkodierung.
sich hier um einen Versuch, den Prozeß des (1) Als erstes wird demnach Wissen aktua-
Formulierens mit seinen Planungsstufen zu lisiert und fokussiert. Dabei unterliegt die
beschreiben. Die hier entwickelten Modelle Auswahl des aktualisierten Wissens verschie-
enthalten als Komponenten linguistische Ka- denen Einschränkungen: den eigenen Erfah-
tegorien, die die Stufen der Versprachlichung rungen und darauf aufbauenden Schlußfolge-
von Gedanken zu Sätzen sowie sprachlich- rungen, dem Handlungsziel und den Beson-
stilistische Unterschiede zwischen Sprechen derheiten der Kommunikationssituation und
und Schreiben kennzeichnen sollen. des Kommunikationspartners. Diese, auf das
Die derzeit umfassendste Modellierung der Ziel und den Partner bezogene Thematik des
mündlichen Sprachproduktion bietet Levelt Textes nennen die Autoren den Fokus bzw.
(1989 a, b). Sein Prozeßmodell umfaßt meh- die fokussierte gedankliche (informationale,
rere parallel arbeitende Module: eines für die kognitive, propositionale) Grundlage der
konzeptuelle Verarbeitung (Inhaltsplanung Textproduktion.
und Überwachung der Sprachproduktions- (2) Aus diesen fokussierten Informationen
prozesse), einen Formulator (grammatisches wird jedoch nur ein Teil verbalisiert (Inputse-
und phonologisches Enkodieren), einen Arti- lektion). Ferner werden die ausgewählten Fo-
kulator (Regulation der Sprechmotorik) und kuskomponenten in einer bestimmten Rei-
ein Modul für das Verstehen (Lauterkennung, henfolge selegiert und sprachlich enkodiert
phonologisches und grammatisches Decodie- (Inputlinearisierung). Zur Steuerung dieser
85. Schreiben als mentaler und sprachlicher Prozeß 1017

Prozesse nehmen die Autoren erlernte sche- als auch an seiner Oberfläche kohärent wer-
matische Linearisierungsprozeduren an: So den lassen. (1) Auf der „tiefsten“ Ebene der
erfolgt die übliche Linearisierungsprozedur Textbedeutung wird propositionale und funk-
z. B. nach dem Prinzip, die Dinge in derjeni- tionale Kohärenz durch Festlegung der Aussa-
gen Reihenfolge zu sagen oder zu schreiben, gen und der illokutionären Funktionen des
in der sie üblicherweise ablaufen oder sich zu- Textes erreicht. (2) Eine Ebene darüber wer-
getragen haben (vgl. auch Flammer et al. den durch geeignete Sequenzierung Entschei-
1985). dungen zur thematischen Kohärenz getroffen.
(3) Als nächstes muß dieser noch nicht Bezogen auf den Formulierungsteil der
sprachlich geformte Enkodier-Input in münd- Sprachproduktion spricht Frederiksen von
liche oder schriftliche Sprache übersetzt wer- Kohäsionsentscheidungen. (3) Kohäsionsent-
den. Diese Enkodierprozesse werden in syn- scheidungen dienen dazu, die auf der Bedeu-
taktische, lexikalische und prosodische Enko- tungsebene vorhandene Kohärenz auch mit
dierung unterteilt. Die artikulatorische bzw. angemessenen Mitteln sprachlich zu signali-
schreibmotorische Realisierung von Texten sieren. (4) Die letzte Entscheidungsstufe soll
stellt eine weitere gesonderte Enkodierung schließlich die Kohäsion innerhalb der Sätze
dar. Als verbale Enkodierungsprozesse beim durch korrekte Anwendung grammatikali-
Schreiben gelten z. B. die Wahl der Wortstel- scher Regeln usw. gewährleisten. Die ver-
lung, die Pronominalisierung oder die Ver- schiedenen Stufen der Kohärenzentscheidun-
wendung von Soziolekten. Da die verbale gen zeigen, daß Kohärenz nicht nur eine An-
Enkodierung die letzte Planungsstufe in die- gelegenheit des Autors (Verknüpfungen im
sem Sprachproduktionsmodell bildet, ist sie Wissen des Autors) oder des Textes (Ver-
funktional abhängig von den vorgeordneten knüpfungen im Text) ist, sondern auch von
Planungsprozessen der Fokussierung, Selek- der Beziehung zum Adressaten (Verknüpfun-
tion und Linearisierung. Herrmann & gen zwischen der Textstruktur und den Wis-
Hoppe-Graff fassen den Prozeß der Sprach- sensstrukturen des Adressaten) abhängt.
produktion dennoch nicht als eine strikt li- Die hier beschriebenen Modelle unter-
neare Abfolge von Prozeßstufen auf, sondern scheiden nicht streng zwischen schriftlicher
als parallele Prozesse auf verschiedenen Ebe- und mündlicher Sprachproduktion. Stellt
nen. Die Ergebnisse der aktuellen Planungs- man ihnen zum Vergleich Levelts Modell
prozesse einer Ebene stellen gleichzeitig die mündlicher Sprachproduktion gegenüber, so
„Daten“ für die Prozesse auf den anderen zeigen sich Unterschiede v. a. darin, daß in
Stufen dar. den Modellen der schriftlichen Sprachpro-
Ein ähnliches dreistufiges Modell stammt duktion die konzeptuelle Ebene (d. h. die Er-
von Chafe (1977, 1979). Er unterscheidet drei zeugung der präverbalen Botschaft nach Le-
Arten von Textstrukturen: (1) eine semanti- velt) stärker ausgearbeitet ist, die Prozesse
sche Struktur, d. h. Propositionen, die der der Formulierung oder Verbalisierung sowie
Sprachproduzent auf der Grundlage seines die Rolle des Lexikons dagegen wenig diffe-
Wissens von der Welt erstellt, (2) eine Ober- renziert dargestellt werden. Diese weitge-
flächenstruktur, womit eine linearisierte Kon- hende Übereinstimmung ist auf die wissen-
figuration der semantischen Struktur gemeint schaftliche Herkunft vieler Schreibforscher
ist, und (3) eine phonetische Struktur, die sich zurückzuführen und zeigt sich u. a. darin,
aus der Umsetzung der Oberflächenstruktur daß die o. g. Autoren in der Regel beide Mo-
in Laute ergibt. Mit anderem Vokabular (vgl. dalitäten in ihr Modell miteinbeziehen.
auch Schlesinger 1977) werden hier im Prin-
zip die gleichen Zäsuren getroffen wie im 4.2. Prozeßablauf beim Formulieren
Modell von Herrmann & Hoppe-Graff. Was Ein Modell des Formulierungsprozesses
letzteres auszeichnet, ist der Stellenwert des wurde von Hayes & Flower entsprechend ih-
Kommunikationsziels und -partners beim res Problemlöse-Ansatzes als Flußdiagramm
Sprechen und Schreiben auf sämtlichen Pro- dargestellt (Hayes & Flower 1980, 1986).
duktionsstufen (vgl. auch u. Zf. 4.3). Startpunkt ist ein Element des Planes (z. B.
Ein weiteres Stufenmodell, bei dem der Be- ein Stichwort zur inhaltlichen Planung oder
griff der Kohärenz im Mittelpunkt steht, eine Selbstanweisung), das als Suchschema
wurde von Frederiksen (1977) entwickelt. dient. Die Größe der Planungseinheiten beim
Demnach muß der Schreibende auf vier Ebe- Formulieren ! ob Satzteile, ganze Sätze oder
nen kommunikative Entscheidungen treffen, gar Abschnitte ! hängt davon ab, wieviel In-
die den Text sowohl in seiner Tiefenstruktur halte durch den betreffenden Gliederungs-
1018 VII. Psychologische Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

punkt vermittelt werden sollen oder über wel- ziehen. Die Frage, ob dann zuerst Wörter ge-
che Informationsverarbeitungskapazität der wählt und zu Sätzen zusammengefügt wer-
Schreibende verfügt. Als empirischen Beleg den, oder ob zuerst Satzschemata gewählt
für die Planung eines Satzteiles werten und mit Wörtern gefüllt werden, findet in kei-
Hayes & Flower die Suchprozesse, die in den nem der genannten Modellen eine klare Ant-
Protokollen lauten Denkens als Selbstbefra- wort. Ergebnisse aus der mündlichen Sprach-
gungen und im Verhalten als wiederholtes produktion zeigen, daß es für beide Möglich-
Überlesen des Kontextes auftauchen. keiten Belege gibt (s. Beaugrande 1982 b). Im
Diese Ausführungen sagen etwas über Pla- allgemeinen wird auf der Grundlage der ge-
nungs- und Evaluationsprozesse aus, wenig nerativen Grammatik angenommen, daß
jedoch über die Stufen der eigentlichen beim Sprechen Einheiten produziert werden,
Formulierungsprozesse. An anderer Stelle die einer clause entsprechen (z. B. Fodor, Be-
äußern sich Hayes & Flower etwas genauer ver & Garrett 1974). Die im Modell von Fre-
zum Verhältnis von Plan und Text (Hayes & deriksen genannten Kohäsionsentscheidun-
Flower 1986; Kaufer, Hayes & Flower 1986): gen tragen der Wörterselektion eine entschei-
Meist werden die Notizen der Inhaltsplanung dende Rolle zu. Beaugrande 1982 b schlägt
stark detailliert und, falls notwendig, um- eine Art Raster vor, nach dessen Parameter
fassende Generierungsprozesse zwischenge- die Merkmale der in Frage kommenden Wör-
schaltet. Darüber hinaus besteht ein dialekti- ter im Hinblick auf bestimmte Kriterien ab-
sches Verhältnis zwischen Plan und Text, getastet werden. Der Kontext bestimmt dabei
demzufolge die Reihenfolge der Themen im die Merkmale, die ein Wort besitzen muß, um
Plan häufig die Reihenfolge der entsprechen- die Schwelle dieses Filters zu überschreiten.
den Sätze im Text bestimmt, andererseits aber Bedenkt man allerdings die nachweislich
auch durch den Zwang zur Kohäsion beim hohe Interaktivität der verschiedenen Verba-
Formulieren Unzulänglichkeiten im Plan auf- lisierungsstufen (s. Levelt 1989 a, b), so erwei-
gedeckt und korrigiert werden können (vgl. sen sich einige der eben genannten Fragen als
Zf. 3.2). hinfällig oder unbeantwortbar.
Die Hauptschwierigkeit in den eben be-
schriebenen Modellen besteht darin, wie die 4.3. Strategien der Sprachproduktion
Übersetzung von (vermutlich) averbalen Ge- Ausgehend von einem handlungstheoreti-
danken in sprachliche Äußerungen zu cha- schen Ansatz präsentieren van Dijk &
rakterisieren ist. Diese „Versprachlichung“ Kintsch (1983) ein umfassendes Strategien-
stellt vom schematheoretischen Standpunkt Modell, das die Wechselbeziehungen zwi-
eine Reihe von Interpretationsakten der (vgl. schen verschiedenen Planungs- und Evalua-
Chafe 1977): Gedächtnisinhalte werden in tionsstrategien bei der Textproduktion zeigt.
chunks (Miller 1956) unterschiedlicher Größe Es bezieht sich zwar auf die mündliche
und Struktur abgerufen. Diese subjektiven Sprachproduktion, läßt sich aber ohne weite-
Einheiten entsprechen nicht unbedingt gram- res auf die schriftliche Textproduktion über-
matischen Kategorien. Als psychologisch be- tragen. Eine grundsätzliche Eigenschaft die-
deutsam haben sich syntaktisch und längen- ses Ansatzes ist die Unterscheidung zwischen
mäßig eingrenzbare Satzeinheiten (phrasal den beobachtbaren Merkmalen der Handlun-
units) und Bedeutungseinheiten (gists) erwie- gen und den Merkmalen der kognitiven Re-
sen (Scardamalia & Paris 1985). Durch Sche- präsentation dieser Handlungen. Die Wir-
matisierungsprozesse werden diese chunks bei kungen oder Konsequenzen von Handlungen
der Verbalisierung in kleinere (immer noch werden als Ziele bezeichnet; kognitiv werden
wesensgleiche) Einheiten aufgeteilt, die sich Handlungen als Intentionen und Ziele als
in Sätzen ausdrücken lassen. Als nächstes Zwecke repräsentiert. Kontrolliert werden die
wird ein Rahmen (frame nach Minsky 1975) Ziele durch die Motivationen des Handelnden.
gewählt, der festlegt, welche Details (Perso- Handlungszwecke sind ihrerseits von diesem
nen, Objekte usw.) zur Charakterisierung der motivationalen System abhängig.
schematisierten Situation oder Ereignisse er- Die Sprachproduktion wird als Sequenz
wähnt werden sollen. Die Gedanken werden einzelner Handlungen und Makro-Handlun-
erst sprachlich spezifiziert, wenn durch Kate- gen (macroactions) betrachtet, deren kogni-
gorisierungsprozesse die Wahl der Wörter er- tive Repräsentationen als Pläne bezeichnet
folgt. werden. Um diese Pläne auf effektive Art um-
Bis hierher lassen sich mühelos Parallelen zusetzen, werden Strategien notwendig. Van
zum Modell von Herrmann & Hoppe-Graff Dijk & Kintsch gehen ausführlich auf prag-
85. Schreiben als mentaler und sprachlicher Prozeß 1019

Wissen über Interessen & Wissen über


Ziele, Vorlieben Werte Interaktionen

kontextspezifische Annahmen über Annahmen über


Annahmen über das Erreichbare Wirkungsmöglich-
Ziele, Vorlieben keiten verbaler
Interaktion

soziales & sozialer & Pläne für pragmatische Wissen über


kulturelles kognitiver globale Analyse des Sprechakte &
Wissen Kontext Sprechakte aktuellen Einsatz-
Kontextes bedingungen

Wissen über Wissen über


Kooperations- Strategien zur Strategien zur
prinzipien, Über- Evaluation der lokalen Verbindung
zeugungen & Durchführung
Interessen des vorausgegangene lokaler & globaler
lokale Sprech- Pläne
Hörers
akte & ihre
Konsequenzen
Pläne für
Gedächtnis-
lokale
repräsentation
Sprechakte
voraus-
Hypothesen gegangener
zum aktuellen Sprechakte
Zustand
Durchführung des Hörers
des Sprechakts

Abb. 85.10: Interaktion der Sprachproduktionsstrategien (nach van Dijk & Kintsch (1983, 271); übers. v.
d. Verf.)

matische, semantische und Formulierungs- den einzelnen Ebenen und zur Verbindung
pläne ein und betonen dabei die gegenseitigen dieser Ebenen miteinander. Dabei werden
Abhängigkeiten der zur Realisierung der auch Wissen und Motivation als die Kompo-
Pläne notwendigen Strategien (s. Abb. 85.10). nenten angesprochen, aus denen die Ele-
In ihren Schlußfolgerungen zur Strategie der mente der kognitiven Repräsentationen bei
Satzproduktion stellen die Autoren z. B. fest, Planung und Durchführung bezogen werden.
daß im Prinzip jede Information der semanti-
schen oder pragmatischen Ebene an der Text- 5. Aufgabenspezifische Strategien der
oberfläche in Worten wiedergegeben werden
kann und daß die Wörter der Oberflächen-
Textproduktion
struktur bereits gewählt werden können, be- Dieser heterogene Abschnitt umfaßt Modelle
vor eine vollständige semantische oder prag- über aufgaben-, personen- und situationsspe-
matische Repräsentation gebildet worden ist. zifische Schreibstrategien. Vom Aufbauprin-
Abb. 85.10 zeigt (von außen nach innen ge- zip her sind sie dem Problemlöse-Ansatz ver-
hend), welche Wissensbestände durch welche pflichtet und weisen in ihrer Konzeption
aktuellen Annahmen und Analysen gefiltert meist keine grundlegend neuen Gedanken
und kombiniert werden, um zu den Plänen auf. Die folgenden Beispiele sollen jedoch zei-
und Strategien zu führen, die dem Sprechakt gen, wie durch neue Gewichtungen, weitere
zugrunde liegen. Differenzierung und Rekombination einzel-
Das Modell bestätigt die Stufenmodelle ner Komponenten vorhandener Modelle For-
des vorausgegangenen Abschnitts, was Art schungsergebnisse zur Erklärung beobachte-
und Inhalt der Formulierungsebenen betrifft. ter Schreibphänome beitragen und interes-
Der Schwerpunkt liegt hier aber auf den Stra- sante Fragestellungen für weitere Forschung
tegien zur Durchführung der Prozesse auf gewonnen werden können.
1020 VII. Psychologische Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

5.1. Aufgabenspezifische Adaptationen des allgegenwärtigen Rolle der Sprache nicht


Modells von Hayes & Flower 1980 überrascht. Didaktische Progression, Vorga-
Die Popularität eines Modells läßt sich u. a. ben der Schreibziele, Aufgabengestaltung, die
an der Anzahl seiner aufgabenspezifischen eigentlichen Schreibprozesse, Feedback und
Adaptationen bemessen. Am Beispiel fremd- Bewertung erscheinen bei Börner als Kreis-
sprachlichen Schreibens und bibliographi- lauf von Interaktionen zwischen Lehrer, Ler-
schen Abstrahierens wird dieser Punkt für nenden und Texten, die durch allgemeine
das Modell von Hayes & Flower illustriert. Prinzipien des Schreibens, des Schreibenler-
nens und des Schreibenlehrens in der Fremd-
5.1.1. Fremdsprachliches Schreiben sprache gesteuert werden.
Mit dem Ziel, charakteristische Merkmale 5.1.2. Bibliographisches Abstrahieren
des fremdsprachlichen Schreibens in dynami- Die Genese von Inhaltsangaben für biblio-
sierter Form darzustellen, fügt Börner 1989 graphische Datenbanken (abstracting) zeich-
der Aufgabenumgebung und den im Original- net sich als Aufgabe dadurch aus, daß das
Modell von Hayes & Flower genannten kog- übergreifende Ziel die Reduktion und Kom-
nitiven Prozessen jene Aspekte hinzu, die sich primierung von Inhalten ist. Diese Art der
zwangsläufig durch die Zwei- bzw. Mehrspra- Textproduktion erfordert von seiten des In-
chigkeit des fremdsprachlichen Schreibens er- haltsanalytikers zwar viel implizites berufli-
geben: Bei einer Nacherzählung z. B. den ches Wissen, doch stehen ihm auch speziali-
Ausgangstext in der Fremdsprache (L2), die sierte Methoden zur Verfügung, die mit den
Schreibprozesse teilweise in der Mutterspra- mentalen Techniken der Textzusammenfas-
che (L1), oder in einer Interim-Sprache (Lint), sung verwandt sind (s. u. Zf. 5.2). Brigitte
den Zieltext in einer meist nicht perfekten In- Endres-Niggemeyer (1989, 1993) entwickelte
terim-Sprache (Lint) sowie den Korrekturtext ein Modell, dessen Schwerpunkt auf der spe-
des Lehrers in der korrekten Fremdsprache zifischen Gestaltung des Generierungsprozes-
(L2). Ansonsten ändert Börner im wesentli- ses liegt. Im Unterschied zum Ur-Modell von
chen nichts an der vorgegebenen Struktur Hayes & Flower ist das Originaldokument,
des Originals. aus dem fast der gesamte Inhalt des zusam-
Wie im Original beschreibt Börner die menfassenden Textes entnommen wird, Teil
Ebene der Schreibprozesse „Planen ! For- des Aufgabenumfelds. Der alles beherr-
mulieren ! Überarbeiten“ mit der kognitiven schende Prozeß der Inhaltsgenerierung be-
Kontrollinstanz „Monitor“, deren sprachli- steht paradoxerweise mehrheitlich aus Pro-
che Anteile vermutlich in der Interimsprache zessen der Informationsreduktion: Zunächst
(Lint) erfolgen, wobei auch die Muttersprache eine Abfolge von scanning-Prozessen, um die
(L1) mitbeteiligt sein kann. anstehenden Dokumente nach Inhalt und
Bei der Darstellung der Schreibumgebung Form zu klassifizieren, dann die Auswahl der
steht die bei der Schreibübung ablaufende zu lesenden Textabschnitte, die zusammenge-
Lehr-Lern-Interaktion im Mittelpunkt. Als faßt werden sollen. Endres-Niggemeyer greift
zusätzliche Komponenten fügt Börner ge- an diesem Punkt auf die Makrostruktur-
zielte Hilfen zum Planen und Formulieren, Theorie von Kintsch & van Dijk 1978 zu-
sowie die Dreifachfolge von Intertexten der rück. Mit den anschließenden Planungspro-
typischen fremdsprachlichen Schreibübung zessen wird die Struktur des Zieltextes festge-
(Ausgangstext, Zieltext und Korrekturtext als legt. Mehrere Variablen kontrollieren diesen
Feedback) hinzu. Dem steht als weiterer Teil der Schreibaufgabe: z. B. das angestrebte
Aspekt der Schreibumgebung die Ebene der Produkt, der Adressat, die Arbeitsbedingun-
lehrseitigen Planung, Steuerung und Bewer- gen, verfügbare Hilfen usw. Eine ähnliche
tung der genannten Schreibprozesse gegen- aufgabenspezifische Präzisierung erfährt der
über: Hier werden Befunde, Annahmen und Prozeß des Revidierens, der durch professio-
Setzungen der fremdsprachlichen Schreibdi- nelle (nach Richtlinien und Normen festge-
daktik als Einflußfaktoren auf den „Moni- legte) Prüf- und Darstellungsverfahren er-
tor“ und damit auf die Gestaltung der gänzt wird.
Schreibprozesse berücksichtigt. Dieses Modell stellt den ersten Schritt zur
Die Adaptation auf fremdsprachliches Entwicklung eines Performanzmodells als
Schreiben erforderte Hinzufügungen bei fast Grundlage für ein implementierbares wis-
allen Komponenten des ursprünglichen Mo- sensbasiertes Expertensystem dar. Das Ziel
dells von Hayes & Flower, was angesichts der der Simulationsfähigkeit erfordert eine diffe-
85. Schreiben als mentaler und sprachlicher Prozeß 1021

renziertere Darstellung der Wissenskompo- reproduzierten Textes führen und auch in den
nenten und eine Umstrukturierung der Kom- Stufenmodellen zur Sprachproduktion be-
ponenten dahingehend, daß ein Prozeß als reits erwähnt wurden.
Steuerprogramm mit Input und Output so- Bei dem Versuch, alle zur Zeit bekannten
wie Wissensspeichern und Arbeitsstrukturen Teilaspekte der Textreproduktion in eine
definiert wird. übergreifende Gesamttheorie zu integrieren,
entwickelte Strohner (1987) ein Modell der
5.2. Textreproduktion Textreproduktion aus systemischer Sicht (s.
Textproduktionsprozesse wurden auf indi- Abb. 85.11). Als Bestandteile des Systems
rektem Wege auch als Nebenprodukte der Textreproduktion nennt Strohner den Origi-
Textrezeptionsforschung erfaßt. Die Wieder- naltext, den reproduzierten Text und den Re-
gabe eines gelesenen Textes in Form einer produzenten mit seiner mentalen Repräsenta-
mündlichen oder schriftlichen Zusammenfas- tion des Originaltextes. Umweltbedingungen,
sung stellt eine Standardmethode zur Über- die das System beeinflussen können, sind das
prüfung abgelaufener Verstehensprozesse dar. Textmedium und die Reproduktionsaufgabe.
Diese Art der Textreproduktion als Sonder- Als Verarbeitungsprozesse werden die drei
fall der Textproduktion verleitet zu der An- Phasen der Textrezeption, der Textspeiche-
nahme, daß bei der Reproduktion spiegel- rung und der Textrekonstruktion berücksich-
bildlich die gleichen Prozesse ablaufen wie tigt. Der ontogenetische Erwerb der Fähig-
beim Textverstehen. Ein Beispiel dafür ist das keit zur Textreproduktion wird als Verände-
Schema von Schnotz, Ballstaedt & Mandl rung von Verarbeitungs- und Speicherfähig-
(1981). Im Mittelpunkt dieses Schemas ste- keiten innerhalb des ungesteuerten wie auch
hen die reduktiven Prozesse, die beim Text- des gesteuerten Spracherwerbs betrachtet.
verstehen die Information verdichten, sowie Im Sinne einer Integration vorhandener
die konkretisierenden Prozesse bei der münd- Forschungsergebnisse fassen Rickheit &
lichen oder schriftlichen Wiedergabe des gele- Strohner bei der Erörterung ihrer Modell-
senen Textes, mit denen aus der verdichteten komponenten zusammen, was z. Zt. zu jedem
Bedeutungsstruktur wieder verbalisierbare der genannten Punkte bekannt ist. Beim Ori-
Details abgeleitet werden. Das Schema ba- ginaltext sind es die Charakteristika, die zur
siert auf der Makrostrukturtheorie von van besseren Reproduzierbarkeit beitragen (z. B.
Dijk und veranschaulicht den konstruktiven Zusammenfassungen und Überschriften).
Charakter von Verstehen und Reproduzieren Beim Reproduzenten werden die Eigenschaf-
(van Dijk 1977, 1980). Es zeigt, wie auf ver- ten genannt, die die Qualität der Textreprä-
schiedenen Ebenen der Texttiefenstruktur In- sentation über den Originaltext beeinflussen
formationen, um verstanden und eingeprägt (z. B. sein Wissen, seine Emotionen und Fä-
zu werden, teils zusammengefaßt, teils durch higkeiten zur Selbstregulation). Von den Um-
leserspezifische Assoziationen ergänzt wer- weltbedingungen bestimmt die Art der Re-
den. produktionsaufgabe (z. B. freie Textrepro-
Die ursprünglich zur Erklärung der Text- duktion, Wiedererkennung) Ausführlichkeit
rezeption intendierte Konstruktionstheorie und Qualität der Textreproduktion. Zum
entwickelte sich so zu einer Rekonstruktions- Einfluß des Mediums wird auf die unter-
theorie der Textreproduktion (Rickheit & schiedlichen Verstehens- und Reproduktions-
Strohner 1989). Danach wird bei der Repro- leistungen bei Lesen und Hören hingewiesen.
duktion eines Textes aus den zur Verfügung Während der Textrezeption wird die Textre-
stehenden Bruchstücken der Erinnerung ein präsentation nach dem Leitprinzip der Sinn-
sinnvolles Ganzes rekonstruiert (Weaver & konstanz (Hörmann 1976) aufgebaut, wobei
Kintsch 1987). Eine wichtige Rolle in der Re- Inferenzen eine wichtige Rolle spielen (Rick-
konstruktionstheorie spielen die Proposi- heit, Schnotz & Strohner 1985). Im Zusam-
tions-Theorie, die Schema-Theorie und deren menhang mit der Textspeicherung, ohne die
Weiterentwicklung zur Script- und Scenario- keine Textrezeption möglich wäre, gehen die
Theorie sowie die Theorie der Geschichten- Autoren auf die Bedingungen ein, die den In-
grammatik und die Theorie der Problemlöse- halt des Textes kurz- und langfristig einpräg-
handlungen im Text (Originalquellen und sam machen. Die Phase der Textrekonstruk-
Überblick s. Ballstaedt et al. 1981, Rick- tion zeichnet sich gegenüber der Textrezep-
heit & Strohner 1989). Mit diesen Theorien tion und -speicherung vor allem durch stär-
wird versucht, die Wissensbestände darzu- kere kognitive Kontrollen, Bewußtseinsphä-
stellen, die zur Genese der Inhaltsstruktur des nomene und Problemlösestrategien aus, die
1022 VII. Psychologische Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

Reproduktions-
aufgabe

Medium Reproduzent Medium

Original- Text- reproduzierter


text repräsentation Text

Prozeßphasen

Rezeption Speicherung Rekonstruktion

Erwerb

Abb. 85.11: Das System der Textreproduktion mit seinen Komponenten, den
Umweltbedingungen, den Prozeßphasen und dem ontogenetischen Erwerb der
Textreproduktion (Rickheit & Strohner 1989, 230)

die automatischen Verarbeitungsprozesse er- strategie. Ein weiterer Gesichtspunkt reflexi-


gänzen. ven bzw. epistemischen Schreibens liegt im
Der praktische Nutzen eines Modells der Anteil und in der Qualität der beteiligten Le-
Textreproduktion (z. B. für die Entwicklung seprozesse. Untersuchungen belegen, daß das
von Schulungsmaßnahmen oder Datenban- Wissen des Schreibenden bei der Textproduk-
ken in allen Bereichen der Kommunikation) tion um so stärker verändert wird, je mehr
ergibt sich aus der Rolle, die der Textrepro- eigene gedankliche Arbeit und eigene Formu-
duktion in der heutigen Informationsgesell- lierungen die Schreibarbeit verlangt (z. B.
schaft als Lern- und Lesestrategie und als we- Durst 1987; Tierney et al. 1989; Newell &
sentliches Mittel der Informationsspeiche- Winograd 1989; Molitor-Lübbert 1991). Der
rung und -vermittlung zukommt. Text gewinnt für den weiteren Verlauf des
Schreibprozesses zunehmend an Bedeutung,
5.3. Schreiben als Problemlöse-Strategie wenn er fortlaufend unter inhaltlichen und
In den bisher beschriebenen Modellen ist ein formalen Gesichtspunkten bewertet und das
Aspekt des Schreibens ! seine Reflexivität Ergebnis dieser Bewertung als Grundlage für
und die damit verbundene „epistemische“ die weitere inhaltliche Entwicklung des Tex-
Funktion (s. Zf. 3.1.1 und 3.2) ! noch nicht tes genutzt wird. Diese Situation tritt meist
näher erläutert worden. Um den Schreibpro- beim Revidieren eines Textes auf sowie bei ei-
zeß in diesem Sinne nicht nur als Problemlö- ner Schreibstrategie, die bewußt zur gedank-
seprozeß, sondern auch als Problemlösestra- lichen Klärung eingesetzt wird.
tegie darzustellen, bedarf es eines Ansatzes, Angesichts der großen Bedeutung, die der
der die grundlegenderen Prozesse der Sprach- Textrevision in der Schreibforschung beige-
produktion und deren Auswirkungen auf messen wird (z. B. Faigley & Witte 1983;
kognitive Repräsentationen berücksichtigt. Fitzgerald 1987; Baurmann & Ludwig 1985;
Der Gesichtspunkt der Repräsentation spielt Witte 1985), wird im folgenden ein Modell
in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle dazu exemplarisch vorgestellt. Es stammt von
(vgl. Eigler et al. 1990): „Experten“ und „No- Hayes et al. (1987) und besteht aus den Kom-
vizen“ haben von vornherein ein unterschied- ponenten Prozesse und Wissen, deren Inter-
liches Problembewußtsein und damit eine un- aktion folgendermaßen beschrieben wird:
terschiedliche Repräsentation der Schreibauf- Ausgangspunkt ist die Aufgabendefinition,
gabe, mit der sie gerade konfrontiert werden eine Überprüfung des Textes vorzunehmen.
(vgl. auch Chi, Glaser & Rees 1982). Die Dazu und als Grundlage für die Evaluation
Ausführlichkeit und Komplexität dieser Re- des Textes werden Ziele, Kriterien und Vor-
präsentation beeinflußt die Wahl der Schreib- gaben für Texte und Pläne aus dem Wissen
85. Schreiben als mentaler und sprachlicher Prozeß 1023

herangezogen. Als Evaluationsprozesse die- Schreibens herausgestellt (Molitor 1984, Mo-


nen Leseprozesse mit verschiedenen Zielen: litor-Lübbert 1989a, b, 1991). Bei einem Mo-
z. B. eine Repräsentation zum Verständnis dell des epistemischen Schreibens muß die
des Textes, eine Repräsentation seiner Inkon- zentrale Rolle der Interaktion zwischen
sistenzen und ggf. eine Repräsentation über Autor und Text, die über Leseprozesse ab-
die Art der Inkonsistenzen aufzubauen. Je läuft, veranschaulicht werden (s. Abb. 85.12).
nach Art der durchgeführten Evaluation wer- Als Hauptkomponenten in diesem Schema
den Inkonsistenzen entweder nur entdeckt stehen sich der Autor und der entstehende
oder diagnostiziert, und es kommt zu einer Text als gleichgewichtete „Partner“ gegen-
entsprechenden gut oder schlecht definierten über, die jeweils von bestimmten Kontextbe-
Problemrepräsentation. Weitere Prozesse dingungen beeinflußt sein können. Dazu ge-
hängen von der gewählten Strategie ab (z. B. hört alles, was die Befindlichkeit und das
Probleme ignorieren oder vertagen, zwecks Wissen des Autors sowie das Aussehen des
Diagnose weitersuchen, Text umschreiben, Textes verändert. Ein zweiter zentraler Punkt
usw.). Ist der Beschluß zum Revidieren ge- dieses Schemas ist die Rolle der kognitiven
faßt, werden aus den verfügbaren stilistischen Repräsentationen, die sowohl das Produkt als
und inhaltlichen Ausdrucksmitteln diejenigen auch die Rohmaterie für die angeführten Pro-
ausgewählt, mit denen eine Verbesserung des zesse darstellen.
Textes im Hinblick auf ein spezifisches Ziel Die Struktur des Schemas impliziert, daß
erwartet wird (s. Hayes et al. 1987, 185). epistemisches Schreiben im schrittweisen
Ein Teil der Textrevision ! die Evaluation Aufbau, dem Vergleich und der gegenseitigen
! kann auch in Anlehnung an das Hand- Anpassung von kognitiven Repräsentationen
lungsmodell von Miller et al. 1960 (Test! (Intention und Realisation) besteht. Die Re-
Operate!Test!Exit " TOTE) als Folge von präsentation des intendierten Textes bezeich-
Vergleichen, Diagnosen und Operationen net jede Art von Vorstellung, die man beim
skizziert werden (vgl. Bereiter & Scardamalia Schreiben über Inhalte, Struktur oder For-
1987, 266). Das sog. CDO-Modell (Com- mulierungen des Textes bildet. Dementspre-
pare!Diagnose!Operate) von Bereiter & chend können die Planungseinheiten einzelne
Scardamalia macht den Vergleich zwischen Wörter, ganze Sätze oder auch nur Ziele sein.
der Intention und dem tatsächlich Geschrie- Durch Produktionsprozesse (d. h. Prozesse
benen zum Anhaltspunkt der Evaluation. der Sprachproduktion, s. u. Zf. 4) werden die
Dieser Gedanke wird auch im folgenden Elemente dieser Repräsentation materiali-
Modell aufgegriffen und als Charakteristi- siert, d. h. niedergeschrieben. Dadurch kön-
kum des reflexiven bzw. epistemischen nen sie gelesen und evaluiert werden. Durch

SCHREIBUMGEBUNG

Planungs- Evaluations-
prozesse prozesse

Repräsentation Autor(en)/ Repräsentation


des intendierten Textproduzenten des intendierten
Textes Textes

Produktions- Lese-
prozesse prozesse

TEXT

Abb. 85.12: Schema eines reflexiven Schreibprozesses (Molitor-


Lübbert 1991, 156)
1024 VII. Psychologische Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

Lesen der Notizen, Sätze oder Textabschnitte daß Schreiben nicht außerhalb seines sozialen
wird eine Repräsentation dessen aufgebaut, und psychologischen Kontexts betrachtet
was tatsächlich geschrieben wurde: eine Re- werden kann (s. Bridwell & Beach 1985). Zu-
präsentation des realisierten Textes. An dieser sammenfassend kann gesagt werden, daß
Stelle wird deutlich, daß der Begriff Text alles Schreiben nun als Tätigkeit aufgefaßt wird,
Schriftliche umfaßt und sich nicht nur auf die von zahlreichen sozialen und psychologi-
den ausformulierten Text im üblichen Sinn schen Determinanten und Konsequenzen be-
bezieht. Der intendierte Text kann auch als gleitet ist (vgl. die Sammelbände von Gregg
Plan, der realisierte Text als Produkt bezeich- & Steinberg 1980, Whiteman 1981; Nystrand
net werden. Durch Evaluationsprozesse wird 1982b, Martlew 1983, Mosenthal, Tamor &
die Übereinstimmung zwischen Plan und Walmsley 1983 und Antos & Krings 1989).
Produkt geprüft. Dazu werden die beiden Re- Von den oben beschriebenen Modellen er-
präsentationen unter bestimmten Urteilskri- weist sich keines bei genauerer Betrachtung
terien miteinander verglichen (im Sinne des als Universalmodell zur Erklärung oder auch
CDO-Modells, s. o.). Das Ergebnis dieses nur Untersuchung aller bereits bekannten
Vergleichs liefert wiederum die Ziele für Phänomene des Schreibens. Die Modelle zei-
nachfolgende Planungsprozesse auf der glei- gen außerdem ! jeweils aus unterschiedli-
chen oder einer anderen Ebene der Textpro- chen Blickwinkeln !, welche prekäre Angele-
duktion. Es ist anzunehmen, daß Inhalt und genheit die Unterscheidung von „mental“
Aussehen dieser kognitiven Repräsentationen und „sprachlich“ ist. Den eigentlichen Inhalt
vom momentanen Stadium der Textproduk- „mentaler Prozesse“ zu definieren fällt ge-
tion abhängen: z. B. Ziele festlegen, neue In- nauso schwer wie die Grenze zwischen „men-
halte generieren oder Formulieren eines Sat- tal“ und „sprachlich“ festzulegen. Anderer-
zes in einem bestimmten Kontext. Schreibex-
seits sprechen viele Schreibprobleme dafür,
perten sind nicht nur in der Lage, diese ver-
daß es einen solchen Übergang gibt.
schiedenen Repräsentationen aufzubauen,
Für die allgemeine Validität der beschrie-
sondern auch miteinander zu verbinden.
benen Modelle gibt es prinzipiell mehrere
Das Schema wurde aus der Analyse von
Schreibstrategien (Fallstudien) entwickelt Möglichkeiten:
(Molitor 1985). Es sollte als heuristisches (a) Ein Modell stellt eine Art Algorithmus
Modell dazu anregen, den Einfluß verschie- über den Schreibprozeß dar. Als Beweis für
dener Kontextbedingungen (z. B. der Schreib- seine Gültigkeit dient meist die Simulierbar-
aufgabe, des Schreibmediums oder des sozia- keit des betreffenden Prozesses auf dem
len Kontextes) auf den Verlauf der jeweiligen Computer. Diese Art Modell ist am ehesten
Prozesse und Prozeßgruppen und den Inhalt in den Detailmodellen von Hayes & Flower
der verschiedenen Repräsentationen zu un- sowie deren Adaptation durch Endres-Nigge-
tersuchen und darzustellen. Dabei können die meyer (1989) gegeben, die damit auch ihre
einzelnen Komponenten entsprechend der Nähe zur KI-Forschung dokumentiert.
Fragestellung spezifiziert und in Form von (b) Modelle können deskriptiv sein, indem
Detail-Modellen weiter ausgebaut werden. sie beobachtete Phänomene kategorisieren
Aufbau und Komponenten des Schemas (z. B. und diese entsprechend dem Stand der For-
die starke Gewichtung der Leseprozesse und schung in sinnvolle Zusammenhänge brin-
die Rolle der kognitiven Repräsentationen) gen. Dies trifft z. B. für die Modelle von Be-
wurden so konzipiert, daß personen- und auf- reiter, Beaugrande und Rickheit & Strohner
gabenspezifische Schreibstrategien an den zu.
Stellen gekennzeichnet werden können, die (c) Die dritte und wahrscheinlich größte
das Zusammenwirken von Kontextbedingun- Gruppe umfaßt heuristische Modelle: Auch
gen, Schreibstrategie und Schreibprodukt hier handelt es sich um deskriptive Modelle,
deutlicher hervortreten lassen (vgl. Jakobs doch mit theoretischer statt empirischer
1995, Molitor-Lübbert 1995). Grundlage. Phänomene werden durch hypo-
thetisierte Systeme erklärt, die besagte Phä-
6. Schreiben als mentaler und nomene erzeugen könnten. Als Grundlage
sprachlicher Prozeß: und Hypothesengenerator für weitere For-
schung und ggf. auch zur Entwicklung von
Grenzen der Modelle
Schreibhilfen haben solche Modelle ihren
Die dargestellten Modelle geben einen Ein- Stellenwert als Konstrukte, die nicht nur Be-
druck von den derzeit geltenden Komponen- kanntes wiedergeben, sondern Wegweiser für
ten der Schreibforschung und sollen zeigen, zukünftige Erkenntnisse darstellen.
85. Schreiben als mentaler und sprachlicher Prozeß 1025

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86. Writing by hand

1. Introduction tion, and performance, are the main topic of


2. Handwriting as motor activity this chapter. As will become clear, they are of
3. Development and pathology of handwriting great interest for their own sake, both from
4. Computational approaches to handwriting a scientific and a technological point of view,
5. References
and from the viewpoint of education. This
justifies their isolated study, detached from
1. Introduction linguistic implications. Of course, the move-
ments are highly constrained by the linguistic
The emphasis in the present chapter is on nature of the message and by the writing sys-
writing as an executive motor task. If we tem used: For example, our alphabet pre-
compare handwriting with other linguistic scribes only a limited number of movement
output modalities such as speech and typing, patterns (corresponding to the 2x26 letter
it has as its most typical feature that it in- shapes), and orthography dictates that these
volves very specific movement sequences. can only appear in a limited number of or-
The characteristics of these movement pat- dered sequences. Conversely, it is also true
terns, their internal representation, organiza- that the linguistic processes during writing