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ÜBER RELIGION UND FRUCHTBARES GEBET

Das grosse Evangelium Johannes Band 8 Jakob Lorber

160. Kapitel

[GEJ.08_160,01] Da wir aber durch den Ort zogen, so bemerkten uns viele und erkannten,
daß Ich es war; denn mehrere kannten Mich noch von Meinem vorjährigen Hiersein, und
andere erkannten Mich, weil sie Mich in Jerusalem gesehen hatten. Und sie traten zu Mir und
baten Mich, daß Ich im Orte verweilen und zum wenigsten eine Nacht bei ihnen verbleiben
und auch vielen Kranken helfen möchte. Denn es hätten die vor etlichen Tagen zur Nachtzeit
gesehenen Zeichen und der diesnächtlich wahre Feuersturm auf mehrere schwachmütige und
sehr furchtsame Menschen derart böse eingewirkt, daß sie nun sehr krank darniederlägen und
der Arzt des Ortes ihnen nicht helfen könne, da er das Übel nicht erkenne und somit eine
dasselbe heilende Arznei auch nicht.

[GEJ.08_160,02] Da hielt Ich mit dem Gehen inne und sagte zu denen, die Mich aufhielten:
„Habt ihr denn nicht gehört, daß Gott allmächtig und barmherzig ist? Warum betet ihr nicht
zu Gott und bittet Ihn um Hilfe, so ihr im Elend stecket?“

[GEJ.08_160,03] Sagte einer: „Lieber Meister, du hast da gut reden, weil Gott dir alles
gewährt, um was du Ihn in deiner geheimen Weise angehest! Aber wir Menschen können
opfern, beten und bitten, soviel wir nur immer können und mögen, so nützet uns das alles
nichts; denn Gott achtet unser nicht, obschon wir die Gesetze Mosis noch soviel, als nur
immer möglich, treu halten und beachten. Es war aber zu den Zeiten der Propheten auch nahe
also: Gott hat nur allzeit die Bitten der auserwählten Propheten erhört; die Laien haben beten
und bitten können ihr Leben lang um ein oder das andere, so haben sie dennoch nichts
erhalten. Oh, uns wäre es um tausend Male lieber, so Gott allzeit im Notfalle unsere Bitten
erhörete, als daß wir als von Gott Unerhörte dann bei den schwachen Menschen, die uns nur
selten helfen können, Hilfe suchen müssen! Aber was können und was sollen wir anderes tun,
so wir nur zu klar einsehen, daß all unser Beten und Bitten uns keine Abhilfe in unseren
großen Nöten verschafft?“

[GEJ.08_160,04] Sagte Ich: „Oh, mit dieser eurer leeren Entschuldigung kommet ihr bei Mir
wahrlich nicht an! Euch fehlt es nahe gänzlich am Glauben und wahren lebendigen Vertrauen
auf Gott, und darum erhört Gott auch eure Bitten nicht und achtet nicht eurer Opfer. Warum
betet und bittet ihr denn nicht selbst glaubens- und vertrauensvoll? Weil euch das zu
unbequem vorkommt! Darum haltet ihr in der Gemeinde gewisse vom Tempel aus
bevollmächtigte Vorbeter und Fürbitter, und die bezahlet ihr, auf daß sie für euch dies und
jenes von Gott erflehen sollen. So ihr diesen Heuchlern euren Glauben und euer Vertrauen
schenken könnet, die sich für ihre angebliche Mühe allzeit gut bezahlen lassen, und deren
Gebet und Bitten euch noch nie eine Hilfe gebracht haben, – warum schenket ihr euren
Glauben und euer volles Vertrauen denn nicht lieber Gott dem Herrn und Vater Selbst?

[GEJ.08_160,05] Ich sage es euch: Daran schuldet eure Trägheit! Ihr als irdisch wohlhabende
Güterbesitzer seid schon von eurer Kindheit an gewohnt, eure Knechte und Mägde für euch
um einen spärlichen Lohn arbeiten zu lassen und dabei gestrenge Herren zu spielen, und
glaubet auch, daß die gewissen Vorbeter und Fürbitter auch bei Gott für euch wirksam
arbeiten sollen, weil ihr sie darum gut bezahlet. Aber da wendet Gott Sein Antlitz von euch ab
und horcht niemals auf das ekelhafte und sinn- und geistlose Lippengeplärr eurer
heuchlerischen Gottesdiener. Und darin liegt denn auch der Grund, warum euch Gott nicht
helfen kann, will und mag. Denn würde Gott das tun, so würde Er als die höchste, ewige
Weisheit, Liebe und Macht euch noch tiefer in das volle Verderben, das euch nur eure zu
große Trägheit bereitet, hineinversenken.

[GEJ.08_160,06] Erwecket darum euren Glauben an Gott und die wahre und lebendige Liebe
und ein festes Vertrauen zu Ihm! Betet und bittet selbst im Geiste und in der Wahrheit zu Ihm,
und Er wird euch dann auch sicher erhören! Betet also selbst ohne Unterlaß, tuet wahre Buße,
und ertraget auch die über euch aus gutem Grunde gekommenen Leiden mit Geduld und
wahrer Hingebung in den göttlichen Willen, wie ihr das aus der Geduld Hiobs möget
kennenlernen, und Gott wird euch helfen aus jeglicher Not, insoweit das nur immer mit dem
Heile eurer Seelen verträglich ist!

[GEJ.08_160,07] Ihr habt Mich nun zwar selbst gebeten, daß Ich euch aus euren Nöten
befreien möchte, denn ihr haltet Mich für einen Propheten, dem Gott eine große Macht
gegeben hat, – und sehet, Ich kann, mag und will euch nun ebensowenig erhören und helfen
wie Gott Selbst; denn Ich und Gott, den ihr nicht kennet und an Ihn darum auch nicht glaubet,
sind eines Geistes, eines Willens und eines Sinnes! Was ihr nach eurer Bet- und Bittweise bei
Gott nie möglich erreichen könnet, das erreichet ihr auch bei Mir nicht! Tut demnach zuvor
das, was Ich euch nun angeraten habe, so werde Ich euch auch helfen, wenn Ich heute auch
nicht bei euch übernachte! Es sind Mir von euch aber ja mehrere sogar bis nach Kapernaum in
Galiläa gefolgt; warum haben sie sich denn dort von Mir wieder entfernt?“

[GEJ.08_160,08] Sagte einer: „Meister! Du hattest alldort in einer Synagoge eine sonderbare
Lehre von deinem Fleischessen und Bluttrinken gehalten und hast also herausgebracht, daß
niemand das ewige Leben seiner Seele überkommen könne, der da nicht äße deines Leibes
Fleisch und nicht tränke dessen Blut. Da befürchteten wir, daß du unsinnig werden würdest,
und wir zogen uns aus diesem Grunde denn auch zurück, auf daß wir nicht in den Geruch
kämen, Jünger eines irrsinnig gewordenen Propheten zu sein. Als wir dich aber vor etlicher
kurzer Zeit nun zu Jerusalem auf dem Feste im Tempel wiedergefunden haben und uns mit
unseren Augen und Ohren von neuem überzeugten, daß du ebenso weise und mächtig warst,
als wie wir dich schon ehedem hatten kennengelernt, so glaubten wir denn auch wieder an
dich, und da du nun durch diesen unseren Ort ziehest und wir dich wohl erkannten, so kamen
wir denn nun auch vertrauensvoll zu dir und haben dir unsere Not vorgetragen. Kannst und
willst du uns helfen, so werden wir uns nicht undankbar erweisen; kannst und willst du das
aber nun aus dem von dir uns dargestellten Grunde nicht, so gedenke unser, wenn du uns
dafür tauglich und würdig finden wirst!“

[GEJ.08_160,09] Sagte Ich: „Tuet danach, und die Hilfe wird nicht unterm Wege verbleiben!“

[GEJ.08_160,10] Hierauf winkte Ich den Jüngern, weiterzuziehen, und wir zogen denn auch
unaufhaltsam weiter.

[GEJ.08_160,11] Es folgten uns zwar etliche aus dem Orte eine Zeitlang nach; da wir aber
schnell vorwärtsschritten, so blieben die, welche uns folgten, bald weit zurück, kehrten dann
wieder um und zogen in ihren Ort.
161. Kapitel

[GEJ.08_161,01] Als wir aber den Ort schon so ziemlich ferne hinter uns hatten, da fragten
Mich die Jünger, sagend: „Herr und Meister! Warum hast Du denn so ganz eigentlich diesen
Juden nicht geholfen, da sie Dich doch selbst sicher recht inständig gebeten haben und haben
nicht Vorbeter und Fürbitter zu Dir gesandt?“

[GEJ.08_161,02] Sagte Ich: „Hätte Ich sie in ihrer alten Trägheit und in ihrem Un- und
Aberglauben noch mehr bestärken sollen, als sie es ohnehin schon seit gar langem sind? Ich
habe ihnen nur den Weg gezeigt, auf dem sie zu wandeln haben. Werden sie das, so wird
ihnen auch schon zur rechten Zeit geholfen werden; tun sie das aber nicht, so mögen sie denn
auch bleiben, wie sie sind, und ihre Häuser auf dem Sande bauen! Uns wird das wahrlich
wenig beirren; denn einem Menschen, der sich selbst gegen den Rat der Weisheit schaden
will, dem geschieht kein Unrecht.

[GEJ.08_161,03] Bei diesen aber, deren Bitte Ich unerhört ließ, tut eine Heimsuchung mit
allerlei Not und Leid not; denn dadurch werden sie aus ihrer alten Trägheit aufgerüttelt,
werden in der Geduld geübt, und ihre Herzen werden sanfter und barmherziger werden, als
das bis jetzt der Fall war. Denn Ich bin nicht nur allzeit ein Helfer, sondern da, wo es not tut,
auch ein gerechter Richter.

[GEJ.08_161,04] Höret aber nun ein Gleichnis, aus dem ihr noch klarer ersehen möget,
warum Ich den Bewohnern jenes von uns nun durchwanderten Ortes ein selbständiges und
vertrauensvolles Beten und Bitten so ernstlich ans Herz gelegt habe! (Luk.18,1)

[GEJ.08_161,05] Es war einmal in einer Stadt ein gerechter Richter, der fürchtete sich nicht
vor Gott und scheute sich auch vor keinem Menschen. (Luk.18,2) Es war aber in derselbigen
Stadt eine Witwe; die kam zum Richter und sprach: ,Rette mich vor meinem Widersacher!‘
(Luk.18,3) Der Richter aber tat, als vernähme er das Wort der Witwe nicht und wollte lange
nicht dem Verlangen der Witwe nachkommen. Da aber die Witwe in ihrem Bitten nicht
nachließ, so dachte er also bei sich: ,Ob ich mich auch vor Gott nicht fürchte und mich auch
vor keinem Menschen scheue, so will ich sie aber doch retten, indem sie mir nun schon so
viel Mühe macht, ansonst kommt sie am Ende und übertäubt mich ganz und gar mit ihrem
Hilfegeschrei!‘“ (Luk.18,4.5)

[GEJ.08_161,06] Sagte hier Simon Juda: „Auf diese Art muß also ein Mensch, der durch sein
Beten und Bitten von Gott etwas erreichen will, Ihm ordentlich lästig und unausstehlich
werden? Ich dachte aber, daß es bei Gott, der in Dir wohnt und voll der höchsten Liebe und
Erbarmung ist, nur allein eines lebendigen Glaubens und Vertrauens vonnöten hätte, um
erhört zu werden eher denn bei einem diesweltlichen Weltrichter?!

[GEJ.08_161,07] Du hast uns zwar einmal ein ähnliches Bild gegeben, und zwar von jenem
Hausvater, zu dem in tiefer Nacht ein Hungriger kam, ihn weckte und ihn des großen Hungers
wegen um Brot bat. Der Hausvater hätte ihm in solcher Zeit aus Liebe und Erbarmung auch
kein Brot gegeben, sondern nur, weil er des unverschämten Geilens des nächtlichen
Brotbettlers los werden wollte.

[GEJ.08_161,08] Diese Sache kommt mir, offen gesprochen, denn doch so ein wenig
sonderbar vor! So wir Dich um etwas bitten, da erhörst Du uns gleich ohne eines nahe
unverschämten Geilens, und also hast Du auch Heiden, Zöllner und eine Menge Sünder erhört
und hast der Ehebrecherin Schuld in den Sand gezeichnet; doch diese Deine Lehre, wie man
von Gott etwas erbitten solle, stimmt mit allem andern, was Du gelehrt hast, eben nicht zu
besonders fein zusammen. Wie sollen wir das nehmen?“

[GEJ.08_161,09] Sagte Ich: „So höret denn weiter, was der nach eurem Dafürhalten
ungerechte Richter sagt, der nota bene Ich Selbst bin! (Luk.18,6) Dieser Richter sagt: Wenn
denn nach dem Gleichnisse ein Weltrichter der jammernden Witwe ihr Recht erteilt, um
wieviel mehr wird Gott retten Seine Auserwählten, wenn sie gewisserart Tag und Nacht rufen,
daß Er mit ihnen Geduld habe und ihnen gnädig und barmherzig sei! (Luk.18,7) Ich sage es
euch: Er wird sie erretten in Kürze! Doch wenn des Menschen Sohn dereinst wiederkommen
wird, meinst du, Simon Juda, daß Er Glauben finden werde auf Erden? (Luk.18,8) Ja, Er wird,
ebenso wie in dieser Zeit, nahe gar keinen Glauben finden, und man wird die verlachen und
verhöhnen, die noch an Ihn glauben werden!

[GEJ.08_161,10] Aber es werden dennoch auch wieder viele sein, die sich von der
Weltweisheit nicht werden blenden lassen und Mein Wort offen verkünden werden; und zu
denen werde Ich denn auch kommen bei Tag und Nacht, werde Mich ihnen offenbaren und
werde sie beschützen vor den Verfolgungen der Welt und werde ihnen auch geben die
Wundergabe, durch die Liebe zu helfen den Bedrängten, den Bresthaften und Kranken. Und
es wird also dann lichter und tröstlicher werden auf Erden. – Verstehet ihr diese
Weissagung?“

162. Kapitel

[GEJ.08_162,01] Sagte Simon Juda: „Herr, wann der Zeit nach wird solches geschehen auf
Erden?“

[GEJ.08_162,02] Sagte Ich: „Simon Juda, Ich habe dir deines mächtigen Glaubens wegen die
Schlüssel zum Reiche Gottes gegeben und nannte dich einen Fels, auf dem Ich Meine Kirche
bauen werde, die von den Pforten der Hölle nicht besiegt werden solle. Du sollest ein neuer
Aaron sein und sitzen auf dessen Stuhle. Ja, du wirst das auch dadurch, daß du Meines Wortes
Verbreiter sein wirst mit den andern Brüdern.

[GEJ.08_162,03] Aber wenn man unter den Heiden wird dessen kundig werden nach etlichen
hundert Jahren, da wird man in Rom vorgeben, daß du solchen daselbst gegründet habest.
Und die Völker, die mit Feuer und Schwert dazu gezwungen werden, werden den falschen
Propheten auch glauben, daß du als ein erster Glaubensfürst solchen Stuhl in Rom gestellet
habest und vom selben in Meinem Namen regierest die ganze Erde und ihre Fürsten und
Völker. Aber siehe, das wird ein falscher Stuhl sein, von dem aus viel Unheil auf der weiten
Erde wird ausgebreitet werden, und es wird da nahe niemand mehr wissen, wo du den rechten
Stuhl, den Stuhl der Liebe, der Wahrheit, des lebendigen Glaubens und des Lebens aufgestellt
hast, und wer dein rechter Nachfolger ist.

[GEJ.08_162,04] Solch falscher Stuhl aber wird sich zwar lange halten, viel über die tausend
Jahre hinaus, wird aber zweitausend Jahre Alters nicht erleben! Und nun rechne, wenn du
rechnen kannst!

[GEJ.08_162,05] Wenn der falsche Stuhl wird morsch geworden sein und keinen Halt mehr
haben wird, dann werde Ich wiederkommen und Mein Reich mit Mir. Dann werdet auch ihr
mit Mir zur Erde kommen und Meine Zeugen vor denen sein, bei denen wir noch den wahren
und reinen Glauben finden werden.

[GEJ.08_162,06] Aber in jener Zeit wird es denn auch einer großen Läuterung bedürfen, auf
daß die Menschen Mich wieder erkennen und allein an Mich glauben werden. Doch was Ich
euch nun im Vertrauen geoffenbart habe, davon schweiget jetzt noch! Es wird schon die Zeit
kommen, in der solches laut von allen Dächern verkündet werden wird.“

[GEJ.08_162,07] Sagten die andern Jünger: „Herr, kann denn so etwas nicht vermieden
werden?“

[GEJ.08_162,08] Sagte Ich: „O ja, da müßten die Menschen aber zu puren Maschinen
umgeschaffen werden! Ihr saget auch: ,Aber warum stets so heftige Winde und Stürme auf
dem Meere?‘ Gut, sage Ich, so nehmen wir diese weg, und das Meer wird keine gefährlichen
Wellen und Wogen mehr treiben, und die Schiffer werden in aller Ruhe und Gefahrlosigkeit
die Meere befahren können. Aber das gar sehr ruhige Meer wird dann faul werden und mit
Pestilenz alle Teile der Erde erfüllen, und es wird dabei kein natürliches Leben mehr denkbar
möglich sein weder auf dem trockenen Lande und ebensowenig im Meere selbst.

[GEJ.08_162,09] Man müßte denn alles Wasser in Stein verwandeln! Wenn aber das, woher
werden dann alle belebten Geschöpfe, als Pflanzen und Tiere, ihre erste und allernotwendigste
Nahrung nehmen? Auf daß aber das Meer bleibe, wie es ist, und auch alle andern Gewässer,
so müssen auch die Winde und Stürme bleiben, durch die das Meer beständig in der Unruhe
und der daraus hervorgehenden Tätigkeit erhalten wird, damit es sein Lebenssalz nicht zu
Grunde sinken lasse und faul und peststinkend werde.

[GEJ.08_162,10] Was aber beim Meere die Winde und Stürme sind, das sind beim Menschen
die zugelassenen geistigen Proben und Kämpfe, die muß ein jeder Mensch auf dieser Erde
mehr oder weniger bestehen und sich durch sie zum wahren Leben emporkämpfen.

[GEJ.08_162,11] Was aber für die Zeit der Lebensdauer für jeden einzelnen Menschen auf
dieser Erde gilt im kleinen Maße, das gilt einer gedehnteren Zeit nach denn auch für ganze
Völkerstämme.

[GEJ.08_162,12] Ein kleines Bächlein durchfließt nur eine kurze Strecke, bis es sich mit
einem größeren Bache vereint, der dann schon eine viel weiter gedehnte Strecke zu
durchfließen hat, bis er sich in einen großen Strom ergießt; der Strom aber muß dann schon
weite und große Länderstrecken durchwandern, bis er eins mit dem Weltmeere wird; dieses
aber umströmt und umflutet dann die ganze Erde und belebt mit seinem Salze, das in feinster
und dunstartiger Auflösung die ganze Erdluft erfüllt, was die Winde und Stürme bewirken,
auch das Festland und alle naturmäßige Kreatur in und auf demselben.

[GEJ.08_162,13] Es fallen ins große Weltmeer wohl tausenderleiartige Gewässer, reine und
unreine, süße, sauere, bittere und heilsame und unheilsame, aber im Meere werden alle einig
und haben ein Salz, aus dem ein zahllosfältiges organisches Naturleben seinen Grundstoff
nimmt und ihn in sich nach seiner Beschaffenheit verarbeitet.

[GEJ.08_162,14] Wie aber das große Weltmeer sich verhält zur Gesamtkreatur der ganzen
Erde, also verhält sich denn das große Geisterreich zu den verschiedenen diesirdischen
Lebensverhältnissen der Menschen auf dieser Erde. Jeder einzelne Mensch ist gleich einem
kleinen Bächlein, eine Gemeinde ist ein etwas größerer Bach, ein großer Bach ist schon wie
eine Nation, der Strom ist ein Volk, und das Meer stellt vorerst und besonders an den weiten
Ufern alle Völker der Erde dar, die in ihm in ein gleiches Element übergehen; das Haupt- und
in sich uferlose Meer aber bezeichnet die Menschen im Geisterreiche, das in sich Endloses
birgt und sonach durch seine durchgängig lebendige Beschaffenheit der Urgrund alles Seins
ist.
[GEJ.08_162,15] Von der steten Bewegung des Weltmeeres hängt, wie schon gezeigt, alles
kreatürliche Naturleben ab; je mehr das Meer durch große Stürme und Strömungen in eine
größere Tätigkeit gelangt, desto mehr Lebenstätigkeit erzeugt es auch bei aller Kreatur der
festen Erde und somit auch ein besseres Gedeihen.

[GEJ.08_162,16] Wenn nach dem wohlentsprechend die Menschen in ihrer inneren


Lebenstätigkeit lau, träge, schläfrig und lichtloser werden, so gibt es in der endlos großen
Geisterwelt gleich große Bewegungen, und diese verursachen dann auch allerlei Bewegungen
und Wogungen unter den noch auf dieser Erde lebenden Menschen durch ihr Einfließen. Da
erhebt sich ein Volk wider das andere, eine Lehre bekämpft die andere, und es geht dann
lange Zeiten fort, bis die Menschen dadurch in eine möglich größte Lebenstätigkeit versetzt
werden.

[GEJ.08_162,17] Dadurch wird es dann denn auch heller und lichter unter ihnen. Die
scheinbare Not macht sie erfinderisch und zwingt sie auf diese Art zu einer stets größeren und
geordneteren Tätigkeit. Durch solche werden dann die Völker, die ehedem voneinander kaum
etwas wußten, miteinander bekannt und mit der Zeit sich gegenseitig nutzdienlich, und das
Licht wächst unter ihnen von Zeit zu Zeit stets mehr und mehr und erzeugt zum ersten ein
stets größeres Bedürfnis nach einer nahe greifbar erwiesenen Lebenswahrheit.

[GEJ.08_162,18] Wenn dieses Bedürfnis am Ende ein stets allgemeineres wird und die
Menschen sich mit dem puren Autoritätsglauben, der immerfort ein Grund zum finsteren und
trägen Aberglauben ist, nicht mehr begnügen, dann auch ist es an der Zeit, ihnen ein großes
und greifbares Lebenslicht voll Klarheit und Wahrheit zu geben.

[GEJ.08_162,19] Und seht, also müssen die jetzt gar vielen in allerlei Trägheit und
Lebensfinsternis wie von einem tiefen Schlafe behafteten Menschen auf der ganzen Erde in
eine große und sturmreiche Bewegung versetzt werden, bis sie nach einer längeren
Zeitenfolge dahin geweckt werden, daß sie in solchem Gewecktsein endlich zu fühlen
anfangen, was ihnen mangelt!“

163. Kapitel

[GEJ.08_163,01] (Der Herr:) „Wenn unter den Menschen solch ein Zustand eintreten wird,
dann auch wird es an der Zeit sein, ihnen das zu geben, was ihnen mangelt, oder in solcher
Zeit erst werde Ich wieder zu den Menschen in diese Welt kommen und werde das im
Allgemeinen tun, was Ich nun tue im Sonderheitlichen nur vor wenigen Zeugen. Ich lege nun
den Samen ins Erdreich und bringe dadurch den Menschen nicht den Frieden, sondern nur das
Schwert zum Streite und zu großen Kämpfen und Kriegen.

[GEJ.08_163,02] Nur der Mensch für sich, der Meine Lehre annehmen und nach ihr leben
wird, wird in sich das Licht, die Wahrheit und den wahren Lebensfrieden finden, obschon er
dabei mit der Welt viele Kämpfe und Verfolgungen um Meines Namens willen zu bestehen
haben wird, was auch ihr alle an euch erleben werdet. Wenn Ich aber zum zweiten Male in
diese Welt kommen werde, dann auch wird unter den Völkern der Erde das Gären, Kämpfen
und Verfolgen ein Ende haben, und das Urverhältnis der Menschen zwischen (zu) den reinen
Geistern der Himmel wird ein normales und bleibendes werden.

[GEJ.08_163,03] Aus dem euch nun Gesagten und Gezeigten werdet ihr nun leicht erkennen
und ersehen, warum es zugelassen wird, daß sich mit der Zeit neben dem kleinen und wahren
Stuhle Aarons, auf den Ich nun euch setze, ein falscher und lange andauernder in der Mitte
der Heiden erheben wird, und wie und warum denn auch die falschen Propheten und Lehrer in
Meinem Namen sogar zugelassen werden.

[GEJ.08_163,04] Ihr aber und eure wahren Nachkommen sollen nicht darauf achten, so sie
auch den Ruf aus dem Munde der Falschen vernehmen werden, nach dem Christus hier oder
dort sei. Denn Ich werde nie mehr in einem Tempel, aus Menschenhand erbaut, Wohnung
nehmen, sondern nur im Geiste und in der Wahrheit derer, die Mich suchen, bitten, an Mich
allein glauben und Mich also auch über alles lieben werden; ihr Herz wird Mein wahrer
Wohntempel sein, und in diesem werde Ich auch zu ihnen reden, sie lehren und ziehen und
führen. Dieses merket euch nun für euch ganz besonders wohl, auf daß, so das alles also
kommen wird, ihr euch nicht ärgert und daran denket, daß Ich euch alles das schon zum
voraus samt dem Grunde angezeigt habe!“

[GEJ.08_163,05] Sagte darauf Simon Juda: „Herr, wir erkennen nun daraus wohl Deine
Ordnung, die neben der vollsten Willensfreiheit der Menschen der Erde auch keine andere
Richtung nehmen kann, als wie Du sie uns nun und schon auch zu andern Malen, wenn auch
nicht so offen, dargestellt hast; aber für die Menschheit schauen da im allgemeinen noch lange
keine goldenen Lebensfrüchte heraus! Aber weil die Sache schon einmal so sein muß, um
endlich diese Erde zu einer wahren Lebensschule Deiner Kinder umzugestalten, so sei es denn
auch also, wie Deine Weisheit es zulassen wird!

[GEJ.08_163,06] Wir aber werden alles aufbieten, um soviel als möglich des lebendigen
Wortsamens in das Herzenserdreich der Menschen zu streuen, auf daß sich daraus ehest die
größten Kämpfe zwischen Licht und Finsternis unter den Menschen entwickeln mögen. Alle
Gräber sollen sich öffnen, und sogar den Toten soll Dein Evangelium gepredigt werden, und
das Meer soll die Toten, die es verschlungen hat, an das große Licht herausliefern! Ich meine
hier nicht die Gebeine und ihr schon lange verwestes Fleisch, sondern die Seelen; auch diesen
soll Dein Wort im Geiste verkündet werden!“

[GEJ.08_163,07] Sagte Ich: „Du hast gut und recht geredet. Was hier nun auf der Materiewelt
geschieht, das wird der bis jetzt auch noch sehr verkümmerten Geisterwelt wahrlich nicht
vorenthalten werden. Aber es gibt nun gar viele Menschen, die bei lebendigem Leibe in den
Gräbern der Lebensnacht im tiefen Grunde des großen Wahnmeeres begraben sind; diesen
werdet ihr wohl das Evangelium predigen, und es werden da denn auch viele aus ihren alten
Gräbern an das Licht des Lebens hervorgehen, und das gewisse Meer wird seine Gefangenen
losgeben.

[GEJ.08_163,08] Wenn das geschehen wird in großer Allgemeinheit, dann wird auch der
große und allgemeine Erlösungstag allen Bewohnern der Erde hell zu tagen anfangen. Aber
die Arbeit ist groß und schwer, und der rechten Arbeiter gibt es noch wenige; darum strebet
vor allem auch danach, daß ihre Zahl bald eine große werde! Jeder Arbeiter in Meinem
Lebensweinberge wird auch nach seinem Fleiße und Eifer einen großen Lohn zu gewärtigen
haben. Hier auf dieser Erde wird er zwar stets nur ein magerer sein für euren Leib, wie er es
bisher war, aber ein desto größerer und fetterer für Seele und Geist.

[GEJ.08_163,09] Denn die Güter dieser Erde sind nur ein Schein und gleichen denen auf ein
Haar, die so mancher Mensch in einem Traume besitzt. Der kleine Unterschied besteht nur
darin, daß der Traumgüterbesitz die Seele des Menschen um etwas kürzer täuscht als der
Außengüterbesitz dieser materiellen Welt. Aber beide vergehen, und nach dem Vergehen wird
alles nur als ein Schein vor den geöffneten Augen des lebendigen Geistes dastehen, der allein
allem Scheine erst eine Realität wird zu geben im wahrsten Stande sein.

[GEJ.08_163,10] Darum trachte ein jeder vor allem nur nach den Besitztümern des Geistes,
welcher ist das Licht, die Wahrheit und das Leben in der Seele! Was der Leib in rechter
Mäßigkeit bedarf, das wird auf dieser Erde jedem treuen Arbeiter in Meinem Weinberge
schon ohnehin wie von selbst hinzufallen; denn Ich weiß es sicher wohl am besten, was dem
Menschen auch in jeder leiblichen Beziehung not tut. – Habt ihr alle Mich nun wohl
verstanden?“

Quelle: http://www.scribd.com/doc/9693574/Jakob-Lorber-Groes-Evangelium-Johannes-08