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Soziologen: Wie die Mittelschicht die Krise ausgelöst hat - Nachrichten Politik - WELT...

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in guten Gegenden zu überschulden. Denn nur in jenen Gegenden seien die Schulen so, dass auch die
Kinder dieser Leute noch die Chance auf ein Leben nach Art ihrer Eltern haben. Weil der öffentliche Sek
in den USA für die Weitergabe des Mittelschichtstatus wenig leistet, mussten die Leute es auf eigene Fa
auf den Immobilien- und somit Kreditmärkten versuchen. So produzierte die Deregulierung der
amerikanischen Gesellschaft Ausweichstrategien: Was der Staat nicht gab, sollten die Finanzmärkte lief
Die es dann ebenfalls nicht hergaben.

Auch auf der anderen Seite der Finanzmärkte, bei den Kreditgebern, findet man die Mittelschicht, wie de
Tübinger Wirtschaftssoziologe Christoph Deutschmann erläuterte. Selbst im aktienskeptischen Deutsch
gibt es 10,3 Millionen Wertpapierbesitzer, eine Volksbewegung. Die ist für ihre Altersvorsorge und die
Absicherung ihres Lebensstandards dringend auf hohe Renditen angewiesen – die sich am besten über
Kreditvergabe erzielen lassen. „Wegen des gewaltigen Anstiegs von anlagesuchenden Finanzvermögen
so Deutschmann, „fahndeten die Banken und Fonds verzweifelt nach Kreditnehmern – und fanden sie u
anderem in der US-Mittelschicht.“ Nicht unersättliche Manager waren die Hauptverantwortlichen der Kris
sondern Mittelschichtangehörige, die die Renditeraserei der Manager antrieben.

Dazu aber fühlte sich die Mittelschicht selbst angetrieben. Deutschmann zitierte eine Studie über private
Wertpapierbesitzer, die als ihr Hauptmotiv „Ausübung von Eigenverantwortung“ nannten. Sie stürzten si
auf die Finanzmärkte, weil überall gefordert wird, die Bürger sollten sich selbst um ihre Absicherung
kümmern.

Diese Forderung begegnet den Bürgern nicht nur als Imperativ von Politik und Wirtschaft, nicht nur als
Schlussfolgerung aus der beobachteten Erosion staatlicher Vorsorgeeinrichtungen. Vielmehr ist das Pri
Eigenverantwortung längst in die Feinmechanik von Firmen und auch Behörden eingezogen. Der Parise
Soziologe Patrick Le Galès zeigte am Beispiel Großbritanniens, wie man dort die Belegschaften von
Kliniken oder Universitäten systematisch verunsichert, um sie zu mehr Eigeninitiative anzustacheln. Die
Abteilungen werden scharf voneinander getrennt, jede für sich wird evaluiert und muss möglichst viel
Eigenverantwortung beweisen, die Gewinner werden mit Geld und noch mehr Eigenverantwortung belo
die anderen fallen zurück. „The winner takes it all“ lautet die Lektion, die dann gerade die erfolgreichen
Angestellten auf ihre private Geldanlage anwenden.

Wer aber aus Alltagserfahrungen schließen muss, dass größtmögliche Eigeninitiative im Wettbewerb Er
verheißt, entwickelt beim Engagement auf den Finanzmärkten eine Erwartungshaltung, die dem dortige
Risiko nicht angemessen ist. So ergab jene Studie zur Mentalität deutscher Privatanleger, dass sie an „
Naturrecht auf steigende Gewinne“ glauben. Dieser Glauben verstärkt, dass sie sich kaum noch selbst a
den Märkten umtun – wo die Unübersichtlichkeit die Risiken spürbar macht –, sondern zu Fonds oder
Banken gehen, die suggerieren, die Erlöse kämen alsbald zurück „wie der Strom aus der
Steckdose“ (Deutschmann). Daher dürften die derzeitigen Verluste nicht bloß zu Verzweiflung führen,
sondern auch zur Empfindung kolossaler Ungerechtigkeit: Eine angeblich legitime Renditeerwartung wu
enttäuscht, eine überall geforderte und offenbar alternativlose Eigeninitiative plötzlich bestraft. Die jetzt
grassierenden Verschwörungstheorien, wonach die Finanzkrise das Werk gieriger Manager sei, lassen
Tiefe dieser Enttäuschung bereits erahnen.

Sinnverlust dürfte hinzukommen. Denn Privatanleger schienen ihr Tun bislang als lustvoll zu empfinden
Statt die Geldanlage im Sinne asketischen Sparens als Konsumverzicht und Triebaufschub zu verstehe

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erleben sie die offenbar als etwas Ähnliches wie Konsum, als befriedigend, sinnstiftend,
selbstwerterhöhend. Weit überlegen fühlen sie sich all jenen Bekannten, die so dumm sind, ihr Geld auf die
Sparkasse zu bringen. Insofern könnte die Finanzkrise zur tiefen narzisstischen Kränkung einer ganzen
Schicht ausarten. Wohin das führen kann, zeigte sich in Ostdeutschland nach den Massenentlassungen der
Neunzigerjahre und in der Unterschicht nach Hartz IV.

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