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Dumm gelaufen
2 szenische Denkanstöße zu den Ausbildungsdefiziten von Schülern
Autor: Hans-Georg Kraus Alle Aufführungsrechte liegen beim Autor
Spielort: beliebig Spielzeit: ca.20 Minuten Rollen: Lisa, 16-jährige Schülerin Pauline, 16-jährige Schülerin Judith, 16-jährige Schülerin Alle drei Schülerinnen besuchen die selbe Klasse. Christine, Lisas Mutter Kerstin, Paulines Mutter Monika, Judiths Mutter
1.
 
Szene: Wir sind doch nicht blöd!
 (Spielort beliebig. Lisa und Pauline sitzen irgendwo draußen herum, Sportbekleidung, ihre Inliner sind am Boden abgestellt.)
Lisa:
(niedergeschlagen:) Es ist zum Kotzen! Ich hab heute schon wieder ´ne Absage gekriegt!
Pauline:
Ich auch! Hab die Aufnahmeprüfung bei dieser Maschinenfirma total vergeigt. (wütend:) Dreisatz! Prozentrechnung! Zinsrechnung! Das kann doch eh keiner!
Lisa:
Doch, unsere Eltern! Ich verstehe das nicht: Die sind ein Jahr weniger zur Schule gegangen und stecken uns heute noch in den Sack. Nur Hauptschule! Aber die können den Scheiß!
Pauline:
Stimmt, ey! Die können Mathe und Kopfrechnen, Lesen und schreiben kaum Fehler. (Judith kommt dazu und verfolgt das Gespräch.)
Judith:
(zu Lisa und Pauline:) Hi!
Pauline:
Hi, Judith! (Lisa hebt nur wortlos die Hand Richtung Judith.)
Lisa:
(zu Pauline:) Aber wir haben doch heute die besseren Lehrer, denk ich.
Pauline:
Besser? Mag ja sein. Aber dann müssten wir heute mehr können.
Lisa:
Aber die sind doch heute, ja, irgendwie viel engagierter?
Pauline:
Könnte ich mir auch vorstellen. Eigentlich kann man denen auch nichts vorwerfen. Trotzdem steht fest, das wir das nicht richtig können, was wir eigentlich können sollten.
 
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Judith:
(bestimmt, zu Lisa und Pauline:) Ich sag ja schon immer, in der Schule vertrödeln wir zu viel Zeit!
Pauline:
(vorwurfsvoll:) Na, klar! Du als Streberin musst das ja sagen.
Judith:
(verärgert:) Streberin, ja? Wo hat denn die liebe Judith ihre Lehrstelle, na? Scheiße! Wieder ´nen Test daneben gehauen! Man kommt sich ja schon vor wie der letzte Idiot! Verdammt noch mal, wir sind doch nicht blöd!
Lisa:
Anscheinend aber doch. Du hörst es doch immer wieder in den Nachrichten: zu wenig Mathekenntnisse, geringer Wortschatz, miserable Rechtschreibung, Allgemeinbildung gegen null!
Pauline:
(zu Lisa und Judith, ungeduldig:) Und warum können wir heute die notwendigsten Dinge nicht richtig? Warum haben wir kaum noch Chancen, eine Ausbildung zu machen?
Judith:
Sag ich doch! Ganze Schuljahre vertrödelt mit irgendwelchem Scheiß, der zwar unheimlich gut klingt, aber wenig bringt. Glaub mir das!
Lisa:
Womit denn vertrödelt?
Judith:
 Nur ein Beispiel: Weißt du noch im ersten und zweiten Schuljahr, wie die Frau Pleiting morgens erst mal ihr ganzes Material hervorgekramt und aufgebaut hat?
Pauline:
(lachend:) ... und sich mit ihren Handpüppchen vor uns zum Affen gemacht hat? (lächerlich:) Hallo, liebe Kinder, ich bin Zahlix, der Mathedrachen!
Judith:
Das wär so ´n Punkt. Die hat immer gemeint, wir wären so begeistert und hätten sie freudig angelächelt, und war so stolz, dass uns das so ´n Spaß machte. Ausgelacht haben wir die doch! Kindgemäß, hat sie unseren Eltern gesagt, und spielerisch! (aufgebracht:) Das sollte kindgemäß sein! Als wenn wir als Kinder nur auf Püppchen, Comics, Monster und Kuscheltiere konditioniert gewesen wären! Dass die sich nicht selbst noch so ´n Hasenkostüm im Unterricht angezogen hat!
Pauline:
Und ich war so froh, dass ich aus dem Kindergarten war und endlich reinklotzen und richtig lernen konnte wie mein großer Bruder. Ich war richtig lerngeil!
Lisa:
Aber mir hat das früher immer Spaß gemacht mit den Puppen und den ganzen Spielen und Lernkästen und so.
Judith:
(entnervt:) Spaß! Spaß! Klar, den haben wir auch gehabt. Aber als wir alles konnten, haben wir ja immer weiter rumgehampelt, bis die letzten, die zu Hause nie mit ihren Eltern geübt hatten, auch mal was zustande brachten. Die haben nämlich auch den ganzen Laden aufgehalten! Wie lange hat das denn immer gedauert, bis wir das Gefühl hatten, alles richtig gut und sicher zu können?
Pauline:
Und dann diese Verarschung mit diesen ständigen Spielen! Das ist doch Betrug, einem immer nur Spielchen vorzusetzen, aber immer mit dem Hintergedanken, dass wir was dabei lernen sollten.
 
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Judith:
Genau! Als wenn wir nur nicht merken sollten, dass der eigentlich Zweck nicht das Spielen, sondern das Lernen war. Das ist doch verlogen! Was hatte ich einen Ehrgeiz, viel und schnell zu lernen! Aber die Pleiting hatte ja immer wieder neues Material vorgekramt, obwohl die meisten das schon konnten. Das war doch alles viel zu leicht und pille-palle.
Pauline:
Für mich aber nicht!
Lisa:
Ja, mit dir hat ja auch keiner zu Hause geübt. Das Einmaleins kannst du noch so gut verstanden haben, aber wenn du das zu Hause nicht immer wieder übst und auswendig lernst, kannst du es nie richtig, genau wie Rechtschreibung und Lesen.
Pauline:
Das hat uns die Frau Pleiting uns aber nie so deutlich gesagt, auch meinen Eltern nicht. Und die haben sich immer auf die Pleiting verlassen. Die wird schließlich dafür bezahlt, haben sie gesagt.
Lisa:
Mit 31 Kindern in der Klasse! Da konnte die auch viel mit jedem üben! Ne, ne, ohne Üben zu Hause und etwas Druck und Kontrolle durch die Eltern bist du verratzt.
Pauline:
Sie hatte aber den ganzen Tag immer nur gesagt: (übertrieben freundlich und nachäffend:) Das hast du aber schön gemacht! Das hast du aber schön gemacht!
Judith:
Eben! Wenn sie mal gesagt hätte: Das gefällt mir aber nicht , oder Da hast du dir aber keine Mühe gegeben oder einfach Das war Scheiße, dann hätte man sich über dieses Das hast du aber schön gemacht auch gefreut. Aber so ging das doch hier rein und da raus.
Lisa:
(verunsichert, zu Judith:) Du meinst also, man hätte in der Grundschule mehr aus uns rausholen können?
Pauline:
(zu Lisa:) Mit diesem Tri-tra-trullala-Unterricht vielleicht nicht ...
Judith:
(zu Lisa:) ... aber mit ernsthaftem Lernen, mit Anforderungen, wo man hinterher stolz gewesen wäre, dass man ´s verstanden hatte und sicher konnte, mit Üben und noch mal Üben und nicht mit Püppchen, Klötzchen, Würfelspielchen und Materialschlacht! Was Frau Glatt auf einem einzigen Arbeitsblatt hatte, da brauchte die Pleiting doch drei Regale und 15 Kästchen für!
Lisa:
(verständnislos:) Und warum hat es denn die Pleiting nicht gemacht wie die Frau Glatt?
Pauline:
Wahrscheinlich ist sie so ausgebildet und traut sich gar nicht anders. Heute bist du als Lehrer doch der letzte Mohikaner, wenn du den ganzen uneffektiven und zeitraubenden Schwachsinn nicht nachplapperst und mitmachst.
Judith:
Das vermute ich auch. Und die Lehrer, die zuerst einmal Leistungen fordern und üben, das sind dann die strengen oder sogar faulen, weil sie morgens nicht mit dem Möbelwagen zur Schule kommen. Aber bei denen lernst du wenigstens was!
Lisa:
(verunsichert, zu Judith:) Also, du meinst, es kommt gar nicht so darauf an, wie man etwas  beigebracht kriegt, sondern nur, ob man es nachher gut und sicher kann?
Judith:
Ja, genau, das meine ich.
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