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Intellektuelle Diarrhö

Konversationen diesseits und jenseits der Promille-Grenze


vor dem stillen Örtchen
Bühnenstück
Autor: Hans Georg Kraus
Spielform: Einakter

Spielzeit: ca. 25 Minuten

Alterstufe: ab 16 Jahren

Rollen:

1. Gast, männlich 8. Gast, weiblich


2. Gast, männlich 9. Gast, weiblich
3. Gast, weiblich 10. Gast, männlich
4. Gast, weiblich 11. Gast, männlich
5. Gast, männlich 12. Gast, männlich
6. Gast, männlich 13. Gast, weiblich
7. Gast, weiblich 14. Gast, männlich

Spielszene
(Die Szene spielt im Vorraum einer Gäste-Toilette während einer Geburtstagsfeier. Alle Gäste
stehen mehr oder weniger stark unter Alkoholeinfluss. Hinter der verschlossenen Toilettentür
befindet sich. wie sich später herausstellen wird, der 3. Gast. Der 1. Gast kommt in höchster
Not herbeigeeilt, will eilig die Toilettentür öffnen, rennt mit dem Kopf gegen die
verschlossene Tür, dreht mit dem Ausdruck größten Harndranges seine Runden vor der Tür.
Der 2. Gast kommt angeheitert singend dazu.)
2. Gast:
(singt) Hey, Baby, uh – ah, I want to know, if you ´ll be my girl! Eins, zwo, drei, vier, fünf,
sechs, sieben, acht! Hey, Baby, uh – ah, I want to know ...
(Er beobachtet den 1. Gast und bemerkt, dass der ein menschliches Problem hat.)
Garantiert Pils! Woll´n wir wetten?
1. Gast:
(ungehalten und unfreundlich) Was ist mit Pils?
2. Gast:
Pils, das spült gnadenlos durch! Geht mir auch immer so.
1. Gast:
Was geht dir auch immer so?
2. Gast:
Da bleib ich am Laufen. Zehn Gläser hast du Ruhe, und dann bringst du jedes Glas einzeln
weg.
1. Gast:
Hast du kein anderes Thema? Rede doch einfach vom Urlaub oder von der Arbeit oder vom
Essen!
2. Gast:
Oh ja, Urlaub und Essen ist gut! ´ne schöne Lasagne und ein paar Gläschen Valpolicella
dabei, das wär ´s jetzt! Aber wehe, du hast vorher zwei Espresso gehabt! Dann kommst du
vom Klo nicht mehr weg.
1. Gast:
(mit leidender Mine) Bist du bescheuert, Mann! Soll ich mir in die Hose machen? Erinner´
mich immer nur dran!
2. Gast:
Wo dran? Dass du kurz vor der Katastrophe stehst? Wenn du Kölsch oder Alt getrunken
hättest, wärst du dich jetzt schon am Umziehen.
1, Gast:
Wenn du jetzt nicht die Klappe hältst, wird ´s auch mit Pils passieren!
2. Gast:
Warum gehst du auch so spät? Hast du die Fleischsuppe nicht einkalkuliert? Die zählt für drei
Pils. Das kannst du mir glauben.
1. Gast:
Kannst du nicht mal vom Wetter reden?
2. Gast:
Von dem Sauwetter? Nur Regen, nasse Füße und die Blase erkältet! Vier Pils in der
Eckkneipe, und dann stehst du am Busbahnhof, erst ein leichtes Ziehen, ein kleiner Druck,
und dann denkst du nur noch daran, ob du heil nach Hause kommst. Und dann alle Ampeln
auf Rot! Und deine vier Pils wollen raus.
1.Gast:
Hör endlich auf! Ich halt´ das nicht mehr aus! Sing lieber ein Lied!
2. Gast:
(beginnt zu singen) Öffnet ihm die Türen, lasst ihn urinieren! Macht ihm frei das Becken,
sonst gibt ´s Pippiflecken! Kling, Glöckchen, klingelingeling, kling, Glöckchen, kling!
1. Gast:
(beschwörend) Mann, gib doch mal eine Minute Ruhe! Oder sing von Salzgebäck und
Butterkeks!
2. Gast:
Stell dich doch einfach draußen hinter ´n Rhododendron!
(Der 4. Gast kommt dazu. Der 2. Gast beginnt, leise die Melodie „Küss die Hand, gnäd´ge
Frau, Ihre Augen sind so blau“ von der Ersten Allgemeinen Verunsicherung zu pfeifen.
Danach singt er das Lied und schaut dabei den 4. Gast an, damit der sich angesprochen fühlt.)
4. Gast:
Tolle Stimmung da oben, nicht?
2. Gast:
Ja, ... kann man sagen. Ich fühl mich auf jeden Fall sau ...Oh, pardon! ... pudelwohl hier. (Der
2. Gast schaut den 4. Gast etwas lüstern an.) Bei den weiblichen Gästen!
4. Gast:
Sie alter Shampooneur, Sie! Machen Sie keine falschen Komponente!
2. Gast:
Nee, Sie, ehrlich! Sie könnten mir ganz gewaltig sympathisch werden. Hat Ihr Mann ein
Glück!
4. Gast:
Erst mal einen haben und dann glücklich werden!
2. Gast:
(zum 1. Gast) Hast du gehört? Die Karin ist noch gar nicht geehelicht!
1. Gast:
Wie schön für dich! Aber ich hab jetzt andere Probleme.
2. Gast:
Denk doch einfach an die Sahara oder an die Wüste Gobi oder an eine große Dürre!
4. Gast:
Ach, das wissen Sie auch schon wieder, dass die Gobi heute Abend auch hier ist? Sie sind ja
ein ganz gerissener Schweretöter! Aber die ihren Minirock finde ich etwas originär in der
ihrem Alter! Und noch was: Karin heiße ich nicht. Ich bin die Manuela.
2. Gast:
Bingo! Mehr wollte ich doch gar nicht wissen!
4. Gast:
Na, Sie sind mir ja einer! Woll´n wir gleich mal zusammen tanzen?
2. Gast:
Grundsätzlich ja, schöne Frau! Aber auf die Musik? Das ist doch nur Rumstehen mit Zucken:
Tsching – zing – ratatatat – zoing! Wissen Sie, was Musik ist? (singt) Marmor, Stein und
Eisen bricht, aber unsere Liebe nicht. Alles, alles geht vorbei, doch wir sind uns treu ...
4. Gast:
Ach ja, das von Udo Jürgens!
2. Gast:
Deutscher!
4. Gast:
Das ist doch schon in Deutsch! Oder nicht?
2. Gast:
Drafi!
4. Gast:
Nein! Manuela!
2. Gast.
Ja, ja! Ich glaube, wir lassen das Tanzen und gehen an die Theke, die Mandeln desinfizieren.
4. Gast:
Gern! Aber was trinken wir denn gleich?
2.Gast:
Wir könnten ja ein Gläschen Sekt schlürfen.
4. Gast:
Sekt ist nicht so ganz mein Fall. Wie wär ´s denn mit einem ganz normalen, schön gezapften
Pils?
2. Gast:
Um Himmels Willen, Pils! Dann verbringt man nachher die ganze Fête hier vor der Tür!
Gucken Sie nur meinen Kumpel an, die arme Sau! (zum 1. Gast) Ey, Markus! Musst du
immer noch so nötig?
1. Gast:
Blödmann! Wenn du mich noch mal dran erinnerst, nicht mehr!
2. Gast:
Oh, Entschuldigung! (zum 4. Gast) Bacardi! Was halten Sie von Bacardi?
4. Gast:
Auch nicht schlecht! Bacardi-Cola!
2.Gast:
Gut! Sie mit Cola, ich mit Eis!
(Die Toilettentür wird von innen geöffnet, der 3. Gast kommt heraus, der 1. Gast springt eilig
zur Tür und rennt den 3. Gast fast um.)
3. Gast:
Nicht so stürmisch, Markus! Immer schön Gentleman bleiben!
1. Gast:
Du hast gut reden! Wenn ich zurück bin, mach ich dir den Gentleman.
(Der 3. Gast pudert sich das Gesicht.)
2. Gast:
(zum 1. Gast) Du kannst ja jetzt schon mal den Gentleman üben und die junge Dame (4. Gast)
vorlassen. Ladies first! – wie der Lateiner sagt.
1. Gast:
Sonst noch Wünsche, Junge? Hier ist Ausnahmezustand! Etikette ist nicht! Not vor Tugend!
Füetti!
(Der 1. Gast verschwindet in der Toilette.)
2. Gast:
Mein lieber Herr Gesangsverein! Was lässt der sich gehen! (zum 3. Gast) Du hast den aber
auch ganz schön ins Schwitzen gebracht. Was war eigentlich?
3. Gast:
Na, hör mal! Indiskret bist du ja gar nicht!
2. Gast:
Nö! Aber lange hat ´s trotzdem gedauert.
3. Gast:
Warst du denn schon mal da drin?
2. Gast:
Nö! Brauchte noch nicht! Clever muss man sein! Kein Bier, keine Limo, kein Sekt, keine
Bowle! Nur Sachen, die stauben!
(Der 5. Gast kommt dazu.)
5. Gast:
Hi! Weiß einer die Ergebnisse von heute?
3. Gast:
Ergebnisse?
5. Gast:
Ja, Bundesliga! Fußball! Waren Super-Paarungen heute.
3. Gast:
Ach so! Nein, Fußball interessiert mich nicht.
2. Gast:
(zum 3. Gast) Was wolltest du denn gerade damit sagen, ob ich schon mal da drin gewesen
bin?
3. Gast:
Also, so was von hypermodernen Armaturen habe ich noch nie erlebt. Keine Spülung zu
sehen, kein Griff am Wasserhahn, keine Bedienungsanleitung! Nichts!
5. Gast:
Und wie haben Sie das Problem gelöst?
4. Gast:
(zum 3. Gast) Oh ja, sagen Sie mal schnell! Sonst stehe ich gleich vor dem Infarkt, wenn ich
das nicht hinkriege.
3. Gast:
Ja, irgendwie hat mich das an die Dressur von Affen erinnert, so mit Lernen durch Versuch
und Irrtum. Aber dann war alles ganz einfach: Spülung geht von selbst los, wenn man einen
Schritt nach vorn macht, Wasserhahn läuft, wenn man die Hände drunter hält, und hört auf,
wenn man sie wegzieht, Toilettenpapier kommt auf Knopfdruck. Da muss man aber vorher
die benötigte Blattzahl eintippen. Handtuch kommt ungefähr 15 Sekunden, nachdem der
Wasserhahn sich abgeschaltet hat. ... Also, das mit dem Wasserhahn und der Spülung hat mir,
als ich es konnte, so ´n Spaß gemacht, dass ich da richtig begeistert war. Ich hab das dann X-
mal gemacht, an – aus – an – aus - an – aus – an – aus ...
2. Gast:
Und der Markus kriegt hier draußen bald nasse Schuhe!
3. Gast:
Das ist mir jetzt aber ein bisschen peinlich! Wenn er kommt, kannst du ihm ja sagen, dass es
mir leid tut.
2. Gast:
Wenn der da raus kommt, ist es ihm wieder egal.
3. Gast:
Na ja, um so besser! Man sieht sich.
(der 3. Gast entfernt sich.)
5. Gast:
(zum 2. Gast) Sag mal, woher kenne ich das Gesicht von der?
2. Gast:
Von wem?
5. Gast:
Von der Tante, die da gerade abgerauscht ist!
2. Gast:
Vermutlich hast du das Gesicht schon mal bei ihr gesehen, das hat sie nämlich immer dabei!
(lacht selbstgefällig) Aber jetzt mal im Ernst! Moment, mit wem hat die Ähnlichkeit? Mit
irgendeiner aus der Werbung. Ich hab ´s gleich. Die von Jakobs mit dem Verwöhnaroma?
Nein! Von Du darfst! Ich will so bleiben, wie ich bin!
5. Gast:
Nein, die nicht! Die von Duschdas könnte es sein!
2. Gast:
Kann ich schlecht sagen, dafür hatte sie zu viel an.
5. Gast:
Ich meine ja auch nur das Gesicht!
4. Gast:
Jetzt weiß ich, wen Sie meinen! Die aus der Wüstenrot-Reklame!
2. Gast:
Genau! (singt) Auch diese Steine können Sie klauen!
4. Gast:
Ich find´ die Werbung blöd!
2. Gast:
Ich auch! Aber die von DEA, da könnt´ ich mich jedes Mal beömmeln. Ich muss schon immer
lachen, wenn mir auf der Straße ein DEA-Tankwagen begegnet. Oder die von Milka, die ist
auch geil.
4. Gast:
Nur, die schmeckt mir überhaupt nicht mehr. Das ganze Jahr besteht doch nur noch aus
Milka, Milka-Weihnachtsmänner, Milka-Osterhasen, Milka-Muttertagsherzen. Irgendwann
kommen dann noch die Milka-Halloween-Monster und Milka-Gedenk-Bonbons zum
Volkstrauertag! Also, ich stehe im Moment eher auf Ferrero-Küsschen.
(Der 5. Gast nimmt vor dem 4. Gast Haltung an und macht eine übertriebene höfische
Verbeugung.)
5. Gast:
Dann gestatten Sie, dass ich mich vorstelle: Ferrero! – Enzo Ferrero!
4. Gast:
Originell! Jetzt behaupten Sie nur noch, dass Sie den Ferrero-Testosteron konstruiert haben,
Sie kleiner Aufschneider, Sie!
(Der 6. und der 7. Gast erscheinen.)
6. Gast:
Ganz schnell noch den: Warum kommen Schwiegermütter nicht in den Himmel?
7. Gast:
(gleichgültig und etwas gelangweilt) Keine Ahnung!
6. Gast:
Drachen darf man nicht höher als 50 Meter steigen lassen.
(Der 6. Gast lacht schallend über seinen eigenen Witz.)
Oder kennst du den? Sind zwei Holzfäller in der Sahara.
7. Gast:
Na, toll! In der Sahara gibt ´s ja auch so viele Bäume!
6. Gast:
Ach, ja, richtig! Da waren sie ja auch schon fertig. Also, zwei Holzfäller in Kanada! Plötzlich
nimmt der eine seine Axt und haut dem anderen ein Bein ab. Da sagt der zu dem ...
5. Gast:
Wenn du das noch mal machst, trete ich dich in den Arsch!
6. Gast:
Konntest du mir auch sagen, dass du den schon kennst!
5. Gast:
Schon kennst? Auf den Witz kriegt meine Großmutter schon 23 Jahre Rente.
6. Gast:
So lange kannst du den aber auch nicht kennen.
5. Gast:
Mal wenigstens so lange, wie die Sahara schon abgeholzt ist!
6: Gast:
(zu allen) Apropos Sahara! Fällt mir noch einer ein, der ist super! Kennt ihr den mit der
nackten Frau in der Sahara?
(Die anderen Gäste schauen den 6.Gast erwartungsvoll an.)
4. Gast:
Nein, kenn´ ich nicht!
7. Gast:
Ich auch nicht!
6. Gast:
(zu allen) Nicht? Keiner? ... Ich kenn´ den auch nicht. Fängt aber gut an, nicht?
(Der 6. Gast ist wieder der Einzige, der über seinen Witz lacht.)
Nee, jetzt aber einen richtigen! Ist so ´n Araber, der muss in einem Zug durch die ganze
Sahara reiten. Und jetzt geht er zum Kamelhändler ...
4. Gast:
Ist das dieser flache Witz mit dem Wassersaufen?
6. Gast:
Jaja. (zu den anderen) Also, der geht zum Kamelhändler und sagt dem: Ali, ich brauche ein
gutes Kamel, das in einem Zug durch die ganze Sahara läuft.
2. Gast:
Ach, ist das der, wo der Kamelhändler sagt, das er das Tier aber vorher richtig saufen lassen
soll?
6. Gast:
Ja, genau! (zu den anderen) Ja, das hat dann der Ali gesagt, und der Araber führt das Biest,
das hat er übrigens gekauft, an die Tränke, lässt es saufen und reitet los.
5. Gast:
Und dann bricht das Vieh nach ein paar Kilometern zusammen?
6. Gast:
Ja, genau! Der ist gut, nicht?
5. Gast:
Jo! Schon vier Eimer voll drüber gelacht und den Rest in Krisengebiete geschickt.
6. Gast:
(zum 7. Gast) Kennst du den etwa auch schon?
7. Gast:
Also, wenn das der mit dem Tritt vor den Bauch ist ...
6. Gast:
Ja, nicht gerade in den Bauch, aber das ist er. (zu allen) Soll ich noch zu Ende erzählen?
(Alle schauen sich gelangweilt und gleichgültig an und reagieren wortlos mit Schulterzucken.
Der 1. Gast kommt derweil von der Toilette.)
6. Gast:
(zum 1. Gast) Na, hat ´s geklappt?
1. Gast:
Gute Frage! Eins weiß ich jetzt schon: Mit dieser Latrine kommst du nicht klar!
6. Gast:
Man wird sehen.
2. Gast:
(zum 1. Gast) Ey, Moment! Warte mal kurz, ich geh dann mit.
4. Gast:
(zum 2. Gast) Wollen Sie nicht endlich mal rein gehen? Wir stehen ja schließlich nicht zu
unserem Vergnügen hier!
2. Gast:
Bin schon weg. Adieu, schnöde Welt!
(Der 2. Gast geht zur Toilette, schließt die Tür, öffnet sie sofort wieder und kommt wieder
heraus.)
(zum 4. Gast) Jetzt hätt´ ich doch bald meine humanistische Bildung vergessen. Lady, bitte
nach Ihnen!
(Er weist ihr mit einer übertriebenen Geste den Weg zur Toilettentür.)
Ihr Wohl liegt mir unheimlich am Herzen.
4. Gast:
Oh, danke! Es gibt doch noch Kavalleristen unter den Männern. Aber gehen Sie nur rein! Ich
bin emanspiriert.
(Während des Gesprächs zwischen dem 2. und dem 4. Gast schleicht sich der 6. Gast schnell
zur Toilette und verschließt die Tür. Der 7. Gast trägt gerade noch etwas Rouge auf.)
7. Gast:
(zum 5. Gast) Das ist doch ´ne Unverfrorenheit, sich einfach vorzudrängen!
5. Gast:
Dann regt er uns wenigstens nicht mehr mit seinen ausgelutschten Witzen auf.
(Der 8. Gast kommt dazu.)
8. Gast:
(zum 7. Gast) Ist das langweilig da oben! Schlaffe Getränke, tanzfaule Kerle, ungebildete
Gesprächspartner, tote Hose!
1. Gast:
(zum 2. Gast) So, ich gehe wieder nach oben.
2. Gast:
Halt! Du wolltest doch warten.
1. Gast:
Bei deiner humanistischen Bildung dauert mir das zu lange. Du lässt doch alle vor. Bis gleich!
2. Gast:
Warte, ich gehe mit!
1. Gast:
Du bist doch jetzt gleich dran. Willst du denn deinen Vorzugsplatz in der Schlange aufgeben?
2. Gast:
Jou, tue ich! Eigentlich muss ich noch gar nicht. Siehst du, Fusel-Trinker müssen seltener! (zu
den anderen) Man sieht sich! (zum 1. Gast) Komm! Steh hier nicht blöd rum!
(Der 1. und der 2. Gast verlassen die Bühne.)
4. Gast:
(zum 5. Gast) Mein lieber Mann, was ist das (2. Gast) ein Egozyniker! Steht hier nur rum, um
uns zu nerven!
8. Gast:
Egozentriker!
4. Gast:
Wer? Ich?
8. Gast:
Nein, du nicht! Aber es heißt Egozentriker und nicht Egozyniker.
4. Gast:
Ach, dachte ich mir ´s doch! Aber mein VHS-Kurs in Fremdwörtern liegt schon einige Zeit
zurück.
8. Gast:
Es gibt aber auch so entsetzlich viele! Und es kommen immer neue dazu. Es gibt ja schon
bald mehr Fremdwörter als normale.
5. Gast:
So ist es! Das geht doch schon im Werbefernsehen los: Schönheitswässerchen heißt Beauty-
Fluid, Rasierwasser heißt After-Shave ...
4. Gast:
Ach, das ist zum Rasieren?
5. Gast:
Klar doch! Was denn sonst?
(Der 2. Gast kommt wieder zurück.)
2. Gast:
Ich beglückwünsche Sie alle zu meiner Rückkehr! (fängt an zu singen) Junge, komm bald
wieder, bald wieder ...
8. Gast:
Wie? Sie schon wieder da?
2. Gast:
Gerade an der Theke ein einziges Pils getrunken, schon fängt die Lauferei an! Selbst schuld!
Aber ich darf ja wieder an meinen alten Platz?
7. Gast:
So weit kommt das noch! Hinten ist das Ende des Rattenschwanzes!
2. Gast:
Na gut! Der Klügere gibt nach!
7. Gast:
Dann müssten Sie aber sehr starrköpfig sein.
(Der 6. Gast kommt von der Toilette.)
6. Gast:
(zu allen) Da ist mir gerade noch einer eingefallen. Pass auf! Ein Russe, ein Amerikaner und
ein Deutscher streiten sich ...
4. Gast:
Auch das noch! Dann will ich mal rein gehen.
(Der 4. Gast will gerade zur Toilettentür greifen.)
6. Gast:
Warte noch ´n Moment! Der ist nicht lang. Den musst du dir unbedingt noch eben anhören.
(Der 5. Gast mogelt sich schnell in die Toilette und verschließt die Tür.)
4. Gast:
Da! Verdammt! Das ist die logistische Konsistenz, wenn man sich aufhalten lässt!
6. Gast:
Also, ein Ami, ein Russe und ein Deutscher ...
4. Gast:
Mann, du demutierst mich mit deinen Nostralgie-Witzen! Wegen dir hat sich dieser
fleischgewordene Werbespot da reingemogelt!
8. Gast:
Genau! Sie bringen hier den ganzen Laden durcheinander!
6. Gast:
Ja, ja, verstehe schon! Kulturbanausen!
(Der 6. Gast verlässt enttäuscht die Bühne.)
8. Gast:
Na, endlich! Erstaunlich, wie viel geistigen Dünnschiss so ´n krankes Hirn produzieren kann!
... Hoffentlich kommt dieser Warteschlangen-Revoluzzer bald da raus!
4. Gast:
Ja, so langsam wird ´s für mich Zeit.
(Der 5. Gast kommt aus der Toilette und weist dem 4. Gast den Weg zur Tür.)
5. Gast:
Mache dir das Leben leicht, benutze immer Hakle feucht!
4. Gast:
Jaja, schon gut!
(Der 4. Gast geht zur Toilette und verschließt die Tür.)
5. Gast:
Ich darf mich empfehlen.
(Der 5. Gast verlässt die Bühne, der 9. Gast kommt und scheint sich offensichtlich nicht wohl
zu fühlen.)
7. Gast:
(in Richtung des davon gehenden 5. Gastes) Ich darf mich auch übergeben.
(zum 9. Gast) Was ist denn mit dir los?
9. Gast:
Gar nichts! Sprich mich bitte nicht an!
7. Gast:
Oh, Madame ist sensibel geworden!
9. Gast:
Nee, sensibel nicht! Aber ich hab wohl meinen Besuch hier unten zu lange aufgeschoben.
Und jetzt noch drei vor mir! Ich glaube, ich sterbe!
8. Gast:
Das weiß man doch vorher, dass man hier unten irgendwann vorstellig werden muss.
9. Gast:
(zum 7. und 8. Gast) Dieser bescheuerte Travolta-Typ da oben, der hat mich nicht aus seinen
Klauen gelassen. Ein Ausbund an Charme und Davidoff Cool Water! Der hält sich auch für
den großen Bruder von Brad Pitt.
7. Gast:
Und wie hast du dich losreißen können?
9. Gast:
Ich hab ihm gesagt, ich müsste mal kurz meinen kleinen Sohn anrufen. Da zog er Leine.
(Der 4. Gast kommt aus der Toilette.)
4. Gast:
Wünsche allerseits noch einen fröhlichen Aufenthalt. Hasta baptista!
(Der 4. Gast entfernt sich, der 7. Gast geht in die Toilette, der 10., 11. und 12. Gast kommen
dazu.)
10. Gast:
(zum 12. Gast) ... und das alles ohne Elektronik! Nur vier Mann! Und was hatten die schon
einen Sound drauf!
12. Gast:
Vor allem konnten die auch singen. Wenn ich die Krähen von heute dagegen höre, diese
Modern Talkings oder die Backstreet Boys oder den Plastik-Jackson oder das Gequake vom
Grönemeier.
10. Gast:
Oder Roland Kaiser oder Costa Cordalis und alle diese versunkenen Sternchen! Wer spricht in
20 Jahren noch von Michelle oder Marianne und Michael? Alles Eintagsfliegen!
12. Gast:
Das war ja auch früher ´ne ganze Bewegung mit den Beatles und den Stones. Da ging auch
noch was ab! Das ist ja schon fast was Historisches. Von Schröder und Merkel redet in 10
Jahren auch keiner mehr.
10. Gast:
Genau! Nur wenn du was bringst, bleibst du in, wie die Beatles!
(der 11. Gast fängt urplötzlich an, nach der Melodie „Hard Day´s Night“ zu singen und dabei
ungelenk zu dirigieren.)
11. Gast:
Da da da da da da, da da da da da ......
2. Gast:
(zum 11. Gast) Jawohl! Das ist es! (fängt an zu singen) It ´s been a hard night´s day, and I ´ve
been fucking like a dog. (tanzt dabei herum) Das werden wir jetzt einüben. Aufstellung!
11. Gast:
Tenöre links, Alt rechts! (zeigt auf den 8. Gast)
8. Gast:
Du kriegst gleich eine gescheuert! So alt, wie du aussiehst, kannst du gar nicht werden. Aber
du bist ja der jugendliche Eroberertyp!
2. Gast:
Er meint doch nur deine Stimme.
8. Gast:
Die klingt auch nicht alt! Ich rauche nicht und ich saufe nicht, im Gegensatz zu euch! Haut
doch ab und macht andere an!
(Der 7. Gast kommt aus der Toilette, der 8. Gast geht hinein.)
(im Hineingehen) Ein Glück! Zwei Minuten Ruhe vor diesen Nervensägen! Ich glaub´, ich
spinne! Ich und alt! Die sollten mal in den Spiegel gucken!
(Der 7. Gast ist im Begriff wegzugehen.)
12. Gast:
Mein lieber Mann, was hat die (7. Gast) tolle Beine! Wenn sie jetzt noch gerade wären!
(Alle lachen. Der 7 Gast kommt spontan zurück und gibt dem 12. Gast wortlos eine Ohrfeige,
um sich ebenso wortlos zu entfernen.)
2. Gast:
(schadenfroh zum 12. Gast) Ruck-zuck fiel der Kiefer tiefer!
11. Gast:
Wenn das kein Argument war!
12. Gast:
Blöde Ziege! Wenn die mal heiratet, höchstens einen Dompteur!
10. Gast:
Der muss dann aber schon einige Jahrzehnte Manegenerfahrung haben!
2. Gast:
Wie sagte doch Nietzsche so treffend: Gehst du zum Weibe, vergiss die Peitsche nicht!
11. Gast:
Oder dich aufzupeitschen!
2. Gast:
Na! Pfui Teufel!
(Der 8. Gast kommt aus der Toilette.)
8. Gast:
Entrez, s´ il vous plaît !
(Der 2. Gast stürzt hastig in die Toilette, der 8. Gast entfernt sich, der 13. Gast kommt dazu.)
13. Gast:
Endlich mal ´ne Minute Ruhe! Dieser Ferrari-Fetischist, der geht mir vielleicht auf den Geist!
9. Gast:
Meinst du den etwas Kräftigen?
13. Gast:
Genau den!
9. Gast:
Mir hält der schon den ganzen Abend seinen Ferrari-Schlüsselanhänger vor die Nase.
13. Gast:
Vom Typ her müsste der eher einen Seat Marbella fahren.
9. Gast:
Oder Fahrrad!
(Der 14. Gast erscheint.)
14. Gast:
(macht pantomimische Lenk- und Schaltbewegungen, spricht zu sich selbst) Brrrm! Zweiter
Gang bis 95! Klick, 3. Gang! 120, 125, 130! Schalten! 4. Gang, brrrm, und jetzt die 240
Pferdchen loslassen! ... Das ist Leben pur, mit 290 auf der Brenner-Autobahn!
13. Gast:
Nun mach mal halblang! Und erzähl uns um Himmels Willen nichts von deinem Ferrari!
14. Gast:
Das Feeling müsstet ihr kennen! Einmal Ferrari fahren und dann sterben!
9. Gast:
Mach hier keine leeren Versprechungen!
14. Gast
Halt! Das verstehe ich jetzt irgendwie nicht.
9. Gast:
Brauchst du auch nicht! Kann schon mal passieren, dass die Zylinder mehr bringen als der
Kopf.
(Der 2. Gast kommt aus der Toilette.)
Aber du kannst ihr (dem 13. Gast) ja ein bisschen über dieses irre Ferrari-Feeling erzählen.
Adio!
13. Gast:
(zum 9. Gast) Mensch, wie kannst du mir das antun!
(Der 9. Gast verschwindet wortlos in der Toilette.)
2. Gast:
Alle mal herhören! Wir werden uns jetzt die Wartezeit verkürzen, indem wir ein frohes Lied
schmettern. Keiner dagegen? Also los!
11. Gast:
Aber dirigieren tu ich! Und zwar Country Roads von John Denver!
2. Gast:
Das passt doch hier gar nicht hin, und zweitens kennt das eh kein Aas.
11.Gast:
Du hast hier nichts zu melden. Wer hier nicht warten muss, kann gar nicht mitreden. Und du
kommst ja gerade vom Entsafter. Also, entweder singst du Country Roads auf mein
Kommando mit, oder du lallst denen da oben die Ohren voll! Klar?
2. Gast:
Das hat man nun davon, dass man einmal austreten war! ... Nee, unter so einem
Kulturbanausen wie dir singe ich nicht! Da werde ich eher stumm wie ein Fisch!
13. Gast:
Oh, prima! Dann fang schon mal an!
2. Gast:
(zum 11. Gast) Perlen vor die Säue, sag ich nur, Perlen vor die Säue! Ihr werdet schon hören,
was ihr davon habt. Ich empfehle mich!
(Der 2. Gast verlässt die Bühne, der 9. Gast kommt von der Toilette und verlässt die Bühne,
Der 6. Gast kommt mit dem 5. und 1. Gast dazu.)
6. Gast:
(zum 1. Gast noch im Kommen) Mann, hast du die gesehen? Da war aber auch alles perfekt,
das Chassis, das Design, das Fahrwerk, die Lackierung und vor allem diese Airbags! Das haut
einem den Draht aus der Mütze!
1. Gast:
Und wie die daher marschierte! Das ist Stil, Leute! Macht ´n paar Schritte durch die Tür, und
alles dreht sich um und kriegt die Maulsperre.
14. Gast:
Was ist denn los da oben?
1. Gast:
Ein Suuuperweib ist da gerade angekommen!
14. Gast:
Und? ´n Typ dabei?
6. Gast:
Jaja, kannste aber vergessen. So ´n Golf-GTI-Typ!
14. Gast:
Na, dann werd´ ich sie mal meinem Ferrari vorstellen!
13. Gast:
Sag mal, du scheinst aber wirklich nur ´n paar Zündkerzen im Oberstübchen zu haben! Hast
du eigentlich kein anderes Thema?
(Der 11. Gast schaut demonstrativ auf seine Armbanduhr.)
11. Gast:
(ruft) Ladies and gentlemen! Ich erbitte nunmehr Ihre geschätzte Aufmerksamkeit! Wisst ihr
eigentlich, warum wir hier sind?
6. Gast:
Na, weil wir unserer Blase etwas Entspannung gönnen wollen, Herr Quizmaster!
11. Gast:
Wahnsinn! Aber warum sind wir auf dieser Fête?
13. Gast:
Weil wir eingeladen sind, wobei ich bei dir meine Zweifel habe; Herr Oberlehrer!
11. Gast:
Toll! Und warum sind wir wohl eingeladen, na? Ihr dürft jetzt einen Joker setzen.
14. Gast:
(in übertrieben distinguiertem Englisch) Because it ´s Lilly´s birthday tomorrow morning,
Mr. Winterbottom!
11. Gast:
Exactly! Und den has she in forty seconds, wenn meine watch not ganz wrong goes.
6. Gast:
Au, Backe, Mann! Alles nach oben, Ständchen bringen!
(Alle Gäste entfernen sich recht eilig unter lautstarkem Palaver. Nach einer Weile kommt der
10. Gast aus der Toilette, schaut sich verdutzt um, weil niemand mehr vor der Tür wartet,
überlegt eine Weile, zuckt mit den Schultern und geht mit einem verschmitzten Grinsen
wieder in die Toilette. Licht aus! Vorhang!)