Stefan Zweifel – „nur“ Hauptschüler

(vom systematisch zerstörten Image einer leistungsfähigen Schulform)

Autor: Hans-Georg Kraus
Theaterstück in 7 Episoden über die mehr oder weniger typische schulische und berufliche Karriere des mehr oder weniger typischen Hauptschülers Stefan Zweifel Altersempfehlung: ab 9./10. Schuljahr Spielzeit: ca. 50 Minuten besondere Verwendungsmöglichkeiten: 1. hauptschulinterne Aufführungen zur öffentlichen Darstellung der eigenen Schulform 2. Videoproduktion zum Denkanstoß bei der Beratung von Grundschuleltern und Grundschullehrern 3. erzieherischer Einsatz zur Besinnung auf eigene Begabungen, Stärken und Perspektiven der Hauptschüler(innen) Rollen: 1 = Stefan Zweifel als Grundschüler im 4. Schuljahr 2 = Stefan Zweifel als Hauptschüler im 7. Schuljahr 3 = Stefan Zweifel als Hauptschüler im 10. Schuljahr 4 = Frau Wilhelm, Stefans Grundschul-Lehrerin 5 = Werner Zweifel, Stefans Vater 6 = Gerda Zweifel, Stefans Mutter 7 = Andreas Marxen, Gymnasiast und Stefans ehemaliger Grundschul-Klassenkamerad 8 = Britta Marxen, Andreas´Mutter 9 = Stefan Zweifel als Facharbeiter

1. Episode: „Kalte Dusche“
(4. Schuljahr)
4 zu 5 und 6 5 zu 4 4 zu 5 6 zu 4 4 zu 6 4, 5 und 6 in einer Sitzgruppe im Gespräch: So, das ist der Stand der Dinge. Wenn ich Sie also recht verstehe, kommt unser Stefan nicht für das Gymnasium in Frage? Nicht in Frage ... So kann man das nicht sagen. ... Ich würde Ihnen aber in jedem Fall davon abraten. Aber seine Noten sind doch gar nicht so schlecht! ... Das haben Sie doch selbst gesagt. Sicherlich, Frau Zweifel. ... Aber Sie haben mir doch gerade selbst bestätigt, wie viel Arbeit, Übung und ... Wie sagte Ihr Mann so schön? ... Büffeln für diese Leistungen notwendig war.

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Ja, ... und wenn er am Gymnasium genau so fleißig wäre? Schauen Sie doch, Frau Zweifel, Stefans Leistungen sind in der Klasse ... sagen wir ... gehobener Durchschnitt. Na ja, und dieser Nervenaufwand, den meine Frau 3 ½ Jahre lang hatte, ... Da käme am Gymnasium noch weit mehr auf uns zu. Das sehen Sie absolut realistisch. ... Und, wollen Sie Stefan jahrelang mit Nachhilfe durchboxen? ... Können Sie sich die Ängste eines Kindes vorstellen, wenn es ständig überfordert ist? ... Und den Druck, unter dem es steht, weil die Eltern vielleicht zu viel von ihm erwarten? ... Zumindest mehr, als er derzeit zu leisten im Stande ist? Ja, aber ... aber wenn er jetzt nicht zum Gymnasium kann, dann ist seine Zukunft ja schon irgendwie verpfuscht, meine ich. ... Und die Kinder meiner Schwester, die gehen ja auch beide zum Gymnasium! Also eines können Sie mir glauben: Keiner verpfuscht sein Leben, wenn er nicht zum Gymnasium geht. ... Und die Kinder anderer Leute sollten Sie nie zum Maßstab für die eigenen nehmen! Ich war ja auch nicht auf der Penne. Du kannst ja wirklich nicht behaupten, dass ich mein Leben verpfuscht habe. ... Ich bin jedenfalls stolz, dass ich alles so geschafft habe, obwohl ich nur in der Hauptschule war. Nur?? ... Das ist wohl der Knackpunkt bei den meisten Eltern. Wie, Knackpunkt? Viele Erwachsene erzählen immer, dass sie ja „nur“ in der Hauptschule waren. ... und dann versinken sie am liebsten noch vor Scham in den Boden. Das ist ja auch nun wirklich nichts Besonderes. Sehen Sie, das sind die Folgen, wenn Eltern ihre Kinder ständig runter machen: Du bist nichts, du kannst nichts, du gehst nur zur Hauptschule. Das fing vermutlich schon bei Ihren Eltern an. So ist es ja auch! ... Was will man denn heute schon mit dem Hauptschulabschluss? ... Man hört doch jeden Tag, was da los ist. ... Also die würde ich Stefan gern ersparen. Ich fürchte, Sie sind sehr schlecht oder von den falschen Leuten informiert. Deshalb denken Sie so negativ über die Hauptschule. Da muss ich Frau Wilhelm Recht geben. Guck dich mal in unserem Betrieb um, in welchen Positionen ehemalige Hauptschüler sind, vom Facharbeiter bis zum Diplom-Ingenieur. Ja, und Sie als ehemaliger Hauptschüler? ... Haben Sie es etwa zu nichts gebracht? Doch schon. ... Aber da musste ich auch viel für tun. Aber können Sie denn abstreiten, dass Sie in der Hauptschule das gelernt haben, worauf Sie später aufbauen konnten? Nein, keinesfalls! Und trotzdem sagen Sie immer wieder „nur Hauptschule“. Auf jeden Fall bin ich maßlos enttäuscht. Alles habe ich für Stefan getan. ... Was habe ich mit ihm geübt! ... wie viele Diktate habe ich mit ihm geschrieben! ... Wie viele Aufgaben habe ich mit ihm gerechnet! ... Manchmal sogar bis zum Dunkelwerden! Jetzt wird mir einiges klar! Was meinen Sie damit? Jetzt verstehen Sie mich bitte richtig! ... Ich wundere mich schon seit einiger Zeit, warum Stefan eine solche Unlust an den Tag legt, warum er so nervös und überdreht ist. ... Manchmal wird er sogar aggressiv. ... Ist Ihnen

6 zu 4 4 zu 6 5 zu 4 6 zu 4 4 zu 5 und 6 6 zu 4 4 zu 6 5 zu 4 4 zu 5 6 zu 4 4 zu 6

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eigentlich nie der Gedanke gekommen, dass Sie Ihren Stefan kaputt machen? Wieso kaputt machen? ... Gucken Sie sich doch seine Zeugnisse an! ... Bis auf Sport hat er nie ein Ausreichend gehabt. ... Alles umsonst! Aber war der Preis nicht ein bisschen zu hoch? Ja ja, ... aber bis jetzt haben wir doch immer gedacht, er schafft den Sprung ins Gymnasium. ... Irgendwie ist das schon ein Schock für uns. Er sollte es doch mal besser haben als wir. Wirklich?? ...Während der ersten 3 ½ Schuljahre hat er es aber schlechter gehabt als Sie damals. Schlechter? ... Er hat doch alles, ... sein eigenes Zimmer, seinen Fernseher, seinen PC, Stereo-Anlage. Und wie viel Zeit haben Sie ihm gelassen, einfach Kind zu sein? Ich glaube, ich verstehe, was Sie meinen. Dann hätte unser Gespräch viel gebracht. ... Wollen Sie Stefan wirklich noch 9 oder mehr Jahre durch´s Gymnasium hetzen und riskieren, dass Sie ihn mit ihrem falschen Stolz zum Psychopathen machen? Na, hör´n Sie mal, Frau Wilhelm! Frau Zweifel! ... Ich bin für meine Schüler verantwortlich. Dazu gehört auch, den übertriebenen Ehrgeiz von Eltern zu bremsen und die Eltern so zu beraten, dass ihre Kinder die Schulen besuchen, die sie am besten fördern können. Soso! ... Ich kenne aber einige Kinder in der Klasse, die auch zum Gymnasium gehen, ... und die haben nicht Stefans Noten! ... Und wie soll ich das verstehen? Es ist leider meist so, dass alle gut gemeinten Ratschläge von den Eltern in den Wind geschlagen werden. Das hieße ja, dass viele Schüler in Schulen sind, für die sie gar nicht geeignet sind? So ist es. Die Schulen lehnen ja heute kaum noch einen ab. Und solange Leute den weißen Kittel für ehrenvoller halten als den Blaumann, wird das immer noch schlimmer. Und wenn wir ihn doch am Gymnasium anmelden? Ich kann das nicht verhindern. Nur ... glauben Sie mir abschließend nur das Eine: Stefan wäre ein sehr guter Hauptschüler, dem das Lernen vielleicht wieder Spaß macht, weil er allein zurecht kommt ... und weil er nicht ständig überfordert ist. Aber Hauptschule ... Sie können sich gar nicht vorstellen, wie enttäuscht ich bin. Ich auch ein bisschen. ... Ich wollte einmal richtig stolz auf Stefan sein. ... Aber das war wohl nichts! Sie werden noch stolz auf ihn sein, wenn Sie ihm die Chance geben, sich da zu entfalten, wo er am besten aufgehoben ist. Aber welche Chancen hat er denn noch? Alle! ... das ist eben der Unterschied zwischen der alten Volksschule und der Hauptschule. Stefan kann in und nach der Hauptschule alles machen, wenn er seine Begabungen nutzt ... und ... vor allem, wenn Sie ihn nicht fallen lassen. Das hört sich ja alles sehr schön an, wie Sie das sagen. Und genau so ist das auch. Nur ... es will kaum einer wahr haben. ... Und wieder andere setzen, warum auch immer, alles daran, Hauptschule und

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Hauptschüler systematisch platt zu reden. Er soll nur nicht glauben, dass ich mich jetzt noch jeden Nachmittag mit ihm dahin setze. ... Ne, der Zug ist abgefahren! Das brauchst du auch nicht, Gerda. Das bisschen wird er schon allein schaffen. Das bisschen? ... An der Hauptschule müssen die Kinder viel mehr leisten, als Sie denken. Nur ... Hauptschule ist, ...und ich möchte fast sagen: zum Glück, ... kein Gymnasium. Eben! ... Kein Gymnasium! Ich schlage vor, Sie lassen sich alles noch einmal durch den Kopf gehen. ... Meine Meinung kennen sie jedenfalls.

2. Episode: „Vorgeknöpft“
(4. Schuljahr)
Bei Zweifels zu Hause. 5 geht nervös auf und ab, 6 steht deprimiert etwas abseits, 1 sitzt zusammengekauert auf einem Stuhl. Das hat uns wirklich Spaß gemacht, das Gespräch mit Frau Wilhelm! Richtig geschämt hab´ ich mich. ... Kannst du dir überhaupt vorstellen, wie man sich als Mutter vorkommt, wenn man sich anhören muss, dass das eigene Kind zu dumm für´s Gymnasium ist?! (kleinlaut:) Ich wollte doch gar nicht zum Gymnasium. So, du wolltest nicht! ... Und an uns denkst du gar nicht! Überall wird man gefragt: Wo geht denn euer Stefan nach dem Vierten hin? ... Am besten lässt man sich auf der Straße gar nicht mehr sehen! Hat Mutti nicht jeden Tag mit dir geübt? ... Haben wir nicht alles für dich getan? Und hast du uns nicht immer erzählt, dass du im Unterricht gut mitgemacht hast? Die Klappe hast du nicht aufgekriegt! ...Hast den Kopf eingezogen! Versteckt hast du dich! Dabei hab´ ich dir jeden Morgen gesagt: Du bist der Stefan Zweifel! Du brauchst dich vor den anderen nicht zu verstecken! Weißt du, die Zweifels sind schon wer! ... Wenn ich da andere Familien sehe! Das weiß ich ja auch. Und warum tust du in der Schule so, als wenn du blöd bist? Hab´ ich doch gar nicht. Und wie kommt Frau Wilhelm dazu, dass du besser nicht zum Gymnasium gehst? Mutti und ich wollten immer nur dein Bestes. ... Wir hatten früher nicht die Möglichkeiten. ... Hauptschule - Lehre – Ende! Aber du hast doch viel erreicht! Erreicht, klar hab´ ich das. Aber jeden Tag Stress, Ärger und Maloche, ... und das bis 65! Und wenn ich damals hätte studieren dürfen ... ! Aber meine Eltern hatten ja kein Geld dafür. Mir hast du aber mal gesagt, dass du keine so gute Schülerin warst.

5 zu 1 6 zu 1 1 zu 5 und 6 5 zu 1 6 zu 1 5 zu 1 6 zu 1 5 zu 1 6 zu 1 5 zu 1 1 zu 5 6 zu 1 1 zu 6 6 zu 1 5 zu 1 1 zu 5 5 zu 1 6 zu 1 1 zu 6

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Und warum nicht? ... Weil meine Mutter keine Zeit hatte, jeden Tag mit mir zu üben ... so wie ich mit dir. Konnte sie doch! Denkste! ... Konnte sie nicht, weil sie teilweise mitarbeiten musste. Und dann 5 Kinder! Ja, aber du verdienst doch so gut, dass Mutti nicht mitzuarbeiten braucht, hast du mal gesagt? Das ist auch gut so. Siehst du, es kann einem auch gut gehen, wenn man nicht auf dem Gymnasium war. Heute ist das anders! ... Wer ist man denn schon? ... Hauptschüler! ... Willst du auch so hart für dein Geld arbeiten wie Vati? Warum denn nicht? Also, Werner, der Junge will uns einfach nicht verstehen! Ich bin´s einfach leid! ... Soll er doch sehen, wo er bleibt! Glaub´ ja nicht, dass ich mich demnächst noch über Schule aufhalte! ... Ich tu alles für dich, dass etwas aus dir wird, ... und dir scheint alles scheißegal zu sein! Ist es gar nicht! Und warum machst du uns diese Schande? ... Alle gehen sie zum Gymnasium, ... nur unser Stefan nicht! ... Weil Zweifels Stefan ja dumme Eltern hat! Er hat sich die Suppe selbst eingebrockt, jetzt muss er sie auch auslöffeln. Ich kümmere mich nicht mehr drum. Und du bist nicht einmal enttäuscht? Ja ... nee ... eigentlich nicht. Jetzt hör´ dir das mal an, Werner! ... So etwas Undankbares! Jetzt müsste er nur noch sagen, er freut sich auf die Hauptschule! Tu ich auch! ... Der Ralf will nämlich auch dahin. Der Ralf! ... Der Ralf! ... Der Vater vom Ralf scheint doch nicht ganz klar im Kopf zu sein. ... Schickt den Jungen zur Hauptschule! Aber Vati! ... Das ist doch dein Abteilungsleiter!

3. Episode: „ Fallen gelassen“
(5. Schuljahr)
6 und 8 begegnen sich zufällig auf der Straße. 8 Ach, Tag Frau Zweifel! 6 Tag, Frau Marxen! 8 Gut, dass ich sie treffe, Frau Zweifel. ... Unser Andreas hat immer noch die CD-ROMs von Stefan. Mir ist das so peinlich! 6 Halb so wild, Frau Marxen. Im Moment braucht er sie sowieso nicht. 8 Ich habe Andreas schon so oft gesagt, er soll sie Stefan mal vorbeibringen. ... Aber er hat jetzt auch so wenig Zeit. Wissen Sie, am Gymnasium, da müssen die Kinder ja doch ganz schön ran. 6 Das kann ich mir vorstellen! ... Na ja, bei unserem Stefan hat´s ja nicht ganz gelangt. ... Muss er halt zur Hauptschule gehen! ... Sein Problem! 8 Eigentlich schade, dass die beiden sich jetzt nur noch so selten sehen können! ... Sagen Sie

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mal, ... so ganz schlechte Noten hatte Stefan doch gar nicht in der Grundschule, oder? Nee, eigentlich nicht. Ich meine doch, dass Stefan und Andreas ungefähr immer gleich gut waren?! Ja, schon: ... Aber Ihr Andreas ist doch schon ein anderer Typ als Stefan, ... irgendwie schon etwas reifer und selbstbewusster. ... Auf jeden Fall hat uns Frau Wilhelm abgeraten. Ach, die Wilhelm! ... Bei Andreas hat sie uns auch nicht das Gymnasium empfohlen. Aber Andreas soll´s ihr schon beweisen! Dann gibt´s eben nur eines: Üben - üben – üben! Nein, das tu ich nicht mehr. Ich habe Stefan klipp und klar gesagt, dass ich von Schule endgültig die Nase voll habe. Jetzt ist er selbst für sich verantwortlich. Also, das könnte ich mir bei Andreas gar nicht leisten. Was der zu Hause alles tun muss! ... Da bin ich manchmal ganz schön genervt. Was Stefan im Moment macht, weiß ich gar nicht richtig. Gut gelaunt ist er ja. ... Er schwärmt sogar von seinen Lehrern und Klassenkameraden. Und die Noten sind auch nicht schlecht. ... Aber was ist schon eine 2 plus auf der Hauptschule! Hätten Sie Stefan nicht wenigstens bei der Realschule anmelden können? ...Realschule, das klingt ja doch irgendwie besser als Hauptschule, meine ich. ... Ich war ja auch nur auf der Hauptschule. Deshalb bin ich ja so froh, dass es einer aus unserer Familie endlich geschafft hat. ... Sicher, zum Spielen kommt er zur Zeit etwas wenig. Aber Sie können wenigstens stolz auf Andreas sein. ... Unser Stefan braucht, glaub´ ich, nicht viel Hausaufgaben zu machen. Aber mir ist es auch eigentlich egal. Ich habe mich auch schon immer gewundert, dass Stefan immer so früh auf der Straße ist. ... So, seien Sie mir nicht böse, ich muss los, noch etwas Mathe und Englisch mit Andreas üben. Üben Sie jeden Tag mit ihm? Fast! ... Fast jeden Tag. ... Die haben aber auch Super – Lehrer. Die sorgen schon dafür, dass die Klasse ihr Pensum schafft. Und da müssen die Kinder ran! Die sollen ja schließlich auch gefördert werden. Ja ja, schon, ... aber .. Stellen Sie sich mal vor: Die Klasse ist in Englisch schon sieben Seiten weiter als die Parallelklassen, und in Mathe immerhin fünf! ... Da wird richtig was gelernt. Ich wünschte, mit Stefan wäre das auch so. ... Aber ich weiß nicht genau, wie weit die sind. ... Sie glauben doch wohl nicht, dass ich noch zu den Elternversammlungen gehe. Das Thema Schule ist für mich abgehakt. Ich gehe schon hin. Man muss sich schon für seine Kinder interessieren. Natürlich, wenn´s sich lohnt und wenn sie´s verdienen!

4. Episode: „Schadensbegrenzung“
(7. Schuljahr)
In Zweifels Wohnung: 5 hält einen Brief in der Hand und liest ihn still. 6 steht dabei und wartet auf die Reaktion von 5. 5 knallt das Schreiben auf den Tisch. Schön, dass man das auch mal erfährt! Jetzt wird mir auch klar, woher die 5 in Englisch kommt! Der hat es immer noch nicht kapiert, dass es um seine eigene Zukunft geht. Aber soll er nur so weiter machen. ... Hast du denn noch nichts davon gemerkt, dass er nie Hausaufgaben macht? Wann denn und wie denn? ... Meinst du denn, wenn ich um halb 7 aus dem

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Geschäft komme, hätte ich noch Lust, mir das Geschmiere in seinem Heft anzutun?! Ja, ab und zu könntest du doch mal ... Ach, auf einmal? Hast du nicht selbst gesagt, ich sollte ruhig wieder arbeiten gehen, der müsste jetzt selbst sehen, wie er zurecht kommt? Stimmt, hab´ ich. Aber als Mutter müsstest du doch ... Jetzt mach aber mal halblang, ja! ... Denk ja nicht, dass du als Vater da fein raus bist! Du machst es dir ganz schön leicht. 2 kommt herein. Ach, da kommt ja unser Fußball-Profi! Schön hast du das wieder hingekriegt! Was denn? (hält den Brief hoch) Das hier! Schöner Brief! Brief? Was für´n Brief? Ein Brief von der Schule mit Stempel und Unterschrift vom Rektor. Toll, Stefan, wirklich toll! Was steht denn drin? (deutet das Ausholen zu einer Ohrfeige an) Ich knall dir gleich eine, du scheinheiliger Hund! Wochenlang ohne Hausaufgabe, das steht drin! So gestaltest du also deine Zukunft! Wie kommst du denn eigentlich dazu, nie die Hausaufgaben zu machen? Weiß ich auch nicht, irgendwie keine Lust. Wie schön! ... Rate mal, wie oft ich Lust habe, in den Betrieb zu fahren und deine Brötchen zu verdienen! Oder ich! ... Was meinst du denn, warum wir uns im Moment einiges mehr leisten können? Ja ja, das ist das Wichtigste für euch! ... Was ich mache, kratzt euch doch sowieso nicht! Das hast du dir selbst versaut! Hättest du dich in der Grundschule mehr angestrengt und das Gymnasium geschafft, hätte Mutti auch mehr Interesse an der Schule. Mehr Interesse? Ihr interessiert euch doch einen Dreck, was ich in der Schule mache! Was?? ... Wer fragt dich denn abends immer, ob du deine Hausaufgaben hast? Wer unterschreibt denn deine Klassenarbeiten und Zeugnisse? Aber beim Elternabend und beim Elternsprechtag wart ihr noch nie! Du weißt auch, warum. Die Eltern von Andreas , die gehen immer da hin, ... und die gucken auch seine Hausaufgaben nach. Willst du denn, dass wir dich auch ständig gängeln und kontrollieren? Du hast doch selbst gesagt, dass die Frau Marxen mit ihre Fürsorge für Andreas auf den Geist geht, oder? Das stimmt. Aber manchmal hätte ich schon gerne, wenn ihr mal nachgucken würdet. Dann würde ich auch mehr tun. Ernsthaft? ... Wie soll ich dir das glauben? Doch, dann macht´s doch viel mehr Bock, wenn man merkt, dass man das auch für euch macht. Ihr habt euch ja nicht mal gefreut, dass ich in den EKurs aufgestiegen bin. Doch, Stefan, haben wir doch. Das habt ihr mir aber nie gesagt. Und ich war so stolz darauf. Da hab´ ich

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mich auch richtig für angestrengt. Na gut, Stefan, wenn du das so willst, machen wir ein Geschäft! Und wie? Du erledigst ab sofort deine Sachen, hältst Ordnung und lernst, bis du die nächste Klassenarbeit wieder 2 schreibst. Und dann? Und dann werden wir ihm mal etwas mehr auf den Füßen stehen, mal abhören und üben, wenn´s nötig ist. Ehrlich? Ja, versprochen! Das ist ja super! Dann geh´ ich jetzt auf mein Zimmer Englisch üben. Aber nicht dass du gleich Klassenbester wirst! Keine Angst! Aber den Sascha, den hole ich wieder ein.( will hinaus laufen) Du, sag mal, Stefan, wann war noch der nächste Elternabend?

5. Episode: „Doch nicht alles falsch!“
(9. Schuljahr)
In Zweifels Wohnung. 5 schaut angestrengt und neugierig aus dem Fenster, 6 verrichtet Hausarbeiten. Du, sag mal, wer ist denn dieses hübsche Ding, Die da jeden Tag bei Marxens reingeht? Ach, so was entgeht dir nie! Nun ja, so lange der Mensch noch gesunde Augen hat! ... Ob der Alte wohl so´n Techtelmechtel ... oder so ... ? Unsinn! Das ist eine aus Stefans Schule. Die macht, glaub´ ich, 10 B. Putzt die bei denen? Quatsch! Die gibt Andreas Nachhilfe in Mathe. Wie, jeden Tag? Ja ja, muss wohl im Moment schlimm sein. Woher weißt du das alles? Die Schwester von Frau Marxen ist doch mit mir in der Aerobic-Gruppe. Der Andreas ist wohl in Englisch und Mathe ziemlich hinten vor. Immer noch? Der hat doch schon ´ne Ehrenrunde gedreht, oder? Nein, das wird da cleverer gemacht: Der ist auf Wusch der Eltern nach dem Halbjahreszeugnis um ein Jahr zurückgestuft worden. Also sitzen geblieben! Nein, Werner, das kennst du nicht! ... Das ist kein Sitzenbleiben. Der hat sich freiwillig zurücksetzen lassen. Hat er denn dadurch ein Jahr verloren oder nicht? Ja schon. Aber Frau Marxen, so sagt ihre Schwester, legt Wert darauf, dass Andreas nicht sitzen geblieben ist. Na gut, ihr Problem! ... Soll sie sich ruhig einen in die Tasche lügen. ... Mein Gott, was ist aus dem armen Kerl geworden! Den siehst du ja kaum noch. Fußball spielt er nicht mehr. Für die Clique hat er keine Zeit. Nur Schule, Schule, Schule ... Und dann mit dem Erfolg! Ich würde den von der Schule holen, damit er mal wieder frei durchatmen kann. Mit dem Gedanken hatte Frau Marxen auch schon gespielt. Und?? ... Mensch, dann würde er ja nicht einmal in Stefans Klasse kommen.

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Das würde er auch so nicht, auch wenn er nicht zurückgesetzt worden wäre. Und warum nicht? Andreas wäre dann mindestens zur Realschule gegangen. Aha! ... Klar! Frau Marxen hatte sich auch schon erkundigt. Es wäre für ihn das Beste. Und nach dem 10. könnte er dann wieder aufs Gymnasium oder zur Gesamtschule. Das könnte er mit 10 B Hauptschule auch, mit den entsprechenden Noten, versteht sich. Klar, wir wissen das. ... Aber ob das Frau Marxen auch weiß? Oder wissen will! ... Andreas auf der Hauptschule?! ... Die Frau hat doch ´n Furz im Kopp! ... Die Blamage würde sie doch nie überleben! Und vor allem: Wenn er nach dem 10. sowieso wieder zum Gymnasium soll, dann kann er auch gleich da bleiben. Und vor die Hunde gehen! Ich weiß nicht! ... Das Abitur ist ja wirklich was Tolles. ... Aber für den Preis? Nee, ... dann lieber etwas bescheidener und realistischer anfangen ... wie Stefan! Das sehe ich mittlerweile auch so. ... Lieber ein zuverlässiger Hauptschüler als ein Nervenbündel von Abiturient! Ich wüsste doch zu gerne einmal, wie viel Prozent der Schüler an anderen Schulen ohne fremde Hilfe zurechtkommen.

6. Episode: „Doch kein Versager“
(10. Schuljahr)
In der Wohnung der Familie Zweifel. 5 liest die Zeitung, kämmt und schminkt sich, feilt sich die Fingernägel. Das musst du mal lesen. ... Also irgendwas läuft doch da nicht richtig! Um was geht´s denn da? Da steht, dass immer mehr Hochschulabgänger keinen Arbeitsplatz finden. Arbeitslose Philologen, arbeitslose Betriebswirte, arbeitslose Juristen, arbeitslose Mediziner, arbeitslose Lehrer und, und , und ... Wundert dich das? Wer will denn heute schon einen normalen Beruf lernen? Und in unserem Betrieb sind die hinter Leuten her wie der Teufel hinter der armen Seele. Und du musst mal hören, was die denen schon bieten. Wenn das so weiter geht, kommen auf einen Facharbeiter oder Handwerker drei Akademiker. Genau! ... Das kann doch auf Dauer gar nicht gut gehen. Stell dir mal vor, du gehst 13 zur Schule, machst Bundeswehr oder Zivildienst, studierst 4 bis fünf Jahre oder länger und stehst dann vor dem Nichts. Das wird noch ein knallharter Verdrängungswettbewerb unter den Akademikern. Da machst du dein Examen mit 2 und bist weg vom Fenster. Aber sie haben es ja alle nicht anders gewollt. Und die Handwerks- und Industrieberufe wissen bald keine geeigneten Leute mehr zu finden. Und was machen dann diese Studierten? ...Machen nach X unnützen Jahren die Ausbildung, die unser Stefan mit 16 anfängt. Der wird gleich Augen machen, wenn er den Ausbildungsvertrag sieht. Ich kann es immer noch nicht fassen, dass er in dem Einstellungstest so gut

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5 zu 6 6 zu 5 5 zu 6 6 zu 5 5 zu 6 3 zu 6 6 zu 3 5 zu 6 6 zu 5 5 zu 6 3 zu 5 und 6 6 zu 3 3 zu 5 und 6 5 zu 3 3 zu 5 und 6 6 zu 3 5 zu 3 6 zu 3 3 zu 5 und 6 6 zu 3 5 zu 6 6 zu 5 3 zu 5 und 6 5 zu 3 3 zu 6

abgeschnitten hat. Denk mal, wie viele Gymnasiasten unter den Bewerbern waren! Und unser Stefan, gerade unser Stefan ist mit bei den Besten. Als Hauptschüler! Du musst aber auch zugeben, dass er sich prächtig gemacht hat, nachdem wir ihm mal etwas Feuer unter den Hintern gemacht haben, Wenn ich noch denke , wie sauer ich auf die Wilhelm in der Grundschule war! Und ich erst mal! 3 kommt herein. Aber heute bin ich der eigentlich dankbar. Die Frau hatte schon Durchblick. Da braucht unsereiner eben ein paar Jahre, um das zu erkennen. Hallo! ... Was habt ihr erkannt? Hallo, Stefan! ... Du schon? Auf dem Küchenschrank liegt was für dich. 3 geht hinaus. Jetzt bin ich mal gespannt! Ich weiß gar nicht, wer sich mehr freuen soll, Stefan oder ich. Oder ich! 3 kommt mit einem geöffneten Briefumschlag und einem Schreiben in der hand zurück. Sagt mal, ist das etwa ...Nein, das glaub´ ich nicht! Doch, Stefan, dein Lehrvertrag! Ich wird´ bekloppt! ... Ich glaub´, mich knutscht ein Elch! Gerade der Betrieb, bei dem du dir keine Chance ausgerechnet hast! Ich hatte aber auch unheimlich Bammel, ich hätte den Test irgendwie vergeigt. Ich hab´ mich gefühlt wie die letzte Lusche. Die anderen waren so schnell fertig und ließen unheimlich einen raushängen. Jetzt wird mir auch klar, warum der Personalchef beim Vorstellungsgespräch so freundlich war. Der kannte ja schließlich schon das Ergebnis. Und es hat sich ausgezahlt, dass du denen im Betriebspraktikum mal gezeigt hast, was du drauf hast. Gut, dass du die Sprechstunde des Berufsberaters in der Schule genutzt hast. ... Erst hast du ja immer gemeint, der Mann hätte keine Ahnung. Ich wusste ja auch lange gar nicht, was ich eigentlich wollte. ... Aber ich als Hauptschüler ... so ´ne Bombenstelle! Ich kann´s nicht glauben. Wieso nicht? ... Hauptschüler sind doch nicht die Deppen der Nation! Werden aber gern als solche dahin gestellt! Glaub´ mir, Werner, die Zeiten ändern sich. Und was passiert jetzt mit dem Wisch? Unterschreiben, zurückschicken! Und du hast die Stelle! Mutti, hast du mal g´rad mal ´n Kuli?

7. Episode: „Voll im Leben“
9 und 7 sitzen räumlich getrennt auf der Bühne und telefonieren miteinander. 9 Du hast Glück. Ich hab´ noch einen Platz frei. ... Und Eintrittskarten haben wir alle noch nicht. Aber da werde wir schon drankommen.

7 Ich wäre ja mit dem Wagen meiner Mutter gefahren, aber ich habe im Moment die totale Ebbe. ... Wenn ich denke, wie gut du es hast ...! 9 Ich hab´s gut! ... Jeden Tag acht Stunden im Betrieb – da hat man´s gut! 7 Mann, Stefan! Du hast einen gut bezahlten und angesehenen Beruf, verdienst gutes Geld, fährst ein eigenes Auto. 9 Gut bezahlt und angesehen? Ich will ja nicht klagen. Aber wenn du mal fertig bist, hast du viel mehr Knete als ich. Und was Ansehen angeht, ... 7 Aber wenn ich denke, wie lange das noch dauert, ...Ich hab´ die Schnauze so voll! 9 Das hat jeder mal. 7 Aber du weißt jetzt wenigstens, wo´s lang geht. ... Und ich überlege hin und her, was ich nach dem Abitur machen soll. 9 Schaffst du denn das Abi? 7 Jo, da bin ich mir ziemlich sicher. Hat ja auch lange genug gedauert und ´ne Menge Zoff gekostet, 9 Ja, mit dem Abitur kannst du doch alles machen?! 7 Sicher kann ich das. ... Aber wer sagt mir dann, dass ich dann auch ´nen Job kriege? Studieren kannst du alles! 9 Aber wenn du mal so weit bist, dann kommst du aber auch in die richtigen Positionen rein, ... da wo´s richtig Schotter gibt. 7 Das könntest du auch! ... Du könntest doch jetzt auf deiner Ausbildung aufbauen: Fachoberschule – Fachhochschule – Ingenieur oder so was. 9 Stimmt! Da habe ich mich auch schon erkundigt. Aber ich will jetzt erst mal zwei, drei Jahre richtig Geld verdienen. ... Vielleicht zieh´ ich ja auch mal mit Claudia in eine gemeinsame Bude. Wer weiß? 7 Ja, guck! Siehste, diese Sicherheit habe ich nicht. Und das macht mich rasend! An Freundin und gemeinsame Bude kann ich noch gar nicht denken. ... Stell dir mal vor, da passiert was! – Oha! 9 Das wusstest du aber schon vorher, dass es bei dir etwas länger dauert. 7 Ich? ... Meine Eltern hätten es wissen müssen. Aber ihr Andreas musste ja unbedingt Abitur machen! 9 Jetzt sei mal nicht ungerecht! Meine Eltern haben damals darunter gelitten, dass ich nur zur Hauptschule ging. Und als ich mich da im 7. noch so runtergewirtschaftet hatte – meine Fresse! Da war aber Holland in Not: 7 Aber jetzt kannst du dich doch nicht beklagen? 9 Tu ich eigentlich auch nicht. Klar, Ärger gibt´s überall mal. Aber meine Arbeit macht mir eigentlich Spaß. ... Na ja, und wenn ich es dann irgendwann in den Kopp kriege, dann mach ich den Industriemeister oder geh´ auf die FH, oder ich mach´ den Techniker. ... Mal 7 sehen. 9 Wenn ich das so höre, könnte ich dich echt beneiden. Beneiden?? Du? – Mich – beneiden?? ... Andreas, jetzt überleg´ dir aber mal, was du da gesagt hast!

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