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Was hat das mit Gewalt zu tun?

Theaterstück um Gewalt unter Jugendlichen

Autor: Hans Georg Kraus


Spielform: Szenenfolge aus 6 Einzelszenen

Spielzeit: ca. 40 Minuten

Titel der Einzelszenen:

1. Geordnete Bahnen
2. Affenliebe
3. Verwildert
4. Vorgelebt
5. Mut zur Feigheit
6. Gefühle und Schwächen, Masken und Fassaden

Das Stück verzichtet darauf, jegliche Form physischer Gewalt auf der Bühne
darzustellen. Es beschäftigt sich vielmehr damit, Einflüsse aus dem sozialen Umfeld zu
suchen, die die Gewaltbereitschaft provozieren und fördern können. Andererseits
fordert es auf und ermutigt dazu, sich der Gewalt zu entziehen oder aus der
Gewaltspirale auszubrechen. Bei oberflächlicher Betrachtung vor allem der ersten
beiden Szenen fällt ein möglicher Zusammenhang mit der Gewalt unter Jugendlichen
nicht ins Auge. Die mögliche Zwischenfrage des Betrachters wird in der Titelfrage
vorweggenommen und dem Zuschauer als Denkanstoß mit auf den Weg gegeben. Das
Stück richtet sich sowohl an Erwachsene als Erzieher als auch an Jugendliche als
zukünftige Erzieher und setzt daher mehr auf langfristige Prävention als auf
kurzfristige Verhaltensänderung. Da die Szene 6 auf der Szene 5 aufbaut, sollten beide
Szenen unbedingt in dieser Reihenfolge gespielt werden.
Alle Szenen werden durch plötzliches Ausblenden der Bühnenbeleuchtung beendet.

Geordnete Bahnen
Rollen:

1 = Familienvater Paul
2 = Mutter
3 = Sohn Jan

1 sitzt in einem Sessel, vor sich auf einem Beistelltisch eine Tasse Kaffee. Er
liest in einem Finanzmagazin. Von seiner Kleidung her macht er einen sehr
gepflegten und seriösen Eindruck. 2 betritt den Raum, gepflegt, aber nicht
unbedingt im modischen Trend gekleidet.
3 zu 1 Du, Vater, darf ich dich mal für einen Moment stören?
1 zu 3 Du störst überhaupt nicht. Was gibt ´s denn?
3 zu 1 Wo bekommt man eigentlich eine Lohnsteuerkarte her?
1 zu 3 Musst du das für die Schule wissen? Seit wann geben die sich mit einem so
banalen Zeug ab?
3 zu 1 Nein, das will ich für mich wissen.
1 zu 3 Wozu brauchst du eine Lohnsteuerkarte?
3 zu 1 Ich kann einen Nebenjob bei der Tankstelle haben, ganz offiziell mit
Lohnsteuerkarte.
1 zu 3 So, und das willst du einfach mal so für dich ganz alleine entscheiden, ohne das
mit deinen Eltern abzusprechen?
3 zu 1 Ja, dachte ich mir so, solange Arbeit nichts Kriminelles und Diskriminierendes
ist.
1 zu 3 Und was sollst du da tun?
3 zu 1 Autos waschen, Service, kassieren, kurz: alles, was anfällt.
1 zu 3 Und was wollen die zahlen?
3 zu 1 Erst mal sechs Euro fünfzig die Stunde.
1 zu 3 Kommt gar nicht in Frage! Mein Sohn arbeitet nicht als Kalfakter für
irgendwelche Tankstellenpächter, und schon gar nicht für sechs Euro fünfzig!
3 zu 1 Was meinst du, wie viele aus meiner Klasse irgendwelche Jobs nebenher
machen?
3 kommt hinzu, elegant gekleidet, in der Hand eine Einkaufstüte eines
Nobel – Textilhauses. Sie nimmt ihren Hut ab und zieht ihre
Glacéhandschuhe aus. Sie verfolgt das Gespräch zwischen 1 und 2.
1 zu 3 Das sind ja auch arme Schlucker. Du hast jedenfalls diese Form von
Drecksarbeit und Ausbeutung nicht nötig.
2 zu 1 Störe ich euch?
1 zu 2 Überhaupt nicht! Stell dir mal vor, dein Sohn will an der Tankstelle den Lakai
für Opel – und VW – Fahrer spielen.
2 zu 3 Das hast du doch wohl nicht nötig, Jan! Sollen uns andere denn für so
unterprivilegiert und insolvent halten, dass wir unseren Sohn arbeiten schicken?
1 zu 3 Bis jetzt haben unsere Mittel gut und gern ausgereicht, um dir ein angemessenes
Leben zu ermöglichen. Und so wird das auch bleiben.
3 zu 1 Darum geht ´s doch gar nicht. Ich möchte mir selbst was verdienen, wo ich frei
drüber entscheiden kann.
1 zu 3 So, so, frei!
3 zu 1 Ich fänd´ es toll, wenn ich mir einfach mal was leisten kann, was mir gefällt.
2 zu 3 Gefällt dir das plötzlich alles nicht mehr, was Vater und ich dir bieten? Geld
spielt doch nun wirklich keine Rolle: Du fragst, und bisher haben wir dir noch
nie einen Wunsch abgeschlagen.
3 zu 2 Oh, doch!
1 zu 3 Jetzt werde mal konkret! Welchen denn?
3 zu 1 Ich durfte mir noch nie coole Klamotten kaufen.
2 zu 3 Willst du denn etwa rumlaufen wie die Backstreet – Boys und die ganzen
VIVA – Typen?
1 zu 3 Ich meine, dass Mutter dich bisher immer sehr gut beraten hat. Das war immer
modern und hatte eine erstklassige Qualität. Da würden deine
Klassenkameraden alles für tun, um einmal in den Geschäften einkaufen zu
können, wo Mutter dich einkleidet.
3 zu 1 Aber das ist nichts Besonderes, das hat alles keinen Pfiff. Das ist was für den
Center Court, aber nicht für den Schulalltag.
2 zu 3 Nichts Besonderes? Dann hast du aber noch nie auf die Preisschilder und die
Etiketten geschaut.
1 zu 3 Aber wenn das dein einziges Problem ist! Das kannst du ja mit Mutter weiter
besprechen.
3 zu 1 Da wäre noch was.
1 zu 3 Noch was? Mein Sohn ist in seiner Lebenskrise.
2 zu 1 Zieh das doch bitte nicht ins Lächerliche, Paul!
1 zu 3 Entschuldigung, aber was war denn noch?
3 zu 1 Ich möchte für eine 80er sparen und den Führerschein dafür machen.
1 zu 3 Jan, wenn deine Mutter und ich das für richtig halten würden, dann hätten wir
dich schon lange in der Fahrschule angemeldet.
2 zu 3 Und der Roller stünde auch schon in deiner Garage.
3 zu 1 u. 2 Ich hatte da weniger an einen Roller gedacht. Ich hab´ da ´ne ganz tolle Enduro
gesehen.
2 zu 3 So was brauchst du doch gar nicht. Fahre ich dich nicht überall hin? In die
Schule? Zum Tennis? Zum Orchester? Zur Nachhilfe? Da kannst du dich doch
nicht beklagen.
3 zu 2 Und deine Begeisterung für diese Fahrten kennt manchmal keine Grenzen! Hör
dir manchmal die Kommentare meiner Mitschüler an, wenn der liebe Jan mal
wieder von seiner fürsorglichen Mutti gebracht wird.
1 zu 3 Schlag dir das aus dem Kopf mit deiner 80er! Warte, bis du 18 bist! Dann
besorge ich dir einen vernünftigen fahrbaren Untersatz, in dem du auch sicher
bist. Das ist ein angenehmeres Gefühl als mit 18 im Rollstuhl!
3 zu 1 u. 2 Das meinte ich gerade mit frei entscheiden: Hätte ich eigenes Geld, brauchte ich
nicht zu fragen. Dann würde ich mir einfach so ´ne Maschine kaufen.
1 zu 3 Nun mal langsam! Eigenes Geld hin, Freiheit her! So lange du hier im Hause
wohnst und noch nicht volljährig bist, treffe ich hier die Entscheidungen. Damit
das mal klar ist!
2 zu 3 Du musst das verstehen, Jan. Wir tragen immer noch die Verantwortung dafür,
dass dein Leben in geordneten Bahnen verläuft.
3 zu 1 u. 2 Geordnete Bahnen! Soll das dann auch bedeuten, dass ich in den Sommerferien
wieder mit euch nach Sylt fahren muss?
2 zu 3 Muss? Weißt du, was das kostet, wenn man da ein vernünftiges Hotel buchen
will?
1 zu 3 Andere wären froh, wenn sie da hin dürften. Natürlich fährst du mit.
3 zu 2 Und wann ist das genau?
2 zu 3 13. Juli bis 2. August, 3 Wochen.
3 zu 1 u. 2 Mist!
1 zu 3 Mist? Das ist ein super Hotel und der optimale Termin!
3 zu 1 Für euch, ja!
2 zu 3 Für dich etwa nicht? Du hast doch dann Ferien.
3 zu 2 Eben! Und die wollte ich dieses Jahr einmal anders und woanders verbringen.
1 zu 3 Woanders, so so! In Playa de Palma, am Ballermann vielleicht?
3 zu 1 Nein, die Jugendfeuerwehr macht ein Zeltlager in der Camargue. Da wären
noch Plätze frei.
1 zu 3 Jugendfeuerwehr! Das fehlte noch gerade. Eie Stunde Schläuche verlegen üben
und fünf Stunden saufen!
2 zu 3 Und dann Zeltlager! Den ganzen Tag durch den Dreck laufen, Ungeziefer und
womöglich noch selbst kochen!
3 zu 2 Ja! Das ist doch toll!
1 zu 3 Ich glaube, du bist total von der Rolle. Was du auf einmal an Hirngespinsten
ausbrütest!
3 zu 1 Wenn ich da mitfahren könnte, dann hätte ich es auch leichter, da aufgenommen
zu werden.
2 zu 3 In der Jugendfeuerwehr?
3 zu 2 Ja, das sind alles Pfundstypen!
1 zu 3 Mag ja sein, aber wie willst du das zeitlich überhaupt schaffen?
2 zu 3 Vater hat alle Beziehungen spielen lassen, um dich im Tennisverein
unterzubringen. Willst du das alles sausen lassen?
3 zu 2 Tennis macht mir eh keinen Spaß mehr.
1 zu 3 Ach, das macht meinem Herrn Sohn keinen Spaß mehr. Jetzt wirst du aber
unverschämt, junger Mann. Wir melden dich im Tennisclub und im
Jugendorchester an, besorgen dir die besten Nachhilfelehrer und fragen nicht
nach den Kosten, und unserem lieben Jan macht das alles keinen Spaß mehr,
weil der Jan ja Feuerwehrmann werden will.
2 zu 3 Davon träumen doch nur Kindergartenkinder!
3 zu 2 Träumen, du sagst es! Ich habe auch Träume! Aber bei euch muss ja alles
vernünftig und gut geplant sein!
1 zu 3 Du wirst uns eines Tages dafür dankbar sein.
3 zu 1 Dankbar dafür, dass mich niemand mehr anruft, um mit mir was zu
unternehmen?
2 zu 3 Was die alles so unternehmen, entspricht eh nicht unbedingt unserer Art zu
leben.
3 zu 2 Leben nennt ihr das? Ich nenne das PFR : Planen, Finanzieren, Realisieren!
1 zu 3 Damit sind wir und bist du aber immer gut gefahren.
3 zu 1 Ihr seid ja nicht mehr in der Lage, mal spontan was zu machen.
2 zu 3 Weißt du, Jan, Spontaneität muss gut überlegt sein.
1 zu 3 Schluss der Debatte! Ich denke, wir beiden können besser als du entscheiden,
was gut für dich ist. Und deshalb treffen in diesem Hause auch wir die
Entscheidungen!
2 zu 3 Wenn du mal 18 bist und dein Abi in der Tasche hast, kannst du dir eine
Wohnung nehmen und da so spontan und cool sein, wie du willst.
1 zu 3 Aber bis dahin wohnst du hier im Haus und hältst dich an unsere Anordnungen!
2 zu 3 Wir wollen ja schließlich dein Bestes!
3 zu 1 u. 2 Ja, ich fürchte auch! Ich gehe auf mein Zimmer und mache Hausaufgaben. Bitte
entschuldigt mich!
3 verlässt enttäuscht den Raum.
1 zu 2 Weißt du, wer im Moment so einen schlechten Einfluss auf ihn hat? Der ist ja
derart aufsässig!
2 zu 1 Irgendwie verstehe ich den Jungen nicht. Der hat alles, der darf alles. Ich weiß
gar nicht, was der will!

Affenliebe
Rollen:

1 = Vater
2 = Mutter
3 = Sohn Thomas

Im Esszimmer: 2 deckt den Tisch und rückt die Stühle zurecht, 1 räumt
etwas auf, legt Zeitschriften zur Seite, nimmt die Blumen vom Tisch, legt
das Besteck auf. 2 schaut nervös und etwas ängstlich auf die Uhr.
2 zu 1 Mensch, schon fünf nach eins! Ich bin heute aber wirklich ein bisschen spät
dran. Wenn der Thomas gleich von der Schule kommt, und das Essen ist noch
nicht fertig, wird er ganz schön sauer dein,
1 zu 2 Na los, dann mach mal! Der Junge hat schließlich einen harten Tag in der
Schule hinter sich!
2 zu 1 Ich kann jetzt sowieso nichts machen. Der Auflauf muss noch eine
Viertelstunde im Backofen bleiben. ... Hoffentlich ist heute mal alles glatt
gegangen mit dem Jungen!
1 zu 2 Ich weiß gar nicht, was du willst! Der schreibt doch gute Noten!
2 zu 1 Nein, ich meine ... mit seiner Klasse und so.
1 zu 2 Quatsch! Was braucht der die anderen! Soll er sich auf eine Stufe stellen mit
diesen Typen, nur damit er mit denen klar kommt und die mit ihm reden?
2 zu 1 Ja, aber mit tut er leid, dass so gar keiner in der Klasse etwas mit ihm zu tun ...
1 zu 2 ... Quatsch, leid! Wir haben doch wohl alles getan, damit ihn diese Typen
akzeptieren: das Mofa, die teuren Klamotten, die CDs, die er immer verleiht,
ordentlich Taschengeld, damit er nicht zurückstehen muss, ... und erzogen,
...erzogen haben wir ihn gut. So viel Zeit und Liebe investieren, glaub´ ich,
kaum irgendwelche Eltern in ihre Kinder.
3 kommt schlecht gelaunt ins Zimmer, wirft seine Schultasche in die Ecke.
2 schickt sich an, die Tasche aufzuheben und wegzuräumen.
2 zu 3 Tag, Thomas! Na, wie war ´s?
3 zu 2 (aggressiv und unverschämt:) Wie war ´s? Wie war ´s? Ich kann ´s bald nicht
mehr hören! Wie war ´s?
1 zu 3 Mutti wollte doch nur wissen, ob du dich heute wohl gefühlt hast. ... Hattest du
nicht heute bei diesem Dingsda – Lehrer, der dich nicht leiden kann?
3 zu 1 (frech:) Ja! Ja! Ja! Hatte ich!
2 zu 3 Hat sich das denn noch nicht gelegt? Nur weil du ihm mal gesagt hast, er hätte
fachlich und pädagogisch keinen Durchblick?
3 zu 2 Och, den nehme ich doch gar nicht mehr wahr. Aber der Busse hat mich mal
wieder ins Klassenbuch eingetragen.
2 zu 3 Der Mann hat einen Pick auf dich! Was sollst du denn jetzt schon wieder
angeblich getan haben?
1 zu 3 Ich denke, ich muss mal wieder ein ernsthaftes Wort mit diesen Damen und
Herren Pädagogen reden. Ich kann einfach nicht verstehen, warum alle auf dir
rumhacken.
3 zu 1 Spar dir das! ... Ich habe einem die Fresse poliert. Bin halt etwas durchgeknallt.
2 zu 3 Um Himmels Willen, Thomas! ... Und warum hat er dich angegriffen?
1 zu 2 Da muss aber schon etwas gewesen sein, wenn unser Thomas mal so schlägt!
3 zu 1 u. 2 Macht euch schon mal auf ´ne Klassenkonferenz gefasst.
2 zu 3 Was, schon wieder eine?
1 zu 2 Da werd´ ich mal mit den Leuten Tacheles reden. Die andern greifen an, und
gerade unser Sohn, der anständigste Kerl in der Klasse, wird verdonnert. Die
kriegen was zu hören!
2 zu 3 Was war denn eigentlich los?
3 zu 1 u. 2 Der ist mir auf den Nerv gegangen! ... Immer wieder diese Sticheleien mit
„Muttersöhnchen“ und „Softy“! Ja, und heute war das Maß voll. Dass er mich
„wandelnde Boutique“ nennt, das stecke ich ja noch weg, weil sein Alter so ´n
Armer Schlucker ist, dass er sich nichts leisten kann. Und da kommt er natürlich
an mich nicht ran.
1 zu 3 Na, klar!
3 zu 1 u. 2 Aber als er in der Pause vor allen Mädchen der Klasse „ billige Michael –
Jackson – Kopie“ zu mir sagte, bin ich ausgerastet. Ich habe erst aufgehört zu
schlagen, als der Busse mich von hinten packte.
1 zu 2 Das wird dann wohl wieder einige Schreiberei mit der Versicherung geben.
2 zu 3 (besorgt:) Hast du auch nichts abbekommen? Geht ´s dir gut?
3 zu 2 Nein, mir ist nichts passiert. Nur die Hand tut ein bisschen weh.
1 zu 3 Wenn ´s nicht besser wird, gehst du damit zum Arzt! Ich kann das einfach nicht
verstehen, dass alle so fies zu dir sind, dass keiner mal ein bisschen auf dich
eingeht und sich dir etwas anpasst.
3 zu 1 Die Spinner können mich doch alle mal!
2 zu 3 Aber vielleicht hättest du nicht einfach so losschlagen sollen?
1 zu 2 Was soll der Junge denn machen? Alle lehnen ihn ab! Das ist Psycho – Terror,
weißt du!
3 zu 2 Jetzt fang du auch noch an zu nörgeln! ... Der hat die Dresche verdient. ... Seht
ihr das nicht ein?
1 zu 3 Doch, doch, Thomas! Du bist da völlig im Recht. Er hat dich provoziert. ... Na,
ja, aber gleich so ausrasten?
3 zu 1 u. 2 Ach, so läuft der Hase! Jetzt fallt ihr mir auch noch in den Rücken!
2 zu 3 Wie kannst du so was denken? Wir wissen doch genau, dass du ein feiner Kerl
bist. ... Wenn wir dich nicht so gern hätten, hätten wir dich auch nicht so gut
erzogen und auch sonst so viel für dich getan. Wir tun doch wirklich alles für
dich, damit du es nicht so schwer hast wie wir früher.
Das Telefon klingelt.
3 zu 2 Mutti, Telefon!
1 zu 2 Na, lass mal, ich gehe schon dran.
1 nimmt den Hörer ab.
1 ins Ja, bitte?
Telefon
Ja, da sind Sie richtig.

Nun mal schön der Reihe nach, gute Frau!

Also, eines wollen wir mal vorweg klarstellen: Mein Sohn ist kein widerlicher
Rotzlöffel, ja! Auf diesem Niveau bin ich nicht bereit, das Gespräch
fortzusetzen.

Und was, bitte schön, soll er mit ihrem Töchterchen gemacht haben?
3 zu 1 Frau Weißmann?
1 bejaht durch Kopfnicken.
1 ins Belästigt? ... Und wie, bitte schön?
Telefon
Dass ich nicht lache, an den Busen gefasst!

Rock hochgehoben, aha!

Beleidigende Äußerungen!

Jetzt hören Sie mir mal zu: So was würde unser Thomas ... Sie sprechen doch
von unserem Thomas, oder? ... so was würde der nie tun!
3 zu 1 u. 2 Diese arrogante Ziege! ... Für die bin ich doch Luft!
1 ins Tel. Das mag vielleicht mal unbeabsichtigt passiert sein ...
3 zu 1 Genau! Ich kann ja nicht ständig aufpassen, ob man mal zufällig jemanden
berührt!
1 ins Mehrere Male? ... Was heißt denn bei Ihnen mehrere Male?
Telefon
Jetzt regen Sie sich mal nicht auf! Das wird wohl ein Dummer – Jungen –
Streich gewesen sein. Welcher junge Bursche macht so was nicht einmal?

Das glauben Sie doch wohl selbst nicht! ... Der einzige!

Kann das sein, dass Ihre Tochter vielleicht etwas überempfindlich reagiert?

Nun, gute Frau, es sind doch junge Leute!

Ich habe den Verdacht, das sie unseren Thomas nicht leiden kann. Und
Mädchen in dem Alter haben manchmal eine rege Phantasie!

Die soll sich doch nicht so anstellen!

Na, gut, wenn ´s denn wirklich so gewesen sein sollte, ... Irgendwie ist sie auch
selbst schuld, so aufreizend, wie sie manchmal rumläuft.

Keine Rolle? Für mich aber schon!

Vielleicht hat sie ´s ja auch ganz gern gehabt. Unser Thomas ist ja nun auch ein
attraktiver Bursche.

Mangelnde Erziehung? ... Alles können Sie mir jetzt vorwerfen, aber das nicht!

Nein, nein! Meine Frau und ich, wir haben uns von klein auf sehr intensiv um
den Jungen gekümmert. Wir haben ihm jeden Wunsch von den Lippen
abgelesen.

Falsch? Sie mit Ihrer Tochter wollen mir erzählen, was falsch ist?! Sie sind doch
immer arbeiten gegangen, oder? Weshalb ist denn Ihre Tochter jetzt so?

Ihre Meinung! ... Meine Frau hat auf jeden Fall sofort ihren Beruf aufgegeben,
um unserem Thomas ihre ganze Liebe und Zuwendung widmen zu können.

Von wegen, keine Ahnung! ... Wir haben uns schon während der
Schwangerschaft mit der Fachliteratur beschäftigt und einen VHS – Kurs für
werdende Eltern belegt, um später mal keine Fehler zu machen.

Sie spinnen ja, Affenliebe!

Sie können denken, was Sie wollen! Bei uns wird alles besprochen und friedlich
geregelt. Wir erziehen unseren Jungen mit viel Liebe und Verständnis.

Jetzt reicht ´s! Wenn das für Sie ein Grund zum Lachen ist, lohnt sich die ganze
Unterhaltung nicht.

Und Sie passen gefälligst auf Ihr läufiges Früchtchen Tochter auf!
Wiederhören! 1 knallt den Hörer auf die Gabel.
1 zu 2 u. 3 Also was sich diese ungehobelte Person einbildet!
3 zu 1 Genau! Die müsste ihre Tochter mal in der Schule erleben. Die hat die
schärfsten Sprüche drauf. Musst mal die Witze hören, die die ablässt!
2 zu 3 Und macht dann so einen Aufstand, wenn du sie mal ohne Absicht anfasst.
1 zu 2 Sag´ ich doch! Mit der Klappe ´ne Nutte!
2 zu 1 Thomas!
1 zu 2 Und dann plötzlich die keusche Helene! ... Sag mal, Mutti, essen wir nicht um
diese Zeit?
2 zu 1 Doch, Thomas, aber sei mir nicht böse! Der Nudelauflauf braucht noch 10
Minuten.
3 zu 2 Nudelauflauf??! ... Kannst du dich noch erinnern, dass ich dir ein für allemal
gesagt habe, dass du diese Zeug nicht mehr für mich kochen sollst?
2 zu 3 Reg dich bitte nicht auf, Thomas! Ich hatte heute so viel zu erledigen, da habe
ich es nicht geschafft, für dich extra was zu kochen.
3 zu 2 Ja, Ja! Die liebevolle Mutter! Nicht mal in der Lage, dem Sohn einen kleinen
Wunsch zu erfüllen!
1 zu 3 Hast ja Recht, Thomas. Aber sei nicht so hart zu Mutti! Das kann schon mal
passieren.
3 zu 1 Mutti ist den ganzen Tag zu Hause, ... aber muss ihre Erledigungen gerade dann
machen, wenn andere Mütter was Ordentliches zubereiten!
1 zu 3 Ja, irgendwie war das schon schlecht geplant.
zu 2 Ich bin mir auch nicht sicher, ob Nudelauflauf für Burschen in seinem Alter das
Richtige ist ... wegen der Vitamine und Aufbaustoffe und wegen Eiweiß. Da
solltest du vielleicht öfter mal dran denken.
2 zu 3 Vielleicht holst du dir besser was anderes zu essen?
1 drückt 3 einen Geldschein in die Hand.
1 zu 3 So, Junge, tut mir jetzt selbst leid, dass du noch mal los musst. Geh in die Stadt
und iss was Richtiges! Den Rest kannst du behalten.
3 zu 1 u. 2 Na, gut! ...(im Hinausgehen) Das war aber auch das Mindeste!

Verwildert
Rollen:

1 = erstes Mädchen
2 = zweites Mädchen
3 = drittes Mädchen

An einer abgelegenen Stelle an einer Parkbank: 1, 2 und 3 kommen wie


verabredet fast zeitgleich von verschiedenen Seiten zur Parkbank gelaufen.
Völlig außer Atem bleiben sie stehen, schauen sich immer wieder nach
allen Seiten um, um sich zu vergewissern, dass sie nicht verfolgt werden.
1 zu 2 u. 3 Habt ihr noch einen gesehen?
2 zu 1 Ich glaub´ nicht. ... Dem Typ ging auf einmal die Luft aus, und dann war er
nicht mehr zu sehen.
3 zu 2 Was heißt nicht mehr zu sehen? ... Wo ist der denn abgeblieben?
2 zu 3 Mensch, ich hab´ Gas gegeben! ... Ich bin nur noch gerannt. Meinst du, da
gucke ich mich noch zigmal um?
3 zu 1 u. 2 Mir geht noch die Muffe eins zu tausend! ... So schnell müsste man mal im
Sport sein!
1 zu 3 Schaffst du nie! ... Aber hier geht ´s ja auch um was.
3 zu 1 Eben! ... Ey, das bringt ´s!
2 zu 1 u. 3 Genau, da kribbelt ´s wenigstens!
1 zu 2 u. 3 Ist das nicht geil, wenn die Luft so richtig zischt?
2 zu 1 Und vor allem ... mit vier Stichen ist so ´ne Protzkarre für vierzigtausend platt!
Unbrauchbar!
1, 2 und 3 lachen amüsiert und schadenfroh.
3 zu 1 u. 2 Zwanzig Sekunden von einem Fahrzeug zum Standzeug!
1 zu 2 u. 3 Das treibt wenigstens den Adrenalinspiegel mal etwas hoch!
3 zu 1 u. 2 Habt ihr gesehen, wie schnell das ging?
Unter ausgelassenem Lachen geht 3 in den Liegestütz, 1 deutet
Messerstiche in 3s Oberschenkel und Oberarme an, die dann an der
jeweiligen Seite einknickt und nach vier „Stichen“ flach auf dem Boden
liegt. 2 imitiert bei jedem „Stich“ das Geräusch entweichender Luft. Unter
schadenfrohem Gelächter aller steht 3 wieder auf und alle drei klatschen
sich begeistert ab.
3 zu 1 u. 2 Ey, das war das Stärkste und Geilste am ganzen Abend! Meine Pumpe rast noch
wie bekloppt.
2 zu 3 Wenn ich denke, dass diese tolle Marion jetzt bei diesem beknackten Volleyball
schwitzt, bei diesen Leistungs – Langweilern...
1 zu 2 Sag ich doch: Da kommste kaputt nach Hause und hast im Grunde genommen
null erlebt.
3 zu 1 u. 2 Wenn die dabei gewesen wäre, da wäre die garantiert auch voll drauf
abgefahren.
1 zu 3 Die doch nicht, die blöde Ziege!
2 zu 1 u. 3 (nachdenklich:) Und wenn uns jetzt einer erkannt hat?
1 zu 2 Haste Muffe?
2 zu 1 Nein, Quatsch! Aber...
3 zu 1 u. 2 ... Risiko, Leute! Risiko! ... Das ist es doch gerade, was den Kick bringt!
1 zu 3 Aha! Jetzt hast du ´s! ... Letztendlich fetzt das mehr als ein Wochenende Disco
oder Gruppenstunde.
2 zu 3 Hör mir auf mit Jugendtreff und all so ´m Scheiß, wo sie alle nur auf sozial und
Probleme machen ... bei Mineralwasser, O – Saft und Früchtetee! Das ödet mich
an.
3 zu 1 u. 2 So ist es! ... Da klatsch ich mir doch lieber im Park ´ne Flasche Lambrusco rein,
hänge gemütlich da rum, laber ´n bisschen Scheiß und mach was Fetziges. So
ganz spontan, weißte. Es muss sich eben ergeben.
1 zu 3 Wer hätte schon gedacht, dass an diesem Scheißabend noch so die Post abgeht!
2 zu 1 u. 3 Wo ist die Sandra eigentlich?
3 zu 2 Mit Volker im Kino, Händchen halten.
1 zu 2 u. 3 So viel Knete für ´n bisschen Knutschen und Fummeln! ... Stinklangweilig!
Rausgeschmissenes Geld!
2 zu 1 u. 3 Ich verstehe überhaupt nicht, wie man sich mit ´nem Typ oder Sport oder ´ner
Gruppe so ´n Stress machen kann.
3 zu 1 u. 2 Vor allem, wenn dich irgend so ein ehrgeiziger Leiter ständig anmacht und
nervt.
1 zu 2 u. 3 Du brauchst überhaupt nichts zu planen! Gerade die Aktion lief ja auch einfach
so ab. ... Ey, wisst ihr was, ich hätte jetzt Lust, zur Turnhalle zu gehen.
2 zu 1 Jetzt? ... Wozu?
1 zu 2 Mann, jetzt kommt doch die Marion vom Volleyball, das arrogante Luder.
3 (parodiert Marion:) Nein! So wie ihr möchte ich meine Zeit nicht totschlagen.
2 (ebenso:) Meine Eltern legen Wert darauf, dass ich in meiner Freizeit nicht
herumgammle.
1 (ebenso:) Also nee, das wäre nicht mein Stil!
1, 2 und 3 belachen sich selbstgefällig über ihre Parodien.
2 zu 1 Ey, das wär ´s! ... Los, da gehen wir hin, ... uns ´n bisschen mit ihr unterhalten!
2s Gestik verrät die Absicht, Marion zu verprügeln.
3 zu 1 Ach so, was ich dich noch fragen wollte: Hattest du dein Messer extra für heute
Abend mitgenommen?
1 zu 3 Iwo! Das habe ich immer zu meinem Schutz dabei. ... Weißt du, es laufen so
viele Gewalttäter rum!
1 holt ihr Messer heraus, packt es an der Klinge und schlägt mehrmals den
Griff in ihre Handfläche.
2 zieht 1 am Ärmel.
2 zu 1 u. 3 Labert jetzt nicht rum! Los, Action!
1, 2 und 3 entfernen sich im Laufschritt.

Vorgelebt
Rollen:

1 = Ehemann
2 = Ehefrau
3 = Andreas, Stiefsohn von 1, leiblicher Sohn von 2

1 läuft aufgebracht hin und her, eine Telefonrechnung in der Hand,


ungepflegt, noch in schmutziger Arbeitskleidung, mit geöffneter
Bierflasche, Zigarette rauchend. 2 faltet auf dem Tisch Handtücher.
1 zu 2 Wo das Geld her kommt, da hast du dummes Huhn ja noch nie drüber
nachgedacht!
2 zu 1 Ja, meinst du Blödmann denn, ich telefoniere in der Weltgeschichte rum? Wie
oft musste ich in der Schule anrufen, weil du Versager es ja nicht auf die Reihe
bringst, unserem Sohn mal den Marsch zu blasen und ihm bei den
Hausaufgaben zu helfen!
1 zu 2 Unserem Sohn? ... Wie bitte? ... Damit das klar ist: Du hast dir den Bastard
eingefangen. ... Guck doch seinen tollen Vater an, diese schlappe Sau! Wie soll
der Andreas denn anders sein?
2 zu 1 Ach, nee! Was hast du mir alles versprochen! Was hast du mir einen
vorgelogen, du wolltest dich wie ein richtiger Vater um ihn kümmern. ...
Verdroschen hast du ihn! Sonst nichts! ... Aber ich hätte es ja wissen müssen,
dass ich von so einem Mistkerl wie dir besser die Finger gelassen hätte!
1 zu 2 Jawohl! Kotz dich nur aus, du blöde Kuh! Telefonieren ist das Einzige, was du
kannst! 98 Euro! Ich glaub`, du hast den Arsch auf!
2 zu 1 So! Und was kostet deine Sauferei? ... Ich spare an allen Ecken und Enden, und
du ziehst dir in der Kneipe den Kopp zu!
1 zu 2 Und warum? ... Soll ich den ganzen Abend hier sitzen und mich mit so ´ner
Schlampe wie dir langweilen? ... So wie du hier rumläufst, pisst dich doch kein
Hund mehr an!
2 zu 1 Jetzt reicht ´s, du versoffenes Schwein! ... Für wen soll ich mich denn
rausputzen? Für so einen runtergekommenen, impotenten Waschlappen wie
dich, der jeden Abend nach Fusel stinkt?
1 zu 2 So, so! Wie war das denn vor elf Jahren? Da warst du doch so notgeil, da
konnte es dir doch gar nicht schnell genug gehen. Wie ´ne Nutte haste mich
doch angemacht! ... Mit dem Arsch wackeln, das hattest du schon immer drauf!
2 zu 1 Vor elf Jahren, ja, da warst du auch noch ein Kerl! ... Und jetzt? Ein ekliges,
schwabbeliges und stinkfaules Stück Scheiße! Ein Arschloch! Ja, ein
Arschloch!
1 geht auf 2 zu, packt sie am Kragen und holt zum Schlag aus.
1 zu 2 So, du Saudier!
2 zu 1 Schlag doch, du blöder Hund, schlag doch! Was anderes fällt dir doch nie ein,
wenn du die unbequeme Wahrheit hörst.
1 lässt von 2 ab.
1 zu 2 Wenn mir mal die Hand ausgerutscht ist, und das merk dir mal, dann hatte das
auch seinen Grund. Weißt du, da wurde es Zeit, dir die Augen zu öffnen! ... Ich
bin zwar ´n bisschen blöd. Aber meinst du etwa, ich schnall das nicht, wenn du
dem Typ von gegenüber schöne Augen machst?
3 kommt verstört und eingeschüchtert herein.
3 zu 1 u. 2 Müsst ihr euch eigentlich wegen jedem Scheiß so fertig machen? Man wird ja
noch verrückt in der Bude!
1 zu 3 Du hältst dich daraus, ja! Sonst klatsch ich dir eine!
3 zu 1 Ich will doch nur, dass ihr euch vertragt, verdammt nochmal! Ist das denn zu
viel verlangt?
2 zu 3 Find` ich ja nett von dir. Aber was ich in den letzten Jahren nicht geschafft
habe, das kriegst du auch nicht hin.
1 zu 2 Quatsch doch nicht so saudämlich rum! Wenn ´s ein Problem gibt, muss es auf
den Tisch.
3 zu 1 Auf den Tisch, ja! Aber nicht ins Gesicht oder unter die Gürtellinie!
1 zu 3 Du solltest dein Maul nicht so weit aufreißen über Dinge, wo du keine Ahnung
von hast! Nichts in der Birne, aber hier den Erzengel spielen, du Flasche!
2 zu 1 Er hat es doch nur gut gemeint. Geht das denn in deinen Suffkopp nicht rein?
1 zu 2 Das ist auch sein Glück, sonst hätte er sich schon längst eine gefangen.
3 zu 1 OK! Dann schlag lieber mich und lass Mama in Ruhe!
1 zu 3 In Ruhe lassen? ... Wenn deine Frau Mutter Scheiß macht, dann muss sie auch
merken, dass das Folgen hat. Du kannst nicht jedem Konflikt aus dem Weg
gehen.
3 zu 1 Du hast immer noch nichts kapiert.
1 zu 3 Aber du kennst das Leben, du Hänschen, du! Wenn deine Mutter sich von dem
Typ gegenüber anbaggern lässt, dann gibt ´s nur eine geeignete Maßnahme!
2 zu 1 Dir haben sie doch ins Hirn geschissen! ... Der Mann hat zwar Manieren, aber er
ist mir völlig wurscht!
1 zu 3 Da hörst du ´s! Man muss nur richtig miteinander reden und die Konflikte
richtig austragen. ... Auch wenn das deine sensiblen Öhrchen schlecht
verkraften, kannst du dir ein Beispiel an uns nehmen. Schließlich musst du auch
mal von uns lernen, Konflikte friedlich zu lösen.
zu 2 Aber wegen der Rechnung könnte ich dir eins in die Fresse hauen!
Mut zur Feigheit
Rolle: Mike, junger Mann (M)

M auf der Straße: Er bewegt sich von einer Bühnenseite Richtung Bühnenmitte. Einen
Unterarm trägt er, stark verbunden bzw. eingegipst, in einer Schlinge. Im Gesicht hat er
ein großes Pflaster, an einem Auge ein „Veilchen“. Mehr oder weniger zufällig sieht er
auf der anderen Straßenseite (Zuschauerraum) etwas, das seine ganze Aufmerksamkeit
auf sich zieht. Er bleibt wie gebannt stehen , starrt immer noch in die Richtung und
scheint seinen Augen nicht zu trauen. Mittig an der Bühnenkante stehend führt er ein
Selbstgespräch:
Das darf doch wohl nicht wahr sein!
Er schüttelt den Kopf und beobachtet weiter.
Jetzt hat doch dieses Weichei die Tusse vom Samstag abgeschleppt!

Und so was will ein Freund sein!

(zynisch mit etwas Verbitterung und Eifersucht:) Oh Gott, oh Gott, wie süß!
Wie in so ´ner Liebesschnulze!
Jawoll!
Und nochmal!
Und noch ´n Kuss! Widerlich!

Aber ich musste ja den tollen Macker spielen!

Das hat sich ja toll gelohnt! Mädchen weg und Knochen kaputt!

(schulterzuckend:) Was hätte ich denn anderes machen sollen?


Sollte ich vor den beiden Wichsern den Schwanz einziehen?

Wie hätte das dann vor den beiden Mädchen ausgesehen?

(wütend und verbissen:) Und im Übrigen hatten diese Kotzbrocken wegen ihrer Stänkerei
Prügel verdient.

(nachdenklich:) Und was ist der Dank?

Der Markus schleppt eine von denen ab und unsereiner ist mega – out!

Hätte ich doch auf ihn gehört!


Der wollte mich ja schon aus dem Laden rauszerren.

(kämpferisch:) Aber mich hat noch nie einer ungestraft angemacht!

Ich? Feige? Niemals! Auch wenn die zu zweit sind!

(selbstbedauernd:) Und was hab´ ich jetzt davon?


Lokalverbot! Arztkosten! Knochen kaputt! Anzeige am Arsch! Schadenersatz!

(halb lachend, halb wütend und kopfschüttelnd:) Und der Markus schleppt die Blonde ab!
(lachend mit Selbstironie:) Ist das dann normal?

(bewundernd und verwundert:) Irgendwie scheint den das gar nicht zu kratzen, dass ihn
einer für einen Feigling hält. Da steht der einfach drüber!

Irgendwie mutig, ein Feigling zu sein! Und vor allem clever!

Auf jeden Fall cleverer als ich!

Ob die Weiber gar nicht auf richtig starke Typen stehen?

Wenn nicht, warum blasen wir uns eigentlich so vor denen auf?

Und die Girlies, die auf Rambos abfahren, denen fehlt, glaub´ ich, noch ´n bisschen was!

(entschlossen:) Also, ich demnächst lieber die Flatter machen Arsch lecken
labern lassen!

Lieber Mut zur Feigheit! Dumm schlägt!

Gefühle und Schwächen, Masken und


Fassaden
Rollem:

1 = blondes Mädchen („die Blonde“ von Szene 5)


2 = Freundin von 1

1 und 2 sind sportlich und etwas flippig gekleidet. Sie werfen sich einen Basketball
zu. 2 ist niedergeschlagen und wirft den Ball lustlos. Ihr Gesichtsausdruck ist
mürrisch und unzufrieden. 1 unterbricht das Spiel und setzt sich auf den Ball.
1 Mein Gott! Es macht überhaupt keinen Spaß mit dir!
2 Ist ja auch alles Scheiße!
1 Wegen dem Mike?
2 Jo! ... Dass das aber auch so blöd laufen musste in dem Schuppen! Dabei war ich so froh,
dass die beiden uns nachgegangen waren.
1 Ja, ja. Eigentlich waren wir ja auch etwas schuld.
2 Wir?? ... Er hat sich doch mit den beiden Spinnern geprügelt, oder?
1 Ja, schon! Aber wenn wir den beiden nur ein bisschen gezeigt hätten, dass wir sie ganz
gut finden, hätten erstens die beiden Idioten gemerkt, dass für sie nichts drin ist, und
zweitens...
2 ... Du hast Recht! Und der Mike hätte vor mir nicht den Rambo spielen müssen.
1 Aber wir mussten ja auf cool machen! So auf eiskalt, unnahbar und überlegen! Es hätte
so einfach sein können.
2 Du hast gut reden. Du bist jetzt mit dem Markus zusammen.
1 Mein lieber Mann, was kriegte der eine rote Bombe, als wir uns wieder sahen! Der
kriegte kaum ein Wort raus, weißt du, so richtig süß! ... Ey, ob du ´s glaubst oder nicht,
ich hab´ den einfach in den Arm genommen. Ist manchmal besser als labern!
2 Mir hat das auch imponiert, dass er einfach gezeigt hatte, dass er Schiss hatte. ... Ist ja
auch normal!
1 Und dass er mich toll findet, hat er mir einfach so auf den Kopf zugesagt, einfach so,
weißt du, ohne große Schau und flaches Gesülze.
2 Siehste! Und da ist der Mike ganz anders. Irgendwie ´n Würstchen, obwohl er so ´ne
Kante ist. ... Wer es schon nötig hat, sich anders zu geben, als er ist, und anders zu
handeln, als er fühlt, den kannst du in der Pfeife rauchen.
1 Nun sei mal nicht so hart! Der Mike ist eigentlich ein ganz lieber und ruhiger Kerl, ... hat
Markus zumindest gesagt.
2 Toll! Und was hab´ ich davon, wenn ich ständig Angst haben muss, dass er wieder so
ausrastet, wenn ihm einer blöd kommt?
1 Markus meint, der wär ganz schön auf dich abgefahren.
2 (ärgerlich und lauter:) Ja, verdammt noch mal! Warum sagt er ´s mir denn nicht ... oder
warum zeigt er ´s mir denn nicht? ... Ist es denn so schwer, mal seine Gefühle zu zeigen
oder drüber zu reden?
1 Hast du ´s denn getan?
2 Nein, verdammt! ... Ich könnte mich in den Arsch beißen! ... Der ganze Zoff in dem
Laden wäre erst gar nicht gewesen, wenn wir nicht alle so bescheuert wären, uns hinter
Fassaden und Masken zu verstecken!
1 Stimmt! ... Da hab´ ich von Markus viel gelernt. Der sagt mir, was er denkt und fühlt, der
zeigt mir, was er denkt und fühlt. Und seitdem lerne ich das auch.
2 Hört sich ja gut an. ... Aber ob ich das bringe? Weißt du, ich kenne das doch gar nicht,
nicht aus der Clique, nicht aus der Schule und erst recht nicht von zuhause. ... Meinst du,
meine Eltern hätten ein einziges Mal darüber gesprochen, dass sie Sorgen haben, oder
dass sie sich beschissen fühlen, dass sie mich gern haben, dass sie vor etwas Angst haben
oder dass sie mal wütend auf mich wären?
1 Nene, deine Alten kenne ich wirklich nur als Vorzeige – Typen: korrekt, höflich,
distanziert, erfolgreich und angesehen ...
2 ... und abartig perfekt! Auto erste Sahne, Haus und Garten erste Sahne, Bankkonto erste
Sahne, ... aber Gefühle null, Schwächen null, Fehler null!
1 Dann musst du wenigstens anders werden.
2 Ja, und wie? ... Meinst du, das geht mal einfach so von jetzt auf eben?
1 Das geht auf jeden Fall nicht, wenn du nicht irgendwann anfängst. (aufmunternd:)
Mensch, du blödes Huhn, schwing dich an den Hörer und ruf den Mike endlich an!
2 Meinst du? ... Ich weiß nicht.
1 Ja, verdammt, willst du denn noch wochenlang mit dieser Frustpfanne rumlaufen?!
2 umarmt 1 und gibt ihr einen Kuss.
2 Danke, ey, ich könnte dich knutschen!
1 Heb dir das lieber für den Mike auf!
2 läuft freudig weg.
(ruft 2 nach:) Ey, dein Ball!
1 wirft 2 den Ball hinterher. 2 fängt ihn und läuft weiter.
(zu sich selbst und ins Publikum:) Es muss doch furchtbar schwer sein, so zu sein, wie
man wirklich ist!
1 schüttelt den Kopf.