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Caritas Zum Thema Nr. 3/2005 (02Z032454M), P.b.b., Erscheinungsort Wien, Verlagspostamt 1170 Wien, Foto: Aleksandra Pawloff

Wien, Verlagspostamt 1170 Wien, Foto: Aleksandra Pawloff DATEN & FAKTEN Demenz in Österreich. Seite 2

DATEN & FAKTEN

Demenz in Österreich. Seite 2

AUFGEMACHT

Wenn die Gegenwart verschwimmt. Seite 4

INFO

Warnzeichen für Demenz. Seite 7

BEISPIELHAFT

Caritas-Hilfe für Demenz-Kranke. Seite 10

AUF EINEN BLICK

(Heraus-)Forderungen an die Politik. Seite 12

ZUM THEMA:

>>demenz<<

Vergessen, Vergessen,

aber aber nicht nicht vergessen vergessen

werden werden

Foto: Aleksandra Pawloff

DATEN & FAKTEN:

1951

1951: 120

Erwerbstätige pro

Demenzkrankem

BEGLEITUNG FÜR DEMENZ-KRANKE UND IHRE FAMILIEN

Anker im Strudel der Vergangenheit

Litten im Jahr 2000 in Österreich 90.500 Personen an Demenz, werden es im Jahr 2050 bereits knapp 234.000 sein. Mit einer breiten Angebotspalette begleitet und unterstützt die Caritas demenzkranke Menschen und ihre Familien.

2000: 56

Erwerbstätige pro

Demenzkrankem

2000

Demenz-Erkrankungen werden durch die steigende Lebens- erwartung häufiger — doch nur ein Bruchteil der Betroffenen wird auch entsprechend behandelt. Eine beginnende Demenz wird oft nicht erkannt, die Diagnose oft um Jahre zu spät gestellt.

Die Betreuung und Pflege von an Demenz erkrankten Men- schen stellt hohe Ansprüche an die beruflich Pflegenden im stationären und im mobilen Bereich. Die Caritas betreibt in sieben Diözesen 33 Senioren- und Pflegehäuser, in denen rund 2.800 Menschen leben. Rund zwei Drittel der neu aufgenommenen BewohnerInnen leiden unter demenziellen Erkrankungen. Die Betreuungsformen reichen vom selbstständigen Leben im Appartement, über

2050: 17

Erwerbstätige pro

Demenzkrankem

2050

zusammengefasst: Demenz in Österreich

2050 zusammengefasst : Demenz in Österreich JEDER VIERTE ÜBER 80-JÄHRIGE LEIDET AN DEMENZ. 6—8

JEDER VIERTE ÜBER 80-JÄHRIGE LEIDET AN DEMENZ.

6—8 Prozent der über 65-jährigen

Bevölkerung sind an mittelschwerer bis schwerer Demenz erkrankt.

(Quelle: Psychosoziale Arbeit 1/2005)

2000 WAREN 90.500 PERSONEN AN DEMENZ ERKRANKT.

2050 werden es Schätzungen zufolge 233.800 Erkrankte sein.

Im Jahr 1951 waren es noch 35.500 Betroffene. Mit jedem Fünf-Jahres-Sprung verdoppelt sich in etwa ab der Altersgruppe der 65- bis 70-Jährigen die Häufigkeit von Demenzerkrankungen

(Quelle: Ärztewoche Nr. 14, 2001)

IMMER WENIGER ERWERBSTÄTIGE PRO DEMENZKRANKEM

Immer mehr Demenzkranke stehen einer immer kleineren Gruppe von Erwerbstätigen gegenüber.

(Quelle: Wiener Klinische Wochenschrift 2001)

das betreute Wohnen bis hin zur Pflege rund um die Uhr. Als Entlastung der pflegenden Angehörigen bietet die Caritas in einigen Diözesen auch Kurzzeitpflege und Tageszentren für ältere Menschen an. Betreuende Familienmitglieder unterstützt die Caritas zudem mit Gesprächsgruppen oder persönlicher Beratung, Informations- und Weiterbildungs- veranstaltungen.

: Mobile Hilfe

Im Bereich der mobilen Betreuung und Pflege alter und hochbetagter Menschen sind rund 3750 Caritas-Mitarbeiter- Innen tätig. Die Caritas leistete 2004 rund 1,42 Millionen Stunden in der mobilen Pflege und Betreuung. Mit unter- schiedlichen Schwerpunkten in den Diözesen unterstützen, begleiten und pflegen die MitarbeiterInnen der mobilen Dienste der Caritas Menschen, die ihren Alltag zuhause nicht mehr alleine bewältigen können.

: Aufklärung und Information

Vermehrte Aufklärung und Informationen beispielsweise über die Alzheimerkrankheit und deren Frühsymptome können das Wissen über diese Krankheit erhöhen, aber auch allge- mein das Verständnis und die Akzeptanz fördern. Aus diesem Grund bietet die Caritas Fort- und Weiterbildung von Pflege- und Betreuungspersonen und Ärzten im Umgang mit dementen Personen an. Zudem erarbeiten die Caritas-Experten neue, bedarfsgerech- te Pflege- und Betreuungsmodelle zur Entlastung pflegender Angehöriger und professioneller Pflege- und Betreuungs- personen, die in der täglichen Arbeit umgesetzt werden.

Impressum 3/2005: Chefredaktion: Mag a . Gabriela Sonnleitner. Zum Thema-Team: Martina Baumeister (Eisenstadt), Mag a . Doris Becker (Wien), Wilma Levassor (Linz), Mag a . Andrea Kramer (Feldkirch), Mag a . Mirjam Meyer (Feldkirch), Mag a . Barbara Morawetz (Wien), Mag a . Silke Ruprechtsberger (Österreichische Caritaszentrale), Mag. Harald Schmied (Graz), Mag. Arno Stockinger (Salzburg), MMag. Bernd Wachter (Innsbruck), Dr. Sepp Winklmayr (St. Pölten). MitarbeiterInnen dieser Nummer: Mag a . Claudia Feiertag, Birgit Fischer, Mag a . Beate Missoni, Mag a . Alice Uhl, Mag a . Edith Zehetner. Fotos (wenn nicht anders angegeben): Caritas. Redaktionsanschrift: Albrechtskreithgasse 19-21, 1160 Wien, Telefon 01/488 31-417, Fax 01/488 31- 9400; Medieninhaber, Herausgeber und Verleger: Caritas, Albrechtskreithgasse 19-21, 1160 Wien; Layout: Egger & Lerch, Kirchengasse 1 a, 1070 Wien; Druck: First Smile, 2601 Eggendorf; Verlagspostamt: 1170 Wien, Erscheinungsort: Wien

editorial:

Mittel gegen die Mauer des Vergessens

Wien editorial : Mittel gegen die Mauer des Vergessens Beate Missoni »Zuerst hat er vieles vergessen

Beate Missoni

»Zuerst hat er vieles vergessen und dann auch die Leu- te nicht mehr erkannt. Es wurde so, als ob eine Mauer zwischen mir und ihm steht. Er hat die Umwelt ver- loren.« So beschreibt eine Angehörige das Leben mit ihrem an Alzheimer erkrankten Mann.

Demenz – diese Diagnose erleben neben den Betroffe- nen vor allem die Angehörigen meist als großen Schock.

Sie müssen miterleben, wie sich die Persönlichkeit des vertrauten Menschen von Tag zu Tag ein wenig mehr verändert, wie Ehe- partner, Eltern ihren Halt in der Gegenwart verlieren und in die Vergan- genheit eintauchen. Sie schämen sich für deren »unkonventionelles« Ver- halten, die Betroffenen wiederum fühlen sich allein gelassen. Das gegen- seitige Verstehen wird schwierig, es kommt zu Überforderung auf beiden Seiten. Es braucht eine neue Form der Kommunikation.

Als Caritas erleben wir diese Nöte und Sorgen der Betroffenen in allen Facetten mit: in der mobilen Betreuung und Pflege zu Hause, bei der Be- gleitung pflegender Angehöriger, in den stationären Seniorenhäusern und Tageszentren. Durch Gesprächsgruppen, persönliche Beratung und Ent- lastungsangebote versuchen wir die Situation der betreuenden Familien zu verbessern.

Heute steht Demenz noch am Rande der öffentlichen Wahrnehmung. Die Kranken können keine Lobby gründen. Die Angehörigen sind zu belastet, um Aufmerksamkeit einzufordern. Sie benötigen um so mehr die Solidarität unserer Gesellschaft. In der Politik hat das Thema leider noch nicht die er- forderliche Priorität. Gezielte Aus- und Weiterbildung ist ebenso nötig wie eine bessere Aufklärung und mehr finanzielle Mittel, um die Betroffenen und ihre Familien besser begleiten zu können und die gesellschaftliche Akzeptanz zu steigern.

Bereits heute ist jeder vierte über 80-Jährige demenzkrank. Tendenz stark steigend. Es liegt an uns allen, den Betroffenen und ihren Angehörigen zu zeigen, dass sie nicht allein sind. Als einziges Mittel, die Mauern des Ver- gessens abzutragen.

Als einziges Mittel, die Mauern des Ver- gessens abzutragen. Beate Missoni Caritas-Expertin für Betreuung und Pflege

Beate Missoni Caritas-Expertin für Betreuung und Pflege

Beate Missoni Caritas-Expertin für Betreuung und Pflege ZWISCHEN 600 MIO. UND 1,2 MRD. EURO wurden in

ZWISCHEN 600 MIO. UND 1,2 MRD. EURO

wurden in Österreich im Jahr 2000 für die Versorgung Demenzkranker ausgegeben.

Diese jährlichen Kosten werden im Jahr 2050 auf 1,5 bis 3,2 Mrd. Euro ansteigen. Der überwiegende Teil dieser Kosten fällt nicht bei der öffentlichen Hand oder den Krankenkassen an, sondern bei den pflegenden Familien.

(Quelle: Österreichische Alzheimer-Liga)

63,5% ALLER INS PFLEGEHEIM AUFGENOMMENEN PERSONEN

leiden an einer Demenzerkrankung.

Zwei Drittel der Demenzerkrankungen sind Demenzen vom Typ Alzheimer.

(Quelle: Wiener Medizinische Wochenschrift, 3/4/2002, Therapie-Tipps der NÖGKK 2004)

140.380 PERSONEN WAREN 2001 ÜBER 85 JAHRE ALT.

Das sind 1,75 Prozent der Gesamtbevölkerung.

1951 gab es 23.445 über 85-Jährige, d. h. 0,34 % der Bevölkerung 2050 werden es 523.950 über 85-Jährige, d. h. 6,42 % der Bevölkerung sein

(Quelle: Statistik Austria, eigene Berechnungen)

AUFGEMACHT:

REPORTAGE REPORTAGE

Wenn Wenn die die Gegenwart Gegenwart

verschwimmt verschwimmt

Früher, erinnert sich Frau Höfling, war ihre Mutter ein ruhiger, freundlicher Mensch. Doch seit die alte Dame an Demenz erkrankt ist, ist sie oft wütend, schimpft und schreit. Im Seniorenhaus der Caritas ist Platz für starke Emotionen. Die Beziehung von Mutter und Tochter ist trotz der Krankheit innig geblieben. Von Claudia Feiertag

trotz der Krankheit innig geblieben. Von Claudia Feiertag Demenzkranke sind überaus sensibel. Die Stimme der alten

Demenzkranke sind

überaus sensibel.

Die Stimme der alten Dame zittert, und die Worte kommen langsam und leise aus ihrem Mund:

»Mein Franzi«, sagt Anna Deutsch klagend. Dann werden ihre Worte unverständlich. Sie sitzt zu- sammengesunken im Halbschatten eines Baumes im Rollstuhl, Tränen rinnen über ihre Wangen, und ihr Blick, eben noch auf das alte Hochzeitsfoto ge- richtet, geht ins Leere. »Es ist schon länger her, dass ich ihr das letzte Mal alte Fotos gezeigt habe«, sagt ihre Tochter. »Es wühlt sie immer so stark auf.« Aber das Bedürfnis nach Erinnerungsstützen sei eben doch da.

Anna Deutsch ist eine von 32 Bewohnern der Sta- tion sechs im Seniorenhaus St. Barbara der Caritas der Erzdiözese Wien. Helene Höfling besucht ihre Mutter jeden zweiten Tag, meistens von mittags bis abends. Sie gibt ihr zu essen, geht mit ihr spazieren, spricht viel mit ihr. Für den Fremden mögen die meisten Worte der 90-Jährigen unverständlich sein, ihre Tochter aber weiß sie zu deuten. »Wir waren einander mein ganzes Leben lang immer

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deuten. »Wir waren einander mein ganzes Leben lang immer 4 ZUM THEMA >>demenz<< sehr nahe«, erklärt

ZUM THEMA >>demenz<<

sehr nahe«, erklärt sie die innige Verbundenheit. »Meine Mutter war immer für mich da und hat für mich auf vieles verzichtet, jetzt bin ich für sie da.« Worte, die die alte Frau offenbar nicht hören will. Sie protestiert, ruft laut und energisch: »Nein!« Ihre Augen sind weit aufgerissen, die faltige Hand ist zur Faust geballt. Die Mutter habe immer Angst gehabt, anderen zur Last zu fallen, erklärt ihre Tochter die Reaktion, darum werde sie auch jetzt nicht damit fertig, auf Hilfe angewiesen zu sein.

STARKE EMOTIONEN

Anna Deutsch ist oft wütend, schimpft, schreit. Manchmal zwickt sie, beißt und spuckt. Früher, er- innert sich Frau Höfling, war die Mutter ein ruhi- ger, freundlicher Mensch. »Geschimpft wurde bei uns zu Hause nie.« Aber die Mutter sei eine ande- re geworden. Vielleicht seien es die jahrelang zu- rückgehaltenen Emotionen, die nun ungefiltert aus der alten Frau herausbrechen, vermutet die Toch- ter. Dinge aus der Vergangenheit, mit denen sie nie

Fotos: Aleksandra Pawloff

fertig geworden sei. »Da gibt es sicher einiges, mei- ne Mutter hat es in ihrem Leben nie leicht gehabt.« Nach den wenigen glücklichen Ehejahren sei ihr Mann schwer krank geworden, sie habe ihn aufop- fernd gepflegt bis zu seinem Tod. Nebenher habe sie großen Wert darauf gelegt, dass auch die Toch- ter nicht zu kurz kam.

ERSTE VORZEICHEN

»Oft bin ich mir nicht sicher, ob sie weiß, wer ich bin«, sagt Helene Höfling und erinnert sich an den Nachmittag, an dem sie die Krankheit hätte erken- nen können, die sich damals bemerkbar machte. Bei einem der vielen gemeinsamen Spaziergänge war es, vor fünf Jahren, als die Mutter, eingehängt im Arm der Tochter, Helene Höfling verwirrt an- sah und fragte: »Wo ist eigentlich die Helene?« Für kurze Zeit erkannte sie die eigene Tochter nicht mehr, begriff nicht, als die Frau neben ihr sagte:

»Aber ich bin doch hier.« Kurz danach erinnerte sie sich nicht mehr an den Vorfall, und dass er ein Zeichen der sich anbahnenden Demenz sein könn- te, wollte auch die Tochter nicht wahrhaben. »Jetzt weiß ich natürlich, dass sie schon damals Hilfe ge- braucht hätte. Aber diesen Gedanken ließ ich gar

Hilfe ge- braucht hätte. Aber diesen Gedanken ließ ich gar lexikon : Demenz Als Demenz bezeichnet

lexikon:

Demenz

Als Demenz bezeichnet man allgemein den Abbau geistiger Fähigkeiten. Bei diesem Krankheitsbild werden die höheren Hirnfunktionen (Denken, Gedächtnis, Sprache, emotionale und soziale Fähigkeiten) beeinträchtigt. Man spricht von Demenz meist als Oberbegriff unter zusätzlicher Angabe der zu Grunde liegenden Ursache bzw. Krankheit, etwa Alzheimer Demenz, vaskuläre Demenz, Demenz bei Morbus Parkinson usw.

vaskuläre Demenz, Demenz bei Morbus Parkinson usw. »Meine Mutter war immer für mich da und hat

»Meine Mutter war immer für mich da und hat für mich auf vieles verzich- tet, jetzt bin ich für sie da.«

Helene Höfling

Alzheimer

Die Alzheimer-Krankheit ist die häufigste Form der Demenz. Sie ist eine sich schleichend entwickelnde Erkrankung des Gehirns, bei der langsam aber stetig fortschreitend bestimmte Teile der Großhirnrinde schwinden und Nervenzellen absterben. Dadurch wird im Verlauf der Erkran- kung zunehmend die Hirnleistung beeinträchtigt. Die Krankheit ist nach dem deutschen Neurologen Alois Alz- heimer benannt, der 1906 als erster die Symptome und die typischen Gehirn- veränderungen beschrieben hat.

nicht zu.« Dennoch besuchte sie die Mutter fortan häufiger, um nach ihr zu sehen. Aber das wiederum war Anna Deutsch gar nicht recht.

ANGST UND VERZWEIFLUNG

Bis zu ihrem 87. Lebensjahr hat sie alles selber ge- macht: die kleine Wohnung in Wien in Ordnung gehalten, die Dinge des täglichen Bedarfs einge- kauft, gekocht. Stundenlang ist sie im Wald spa- zieren gegangen. Zuerst immer mit ihren Freun- dinnen. Vor zehn Jahren wurden die aber plötzlich immer komischer. »Die sind so anders geworden«, hat Anna Deutsch ihrer Tochter erzählt, und dann hat sie ihre Ausflüge allein gemacht. »Das war wohl auch schon ein erstes Zeichen, aber ich habe nicht erkannt, dass sich nicht die anderen verändert ha- ben, sondern meine Mutter«, sagt die Tochter heu- te. Dann kam eine Zeit, in der die Mutter ihrer Tochter oft Vorwürfe machte. Vorwürfe, dass sie von ihr bevormundet würde. Auch dies vielleicht ein Vorzeichen der Krankheit, das unentdeckt blieb. Dann begann die Angst. Angst vor jeman- dem, der angeblich in der Wohnung war, den aber außer Anna Deutsch niemand sehen konnte. Aber erst als die alte Frau bereits zum zweiten Mal mit- ten in der Nacht am Fenster ihrer Wohnung stand und in Panik hinausschrie, sie brauche Hilfe, je- mand habe sie eingesperrt, und Polizei und Ret- tung gerufen wurden, um sie zu beruhigen, sagte ein Arzt zu Helene Höfling das bis dahin Unaus- gesprochene: »Die Frau braucht Hilfe.« Es war kurz vor Weihnachten 2002, und die Vorfreude auf das Fest wich der Verzweiflung.

Was dann folgte, kommt Helene Höfling in der Er- innerung vor wie ein Spießrutenlauf. Zuerst war

Für viele demenzkranke Menschen erhält ihre Vergangenheit eine besondere Bedeutung.

Validation

Die Methode Validation nach Naomi Feil ® ist eine spezielle Kommunikations- methode, die Pflege- und Betreuungs- personen im Umgang mit desorientier- ten oder dementen Menschen hilft. Mit Hilfe der Validation kann für diese Menschen eine sichere, geborgene und wertschätzende Atmosphäre geschaf- fen werden.

und wertschätzende Atmosphäre geschaf- fen werden. tipp : Was ist Demenz? Wie erkenne ich die Erkrankung?

tipp:

Was ist Demenz? Wie erkenne ich die Erkrankung? Was kann ich als Betroffene/r tun? Was kann ich als An-

U gehörige/r tun? Diese Fragen beantwor- tet die Caritas-Broschüre »Leben mit Demenz«. Zu bestellen bei der Caritas Ihrer Diözese (Kontakt siehe Seite 14–15)

AUFGEMACHT:

»Heute war ein guter Tag. Ich hoffe, es kommen noch viele weitere.« (Helene Höfling)

hoffe, es kommen noch viele weitere.« (Helene Höfling) Stadien/Verlauf der Alzheimer-Demenzkrankheit Die

Stadien/Verlauf der Alzheimer-Demenzkrankheit

Die Beschwerden bei Alzheimer-Demenz sind oft sehr unterschiedlich. Grundsätzlich lassen sich aber drei Stadien unterscheiden:

1. Stadium

Anfänglich ist meist das Kurzzeitgedächtnis geschädigt. Die Patienten vergessen Namen, verlieren im Gespräch den Faden, werden teilnahmsloser. Datum und Uhrzeit können nicht mehr genannt werden. Auf ihren Zustand reagieren sie oft mit Verleugnung, Beschämung, Angst, aber auch mit Aggression.

2. Stadium

Körperpflege, Anziehen und Essen bereiten immer größere Mühe und können schließlich nur noch mit fremder Hilfe ausgeführt werden. Vergangenheit und Gegenwart vermischen sich. Anfängliche Teilnahmslosigkeit kann in Rastlosigkeit umschlagen. Häufige Stimmungswechsel machen den Umgang mit den PatientIn- nen manchmal sehr schwer.

3. Stadium

Die Betroffenen sind völlig auf fremde Hilfe angewiesen. Eine Kontaktaufnahme ist nur noch schwer möglich. Dennoch reagieren sie oft positiv auf Stimmen und Berührungen. Der fortschreitende körperliche Verfall macht die Patienten bett- lägerig und sehr anfällig für Infektionen, die nach einer Krankheitsdauer von durchschnittlich fünf bis zehn Jahren zum Tod führen.

(Quelle: nach Jochen Niehaus auf: http://www.alzheimerinfo.at)

nach Jochen Niehaus auf: http://www.alzheimerinfo.at) U die Mutter einige Tage im Krankenhaus. Doch sie wollte

U die Mutter einige Tage im Krankenhaus. Doch sie wollte nicht einsehen, dass sie Hilfe brauchte, machte der Tochter bittere Vorwürfe, dass sie hier festgehalten werde. »Ich habe viel geweint in der Zeit, weil ich nicht wusste, was richtig ist für mei- ne Mutter«, erzählt Helene Höfling, »ich war so verzweifelt.« Dass die Mutter Hilfe brauchte, habe sie damals aber endlich klar gesehen. Daher wurde die Mutter in ein Geriatrie-Zentrum verlegt.

Das Sechsbettzimmer war so eng, dass nicht einmal ein Sessel zwischen zwei Betten gepasst hat. Das wenige Personal war mit den vielen alten Men- schen und deren Bedürfnissen überfordert. Die Schwestern und Pfleger wechselten häufig, was für die ohnehin schon desorientierten Menschen schwierig war. Verständnis für die Gefühle von Frau Deutsch war allein schon zeitlich nicht mög- lich. »Oft sind mir die Pfleger schon am Gang ent- gegengekommen und haben sich beklagt, wie ag- gressiv meine Mutter heute wieder sei«, erzählt He- lene Höfling. »Ich wusste, dass es meiner Mutter nicht gut geht. Aber ich wusste nicht, was ich tun konnte.«

Demenz-

Kranke

reagieren oft

positiv auf

Berührungen.

Dann kam ein Tag, an dem Frau Höfling ihre Mut- ter besuchen wollte. Aber sie war nicht da. Im Krankenhaus sei sie, sagte man der Tochter. Es stellte sich heraus, dass die Mutter aufgehört hatte allein zu trinken. Sie sei fast verdurstet, weil das in der Station niemandem aufgefallen war.

NEUER HOFFNUNGSSCHIMMER

Als Helene Höfling dann durch Bekannte von der Caritas-Einrichtung erfuhr, war der Entschluss schnell gefasst: Die Mutter werde es hier besser haben. Bald war ein Platz frei, die Übersiedlung hierher beschlossen. Seither geht es der Mutter im- mer besser, sagt Helene Höfling. Hier muss sich je- der Bewohner nur an drei der 14 Betreuungsper- sonen gewöhnen, untertags ist einer von den dreien immer hier. Der Tagesablauf richtet sich nicht nach der Uhr, sondern nach den Bedürfnis-

Fotos: Aleksandra Pawloff

Fotos: Aleksandra Pawloff sen der BewohnerInnen. Anna Deutsch zum Bei- spiel schläft gern länger als die

sen der BewohnerInnen. Anna Deutsch zum Bei- spiel schläft gern länger als die meisten Mitbewoh- nerInnen. In der Regel wacht sie um halb neun auf, dann bekommt sie ihr Frühstück. Oft sitzt sie dann eine Weile vor dem Fenster oder sieht fern, manchmal will sie auch mit den anderen Bewoh- nerInnen in den Gruppenraum, wo es gemeinsame Aktivitäten wie Kochen und Basteln gibt. Sie liebt den Garten des Seniorenheims, darum bekommt sie ihr Mittagessen dort, wenn das Wetter es zu- lässt. Anschließend helfen Pfleger der alten Frau aus ihrem Rollstuhl und gehen ein paar Schritte mit ihr. Seit sie hier ist, geht auch das schon besser.

RUHIGERE ZEITEN

Ruhiger sei die Mutter hier geworden, das Zwicken und Beißen sei nicht mehr so häufig, sagt Helene Höfling und fügt hinzu: »Ich bin so glücklich, dass sie hier ist.« Ein großer Fortschritt: Anna Deutsch sucht die Nähe anderer Menschen. Bevor sie Ende März hierher gekommen ist, wollte sie von nie- mandem berührt werden, protestierte beim Wa- schen heftig. Baden mag sie noch immer nicht so gern, aber sie lässt es ruhiger über sich ergehen. Andere Berührungen dagegen sind ihr sehr wichtig geworden: Wenn jemand mit ihr spricht greift sie sofort nach seiner Hand.

Hier sagt niemand, Frau Deutsch sei aggressiv. Hier ist Platz für starke Emotionen. Wenn Anna Deutsch schreit oder weint, gibt es kein Beruhi- gungsmittel, sondern Gespräche mit ihr darüber, warum es ihr gerade schlecht geht. Dann beruhigt sie sich meistens schnell. Nur zwicken, beißen oder spucken werden nicht toleriert. Dann wird ihr deutlich gesagt, dass sie anderen nicht wehtun darf.

Auch jetzt ist Anna Deutsch wieder ruhig gewor- den, sie weint nicht mehr, sie schreit nicht mehr. Sie scheint die Abendsonne zu genießen. »Heute war ein guter Tag«, sagt Helene Höfling. Trotz der Tränen, der Schreie. »Ich hoffe, es kommen noch viele weitere.«

AUFGEMACHT:

DEMENZ

Bademantel zum Einkaufen

Wer kennt das nicht: Der Name, der einem auf der Zunge liegt und nicht einfallen will, der verwechselte Termin, die verlegte Brille. Demenz ist viel mehr als das. Es gilt, die Warnzeichen zu deuten, die eine ärztliche Untersuchung erforderlich machen.

Vergesslichkeit mit Auswirkung auf die Arbeit:

Die meisten Menschen vergessen ab und zu Namen oder Termine. Häufen sich diese Vorfälle und treten außer- dem unerklärliche Verwirrtheits- zustände auf, kann das ein Zeichen für eine Verminderung der Gedächtnis- leistung sein.

Schwierigkeiten mit gewohnten Handlungen:

Menschen, die viel zu tun haben, sind manchmal zerstreut und vergessen z. B. den Topf auf dem Herd. Menschen mit Demenz vergessen eventuell nicht nur den Topf auf dem Herd, sondern auch, dass sie gekocht haben.

Sprachprobleme:

Die meisten Menschen haben manch- mal Schwierigkeiten damit, die richti- gen Worte zu finden. Menschen mit Demenz fallen oft einfache Worte nicht mehr ein, statt dessen verwenden sie unpassende Füllworte. Dadurch werden die Sätze schwer verständlich.

Räumliche und zeitliche Orientierungsprobleme:

Bei vielen Menschen kommt es ab und zu vor, dass sie z.B. Wochentage ver- gessen oder sich in einer fremden Um- gebung verlaufen. Bei Menschen mit Demenz kann es passieren, dass sie in der eigenen Straße stehen und nicht mehr wissen, wo sie sind, wie sie dort- hin gekommen sind und wie sie wieder nach Hause gelangen.

Eingeschränkte Urteilsfähigkeit:

Nicht immer wählen Menschen die dem Wetter entsprechende Kleidung. Bei Menschen mit Demenz ist die gewählte Kleidung manchmal völlig unange- bracht. Sie tragen z.B. einen Bade- mantel beim Einkaufen oder mehrere Blusen an einem heißen Sommertag übereinander.

Probleme mit dem abstrakten Denken:

Für viele Menschen ist es eine Heraus- forderung, ein Konto zu führen. Menschen mit Demenz können oft weder Zahlen einordnen noch einfache Rechnungen durchführen.

Liegenlassen von Gegenständen:

Ab und zu lässt fast jeder einmal den Schlüssel oder das Portemonnaie lie- gen. Bei Menschen mit Demenz kommt es jedoch vor, dass sie Gegenstände an völlig unangebrachte Plätze legen, wie z.B. ein Bügeleisen in den Kühlschrank oder eine Uhr in die Zuckerdose. Im Nachhinein wissen sie nicht mehr, wo- hin sie die Gegenstände gelegt haben.

Stimmungs- und Verhaltens- änderungen:

Stimmungsänderungen kommen bei allen Menschen vor. Menschen mit Demenz können in ihrer Stimmung sehr abrupt schwanken, oft ohne erkennbaren Grund.

Persönlichkeitsänderungen:

Im Alter verändert sich bei vielen Men- schen die Persönlichkeit ein wenig. Bei Menschen mit Demenz kann eine sehr ausgeprägte Persönlichkeitsänderung plötzlich oder über einen längeren Zeitraum hinweg auftreten. Jemand, der normalerweise freundlich ist, wird z.B. unerwartet ärgerlich, eifersüchtig oder ängstlich.

Verlust der Eigeninitiative:

Menschen arbeiten nicht fortlaufend mit der gleichen Motivation. Demenz- kranke verlieren den Schwung bei ihrer Arbeit und das Interesse an ihren Hob- bys manchmal vollständig, ohne Freude an neuen Aufgaben zu finden.

Quelle: aus www.patientenleitlinien.de

ohne Freude an neuen Aufgaben zu finden. Quelle: aus www.patientenleitlinien.de ZUM THEMA >>demenz<< 7

ZUM THEMA >>demenz<< 7

IM GESPRÄCH:

»Demenzkranke wollen geachtet und anerkannt werden«

Prim. DDr. Marina Kojer im Gespräch über die Bedürfnisse von Demenzkranken, die Sorgen ihrer Angehörigen und die Herausforderungen für die Pflegenden.

: Sie haben viele Jahre in der Geriatrie gearbei- tet und selbst in Ihrer Pension
:
Sie haben viele Jahre in der Geriatrie gearbei-
tet und selbst in Ihrer Pension setzen Sie sich
für alte und demente Menschen ein. Sie haben für
die Caritas ein Betreuungsmodell für demente Men-
schen entwickelt und leiten dieses Projekt im Haus
St. Barbara. Warum haben Sie sich für die Arbeit in
der Geriatrie entschieden?

Prim. DDr. Marina Kojer war bis Ende 2003 an der 1. Medizinischen Abteilung für Palliative Geriatrie im Geriatriezentrum am Wienerwald (GZW) tätig. Seit Herbst 2004 beglei- tet sie ehrenamtlich ein Projekt der Caritas Wien für die palliative Betreuung von hochbetagten Menschen mit fortgeschrittener Demenz im Pflegeheim.

Ich habe mich von Kindheit an zu alten Menschen hingezogen gefühlt, wohl auch deshalb, weil ich eine besonders innige Bindung zu meiner Groß- mutter hatte. Sofort nach Abschluss meiner Aus- bildung wandte ich mich daher mit großem En- thusiasmus der Arbeit in der Geriatrie zu. Es war kein leichter Weg; am Anfang war ich ein paar Mal nahe daran aufzugeben. Aber mit der Zeit erkann- te ich immer deutlicher, was kranke alte Menschen sich wünschen. Je länger ich in der Geriatrie ar- beitete, desto lieber gewann ich meine hochbetag- ten Patienten.

: »Es genügt nicht am Leben zu sein, man muss auch ein Leben haben!« postuliert Erich

Loewy als unabdingbare Voraussetzung für eine gute Lebensqualität. Widersprechen Demenz und Lebens- qualität einander?

»Menschen, die in der Geriatrie arbei- ten, brauchen Geduld, Einfühlungs- vermögen, Taktgefühl und vor allem Liebe zum alten Menschen«, so Kojer.

Wenn ein Mensch an Demenz erkrankt, muss das noch lange nicht bedeuten, dass er von Gemein- samkeit ausgeschlossen bleibt. Er hat weiterhin

von Gemein- samkeit ausgeschlossen bleibt. Er hat weiterhin Wünsche und Bedürfnisse, kann Freude empfin- den. Die

Wünsche und Bedürfnisse, kann Freude empfin- den. Die Betroffenen können freilich nur mit kom- petenter und einfühlsamer Hilfe Lebensqualität er- fahren. Die Grundbedürfnisse dementer alter Menschen unterscheiden sich nicht wesentlich von denen geistig gesunder Menschen. Sie wollen ebenso ernst genommen, geachtet und anerkannt werden und keine Schmerzen haben. Sie wünschen sich Zuwendung und körperliche Nähe. Sie möch- ten etwas tun, was ihnen das Gefühl gibt, nützlich zu sein. Unter diesen Bedingungen hat das Leben für die Demenzkranken Qualität.

: Begegnen Sie auch hilflosen und verzweifelten Angehörigen und wie gehen diese damit um?

Es ist für Angehörige außerordentlich schwierig und sehr schmerzlich sich damit abzufinden, dass ein geliebter, nahe stehender Mensch sich zu ver- ändern beginnt, sich nicht mehr auskennt und sei- ne »guten Manieren« verliert. Viele wollen dies am Anfang nicht wahrhaben und mahnen den betag- ten Elternteil oft recht schroff, sich doch zu- sammenzunehmen. Das macht das Leben für bei- de Teile nur noch schwerer. Besonders bitter ist es, wenn Angehörige das Gefühl haben, dass sie der Demente nicht mehr erkennt. In dieser schweren Zeit brauchen Angehörige dringend Hilfe und Unterstützung. Im Pflegeheim ist ein guter Kontakt zwischen Angehörigen und Stationsteam außeror- dentlich hilfreich. Feinfühlige und offene ÄrztIn- nen, Schwestern und Pfleger können helfen, offe- ne Fragen zu klären, Schuldgefühle abzubauen und sich mit den Tatsachen abzufinden.

: Demenz-Kranke können ihre Eindrücke nicht mehr zuordnen, ihre Bedürfnisse nicht mehr

formulieren. Gibt es Möglichkeiten, trotzdem mit

dementen Menschen zu kommunizieren, um ihre Be- dürfnisse und Gefühle zu ergründen?

Wer in seinem Alltag viel mit demenzkranken Hochbetagten zu tun hat, ist gut beraten ihre »Sprache« zu erlernen (Validation nach Feil ® , siehe Seite 5). Mit fortschreitender Erkrankung erhalten Worte ihr Gewicht nicht mehr durch ihren Inhalt sondern durch das Gefühl, das sie mittransportie- ren. Demenz-Kranke sind überaus sensibel und

feinfühlig. Sie »wissen«, was ihr Gesprächspartner für sie empfindet. Schwer demente alte Menschen erleben die Welt ausschließlich auf der Gefühlsebene. Nur dort kann man sie erreichen. Mit ihnen zu kommunizieren heißt Mitschwingen auf ihrer Gefühlsebene. Dies erfordert ne- ben einer respektvollen Grundhaltung die Bereitschaft, dem Kranken in das Gefühl zu folgen, das ihn gerade be- wegt, ihn zuwendend zu berühren. Berührung nimmt ihm seine Einsamkeit, gibt Sicherheit, schenkt Nähe, Trost und Geborgenheit.

: Welche Herausforderungen ergeben sich für die pro- fessionell Betreuenden und Pflegenden? Welche

Kompetenzen sind besonders gefragt?

Die Pflege und Betreuung von Patienten mit fortge- schrittener Demenz gehört zu den schwierigsten und an- spruchsvollsten Arbeiten in unserem Gesundheitssystem. Diese Aufgabe einfühlsam, verantwortungsvoll und pro- fessionell zu bewältigen erfordert eine Reihe von unver- zichtbaren Haltungen und Kompetenzen. Professionell Betreuende und Pflegende müssen den dementen, alten Menschen Wertschätzung entgegenbringen, sich an ihren Bedürfnissen, nicht etwa an einer fixen Tageseinteilung orientieren und die Bereitschaft mitbringen, sich als Mensch einzubringen und körperliche Nähe zuzulassen. Dazu kommen die nötigen Kompetenzen, etwa in der Va- lidation, Angehörigenbetreuung oder – für ÄrztInnen – in der Schmerztherapie.

: Manche glauben, dass freiheitsbeschränkende Maß- nahmen unbedingt nötig sind. Wie denken Sie?

Freiheitsbeschränkende Maßnahmen sind nur dann un- verzichtbar, wenn der demente Mensch dadurch vor gro- bem Schaden bewahrt wird. Es ist gut und richtig dem Kranken so viel Autonomie wie möglich zu gewähren. Eines ist jedoch zu bedenken: Infolge der zunehmenden Hirnleistungsstörung kann der Kranke die Konsequen- zen einer angestrebten Handlung oft nicht mehr absehen und läuft z. B. auf die Straße. Daher halte ich in gefähr- deten Fällen z. B. die Chipkarte im Schuh für durchaus richtig. Die meisten üblichen Fixierungsmaßnahmen sind völlig unnötig und entsprechen nur dem übertrie- benen Sicherheitsbedürfnis von Pflegenden, Ärzten und Angehörigen. Natürlich gibt es vereinzelte Ausnahmen, für die Steckbretter oder ein Taillengurt doch einmal erforderlich sind.

kommentar:

»Wir brauchen gesellschaftliche und politische Solidarität.«

brauchen gesellschaftliche und politische Solidarität.« Dr. Stefanie Auer Die Zeit drängt! Eine Gesellschaft wird

Dr. Stefanie Auer

Die Zeit drängt! Eine Gesellschaft wird unter an- derem danach beurteilt, wie sie mit jenen Personen umgeht, die Hilfestellungen benötigen. Durch Ver- niedlichung und Entwürdigung »Alzheimer lässt grüßen!« begegnet unsere Gesellschaft einer schweren Krankheit, der Alzheimer Demenz, die wirklich mehr Aufmerksamkeit erfordert als wir uns wünschen. Die Abwehr ist nur allzu mensch-

lich, vor allem in unserer zu Perfektionismus nei- genden Zeit, wo wissenschaftliches Know-how uns zu überzeugen ver- sucht, dass wir bald alles Leiden überwunden haben werden.

Die Zahlen sind alarmierend – bis ins Jahr 2050 wird sich die Zahl De- menzkranker verdoppelt haben! Personen mit Demenz stellen eine sehr verletzliche Randgruppe in unserer Gesellschaft dar und benötigen dringend einer Anwaltschaft. Diese sollte sich verstärkt darum bemü- hen, dass

1. Forschung forciert,

2. interdisziplinäre und kreative Versorgungsstrukturen geschaffen werden,

3. Betreuer spezifisch ausgebildet werden.

Es steht eine klare Entscheidung an: Wollen wir uns diesem Phänomen unseres Zeitalters stellen, es konstruktiv lösen – oder stecken wir den Kopf in den Sand und warten auf die vorhersehbare Katastrophe? Wir hinterlassen somit keine moralische Grundlage für die nächste Gene- ration. Die Zahl der Buch- und Zeitschriftenpublikationen in der inter- nationalen Literatur über die Alzheimer Demenz ist in den letzten Jah- ren deutlich gewachsen. Diese Dynamik spiegelt die Bedeutung der Alz- heimer Demenz als wichtigster neurologisch-psychiatrischer Erkran- kung des höheren Lebensalters wider.

Zunehmend etabliert sich auch die Erforschung der nicht-pharmakolo- gischen Methoden der Behandlung. Dabei geht es um die Entwicklung von Konzepten zur optimalen Betreuung und Verbesserung der Le- bensqualität von Personen mit Demenz und deren Betreuern. Personen mit Demenz sollen in jeder Phase ihrer Erkrankung die Chance erhal- ten, optimal, ihren Bedürfnissen gerecht, gefördert zu werden. In den nächsten Jahren sollten interdisziplinäre Konzepte zur psychosozialen Versorgung entwickelt werden, die das Leiden der Betroffenen und de- ren Angehörige vermindern. Diese Konzepte sollten nicht alleine auf der Basis intuitiven Handelns institutionalisiert werden, sondern sich einer wissenschaftlichen Überprüfung stellen.

Wir können damit einen so wichtigen Beitrag zur Lösung einer der wichtigsten Probleme unseres Zeitalters leisten! Dazu bedarf es jedoch dringend einer gesellschaftlichen und politischen Solidarität.

Dr. Stefanie Auer, Psychologin/wissenschaftliche Leitung Verein M.A.S (Morbus Alzheimer Syndrom) Bad Ischl

LIMA — LEBENSQUALITÄT IM ALTER

Fitness für Körper, Geist und Seele

Menschen ab 60 Jahren sind die Zielgruppe von LIMA, einem innovativen Angebot zum Beispiel der Caritas im Burgenland. Das Trainingsprogramm wirkt dem geistigen Alterungsprozess entgegen und verbessert die Lebensqualität im Alter.

entgegen und verbessert die Lebensqualität im Alter. »Ich freue mich schon Tage davor auf die nächste

»Ich freue mich schon Tage davor auf die nächste LIMA-Stunde«, er- zählt eine 70-jährige TeilnehmerIn begeistert. »Die Übungen machen Spaß, fordern aber auch unsere Aufmerksamkeit und halten uns geis- tig und körperlich beweglich. Außerdem sind wir in der Gruppe schon Freundinnen geworden.« LIMA, kurz für: ›Lebensqualität im Alter‹, ist ein innovatives Trainingsprogramm für Menschen ab 60 Jahren. Es ist wissenschaftlich fundiert und spricht Körper, Geist und Seele an. Studien haben gezeigt, dass durch gezieltes und kom- biniertes regelmäßiges Training dem normalen Alterungsprozess

Die LIMA-Stunden sind nicht nur nützlich, sondern machen auch Spaß.

MONTESSORI FÜR SENIOREN IM HAUS ST. BARBARA

Gedächtnistraining anderer Art

Ein ganzheitliches Spätförderprogramm mit Übungen nach Montessori im Haus St. Barbara der Caritas der Erzdiözese Wien weckt Erinnerung mit allen Sinnen und stärkt die Alltagskompetenzen demenzkranker BewohnerInnen.

stärkt die Alltagskompetenzen demenzkranker BewohnerInnen. »Die Schulung des Muskelgedächtnisses steht neben dem

»Die Schulung des Muskelgedächtnisses steht neben dem Trainieren der Feinmotorik im Vordergrund der Arbeit mit Sinnesmaterialien«, erzählt die Projektverantwortliche Lore Wehner. Beispiel Hirsewan- ne: »Beim Ertasten von Holzbuchstaben in einer Wanne voll Hirse werden Reize an das Gehirn gesendet, die im Langzeitgedächtnis ge- speicherte Eindrücke abrufen und in Kommunikation umsetzen.« Der Einsatzzylinder macht Größenverhältnisse spürbar und in der Wanne ist Spielraum für eigenes Gestalten. »Das stärkt die Ich-Kom- petenz«, so Wehner, »und damit die Lebensqualität.« Selbstbestim- mung, etwa auch beim Händewaschen: Die TeilnehmerInnen wählen Seife und Lotion aus, eine alltägliche Tätigkeit wird zum bewussten, selbstbestimmten Erlebnis.

»HILF MIR, ES SELBST ZU TUN«

Auch in anderen »Übungen des täglichen Lebens« rufen Gerüche, Tastempfindungen etc. Erinnerungen an Altgewohntes wach, Kaf- feemahlen etwa. Wehner: »Ich zeige die Übung vor und unterstütze die alten Menschen beim Tun. Es geht um emotionale Zuwendung als Qualität. Das Üben in immer gleichen Kleingruppen unter denselben Rahmenbedingungen fördert die soziale Kompetenz und baut Ver- trauen auf. Die Menschen mit Demenz werden ausgeglichener, ent- spannen sich.«

Mit ihrem Spätförderprogramm möchte Wehner auch Angehörigen

Beispiele für einen sinnreichen Umgang mit Demenz-Kranken näher bringen. Die MitarbeiterInnen in St. Barba-

ra haben ihre Ideen bereits aufgegriffen: Ein Planschbecken mit Naturmaterialien gefüllt macht Erinnerung spürbar.

Montessori-Materialien trainieren das Tast- empfinden und heben die Lebensqualität im Alter.

nachweisbar entgegengewirkt werden kann. LIMA ist keine Therapie, sondern als Präventionsmaß- nahme konzipiert.

DER GANZE MENSCH IM BLICK

Jede LIMA-Gruppe trifft sich ein Jahr lang regel- mäßig. Die LIMA-Stunden sind eine Kombination aus Gedächtnis- und Bewegungstraining, Unter- stützung in Fragen der Alltagsbewältigung wie Wohnen und Ernährung sowie Glaubens- und Sinnfragen. »LIMA spricht den ganzen Menschen an, ist alltagsorientiert, praktisch und setzt bei den Lebenserfahrungen der einzelnen TeilnehmerIn- nen an«, erzählt die LIMA-Koordinatorin der Ca- ritas Eisenstadt, Maria Pöplitsch. »Im Mittelpunkt stehen die Freude am Älterwerden und das Mit- einander.«

BEISPIELHAFT:

DEMENZ-WOHNGRUPPE IM SENIORENWOHNHAUS KARL BORROMÄUS

Erfühlen, was gebraucht wird

Seit zwei Jahren leben 13 demenzkranke alte Menschen im Senioren- wohnhaus Karl Borromäus der Caritas für Betreuung und Pflege in Linz in einer Wohngruppe zusammen. Mit biografieorientierter und einfühl- samer Begleitung nach den Grundsätzen der Validation wird es den BewohnerInnen ermöglicht, ihre Würde und Identität zu bewahren.

Die BewohnerInnen der Wohngruppe werden einfühlsam begleitet.

»Ausgangspunkt zur Einrichtung der Wohngruppe war die Überlegung, wie es gelingen kann, die Le- bensbedingungen der altersverwirrten Bewohner- Innen zu heben«, sagt Franziska Pichler, Pflege- dienstleiterin im Seniorenwohnhaus Karl Borro- mäus. »In der Wohngruppe haben sie jetzt mehr Ruhe und vor allem können sie diejenigen sein und bleiben, die sie sind.« Das Alter der BewohnerIn- nen liegt zwischen 70 und 95 Jahren. Ihre Befind- lichkeit ist jeden Tag anders, daher wird auch der Tagesablauf jeden Tag individuell je nach den Be- dürfnissen der Einzelnen gestaltet.

»Wenn die kognitive Wahrnehmung nicht mehr gegeben ist, dann kann man nur noch über die Ge- fühlsebene – in Beziehung mit dem einzelnen Men- schen – erfühlen, was er braucht«, erklärt Pichler. Wichtig sei es insbesondere, die früheren Lieb-

lingstätigkeiten herauszufinden. Basis dafür ist der Kontakt mit den Angehörigen. »Bei einer Dame, die immer unruhig war, haben wir herausgefunden, dass sie in ihrer Jugend Tänzerin war. Wir haben ihr dann ein Kleid aus den 30er-Jahren in das Zim- mer gehängt. Nach einiger Zeit hat sie es von selbst angezogen und ist wirklich ruhiger geworden.«

ERNTEFRISCHES GEMÜSE

Heuer wurde auch im Garten des Seniorenwohn- hauses Gemüse angebaut, das jetzt gemeinsam mit den BewohnerInnen geerntet wird. Und weil eini- ge früher zuhause auch Tiere hatten, leben drei Katzen, zwei Meerschweinchen und ein paar Vögel mit in der Wohngruppe. »Die Validation ist die menschlichste und würdevollste Begleitung für de- menzkranke Menschen«, ist Pichler überzeugt.

würdevollste Begleitung für de- menzkranke Menschen«, ist Pichler überzeugt. ZUM THEMA >>demenz<< 11

ZUM THEMA >>demenz<<

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AUF EINEN BLICK:

(Heraus-)Forderungen für die Betreuung Demenz-Kranker

: Enttabuisierung des Themas Demenz

In Österreich leben über 100.000 Demenzpatien- ten – Tendenz steigend.

Dennoch ist das Wissen der Bevölkerung über die- se Krankheit und deren Verlauf nicht sehr groß. Daher reagieren viele Menschen auf die Besonder- heiten der Erkrankten und die besondere Situation der Angehörigen mit Unsicherheit, Unverständnis oder Ignoranz. Betroffene und deren Angehörige werden oft gemieden oder sogar ausgegrenzt.

Derzeit werden Ärzte sowie Betreuungs- und Pfle- gefachkräfte in ihren Ausbildungen noch viel zu wenig auf die Demenzerkrankung und deren Be- sonderheiten und die Möglichkeiten des Umgangs mit Demenzkranken vorbereitet.

Dabei kann durch eine möglichst frühe Diagnose durch diverse Therapiemöglichkeiten der Krank- heitsverlauf deutlich verlangsamt werden.

Die Caritas fordert:

Enttabuisierung der Erkrankung durch Aufklärung und Information der Öffentlichkeit über Demenzer- krankungen krankungen

Stärkere Berücksichtigung der Thematik in der Aus- bildung von ÄrztInnen sowie des Betreuungs- und Pflegepersonals bildung von ÄrztInnen sowie des Betreuungs- und Pflegepersonals

Verstärkte Erforschung der Krankheit und leichterer Zugang zu einer frühen Diagnostik der Krankheit Zugang zu einer frühen Diagnostik der Krankheit

Entwicklung und Umsetzung von adäquaten Pflege- und Betreuungskonzepten und Betreuungskonzepten

Erweiterung bestehender Betreuungsangebote, Schaffung niederschwelliger Angebote (Beratung zu Hause, Gesprächsgruppen, Beratungs- und Informa- tionsangebote über Schaffung niederschwelliger Angebote (Beratung zu Hause, Gesprächsgruppen, Beratungs- und Informa- tionsangebote über die Erkrankung und ihren Ver- lauf …)

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über die Erkrankung und ihren Ver- lauf …) 12 ZUM THEMA >>demenz<< Verbesserung der

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Verbesserung der Integration von demenzkranken Menschen in der Gesellschaft Menschen in der Gesellschaft

: Weiterentwicklung des Pflegegeldes

Das 1993 eingeführte Pflegegeld orientiert sich bei der Einstufung überwiegend an den motorischen Fähigkeiten der Betroffenen (z. B. Hilfebedarf beim An- und Auskleiden, Einkaufen, Zubereitung von Mahlzeiten etc.) oder nach medizinischen Ge- sichtspunkten. Der enorme Zeitaufwand für Auf- sicht und Betreuung dementer Menschen wird da- durch aber nicht angemessen berücksichtigt.

Die Caritas fordert:

stärkere Berücksichtigung der Zeiten für die not- wendige, dauernde Beaufsichtigung, Anleitung und Motivation bei der Pflegegeldeinstufung, insbeson- dere im frühen Stadium der Erkrankung Motivation bei der Pflegegeldeinstufung, insbeson- dere im frühen Stadium der Erkrankung

die rechtliche Möglichkeit der Einbeziehung von Angehörigen und PflegerInnen bei der Pflegegeld- einstufung muss auch gelebte Praxis werden einstufung muss auch gelebte Praxis werden

Begutachtungen sollen von für demenzielle Erkran- kungen ausgebildeten ÄrztInnen und diplomierten Pflegefachkräften vorgenommen werden. kungen ausgebildeten ÄrztInnen und diplomierten Pflegefachkräften vorgenommen werden.

Verknüpfung des Pflegegeldes mit einem Rechtsan- spruch auf ein Beratungspaket spruch auf ein Beratungspaket

: Bessere sozialrechtliche Absicherung von pflegenden Angehörigen

Demente Menschen werden besonders in den frü- hen Stadien ihrer Erkrankung von Angehörigen betreut. Nur Angehörige, die für die Betreuung ih- ren Beruf aufgegeben haben, können sich begüns- tigt in der Pensionsversicherung weiterversichern. Diese Möglichkeit wird nur von wenigen in An- spruch genommen. Personen, die nicht berufstätig waren, können sich überhaupt nicht begünstigt weiterversichern. Auch die Selbstversicherung in der Krankenversicherung ist für pflegende Ange- hörige häufig eine zu hohe finanzielle Belastung.

Foto: Aleksandra Pawloff

Die Caritas fordert:

Möglichkeit der begünstigten Selbstversicherung für Personen, die vor der Aufnahme der Pflege nicht er- werbstätig waren werbstätig waren

Anrechnung von Pflegezeiten für die Pension (nach dem Modell der Kinderbetreuungszeiten) dem Modell der Kinderbetreuungszeiten)

Sozialversicherungsrechtliche Absicherung auch für informell Pflegende (z.B. Nachbarn)

Schaffung niederschwelliger Angebote (Beratung zu Hause, Gesprächsgruppen, Beratungs- und Informa- tionsangebote über die Erkrankung und ihren Ver- lauf …) Hause, Gesprächsgruppen, Beratungs- und Informa- tionsangebote über die Erkrankung und ihren Ver- lauf …)

: Schaffung wirkungsvoller Entlastungsangebote

Angehörige von Demenz-Kranken sind oft großen psychischen, materiellen und physischen Belastun- gen ausgesetzt. Betroffene fragen Hilfe von außen oft erst nach, wenn ihre eigenen Ressourcen er- schöpft sind oder ihre Gesundheit ernsthaft ge- fährdet ist. Die Grunde dafür sind vielfältig. Die Praxis zeigt, dass durch gezielte, leistbare Entlas- tungsangebote die Situation der Betroffenen ent- schärft werden kann.

Die Caritas fordert:

Ausbau und Weiterentwicklung der familienentlas- tenden Betreuung und Pflege auch für Halb- und Ganztage sowie entsprechende stationäre Angebote für den Urlaubs- und Krankheitsfall Ganztage sowie entsprechende stationäre Angebote für den Urlaubs- und Krankheitsfall

Ausbau von teilstationären Einrichtungen für Demenz- Kranke (Tagesbetreuung und -pflege etc.) zur Verbes- serung der Vereinbarkeit von Beruf und Pflegestationäre Angebote für den Urlaubs- und Krankheitsfall Ausbau zielgruppenspezifischer Angebote (Urlaubs- pflege,

Ausbau zielgruppenspezifischer Angebote (Urlaubs- pflege, Wohngruppen, Demenzstationen etc.) pflege, Wohngruppen, Demenzstationen etc.)

(Urlaubs- pflege, Wohngruppen, Demenzstationen etc.) buchtipp : In seinem Fotoband Alzheimer setzt sich der

buchtipp:

In seinem Fotoband Alzheimer setzt sich der deutsche Fotograf Peter Granser auf besonders einfühlsame Weise mit der Krankheit auseinander. Im Stuttgarter Gradmann-Haus, einem Heim für Demenzkranke, machte er sich daran, den inneren Welten der Dargestellten auf die Spur zu kommen. Seine zartfarbigen, quadratischen Fotografien sind schön, ohne zu beschönigen.

Peter Granser: Alzheimer, Kehrer Verlag, 96 S.

sind schön, ohne zu beschönigen. Peter Granser: Alzheimer, Kehrer Verlag, 96 S. ZUM THEMA >>demenz<< 13
sind schön, ohne zu beschönigen. Peter Granser: Alzheimer, Kehrer Verlag, 96 S. ZUM THEMA >>demenz<< 13

ZUM THEMA >>demenz<<

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INNOVATIVE KÖPFE:

DR. GERALD GATTERER

Psychologe und Therapeut

KÖPFE : DR. GERALD GATTERER Psychologe und Therapeut »Demenz ist kein Schicksal, gegen das man nichts

»Demenz ist kein Schicksal, gegen das man nichts tun kann«, ist Gerald Gatte- rer, Leiter der psychologisch-psychotherapeutischen Ambulanz am Geriatriezentrum am Wienerwald, überzeugt. So verknüpft er seine Diagnosen mit Trainingsprogrammen, psychologischen und medikamentösen Maßnahmen, um die geistige Leistungs- fähigkeit möglichst lange zu erhalten. Bei Vorträgen und Ge- sprächen – veranstaltet durch die Caritas – informiert er die Be- völkerung und speziell Angehörige von demenzkranken Men- schen, dass durch die Kombination von Antidementiva mit Ge- dächtnistraining, Gesprächen und Betreuung der Angehörigen zwar keine Heilung, aber eine wesentlich höhere Lebensqualität erwirkt wird. Frühzeitige Diagnostik, früher Behandlungsbe- ginn, aber auch gesunde Ernährung und körperliche Aktivitä- ten helfen mit, dass ein Leben mit Demenz möglich ist und po- sitiv gestaltet werden kann, so Gatterer.

MICHAEL ZOBL

Zivildiener in einer Demenz-Wohngruppe

MICHAEL ZOBL Zivildiener in einer Demenz-Wohngruppe »Wenn man hier arbeitet, braucht man ein Gefühl für

»Wenn man hier arbeitet, braucht man ein Gefühl für Menschen«, sagt Mi- chael Zobl. Der 19-Jährige ist seit Ok- tober 2004 als Zivildiener in der De- menz-Wohngruppe des Linzer Seniorenwohnhauses Karl Bor- romäus der Caritas für Betreuung und Pflege tätig. Frühstück austeilen und Betten machen zählen genauso zu seinen Aufga- ben wie mit den BewohnerInnen Karten zu spielen, zu singen und ganz einfach für sie da zu sein. »Viele erzählen sehr gerne aus ihrer Vergangenheit und es ist ganz wichtig, dass jemand da ist für sie zum Reden«, so Zobl. Anfangs sei die Arbeit mit de- menzkranken Menschen schon auch schockierend gewesen. Mit der Zeit hat er die einzelnen BewohnerInnen besser ken- nen und mit ihren Eigenheiten umgehen gelernt: »Eine alte Dame hält mich oft für ihren Vater und knuddelt mich dann wie ein kleines Kind«, erzählt Michael Zobl. Der Zivildienst ist für ihn auch »Schule fürs Leben«: »Ich bin mir jetzt dessen be- wusst, dass auch ich einmal dement werden kann. Und ich weiß, wie wichtig es ist, dass jemand für diese Menschen da ist – nicht nur für die Pflege, sondern auch für Gespräche.«

nicht nur für die Pflege, sondern auch für Gespräche.« RENATE PLAHS Stationsleiterin im Haus Franz Borgia

RENATE PLAHS

Stationsleiterin im Haus Franz Borgia

»So selbstständig wie möglich«

Die Stationsschwester im Haus Franz Borgia der Caritas der Erzdi- özese Wien hat ihren persönlichen Schwerpunkt in der Arbeit mit Demenzpatienten auf deren Ernährung gesetzt. 80 Prozent der im Rahmen einer Erhebung zur Ernährungssituation von Bewohnern in Langzeitpflege untersuchten Demenzkranken sind untergewichtig. Auf Renate Plahs´ Initiative hatte sich auch das Seniorenhaus in Wien 19 an der Studie beteiligt. Bereits im Anfangsstadium der Krankheit sollte mit besonders nahrhafter Kost dem Kräfteverlust gegenge- steuert und zugleich die Freude am Essen erhalten werden: »Essen in der Gruppe animiert durch die Vorbildwirkung«, so Plahs. »Ge- nauso wichtig ist es, dass jemand selbstständig isst, selbst wenn er lan- ge braucht und danach frische Kleidung benötigt. Alles, was er so lange wie möglich allein macht, ist für ihn wertvoll!«

ansprechpartnerInnen:

Caritas Österreich, Silke Ruprechtsberger, Tel. 01/488 31-417, E-Mail: s.ruprechtsberger@caritas-austria.at Caritas Wien, Barbara Morawetz, Tel. 01/878 12-223, E-Mail: bmorawetz@caritas-wien.at

Caritas St. Pölten, Sepp Winklmayr,

Tel. 02742/844-302, E-Mail: info@stpoelten.caritas.at Caritas OÖ, Wilma Levassor, Tel. 0732/76 10-2030, E-Mail: information@caritas-linz.at

DGKS LEA HOFER-WECER Pflegeleiterin und Demenzexpertin »Ich habe keine Angst vor Demenz. Ich habe aber

DGKS LEA HOFER-WECER

Pflegeleiterin und Demenzexpertin

»Ich habe keine Angst vor Demenz. Ich habe aber Angst, von Menschen betreut zu werden, die damit nicht umgehen können«, sagt DGKS Lea Hofer-Wecer, langjährige Lehrschwester in der Gesundheits- und Krankenpflege. »Wir dürfen keine Zwangsmaßnahmen anwen- den, sondern müssen ihre Persönlichkeit akzeptieren. Die Betroffenen sollen so lange wie möglich in ihrer gewohnten Um- gebung bleiben können«, betont die regionale Leiterin von »Betreuen und Pflegen zu Hause« der Caritas St. Pölten etwa bei ihren Informationsabenden unter dem Thema »Alt, verwirrt – was nun?«. Das wichtigste sei die wertschätzende Begegnung:

Demenzkranke erleben sich in einer längst vergangenen Zeit. Hier hilft es, ihre Biografie zu kennen. Hofer-Wecers Tipp dazu:

»Reden Sie mit den alten Menschen, stellen Sie die W-Fragen:

wer, was, wann, wo und wie. Aber fragen Sie nie: warum.«.

ROSA JERABEK

Heimhilfe

in Wien

fragen Sie nie: warum.«. ROSA JERABEK Heimhilfe in Wien »Demente und desorientierte Menschen fühlen sich häufig

»Demente und desorientierte Menschen fühlen sich häufig unverstanden, da- durch ziehen sie sich immer weiter in sich selbst zurück«, erklärt Rosa Jerabek, Heimhilfe in der mobilen Be- treuung der Caritas. Mittels einer speziellen Methode der Valida- tion, genannt »in den Schuhen des anderen gehen«, findet die zer- tifizierte Validationsgruppenleiterin wieder einen Zugang zu den Betroffenen. Frau Jerabek lässt sich auf die Gefühlswelt der Kran- ken ein. »Eine hochbetagte Dame erzählte mir, dass sie mit dem Essen auf ihren Mann warten will«, schildert Jerabek. »Obwohl ihr Mann bereits verstorben ist, frage ich sie, ob es ihrem Mann wichtig war, dass sie mit dem Essen auf ihn wartet. Ich spreche mit ihr über ihren Mann, dadurch fühlt sie sich ernst genommen und verstanden, Vertrauen wird aufgebaut. Auf diese Weise wird es leichter, ihren Bedarf an Hilfestellungen zu eruieren und gemein- sam zu planen.«

an Hilfestellungen zu eruieren und gemein- sam zu planen.« THOMAS DEMUTH Pflegedienstleiter der mobilen

THOMAS DEMUTH

Pflegedienstleiter der mobilen Seniorenbetreuung

»Wir versuchen, Geborgen- heit zu schenken.«

»Die Achtung vor dem Alter ist für mich das Fundament für mei- ne Arbeit«, betont Thomas Demuth, diplomierter Krankenpfleger und Pflegedienstleiter der mobilen Seniorenbetreuung der Cari- tas Innsbruck. Ganzheitliche Pflege und Betreuung bedeuteten nicht nur das Waschen des Körpers, sondern auch das sorgsame Umgehen mit den Gefühlen des Klienten: Wahr nehmen, einge- hen und auch sich einlassen auf den alten Menschen sowie Anteil nehmen an seiner Lebensgeschichte und an seiner aktuellen Le- benssituation. »Wir versuchen, den uns anvertrauten Menschen Geborgenheit zu schenken«, so Demuth. Eine Demenz-Erkran- kung sei neben den Betroffenen auch für ihre Angehörigen eine enorme Belastung, weiß er aus Erfahrung. Den Familien mit Be- ratung und Entlastungsangeboten zur Seite zu stehen sei deshalb ein weiterer Schwerpunkt der Caritas-Arbeit.

Caritas Salzburg, Arno Stockinger, Tel. 0662/84 93 73-113, E-Mail: arno.stockinger@caritas-salzburg.at Caritas Innsbruck, Bernd Wachter, Tel. 0512/72 70, E-Mail: b.wachter.caritas@dioezese-innsbruck.at

Caritas Feldkirch, Mirjam Meyer,

Tel. 05522/200-1038, E-Mail: kontakt@caritas.at Caritas Kärnten, Gabriele Domin, Tel. 0463/555 60-40, E-Mail: office@caritas-kaernten.at

Caritas Graz, Harald Schmied, Tel. 0316/80 15-241 E-Mail: office@caritas-graz.at Caritas Eisenstadt, Martina Baumeister, Tel. 02682/736 00-311, E-Mail: m.baumeister@eisenstadt.caritas.at

www.caritas.at
www.caritas.at

Die MitarbeiterInnen der Caritas unterstützen, begleiten und pflegen Menschen, die ihren Alltag alleine nicht mehr bewältigen können. Unsere mobilen und stationären Dienste bieten Hilfe, pflegen ältere Menschen und begleiten Angehörige. Miteinander bieten wir Menschlichkeit. Füreinander sind wir jeden Tag da.

Wir helfen mit:

und begleiten Angehörige. Miteinander bieten wir Menschlichkeit. Füreinander sind wir jeden Tag da. Wir helfen mit:
und begleiten Angehörige. Miteinander bieten wir Menschlichkeit. Füreinander sind wir jeden Tag da. Wir helfen mit: