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Vortrag am 30.11.2007 – anlässlich der Verleihung des Pfizer Forschungspreises

Bakterien – intelligenter als der Mensch?

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

30 Jahre lang habe ich mich mit Bakterien beschäftigt, sie haben mein ganzes berufliches Leben bestimmt, und obwohl sie ständig versuchen, uns Menschen umzubringen, sind sie mir ans Herz gewachsen – denn ohne Bakterien kein menschliches Leben, ohne Darmbakterien keine Verdauung. Bakterien produzieren herrliche Farben, gute und böse Gifte, Bakterien kommunizieren miteinander, töten sich aber auch gegenseitig. Sie haben Kriege entschieden, sogar ganze Völker ausgerottet. Sie haben aber auch Sex. Damit habe ich hoffentlich ihre volle Aufmerksamkeit für meine Hypothese erregt, dass Bakterien intelligenter sind als wir Menschen. Sie können zwar nicht denken, erreichen aber doch alles, was sie wollen – das kann der Mensch sicher nicht. Nehmen wir einmal an, die Bibel hat doch recht, dass Gott den Menschen erschaffen hat. Unglücklicherweise beginnend mit einem Mann, dem Herrn der Schöpfung, was die Frauen dem lieben Gott zu recht niemals verzeihen werden. Bevor Gott aber Adam erschuf, muss er die Bakterien erschaffen haben, denn ohne gut funktionierende Darmflora hätte Adam den Apfel von Eva nicht verdauen können. In der Tat sind Bakterien seit über drei Milliarden Jahren auf unserer Erde und somit die ersten Lebewesen überhaupt. Bis zum Jahr 1676 haben sie es geschafft, unentdeckt zu bleiben. 1676 entdeckte Anthony van Leeuwenhoek mit Hilfe eines selbst gebauten Mikroskops Bakterien im Wasser und im menschlichen Speichel.

Ein Milliliter Speichel enthält etwa 10 Millionen Bakterien – aus bakteriologischer Sicht ist ein Kuss eine äußerst unhygienische und gefährliche Angelegenheit.

Pest, Cholera, Lepra und Tuberkulose rotteten im Mittelalter durchschnittlich 30 Prozent der Bevölkerung aus, im 12. Jahrhundert gab es in Europa 19.000 Leprahäuser.

Bakterien haben Kriege entschieden. Im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg starben mehr Soldaten an bakteriell

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verursachtem Wundbrand durch Schusswunden als durch direkte Kriegseinwirkung.

Der Abstieg Napoleons wurde durch Bakterien eingeleitet, im gescheiterten Russlandfeldzug starben mehr Soldaten an Fleckfieber als während den Kämpfen.

Bakterien haben deswegen über drei Milliarden Jahre auf unserer Erde überlebt, weil sie sich allen widrigen Umständen, die die Evolution oder sehr viel später dann der Mensch ihnen bot, angepasst haben. Bakterien können alles, ihre Anpassungsfähigkeit ist schier unbegrenzt. Viele Bakterien benötigen Sauerstoff, andere – die Anaerobier – dagegen überhaupt nicht. Die phototrophen Bakterien, die zur Photosynthese fähig sind, haben überhaupt erst Leben auf der Erde ermöglicht, indem sie –wie erst sehr viel später dann die Pflanzen – durch Photosynthese aus Kohlendioxid den für uns und die Pflanzen lebenswichtigen Sauerstoff erzeugt und damit die Bildung der Atmosphäre ermöglicht haben. Hätte es die phototrophen Bakterien nicht gegeben, hätte Adam keinen Sauerstoff zum Atmen gehabt.

Wir Bakteriologen haben den Bakterien wunderbare Namen gegeben. Es gibt die extremophilen, die acidophilen, die alkaliphilen, die halophilen und die basaophilen Bakterien. Die Extremophilen haben sich – wie der schöne Namen schon sagt – extremen Umweltbedingungen angepasst, viele davon bilden Dauerstadien, so genannte Sporen, wie z.B. Tetanusbakterien. Man kann deren Sporen stundenlang kochen, aber sie wachsen nach der belebenden Thermalwasserkur wieder zum Tetanusbakterium aus. Die Acidophilen wachsen in konzentrierter Säure, die Alkalophilen tolerieren PH1 (nur nebenbei – Zitronensaft hat ca. PH5), die Halophilen lieben hohe Salzkonzentrationen, die den Menschen in wenigen Stunden auflösen würden. Die barophilen Bakterien lieben einen hohen hydrostatischen Druck, die dazugehörigen, so genannten endolithen Bakterien leben im Inneren von Steinen. Ja, es gibt sogar radiophile Bakterien, die im Kühlwasser von Kernreaktoren prächtig gedeihen. Im zerstörten Reaktor von Tchernobyl wurden sie als schwarzer Belag an den Reaktorwänden nachgewiesen.

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Bakterien sind entweder faul und bewegen sich nicht von der Stelle, oder sie bewegen sich mit Hilfe von Geiseln mit traumhafter Geschwindigkeit durch Gewässer. Andere mögen es wieder langsamer, sie schwimmen nicht, sondern sie bewegen sich gemächlich durch Kriechen fort. Bakterien lassen sich durch verschiedene Faktoren in ihrer Bewegungsrichtung beeinflussen. Phototaxis, Chemotaxis, Aerotaxis, Mechanotaxis und sogar Magnetotaxis sind die schönen Bezeichnungen für Bewegungsrichtungen durch Umweltfaktoren. Bei Aerotaxis zieht Sauerstoff die Bakterien an und bei Magnetotaxis sogar magnetische Kräfte.

Lange glaubte man, Bakterien würden Temperaturen weit über 100° nicht aushalten. Doch dann fand man tief im Ozean die so genannten Archebakterien, die bei Temperaturen von weit über 100°prächtig gedeihen. In der Tiefsee fand man vor kurzem sogar Methanfressende Bakterien, die sich im Darmtrakt von Röhrenwürmern aufhalten und diesen die Energie zum Leben liefern.

Die Lebensdauer von Bakterien ist schier unendlich. In einem Fuldaer Steinsalzlager schliefen Bakterien 250 Millionen Jahre lang, bis Forscher sie vor kurzem aus dem Tiefschlaf holten.

Seit neuestem gibt es auch journalistophile Bakterien. Schlagzeile in der ZEIT vom 23. August diesen Jahres: „Bakterien als Baumeister“. In der Welt vom 22. September 2007: „Bakterien verspeisen Propangas“. Im Spiegel vom September: „Putzen mit Keimen?“. Bestimmte Pseudomonasarten bauen Nitrate in Wasser ab. In Wasser gelöst, kriechen Nitrate aus dem Boden in das Gestein alter Bauten, das Wasser verdunstet an der Oberfläche, zurück bleiben die Nitrate, die im Gemäuer zu Kristallen wachsen, die natürlichen Poren verstopfen und schließlich das Baumaterial sprengen. Nitratfressende Bakterien werden nun zusammen mit Nährstoffen in Alginatkügelchen verpackt, in Mörtel angerührt und auf das Gestein aufgebracht. Weil der Mörtel wenig Nitrat enthält, wandert das Salz aus dem Stein in den Mörtel und wird dort von den Bakterien gefressen.

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Das Geoforschungszentrum in Potsdam entdeckte kürzlich in Meeressedimenten Bakterien, die sich von Propan- und Butangas ernähren. Sie verwenden Sulfat statt Sauerstoff zur Atmung und nutzen Propan und Butan als alleinige Kohlenstoff- und Energiequelle.

Putzen mit Keimen klingt ganz besonders unheimlich, denn die deutsche Hausfrau versucht händeringend, beim Putzen auch Bakterien zu beseitigen. Eine Forschergruppe aus Mailand hat jedoch entdeckt, dass Bakterien mit dem schönen Namen Desulfovibrio vulgaris am Mailänder Dom die dunkle gipshaltige Kruste besser abtragen konnten als chemische Verfahren. Denkmalpflege mit Bakterien, welch eine wunderbare Perspektive!

Wenn Sie nun meinen, wir wüssten schon das Meiste über Bakterien, muss ich Ihnen sagen, dass über 95% aller auf unserem Planeten existierenden Bakterienarten noch gar nicht näher bekannt sind.

Bakterien sind winzig, mit dem bloßen Auge nicht erkennbar. Allerdings nur bis vor kurzem: Denn 1999 wurde das größte bisher bekannte Bakterium, die so genannte Schwefelperle von Namibia „Thiomargarita Namibiensis“ entdeckt, mit einem Durchmesser von einem dreiviertel Millimeter und somit bereits mit bloßem Auge sichtbar.

Viele Bakterien, vor allem die krank machenden, vermehren sich mit rasender Geschwindigkeit, eine Zellteilung alle 15-20 Minuten, so dass innerhalb eines Tages aus einem Bakterium Millionen von Nachkommen entstehen können. Sex spielt bei dieser Geschwindigkeit verständlicherweise keine Rolle. Sex zwischen Bakterien geht gemächlich, vielleicht sogar lustvoll vor sich – aber davon später.

Bakterien sind unglaublich intelligent und einfallsreich, wenn sie sich vorgenommen haben, uns Menschen krank zu machen und dazu unsere körpereigenen Abwehrmechanismen überwinden müssen. Ein Beispiel dafür ist Helicobacter Pilori, der Erreger von Magen- und Blinddarmgeschwüren. Die meisten krank machenden Bakterien, die wir mit der Nahrung aufnehmen, werden durch den extrem sauren Magensaft-PH abgetötet. Helicobacter Pilori sieht wie eine kleine

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Spirale aus, an einer Seite spitz wie ein Korkenzieher, am anderen Ende vier peitschenartige Geiseln, die das Bakterium wie einen Korkenzieher durch die Schleimschicht des Magens und in die Zellen der Magenschleimhaut hinein bohren. Unter der Schleimschicht und in den Zellen ist es vor dem sauren Magensaft-PH geschützt. In den Zellen speichert er nun mit einem Enzym Ureasis den im Magen vorhandenen Harnstoff in Ammoniak und Hydrogencarbonat, die den PH-Wert in der unmittelbaren Umgebung des Keims anheben und so ein neutrales Mikromilieu schaffen - und der stärkste Abwehrmechanismus gegen Keime in Nahrungsmitteln, nämlich der saure Magensaft-PH, ist wirkungslos geworden.

Es gibt aus der Sicht von uns Menschen gute und böse Bakterien. Ohne Darmflora keine Verdauung und somit kein Leben, ohne Hautflora kein Schutz gegen Mikroorganismen von außen. In unserem Darm leben pro Gramm Stuhl 10 13-14 Bakterien, also eine 1 mit 14 Nullen – eine Zahl, von der unser Finanzminister nur träumen kann. Auf unserer Haut lebt etwa eine Billion Bakterien, an den Armen sind es nur wenige Tausend, in fettigeren Regionen wie z.B. der Stirn schon einige Millionen, und in feuchten Regionen wie z.B. unter unseren Achseln mehrere Milliarden pro Quadrat-Zentimeter. Dort ernähren sie sich von rund zehn Milliarden Hautschuppen, die täglich abgegeben werden, sowie von Mineralstoffen und Lipiden, die aus den Hautporen ausgeschieden werden. Die Darmgase und den Achselgeruch produzieren Bakterien. Wichtig ist nun, dass 99,999 und noch mehr Prozent der Bakterien in uns, auf uns und um uns herum gute Bakterien sind, die uns überhaupt nichts tun oder antun wollen. Die Hersteller von antibakteriellen Haushaltsprodukten, die immer wieder Bilder von massenweise Bakterienhaufen präsentieren, die sich auf dem Klodeckel oder im Kühlschrank befinden, verschweigen natürlich, dass die meisten dieser Bakterien für den Menschen auch völlig ungefährlich sind. Natürlich verstecken sich in unserer Darmflora und auf unserer Haut einige krank machende Bakterien, die aber von den anderen gut in Schach gehalten werden und die wir mit Stuhlgang und Händewaschen dahin bringen, wo sie hingehören, nämlich ins Klo und ins Waschbecken. Sie dort noch mit antibakteriellen Toilettenreinigern oder Reinigungsmitteln zu verfolgen, ist pervers. 20.000 Tonnen

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Kloreiniger werden in deutschen Haushalten ins Klo geschüttet. Das deutsche Klo wird dadurch so bakterienrein, dass man es fast als Sektkühler benutzen könnte. Die Verwendung von antibakteriellen Putzmitteln ist nicht nur stark allergisierend für den Anwender, sondern auch noch schädlich für die Umwelt. Denn die vielen hundert Arten von Abwasserbakterien sind unsere Freunde. Biologische Abwasserreinigung ist nichts anderes als die Leistung von vielen hundert Bakterienarten, die synergistisch den Dreck abbauen, den wir hinterlassen. Ohne Bakterien keine Abwasserreinigung! Ohne Abwasserbakterien auch kein Trinkwasser, denn Sie wissen sicher, dass das geklärte und gereinigte Abwasser wieder den Flüssen und Seen zugeführt wird, aus denen wir zum Teil unser Trinkwasser gewinnen.

Weil sich aber alle Menschen vor Bakterien fürchten, hat es eine bestimmte Industrie leicht, eine Gefährdungs- und Drohkulisse aufzubauen und die abenteuerlichsten antibakteriellen Produkte auf den Markt zu bringen. Es gibt mittlerweile den antibakteriellen Fußboden, für Kliniken die antibakteriellen Vorhänge, das antibakterielle Telefon, das antibakterielle Spülmittel, die antibakterielle Seife usw. Gegen stinkende Füße helfen die antibakteriellen Socken, die antibakterielle Wäsche spart den Wechsel von Unterhosen, und der Hygieneweichspüler macht nichts anderes, als das Abwasser zu belasten, denn er ist völlig überflüssig. Jede moderne Haushaltswaschmaschine macht die Wäsche auch schon bei 40° hygienisch einwandfrei. Denn die in den Waschmitteln reichlich vorhandenen Tenside lösen die Zellwände der meisten Bakterien auf, und was die Hersteller zwar wissen, aber bewusst verdrängen, ist die Tatsache, dass für jede bakterielle Infektion eine definierte Infektionsdosis nötig ist, d.h. eine gewisse Anzahl von Bakterien, die bei Ruhr zwischen zehn bis mehrere Tausend bei den Salmonellen schwankt, um die körpereigene Abwehr zu überwinden und überhaupt eine Infektion zu erzeugen. Durch die zahlreichen Spülgänge wird die Infektionsdosis nie erreicht, außerdem müsste man beim Beispiel von Ruhr, Salmonellose oder auch Cholera das Waschwasser trinken, um eine Infektion zu bekommen.

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Produkte besonderer Volksverdummung sind der antibakterielle Kühlschrank und das antibakterielle Kochgeschirr. Der antibakterielle Kühlschrank und das antibakterielle Geschirr sind mit Silber ausgestattet, dessen antibakterielle Wirkung niemand bezweifelt. Um aber eine antibakterielle Wirkung zu erzeugen, muss das Nahrungsmittel im Kühlschrank in engen Kontakt mit dem Silber kommen, und welche Hausfrau klebt schon Fleisch, Wurst oder Käse unverpackt an die Kühlschrankwand? Im antibakteriellen Geschirr sollen Nahrungsmittelreste hygienisch länger aufbewahrt werden können. Aber hier gilt das Gleiche wie für den Kühlschrank. Für den Bruchteil eines Millimeters ist das Nahrungsmittel geschützt, der Rest verfault.

Um es kurz zu machen: Sämtliche antibakteriellen Produkte sind überflüssig, viele davon allergisierend, alle mehr oder weniger abwasser- und umweltschädlich. Und – was noch wichtiger ist, niemand hat bisher untersucht, welche Langzeitwirkung antibakterielle Produkte, z.B. Kleidungsstücke, auf die gesunde Hautflora haben.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich habe Ihnen bisher ein überwiegend friedliches Bild von Bakterien gezeichnet, aber die können natürlich auch anders, wie Sie wissen. Wir unterscheiden zwischen apathogenen und pathogenen, also krank machenden Bakterien, halten aber fest, dass die apathogenen Bakterien in und ums uns in millionenfacher Überzahl sind, und allein schon dadurch die pathogenen Bakterien in Schach halten. Das gilt v.a. für unsere Haut- und Darmflora, aber nur so lange, wie wir Menschen mit unserer Intelligenz dieses Gleichgewicht nicht stören. Dafür möchte ich Ihnen nur zwei Beispiele geben: Krankenhausinfektionen und Antibiotika.

Krankenhausinfektionen gehören zu den häufigsten Infektionen weltweit. Im Durchschnitt erkranken ca. 5% der Patienten auf Allgemeinstationen und ca. 15% auf Intensivstationen an Krankenhausinfektionen. Das bedeutet, dass jeder sechste Intensivpatient durch Krankenhausinfektionen zusätzlich noch kränker

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wird. Wie zu erwarten, stehen Bakterien an der Spitze der in Frage kommenden Erreger. Die häufigsten Krankenhausinfektionen sind Harnweginfektionen, postoperative Wundinfektionen, Pneumonie und Sepsis. Nur 30% der Krankenhausinfektionen sind bzw. wären vermeidbar, haben also etwas mit Versäumnis des Krankenhauses, insbesondere der Ärzte und des Pflegepersonals zu tun. Der Rest, d.h. die Mehrzahl der Krankenhaus- infektionen, ist gewissermaßen schicksalhaft - das Ergebnis des Sieges von pathogenen Bakterien. 30 Jahre lang habe ich versucht, ihrer Herr zu werden - meine Intelligenz hat dazu nicht ausgereicht. Wie kommt es, dass wir es den Bakterien gerade im Krankenhaus besonders leicht machen, Infektionen zu verursachen? Das hängt mit den so genannten medicotechnischen Maßnahmen zusammen, die wir im Krankenhaus durchführen müssen, um Patienten gesund zu machen, sie aber dadurch gleichzeitig gefährden. Einige Beispiele….

Unsere Lunge und die Trachea in den unteren Abschnitten sind normalerweise keimfrei. Das Tracheaepithel trägt Zilien, die in ständiger Bewegung wie ein Kornfeld im Wind wiegend Bakterien und Schmutzpartikel wie auf einem Rollfeld nach außen transportieren. Was machen wir, wenn ein Patient beatmet werden muss? Wir stecken einen Tubus tief in die Trachea, die Zilienbewegungen - die wesentliche Abwehrleistung der Trachea – ist somit ausgeschaltet und die zahlreichen Bakterien der Mundhöhle fließen ungehemmt in die Lunge.

Bei Gesunden ist die nur wenige Zentimeter lange Harnröhre keimfrei, die Öffnung nach außen aber ist massenweise von Darmbakterien umgeben. Mit dem Blasenkatheder werden diese Bakterien ungehemmt in die Blase geschoben, und von dort ist der Weg in die Niere für sie leicht erreichbar.

Eine geradezu fantastische Eigenschaft hat ein Keim entwickelt, der zu Millionen auf unserer gesunden Haut vorkommt und sich somit auch Staphylococcus epidermidis nennt. Er hilft der Haut, uns vor bakteriellen Angriffen von außen zu schützen. Aber wehe, der Mensch greift ein. Fast scheint es so, als hätte der liebe Gott dem Staphylococcus epidermidis gesagt: „Auf der Haut verbiete ich Euch, Böses zu tun. Wenn aber der Mensch

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Euch unter die Haut lässt, wachset und mehret Euch“. Staphylococcus epidermidis hat eine fanatische und fantastische Liebe zu Fremdkörpern entwickelt. Immer dann, wenn ein Venenkatheder gelegt werden muss, werden in ca. 30% der Fälle auch Staphylococcus epidermidis mit in die Vene geschoben, denn Desinfektionsmittel können diese Keime nur an der Oberfläche der Haut, nicht aber in den Schweißdrüsenausgängen und Haarbälgen töten. Staphylococcus epidermidis hat nun Oberflächenproteine entwickelt, mit denen er sich geradezu magnetisch an jeden Fremdkörper anheften kann. Er vermehrt sich auf den Fremdkörpern, bildet kleine Kolonien und gleichzeitig eine Hülle über die Kolonie aus Biofilm, so dass ihm weder die weißen Blutkörperchen noch die im Blutserum vorhandenen Antikörper noch die meisten Antibiotika etwas anhaben können. Die Fremdkörper- bzw. Implantatinfektionen, verursacht durch Staphylococcus epidermidis, ist die häufigste Form der im Krankenhaus erworbenen Sepsis geworden, an der immer noch durchschnittlich 25% der Patienten sterben. Alle Fremdkörper im menschlichen Körper – künstliche Hüften, künstliche Herzklappen, künstliche Venen, künstliche Herzkranzgefäße etc. – sind ständig durch Staphylococcus epidermidis Infektionen gefährdet, auch dann, wenn kein großes Loch mit einem Venenkatheder in die Haut gebohrt wird. Kleinste Hautverletzungen, die der Mensch in der Regel gar nicht merkt, sind Eintrittspforten für Staphylococcus epidermidis. Er gelangt dabei häufig in die Blutbahn, wird von Gesunden aber spätestens innerhalb von 15 Minuten eliminiert. Findet er in dieser Zeit aber einen Fremdkörper, ist es um diesen geschehen, denn infizierte Fremdkörper müssen in der Regel operativ entfernt werden.

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Die stärkste, aber immer schwächer werdende therapeutische Waffe des Menschen gegen Bakterien sind Antibiotika. Nach allem, was ich Ihnen bisher über die Anpassungsfähigkeit von Bakterien erzählt habe, werden Sie aber sicher nicht glauben, dass Bakterien nicht auch gegen Antibiotika ein bewundernswertes Arsenal von Gegenmaßnahmen entwickelt haben. Die Antibiotika-Resistenz ist zu einem der größten Infektionsprobleme weltweit geworden. Täglich sterben Tausende von Patienten an Infektionen mit Antibiotika-resistenten Keimen, weltweit wesentlich mehr als an Aids. Antibiotika greifen entweder an der Zellwand an und lösen sie auf, oder gelangen durch Poren in das Innere der Bakterienzellen und greifen dort in den Stoffwechsel ein.

Wie wehren sich nun die Bakterien? Sie schließen die Poren in der Zellwand, zwicken gewissermaßen die Haut zusammen oder haben Pumpen entwickelt, so genannte Eflux-Pumpen, mit denen sie das Antibiotikum durch die Poren wieder heraus pumpen. Oder sie verändern ihre Zellwandstruktur. Oder sie produzieren Enzyme, die Antibiotika auflösen. Oder sie ändern ihren Stoffwechsel. Oder sie haben Sex - weil aber nicht lustvoll, hat der Mensch dafür den schönen Namen Parasexualität erfunden. Das funktioniert so: Eine Bakterienspezies war besonders intelligent und hat Resistenzgene gegen viele Antibiotika auf einem ringförmigen Plasmit in den einzelnen Bakterienzellen gespeichert. Diese suchen sich nun einen Partner, sagen gewissermaßen „Komm her zu mir, ich hab was Schönes für dich“. Die Bakterien legen sich aneinander, das Resistenzplasmit- tragende Bakterium bildet einen so genannten Sexpilus – eine Proteinröhre -, steckt sie in das andere Bakterium hinein und über diese Proteinbrücke kann das Resistenzgen von einer Zelle zur anderen übertragen werden. So wird beispielsweise Antibiotika-Resistenz von einer für den Menschen harmlosen Bakterienspezies auf pathogene Bakterien übertragen.

Tatsache ist, dass es bei Penicilin einige Jahre, aber bei den neuen Antibiotika in der Regel nur wenige Monate dauert, bis Bakterien gelernt haben, eine Abwehrstrategie zu entwickeln. Es gibt kein einziges Antibiotikum, gegen das Bakterien nicht gelernt haben, sich zu wehren – also eine Resistenz zu entwickeln.

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Wie sieht die Zukunft aus? Homo sapiens gegen Bakterium sapiens – der Kampf ist noch nicht entschieden, aber auf des Messers Schneide. Noch ist es gelungen, wenn auch in den letzten zwei Jahrzehnten sehr viel seltener, neue Antibiotika auf den Markt zu bringen. Nur so nebenbei: Dies dauert mindestens fünf Jahre und kostet mindestens 500 Millionen Euro pro neuer Substanz. Viele pharmazeutische Firmen haben sich deswegen aus der Antibiotika-Forschung zurück gezogen.

Wie soll es weitergehen? Vielleicht können wir von den Pflanzen lernen. Könnte es nicht sein, dass Pflanzen, die Hunderte Millionen Jahre länger auf der Erde sind und ebenso wie der Mensch von Anfang an dem Angriff von Bakterien ausgesetzt waren, verschiedenste antibakterielle Substanzen entwickelt haben, damit z.B: ein Baum tausend Jahre alt werden kann? Warum haben unsere Vorfahren ausgerechnet Blöcke aus Buchenholz verwendet, um Fleisch zu zerhacken? Fleischreste und Blut sind hervorragende Nährböden für Bakterien. In der Tat – Buchenholz und Fichtenkernholz haben hervorragende antibakterielle Eigenschaften. Vor einigen Jahren haben wir das Wachstum der wichtigsten Krankenhausinfektionserreger auf Frühstücksbrettchen aus Fichtenkernholz mit dem auf Resopalbrettchen verglichen. Auf Fichtenkernholz starben die Keime ab, auf Resopal überlebten sie, und das sogar tagelang. Als ich noch aktiv war, habe ich ein Forschungsprojekt in Zusammenarbeit mit der Fakultät für Forst- und Umweltwissenschaften und der Staatlichen Forst- und Versuchsanstalt hier in Freiburg angestoßen, um aus verschiedenen Hölzern die antibakteriellen Substanzen zu isolieren und daraus vielleicht in Zukunft ein Antibiotikum zu gewinnen. Ein Forschungsgrant der Firma Pfizer wäre natürlich hoch willkommen – wir würden das Antibiotikum dann auch gerne PFIZERIN nennen.

Zum Schluss, meine sehr verehrten Damen und Herren, bleibt mir nur noch, mich mit Respekt vor meinen Freunden und Feinden, den Bakterien, zu verneigen, die vor 3,5 Milliarden Jahren durch die Kunst, Sauerstoff zu produzieren, unser Leben auf der Erde erst ermöglichten.

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