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Sicherheit durch Behandlung 1

Ulrich Kobbé

Sicherheit – Behandlung

Bei einer kritischen Diskussion des Spannungsfeldes von Sicherheit und Behandlung lässt sich fest-
stellen, dass die Fachdiskurse entgegen des ersten Eindrucks einer ‚Therapeutisierung’ des Umgangs
mit den Tätern primär von Sicherheitsfragen dominiert werden. Waren zum Beispiel die Reforment-
wicklungen der Forensischen Psychiatrie in den achtziger Jahren von einer Professionalisierung der
Behandlung (Psychotherapie, Sozio- und Milieugestaltung, Ergotherapie, Ausbildung, kreative Thera-
pien) geprägt sowie auf die Ressourcennutzung bzw. -schaffung von Rehabilitations- und Reintegrati-
onsmöglichkeiten konzentriert, so lässt sich für die neunziger Jahre eine Akzentuierung klassifikatori-
scher Diagnostik („psychopathy“-Modelle) und gefährlichkeitsprognostischer Forschung verzeichnen.

Mithin muss insgesamt festgestellt werden, dass die therapeutischen Standards, Inhalte und Schwer-
punkte von der allgemeingesellschaftlichen und/oder politischen Maxime, Sicherheit müsse ‚vor’ The-
rapie gehen, nicht unbeeinflusst bleiben konnten. Hier findet sich angesichts einer von außen forcier-
ten Lockerungsdiskussion – besser wohl: Sicherungsdiskussion – der Öffentlichkeit, der Medien und
der Politik nicht nur eine Entwertung von Behandlung: Vielmehr droht die Balance von ‚Behandlung’
und ‚Sicherung’, wie sie vom Gesetzgeber in der zurückliegenden Neuformulierung des § 63 StGB als
Maßregel der ‚Besserung und Sicherung’ mit Voranstellung des Behandlungsgedankens zum Aus-
druck gebracht wurde, einseitig ins Gegenteil umgekehrt zu werden (Kobbé & Pollähne 1999). Dass
die Behandlung aller Täter dennoch nur zwiespältig respektive halbherzig umgesetzt wurde, lässt sich
unter anderem daran erkennen, dass in den siebziger Jahren zwar Sozialtherapeutische Modellanstal-
ten des Strafvollzug geschaffen, der betreffende § 65 StGB jedoch nie in Kraft gesetzt und mittlerweile
aus dem Strafgesetzbuch gestrichen, andererseits wiederum ein ‚Pflicht’ zur Behandlung für sog. Se-
xualstraftäter eingeführt wurde.

Skandalisierungen

Gerade wenn das öffentliche Interesse zunehmend dazu tendiert, ‚Sicherheit’ gegen ‚Therapie’ auszu-
spielen bzw. pauschal ‚Behandlung’ für alle Täter – ganz gleich, ob krank / gestört oder gesund – ein-
zufordern, führt dies einerseits zur Dramatisierung von (Sexual-)Delinquenz und Dämonisierung der
Täter sowie andererseits zu Banalisierung und Beliebigkeit von Behandlung. Dieses Klima der Skan-
dalisierung behindert jedoch nicht nur konstruktive Täterarbeit, sondern rückt den Täter – und mit ihm
zwangsläufig auch seinen Behandler – ins Abseits sozialer Anerkennung, sprich, in den Bereich ge-
sellschaftlicher Verachtung bzw. Missachtung (Kobbé 2004a). Dämonisierung aber stellt eine Demüti-
gung des Subjekts als „Ausschluss aus der menschlichen Gemeinschaft“ dar, sodass „eine anständi-
ge Gesellschaft ihre Institutionen nicht zur Dämonisierung ihrer Mitglieder benutzen“ darf (Margalit
1999, 115). Denn dies bedeutet, „dass man sich so verhält, als ob die betreffende Person ein Tier
oder ein Gegenstand wäre“, oder dass man sie „als Untermenschen behandelt“. Diesbezüglich ver-
weist Böllinger (2001, 245) am aktuellen Beispiel neuer repressiverer Strafrechtsvorgaben unter ande-
rem auf deren „unerträgliche Besitzergreifung durch populistische Politiker. So, zum Beispiel, wenn
Kanzler Schröder Pädophile und Kindesmörder in einen Topf wirft und – bornierter geht es nicht mehr
– unter ausdrücklicher Entwertung wissenschaftlicher Aufklärung umstandslos das Wegsperren aller
fordert.“ Nicht nur, dass derart lösungsorientiertes, ja, endlösungsorientiertes Agitprop in einem dicho-
tomen Entweder-Oder gefangen ist, dass hier differenzierende Problemsicht und gebotene Sachbe-
zogenheit durch emotionalisierende Skandalisierung und publikumswirksame Dämonisierung (Abb. 1)
ersetzt wird:
Mit derartigen (Auf-)Forderungen wird zugleich der für erfolgreiche Täterarbeit als ebenso reflektiert
wie verlässlich wie konsequent zu fordernde Strafrahmen in Frage gestellt und jedwede zukunftswei-
sende Täterarbeit manifest behindert bis torpediert. Zugleich muss vor dem Hintergrund derart drasti-
scher Drohungen, wie sie mittlerweile auch durch die Praxis nachträglicher Anordnung von Siche-
rungsverwahrung unterstrichen wird, und angesichts der damit verbundenen Imperative unbedingter
Delinquenzfreiheit jedwede Phantasie des mitunter dennoch möglichen Deliktrückfalls vermieden,

1
Vortrag auf der Tagung ‚Forensische Psychiatrie und Maßregelvollzug – Gesellschaftlicher Auftrag’, Ev. Akademie Loccum,
17.-19.05.2004
2

muss die Gefahr erneuter Delinquenz geleugnet werden. Dies ist zwar illusionär, jedoch selbsterhal-
tend und zudem politisch ›korrekt‹ (Kobbé 2003b, 19-21).

Abb. 1: Das diffamierende Kanzlerwort

Tatort ‚Behandlung’

Wie sehr dieses Sicherheitsdenken Raum gegriffen hat, lässt sich an den zum Teil erschreckenden
Diskussionen innerhalb der Loccumer Tagung zu Praxis und Perspektiven des Maßregelvollzugs ab-
lesen: Diese erwiesen sich teilweise durch Versuchungen trickreicher Manipulation von Gesetzesvor-
schriften und durch Phantasieren über Möglichkeiten verlängerter Unterbringung im Freiheitsentzug
geprägt. Markant waren hingegen die Aufgabe ggf. sozialpsychiatrisch geprägter, subjektorientierter
Behandlungsaspekte, die Hintanstellung eines psychodynamischen Störungs- oder Krankheitsver-
ständnisses und/oder die Preisgabe medizinischer bzw. psychotherapeutischer Standards der Be-
handlungsethik. Konsequenterweise – sozusagen affektiv ‚logisch’ – werden die aktuellen Handlungs-
und Behandlungsmodelle der Forensischen Psychiatrie von strategischen Überlegungen, modulari-
sierten wie manualisierten Einstellungs- und Verhaltenstrainings, deliktorientierten Behandlungsinven-
taren und tatortanalytischen Fixierungen dominiert.

Am Beispiel des tatortanalytischen Ansatzes der Auswertung objektiver Tatbestandsmerkmale lässt


sich aufzeigen, dass und wie sehr diese modernistische, effekt- und effektivitätsbezogene Interventi-
onspsychologie ein der psychotherapeutischen Haltung geradezu entgegengesetztes Vorgehen dar-
stellt (Kobbé 2003c). Der Anspruch, „anhand einer abgeschlossenen Tatortanalyse die Dynamik eines
Verbrechens und damit die darunter liegenden Bedürfnisse des Täters zu erkennen“, um über „derar-
tig definierte Merkmalscluster […] neue Erkenntnisse bei […] den einzusetzenden Therapiemöglich-
keiten [zu] bieten“ (Müller 2002), verfehlt als Indizienparadigma mit seiner Konzentration auf objektive
Fakten das Subjekt der Tat innerhalb forensischer Behandlungen vollends. Nicht aus dessen unbe-
wusster, subjektiver Wahrheit wird dabei versucht, die „Affektlogik“, das heißt, die Logik der Affekte wie
die Affektivität der Logik (Ciompi 1999, 46), die Beziehungsdynamik, den – bewussten wie unbewuss-
ten – subjektiven ‚Sinn’ zu erschließen, sondern es sollen in der Tradition naturwissenschaftlich-deter-
ministischer Faktenanalyse mit linearem Abfolgemodell eine Tatmotivation bzw. eine tatdeterminie-
rende Psychodynamik verobjektivierend konkretisiert werden, wie sie innerhalb physikalischer Gege-
benheit nicht zu erfassen ist. Mit diesem strategisch zu charakterisierenden Ansatz gerät eine solche
Interventionspsychologie zu einer Art „Vehikel“ (Lacan) gesellschaftlicher Interessen, indem sie weder
als ethisches Erkenntnis- noch als Behandlungsinstrument genutzt, sondern sich gesellschaftlichen In-
teressen in einer Form „als Dienerin anbietet“ (Lacan 1964, 211), bei der sie sich als Wissenschaft
selbstinstrumentalisierend den Gesetzen des (Meinungs-)Marktes unterwirft (Lacan 1964, 210) und
als fetischistisch fixierte kriminalpsychologische Wissenschaft. die sonst als Wissenschaftsstandards
selbstverständliche Objektivierung und Objektivität vereinseitigt und zum Selbstzweck werden lässt.
Bei einem reflektierten subjekttheoretischen Behandlungsmodell hingegen müsste es darum gehen,
sich der zwischenmenschlichen Anstrengung zu unterziehen, dem Täter zuzuhören, sich auf das
Sprechen wie auf das Schweigen und Verschweigen dieses Subjekts einzulassen, darin die unbe-
wussten Anteile seines Erlebens, Phantasierens, Denkens, Handelns und Verhaltens, deren Wunsch-
und Abwehraspekte zu erfassen und zu verstehen.

„Hier beginnt ein Sprechen über die Taten, und auch das Unerträgliches des Hörens, denn zuerst werden die Ta-
ten meist lapidar und nebensächlich dargestellt und es ist schwierig, nicht darauf zu reagieren, sondern das Ge-
sagte erst einmal im Raum stehen zu lassen. Nur bestimmte Wörter aufzugreifen und ein weiteres Sprechen er-
möglichen, um eben nicht durch Entrüstung und Gegenargumente« einen verbalen Schlagabtausch zu beginnen,
sondern Augenblicke zu ermöglichen, in denen »das immer gegenwärtige routinierte, leere Sprechen durchbro-
chen wird und das Gesprochene in seiner Zweideutigkeit überrascht“ (Schwaiger 2003, 40-41).
3

Gerade indem kriminalistisch orientierte und zugleich behandelnd tätige Psychologen und
Psychiater »das Verbrechen mit all seinen grauenvollen Details« beweisführend präsentieren und mit
der Begründung, die Tat „gehöre […] zur Persönlichkeit des Täters“ (Klingst 2003, 3), als objektivier-
bares Charaktermerkmal festlegen, nutzt diese kriminalistische Praxis die – Scheußlichkeit der – Tat
als einzigen oder wesentlichen Ausgangspunkt von Therapie. Anstatt sich das forensische Subjekt,
das „die (Natur-)Wissenschaft um der Objektivität willen auszuschalten bemüht ist“ (Gondek 2001,
133), zum Ausgangspunkt psychotherapeutischer Erkenntnis zu machen, bedeutet ein tatortanalyti-
sches Vorgehen innerhalb von Behandlungen, die Tat „stärker ins Zentrum von Therapie“ zu rücken
(Klingst 2003, 3). Damit jedoch rückt die Behandlung vom Täter und dessen Subjektivität ab und set-
zen Behandler ihre (scheinbare) wissenschaftliche Rationalität – wie beispielhaft an Begrifflichkeiten
der „Scheußlichkeiten“, des „Bösen“ ablesbar – zur Verwirklichung moralischer Maßgaben, mithin irra-
tionaler Behandlungsmaxime ein. Das kriminalpsychologische Postulat einer ‚objektiven Realität’ des
Tatgeschehens und der Tatmotive schafft ein paradoxes Apriori, das in seiner ‚unmöglichen’ Objektivität
zum objekthaften Korrelat des Subjekts (Tat als Persönlichkeitseigenschaft) gerät und Fetischcharak-
ter annimmt (Tatzentrierung der Behandlung). Das heißt, der Nexus tatanalytischen Vorgehens inner-
halb von Therapie ist nicht nur der – unterstellte – objektive Faktor der Subjektivierung, sondern auch
das genaue Gegenteil: Er impliziert einen – von den Protagonisten unbemerkten – subjektiven Faktor
wissenschaftlicher Objektivierung (Žižek 1998, 90).

Sicherheit durch Behandlung

In Sinne er vorgenannten Kritik spiegelt auch der vorgegebene Titel dieses Tagungsbeitrags einen
Trend wider, indem sich das Motto ‚Sicherheit durch Behandlung’ wie folgt schreiben lässt:

Sicherheit
=x
Behandlung

Wenngleich hier die Behandlung ‚auf den Nenner’ gebracht wird, ist es die Sicherheit, die ‚zählt’. Dass
Behandlung solchermaßen von Sicherheitsansprüchen und -prämissen dominiert wird, kann bei Be-
trachtung der früher formulierten Standards einer ‚Gestaltung des Maßregelvollzugs’ erstaunen. Dies-
bezüglich lässt sich noch 1989 in einer Stellungnahme des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe für
die Landesregierung NRW noch nachlesen, „dass nicht allein Verwahrung zum Schutze der Allge-
meinheit Inhalt des Maßregelvollzugs sein darf, sondern vielmehr Wiedereingliederung und Sicherung
gleichgewichtig und voneinander abhängig als Ziele nebeneinander stehen [sollten].

Behandlung – Betreuung – Beratung sind die Stufen, über die Patienten wieder in das allgemeine Le-
ben eingegliedert werden sollen. Diese Stufen sind zugleich das Instrument, die Allgemeinheit vor wei-
teren erheblichen Straftaten zu schützen. Mit anderen Worten: Notwendige Voraussetzung für den
Schutz der Allgemeinheit ist eine gute und angemessene Behandlung. Eine erfolgreiche Therapie ist
die beste Sicherung. Nur dann, wenn Behandlungsbemühungen nicht oder noch nicht greifen, tritt die
Sicherung der entsprechenden Patienten in den Vordergrund“ (LWL 1989, 14-15).

Weiterhin werden dort als Behandlungsschwerpunkte „milieu- und soziotherapeutische Vorgehens-


weisen“ und „psychotherapeutische Behandlungsmaßnahmen“ genannt, wobei ein Ausbau und eine
Differenzierung der Methodenvielfalt und Intensität psychotherapeutischer Behandlungen, insb. ein
größeres Angebot „an tiefenpsychologisch fundierten Behandlungsangeboten und […] körperzentrier-
ter Therapieformen“ (LWL 1989, 43) eingefordert wird. Die aktuelle Praxis hingegen ist – nur 15 Jahre
später – durch einen Paradigmenwechsel hin zu verhaltenstherapeutischen und sozialtechnologi-
schen Behandlungsformen gekennzeichnet. Theoretische und praktische Vielseitigkeit von Therape
setzt jedoch voraus, dass die derzeit favorisierte Manualisierung von Behandlung nicht als Prototyp
von Behandlung schlechthin missverstanden wird. Diesbezüglich warnt Legewie (2000, 45), wenn es
nicht gelinge, „den Besonderheiten der Psychotherapie […] Rechnung zu tragen, […] werden sich
schlimmstenfalls solche ‚wissenschaftlich anerkannten Psychotherapieverfahren’ immer mehr durch-
setzen, die ein simples Regelsystem für Anfänger (‚Manualisierung’) an die Stelle der Kunstlehre heil-
kundlicher Psychotherapie setzen“. Ebenso wenig darf der aktuell geförderte und bevorzugte Einsatz
von Behandlungsmodulen nicht als die einzig effektive oder ausschließlich sinnvolle Therapie für (Se-
xual-)Straftäter propagiert werden. Denn Behandlung folgt den Prinzipien der jeweils angemessenen
Diagnose- und Indikationsstellung mit entsprechend individueller, d. h. problem-, störungs- und per-
sönlichkeitsspezifischer Behandlungsplanung. Dabei können Behandlungsmodule und Therapiema-
nuale immer nur beschränkten Bausteincharakter haben, niemals jedoch die Therapie insgesamt
beinhalten oder ersetzen. Ähnlich verhält es sich mit der Forderung nach einer Deliktorientierung der
4

Behandlung, wie sie als wichtiges – aber eben nicht ausschließlich wirksames – Prinzip effektiver Tä-
terarbeit richtig und indiziert ist, jedoch in kriminalistischen oder kriminalpsychologischen Trends – wie
der beweisführenden Tatortanalyse (s. o.) – aktuell allzu leicht missbräuchlich verkürzt und vereinsei-
tigt wird. In diesem Sinne wäre an die Stelle des x in der obigen Gleichung als Ergebnis folgendes Er-
gebnis einzusetzen:
Sicherheit
= Verobjektivierung
Behandlung

Subjekt ‚Täter’

Will man nicht nur über das Tatgeschehen, sondern auch über die Psychodynamik der Täter und de-
ren intrapsychische Therapieprozesse größeren Aufschluss erhalten, so kann man sich nicht auf sog.
Expertenurteile stützen, sondern muss man auch die Selbstbeschreibungen der Täter einbeziehen.
Hierfür lassen sich aus einem laufenden Forschungsprogramm zur Erfassung der Subjektivität von
Sexualstraftätern für die ersten 199 untersuchten Täter folgende Daten der Symptom-Checkliste
(SCL-90-R), des Gießen-Tests (GT-S) und des Inventars zur Erfassung interpersonelle Probleme (IIP-
C) referieren (Kobbé 2004b).
Im Unterschied zu eingangs- und verlaufsdiagnostischen Untersuchungen des Maßregelvollzugs be-
zieht sich dieses Feldforschungsprojekt:auf nicht-klinische Klientele inner- und außerhalb des Straf-
vollzugs, namentlich auf in Behandlung kommende Täter des Offenen Vollzugs, in Sozialtherapeuti-
schen Anstalten und/oder täterspezialisierter Beratungsstellen. Die grafischen Darstellungen geben
den Prozentsatz der T-Werte im sog. Normalbereich zwischen 30 und 59 (weiss), leicht erniedriger /
erhöhter T-Werte in den Bereichen 20-29 und 60-69 sowie sehr niedriger / hoher T-Werte < 20 und >
70 an.
10 0 %

90 %

80 %

70 %

60 %

50 %

40 %

30 %

20 %

10 %

0%

S OM A ZW AN U NS I DE P R A NGS A GGR PH OB P AR A PS Y CH GS I

Abb. 2: Ergebnisse im SCL-90-R

So lässt sich aus Abbildung 2 zu den Daten des SCL-90-R angeben, dass sich ein erhöhter Prozent-
satz von Klienten zu Beginn der Behandlung als zwanghaft, unsicher, depressiv, ängstlich, aggressiv,
paranoid und wahrnehmungsverzerrend beschreibt.

Und auch im GT-S resultieren Selbstbeschreibungen, wonach ein erhöhter Prozentsatz an Tätern sich
als eher defensiv verschlossen, vermehrt depressiv verstimmt, unterkontrolliert und reaktiv dominant
charakterisiert.
%
100 %

90 %

80 %

70 %

60 %

50 %

40 %

30 %

20 %

10 %

0%

R ES D OM K ON T S TI M M DU R C POT

Abb. 3: Ergebnisse im GT-S

Hingegen ergeben sich im IIP-C zwar erhöhte Werte auf den jeweiligen Skalen, doch sind diese ins-
gesamt als wenig aussagekräftig zu beschreiben, da die Werte auf den polaren Skalen
5

zu autokratisch / dominant (PA) vs. zu selbstunsicher / unterwürfig (HI),


zu streitsüchtig / konkurrierend (BC) vs. zu ausnutzbar / nachgiebig (JK),
zu abweisend / kalt (DE) vs. zu fürsorglich / freundlich (LM) und
zu introvertiert / sozial vermeidend (FG) vs. zu expressiv / aufdringlich (NO)
nur zu geringen Anteilen außerhalb des sog. Normbereiches liegen.

10 0 %

80%

60%

40%

20%

0%

PA BC DE FG HI JK LM NO

Abb. 4: Ergebnisse im IIP-C

Interessanterweise lässt sich zugleich aber auch feststellen, dass diese optisch u. U. zunächst ‚auffäl-
lig’ wirkenden – und das Vorurteil vom ‚gestörten’ Täter bestätigenden – Ergebnisse keineswegs so
tätercharakteristisch sind, wie angenommen: Im Vergleich mit den Durchschnittswerten einer sog.
Normalpopulation weichen diese Daten voneinander nur wenig ab. Insgesamt erweisen sich die
Selbstbeschreibungen von Tätern und ‚Normalbürgern’ als fast deckungsgleich, die Unterschiede sind
statistisch nicht signifikant.

Hinsichtlich des gegen die direkte Befragung und Untersuchung von Tätern vorgebrachten Einwandes
der Verfälschungstendenz i. S. sozialer Erwünschtheit skizziert Kury (1983) in einer einschlägigen Be-
forschung der ‚Verfälschbarkeit von Persönlichkeitsfragebogen bei jungen Strafgefangenen’ nach dif-
ferenzierter Auswertung seiner Daten von vier Vergleichsgruppen, dass sich das Antwortverhalten von
Strafgefangenen in der Tat nach deren Annahmen über die Erwartungen des Vollzugspersonals rich-
tet. Auf geradezu charakteristische Weise dokumentiert diese Untersuchung als „eine der wenigen
Verfälschungsstudien […], die in einer wirklichen Ernstsituation durchgeführt wurde“ (Kury 1983, 329),
dann aber, dass „das Ausmaß der Verfälschung […] auch eine individuelle Variable“ und es, „auch
dann, wenn die Durchführung nicht anonym ist“, dennoch „mit weitgehend validen Testresultaten zu
rechnen“ sei, sodass es gerade keiner ‚Korrektur’ dieser subjektiven Verzerrung bedürfe, sondern
vielmehr deren Beachtung und Untersuchung indiziert sei (Kury 1983, 330).

Mit diesem Forschungsansatz wird darüber hinaus zugleich der Forderung Rechnung getragen, der
sonst in der forensisch-psychiatrischen und -psychologischen Forschung vorherrschenden Verobjekti-
vierung eine subjektorientierte Untersuchung entgegenzustellen, um – mehr – Aufschluss über die
subjektive Befindlichkeit und Veränderung der Täter im Behandlungsverlauf zu gewinnen.

Subjekt(ivitäts)strukturen

Aus den vorgenannten Daten ließen sich verlaufsdiagnostisch Selbstbeschreibungen zu zwei weiteren
Untersuchungszeitpunkten (t2 : 25. Therapiestunde, t3 : Behandlungsende) gewinnen. Unterzieht man
das gesamte Datenmaterial einer Faktorenanalyse und einer Varimax-Rotation (Kobbé 2004b), so er-
gibt sich im Ergebnis folgende Faktorenmatrix (s. Abb. 5). Die Faktorenmatrix wurde einer eingehen-
den Interpretation unterzogen, bei der sich folgende Struktur der behandlungsbezogenen Subjektivität
der untersuchten Täter ergab:
Faktor 1 wird aus neun Items der Symptom-Checkliste (SCL-90-R) gebildet, sodass davon ausge-
gangen werden kann, dass mit diesem konsistenten Faktor die Symptombelastung der befragten
Klienten erfasst wird.
Faktor 2 wird durch je drei Items des Gießen-Tests (GT-S) und des Inventars zur Erfassung
interpersonaler Probleme (IIP-C) gebildet. Inhaltlich beinhaltet dies Persönlichkeitsdimensionen
der ›Sozialen Potenz‹ (POT) im Sinne einer genital reifen, kontaktsicheren, konkurrierenden ver-
sus unreifen, befangenen, bindungsschwachen Struktur wie der ›Durchlässigkeit‹ (DURC) im
Sinne eines vertrauensvoll-autonomen versus misstrauisch-defensiven Kontaktverhaltens und -er-
lebens in Unabhängigkeit von der narzisstischen Gratifikation oder Frustration der tatsächlichen
›Sozialen Resonanz‹ (RES). Die IIP-Items thematisieren den Faktorenpol der Selbstunsicherheit
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Resonanz‹ (RES). Die IIP-Items thematisieren den Faktorenpol der Selbstunsicherheit und Unter-
würfigkeit (HI) sowie der Introversion und sozialen Vermeidung (FG) bei negativer Beziehung zum
Gegenpol der Extraversion und Aufdringlichkeit (NO). Faktor 2 wird vor dem Hintergrund einer
insgesamt defensiven, unsicheren Intersubjektivität als Faktor der Introversion / Subduktion be-
zeichnet.

Abb. 5: Rotierte Komponentenmatrix


Faktor
Item 1 2 3 4 5
DEPR 0,840
PSYC 0,833
ZWAN 0,818
PARA 0,813
ANGS 0,809
UNSI 0,788
AGGR 0,710
SOMA 0,577
PHOB 0,564
KOMP 0,776
DURC 0,749
RESO -
0,688
NO -
0,671
HI 0,590
FG 0,541 -
0,535
BC 0,806
LM -
0,780
JK -
0,729
DE 0,703
DOM 0,845

Faktor 3 wird durch zwei weitere polare Itempaare des IIP-C bestimmt: Während Misstrauen,
Missgunst und Rache (BC) sowie Distanzerleben und emotionale Kälte (DE) für diesen Faktor cha-
rakteristisch sind, sind die entgegengesetzten Eigenschaften der Fürsorglichkeit und Empathie
(LM) sowie der Leichtgläubigkeit und Nachgiebigkeit (JK) negativ mit dem Faktorinhalt verknüpft.
Faktor 3 lässt sich als Faktor der Egozentrik interpretieren.
Faktor 4 wird durch die Skala ›Dominanz‹ (DOM) des GT-S definiert und betrifft Merkmale sado-
masochistisch strukturierter Beziehungsmuster mit entsprechenden psychosozialen Abwehrfor-
men. Damit entspricht der Faktor den zuvor für intersubjektive Beziehungen herausgearbeiteten
Mustern von Dominanz / Unterwerfung .
Da Faktor 5 nicht nur eine singlet-Lösung darstellt, sondern dabei durch eine IIP-Skala negativ de-
finiert wird, die zudem bereits Variable des Itemsatzes von Faktor 2 ist, scheint diese mathemati-
sche Lösung keine inhaltlich signifikante Faktorenlösung anzugeben, sodass auf eine Interpreta-
tion verzichtet wird.

Folgt man diesen faktorenanalytisch gewonnenen Struktur(ierungs)vorschlägen, so lässt sich für die
Selbstcharakterisierungen und für die konstatierten Behandlungseffekte (s.u.) feststellen, dass diese
primär die Integration des Subjekts in die intersubjektiven, sozialen sowie die normativen Bezugssy-
steme betreffen.

Untersucht diese Daten differenzierter, so legen Clusteranalysen nahe, sich auf die Gruppe(n) mit T-
Werten über 60 zu konzentrieren. Eine strukturale Analyse der Behandlungsergebnisse ließ sich be-
züglich der faktorenanalytisch extrahierten Faktoren (1) der Symptombelastung, (2) der Introversion /
Subduktion, (3) der Egozentrik, (4) der Dominanz / Unterwerfung dahingehend vornehmen, dass diese
sowohl methodisch als auch subjektspezifisch vor(aus)gesetzten Interpretationsrahmen angaben
(Kobbé 2004b). Bezieht man die statistisch identifizierbaren Differenzen der jeweiligen Untersuchungs-
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gruppen zu den Untersuchungszeitpunkten t1 , t2 und t3 auf die vorgenannte Faktorenstruktur, so wären


die jeweiligen Testresultate nicht mehr als ›lexikalisierte‹, statisch verobjektivierende Diagnosen zu
verstehen, sondern als durchaus subjektivierte Hinweise, als ‚temporalisierende’ Verweisung auf
strukturelle Charakteristika therapieimmanenter Wirkungen auf die Subjektdynamik.
Schematisiert man die an anderer Stelle differenzierter und detaillierter dargestellten Veränderungs-
prozesse, dann ergibt sich für die Be-Deutung der statistischen Analyse verlaufsdiagnostisch signifi-
kanter Differenzen hinsichtlich der jeweiligen Testprofile und Faktoren folgendes Bild:

Abb. 6 Items des Faktor 1 im SCL-90-R

Versteht man die Symptombelastungen des Faktor 1 als ‚de-medikalisierte’ Symptombilder, die trotz
ihrer phänomenologischen Unterschiedlichkeit auf dieselbe Problematik zurückführbar sind, so weisen
die somatischen Reaktionsmodi auf eine objekthafte Körperlichkeit hin, die als konkret-somatischer
‚Konfliktkörper’ fungiert. Dabei kann es jedoch nicht um eine Psychogenese dieser Symptomatik ge-
hen, wenn denn ein Rückschritt in ein medikalisiertes Symptomverständnis ebenso vermieden werden
soll wie ein Rückgriff auf das Modell eines „synthetisierte[n] Ich der Ichpsychologie“ (Schindler 1997,
69). Versteht man diese Form psychosomatischer Konfliktverarbeitung als Ausdruck fehlender oder
unzureichender Verarbeitungs- und Bewältigungskompetenz auf verbaler, metaphorischer Ebene, so
ist, wenn diese Problematik den Selbstberichten am Ende der Therapie (t3 ) nicht mehr – so stark –
auftritt, davon auszugehen, dass nunmehr eine integrierte Form einer Körperstruktur, ein ‚metaphori-
scher Körper’, gegeben ist.

Abb. 7: Items der Faktoren 2 und 4 im GT-S

Bei Interpretation der auf dem Faktor 2 ladenden Itemverlaufsergebnisse wird die introversionsspezifi-
sche Problematik eines Objektmangels deutlich, die auf passiv-introvertierte Selbstunterwerfung ver-
weist, deren Bedingung in der fehlenden Akzeptanz und Integration der symbolischen Ordnung der
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Regeln und des Tausches i. S. einer geforderten Internalisierung des symbolischen Gesetzes zu su-
chen ist, das die unmittelbare Verschmelzung des Subjekts mit den Objekten seines Begehrens ver-
hindert. Dieses Akzeptieren impliziert zugleich ein Akzeptieren der zur ‚gender signification’ gehören-
den Geschlechterdifferenz, sprich, „das Bewusstsein annehmen zu können, dass alle wesentlichen
psychischen Leistungen durch diese Differenz mitbestimmt sind“ (Vinnai 1993, 190).

„Der Umgang mit der Differenz zwischen Männlichem und Weiblichem hat große Bedeutung für einen allgemei-
nen Umgang mit Differenzen. Wie mit der Andersartigkeit des anderen Geschlechts umgegangen wird, bestimmt
entscheidend mit, ob Differenzen als Bedrohung oder als Bereicherung erfahren werden können, [ob] Andersar-
tigkeit als positive Möglichkeit erfahren werden kann“ (Vinnai 1993, 197).

Die von den untersuchten Tätern beschriebenen Veränderungen weisen darauf hin, dass sie nunmehr
einen – ihren – Platz in der sozio-symbolischen Struktur erworben haben und dabei in ihrer sexuellen
Identität autonomer, sprich: ‚selbst-ständiger’ i. S. einer Permanenz dieser geschlechtlich signifizierten
Identität (gender signification ) geworden sind. Intersubjektiv impliziert und setzt dies voraus, dass der
forensische Therapeut in seiner normativen – gesetzgebenden, ge- und verbietenden – Funktion nicht
als Aggressor, sondern als ‚positive’ Autorität erlebt werden kann.Wenngleich dieses Annehmen der
Kastration durch die konkreten Subjekte als normalisierender sozialer Integrationsprozess zu verstehen
ist, hat dieser nicht unbedingt deliktpräventive Wirkung. Zwar verhindert das symbolische Gesetz den
(sexual-)aggressiv-missbrauchenden Zugang zum sexualisierten Objekt, doch erzeugt dasselbe Gesetz
auch erst das Begehren danach. Dies beinhaltet für jedes ‚normalneurotische’ Subjekt, dass es die
Anerkennung des symbolischen Gesetzes leistet, »um seine gelegentlichen Übertretungen dieses
Gesetzes zu genießen (Masturbation, Diebstahl usw.)“ und Befriedigung daraus zu ziehen, dass es
sich so einen Teil des ihm quasi ‚geraubten’ potentiellen Genießens zurückholt (Žižek 1999, 239).
Psychodynamisch bedeutet dies hinsichtlich forensischer Fragestellungen, dass zwar das Gesetz als
Verbotsinstanz den Zugang zum Objekt des Begehrens reguliert, dass jedoch der dieser normativen
Integration (‚Kastration’) innewohnende Verlust zugleich die – partielle – Übertretung des Gesetzes
nach sich zieht.

Abb. 8: Items der Faktoren 2 und 3 im IIP-C

Mit dem 3. Faktor der Egozentrik wird deutlich, dass die betreffenden Tätersubjekte in einer Weise auf
sich selbst zentriert sind, dass ihnen Empathie und Sorge für den anderen nicht möglich sind. Die
Entwicklung der Selbsteinschätzung auf den betreffenden Skalen macht dabei deutlich, dass diese
Täter ihren Entwicklungsauftrag hin zu einem ‚dezentrierten’ Subjekt folgen: Mit dieser Struktur geht
es nicht mehr nur um ein narzisstisches psychisches System, sondern um eine intersubjektive Struk-
tur des – unbewussten – Subjekts, bei der die Anerkennung des Anderen möglich wird. Trotz dieses
angedeuteten Entwicklungsfortschritt bleibt den konkreten Tätern allerdings ein dialektischer Prozess
eigen, bei der ihnen der Andere fremd ist, wenngleich das Subjekt in seinem Begehren auf ihn kon-
zentriert, mithin um ihn als Kern zentriert ist.
Mit der singlet-Lösung des vierten Faktors wird die Einnahme einer Dominanzposition angegeben, de-
ren undialektische Intersubjektivität in ihrem totalisierenden Aspekt den Versuch in sich birgt, als Do-
minanzdiskurs die eigentlich Abhängigkeit und Unterlegenheit des Tätersubjekts zu maskieren. Die
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fehlende Anerkennung des in die Unterwerfungsposition gedrängten Anderen, tendiert dazu, diesen –
beispielsweise im Deliktgeschehen – zu vergegenständlichen und wie eine Geisel, wie ein Ding oder
ein Nichts zu behandeln, ihm keinerlei Empathie entgegenzubringen, sondern ganz auf sich (ego-
)zentriert zu sein (s. o.). Doch auch in dem emanzipativen Entwicklungsschritt hin zu einer dialekti-
scheren Position ist in der Überwindung einseitiger Dominanz-Unterwerfungs-Positionen eine Freiheit
erreicht, die eine Abhängigkeit von der Anerkennung des Gegenüber impliziert. Somit ist der Täter
nicht nur ein sich intersubjektiv aktiv konstituierendes und transformierendes Subjekt, sondern erweist
sich dies bei einseitiger Interpretation auch als durchaus personifizierende Dynamik:

„Subjektivität fällt mit dem Prozess der Subjektivierung zusammen – Subjektivierung zugleich als eine Form der
Kritik an bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen« (Bruder 1999, 67).“

Insofern ist die (wieder-)gewonnene Freiheit des Täters, sich so oder anders zu entscheiden, „als
Ignoranz der Notwendigkeit jener gesellschaftlichen Verhältnisse“ zu interpretieren, die dieses Be-
wusstsein der eigenen Abhängigkeit als Bewusstsein einer ‚vergesellschafteten’ Subjektivität mitbe-
dingt (Caudwell 1975, 164).

Schluss

Wie anhand der empirisch-statistischen Untersuchung und psychodynamischen Interpretation der


subjektiv wahrgenommenen therapiebegleitenden Veränderungsprozesse ersichtlich, lassen sich mit
Hilfe der gewählten Testverfahren spezifische Behandlungseffekte beschreiben, differenzieren und
bestätigen. Generell unterstützt dies die an anderer Stelle bereits dezidiert eingeforderte Achtung von
Tätern bei gleichzeitiger Ächtung ihres delinquenten Handelns. Achtung des Anderen ist dabei eine
Basis für die Gleichbehandlung von Menschen. Wenn es also um kompromisslose Ächtung, um ‚Null
Toleranz’ häuslicher und sexueller Gewalt geht, so muss – und darf – sich dies zwangsläufig nur auf
sein Handeln, auf seine Einstellung, seine Taten usw. beziehen.

Aus was aber ist diese Achtung abzuleiten, wenn dem Bezug auf das Menschsein schlechthin, auf
seinen Wert als Mensch, eine Problematik der Reduzierung des Subjekts auf (irgend-)einen Men-
schen schlechthin innewohnt? Denn ... wendet Kant ein: Die Achtung vor den Menschen auf den Wert
des Menschen zu gründen, bestimme unmittelbar dessen Gebrauchs- und Tauschwert (Margalit 1999,
89) und lasse den Einen gegebenenfalls mehr wert, sprich: achtenswerter, erscheinen als den Ande-
ren. Aus dieser – quasi perversen – Dynamik von Aufwertung und Entwertung weist Margalit (199, 92)
folgenden Weg:
„Die Eigenschaft, die ich als Begründung für die Achtung vor dem Menschen vorschlagen möchte, be-
ruht auf seiner Fähigkeit, dem eigenen Leben zu jedem beliebigen Zeitpunkt eine völlig neue Deutung
zu geben und es dadurch radikal zu ändern. Dies schließt die Fähigkeit ein, seine Sünden zu bereuen
– und zwar dem weltlichen Sinngehalt des Begriffs nach, was soviel heißt wie: vom Bösen abzulas-
sen. [...] Noch die übelsten Verbrecher verdienen Achtung allein aufgrund der Möglichkeit, dass sie ihr
vergangenes Leben radikal in Frage stellen und den Rest ihres Lebens auf würdige Weise verbringen
könnten. [...] Achtung ist dem Menschen nicht dafür zu zollen, in welchem Grad er sein Leben tatsäch-
lich zu ändern vermag, sondern allein für die Möglichkeit der Veränderung. Achtung bedeutet daher
auch, niemals jemanden aufzugeben, da alle Menschen fähig sind, ihrem Leben eine entscheidende
Wendung zum Besseren zu geben.“

Mit dieser Haltung (und Praxis) ließe sich dann auch eine andere Beziehung von Behandlung und Si-
cherung erreichen, deren Gleichung wie folgt zu skizzieren wäre:

Behandlung
= Achtung
Sicherung

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Dr. Ulrich Kobbé


Universität Duisburg-Essen
Fachbereich Bildungswissenschaften
D-45117 Essen
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