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Weiblichkeit und feministische Motive in der Dialek-

tik der Aufklärung

Westfälische Wilhelms-Universität Münster


Germanistisches Institut
Abteilung Didaktik der deutschen Sprache und Literatur
Seminar Kritische Kulturtheorie
Sommersemester 2007
Dozentin Dr. Jens Birkmeyer
Name Sven Lüders
Matrikelnummer 332750
Studiengang Magister Philosophie (Hf), Religionswissenschaften (Nf), Deutsche Phi-
lologie (Nf)
Fachsemester 04
Inhalt

1. Einleitung...............................................................................................................2

2. Die Interpretation der Figur Kirke als Beispiel einer feministischen


Interpretation .............................................................................................................3

2.1. Adornos Interpretation der Geschlechterverhältnisse um die Figur Kirke.............5


2.1.1. Die romantische Liebe als bürgerliches Konstrukt zur Unterdrückung des
Weiblichen...................................................................................................................6
2.1.2. Die Ehe als Institutionalisierung der Unterdrückung des Weiblichen.................7
2.1.3. Die Prostitution als Verdinglichung des Weiblichen...........................................9

3. Die Sirenen als weitere Möglichkeit zur feministischen Interpretation ..........10

3.1. Die Sirenen und Kirke im Vergleich....................................................................11

3.2. Hegemoniale Männlichkeit als Vorrausetzung zur Kunst ...................................13

4. Kritik am Frauenbild des Textes ........................................................................15

4.1. Die Ableitung des Frauenbildes aus einer Ursprungsfiktion und deren Probleme
..................................................................................................................................17

5. Abschluss ............................................................................................................17

6. Verwendete Literatur...........................................................................................18

Seite 1
1. Einleitung

Als die Dialektik der Ausklärung1 1947 zum ersten Mal erschien, hatte es zwar be-
reits eine Frauenbewegung gegeben, eine umfassende Theoretisierung, wie sie mit
Simone de Beauvoirs Buch Das andere Geschlecht 1949 in Gang gesetzt wurde,
stand aber noch aus. Es ist dennoch nicht verwunderlich, dass sich zahlreiche Femi-
nistInnen, wie etwa Seyla Benhabib2 auf die Kritische Theorie beziehen, da Kulturkri-
tik auch Patriarchatskritik3 bedeuten kann. Es fällt aber schon bei der Lektüre der
Dialektik der Aufklärung auf, dass auch in dem Buch selbst an einigen Stellen von
der Kategorie Geschlecht gesprochen wird und diese dazu genutzt wird, die Lage der
Frauen kritisch zu untersuchen4.

Vor dem Hintergrund der vielfältigen Verbindungen des Buches mit der feministi-
schen Theorie, stellt sich die Frage, wie diese Verbindungen bereits im Text angelegt
sind. Um diese Frage zu beantworten, soll vor allem der Exkurs Odysseus oder der
Mythos der Aufklärung5 auf seine expliziten und denkbaren Bezugnahmen zur Weib-
lichkeit und auf expliziten (politischen) Motive, die auch im Kontext der feministischen
Bewegung auftauchen, untersucht werden. Dieser Teil des Textes wird deshalb her-
ausgestellt, da er nach eigener Einschätzung der Autoren „Zeugnis [...] von der Dia-
lektik der Aufklärung“6 ablegt. So soll dargelegt werden, dass die Kategorie Ge-
schlecht explizit im Text vorkommt und dass die Kulturkritik des Buches eine Reihe
Anknüpfungspunkte für feministische Theorie bietet.

Dazu soll zunächst die Interpretation der Figur Kirke innerhalb der Besprechung der
Odyssee im Text untersucht werden, da bei dieser viele feministische Motive auftau-
chen und sich gleichzeitig auch ein besonderes Verständnis von Weiblichkeit zeigt.
Dies soll vor allem gesehen, da Kirke von den Autoren „als erster weiblicher Charak-

1
Horkheimer, Max u. Adorno, Theodor W.: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente,
16
Frankfurt 2001.
2
Vgl.: Politische Möglichkeiten feministischer Theorie. Ein Gespräch mit Andrea Maihofer, S. 94-95,
in: Deuber-Mankowsky, Astrid u. Konnert, Ursula: Die Philosophin, Heft 11, Tübingen 1995, S. 94-105.
3
Der Begriff Patriarchat wird im Verlaufe dieser Arbeit immer in seiner Bedeutung der feministischen
Theorie gebraucht. Er soll zum einen die konkrete Herrschaft der Männer über die Frauen und damit
die Benachteilung weiblicher Menschen kennzeichnen, zum anderen steht er auch für eine Allgemeine
Dominanz des Männlichen über das Weibliche, bzw. dessen, was in dem Patriarchat als weiblich ge-
kennzeichnet wird.
4
Vgl.: Stephan, Inge: Gender, Geschlecht und Theorie, S. 80, in: von Braun, Christina u. Stephan,
Inge (hrsg.): Gender Studien. Eine Einführung, Stuttgart 2000, S. 58-96.
5
Horkheimer u. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, S. 50-87.
6
Ebd. S. 50.
Seite 2
ter“7 bestimmt wird und somit exemplarischen Charakter für weibliche Individuen
innehat.

Anschließend soll in dem darauf folgenden Abschnitt die Bedeutung, die Adorno und
Horkheimer der Episode mit den Sirenen zukommen lassen, untersucht werden, da-
zu werde ich Gemeinsamkeiten und Unterschiede von den Sirenen und der zuvor
untersuchten Figur Kirke herausarbeiten, um zu zeigen, wo sich Unterschiede im
Hinblick auf die Bedeutung für die Entstehung des Patriarchats finden lassen. Ge-
sondert sollen hier außerdem Adornos Aussagen zur Kunst und ihrem Platz in der
patriarchalen Gesellschaft analysiert werden, da diese ebenfalls unter geschlechter-
sensiblen Bedingungen getätigt werden. Darauf folgend soll untersucht werden, was
die Vorstellung von Weiblichkeit und das Frauenbild im Text an Problemen für femi-
nistische Theorie mit sich bringen.

2. Die Interpretation der Figur Kirke als Beispiel einer feministischen


Interpretation

Explizit zeigt sich die Sensibilität für die Unterdrückung des Weiblichen vor allem am
Beispiel der Interpretation der Figur Kirke8. Sie wird von Adorno und Horkheimer als
eine Herausforderung an Odysseus gedeutet. Sein Umgang mit ihr ist für Adorno
exemplarisch für den Umgang der bürgerlichen Gesellschaft mit der Weiblichkeit und
den ihr zugeordneten Individuen, sowie für das Verhältnis vom Mythos (bzw. der
„Sage“9) zur Aufklärung (und damit zur Geschichtsschreibung):

[Kirke] bewährt sich als erster weiblicher Charakter. Beim Übergang von der Sage
10
zur Geschichte leistet sie einen entscheidenden Beitrag zur bürgerlichen Kälte.
Bedeutsam an der Interpretation der Figur Kirke ist, dass zum ersten Mal innerhalb
des Buches die Opposition Natur/Kultur unter Einbeziehung der Kategorie Ge-
schlecht mit der Opposition Mann/Frau bzw. männlich/weiblich verbunden wird, wie
es auch in der Geschlechterforschung üblich ist11: So wird die Frau im Kontext der
Kirke-Interpretation als „Repräsentantin der Natur [...] in der bürgerlichen Gesell-
schaft“12 bezeichnet, womit die Verknüpfung des Weiblichen mit der Natur in der bür-

7
Horkheimer u. Adorno: Dialektik der Aufklärung, S. 80.
8
Vgl.: ebd. S. 76-83.
9
Horkheimer u. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, S. 80.
10
Ebd..
11
Vgl.: Stephan: Gender, Geschlecht und Theorie, S. 80-82.
12
Horkheimer u. Adorno: Dialektik der Aufklärung, S. 79.
Seite 3
gerlichen Gesellschaft von den Autoren erkannt wird13. Des Weiteren wird Kirke als
Symbol des durch die Aufklärung aufzuhebenden mythischen Lebens verstanden:
„[Kirke] hält eine ältere Form von Leben fest.“14

Zunächst einmal wird Kirke als Verführerin vorgestellt, womit ihr eine Eigenschaft
zugeschrieben wird, die innerhalb des patriarchalen Diskurses traditionell mit dem
Weiblichen verknüpft wird:

Magie desintegriert das Selbst, das ihr wieder verfällt und damit in eine ältere bio-
logische Gattung zurückgestoßen wird. [...] Sie ergreift [...] den festen Willen des
15
Subjekts [...]. Kirke verführt die Männer, dem Trieb sich zu überlassen [...].
Die Rolle der Verführerin ist innerhalb der Kirke-Interpretation ausgestaltet zu einem
Verführen, dass dafür sorgen soll, dass das männliche Subjekt, das dabei ist, sich
von der Natur zu emanzipieren, in diese zurückfällt. Vor dem Hintergrund der Kritik,
welche das Buch an der Entstehung des bewussten Subjekts äußert, nämlich, dass
hierbei die innere Natur verdrängt und domestiziert wird16, gewinnt die Thematik eine
patriarchatskritische Dimension. Diese zeigt, dass auch Männer im Patriarchat unter-
drückt werden, wenn sie das in sich unterdrücken, was im Patriarchat als weiblich
gekennzeichnet wird.17

Aus der Nähe der Frau zur Natur konstruiert sich dem Text nach auch eine weitere
Eigenschaft, die ihr in der patriarchalen Gesellschaft zugeschrieben wird, die der
Rätselhaftigkeit. Diese kommt dadurch zustande, dass die Frau einerseits Anzie-
hung auf den Mann ausübt, die immer auch daraus resultiert, dass der Mann ver-
sucht ist, seiner inneren Natur/Weiblichkeit nachzugeben. Andererseits ist ihm die
Frau in der patriarchalen Gesellschaft hilflos ausgeliefert. Aus dieser Spannung zwi-
schen Macht und Ohnmacht erwächst nach dem Text die der Frau bzw. dem Weibli-
chen zugeschriebene Rätselhaftigkeit.18
Auch innerhalb der Kirke-Interpretation wird deutlich, dass die Opposition von Mythos
und Aufklärung, ebenso wie die anderen Binäroppositionen niemals klar trennbar ist;
im Gegenteil: Nach Adorno schlägt die Aufklärung auch in der Odyssee, ihrem fikti-
ven Beginn, wieder in den Mythos um:

13
Im Folgenden werden Natur und Weiblichkeit im Allgemeinen gleichgesetzt behandelt, da der Text
diese Interpretation an den meisten Stellen zulässt. Eine gesonderte Diskussion über das Frauenbild
des Textes erfolgt unter Punkt 4.
14
Ebd., S. 77.
15
Ebd., S. 76/77.
16
Vgl.: Ebd., S. 36.
17
Vgl. hierzu auch Abschnitt 3.2. zur hegemonialen Männlichkeit.
18
Vgl.: „Als Repräsentantin der Natur ist die Frau in der bürgerlichen Gesellschaft zum Rätselbild von
Unwiderstehlichkeit und Ohnmacht geworden.“ Ebd., 79.
Seite 4
Das mythische Gebot, dem sie verfallen, entbindet zugleich die Freiheit eben der
unterdrückten Natur in ihnen. Was in ihrem Rückfall auf den Mythos wiederrufen
wird, ist selber Mythos. Die Unterdrückung des Triebs, die sie zum Selbst macht
und vom Tier trennt, war die Introversion der Unterdrückung im hoffnungslos ge-
19
schlossenen Kreislauf der Natur [...].
Wie an vielen anderen Stellen innerhalb des Buches wird hier auch vorgeführt, dass
die Subjektbildung gegen die Natur ein Unterdrückungsakt ist, der sich näher an der
Natur als am aufgeklärten Geist selbst verortet. Dass diese Disziplinierung auch in-
nerhalb der Kirke-Interpretation auftaucht, könnte zeigen, dass sie ebenfalls auf die
Binäropposition männlich/weiblich anzuwenden ist, da diese an vielen Stellen inner-
und außerhalb des Textes mit der von Bewusstsein/Natur gleichgesetzt wird. Dies
würde bedeuten, dass der Unterdrückungsakt des Weiblichen weniger zu dem auf-
geklärten Selbstbild des männlichen Subjektes passt, sondern viel eher in seiner
Vorstellung des Weiblichen verankert wäre.

Auch wenn es im Text nicht explizit zu finden ist, kann man davon ausgehen, dass
das entstehende männliche Subjekt seine innere Weiblichkeit unterdrücken muss, so
dass nur ein Teil des Individuums wirklich Subjekt wird. Diese interne Unterdrückung
findet ihre Parallele dann in der Unterdrückung der Frau in der patriarchalen Gesell-
schaft. Die Frau muss als menschliche Verkörperung der Natur/Weiblichkeit dienen;
neben der Abgrenzungsfunktion für das männliche Subjekt wird sie zum Repressi-
onsobjekt. Aber auch männliche Individuen zahlen in dem entstehenden Patriarchat
einen (hohen) Preis, um die herrschende Rolle wahrzunehmen. Das dies so ist, wird
auch deutlich, wenn Adorno die Befreiung von Odysseus’ Gefährten kommentiert:

Aber die also Bestätigten und in ihrer Männlichkeit Bestärkten sind nicht glücklich:
„Alle durchdrang Wehmut, süßschmerzende, daß die Behausung / Rings von Kla-
20
gen erscholl.“

2.1. Adornos Interpretation der Geschlechterverhältnisse um die Figur Kirke

Innerhalb der Kirke-Interpretation wird ihre Beispielhaftigkeit auch auf die Geschlech-
terverhältnisse in der patriarchal-kapitalistischen Gesellschaft übertragen. So werden
romantische Liebe, Ehe und Prostitution behandelt und erklärt.

19
Ebd., S. 78.
20
Ebd. S. 81.
Seite 5
2.1.1. Die romantische Liebe als bürgerliches Konstrukt zur Unterdrückung des
Weiblichen

Zunächst wird innerhalb der Interpretation der Figur Kirke die romantische Liebe kri-
tisch untersucht:

Ihr Verhalten praktiziert das Liebesverbot, das späthin um so mächtiger sich


durchgesetzt hat, je mehr Liebe als Ideologie über den Haß der Konkurrenten
betrügen musste. In der Welt des Tausches hat der Unrecht, der mehr gibt; der
Liebende aber ist allemal der mehr Liebende. Während das Opfer, das er bringt,
glorifiziert wird, wacht man einfersüchtig darüber, daß dem Liebenden das Opfer
21
nicht erspart bleibe.
Dabei wird die romantische Liebe als etwas charakterisiert, was Konkurrenzverhält-
nisse überdeckt. Diese Form der Liebe steht dem real existierenden „Haß der Kon-
kurrenten“21 gegenüber, wobei sie angesichts der realen Verhältnisse dem Text nach
nicht mehr als „Ideologie“21 sein kann. Zudem ist in der kapitalistischen Welt der Lie-
bende, der nach dem Ideal verfährt, mehr zu geben als zu nehmen, jemand, welcher
der ökonomischen Vernunft zuwider handelt. Damit wäre er in einer Rolle, die im Pat-
riarchat der Weiblichkeit zugeschrieben wird. Das irrationale „Opfer“21 wird von der
bürgerlichen Gesellschaft idealisiert und vom Individuum eingefordert, damit die
männliche, „bürgerliche Kälte“21 der Wirklichkeit ihr weibliches Gegenüber im Ideal
bekommt.
Vor allem im zweiten Exkurs wird diese Sicht auf das bürgerliche Ideal der Liebe be-
kräftigt, so wird die gegenseitige Anbetung als Verklärung der „tatsächliche[n]
Knechtschaft der Frau“22 bezeichnet, womit auch an dieser Stelle deutlich wird, dass
die Autoren die romantische Liebe allein zu einem Schutz für die patriarchalen Ver-
hältnisse erklären.
Ob die romantische Liebe allerdings zu verurteilen ist oder nicht, dazu macht der
Text (ebenfalls im zweiten Exkurs) zwiespältige Aussagen:
Nicht bloß die romantische Geschlechtsliebe verfiel der Wissenschaft und Industrie
als Metaphysik, sondern jede Liebe überhaupt, denn vor der Vernunft vermag kei-
23
ne standzuhalten [...]
Klingt es in den anderen Textstellen zuvor so, als wäre die romantische Liebe nur
dazu da, das Weibliche zu unterdrücken, so wird an dieser Stelle darauf hingewie-
sen, dass die romantische Liebe vor der Rationalität nicht standhält. Während die
Vernunft innerhalb des Textes mehrfach als männliches Prinzip beschrieben wird, so
scheint es an dieser Stelle so, als würde gerade sie ein Repressionsverhältnis ge-

21
Ebd., S. 80.
22
Ebd., S. 114.
23
Ebd., S. 124.
Seite 6
genüber dem Weiblichen beenden. Allerdings müsste man mit dem Vernunftbegriff
der beiden Autoren einwenden, dass sich so der Zugriff der männlichen Rationalität
auf die Frauen nur direkter gestaltet – das, was in dem Text als Weiblichkeit benannt
ist, kommt dadurch lediglich in ein noch repressiveres Verhältnis.

Der Text geht an beiden Stellen den Weg der einseitigen Demaskierung der romanti-
schen Liebe, ohne zu erwähnen, dass dieser idealisierten Form der Beziehung zwi-
schen den Geschlechtern möglicherweise subversives Potenzial zukommt, dass die
patriarchal-kapitalistischen Verhältnisse fortlaufend delegitimieren kann.

2.1.2. Die Ehe als Institutionalisierung der Unterdrückung des Weiblichen

Im Zusammenhang der innerhalb der Kirke-Interpretation vorgenommen kritischen


Untersuchung der Kategorie Geschlecht, wird auch die Ehe in der kapitalistischen
Gesellschaft analysiert. Diese konzentrierte Analyse der Ehe wird in dem Text damit
begründet, dass sie „zum Urgestein des Mythos auf dem Grunde von Zivilisation [ge-
hört]“24, wobei klargestellt wird, dass mit dem für Adorno fiktiven Ende des Mythos
und dem Beginn der Zivilisation auch die Rolleneinteilung und damit die Diskriminie-
rung der Frau beginnt:

So heißt es in der Kirke-Interpretation: „[D]er Rauch des Opferaltars [...] verwandelt


[sich] in den heilsamen des Herds.“24 Mit dem offiziellen Ende des Mythos beginnt
also der Mythos der Rollenzuschreibung, wobei das Weibliche klar auf die häusliche,
nicht-öffentliche Sphäre reduziert wird und somit einem Ausschluss aus der Öffent-
lichkeit ausgesetzt ist.

Dabei wird die Ehe fortlaufend als eine Institution charakterisiert, welche dazu dient,
die Unterdrückung des Weiblichen und damit der Frau zu festigen:

Die Ehe ist der mittlere Weg der Gesellschaft, damit sich abzufinden: die Frau
bleibt die Ohnmächtige, indem ihr die Macht nur vermittelt durch den Mann zu-
25
fällt.
So wird die Frau hier als „Ohnmächtige“ bezeichnet, der jeglicher gesellschaftlicher
Einfluss, nur durch den Mann zukommt – dieses Problem wird gerade durch die Ehe
institutionalisiert.

24
Ebd., S. 83.
25
Ebd., S. 79.
Seite 7
Die Autoren zeichnen die Entstehung der Institution Ehe an der Odyssee nach: O-
dysseus widersteht Kirkes Zauber und damit ihrer Weiblichkeit und der Natur. Adorno
interpretiert diese Widerstandskraft so, dass er gerade durch sie Kirke gefügig ge-
macht hat – sie wird dadurch zum passiven Objekt und findet sich bald darauf in der
Ehe wieder. An dieser Stelle bleibt unklar, warum Kirke bzw. die Weiblichkeit Odys-
seus bzw. dem Männlichen verfällt und sich dann auch noch in die nachteilige Form
des Verhältnisses der Ehe begibt. Eine mögliche Erklärung ist, dass das Ausschla-
gen eines rationalisierten Abwägungsaktes bedurft hätte, welcher aber nur dem
Männlichen eigen ist.

Anzumerken ist an dieser Stelle auch, dass Odysseus’ Widerstand gegen die Verfüh-
rung nicht nur ein notwendiger Akt zum Überleben des männlichen Bewusstseins ist,
sondern auch der Selbstprojektion des Mannes gerecht wird, was im Text allerdings
unerwähnt bleibt: So zeigt sich in seiner Widersetzung auch eine Form des männli-
chen Autonomiestrebens, dass ein Teil der männlichen Selbstprojektion im Patriar-
chat darstellt.

Die Ehe wird von den Autoren auch als ein Schutz für die patriarchalen Verhältnisse
gedeutet:

Der Eid soll den Mann vor der Verstümmelung schützen, der Rache fürs Verbot
der Promiskuität und für die männliche Herrschaft, die ihrerseits als permanenter
26
Triebverzicht die Selbstverstümmmelung des Mannes symbolisch noch vollzieht.
Sie soll vor der „Rache“26 der Frauen und des Weiblichen und „Verstümmelung“26
der männlichen Subjektes schützen, obwohl dieses auch unter den Verhältnissen
leidet: Neben der Tatsache, dass ökonomisches Denken Kontrolle und damit „Treib-
verzicht“26 bedeutet, bezeichnet Adorno die daraus resultierende Unterdrückung der
Weiblichkeit im Mann metaphorisch als „Selbstverstümmelung“26. Die Institution Ehe
trägt damit indirekt zum Leid beider Geschlechter bei.

Zum Abschluss der Kirke-Interpretation wird das bürgerliche Ideal der Ehe nochmals
angegriffen:
Ehe heißt nicht bloß die vergeltende Ordnung des Lebendigen, sondern auch: soli-
darisch, gemeinsam dem Tod standhalten. Versöhnung wächst in ihr um Unterwer-
27
fung, [...]
Aus der propagierten wechselseitigen Verantwortung der Ehepartner füreinander
wird „Unterwerfung“27, welche in patriarchalen Verhältnissen vom Mann ausgeht. Das

26
Ebd., S. 80.
27
Ebd., S. 83.
Seite 8
Begriffspaar lebendig/tot kann man an dieser Stelle auf die bewussten Subjekte, den
Mann und die Ehefrau, welche „nicht [ruht], bis sie sich dem männlichen Charakter
selber gleich gemacht hat“28 übertragen werden. Dies würde bedeuten, dass das
Bewusstsein im Sinne der Aufklärung nur mit der Institution der bürgerlichen Ehe
überleben kann, weil nur sie das nötige Gegenüber, das Weibliche/die Natur/das An-
dere, kontrollierbar macht. An anderer Stelle wird das Begriffspaar lebendig/tot in
einem anderen Sinn benutzt, nämlich wenn Adorno gerade die Rationalisierung der
Aufklärung (besonders ihre formalisierte Sprache) als tot bezeichnet29 – in diesem
Sinne wäre dann die Natur/das Weibliche das Lebendige.

Im zweiten Exkurs des Buches werden die Geschlechterverhältnisse erneut themati-


siert, wobei auch hier die Ehe im Vordergrund steht. Dabei wird unter anderem auf-
gezeigt, welche Rolle die Religion bei der Unterdrückung der Frau in der Ehe spielt:

Durch das Christentum ward die Hierarchie der Geschlechter, das Joch, das die
männliche Eigentumsordnung dem weiblichen Charakter auferlegt, zur Vereinigung
in der Ehe verklärt, die Erinnerung an die vorpatriarchale bessere Vergangenheit
30
des Geschlechts beschwichtigt.
Hier wird deutlich, dass die Autoren dem Christentum eine große Mitverantwortung
geben: Sie sehen die christliche Religion in einer Überdeckungsfunktion, welche da-
durch zustande kommt, dass das Christentum die Ehe als heilig erklärt, trotz der Re-
pression, welcher die Frau in ihr ausgesetzt ist. Dieser Satz kann als ein Beleg für
einen marxistischen Umgang mit der Religion gelesen werden: der Religion wird nur
eine Überdeckungsfunktion für negative Verhältnisse zugeschrieben; außerdem be-
steht die Repression gegenüber dem Weiblichen in diesem Teil vor allem in einer
Diskriminierung der Frauen bezüglich der „Eigentumsordnung“30.

2.1.3. Die Prostitution als Verdinglichung des Weiblichen

Adorno geht auch auf eine andere Form des Geschlechterverhältnisses neben der
Ehe ein, der Prostitution. Hierbei wird unterschieden zwischen zwei Formen der
Prostitution in der Antike: der ungebildeten Prostituierten, der „Dirne“31 und der gebil-

28
Ebd., S. 82.
29
Vgl.: Ebd., S. 68: „Solche Anpassung ans Tote durch die Sprache enthält das Schema der moder-
nen Mathematik.“
30
Ebd., S. 114.
31
Ebd., S. 81.
Seite 9
deten „Hetäre“32, die neben der sexuellen Dienstleistung auch eine Gefährtin für den
Mann darstellt.33 Die Figur Kirke wird im Text als „Prototyp der Hetäre“34 bezeichnet.

Zunächst wendet sich der Text der weniger angesehenen Form der Prostitution zu:

Dirne und Ehefrau sind die Komplemente der weiblichen Selbstentfremdung in der
patriarcharlen Welt: die Ehefrau verrät Lust an die feste Ordnung von Leben und
Besitz, während die Dirne, was die Besitzrechte der Gattin unbesetzt lassen, als
deren geheime Bundesgenossin nochmals dem Besitzverhältnis unterstellt und
35
Lust verkauft.
Während die Selbstentfremdung der Frau in der Ehe den Autoren nach bedeutet,
dass sie die sexuelle Selbstverwirklichung für ein geordnetes Leben und materielles
Eigentum aufgeben muss, bedeutet die Prostitution, Sexualität zum tauschbaren Ei-
gentum zu machen. An dieser Stelle ist eine interessante Doppeldeutigkeit des Aus-
drucks Lust zu bemerken: Meint sie im ersten Fall die sexuelle Selbstverwirklichung
der Frau in emanzipierten Verhältnissen, so ist im zweiten Fall von den patriarchalen
Verhältnissen die Rede, in denen Lust ein rationalisierter und ökonomisierter Begriff
ist, der hauptsächlich für das sexuelle Begehren des Mannes steht.

Der Unterschied zwischen Dirne und Hetäre liegt in dem Bewusstsein darüber, Se-
xualität (und damit die Weiblichkeit und sich selbst) zum Tauschgut zu machen. Er-
folgt dieses bei der Hetäre bewusst, so macht sie „die patriarchale Wertordnung sich
zu eigen“36, da sie die Sexualität rationalisiert.

3. Die Sirenen als weitere Möglichkeit zur feministischen Interpretation

Verwunderlich ist, dass der Text erst bei der Figur Kirke umfassend auf die Kategorie
Geschlecht eingeht. Bereits die Interpretation der Sirenen, die zuerst im ersten Kapi-
tel, Der Begriff der Aufklärung37, behandelt werden, wenn die Odyssee thematisiert
wird38 und denen ein Abschnitt des ersten Exkurses gewidmet ist39, haben das Po-
tenzial, unter feministischer Motivation untersucht zu werden.

32
Ebd., S. 77.
33
Vgl.: Wikipedia: Hetäre, http://de.wikipedia.org/wiki/Hetäre vom 27. August 2007.
34
Horkheimer u. Adorno: Dialektik der Aufklärung, S. 77.
35
Ebd., S. 81.
36
Ebd., S. 82.
37
Ebd., S. 9-49.
38
Ebd., S. 38-42.
39
Ebd., S. 66-67.
Seite 10
3.1. Die Sirenen und Kirke im Vergleich

Zunächst einmal gibt es einige Parallelen zu der Figur Kirke: So sind die Sirenen –
wie Kirke – Wesen mit einem weiblichen Körper, die Vorbeiziehende verführen. Auch
das Ziel ihrer Verführung ist auf einer symbolischen Ebene ähnlich: Kirke verwandelt
die Verführten zu Naturwesen, die Sirenen bringen ihren Opfern den Tod im Meer; in
beiden Fällen wird das bewusste, männliche Subjekt durch seine Hingabe an die Na-
tur ausgelöscht und seine Reste gehören der Natur/dem Weiblichen. Letztlich wider-
steht Odysseus beiden Verführungsversuchen und rettet damit exemplarisch das
männliche Bewusstsein und vertritt dessen Autonomiestreben.

Die Angst, das Selbst zu verlieren und mit dem Selbst die Grenze zwischen sich
und anderem Leben aufzuheben, [...] ist einem Glücksversprechen verschwistert,
40
von dem in jedem Augenblick die Zivilisation bedroht war.
Hier wird abseits des Mythos die Bedrohung nachgezeichnet, die im Mythos von den
beiden Figuren ausgeht: So ist es nach Horkheimer und Adorno so, dass das Begeh-
ren des männlichen Subjektes, seiner inneren Natur/Weiblichkeit nachzugeben und
sich mit dem Umfeld zu vereinigen, das Projekt der Aufklärung und damit der Zivilisa-
tion von ihrem Anbeginn an gefährdet hat. Wenn das Subjekt dieser Gefahr nach-
geht, wird es letztlich selbst zu einem passiven Objekt, einer Existenzweise, die es
vorher der Frau und der Natur zugeschrieben hätte. An dieser Stelle bleibt die Frage
offen, warum es so dargestellt wird, als sei eine Rückkehr zur Natur/Weiblichkeit
bzw. eine Vereinigung mit ihr für das maskuline Subjekt überhaupt noch möglich.
Diese Frage stellt sich vor allem deswegen, da in dieser Textstelle angenommen
wird, dass die Vereinigung mit der Natur bzw. das Ausleben der inneren Weiblichkeit
eine Gefahr für die Zivilisation sei. An anderen Stellen, zum Beispiel, wenn ange-
merkt wird, dass die Aufklärung totalitär sei41, klingt es dagegen so, als sei die ex-
emplarische Odyssee des Subjekts aus der Natur nicht mehr rückgängig zu machen.

Auch wird innerhalb der Sirenen-Interpretation darauf verwiesen, dass die Männer
auch Leidtragende des patriarchalen Systems sind:

Furchtbares hat sich die Menschheit antun müssen, bis das Selbst, der identische,
zweckgerichtete, männliche Charakter des Menschen geschaffen war, und etwas
42
davon wird noch in jeder Kindheit wiederholt.
Hier wird auch klar gemacht, dass dieses entstandene Subjekt ein maskulines ist.
Außerdem wird deutlich, dass dieser Prozess einer ist, der nur mit Entbehrungen des

40
Ebd., S. 40.
41
Vgl. ebd., S. 31.
42
Ebd., S. 40.
Seite 11
Menschen möglich war. Dadurch, dass dieser Prozess nach Adorno und Horkheimer
in der Erziehung von Kindern nachvollzogen wird, ist klar, dass jeder Mensch, also
auch männliche Kinder, unter dem Patriarchat leiden.

Die Sirenen haben genauso wie Kirke einen privilegierten Zugang zur Natur: Wäh-
rend Kirke als Magierin Menschen in Naturwesen verwandelt, sind die Sirenen
Mischwesen von Natur und Mensch und passen damit in eine patriarchale Vorstel-
lung der Weiblichkeit, in welcher die Frau als Vermittlerin zwischen Natur und
Mensch auftaucht43.

Die Sirenen haben auch die ihnen von den Autoren beigemessene Bedeutung mit
Kirke gemein: Kirke steht exemplarisch „als erster weiblicher Charakter“44, die Episo-
de mit den Sirenen wird als „ahnungsvolle Allegorie der Dialektik der Aufklärung“45
bezeichnet. Wie Kirke auch, werden die Sirenen dazu genutzt, um Patriarchatskritik
zu betreiben, da sie als Wesen beschrieben werden, die „mit dem unwiderstehlichen
Versprechen von Lust, als welches ihr Gesang vernommen wird, die patriarchale
Ordnung [bedrohen]“46.

Allerdings ist die Rolle der Sirenen in der Odyssee eine andere: Während Kirke als
Prototyp der neuen Weiblichkeit im Patriarchat fortexistiert, finden die Sirenen in der
entstandenen aufgeklärten, patriarchalen Welt keine Erwähnung mehr: „Das Epos
schweigt darüber, was den Sängerinnen widerfährt, nachdem das Schiff entschwun-
den ist.“47

Beim Vergleich der beiden Episoden ist außerdem zu beachten, dass die Textstelle
mit den Sirenen in der Odyssee im Handlungsverlauf nach der Episode mit Kirke er-
scheint. In Zusammenhang mit der Warnung Kirkes vor den Sirenen48, ergibt sich
daraus eine besondere Symbolik, welche im Text nicht weiter untersucht wird. Kirke
als Prototyp der Frau im Patriarchat stattet Odysseus mit dem Wissen aus, wie er die
verbliebene Natur/Weiblichkeit (scheinbar) endgültig überwinden kann, nachdem sie

43
So ist Simone de Beauvoir der Auffassung, dass die Frau eine Rolle zwischen der Natur und dem
männlichen Bewusstsein einnimmt, da die Natur zu wenig Widerstand leisten kann, um ein Bewusst-
sein aus ihr entstehen zu lassen und ein anderes (männliches) Bewusstsein zu viel Widerstand erhebt
und selbst als Wesen anerkannt werden will. Die Frau wird deshalb als Mischform vorgestellt, die zwar
Bewusstsein hat, aber nicht genügend, um ausreichend Widerstand zu leisten. Diese Vorstellung wird
vom Männlichen dann im Patriarchat in die Wirklichkeit umgesetzt (Vgl. Lindhoff, Lena: Einführung in
die feministische Literaturtheorie, Stuttgart 2003).
44
Horkheimer u. Adorno: Dialektik der Aufklärung, S. 80.
45
Ebd., S. 41.
46
Ebd., S. 39.
47
Ebd., S. 67.
48
Vgl. ebd., S. 39-40.
Seite 12
sich selbst von ihrer Natur/Weiblichkeit entfernt hat und bereits eine Mittlerfunktion
zwischen dem entstandenen männlichen Bewusstsein und dem Anderen einnimmt.

3.2. Hegemoniale Männlichkeit als Vorrausetzung zur Kunst

Innerhalb der Sirenen-Interpretation zeigt sich, dass das bürgerliche Kunstverständ-


nis eine hegemoniale Männlichkeit zur Vorrausetzung hat. Die hegemoniale Männ-
lichkeit49 als Merkmal der patriarchalen Gesellschaft wird von den Autoren aufge-
zeigt, ohne ihre Brisanz weiter zu analysieren:

Er kennt nur zwei Möglichkeiten des Entrinnens. Die eine schreibt er seinen Ge-
fährten vor. Er verstopft ihnen die Ohren mit Wachs, und sie müssen nach Leibes-
kräften rudern. [...] Frisch und konzentriert müssen die Arbeitenden nach vorwärts
blicken und liegen lassen, was zur Seite liegt. [...] Die andere Möglichkeit wählt
50
Odysseus selber, der Grundherr, der die anderen für sich arbeiten lässt.
So zeigt sich an dieser Stelle, wie innerhalb der Männer eine Hierarchie entsteht: Auf
der einen Seite die Mannschaft des Schiffes als Prototyp des befehlempfangenden
Arbeiters, die von der Kunst (dem Gesang der Sirenen) nichts mitbekommen dürfen,
da sie sonst der Natur/Weiblichkeit verfallen würden, was vor allem ihrem Auftrag,
Odysseus zu transportieren, widersprechen würde. An keiner Stelle im Text wird auf
dieses Repressionsverhältnis unter Männern weiter eingegangen, wobei es ein-
drucksvoll dokumentiert, dass die Unterdrückung auf Grund des Geschlechts im Pat-
riarchat keineswegs auf Frauen reduziert ist. Odysseus, auf der anderen Seite kann
dank der Leistung seiner Besatzung die Sirenen überlisten. Indem er sich festbinden
lässt, kann er die Kunst genießen, ohne ihr zu verfallen:

Er hört, aber ohnmächtig an den Mast gebunden, und je größer die Lockung wird,
um so stärker läßt er sich fesseln, so wie nachmals die Bürger auch sich selber
das Glück um so hartnäckiger verweigern, je näher es ihnen mit dem Anwachsen
50
der eignen Macht rückte.
Zusätzlich wird an dieser Stelle auf einen Charakterzug des Bürgerlichen bzw. des
männlichen, aufgeklärten Subjekts verwiesen, nämlich die Forderung an das Indivi-
duum, sich niemals dem Verlangen nach einem Glückszustand vollständig hinzuge-
ben. So wird hier der Prototyp der Bourgeoisie und des Proletariats, sowie beider

49
Der Begriff hegemoniale Männlichkeit stammt von Bob Connell. Der Begriff unterstellt die Existenz
unterschiedlicher Männlichkeiten, unter denen eine die dominante bzw. hegemoniale Form darstellt.
Aus der Abwertung anderer Männlichkeiten durch die hegemoniale Form resultiert – neben der Herr-
schaft über Frauen – auch eine Hierarchie unter Männern (Vgl. Döge, Peter: Abschied vom mächtigen
Mann. Geschlechterdemokratie. Widersprüche der Männlichkeit oder warum Hänschen heimlich wei-
nen muss, es aber öffentlich tun dürfen sollte, aus: Freitag 39, Berlin 1999 -
http://www.freitag.de/1999/49/99491801.htm).
50
Horkheimer u. Adorno: Dialektik der Aufklärung, S. 40.
Seite 13
Umgang mit der Kunst vorgezeichnet: Der Bürger kann sie genießen, darf ihr aber
nicht verfallen; der Arbeiter kann sie nicht einmal genießen. Dass die Odyssee mit
Odysseus eine bürgerlich handelnde Figur zum Helden macht, stützt die Behauptung
der Autoren, dass die Odyssee exemplarischen Charakter für die Dialektik der Auf-
klärung hat.

In der Odyssee entkommen Odysseus und seine Mannschaft mit dieser Aufteilung
den Sirenen und lassen damit die Natur/Weiblichkeit hinter sich. Damit ist klar, dass
Frauen in der gesellschaftlichen Hierarchie noch unter den Arbeitenden stehen. Es
ist noch anzumerken, dass innerhalb der Interpretation nur Odysseus als Stellvertre-
ter für den bürgerlichen Menschen als Subjekt gekennzeichnet wird. Offen bleibt da-
mit die Frage, inwiefern der arbeitende Mann auch ein Subjekt darstellt, zumal er in
der Geschichte auch ein scheinbarer Sieger über die Natur ist.

Innerhalb der Sirenen-Interpretation wird auch der Kunstbegriff abgehandelt, so dass


sich dieser auch eine geschlechtliche Dimension hat. Die Kunst ist kann man dem
Text nach als die männliche Institutionalisierung der Weiblichkeit und der Natur be-
zeichnen. Wie oben schon angedeutet, genießt Odysseus den Gesang der Sirenen,
ohne ihm zu verfallen oder ihm verfallen zu können, da er an den Mast des Schiffes
gebunden ist. Dadurch wird der Gesang der Sirenen, welcher die Verführung der äu-
ßeren Natur/Weiblichkeit, der inneren Natur/Weiblichkeit nachzugeben, symbolisiert,
„zum bloßen Gegenstand der Kontemplation neutralisiert, zur Kunst.“51 Da diese
Neutralisation einen rationalen Akt des bewussten Subjektes darstellt, wird mit der
Kunst nicht nur die Natur, sondern auch die Weiblichkeit in das Patriarchat integriert:

[Odysseus] realisiert, daß er, wie sehr auch bewußt von Natur distanziert, als Hö-
render ihr verfallen bleibt. [...] Odysseus erkennt die archaische Übermacht des
52
Liedes an, indem er technisch aufgeklärt, sich fesseln läßt.
Durch die Anerkennung der Macht der Weiblichkeit kann Odysseus Maßnahmen er-
greifen, ihr nicht mehr vollständig zu verfallen, sondern nur als „Hörender“52. Die
Weiblichkeit wird also in Form der Kunst im Patriarchat verankert. Dies wirkt sich
nach Adorno und Horkheimer negativ auf die Qualität der Musik aus: „Seit der [...]
Begegnung des Odysseus mit den Sirenen sind alle Lieder erkrankt“53.

In der Sirenen-Interpretation wird außerdem klargemacht, dass Kunst der entstande-


nen hegemonialen Männlichkeit bedarf:

51
Ebd., S. 41.
52
Ebd., S. 67.
53
Ebd., S. 67.
Seite 14
Das Kulturgut steht zur kommandierten Arbeit in genauer Korrelation, und beide
gründen im unentrinnbaren Zwang zur gesellschaftlichen Herrschaft über die Na-
54
tur.
Nach dieser Textstelle wird erst durch die Wechselbeziehung zwischen den Arbei-
tenden und dem Kunstgenuss des Herrschenden die Natur und damit die Weiblich-
keit dem männlichen Subjekt untertan. Dennoch stellt sich die Frage, wie diese
Wechselbeziehung aussieht. Sie wird von Adorno und Horkheimer folgendermaßen
definiert:

Odysseus wird in der Arbeit vertreten. Wie er der Lockung zur Selbstpreisgabe
nicht nachgeben kann, so entbehrt er als Eigentümer zuletzt auch der Teilnahme
an der Arbeit, [...] während freilich die Gefährten bei aller Nähe zu den Dingen die
Arbeit nicht genießen können, weil sie unter Zwang, verzweifelt, bei gewaltsam
55
verschlossenen Sinnen vollzieht.
Nur dadurch, dass Odysseus „in der Arbeit vertreten“55 wird, kann er den Gesang als
Kunst genießen. Umgekehrt hat die Besatzung außer ihrem Leben nichts von ihrer
Arbeit, da ihnen die Partizipation an der Kunst versagt bleiben muss, da sie ansons-
ten der Natur/Weiblichkeit verfallen würden, womit auch Odysseus als bürgerliches
Individuum dem Untergang geweiht wäre.

Die Kunst ist damit nicht nur ein Produkt des Patriarchats, sondern bedarf dem Text
nach einer hegemonialen Männlichkeit. Das bedeutet, dass nicht nur Frauen von der
Kunst ausgeschlossen sind, sondern auch soziale Schichten außerhalb des Bürger-
tums. Der Text kommentiert diesen Aspekt, der einen Widerspruch zwischen den
Maximen der Aufklärung und der von Adorno und Horkheimer in die Odyssee inter-
pretierte Praxis der Aufklärung markiert, nicht.

4. Kritik am Frauenbild des Textes

Sowohl aus dem Frauenbild als auch aus dem Begriff des Weiblichen im Text erge-
ben sich einige Probleme für die feministische Theoriebildung.

So speist sich das Bild des Weiblichen und der Frau, wie oben gezeigt, aus der Ana-
lyse des Epos der Odyssee. Das dort gezeigte Rollenverhalten als exemplarisch zu
deuten, ohne sich der Perspektive der realen Frau in der Gesellschaft zu nähern, ist
androzentristisch.56 Schließlich handelt es sich bei der Odyssee, als auch bei denen

54
Ebd., S. 41.
55
Ebd., S. 41-42.
56
Vgl.: Schultz, Irmgard: Julie und Juliette und die Nachtseite der Geschichte Europas. Naturwissen,
Aufklärung und pathetische Projektionen in der „Dialektik der Aufklärung“ von Adorno und Horkheimer,
Seite 15
im zweiten Exkurs benutzten Texten von Nietzsche und Sade um Texte aus einer
männlichen Perspektive.

Ein weiteres zentrales Problem ist der Umgang mit den Bipolaritäten, somit auch der
Zweigeschlechtlichkeit. Zwar wird demonstriert, dass die Kategorie weiblich letztlich
ein Produkt der männlichen Vernunft in ihrem Abgrenzungswunsch darstellt, an kei-
ner Stelle werden aber Möglichkeiten erörtert, diese irrationale Setzung zu widerru-
fen.

Die Gleichsetzung des Weiblichen mit der Natur erweist sich in dem Text als zwie-
spältig, zwar wird im zweiten Exkurs angemerkt, dass die Frau „als vorgebliches Na-
turwesen [ein] Produkt der Geschichte“57 ist, wenige Sätze darauf heißt es: „Ihre grö-
ßere Affinität zur Natur [...] ist ihr Lebenselement.“58 Dies hat zwei Ursachen: Zum
einen erscheinen Frauen auf Grund ihrer Benachteiligung in der Gesellschaft als
schwach, zum anderen sorgt die „Übermacht männlicher Sexualität“59 dafür, dass
Frauen in Abhängigkeit geraten.60 Trotz dieser offensichtlichen Kritik am Patriarchat,
gibt es im Text „antifeministische Züge“60, die sich zum einen darin äußern, dass
Frauen nicht als Subjekte auftauchen, aber auch gemäß des Subjektsbegriffes gar
nicht auftauchen können. So ist ein Widerstand von Frauen gegen ihre Benachteili-
gung im Text nicht vorgesehen, auch die vergangenen Frauenbewegungen werden
nicht beachtet.61

Für den praktischen Feminismus erweist sich die Feststellung, dass die Aufklärung
ein totalitäres System ist62, als problematisch, zumal jegliche Emanzipation folglich
nur in ihr stattfinden kann und gleichzeitig bedeuten muss, dass sich das entstehen-
de Bewusstsein dem aufgeklärten Subjekt, das ein männliches ist, anpasst. Eine ei-
gene weibliche Identität bleibt ein Widerspruch, der in dem patriarchalen System
zwischen der als passiv gekennzeichneten Weiblichkeit und der Kategorie Identität
besteht, die eigentlich nur Subjekten zukommt – ein vollwertiges Subjekt kann in dem
Koordinatensystem des Textes aber nur männlich sein.

S. 35, aus: Kulke, Christine u. Scheich, Elvira (Hrsg.): Zwielicht der Vernunft. Die Dialektik der Aufklä-
rung aus der Sicht von Frauen, Pfaffenweiler 1992, S. 25-40.
57
Horkheimer u. Adorno: Dialektik der Aufklärung, S. 119.
58
Ebd., S.120.
59
Becker-Schmidt, Regina: Identitätslogik und Gewalt. Zum Verhältnis von Kritischer Theorie und
Feminismus, S. 71, aus: Müller-Warden, Joachim und Welzer, Harald: Fragmente Kritischer Theorie,
Tübingen 1991, S. 59-77
60
Vgl. ebd..
61
Vgl. ebd. S. 72.
62
Vgl. Horkheimer u. Adorno: Dialektik der Aufklärung, S. 31.
Seite 16
4.1. Die Ableitung des Frauenbildes aus einer Ursprungsfiktion und deren
Probleme

Des Weiteren ist zu kritisieren, dass das in dem Text dargestellte Frauenbild sich
ausschließlich aus einer Ursprungsfiktion speist. Die Odyssee, als auch die Texte im
zweiten Exkurs werden zu exemplarischen Urbildern gemacht, ohne dass die Prob-
lematik, dass dem denkenden Wesen der Zugang zu solchen Ursprüngen prinzipiell
verwehrt bleibt, berücksichtigt wird. Da Kontexte verloren gegangen sind, aber auch,
weil ein Heraustreten aus den heutigen Kontexten nicht möglich ist, ist es dem den-
kenden Subjekt verwehrt, sich einen Zustand vorzustellen, in dem das Patriarchat
noch nicht errichtet ist.

Aber auch an anderen Stellen wird auf einen Ursprung referiert, in dem die Stellung
der Frau und des Weiblichen eine Bessere war, so wird im zweiten Exkurs die Ehe
als etwas bestimmt, das „die vorpatriarchale bessere Vergangenheit des Ge-
63
schlechts beschwichtigt.“ Wo und wann diese vorpatriarchale Vergangenheit ge-
herrscht haben soll, bleibt unklar. So scheint es, als wäre diese Vergangenheit ledig-
lich eine Fiktion, mit deren Hilfe es möglich sein soll, die bestehenden Zustände zu
kritisieren – dies wird allerdings an keiner Stelle deutlich.

5. Abschluss

An einigen Stellen wurde bereits deutlich, dass sich die zur feministischen Theorie
kompatiblen Textstellen sich nicht nur im ersten Exkurs finden lassen, sondern auch
in anderen Teilen des Buches. So lassen sich im zweiten Exkurs Vorstellungen dar-
über finden, warum die Frauen noch in der heutigen Gesellschaft unterdrückt wer-
den64. Die Untersuchung dieser sowie die feministische Lektüre anderer Passagen
aus dem Text hätte den Rahmen dieser Arbeit allerdings mit Sicherheit überschritten,
weshalb es bei der vorrangigen Untersuchung des ersten Exkurses bleiben musste.

Innerhalb der Arbeit hat sich gezeigt, dass Dialektik der Aufklärung zahlreiche An-
knüpfungspunkte für feministische Theorie bietet. Allerdings sind sowohl das Frau-
enbild als auch der Begriff des Weiblichen innerhalb des Textes problematisch, nicht
nur für die Theoriebildung, sondern auch für eine geschlechtergerechte Praxis.

63
Ebd., S. 114.
64
Ebd., S. 114-122.
Seite 17
6. Verwendete Literatur

Becker-Schmidt, Regina: Identitätslogik und Gewalt. Zum Verhältnis von Kriti-


scher Theorie und Feminismus, aus: Müller-Warden, Joachim und Welzer, Ha-
rald: Fragmente Kritischer Theorie, Tübingen 1991, S. 59-77

Döge, Peter: Abschied vom mächtigen Mann. Geschlechterdemokratie. Wider-


sprüche der Männlichkeit oder warum Hänschen heimlich weinen muss, es
aber öffentlich tun dürfen sollte, aus: Freitag 39, Berlin 1999 -
http://www.freitag.de/1999/49/99491801.htm

Horkheimer, Max u. Adorno, Theodor W.: Dialektik der Aufklärung. Philosophi-


sche Fragmente, Frankfurt 162001

Lindhoff, Lena: Einführung in die feministische Literaturtheorie, Stuttgart 2003

Politische Möglichkeiten feministischer Theorie. Ein Gespräch mit Andrea Mai-


hofer, in: Deuber-Mankowsky, Astrid u. Konnert, Ursula: Die Philosophin, Heft
11, Tübingen 1995, S. 94-105

Schultz, Irmgard: Julie und Juliette und die Nachtseite der Geschichte Euro-
pas. Naturwissen, Aufklärung und pathetische Projektionen in der „Dialektik der
Aufklärung“ von Adorno und Horkheimer, aus: Kulke, Christine u. Scheich, Elvi-
ra (Hrsg.): Zwielicht der Vernunft. Die Dialektik der Aufklärung aus der Sicht
von Frauen, Pfaffenweiler 1992, S. 25-40

Stephan, Inge: Gender, Geschlecht und Theorie, in: von Braun, Christina u.
Stephan, Inge (hrsg.): Gender Studien. Eine Einführung, Stuttgart 2000, S. 58-
96

Wikipedia: Hetäre, http://de.wikipedia.org/wiki/Hetäre vom 27. August 2007

Seite 18
Plagiatserklärung
Hiermit versichere ich, dass die vorliegende Arbeit über Weiblichkeit und feministi-
sche Motive in der Dialektik der Aufklärung selbstständig verfasst worden ist, dass
keine anderen Quellen und Hilfsmittel als die angegebenen benutzt worden sind und
dass die Stellen der Arbeit, die anderen Werken – auch elektronischen Medien –
dem Wortlaut oder Sinn nach entnommen wurden, auf jeden Fall unter Angabe der
Quelle als Entlehnung kenntlich gemacht worden sind.

(Unterschrift)

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