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SoloDuoTrioQuartett Deutsche Gitarrenmusik von Heinrich Albert, Bruno Henze & Simon Schneider Volker Höh, Gitarre und

SoloDuoTrioQuartett

Deutsche Gitarrenmusik

von Heinrich Albert, Bruno Henze & Simon Schneider

Volker Höh, Gitarre und Quintbass cantomano Quartett

SoloDuoTrioQuartett DEUTSCHE GITARRENMUSIK Heinrich Albert – Bruno Henze – Simon Schneider

Weltersteinspielung

Volker Höh, Gitarre und Quintbassgitarre cantomano Quartett

auf original „Weißgerber“ Gitarren

Christopher Esch, Terz- (18-24) und Primgitarre (13-15) Stefan Gymsa, Terz- (21-24) und Primgitarre (13-20) Volker Höh, Prim- (1-5, 9-11, 19-20, 21-24) und Quintbassgitarre (6-8, 12) Sebastian Schubert, Quintbassgitarre (16-18, 21-24)

Informationen in englischer Sprache unter: www.volker-hoeh.de

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BRUNO HENZE Konzertante Spielmusik fis-Moll op.106 Git.7

Allegro moderato

02:12

Andante con espressione

01:28

Rondino (Allegretto)

02:11

HEINRICH ALBERT

Walzer Git.4

03:55

SIMON SCHNEIDER

Recuerdos de Córdoba

op.129 Git.7

03:01

HEINRICH ALBERT Sonate Nr. 1 Git.3

Energisch bewegt

03:34

Langsam und mit viel Wärme

03:31

Rondo (Schnell)

02:15

SIMON SCHNEIDER

Vals lento Git.5

04:33

Anita Tango op.109 Git.5

03:03

BRUNO HENZE

Variationen und Finale über das Volkslied „Ach, wie ist’s möglich dann“ op.95 Git.7

06:37

Impromptu op.117 Nr.2 Git.3

02:55

SIMON SCHNEIDER Notturno D-Dur für 2 Gitarren op.173 Git.5,6

Allegro moderato

02:54

Larghetto

04:03

Rondino (Allegretto grazioso)

03:20

BRUNO HENZE Suite d-Moll op.100 für Terz-, Prim-, und Quintbassgitarre Git.2,3,5

^

Präludium

02:54

&

Lamentoso

03:11

*

Allegro con brio

03:31

HEINRICH ALBERT Quartett Nr. 2 c-Moll für 2 Terz-, Prim-, und Quintbassgitarre Git.1,2,3,4

(

Allegro

)

Adagio

¡

Menuett

Rondo (Allegretto)

Deutsche Gitarrenmusik

Volker Höh hatte die Idee, eine CD einzuspielen, mit Werken von Gitarre spielenden Komponisten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die in Deutschland beheimatet waren. Material wahr reichlich vorhanden, das wusste er. Er konzentrierte sich auf drei Komponisten, die jeweils im Abstand von ungefähr 15 Jahren geboren wurden: Heinrich Albert (1870-1950), Simon Schneider (1886-1971) und Bruno Henze (1900-1978). Vieles haben diese drei gemeinsam:

Sie waren pädagogisch tätig, haben Lehrwerke herausgegeben, die noch heute gedruckt werden. Sie pflegten die Kammermusik. Albert und Henze betätigten sich im Quartett- und Triospiel mit Terz-, Prim- und Quintbassgitarre; auch Schneider bezog im Trio diese Instrumente mit ein. Und sie hatten regelmäßig Rundfunkauftritte. Was die Kompositionstechnik anbetrifft, ist eine Entwicklung von Albert über Schneider zu Henze nachvollziehbar. Sind bei Albert noch die gitarrentypischen Kompositionsmuster erkennbar, die im Zeitraum Ende 19. Jahrhundert bis Anfang 20. Jahrhundert verbreitet waren, klingen bei Schneider schon gemäßigt moderne Klänge an, aber z.B. im ersten Satz des Notturno D-Dur sind noch Klischees verwendet. Bei Henze kommt das Moderne voll zum Tragen und auch schwelgerische Tremolopassagen ent- fallen nun ganz. Diese Entwicklung ist quasi mikrokosmisch auch bei jedem der drei Komponisten im Einzelnen festzustellen.

Volker Höh nahm Kontakt auf zu Hinterbliebenen bzw. zu denen, die seit Jahrzehnten das Erbe dieser drei Protagonisten verwalten. Er ließ sich Gedrucktes und Manuskripte zusenden, sichte- te das Material und entdeckte viele Schätze. So bietet die CD einen musikalischen Querschnitt aus einer Zeit, wo die klassische Gitarre in Deutschland noch nicht sehr verbreitet war. Gute Gitarrenlehrer gab es nur in München, Berlin und Hamburg, so liest man in den alten Fachzeitschriften. Dass das so nicht stimmt, wissen wir erst aufgrund späterer Forschungen, aber mehr war eben allgemein nicht bekannt - das Internet war noch in weiter Ferne. Aber auch das

war ein Charakteristikum dieser Zeiten: Es fehlte der ständige Austausch; gitarristische Zusammenkünfte oder gar Festivals waren rar, an keiner deutschen Hochschule konnte man Gitarre studieren. So ist es kein Zufall, dass die auf dieser CD verewigten Werke von Komponisten stammen, die in München und Berlin wirkten. Volker Höh hat Kompositionen ausgewählt, von denen jede für sich einen besonderen Reiz hat. Alle Werke sind hier erstmals auf Tonträger veröffentlicht. Mit dieser Einspielung im Jahre 2011 hat er ein glückliches Händchen bewiesen - und das nicht nur, weil es das Jahr des 125. Geburtstages und des 40. Todestages von Simon Schneider sowie des 111. Geburtstages von Bruno Henze ist: Vielmehr gibt es hier wahre Schätze zu entdecken, die Gitarristen, die einmal die ausgetretenen Pfade ver- lassen möchten, unbedingt mit ins Konzertprogramm nehmen sollten.

Zu den drei Komponisten und den eingespielten Werken:

Heinrich Albert

wurde am 16. Juli 1870 in Würzburg (Unterfranken) geboren. 1881-1888 besuchte er dort die Königliche Musikschule. War zuerst die Violine sein Hauptfach, wechselte er auf Anraten des Vaters, der selbst Waldhorn spielte, zum Horn. Statt des Abschlusses bevorzugte er es, sein erstes Engagement im städtischen Orchester von Duisburg anzunehmen. Bis 1900 war er erster Hornist in mehreren Orchestern, 1895-1900 im Kaim-Orchester, aus dem die Münchner Philharmoniker hervorgingen.

Die alte Laute mit Gitarrenbesaitung, die er nur wegen ihrer schönen Form um 1894 erwarb, wurde sein Schicksal: Nach dem Carcassi- und Sor-Lehrwerk brachte er sich selbst das Gitarrenspiel bei. Durch den Gitarristen und Mandolinisten Silvio Negri aus Triest erschloss sich ihm das ganze Potential dieser Instrumente. 1898 gründete er den Circolo Mandolinistico lom- bardo Monaco (20 Spieler), den er auch dirigierte. 1900 wurde München sein fester Wohnsitz, und

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er wurde dort als Gitarrist ans königlich bayerische Theater berufen.

1901 betrat er erstmals mit seinen neu erworbenen Fähigkeiten das Konzertpodium als Kammermusiker: Als Stimmführer eines Lombardischen Quartetts (sechssaitige Mailänder Mandolinen) und auch bereits als Mitspieler in einem Gitarrequartett, obwohl sich das Münchener Gitarrequartett mit Albert als Stimmführer sowie den Herren Karl Kern, Fritz Buek und Hermann Rensch - alles Protagonisten des 1899 gegründeten Internationalen Guitarristen-Verbandes - erst im Jahre 1907 formierte. Anfangs spielte man auf vier Primgitarren, dann mit zwei Terzgitarren, ehe Franz Halbmeyer 1911 die Quintbassgitarre für Rensch baute. Schon ab 1905 hatte sich Heinrich Albert, was Literatur und Technik anbetrifft, an Luigi Mozzani orientiert; ab 1913 beeinflusste ihn die spanische Schule durch Miguel Llobet.

Mit dem 1909 verliehenen Titel Kammervirtuos Ihrer Majestät der Königin Maria Sophia beider Sizilien ausgerüstet, war endgültig der Weg geebnet für eine Solistenkarriere und die Veröffentlichung weit verbreiteter Schulwerke, die in dem Modernen Lehrgang des künstlerischen Gitarrespiels (5 Bände, München 1914-1919) ihren Höhepunkt erreichte. Insbesondere bei seinen Solokonzerten in ganz Deutschland sowie in Mähren, Österreich, Italien, Polen, Schweden, Dänemark und der Schweiz, die nach und nach die Ensembletätigkeit ablösten, konnte man sein selbst entwickel- tes Tonideal (Wärme, Größe, Tragfähigkeit) erleben.

Daneben war er auch stets als Privatmusiklehrer für Gitarre und Mandoline tätig. Er verstarb am 12. März 1950 in Gauting (bei München), wo er ab ca. 1914 lebte. Seine bekanntesten Schüler sind Heinrich Jordan, Margarethe Müller, Fritz Mühlhölzl, Anny Claassens, Hans Tempel, Luise Walker, Heinz Teuchert, Franz Bumaier.

Seine Kompositionen, Bearbeitungen und didaktischen Werke sind u.a. bei den Verlagen Lienau und Zimmermann veröffentlicht. Durch seine Forschungen in den vergangenen Jahren hat der Gitarrist Andreas Stevens viel Interessantes ans Licht gebracht; aus seinen lesenswerten Veröffentlichungen ist dieser Text zusammengestellt worden.

- Den Walzer komponierte Heinrich Albert Weihnachten1947 für seine Schülerin Marianne Rauschmayr. Er steht in D-Dur - mit einem kurzen Ausflug nach G-Dur. Es handelt sich um ein typisches Genrestück, hat etwas von der spezifischen Vagheit des Impressionismus. Die Einleitung wird am Schluss wieder aufgenommen.

Die Sonate Nr. 1 (1920) hat sogar Luise Walker so gut gefallen, dass sie sich 1964 mit Erfolg für einen Nachdruck beim Verlag Zimmermann eingesetzt hat; sie ist auch tatsächlich sehr spie- lenswert. In Energisch bewegt geht es los mit einem einprägsamen Thema in e-Moll und einem strahlenden E-Dur-Teil. Der zweite Satz Langsam und mit viel Wärme steht ganz im Zeichen der Romantik. Das abschließende Rondo fängt mit einem schönen einstimmigen Thema an, um dann fast durchweg in Achteln perlend dahinzufließen zu immer neuen Höhepunkten. Für die- ses Stück wählte Volker Höh ausnahmsweise die Quintbassgitarre als Soloinstrument, um den wunderbar voluminösen Klang einmal in aller Reinheit zu präsentieren.

Das Quartett Nr. 2 c-Moll komponierte Albert 1913 für sein Münchener Gitarrequartett, also für die Besetzung 2 Terz-, 1 Prim- und 1 Quintbassgitarre. Der erste Satz ist ein Allegro (energisch), gefolgt von einem durch viele Synkopen rhythmisch anspruchsvollen Adagio, dessen Thema an osteu- ropäische Tänze erinnert, während das Menuett deutlich den Charakter eines bayrischen Ländlers hat. Das abschließende Rondo knüpft an die Thematik des Adagios an und steigert sich in schnellen Läufen zu einem wirbelnden Höhepunkt.

Simon Schneider

wurde am 4. Dezember 1886 in Pasing (bei München) geboren. Mit elf Jahren erhielt er ersten Zitherunterricht bei Eduard Högner. Mit 17 Jahren verpflichtete ihn J.Schmid, Direktor des Tegernseer Bauerntheaters, als Zitherspieler für Gastspiele in Deutschland und Österreich. Später konzertierte er auch in Holland. 1908 bildete er sich in München bei Michael Schricker in

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Musiktheorie und im Klavierspiel weiter. Ab 1909 interessierte er sich für die Gitarre. Bei sei- nem Lehrer Ludwig Resch erarbeitete er sich die Carcassi-Schule. Vorbild wurde ihm jedoch Miguel Llobet, nachdem er ihn 1913 in München im Konzert erlebte. 1920 übersiedelte er nach Hannover, war dort als Lehrer für Gitarre und Zither tätig. Ferner setzte er sein Gesangsstudium bei Franz Notholt fort und trat als Tenor bei Choraufführungen auf. In eigenen Konzerten wirk- te er als Solist und Kammermusiker.

Die 1923 beginnende Inflation machte ihm die Entscheidung leicht, einer Einladung nach Argentinien zu folgen. Nach schwierigem Anfang gelang es ihm, sich eine Existenz als Lehrer und Sänger aufzubauen. Er gab diverse Konzerte in Buenos Aires, Bahía Blanca, Santa Fe, Córdoba und Montevideo. Dadurch, dass er sieben Jahre als Tenor in der Kirche Espíritu Santo wirkte und dort zwei Jahre Chorleiter war, sind seine Kompositionen zum großen Teil von der Kirchenmusik beeinflusst.

1937 kehrte er nach München zurück und gab Konzerte, teilweise unter Mitwirkung seiner Tochter Gabriele. Zunächst war er Lehrer für Gitarre und Zither am Trapp’schen Konservatorium, dann 1949-1970 Dozent für Gitarre und Volkslied an der Pädagogischen Hochschule München-Pasing. Er verstarb am 20. Juni 1971 in München-Pasing.

Seine Kompositionen, Bearbeitungen sowie Schulwerke für Zither und Gitarre sind u.a. bei den Verlagen Hofmeister (Gitarreschule, op, 125), Bachmann sowie im Eigenverlag, den seine Tochter Gabriele weiterhin leitet, erschienen. Sie erhielt einst vom Vater Unterricht, war Dozentin für Gitarre an der Münchner Universität, hält sein Erbe in Ehren und hat auch die Grundlage für diesen Text geliefert. Interessant ist auch, dass sie einige Zeit in einem Quartett mit Terzgitarre, zwei Primgitarren und Quintbassgitarre wirkte. Zudem hat sie wiederum ihre Tochter Ursula unterrichtet, die auch eine Zeitlang Dozentin für Gitarre an der Münchner Universität war.

- Die Werke von Simon Schneider sind nicht datiert, vermutlich komponiert 1920-1950. Recuerdos de Córdoba op. 129 ist ein Tremolostück, das er - in Erinnerung an die argentinische Stadt

Córdoba - seiner Tochter Gabriele widmete. In der Form scheint es, mit Ausnahme der Einleitung, an Tárregas Recuerdos de la Alhambra angelehnt zu sein.

Der Vals lento und der Tango Anita op. 109 sind zwei Genrestücke, die vom Interpreten großes Einfühlungsvermögen und warmen Ton verlangen. Anita, ein echter Ohrwurm, ist zusammen mit dem zugrunde liegenden Liebesgedicht von J. Frontiñan in einer argentinischen Ausgabe (Buenos Aires) abgedruckt; alle anderen hier von ihm eingespielten Werke sind im Eigenverlag Simon Schneider erschienen.

Der erste Satz Allegro moderato des Notturno D-Dur op. 173 mit seinem luftig daher kommenden Thema erinnert an den Kompositionsstil von Fernando Sor, während das Larghetto von einer getragenen Melodie in interessantem Rhythmus zehrt. Dieser thematische Stoff wird im Rondino verändert wieder verwendet, nunmehr im lockeren 6/8-Takt sich wieder mehr dem Sor’schen Geist nähernd.

Bruno Henze

wurde am 12. Mai 1900 in Berlin geboren. Er bekam von seinem Vater Carl Henze (1872-1946), der als einer der Pioniere der Zupfmusik gilt, schon als Jugendlicher Gitarrenunterricht. So durf- te der kleine Bruno schon während der Aufführungen des Berliner Mandolinen- und Lauten- Orchesters erste Soli von Carcassi vorspielen. Ab 1915 bis zum Lebensende war er als Gitarrenlehrer tätig. Schon um 1920 gründete er erstmals einen Gitarrenchor und 1921 wurde seine erste Komposition gedruckt, ehe er 1922-26 an der Hochschule für Musik Harfe, Klavier und Komposition studierte. Schon 1922 bescheinigte ihm der Konzertkritiker bei einem Kammermusikabend mit Gitarre: „Bruno Henze verfügt über einen tadellosen Anschlag und verhütete dadurch in der Cantilene sowie in der Begleitung die üblichen Nebengeräusche“. In mehreren Orchestern Mittel- und Westdeutschlands wirkte er als Harfenist.

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Ab 1932 war er in Berlin Gitarrist und Harfenist an den Bühnen von Max Reinhardt und im Philharmonischen Orchester, gründete mit Willi Schlinske (1. Terzgitarre), Gerhard Tucholski (2. Terzgitarre), Erich Bürger (Primgitarre) das Berliner Gitarrenquartett, in dem er sebst die Quintbassgitarre übernahm. Oft erzählte er von den schwierigen Rundfunkaufnahmen, immer live - und das mit den empfindlichen Darmsaiten! Zu seinem Leidwesen wurde er auch zum Kriegsdienst eingezogen, wenn auch des Öfteren freigestellt für Filmproduktionen.

Ab 1946 war er Harfenist im Friedrichstadtpalast in Berlin-Mitte, gründete das Berliner Zupforchester (1950-1953). 1950 begann er mit der Edition seines Lehrwerks „Das Gitarrespiel“ (17 Bände).1954-1978 hatte er eine sehr aktive Gitarrenklasse an der Musikschule Berlin-Wedding, gründete 1955 dort den Gitarrenchor, der noch heute unter dem Namen Gitarrenemsemble „Bruno Henze“ regelmäßig Konzerte gibt. Auch zu Zeiten der Berliner Mauer (ab 1961) hielt er stets regen Kontakt zu den Musikerkollegen im Osten, besonders zu „seinem“ Gitarrenbauer Adolf Meinel in Markneukirchen, und besuchte stets die Leipziger Messe. Leider hat er die Maueröffnung nicht mehr miterlebt, denn er verstarb am 10. Februar 1978 in Berlin.

Seine bekanntesten Schüler sind Erich Bürger, Adalbert Quadt, Hans-Lutz Niessen, Yvonne Gaes, Dieter Rumstig, Friedhelm Steltner, Egon Puls, Bernd Romahn, Rolf Kaiser, Christian Bänsch. Seine Kompositionen, Bearbeitungen und didaktischen Werke sind u.a. bei den Verlagen Hofmeister, Köster, Zimmermann und Trekel veröffentlicht. Seine Lebensgefährtin Else Goguel, die einst seine Schülerin und Duopartnerin war, um dann selbst über 50 Jahre als Gitarrenlehrerin zu wirken, verwaltet mit Unterstützung seines Schülers Rainer Stelle seinen Nachlass. An seinem Wohnhaus in Berlin-Kreuzberg hat die Stadt Berlin am 12. Mai 1991 eine „Berliner Gedenktafel“ angebracht.

- Die Konzertante Spielmusik fis-Moll op. 106 (1948) schuf Bruno Henze, um in dieser Tonart für sein Schulwerk „Das Gitarrespiel“ (Verlag Friedrich Hofmeister, Leipzig) ein Konzertstück zur Verfügung zu haben; es erschien dort im Jahre 1951 im Heft 3. Das Allegro moderato beginnt mit

einem aufgeregten Bassthema, das in romantische Akkordzerlegungen mündet. Dieser Spannungsbogen wird bis zum Sechzehntel-Schlusslauf durchgehalten, immer wieder neu ent- facht durch wechselnde Tempi, staccato, tenuto. Es folgt ein lyrisches Andante con espressione und schließt mit dem romantischen Rondino, das fast durchgehend punktiert ist, um am Ende nochmals mit einer variierten Form die Aufregung des ersten Satzes aufzunehmen.

Variationen und Finale über das Volkslied „Ach, wie ist’s möglich dann“ op. 95 (ca. 1947) sind in der Zeitschrift „ Der Gitarrefreund“ (Nr. 3-4, 1955: Neuausgabe Trekel T 6446) abgedruckt worden. Das Werk steht in E-Dur, beginnt mit dem Thema (Liebeslied aus dem 19. Jahrhundert), gefolgt von vier Variationen und dem virtuosen Finale sowie einer Reminiszenz mit weich durchgestri- chenen Akkorden.

In dem Impromptu op. 117 Nr. 2 aus den Melodischen Etüden (ca. 1957) gelingt es Bruno Henze, den Zuhörer zu faszinieren - mittels durchgängiger Sechzehntel-Akkordbrechungen und Melodie in der Oberstimme. Es ist beim Verlag Polskie Wydawnictwo Muzyczne (Krakau 1959) im Band 2 der Sammlung „Wybór etiud“ von Józef Powrozniak veröffentlicht worden. Hier von Volker Höh auf der Quintbassgitarre gespielt.

Die Suite d-Moll op. 100 (1949) komponierte Henze für sein Berliner Gitarren-Trio, also für die Besetzung Terz-, Prim- und Quintbassgitarre. Es ist ein bisher unveröffentlichtes Werk, in dem sich Henze aus der Romantik löst und sich der Moderne auftut. Alle Sätze weisen reizvolle Dissonanzfolgen und Temposchwankungen auf. Das Präludium wogt in schnellen Läufen auf und ab, um dann plötzlich innezuhalten. Der Mittelsatz Lamentoso wühlt den Zuhörer ganz tief auf, lässt nur zweimal ein kurzes zweitaktiges Aufatmen an den Stellen zu, wo an das Dur- Thema des ersten Satzes erinnert wird. Der offene Schluss leitet über zum frechen Thema des Allegro con brio mit einem tänzerischen Dur-Mittelteil.

Rainer Stelle, Berlin

Richard Jacob und die „Kunstwerkstätte für Gitarren Weißgerber“

Richard Jacob wurde am 11. Februar 1877, als Sohn des Gitarrenmachers Karl August Jacob, im vogtländischen Markneukirchen geboren. Von klein auf faszinierte ihn das Handwerk seines Vaters, der hochwertige und reich verzierte Instrumente herstellte. Wegen der schlechten wirt- schaftlichen Lage der Markneukirchner Gitarrenmacher gegen Ende des 19. Jahrhunderts und der Abhängigkeit von den Verlegern (geliefert wurde zu dieser Zeit ausschließlich an die loka- len Großhändler, sogenannte „Fortschicker“), absolvierte Richard eine Lehre als Zithermacher (1891-1894), ein Handwerk das sich zu dieser Zeit stark entwickelte und scheinbar eine vielver- sprechende Zukunft bot. Nach einigen Jahren als Gehilfe und dem Militärdienst (1897-1899), wechselte er jedoch aus eigenem Wunsch zum Gitarrenbau. Zuerst noch als Geselle in der Werkstatt von Wilhelm Voigt tätig, machte sich Richard Jacob im Jahre 1905 als Gitarrenbauer selbstständig. Bis 1911, dem Jahr seiner Hochzeit mit Maria Magdalena Wächter, arbeitete er mit seinem Vater in dessen Werkstatt. Aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg sind - bis auf eine Ausnahme - keine Gitarren aus seiner Hand bekannt, es kann jedoch vermutet werden, dass er alle damals populären Gitarrentypen, vornehmlich jedoch Wiener Modelle, herstellte. Wie in Markneukirchen üblich, wurden auch alle von ihm gefertigten Instrumente von den Verlegern vermarktet.

1916, nach der Rückkehr von der Front, begann der noch junge, aber schon erfahrene Handwerker eine neue Modellpalette zu entwerfen, die er fortan ständig weiterentwickelte. Seine in Form und Dekor außergewöhnlichen Instrumente sowie deren exquisite Verarbeitung, machten ihn schon bald zu einer Ausnahmeerscheinung innerhalb der großen Markneukirchner Konkurrenz. Durch die Einzigartigkeit seiner Produkte wurde es möglich, dass Richard Jacob 1921 eine eigene Hersteller- und Handelsmarke einführen konnte, ohne Repressionen von Seite

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der mächtigen Händler fürchten zu müssen. Sein Beiname „Weißgerber“ (in Markneukirchen war und ist es üblich häufig vorkommende Familiennamen mit Zusatznamen zu versehen), der sich auf das über mehrere Jahrhunderte ausgeübte Handwerk seiner Vorfahren bezieht, wurde zu sei- nem Markennamen. Dieser steht für Tradition, Unverwechselbarkeit und feinstes Handwerk.

Im gleichen Jahr kam Miguel Llobet zum ersten Mal nach Markneukirchen, bei seinem zweiten Besuch 1924 wurde er von dem jungen Andrés Segovia begleitet. Besonders dieses zweite Erscheinen der spanischen Gitarrenvirtuosen mit mehreren Konzerten in der Musikinstrumentenstadt und persönlichen Begegnungen hinterließ einen nachhaltigen Eindruck auf den Gitarrenbauer. Das Erleben des damals für Deutschland noch fast unbekannten Gitarrentypus in Verbindung mit einer bis dahin nicht gehörten instrumentalen Virtuosität führ- te bald darauf zu einem radikalen Umdenken und gaben dem deutschen Gitarrenbau eine neue Richtung. Richard Jacob erkannte um die Mitte der 1920er Jahre die zukunftsweisenden Möglichkeiten der andersartigen Konstruktion und wendete sich etwa 1926 komplett von der Wiener Gitarrenbau-Tradition ab, um sich fortan ausschließlich dem Bau spanischer Gitarren nach Antonio de Torres (1817-1892) zu widmen. Diesem Instrumententyp blieb er bis Ende der 1930er Jahre treu, wenngleich er die Instrumente dieser Reihe - sowohl hinsichtlich der kon- struktiven Elemente als auch des Dekors - immer wieder veränderte und stetig weiterent- wickelte.

Um 1940 lief die Produktion von Modellen nach klassischer spanischer Art aus. Die letzten bei- den Jahrzehnte seines Lebens widmete sich Richard Jacob der Erforschung neuer Möglichkeiten im Gitarrenbau, er versuchte sowohl mittels experimenteller und individueller Konstruktionsweisen als auch mit Anleihen aus dem historischen Instrumentenbau die Gitarre als Konzertinstrument weiterzuentwickeln. Der bedeutendste Schritt auf der Suche nach Verbesserungen war die Einführung der Hohlkehle der Decke und bald darauf auch des Bodens, eine Idee, die der Markneukirchner vom Streichinstrumentenbau übernahm und für die Konstruktion von Konzertgitarren adaptierte. Diese Entwicklung gipfelte nach 1950 in der

Schaffung eines - nach konstruktiven Gesichtspunkten - gänzlich eigenständigen Gitarrenmodells. Dieses Modell vereint die über 60-jährige Erfahrung des kreativen Handwerkers und traditionsbewussten Erneuerers Richard Jacob. Die „Große Konzert Solo“ ist Abschluss und Krönung eines in Menge und Vielfalt einzigartigen Lebenswerkes.

Richard Jacob baute bis an sein Lebensende Gitarren und vollendete selbst in seinem letzten Lebensjahr, 83-jährig, noch drei Instrumente. Der Markneukirchner Meister starb am 17. Juli 1960. Bis 1990 führte sein ältester Sohn Martin (1911-1991) die „Kunstwerkstätte für Gitarren Weißgerber“ im Sinne seines Vaters weiter.

Sohn Martin (1911-1991) die „Kunstwerkstätte für Gitarren Weißgerber“ im Sinne seines Vaters weiter. 19 8.551291

Die Instrumente der CD

Die Instrumente der CD Gitarre 1: Terzgitarre Nr. 27.7.3, Rio-Palisander/Fichte, Mensur 56cm, Baujahr 1927 (ohne Abb.)
Die Instrumente der CD Gitarre 1: Terzgitarre Nr. 27.7.3, Rio-Palisander/Fichte, Mensur 56cm, Baujahr 1927 (ohne Abb.)
Die Instrumente der CD Gitarre 1: Terzgitarre Nr. 27.7.3, Rio-Palisander/Fichte, Mensur 56cm, Baujahr 1927 (ohne Abb.)

Gitarre 1: Terzgitarre Nr. 27.7.3, Rio-Palisander/Fichte, Mensur 56cm, Baujahr 1927

(ohne Abb.) Gitarre 2: Terzgitarre Nr. 029.6/7, Ahorn/Fichte, Mensur 54cm, Baujahr 1927 (Angabe auf dem Zettel - vermutlich 1929)

Schon im frühen 19. Jahrhundert gab es Bestrebungen den Tonumfang der Gitarre für das kam- mermusikalische Zusammenspiel z. B. in Gitarrenduos zu vergrößern. Terzgitarren der Zeit sind sowohl aus der Stauffer-Werkstatt als auch aus anderen Wiener Werkstätten bekannt. In den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts entstanden im Zusammenhang mit der Wandervogelbewegung und der Entwicklung des „künstlerischen Gitarrespiels“ in Deutschland zahlreiche Zupforchester und Kammermusik-Ensembles. Daraus erwuchs ein zunehmender Bedarf an Ensemble- Instrumenten mit erweitertem Tonumfang.

Sowohl die für die Aufnahmen verwendeten Terzgitarren als auch der Quintbass wurden zwi- schen 1927 und 1929 gebaut. Dass Richard Jacob schon zu dieser Zeit Gitarren speziell für das damals moderne Spiel in Zupfgruppen und Ensembles baute, macht deutlich, dass er sein Angebot bewusst nach den aktuellen Strömungen der musikalischen Praxis ausrichtete.

Die beiden hier vorgestellten „Weißgerber“-Terzgitarren sind, typisch für die Zeit des Entstehens, nicht mehr nach Wiener Manier gebaut, sondern sowohl in Form als auch Konstruktion an die modernere spanische Bauweise angelehnt. Neben der strahlenförmig beleisteten Decke, den tie- feren Zargen und der geringeren Bodenwölbung ist auch der Knüpfsteg ein Merkmal dieser Bauweise. Richard Jacob nannte die Konstruktion seiner spanischen Modelle zu dieser Zeit „meine neueste freischwingende Bauweise“, was den Unterschied zu der steifen Wiener Korpuskonstruktion verdeutlicht. Auch bei diesen Instrumenten, deren Korpusgrößen den Mensuren entsprechend verkleinert wurden, ging es dem Meister um den bestmöglichen Klang, der Ton sollte möglichst edel und tragend sein und sich sowohl im Ensemble als auch im Konzertsaal durchsetzen.

Die beiden Terzgitarren von 1927 und 1929 zeigen die typischen Gestaltungsmerkmale der großen spanischen „Weißgerber“-Gitarren des jeweiligen Baujahres und stehen somit beispiel- haft für die stetige Weiterentwicklung der Instrumente dieser Modellreihe gegen Ende der 1920er Jahre.

Gitarre 3: Quintbass-Gitarre Nr. 28.8/5, Ahorn/Fichte, Mensur 70cm, Baujahr 1928 Im ausgehenden 19. Jahrhundert wurden

Gitarre 3: Quintbass-Gitarre Nr. 28.8/5, Ahorn/Fichte, Mensur 70cm, Baujahr 1928

Im ausgehenden 19. Jahrhundert wurden mit der Wiener Volksmusik Gitarren (Schrammel- Gitarren) populär, die mittels zusätzlicher Saiten einen nach unten erweiterten Tonumfang hat- ten. Auch Richard Jacob baute spätestens nach seiner Rückkehr aus dem 1. Weltkrieg Konzertgitarren mit freischwingenden Bass-Saiten in verschiedenen Formen, vornehmlich Wiener Wappengitarren, nach 1920 auch das „Münchner Modell“ und ab Mitter der 1920er Jahre einen eigenen Entwurf in spanischer Form: die „Konzert-Kontra-Gitarre“. Die Anfang des 20. Jahrhunderts für das Ensemblespiel entwickelte Quintbass-Gitarre ermöglichte - im Gegensatz

zu den Instrumenten mit freischwingenden Bass-Saiten - ein Spiel über das gesamte Griffbrett und damit den vollen Tonumfang (Stimmung eine Quinte tiefer als die Primgitarre: A 1 -D-G-c- e-a). Dieser Gitarrentyp wurde in Deutschland populär nachdem Franz Halbmeyer 1911 für Heinrich Albert und das Münchner Gitarren-Quartett ein solches Instrument gebaut hatte. In den 1920er Jahren wurde es üblich, eine freischwingende siebente Saite anzufügen, die dem jeweiligen Stück entsprechend gestimmt werden konnte.

Die hier vorgestellte Quintbass-Gitarre ist bis heute die einzige bekannte Gitarre Richard Jacobs für diese Stimmung. Der Umriss des Instrumentes entspricht einem größeren spanischen Modell, die Konstruktionsweise jedoch der Wiener Manier. 1928 hatte sich die spanische Bauart in der „Weißgerber“-Werkstatt bereits vollständig durchgesetzt; die Ausnahme des Rückgriffs auf die Wiener Bauweise für diesen speziellen Instrumententyp (Quer-Beleistung, stark gewölbter Boden und Steckersteg) könnte aus statischen Erwägungen heraus erfolgt sein. Vermutlich erschien dem Meister die weniger filigrane und festere Konstruktion besser geeignet den extre- men Saitenzug zu halten und tiefe Töne abzustrahlen.

(ohne Abb.) Gitarre 4: „Torres“-Modell Nr. 029.6/5, Rio-Palisander, 65cm, Baujahr 1929

Der erste Höhepunkt in der Entwicklung spanischer Konzertgitarren in der „Kunstwerkstätte für Gitarren Weißgerber“ war 1928 die Einführung des „Torres“-Modells. Ab 1926 hatte sich Richard Jacob fast ausschließlich mit dem Bau von Gitarren nach spanischem Vorbild beschäf- tigt. Zwei Jahre später hatten die Instrumente dieser Konstruktionsweise eine Klangqualität, die dem Ideal des spanischen Gitarrentones so nahe kam, dass er die neuen Modelle nach dem Vater der modernen Konzertgitarre „Torres“ benannte, dessen Name im Laufe der 1920er Jahre in Deutschland zu einem Synonym für die Spanische Konzertgitarre geworden war. Das hier vorgestellte Instrument ist sowohl in Konstruktion als auch Design ein typisches Beispiel für das „Weißgerber-Torres-Modell“ aus der Zeit um 1930.

Richard Jacob schreibt in seinem „Weißgerber“-Gitarren-Katalog 1935:

TORRES“~GITARRE Das Ideal der Konzert- und Solo-Gitarre.

Unübertrefflich in Klangschönheit und Reinheit, sowie leichteste Spielbarkeit und Ansprache mit der typischen spa- nischen Klangfarbe.

Eine „TORRES“~Gitarre zu besitzen ist heute der Wunsch eines jeden Gitarristen. War doch der spanische Meister Torres für die Gitarre das, was Straduarius für die Geige war. Die Torres-Gitarre ist unstreitbar die vollkommen- ste. In ihr vereinigen sich alle Vorzüge, welche der Spieler benötigt. Die berühmten Gitarrevirtuosen wie Llobet, Segovia, Pujol, Luise Walker, Mühlhölzl usw. spielen sie. Eine Gitarre nach Torres zu bauen, bei welcher nicht nur die äußere Form, sondern vor allen Toncharakter, Konstruktion, leichteste Spielbarkeit und Ansprache, sowie sauberste Handarbeit dem Original entsprechen, erfordert jedoch den tüchtigsten Meister, der jede einzelne Arbeit an dem Instrument selbst ausführt und die akkustischen Gesetze genau kennt. Verständnis und Geduld, Liebe und völ- lige Hingabe zu seinem Beruf sind Haupterfordernis. Verwendung von nur allerbesten Materials. Großes Lager in nur erstklassigen Edelhölzern, sowie langjährige Pflege und Behandlung dieser durch Luft und Sonne ist erforder- lich. Sein Zusammenarbeiten mit dem ausübenden Musiker führt zu Erfolg. Aber auch der Erbauer muss sein Instrument selbst spielen können. Jahrelange Beobachtung und Kontrolle der halb-, dreiviertel- und ganzfertigen Instrumente gestatten dem Hersteller, volle Garantie für feine Instrumente zu übernehmen, soweit dies möglich ist. Alle diese Vorzüge sind bei mir und den von mir gebauten Gitarren gegeben, und bin ich in dieser Beziehung ohne Konkurrenz.

Um auch wenig bemittelten Kreisen die Anschaffung einer Torres-Gitarre zu ermöglichen, stelle ich diese in ver- schiedenen Ausführungen her.

Gitarre 5: „Simplicio“-Modell Nr. 34.1/2, Rio-Palisander/Fichte, Mensur 65cm, Baujahr 1939 Anfang der 1930er Jahre

Gitarre 5: „Simplicio“-Modell Nr. 34.1/2, Rio-Palisander/Fichte, Mensur 65cm, Baujahr 1939

Anfang der 1930er Jahre war Richard Jacob durch den Berliner Erwin Schwarz-Reiflingen, der unter anderem Gitarren Francisco Simplicios (1874-1932) importierte, mit Instrumenten des katalanischen Meisters in Kontakt gekommen. Inspiriert von deren handwerklicher Perfektion, dem Klang und der Gestaltung entwickelte er die Gitarren seiner spanischen Serie weiter. Das „Simplicio“-Modell mit der Kopfform nach Entwürfen Simplicios wurde das Spitzenmodell jener Ära. Richard Jacob beschreibt das Modell in seinem Gitarren-Katalog folgendermaßen:

Meine neueste Konzert-u. Solo-Gitarre Nr. 123 ist das allerbeste, was die Gitarrebaukunst des In- und Auslandes zu bieten vermag. Sie besitzt alle Vorzüge, die der Solist benötigt, in vollendetem Maße.

Die von Paul Uhlemann (1906-1994) geschnitzte Kopfplatte und die eingelegten Perlmutt- Dreiecke auf den Stegflügeln sind die einzigen auffälligen Schmuckelemente. Gerade die spar- same Gestaltung, die dunkel gebeizte Decke, der Verzicht auf eine Rosette sowie eine wunder- bare Schelllackpolitur verleihen dem „Simplicio“-Modell ein unverwechselbares Äußeres.

Das hier vorgestellte Instrument entspricht in allen Details Richard Jacobs spanischem Spitzenmodell Ende der 1930er Jahre. Im Gegensatz zu der zumeist bevorzugten Konstruktionsweise mit deutschem Halsansatz (Schwalbenschwanz) hat es, wie die meisten zu jener Zeit gebauten Gitarren dieses Modelltyps, einen spanischen Halsfuß. Bemerkenswert ist der Umstand, dass der Steg keine eingelegte Stegeinlage hat, sondern die Saitenauflage direkt aus dem Holz herausgearbeitet wurde.

Dieser Instrumententyp markiert den vorläufigen Abschluss der Entwicklung des Gitarrenbaus nach klassischem spanischen Vorbild in der „Weißgerber“-Werkstatt; ab 1940 begann Richard Jacob wiederum neue Wege zu beschreiten, um die Gitarre als Konzertinstrument „vorwärts zu bringen“.

(Abb. Seite 19 ) Gitarre 6:

„Torres“-Model Nr. 36.4/9, Ahorn/Fichte, Mensur 65cm, Baujahr 1948/51

Das große spanische Modell stammt aus einer Serie von Gitarren, die Richard Jacob Ende der 1940er Jahre baute. Bereits seit Anfang des Jahrzehnts hatte er sich der Aufgabe zugewandt die Gitarre als Konzertinstrument weiterzuentwickeln; neben vielfältigen Experimenten widmete er sich ab 1943 hauptsächlich der Konstruktion von Gitarren mit gekehlten Decken und Böden. Im Gegensatz dazu ist das hier vorgestellte Instrument eine letzte Rückbesinnung auf die klas-

sische spanische Tradition des Gitarrenbaus, kurz bevor der über 70-jährige Meister begann, das Modell „Große Konzert Solo“ zu entwerfen.

Richard Jacob schrieb in dem „Stammbaum“ für die hier vorgestellte Gitarre im September 1951 (Auszug): Diese wunderschöne „Weißgerber“, nach spanischer Art gebaut, nach eigenen Methoden, Erfahrungen und als Idealist. 1948 mit dem Bau begonnen, mit Unterbrechungen nur von mir daran gearbeitet, dann meiner bekannten Kunst- und Mustersammlung in Luft-Lichtbad frei an der Zimmerdecke hängend eingereiht, dann in diesem Jahr vollens fertig gemacht.

Es ist diese keine Serienarbeit, sondern reine Meisterarbeit deutscher Handwerkskunst, wobei jedes einzelne Teil von mir selbst mit größter Sorgfalt angefertigt und akustisch ausgearbeitet wurde. Die Bauweise ist leicht schwingend, in sauberster aparter Ausführung, vollendeter Schönheit und Haltbarkeit, wobei alle Regeln der Akustik ausge- nutzt wurden, sodaß leichteste Spielbarkeit und Tonschönheit gewährleistet sind.

Gitarre 7: Große Konzert Solo Nr. 36.9/5, Rio-Palisander/Fichte, Mensur 65cm, Baujahr 1957 (Abbildung nächste Seite)

Ab 1950 widmete sich Richard Jacob der Entwicklung eines neuen, gänzlich eigenständigen Konzertmodells, in dessen Entwicklung er seine über 60-jährigen Berufserfahrung und sein gesamtes Wissen einfließen ließ. Die „Große Konzert Solo“ vereint sowohl traditionelle Bauweisen (furnierter Hals) als auch innovative und selbstentwickelte (eigenständige) Konstruktionsprinzipien (Hohlkehlen, Beleistung, querliegendes ovales Schallloch, erhabene Ränder) in sich. Durch die Konstruktion mit einem sehr großen, dabei extrem leichten und spannungsfrei verleimten Klangkörper, erreicht der Meister eine außergewöhnlich tiefe Abstimmung der Grundresonanz; die Instrumente dieser Reihe zeichnen sich durch einen grundtönigen singenden Bass, einen klaren silbrigen Diskant sowie Ausgeglichenheit und eine ausgeprägte Trennschärfe aus.

8.551291 28

Martin Jacob beschreibt in den „Werkangaben“ vom 09.09.1988 eine Gitarre gleicher Bauart Nr. 37.0/5 gebaut 1960 (Auszug): Da er [Richard Jacob] in Gedanken immer in der Tradition lebte, kann diese Gitarre ein Vermächtnis sein. Sie ist nach dem großen spanischen Konzertmodell gebaut ausgehend vom Modell Torres und hat 65cm Mensur. Boden und Zargen des Klangkörpers sind aus bestem Rio Jacaranda-Holz und naturfarbig politiert. Auch die erstklassige Decke aus rumänischer Fichte ist so bearbeitet. Boden und Decke des Klangkörpers tragen eine ebenmäßig Hohlkehle und einen niedrigen, schwarzen Zelluloidrand, dazu weiße, erha- bene Zelluloidspäne an Boden, Zargen und Decke und an letztere noch einen schmalen, schwarzen Holzspan. Der

Rand des querliegender ovalen Schallochs entspricht dem Deckenrand. Auch der Zargenstreifen und die Rüsselspitze

Das Konzertgriffbrett aus Ebenholz ist mit einem erhabenen, weißen

gehen in diese Richtung der Formgebung. [ Zelluloidspan unterlegt.

]

Die beiden „Torres“-Modelle und der Quintbass - Vorbesitzer dieses Instrumentes war der Leipziger Gitarrenpädagoge und Herausgeber Walter Götze (1885-1965) - stammen aus dem Nachlass des Berliner Gitarre-Pädagogen und Komponisten Bruno Henze (1900-1978). Das hier erklingende „Große-Konzert-Solo-Modell“ war das Hauptinstrument des Weimarer Gitarristen und Pädagogen Roland Zimmer (1933-1993).

Volker Höh, Gitarre

Volker Höh ist einer der vielseitigsten deutschen Gitarristen. Als Solist, mit Orchestern und in kammermusikalischen Besetzungen ist er - auch als Kulturbotschafter für das Goethe Institut - auf den internationalen Konzert- und Festivalbühnen zu Hause. Seine von der Fachkritik prä- mierten CD-Produktionen zeugen von stilistischer Vielfalt und differenzierter Klangästhetik. Diese setzen, wie seine Konzertprogramme, thematische Schwerpunkte und schlagen einen Bogen von der zeitgenössischen Musik über das klassische Repertoire mit historischen Instrumenten bis hin zur spanisch-lateinamerikanischen Musik. Regelmäßige Rundfunk- und

Fernsehaufnahmen dokumentieren seinen künstlerischen Rang ebenso wie zahlreiche ihm gewidmete Werke renommierter Komponisten. Er ist auf CD- und Film-Produktionen u.a. des RSO Frankfurt mit Dirigenten wie Michael Gielen, Eliahu Inbal, Dmitrij Kitajenko und Marcello Viotti zu hören. 1959 in Altenkirchen/Pfalz geboren, studierte Volker Höh an den Hochschulen in Koblenz und Münster. Ergänzende Auslandsstudien führten ihn zu Julian Bream, Leo Brouwer, Alberto Ponce, José Tomas und dem Pianisten György Sebök. Er wurde mehrfach mit Stipendien und Förderungen ausgezeichnet. Das von ihm gegründete Gitarrenensemble „can- tomano“ ist Preisträger nationaler und internationaler Wettbewerbe. Neben seinen Lehraufträgen an der Universität Koblenz und am Landesmusikgymnasium Rheinland-Pfalz in Montabaur arbeitet er als Herausgeber und Autor für Verlage und Fachmagazine sowie als Juror und Dozent auf internationalen Wettbewerben und Festivals.

Pressesstimme:

„Man wusste oft nicht, was man mehr bewundern sollte: die Ausdrucksfähigkeit des Vortrages, das persönliche Engagement des Solisten oder die nahezu unglaublichen spieltechnischen Fähigkeiten. Artistik auf dem Griffbrett! Volker Höh hinterließ ein staunendes und begeistertes Publikum." (Rhein-Zeitung)

„cantomano“ Gitarrenquartett Christopher Esch · Stefan Gymsa · Sebastian Schubert · Volker Höh

Der Name cantomano bedeutet „Gesang der Hände“ und steht als Sinnbild für ein erfülltes und lebendiges Musizieren. Das Solisten-Quartett, bestehend aus Absolventen der Gitarrenklasse am Landesmusikgymnasium Rheinland-Pfalz in Montabaur, sowie dessen mitspielenden Leiter Volker Höh, geht aus dem schuleigenen Gitarrenensemble „cantomano“ hervor. „cantomano“ ist erster Preisträger des 6. und 7. Deutschen Orchesterwettbewerbes 2004 und 2008, sowie Gewinner der Landes-Orchesterwettbewerbe Rheinland-Pfalz 1999, 2003, 2007 und 2011. Auf

internationalen Wettbewerben wurde das Ensemble mehrfach ausgezeichnet. Konzertreisen führten auch im Auftrag des Goethe Institutes nach Russland, Italien, Bolivien, Argentinien und Uruguay.

CD’s:

Zypern-Variationen, Musik und Texte, Verlag Burger&Müller CKM 093 cantomano live, Aurea Vox 2011-2

Kontakt: Landesmusikgymnasium, Humboldtstr. 6, 56410 Montabaur · www.musikgymnasium.de www.volker-hoeh.de

Das Projekt »Deutsche Gitarrenmusik« wird unterstützt und gefördert von gitarre-foundation hamburg

unterstützt und gefördert von gitarre-foundation hamburg www.gitarre-aktuell.de Recording: Richard-Wagner-Saal

www.gitarre-aktuell.de

Recording: Richard-Wagner-Saal Bayreuth 10.-13.03.2011 Engineering + Editing: Günter Münch, Bayreuth Artwork & Layout: Torsten Hatt · Titelfoto: steko7 · www.photocase.de · Fotos: Carmen Frey Booklettext: Reiner Stelle, Christof Hanusch Strings:

Primgitarren: Savarez Corum New Cristal Terzgitarren: Fisoma, Lenzner, Erlbach Quintbassgitarre: Fisoma, Lenzner, Erlbach

Wir bedanken uns für die Unterstützung folgender Personen, ohne die diese Aufnahme in der Form nicht möglich gewesen wäre: Anneliese Brunner, Else Goguel, Hermann Gräfe, Stefan Hackl, Christof Hanusch, Siegfried H. Hogenmüller, Rainer Linke, Günter Münch, Gabriele Schneider, Reiner Stelle, Andreas Stevens, Norbert Ulbrich – und widmen sie dem Gedenken an Gisela und Benno K. Streu.

Stefan Gymsa, Terz und Primgitarre Volker Höh, Prim- und Quintbassgitarre Christopher Esch, Terz- und Primgitarre Sebastian Schubert, Quintbassgitarre

Volker Höh, Prim- und Quintbassgitarre Christopher Esch, Terz- und Primgitarre Sebastian Schubert, Quintbassgitarre