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Das deutsche Nachrichten-Magazin Das deutsche Nachrichten-Magazin Hausmitteilung Betr.: Titel, Leihmütter, Karstadt

Das deutsche Nachrichten-Magazin

Das deutsche Nachrichten-Magazin

Hausmitteilung

Betr.: Titel, Leihmütter, Karstadt

Schulz
Schulz

D ie Geschichte der Bibel ist vor allem eine Geschichte der Des-

illusionierung – das liegt auch an Forschern wie Israel Finkelstein, Di- rektor des Archäologischen Instituts der Universität von Tel Aviv. Fin- kelstein erforscht mit dem Spatel in der Hand seit 30 Jahren die Historie Israels, und seine Erkenntnisse las- sen eine erstaunliche Analyse des Alten Testaments zu: König David

zum Beispiel war danach nur ein Räuberhauptmann. Anderen Experten zufolge begann der Gott der Bibel seine

Karriere wohl als Götze auf dem Vulkan Hala al-Badr im Nordwesten Saudi- Arabiens – dem Berg auf dem SPIEGEL-Titelbild. Redakteur Matthias Schulz, der seit 25 Jahren zur Geschichte der Religion und des Christentums recherchiert und schreibt, hat mit Finkelstein und vielen anderen Experten gesprochen, und er kommt zu dem Schluss: „Die traditionellen Bibeldeuter geraten zunehmend

in die Klemme.“

Seite 112

A ls Redakteurin Barbara Harding- haus ihre Recherche über Leihmüt-

ter in Georgien begann, war sie skep- tisch. Sie hatte im Vorfeld vieles gehört, oft Negatives. Leihmutterschaft ver- band sie vor allem mit armen, ausge- beuteten Frauen, mit egoistischen Paa- ren aus den Wohlstandszonen der Welt. So erfuhr sie beispielsweise von einem australischen Paar, das sein bestelltes Kind nicht abholen wollte, weil es be-

hindert war. Die Recherche, Gespräche mit Leihmüttern und mit zuvor kinder- losen Paaren aber veränderten Hardinghaus’ Sicht auf diese Dienstleistung.

Heute sieht sie die Leihmutterschaft als ein Modell, das tatsächlich eine Lösung sein könnte, eine letzte Chance für Paare, die auf andere Weise keine Kinder bekommen können: „In Deutschland sind Leihmutterschaften nicht erlaubt, aber möglicherweise sollte die Bundesregierung darüber nachdenken, das in

Hardinghaus (l.)
Hardinghaus (l.)
begründeten Fällen zu ändern.“ Seite 50 E s sind schwierige Tage für die Mitar- beiter
begründeten Fällen zu ändern.“
Seite 50
E s sind schwierige Tage für die Mitar-
beiter von Karstadt in Hamburg-Bill-
Salden
stedt. Ihre Filiale ist eine von sechs, die im
kommenden Jahr geschlossen werden, und
das aktuelle Weihnachtsgeschäft ist das
letzte, das die Angestellten an ihrem alten
Arbeitsplatz erleben. Redakteurin Simone
Salden wollte wissen, was die Nochmit-
arbeiter über ihre Firma denken. Sie
sprach mit engagierten Betriebsräten, die
viele Jahre für Karstadt gearbeitet und für die Angestellten gekämpft haben,
und sie war überrascht von der immer noch großen Loyalität gegenüber dem
Unternehmen. „Für diese Menschen ist das Warenhaus weit mehr als nur ein
Arbeitsplatz, es ist auch ein Stück Heimat“, sagt Salden. Seite 70
FOTOS: OLAF HEUSER / SPIEGEL TV (O.UND U.); FABIAN WEISS/ DER SPIEGEL (M.)

DMITRY BELIAKOV / DER SPIEGEL (O.); MARTIN JEHNICHEN (M.L.); CHRISTIAN MANG / IMAGO (L.U.); INTERTOPICS / INTERTOPICS/LMK MEDIA (M.R.); S. 7: MICHAEL GOTTSCHALK / PHOTOTHEK (O.); MAGICS / ACTION PRESS (U.)

FOTOS S.6:

Kunst in Zeiten des Krieges Ukraine Seit im Osten des Landes Krieg herrscht, hat ein
Kunst in Zeiten
des Krieges
Ukraine Seit im Osten des
Landes Krieg herrscht,
hat ein Großteil der Bevölke-
rung Donezk verlassen.
Kinos und Restaurants haben
geschlossen, nur die Oper
spielt immer weiter – und bie-
tet so Ablenkung vom All-
tag in der umkämpften Stadt.
Ein Premierenbesuch bei
Verdis „Rigoletto“. Seite 76

Doktor

Volkszorn

Parteien Mit seinem Besuch der Pegida-Proteste in Dresden versucht AfD-Vize Alexander Gauland ein Meisterstück poli- tischer Demagogie. Der Dok- tor will die Unzufriedenen für seine Partei gewinnen, ohne die Haftung für deren teils fremdenfeindliche Äußerungen zu übernehmen. Seine Reise signalisiert einen möglichen Rechtsruck der AfD. Seite 28

einen möglichen Rechtsruck der AfD. S e i t e 2 8 Ausbeutung oder Alternative? Verkehr
einen möglichen Rechtsruck der AfD. S e i t e 2 8 Ausbeutung oder Alternative? Verkehr

Ausbeutung oder Alternative?

Verkehr Die Auseinanderset- zung zwischen der Taxibranche und neuen Fahrdiensten wie Uber wird schärfer. Im SPIEGEL- Gespräch streitet sich Uber- Deutschland-Chef Fabien Nest- mann mit Taxenverbandsspre- cher Clemens Grün über die mobile Zukunft und die Frage, warum Uber-Fahrten mitunter 415 Dollar kosten. Seite 68

mitunter 415 Dollar kosten. S e i t e 6 8 Lieben und Leiden mit Stephen

Lieben und Leiden mit Stephen Hawking

Kino Stephen Hawking, der britische Astrophysiker, wurde durch sein Buch „Eine kurze Geschichte der Zeit“ weltberühmt. Jetzt erzählt der Spielfilm „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ von Hawkings Liebe zu seiner langjährigen Ehefrau Jane und von seinem Kampf gegen die Nervenkrankheit ALS. Hauptdarsteller Eddie Redmayne (o.) gilt bereits als Oscar-Kandidat. Seite 96

Titel

112 Religion Die Geburt Gottes – neue Funde korrigieren die Geschichte der Bibel

Deutschland

12

Leitartikel Der Damm zwischen Bürgertum und rechtem Pöbel wird löchrig

14

Marode Hubschrauber der Bundeswehr / Widerstand in der Union gegen Frauenquote / AfD-Basis begehrt auf / Kolumne: Im Zweifel links

18

Verteidigung Wie der Einsatz in Afghanistan Deutschland veränderte

23

Sanktionen Warum Außenminister Steinmeier Russland helfen möchte – was Kanzlerin Merkel nicht will

24

Außenpolitik SPIEGEL-Gespräch mit Minister Frank-Walter Steinmeier über das turbulenteste Jahr seiner Laufbahn

28

Parteien Das seltsame Buhlen der AfD um Pegida-Demonstranten

30

Proteste Sachsen ließ Rechtsextreme lange gewähren

34

SPD Wie Fraktionschef Oppermann die Edathy-Affäre übersteht

36

Essay SPIEGEL-Autor Stefan Berg über die grauenhafte Kraft der Religion

38

Maßregelvollzug Der fragwürdige Umgang mit schuldunfähigen Straftätern

42

Sylt Die ehemalige Fürther Landrätin Gabriele Pauli über ihre Pläne als Bürger- meisterin auf Sylt

44

Bildung Der Zustrom von Flüchtlingen überfordert viele Schulen

47

NSU Starke Indizien für ein weiteres Versteck der Neonazis

Gesellschaft

48

Sechserpack: Stille Tage in Seiffen / Weihnachtsmenü mit molekularer Senfluft

49

Eine Meldung und ihre Geschichte Durch

Templin geistert das Spaghettimonster

50

Fortpflanzung Die georgische Leihmutter Jana über ihr Glück, ein Kind für Fremde auszutragen

56

Homestory Winterliche Gedanken zu Tauben auf dem Dach und auf dem Teller

Wirtschaft

59

Neue Probleme für Draghi / Betriebsrats- aufstand im Bauer Verlag

60

Industrie Wie Brüssel den Rückstand in der Digitalwirtschaft aufholen will

62

Interview EU-Kommissar Oettinger über seine Pläne für den Onlinemarkt

64

Russland Die Wirtschaftskrise gefährdet Präsident Putin

68

Verkehr Streitgespräch zwischen Uber-Manager Fabien Nestmann und Taxi-Funktionär Clemens Grün über den Machtkampf in ihrer Branche

70

Handel Das letzte Weihnachtsgeschäft in einem Karstadt-Haus

72

Jobs Der neue Arbeitsmarkt rund um Smartphone-Apps

73

Tourismus Wie im österreichischen Lech Ferienhäuser an deutsche Prominente verschoben werden

Ausland

74

Die Rolle des Vatikans bei den geheimen Gesprächen zwischen Kuba und den USA / Terrorexperte David Kilcullen über die Geiselnahme von Sydney

76

Ukraine Mitten im Krieg führt die Oper von Donezk „Rigoletto“ auf

81

Interview Der ukrainische Premier Arsenij Jazenjuk über die Spaltung des Landes

84

Essay Der Journalist Andrew Finkel kritisiert die Einschüchterung der türkischen Presse

88

Pakistan Wie der Mord an mehr als 130 Schülern in Peschawar das Land traumatisiert

90

Analyse Der Terrorexperte Ahmed Rashid über den Krieg gegen die Taliban

92

Global Village Warum in einem thai- ländischen Fischerdorf auf die Katastrophe des Tsunami ein kleines Wunder folgte

Kultur

94

Die Schriftstellerin Elif Shafak über die Willkür des türkischen Staates / Ausstellung zeigt Helden-Kunst in Kiew / Kolumne: Zur Lage der Welt

96

Kino Oscar-verdächtiger Film schildert das Leben des Physikers Stephen Hawking

100

Karrieren Klamauk-Ikone Dieter Haller- vorden im neuen Til-Schweiger-Film

102

Religion Ein Gotteshaus für Juden, Muslime und Christen in Berlin

104

Klassik Die französische Pianistin Hélène Grimaud im SPIEGEL-Gespräch über die Magie der Musik

108

Buchkritik „Niemals eine Atempause“ – eine Anthologie politischer Lyrik

Wissenschaft

110

E-Zigaretten gegen Tabaksucht / Bloß keine Tretroller schenken! / Lieblingsrösser des Adels

121

Geschichte Vor hundert Jahren untersuchte ein amerikanischer Psychologe erstmals die Gefahren des Alkoholkonsums

122

Automatisierung Kollege Maschine – Ingenieure impfen Robotern Rücksicht ein

124

Psychologie Wie tröstet man Menschen nach einem Trauma, Unfall oder Tod des Liebsten? Ein Seelsorger erklärt seinen Job

Sport

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Bundestrainer Henning Lambertz über den Rücktritt des Weltrekordschwimmers Markus Deibler / Die Ausreden des Freiburger Sportmediziners Yorck Olaf Schumacher

128

Fußball SPIEGEL-Autor Dirk Kurbjuweit beschreibt sein kompliziertes Verhältnis zu Bayern Münchens Stürmerstar Arjen Robben

131

Lobbyisten Die Arabien-Connection des IOC-Präsidenten Thomas Bach

Medien

133

Wetten auf neuen „Guardian“-Chef / Kulturkampf um die „NZZ“

134

Karrieren Schlagerstar Helene Fischer soll zur internationalen Popgröße aufgebaut werden

8 Briefe

 

99

Bestseller

138

Impressum/Leserservice

Wegweiser für

Informanten:

139

Nachrufe

140

Personalien

www.spiegel.de/

142

Hohlspiegel/Rückspiegel

briefkasten

In diesem Heft

Hohlspiegel/Rückspiegel briefkasten In diesem Heft Frank-Walter Steinmeier, deutscher Außenminister, warnt

Frank-Walter Steinmeier,

deutscher Außenminister, warnt eindringlich vor einer Destabilisierung Russlands:

„Es kann nicht in unserem Interesse sein, dass die Wirtschafts- und Finanzkrise völlig außer Kontrolle gerät.“ Seite 24

Finanzkrise völlig außer Kontrolle gerät.“ Seite 24 Hélène Grimaud, eine der bekanntesten Pianistinnen der

Hélène Grimaud,

eine der bekanntesten Pianistinnen der Welt, erklärt im SPIEGEL-Gespräch ihre Liebe zur Musik: „Sie kann uns in Geiselhaft nehmen, dann haben wir keine Wahl.“

Seite 104

Geiselhaft nehmen, dann haben wir keine Wahl.“ Seite 104 Arjen Robben, Star des FC Bayern München,

Arjen Robben,

Star des FC Bayern München, spielt eine überragende Saison. Vor über zwei Jahren hatte SPIEGEL-Autor Dirk Kurbjuweit den holländischen Stürmer in einem Porträt hart kritisiert. Nun ist die Stunde der Buße. Seite 128

Briefe „Dass man mit Folter in den USA zum Multimillionär werden kann, sagt alles über

Briefe

„Dass man mit Folter in den USA zum Multimillionär werden kann, sagt alles über dieses Land.“

Thomas Foltz, Mainz

Wer stellt Bush vor Gericht?

Nr. 51/2014 Die dunkle Seite der Macht – Wie Amerika seine Werte verlor

Die USA waren ja nie zimperlich, wenn es darum ging, ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Das fing schon bei der Er- oberung Amerikas an. Massaker und Gräueltaten noch und nöcher, bis von den indigenen Völkern kaum jemand übrig blieb und man sich das Land aneignen konnte. Und so ging es weiter in Vietnam, Kambodscha und Laos, wo man durch Flächenbombardements und Entlaubungs- mittel ganze Landstriche dem Erdboden gleichmachte. Mit Hunderttausenden zivi- len Opfern, die jetzt noch darunter leiden und deren Kinder immer noch missgebil- det zur Welt kommen. Und diese Nation will sich anmaßen, über Dschihadisten und andere Terrororganisationen zu urteilen, und denen Barbarei vorwerfen. Dabei konnten sich derartige Gruppierungen erst aufgrund der wahnwitzigen Politik der USA bilden. Denn was diese mit dem An- griff auf Afghanistan und Irak machten, ist ein einziger großer Terrorangriff auf souveräne Länder.

Walter Papst, Wien

Obwohl ich nie einer politischen Organi- sation beitreten wollte, bin ich seit vergan- gener Woche Mitglied in der Menschen- rechtsorganisation Amnesty International.

Reinhard Metzger, Rottenburg am Neckar

Dick Cheneys Kommentar, der Bericht sei „voller Scheiße“, ergießt sich über ihn selbst wie Teer.

Dr. Günther Witzany, Bürmoos (Österr.)

Die USA sind in Wirklichkeit tief zerrissen. Was sie eint, ist die Angst vor dem Verlust der weltweiten Vorherrschaft, die dieses Land – mit stetig abnehmendem Erfolg – schon so lange anstrebt.

André Beßler, Bremen

Die Vereinigten Staaten, die wir (Jahrgang 1938, Vertriebener aus Oberschlesien) so bewunderten, haben jeglichen moralischen Führungsanspruch verloren. Genügte ein Präsident George W. Bush, um das Gewis- sen einer ganzen Nation zu vernichten?

Wolfgang Kuballa, Wien

Sie schreiben, Amerika habe „seine“ Wer- te „verloren“. Dabei ist es an der Zeit, „un- sere“ Werte neu zu definieren. Auf Men- schenrechte wie Leben und körperliche

Unversehrtheit dürfen sich nur diejenigen berufen, die sich dazu bekennen. Wer sie bekämpft, kann ihrer auch verlustig gehen. Menschen, die so handeln – dürfen wir so behandeln, wie sie andere behandeln oder behandeln würden, wenn sie könnten. Au- ßerdem sind den USA als Schutz-Hegemo- nialmacht „unserer“ Werte Sonderrechte einzuräumen, etwa prinzipielle Immunität vor dem Internationalen Strafgerichtshof.

Holger Bergmann, Stein (Bayern)

Wer stellt jetzt Bush und seine Mittäter vor ein internationales Gericht?

Veit Hennemann, Köln

Auch wenn das nicht ganz vergleichbar ist, muss ich einräumen, Sympathien für den Ermittler Wolfgang Daschner gehabt zu ha- ben, als er mit Androhung von Gewalt ver- sucht hat, von Magnus Gäfgen den Aufent- haltsort des entführten Jakob von Metzler noch rechtzeitig zu ermitteln. Der bis in höchste Regierungsämter reichende, ab- grundtiefes menschliches Fehlverhalten auf- zeigende Titel stellt jedoch klar, dass auch in absoluten Ausnahmefällen keine einzige Foltermaßnahme zu rechtfertigen ist.

Prof. Dr. Thomas Weise, Hamburg

Ihr Bericht zeigt auch auf, in welchem Di- lemma sich jeder Staat befindet, der sich Rechtsstaatlichkeit auf die Fahnen ge- schrieben hat: Das hehre Ziel, Menschen- rechte und Gesetzestreue strikt einzuhal- ten, widerspricht diametral dem Ziel der Geheimdienste, möglichst viele Informa- tionen vonseiten vermeintlicher Staatsfein- de abzusaugen. Der moralische Absturz der USA auf dieser Gratwanderung ist exemplarisch dafür. Die europäischen Staa- ten sind bereits auf dem Weg, ihnen zu folgen.

Armin Frey, Ulm

Sie saugen kräftig

Nr. 50/2014 Warum Merkel und Gabriel an der Energie- wende zu verzweifeln drohen

Ein wenig enttäuscht bin ich ob der gerin- gen Kritik an der Energiewende. Wer das Geld hat, sich ein Windrad hinzustellen oder Solarzellen zu montieren, wird über Jahre subventioniert. Anstatt die Energie- versorgung für alle bezahlbar zu planen, wird ein EEG-Gesetz durchgepeitscht, ein Atomausstieg beschlossen, werden Wind- räder gebaut, und später sieht man dann ein: Oh, wir brauchen neue Stromtrassen.

Martin Wibbelt, Sendenhorst (NRW)

Wer ist denn nun das Monster? Werden die Politik und die bundesrepublikanische Gesellschaft von E.on und Freunden ge- fressen? Oder sind es die Ökofreaks, die uns leer lutschen? Es sind im Wesentlichen Letztere, die uns das Dilemma der Ener- giewende eingebrockt haben. Mittels einer gesetzlich festgeschriebenen EEG-Umlage und eines langfristig garantierten Erzeu- gerstrompreises saugen sie kräftig. Die Ne- benwirkungen dieses Leerlutschens wer- den immer spürbarer. Teyssen kann und will nicht warten, bis der Patient E.on kol- labiert, er hat richtig entschieden.

Udo Witteck, Bottrop

Müssen wir nicht vielleicht doch den Nu- klearforschern der letzten 80 Jahre zuge- stehen, dass sie nicht (nur) Frankensteins waren, sondern mit ihrem Faible für ab- gasfreie Energie einen Teil zur Lösung von Problemen beitragen wollten? Wir haben einen Fehler gemacht, und keiner will es zugeben oder gewesen sein. Die Klima- katastrophe ist nämlich nicht nur eine lokale Bedrohung wie ein Kernkraftwerk, sondern eine globale Bedrohung. Und sie ist auch nicht nur eine potenzielle Bedro- hung, sondern eine hundertprozentig si- cher auf uns zurollende. Wir schaffen mit dieser falschen Prioritätensetzung für den Kampf gegen die Klimakatastrophe zehn dramatisch verlorene Jahre.

Gerd Fröhlich, Emmendingen (Bad.-Württ.)

Die Energiewende sollte ein Vorbild für die ganze Welt sein. Stattdessen ist sie zu einem abschreckenden Beispiel geworden. Sie verursacht nicht nur gewaltige Kosten, die noch weiter steigen werden, sie ist auch schädlich für das Klima. Kohlekraftwerke, die bekanntlich besonders klimaschädlich sind, werden noch für Jahrzehnte benötigt. Und man wird noch länger auf sie zurück- greifen müssen, falls die erforderlichen Speicherkapazitäten nicht zur Verfügung stehen. Fazit: Die Energiewende ist nicht „vom Ende her“ konzipiert.

Heinz-Jürgen Wurm, Siegburg (NRW)

Die Kanzlerin kündigt weiter steigende Energiekosten für die „Wähler“ an wie ein unabwendbares Naturereignis. In Wahr- heit haben wir es mit dem Ergebnis eines total unfähigen Umgangs mit der gesamten Problematik zu tun. Oder kommt über die- se Hintertür jene Steuererhöhung auf uns zu, welche die Kanzlerin im Wahlkampf ausschalten wollte?

Ralf H. A. Dressel, Grabfeld (Thür.)

SPIEGEL GESCHICHTE DIENSTAG, 23. 12., 21.10 – 22.00 UHR | SKY Undercover bei somalischen Piraten

SPIEGEL GESCHICHTE

DIENSTAG, 23. 12., 21.10 – 22.00 UHR | SKY

Undercover bei somalischen Piraten

Filmemacher Mohamed Ashareh ist es gelungen, in den inneren Kreis einer Freibeuter-Gang am Horn von Afrika zu gelangen, um deren Moti- ve und Methoden zu erforschen.

DOKUMENTATION

DIENSTAG, 23. 12., 22.15 – 23.00 UHR | ZDF

Im Zauber der Wildnis – Yellowstone

– 23.00 UHR | ZDF Im Zauber der Wildnis – Yellowstone Yellowstone-Nationalpark Er ist der erste

Yellowstone-Nationalpark

Er ist der erste Nationalpark der Welt und Symbol für die Unberührt- heit der Natur: Yellowstone. Ein Jahr lang begleitete ein SPIEGEL TV- Team Ranger, Forscher und Aben- teurer. Es ist eine Exkursion in eine der schönsten und wildesten Gegenden der Erde.

TERRA X

SONNTAG, 28. 12., 19.30 – 20.15 UHR | ZDF

Abenteuer Neuseeland

Folge 1: Aufbruch der Glücksritter In Neuseeland liegen Regenwälder, Gletscher und Vulkane so nah bei- einander wie nirgendwo sonst auf der Welt. Die SPIEGEL TV-Autoren Christopher Gerisch und Kay Siering haben Menschen besucht, die am anderen Ende der Welt ein neues Leben begonnen haben.

SPIEGEL TV MAGAZIN

SONNTAG, 28. 12., 22.05 – 22.50 UHR | RTL

Das vergessene Volk

In einem Europa der Normen fallen die Roma durch jedes Raster. Und doch pflegen sie Traditionen, Heimatverbundenheit und Stolz auf ihre Herkunft. SPIEGEL TV-Autor Detlev Konnerth über ein Volk ohne Staat, das oft diskriminiert und an den Rand der Gesellschaft gedrückt wird.

Briefe

Sozialstunden im Freibad

Nr. 50/2014 Engel und Teufel – die unterschiedlichen Lebenswege zweier Migrantenkinder münden in einer Tragödie

Wenn einer seiner Anwälte die unerträgli- che Hohlphrase von sich gibt, Sanel sei ein „Produkt unserer Gesellschaft“, hat er da- mit wohl in Ansätzen recht. Nur sollte man das Wort „Gesellschaft“ durch „Justizsys- tem“ ersetzen. Auch ein liberales Rechts- system macht sich lächerlich, wenn es jun- ge Straftäter, welche am Boden liegenden Menschen die Zähne austreten, lediglich eine Woche lang die Straße fegen lässt.

Michael Dienstbier, Bochum

Solange solche Totschläger hierzulande nicht härter bestraft werden, werden sich solche Fälle wohl noch öfter wiederholen.

R. Hohmann, Obertshausen

Damit die Kinder nicht verloren gehen, könnten gut ausgestattete Ganztagsschu- len mit Förderprogrammen und sinnvollen Freizeitangeboten Benachteiligung abbau- en und neben Lerninhalten nachhaltig auch Werte und Regeln vermitteln.

Stephanie Werber, Offenbach

Wer so viele Angebote und die nachsich- tige Behandlung durch Schulen und Ge- richte nicht wahrnimmt, kann doch in Feh- lern bei der Integration in Deutschland keine Entschuldigung mehr finden.

Franz Koshorst, Kassel

Zu häufig werden Fehlentwicklungen, Ver- weigerungen, Misserfolge allein den schein- bar mangelnden Integrationskonzepten der Gemeinschaft zugeschrieben. Diesem möchte ich widersprechen. Denn grund- sätzlich gilt: Die erfolgversprechendsten Voraussetzungen für Integration sind und bleiben Erziehung und Bildung. Aus mei- nem beruflichen Alltag weiß ich aber auch, dass selbst das am besten ausgestattete Hilfsangebot scheitern kann. Nämlich an der einzigen Voraussetzung, die der Un- terstützungsbedürftige mitbringen muss:

seiner eigenen Mitwirkungsbereitschaft.

Lars Kallweit, Sozialpädagoge, Bielefeld

Der Täter hätte konsequenter an seiner kriminell eskalierenden Karriere gehindert werden können – was in Offenbach aber nicht juristische Politik ist. Ich bin dort im Freibad von polizeibekannten Straftätern mit Migrationshintergrund beklaut wor- den. Diese wurden erwischt. Mein Handy

habe ich von den desillusionierten Polizis- ten aus dem Täterrucksack zurückbekom- men. Dazu die gut gemeinte Empfehlung, die erbeuteten 80 Euro nicht einzuklagen, weil mich das nur noch mehr kosten wer- de. Zum Glück wurde mein Verfahren ein- gestellt, denn im Verurteilungsfall hätten die Jungs Sozialstunden im Freibad be- kommen. Da lachen sich doch die Täter bis zur nächsten Straftat ins Fäustchen.

Rainer Habenicht, Dreieich (Hessen)

IQ 6455

Nr. 50/2014 Und wenn die Maschinen die Macht übernehmen?

Ahnungslosen Leuten wird mit der „be- drohlichen Superintelligenz“ von Compu- tern wohl doch wieder mal ähnliche Angst bereitet wie kleinen Kindern mit Grusel- geschichten. Computer sind wie Maschi- nen nur tote Gebilde, die als Werkzeuge benutzt werden. Fürchten darf man sich aber durchaus vor manchen Menschen, die Computer und Server programmieren, nicht aber vor den Computern selbst.

Prof. Dr. Werner Rupprecht, Kaiserslautern

Die zitierten Autoren und Sie haben eine Schlüsselfrage übersehen: Wie wird eine „Singularität“ mit einem IQ von 6455 mit der Sinnfrage des Daseins umgehen?

Pascal Michels, Barcelona

Sich von einer derartigen Vorstellung wirk- lich erschrecken zu lassen und die Mög- lichkeit einer Machtübernahme durch die Maschinen als reale Bedrohung zu emp- finden zeugt eher von einer Angststörung als von Problembewusstsein. Echte künst- liche Intelligenz benötigt einen eigenen Willen, der erst durch eigene Bedürfnisse entstehen kann. Und so etwas ist offenbar gar nicht so leicht herzustellen.

Colin Sauter, Wien

Wenn wir nicht endlich begreifen, dass wir die Katastrophen selbst produzieren – Klimawandel, Überbevölkerung, Atom- müll, Umweltvernichtung, multiresistente Keime –, wird es auch auf dem nächsten Planeten für uns nicht besser aussehen.

Dr. Jürgen Mack, Kusterdingen (Bad.-Württ.)

Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe ge- kürzt und auch elektronisch zu veröffentlichen:

leserbriefe@spiegel.de In dieser SPIEGEL-Ausgabe befindet sich im Mittelbund ein vierseitiger Beihefter von Porsche Deutschland, Bietigheim-Bissingen.

Korrektur

zu Heft 48/2014, Seite 46, „Zehn Tage im November“:

Eine der russischen Domains, die der SPD-Abgeordnete Sebastian Edathy laut Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Hannover besucht haben soll, war die Internetadresse Pixs.ru und nicht, wie berichtet, die Domain Pics.ru.

10 DER SPIEGEL 52 / 2014

FOTO: JENS MEYER / AP / DPA

Das deutsche Nachrichten-Magazin Leitartikel Abschreckendes Beispiel Die Verbrüderung von Bürgertum und Extremisten ist

Das deutsche Nachrichten-Magazin

Leitartikel

Abschreckendes Beispiel

Die Verbrüderung von Bürgertum und Extremisten ist eine Gefahr für die Demokratie.

D ie CDU, so hieß es vor Jahren, sei die Partei für Leute, die morgens zur Arbeit gehen, ihre Kinder erziehen und Steuern zahlen.

Wenn das stimmt, müssen es ziemlich viele CDU-Wähler sein, die dieser Tage in Dresden und anderswo auf die Straße gehen. Dennoch nennt der Justizminister die Umzüge „eine Schande für Deutschland“, der Bundespräsident spricht von „Chaoten“, und die Kanzlerin warnt die Teilnehmer da- vor, rechten Rattenfängern hinterherzuspazieren. Man kann aber die Mittelschicht nicht zugleich als Leistungsträger loben und sie aus der demokratischen Gesellschaft ausschlie- ßen. Allein an diesem Widerspruch ist zu erkennen, dass die alten Raster auf das neue politische Phänomen nicht passen.

Was geht da vor im Jahre zehn der Merkel-Ära, in einem Land, in dem Rente und Jobs sicher sind und die Berufsaussichten der meisten jungen Menschen so gut wie seit Langem nicht? Rechtsextremes Gesindel, das Stimmung gegen Ausländer und Asylsuchende macht, hat es im- mer gegeben. Das bleibt empö- rend, neu ist es nicht. Ebenso bekannt sind die Gruppen von Verschwörungsphilosophen, die sich über die „Lügenpresse“ und weltumspannenden Kom- plotte erregen. Ihre Lautstärke und ihre Präsenz haben vor allem deshalb zugenommen, weil ihnen das Internet eine bessere Bühne bietet als zu früheren Zeiten. Mit diesem doppelten Bodensatz in der Gesellschaft hat Deutschland zu

leben gelernt. Wenn es gewalt- tätig wird, schreitet die Polizei ein. Die Demokratie ist nicht in Gefahr. Das Neue ist etwas anderes: Landläufig als „normal“ gel- tende Bürger finden nichts Abstoßendes daran, sich mit diesen zweifelhaften Gestalten zu mischen. Zu beobachten sind die paradoxen Folgen von Entwick- lungen, die eigentlich allesamt zu begrüßen sind: die Gelas- senheit im Umgang mit nationalen Symbolen; die breite Ab-

kehr linker Milieus von Multikultiromantik; die nun auch im konservativen Lager akzeptierte Erkenntnis, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Diese wohltuende Enttabuisierung hat aber auch Bucherfolge wie den von Thilo Sarrazin möglich gemacht, der unangenehme, gleichwohl wichtige Fragen mit xenophoben Thesen mischt – ganz so, wie sich die Gruppen auf Dresdens Straßen mischen. Mit dieser neuen Vermengung können die Parteien nicht umgehen. CDU und CSU haben ihre Bindewirkung am rech-

ten Rand vernachlässigt, weil sie sich in der Mitte der Gesell- schaft mehr Wählerstimmen versprechen. SPD und Die Linke ahnen zwar, dass auch viele ihrer Wähler, gerade im Osten, empfänglich sind für die Parolen von AfD und Pegida, aber sie schweigen über diese Nähe, um im politischen Tagesge- schäft nicht die Nöte der Union zu relativieren. So bleibt nur der einfallslose Ruf nach Quarantäne. Aber Stigmatisierung und Ausgrenzung sind keine wirksamen Sank- tionen für heterogene Gruppen, deren gemeinsamer Nenner ja darin besteht, dass sie sich von den „Systemparteien“ nicht mehr angesprochen, sondern ausgegrenzt fühlen.

Dabei steckt zumindest im durchschnittsbürgerlichen Teil des Protests eine Botschaft, die sich womöglich auch positiv lesen lässt: Da repolitisieren sich Milieus, die zwischenzeitlich saturiert oder frustriert abgeschlossen hatten mit der Politik, mit den öffentlichen Belangen schlecht- hin. Diese Gruppen reichen von links bis rechts, von gebildet bis schlicht, von Zweiraummietwoh- nung bis Vororteigenheim. Wer ihnen ein Angebot macht, kann zumindest darauf hoffen, dass sich die Grenze zwischen Extre- misten und Bürgertum neu zie- hen lässt. Denn sie ist lebenswich- tig für die Demokratie. Wenn Rechtsextreme, Islam- hasser und Globalisierungsver- weigerer aus der angeblichen Überfremdung und einem angeb- lich rasanten Anstieg der Krimi- nalität Kapital schlagen wollen, ist das abstoßend. Darauf muss kein Demokrat eingehen. Wenn

Pegida-Demonstration in Dresden
Pegida-Demonstration in Dresden

aber Durchschnittsbürger ihre

Wahlkreisabgeordneten zur Rede stellen, wie es denn um manch problematische Nebenwirkung der Berliner Gesetze steht, ist das nicht automatisch schlecht für die politische Debatte. Was heißt es im Alltag des Einzelnen, wenn die nächste Poli- zeistation nicht 10, sondern 30 Kilometer entfernt liegt? Was sagt es aus über das staatliche Handeln, wenn Asylanträge von Menschen aus bestimmten Ländern zu 90 Prozent als unbe- gründet abgelehnt werden, sie aber allzu oft nicht in ihre Her- kunftsländer zurückkehren oder dorthin abgeschoben werden? Es sind solche Fragen, auf die Regierung und Behörden Antworten geben müssen. Nur dann trennt sich vielleicht wieder, was sich auf den Straßen gerade vermischt – und zwar bevor sich eine populistische Partei wie die AfD von dieser Melange in den Bundestag tragen lässt. Denn wenn das passiert, so hat sich in anderen EU-Staaten gezeigt, wird die politische Landschaft aufgefächert und rückt insgesamt nach rechts. Ein nüchterner und offener Umgang mit wüten- den Bürgern kann das verhindern.

FOTO: GETTY IMAGES

Jahreswirtschaftsbericht

Unterschiedliche

Erwartungen

In den Bundesministerien für Wirtschaft und für Finanzen gibt es höchst unterschied- liche Auffassungen über die Auswirkungen der sogenann- ten kalten Progression. Im Entwurf für den Jahreswirt- schaftsbericht 2015, den feder- führend die Beamten von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) erstellen, heißt es, „dass die Steuerzahler im Zeitraum 2015 bis 2018 in Höhe von insgesamt 26,3 Milliarden Euro zusätz- lich belastet werden“. Der Staat profitiert von der kal- ten Progression, wenn bei Lohnerhöhungen, die nur die Inflation ausgleichen, dennoch die Steuerlast steigt. Die Beamten von Finanz- minister Wolfgang Schäuble (CDU) halten den vom Wirtschaftsministerium er- rechneten Wert für viel zu hoch. Gabriels Experten unterstellten, dass die Preise in den nächsten Jahren stärker steigen, als derzeit absehbar sei, monieren sie. Je höher die Inflationsrate ausfällt, desto mehr werden die Steuerzahler belastet. Bei einer geringen Preisstei- gerungsrate ist es entspre- chend weniger. Schäubles Fachleute wollen die Zahl deshalb in dem Entwurf für den Jahreswirtschaftsbericht niedriger ansetzen. Am Ziel, die Inflationsgewinne we- nigstens teilweise an die Steu- erzahler zurückzugeben, wollen beide Ministerien je- doch festhalten. Die Bundes- regierung werde sich deshalb in Gesprächen mit den Län- dern dafür einsetzen, die kal- te Progression zu mindern, heißt es in dem Entwurf. rei

Justiz

Verdächtige Fehler

Im Skandal um verkaufte Juraklausuren versucht das Landesjustizprüfungsamt, hart durchzugreifen. Mindes- tens 15 Absolventen soll das zweite Staatsexamen nach- träglich aberkannt werden.

Hubschrauber NH90
Hubschrauber NH90

Bundeswehr

Desaster in der Luft

Die Bundeswehr bekommt den desolaten Zustand ihres technischen Geräts nicht in den Griff. Auch Monate nach Bekannt- werden der Missstände habe sich die Lage nicht grundlegend gebessert, räumte Generalinspekteur Volker Wieker am ver- gangenen Mittwoch vor Parlamentariern ein. Besonders desaströs ist die Lage bei den Hubschraubern. Von den 35 Exempla- ren des Modells NH90 waren vergangene Woche nach internen Unterlagen lediglich 7 einsatzbereit. Große Sorgen bereiten bei diesem Helikopter die Triebwerke. Die Prüfer des Bundesverteidigungsministe- riums vermuten einen Konstruktionsfehler, weswegen mindestens viermal in diesem Jahr Triebwerke zu Schaden gekommen sind. Im Juni wäre es sogar beinahe zu

einem Absturz gekommen. Beim Kampf- hubschrauber „Tiger“ gibt es Probleme am Tank, an den Sitzen und den Spezial- helmen der Piloten. Bei den Helmen kön- nen veraltete Teile nicht ausgetauscht werden. In einem vertraulichen Schreiben wird davor gewarnt, dass Mitte 2015 „der Flugbetrieb komplett eingestellt“ werden müsse, wenn sich die Lage nicht verbes- sere. Das Verteidigungsministerium ver- weist auf eine eigens ins Leben gerufene Task-Force: „Probleme, die nicht von heute auf morgen entstanden sind, können auch nicht von heute auf morgen gelöst werden.“ Leicht entspannt hat sich laut Auskunft des Generalinspekteurs lediglich die Situation beim Schützenpan- zer „Puma“. gt

Neun Juristen hat die Behör- de bereits schriftlich aufgefor- dert, ihr Zeugnis zurückzuge- ben. Sie geht davon aus, dass die Absolventen Aufgaben und Lösungen durch den in- zwischen abberufenen Abtei- lungsleiter im Justizprüfungs- amt Jörg L. erhalten haben. Der Richter muss sich seit ver- gangenem Mittwoch vor dem Landgericht Lüneburg wegen schwerer Bestechlichkeit ver- antworten. In einigen Aber- kennungsfällen ist die Beweis-

lage offenbar dünn. Sie tau- chen nicht einmal in der An- klage gegen L. auf. So soll etwa eine Juristin ihr Examen verlieren, die ein Verhältnis mit L. unterhielt. Die Behör- de stützt sich bei ihren Ent- scheidungen deshalb auch auf die Auswertung der schrift- lichen Klausuren. So er- scheint vor allem verdächtig, wenn Kandidaten Fehler ge- macht haben, die zuvor schon dem Prüfungsamt in seiner „Lösungsskizze“ unterlaufen

waren. Sollte sich herausstel- len, dass einige Absolventen die Klausuren kannten, könn- te dies nach Einschätzung des Hamburger Rechtsanwalts Frank Hansen Auswirkungen auf andere Examensabsolven- ten haben: „Das Leistungs- bild wurde dann in nicht un- erheblicher Weise verzerrt. Aus prüfungsrechtlicher Sicht liegt ein Verfahrensfehler vor, der zwingend zu einer Wie- derholung der Klausuren füh- ren muss.“ mif

FOTO: FRANK MAY / PICTURE ALLIANCE / DPA; PETRA DUFKOVA / DIE ILLUSTRATOREN / DER SPIEGEL

Bundespolizei

Bling-Bling-Beamte

Die Bundespolizei will es beim Auftreten ihrer Beam- ten lockerer angehen lassen. Das ergibt sich aus einem Entwurf für die Bestimmun- gen, die das „Erscheinungs- bild“ und „das Tragen von Dienstkleidung in der Bun- despolizei“ regeln. Künftig sollen auch Piercings erlaubt sein, allerdings mit der Ein- schränkung, dass sie „dezent und unauffällig“ wirkten. Wo die Schmerzgrenze für die Vorgesetzten verläuft, soll von Fall zu Fall entschieden werden. Das gilt auch für die Frisur: Die Haare dürften nicht so extravagant getragen oder gefärbt sein, dass Poli- zisten „bei der Amtsaus- übung nicht ernst genommen werden“. Zur Begründung des Reformentwurfs heißt es, zwar müssten Bundespolizis- ten den polizeilichen Auftrag, die innere Sicherheit zu ge- währleisten, durch ihr Äuße- res „überzeugend verkör- pern“. Allerdings bedeute das Tragen der Dienstkleidung nicht die „Aufgabe jeglicher Individualität“. Sollte der Entwurf verabschiedet wer- den, dürfen außerdem auch Männer am Ohrläppchen glitzern, je Ohr mit einem Ohrstecker oder -ring. Der- artiger Schmuck war bisher nur Polizistinnen gestattet. Hinzu dürfen noch ein Finger- ring, ein Armband, eine Arm- banduhr und eine Halskette kommen, wenn sie keine her- vorstehenden Teile haben,

kommen, wenn sie keine her- vorstehenden Teile haben, die den Beamten oder andere verletzen könnten. Bei

die den Beamten oder andere verletzen könnten. Bei Täto- wierungen ist alles erlaubt, was beim Tragen der Dienst- kleidung nicht zu sehen und kein Indiz für eine staats- feindliche Gesinnung ist. Weil auch kurzärmelige Hem- den für den Sommer dazu- gehören, sind damit Tattoos, die bis zum Ellenbogen reichen, ausgeschlossen. Auch der Dreitagebart bleibt verboten. amp

Regierung

Murren in der Union

In der Unionsfraktion wächst der Widerstand gegen zentra- le wirtschaftspolitische Vor- haben der Regierung Angela Merkels (CDU). Vergangenen Dienstag wandte sich der Chef der Mittelstandsverei- nigung der Union, Carsten Linnemann, gegen wichtige Begleitbestimmungen zum bereits beschlossenen Min- destlohn. Nach dem Willen von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) sollen Unternehmen die Arbeits- zeiten von allen Beschäftig- ten mit Löhnen bis zu knapp 3000 Euro monatlich künftig dokumentieren, also auch jene, bei denen kaum Gefahr besteht, dass der Mindestlohn unterschritten werden könn- te. „Das ist das genaue Ge- genteil von dem versproche- nen Bürokratieabbau, das ist Bürokratieaufbau“, so Linne- mann in der Fraktionssitzung. Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) be- kam den Frust der Unions- leute ebenfalls zu spüren. Bei ihrem Treffen mit dem Parla- mentskreis Mittelstand (PKM) in der Unionsfraktion, eben- falls am vergangenen Diens- tag, musste sie sich vor allem für die Frauenquote rechtfer- tigen. „Sie schaffen ein büro- kratisches Monster“, kritisier- te PKM-Chef Christian von Stetten die Ministerin. Stet- ten kündigte Widerstand im weiteren Gesetzgebungsver- fahren an: „Wir wollen bei allen inhabergeführten Unter- nehmen eine Ausnahme von der Frauenquote.“ mp

Deutschland

Jakob Augstein Im Zweifel links

Missvergnügen

Deutschland Jakob Augstein Im Zweifel links Missvergnügen Sigmar Gabriel ist jetzt ein Jahr lang Vizekanzler. Glück-

Sigmar Gabriel ist jetzt ein Jahr lang Vizekanzler. Glück- wunsch. Denn wenn es so weitergeht, wird er höher nicht mehr steigen. Die Bild- Zeitung machte ihn in der vergangenen Woche darauf aufmerksam, dass er 2017, wenn überhaupt, nur mit den Stimmen der Linkspartei zum Kanzler gewählt werden könnte, und fragte, ob ein linker Ministerpräsident in Thüringen ausreiche, die Par- tei „salonfähig“ zu machen – was eine merkwürdige Formulierung war, weil die Linken „salonfähig“ vielleicht gar nicht sein wollen. Es genügt schon, wenn die Linken regierungsfähig sind. Gabriel sagte: „Dafür sehe ich leider keine Anzeichen.“ Recht hat er. Denn bei den Linken gilt immer noch: Der Geist von Gregor Gysi ist willig, aber das Fleisch von Sahra Wagen- knecht ist stärker. Sie bleibt das größte einzelne Hinder- nis auf dem Weg zur Wachablösung im Kanzleramt. Für ihre irrlichternde Linkslinientreue lässt sie das Land einen hohen Preis zahlen. Je wirrer, desto Wagenknecht:

Diesem Motto folgte auch ihre Unterstützung für die sogenannten Friedenswinter-Demonstrationen. Wagen- knechts Unterschrift fand sich unter dem Aufruf zu einer Antikriegsdemonstration vor dem Schloss Bellevue. Dagegen ist erst mal nichts zu sagen. Joachim Gauck hat im vergehenden Jahr seine Rhetorik von der Ver- antwortung, die Deutschland in der Welt übernehmen müsse, sehr weit getrieben. Da soll er sich ruhig den Vorwurf des „Militarismus“ anhören, von dem im Aufruf die Rede ist. Aber mit wem um alles in der Welt hatte Wagenknecht – und mit ihr eine ganze Reihe anderer Bundestagsabge- ordneter der Linkspartei – sich eingelassen? Ein trauriger Trupp von Mühsamen und Beladenen tanzte vor dem Schloss Bellevue an: Putin-Verehrer, Amerika-Hasser, Anti- semiten, Reaktionäre und Verschwörungstheoretiker. Das sind also die Reste der einst stolzen Friedensbewe- gung. Ein Kessel Unausgegorenes. Schlimm genug, dass ein früherer Berater Willy Brandts ebenso zu den Auf- rufern gehörte wie ein völlig zu Recht vom RBB gefeuer- ter Journalist, der auch bei den Montagsmahnwachen in der ersten Reihe steht. Aber unerträglich ist es, dass die feixenden Neurechten, die sich in diesem Winter unseres Missvergnügens breitmachen – Pegida, Hogesa, AfD –, nun auch noch von Vereinigung mit der Linken faseln können. „Querfront“ heißt das Stichwort. Es lässt einen frösteln. Ja, Wagenknecht selbst war klug genug, nicht persön- lich zu erscheinen. Termingründe. Das passt zum Kalkül einer autoritären Linken. Sie lässt ja auch ihre Mitglied- schaft in der Kommunistischen Plattform nur ruhen. Wa- genknecht schadet nicht nur der Seriosität der Links- partei, sondern der linken Sache überhaupt. Denn links liegt die Emanzipation. Rechts das Ressentiment. Links liegt die Utopie. Rechts der Rückschritt. Gregor Gysi, übernehmen Sie!

An dieser Stelle schreiben Jakob Augstein und Jan Fleischhauer im Wechsel.

FOTOS: ARND WIEGMANN / REUTERS (O.); WINFRIED ROTHERMEL (U.)

Deutschland

Schloss Vaduz in Liechtenstein
Schloss Vaduz in Liechtenstein

CDU

Strafvollzug

Lange Einzelhaft

In der Justizvollzugsanstalt Bruchsal saßen Straftäter un- gewöhnlich lange in Einzel- haft. So befand sich ein Insas- se zwischen 1998 und 2007 wiederholt in sogenannter unausgesetzer Absonderung, obwohl er laut Stuttgarter Justizministerium „in seiner Zeit als Strafgefangener kei- ne Gewalt gegenüber ande- ren Personen angewandt“ hat. Allerdings habe er diese mehrmals angedroht. Es bestehen gesetzlich hohe Hürden für Einzelhaft, die Voraussetzungen müssen re- gelmäßig überprüft werden. In einer Antwort auf eine Landtagsanfrage hatte das Justizministerium nur zwei Fälle genannt, die zeitlich „die Obergrenze bisher ver- hängter Einzelhaft“ während der vergangenen zehn Jahre markiert hätten. Diese Fälle seien lediglich „exempla- risch“, präzisiert nun das Ministerium. In Bruchsal war im Sommer ein afrikanischer Häftling in zuletzt ungeneh- migter Einzelhaft verhungert (SPIEGEL 44/2014). fri

 

Rätselhafte Stiftung Alma Mater

Der Tod einer betagten Dame aus Köln könnte gut 30 Jahre nach der Flick-Affäre für die CDU brisant werden. Vergangenen Sonntag ist die Witwe des früheren CDU- Geldverwalters und Geschäftsführers der CDU-Spendenwaschanlage „Staatsbürger- liche Vereinigung“ (SV), Hans Buwert, mit 96 Jahren verstorben. Christa Buwert hatte nach dem Tod ihres Mannes 1989 nicht nur stattliche Immobilien und Konten geerbt, sondern auch die rätselhafte Stiftung Alma Mater in Liechtenstein. Dort soll Buwert ei- nen Teil der einst bis zu hundert Millionen Euro schweren schwarzen Kasse der CDU verborgen haben. Welcher Betrag wirklich in der Stiftung gelandet ist und woher das Geld stammt, interessiert deutsche Steuer- fahnder noch heute. Nicht nur das: Auch, wohin das viele Geld der Alma Mater wie-

der abgeflossen ist, wüsste der Fiskus gern. Am Ende sollen noch zwischen 6,5 und 10 Millionen Euro übrig geblieben sein, an- geblich transferiert in eine weitere Stiftung namens Platoro. Jetzt könnte der Neffe der seit Jahren verwirrten Witwe das Geheim- nis lüften. Christa Buwert hat ihn durch ei- nen Erbvertrag als Alleinerben eingesetzt. Damit hätte er auch Zugriff auf die Bank- belege der vergangenen zehn Jahre. Ob es dazu kommt, ist ungewiss. Der Konstanzer Anwalt Jürgen Wagner bestritt bisher die Gültigkeit des Erbvertrags. Er war von ei- nem mit der SV vertrauten Schweizer Ban- ker Christa Buwert als Finanzverwalter zur Seite gestellt worden. Wagner verfügt über eine Generalvollmacht der Witwe. Über die Höhe des noch vorhandenen Vermö- gens und dessen Verbleib schweigt er. mp

 
 

des Gremiums am vergange- nen Mittwoch. Ein hochrangi- ger Diplomat sprach ebenfalls von einer „sehr schwierigen Konstruktion“. Die Bundes- regierung hat beschlossen, bis zu hundert Bundeswehrsol- daten in den Irak zu schicken, damit sie kurdische Einheiten im Kampf gegen die Terror- gruppe „Islamischer Staat“ (IS) ausbilden. Laut Grundge- setz dürfen deutsche Soldaten nur im Rahmen von Systemen kollektiver Sicherheit an sol- chen Missionen teilnehmen. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sagte im Ausschuss, die Bundeswehr sei Teil der internationalen Anstrengungen im Kampf ge- gen den IS. Linken-Fraktions- chef Gregor Gysi, der die Mis- sion als verfassungswidrig kri- tisiert hatte, sprach sich intern

gegen eine Klage vor dem Bundesverfassungsgericht aus. Falls Karlsruhe die Klage verwerfe, liege die Schwelle für Auslandseinsätze künftig deutlich niedriger, warnte er auf einer Fraktionssitzung. ran

über Steuer- und Sozialpolitik unnötig zersplittert wird. Sie klagen über „durchsichtiges Getrickse“ wie bei den „Alt- parteien“. Auf dem Treffen in Bremen will die AfD-Basis entscheiden, ob sie künftig nur von einem Chef geführt wird – das Wunschmodell Luckes – oder ob es weiterhin mehrere Sprecher geben soll. „Der Einladung liegt offen- sichtlich das Bemühen zu- grunde, die Mitglieder von der Teilnahme abzuhalten“, wettern mehr als 80 AfDler in einer Mail. Sie befürchten, dass Lucke ohne lange Debat- te die Grundlage dafür schaf- fen will, sich zum alleinigen AfD-Chef aufzuschwingen. Lucke selbst will laut Tages- ordnung eine „persönliche Er- klärung“ abgeben – unter Ausschluss der Medien. ama

AfD

Basis rebelliert

Irak-Mission

Der Machtkampf um die künftige Führungsstruktur der Alternative für Deutschland (AfD) verschärft sich vor dem Parteitag am 30. Januar. Seit die Führung um Bundesspre- cher Bernd Lucke die Tages- ordnung verschickt hat, ha- gelt es Protestbriefe: Mitglie- der beklagen, dass der Partei- tag einen Tag früher beginnt und das Programm durch vier Referate externer Experten

Rechtliche Zweifel

In der Großen Koalition gibt es Zweifel an der Rechtmäßig- keit des Bundeswehrauftrags im Irak. „Politisch ist die Mission wünschenswert, aber verfassungsrechtlich betreten wir Neuland“, sagte der Vor- sitzende des Auswärtigen Aus- schusses, Norbert Röttgen, bei einer vertraulichen Sitzung

FOTOS: JOHANNES ARLT / DER SPIEGEL (O.); STEFFEN ROTH / AGENTUR FOCUS (U.)

Gesundheit

Dampfen verboten

Ernährungsminister Christian Schmidt (CSU) plant ein Verbot von E-Zigaretten für Jugendliche unter 18 Jahren. Das geht aus seinen Über- legungen für ein Umsetzungs- paket zur europäischen Ta- bakproduktrichtlinie hervor. „Ich halte eine schärfere Re- gulierung der E-Zigaretten als von der EU vorgesehen für notwendig“, so Schmidt. „Bei der nationalen Umset- zung werde ich deshalb alle Möglichkeiten für ein Abgabeverbot an Jugendliche ausschöpfen.“ Laut einer Um- frage des Deutschen Krebs- forschungszentrums ist die Zahl der E-Raucher zuletzt deutlich gestiegen. 2014 habe fast jeder zehnte Jugendliche die neue Rauchvariante min- destens einmal probiert. Bei E-Zigaretten wird kein Tabak verbrannt, sondern eine mit Aromen versetzte Flüssigkeit elektrisch verdampft (siehe Seite 111). neu

Islamismus

„Propaganda nicht auf den Leim gehen“

e u Islamismus „Propaganda nicht auf den Leim gehen“ Thomas Krüger, 55, Präsident der Bundeszentrale für

Thomas Krüger,

55, Präsident der Bundeszentrale für politische Bil- dung, über Maß- nahmen gegen islamistische An- werbeversuche in Deutschland

SPIEGEL: Bundesinnenminister Thomas de Maizière will den Islamisten nicht die Propagan- dahoheit im Internet überlas- sen – Ihre Bundeszentrale soll eine Gegenoffensive starten. Krüger: Wir wollen Jugend- lichen, die Gefahr laufen, der Propaganda des soge- nannten Islamischen Staats auf den Leim zu gehen, zeigen: Ihr könnt euch anders entscheiden. SPIEGEL: Wie soll das in der Praxis aussehen? Wollen Sie direkt dagegenhalten, wenn eine islamistische Propagan- dabotschaft auf Twitter ver-

öffentlicht wird? So macht es das US-Außenministerium.

Krüger: Das mag in manchen Fällen sinnvoll sein, dafür sind wir allerdings nicht die Richtigen. Unser Job ist politische Bildung. Und wir haben durchaus Erfahrung damit, diese in sozialen Netz- werken zu organisieren. Wir hatten eine Kampagne gegen Neonazis, bei der bekannte YouTuber Videos drehten, die unter Jugendlichen eine hohe Glaubwürdigkeit ha- ben – und das ist das A und

O im Netz. Die Clips wurden

millionenfach angeklickt.

SPIEGEL: Und nun suchen Sie also authentische Stimmen gegen Islamismus. Wer könn-

te das sein?

Krüger: Das könnten Rapper sein oder junge Imame. Auch hier geht es vor allem um

Glaubwürdigkeit. Sie müssen

in der Lage sein, die Jugend-

lichen zu erreichen, die potenziell von Islamisten an- geworben werden könnten. Wir wollen aber natürlich sicher gehen, dass wir auf die Richtigen setzen.

SPIEGEL: Teil der Kampagne in den USA sind Schockvideos, die die Brutalität des „Islami- schen Staats“ vorführen. Eine gute Strategie? Krüger: Wir wollen unter anderem Erklärfilme entwi- ckeln. Aber das werden sicher keine Schockvideos sein,

in denen die Gräueltaten des

„Islamischen Staats“ zu sehen sind. Wir fangen beim Thema Islamismus im Übrigen nicht bei null an. Wir haben in den vergangenen vier Jahren zahlreiche Veranstaltungs- reihen, Publikationen und Multimedia-Angebote dazu auf die Beine gestellt. Jetzt geht es darum, über die sozia- len Netzwerke eine junge Zielgruppe anzusprechen, die von den klassischen For- maten der politischen Bil- dung eher nicht erreicht wird.

SPIEGEL: Wann starten Sie Ihre Gegenoffensive? Krüger: Momentan arbeiten wir an den Konzepten. Ich hoffe, dass wir spätestens Mitte 2015 Ergebnisse vor- stellen können.

Interview: Wolf Wiedmann-Schmidt

vor - stellen können. Interview: Wolf Wiedmann-Schmidt Der Augenzeuge In Quarantäne Kai-Peter Siemsen, 52,

Der Augenzeuge

In Quarantäne

Kai-Peter Siemsen, 52, betreibt in Hamburg die Neue Eilbeker Apotheke. Seit bekannt wurde, dass ein indisches Unter- nehmen Studien für die Zulassungen von Medikamenten gefälscht hat, muss er viele Fragen beantworten.

„Jeden Tag kommen bis zu zehn Kunden zu mir und sind verunsichert. Sie haben gehört oder gelesen, dass viele Medikamente derzeit nicht mehr verkauft werden dürfen, weil bei der Zulassung geschummelt wurde. Ich habe deshalb intern die Anweisung erteilt, dass wir mindestens

einmal täglich die Internetseite des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte kontrollieren und mit unserem Bestand abgleichen. Die Liste ändert sich täg- lich, weil einige Hersteller juristische Mittel ergreifen oder zusätzliche Studien für ihre Produkte vorlegen, um deren Unbedenklichkeit zu beweisen. Wir nehmen die Präparate, die auf der Liste stehen, aus dem Lager und geben sie in Quarantäne. Für uns ist das eine schlimme Sache, denn die Menschen vertrauen darauf, dass in einer deutschen Apotheke nur geprüfte Qualität verkauft wird. So sollte es ja auch sein. Wir sind stolz auf unsere hohen Qualitätsstandards. ,Hergestellt in Bangladesch‘ und ,Ge- testet in Indien‘ ließe sich in Deutschland sicher nicht so gut verkaufen. Wobei die Kassen mit ihrem Preisdruck

ja nicht ganz unschuldig sind. Qualitätskontrolle lässt sich eben nicht so leicht in Billiglohnländer übertragen. Bei

den Mitteln handelt es sich hauptsächlich um Antibiotika, Psychopharmaka und Kreislaufmittel. Manche Leute wol- len einfach nur wissen, ob ihr Präparat auch davon be- troffen ist, anderen müssen wir erklären, dass sie auf ein Ersatzprodukt ausweichen sollten. Ich muss viel reden, denn manchen fällt es schwer, sich auf eine ungewohnte Packung oder Pillenform umzustellen. Hinzu kommt, dass die Kassen mit bestimmten Händlern Rabatte ausge- handelt haben und ich nur deren Präparate herausgeben durfte. Das kontrollieren die Kassen auch knallhart. Mitt- lerweile aber haben sich der Bundesverband der Apothe- ken und die Kassen geeinigt, dass wir in diesem Fall Al- ternativprodukte aushändigen können. Wobei ich davon ausgehe, dass selbst die Produkte, die auf der Liste stehen und die die Patienten noch zu Hause haben, in pharma- zeutisch-medizinischer Hinsicht in Ordnung sind. Es han- delt sich ja meist um sogenannte Generika, also Nach- ahmerprodukte von Medikamenten, deren Patente aus- gelaufen sind. Der Wirkstoff ist also seit Jahren erprobt und bewährt. Aus formalen Gründen muss aber auch jedes Generikum erneut überprüft werden, bevor es in Deutschland verkauft werden darf. Womöglich hat sich das betroffene Unternehmen in Indien einfach nur die

teuren Studien erspart.“

Aufgezeichnet von Andreas Ulrich

FOTO: CHRISTOPH PUESCHNER / ZEITENSPIEGEL

Bundeswehrsoldaten in Nordafghanistan 2012

„Auf Messers Schneide“

Verteidigung Nach 13 Jahren endet der Kampfeinsatz der Bundeswehr am Hindukusch. Deutschland und die Truppe haben sich in den Jahren verändert – doch Afghanistan versinkt wieder in Gewalt. Von Dirk Kurbjuweit und Gordon Repinski

D er Regierungsflieger gleitet hinab in die Finsternis. Die Berge des Hindukusch liegen noch in tiefer

Dunkelheit, als sich der Airbus A340 der deutschen Luftwaffe am frühen Morgen der Landebahn in Masar-i-Scharif nähert. Der Höhenmesser zählt rückwärts. Noch 900 Meter, noch 890, noch 880. Die Durch- sage an Bord ist eine Ermahnung. Alle Lichter müssen ausgeschaltet werden, alle

Fensterklappen geschlossen. Es droht Be- schuss. Im vorderen Teil der „Theodor Heuss“ bereitet sich Verteidigungsministerin Ur- sula von der Leyen auf ihren letzten Be- such bei der Truppe im Kampfgebiet vor. Sie sitzt im Separee, neben ihr die engsten Berater. Noch 200 Meter. Noch 150 Meter. Dann setzt die Maschine auf. Alle sind er- leichtert. Man ist sicher gelandet. 13 Jahre

nach dem Beginn des internationalen Ein- satzes in Afghanistan ist das keine Selbst- verständlichkeit. Mit dem Ende dieses Jahres zieht Deutschland seine Kampftruppen aus Af- ghanistan zurück. Der teuerste und ver- lustreichste Einsatz der Bundeswehr geht zu Ende. Zwar werden auch danach einige Hundert Bundeswehrsoldaten im Land sein, aber nur noch zur Ausbildung von

Afghanen. Keine Patrouillenfahrten mehr, keine Gefechte, hoffentlich. Es ist ein schwieriges Kapitel deutscher Geschichte, das da geschlossen wird. Der deutsche Einsatz war umstritten, und er wurde zunehmend unpopulär. Deutsch- land wollte helfen, Afghanistan zu verän- dern, aber der Krieg hat auch Deutschland verändert, seine Politik, die öffentliche Meinung, sein Ansehen in der Welt.

Deutschland

rechte bescheren, den Frauen ein freieres Leben ermöglichen. Und dann sagte SPD- Verteidigungsminister Peter Struck noch, Deutschlands Sicherheit würde auch am Hindukusch verteidigt. Eine dreifache Begründung legitimierte den deutschen Einsatz: Bündnissolidarität, Demokratie für Afghanistan und die eigene Sicherheit. Eine Menge Ziele. Mit der Mission wurde der Krieg für die Bundeswehr zur Normalität. Deutsche Soldaten ließen ihr Leben, 55 in 13 Jahren. Und sie töteten. 2009

starben auf deutsche An- forderung in der Nähe von Kunduz mehr als hundert Menschen, die meisten von ihnen Zivi- listen.

Bundespräsident Horst Köhler trat zurück, weil er sich nach einem Besuch in Afghanistan in der Frage verhedderte, ob die Bun- deswehr auch wirtschaft- liche Interessen durchset- zen soll. Ein Minister, ein Staatssekretär und ein Generalinspekteur stürz- ten über diesen Auslands- einsatz. Mit gigantischem mili- tärischem und finanziel- lem Aufwand haben die

westlichen Verbündeten versucht, Afghanistan zu befrieden. Insgesamt starben beim inter- nationalen Einsatz fast 3500 alliierte Sol- daten. Allein in den vergangenen fünf Jahren verloren rund 7000 afghanische Zivilisten ihr Leben. Deutschland gab rund 8,7 Milliarden Euro für den Einsatz aus. Aber nur etwas mehr als ein Viertel der Deutschen ist nach einer aktuellen Umfrage von TNS-Infratest für den SPIE- GEL der Meinung, dass der Einsatz in Afghanistan den Aufwand wert gewesen sei. 57 Prozent meinen, dass er sich nicht gelohnt habe. Der afghanische Staat ist fragil, die Taliban sind wieder auf dem Vormarsch. Der Zustand, in dem die Isaf-Truppen das Land zurücklassen, lässt viele am Sinn

des Einsatzes zweifeln. Die Hauptstadt Kabul wird in diesen Wochen immer wieder von Anschlägen und Selbst- mordattentaten erschüttert, wenige Tage vor dem Besuch der Verteidigungsminis- terin starb ein deutscher Entwicklungs- helfer. Während einer Theatervorstellung an einer Schule in Kabul sprengte sich ein afghanischer Junge neben ihm in die Luft. Im Osten und Süden des Landes sind auch kurz vor Ende des Kampfeinsatzes Soldaten der internationalen Schutztrup- pe dauernd in Gefechte mit den Taliban

Hoher Einsatz Bilanz des deutschen Engagements in Afghanistan Abkommandierte Soldaten * 135 000 Todesopfer 55
Hoher Einsatz
Bilanz des deutschen
Engagements in Afghanistan
Abkommandierte Soldaten
*
135 000
Todesopfer
55
Einsatzkosten seit 2002
rund 8,7 Mrd. €
*Mehrfacheinsätze enthalten;
Quelle: BMVg

Nach den Attacken des 11. September 2001 rief die Nato den Bündnisfall aus. Gerhard Schröders rot-grüne Bundes- regierung versprach „uneingeschränkte Solidarität“. Später wurde den Politikern mulmig. Ein echter Kriegseinsatz? Taliban jagen? Zunächst fanden sie andere Grün- de. Die Bundeswehr sollte im Rahmen der internationalen Schutztruppe Isaf den Afghanen Demokratie und Menschen-

FOTO: JOHN MACDOUGALL / DPA

FOTO: JOHN MACDOUGALL / DPA Verteidigungsministerin von der Leyen in Afghanistan am 14. Dezember: „Wir sehen

Verteidigungsministerin von der Leyen in Afghanistan am 14. Dezember: „Wir sehen einen Anstieg der Anschläge“

verwickelt, wöchentlich werden die Mel- dungen über Tote und verwundete Solda- ten von der Isaf gesammelt.

I m März dieses Jahres sitzt Generalmajor Bernd Schütt in einem Dienstcontainer

des Bundeswehrlagers Masar-i-Scharif und starrt ungläubig auf den Bildschirm seines Computers. Er will nicht glauben, was er dort liest. Tags zuvor hat Schütt Zeit Online ein Interview gegeben. Er wollte den Menschen in Deutschland die Mission der Bundeswehr erklären. Er woll- te erklären, wie es den Afghanen geht und was die Bundeswehr tut, damit alles noch besser wird. Jetzt wird er im Netz mit Häme und Kri- tik überzogen. Die Kommentare sind er- barmungslos. Von einem „völkerrechtswid- rigen Einsatz“ ist die Rede. „Von einem si- cheren Umfeld in Afghanistan zu sprechen grenzt an Zynismus“, heißt es. Was er liest, sind die moderateren unter den feindlichen Kommentaren. Die anderen wurden erst gar nicht veröffentlicht. 25 von über 40 Beiträgen hätten in seinen Augen sofort gelöscht werden sollen. „Die Kommentare sind ehrabschnei- dend und diffamierend“, sagt Schütt. Seit vier Wochen ist er Militärchef im Norden, er ist mit großem Optimismus angetreten. Eigentlich glaubt er an das, was er tut. „Das Glas“, sagt er, „ist halb voll.“ Doch in diesem Moment wirkt Generalmajor Schütt, als hätte er ein Gefecht verloren. Er ist jetzt der Feind im eigenen Land.

Die Deutschen haben ein gespaltenes Verhältnis zur Bundeswehr in Afghanistan. Zunächst fand der Einsatz durchaus Zu- stimmung. Die Streitkräfte übernahmen ab Sommer 2006 das Kommando im relativ sicheren Norden und bauten Brunnen und Straßen. Doch im selben Jahr begann die Zahl der Anschläge und Gefechte im gan- zen Land zu steigen – und damit auch die Zahl der Opfer der Bundeswehr. Die Stim- mung kippte. Immer mehr Bürger wünsch- ten sich den Abzug der Soldaten. Zugleich wurde der Kampfeinsatz zur Normalität. Deutschland gewöhnte sich da- ran, dass seine Soldaten wieder in den Krieg ziehen. Das Wort Veteranen kehrte in den aktiven Sprachschatz zurück, es ist von Ge- fallenen die Rede. Und dann, sieben Jahre nach Beginn der Mission, wagte der erste deutsche Verteidigungsminister, ihn als das zu bezeichnen, was er ist. Im November 2009 spricht Karl-Theodor zu Guttenberg von „kriegsähnlichen Zuständen“. Fortan heißt der Krieg in Deutschland wieder Krieg.

J ohannes Clair krallt sich in die Erde. Ge- schosse zischen über seinen Kopf hin-

weg, immer näher, verdammt nah. Direkt über ihm knickt ein Ast ab. Die Senke im Boden, in die er sich duckt, ist flach. Die Stellungen der Aufständischen sind kaum hundert Meter entfernt. Jetzt nähern sie sich aus mehreren Richtungen. Das Feuer kommt von allen Seiten. Direkt vor Clair reißt eine Granate ei- nen Krater in den Boden. Links, rechts,

überall spritzt Erde nach oben. Mörser- beschuss. „Sie sind nur noch 50 Meter von mir entfernt“, ruft ein Kamerad. „Scheiße, Scheiße“, schreit Clair. Er müsste schießen, aber er kann nicht. Er hat Angst. Es ist der 1. November 2010, am Rand der Ortschaft Quatliam in Nordafghani- stan. Seit dem Vortag rücken 300 deutsche Fallschirmjäger, Panzergrenadiere und In- fanteristen in Richtung der Taliban vor. Sie wollen einen ständigen Außenposten im Gebiet des Feindes errichten. Vier Tage kämpfen die deutschen Sol- daten um Quatliam. Jagdflugzeuge don- nern durch die Luft. Es sind Bilder, die man nicht mehr kennt in Deutschland. Die Operation „Halmazag“, der „Blitz“, war die erste Kriegsoffensive Deutschlands nach über 65 Jahren. Die Bundeswehr hat- te in jenen Monaten aufgerüstet. Mehr Sol- daten waren ins Land gekommen, bessere Waffen, schwerere Artillerie. Es war die Hochphase des Krieges. Vier Jahre später, an einem sonnigen Tag im August 2014, hat Johannes Clair gerade die Kühe gefüttert. Immensen bei Hannover. Clair sitzt im Esszimmer des Bauernhofs seines Großonkels. Der ehe- malige Fallschirmjäger hilft bei der Arbeit im Stall und im Garten, erledigt kleine Re- paraturen am Haus. „Ich war gerne Soldat“, sagt Clair, 29. Nach der Operation „Halmazag“ beendete er seinen Dienst bei der Truppe. Er begann ein Studium. Aber er ertrug die Vorlesun-

FOTO: MAURICE WEISS / DER SPIEGEL

Deutschland

gen nur, wenn er direkt am Ausgang sitzen konnte. Er musste immer einen Fluchtweg sehen. Nach zwei Monaten brach er das Studium ab. PTBS, die Posttraumatische Belastungs- störung, begleitet ihn seit der Zeit an der Front. Im Herbst dieses Jahres begibt er sich in stationäre Behandlung. Er sucht den Weg zurück ins normale Leben. Clair hat ein Buch über seine Erfahrun- gen am Hindukusch geschrieben. „4 Tage im November“ handelt von Kamerad- schaft, das Leben an der Front – und vor allem über Angst. Das Buch wurde ein Bestseller. Clair findet es richtig, dass Deutschland sich engagiert und global Verantwortung übernimmt. Trotzdem sieht er Afghanistan kritisch. „Der Einsatz ist von vorne bis hinten politisch gescheitert“, sagt er, „was wir in den Anfangsjahren erkämpft haben, wurde verschenkt.“ Nun zieht die Bundeswehr ab. Nicht weil die Kriegsziele erreicht sind, sondern weil die Verbündeten abziehen, vor allem die USA. Es ist ein geordneter Rückzug. Organisieren kann die Bundeswehr.

steckten die Laster in einem Flussbett fest, und Bewohner eines nahen Dorfes zapften sich eimerweise Benzin ab. Klein machte falsche Angaben, damit die Piloten glaub- ten, die Einsatzregeln würden gewahrt. Mehr als hundert Menschen starben, da- runter Frauen und Kinder. Der deutsche Ansatz war gescheitert. Krieg lässt sich eben nicht genau planen, nicht von Politikern, nicht von Generälen. Über den Krieg herrscht der Krieg, und er bringt Menschen in Situationen, in denen sie versagen. Kunduz schüttelte die deutsche Politik kräftig durch. Franz Josef Jung, Verteidi- gungsminister während des Bombarde- ments, trat später als Arbeitsminister zu- rück, weil er sich in diesem Gestrüpp verheddert hatte. Sein Nachfolger Karl- Theodor zu Guttenberg entließ seinen Staatssekretär und den Generalinspekteur, weil sie ihn angeblich nicht ausreichend informiert hatten. Gegenüber dem SPIEGEL gab er ein Gespräch mit den beiden so wieder, dass er ihnen die Fakten quasi aus der Nase ziehen musste. Die beiden be- streiten diesen Verlauf. In jenen Wochen zeigte sich die Politik dem Krieg nicht gewachsen. Die Deutschen wollten es anders machen, aber dann be- stätigten sie doch den Satz, dass die Wahr- heit das erste Opfer des Krieges ist.

 

T rabzon, im Nordosten der Türkei am Schwarzen Meer, der 17. März 2014.

Exfallschirmjäger Clair „Was wir erkämpft haben, wurde verschenkt“

117-mal ist die Transportmaschine Anto-

now bisher von Masar-i-Scharif hierher- geflogen, jedes Mal öffnete sich die Heckklappe und rund hundert Tonnen Kriegsmaterial wurden auf den Heimweg geschickt.

A uf ihrer letzten Reise zur kämpfenden Truppe steht Ursula von der Leyen

Die neue Generation der Afghanen habe iPhones und arbeite an Laptops, sei also mit der Welt verbunden. Das würden diese Menschen nicht mehr aufgeben wol- len, hofft die Bundeswehr. Sie baut auf diese junge Generation. Auf der anderen Seite steht die desolate Sicherheitslage in Afghanistan. Die Macht des gewählten Präsidenten reicht kaum über die Hauptstadt hinaus. Die Taliban sind so stark wie nie seit ihrem Sturz Ende 2001. Nach dem Abzug der Isaf, so wird befürchtet, könnten sie erneut einen Sie- geszug durch das Land antreten. Die Zahl der Gewalttaten hat 2014 Höchststände erreicht. Allein in Kabul gab es im Januar dieses Jahres mehrere Selbst- mordattentate mit Dutzenden Toten, am Ende dieses Jahres sieht es ähnlich aus. Der Osten und Süden des Landes werden fast täglich von schweren Gewalttaten oder Explosionen durch Sprengfallen erschüt- tert. Nur die Bundeswehr bekommt davon nicht mehr viel mit. Sie bleibt in ihren La- gern, die gefährliche Arbeit übernehmen die afghanischen Sicherheitskräfte. Nie zuvor florierte der Opiumhandel so wie in diesem Jahr. Afghanistan deckt 90 Prozent der weltweiten Produktion. Bis heute wagt die Politik nicht, etwas dagegen zu unternehmen.

Langsam setzt sich der Bo- xer, eines der mächtigsten Fahr- zeuge der Bundeswehr, in Be- wegung, rollt die Heckklappe herunter, fährt in einer langen Rechtskurve um das Flugzeug herum auf einen Schlepper. Von dort wird er auf ein Schiff verladen, durchquert den Bos- porus, das Mittelmeer, passiert Europas Küsten, bis er in der Heimat in Emden ankommt. „Wir sind vor der Welle“, sagt Walter Ohm, 56. Er orga- nisiert den Abzug aus Masar-i- Scharif. Kampf ist nicht die große Stärke der Bundeswehr, wohl aber die Logistik, Ohms Gebiet. Genauigkeit, Pünkt- lichkeit. Doch insgesamt war es ein Irrtum zu glauben, dass sich ein Krieg planen lassen könnte, dass alles geordnet zugeht. Am 4. September 2009 forderte der deutsche Oberst Georg Klein Luftschläge gegen zwei ent- führte Tanklastwagen in der Nähe des deutschen Lagers in Kunduz an. Er sah in ihnen rollende Bomben. Allerdings

 

im Besprechungsraum des Regierungs-Air- bus und zieht ihre Bilanz des

SPIEGEL-UMFRAGE

Einsatzes. Es ist ihre dritte Reise, auch die Ministerin findet plötz- lich kritischere Worte. „Wir se- hen einen Anstieg der Anschlä- ge“, sagt sie, „Sicherheitskräfte werden gezielt attackiert.“ Die Afghanen, sagt sie, „schlagen sich wacker“. Es soll ein positi- ver Satz sein, aber er ist voller Zweifel am Ergebnis eines lan- gen Einsatzes. Vor einer wirklich kritischen Bilanz schreckt die Politik bisher zurück. Man will den Soldaten nicht in den Rücken fallen, ihnen nicht das Gefühl geben, ihr Einsatz sei umsonst gewesen. Auch die Bundeswehr ver- kauft den Einsatz mit wenigen Abstrichen als Erfolg. Offiziere sprechen von einer „insgesamt positiven Entwicklung“ am Hin- dukusch. Belege dafür gebe es genügend: die hohe Beteiligung an den Präsidentschaftswahlen im Frühjahr, die Zahl der weib- lichen Studierenden, über 80 Prozent eines Jahrgangs besu- chen jetzt eine Schule.

50%

der Befragten halten den Afghanistan- Einsatz der Bundes- wehr aus heutiger Sicht nicht für sinn- voll. 35 % finden, dass er das war.

57%

 

finden, dass der Einsatz den betrie- benen Aufwand

nicht wert war. 27 % sind der Meinung,

dass er es

war.

TNS Forschung vom 15. bis 17. Dezember; 1000 Befragte; Angaben in Prozent; an 100 fehlende Prozent:

„weiß nicht“/ keine Angabe

A n einem Mittwochabend im Juli steht Kommandeur Schütt im Gemein-

schaftszentrum der deutschen Truppen in

 
Juli steht Kommandeur Schütt im Gemein- schaftszentrum der deutschen Truppen in   DER SPIEGEL 52 /

FOTO: MICHAEL HANSCHKE / DPA

Verteidigungsminister Struck in Feisabad 2005
Verteidigungsminister Struck in Feisabad 2005
deutsches Feldlager Isaf-Regional- kommando Masar-i- Kunduz Nord Scharif Kabul Herat AFGHANISTAN Aktuelle
deutsches Feldlager
Isaf-Regional-
kommando
Masar-i-
Kunduz
Nord
Scharif
Kabul
Herat
AFGHANISTAN
Aktuelle
Bedrohungslage
hoch
Kandahar
erheblich
mittel
250 km
gering
Quelle: Bundeswehr

Masar-i-Scharif, dem „Atrium“. Es gibt Tischfußballspiele, ein Burger-Restaurant und Fernsehräume. Mehr als vier Monate sind seit dem Interview mit den kritischen Leserkommentaren vergangen, die Ein- satzzeit des Generals ist in wenigen Tagen beendet. „Wahnsinn“, sagt Schütt, „Afghanistan steht auf Messers Schneide.“ Die Situation sei „ganz kritisch“. Schütt merkt, dass er das Land in einem unsichereren Zustand verlassen wird, als er es im Februar betreten hat. Das Glas ist nun auch für ihn halb leer. Afghanistan war ein Projekt der politi- schen Klasse, in der es stets breite Mehr- heiten für die Mandate gab. Union, SPD, FDP und Teile der Grünen regierten über Jahre gegen das Volk. Gleichwohl war es keine mutige Politik, sondern eine ver- druckste. Kaum ein Politiker warb leiden- schaftlich für den Afghanistan-Einsatz, schon gar nicht die ewig um Wählerstim- men fürchtende Bundeskanzlerin. Man mogelte sich durch. Nun ist Ursula von der Leyen Verteidi- gungsministerin und begleitet den Abzug. Das Thema habe sie schon früh „emotional tief berührt“, sagte von der Leyen im Au- gust dieses Jahres im Berliner Verteidi- gungsministerium. Am 11. September sei ihr Mann im Flugzeug in den USA unter- wegs gewesen, stundenlang habe sie ihn nicht erreichen können. „Ich habe die The- se, dass unsere Werte auch am Hindukusch verteidigt werden, immer gut verstanden“, sagt sie. Die Deutschen dagegen glauben den Satz nicht mehr. Fast zwei Drittel der Befragten halten ihn in der Umfrage von TNS Forschung für falsch.

M artin van Creveld, Israeli mit nieder- ländischen Wurzeln und einer der

führenden Militärexperten der Welt, hält ihn für blanken Unsinn: „Wo ist der Hin- dukusch? Was hat das alles mit der Vertei- digung von Heim und Herd zu tun?“, fragt er. Auch der Einsatz für Menschenrechte, Demokratie und Frauen ist für ihn kein guter Kriegsgrund. „Als deutscher Soldat könnte ich sagen: Ich bin freiwillig Soldat und bereit, für die Verteidigung des Vater-

lands zu sterben. Aber dass ich mich töten lasse, damit die Leute am Hindukusch ein- ander nicht töten, das ist Blödsinn!“ Das sieht man inzwischen auch in Berlin so. Nach Afghanistan wird es Demokrati- sierung und Frauenrechte als Missionsziele nicht mehr geben. Mit der Bundeswehr kann man fremde Kulturen nicht umkrem- peln. Möglicherweise wird man akut ein- greifen, wenn es darum geht, einen Völ- kermord zu verhindern. Mehr nicht. „Der Einsatz in Afghanistan hat nicht furchtbar viel gebracht“, sagt auch der deutsche Sicherheitsexperte Wolfgang

Ischinger. Doch so wie in Afghanistan soll- te es nicht noch einmal werden. „Meine Lehre: Ein Auslandseinsatz braucht eine klare militärische Begründung und ein politisches Ziel“, sagt Ischinger. Was die Einsatzziele Sicher- heit und Demokratisierung an-

geht, ist die Bundeswehr in Afghanistan weitgehend ge- scheitert. Bleibt die Bündnis- solidarität, die Frage nach dem deutschen Beitrag. Die Deut- schen haben sich – mit Verweis auf ihre Geschichte – militä- risch lange rausgehalten. Doch das akzeptieren die Verbünde- ten nicht mehr. Von den Deut- schen, der wirtschaftlich stärksten Nation in Europa, wird Verantwortung eingefor- dert. Und die Bereitschaft, das Leben ihrer Soldaten zu riskie- ren. „Wir hätten uns damals nicht heraushalten können“, sagt Ischinger. Er war zur Zeit des Anschlags auf das World Trade Center in New York Botschafter in den USA. Doch Afghanistan hat die Verbündeten nur bedingt zu- friedengestellt. „Deutschland hat sich nicht dort engagiert, wo die wirklichen Kämpfe stattfanden, also in Kandahar, in der Provinz Helmand oder entlang der Grenze zu Pakis- tan“, sagt der ehemalige ame-

rikanische Spitzendiplomat Nicholas Burns, heute Harvard-Professor. „Da gab es ein Gefühl gewisser Bitterkeit in den Jahren 2003 bis 2006, dass Deutschland diese Rolle nicht gespielt hat.“ Die Kritik aus den USA nahm ab, nachdem der Nor- den gefährlicher geworden war. Die wichtigste Lehre aus dem Afghani- stan-Krieg ist, sich sehr genau zu überle- gen, warum man Soldaten einsetzt, wie lange es dauern kann und welche Mittel nötig sind, Ziele zu erreichen. Die Regie- rung sollte sich nur auf Einsätze einlassen, die sie überzeugend begründen kann. Und das muss sie dann auch tun: erklären, warum das alles notwendig ist.

Der Einsatz in Afghanistan hat die grundsätzliche Skepsis der Deutschen gegen Militäreinsätze nicht beseitigt. Aber die Ein- sicht, dass sich Deutschland aus dem Kampf gegen den interna-

tionalen Terrorismus nicht he- raushalten darf, ist gewachsen. Immerhin 62 Prozent der Deut- schen sind nach der Umfrage von TNS-Infratest der Meinung, dass sich die Bundeswehr in Zu- kunft an Kampfeinsätzen im Ausland beteiligen soll, wenn es um die Bekämpfung des inter- nationalen Terrorismus geht. Am vergangenen Samstag steht Ursula von der Leyen im Generalkonsulat in Masar-i- Scharif inmitten afghanischer Jura-Studentinnen. Eine Stun- de lang hat sie mit ihnen über eine Zukunft im eigenen Land gesprochen. Wieder geht es um Hoffnungen. Dann wendet sie sich zu den Kameras: „Diese Mädchen sind die Zukunft Af- ghanistans.“ Es sind gute Wün- sche für die jungen Frauen. Aber es drückt auch die Hoff- nung aus, dass Deutschland ir- gendwie gut aus dieser Sache herauskommen soll. Es bleibt eine vage Hoffnung. Afgha- nistan ist nun ein prekärer Teil der eigenen Geschichte.

SPIEGEL-UMFRAGE

27%

der Befragten stimmen dem Satz „Deutschlands Sicherheit wird auch am Hindukusch ver- teidigt“ aus heutiger Sicht zu. 62 % stim- men ihm nicht zu.

62%

der Befragten sind dafür, dass sich die Bundeswehr in Zu- kunft an Kampfein- sätzen im Ausland beteiligt, wenn es um Terrorismus- bekämpfung geht. 31 % sind dagegen.

FOTO: GETTY IMAGES

Düstere

Prognose

Sanktionen Merkel und Steinmeier haben sich lange um Einigkeit in der Russlandpolitik bemüht. Jetzt zeigen sich Risse.

E s war immer ihre Sorge, dass die Einigkeit nicht halten könnte. „Die größte Gefahr ist, dass wir uns aus-

einanderdividieren lassen“, hatte Angela Merkel mehrmals gesagt, zuletzt Mitte No- vember bei einem Vortrag in Sydney. Da- mit war der Westen gemeint, aber auch die eigene Regierung. In dieser Woche ist das, was die Kanzlerin befürchtet hatte, eingetreten. Die Wirtschafts- und Finanzkrise in Russland spaltet die Regierung. Ange- sichts eines Achterbahnkurses des Rubels und des rasanten wirtschaftlichen Nieder- gangs (siehe Seite 64) wird immer deut- licher, dass Merkel anders mit Moskau umgehen will als Außenminister Frank- Walter Steinmeier. Man ist sich uneinig darüber, wie prekär die wirtschaftliche Lage und wie stabil die politische Situa- tion in Russland ist. Im Kanzleramt hofft man, dass die Krise Russlands Präsidenten Wladimir Putin zum Einlenken bewegen wird, der Außenminister sieht sie als Ge- fahr für die Stabilität des Landes. Die ge- genseitigen Beteuerungen, man stimme sich in der Ukrainekrise eng ab und sei

sich völlig einig, wirken nicht mehr glaub- würdig. Die Ausgangsposition ist die gleiche wie in der ersten Großen Koalition unter Mer- kel: Die Kanzlerin ist für einen harten Kurs gegenüber Russland, der Außenminister plädiert für Entgegenkommen. Er habe die Sorge, dass das ganze Land destabi- lisiert werde, wenn Europa die Sanktionen nicht lockere, sagt Steinmeier im SPIEGEL- Gespräch (siehe Seite 24). Das ist der Ton, den auch andere SPD-Politiker anschlagen. Merkel sieht das anders. Für sie kommt eine Lockerung der Sanktionen, um die russische Wirtschaft zu schonen, nicht in- frage. In der Umgebung der Kanzlerin weist man darauf hin, dass die Sanktionen gerade den Sinn gehabt hätten, Putin die Kosten seines völkerrechtswidrigen Vor- gehens deutlich zu machen. An dieser Lo- gik habe sich nichts geändert. „Im Gegen- teil, wir hoffen, dass die gegenwärtige schwierige Situation einen Prozess des Umdenkens in Gang setzt“, sagt ein Ver- trauter der Kanzlerin. „Die Sanktionen werden aufgehoben, wenn der Grund für sie entfallen ist.“ Steinmeiers düstere Prognose über die Situation in Russland teilt Merkel nicht. Nach ihrer Einschätzung deutet derzeit nichts auf eine Destabilisierung des Landes hin. Die Herrschaftsarchitektur Putins sei nicht leicht zu erschüttern. „Das System ist stabil“, heißt es im Kanzleramt. Die Differenzen zwischen der Kanzlerin und ihrem Außenminister zeichneten sich bereits vor Wochen ab. Merkel hatte in Sydney in besonderer Schärfe mit der Poli- tik Putins abgerechnet. Sie warf ihm vor, dass er das internationale Recht mit Füßen trete. So deutlich hatte sie sich zuvor öf- fentlich nicht geäußert.

Deutschland

Steinmeier widersprach Merkel noch am selben Tag. Ohne sie zu erwähnen, mahnte er zu verbaler Mäßigung: Der Westen müs- se aufpassen, „dass wir auch in der Benut- zung unserer öffentlichen Sprache uns nicht die Möglichkeit verbauen, zur Ent- spannung und Entschärfung des Konflikts beizutragen“. Steinmeier weiß die SPD hinter sich, Mer- kel kann sich auf ihre Partei verlassen. Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, Norbert Röttgen, CDU, sieht keinen Grund für eine Lockerung der Sanktionen. „Putin hat es selber in der Hand, die Situation zu wenden“, sagt Röttgen. „Die Sanktionen sollten ihn dazu bringen, sein Verhalten zu ändern.“ Wenn der Westen die Strafmaß- nahmen ohne Gegenleistung aufhebe, dann erreiche man mit Sicherheit keine Ände- rung der russischen Politik. Der frühere brandenburgische Minister- präsident Matthias Platzeck, SPD, hatte vor Kurzem vor einem „Zerfall Russlands“ gewarnt. Zudem zog er die politische Wirksamkeit der Sanktionen in Zweifel. Er halte es für ausgeschlossen, dass Putin wegen der Sanktionen seine Politik ände- re. In diesem Sinne hat sich auch Stein- meier mehrmals intern geäußert. Er trug die Sanktionen mit, weil er eine einheit- liche Haltung der Europäischen Union für wichtig hält. An ihre Wirksamkeit hat er nie geglaubt. Anders als seine Parteifreunde in der SPD äußerte sich ausgerechnet Gernot Erler, der Russlandbeauftragte der Bundes- regierung. Erler, in Russlandfragen sonst ein enger Vertrauter Steinmeiers, sagte, eine Staatspleite Russlands sei keine un- mittelbare Gefahr: „Davon sind wir noch weit entfernt, weil Russland erhebliche Reserven hat.“ Ralf Neukirch

Reserven hat.“ R a l f N e u k i r c h Kanzlerin Merkel

Kanzlerin Merkel im November in Sydney: „Putin hat es selber in der Hand, die Situation zu wenden“

SPD-Politiker Steinmeier

„Russland nicht in die Knie zwingen“

SPIEGEL-Gespräch Außenminister Frank-Walter Steinmeier erklärt, wie viel die Ostpolitik ihm heute noch bedeutet, was er unter Realpolitik versteht und warum er die westlichen Sanktionen gegen Moskau für gefährlich hält.

FOTO: MAURICE WEISS / DER SPIEGEL

SPIEGEL: Herr Steinmeier, Sie sind politisch mit der Ostpolitik von Willy Brandt sozia- lisiert worden. Was heißt das für Ihre Au- ßenpolitik? Steinmeier: Ich fühle mich dem Erbe der Ostpolitik in höchstem Maße verbunden. Die Bedeutung der Ostpolitik, für die Wil- ly Brandt viele Jahre lang Feindseligkeiten und unfaire Angriffe ertragen hat, kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Ohne sie hätte die Mauer keine Risse be- kommen. SPIEGEL: Egon Bahr, der Architekt der Ost- politik, findet, dass die Bundesregierung in der Ukraine-Krise zu hart mit Russland umgegangen ist. Wer ist der Erbe von Wil- ly Brandt, Sie oder Egon Bahr? Steinmeier: Die SPD führt keinen Erb- schaftsstreit. Es war Willy Brandt selbst, der gesagt hat, dass „jede Zeit ihre eigenen Antworten braucht“. SPIEGEL: Hat die Ostpolitik heute nur noch historische Bedeutung? Steinmeier: Wir können Geschichte nicht festhalten, und sie wiederholt sich auch nicht. Aber wir können versuchen, aus ihr zu lernen, und das, was gut und richtig war, in anderen historischen Lagen nut- zen. Feste Verwurzelung im Westen und Offenheit gegenüber Russland gehören zusammen. Das ist der bis heute gültige Lehrsatz der Ostpolitik Willy Brandts, an dem ich auch in diesen Zeiten, in denen die damaligen bipolaren Gewissheiten des Kalten Krieges einer neuen Unordnung Platz gemacht haben, unsere Politik aus- richte. SPIEGEL: Und jetzt ist nicht die Zeit, auf Russland zuzugehen? Steinmeier: Egon Bahr weiß aus unseren Ge- sprächen, dass ich mir so wie er ein gutes, nachbarschaftliches Verhältnis zu Moskau wünsche. Deshalb arbeite ich mit den Mög- lichkeiten, die wir haben, Tag für Tag da- ran, dass die Ukraine-Krise überwunden wird und dann eine andere, bessere Zu- kunft der deutsch-russischen Beziehungen wieder möglich wird. SPIEGEL: Ostpolitik bedeutete, unter schwie- rigsten Bedingungen gegenseitiges Vertrau- en aufzubauen. Warum gelingt das heute nicht? Steinmeier: Sicherheit in Europa ist ohne Russland nicht möglich, Sicherheit für Russland nicht ohne Europa. Deshalb müs- sen wir die beschädigte europäische Sicher- heitsarchitektur wieder in Ordnung brin- gen. Aber man darf nicht vergessen, dass auch damals die Zeit erst reif sein musste. Das hat von 1961, dem Jahr des Mauerbaus, bis zu den Ostverträgen auch fast ein Jahr- zehnt gebraucht. Ich hoffe, dass Ehrgeiz auf beiden Seiten besteht, schneller Schrit- te aufeinander zuzugehen. SPIEGEL: Bislang sieht es nicht so aus, als wäre Moskau in dieser Frage besonders ambitioniert.

Steinmeier: Entspannung kommt nicht von selbst und lässt sich nicht befehlen. Fort- schritte kann es nur geben, wenn beide Seiten daran ein Interesse haben. Das In- teresse unterstelle ich – auch auf der russi- schen Seite. Das notwendige Vertrauen da- für muss wieder aufgebaut werden. Dafür brauchen wir einen russischen Beitrag. SPIEGEL: Die Ostpolitik war eine der größ- ten Erfolgsgeschichten der Sozialdemokra- tie. Ist das ein Grund dafür, dass sich viele in Ihrer Partei so schwertun mit Kritik an Russland? Steinmeier: Nicht nur Sozialdemokraten mei- nen, dass die Ostpolitik das feindschaftliche Verhältnis zum Nachbarn Sowjetunion auf- gebrochen hat. Gerade in Ostdeutschland haben die Menschen in Erinnerung, dass die Rote Armee nach 40 Jahren Aufenthalt

Deutschland

in die Knie zwingen will, irrt gewaltig, wenn er glaubt, dass das zu mehr Sicher- heit in Europa führen würde. Ich kann da- vor nur warnen. Kapitalflucht und ausblei- bende Investitionen sind der Preis des Ver- trauensverlusts aus der Krise, den Russland jetzt zahlt, beides hatte aber bereits vor den westlichen Sanktionen eingesetzt. Zu- sammen mit dem dramatischen Rubelver- fall und den steil fallenden Energiepreisen ist das eine handfeste Wirtschafts- und Fi- nanzkrise, die sicher auch innenpolitische Wirkung entfalten wird. Es kann nicht in unserem Interesse sein, dass diese völlig außer Kontrolle gerät. Das sollten wir bei unserer Sanktionspolitik im Blick haben. SPIEGEL: Sie selbst haben lange auf eine Mo- dernisierungspartnerschaft gesetzt. Haben Sie sich Illusionen über Putin gemacht?

„Sicherheit in Europa ist ohne Russland nicht möglich, Sicherheit für Russland nicht ohne Europa.“

in der damaligen DDR friedlich und ohne einen einzigen Schuss deutschen Boden ver- lassen hat. Der Ukraine-Konflikt ist ein her- ber Rückschlag. Das schmerzt mich nicht weniger als andere. Aber das kann nicht dazu führen, dass wir über eine Verletzung des Völkerrechts am nächsten Tag zur Tages- ordnung übergehen. SPIEGEL: Es gibt den Appell „Wieder Krieg in Europa? Nicht in unserem Namen!“, den auch prominente Sozialdemokraten unterschrieben haben. Dort ist von einer „unheilvollen Spirale aus Drohung und Ge- gendrohung“ die Rede, die durchbrochen werden müsse. Fühlen Sie sich angespro- chen? Steinmeier: Die deutsche Außenpolitik hat es nicht an Einsatz mangeln lassen, um die Spirale der Gewalt zu beenden. Seit der Eskalation auf dem Maidan in Kiew haben wir wieder und wieder versucht, dafür zu sorgen, dass die Situation nicht völlig au- ßer Kontrolle gerät. Dazu gehörten, die OSZE einzuschalten, eine Kontaktgruppe einzurichten und unendlich viele Gesprä- che mit der ukrainischen Seite und der rus- sischen Seite, nicht zuletzt die Außenmi- nistertreffen in Berlin. Das alles war die Voraussetzung dafür, dass überhaupt Di- rektkontakte zwischen Russland und der Ukraine möglich geworden sind, die dann immerhin zu der Vereinbarung von Minsk geführt haben. SPIEGEL: Die Unterzeichner des Appells fürchten, dass die westlichen Sanktionen die Krise noch verschlimmern. Die Lage ist ernst genug: Der Rubel ist im freien Fall, die russische Wirtschaft im Nieder- gang. Haben Sie nicht die Sorge, dass das ganze Land destabilisiert wird, wenn Europa die Sanktionen nicht lockert? Steinmeier: Die Sorge habe ich. Deshalb bin ich gegen ein weiteres Drehen an der Sank- tionsschraube. Wer Russland wirtschaftlich

Steinmeier: Wenn Chancen nicht genutzt werden, liegt das selten nur an einem. Wir haben in den besseren Tagen lange vor der Ukraine-Krise auf beiden Seiten nicht ge- nügend dafür gearbeitet, mehr zu entwi- ckeln als nur die Wirtschaftsbeziehungen. Zu vieles, vom Jugendaustausch über den Kulturaustausch bis hin zur Zusammenar- beit im Gesundheitswesen und in der Wis- senschaft, ist einfach liegen geblieben. SPIEGEL: In besagtem Aufruf heißt es, man müsse die Furcht der Russen verstehen, „seit Nato-Mitglieder 2008 Georgien und die Ukraine einluden, Mitglieder im Bünd- nis zu werden“. Hat der Westen Moskau in die Enge getrieben? Steinmeier: Die Ukraine und Georgien wa- ren enttäuscht, dass der Bukarest-Gipfel ihnen nicht den Weg zur Mitgliedschaft er- öffnet hat. Das Treffen in Bukarest wurde ja gerade von dem Vorwurf begleitet, man sei gegenüber Russlands geopolitischen Be- dürfnissen zu nachsichtig. SPIEGEL: Sie haben in Ihrer Antrittsrede vor einem Jahr die Frage gestellt, ob nicht die EU bei den Verhandlungen mit der Ukrai- ne über ein Assoziierungsabkommen Feh- ler gemacht und so die Krise mitverursacht habe. Haben Sie mittlerweile eine Antwort? Steinmeier: Die EU hat die Frage selbst be- antwortet. Jetzt redet man mit Russland darüber, wie sich das EU-Ukraine-Handels- abkommen mit bestehenden Abkommen der Ukraine mit Russland vereinbaren lässt. Es war ein Fehler, das nicht schon vorher zu tun. SPIEGEL: Ist eigentlich Realpolitik für Sie ein positiv besetzter Begriff? Steinmeier: Außenpolitik, die sich nicht ohne ehrliche Analyse der Realität grün- det, ist fehleranfällig und gefährlich. Des- halb hat James Baker jüngst bei seinem Besuch in Berlin gesagt: „Realität sollte in der Außenpolitik kein Schimpfwort

FOTOS: IVAN SEKRETAREV / AP/ DPA (O.); MAURICE WEISS / DER SPIEGEL (U.)

SEKRETAREV / AP/ DPA (O.); MAURICE WEISS / DER SPIEGEL (U.) Russischer Präsident Putin: „Wir reden

Russischer Präsident Putin: „Wir reden nur übereinander, nicht miteinander“

sein.“ Die Einteilung der Welt in Freund und Feind, gut und böse, schwarz und weiß führte uns in den letzten Jahren ein ums andere Mal auf Abwege, besonders folgen- reich im Jahr 2003 bei der militärischen Intervention im Irak. Eine Außenpolitik, für die nur noch Wunsch und Vorstellung relevant ist, ist keine gute Außenpolitik. SPIEGEL: Es gibt Leute, etwa Ihr Partei- freund Matthias Platzeck, die Russland eine Einflusszone zugestehen wollen, die an der Grenze von EU und Nato endet. Ist das gute Realpolitik? Die russischen Einkreisungsängste, aber auch der nach wie vor große Einfluss Moskaus in Ost- europa sind ja eine Realität. Steinmeier: Wir haben die weltpolitische Zä- sur nach dem Fall der Mauer und die da- raus folgende veränderte Weltordnung mit vielen neuen Spielern noch nicht vollstän- dig angenommen. Das gilt für uns, das gilt auch für Russland. Wir fallen immer noch in die Interpretationsmuster zurück, mit denen wir groß geworden sind, die aber gar nicht mehr passen. SPIEGEL: Was heißt das konkret? Steinmeier: Russland spürt im Moment den Widerspruch zwischen einer Außenpolitik, die in geopolitischen Einflusssphären denkt, und der Realität einer Wirtschaft, die glo- bal vernetzt ist. Die Erfahrungen Moskaus mit der globalisierten Wirtschaft und die aktuelle Wirtschaftskrise zeigen doch, dass man mit Geopolitik allein sicher keine Sta- bilität und Sicherheit schafft. SPIEGEL: In Deutschland herrscht nicht nur im linken Spektrum viel Sympathie für Russ-

* Ralf Neukirch und Christiane Hoffmann in Steinmeiers Büro im Auswärtigen Amt.

land, sondern auch am rechten Rand, bei der Pegida-Bewegung und Teilen der AfD. Haben Sie dafür eine Erklärung? Steinmeier: Autoritäre Politikmodelle und Gemeinwesen, in denen sich politische Entscheidungen an einer Person ausrich- ten, sind im rechten Spektrum offenkun- dig attraktiv. Die Unübersichtlichkeit libe- raler Gesellschaften überfordert offenbar viele. SPIEGEL: Wie kommt es, dass die Frage, wie wir mit Russland umgehen, so polarisiert? Steinmeier: Gerd Koenen hat in seinem Buch „Der Russland-Komplex“ wunderbar beschrieben, wie das Verhältnis von Deut- schen und Russen über die Jahrhunderte in guten wie in schlechten Zeiten immer hoch emotional war. SPIEGEL: Sie waren im vergangenen Jahr vor allem in Sachen Krisendiplomatie un- terwegs. Als Außenminister müssen Sie auch über den Tag hinausdenken. Wie kann sich das deutsch-russische Verhältnis langfristig wieder verbessern?

Verhältnis langfristig wieder verbessern? Steinmeier, SPIEGEL-Redakteure* „Entspannung kommt nicht

Steinmeier, SPIEGEL-Redakteure* „Entspannung kommt nicht von selbst“

Steinmeier: Es ist wichtig, die politische Infra- struktur bereitzuhalten, damit sich etwas Po- sitives entwickeln kann, wenn das möglich wird. Wir müssen die Gesprächsforen, die wir haben, tatsächlich nutzen, auch um eine kontroverse Debatte zu führen. Das Verhält- nis zwischen Nato und Russland war eigent- lich nie tonloser, als es zurzeit ist. Wir reden nur übereinander, nicht miteinander. SPIEGEL: Wie wollen Sie das ändern? Steinmeier: Ich habe beim letzten Nato-Rat in Brüssel vorgeschlagen, zumindest auf der militärischen Expertenebene einen Austausch zu organisieren. Das gab es selbst in den kältesten Zeiten des Kalten Krieges. Welche Manöver finden statt, wel- che Truppenbewegungen, welche Überflü- ge? Über solche Dinge müssen wir reden. Dann hoffe ich, dass wir mit der schritt- weisen Umsetzung des Minsker Abkom- mens, mit der Entschärfung des Ukraine- Konflikts, irgendwann auch das deutsch- russische Verhältnis wieder aufbauen. SPIEGEL: Wäre es nicht sinnvoll, wenn die Nato eine Mitgliedschaft der Ukraine aus- schlösse? Steinmeier: Dazu habe ich mich öffentlich geäußert. SPIEGEL: Sie haben gesagt, Sie sehen die Ukraine nicht auf dem Weg in die Nato. Steinmeier: Und auf dem letzten Nato-Rat ist das gar nicht zur Sprache gekommen, geschweige denn streitig diskutiert worden. Manchmal ist es eben auch bedeutsam, was auf einem Gipfel nicht gesagt wird. SPIEGEL: Sie haben selbst gesagt, das Ver- trauen sei auf Jahrzehnte beschädigt. Steinmeier: Trotzdem müssen wir irgend- wann mit dem Neuanfang beginnen. Ich habe schon vorgeschlagen, dass wir Mög- lichkeiten zu einem Dialog zwischen der Europäischen Union und der Eurasischen Wirtschaftsunion ausloten. Da könnten wir über wirtschaftliche Synergien genauso sprechen wie darüber, wie wir mit Interes- senkonflikten umgehen. SPIEGEL: Warum glauben Sie, dass Putin das überhaupt will? Steinmeier: Weil Russland bei einem dauer- haften Konflikt mit dem Westen nichts ge- winnen würde. Es gibt trotz aller Probleme ja auch ein paar positive Zeichen. SPIEGEL: Welche denn? Steinmeier: Bislang hat sich die Ukraine-Kri- se nicht negativ auf das Verhalten Moskaus in anderen Konflikten ausgewirkt. Im Ge- genteil, bei den Iran-Verhandlungen in Wien haben die Russen mit dem Angebot, die iranischen Brennstäbe zu übernehmen, eine sehr positive Rolle gespielt. Und ich werde nicht müde zu betonen, dass wir Russland brauchen, wenn wir ernsthafte Schritte zur Lösung der Konflikte im Mitt- leren Osten und zur Reduzierung der Ge- walt in Syrien unternehmen wollen. SPIEGEL: Herr Steinmeier, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

FOTO: MARTIN JEHNICHEN / DER SPIEGEL

AfD-Vizechef Gauland in Dresden
AfD-Vizechef Gauland in Dresden

Nur gucken, nicht anfassen

Parteien Wie Alexander Gauland versucht, Pegida-Sympathisanten für die AfD zu gewinnen, ohne sich dabei die Hände schmutzig zu machen

A lexander Gauland steht auf dem Bürgersteig der Helmut-Schön-Al- lee in Dresden, umringt von seinen

ergebenen Gefolgsleuten, gesetzte Herren, die mit ihm im Brandenburger Landtag sitzen. Sie haben auf der anderen Stra- ßenseite Lutz Bachmann entdeckt, den Einpeitscher der Pegida, und stupsen sich an wie pubertierende Groupies. „Doktor Gauland“, traut sich einer zu fragen, „wollen wir nicht wenigstens mal Hallo sagen?“ Gauland tut so, als hätte er die Frage nicht gehört. Stumm steht er da, die Hände tief in seine Manteltaschen vergraben. Seit 2013 ist er der Vizechef der AfD, der Biedermann unter den Rechten. Ihm ist bewusst, welche politische Kraft ein Handschlag mit Lutz Bachmann haben würde, dem Pegida-Initiator, einem Mann mit einem nicht unerheblichen Vorstrafen- register, der berüchtigt ist für seine frem- denfeindlichen Parolen und seine dumpfe Deutschtümelei. Aber soll er, Gauland, sei- nen eigenen Leuten wirklich verbieten, ei- nem anderen Menschen Hallo zu sagen? 200 Kilometer ist er mit einem Mietwa- gen nach Dresden gefahren. Die Reise soll ein Meisterstück politischer Demagogie werden, der Versuch, die Sympathisanten von Pegida für die AfD zu gewinnen, ohne sich dabei die Hände schmutzig zu ma- chen. Dabei sein will er, ohne mitzumar- schieren, verstehen, ohne etwas sagen zu müssen. Angucken, ohne anzufassen. Da- bei sein, aber nicht mittendrin. Seine halbe Mannschaft hat er mitge- bracht, Abgeordnete, Referenten, den Pres-

sesprecher. Normale Menschen also, die sich auf der Pegida-Demonstration, wie Gauland sagt, „normale Menschen“ anse- hen wollen. Auf dem Weg nach Dresden haben sie noch ein Asylbewerberheim in Schwielowsee besichtigt. Niemand soll ihnen vorwerfen, sie wären ausländer- feindlich, nur weil sie zu einer Pegida- Demonstration fahren. 15000 Menschen aus der gesamten Bundesrepublik nehmen teil, so viele wie nie seit Beginn der Demonstrationen am 20. Oktober. Es verbindet sie das Gefühl, Opfer zu sein: Opfer der angeblichen Isla- misierung Deutschlands, Opfer der eta- blierten politischen Parteien, Opfer ihrer Kritiker und, spätestens seit vergangener Woche, auch Opfer der bundesweiten De- batte, die über die Gefahr von Pegida für Deutschland entbrannt ist. Gauland ist der erste Politiker von Rang, der sich bei einer Pegida-Demonstration blicken lässt, andere Politiker sind den Demonstrationen bisher aus gutem Grund ferngeblieben. Er wartet vor dem Deut- schen Hygiene-Museum. Nicht weit von hier haben sich die Demonstranten gesam- melt, für den „Spaziergang“, wie die „Pa- triotischen Europäer gegen die Islamisie- rung des Abendlandes“ (Pegida) ihre Mär- sche biedermännisch verniedlichen. Man kann die Demonstranten hören, aber nicht sehen. Für Gauland ist das nah genug, da- mit er behaupten kann, dabei gewesen zu sein, zugleich weit genug weg, um nicht vereinnahmt zu werden und vor der Auf- taktkundgebung noch einmal ordentlich Interviews geben zu können.

Gauland sagt immer das Gleiche: dass er die Menschen hinter den vernichtenden Schlagzeilen kennenlernen wolle, ihre Schicksale, ihre Sorgen. „Ich will wissen, ob das wirklich ,Neonazis in Nadelstreifen‘ sind, wie der nordrhein-westfälische Innenminis- ter gesagt hat, oder ,Chaoten‘, wie der Herr Bundespräsident sagt.“ Er legt Wert darauf, Joachim Gauck den „Herrn Bundespräsi- denten“ zu nennen. Es soll keinen Zweifel geben, wer Anstand hat und wer nicht. Ein Reporter will wissen, ob er die Ziele der Pegida uneingeschränkt teile, die Angst, Deutschland könne ein islamischer Staat werden? Gauland greift in seine Hosentasche, aus der er einen reichlich ramponierten DIN- A4-Zettel zieht mit dem 19-Punkte-Pro- gramm der Pegida. Er setzt seine Lesebrille auf und beginnt laut zu lesen, als prüfe er das Papier zum ersten Mal. „Pegida ist für den Widerstand gegen eine frauenfeind- liche, gewaltbetonte politische Ideologie“, liest er. Ja, das könne er unterschreiben. „Pegida ist für sexuelle Selbstbestimmung“, auch das könne er unterschreiben, ebenso wie das „wahnwitzige ,Gender Main- streaming‘“. „Ich würde vielleicht nicht ,wahnwitzig‘ schreiben“, sagt Gauland, „aber sonst sind das alles Dinge, die man so unterschreiben könnte.“ Adjektive also sind es, die nach Gaulands Ansicht die AfD von Pegida unterscheiden. Petitessen. Die Demonstranten haben sich inzwi- schen zur Auftaktkundgebung auf dem Rathausplatz versammelt, und Gauland möchte jetzt endlich hören, was die Men- schen zu sagen haben, für die er eigentlich

nach Dresden gekommen ist. Gauland macht sich auf den Weg. „Wer sind Sie eigentlich?“, fragt ein jun- ger Demonstrant, der mit dem Fahrrad ge- kommen ist. Aber Gauland hat jetzt keine Zeit. Er will Bachmann zuhören. Reden kann er ja, dieser Bachmann. Gaulands Getreue schauen sich immer wieder vergnügt an, wenn er einen rheto- rischen Treffer landet, gegen die Eliten, die „Blockflötenparteien“ oder seine Kri- tiker, die ihm Fremdenhass unterstellen, weil er eine konsequentere Asylpolitik be- fürwortet. Er selbst sei einmal abgescho- ben worden, ruft Bachmann, aus Süd- afrika, weil dort sein Aufenthaltsrecht abgelaufen war. Das, findet er, lasse eine interessante, eher ungewohnte Erkenntnis über die Afrikaner zu. „Es müssen Nazis sein, weil sie sich an die Einhaltung ihrer Einwanderungsgesetze halten.“ Kein Satz bereitet den Männern der AfD solch ein Vergnügen wie dieser, selbst Gauland freut sich mit. „Nicht schlecht“, ruft einer von seinen Begleitern, und alle schauen sich an, in stiller Hochachtung vor Bachmanns Rhetorik. Sie reden jetzt auch von „Gänsehaut“, weil sie sich an die Mon- tagsdemonstrationen vor 25 Jahren in der DDR erinnert fühlen. Auch da habe man Demonstranten als „Chaoten“ beschimpft. Gauland will jetzt raus aus dem Getüm- mel, eine Zwischenbilanz ziehen, aber dann steht wieder dieser Mensch vor ihm, der mit dem Fahrrad gekommen ist. „Wer sind Sie eigentlich?“, fragt er schon wieder. „Ich bin der stellvertretende Vorsitzende der AfD“, sagt Gauland. „Der FDP?“, fragt der Fahrradfahrer. Das wäre der Moment, ein Gespräch zu beginnen mit einem der Menschen, die Gauland in Dresden eigentlich treffen woll- te. Aber Gauland hat schon genug von dem Gespräch. Sein Begleiter versucht ei- nen Scherz: „Auch das ist das Volk.“ Es ist eine schwierige Gratwanderung, die Gauland in Dresden wagt. Er will die Unzufriedenen für seine Partei gewinnen, die Mitläufer der Pegida, die es zu Tausen- den gibt. Dass sie sich um diejenigen scha- ren, die offen Fremdenhass predigen, nimmt er als Kollateralschaden in Kauf. „Ich kann nicht ausschließen, dass unter 10000 Demonstranten 2 NPD-Leute sind“, sagt er. Aber er will mit ihnen nicht in fla- granti erwischt werden. Er ist Doktor Gauland, der Akademiker, der auch die Sitzengebliebenen versteht. Diese Rolle will er hier nutzen. Es geht ihm um die Menschen, die sich von der Elite bevormundet fühlen und die mit Poli- tikern abgeschlossen haben. Man dürfe die Menschen nicht von oben herab belehren, auch was den Islam betreffe. Nicht alle Menschen seien „Islamwissenschaftler“. „Wenn sie sich nicht so ausdrücken kön- nen, sind sie nicht gleich islamophob.“

Deutschland

Mildernde Umstände für Ignoranz? Nicht alle Parteifreunde haben Verständ- nis dafür. Der stellvertretende AfD-Chef Hans-Olaf Henkel etwa, einer der letzten prominenten Liberalen in der Partei, warnt vor dem Schaden, den Gaulands Ausflug in den Umfragen anrichten werde. „Wieso muss man extra aus Brandenburg anreisen, um diese Truppe zu sehen? Wir sollten uns tunlichst von dieser Bewegung fernhalten.“ Denn sonst würden alle möglichen rechts- populistischen Ausfälle einzelner Pegida- Demonstranten der AfD angelastet. Andere fühlen sich angespornt, wie Frauke Petry, die Landeschefin der AfD Sachsen. Sie will die Organisatoren der Dresdner Pegida-Bewegung im Januar so- gar zu einer Sitzung ihrer Landtagsfraktion einladen. „Andere reden über Pegida, wir reden mit ihnen“, sagt Petry. „Das ist ein erstes Treffen, um zu verstehen, was diese Menschen wollen, und um unsere Positio- nen unverbindlich auszutauschen.“ Sie will mehr als einfach nur zuschauen. Der Tross der „Spaziergänger“ in Dres- den ist längst weitergezogen, vom Rathaus- platz zum Dynamo-Fußballstadion, wo Bachmann in seiner Abschlusskundgebung verkünden wird, dass am nächsten Montag Weihnachtslieder gesungen werden und je- der eine Kerze mitbringen soll. „Wir sind das Volk“, rufen die Demonstranten, ein Plagiat der Montagsdemos in der DDR vor 25 Jahren. Und: „Lügenpresse!“ Gauland ist zufrieden. Er hat etwas ge- lernt: Nirgendwo habe er „Neonazis in Nadelstreifen“ gesehen, nirgendwo „Chao- ten“, nur „Menschen mit Sorgen, die man ernst nehmen muss“. Es ist seine Formel für diesen Abend, die gar nichts sagt. Auf die Frage, ob ihn nun wirklich überhaupt nichts besorgt habe, fallen ihm nur die Pa- rolen von der „Lügenpresse“ ein. Die habe er wirklich für problematisch gehalten. Aber was soll er auch anderes sagen, wenn er einen ganzen Abend freiwillig mit Jour- nalisten verbracht hat? Gegenüber diesen Journalisten jedenfalls. Einen Moment dauert es noch, bis Bach- mann die Demonstration für beendet er- klärt. Eigentlich ist alles gesagt, da steuert eine Pegida-Sympathisantin auf Gauland zu. Sie hat offenbar die unzähligen Inter- views gesehen, die Scheinwerfer, die ihm dauernd das Gesicht ausgeleuchtet haben. Sie hat Mitleid mit ihm. Sie sagt: „Es ist eine Schande, dass Sie nicht in Ruhe ge- lassen werden.“ Er könnte ihr jetzt die Wahrheit sagen. Ihr erzählen, dass er es war, der die Presse eingeladen hat. Aber er will der Frau ihre Wut an diesem Abend nicht nehmen. Er lächelt sie an, für das ehrliche Mitgefühl. „Die Sorgen der Menschen ernst neh- men, statt sie zu belehren“, das ist sein Motto. So kann man das auch nennen.

Melanie Amann, Marc Hujer

FOTOS:ARNO BURGI / DPA

Im Zentrum Proteste Bislang ist der Funke der Pegida-Bewegung kaum von Dresden auf andere Städte
Im Zentrum
Proteste Bislang ist der Funke der Pegida-Bewegung kaum von Dresden auf andere Städte
übergesprungen. Gibt es ein spezifisch sächsisches Motiv für die Demonstrationen?
Pegida-Demonstration in Dresden

W enn draußen, vor dem Zaun, mal wieder der rechte Mob tobte, verkroch sich Omar, Flüchtling

aus Tunesien, in seinem Zimmer im Asyl- bewerberheim in Bautzen, Ostsachsen. Fast jeden Abend marschierten im Sommer Neonazis vor der Unterkunft auf, sie trugen Bierdosen in der Hand, skandierten: „Heil

Hitler!“ und „Wir bringen euch alle um!“. Omar zog die Decke über seinen Kopf und betete, der Albtraum möge aufhören. Doch der Albtraum hört nicht auf. Nicht in Bautzen, wo noch immer Rechte gegen Flüchtlinge protestieren, wenngleich we- niger massiv als im Sommer. Und auch nicht 40 Kilometer weiter westlich, in Dresden, der Landeshauptstadt, wo die bürgerliche Mitte, in gedämpfteren Tönen, gegen Flüchtlinge und Muslime hetzt. 15000 „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (Pegida) zogen dort am Montag durch die Innen- stadt. Und auch am kommenden Montag, zwei Tage vor Heiligabend, wollen sie pro- testieren und Weihnachtslieder singen. Jede Woche mehr Demonstranten, jede Woche mehr Wut – ein Ende der Proteste, die bereits im Oktober begannen, ist nicht in Sicht. Dennoch ist der Funke von Dres- den kaum auf andere Städte übergesprun- gen. Zwar meinen 34 Prozent aller Bun-

desbürger, dass Deutschland zunehmend islamisiert werde. Auf die Straße gehen andernorts deshalb aber nur wenige. Gibt es also ein spezifisch sächsisches Motiv zur Verteidigung des Abendlandes? Hat der Berliner Historiker Wolfgang Wippermann recht, der Sachsen als „das rechtskonservativste Bundesland der Re- publik“ bezeichnet hat? Und warum fällt es der CDU, die seit 24 Jahren im Freistaat regiert, so schwer, eine Antwort auf Pegida zu finden? Erst als die Demonstrationen im De- zember rasch größer wurden und nationa- le wie internationale Medien begannen, über das Phänomen zu berichten, sah sich Ministerpräsident Stanislaw Tillich zu ei- nem Statement veranlasst. Er kritisierte dabei weniger den rechten Volkszorn, der sich in Dresden artikulierte, sondern griff vor allem die politische Konkurrenz an. Mitglieder der Partei Alternative für Deutschland (AfD) versuchten, aus dem Schicksal der Flüchtlinge Kapital zu schla- gen, sagte Tillich. „Das ist niederträchtig.“ Eine kritische Auseinandersetzung mit Pegida findet dagegen eher auf Bundes- ebene statt: „Hetze und Menschenfeind- lichkeit haben auf unseren Straßen nichts zu suchen. Alle, die auf die Straße gehen, sollten genau hinschauen, mit wem sie da

laufen“, sagt zum Beispiel Manuela Schwesig (SPD). Demonstranten sollten nicht „Muslime zu Sündenböcken ihrer Ängste machen“. Die Bundesfamilien- ministerin will ihre Gelder zur Extremis- mus-Prävention auch gegen radikale Ten- denzen der Pegida-Bewegung nutzen. „Unser Bundesprogramm ,Demokratie le- ben!‘ zielt genau darauf ab, die zu stärken, die für ein vielfältiges, gewaltfreies und demokratisches Miteinander eintreten“, sagt Schwesig. In ebendiesem Bemühen ist Sachsen bis- her nicht weit gekommen. Der Freistaat fiel in der Vergangenheit immer wieder als Schauplatz rechter Umtriebe auf. Die neonazistische Terrorzelle NSU fand in Zwickau jahrelang Unterschlupf und Un- terstützer. Militante Kameradschaften wie die Skinheads Sächsische Schweiz oder Sturm 34 bemühten sich nach Kräften, in Teilen Sachsens „national befreite Zonen“ zu schaffen, also Landstriche, in denen Andersdenkende um ihr Leben fürchten müssen. Wiederholt zog die NPD in den sächsischen Landtag ein. Bei der Wahl im Sommer scheiterte sie knapp; auch weil die Rechtspopulisten der AfD fast zehn Prozent der Stimmen holten. Am 13. Fe- bruar, dem Jahrestag der Bombardierung Dresdens im Zweiten Weltkrieg, versam-

FOTO: ARNO BURGI / PICTURE ALLIANCE / DPA

Deutschland

FOTO: ARNO BURGI / PICTURE ALLIANCE / DPA Deutschland Landespolitiker Ulbig, Tillich: Im Zweifel steht der

Landespolitiker Ulbig, Tillich: Im Zweifel steht der Feind links

melten sich an der Elbe regelmäßig meh- rere Tausend Neonazis zur europaweit größten Kundgebung ihrer Szene. Pegida ist nicht zufällig in Dresden entstanden. In Sachsen gebe es seit Jah- ren eine Kultur, die rechten Aktivismus begünstige, sagt Oliver Decker, Leiter des Zentrums für Rechtsextremismus-For- schung an der Universität Leipzig. In Dresden hat eine rechtskonservative Variante der Bürgerlichkeit überlebt, die anderswo längst verschwunden ist. Lan- despolitiker haben Ressentiments gegen Migranten geschürt, die dem Freistaat angeblich keinen wirtschaftlichen Nutzen bringen. So sagte der frühere Justizminis- ter Steffen Heitmann (CDU) bereits in den Neunzigerjahren, er habe „große Sorge um diese unsere abendländische Gesell- schaft“. Und: „Die Fülle der Ausländer gefährdet stellenweise das Recht der Deut- schen auf Bewahrung ihrer Identität.“ Ähnlich klingen heute die Parolen der Demonstranten. Innenminister Markus Ulbig (CDU) wirbt zwar für eine geregelte Zuwande- rung, etwa von qualifizierten Fachkräften. Daneben kündigte er allerdings erst vor wenigen Wochen auch an, Polizei-Sonder- einheiten gegen mehrfach straffällige Asyl- bewerber einsetzen zu wollen. „Es darf nicht sein, dass einer, der kein Recht auf Asyl hat und dann noch schwer straffällig geworden ist, durch das Zusam- mentreffen von Strafprozessordnung und Ausländerrecht am Ende mit einer Art Bleiberecht belohnt wird“, sagte Ulbig. Rechte Zirkel finden in der sächsischen CDU eine besondere Aufmerksamkeit. Das zeigt sich am Beispiel der „Aktion Linkstrend stoppen“. Wie Pegida propa- giert die erzkonservative Splittergruppe den Kampf gegen eine „schleichende Isla- misierung“ Deutschlands. Offiziell distan- ziert sich die Landespartei von der Grup-

pe. Doch führende Funktionäre wie der damalige Fraktionschef Steffen Flath nah- men an ihren Veranstaltungen teil. „Da gewinnt man Kraft“, sagte Flath. Rechtsextremismus-Forscher Decker glaubt, dass auch Kampagnen konservati- ver Politiker rechte Parolen gesellschafts- fähig gemacht haben. Pegida-Anhänger könnten sich durch den alltäglichen poli- tischen Diskurs in Sachsen geradezu er- mutigt fühlen, auf die Straße zu gehen. Sachsen hat nach der Wende große An- strengungen unternommen, zu den west- deutschen Bundesländern aufzuschließen. Der Freistaat steht heute wirtschaftlich so gut da wie kaum eine andere Region in Ostdeutschland. Dresden ist Reiseziel für Touristen aus aller Welt. Nichts soll diesem Image schaden. Als ein breites Bündnis aus Parteien und Zivilgesellschaft 2012 forderte, eine Straße nach der Ägypterin Marwa al-Schirbini zu benennen, die drei Jahre zuvor im Dresdner Landgericht ermordet worden war, lehnte der Chef der CDU-Fraktion im Dresdner Stadtrat, Georg Böhme-Korn, den Vorschlag ab: Dresden dürfe nicht durch „Schandplätze“ bloßgestellt werden. Unter anderem aus Sorge um den Ruf des Landes wurde die Bedrohung durch rechte Extremisten von der sächsischen Regierung oft verharmlost. Sachsen habe kein signifikantes Problem mit Rechts- radikalismus, sagte Kabinettschef Tillich, auch nachdem Ende 2011 in seinem Land die Terrorzelle NSU aufflog. Schon für Sachsens ersten CDU-Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf waren Neonazis lediglich die „Randerscheinung einer Umbruch- situation“ nach dem Zusammenbruch der DDR. Gewalttäter seien „im Wesentlichen unpolitisch, motiviert vor allem durch die Ablehnung des Fremden“. Rechte Gewalttaten werden häufig nicht als solche erkannt oder nur halbherzig

verfolgt. 2007 jagte ein rassistischer Mob in Mügeln, einer Kleinstadt in Nordsach- sen, eine Gruppe Inder über den Markt- platz. Polizisten konnten in letzter Minute verhindern, dass die Verfolger ihre Opfer lynchten. Der damalige Bürgermeister Gotthard Deuse behauptete, es habe in Mügeln nie Probleme mit Rechtsradikalen gegeben. Dass während der Übergriffe wie- derholt „Ausländer raus“ gegrölt wurde, erklärte der FDP-Lokalpolitiker lapidar:

„Solche Parolen können jedem mal über die Lippen kommen.“ Der frühere sächsische CDU-Innen- minister, Albrecht Buttolo, sprach von einem Gerangel, das sich „hochgeschau- kelt“ habe; selbst wenn „rechtsextreme Sprüche“ gefallen seien, müsse es sich nicht um eine Straftat mit rechtsextremem Hintergrund gehandelt haben. Auch im Gerichtsurteil ist lediglich von „Angriffen des Straßenpöbels“ die Rede. Die Münchner Politologin und Rechts- extremismus-Expertin Britta Schellenberg, die den Fall für die Heinrich-Böll-Stiftung erneut untersucht hat, kam im Mai hin- gegen zu dem Ergebnis, dass Hinweise auf ein rassistisches Pogrom von Ermittlern mehrfach ignoriert und von der Regierung negiert wurden. Im Zweifel steht in Sachsen der Feind links. Zivilgesellschaftliches Engagement gegen Rechtsextreme wird von den Be- hörden regelmäßig behindert oder krimi- nalisiert. So eröffnete die Justiz zahlreiche Verfahren gegen Bürger, die am 13. Fe- bruar in Dresden gegen Neonazis pro- testierten. Ein Pfarrer wurde dabei ebenso vor Gericht gezerrt wie Landtagsabge- ordnete der Linken. Auch die Immunität des neu gewählten Ministerpräsidenten Thüringens, Bodo Ramelow, soll wegen seiner Teilnahme an einer Anti-Nazi- Demonstration in Sachsen aufgehoben werden. Tillich hat nun angekündigt, mit den Pe- gida-Demonstranten den „Dialog“ suchen zu wollen. Als Signal an die Dresdner Wut- bürger darf wohl auch die Berufung des CDU-Politikers Geert Mackenroth zum neuen sächsischen Ausländerbeauftragten diese Woche gedeutet werden. Mackenroth gilt als konservativer Hard- liner. Als Vorsitzender des Deutschen Richterbunds erklärte er einst, es seien „Fälle vorstellbar, in denen auch Folter oder ihre Androhung erlaubt sein kön- nen“. Erst nach Protesten nahm er die Äußerung mit Bedauern zurück. Und als sächsischer Justizminister verglich er radikale Umweltschützer mit islamis- tischen Gotteskriegern. Die Kritik am Bau der in Dresden umstrittenen Wald- schlösschenbrücke tat er als „Brücken- Dschihadismus“ ab.

Ann-Katrin Müller, Maximilian Popp, Andreas Wassermann

FOTO: TOBIAS SCHWARZ / AFP

Edathy vor der Bundespressekonferenz
Edathy vor der Bundespressekonferenz

Einer wird bleiben

SPD Für seine Affäre will Sebastian Edathy nicht allein büßen. Seine Aussagen sollen vor allem Fraktionschef Thomas Oppermann unmöglich machen. Der gibt sich ganz entspannt – vorerst.

A m Tag vor dem Showdown sitzt Thomas Oppermann in seinem Büro und blinzelt vor sich hin. So

aufgeräumt, so entspannt hat man den Vorsitzenden der SPD-Bundestagsfraktion selten gesehen. Oppermann spottet, er scherzt, er albert. Exakt 24 Stunden später, am vergange- nen Donnerstag, tritt der frühere Abge- ordnete Sebastian Edathy nach zehn Mo- naten im Ausland erstmals wieder in Ber- lin auf. Gut zwei Stunden zuvor sitzt Eda- thy im Großen Saal der Bundespressekon- ferenz: selbstgefällig bis aggressiv, nervös, aber auch ausweichend. „Where is the fu- cking problem“, raunzt er am Ende der Pressekonferenz einen Journalisten an. Später steht Edathy vor einem Unter- suchungsausschuss, der nun alle Fakten zusammentragen soll, um herauszufinden, ob Edathy vor den Ermittlungen wegen des Verdachts auf den Besitz von kinder- pornografischem Material gewarnt wurde. Er stellt seine Sicht der Dinge da. Es ist die Perspektive eines Opfers – der Staats- anwaltschaft, der Medien und seiner eige-

nen Partei. Wie Parteichef Sigmar Gabriel

und der damalige Erste Parlamentarische Geschäftsführer Thomas Oppermann ihm zunächst Hoffnung auf eine Beförderung im Zuge der Regierungsbildung Ende des Jahres 2013 gemacht hätten. Und wie sie ihn dann jäh verurteilten und verdammten. In Edathys Version stehen Gabriel und Oppermann nicht gut da. Konkret belegen kann er viele seiner Vorwürfe nicht. „Ich habe nichts, was ein Beleg ist“, räumt er ein. Was Edathy berichtet, summiert sich dennoch zu schweren Vorwürfen gegen den ehemaligen BKA-Chef Jörg Ziercke, gegen seinen ehemaligen SPD-Bundestags- kollegen Michael Hartmann – aber auch gegen Fraktionschef Thomas Oppermann. Vorausgesetzt, die Vorwürfe, die Edathy eidesstattlich hinterlegt hat, stimmen. Er habe „nichts mehr zu verlieren“, sagt Edathy. Und deshalb keinen Grund, nicht die Wahrheit zu sagen. Detailliert trägt er vor, wie Ziercke von sich aus seinen da- maligen Fraktionskollegen Hartmann über den Verlauf der Ermittlungen informiert habe und wie Hartmann ihn bis Mitte Februar auf dem Laufenden gehalten habe. Stimmt das, hätten sich beide womöglich

strafbar gemacht. Ziercke weist Edathys Darstellung vehement zurück. Auch Hartmann dementiert diese Versi- on. Er und Edathy kennen sich seit zwölf Jahren. Heute sagt Edathy über seinen Kol- legen: „Er hat mich ja schließlich infor- miert. Das hätte er nicht müssen.“ Selten ist einer, der wie ein Freund gehandelt hat, derart mies aufs Kreuz gelegt worden. Im Verhör der Journalisten hinterlässt Edathy das Bild eines nur scheinbar selbst- sicheren Mannes. Hinter der Fassade ist zu erkennen, wie sehr er abgeschlossen hat mit seinem alten Leben. So viel ver- brannte Erde hat selten ein Politiker bei seinem Abschied aus Berlin hinterlassen. „Um der Wahrheit willen“, wie es Edathy formuliert. Aber es wird auch klar, wen er politisch treffen will: Thomas Oppermann, der „seine Leute vorgeschickt“ habe, um ihn früh schon zum Verzicht auf sein Bun- destagsmandat zu bewegen. Das wird viele Fragen auslösen. Oppermann gibt sich dennoch gelassen- und entspannt. Wenn er sich in den ver- gangenen Monaten Zurückhaltung aufer- legt hat, wie manche sagen, ist sie nun ver-

flogen. Er hat Edathys Vorwürfe im Stern sorgfältig seziert, und es ist nichts aus seiner Sicht geblieben, was seine Position erschüttern könnte. Ob er an Weihnachten noch Fraktionschef sein wird? „Ich“, spot- tet er und wirft sich auf seinem Stuhl nach hinten, „ich bin auch in einem Jahr noch Fraktionschef.“ Das war nicht immer so sicher. Die Affäre Edathy war, gleich in ih- rer Anfangsphase, eine schwere Belastung für die Große Koalition. Als Edathys Bestellungen bei einem kanadischen Kinderporno-Händler publik wurden, war der damalige Innenminister Hans-Peter Friedrich, CSU, als einer der Ersten im Bilde. Und gutwillig, wie er ist, informierte er bald den Parteichef der SPD, Sigmar Gabriel. Der wiederum setzte den damaligen Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier und dessen Parlamentarischen Geschäftsführer, Thomas Oppermann, in Kenntnis. Als das bekannt wurde, musste Friedrich zurücktreten. Er hätte über die Ermittlungen nicht reden dürfen. Oppermann wiederum begann sich zu verheddern. In zwei wichtigen Punkten musste er sich korrigieren. Die Karriere des frisch gewählten Fraktionsvorsitzen- den, eine der wenigen Allzweckwaffen der SPD, hing an einem dünnen Fädchen. Diese Tage im Februar haben ihn lange belastet. Sie haben ihn Autorität und Selbstbewusstsein gekostet. Richtig frei ge- macht hat er sich von dieser Hypothek bis heute nicht. Das Vertrauen zwischen Uni- onsfraktionschef Volker Kauder und Op- permann war über Wochen angeschlagen. Am Ende schloss Kauder Frieden. In Ber- lin kommt Stabilität vor Rache. Wichtig für Kauder ist, dass Oppermanns Zusagen belastbar sind, er seine Genossen straff

führt und Abweichler im Griff hat. Das hat er bewiesen, und sein Lohn ist dieser Tage, dass Kauder und Gerda Hasselfeldt, die Landesgruppenchefin der CSU, öffent- lich kein schlechtes Wort über ihn verlie- ren. So geht Große Koalition. Sie wird Oppermann vermutlich auch gegen die jetzt neu aufgeworfenen Fragen schützen: Stimmt es, dass er Edathy Posten in Aussicht gestellt hat? Hat er sich nicht doch frühzeitig mit Hartmann über die Ermittlungen gegen Edathy ausgetauscht? Und was ist mit der Behauptung, er habe mit Hartmann über eine mögliche Suizid- gefahr bei Edathy gesprochen? Alles Unfug, sagt Oppermann. In der Tat, Edathy habe ihn Anfang November 2013 angesprochen. Die Koalitionsverhand- lungen waren in vollem Gang, viele in der SPD hofften auf eine Beförderung. Opper- mann wusste zu diesem Zeitpunkt von den Vorwürfen gegen Edathy und sagt heute:

„Edathy hatte sich durch gute Arbeit an- geboten. Aber andere auch, und so habe ich allen das Gleiche gesagt: Ihr kennt die Abläufe.“ Erst würden die Minister be- nannt, dann die Staatssekretäre, die Frak- tionsvizes, schließlich die Sprecher und Ausschussvorsitzenden. Edathy habe er nur wissen lassen, dass er kaum Chancen auf ein Ministeramt haben werde. Richtig sei auch, dass ihn Hartmann Ende November auf den schlechten Zu- stand Edathys angesprochen habe. Er habe Hartmann daraufhin knapp gebeten, sich um Edathy zu kümmern. „Das war kein langes Gespräch.“ Das Thema Edathy sei ihm unangenehm gewesen, sagt der Jurist Oppermann. „Über so was redest du in einer solchen Situation nicht. Schon aus Selbstschutz.“ Es stehe ja immer der Vor-

Sozialdemokraten Oppermann, Gabriel: Alle Drähte abgerissen FOTOS: ULLSTEIN BILD (L.); GEORG ISMAR / DPA (R.)
Sozialdemokraten Oppermann, Gabriel: Alle Drähte abgerissen
FOTOS: ULLSTEIN BILD (L.); GEORG ISMAR / DPA (R.)

Deutschland

wurf der Strafvereitelung im Raum. Und

die Behauptung, er habe sich mit Michael Hartmann über einen möglichen Suizid Edathys ausgetauscht? Die Behauptung sei „völlig absurd“. Edathy fehlte beim Zählappell an jenem Morgen, „und ich war voll darauf konzentriert, bei der Kanz- lerinwahl alle Stimmen zusammenzube- kommen“. So wirft das Ganze auch ein Licht auf die sehr eigenen Codes im Innenbetrieb des politischen Systems. Nach dem Ende des SPD-Parteitags in Leipzig Mitte No- vember 2013 hatte Edathy seinem Partei- chef Gabriel eine anbiedernde SMS ge-

schickt: „Was für eine Rede heute

bastian“. Gabriel antwortete, eine solche Rede sei „wohl nötig“ gewesen. Edathy schob sein Interesse an einem Posten in der absehbaren schwarz-roten Regierung hinterher. Gabriel antwortete erneut, ver- sehen mit einem Doppelsmiley: „Gern:-))“ War das eine Zusage des Parteichefs, wie es Edathy heute darstellt? Gar eine Zusage mit hoher Verbindlichkeit? War es ein freundliches Offenhalten der Entschei- dung? Oder war es ein unwürdiges, unehr- liches Hinhalten? Immerhin hätte Gabriel ja gar nicht antworten müssen, stattdessen gaukelte er Edathy Normalität vor. Und der SPD-Chef erklärte später im Innenaus- schuss des Bundestags selbst, für ihn sei zu diesem Zeitpunkt längst klar gewesen, dass er Edathy keinen Posten in der Re- gierung anbieten werde. Auf der anderen Seite kann Edathy aus einem schnell gesimsten „Gern:-))“ keine Postenzusage ableiten. Verbindliche Ab- sprachen werden im politischen Geschäft anders fixiert, auch in Berlin. Immerhin jedoch offenbart die Binnen- kommunikation der Herren Edathy und Gabriel die Halbwertszeit mancher sozial- demokratischer Solidaritätserklärungen. Am 9. Februar simste Gabriel – in Kenntnis der ersten Vorwürfe wegen des Ankaufs kinderpornografischen Materials: „Es tut mir sehr leid für dich. Kopf hoch! Es kom- men auch wieder bessere Zeiten. Dein Sig- mar“. Acht Tage später dröhnt derselbe Sigmar Gabriel voller Eifer im Willy- Brandt-Haus vor Dutzenden von Journa- listen, Präsidium und Vorstand seien „ent- setzt und fassungslos“ über Edathy. Fassungslos reagierte am Donnerstag auch die SPD-Fraktion über Edathys Auf- tritt. Zum Problem für den Fraktionschef könnte allerdings Edathys Hinweis werden, auch sein Büroleiter habe früh von den Vorwürfen gegen Edathy gewusst und habe Hartmann nahegelegt, Edathy zum Rückzug zu raten. Oppermann sagt dazu:

Se-

:)

„Ich habe mein Wissen über Edathy kei- nem meiner Mitarbeiter anvertraut.“ An- fang des Jahres wird er diese Version auch dem Untersuchungsausschuss vortragen.

Horand Knaup, Peter Müller

FOTOS: PHOTOAISA / INTERFOTO (O.); AFP (U.)

Die Glaubensfrage

Essay Dem Menschen ein Segen, der Menschheit aber nicht: warum Religion Gewalt gebiert Von Stefan Berg

V or dem Europaparlament hielt der Papst Ende November eine Art vorgezogene Weihnachtsansprache. Das katho- lische Oberhaupt forderte von den Europäern einen

verstärkten Einsatz für die „Würde“ des Menschen und beklagte die „barbarische Gewalt“, der „besonders die christlichen Min- derheiten in verschiedenen Teilen der Welt“ ausgesetzt seien. Er pries in diesem Zusammenhang das Christentum als eine Art Impfstoff gegen den Extremismus, was er selbstverständlich etwas filigraner formulierte: Europa solle „sich die eigenen religiösen Wurzeln zunutze“ machen, um „leichter immun zu sein gegen die vielen Extremismen, die sich in der heutigen Welt“ verbrei- teten. Seine Conclusio: „Es ist gerade die Gottvergessenheit und nicht seine Verherrlichung, die Gewalt erzeugt“, zitierte er seinen Vorgänger. Man kann dem wichtigsten Werbeträger einer Institution nicht verdenken, dass er für diese mit wohlgesetzten Worten wirbt. Das gilt für den Papst, wie es für einen Sportfunktionär gälte, der selbstverständlich die von ihm vertretene Sportart rühmen und die Schädigungen verschweigen würde, die einträten, wenn man ihr in einem übertriebenen Maß nachginge. Leider hat die übertriebene Verherrlichung Gottes mehr Opfer gekostet als jeder Sport. Dass über die Papstrede keine Diskussion entstand, kann mit zwei Phänomenen zu tun haben: mit der Popularität dieses sympathischen, unkonventionellen Menschen sowie dem media- len Hochgeschwindigkeitszug, der wegen solcher komplizierter Gedanken nicht anhält. Es lohnt aber innezuhalten. Eine der großen Fragen des vorigen Jahrhunderts war die nach Wesen oder Unwesen des Kommunismus. Haben der Realsozia- lismus in der Sowjetunion oder der Steinzeitkommunismus unter Pol Pot in Kambodscha das Wesen dieser politischen Heilslehre entstellt oder auf tragische Weise freigelegt? Philosophen haben darüber diskutiert. Die klarste Antwort gab die Realität: die nicht mehr vorhandene Bereitschaft der Menschen, sich für ein erneu- tes sozialistisches Experiment zur Verfügung zu stellen. Der Mini- malphilosoph Norbert Blüm brachte die Niederlage des Sozialis- mus auf die Kurzformel: „Marx ist tot, Jesus lebt.“ Die Frage nach Wesen und Entstellung wird heute wieder auf- geworfen. Nur müssen sich nun gläubige Menschen mit ihr aus- einandersetzen. Also Menschen, die – egal welchen – Gott „ver- herrlichen“, um beim Papst zu bleiben (und ohne zu hinterfragen, ob Gott der Verherrlichung überhaupt bedarf). Die Grundannah- me, die Gottvergessenheit und nicht die Gottesverherrlichung erzeuge Gewalt, widerspricht der Erfahrung der letzten Jahr- zehnte. Im Gegenteil. Man könnte beinahe ein mechanisches Ge- setz über das Verhältnis von Glauben und Gewalt formulieren:

je dichter die Anzahl der Verherrlicher Gottes, desto größer die Gefahr der Gewalt.

Religiös begründete Gewalt zeigt sich an vielen Fronten: Pro- testanten und Katholiken bekämpften sich in Nordirland, radikale Sunniten sprengen sich vor schiitischen Heiligtümern in die Luft, buddhistische Extremisten töten Muslime in Burma, muslimische Attentäter töten betende Juden in einer Synagoge, orthodoxe Juden vertreiben muslimische Palästinenser unter Berufung auf allerhöchste territoriale Zusagen an das Volk Gottes. Und nun auch noch Russlands Präsident Wladimir Putin, der die Krim mit Jerusalem vergleicht und damit den Ukraine-Konflikt in religiöse Höhen führt. Lauter Unwörter sind im Umlauf: Gotteskrieger errichten Gottesstaaten, Hassprediger werben hierzulande für heilige Kriege, weshalb nun Menschen für das christliche Abend- land auf die Straße gehen, die auch nicht gerade von der Zusage erfüllt wirken: Selig sind die Friedfertigen. Wer als Christ im realen Sozialismus groß wurde, der wird die bedrohlich-höhnische Vorhersage nicht vergessen, dass Religion ein aussterbendes Phänomen sei und mit ihr die Kirchen und die religiösen Menschen selbstverständlich verschwänden. Der Kom- munismus als Religions-Placebo hat jedoch versagt. Heute gibt es eine andere Schreckensvision: dass die Glaubenskrieger am Ende keine „Ungläubigen“ übrig lassen werden, sollten sie je in den Besitz von Atomwaffen kommen. Die Glaubensfragen, denen sich niemand entziehen kann, lau- ten also: Speist sich der Horror aus denselben Quellen wie der Zauber des Glaubens? Warum führt die Verehrung des eigenen Gottes so oft in den Krieg gegen die Verehrer eines anderen Got- tes oder einer anderen Vorstellung desselben Gottes?

S uchen wir beim Papst nach einer Antwort, so finden wir seinen etwas unpräzisen Verweis auf die „religiösen Wur- zeln“ Europas, womit er das Christentum meint. Er rät zu-

dem wie sein Vorgänger zu einem Bündnis von „Vernunft und Glauben, Religion und Gesellschaft“, um sich wechselseitig zu „läutern“. Bei der Rückschau zu den Wurzeln, also in die Ge- schichte Europas, fallen die Gewaltausbrüche mit religiöser Le- gitimation eher ins Gewicht als die aus Gottesverherrlichung rüh- rende Friedfertigkeit. An Beispielen ist kein Mangel: Der Schwede Gustav Adolf missionierte militärisch zugunsten des Protestan- tismus. Katholiken verfolgten Reformierte in Frankreich, weshalb die als Hugenotten bezeichneten Franzosen zu Tausenden flohen, auch nach Preußen, wo wiederum ein König per Zwangsfusion von oben die innerprotestantische Fehde zwischen Reformierten und Lutheranern zu beenden versuchte. Das Bündnis von Glaube und Vernunft, welches der Papst und auch protestantische Kirchenführer heute hervorheben, ist keine kirchlich-religiöse Schöpfung. Die Vernunft wurde nicht vom Klerus herbeigesehnt, sie erkämpfte sich ihren Platz gegen ihn.

Mordende Kreuzritter im Mittelalter

Der Glaube kann frohe Botschaft sein, aber auch als höhere Begründung für niederes Handeln dienen.

Bewaffnete Islamisten

Deutschland

Auch die Absage der Gottesverherrlicher an weltliche Macht und Gewaltausübung entsprang mehr Druck als Selbsterkenntnis. Die weitgehende Trennung von Staat und Kirche in Deutschland war eine Befreiung des Staats von der Kirche; erst Jahre später wurde sie umgedeutet als Selbstbefreiung der Kirche zu ihrem eigent- lichen Auftrag. Man muss in diesem Zusammenhang an Anneliese Michel erinnern, die 1976 zu Tode kam, nachdem zwei katho- lische Priester monatelang an ihr „Teufelsaustreibungen“ vorge- nommen hatten. Und bis heute hat die Vernunft noch immer da zu enden, wo vollkommen unvernünftig die Unfehlbarkeit bean- sprucht wird. „Judenhetzen, Maurenvertreibung, Hexen- und Ketzerprozes- se“, so höhnte der österreichische Schriftsteller Ludwig Anzen- gruber Ende des 19. Jahrhunderts, „über das, was oft angeblich zu Gottes Ehren geschieht, muss sich der Teufel freuen.“ Wie einst den Kommunisten ließe sich auch den Christen oder Muslimen in einem Schwarzbuch eine düstere Bilanz vorlegen. Da nicht jeder Gläubige zum Gewalttäter wird, kann man kaum behaupten, die Gewalt entspringe unmittelbar und allein der Gottesverherrlichung. Aber diese Verherrlichung ist eben nicht der von Rom angepriesene Impfstoff, sie hat ebenso wenig auto- matisch zum Widerstand gegen jene Gewalt geführt, die der Gottvergessenheit entsprang. Ansonsten wären wohl kaum so viele „deutsche Christen“ dem „Führer“ ins Verderben gefolgt.

D as Paradoxon des Glaubens besteht darin, dass in ihm offenbar beides wurzelt. Einerseits kann er dem Indivi- duum enorme Kraft und wahrhaftig frohe Botschaft sein;

ein Wunder, weil er den Menschen aus der Ungewissheit führen kann, die in der Gewissheit seines Todes liegt. Ein Mensch vermag sein Krank- und Schwachsein anzunehmen, wenn er aus dem Transzendenten jene Kraft bezieht, die nicht aus ihm selbst kom- men kann. Andererseits: Was individuell rettend ist, kann kol- lektiv das Mörderische gebären. Denn dieses Ungreifbare, Irra- tionale des Glaubens kann dem Bösen und der Gewalt als un- angreifbare Legitimation dienen, die höhere Begründung für ein niederes Handeln sein, welches sich der Ratio entzieht und zur Hemmungslosigkeit führt. Wer sich auf Gott beruft in seinem Anspruch auf Wahrheit, der stellt sich von jeder irdischen Be- gründung frei. Das aber ist der Kern des Fanatismus. Wie lässt sich das Gute des Glaubens vor dem Schrecklichen bewahren? Vielleicht verläuft die Scheidelinie zwischen dem, was wir ertragen, und dem, wovor wir uns hüten müssen, zwi- schen Glaube und Religion. Glauben ist ein individueller Prozess, ohne Zweifel kaum vorstellbar. Religion aber gibt den Glauben als Wahrheitsgewissheit aus und erhebt Anspruch auf mehr. Religion meint Gruppe, Hierarchie, Anhängerschaft, und sie birgt in ihrem Wahrheitsanspruch und in der Abgrenzung, ohne die sie nicht existierte, ihr Gefahrenpotenzial. Müssen wir also zwi- schen Glaubensfreiheit und Religionsfreiheit unterscheiden – und die eine bejahen, die andere begrenzen? Muss der Glaube von der Religion befreit werden? Eine Schlussfolgerung könnte lauten:

Die Glaubensfreiheit gilt uneingeschränkt. Auf (staatlich be- schützte) Religionsfreiheit hingegen hat eine Gemeinschaft nur einen Anspruch, solange sie nicht mit dem Verweis auf diese die Freiheit anderer einschränkt. Zumindest darf die Freiheit von der Religion nicht geringer stehen als die Freiheit zu ihr. In Zeiten des Kalten Kriegs gab es viele Versuche, die Vertreter der Religionen der Welt zu einem gemeinsamen Friedensenga- gement zu bewegen und damit die Welt vor der Katastrophe zu bewahren. Heute wäre man schon zufrieden, wenn es den Reli- gionsführern gelänge, ihre eigene oder ihre vermeintliche An- hängerschaft von ihrem mörderischen Treiben abzuhalten. Ein Anfang könnte darin bestehen, die Ursachen für die Gewalt oder die Abkehr von ihr in der eigenen Geschichte zu ergründen und zu benennen. Vielleicht stößt man bei dieser Suche – hoffentlich bald – auf den richtigen Impfstoff.

Ein Leben ohne Elfen

Maßregelvollzug Der Umgang mit schuldunfähigen Straftätern ist ins Gerede gekommen. Manche Patienten werden viel zu lange in den Kliniken festgehalten – Reformen sind dringend erforderlich.

Brandstifterin Yvonne S. auf dem Klinikgelände

in Lippstadt-Eickelborn

FOTO: MARCUS SIMAITIS

D er lange Weg ins Elend begann für den Mann aus Freiburg schon früh. Selbstmord seiner Mutter, als

er zwei Jahre alt war; gestörtes Verhältnis zum Vater und zur Stiefmutter. Immerhin Abitur, immerhin eine Handwerkslehre. Dann Absturz in die Drogenszene, Ab- bruch des Studiums. LSD, mexikanische Pilze, Ecstasy, Speed, Gras. Jens Heit- mann* sagt: „Ich war dauerbreit.“ Von den Drogen befördert, brach die Krankheit aus, die in ihm schlummerte. „Ich hörte Stimmen, sah Elfen, war dauer- aggressiv“, sagt der heute 41-Jährige. Ärzte diagnostizierten paranoide Schizophrenie, Heitmann ließ sich ambulant psychiatrisch behandeln. Aber der Zusammenbruch sei- nes Lebens war so nicht aufzuhalten. An einem kalten Abend im Januar 2009 streunte er, obdachlos geworden, durch ein Waldstück oberhalb Freiburgs. Ein pen- sionierter Lehrer wollte seine Lage ausnut- zen und bot Geld für schnellen Sex. Heit- mann lehnte ab, der Pädagoge insistierte. Heitmann fühlte sich bedroht, erschlug den alten Mann mit einem Stein und vergrub ihn im Dunkeln, hoch über den Lichtern der Stadt. Monate später fanden Spazier- gänger Knochenreste. Seine Freundin, der er von der Tat erzählt hatte, zeigte ihn nun bei der Polizei an. Heitmann war in dem Wald oberhalb Freiburgs durchgedreht, Psychiater spre- chen von einer akuten Psychose. Das Land- gericht in Freiburg hatte keinen Zweifel daran, dass er schuldunfähig war. Die Rich- ter verurteilten ihn nicht zu einer Freiheits- strafe, sondern ordneten nach dem Para- grafen 63 des Strafgesetzbuchs seine Unter- bringung in einer psychiatrischen Klinik des sogenannten Maßregelvollzugs an. Er kam nach Emmendingen im Breisgau. Heitmann wurde medikamentös einge- stellt und profitierte von einem umfangrei- chen Therapieangebot: Gespräche mit Psy- chologen, Kunst, Sport, Handwerken. Im November 2013, nach dreieinhalb Jahren, wurde er auf Bewährung entlassen. „Es ist eine unglaubliche Erleichterung, ein Leben ohne Elfen zu führen“, sagt er. Sofort fand er Arbeit, in seinem Handwerksberuf will er die Meisterprüfung ablegen. An die Tat im Wald denkt er „einmal in der Woche, und das ist immer ziemlich schrecklich“. Der Fall zeigt, was forensisch-psychiatri- sche Kliniken im Maßregelvollzug leisten können – aber längst nicht immer leisten. Maßregelvollzug: Das klingt wie das Dis- ziplinierungsprogramm einer preußischen Kadettenanstalt. Tatsächlich geht es darum, psychisch kranke Straftäter, die als rück- fallgefährdet eingeschätzt werden, in oft jahrelanger Behandlung hinter Gittern zu stabilisieren, damit sie wieder Fuß fassen können.

* Name von der Redaktion geändert.

In der forensischen Psychiatrie erleben viele Patienten erstmals, dass sich Menschen um sie kümmern.

Doch seit Langem ist der Maßregel- vollzug selbst ein Behandlungsfall. Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Ner- venheilkunde sieht „dringenden Reform- bedarf“. Im Bundesjustizministerium wird über neue Regeln nachgedacht, die baye- rische Justiz legte im Mai einen Gesetz- entwurf vor. Die Kernpunkte vieler Forde- rungen: höhere Hürden für die Einweisung, niedrigere für die Freilassung, kürzere Intervalle bei den Überprüfungen der Unterbringung und eine Verbesserung der Gutachten. Die bisherige Praxis gehört weggesperrt, und zwar für immer. Mehr als 7000 Delinquenten, alle schuld- unfähig oder vermindert schuldfähig, le- ben in den etwa 80 Einrichtungen des Maßregelvollzugs. Die meisten haben schwere Straftaten begangen, aber es gibt auch einige, die sich eine lange Liste von Ladendiebstählen und Schwarzfahrerei zuschulden kommen ließen und dann noch Ladendetektive oder Polizisten an- griffen, die sie festnehmen wollten. Die Zahl der Patienten ist in rund einem Jahr- zehnt stark gestiegen, von knapp 3000 Menschen allein im alten Bundesgebiet auf mehr als das Doppelte. Die Richter weisen mehr Täter ein, die zudem länger als früher in den Kliniken festgehalten werden. Fundamentale Kritik übt die Münchner Psychiaterin Hanna Ziegert, die Jahre im Maßregelvollzug gearbeitet hat. Zwei Drit- teln der Psychotiker könne mit Medika- menten geholfen werden. Aber für die üb- rigen Patienten gebe es wenige hilfreiche Therapien, „weil den Kliniken, vor allem in Bayern, weniger in Norddeutschland, der psychotherapeutische Gedanke viel zu fremd“ sei. Ins Gerede gekommen ist der Maßregel- vollzug durch den Fall des Gustl Mollath. Er hat die kafkaeske Angst einfacher Bür- ger vor einem Klammergriff des Staats be- flügelt. Wie groß ist die Gefahr, als halb- wegs gesunder Mensch wegen harmloser Marotten für irre gehalten und wegge- sperrt zu werden? Fast alle Patienten sind Männer, die meisten zwischen 30 und 50 Jahre alt. Die

Deutschland

Hälfte wird wegen schizophrener Psycho- sen eingewiesen, ein Drittel leidet an schweren Persönlichkeits- und sexuellen Störungen; jeder Fünfte hat eine erheblich geminderte Intelligenz. „Frühgestört sind fast alle, vernachlässigt, ohne Liebe und mit willkürlicher Gewalt erzogen, zum Teil sexuell missbraucht“, sagt Dirk Hesse, Ärztlicher Direktor des Maßregelvollzugs im niedersächsischen Moringen. In den meisten Krankenakten gibt es Hinweise auf Misshandlungen oder Heimaufenthalte. Diesen Menschen hätte schon früher geholfen werden müssen. Doch viele von ihnen sind wohl auch Verlierer eines Um- bruchs im Gesundheitssystem, der in aller Stille vollzogen wird. Drastisch haben die Länder die Zahl der Betten in der allge- meinen Psychiatrie abgebaut und sie im Maßregelvollzug erhöht. Beispiel Ham- burg: 1980 gab es 2689 Plätze in der Psy- chiatrie, jetzt sind es nur noch etwas mehr als die Hälfte. Im selben Zeitraum stieg die Zahl der Betten im Maßregelvollzug von 60 um mehr als das Vierfache. Einer der Gründe: In der allgemeinen Psychiatrie in Hamburg sank die mittlere Verweildauer von 45 Tagen im Jahr 1990 auf nicht mal die Hälfte. So schnell wie möglich werden kranke Patienten aus der Allgemeinpsychiatrie auf die Straße ge- schubst. Nicht selten begehen sie schwere Straftaten und kommen in den Maßregel- vollzug. Profiteure der neuen Praxis sind die Krankenkassen. Sie sparen in der all- gemeinen Psychiatrie viel Geld für die notwendige Behandlung von Kranken, die noch nicht straffällig waren. Die Kosten des Maßregelvollzugs trägt hingegen der Steuerzahler. Chefarzt Claas-Hinrich Lammers, Ärzt- licher Direktor in der Asklepios-Klinik Nord in Hamburg-Ochsenzoll, kennt die Geschichten der sogenannten Heavy User, die immer wieder Hilfe suchen. Vor ein paar Jahren war es möglich, sie mit Per- sönlichkeitsstörungen oder Psychosen bis zu einem Dreivierteljahr stationär aufzu- nehmen. Sie wurden mit Medikamenten eingestellt, bis sie etwa im betreuten Woh- nen leben konnten. „Heute dürfen wir sie nur akut behan- deln, der Medizinische Dienst der Kassen wacht darüber“, sagt Lammers. Einmal im Monat streite er sich mit den Kassen vor Gericht. Sie verweigern die Bezahlung, „weil die Patienten angeblich zu lange bei uns behandelt worden sind“. Die Krimi- nalität von psychisch Kranken werde da- mit befördert. Der Maßregelvollzug findet hinter Mau- ern und Gittern statt, aber anders als im Gefängnis gibt es keine brutalen Hierar- chien und fast keine Vergewaltigungen, es herrscht ein zumeist höflicher Ton. In Moringen darf die Hälfte der über 300 Pa- tienten bis zu mehrere Tage lang allein

FOTO: FRIEDEL AMMANN

FOTO: FRIEDEL AMMANN Täter Heitmann: „Ich war daueraggressiv“ kommen. Sie leben in völliger Abhängig- keit von

Täter Heitmann: „Ich war daueraggressiv“

kommen. Sie leben in völliger Abhängig- keit von den jährlichen Stellungnahmen der Therapeuten, Beurteilungen externer Gutachter im Drei- oder Fünfjahres- rhythmus und den Überprüfungen der Strafvollstreckungskammern. Sind weitere Straftaten nicht sehr wahrscheinlich, kom- men die Patienten unter Führungsaufsicht mit Auflagen frei. Aber das kann dauern. Fast 40 Prozent der Ende 2012 Unterge- brachten hatten bereits mehr als acht Jahre im Maßregelvollzug hinter sich, mehr als ein Viertel zwischen vier und acht Jahre. Manche bleiben lebenslang. Es ist also schwer, den Maßregelvollzug zu verlassen – und offenbar allzu flott weisen Richter Täter in die Psychiatrie ein. Der starke Anstieg seit Mitte der Neunzi- gerjahre liege, so Tonio Walter, Strafrecht- ler in Regensburg und Richter am Nürn- berger Oberlandesgericht, „an einer höhe- ren Unterbringungsfreude der Gerichte und Gutachter“. Die Rolle mancher Sachverständiger da- bei ist nicht ruhmreich, Zweifel an ihrer Unabhängigkeit drängen sich auf. Die Zeit- schrift Der Sachverständige veröffentlichte im April das Ergebnis einer Umfrage unter mehr als 200 medizinischen und psycho- logischen Gutachtern in Bayern. Jeder Vierte berichtete von „Tendenzsignalen“

der Justiz – den Psychiatern ist es jeder Rund 100 Euro gibt es pro Rechnung
der Justiz –
den Psychiatern ist es jeder
Rund 100 Euro gibt es pro
Rechnung gestellt.

Richter deuten an, welches

nach draußen, weitere 30 Prozent in Begleitung. Sie brechen erst mit Pflegern, dann allein zum Ein- kaufen auf, gehen ins Kino, segeln mit Therapeuten auf der Nordsee, campen oder wandern mit ihnen im Harz. „Erlebnispädagogik tut gut“, sagt Klinikchef Hesse. „Die Seele denkt in Bildern, und die Patienten erleben, wie schön ein straffreies Leben sein kann.“ Viele erleben erstmals, dass sich mehrere Menschen wohlwollend um sie kümmern. Die Erfahrung zeigt, dass nur ein Bruchteil der Pa- tienten nicht mit Erfolg behandelt werden kann. Strafgefangene aus dem Knast haben nach ihrer Ent- lassung eine wesentlich höhere Rückfallquote als Patienten des Maßregelvollzugs – wohl auch, weil die Strafe und nicht eine Therapie im Vordergrund steht. Einige Patienten profitieren von sehr individuellen Therapien. Die Brandstifte- rin Yvonne S., 31, etwa durfte in der fo- rensischen Klinik im nordrhein-westfäli- schen Lippstadt-Eickelborn ihre Liebe zu Tieren ausleben und im Rahmen von Lo- ckerungen auf einem nahen Pferdehof ar- beiten. Gelegentlich ritt sie auch innerhalb des festungsähnlichen Hochsicherheits- trakts. Nur: Manche Patienten bleiben für Psy- chiater auch nach Jahren eine „Blackbox“, wie es Bernd Wallenstein, stellvertretender Ärztlicher Direktor in Eickelborn, aus- drückt. Nahe seinem Dienstzimmer hängt ein großer Bilderrahmen mit zwölf Moti- ven, jedes zeigt ein brennendes Haus. Der Maler, Anfang zwanzig, war Brandstifter, seine Entlassung nach vier Jahren stand kurz bevor, als Wallenstein zufällig die Bil- der sah. Strich für Strich malte der Künst- ler ein Inferno und sagte: „Das ist mein Traum.“ Der Entlassungsplan wurde sofort verworfen, der Patient kam erst drei Jahre später frei. „Man kann eben in niemanden hineinsehen“, sagt Wallenstein. Dieses Problem wird sich kaum lösen lassen. Der Maßregelvollzug hat aber wei- tere Schwächen, die sich reformieren lie-

ßen – wenn denn der politische Wille groß

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ßen – wenn denn der politische Wille groß
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wenn denn der politische Wille groß

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ßen – wenn denn der politische Wille groß
ßen – wenn denn der politische Wille groß

genug wäre. Derzeit bedeutet Maßre- gelvollzug in einer psychiatrischen Klinik fast immer „open end“. Anders als bei Haftstrafen ist für die Betroffe- nen nicht abseh- bar, wann sie frei-

ist für die Betroffe- nen nicht abseh- bar, wann sie frei- Noch 3 Wochen! So bleiben

Noch 3 Wochen!

nen nicht abseh- bar, wann sie frei- Noch 3 Wochen! So bleiben manche Täter über Jahre
nen nicht abseh- bar, wann sie frei- Noch 3 Wochen! So bleiben manche Täter über Jahre

So bleiben manche Täter über Jahre hinter Gittern. Der frühere Landwirt Franz Xaver Einhell aus dem niederbayerischen Vilshofen etwa: Das Landgericht Passau ver- urteilte ihn 1995 zu 18 Monaten Knast und wies ihn, wegen ver- minderter Schuldfähigkeit, in den Maßregelvollzug ein. Dort blieb er bis November 2013, volle 19 Jahre lang. Einhell hatte vier Mädchen am Kirchenplatz seinen Penis gezeigt und am nächsten Tag sowie einen Monat später noch einmal. Nun sitzt er mit seinem Rechtsanwalt Hans-Jürgen Hellberg in dessen Vilshofener Kanzlei und zeigt die elektronische Fußfessel, die zu seinen Bewährungsauflagen gehört. „Die schlägt Alarm, wenn ich mich Spielplätzen oder Kindergärten nä- here“, sagt er. Hellberg kritisiert, dass die Unterbringung seines Mandanten „weit mehr als zehnmal so lange gedauert hat, wie die Gefängnisstrafe gedauert hätte“. Das Landgericht Deggendorf traf eine bemerkenswerte Entscheidung. Eine Weiterentwicklung in der Psychiatrie sei „nicht mehr zu erwarten“, Einhells Situa- tion werde sich durch zunehmende Hospitalisierung „eher noch verschärfen“. Insoweit folgte das Gericht der Einschät- zung der Gutachterin Hanna Ziegert. Zwar werde Einhell mit einer „mittleren bis hohen Wahrscheinlichkeit“ künftig ex- hibitionistische Handlungen vornehmen, die Wahrscheinlichkeit schwerwiegender Delikte aber sei „gering“. Dem Freiheits- grundrecht des Verurteilten, so die Richter, komme „Vorrang vor dem Sicherungs- interesse der Allgemeinheit zu“. Hat Einhell Angst, rückfällig zu werden? „Nein“, sagt er, „ich bin da in etwas hinein- geglitten, das vorbei ist, ich habe diesen Trieb nicht mehr.“ Er sehe „spätabends die Nackerten im Sportkanal“ und könne sich dabei „völlig entspannen“. Ein Jahr schon ist ihm das genug. Mitte der Neunzigerjahre, als Einhell weggesperrt wurde, verbreitete sich Hys- terie. Im Herbst 1994 missbrauchte und er- stach ein Psychiatriepatient der Klinik in Eickelborn ein Mädchen. Knapp zwei Jah- re später verhaftete die belgische Polizei Marc Dutroux, der mehrere Mädchen ge- quält und ermordet hatte. Als ein paar Wo- chen später der Mord an einer bayerischen Erstklässlerin Schlagzeilen machte, wur- den Forderungen nach Verschärfung der Gesetze laut. 2001 verkündete der damalige Kanzler Gerhard Schröder (SPD): Sexualstraftäter, die sich an Kindern vergingen, seien „nicht therapierbar“. Daher könne es „nur eine Lösung geben – wegschließen, und zwar

es „nur eine Lösung geben – wegschließen, und zwar Ergebnis sie wünschen. Recht gebeugt legt mancher

Ergebnis sie wünschen. Recht gebeugt legt mancher Gutachter offenbar seine Bewer-

tung der Schuldfähigkeit von Straftätern vor. Psychologen werden von bayerischen Richtern häufiger unter Druck gesetzt als Psychiater. Und sie sind abhängiger. Die

50 Pro-

zent des Einkommens mit Gutachten, bei

Dritte.

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erscheint

der SPIEGEL immer

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FOTO: MARCUS SIMAITIS

für immer“. Dabei war die Zahl der Sexual- morde an Kindern, aber auch an Erwach- senen längst drastisch gesunken. Etwa 10 Mädchen und Jungen jährlich waren Anfang der Siebzigerjahre allein in West- deutschland Opfer von Sexualmördern, seit Ende der Neunzigerjahre waren es in Gesamtdeutschland nur etwa 3 – die Angst war weitaus größer als die Gefahr. Doch Gesetze wurden verschärft, psy- chiatrische Klinken wie die in Eickelborn zu Festungen umgebaut. Die Taten, so Nahlah Saimeh, Ärztliche Direktorin des Maßregelvollzugs in Lippstadt-Eickelborn, hätten einen Paradigmenwechsel in der fo- rensischen Psychiatrie bewirkt. Der Glau- be, aus schwer kranken Tätern durch The- rapien „gänzlich neue Menschen zu for- men“, habe sich „als Fehlglaube erwiesen“. Seit Ende der Neunzigerjahre gelte die Ein- sicht: „Keine Heilung, aber Kontrolle.“ Seither würden Sexualtäter „so gut wie nicht mehr entlassen“, hat Sabine Nowara vom Institut für Rechtspsychologie in der Ruhrgebietsstadt Waltrop beobachtet. Bis in die Neunzigerjahre genügte es, wenn die Strafvollstreckungskammern zu der Einschätzung kamen, dass eine „Er- probung“ von behandelten Sexualtätern in der Freiheit verantwortet werden könne. Heute muss die Gefahr eines Rückfalls mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden. Das wagt kaum ein Gutachter. Vor allem sadistische Delinquenten wie der „Heidemörder“ Thomas Holst, der im Raum Hamburg drei Frauen vergewaltigt und gequält hatte, gelten als therapieresis- tent. Die Eickelborner Psychiaterin Nahlah Saimeh hat Erfahrungen mit diesem Täter- typus. „Ich habe hinter einen Vorhang geguckt, hinter den Sie nie sehen werden“,

Vor fünf Jahren wurde ein Sadist entlassen, der Frauen gequält hatte. Er blieb bislang straffrei.

hat ihr einmal einer dieser Patienten er- zählt. Damit sei deutlich geworden, „dass der sexuelle Tabubruch des Sadisten mit einem Gefühl persönlicher Überlegenheit verknüpft ist“. Einem solchen Patienten falle es „sehr schwer, wirklich dauerhaft auf dieses exklusive Erleben zu verzichten, zumal es um sexuelle Lust geht“. Wer se- xuell „nur im Angesicht von Angst und Qual des Opfers Befriedigung“ finde, be- halte „ein hohes Rückfallrisiko“, sagt die Forensikerin. In den zwei Jahrzehnten ihrer Arbeit als Psychiaterin, so Saimeh, habe sie aller- dings auch einen anderen Fall erlebt. Vor fünf Jahren sei ein Sadist entlassen worden, der Frauen auf widerlichste Weise gequält habe und erfolgreich therapiert worden sei. Er blieb bisher straffrei. Klinikchef Hesse aus Moringen warnt vor einer „Dämonisierung“ von Sexual- tätern: „Wir haben es nicht mit Menschen vom Schlage eines Hannibal Lecter aus dem Film ,Das Schweigen der Lämmer‘ zu tun.“ Wenn die Entlassung etwa eines sadistischen Täters nicht zu verantworten

etwa eines sadistischen Täters nicht zu verantworten Kunstwerk eines Patienten in Lippstadt-Eickelborn: Strich

Kunstwerk eines Patienten in Lippstadt-Eickelborn: Strich für Strich ein Inferno

Deutschland

sei, müsse in den Kliniken oder außerhalb ein sicherer Rahmen geschaffen werden, der „auch diesen Patienten eine vernünf- tige Lebensqualität bietet“. Klaus Petzold*, ein großer Mittdreißiger mit schütterem Haar, ist seit elf Jahren in Eickelborn untergebracht. Kaum Fort- schritte in der Behandlung, er darf noch immer nicht an Lockerungen wie Ausflü- gen teilnehmen. Er war 15 Jahre alt, als er zwei siebenjährige Jungen missbrauchte. Therapie, Jugendstrafe, wieder Therapie. Es half nichts. Er lernte „Stopp-Signale“:

Sollte er sich mal wieder einen Jungen aus- gesucht haben, müsse er sich Bilder von gequälten Opfern vor Augen halten, um sich zu bremsen – so versuchten es ihm Therapeuten nahezubringen. Die Bilder hatte er tatsächlich im Kopf, als er 2002 in Siegen mit einem Jungen auf dem Weg in ein Gebüsch war. Er hielt kurz inne, aber dann versagte die Bremse. Im Alltag der Anstalt gehört er zu den Raffinierten. Petzold gab vor, in Thera- piegesprächen pädophile Träumereien zu offenbaren, in Wahrheit wollte er sich nur daran erregen. Die Psychologen durch- schauten ihn. Petzold erzählt, dass sich die Pädophilen mit Liebe zum Detail über ihre Taten austauschen. „Das ist aufregend zu hören, was jeder so gemacht hat“, sagt er. Petzold nimmt an einer Gruppenthera- pie mit neun weiteren Sexualtätern teil, Vergewaltigern und Pädophilen. So einer wie Petzold wird von Vergewaltigern ver- achtet, sie halten sich für höherwertige Täter. Die Herren ziehen Karten. „Kinder, die nackt im Haus herumlaufen, fordern sexu- ellen Kontakt heraus“, steht auf einer. „Da ist was dran“, sagt ein Pädophiler. Ein Ver- gewaltiger schüttelt den Kopf. Auch der Satz „Kinder lügen, wenn sie von sexuel- lem Missbrauch erzählen“ findet bei Pädo- philen Zustimmung, desgleichen die These „Kinder können Spaß am Sex mit Erwach- senen haben“. Ein Vergewaltiger zieht die nächste Karte: „Frauen, die Nein sagen, meinen nicht immer Nein.“ Zwei Jahre ge- hen ins Land, bis die 24 Module dieser Therapie abgearbeitet sind. „Mich darf man noch nicht heraus- lassen“, sagt Petzold lächelnd, „ich habe noch immer zu viele von diesen Gedan- ken.“ Er will den Trieb mit einer Hormon- therapie in den Griff bekommen, aber sei- ne Knochendichte liegt 20 Prozent unter der Norm und lässt das nicht zu. Kalzium soll die Knochendichte verbessern. Petzold erzählt, wie er an Wochenenden erregt hin