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# 02 Die studentische Zeitung der Universität Erfurt campus:echo enbrechen. Vom Stürzen, Fallen und Zusammenbrechen.
# 02 Die studentische Zeitung der Universität Erfurt campus:echo enbrechen. Vom Stürzen, Fallen und Zusammenbrechen.
# 02 Die studentische Zeitung der Universität Erfurt campus:echo enbrechen. Vom Stürzen, Fallen und Zusammenbrechen.
# 02
Die studentische Zeitung
der Universität Erfurt
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enbrechen. Vom Stürzen, Fallen und Zusammenbrechen. Vom Stürzen, Fallen und Zusammenbr
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Titel: Freyja Schimkus / jugendfotos.de, CC-Lizenz | Foto unten: Ronn Aldaman, CC-Lizenz ÜBER UNS campus:echo
Titel: Freyja Schimkus / jugendfotos.de, CC-Lizenz | Foto unten: Ronn Aldaman, CC-Lizenz ÜBER UNS campus:echo

Titel: Freyja Schimkus / jugendfotos.de, CC-Lizenz | Foto unten: Ronn Aldaman, CC-Lizenz

CC-Lizenz | Foto unten: Ronn Aldaman, CC-Lizenz ÜBER UNS campus:echo ist das studentische Magazin der

ÜBER UNS campus:echo ist das studentische Magazin der Universität Erfurt und erscheint zweimal pro Semester. Alle Artikel spiegeln die Meinung der einzelnen Autoren wider und nicht die der gesamten Redaktion. KONTAKT Redaktion campus:echo Nordhäuser Straße 63 99089 Erfurt campusecho@uni-erfurt.de KRITIK UND MITARBEIT Wir freuen uns jederzeit über Anregungen, Kritik, Lob, ein- gereichte Fotos oder Artikel. Die Redaktion behält sich das Recht auf Änderungen eingesandter Artikel vor. Interessier- te Schreiber, Layouter und Fotografen sind stets willkom- men. HINWEISE Für den Inhalt der hier abgedruckten Anzeigen übernimmt die Redaktion keine Verantwortung.

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die Redaktion keine Verantwortung. campusecho0110.indd 2 CHEFREDAKTION Thomas Schmelzer - V.i.S.d.P. REDAKTION

CHEFREDAKTION Thomas Schmelzer - V.i.S.d.P. REDAKTION Katharina Bartsch - Simon Beck - Khes-

rau Behroz - Sarah Buch - Dennis Frieß - Franziska Gutt

- Philipp Hansen - Christian Hengstermann - Constan-

ze von Kietzell - Lydia Kirchhoff - Sören Musyal - Julia Orth - Rebecca Puchta - Thomas Schmelzer - Patrick Ste- gemann - Jan Steinhauer - Amrisha Uriep ANZEIGEN- BEAUFTRAGTER Bernhard Meier SATZ & LAYOUT Khesrau Behroz - Jan Steinhauer - Christian Hengs- termann FOTOS & ILLUSTRATION Simon Beck

- Anne Bert - Christian Hengstermann - Jan Steinhau- er DRUCK City Druck GmbH Erfurt - 1500 Exemplare

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Wir sind im fünften Jahrgang. Dies ist Heft Nummer zwei. 04 Scary Campus 06 Retardierendes
Wir sind im fünften Jahrgang. Dies ist Heft Nummer zwei. 04 Scary Campus 06 Retardierendes

Wir sind im fünften Jahrgang. Dies ist Heft Nummer zwei.

04

Scary Campus

06

Retardierendes Moment

07

Image-Schäden

08

Engagementnachschlag

09

campus:gedanken

10

Elite stinkt

11

Total international

12

+ / - / Monarchie

13

heft:campus

17

Berufswunsch: Prostitution

18

campus:menschen

20

Johannes-Straße

21

Haaaaaaaaaaaatschi!

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Kölleda

24

Ich schieß Dich tot, bitch! Not!

25

Ne Runde füßeln

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Das Beste zum Schluss

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Ähh

ditorial!

Wie jetzt? Keine Zeit, im Heft zu lesen? Schon am feiern, weil wenigstens die millionenseitige Pflichtlektüre bezwungen wurde? Sowieso gerade am Weg zur nächsten Klausur?

Ach so, stimmt ja: Prüfungsphase! Jene Zeit, in der die Bibliothek zum sakralen Wissensquell wird. Für viele als Fast-Food Absteige, für manche als Bio-Laden. Je nachdem und auch egal. Wäre wahrscheinlich eh besser, ‘mal nach Kölleda zu fahren, gegen Ökonomisierung, Bachelor und das ganze andere böse, böse Zeugs zu kämpfen oder einfach ein besseres Editorial als das hier zu schreiben. Schön wäre das. So richtig toll.

Aber sorry, dafür haben wir jetzt echt keine Zeit!

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( ( Ein Gespenst geht um Am Begriff scheiden sich die Geister. Linke verteufeln ihn, Liberale
( ( Ein Gespenst geht um Am Begriff scheiden sich die Geister. Linke verteufeln ihn, Liberale

Ein Gespenst geht um

Am Begriff scheiden sich die Geister. Linke verteufeln ihn, Liberale stimmen Loblieder an und wieder andere wis- sen eigentlich gar nicht genau, was damit gemeint ist. Die Rede ist von der Ökonomisierung.

von Dennis Frieß

K urz gesagt bedeutet Ökonomi-

sierung die Durchdringung eines

bislang weitgehend unökonomi-

sierten Gesellschaftsbereichs durch eine marktwirtschaftlich rationale Kosten- Nutzen-Logik. Doch was bedeutet es, wenn dieser Neuordnungsprozess vor den Pforten einer Universität um Einlass ge- bietet? Oder gar schon einen Fuß in der Tür hat, vielleicht schon durch die Flure spukt? Um die Ökonomisierung einer Univer- sität besser veranschaulichen zu können, stellen wir uns Ökonomisierung als ein Gespenst vor, wie wir es alle aus Kinder- erzählungen kennen. Es ist nicht wirklich mit Händen zu greifen, teilweise unsicht- bar und versetzt - bis auf die ganz Mutigen unter uns - viele in Angst und Schrecken. Unser Gespenst mag rationale Kosten- Nutzen-Rechnungen und findet, dass nur quantifizierbare Fakten zählen. Der große Bruder des Gespenstes heißt Kapitalismus und treibt seit längerem sein Unwesen auf der ganzen Welt. Der größte Feind unse- res Gespenstes und des Kapitalismus ist das sozialistische Gespenst, das allerdings ab 1989 die Segel streichen musste und nun lediglich auf der kleinen Insel Kuba herumgeistert. Unser Ökonomisierungsgespenst huscht fortan also durch die Flure unserer Universität und verbreitet seine Kunde. Dabei trifft es auf Professoren und befielt ihnen fortan nur noch in drittmittelträch- tigen Bereichen zu forschen. Seine Arbei- ten und Forschung seien von nun an nur noch etwas wert, wenn sich ein kulanter Drittmittelgeber damit finden lasse. Um seinen Forderungen Nachdruck zu ver- leihen, schnappt sich das Gespenst die wissenschaftliche Mitarbeiterin des Pro- fessors und fliegt davon. „Die bekommst du erst wieder, wenn du vier Doktoranden betreut hast“ ruft das Gespenst. Zurück bleibt ein Zettel mit der Überschrift „Cou- pon-Modell“. Für jeden Doktoranden er- hält ein Professor einen Coupon. Mit zwei Coupons kann man sich eine halbe Mitar-

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beiterstelle kaufen, vier machen eine gan- ze Stelle. Dem Professor wird klar, was das Gespenst gemeint hat. Geknickt schlurft er in sein Büro und beginnt einen Dritt- mittelantrag zu schreiben. Die Sprech- stunde fällt aus, die bringt keine Gelder und keine Mitarbeiter. Unser Gespenst huscht an leistungs- punkteraffenden Studenten und über- lasteten Professoren vorbei in Richtung Präsidium. Beim Präsidium schließlich angelangt, nagelt es in Luthermanier sei- ne Thesen an die Tür. LUBOM diktiert von nun an den Finanzetat der Hochschulen. Anhand von Studierenden-, Absolventen- und Promotionszahlen sowie eingewor- bener Drittmittel wird den Universitäten fortan Geld zugewiesen. „Von nun an zählt quantitative Leistung und Output in ganz Thüringen“, poltert das Gespenst. Frech unterschreibt das Gespenst mit „die Thü- ringer Landesregierung“ und zieht von dannen. Das Ökonomisierungsgespenst hat soeben den marktwirtschaftlichen Wettbewerb zwischen den Thüringer Hochschulen ausgerufen - Campus Thü- ringen hin oder her, der Wettbewerb wird es schon richten. Studiengänge müssen fortan innovativ sein, Alleinstellungs- merkmale aufweisen und Pull-Faktoren ausbilden - unrentable Fachbereiche wer- den eingestellt oder zielführend umstruk- turiert. In der Hektik hat das Gespenst etwas übersehen: Alle Universitäten und Fach- hochschulen buhlen anhand quantitativer Einheitsindikatoren, um einen begrenzten Geldtopf. Da der Topf gedeckelt ist – und einfach nicht größer werden will – müssen die Gewinne einer Hochschule zu Lasten einer anderen Hochschule gehen. Auch wenn sich alle Hochschulen verbessern, ihre Leistungen erbringen, stehen eini- ge von ihnen am Ende mit weniger Geld da, als zuvor. Ist das im Sinne unseres leistungsaffinen Gespenstes? Eigentlich nicht, denn es ist der festen Überzeugung, dass sich Leistung lohnen muss. Kann man hier überhaupt noch von Ökonomi-

sierung sprechen? Dem Gespenst bleibt keine Zeit den Ge- danken zu vollenden. Es gibt noch viel zu tun im Ökonomisierungsprozess. Mehr Kooperation mit der Wirtschaft zum Bei- spiel. Public-Private-Partnership, das gefällt unserem Gespenst. Da die Staats- kassen leer sind und Geld für Bildung knapp ist, sollen Kooperationen zwischen Hochschulen und der Privatwirtschaft mehr Geld an die Universitäten und Fach- hochschulen spülen. Gegner dieses Kon- zepts behaupten, dass so immer mehr die Interessen der Wirtschaftseliten an den Hochschulen einkehren. Auch Forschung und Lehre würden letztlich nur in wirt- schaftlich rentable Bahnen gelenkt. Hum- boldts Bildungsideal fliege dafür aus dem Portfolio, denn offene Forschungs- und Lernprozesse ohne konkretes Ziel sind zu schlecht kalkulierbar, um Jubelschreie bei der jährlichen Aktionärshauptver- sammlung hervorzurufen. Befürworter träumen von blühenden Bildungsland- schaften, fruchtbaren Synergieeffekten und massenweise Stiftungsprofessuren, die die öffentliche Hand wenigstens tem- porär entlasten. Wie der Trade-Off letzt- lich genau aussieht, weiß keiner so genau, das Gespenst ist jedoch guter Dinge, dass mehr Privatwirtschaft und Wettbewerb an den Hochschulen sich letztlich auszahlen werden. Die Fundamentallogik der Ökonomisie- rung dringt jedoch noch tiefer. Alles und jeder muss sich rentieren. Es geht darum, alles zu operationalisieren, vergleichbar und berechenbar zu machen. Der Selbst- zweck von Bildung verschwimmt, wird

unscharf, was ist Bildung eigentlich? Leis- tungspunkte: 1 LP = 30 Stunden Arbeits- belastung, nicht mehr und nicht weniger. Und alle machen mit beim Super-Mario- Studium, Punkte sammeln, Prüfungen be- stehen, sich mit Zeugnissen und Praktika für den Endgegner, der auf dem Arbeits- markt wartet, vorbereiten. Denn am Ende muss sich Ganze ja auch – genau richtig

– rentieren.

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( ( Protest oder Punkte Pünktlich zu Beginn der Prüfungsphase kommt auch die Bildungsstreik-Bewe- gung ins
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( ( Protest oder Punkte Pünktlich zu Beginn der Prüfungsphase kommt auch die Bildungsstreik-Bewe- gung ins

Protest oder

Punkte

Pünktlich zu Beginn der Prüfungsphase kommt auch die Bildungsstreik-Bewe- gung ins Stocken. Die Initiatoren sehen gerade darin einen weiteren Beweis für ihre Forderungen.

von Thomas Schmelzer

E infach ist die Sache nicht. Natür- lich. Aber dass es so beschwerlich werden würde: „Es ist einfach viel

zu komplex“, seufzt Malo Vidal im Uni- Café. Neben ihm sitzt Julian Kasten. Bei- de engagieren sich seit der ersten Stunde in der Bildungs-AG. Beide wirken gerade etwas ratlos. Rückblick: am 17. November 2009 besetzen die Erfurter Studenten das Audimax und schließen sich damit der bundesweiten Bewegung an, fünf Tage später ist ein erster Forderungskatalog entstanden. Es folgen Demonstrationen, Kundgebungen, Diskussionsrunden. Als Thüringens Kultusminister Christoph Matschie versucht, die Protestierenden mit ersten Geldversprechen zu beschwich- tigen, beobachten ihn über 1500 Augen. Aber dann ist es wie im Drama: auf den Höhepunkt der Besetzung folgt die fallen- de Handlung. Nachlassendes Interesse, nur noch einmal in der Woche Plenum, retardierendes Moment. Genau dort befinden sie sich jetzt. Wie geht die Geschichte aus, möchte man wis- sen. Untergang oder Sieg? Status quo oder grundlegende Reform? Und was heißt das konkret für die Uni Erfurt? „Zunächst ein- mal sind wir froh, dass hier das Bewusst- sein gewachsen ist, auch in Erfurt etwas bewegen zu können“, meinen beide. Seit den ersten Zelt-Protesten im Sommer sei die Bewegung ständig angewachsen. „Und mittlerweile hat die Bildungs-AG auch nicht mehr den Ruf, nur ein Sam-

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melbecken für politisch Linke zu sein.“ Mehrfach betonen sie das. Die politische Offenheit ist ihnen wichtig. Malo redet von einem „Demokratie-Planspiel“, Juli- an nennt es „Experiment“. Selbst mit der Universitätsleitung sind sie größtenteils im Reinen. Denn „die hat uns keine Steine in den Weg gelegt, sondern sogar eher un- terstützt.“ Nur wie es jetzt konkret weiter- gehen soll, das wissen sie auch noch nicht genau. Der Forderungskatalog vom 22. November hat den Senat nie erreicht, das letzte Positionspapier musste wegen in- haltlicher Fehler zurückgezogen werden. „Wie soll man auch richtig arbeiten, wenn man eigentlich nur jeweils zwei Monate Zeit hat“, frag Malo. Viel länger als drei- einhalb Monate sind die meisten Studen- ten pro Semester nicht in der Stadt, zieht man die Anlaufphase und den Prüfungs- zeitraum ab, kommt man auf seine Zeit. Nachvollziehbar, dass sich Netzwerke da kaum bilden können und falls doch nach drei Jahren Bachelor oft abrupt auseinan- der gerissen werden. Die konkrete inhalt- liche Arbeit stocke genau deswegen, sagen sie. Wenn es auf kleinste Formulierungs- details ankommt, sind oft stundenlange Einarbeitungsphasen notwendig – zusätz- lich zum studentischen „Workload“ von 35 Stunden pro Woche und mehr. „Um wirklich etwas zu bewegen, müsste man sich zwischen Studium und der Protest- arbeit entscheiden“, sagt Malo. „Aber wer kann sich das wirklich dauerhaft leisten?“

Das Fragezeichen steht im Raum. Es ist das alte Dilemma. Das System verhindert den dauerhaften Protest gegen sich. Es schützt sich gewissermaßen selbst. „Wir hoffen, dass die Beschlüsse der Kultus- ministerkonferenz keine bloßen Phrasen sind“, sagt Julian über die beschlossenen Willensbekundungen, sowohl die gene- relle Arbeitsbelastung als die einzelnen Prüfungsleistungen zu überdenken. „Aber selbst wenn sich da zu etwas durchgerun- gen werden könnte - wer soll denn die Re- form dann durchführen?“ Das Spiel, den schwarzen Peter zwischen Bund, Ländern und Hochschulen hin- und herzuschieben hat bei den Diskussionen um die Zukunft der deutschen Uni-Landschaft immer noch Hochkonjunktur.

Auf Seiten der Erfurter Uni-Leitung wird momentan zumindest hinsichtlich der nächsten Rahmenprüfungsordnung überlegt, wie Prüfungsleistungen entzerrt werden können. Zudem wurden in der vergangenen Woche zwei Anträge an den

Senat vorbereitet, die einen achtsemestri- gen Bachelor und Nachbesserungen beim vorläufigen Notenbericht fordern. Diese konkreten Punkte wissen die Bildungs- AGler schließlich doch noch zu berichten. „Vielleicht sollte man Bildungsseminare als Prüfungsfächer anbieten“, überlegt Malo einen kurzen Augenblick während des Gesprächs. Julian runzelt die Stirn:

„Gegen Punkte?“

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Sie schaden dem Image

- die ökonomisierte Bildungsdebatte

Die europäischen Proteste im November

kritisierten auch die Ökonomisierung

im Bildungsbereich. Image, Leistung,

Teilzeit – drei Beispiele aus der Debatte

an der Uni Erfurt.

ÖKO RAN ELIT EFFI ÖKO PR MAR GEL

von Philipp Hansen

P rotestierende Studenten würden dem Image der Universität schaden. Wenn die Uni ein Ort kritischen

Denkens ist, würden Proteste, Diskussi- onen und Kritik positiv wahrgenommen werden. Der Vorwurf Kritik schade dem Image deutet auf eine Wahrnehmung der Uni als Unternehmen hin, das auf einem Markt um Gelder und Studenten kämpft und das sich folglich auch positiv ver- markten muss. Besetzer von Hörsälen werden gefragt, was sie während der Besetzung geleistet haben, was es gebracht hat. Handeln wird auf Arbeiten reduziert ,dieses Arbeiten soll etwas „bringen“. Das entspricht genau der Logik der Erwerbsarbeit. Besetzer werden mit dem Maßstab der Leistung gemessen, der von vielen ja gerade kritisiert wird. Wem die Arbeitsbelastung zu hoch ist, der könne ja Teilzeit studieren. Auch hier die Orientierung an der Erwerbsarbeit:

Die Einteilung in Vollzeit- (40-Stunden- Woche) und Teilzeit-Studenten. Diese drei Beispiele stellen nur Randas- pekte dar. Im Zentrum der Kritik sollte das Äquivalenztauschprinzip stehen, das sich im Leistungspunktesystem offenbart. Der Tauschhandel lautet: Als Leistung erhältst du Scheine und einen Abschluss - als Gegenleistung bringst du Arbeits- bzw. Zeitaufwand; einige Jahre Gehaltsver- zicht gegen später höhere Gehälter. Das Bildungssystem ordnet sich damit in ein ökonomisches Gesamtsystem ein. Die Dominanz von „ökonomischen“ Argumenten zeigt, wie weit wir uns von Bildung als Wert an sich hin zu Bildung als einer Ware entwickelt haben. Wer sich auf diese Ware-Definition von Bildung einlässt, sieht sich Argumentationen aus-

gesetzt, wie „Alles was einen Wert hat,

muss auch einen Preis haben“. Dass das jede zwischenmenschliche, unentgeltli- che Handlung als wertlos verurteilt, ist den Propagandisten der „Leistungsgesell- schaft“ meist nicht einmal bewusst. Statt- dessen wird munter weiter gerechnet. Die Bildungsrendite eines Studienganges zum Beispiel oder ob Studenten, durch späte- res Steuerzahlen ihr Studium finanzieren, was ja bewiesen sein müsste, damit ein gebührenfreies Studium legitimiert wäre. Doch die ständigen Berechnungen über die „Zukunftsinvestition Bildung“ oder „die einzige Ressource, die wir haben“ reduzieren Bildung auf einen ökonomi- schen Begriff und zeugen letztlich von Ratlosigkeit. Die Debatte wird verengt und eine echte Auseinandersetzung wird erschwert: Welche Bildung wollen wir? Und für wen? Können unterschiedliche Bildungsvorstellungen nebeneinander be- stehen? Können wir von einem Einheits- system zu einem pluralistischen System übergehen? Und das auch noch staatlich organisiert? Bildung ist auch Humankapi- tal aber eben nicht nur. Der Begriff „Bildungsstreik“ ist selbst ökonomisch geprägt. Wer glaubt, dass er für bessere Bildung streikt, beteiligt sich schon an der Ökonomisierung des Den- kens. Die (Arbeit-) Leistungsideologie dringt in immer mehr Lebensbereiche vor, nun ist sie endgültig im Bildungsbereich an- gekommen. Die ökonomisierte Bildungs- debatte deutet auch auf die Krise der Er- werbsarbeitsgesellschaft hin. Wer eine

visionäre Bildungsdebatte führen will, sollte sich fragen: In welcher Gesellschaft

will ich leben?

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( ( Die Universität als Bordell Wie immer mehr Studentinnen und Studenten bereit sind, sich für
( ( Die Universität als Bordell Wie immer mehr Studentinnen und Studenten bereit sind, sich für

Die Universität als Bordell

Wie immer mehr Studentinnen und Studenten bereit sind, sich für ihren Lebenslauf zu prostituieren, und warum mir dieser verdammte Bildungsstreik geholfen hat, darüber hinwegzukommen.

Bildungsstreik geholfen hat, darüber hinwegzukommen. von Sören Musyal D ie Nachwehen des Bildungsstreiks liegen

von Sören Musyal

D ie Nachwehen des Bildungsstreiks liegen noch immer in der Luft. Viel wurde gefordert, zum Beispiel ein

selbstgestaltetes Studium. Schließlich sei das Studium doch die Gelegenheit, die persönlichen Interessengebiete zu vertie- fen, sich selbst weiterzuentwickeln. In der Tat soll das Studium genau das sein, doch ist diese Forderung nicht nur aufgrund der aktuellen Studienstruktur normativer Natur. Auch in den Köpfen vieler Studen- tinnen und Studenten scheint sich ein Bild verfestigt zu haben, das mit persönlicher Weiterentwicklung nicht mehr viel zu tun hat. Viel mehr zielt alles auf einen prall dekorierten Lebenslauf ab. Es liest sich

eben super, wenn man darin „Mitglied des Fachschaftsrates“ schreiben kann und ach wie wunderbar wäre es doch, wenn man für eventuelles Engagement schon im Vornherein einen Primastempel in sein Muttiheft, offiziell Engagementpass ge- nannt, bekäme. Ich bin enttäuscht und die Enttäu- schung wird zu gegebenen Anlässen noch größer. Wo landen wir denn, wenn die „Generation Praktikum“, oder alternativ die „Generation Lebenslauf“, auch noch angetrieben wird nach Stempeln für den Lebenslauf zu heischen? Viel wichtiger ist aber noch die Frage, wohin uns diese Entwicklung schon gebracht hat. Dass ich in einer Podiumsdiskussion mit ansehen muss, wie eine beträchtliche Zahl von Zuhörerinnen und Zuhörern begeistert nickt, wenn Prof. Dr. Klaus Kocks vom dreckigen PR-Geschäft schwafelt, zwingt mich das nur zu einem resignierten Kopf- schütteln. Ist es wirklich so erstrebenswert, sich Tag für Tag zu verkaufen? Anscheinend schon, denn früh übt sich die heutige Stu-

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Foto: flickr-Nutzer aresauburn / CC-Lizenz

dierendenschaft auf der Jagd nach Hingu- ckern in der Biographie. Wer sich schon heute guten Gewissens ausschließlich für ein zukünftiges Leben im Geldreigen ein- setzen kann, der wird mit Sicherheit auch zukünftig keine Scheu haben, entgegen seiner Überzeugungen zu handeln. Warum gab es keinen Widerstand als Kocks, der polemische Kolumnist und PR- Berater, die Zuhörerschaft als charakter- los bezeichnete? Vielleicht, weil es kaum jemanden gab, der dem guten Gewissens widersprechen konnte? Vielleicht aber auch, weil diejenigen, die widersprechen wollten, sich inzwischen in die Rolle des karrieregeilen Studierenden gepresst se- hen. Die Wege für diese Entwicklung sind, Gott sei Dank, schon geebnet. Die so ge- nannte Elite sind wir bekanntlich schon, da kann es ja kein großer Schritt mehr sein, für ein pralles Konto in der Zukunft zu studieren. Es ist doch inzwischen selbstverständ- lich, dass wir wegen eines guten Jobs hier sind, nicht nur in den Köpfen der Studie- renden. Ich kann mich noch an die Frage meines Dozenten im Seminar erinnern:

„Warum sind Sie denn hier? Na weil Sie mal dick Kohle verdienen wollen, oder?“ Ganz genau! Immerhin bin ich ein cha- rakterloser Student, der nur hier ist, um auf sein späteres Prestige hinzuarbeiten. Thematisch liegt mir das Ganze und ei- nige Praktika bei Gazprom oder Bertels- mann werden mich schon in richtige Bahn lenken. Vielleicht übernehmen die mich ja später und ich komme groß raus. Alterna- tiv gebe ich mich aber auch nur mit einem dicken Gehaltscheck zufrieden - Humbug! Ich bin mit Sicherheit nicht hier, um mein Leben mit gezwungenem Karriere-

denken auszugestalten. Ich bin hier, weil ich mich mit meinem Studium weiter- entwickeln will. Ich bin hier, weil meine Studiengebiete meinem Interesse ent- sprechen. Wenn ich wirklich „dick Koh- le“ verdienen wollte, wäre ich vermutlich nicht nach Erfurt gekommen, um an ei- ner Universität für Geisteswissenschaften zu studieren, in Hörsälen, die angeblich nicht überfüllt seien. Natürlich ist das Ganze etwas auf die Spitze getrieben, doch steht für mich außer Frage, dass die „Generation Le- benslauf“ beständig größer wird. Immer mehr Studentinnen und Studenten sind nicht mehr an ernsthaftem Engagement interessiert. Dies ist zum einen bedauer- lich, zum anderen aber ist es hochgradig bedenklich. Wenn ich mich in demokra- tischen Gremien von Leuten vertreten lassen soll, die diesem nur halbherzig und ohne Überzeugung angehören, dann fra- ge ich mich, ob ich diesem Gremium eine adäquate Vertretung zutrauen kann und will. Und wenn ich dann zu einer Fach- schaftsratswahl gehen muss, weil ich eben diese Leute verhindern möchte und mit ansehen muss, wie sie dennoch gewählt werden, und sich so ihren Eintrag im Le- benslauf sichern, dann wird meine Ent- täuschung nur noch größer. Ja, die leichten Böen des Bildungs- streiks - sie sind noch da. Und mir persön- lich hat er etwas sehr Wichtiges gezeigt:

Es gibt noch Menschen, die sich ganz ohne Stempel, ganz ohne Leistungspunkte für ihre Interessen einsetzen. Und genau die- se Menschen sind es, die mich ermutigen nicht jedem misstrauisch gegenüber zu

treten, weil er sich, sei es im Fachschafts- rat oder in einer Hochschulgruppe, enga-

giert. Danke!

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Eine saubere Sache von Katharina Bartsch P lötzlich standen sie da, die Desin- fektionssäulen. Helios-Klinikum
Eine saubere Sache von Katharina Bartsch P lötzlich standen sie da, die Desin- fektionssäulen. Helios-Klinikum

Eine saubere Sache

Eine saubere Sache von Katharina Bartsch P lötzlich standen sie da, die Desin- fektionssäulen. Helios-Klinikum ist

von Katharina Bartsch

P lötzlich standen sie da, die Desin-

fektionssäulen. Helios-Klinikum ist

doch gegenüber, dachte sich wohl

der eine oder andere. Achja, Schweineg- rippe. Die ersten Testversuche brachten das Ergebnis: Ja, es ist durchsichtig und ja, es ist flüssig. Übrigens, Tipp am Rande:

zwecks der Keimfreiheit drückt man den Hebel mit dem Ellenbogen runter…nicht mit den Rotz-Händchen. Beim näheren Beriechen schreckt der „Krankenhaus- Duft“ aber die meisten Studenten ab: Ge- rade vor der Mensa lassen viele nach der anfänglichen Neugier den Sauberkeitso- belisken bald links, bzw. rechts liegen und beißen dann mit herzhaftem Grunzen in ihre belegten Brötchen. Auch schon einmal entnommene Spei- sen dürfen an der Essensausgabe plötzlich nicht mehr zurückgelegt werden –eine Etikette, die eigentlich nicht nur zu Grip- pezeiten gilt. Heißt das etwa, ich hätte vorher meine Nudeln wieder in die Töp- fe packen dürfen? Auch die notwendige Rundmail zu Hygienemaßnahmen wurde

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Foto: flickr-Nutzer squacco / CC-Lizenz

vielerorts als putzig betrachtet, viele lach- ten sich über die Maßnahmen kringelig. Dabei sind die meisten Dinge eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Eigentlich sollte man meinen, dass ein paar gesund- heitsbewusste Studenten den anderen als Vorbild dienen könnten. Weit gefehlt, gerade in Grüppchen gilt der „Desinfizie- rer“ oft als verpönt und langsam. „Mann, komm doch endlich, heute gibt’s Schwei-

neschnitzel

Desinfizieren werden Gründe aufgeführt, wie: „ich will nicht, dass meine Hände wie die einer Krankenschwester riechen “ Auch schön: „Alkohol in Form von Bier oder Sekt tötet auch im Inneren des Körpers alle mitgegessenen Keime ab.“ Psychologen nennen dieses gegenteilige Verhalten bei Erwachsenen Reaktanz. Bei kleinen Kindern heißt es Trotzphase. Ob einfach ein erhobener Zeigefingers einer medizinische Fakultät fehlt, oder die traumwandlerische Sicherheit der Grund ist, mit der sich viele im gesundheitlichen Wattenest Deutschlands bewegen, kann man nicht sagen. Während es in manchen

. Als Ausrede für das Nicht-

!“

Seminarräumen gegen Nachmittag tat- sächlich wie im Schweinestall aussieht, haben wir dennoch wohl ein fettes, rosiges (Glücks)schwein gehabt: Vor Weihnach- ten zählte die Uni sieben Krankheitsfälle, seither sind keine weiteren bekannt. Ähnlich wie der Bildungsstreik zog die Krankheit bisher eher unspektakulär am Erfurter Campus vorbei, Lebensgefahr bestand für die Erkrankten nicht. Die

20 Ständer und zehn an der Wand ange-

brachten Spender müssen inzwischen nur noch selten aufgefüllt werden. Schade ei-

gentlich, sorgen sie doch – allerdings nur bei Benutzung (!) für mehr Hygiene im Uni-Alltag. Schließlich ergab eine Studie der London School of Hygiene and Tro- pical Medicine, dass nur 32 Prozent der Männer und 64 Prozent der Frauen nach dem Toilettengang ihre Hände mit Seife waschen. Vielleicht könnte man die Säu- len für die restlichen 68 beziehungsweise

36 Prozent ja noch etwas länger stehen

lassen?

In diesem Sinne, bleibt schön sauber!

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von Khesrau Behroz

Lasst uns, Menschenkinder!, über

Elite sprechen, einer wahrhaftig garstigen Krank- heit, einem Geschwür, so eitrig und blutig wie et- was anderes Schreckliches, das eitrig und blutig ist, einem lästigen Anhängsel mit der existenti- ellen Bedeutungskraft eines Blinddarms und der dekadenten Blödsinnigkeit einer Übergangsjacke.

Lasst uns, Menschenkinder!, über Elite sprechen, einem Nomen, einem Wort, einer abstrakten Konstruktion menschlicher Fantastereien, einer nichts beschreibenden Beschreibung, einer prä- tentiösen Krone, die all diejenigen aufgesetzt be- kommen, die immer noch glauben, dass das Kon- zept „besser sein“ existiert und in „besseres Sein“ resultiert.

Lasst uns, Menschenkinder!, über Elite sprechen, einer mentalen belle étage, auf der jede Diele knarzt, jedes Rohr Wasser lässt und jede Form von Ruhe durch markerschütternde Schreie schon im Keim erstickt wird, einer glänzenden Schön- heit mit der Echtheit einer Goldkette aus dem Kaugummiautomaten beim örtlichen Jahrmarkt.

Lasst uns, Menschenkinder!, über Elite sprechen, einem Wort, das abgrenzen und Richtungen wei- sen soll, einem Wort, das deutlich unterscheidet, zwischen der einen und der anderen Seite, so schwarzweiß wie eine Günter-Wallraff-Reportage über Schwarz und Weiß, einem Wort, das Hetero- genität mit der Farbenfreude eines Hosenanzuges von Angela Merkel zelebriert.

Lasst uns, Menschenkinder!, über Elite sprechen. Lasst uns kurz innehalten und nach Luft ringen, weil uns die Luft wegbleibt, wenn wir beobachten, mit welch unverschämter Selbstverständlichkeit sich Menschen nach oben schaukeln, um schon vorher atmen zu können, was auch allen Anderen zusteht, mit einer Logik, die so verkorkst ist wie die Idee, durch Trinken von Wasser und Bier den Regenwald retten zu können.

Lasst uns, Menschenkinder!, über Elite spre- chen und mit dem Finger auf Menschen zeigen, die nach gängigen Mustern gewiss keiner Form von Elite angehören und lasst uns sie dann Elite schimpfen, denn nichts, wirklich nichts!, ist elitä- rer als das Weiterreichen einer schief gegangenen moralischen Maxime an Andere, die richten sol- len, was so grobmotorisch zerstört wurde.

Denn am Ende des Tages, Menschenkind!, ist

auch Elite nur ein Label: Wenn es abfällt, enthüllt sich eine leere Verpackung, die genauso gut Oran-

gensaft oder Milch beinhalten könnte.

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Die Welt auf dem Campus Auf unserem Mikrokosmos namens Universitätscampus findet sich die ganze Welt
Die Welt auf
dem Campus
Auf unserem Mikrokosmos namens
Universitätscampus findet sich die
ganze Welt wieder. Warum also in
ferne Länder reisen, wenn wir hier
schon einmal Fernwehluft bei un-
seren Austauschstudenten schnup-
pern können. Man muss nur schauen,
von wo aus es als erstes auf der Welt-
karte losgehen soll.

von Lydia Kirchhoff

I nternationalität gehört heute zum gu- ten Ton einer jeden Hochschule. Ja, und wer von uns Studenten sitzt nicht

mit mindestens drei Austauschstudenten in einem Kurs? An der Erfurter Universi- tät teilen sich momentan 294 Austausch- studenten mit 5000 Deutschen die Plätze in Vorlesungen und Seminaren. Die Zahl erscheint verhältnismäßig niedrig, dafür sind aber insgesamt 72 Nationen, von A wie Afghanistan bis W wie Weißrussland, auf dem Campus vertreten. Die meisten von unseren ausländischen Kommilito- nen kommen aber aus China, gefolgt von der Russischen Föderation und Afgha- nistan. Die „Mutter“ aller Erfurter Austausch- studenten ist Manuela Linde vom Inter- nationalen Büro, die bestens Bescheid weiß, wie es um das internationale Poten- tial der Uni Erfurt bestellt ist. Aus ihrer Sicht ist die Internationalität im Bewusst- sein auf dem gesamten Campus angekom- men: „Sie ist auch Teil der strategischen Planungen der Universität. Wir haben in den zehn Jahren, seit Aufnahme des Studienbetriebes, hervorragende inter- nationale Partnerschaften aufgebaut. Als kleine Universität mit hoher Spezialisie- rung und wenig personellen Ressourcen können wir aber nicht auf allen Gebieten mitmischen. Steigerungsmöglichkeiten hätten wir, wenn wir mehr Studiengänge auf Englisch anbieten würden.“ Trotz- dem kommen jedes Semester stetig neue Austauschstudenten, sodass die Zahlen kontinuierlich steigen. Das ist gut für die Universitätsreputation und würde uns vielleicht sogar beim Hochschulranking

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in dieser Kategorie nach vorne pushen. Fragt man jedoch deutsche Kommilito- nen, stößt man auf sehr unterschiedliche Ansichten zur Globalität der Uni Erfurt. „Ich kenne hier keine Austauschstu- denten super gut. Ich belege zwar einen Italienisch-Sprachkurs, aber kümmere mich eigentlich nicht um die auslän- dischen Studenten, außer dass ich gele- gentlich neben ihnen sitze.“, sagt Lisa. Andere Studenten engagieren sich da schon mehr und beteiligen sich an inte- grativen Projekten wie Tandem, um mit den Austauschstudenten in Kontakt zu treten, meist nicht ganz uneigennützig, zur Sprachverbesserung. Mirjam ist nur eine von vielen freiwilligen Betreuern, und umhegt „ihre Amerikanerin“ mit Freude. Letztes Jahr gab es ein eins zu eins Tutor-Austauschstudent-Verhältnis mit 200 Paten. Woran liegt es bloß, dass der Campus auf der einen Seite sehr international geprägt ist, und auf der anderen Seite viele deut- sche Studenten doch eher getrennte Wege gegenüber ihren ausländischen Kommi- litonen gehen? Frau Linde erklärt diesen Zustand: „Die Austauschstudierenden kommen einige Wochen vor Semesterbe- ginn an die Uni, wenn die Erfurter Studie- renden noch im Urlaub oder Praktikum sind. So schließen sich die Austauschstu- denten zusammen und knüpfen bereits zu diesem Zeitpunkt Freundschaften un- tereinander. Auch im Deutschkurs sitzen sie mit ausländischen Kommilitonen und icht mit deutschen Studierenden nebenei- nander.“ Aber wir wissen ja, Ausnahmen bestätigen die Regel – auch in Erfurt. Jan

studiert Romanistik und sagt, er sei einer der wenigen Deutschen in seinem Fran- zösischkurs. „Ich finde, die Uni ist total international und es ist leicht Kontakt zu

den Austauschstudenten herzustellen.“, erklärt er weiter. In der Tat könnte alles viel motivierter ablaufen, wenn sich die deutschen Kommilitonen an einem der zahlreichen Integrationsprogrammen be- teiligen würden. Anscheinend ist das aber nicht so einfach, denn neben Argumenten wie „Keine Lust!“ taucht auch immer wie- der „Keine Zeit!“ auf. Tja, was ist da nur los auf dem Campus? Wahrscheinlich könnten wir noch ewig über das Desinteresse mancher Studie- render im Allgemeinen und speziell zum Thema ausländische Kommilitonen dis- kutieren. Nebenbei das stressige Bache- lorsystem dafür verteufeln, Hemmungen, Scham vor Fehlern und die Sprachbarri- ere vorschieben. Aber auch hier weiß die Expertin für Internationales Frau Linde einen Rat: „Gehen Sie mal Dienstagsa- bends ins Café International. Da ist von getrennten Wegen nichts zu spüren. Da ist immer gute Stimmung! Jeder einzelne Student, Deutscher wie Ausländer, muss etwas daraus machen. Auf den anderen zugehen und herausfinden, was der An- dere Interessantes zu bieten hat. Wir ha- ben die Welt auf dem Campus. Entdecken muss sie jeder selbst.“ Treffender könnte man es nicht formulieren. Ja und manch- mal fühlen sich unsere Austauschstu- denten so wohl und „haben keinen Bock wieder nach Hause zu gehen“, kann Jan von einem französischen Kommilitonen

lächelnd berichten.

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( ( Alternative Realität: Unsere Univer- sität wird von einem König geführt. Während ein Student sich

Alternative Realität: Unsere Univer- sität wird von einem König geführt. Während ein Student sich mit aller Kraft dagegen wehren möchte, emp- findet ein anderer die Monarchie als „die beste Erfindung seit Holz“.

die Monarchie als „die beste Erfindung seit Holz“. 12 13 campusecho0110.indd 12 TOD DEM K Ö

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beste Erfindung seit Holz“. 12 13 campusecho0110.indd 12 TOD DEM K Ö N I G !

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Holz“. 12 13 campusecho0110.indd 12 TOD DEM K Ö N I G ! DER KÖNIG IST
Holz“. 12 13 campusecho0110.indd 12 TOD DEM K Ö N I G ! DER KÖNIG IST

DER KÖNIG IST SPITZE!

von Sören Musyal von Khesrau Behroz

A ch, wie viel Gutes hat unser Kö-

nig uns denn schon getan! Welch

S chon zu lange werden wir geknech- tet, zu lange lassen wir uns in die, vom Tyrannen gegebenen Rahmen

zwängen. Ja, meine Studentinnen und Studenten, schon zu lange werden wir beherrscht von einem machthungrigen König, der uns in vorgefertigte Lehrpläne und Studiengänge steckt. Schon zu lange darben wir im Safte, der uns so fernen Strukturen, zu langen haben wir gehofft und geharrt in Angst zum Ende eines je- den Semesters. Schon zu lange haben wir tatenlos zugesehen, wie ein einziger über unsere Zukunftentscheidet, zu lange lie- ßen wir uns unterjochen von den Bluthun- den des Universitätskönigs. Ihr Studentinnen und Studenten in der finsteren Welt des Universitätscampus, nichts wird sich bewegen, wenn nicht wir uns bewegen. Niemand wird uns erretten, wenn nicht wir selbst aus den vernagelten Verhältnissen des Monarchen ausbre- chen.Wir könnten frei sein! Frei von den Zwängen, die uns von oben auferlegt wer- den, frei von Grenzen, die unseren, nach Entfaltung lechzenden, Geistern auferlegt wurden. In welch einer Welt würden wir leben, wenn wir nur gemeinsam den Auf- stand probten. Welch wunderbare Welt könnte es sein, in der sich Studierende in demokratischen Gremien zusammen finden, um gemeinsam über eine bessere Zukunft zu diskutieren. Unsere Zeit ist nun gekommen. Die Zeit, in der wir unsere Bildung selbst in die Hand nehmen, um eine zu schaffen, die es jedem ermöglicht, nach seinen Vor- stellungen zu lernen, eine Bildung, unbe- schwert, ohne einen studentenfernen Kö- nig. Und darum sage ich Euch: „Ein Fluch den Götzen! Tod dem König!“

edlen Absichten haben sich schon

aus seinen Taten gezeigt! Voll Güte und Zuneigung hat er mit seinen Studentin- nen und Studenten bislang gesprochen, voll Zuversicht und Verständnis hat er ihnen ihre miserablen Leistungen verzie- hen und sie mit der Großzügigkeit einer religiösen Lichtgestalt - bevorzugt Jesus von Nazareth, dem Tischler mit dem be- sonderen Pfiff - aus jeder Krise geholt und jedes Dunkel hell gemacht. Oh, König, un- ser König, wie königlich Du doch bist, Du könntest für ewig unser König bleiben! Er weiß alles, ergo: Er darf alles, ergo:

Er ist alles! Der König hat den Überblick über jedes Detail, er kann alles mit allem verknüpfen, er kann über sein niederes und dummes Volk herrschen und es den einzig wahren, einzig richtigen Weg wei- sen. So oft hat er schon sein gutes Herz bewiesen, so oft hat er schon seinen edlen Körper schützend vor unsere gestellt und Unheil in seine unheiligen Schranken ge- wiesen! Wir brauchen nichts außer den Monarchen, nichts! Demokratische Gre- mien? Der König kann‘s doch! Wahlen an der Hochschule? Der König kann ganz vorzüglich wählen! Gemeinsam über die Zukunft unserer Bildung sprechen? Der König führt gerne Selbstgespräche - er ist sich sein vertrauenswürdigster Berater! Unsere Zeit ist nicht gekommen! Nur der König weiß, wann unsere Zeit gekom- men ist und erst kürzlich hat er verlauten lassen, dass seine Zeit noch nicht vorbei ist. Darum sage ich Euch: Es gibt kein

„richtig“ oder „falsch“! Es gibt „richtig“, „falsch“ und „König!“ Schluss also mit

dem Genöle! Der König ist spitze!

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Gift und die alten Herren

von Khesrau Behroz

Foto: Freyja Schimkus / jugendfotos.de, CC-Lizenz
Foto: Freyja Schimkus / jugendfotos.de, CC-Lizenz

I ch kenne sie schon seit so vielen Jahren nicht. Ein Bild ist mir noch im- mer nicht bekannt, ich träume nicht von ihr, nichts liegt mir ferner als das. Man sagt, zumindest die alten Herren sagen das, die mit den Falten und

den grauen Haaren, die mit den abgetragen Pullovern und Hosen, sie sagen, ihre Präsenz habe der einer Königin geglichen, majästetisch. Mit strahlenden Augen sagen sie das, als würden ihre Erzählungen sie wieder zum Leben erwe- cken, als würde sie gerade in dem Augenblick, in dem ihr Name gesprochen, lächelnd durch die Türe treten, wie selbstverständlich, wie alltäglich. Doch nichts von dem passiert. Sie erzählen grölend ihre Geschichten, volltrunken, sie strahlen kurz, dann widmen sie sich wieder ihren Fernsehern, schauen den Nachrichtenkanal und sprechen über Politik, „diese Hurensöhne!“, dann trinken sie wieder ihre Biere und legen sich resigniert über den Bartresen und kurz vor dem Zusammenstür- zen, kurz vor dem Zusammeklappen, mit dem übrig gebliebenen bisschen Kraft in ihren hageren Körpern, bestellen sie sich ein letztes Pils.

Sie nennen sie Gift. Wie sie wirklich heißt, das wissen auch die alten Herren nicht. Niemand weiß es. Doch alle nennen sie Gift, manchmal gehässig, manch- mal zärtlich. Gift ist eine Asiatin, „eine Vietnamesin, die aussah wie eine Polin!“, schreit einer vom Tresen, und ihren Namen hat sie ihrer Existenz zu verdanken: Gift sei ein Geschenk gewesen, sagen die alten Herren, sie habe sie alle damals ge- rettet, als sie jung waren und weit weg von Zuhause. Man könne das gar nicht alles in Worte fassen, sagen sie, man hätte das alles mal sehen müssen. „Über- all Staub, ich habe nichts Anderes gefressen den ganzen Tag. Staubbrot, Staub- wasser, und es war laut, verdammt, es war verflucht laut und die Augen wa- ren stets nach links und rechts gerichtet, niemals geradeaus“, denn von vorne hat man den Feind nicht erwartet, „von vorne ist der Feind nie gekommen!“ Irgendwann habe man Ventile gebraucht, „man kann nicht ewig in die Luft ballern!“, alle alten Herren seufzen und schütteln die Köpfe, „das kann man wahrlich nicht tun“, sagt einer und schließt die Augen. Der Körper, der ach so junge Körper damals, der habe immer Sehnsucht gehabt. Immer nur dieselben Wege laufen, immer wieder mal, wenn sich die Gelegenheit bot, in die Ferne schießen, „verfickte Reisfresser!“, es habe sich ex- trem viel gestaut, „auch in der Hose!“, lacht einer dreckig und die anderen alten Herren drehen sich um, schauen ihn an und lächeln milde mit. Denn als Gift kam, sich quasi in ihre Leben streute, nahmen sie ihren ganzen Mut zusammen und inmitten des ganzen Staubs und inmitten des ganzen Ärgers, der Pistolen- und Gewehrschüsse, den Bomben und dem Geschrei, inmitten von Chaos und Anarchie, inmitten von Willkür und Unbeständigkeit, von Überraschungen und Unwissen, inmitten all der Ziellosigkeit und all dem Stress, der unglaubli-

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chen Hitze und der Fremde, inmitten von Feinden und nur wenigen Freunden, dort haben sie ihr Ge- schenk ausgepackt. Zuerst haben sie es festgehalten und geschüttelt und gehorcht und gelächelt, sie ha- ben sich amüsiert, die damals jungen Herren, ha- ben sich das Geschenk hin- und hergeworfen, hin- und hergeschoben, haben vor lauter Ungedud das Geschenkpapier einfach aufgerissen und die Fetzen auf dem Boden liegen lassen - es war wirklich tolles Papier! -, haben das Objekt beobachtet, es war wun- derschön und jung, unbenutzt, dann haben sie das Geschenk unter sich aufgeteilt, jeder hat auf seine Runde gewartet, jeder kam auf seine Kosten. Es war das schönste Geschenk, das sie bis dato je erhalten hatten.

Der Barkeeper klopft dreimal auf seinen Tresen. Die alten Herren greifen alle fast gleichzeitig nach ihren Gläsern, trinken die darin enthaltenen letzten Schlücke, schmatzen ein letztes Mal und stellen sich mehr oder weniger gerade auf. Langsam bewegen sie sich zum Ausgang, verlassen die Bar und gehen Schulter an Schulter torkelnd die Straße runter. Ich bleibe hinter ihnen, folge unaufmerksam. Als wir in einer dunklen Gasse ankommen, die betrun- kenen Gestalten nur noch Konturen, räche ich mei- ne Mutter. Ich bringe sie alle um.

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Foto: Tanja Wiegand campusecho0110.indd 14 Wie tief ist Deine Liebe? von Simon Beck Abbrüche sind in

Wie tief ist Deine Liebe?

von Simon Beck

Abbrüche sind in den meisten Fällen mit Unannehmlichkeiten verbunden. Bezogen auf das Ende einer Beziehung können nur schwer beide Parteien gänzlich zufrieden sein und so enden manche Abschlüsse mit einem Blumentopf der sich, selbstverständ- lich selbstständig, aus seiner Verankerung am Balkon löst um sich zielstrebig seinen Weg nach unten, in Richtung Bürgersteig zu suchen um auf eben diesem zu zerschellen und in einem Scherbenbeet zu enden in ei- ner erdigen Pfütze aus Regen und Tränen. Vor der Haustüre, aus der jetzt eigentlich der Ausreißer treten müsste – oder jetzt – hoffentlich, um der Pfütze etwas Furchtba- res zu verleihen indem er die Erde mit sei- nem Lebenssaft fruchtbar macht.

Auch wenn er jeden Mittwoch im Training Kopfbälle zur Genüge köpft, bietet sich es hier nicht an, seinen Kopf hinzuhalten, sich nicht der eigenen Enthauptung gegenüber behaupten zu müssen. Nicht, wenn die Liebe im dritten Stock, sechs Meter neunzig weiter oben, wohnt und die Tiefe der Liebe, welche Früher homogen und nun nur noch ein Kon- zentrationsgefälle ist, auf der Höhe ihrer Differenz relevant für ein böses Ende sein kann, aus dem es kein Erwachen gäbe. Son- dern nur die weißen Umrisse eines Mensch- lichen Körpers auf Kopfsteinpflaster, die im Abendlicht so aussehen, als trügen sie eine Sonnenblume ins Morgenrot.

Höhenrausch

Gin. Ginger. Ginger Ale. Falöhle. Fahlöhle. Stolpernd. Rauschend. Fallend. Fahlölend. Hoch hinunter. Fallhöhe.

von Rebecca Puchta

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heft campus World of Schwerkraft von Lydia Kirchhoff Na toll, wie in der Theorie: meine
heft campus World of Schwerkraft von Lydia Kirchhoff Na toll, wie in der Theorie: meine

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World of Schwerkraft

von Lydia Kirchhoff

Na toll, wie in der Theorie: meine Schokobrötchenhälfte landet mit der Schokoseite auf dem Küchenboden. Guter Start ins Wo- chenende! Ein gutes Omen? Mal schauen was der Tag bringt. Auf jeden Fall heut Abend Geburtstagsparty! Mein Frühstück besteht nun aus Kaffee. Der Tag entwickelt sich komisch. Eine Meinungs- verschiedenheit zwischen meinem Freund und mir. Ich verziehe das Gesicht. Möchte kein Geld für ein übertriebenes Geschenk dazugeben. 10 Euro – nein! Werde auf 5 heruntergehandelt. Ver- ziehe immer noch das Gesicht. Ich sage: So dicke bin ich mit dem nich! Er argumentiert: Aber du isst und trinkst da mit! Zählt nicht, denke ich wiederum. Eine verzwickte Situation ohne Diskussions- ergebnis.

brainstorming

von Constanze von Kietzell

Später piept mein Telefon…eine Friedens-SMS vielleicht? Nö, ne Mottoparty. Cool, denke ich. Das Thema: Freunde des Sports. Auch das noch. Hab keine Sportsachen. Geh ich halt als Spie- lerfrau à la Eva Longoria. Die Party ist okay- soweit so gut. Eine Stunde verstreicht, dann begleite ich meinen Basketballstar zum rauchen. Nun passiert ES! Ich rudere mit den Armen, mache selt- same Geräusche, als ob die beim balancieren von Körper und Be- cher helfen würden. Zack, ich liege körperlängs am Boden! Scheiß Schwerkraft. Merke nun kalten Beton am Po, dann Schmerz. Mein Fuß steckt im Boden fest, verdreht und angeschwollen. Es folgen Krankenwagen, Notaufnahme, Krücken! Ein komischer Tag, ich wusste es. Immerhin musste ich nichts zum Geschenk beitragen. Ein ganz praktischer Unfall!

Foto: Paul-Ruben Mundthal

brainstorming fallhöhe. ein fall aus der höhe. eine falle in der höhle. das höhlengleichnis.

die katze, die tief fällt und überlebt, die katze, die nicht tief fällt und sich das genick bricht.

falls wir in der höhe aus dem hochbett fallen sollten wir auf jeden fall mit hochmut

auf dem arsch landen

die falltiefe zeichnet die fallhöhe aus und hochfallen ist besser als runterfallen als liegen bleiben

hochfallen ist

fliegen lernen

fliegen lernen

nichts von fallhöhe denn wenn sie fallen lernen sie schon nicht mehr.

lernen nichts von fallhöhe denn wenn sie fallen lernen sie schon nicht mehr. campusecho0110.indd 15 25.01.10

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heft campus Wie hoch ist Harvard bis zur Gera? von Dennis Frieß Die Höhe des

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Wie hoch ist Harvard bis zur Gera?

von Dennis Frieß

Die Höhe des Falls eines Gegenstands ist entscheidend für dessen Deformation. Die vernichtende Fallhöhe einer Tasse liegt erfahrungsgemäß ungefähr bei einer han- delsüblichen Esstischhöhe. Die einer Uni- versität scheint schwerer zu bestimmen. Wie hoch ist Harvard bis zur Gera? Wie tief reißt die derzeitige Finanzsituation und der LUBOM-Spardruck die Universi- tät in den Abgrund? Gänzlich zerschellen wird sie wohl kaum, aber eine Tasse ohne Henkel ist irgendwie auch keine richtige Tasse mehr.

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auch keine richtige Tasse mehr. campusecho0110.indd 16 Jede Entscheidung ein Fall von Sören Musyal Du trittst

Jede Entscheidung ein Fall

von Sören Musyal

Du trittst auf das Plateau. Die altbekannte Kälte umweht Dein Gesicht. Denn sie ist immer dort, wo Du bist. Denn das Plateau ist, wo Du bist.

Du siehst unendliche Weiten. Du kennst sie Und doch sind sie Dir fremd. Denn so unendlich weit, so finster sind sie auch. Und immer wieder überkommt dich Finsternis, Ungewissheit.

Denn jeden Tag stehst Du auf diesem Plateau. Jede Stunde, jede Minute stehst Du auf diesem Plateau. Und das Plateau zwingt Dich zum Sprung.

Jede erdenkliche Richtung auf dem Plateau, sie zwingt Dich zum Sprung. Doch auf den Sprung folgt der Fall. Es ist ein Fall in die Ungewissheit, Denn wie tief Du fallen wirst, Du weißt es nicht. Und dennoch wirst Du springen.

Denn mit jedem Sprung kommst Du voran. Von Plateau zu Plateau kommst Du voran. Nein, Du weißt nicht wie tief Du fallen wirst, und doch, Du wirst springen.

Denn jede Entscheidung ist ein Fall. Ein Fall, der Dein Leben ändert. Denn jeder Fall ändert Dein Leben. Wie sehr es sich ändern wird - Du wirst es sehen.

Denn am Ende des Falls wartet Gewissheit. Gewissheit in gewisser Weise. Und Du spürst diese altbekannte Kälte im Gesicht. Die unendliche Weite, Du meinst sie zu kennen.

Und dann schaust Du Dich um. Du erkennst eine andere Weite, eine neue Weite. Und dann schaust Du zurück. Nicht hinter Dich, sondern über Dich.

Denn der Fall zeigt sie Dir – die Fallhöhe.

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Berufswunsch: Prostitution Was tun, in einer Zeit, in der den Zeitungen das Wasser bis zum
Berufswunsch: Prostitution Was tun, in einer Zeit, in der den Zeitungen das Wasser bis zum

Berufswunsch: Prostitution

Berufswunsch: Prostitution Was tun, in einer Zeit, in der den Zeitungen das Wasser bis zum Hals

Was tun, in einer Zeit, in der den Zeitungen das Wasser bis zum Hals steht, es zwar genügend Ta- xifahrer gibt, aber niemand genug Geld um den Dienst in Anspruch zu nehmen? Manchen scheint da das älteste Gewerbe der Welt, die Prostitution, ein willkommener Ausweg. Ein Kommentar über einen Imagewechsel der PR, den Traum vom dicken Geldbeutel und knallende Sektkorken.

von Patrick Stegemann

I ch bin keine PR-Schlampe - ich bin

eine gute PR-Schlampe.“ Stolz lä-

chelnd, die ihm anheftende Arroganz

zur Schau tragend, sitzt Klaus Kocks im Sitzungssaal des Erfurter Rathauses bei der Diskussionsveranstaltung des Fach- schaftsrates für Kommunikationswissen- schaft am Ende des vergangenen Jahres. Die meisten anwesenden Studenten schei- nen dem eloquenten PR-Berater Kocks, der Atomkraftwerkbauer nach Tscherno- byl ebenso zu besserer Berichterstattung verhalf wie namenhaften Autokonzernen in Zeiten des rasanten Klimawandels, kaum Kontra geben zu können. Einige ni- cken verschämt - so ein Pfundskerl wären sie auch gerne. Früher hätten, so Kocks, die übergroße Mehrheit der Studenten in Medienstudiengängen Journalisten werden wollen, PR sei das unliebsame Schmuddelkind gewesen. Das sei heu- te anders. Etwas Maßgebliches hat sich geändert, entkrampfter scheint heute das Verhältnis. So entspannt, dass auch immer mehr Kommilitonen am liebsten selber PR-Schlampe sein wollen - und ja, wenn's geht, natürlich richtig gute. Gut bezahlt vor allem: die Tagessätze für die großen Öffentlichkeits-Berater der Repu- blik wie Kocks liegen zwischen 1000 und 9000 Euro. Skrupel scheinen da nicht an- gebracht. Auch einfacher PR-Journalist ist ein beliebtes Berufsbild in Zeiten der

zunehmenden Prekarisierung der Jour- nalisten. Immer weniger Schreiberlinge können von ihrer Arbeit leben und so las- sen sich immer mehr von ihnen auf Tätig- keiten ein, die es Wert wären, von ihnen als Skandal aufgedeckt zu werden. Lo-

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Foto: Alessandro Di Maio / jugendfotos.de, CC-Lizenz

kaljournalisten verkaufen Abonnements und werben Anzeigenkunden, berichten über Autos und Reiseziele, die ihnen von gütigen Unternehmen selbstverständlich geschenkt wurden. Verheerender als die versteckte Wer- bung für Palmenoasen und Spritfresser ist, dass der Einfluss von Public Relations unlängst von den Randbereichen des pro- fessionellen Journalismus her auf ande- re Gebiete übergreift. So investierte die Bahn 1,3 Millionen, um mit tendenziösen Umfragen und Interviews ihre eigene Pri- vatisierung voranzutreiben - „Qualitäts- medien“ wie der Spiegel druckten - auch mangels Wissen über die Verstrickungen der von der Bahn beauftragen Agentur „Berlinpolis“ - bereitwillig die fragwürdi- gen Inhalte. Immer öfter knallen bei PR-Agenturen die Sektkorken, weil es ihnen gelingt, gezielt getarnte Werbung im redaktio- nellen Teil der Presseprodukte zu lan- cieren. Egal, ob Spiegel, Süddeutsche oder Maischberger,: Lobbyisten schrei- ben Kolumnen und geben Interviews. So widmete der Focus dem AWD (Allgemei- ner Wirtschaftsdienst)-Lobbyisten und „Gesundheitsexperten“ Bert Rürup ein mehrseitiges Interview - freilich ohne auf dessen zwielichtigen Auftraggeber zu ver- weisen. Das alles sind - man ahnt es - keine Aus- nahmen. Umso befremdlicher wirkt die Begeisterung vieler Studierender für eine PR-Tätigkeit, für ein abgefahrenes Prakti- kum bei einer der unzähligen Agenturen. Berufswunsch: Journalist oder was mit PR. Dabei könnte der Berufsethos beider

nicht unterschiedlicher sein: Während die einen um der Aufklärung willen Informa- tionen ans Licht zerren wollen, bewachen die anderen eben jene mit fletschenden Zähnen. Die einen sind den Fakten - die anderen dem Gewinn eines Unterneh- mens verpflichtet. Von ähnlicher unre- flektierter Weltsicht zeugt auch, was sich in dem Pendant dieser Zeitung an einer süddeutschen Universität abspielte. Dort dachten sich die eifrigen studentischen Schreiberlinge offensichtlich nichts dabei, ihrer neusten Ausgabe auch gleich eine Beilage zuzufügen, die mit der Uni-Pres- sestelle ausgearbeitet worden war. Für den Leser war der Unterschied zwischen redaktionellem Text und von der Presse- stelle gestreuten Informationen nicht aus- zumachen. Dass an anderen Universitäten sich gern auch Professoren als Experten an Unternehmen verkaufen, ist unlängst bekannt und bedarf hier nur einer Rand- notiz, (so hatte auch der oben genannte Bert Rürup bis zum vergangenen Jahr eine Professur inne). Viel frappierender als nach Aufmerk- samkeit und Geld heischende Professo- ren: Während manche gerade dem Abitur Entsprungene noch voller Idealismus die Universitäten des Landes betreten, haben allzu viele wenige Jahre später alle Ideale über Bord geworfen. Junge Kommunika- tionswissenschaftler, die von Habermas die Notwendigkeit einer bürgerlichen Öf- fentlichkeit lernten, Germanisten, die sich an Heines oder Brechts Ideologiekritik übten: Viele von jenen finden Spaß daran, die Öffentlichkeit hinters Licht zu führen. Sie sind, was Kocks längst ist: Schlampen.

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( ( Ein wenig verwöhnt werden Was soll eigentlich die Kamera im Audimax? Wieso ist der

Ein wenig verwöhnt werden

Was soll eigentlich die Kamera im Audimax? Wieso ist der Hörsaal 6 der „Mercedes unter den Hörsälen“? Und wer kann sich etwas unter „ANSI- Lumen“ vorstellen? Campus Echo durfte Gast bei Gunter Räupke und seinem Team von der Medientechnik sein.

von Amrisha Uriep

G unter Räupke ist seit dem Jahre

1970 an der Universität Erfurt,

die damals noch Pädagogische

Hochschule Erfurt hieß. Zu Zeiten, in de- nen der Bereich Medientechnik noch eine gänzlich unabhängige Abteilung war, die sich Audiovisuelles Medienzentrum, kurz „AVMZ“ nannte. Das AVMZ ging mit seinen Dienstleis- tungen über die Bereitstellung von Prä- sentations- und Aufzeichnungstechnik hi- naus. Neben der Medientechnik existierte der Bereich Grafik, Hochschulinternes Fernsehen, eine eigene Druckerei sowie ein Fotolabor. Auf „Zimo Copy“ und Foto- service war die Universität nicht angewie- sen und rückblickend schwärmt Gunter Räupke von dem AVMZ als eine „hervor- ragende Sache“: Die Geräte wurden eigens von den Mitarbeitern repariert und nicht beim kleinsten Defekt weggeworfen. Der gelernte Rundfunk- und Fernseh- techniker war in seiner Abteilung optimal ausgestattet. Inzwischen haben sich die Zeiten geändert, die Medientechnik er- fährt laufend Neuerungen, es wird nicht mehr auf Dauerhaftigkeit gesetzt, sondern auf Modernität. Dieser Umstand tut Gun- ter Räupkes Leidenschaft für die inzwi- schen an das Rechenzentrum angebun- dene Abteilung der Medientechnik jedoch keinen Abbruch, denn noch immer gibt es allen Grund, stolz zu sein:

So ist das zentrale Betreuen von fest in- stallierter Technik und der Ausleihe keine Selbstverständlichkeit an deutschen Uni- versitäten, oft wird bloß fakultätsintern

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gearbeitet. Die Vorteile der Zentralität sei- en, dass weniger Technik zur Verfügung stehen müsse, welche zugleich häufiger eingesetzt werden könne. Der Unterricht sei somit zumindest in technischer Hin- sicht gesichert und vor allem Professoren, die eigentlich an anderen Universitäten unterrichten, wissen anzuerkennen, dass sie hier „eigentlich ein bisschen verwöhnt werden“, wie Gunter Räupke mit einem Lächeln sagt. Aber für eine vollständige und einwandfrei funktionierende Ausstat- tung in den Hörsälen setzt der 61-jährige sich gern ein, versteht er sich und seine Abteilung als „eine Art Feuerwehr“, denn heutzutage sei der Unterricht in den meis- ten Fällen von der Medientechnik abhän- gig. Auf die Frage, was er von dem zuneh- mendem Einsatz von „Power Point“ und Mikrofonen halte, kommt eine Antwort, die einmal eine ganz andere Sichtweise widerspiegelt. Unnötige Präsentationen, die jeden gesprochenen Satz zusätzlich abbilden oder einfach nur starre Bilder minuten- lang an die Wand projizieren, schmerzen Gunter Räupke nämlich aus einem ganz bestimmten Grund: Die Nutzungskosten etwa für den einstündigen Einsatz des Be- amers im Audimax betragen allein für die Beamer-Lampe sieben Euro. Wegen der Kostspieligkeit hat der Beamer mit seinen 11500 ANSI-Lumen (Maßeinheit für einen Lichtstrom, der auf eine Projektionsfläche trifft) im Audimax auch seine besondere Aufmerksamkeit verdient: Die allseits be- kannte Kamera, die oben in der hinters-

Die allseits be- kannte Kamera, die oben in der hinters- ten Ecke im Audimax installiert ist,

ten Ecke im Audimax installiert ist, dient zwar Kontrollzwecken, doch interessieren dabei nicht die Studenten oder der Do- zent: Allein der reibungslose Ablauf beim Einsatz der Technik soll durch die Funk- übertragung in den Raum 207 des Lehr- gebäude 1 immer im Blick bleiben, damit die Technik-Feuerwehr bei einer Störung sofort zur Stelle sein kann. Und auch sonst gibt es viel zu tun. Die Hörsaaltechnik soll sukzessiv komplet- tiert und modernisiert werden, damit jeder Hörsaal bald auf dem technischen Niveau des momentan optimal ausgestat- teten Hörsaal 6 sein wird. Hört man den gebürtigen Thüringer über „automatisch herabsenkende Bildwände und Lichtan- gleichung“ oder „stationäre Rechner in Hörsälen“ sprechen, fällt es nicht schwer zu glauben, dass Herr Räupke „am Be-

reich hängt“, denn er hat „alles miterlebt und aufgebaut“. Umso schwieriger jedoch die Vorstellung, dass er im Oktober 2010 in die passive Altersteilzeit übergehen wird. Vielleicht werden die Studenten dann dahinter kommen müssen, dass es „Bea- mer geht nicht“ eigentlich gar nicht gibt, sondern nur beschädigte Anschlusskabel oder inkompatible Laptops, welchen sich Herr Räupke bei der Problembehebung widmet, auch wenn dies nicht in seinem Aufgabenbereich liegt. Auf dass hiermit nun nicht ein Ansturm von Studenten mit individuellen Reparaturanfragen auf sie zukommt: Vielen Dank für das Gespräch,

Herr Räupke!

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( ( Ich habe einen Großteil meiner Sozialisation durch die Medien erhalten. Und das ist interessant,
( ( Ich habe einen Großteil meiner Sozialisation durch die Medien erhalten. Und das ist interessant,

Ich habe einen Großteil meiner Sozialisation durch die Medien erhalten. Und das ist interessant, denn ich kenne Dinge, die ich noch in meinem Leben vor den eigenen Augen hatte. Orcawale sind zum Beispiel so eine Sache. Da weiß ich seit Free Willy bestens Bescheid. Das gleiche mit Geheimagenten. Seitdem ich nun schon länger kein Fernsehen mehr schaue, bröckeln viele Klischees doch langsam. Orcawale finde ich zum Beispiel nicht mehr so kuschelig. Als ich damals High Fidelity gelesen hatte, dachte ich auch zu wissen, was in Plattenläden so abgeht. Nachdem ich nun Joschi vom Erfurter Plattenladen Woodstock kennengelernt habe, sollte ich meinen Schubladenkasten im Kopf jedoch generell einmal überdenken

Schubladenkasten im Kopf jedoch generell einmal überdenken Media Markt stole my virginity von Jan Steinhauer W

Media Markt stole my virginity

von Jan Steinhauer

W enn man den Woodstock

Recordstore auf der Ecke

Michaelisstraße/ Weber-

straße betritt, ist Nick Hornby’s Buch auf jeden Fall recht präsent. Besitzer Joschi grüßt von vor hinter The- ke. Diese ist voller Platten und steht wie- derum vor einer Wand von CD’s. Er tippt Zahlen in einen PC, der ungefähr so alt sein müsste wie sein Laden, und der wird dieses Jahr zwanzig. Fast jede Wand steht voller Platten. Das Interieur ist, wenn man das so sagen kann, sehr hornby. Im Buch des britischen Autors ist der Laden voller alter Raritäten, und wer nach seltsamer Musik fragt, wird einfach rausgeworfen. Im Woodstock stapeln sich dagegen auf der Theke eine Menge neuer Alben. Auf die entsprechenden Stellen im Buch angesprochen sagt Joschi: „So was würde doch heute auch gar nicht mehr funktionieren“. Seine Philosophie ist eher den Leuten gute neue Musik näher zu bringen, anstatt immer auf die vergange- nen Jahrzehnte zu verweisen. Nur schräg und originell sollte sie bitte sein. Darum findet er auch überraschenderweise il- legale Downloads gar nicht so schlimm. „Gerade wenn man kein Geld hat ist das doch o.k. Um neue Musik zu entdecken ist das super.“ Dabei kämen immer noch genug Leute später in den Laden um sich die Platte im Original ins Regal zu stellen. Für den Plattenverkäufer bleibt da trotz- dem noch genug Arbeit übrig, denn: „Viele bleiben doch musikalisch in dem Jahr ste-

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cken in dem sie ihren ersten Kuss haben.“ Obwohl Joschi während des Gesprächs immer wieder neue Platten auflegt, fän- de er es besser, wenn es generell ruhiger zugehen würde. Das ständige Gedudel sei unerträglich. Fahrstuhlmusik. „Die meis- te Musik, die runtergeladen wird, ist doch schon von Anfang an nichts wert!“, meint er und denkt dabei an Musik als inflatio- näre Ware, die immer mehr an Wert ver- liert. „Wenn ich Dich doch morgen frage, was du für eine CD du eingelegt hast, da kann sich die Hälfte doch gar nicht mehr dran erinnern.“ Zuerst plante ich eine halbe Stunde im Woodstock zu bleiben, sitze am Ende aber fast zwei Stunden am Tresen. Es reicht schon völlig aus dort zu sitzen, Musik zu hören und Joschis Philosophien zu ver- folgen. Zwischendurch kommen immer wieder Leute rein, die nach neuen Sachen fragen oder dem Ladenhüter Kaffee mit- bringen, um Platten zu hören und zu quat- schen. Gerade sind die Sofas am Fenster leer aber jeden ersten Freitag im Monat kann man dort abends mit Bierchen sitzen und neue Musik hören. Gegenüber ist eine kleine Bühne für Konzerte. Um auf die Idee mit Hornbys Rob Gor- don zurückzukommen, muss ich mir da- bei eingestehen, dass ich einfach öfter in einen Plattenladen hätte gehen sollen, um so einen Kram erst gar nicht zu glauben. Mir wird die ganze Widersprüchlichkeit auch meines Musikkonsums bewusst. Plattenläden wie Woodstock sind nur

noch was für Idealisten denken wir. Die selbsternannten Vinyljunkies shoppen ihre raren Schätzchen dabei lieber bei Amazon um ein paar Euros zu sparen. Wir erkennen und verabscheuen den Trend. 10-Euro Friseure, Selbstbedienungsbä- ckereien und Media Markt. Und stehen am Ende trotzdem selber in der Schlange. Solche Bücher wie High Fidelity werden für uns geschrieben, damit wir weiter in romantischen Vorstellungen schwelgen können, während wir selber lieber für zwei Euro weniger bei Amazon bestellen. Joschi hat das auch längst erkannt. Aber wie gesagt, solche Dinge sind was für Idealisten. Ein dicker Benz und Desi- gnercouch sind so nicht drin. Er scheint auf keins von beidem etwas zu geben und das macht ihn unheimlich sympathisch. „Eigentlich sollte es mich gar nicht mehr geben!“ sagt er dazu und lacht dabei fast brüllend. Nach ihm sei mit Plattenläden Schluss. Das ist vielleicht der Grund wa- rum der Laden jetzt umso lebendiger ist. So steht nun erstmal ein runder Geburts- tag an. Zum 20. holt Woodstock die Band Mariahilff am 21.3. in den Museumskel- ler. (VVK im Woostock. Für Studenten 7 Euro). Fürs Frühjahr ist eine asiatische Filmreihe geplant. Von Schluss kann da

irgendwie keine Rede sein. „Der Laden ist eben mein Kind. Nur ist das Kind jetzt zwanzig und kann immer noch nicht aus dem Haus.“ Und wie soll es auch, Joschi wohnt

schließlich direkt oben drüber.

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Nasensprays.

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Mindestens begleiten Jahren Abhängigen. Seit potentiell ( ( von Thomas Schmelzer U nd höchstens eine Woche

von Thomas Schmelzer

U nd höchstens eine Woche lang

anwenden.“ Die Verkäuferin in

derApotheke mustert mich mit

strengem Blick, dann überreicht sie mir daskleine Päckchen mit der Sprühflasche und kassiert die 3,78 Euro. Innerlich muss ich grinsen. Eine Woche, so steht es auch im Beipackzettel. Aber eine Woche: Das ist pure Illusion! Ich bin süchtig. Abhängig von Nasen- spray und nein, gesund ist das nicht, was ich meinen Nasenschleimhäuten seit Jah- ren zumute. Sobald sie Anstalten machen, auch nur minimal anzuschwellen, ziehe ich meine Sprühflasche und sie bekom- men eine ordentliche Ladung Xylome- tazolinhydrochlorid verpasst. So heißt meine Wunderwaffe im Kampf gegen den Schnupfen, und obwohl ich die Bezeich- nung des Teufelszeugs kaum aussprechen kann, bin ich jedes Mal aufs Neue von der Wirkung begeistert. Zisch, zisch. Schnief, schnief und die Nase ist wieder frei. Einat- men. Ausatmen. Eins zu null für mich und mein Xylometazolinhydrochlorid. Das gibt’s sogar von Rathiopharm.

Das Blöde an der Sache ist der Dauer- schnupfen. Irgendwann schwellen die Nasenschleimhäute nur noch ab, wenn sie ihre Xylometazolinhydrochlorid-Dusche bekommen und verstopfen andernfalls die Nasengänge wie Betonpfähle. „Pri- vinismus“ nennt man das in der Fach- sprache, sogar Wikipedia widmet diesem Phänomen eine eigene Seite. In der Pra- xis ist das Ganze ziemlich unschön. Wer schon mal länger als fünf Stunden durch den Mund atmen musste weiß, wovon ich spreche. Deswegen ist die 10ml Xylome- tazolinhydrochlorid- Flasche zu meinem

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Flasche zu meinem campusecho0110.indd 21 eines besten Freund geworden. Ich lasse Frei- bier und
eines
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besten Freund geworden. Ich lasse Frei- bier und Festmenüs sausen, wenn ich das Spray zuhause vergessen habe. Laufe Ki- lometer durch tiefsten Schnee, um es doch noch zu holen. Es gibt sogar ein Foto, auf dem ich mir das Zeug mit einem Grinsen in die Nase pumpe. Seit Neuestem bin ich bei StudiVZ einer von 1200 Mitgliedern der Gruppe „Nasenspray addicted“. Aber zum Glück bin ich gegen diese Heroin- junkies ein harmloser Gelegenheitskiffer. In einem Thread geben Mitglieder mit Bildern von Flaschensammlungen an. In einem anderen diskutieren sie, welcher Hersteller die beste Nasenspraylösung zu- sammenbraut. Manche erzählen von zahl- losen Entzugsversuchen. Seitdem ich von „Stinknasen“ und ir- reversibel verfaulenden Erkrankungen der Nasenschleimhäute als dramatische Quittung für die bequeme Sucht gelesen habe, versuche ich das auch mit dem Ent- zug. Manchmal klappt das für ein paar Wochen, manchmal sprühe ich schon nach ein paar Stunden wieder. Spätestens aber jetzt im Winter, wenn ich wirklich Schnupfen habe, stehe ich wieder in der Apotheke und schaue der Verkäuferin mit

treuherzigen Rehblicken in die Augen:

„Natürlich, ich weiß. Nicht länger als eine

Woche anwenden.“

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Kaffee campusecho0110.indd 22 und Kuchen in Studieren heißt für viele Rauskommen. Die Sehnsucht nach der

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Kaffee campusecho0110.indd 22 und Kuchen in Studieren heißt für viele Rauskommen. Die Sehnsucht nach der ländlichen

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Kaffee campusecho0110.indd 22 und Kuchen in Studieren heißt für viele Rauskommen. Die Sehnsucht nach der ländlichen
und Kuchen in
und Kuchen in

Studieren heißt für viele Rauskommen. Die Sehnsucht nach der ländlichen Idylle wird der Dörfler jedoch nie wieder los. Doch wer einmal draußen ist, so scheint es, für den gibt es kein Zurück mehr in den ländlichen Schoß. Christian Hengstermann und Jan Steinhauer fanden die dörfliche Idylle im thüringischen Niemandsland auf jeden Fall nicht mehr wieder.

D a steht er wie der Ochs vorm Berg. Die Ochsen hat er sich eben einge- bildet zu hören, aber das war nur

der Laubsauger des Mannes mit Hut und Latzhose, dort auf dem Bürgersteig. Er bläst den frisch gefallenen Schnee einfach auf die Straße. Ihm doch egal. Ordnung muss sein. Von wegen ländliches Idyll. Auch die Graffiti-Tags am verfallenen Bahnhofsgebäude, vor hundert Jahren noch Ausdruck des Fortschrittes, spre- chen da eine andere Sprache. Wo er da rein geraten ist, möchte er gerne wissen, bekommt aber so schnell keine Antwort. Es ist zu kalt, um nachzudenken in Ost- thüringen. Es könnte genauso gut Nord- thüringen sein. Kölleda die ländlich ge- prägte Kleinstadt. Verschlafen, inmitten von Schneeflocken. Rauchende Schorn- steine. Ruhe. Oder Stille? Die Kälte zwingt ihn ins Café, um sich dem Thema nun auch gedanklich - nicht

nur physisch - nähern zu können. Die Kellnerin ist nett. Er bestellt Kaffee. „Im Kännchen?“, fragt sie ihn und er fragt sich, ob sie auf dem Land, wo man Kaffee noch direkt gleich Kannenweise, pardon Kännchenweise trinkt, mit ihren kurzen Haaren und dem Ring im Ohr wohl pro- vokant wirkt. „Oder doch Cappuccino?“ Scheiße, er muss seine Meinung revi- dieren, denn oberhalb des Cappuccino Äquators schocken Piercings nicht mehr. Zumindest solche, die dort getragen wer- den, wo die Sonne noch hin scheint. Das Dorf ist auf jeden Fall nicht mehr das glei- che. Er denkt sich, dass der Klimawandel nicht nur den Meeresspiegel, sondern ebenso den Cappuccino-Milchschaum- Pegel steigen lässt. Kölleda liegt nun unter dem Schaumspiegel. Das heißt „goodbye“ Kännchen und „hello“ Kakaostreuer. Wür- de auch die Massen an gefrorenen Milch- schaum erklären, die draußen liegen und

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( ( alles schrecklich grell scheinen lassen. Zumindest ist es ruhig. So viel hat sich seit

alles schrecklich grell scheinen lassen. Zumindest ist es ruhig. So viel hat sich seit seinem letzten Besuch auf dem Land nicht verändert. Einen Traktor hat er auch schon gesehen. Das ist doch schon mal was. Was der Bauer wohl zu den medi- terran betupften Wänden in diesem Cafe sagen würde. Und da merkt er, wie es ihn trifft: Es ist dem Bauer einfach scheißegal. Als der Schnee in Erfurt jegliche Farbe aus der Stadt gedrängt hatte und die grauen Häuser nur die Sicht auf einen wiederum weißen Himmel preisgaben, hatte er es einfach nicht mehr ausgehalten. Rauskommen wäre die beste Idee. Spa- zieren gehen und durchatmen können. Aber nicht so weit raus. Er hat schließlich wenig, fast gar keine Zeit. Ist ja schließlich Student. Am Ende keine Ahnung, wie er da auf Kölleda gekommen ist. Saublöder Name, vielleicht könnte er auch einfach nur ein Namenspatron für schwedische

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nur ein Namenspatron für schwedische campusecho0110.indd 23 Wohnzimmermöbel sein. Wikipedia ver- rät ihm aber während

Wohnzimmermöbel sein. Wikipedia ver- rät ihm aber während seines Espresso Macchiato im Hilgenfeld, dass sich der Name von Kuhköln ableitet. Eben weil die Menschen es dort verstanden, sich große Herden an Rindvieh zu halten. Das Semesterticket ermöglicht ihm die Reise dorthin. Die Pfefferminzbahn muss er nehmen. Soso. Kölleda mit dem Bei- namen Pfefferminzstadt. 1200-Jährige Geschichte. Zehn Jahre ist es her, dass die Stadt einen mit 15.000 Gramm Pfef- ferminze gefüllten Teebeutel präsentierte. Wie manche Städte es ins Guinness- Buch schaffen. Heute klebt höchstens noch Wrigley‘s Spearmint unter der Bank am Dorfplatz. Man sollte viel öfter das Semesterticket nutzen, um unbekannte Orte und Land- schaften Thüringens zu erkunden. Nicht immer nur im Erfurter Becken verharren. Doch schon die Handymusik der Schul-

Becken verharren. Doch schon die Handymusik der Schul- kinder im Zug hätte ihn stutzig machen sollen.

kinder im Zug hätte ihn stutzig machen sollen. Dabei hätte er es wissen müssen. Gern meckert er über die Provinzialität von Erfurt. „Ist ja mitten im Nirgendwo.“

Er hingegen hat schon Metropolen selbst zu Fuß erlaufen. Erst letztes Jahr im Prak- tikum, sonst - natürlich - an Silvester oder während der Klassenfahrt. Er weiß, wovon er redet, ganz bestimmt. „Erfurt ist schon OK. Irgendwann ziehe ich aber dann wohin, wo richtig was geht!“ Und doch sitzt er nun hier und es kommt ihm gar nicht so fremd vor und dann wie- der doch. Er ist selber aus der Kleinstadt. Und diese Kleinstadt nennt sich dabei nur Kleinstadt, um nicht als Dorf geschimpft zu werden. Da ist er nun raus und sehnt sich trotzdem wieder zurück. Doch ein- mal draußen muss er erkennen, dass sich das Leben überall dreht und das gar nicht einmal so langsam. Egal ob in Kölleda,

Erfurt oder zu Hause.

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( ( Gleich nach dem Aussehen wird man heute sehr häufig nach seinem Musikge- schmack beurteilt.
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Gleich nach dem Aussehen wird man heute sehr häufig nach seinem Musikge- schmack beurteilt. Ob
Gleich nach dem Aussehen wird man
heute sehr häufig nach seinem Musikge-
schmack beurteilt. Ob das dem Menschen,
der sich hinter Wörtern wie Indie, Metal,
Drum'n'Base oder HipHop verbirgt, ge-
recht wird, ist oftmals zu bezweifeln. Ein
solch voreiliges Schubladendenken würde
einen zum Beispiel um ein Gespräch mit
einem Tee trinkenden Rapper bringen,
der sich nicht einfach in Schubladen pres-
sen lassen will.
„Gangster-Rap ist mir peinlich.“

von Franziska Gutt

L itWis-Student Andreas Kehrer macht Rapmusik. Er schreibt und vertont seit Jahren eigene Songs,

auch ein Album ist geplant. Sein Stil dis- tanziert sich lautstark vom klischeehaften Gangster–Rap. „Als Rapper bin ich direk- ter und viel schamloser“, so beschreibt der Student Andreas den Unterschied zwi- schen seinem Alter-Ego Kasparesk und seinem alltäglichen Ich. Der Solokünstler produziert seit Jahren im selbst gebauten Homestudio Rapsongs der besonderen Art. Mit Gangstern, Dro- gen und Bitches haben diese nichts zu tun, mehr noch seine Texte von Zwischen- menschlichkeit und sozialen Missstän- den. Zudem macht er beim Musikmachen jeden Handgriff selbst: Er baut Beats, schreibt Texte, rappt, sitzt am Mischpult und schneidet die Songs am PC. Andreas ist 23 und studiert seit 2006 an der Uni Erfurt Literatur, mittlerweile macht er seinen Master. Begegnet man ihm auf dem Campus, würde man nicht glauben, dass HipHop seit langer Zeit seine größte Leidenschaft ist. HipHop- per sehen doch anders aus: Baggy-Pants, XXL–Shirts, Baseballcaps, zuweilen prot- zige Goldketten. Lediglich ein Cap trägt Andreas, dazu meist Jeans und eine Le-

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derjacke. Dass Kasparesk mit den Klischees eines Gangsterrappers nicht übereinstimmt, zeichnet sich nicht nur an seinem Äuße- ren ab, sondern viel mehr noch an seiner Art zu leben und Musik zu machen. Er trinkt nicht, nimmt keine Drogen und fei- ert nicht mit halbnackten Bikinimädchen nächtelange Champagnerpartys. Lieber macht es sich Andreas in seiner Freizeit mit Tee vor seinem Kohleofen gemüt- lich und bastelt an Beats und sprachlich kunstvollen Reimen. Er sagt selbst: „Es ist mir beinah peinlich, den Leuten zu erzäh- len, dass ich Rapmusik mache. Die meis- ten kennen ja nur Bushido.“ Erste Priorität setzt Kasparesk auf die Gestaltung der Texte, so nutzt er Sprache einerseits zum klaren Ausdruck seiner Meinung, andererseits verwendet er Stil- mittel, wie etwa Metaphern. In seiner Ly- rik verarbeitet der Rapper seine Sicht auf das Weltgeschehen und umreißt Themen wie Religion und Politik und zeigt gesell- schaftliche Probleme aktueller Zeit auf. Kasparesk spricht aus der Seele der „Zwei- ten Klasse, die B-Ware / die fehlbare, die weniger strebsame / Generation der un- tersten Etage“, der sogenannten Low Soci- ety, und zeigt mit solchen Aussagen nicht

mit dem Finger Richtung Ghetto, sondern spricht uns alle an. Seine Gesellschaftskritik leitet er unter anderem von persönlichen Erfahrungen ab. Schließlich wuchs Andreas in einer ostdeutschen Plattenbausiedlung auf, von außen als Brennpunkt und No-Go- Area verschrien. Konflikte, Angst, Gewalt und Drogenmissbrauch konnte er vor der Haustür mit verfolgen. In dem Song „Wo ich herkomm“ arbeitet Kasparesk dieses Thema schonungslos auf und zieht, an- gesichts der Wohnsituation in deutschen Vorstädten, eine klare Grenze zwischen falschem Stolz und Schamgefühl. Nach zweijähriger Arbeit, wird Kaspa- resk im Frühjahr seine erste CD veröf- fentlichen. Allerdings nicht kommerziell,

sondern als eine Art kostenfreie Hand- reichung für alle, die sich für seine Musik interessieren. „Ich möchte ganz einfach den Leuten ein Exemplar in die Hand drü- cken, die meine Songs gerne hören“, so der Rapper. Einen Vorgeschmack auf seinen kasparesk(en) Rapstil bekommt man be- reits jetzt auf myspace, bald soll es eine Homepage geben, auf der seine Musik zum freien Download zur Verfügung ste-

hen wird.

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( ( Viertel vor zwölf, Universität Erfurt. Der erste Seminarblock ist vorbei und die Studierenden strömen

Viertel vor zwölf, Universität Erfurt. Der erste Seminarblock ist vorbei und die Studierenden strömen in die Mensa. Für die meisten ist sie nicht nur das Mekka der kulinarischen Er- güsse, sondern auch der ideale Ort, um den gesellschaftlichen Umgang zwischen den Studierenden zu pfle- gen.

von Rebecca Puchta und Julia Orth

D as kennt doch jeder! Nach dem lan- gen Anstehen an der Essensausga- be hat man es endlich geschafft.

Das Essenstablett in der Hand. Los geht die komplizierte Platzsuche, während die Speisen immer kälter werden. Und wie so oft ist keiner da, den man kennt. Setzt man sich also zu den schnatternden Stu- dentinnen, wählt den Platz bei den Leuten aus dem Seminar oder setzt man sich doch lieber alleine ans Fenster. Nachdem man seinen Sitzplatz eingenommen hat, fängt das eigentliche gesellschaftliche Spektakel erst an. Es sind doch immer die gleichen Szenarien, die sich beobachten lassen. Sieht man sich in den Urlaub auf Mallor- ca versetzt, so werden Handtücher durch Rucksäcke und Jacken ersetzt. Ein Zei- chen der deutschen Eigenart, sein Revier zu markieren. Sehr auffällig ist dabei auch die Wahl der Chefplätze an den beiden Enden des Tisches - ein Indiz dafür, dass man „schon lieber einen Tisch für sich alleine hat“. Eine Interessengruppenbil- dung wie man es aus der Schule kennt gibt es aber trotzdem nicht. Durchaus erkennt- lich zeigt sich die Zugehörigkeit zu der ei- genen Altersgruppe und zu Studierenden aus dem Studiengang. Da Menschen Gewohnheitstiere sind, kann man bei einigen immer wieder an- zutreffenden „Cliquen“ das Favorisieren bestimmter Sitzplätze feststellen. Klingt, als wäre alles geregelt und entspannt. Ist es aber nicht. Betrachtet man den Um- gang der Studierenden untereinander,

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gang der Studierenden untereinander, campusecho0110.indd 25 studiVZ killed the mensastar kann man ein Nebeneinander aber

studiVZ killed the mensastar

campusecho0110.indd 25 studiVZ killed the mensastar kann man ein Nebeneinander aber kein wirkliches Miteinander

kann man ein Nebeneinander aber kein wirkliches Miteinander feststellen. Zwar herrscht die notwendige Toleranz, diese führt aber zugleich auch zu einer unnöti- gen Ignoranz. Dafür gibt es nur eine plau- sible Erklärung, wie es Studierende fest- stellen konnten: „Studivz hat die Mensa kaputt gemacht!“ Fortan gruschelt man sich. Die Kontaktaufnahme mit dem oft unbekannten Gegenüber scheint nicht leicht zu sein. Hat man meist totale Hem- mungen, dem anderen auf die Pelle zu rücken, so lässt man lieber einen Stuhl frei. Man kann dadurch super die Distanz wahren und respektiert die Privatsphäre des Nachbarn. Man könnte das auch als sozialverträglichen Wohlfühlabstand be- zeichnen. Aber warum gibt es den denn eigentlich? Sind wir Studenten nicht aufgeschlossene Menschen? Die nächste WG-Party soll doch gesichert sein, oder nicht? Einerseits ist die Verwicklung in ein Gespräch, das schon mehr bieten sollte als nur den bloßen Smalltalk über die beste Speise des Tages, häufig nicht ge- wünscht. Das aber ist abhängig von der Tagesform oder der Zeit, zu der man sich in der Mensa aufhält. Andererseits bietet die Platzsuche zum Essen auch die Mög- lichkeit, sich jemandem zu nähern ganz ohne aufdringlich zu wirken. Für manche unter den Studierenden stellt die Mensa deshalb einen Platz zum Kennenlernen neuer Leute oder zum ansatzweisen Flir- ten dar. Sie könnte also ein durchaus „ro-

mantischer Platz“ der Uni sein. Hätte man nur mehr Mumm, sieht man dann sogar über die Tatsache hinweg, dass sein Ge- genüber oft eigenartige Essmanieren auf- weist. Hierbei kann man in verschiedene Esstypen unterteilen. Der eine ordnet das Essen feinsäuberlich in drei Kategorien. Fleisch, Gemüse und Beilage - jedes be- kommt einen eigenen Platz auf dem Tel- ler. Andere heben sich das Beste bis zum Schluss auf. Und ganz hartgesottene wie- derum verputzen das Essen so wie es auf den Teller kommt. Bittet man Studenten, die Mensa in ei- nigen Worten zu beschreiben, so haben die meisten fast die gleiche Beziehung zum einzigen Treffpunkt der Uni. Als „Fresstempel“, „einem gutem Grund nicht Kochen zu müssen“, als „Mutterersatz“, „Futterstelle“ oder sogar als „Mittelpunkt des Lebens“ dient sie vor allem auch zum Lernen, Vorbereiten von Kursen und Überbrücken der Zeit. Auch bei Grup- penarbeiten oder Referatsvorbereitungen wird die Mensa als Aufenthaltsraum um- funktioniert. Da es auf dem Unigelände offensichtlich keinen Alternativplatz gibt, der die Möglichkeit bietet beim Selbststu-

dium die notwendige Nervennahrung zu sich zu nehmen, bleibt für ein aufgeschlos- senes und albernes Kennenlernen anderer Mitstudenten wenig Platz. Genauso wenig wie für studentische Emotionsausbrüche wie beispielsweise in Form von Essen- schlachten. Und das ist doch durchaus zu

bedauern.

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Der Übergang von der Industrie- zur Wissensge- sellschaft wurde in den 60er Jahren diskutiert. 50 Jahre später ist es an der Zeit den nächsten Schritt zu gehen - in eine neue Gesellschaftsform.

natürlich nicht gern, denn sie wissen, dass wir eine Wis- sensgesellschaft sind und Wissen ist ja furchtbar wertvoll. Computer haben Wissen und Bücher sind voll von Wissen und beide sind wichtig für unser Leben – der Schluss fällt leicht, dass wir Menschen uns also auch möglichst viel Wis- sen aneignen sollten. Das machen auch einige und reden wie Bücher und ihr Kopf ist eine Festplatte. Doch ist das wirklich

erstrebenswert: der Mensch als Wissensammler? Was un- terscheidet uns von Festplatten oder könnte uns von ihnen unterscheiden? Die Kreativität. Die Möglichkeit Neues zu denken und zu schaffen. Dafür ist eine Wissensgrundlage wichtig, aber sie ist eben nicht das Ziel, sondern nur die Basis, um mit ihrer Hilfe et- was weiterzuentwickeln. Im „Informationszeitalter“ wird das immer deutlicher, denn Wissen ist via Internet für viele Menschen schnell und leicht zugänglich.Wir sollten den Schwerpunkt von der Wissensaneignung auf die Kreativität verschieben. Diese Schwerpunktverschiebung kann Auswir- kungen auf unser Verständnis von Hierarchie oder Verän- derung haben. Kreativität will keine Hierarchien, denn sie schränken den individuellen Freiraum ein und hemmen somit. Hierarchien wollen Stabilität. Wer viel Macht hat, will keine Veränderung. Folglich begreifen manche Verän- derung als Chance und Herausforderung – andere vorrangig als Gefahr. Veränderung gefährdet den Wissenstand, denn er könnte veralten oder sich sogar als falsch herausstellen. Demgegenüber regt Veränderung die Kreativität an und führt zu Innovationen. Der Abbau von Hierarchien kann es ermöglichen, dass mehr Menschen ihr kreatives Poten- zial nutzen können. Kreativität ist die verändernde Kraft – das Gegenteil ist Reproduktion. Zum Beispiel von Wissen. Es kommt auf uns an, wo wir stehen wollen. Kreativität ist wichtiger als Wissen. Unsere Wissensgesellschaft kann die Grundlage einer Weiterentwicklung werden. Die Kreativi- tätsgesellschaft ist möglich! ph

die Wissensgesellschaft? Das hören ihre Angehörigen

K aum wurde sie als solche von einer breiten Öffent-

lichkeit wahrgenommen, soll sie schon vorbei sein,

Öffent- lichkeit wahrgenommen, soll sie schon vorbei sein, U nglaublich! Mehr fällt mir nicht ein, als
Öffent- lichkeit wahrgenommen, soll sie schon vorbei sein, U nglaublich! Mehr fällt mir nicht ein, als

U nglaublich! Mehr fällt mir nicht ein, als sich meine Füße während der ersten Janu-

arwochen ihren Weg über den Anger bahnen. Unter mir ein grau-braunes Etwas,

das wohl einmal Schnee gewesen sein muss. Vor mir die Straßenbahnhaltestelle.

„Schaffe ich das, oder bin ich bis dahin in dieser Salz-Wasser-Pampe versunken?“ Die Frau mit dem Kinderwagen dort vor mir scheint die Frage schon für sich beantwortet zu haben.

Sie muss erst einmal tief Luft holen, bevor sie sich wieder in das Erfurter Schneegestöber

wagt. Erfurt und Schnee: Irgendwie steht das unter schlechten Vorzeichen. Dabei zeigte unsere Universität, dass diese Mi- schung auch gelingen kann. Traumhaft liegt der Campus vor mir, nachdem ich es doch noch in die Stra- ßenbahn geschafft habe. Jetzt passt auch die Puderzucker-Metapher wieder. Kein Salz, kein Schlamm nur Weiß. Die Idee, den Schnee einfach platt zu drücken er- weist sich als Geniestreich. Erstens sieht es schöner aus, vor allem aber ist es auch viel umweltfreundlicher. Ätz- und Ver- brennungsschäden rufe das Streusalz bei Pflanzen hervor, verrät uns ein Bericht des Deutschen Forschungszentrums für Gesundheit und Umwelt. „Im Boden kann der Einsatz von Streusalz zur Ver- schlämmung und Verdichtung führen.“ Dass man auf den planierten Schneewe- gen des Campus auch viel besser laufen kann als im Schneemoor der Stadt ist der dritte Pluspunkt. Der Winter kann also kommen, war- ten, gehen. Am Campus bleibt der Weg frei. Auch für die studierende Mutter mit dem Kinderwagen. ts

Ein

Wintertraum

Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Auch in Erfurt trifft das zu. Aber meckern kann jeder! Hier überschütten wir das Haupt der Uni darum mit Balsam, und loben das, was wirklich gut läuft.

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