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Bildung in Nicaragua

Reporter: Herr Hacke, ist Ihnen in den Veranstaltungen mit LehrerInnen etwas
aufgefallen?
Herr Hacke: Ich finde es beeindruckend, wie wenig die LehrerInnen sich beklagen:
kein Material, miserable Ausstattung der Schule, obligatorische
Fortbildungen, als Curriculum-Predigt der Regierung, die Institutionen
auf Linie bringt.
Reporter: Gibt es denn keine Unruhe unter den PädagogInnen?
Frau Hacke: Doch, sie haben nach mehreren Stunden intensiver Arbeit auf die Pause
verzichtet, um sich die Erklärungen des hiesigen Schulrates anzuhören,
der in Manier eines deutschen Bildungspolitikers souverän die Situation
schönredete.
Reporter: Deutsche LehrerInnen sind ja auch ganz schön geduldig. Da war doch
auch ein Vertreter der Gewerkschaft anwesend.
Herr Hacke: Als treuer Anhänger der auf den Präsidenten Ortega ausgerichteten
Politik nutzte er das Informationsdefizit der Anwesenden, um
ideologische Zwietracht zu säen.
Reporter: Und das gibt es in Deutschland nicht?
Frau Hacke: Auch bei uns sind die ideologischen Fronten im Bildungsgeschehen
erheblich. Aber es gibt mehr Möglichkeiten; dass konkurrierende
Systeme nebeneinander existieren.
Reporter: Aber dass wie hier LehrerInnen an staatlichen Schulen 40 % mehr
Gehalt bekommen, kennen Sie nicht?
Herr Hacke: Es gibt auch bei uns Ideologen, die sich diese Art der Umsetzung
politischer Ideen wünschen. Es geht jedoch eher um eine ungefähren
Gleichbehandlung hinsichtlich Ausstattung und pädagogischer
Möglichkeiten je nach eigenem Konzept. In Nicaragua wird eine
bestimmte politische Linie durchgesetzt, indem man Pluralität
verhindert, und zwar systematisch.
Reporter: Gibt es das im föderalen System in Deutschland nicht auch, je nach
politischer Couleur des Bundeslandes?
Frau Hacke: Da ist was dran. Die ideologischen politischen Unterschiede und
Auseinandersetzungen werden in der Tat auf dieser Ebene ausgetragen.
Hier versucht ein populistischer Präsident seine sozialistische
Einheitslinie durch Verteilung von Ressourcen und
Statistikmanipulation durchzusetzen.
Reporter: Also gibt es doch eine gewisse Übereinstimmung mit Verhältnisse in
Ihrem Land?
Herr Hacke: Ja; eine gewisse. Aber hier werden Schulen an den Orten geschlossen,
wo die Ärmsten der Armen leben.
Frau Hacke: In Deutschland sind Unterschichtkinder und Migranten benachteiligt.
Gewerkschafter: Das bekommt unser Präsident in den Griff, indem er den Zugang zur
Bildung nicht an die finanzielle Situation der Eltern knüpft: Recht auf
kostenfreie Bildung für alle.
Herr Hacke: Was nützen die Parolen, wenn die Klassenstärken dramatisch steigen,
die Schulabstinenz zunimmt, die Ausbildung der LehrerInnen nicht
verbessert wird und sogar Schulen geschlossen werden, weil es zu
wenig LehrerInnen gibt.
Reporter: Ich glaube Ihnen, es gibt minimale Unterschiede zwischen Deutschland
und Nicaragua.