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          Interdisziplinärer Universitätslehrgang für Sozialwirtschaft, Management und
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  Interdisziplinärer Universitätslehrgang für Sozialwirtschaft, Management und Organisation Sozialer Dienste
 

Interdisziplinärer Universitätslehrgang für Sozialwirtschaft, Management und Organisation Sozialer Dienste Wirtschaftsuniversität Wien

 
für Sozialwirtschaft, Management und Organisation Sozialer Dienste Wirtschaftsuniversität Wien  
ISMOS IV – Master Thesis  

ISMOS IV – Master Thesis

 
ISMOS IV – Master Thesis  

Dr. Renate Buber    

   
Dr. Renate Buber    

HUMOR UND BURNOUT 

 
HUMOR UND BURNOUT  
 

Einflussfaktoren von Humor auf Burnout

   
   
   
   
von Humor auf Burnout             Master Thesis   Werner Goltz  
von Humor auf Burnout             Master Thesis   Werner Goltz  
von Humor auf Burnout             Master Thesis   Werner Goltz  
von Humor auf Burnout             Master Thesis   Werner Goltz  
    Master Thesis  
   

Master Thesis

 
    Master Thesis  

Werner Goltz

 
Matrikelnummer 9853106  

Matrikelnummer 9853106

 
Matrikelnummer 9853106  

Jänner 2002

 
 
 
 
  Master Thesis   Werner Goltz   Matrikelnummer 9853106   Jänner 2002    
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Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

5

2 Humor

9

2.1

Definition von Humor

9

2.1.1 Von der Vielfalt der Begriffsextensionen

9

2.1.2 Was sagt der Duden

10

2.1.3 Die vier Umores

11

2.1.4 Humor als Reaktion auf Unerwartetes

11

2.1.5 Humor als Fähigkeit

12

2.1.6 Weitere Versuche, Humor zu beschreiben

14

2.1.7 Gegenteil von Humor

15

2.2

Verwandte Begriffe

16

2.2.1 Lachen

16

2.2.2 Lächeln

18

2.2.3 Freude

19

2.2.4 Komik

19

2.2.5 Witz

19

2.2.6 Spass

20

2.2.7 Erheiterung

21

2.2.8 Blödeln

21

2.2.9 Ironie – Sarkasmus – Satire

22

2.2.10 Zynismus

23

2.3

Humor aus Sicht verschiedener Disziplinen

23

2.3.1 Medizin

24

2.3.2 Krankenpflege

25

2.3.3 Psychologie

25

2.3.4 Psychotherapie

25

2.3.5 Philosophie

27

2.3.6 Sonder- und Heilpädagogik

27

2.3.7 Soziologie

28

2.3.8 Ethologie

28

2.3.9 Anthropologie

29

2.3.10 Mathematik

30

2.3.11 Humor in der pädiatrischen Zahnbehandlung

30

2.4

Was kann Humor leisten?

30

2.4.1 Physiologische Effekte

31

2.4.2 Psychologische Effekte

34

2.4.3 Soziale Effekte

35

2.5 Humor messen

37

2.6 Wunderdroge Humor

38

2.7 Betriebswirtschaft und Humor

40

2.8 Trainingsprogramme für mehr Humor

44

2.8.1

Beispiele für Humor – Lernprogramme

45

3

 

3 Burnout

51

3.1 Einleitung

51

3.2 Die Geschichte eines Begriffs

52

3.3 Der Begriff Burnout

54

3.4 Gegenteil von Burnout

56

3.5 Erklärungsansätze

56

3.5.1 Die personenbezogene Perspektive

60

3.5.2 Bedingungsbezogene Perspektive

64

3.5.3 Soziologische Perspektive

69

3.5.4 Sozialmedizinische Perspektive

70

3.5.5 Gemeinsamkeiten

72

3.6 Dem Burnout verwandte Begriffe

73

3.7 Dimensionen des Burnout

76

3.8 Burnout Symptome

79

3.9 Messung von Burnout

80

3.10 Ursachen von Burnout

81

3.10.1 Institutionelle Bedingungen

82

3.10.2 Individuelle Bedingungen

83

3.10.3 Interpersonale Bedingungen

84

3.10.4 Gesellschaft

85

3.11

Strategien gegen Burnout

86

3.11.1

Interventionen

90

4 Humor als Strategie gegen Burnout

96

4.1 Humor in der Burnout Literatur

96

4.2 Wirkungen von Humor

97

4.2.1 Individuenbezogene Wirkungen

99

4.2.2 Interaktionsbezogene Wirkungen

102

5 Implikationen für die Praxis

105

5.1

Umsetzung der Ergebnisse im Verein CliniClowns Austria

105

5.1.1 Das Dienstleistungsangebot der CliniClowns

105

5.1.2 Mögliche Ausweitung des Aufgabengebietes

107

6 Ergebnisse der Literaturanalyse

109

7 Zusammenfassung und Ausblick

112

 

8 Literatur

115

4

Abbildungsverzeichnis

ABBILDUNG 1: PEANUTS

16

ABBILDUNG 2: VARIABLENZUSAMMENHANG

67

ABBILDUNG 3: SITUATIONS- VERSUS PERSONENATTRIBUIERUNG

71

ABBILDUNG 4: THE STRESS-COPING-CYCLE

76

ABBILDUNG 5: BURNOUT – DER PREIS FÜR DEN WANDEL VON GESELLSCHAFT UND ARBEITSWELT

86

ABBILDUNG 6: LEVELS OF ANALYSIS FOR THE STUDY OF BURNOUT

88

ABBILDUNG 7: ZWEI ANSÄTZE ZUM PROBLEMLÖSUNGSPROZESS

93

ABBILDUNG 8: EINFLUSS VON HUMOR AUF BURNOUT

98

ABBILDUNG 9: HUMOR – LITERATURANALYSE

110

ABBILDUNG 10: BURNOUT – LITERATURANALYSE

111

Tabellenverzeichnis

TABELLE 1: WIT, MIRTH AND LAUGHTER

22

TABELLE 2: DEFINITIONEN VON BURNOUT

58

TABELLE 3: PERSÖNLICHKEITS- UND UMWELTORIENTIERTE ANSÄTZE

59

TABELLE 4: DREI DIMENSIONEN DES BURNOUT

66

TABELLE 5: BURNOUTDIMENSIONEN

78

TABELLE 6: URSACHEN FÜR BURNOUT

84

TABELLE 7: VON BURNOUT-FORSCHERN MEISTZITIERTE INTERVENTIONEN

95

TABELLE 8: IN DER BURNOUT LITERATUR BESCHRIEBENE INTERVENTIONSMÖGLICHKEITEN VON

HUMOR

97

TABELLE 9: PHYSISCHE AUSWIRKUNGEN VON HUMOR UND BURNOUT

102

5

1

Einleitung

Humor und Burnout – zwei Phänomene, die mir in meinen beruflichen Tätigkeiten als CliniClown und als Fortbildner im Sozialbereich beide begegnen. Es ist leicht nachvollziehbar, dass ich als CliniClown mehr mit Humor und im Kontakt mit HelferInnen mehr mit Burnout konfrontiert bin, allerdings konnte ich gerade während der Zeit, in der ich als Sozialarbeiter sehr intensiv mit den Hilfesuchenden zu tun hatte, sehr wohl viel Humor wahrnehmen. Und natürlich ist Burnout ein Phänomen, dass auch an Clowns nicht spurlos vorübergeht.

Humor spielt in meinem Leben eine wichtige Rolle und begegnet mir in den unterschiedlichsten Bereichen. Als langjähriger Mitarbeiter der CliniClowns besuche ich regelmäßig Krankenhäuser und Pflegeheime, um dort als Clown „Visiten“ abzuhalten. Ziel dieser Arbeit ist es, die BewohnerInnen durch unsere Besuche von ihrem oft mit Schmerzen und Sorgen verbundenen Alltag abzulenken, mit Hilfe humoristischer Methoden das Lachen zu fördern und damit einen Beitrag zur Verbesserung der Lebenssituation zu leisten. Ich treffe während einer „Visite“ zwischen 40 und 80 Personen; in sieben Jahren bin ich auf diesem Weg rund 38.000 Patienten begegnet. Durch diese vielfältigen Begegnungen mit unterschiedlichen Menschen in schwierigen, teilweise lebensbedrohenden Situationen, durch intensive Auseinandersetzungen mit meinen Clowns-KollegInnen, aber auch durch Fortbildungen und Supervisionen bekam ich viele Möglichkeiten zu lernen. Ich durfte lernen, dass Humor etwas sehr subjektiv Erlebbares ist, dass humorige Reaktionen oft unerwartet entstehen, bzw. auch unerwartet nicht entstehen. Auch wurde mir rasch klar, dass sich Humor nicht zwingen lässt, dass es aber Bedingungen geben muss, die Humor fördern oder verhindern.

Auch in meiner Tätigkeit als Referent und Trainer spielt Humor eine wichtige Rolle. Bewusst wurde mir dies erst durch die Rückmeldung eines Kollegen, der mich und meine Arbeit beobachtete. Ich erhielt das Feedback, dass neben der Vermittlung der Inhalte auch der Einsatz meiner Person (das heißt auch mein humorvolles Herangehen an die unterschiedlichsten Themen) ein wichtiges Kriterium sei, das zum Gelingen der Fortbildungsveranstaltungen beiträgt. Aber nicht nur im beruflichen Kontext, sondern auch im Privatbereich umgebe ich mich gerne mit Menschen, mit denen ich auch lachen kann.

Aus meiner Erfahrung ist Humor wichtig für das individuelle Wohlbefinden und die Interaktion von zwei oder mehreren Personen. Humor ist für mich nicht etwas, das man nur in der Freizeit oder in sehr entspannten Situationen genießen kann, sondern ich kann die positive Wirkung von Humor vor allem bei Personen wahrnehmen, die sich in sehr belastenden

6

Situationen, wie z.B. Krankenhaus oder schwierigen beruflichen Situationen, befinden. Auf folgende Fragen möchte ich mit dieser Arbeit Antworten finden:

- Gibt es wissenschaftliche Belege für meine subjektive Einschätzung von Humor?

- Was ist der aktuelle Stand der Forschung zu Humor und Burnout?

- Kann Humor einen Beitrag zur Burnout Prävention, bzw. Intervention leisten?

- In welchen Bereichen kann Humor auf Burnout wirken?

Im Zuge der theoretischen Beschäftigung mit dem Thema Humor fand ich mehrere Beschreibungen der Möglichkeiten, wie der Sinn für Humor bzw. eine humorvolle Einstellung helfen können, um mit schwierigen Situationen besser zurecht zu kommen. Dass sich Personen, die Anzeichen von Burnout erkennen lassen, in einer für sie belastenden Situation befinden, ist unumstritten. Die Angebote an Ratgebern und Seminaren, wie man mit mehr Humor im Berufsalltag die Zufriedenheit und letztendlich auch die Produktivität der MitarbeiterInnen steigern kann, nehmen ständig zu, werden aber eher als neue Managementmode belächelt und dem Freizeitbereich zugeordnet.

Im Harvard Manager sind zum Thema Burnout 29 Seminare von 14 Anbietern zu finden, zum Thema Humor werden 25 Fortbildungsangebote von 11 Unternehmen präsentiert. Profitgier der Anbieter von Humorseminaren ortet ein Autor des Manager Magazins: „Humor als Erfolgsfaktor. Schon sind die ersten Lachtrainer unterwegs und machen ihr Geschäft“ (Rust 2001). „Correctly done, these managers say, fun is distinct from goofing off. Maintaining that difference often requires that the fun – though usually spontaneous for workers – is planned and run by the company`s top managers and is not allowed to get out of hand. In short, managing by fun is serious business.” (Jaffe 1990; zitiert in: Gibson 1994, 403).

Mit dieser Arbeit möchte ich einen Überblick über den aktuellen Stand der Forschung zu den Themen Humor und Burnout geben, denen gemeinsam ist, dass es viele unterschiedliche Ansätze und Erklärungsmuster für die untersuchten Begriffe gibt. Zum Thema Humor gibt es vor allem theoretische Arbeiten, empirische Untersuchungen sind rar. Die Verbindungen zwischen Humor und Burnout werden mehr von Seiten der Humorforscher hergestellt, in der Burnout Literatur wird Humor selten erwähnt und noch weniger beschrieben.

Aufgebaut habe ich meine Suche nach Erklärungsmodellen und Verbindungen dieser beiden Phänomene folgendermaßen: Nach der Einleitung werde ich im zweiten Teil verschiedene Definitionen, sowie die Zugänge unterschiedlicher Disziplinen zum Begriff Humor darlegen. Die Auswirkungen von Humor und Möglichkeiten Humor zu lernen sind ebenso in diesem Abschnitt diskutiert, wie Ansätze des Einsatzes in der Mitarbeiterführung. Der dritte Teil umfasst den Begriff und die verschiedenen Erklärungen zu Burnout und legt neben den Messinstrumenten mögliche Ursachen und Interventionsmöglichkeiten dar. Humor als unterstützendes Mittel in der Burnout Prävention ist im vierten Teil beleuchtet. In diesem

7

Abschnitt wird die zentrale Fragestellung dieser Arbeit diskutiert, nämlich auf welche Burnout fördernden Faktoren Humor Einfluss hat. Nach den Implikationen für die Praxis, anhand des Beispiels CliniClowns im fünften Abschnitt bietet das sechste Kapitel einen Überblick, welche Themen meiner Einschätzung nach bei welchem Autor am besten nachzulesen sind. Zwei Grafiken zeigen Wege auf, wie Informationen zu den einzelnen Bereichen am effizientesten generiert werden können. Diese Darstellungen sollen den Forschungsweg für an diesem Thema zukünftig Interessierte verkürzen, da es mit Hilfe dieser Illustrationen möglich ist, Umwege, die ich gehen musste, zu vermeiden. Durch den damit entstanden Nutzen für andere hoffe ich, dass diese Arbeit hilfreich und interessant für andere ist und damit auch wissenschaftlichem Anspruch gerecht wird (vgl. Eco 2000, 42).

Methodisch ist die vorliegende Arbeit eine Literaturrecherche zu den Themen Humor und Burnout und den Verbindungen dieser beiden Bereiche.

Ich hoffe, dass ich etwas so Einfaches und Natürliches wie Humor und Lachen in dem Versuch der wissenschaftlichen Annäherung nicht „unnötig“ kompliziert gestalte, wie dies oft bei genauen Anleitungen über das Erlernen von Humor und Lachen passiert. Beispiele für Humorlernprogramme sind am Ende des ersten Teiles beschrieben.

Hier drängen sich Verbindungen zu meinen beruflichen Tätigkeiten auf. Aufgrund meiner früheren Beratungstätigkeit bei HERZKLOPFEN, einer Sexualberatungsstelle, bin ich auch heute noch in Schulungen zum Thema Sexualität tätig und werde immer wieder mit dem Wunsch nach Tipps und Tricks konfrontiert, wie die TeilnehmerInnen mit ihrer eigenen Sexualität und der Sexualität von PartnerInnen oder KlientInnen besser zurecht kommen können. Die Versuchung ist groß, diesen Erwartungen nachzukommen. Allerdings glaube ich nicht, dass es möglich oder sinnvoll ist, Tipps zu liefern, die für alle Frauen oder Männer passend sind. Gerti Senger versucht immer wieder diesen Wünschen gerecht zu werden, indem sie genaue Anweisungen gibt, wo und wie ein Mensch befriedigt werden kann und stellt darüber hinaus noch multiple Orgasmen in Aussicht. Dies würde jedoch viele Herausforderungen der menschlichen Annäherung und Auseinandersetzungen mit dem Gegenüber überflüssig machen und voraussetzen, dass alle Menschen gleich empfinden und reagieren. Daher ist es auch nicht möglich, die Sexualität von bestimmten Gruppen von Menschen zu beschreiben. Ich betone in meinen Fortbildungen zum Thema „Sexualität und Behinderung“ die Individualität aller Personen.

Oft werde ich gefragt, welche Witze ich als Clown mache, wenn ich Kinder oder Erwachsene in Krankenhäusern und Pflegeheimen besuche. Ich würde diese Arbeit nicht seit vielen Jahren machen können, wenn ich ein vorgefertigtes Rezept hätte, mit dem ich durch die Institutionen eile. Viel mehr ist es wichtig zu erkennen, in welcher Situation sich meine Ansprechpersonen befinden, ich muss Rücksicht darauf nehmen, wer noch im Krankenzimmer anwesend ist und

8

was die Personen gerade brauchen. Genau diese Fähigkeit tragfähige Beziehungen herzustellen erachte ich als viel wichtiger, als das Talent, einen Scherz nach dem anderen zu machen, bzw. einen Tipp nach dem anderen zu geben.

„Man muss vorbereitet sein, alles fahren zu lassen, nichts behalten zu wollen, ständig bereit, auf Neues und Unvorhergesehenes zu reagieren. Nur so wird man andere und sich selbst überraschen können. In der Kunst des Überraschens liegt ein Schlüssel zur Komik“ (Peter Altenberg). Beim Recherchieren und Verfassen dieser Arbeit musste ich mehrmals alles fahren lassen und mein Konzept verändern und war schlussendlich überrascht, wie viel Aufwand für die

vorliegende Arbeit notwendig war. Nur

komisch habe ich das nicht gefunden.

Erasmus von Rotterdam (987, 55ff) lässt die Narrheit von der Kanzel predigen: „Der Weise nimmt seine Zuflucht zu verschimmelten Büchern, und füllt sich daraus den Kopf mit schalen Spitzfindigkeiten; der Narr, der sich hurtig an die Sache selbst macht, sammelt sich daraus, wenn ich mich nicht gröblich irre, echte Klugheit. Es scheint auch Homer, so blind er war, habe dieses eingesehen, da er sagt: ´Bei der Tat gelangt der Narr zur Einsicht.`“ In diesem Sinne hoffe ich die richtige Mischung zwischen Weisheit und Narrheit zu finden.

9

2

Humor

„Haben Sie Humor? Wenn ja, wissen Sie, was Sie haben? Humor kann vieles sein und ist für

jeden wieder etwas anderes: Lebenshilfe, Störfaktor, Herausforderung an die Intelligenz, die

andere Hälfte des Lebens

“ (Dimitri 1997, Einleitung)

2.1 Definition von Humor

Wie schwer Humor zu definieren und zu erklären ist, lässt sich an Hand der vielen unterschiedlichen Erklärungsansätze aufzeigen. Eine Gemeinsamkeit konnte ich bei fast allen Autoren feststellen, nämlich wie problematisch es ist, Humor zu beschreiben.

2.1.1 Von der Vielfalt der Begriffsextensionen

Bereits Bergson (1900/1972; zitiert nach Hirsch 1985, 49), der sich in seinem oft zitierten Werk „Über das Lachen“ aus der Sicht des Philosophen mit Humor und Lachen beschäftigt, musste feststellen, dass bereits seit Aristoteles sich die größten Denker mit diesem kleinen „Problem“ befasst haben, das sich bei größter Anstrengung nicht fassen lässt und immer wieder neu entschlüpft, um dann neu aufzutauchen; eine kecke Herausforderung philosophischer Überlegungen (vgl. Bokun 1996, 47).

„Clowneske Komik bis in ihre letzten Verästelungen zu begreifen, von der chimärischen Welt der Commedia dell`Arte bis hin zum Witz eines Woody Allen, dies hieße Dämonen bändigen.“ (Barloewen 1981, 96).

„Leider gibt es keinen allgemein gültigen Oberbegriff für diesen Bereich des menschlichen Lebens und Verhaltens“ (Titze/Eschenröder 1998, 11).

„Es gibt einfach Dinge, die sich klaren Definitionen entziehen. Humor ist etwas Amorphes. Wie das Publikum. Ich kenn es nicht“ (Michal 1997, 30).

Ich will es dennoch versuchen!

10

2.1.2 Was sagt der Duden

1.

„Fähigkeit, Gabe eines Menschen, der Unzulänglichkeit der Welt und der Menschen, den Schwierigkeiten und Missgeschicken des Alltags mit heiterer Gelassenheit zu begegnen.

2.

sprachliche, künstlerische o.ä. Äußerung einer von Humor bestimmten Geisteshaltung, Wesensart.

3.

gute Laune, fröhliche Stimmung.

4.

Laune, Stimmung, Gefühlslage: Dies gab mir den allerschlimmsten H., besonders, da ich den Übungsort selbst ganz unverträglich fand (Goethe, Dichtung und Wahrheit4).

5.

Körpersaft.“ (Wissenschaftlicher Rat der Dudenredaktion 1999, 1880 ff)

oder:

1.

„Fähigkeit des Menschen, auch in schwierigen Situationen über sich selbst und andere zu lachen.

2.

Scherz, Spaß.

3.

(gute) Laune, (fröhliche) Stimmung, Heiterkeit“ (vgl. Schlaffer 1997, 6ff).

oder:

„der neuere Begriff des humors hat sich zuerst in England ausgebildet,

litterarische erscheinung entwickelt ward, beschreibt die litteraturgeschichte. J. Paul definiert in diesem sinne den humor: der humor, als das umgekehrt erhabene, vernichtet nicht das einzelne, sondern das endliche durch den kontrast mit der idee. es gibt für ihn keine einzelne thorheit, keine thoren, sondern nur thorheit und eine tolle welt, er hebt – ungleich dem gemeinen spaszmacher mit seinen seitenhieben – keine einzelne narrheit heraus, sondern er erniedrigt das grosze, aber ungleich der parodie, um ihm das kleine, und erhöhet das kleine, aber ungleich der ironie , um ihm das grosze an die seite zu setzen und so beide zu vernichten, weil vor dem unendlichen alles gleich ist und nichts.“ (Grimm 1877, 1906ff).

zunächst als

oder:

“ausgelassener, sprudelnder, goldener, echter H.; schwarzer (makabrer, düsterer) H. // einen gesunden H., viel H. haben; keinen H. (auch umg; keinen Sinn für Spaß) haben; er ist ein Mensch mit gesundem, von viel, ohne H.; er ist bei gutem H. (guter Laune); ich finde mich, schicke mich mit H. in die Lage; er hat die Nachricht mit H. aufgenommen.“ (Agricola 1992,

325).

11

2.1.3 Die vier Umores

Viele Autoren (Wooten 1996, 50; Titze/Eschenröder 1998, 11) beziehen sich auf den lateinischen Ursprung des Wortes Humor. „Umor“ bedeutet „Feuchtigkeit“ oder „Flüssigkeit“. Menschen, bei denen die vier Umores (Schleim, Blut, schwarze und gelbe Galle) in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen, wurde schon in der Renaissance ein „guter Sinn für Humor“ zugeschrieben, da diese Körperflüssigkeiten als Ursache für die typologische Besonderheit des Phlegmatikers, Sanguinikers, Melancholikers und Cholerikers gelten (vgl. ohne Verfasser 2001a; vgl. Kluge 1995, 387).

Warum alleine diese Definition bei mir bereits humorige Reaktionen hervorgerufen hat, erklärt der nächste Definitionsversuch.

2.1.4 Humor als Reaktion auf Unerwartetes

Humor als Reaktion auf Unerwartetes zeigt sich bei vielen Witzen, die durch eine unerwartete Wendung oder durch die Konstruktion eines neuen Kontexts Überraschung und damit auch Humorreaktionen provozieren.

Ein Vertreter dieser Definition ist Willibald Ruch (vgl. Mayer-List 1997, 22), der einen Test als Beleg dafür entwickelt hat. Ruch fordert die Versuchspersonen auf, verschiedene Behälter nach deren Gewicht zu reihen. Diese Behälter sind sehr leicht und unterscheiden sich nur sehr geringfügig nach ihrem Gewicht. Einer dieser Behälter allerdings ist ca. 20 mal so schwer wie die anderen und ruft bei den Versuchspersonen humorige Reaktionen hervor. So wird auch verständlich, warum das Publikum lacht, oder zumindest lächelt, wenn ein Zauberer Tricks mit Überraschungseffekten präsentiert, obwohl die Tatsache, dass Personen zersägt werden, Tiger auftauchen oder die Freiheitsstatue verschwindet, an sich noch nichts mit Humor zu tun hat. Diesen Erklärungsversuch bestätigt hat mein unerwarteter Schrei im Rahmen der Präsentation meiner Projektarbeit (27.6.2001) im ISMOS-Lehrgang, der durchaus humorige Reaktionen zur Folge hatte.

Weitere Beispiele beschreiben Nilsen & Nilsen (1994, 129):

„Carlos was absent yesterday because he was playing football. He was hurt in the growing part. Mary could not come to school because she has been bothered by very close veins. Please excuse Gloria from Jim today. She is administrating. Please excuse Jimmy for being. It was his father fault. Teacher, please excuse Mary for being absent. She was sick and I had her shot.”

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Auch das Kabarettduo KABUD bestätigt diese Definition eindrucksvoll: in einer durchaus ernst gemeinten Veranstaltung über Humor und Emotionen im Management (2.7.2001) überraschten sie alle, als sie die von den TeilnehmerInnen mit den Erwartungen für diesen Abend beschrifteten Kärtchen wegwarfen, oder sich über die Erwartungen lustig machten.

Allerdings ist der Umkehrschluss nicht zulässig: nicht alles was unerwartet ist, löst humorige Reaktionen aus (z.B.: unerwartete Kündigung oder Scheidung, ein Reh läuft auf die Autobahn, Mitarbeiter tun nicht, was von ihnen erwartet wird, der nächste ISMOS – Lehrgang bietet in kürzerer Zeit für weniger Geld den gleichen Abschluss). Für mich ist daher die Schlussfolgerung, dass etwas umso humoriger wird, je mehr es unerwartet ist, nicht ausreichend: “Humor is when an expected future is replaced with an unexpected future. The more unexpected the more humorous.” (Ohne Verfasser, 2001b).

Das Konzept der CliniClowns bezieht sich auch auf diesen Aspekt von Humor. Das Auftreten der Clowns als Ärzte soll nicht nur die Angst vor Personen im weißen Mantel nehmen, sondern nutzt auch die Unvereinbarkeit von Seriosität und Unbeholfenheit.

Das Inkongruenzerlebnis von Bewegungen, Verhalten, Körperformen oder Gesichtszügen, die nicht den Erwartungen entsprechen oder von der Norm abweichen, wird von Freud am Beispiel der Grimassen eines Kegelspielers beschrieben, der den Lauf der Kugel verfolgt und ihr nachschaut, als ob er sie nachträglich noch korrigieren könnte (vgl. Freud 1940/1992, 201ff). “Humor is the experience of incongruity. In one’s environment the incongruity may be experienced when someone falls down in a situation when they are not expected to fall down, or the incongruity can be between concepts, thoughts, or ideas often illustrated by the punch line of a joke or the caption of a cartoon.” (Ohne Verfasser 2001c).

2.1.5 Humor als Fähigkeit

Widersprüchliche Ansichten habe ich im Zuge meiner Recherchen über den Zusammenhang von Intelligenz und Humor gefunden.

Humor als eine Fähigkeit des Geistes, der mit allem seinen Spott treibt, wird in Comte- Sponville (1998, 259) erwähnt. Zugleich stellt der Autor fest, dass es keine komische Philosophie gibt und „wahrscheinlich verläuft hier eine Grenze für das Lachen (es kann das Denken nicht ersetzen)“ (Comte-Sponville 1998, 253).

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Ich denke es ist wichtig zwischen der Fähigkeit Humor zu erleben und der Fähigkeit Humor hervorzurufen zu unterscheiden. Ich bin mir sicher, dass auch Menschen mit schwerer geistiger Behinderung humorvoll sein können. Ich kann bei Personen mit Alzheimer Erkrankung ganz klar humorige Äußerungen wahrnehmen. Nicht sicher bin ich, ab wann Babys bzw. Kleinkinder Humor erleben; ist bereits die Reaktion auf das Lächeln einer Bezugsperson Humor, oder vielleicht das fröhliche Glucksen?

Nach McGhee (1979, 5; zitiert nach Titze 2001a, 1) war man schon vor 2000 Jahren dazu übergegangen, das Wort Humor auch als Bezeichnung für einen besonderen Gemütszustand bzw. eine Disposition zu verwenden, die durch eine besondere Sensitivität bzw. Wertschätzung gegenüber lustigen, absurden, inkongruenten oder komischen Ereignissen gekennzeichnet ist. Erst in der Neuzeit wird der Sinn für Humor mit der Fähigkeit eines Menschen in Zusammenhang gebracht, ungewöhnliche oder absurde Ideen zu entwickeln; war also Ausdruck der geistigen Kapazität (vgl. Titze 2001a, 1).

“Humor can be experienced in the joy of "getting" it. Humor can be the understanding of something that we at first did not comprehend. This occurs everyday in misunderstandings at which we laugh.” (Ohne Verfasser 2001b).

“Humor is the capacity to perceive, appreciate, or express what is funny, amusing, incongruous, ludicrous, etc.” (Ohne Verfasser 2001 b).

Eine in der Therapie entscheidende Wirkung von Humor, nämlich die Distanzierung zu Problemsituationen, ist meiner Ansicht nach auch mit Intelligenzleistung verbunden. Die Fähigkeiten zu dissoziieren (vgl. Titze 1995, 288; Höfner/Schachtner 1997, 28), sowie die von Freud beschriebene Abwehrleistung gegenüber angst- und unlusterzeugenden Phänomenen können für den Therapieerfolg wichtige Voraussetzungen sein. „Der Humor hat nicht nur etwas Befreiendes wie der Witz und die Komik, sondern auch etwas Großartiges und Erhabenes, welche Züge an den beiden anderen Arten des Lustgewinns aus intellektueller Sicht nicht gefunden werden. Das Großartige liegt offenbar im Triumph des Narzissmus, in der siegreich behaupteten Unverletzlichkeit des Ichs. Das Ich verweigert es, sich durch die Veranlassungen aus der Realität zu kränken, zum Leiden nötigen zu lassen, es beharrt dabei, dass ihm die Traumen der Außenwelt nicht nahe gehen können. Ja es zeigt, dass sie ihm nur Anlässe zu Lustgewinn sind. Dieser letzte Zug ist für den Humor durchaus wesentlich.“ (Freud 1940/1992, 254).

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2.1.6 Weitere Versuche, Humor zu beschreiben

„Humor als gelöste, überlegene, freundliche Grundhaltung“ (Bokun 1996, 8).

„Wilhelm Busch beschreibt den Humor mit dem Bild eines Vogels, der angesichts des Katers erkennt, was nun mal nicht zu ändern ist, und trotzdem pfeift und zwitschert.“ (Blickhan 2000, Vorwort).

„Humor ist meiner Meinung nach im Grunde eine ganz realistische Sicht oder Anschauung der Welt um uns. Diese realistische Anschauung gewinnen wir durch den sogenannten Sinn für Humor. Sinn für Humor entsteht durch Gehirntätigkeit unter bestimmten neurohumoralen und hormonellen Bedingungen im Körper.“ (Bokun 1996, 60).

Unabhängig davon, ob man Humor als Fähigkeit, als Haltung, als Gefühl, als Wesenszug, als Anschauung, als Leistung, als Persönlichkeitsmerkmal oder als Eigenschaft („die einen haben ihn, die anderen nicht“) betrachtet, wichtig ist die Erkenntnis, dass man Humor zwar fördern, aber nicht fordern kann (Hain 2001, 4).

Kritisiert wird die Humorforschung von Thorson, der einerseits die vorhandenen Studien für nicht repräsentativ hält, weil dafür lediglich Daten von Studenten und Studentinnen herangezogen werden, und er andererseits Humor als etwas nicht Messbares beschreibt und er versucht 6 Elemente zu unterscheiden, die Sinn für Humor einschließen (Thorson 1999, 3):

1. “humor creativity,

2. humor appreciation (being able to get the joke)

3. coping humor

4. using humor in social situations to serve as a social lubricant or ease tension or to go on the offensive

5. appreciation of humorous people (Do you tend to seek or avoid people who have a natural sense of humor?)

6. joy of live (happiness)”

Willibald Ruch verwendet in seinen Vorlesungen eine Stunde für das Problem der Begriffsbestimmung und weist auf die stark von einander abweichenden Definitionen hin: die "historische" (d.h. „deutsch/englische“): die "gelassene Heiterkeit inmitten der Widrigkeiten der Welt" sieht Humor als Teil des Komischen in einer sehr engen Definition (also der historischen); die gegenwärtige Vorstellung setzt Humor jedoch als Oberbegriff und damit in einer sehr breiten Definition (vgl. Ruch 1997, 22).

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Humor ist deshalb so schwierig zu erklären, weil er subjektiv unterschiedlich wahrgenommen wird. „The more important question instead of "What Is humorous?" is the question "What do You EXPERIENCE as humorous." As individuals we tend to experience humor by either "getting it" (which tends to be cognitive or intellectual response), by feeling it (which tends to be an emotional response), or by laughing at it (which is more of a physiological response). There is a wide range of life's experiences that are experienced as humorous. Like beauty being in the eyes of the holder, humor is in the funny bone of the receiver of the experience” (ohne Verfasser 2001c).

2.1.7 Gegenteil von Humor

Mir ist keine Arbeit bekannt, in der das Gegenteil von Humor erforscht wurde. Die Antwort „kein Humor“ (Ruch 2001 auf meine Anfrage per e-mail) befriedigt meine Neugierde nicht ausreichend. Wenn das Gegenteil von Humor beschrieben wird, dann mit dem Begriff „ERNST“ (vgl. Kiphard, 1999, 1; Heinen/Metke 2000, 173; Comte-Sponville 1998, 247).

Ich kann keinen besseren Begriff anbieten, bin allerdings nicht zufrieden damit, weil Humor und Ernst sehr wohl gemeinsam auftreten können.

Folgt man den oben beschriebenen Definitionen ist das Gegenteil vielleicht „die Unfähigkeit, eine andere Wirklichkeit wahrzunehmen, als die eigene.“ (August Everding, unter Bezug auf Rieger 1999, 5)

Legt man das Augenmerk auf die physischen und psychischen Auswirkungen von Humor, drängt sich als Gegenteil unweigerlich die Depression auf, da diese Erkrankung den gegenteiligen Effekt beim Menschen bewirkt. Dies wird in Abbildung 1 treffend dargestellt.

auf, da diese Erkrankung den gegenteiligen Effekt beim Menschen bewirkt. Dies wird in Abbildung 1 treffend
auf, da diese Erkrankung den gegenteiligen Effekt beim Menschen bewirkt. Dies wird in Abbildung 1 treffend

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16 Abbildung 1: Peanuts Humor ist also nicht etwas, was man hat oder nicht hat und

Abbildung 1: Peanuts

16 Abbildung 1: Peanuts Humor ist also nicht etwas, was man hat oder nicht hat und

Humor ist also nicht etwas, was man hat oder nicht hat und lässt sich auch nicht wie ein abstrakter Gegenstand definieren (vgl. Hirsch/Bruder/Radebold 2001, 5). Daher ist der Versuch der Annäherung im Folgenden durch die Beschreibung verwandter Begriffe und unterschiedlicher Zugangsweisen festgehalten.

2.2 Verwandte Begriffe

Sehr oft wird Humor mit verwandten Begriffen in Zusammenhang gebracht oder über diese Begriffe erklärt.

Humor und Lachen werden oft gleichgesetzt; allerdings brauchen wir das Lachen nicht, um Humor zu erfahren. Vielmehr ist Lachen eine körperliche Reaktion auf Humor (vgl. Mahony 1999, 19).

2.2.1 Lachen

Lachen und Humor stehen in engem Zusammenhang und werden oft gleichgesetzt. Ich vermute, dass daher in der Literatur Humor und Lachen oft als austauschbare Begriffe beschrieben werden. Lachen ist zwar häufig eine Reaktion auf Humor (vgl. Adams 1997, 79); genauer eine körperliche Reaktion: “Laughter is the physiological reaction to humor. The

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research on laughter, while limited, indicates that there are physiological benefits from laughter including an increase in certain antibodies, a reduction of specific stress hormones, and an increased tolerance to pain.” (Sultanoff 1999c, 2). Diese Reaktion mit ihren körperlichen Auswirkungen muss nicht zwingend eine Reaktion auf Humor sein, da Lachen auch aus Aufregung, aus Verlegenheit, aber auch aus Höflichkeit/ bzw. Unterwürfigkeit entstehen kann (im Zuge der Fortbildungen bei den CliniClowns haben wir mit Hubertus Zorell an einer Clownsnummer gearbeitet, bei der wir eine sicherlich vielen Menschen bekannte Situation überzeichnet dargestellt haben: wenn der Vorgesetzte lacht, lachen viele Untergebene auch, egal ob sie es lustig finden oder nicht).

Die Unterscheidung zwischen Lachen und Humor ist für mich auch deshalb wichtig, da sehr wohl humorige Stimmungen ohne Lachen möglich sind. Die Wahrnehmung kleiner Humorreaktionen ist vor allem für CliniClowns wichtig, da es viele Gründe geben kann, warum ein Kind nicht lachen will oder kann (frische Operationsnarben im Bauchbereich, Angst, Nachwirkungen von Narkose, …). Manche Kinder spielen auch damit, entgegen der Erwartungen ihrer Eltern, nur ja nicht zu lachen, wenn sie von den Clowns besucht werden. Ich finde es ganz entscheidend für den Aufbau der Beziehung zu den Kindern, nicht das Lachen zu fordern (was ja eigentlich an sich schon paradox wäre), denn schließlich haben wir einen großen Bonus, den ich keinesfalls verspielen möchte: wir sind die einzigen im Krankenhaus, die nichts von den Patienten fordern. Und ein Glitzern in den Augen kann genau so ein deutliches Zeichen dafür sein, dass das Kind seine Krankheit oder seine Ängste gerade vergessen hat.

Der Ursprung des Lachens wird von frühen Autoren als Nachhall der Anstrengungen nach Gefahr oder als befreiendes Ausatmen beschrieben, wenn aus den Frühmenschen ein keuchendes, brüllendes Gelächter herausbrach. Das wäre für Hirsch die Erklärung, „warum das Lachen einer Gruppe bis heute für den Außenstehenden feindselig klingt und es die Gruppenmitglieder zugleich versöhnt und zu Freunden machen kann.“ (Hirsch 1985, 9ff).

Diese „Reihe von explosiv gebildeten Silben von 75 Millisekunden Dauer, die sich im Abstand von etwa 200 Millisekunden wiederholen“ (Provine 1992, 115) ist auch ein Merkmal, das Menschen und Tiere unterscheidet. „Beim Lachen handelt es sich um ein Phänomen, das ausschließlich menschlich und von grundsätzlicher Bedeutung ist an der Kreuzungsstelle von Manifestationen der Muskulatur, der Atmung, der Nerven und der Psyche des Individuums“ (Rubinstein 1985, 14)

Gemeinsam mit Humor ist dem Lachen die Ratlosigkeit und die Schwierigkeit diesen Vorgang zu definieren, bzw. zu erklären. Dies zeigt Bokun durch die Aufzählung der von Hans Jürgen Eysenck in einem Sammelband über die Psychologie des Humors gesammelten unterschiedlichen Theorien auf (Bokun 1996, 47ff):

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Biologische, Instinkt- und Evolutionstheorien erklären, dass das Lachen uns angeboren ist und bestimmten Zwecken dient. Die Überlegenheitstheorie erklärt, dass Lachen ein persönlicher Triumph sei. Der englische Philosoph Thomas Hobbes (1588-1679), ein bekannter Verfechter dieser Theorie, schrieb in seiner Abhandlung über die menschliche Natur, dass das Lachen aus der plötzlichen Erkenntnis unserer Eigentümlichkeiten und unserer Bedeutung entstehe. Denn was könne die gute Meinung von sich selbst mehr bestärken als der Vergleich mit Schwächen und Absonderlichkeiten anderer Menschen? Und Hobbes meinte weiter, dass plötzlicher Ruhm zu Grimassen führe, die man Lachen nenne. Unvereinbarkeitstheorien behaupten, dass Lachen durch eine ungewöhnliche, inkonsequente oder unvereinbare Zusammenstellung von Ideen, Situationen, Verhaltensweisen oder Haltungen verursacht werde. Überraschungstheorien vertreten die Ansicht, dass das wesentliche Element des Lachens im Plötzlichen und Unerwarteten bestehe. Ambivalenztheorien besagen, dass Lachen die Reaktion auf die Gleichzeitigkeit zweier unvereinbarer oder widersprüchlicher Gefühle sei. Strukturtheorien halten das Lachen für das Erkennen einer gewissen Verbindung zwischen Elementen, die ohne Zusammenhang oder unvereinbar zu sein scheinen. Erlösungs- und Erleichterungstheorien sehen das Lachen als Erlösung aus Spannung. Die Psychoanalytische Theorie Sigmund Freuds betont, Vergnügen komme daher, dass man sich ein Gefühl erspare.“

2.2.2 Lächeln

Auch das Lächeln kann eine Reaktion auf ein Humorerlebnis sein, es unterscheidet sich allerdings dadurch, dass es eine kontrollierte Ausdrucksform ist (vgl. Berger 1998, 57ff) Die Definition eines Kindes: "A smile is a whisper of a laugh." (Ohne Verfasser 2001b).

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2.2.3 Freude

„Freude ist ein im wahrsten Sinn des Wortes erhebendes Gefühl. Äußerungen der Freude gehen immer in der Richtung nach oben. Man möchte vor Freude an die Decke springen. Zumindest aber streckt und reckt sich der freudige Mensch nach oben“ (Kiphard 1999, 4).

2.2.4 Komik

Für Bergson herrscht die Komik vor allem in der menschlichen Sphäre und vermittelt zwischen Kunst und Leben. Über Tiere lacht man nur, wenn man in ihnen einen menschlichen Ausdruck wiederzuentdecken glaubt. Zudem findet Bergson eine Mechanik, die lebendig wird, komisch – oder etwas Lebendiges mechanisch; wie z.B. die Kinderspielzeuge Hampelmann und Springteufelchen. Komisch ist auch das, wodurch sich ein Mensch unbewusst preisgibt, es ist die unwillkürliche Gebärde, das unbedachte Wort (Bergson 1900, 101; zitiert nach Hirsch 1985 49). Kritiker dieser Theorie widerlegen dies mit dem Argument, wenn wir jedes Mal lachten, wenn ein Mensch den Eindruck erweckt, er sei eine Sache, dann gäbe es nichts Komischeres als eine Leiche (vgl. Hirsch 1985, 49). Bergson wird von Barloewen bestätigt: „Die Komik der Clowns verhält sich wie die Gliederpuppe zum Menschen: sie arbeitet mit der artifiziellen Übertreibung einer gewissen Steifheit der Dinge.“ (Barloewen 1981, 92). Charlie Chaplin mit seiner für ihn typischen Gangart ist sicherlich das beste Beispiel. Wenn ich mir diesen Komiker in Erinnerung rufe, wie er die Straße entlang wackelt, ruft das bei mir kein Lachen hervor, vor allem, weil ich diese Gangart bei ihm schon öfter gesehen habe und erwarte - komisch bleibt es jedenfalls.

Ich kann der These, dass etwas nur komisch ist, wenn jemand darüber lacht, nicht zustimmen. Dass aber umgekehrt nicht jedes Lachen Reaktion auf Komik sein muss, habe ich bereits weiter oben beschrieben (vgl. Scheschark 1990, 18). Komik vollzieht sich oft unbewusst, komische Personen wissen nicht unbedingt, dass sie komisch sind (vgl. Barloewen 1981, 92). Das bedeutet, dass für das Entstehen von Komik –im Unterschied zum Humor – Intelligenz nicht unbedingt Voraussetzung ist.

2.2.5 Witz

Für mich überraschend wird der Witz, im Gegensatz zum Humor, von den meisten Forschern als etwas Unangenehmes, bzw. Negatives (unerwünschte Bindungen, Konfusion, durch Groll ausgelöst, ersparter Hemmungsaufwand) beschrieben, auch wenn das Ziel des Witzes das Lachen ist. Allerdings ist es „eine lange Spur, die der Witz gezogen hat, wenn er das Lachen

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erreicht. Vom Verstand intuitiv erfasst, im Unbewussten zündend, die Gefühle provozierend und den Körper schüttelnd, löst der Witz immer Bindungen auf, die uns zur Last wurden.“ (Hirsch 1985, 284). Hirsch beschreibt die Funktion des Witzes damit, dass der Witz Gelegenheit zur augenblicklichen Lösung unerwünschter Bindungen bietet. Diese Bindung ist auf der Verstandesebene das Paradox, im Unbewussten der Ambivalenzkonflikt von Besetzung und Gegenbesetzung, im Gefühlsbereich ist es die emotionale Ambivalenz und in der körperlichen Phase des Witzvorganges das Stocken des Atems, das sich im Ein- und Ausatmen löst (vgl. Hirsch 1985, 273).

Um Witze zu verstehen ist also auch Intelligenz nötig, um sie zu ersinnen erst recht. Warum wir beim Witz so schnell verstehen hängt damit zusammen, dass der Witz Konfusion erzeugt und „für zwischenmenschliche Beziehungen ein Höchstmaß an Verstehen und ein Mindestmaß an Konfusion für erträgliches Zusammenleben besonders wichtig ist“ (Watzlawick 1978, 13). Interferenz nannte Bergson zwei Gedanken, die sich völlig fremd sind und unvermutet aufeinander stoßen (vgl. Bergson 1900, 83, zitiert nach Hirsch 1985, 29).

Die boshafte Seite des Witzes wird von Bokun betont:

„Witz entspringt einer Gemütserregung, die häufig durch Groll ausgelöst und auch durch ihn am Leben erhalten wird – einen Groll darüber, dass das Ego des witzigen Menschen beleidigt oder geschmäht wurde. Bei der Entladung seiner Gefühlserregung ist der Witzige meist ein wenig rachsüchtig oder boshaft.“ (Bokun 1996, 63). Daher kommt er auch zu folgender Unterscheidung von Witz und Humor: „während Humor Entspannung bewirkt, schafft Witz Spannung; Humor erzeugt Gemeinsinn und Verspieltheit; Witz Trennung und Abstand; während Humor zu Charme, Gutwilligkeit und Großzügigkeit hinleitet, kommt aus Witz Abwehr, Böswilligkeit und Verachtung; Humor entwaffnet, Witz versetzt in Alarmbereitschaft; während Humor Vertrautheit sucht, verführt Witz zu Indiskretion; Humor bringt Bescheidenheit mit sich, Witz Überheblichkeit; Humor fördert die Toleranz, Witz die Ungeduld und Unverschämtheit; Humor führt zu Güte; Witz verletzt oft.“ (Bokun 1996, 64).

Freud kommt zu dem Resümee, dass „die Lust des Witzes uns aus erspartem Hemmungsaufwand hervorzugehen schien“ (Freud 1940/1992, 133).

2.2.6 Spass

Patch Adams definiert den Spaß als angewandten Humor, der gemeinsam mit Liebe als gleichberechtigter Partner zu den entscheidenden Zutaten eines gesunden Lebens gehört (vgl. Adams 1997, 79).

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Rieger nähert sich dem Begriff über das italienische Wort Spasso, das Zeitvertreib und Vergnügen bedeutet. Freude und Vergnügen, die man bei einem bestimmten Tun empfindet, in Verbindung mit Enthusiasmus, Lebensfreude und Lebendigkeit kennzeichnen für sie Spass (vgl. Rieger 1999, 18ff).

2.2.7 Erheiterung

“Erheiterung lässt sich als ein emotionales Konstrukt definieren, das sich aus einem zeitweiligen Anwachsen einer heiteren Grundstimmung ergibt und das zu nachweisbaren Auswirkungen in sämtlichen Bereichen des menschlichen Organismus führt. (Titze 2001a, 2).

2.2.8 Blödeln

Im Unterschied zum Witz ist das Blödeln die Kunst, einen Gedankenfaden fortzuspinnen, ohne eine Pointe zu erzeugen (vgl. Hirsch 1985, 19).

Drei Komponenten von Humor stellt Sultanoff (1999a) gegenüber (Tabelle 1) und schafft damit auch die Unterscheidung zwischen Witz als eine gedanklich orientierte Erfahrung, Fröhlichkeit als emotionale Erfahrung und Lachen als physiologische Erfahrung (Sultanoff 1999, 2).

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Wit: The Mental Experience of Humor

Mirth: The Emotional Experience of Humor

Laughter: The Physiological Experience of Humor

As we experience wit we intellectually appreciate, un- derstand, and “get” the humor. Wit helps us break up our rigid ways of thinking associated with emotional distress- such as depression, anxiety, and anger- it also helps us to see the world with perspective, thus reducing the impact of the stressors around us.

Mirth is the experience of uplifting emotions such as joy, pleasure, or inner warmth associated with humor. Distressing emotions and mirth cannot occupy the same psychological space. As we experience mirth, our inner distresses dissolve and

Laughter is the physio- logical reaction to humor. The research on laughter, while limited, indicates that there are physiological bene- fits from laughter including an increase in certain anti- bodies, a reduction of spe- cific stress hormones, and

a

pleasant, sunny spirit takes

an increased tolerance to pain. (I usually listen to humorous tapes on the way to see the dentist to reduce discomfort in the dentist's chair.)

their place. We know this intuitively as illustrated by someone using humor "instinctively" to reduce

 

another's anger. Many of us have been in a situation

where, in the midst of being angry at a friend, our friend uses humor to dispel our emotional intensity. Some of us have even been known to say, "Don't make me laugh!

 

I

want to be angry."

Tabelle 1: Wit, Mirth and Laughter

2.2.9 Ironie – Sarkasmus – Satire

Natürlich kann Humor auch verletzen und kränken, kann Humor als Waffe gebraucht werden. Das trifft vor allem auf die aggressivsten Formen des Humors, vor allem auf Ironie und Satire zu. Der aggressive Gebrauch des Humors reicht von Streichen, die man jemandem spielt, über Karikaturen, bis zu verbalen Übergriffen. Diese Aggressionen nehmen meist eine bestimmte Institution, ein Glaubenssystem ins Visier oder richten sich gegen Berufsgruppen mit hohem Prestige und erlauben dem Witzeerzähler sich für kurze Zeit denen überlegen zu fühlen, die man für die eigenen Probleme verantwortlich macht (vgl. Berger 1998, 61ff).

Es macht einen großen Unterschied, wer einen Witz bzw. eine humorige Äußerung von sich gibt. Ein Witz über Behinderung oder Krankheit von einem Betroffenen erzählt, löst andere Reaktionen aus, als von einer nicht von dieser Behinderung oder Krankheit persönlich betroffenen Person erzählt, aus: „Noch mehr Krebs als ich und du gehst hops!“ (vgl. Comte-

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Sponville 1998, 253). Ähnliche Erfahrungen mit Äußerungen von Menschen mit Behinderung über ihre eigene Betroffenheit habe ich in meiner Tätigkeit im Behindertenbereich immer wieder gehört und es kommt meiner Erfahrung nach sehr auf die Beziehung zu dem Menschen an, ob man darüber lachen kann oder einen eher ein mulmiges Gefühl überkommt. Ebenso macht es einen Unterschied, ob ein/e vom Inhalt des Witzes/ der humorigen Bemerkung Betroffene/r anwesend ist.

Wichtig scheint mir auch zu unterscheiden, was der Gegenstand des Humors ist: „wenn der Geist über das spottet, was er verabscheut oder verachtet, dass ist das Ironie. Wenn er über das spottet, was er schätzt und liebt, dann ist es Humor.“ (Comte-Sponville 1998, 253). Die Ebene des Spottes über die Dinge, die den Menschen ängstigen, fehlt bei der Darstellung von Comte-Sponville. Dazu gehören zum Beispiel Witze über das Alter, Behinderung, Impotenz, Homosexualität, Hierarchien (vgl. Berger 1998, 66ff).

2.2.10

Zynismus

Zynismus, der in der Nähe der Ironie anzusiedeln ist, wird ebenfalls als aggressive Form von Humor beschrieben, der nicht von humorvollen Menschen benutzt wird (vgl. Bernhardt 1985, 18). Zynismus schafft Distanz und vermittelt das Gefühl der Überlegenheit. Diese in der Burnout beschriebene Distanz, die durch Zynismus hergestellt wird, ist als Schutzfunktion von emotional sehr involvierten Helfern zu verstehen.

Ich möchte Zynismus nicht ausschließlich als negative Form von Humor verstanden wissen. Ob zynische Bemerkungen verletzen oder nicht, hängt mehr vom Kontext der Situation und der Beziehung zur betroffenen Person ab, als von der Schärfe der zynischen Bemerkung.

2.3 Humor aus Sicht verschiedener Disziplinen

„Das Komische erscheint auf den ersten Blick als interdisziplinäres Thema par excellence. Philosophie, Medizin, Psychologie, Anthropologie, Soziologie und natürlich die Literaturwissenschaft haben es früher oder später in ihre Obhut genommen. Indessen ist eine wirklich interdisziplinäre Konstitution des Gegenstandes kaum einmal zu bemerken“ (Preisendendanz 1976, 7, zitiert nach Scheschark 1990, 9).

Am ausführlichsten erforscht ist Humor von Seiten der Medizin, der Psychologie und Psychotherapie.

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2.3.1 Medizin

Humor wird durch die gesamte Geschichte der Medizin als Heilmittel angepriesen. Bereits HIPPOKRATES riet den Medizinern, sich vor ihren Patienten fröhlich und strahlend zu geben. Patch Adams bezeichnet Humor als ein Mittel gegen alle Krankheiten. Er findet es gar nicht nötig, dass Fachleute und Wissenschafter über die Anziehungskraft von Humor berichten. Man solle doch nur einfach Menschen fragen, was für ihr Wohlbefinden wichtig ist (vgl. Adams 1997, 78). „Menschen sehnen sich nach Lachen, als ob es eine essenzielle Aminosäure wäre“ (Adams 1997, 79).

Adams hat nach einem Aufenthalt als Patient in der Psychiatrie beschlossen, selbst Medizin zu studieren und aufgrund seiner Erfahrungen als Patient ein Gesundheits – Institut zu initiieren, in dem ganzheitliche Betrachtungsweise und humorbezogene Heilmethoden im Vordergrund stehen. Adams ist der „Urvater“ der CliniClowns, einer Idee, die die CliniClowns Austria als erste auch in Europa etablieren konnten. Mich würde freuen, wenn seine Idee noch mehr Verbreitung fände, da alleine der Begriff Gesundheits - Institut einen anderen Zugang als in unserem Gesundheitssystem deutlich macht.

Aus der medizinischen Perspektive ist die heilende Wirkung von Humor und Lachen auf den Körper des Menschen erwiesen. Dennoch muss ich bei meiner Arbeit in Krankenhäusern und Pflegeheimen wahrnehmen, dass im Alltag von Gesundheitsberufen wenig Platz für humorige Äußerungen vorhanden ist. Oft wird das von den MitarbeiterInnen damit begründet, dass sie schließlich mit kranken Menschen zu tun haben (als ob Krankheit und Humor einander ausschließen würden!). Allerdings ist meine Erfahrung als CliniClown, die auch von meinen KollegInnen bestätigt wird, dass gerade auf Intensivstationen, die tagtäglich mit lebensbedrohenden Situationen konfrontiert sind, Humor viel selbstverständlicher als in manch anderen Stationen wahrzunehmen ist.

Von großem Interesse für die Medizin ist sowohl die präventive Wirkung von Humor, wie auch der „Sitz“ von Humor im Körper. Amerikanische Wissenschaftler haben im menschlichen Hirn ein „Humorzentrum“ lokalisiert. Dieser kleine Teil der vorderen Gehirnlappen (nucleus accumbens) scheint dafür verantwortlich zu sein, einen Witz als solchen zu erkennen, meint Dean K. Shibata von der University of Rochester School of Medicine. Dieser Teil des Gehirns, in dem das soziale und emotionale Empfinden angesiedelt ist, war bei den Versuchspersonen aktiv, wenn diesen Witze vorgelesen, Lachen vorgespielt und Cartoons gezeigt wurden. (Ohne Verfasser 2001d, 1).

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Bezugnehmend darauf stellt Bokun die Frage, ob es für Patienten vielleicht besser wäre, anstatt von Priestern, von Humoristen, Komödianten oder einfach von glücklichen Kindern besucht zu werden (vgl. Bokun 1996, 172).

2.3.2 Krankenpflege

In den 90er Jahren riefen amerikanische Krankenschwestern die American Association of Therapeutic Humor ins Leben. Das Journal of Nursing Jocularity wurde von Krankenschwestern gegründet und herausgegeben. Humor in der Krankenpflege hat vor allem Bedeutung als implizite Form der Kommunikation, als Coping – Strategie für Angehörige und MitarbeiterInnen und daher auch als Präventivmaßnahme im Hinblick auf das Burn out – Syndrom (vgl. Titze/Eschenröder 1998, 147ff).

2.3.3 Psychologie

Bereits Sigmund Freud hat den Humor als „siegreich behauptete Unverletzlichkeit des Ich“ bezeichnet und die dadurch geförderte relativierende Einstellung zum Leben erkannt: „Er will sagen: Sieh her, das ist nun die Welt, die so gefährlich aussieht. Ein Kinderspiel, gerade gut, einen Scherz darüber zu machen!“ (Freud 1940, 255).

Für Hirsch (1985, 12ff) ist Sigmund Freud mit seiner Abhandlung „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten“ der Guru geblieben, da damit die Vorherrschaft der Psychologen und Analytiker begann. Hirsch bedauert allerdings, dass sich gerade der einzige geniale Witzforscher in dem Punkt geirrt habe, der am häufigsten zitiert wird: „die Lust des Witzes schien uns aus erspartem Hemmungsaufwand hervorzugehen“ (Freud 1940, 249). Dass Lust aus ersparter Energie entstehen soll, „das klingt so, als wollte man sagen, ein Orgasmus sei das Glücksgefühl, sich nicht mehr anstrengen zu müssen“ (Hirsch 1985, 13).

2.3.4 Psychotherapie

Viktor Frankl (1947/1984), der Begründer der Logotherapie, war der erste, der seine KlientInnen ermutigte, dem ins Gesicht zu lachen, was sie ängstigte und beschämte und brach damit mit der bisherigen Annahme, dass die therapeutische Atmosphäre ernst und schmerzvoll sein muss (vgl. Titze 1995, 245ff).

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Das steigende Interesse sowie die wachsende Akzeptanz Therapeutischen Humors könnte nach Meinung von Michael Titze als Wunsch interpretiert werden, den verwirrenden Umbrüchen des postmodernen Zeitalters (und den damit verbundenen existentiellen Erschütterungen und Sinnkrisen) mit Leichtigkeit zu begegnen (vgl. Titze 2001b, 1).

Albert Ellis, der Begründer der rational emotiven Therapie verwendet sogenannte „Schamüberwindungsübungen“, die durch unerwartete/ bzw. in einem ungewöhnlichen Kontext stattfindende, durchaus alltägliche Handlungen, humorige Reaktionen hervorrufen (zum Beispiel: an einem sonnigen Tag einen Regenschirm aufspannen, oder eine Uhr bei einem Schuster reparieren lassen).

Ohne theoretische Beschäftigung mit dem Thema Humor habe ich das Hervorrufen von genau diesen Humorreaktionen bei der Erarbeitung eines clownesken Jonglierprogramms verwendet. Gemeinsam mit meinem Kollegen haben wir uns in Griechenland auf unsere Badematten gelegt, mit Sonnencreme eingeschmiert und Musik aus dem Kassettenrekorder gespielt (wie das in Griechenland viele tun). Nur sind wir nicht am Strand, sondern in der Fußgängerzone gelegen, und zwar um 20.00 Uhr abends.

Frank Farelly entwickelte in den sechziger Jahren die Provokative Therapie. Sicherlich vergrößert dieser Ansatz die Kommunikationsmöglichkeiten und bietet Chancen, Probleme aus neuen Blickwinkeln betrachten zu können. Allerdings kann meiner Ansicht nach nicht deutlich genug betont werden, dass die Beziehung zwischen KlientIn und TherapeutIn für diese Form der Interventionen tragfähig genug sein muss, um nicht Kränkungen hervorzurufen. Bislang fehlen empirische Studien über die Wirkungen dieser Therapieform (vgl. Höfner/Schachtner 1997, 33).

Einen guten Überblick über den Einsatz von Humor bieten Titze/Eschenbach (1998). Wirkungen von Humor, die den Therapieerfolg in elf verschiedenen therapeutischen Ansätzen unterstützen, werden beschrieben, ebenso aber auch mögliche Gefahren aufgezeigt und diskutiert.

Humor in der Psychotherapie wird allerdings nicht nur positiv gesehen. Dem aufdeckenden und adaptiven Potential stellen andere Humor als Abwehr gegenüber. Auch die Gefahr, dass Menschen, die mit Selbstunsicherheitsgefühlen zum Therapeuten kommen, ein Lachen leicht als Missachtung ihrer Persönlichkeit oder ihres Leidens missverstehen können, führt unter den Therapeuten zu Diskussionen (vgl. Hirsch/Bruder/Radebold 2001, 107).

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2.3.5 Philosophie

Das bedeutendste Werk in diesem Zusammenhang ist 1900 von Henri Bergson mit „Le rire“ veröffentlicht worden. Diskutiert werden seine Thesen in der Diplomarbeit von Barbara Scheschark (1990) und von Walo Hartmann (1998).

Hirsch zitiert die Anstrengungen der Philosophen, die wahre Definition zu finden (Hirsch 1985, 12).

Über die Beziehung zwischen Philosophie und Humor konnte ich einen Brief-, pardon mail-, Wechsel zwischen drei Philosophie ProfessorInnen finden. Müller kommt zur Schlussfolgerung, die meiner Ansicht nach nicht nur für die Philosophie, sondern auch für

andere Disziplinen Gültigkeit hat: „Nicht die Philosophie ist witzlos, sondern die Leute, die

sich hinter ihr verstecken.“

Pendant zur Philosophie.“ (Müller 1996, 1ff)

„Humor ist doch eine individuelle Geschichte, und kein

2.3.6 Sonder- und Heilpädagogik

Humor in Zusammenhang mit Heilpädagogik scheint für Dieter Fischer ebenso schwer hervorrufbar, wie es unmöglich ist, bei der Erwähnung eines weißen Pferdes nicht an ein weißes Pferd zu denken. Er begründet das mit der Last der Betroffenen und dem Helfer- Syndrom der sozialen Berufe, macht aber hauptverantwortlich eine nicht ausgesprochene, wohl aber empfundene und damit wirkende Schuld, weder das leisten zu können, was von HelferInnen erwartet wird, noch dem zu genügen, was diese Personen von sich selbst erwarten (vgl. Fischer 2000, 98ff). Dieser sehr düsteren Ansicht kann ich mich nicht anschließen, wohl aber der angebotenen Möglichkeit, mehr Humor in der Heilpädagogik zu ermöglichen, nämlich den Verzicht auf Vollkommenheit und Perfektion, womit er sich einer der oben erwähnten Definitionen anschließt (vgl. Fischer 2000, 99).

„Gerade für schwerbehinderte Kinder sind somit der Humor, mit dem man ihnen begegnet, und auch das Lachen, das die Beteiligten verbindet, geeignete Mittel, um eine fruchtbare Kommunikation zu ermöglichen.“ (Heinen/Metke 2000, 173)

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2.3.7 Soziologie

Die Soziologen beschreiben vor allem das Lachen als ein soziales Phänomen, das meistens in Gemeinschaft stattfindet. Der geförderte Gruppenzusammenhalt durch gemeinsames Lachen, aber auch die verletzende Wirkung für Personen, die außerhalb einer Gruppe stehen und Gefahr laufen Opfer des Verlachens zu sein (eine Erfahrung, die vor allem behinderte Menschen oft machen müssen) sind beachtenswerte Phänomene. Stephenson beschreibt die Angriffe und das Verlachen von Personen, die außerhalb des „common value system“ stehen (vgl. Stephenson 1951, 569, zitiert nach Heinen/Metke 2000, 168). Der Begriff „Lachkultur“ entstand für das Phänomen, dass bestimmte Signale oder Symbole, die von der Gruppe im Verlauf der Sozialisation zusammen mit den anderen sozial konstruierten Symbolsystemen erlernt werden. Die Komik dient der selben wichtigen Funktion wie alle anderen Symbolsysteme: Sie zieht die Grenze zwischen Eingeweihten und Außenseitern. Soll ein Außenseiter in die Gruppe integriert werden, muss er den Code erlernen (vgl. Berger 1998,

81ff)

Das Komische als eine Art Volkssoziologie, das oft mehr über ein bestimmtes Element gesellschaftlicher Realität aussagt als eine ganze Reihe wissenschaftlicher Abhandlungen. Möglich wird das durch die bereits erwähnte intellektuelle Fähigkeit zur komischen Wahrnehmung, die auch von Berger hervorgehoben wird (vgl. Berger 1998, 83ff).

Niklas Luhmann meinte in einem Vortrag für den Schweizer Rundfunk im Jänner 2000, dass der Mensch zwei Möglichkeiten habe mit Leiden zu umzugehen: es zu erleiden oder sein Leben im Kontext seines Leidens zu gestalten. Mit jener dem Humor entsprungenen Fantasie sind wir der zweiten Möglichkeit sehr nahe (vgl. Fischer 2000, 98)

2.3.8 Ethologie

Die rhythmische Lautäußerung beim Lachen erinnert Eibl – Eibesfeldt an ähnliche Lautäußerungen, mit denen Primaten einer Gruppe gemeinsam gegen einen Feind drohen. Ein solches Drohen verbindet die Gruppe auf ähnliche Weise wie gemeinsames Lachen und das Triumphgeheul nach überstandener Gefahr (vgl. Eibl-Eibesfeldt 1999, 249).

Auch das Geschrei der Gänse, das aus einer ursprünglichen Drohbewegung hervorgegangen sei, erzeugt für Konrad Lorenz wie das Lachen neben der Verbundenheit der Teilnehmenden eine aggressive Spitze gegen Außenstehende und trifft sich mit der These des menschlichen Lachens im Siegesgeheul (vgl. Hirsch 1985, 173).

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2.3.9 Anthropologie

Nach Immanuel Kants anthropologischen Beobachtungen paart ein Witz heterogene Vorstellungen und muss etwas Widersinniges enthalten. Angeregt vom gedanklichen Hin und Her reagiert des Gemüt so, dass es „durch schnell hintereinander folgende Anspannung und Abspannung hin und her schnellt und in Schwankungen gesetzt wird“ (Kant 1914, 410; zitiert nach Hirsch 1985, 87).

Für Berger ist die Behandlung der Phänomene Lachen und Weinen von Helmut Plessner (1950, zitiert nach Heinen/Metke 2000, 168) im Rahmen einer philosophischen Anthropologie von großer Bedeutung. Nach Plessner ist der entscheidende Unterschied zwischen Tier und Mensch, dass der Mensch sowohl Körper ist, wie auch einen Körper hat, von dem er sich subjektiv distanzieren kann. Beim Lachen und Weinen wird dieser Unterschied aufgehoben. Zumindest für den Augenblick hat das Individuum nicht den Körper, sondern es ist der Körper. Der Unterschied zum Tier ist in diesem Punkt zumindest für kurze Zeit aufgehoben, bleibt aber dadurch bestehen, dass der Mensch selbst inmitten der hilflos erlebten, unkontrollierbaren Körperreaktion seine Zielgerichtetheit behält; der Mensch lacht oder weint über etwas (vgl. Berger 1998, 55ff).

In der Selbstdistanz des Humors, im Wegsehen von sich selbst, zeigt sich die innere Freiheit des Menschen, zur Welt geöffnet zu sein. Durch diese Fähigkeit wird das Dasein relativiert, aus ihr entspringen Versöhnlichkeit, Güte und Wärme, die den Menschen die Welt lieben lassen, trotz aller Unvollkommenheit (vgl. Plessner 1979 128, zitiert nach Heinen/Metke 2000, 168). Die Fähigkeit des Menschen zu dissoziieren beschreiben Bühler/Rapp folgendermaßen: „Humor als eine seelische Grundhaltung heiterer Gelassenheit, in welcher der Mensch die Gegebenheiten seines Lebens gleichsam beruhigt von einer höheren Warte aus betrachtet. So, von oben gesehen, kann eine einzelne Tatsache klein und im Zusammenhang mit anderen komisch wirken.“ (Bühler/Rapp 1990, 3, zitiert nach Heinen/Metke 2000, 168).

Der amerikanische Anthropologe Gregory Bateson (1953), einer der Mitbegründer der Gelotologie beschäftigte sich intensiv mit der Erforschung paradoxer Kommunikationsformen (vgl. Titze 1995, 260). Und nach Viktor Frankl ist der „Humor nichts anderes als eine große Paradoxie“. 1

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2.3.10 Mathematik

Humor als Reaktion auf Unerwartetes wird auch von der Mathematik genutzt. Durch überraschende Fragestellungen oder unerwartete Antworten werden mathematische Probleme und Denksportaufgaben unterhaltsam gestaltet (vgl. Wille 1982, 54). Auch als Hilfsmittel zum besseren Verständnis, sowie als Möglichkeit Inhalte unterhaltsam zu verpacken, wird Humor in der Mathematik eingesetzt und soll mithelfen, ernste und seriöse Inhalte zu transportieren (vgl. Wille 1982, 7).

2.3.11 Humor in der pädiatrischen Zahnbehandlung

Titze/Eschenröder geben in ihrem Buch über therapeutischen Humor Anleitungen, wie ZahnärztInnen durch humorbezogene Terminologien versuchen können, durch Phantasiespiele Kinder von deren Ängsten abzulenken: Loch im Zahn = Karies und Baktus, Zahn füllen = Einen Kuchen backen: „Hast du auch einen silberfarbigen Teig zum Spielen in deinem Kindergarten?“, Matrize = Gürtel für den Zahn (Titze/Eschenröder 1998, 174ff).

Ich hoffe die Autoren richtig verstanden zu haben, dass diese Anleitungen exemplarisch dargestellt sind, um darauf hinzuweisen, dass es wichtig ist, durch kindgerechte Kommunikation eine Vertrauensbasis herzustellen, da der persönliche Zugang der ZahnärztInnen zu Humor und zu den Kindern keinesfalls vernachlässigt werden darf.

2.4 Was kann Humor leisten?

Die positiven Auswirkungen von Humor werden von Vertretern der unterschiedlichen Disziplinen beschrieben. Die Beschreibungen reichen von einem „Mittel gegen alle Krankheiten“ (Adams 1997, 78) über die „billigste und effizienteste Wunderdroge“ (vgl. Mayer-List 1997, 29)“, „die die Funktion der Verteidigung gegen Angriffe von außen übernimmt“ (Rubinstein 1985, 120); weiters „ein Bollwerk gegen Langeweile und Depressionen“ (Blickhan 2000, 86), „Hilfe, um die positiven Seiten des jetzigen Lebens zu sehen“ (Bokun 1996 164), bis zu einem „Wert an sich (der Traurigkeit in Freude verwandelt, Enttäuschung in Komik, Verzweiflung in Heiterkeit)“ (vgl. Comte-Sponville 1998, 252) und zur kreativitätsanreichernden Wirkung (vgl. Hain 2001, 4).

31

Die Belege für diese Aussagen haben lange gefehlt, im letzten Jahrzehnt mehren sich Studien, die die heilsame Wirkung des Humors, an die viele gerne glauben möchten, auch mit geeigneten Daten belegen. So sind etwa Personen, die gerne und oft lachen, nach einer Studie am Zentrum für Präventive Kardiologie an der Universität von Maryland, nur etwa halb so gefährdet, einen Herzinfarkt zu erleiden, wie ernste Persönlichkeiten (Ohne Verfasser 2001d,

1ff).

Unabhängig davon, wie ernsthaft die Auswirkungen von Humor in der Medizin erforscht und beschrieben werden, in einem Punkt herrscht große Einigkeit: Humor ist ein unterstützendes Heilmittel, dass für die Patienten völlig ungefährlich ist und keine Nebenwirkungen hat. Darüber hinaus hätten sie nichts zu verlieren – außer ihren Sorgen, oder zumindest einen Teil davon (vgl. Bokun 1996, 178ff).

Viel weniger oft werden die Grenzen der Wirkungen von Humor erwähnt. „Natürlich lassen sich nicht alle Probleme mit einem Lachen plötzlich aus der Welt schaffen, doch schützt uns eine humorvolle Betrachtungsweise vor Enttäuschungen und gibt uns die Kraft, Schwierigkeiten ohne zu große Betroffenheit in Angriff zu nehmen.“ (Bokun 1996, 57).

„Doch wir wollen die Bedeutung des Humors nicht überschätzen. Es gibt humorvolle Schurken und humorlose Helden“ (Comte-Sponville 1998, 247).

2.4.1 Physiologische Effekte

Die vom Lachen herbeigeführten Veränderungen haben Einfluss auf Atmung und Muskulatur und gehen mit komplizierten neurologischen Abläufen einher. Titze hat diese Vorgänge folgendermaßen beschrieben:

2.4.1.3 Muskuläre Veränderungen

Vor 125 Jahren beschrieb Charles Darwin (1872/1989; zitiert nach Titze/Eschenröder 2000, 17ff) die physiologischen Auswirkungen des Lachens:

"Lachen entsteht aufgrund einer tiefen Einatmung, die von krampfartigen Kontraktionen in

Beim Lachen ist der Mund mehr

oder weniger weit geöffnet, die Mundwinkel sind stark nach unten gezogen, gleichzeitig besteht aber die schwache Tendenz, sie auch nach oben zu ziehen; die Oberlippe ist dabei

Der ganze Mundbereich wird dabei ausschliesslich durch die grossen

leicht gewölbt [

der Brust, vor allem aber im Zwerchfell gefolgt wird [

]

]

zygomatischen Muskeln beherrscht, deren Funktion es ist, die Mundwinkel nach oben bzw.

32

nach unten zu ziehen [

gleichzeitig mehr oder weniger stark kontrahiert. Dabei besteht eine sehr enge Beziehung zu

Durch das gleichzeitige Zurück- und

Hochziehen der Mundwinkel während der Kontraktion der grossen zygomatischen Muskeln

und durch das Heben der Oberlippe werden die Wangen nach unten gezogen. Dadurch bilden

sich Falten unterhalb der Augen [

Durch das

Heben der Oberlippe werden die Wangen nach oben gezogen, so dass die Nase kürzer

Die

oberen Vorderzähne werden gewöhnlich freigelegt. So wird eine markante naso-labiale Falte

geformt, die von beiden Nasenflügeln zu den Mundwinkeln verläuft [

Die Atemmuskulatur (und selbst Teile der

Skelettmuskulatur) werden gleichzeitig rapiden vibratorischen Bewegungen unterworfen. Die

Unterkiefer werden nicht selten in diese Bewegung mit einbezogen, was Grund dafür ist, dass

sich der Mund nicht weit öffnen kann [

Körper oft förmlich nach hinten geworfen und in einer fast konvulsiven Weise

durchgeschüttelt; die Respiration ist stark eingeschränkt; der Kopf und das Gesicht werden mit Blut überschwemmt, wobei sich die Venen weiten; die orbicularen Muskeln werden spasmodisch zusammengezogen, so dass sie die Augen verdeckt erscheinen lassen. Der

Das Lachen wirkt sich demnach

wellenförmig auf die gesamte Muskulatur aus. Von besonderer Bedeutung sind die flachen Muskeln im Gesichtsbereich (Stirn, Schläfen, kleines und grosses Jochbein, Lippen und Augenlider). Insbesondere die "zygomatische" Muskulatur des Jochbeins formt dabei den typischen Lachausdruck. Im Lachen werden auch die Brustmuskeln aktiviert, was die Voraussetzung für einen erhöhten Gasaustausch in der Lunge schafft. Der Hauptmuskel für das Einatmen ist das Zwerchfell. Dieses wird beim Lachen stark aktiviert, so dass die Atemkapazität bedeutend erhöht wird. Neben dieser Aktivierung der willkürlichen Skelettmuskulatur kommt es beim Lachen auch zu einer starken Anregung der ("glatten") unwillkürlichen Muskulatur. So erhöht sich der Herzrhythmus zunächst, um später dauerhaft abzusinken, die Muskulatur der Arterien entspannt sich, so dass das Gefässvolumen erhöht wird. Damit verringert sich der arterielle Druck. Ebenso öffnen sich die Bronchien durch das Spiel der glatten Muskulatur weiter, so dass die Durchlüftung der Lungen gefördert wird.

Tränenfluss kann sich ungehemmt entfalten [

Die oberen und unteren orbicularen Augenmuskeln werden

]

den Muskeln, die oberhalb der Oberlippe verlaufen [

]

]

Die Augenbrauen werden leicht gesenkt, was eine Folge

]

]

der Kontraktion der oberen wie auch der unteren orbicularen Muskeln ist [

erscheint und die Haut an der Nasenwurzel in feine waagrechte Falten gelegt wird [

Lachen füllen sich die Augen mit Tränen [

]

] Bei starkem

]

hrend eines exzessiven Lachens wird der ganze

]".

2.4.1.4 Die Atmung

Die Atmung ist im wesentlichen eine Funktion der Muskulatur des Brustkorbs. Die Muskeln, die für das Ausatmen verantwortlich sind, liegen zwischen den Rippenbögen. Sie werden beim Lachen ebenfalls aktiviert, wodurch die Lungenelastizität gefördert wird. Im Lachen wird ausserdem die Lungenfunktion konvulsivisch gesteigert, wobei die Einatmung vertieft

33

und verlängert wird, während die Atmungsphase kurz ist. Dabei wird beinahe das gesamte Luftvolumen der Lunge stossweise herausgepresst, was den Kehlkopfbereich mit einbezieht, so dass die Stimmbänder aktiviert werden. Dadurch entstehen die typischen stakkatoartigen Lachlaute. Die intensive Lachatmung regt den Gasaustausch in der Lunge deutlich an (Rubinstein 1985, 59). Das wiederum führt zu einer Sauerstoffanreicherung im Blut. Dies ist für die Verbrennungsvorgänge im Körper von grosser Bedeutung, da dadurch der Stoffwechsel der biologischen Fette entscheidend gefördert wird. Ein Abfallprodukt dieses Verbrennungsvorgangs ist die Kohlensäure, die bei der Lachatmung konsequent ausgestossen wird. Denn die Vorratsluft in den Lungen wird fast vollständig entleert. Rubinstein schätzt, dass der Wert des Gasaustausches während des Lachens das Drei- oder Vierfache desjenigen im Ruhezustand erreicht.

Rubinstein (1985, 79) weist in diesem Zusammenhang auf die Bedeutung des Lachens als einer heilgymnastischen Atemtherapie hin: "Viele Menschen wissen nicht, wie man richtig atmet; ihre Atmung ist zu kurz, zu flach. Diese Art der Atmung mit offenem Mund und ohne Atempause kann man bei ängstlichen Patienten beobachten. Es ist jedoch gerade diese Atmung, die Angst hervorruft bzw. steigert, indem sie eine respiratorische Alkalose des Atemsystems hervorruft, die für die neuromuskuläre Übererregbarkeit verantwortlich ist. Die Atmung beim Lachen ist im Gegensatz dazu eine 'gute' Atmung, die gerade durch ihre Merkmale die Alkalose bekämpft und die Angst vermindert." Diese positive Beeinflussung der Atmung ist gesundheitsfördernd. Viele verbreitete Beschwerden können dabei günstig beeinflusst werden. Die oberen Luftwege werden, ähnlich wie beim Husten, von störenden Sekreten befreit. Der Gasaustausch wird erhöht, so dass unter anderem die Ausscheidung von Cholesterin gefördert wird (vgl. Rubinstein 1985, 85).

2.4.1.5 Die neurohormonale Bedeutung des Lachens

Das Lachen bringt komplizierte neurologische Strukturen ins Spiel. Im Jahre 1953 entdeckte der Neurophysiologe Olds das Lustzentrum im Gehirn. Es ist im sogenannten limbischen System lokalisiert. Von diesem System gehen aber auch andere Affekte wie Wut und Aggression aus. Die Übertragung solcher Gefühlsreaktionen erfolgt durch die Vermittlung des neurovegetativen Systems über die Neurotransmitter, die sich im Bereich der Synapsen (dem Abstand zwischen zwei Zellen) auswirken. Dadurch wird die Nervenüberleitung beeinflusst. Die Aktivität der Neurotransmitter wird durch bestimmte Hormone bzw. "Neuromodulatoren" erweitert oder vermindert. Dazu gehören die Endorphine ("inneres Morphium") und die Enkephaline. Der Neurologe Fry (1963) stellte in kontrollierten Untersuchungen fest, dass nach einem ausgiebigen Lachen die körpereigene Hormonprouktion zum einen gesteigert wird und zum anderen die Zirkulation gewisser

34

Immunsubstanzen für Stunden erhöht ist. Herzhaftes Lachen übt auf das neurovegetative System eine Schockwirkung aus, die das gesamte Herz-Kreislauf-System aktiviert. Zunächst kommt es zu einer Beschleunigung des Herzschlags. Daran schliesst sich eine längere Phase der Entspannung an, die unter der Dominanz des Parasympathicus steht: Der Herzrhythmus verlangsamt sich und der Blutdruck wird gesenkt.

Als Bekräftigung des positiven Einfluss von Humor und Lachen auf die Herztätigkeit nennt Fry (1992, 116) folgendes Beispiel: „For example, the incidence of heart attack while shoveling snow, for persons with impaired heart function, is alarmingly high. But – unexpectedly and against logic – the incidence of heart attacks suffered while laughing is surprisingly low, despite the occasional greatly elevated heart rate. Occurrence is so infrequent; there is no medical literature on mirth provoked heart attacks.”

Walsh hatte schon im Jahre 1928 angenommen, dass "die Widerstandskraft des Organismus gegen Krankheit erhöht" wird, wenn ein Mensch häufig und regelmäßig lacht (zitiert nach Moody 1979, 56). Dies wird durch die Befunde der modernen Gelotologie bestätigt (vgl. Berk/Tan/Fry 1989; zitiert in: Titze/Eschenröder 1998, 17ff).

2.4.2 Psychologische Effekte

Humor verträgt sich nicht mit Ärger, mit dem Gefühl von Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit. Durch den Einsatz von Humor wird der innere Abstand zu den eigenen Problemen geschaffen und dadurch werden Auswege auch aus scheinbar ausweglosen Situationen sichtbar und sobald man Auswege sehen kann, wachsen die schlummernden Kräfte und vertreiben die Resignation“ (vgl. Höfner/Schachtner 1997, 56).

Die Humortherapie stellt eine Art Selbstbehauptungstraining dar, das in drei Dimensionen therapeutisch wirksam ist:

- emotional: Humor löst Hemmungen, reaktiviert verdrängte Affekte, ermöglicht einen unmittelbaren und spontaneren Austausch menschlicher Gefühle und führt im therapeutischen Setting zu freizügiger Gleichwertigkeit.

- kognitiv: Humor regt kreative Potentiale an, aktiviert Entscheidungsprozesse und Perspektivenwechsel (vgl. Höfner/Schachtner 1995, 56), sensibilisiert für neuartige Zusammenhänge, fördert eine explorierende Haltung gegenüber scheinbar unumstößlichen Gegebenheiten und hilft, rigide Verhaltensmuster durch flexiblere zu ersetzen.

- kommunikativ: Humor wirkt erfrischend, entspannend und anregend (evtl. auch originell), trägt zu einer freundlich konstruktiven Beziehung bei und festigt das Arbeitsbündnis.

35

Humor reduziert „Erhabenheitsansprüche“ der TherapeutInnen, fördert ein Klima der Offenheit und Gleichwertigkeit und reduziert die Widerstandsbereitschaft der KlientInnen. (vgl. Titze/Eschenröder/Salameh 1994, 200ff; zitiert nach Heinen/Metke 2000, 167ff).

Höfner/Schachtner, zwei Schüler von Frank Farelli (Provokative Therapie), die Humor als eines der Hauptkennzeichen des ProSt (Provokativer Stil) ansehen, bezeichnen Humor als ein wesentlich geeigneteres Mittel zur inneren Befreiung und damit äußeren Veränderung als die Arbeit anderer Therapieschulen mit Schmerz, Trauer, Hilflosigkeit, etc. Ich möchte davor warnen Humor mit anderen Gefühlsäußerungen zu vergleichen und als geeigneteres Mittel zu beschreiben, da ich der Meinung bin, da nicht nur in der Therapie, sondern auch in anderen Lebensbereichen alle Gefühlsäußerungen ihren Platz und ihre Wichtigkeit haben müssen (vgl. Höfner/Schachtner 1997, 193).

2.4.3 Soziale Effekte

Der soziale Aspekt des Lachens (wir lachen viel öfter in Gemeinschaft, als alleine) wird von Eibl-Eibesfeldt damit begründet, dass auch bei blind bzw. taubblind geborenen Kinder die Mimik des Lächelns und Weinens zu beobachten ist. Allerdings lächeln diese Kinder mit zunehmendem Alter weniger, während beim Weinen kein vergleichbarer Abfall festzustellen ist. Eibl-Eibesfeldt folgert daraus, dass beim Lächeln eine gewisse soziale Rückmeldung eine noch nicht näher erforschte Rolle spielt (vgl. Eibl-Eibesfeldt 1999, 679ff). Dies wird von Berger bestätigt, der das Lächeln als Wiedererkennen bestimmter Personen beschreibt (vgl. Berger 1998, 54ff).

Humor hat also nicht nur für Individuen, sondern auch für die Begegnung mehrerer Personen positive Wirkung. Dies wird derzeit bereits in Therapie und Beratung genutzt; durch die Schaffung einer von Offenheit und Gleichwertigkeit geprägten Atmosphäre und eines informellen Klimas, das TherapeutInnen/ SozialarbeiterInnen und KlientInnen den Kontakt zueinander erleichtert, wird Vertrauen aufgebaut (vgl. Paprotta 2001, 5; vgl. Höfner/Schachtner 1997, 192).

Die gruppenverbindende Wirkung von Humor wird meiner Ansicht nach noch zu wenig beachtet. Humor schweißt Personen zusammen, reduziert Konflikte und schafft Visionen (vgl. Consalvo 1989, 295). Auch wenn Humor als soziales Schmiermittel gilt (vgl Titze/Eschenröder 1998, 34), der Nutzen für den Zusammenhalt von Individuen und Gruppen wird zwar erahnt, ist aber noch wenig erforscht. Den Nutzen von Humor für Organisationen sieht Consalvo vor allem als Gruppenritual (vgl. Consalvo 1989, 286).

36

Humor als eines von unterschiedlichen Werkzeugen zwischenmenschlicher Kommunikation, das helfen kann, Rapport herzustellen, darf nicht verwechselt werden mit Stand-up Comedy. Kommunikation ist dann optimal, wenn sie adaptierbar ist und benötigt dafür ein großes Repertoire an Instrumenten. Der sensible Einsatz von Humor ist ebenso Voraussetzung für gelungene Kommunikation wie der sensible Umgang mit dem Gegenüber. Ich bin sehr dankbar für das Interview von Athena du Pre, in dem sie nicht nur den feinfühligen Umgang mit Humor in der Medizin als wichtig herausstreicht, sondern auch speziell darauf hinweist, dass kleine, subtile Statements große Wirkung haben können. „ Subtile, gentle humor goes a long way” (Pre 1998, 13ff).

Bei den CliniClowns gibt es viele Diskussionen über die Methoden und das Auftreten der Clowns. Betreffend des Zieles herrscht große Übereinstimmung (die Patienten möglichst nachhaltig von ihren Ängsten und Sorgen abzulenken und damit einen Beitrag zu deren schnelleren Genesung zu leisten), darüber, wie dieses Ziel erreicht werden kann, gibt es unterschiedliche Anschauungen. Die Positionen reichen von der Haltung, dass nur lautes Lachen ein Zeichen für eine erfolgreiche Visite ist und die meisten Menschen sowieso über das Gleiche lachen, bis zur Position, dass es viel wichtiger ist, individuelle Befindlichkeiten, Lebenssituationen, Wünsche und Ängste wahrzunehmen. Obwohl die zweite beschriebene Position die ist, die weniger leicht zu messen und zu bewerten ist, hoffe ich, dass ich in meiner Clownarbeit einen wichtigen Beitrag zur weiteren Verbreitung von Künstlern leiste, die in ihrer Arbeit flexibel und sicher genug sind, um rasch auf wechselnde Anforderungen reagieren zu können.

Natürlich kann es, wie bei jeder zwischenmenschlichen Interaktion, zu Missverständnissen kommen (vgl. Watzlawick/Beavin/Jackson 1969, 72ff; Watzlawick 1978, 13ff; Birkenbihl 1999, 200ff). Auch beim Gebrauch von Humor sind ungewollte Irritationen des Gegenübers nicht auszuschließen. Verschiedene, nur teilweise von uns beeinflussbare, Bedingungen unterstützen oder verhindern humorvolle Kommunikation zwischen Individuen. Worauf ist also zu achten, wenn wir Humor im zwischenmenschlichen Bereich benutzen:

“The safest (interpersonally) times to use humor are:

1. When another person uses humor with you.

2. When you have a strong relationship with the other person.

3. When the situation is socially "appropriate. (Humor at a party and at a funeral may be experienced differently.)

4. When you use humor that is aimed at yourself (as opposed to humor aimed at another person.)

37

2.5 Humor messen

Die in der Literatur anerkanntesten Instrumente zur Erfassung von Humor sind:

SHQR (Situational Humor Questionaire entwickelt von Martin und Lefcourt (1983; zitiert nach Schatz 1998, 8). Die ersten Messungen mit diesem Instrument dienten zur Erfassung des Einflusses von umweltbedingten Ereignissen auf das Individuum mit dem Ergebnis, dass Individuen mit einem hohen Humorwert weniger negative Affekte für belastende Lebensbedingungen zeigen, als Individuen, die sich am anderen Ende des Kontinuums befinden (vgl. Schatz 1998, 8). CHS (Coping Humor Scale), ebenfalls von Martin & Lefcourt, dient als Gradmesser, in wie weit Humor von den untersuchten Personen als Copingstrategie verwendet wird (vgl. Martin/Kuiper/Olinger/Dance 1993, 92). Gemeinsam mit dem SHQR fanden Martin und Lefcourt in Wechselwirkung mit Skalen zur Messung von Stimmungsschwankungen Bestätigung für die Annahme, dass Personen mit viel Humor in schwierigen Situationen stressresistenter sind als Personen mit wenig Humor (vgl. Lefcourt 1996, 58). SHQ (Sense of Humor Questionaire), entwickelt von Svebak, der in seiner mittlerweile sechsten Fassung SHQ-6 vorliegt. Die sechs Items umfassende Skala misst individuelle Unterschiede des Sinns für Humor mit „psychometric properties that suggest specificity as well as internal consistency“ (Svebak 1996, 359). Der MSHS (Multidimensional Sense of Humor Scale) beruht auf der Annahme seiner Entwickler (Thorson/Powell, 1993), dass für die Repräsentation des gesamten Bereichs humorrelevanten Verhaltens ein multidimensionales Konzept erforderlich ist. Damit wird die Entwicklung der Humorforschung von der Konzentration darauf, was die Leute lustig finden, zu Verständnis und Überprüfung von Humor als komplexes Netzwerk von psychologischen und sozialen Fähigkeiten und Eigenschaften deutlich (vgl. Schatz 1996, 8).

Die Messung von Hauttemperatur, Hautveränderungen und Herzfrequenz wird als unterstützendes Element zu den Fragebögen einer Untersuchung über Wechselwirkungen von Lachen und Stress von White & Winzelberg (1992, 345ff) beschrieben. Im Unterschied zu den Fragebögen wird das Ergebnis nicht durch die Selbsteinschätzung der untersuchten Personen beeinflusst.

38

2.6 Wunderdroge Humor

Willibald Ruch stellt die Frage, warum es erst seit den 70er Jahren die Erforschung von Humor und Lachen gibt, warum dagegen zehnmal so viele Arbeiten über Angst wie über Heiterkeit existieren (vgl. Ruch 1997; zitiert nach Meyer-List 1997, 20ff). Für mich ist das nicht verwunderlich in einer Gesellschaft, in der die Krankenhäuser Krankenhäuser und nicht Gesundheitshäuser heißen (wie Patch Addams sein Haus nennt), in der man immer noch mehr Geld und Anerkennung für die Erforschung von Krankheiten und nicht für die Prävention erhält.

In den letzten Jahren mehren sich die Hinweise in der Fachliteratur, die die positive Bedeutung des Lachens für die Gesundheit hervorheben. Der Stand der Wissenschaft ist derzeit noch sehr beschränkt, viele Aussagen, die den meisten Personen bekannt sind, die sich mit dem Thema beschäftigen, haben keine wissenschaftliche Grundlage. Sultanoff (1999a) stellt diese Aussagen, obwohl – oder vielleicht gerade weil – er daran glaubt in Frage, wie z.B.:

"Children laugh 400 times a day while adults laugh only 15 times."

"Endorphins, the body's natural pain killers, are released during deep heartfelt laughter."

"IgA (an antibody), killer T-cells, and tolerance to pain are increased with laughter while serum cortisol (a hormone secreted when one is under stress) is decreased with laughter." (vgl. Sultanoff 1999a)

Wissenschaftliche Belege für diese Aussagen konnte Sultanoff entweder überhaupt nicht oder nur in wenig repräsentativen Studien, die noch dazu zu widersprüchlichen Schlussfolgerungen kamen, finden. Seiner Meinung nach halten sich diese „Legenden“, weil die meisten von uns damit konform gehen und es durchaus plausibel klingt. Also muss Sultanoff bezüglich seiner Erkenntnis über Humor zugeben: “After 14 years in the field of therapeutic humor, I must shamefully admit that I have not! I assume that I am not alone and that most of us have not reviewed the original research. If we have not examined the research, from where have we drawn our conclusions about the health benefits of humor? For me, this data comes primarily from health newsletters, from the media such as popular magazine articles, and from presentations by other humor professionals. Imagine relying on the media and word of mouth to accurately report research!” (Sultanoff 1999b, 2).

Sultanoff bezweifelt die Aussagekraft von so mancher Studie: „In a pilot study (limited to 24 participants) recently reported in the Mind/Body Health Newsletter (1999, Volume 8, 2)

39

researchers found that heart attack survivors who experience 30 minutes of humor daily are less likely to experience second heart attacks, required lower doses of medication, and had lower blood pressure. However, before we report this data, it is important to be aware of its limitations. There were only 12 patients in the experimental group, and in research this is a very small number of subjects. This study suggests that there might be a health benefit of humor related to heart disease, but more importantly it indicates that there is a need for further research.” (Sultanoff 1999b, 3).

Nur weil wir uns gut fühlen, wenn wir Humor erfahren, dürfen wir nicht die Erfahrungen unseres Herzens mit wissenschaftlichen Studien vermischen; selbst wenn wir am eigenen Körper erfahren haben, dass Humor positive Wirkungen auf den Genesungsprozess hat, ist das noch nicht Grundlage genug, diese Erfahrungen und Schlussfolgerungen wissenschaftlich zu publizieren (vgl. Sultanoff 1999b, 2).

Vielleicht hat Sultanoff mit seiner Kritik auch Clifford Kuhn gemeint, der in einem Satz zusammenfasst, was für ihn Lachen bewirkt: Lachen reduziert Stress, stärkt das Immunsystem, lindert Schmerzen, vermindert Ängste, stabilisiert Stimmung, entspannt das Gehirn, fördert Kommunikation, regt Kreativität an, hält Hoffnung aufrecht und stützt die Moral (vgl. Kuhn 1997, 69). „I tell audiences that if anyone wants references for those findings to see me afterwards.“ (Kuhn 1997, 69).

Allerdings sind nicht nur wissenschaftliche Belege für die Wirkung für Humor rar, auch die Anleitungen, Programme und Empfehlungen, wie Humor für einzelne Personen, Gruppen und Organisationen gefördert werden kann, sind weder wissenschaftlich überprüft, noch ist deren Wirkung erforscht. Beispiele für Humor Lernprogramme sind weiter unten angeführt.

Trotz aller beschriebenen positiven Einflüsse von Humor auf das Wohlbefinden ist Humor keine Wunderdroge, die jede andere medizinische Intervention ersetzt (vgl. Heath 1997, 68). Allerdings kann Humor helfen, den Heilungsprozess zu beschleunigen und präventiv die Entstehung von Krankheiten vorzubeugen, oder auch schmerzlindernd wirken und sei es nur für wenige Momente, in denen man von Krankheit und Stress abgelenkt ist, um sich auf die schönen Augenblicke des Lebens zu konzentrieren. Schweigend schauten wir dem wunderschönen orangeroten Sonnenuntergang zu. Dann drehte sich Patch zu mir und fragte:

„Hast du Arthritis, während du das siehst?“ Gareth Branwyn, ein Patient von Patch Adams (Adams 1997, 159).

In diesem Sinne wünsche ich mir, dass wir alle ein bisschen mehr von den schönen Momenten wahrnehmen können.

40

2.7 Betriebswirtschaft und Humor

„Fun at work can be working at fun“ (Weaver/Wilson 1997, 114)

Genutzt wird die Wirkung von Humor derzeit vor allem in der Therapie und in der Beratung, noch lange nicht ausgeschöpft sind die Möglichkeiten in der Personalführung, im Kundenkontakt und im Marketing. In der Betriebswirtschaft wird noch viel zu oft stillschweigend vorausgesetzt, dass Humor nicht zu Seriosität passt. „Beinahe überall in der Geschäftswelt, der Religion, der Medizin und der akademischen Welt ist der Humor degeneriert und wird sogar verdammt – abgesehen von Ansprachen und Anekdoten.“ (Adams 1997, 79)

Trotz mangelnder wissenschaftlicher Belege meine ich, dass Humor als eine Alternative zu den „Überlebensstrategien“, die derzeit von ArbeitnehmerInnen zur Bewältigung ihres Arbeitsalltages angewandt werden, dringend notwendig ist. Interessante Facts dazu sind unter folgender Internetadresse zu finden: http://www.humorpower.com/acts.htm. z.B.: „United States workers consume 15 tonnes of aspirin per day? I am sure that this is not because they feel great about their jobs or work environment“ (Ohne Verfasser 2001e, 1). McGhee bietet eine Alternative dazu an: “A clown is like an aspirin, only he works twice as fast” (Groucho Marx, zitiert nach McGhee 1996, 10).

Unterstützt wird meine Annahme von einer Befragung von Unternehmensberatern und Managern (Holtbernd 2001, 41).

Positive Auswirkungen von Humor:

Stressabbau

88%

Fördert kreative Lösungen

70%

Hilft bei Konflikten, Gesprächsatmosphäre wird entspannter

64%

Stellt eingefahrene Spielregeln in Frage, Tabus werden angesprochen

60%

Fördert offenes Gesprächsklima

52%

Festigt Teamgeist unter Kollegen

44%

Motiviert, setzt Leistungspotenziale fest

42%

Steigert Identifikation mit dem Unternehmen

24%

41

Negative Auswirkungen von Humor:

Kann nervig sein, sachbezogene Arbeit verhindern Kann missverstanden werden und verletzen Kann Fehler unter den Teppich kehren, Missstände verniedlichen Kann Machtmittel sein, um Sympathien einzuheimsen Fördert Laisser-faire- Einstellung Verführt zu respektlosem Umgang miteinander

sein, um Sympathien einzuheimsen Fördert Laisser-faire- Ei nstellung Verführt zu respektlosem Umgang miteinander
sein, um Sympathien einzuheimsen Fördert Laisser-faire- Ei nstellung Verführt zu respektlosem Umgang miteinander
sein, um Sympathien einzuheimsen Fördert Laisser-faire- Ei nstellung Verführt zu respektlosem Umgang miteinander
sein, um Sympathien einzuheimsen Fördert Laisser-faire- Ei nstellung Verführt zu respektlosem Umgang miteinander
sein, um Sympathien einzuheimsen Fördert Laisser-faire- Ei nstellung Verführt zu respektlosem Umgang miteinander

84%

80%

68%

16%

8%

4%

Die Gründe warum sich die Betriebswirtschaft so zögernd des Themas Humor annimmt, könnten die dürftigen wissenschaftlichen Belege sein, der vermeintliche Widerspruch zwischen einer seriösen Wissenschaft und Humor, die Vorannahme, dass Humor und Lachen in der Welt der Erwachsenen keine Berechtigung haben, oder die Befürchtung, dass humorige MitarbeiterInnen nicht nur selbst wenig Leistung bringen, sondern auch die KollegInnen von der Arbeit abhalten. Auch die Angst nicht als vollwertige, erwachsene Person anerkannt zu werden, darf nicht unterschätzt werden.

“In a workshop many years ago I was participating in a group where we were asked to use alliteration on our name tags to describe ourselves. Some made choices such as "Friendly Fred" and "Passionate Patty" while I choose the adjective "silly" and became "Silly Steve." As we mingled and read each other's name tags one participant read mine and remarked, "Silly Steve. I am sorry you see yourself that way." At first I was befuddled by his comment but then realized he thought that I was being self-degrading. I was surprised, yet his perspective may be more common than I perceive with my personal "comic vision." While "research" indicating that toddlers laugh 400 times a day and adults laugh only 15 may be "humor legend," most of us observe children laughing far more than adults. Why is it that adults appear to laugh less often than children? What has happened to us as we have grown to be adults? Wipe that smile off your face!! Do you want people to think you are stupid? You are not being serious. No one will respect you! Sound familiar? Most of us have heard comments like these from grown-ups and children alike. Perhaps we have even made some of these remarks. It is statements and attitudes like these that encourage children to become "humor-impaired" adults. Children enter life with an inherent capacity to laugh, smile, play, and generally make fun and light of life. Their sense of humor is then cultivated by how they experience their social environment---especially their families. Positive humor, negative humor, resistance to humor, or a negative view of humor all develop as we experience humor in the world around us. One of the greatest potential contributions we can provide for children is to present ourselves as

42

"humor beings." By living with a humorous perspective, we teach children to effectively manage life's challenges with far less stress.” (Sultanoff, 1999a, 1).

Das Wort silly ist übrigens auf den Wortstamm saelig zurückzuführen, das soviel wie gesegnet, erfolgreich, gesund und fröhlich heißt (vgl. Allen 1996, 5).

Die Bewegung geht auch in der Betriebswirtschaft vom rationalen, bürokratischen Modell von Organisationen immer signifikanter in Richtung nicht rational fassbarer Komponenten (vgl. Consalvo 1989, 285). Die Betriebswirtschaft kann nicht mehr länger an etwas vorbei sehen, das in Medizin und

Therapie erfolgreich eingesetzt wird, „wird er doch erst recht im Sinne der Prävention für (noch) nicht kranke Menschen und Personen, die Menschen führen, einen wichtigen Beitrag

zur besseren Bewältigung von Aufgaben des Berufslebens leisten. „

hervorheben, dass Humor - unabhängig von Therapie oder Beratung – heute als lernbare

Fähigkeit betrachtet werden muss. Eine Fähigkeit, deren Bedeutung in den Bereichen ´coping

strategie`, Psychohygiene und Prophylaxe nicht länger unterschätzt werden

so möchte ich

wäre es

geradezu leichtfertig, die Förderung von Humor auf Beratung, Therapie oder Krankenpflege beschränken zu wollen.“ (Hain 2001, 6).

„Managers should promote humor as a form of play which can keep the search for solutions open by changing both of emotional and the intellectual perspective on a problem (Bateson 1953, Fry 1963, zitiert nach Consalvo 1989, 295).

Durch Humor kann das seriöse Managementgeschäft in ein Spiel umgewandelt werden. Dieses Umdefinieren lässt Möglichkeiten einer spielerischen Seriosität auftauchen und erlaubt eine größere Distanz und damit einen leichteren Zugang zu Problemlösungen, auch unreflektierte Ideen und Vorschläge können in einer solchen Atmosphäre leichter eingebracht werden, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. (vgl. Consalvo 1989, 296). Dieser Zugang wurde mir auch sehr eindrucksvoll vom Geschäftsführer des Salzburger Stiegl – Bieres vermittelt, den ich im Zuge meiner NLP-Ausbildung (1994) gemeinsam mit KollegInnen über seinen Leitungsstil interviewen konnte. Nicht nur, dass es uns leicht gelungen ist, einen Termin mit ihm zu organisieren war sein erster Satz: „Unsere Firma ist ein Spiel!“. Ich kann ihn leider namentlich nicht mehr zitieren, aber diese Aussage ist mir bis heute in Erinnerung geblieben.

Consalvo betont, dass die transformative Kapazität von Humor nicht nur von Managern, sondern auch von Führungspersönlichkeiten genutzt werden sollte. Voraussetzung dafür sei aber die Einsicht, dass die Leitung eines Unternehmens die Kultivierung einer Umgebung bedeutet, in der Flexibilität und Freiheit florieren können (vgl. Consalvo 1989, 296).

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In der Mitarbeiterführung lässt sich Humor einsetzen, um die Strenge einer hierarchischen Beziehung zu mildern. Berger beschreibt einen Abteilungsleiter, der zu einem Angestellten, welcher schon wieder einen Tag gefehlt hat, sagt: „Vergessen Sie nicht, Ihre Großmutter ist schon zweimal gestorben.“ (vgl. Berger 1998, 69). Solche Humormanöver werden als Intervention von Unternehmensberatern bereits empfohlen.

Was mir bei Berger fehlt, ist die Diskussion über mögliche Gefahren solcher Interventionen, da die zitierte Antwort für mich nicht hilfreich ist für einen in der Mitarbeiterführung unsicheren Abteilungsleiter und außerdem eine solche Bemerkung Widerstand und Trotzreaktionen beim Angestellten hervorrufen kann, wenn die Beziehung zwischen den betroffenen Personen für solch humorige Bemerkungen nicht tragfähig genug ist.

Wenn Lächeln vom Management gefördert wird, schafft das bessere klimatische Voraussetzungen und trägt zum eigenen Wohlbefinden bei (vgl. Hilger 1999, 3). Allerdings ist ein künstlich aufgesetztes Lächeln wenig ansteckend, wichtiger finde ich die innere Einstellung, die sich manchmal in einem Lächeln widerspiegeln kann, aber nicht muss.

Diese Entwicklung nutzt eine immer größere Anzahl von Unternehmensberatern, die Humor als ein management tool empfehlen. Entsprechende Angebote boomen, es scheint also auch von Seiten der Unternehmen Bedürfnis und Nachfrage danach zu geben (vgl. Holtbernd 2001, 43). Sogenannte Humorberater propagieren den Nutzen von Humor für das Unternehmen und versuchen gegen den Widerstand derjenigen Manager, die Humor als etwas Frivoles und in die Freizeit Gehörendes ansehen, neue Sichtweisen zu eröffnen und zu etablieren (vgl. Heath 1997, 74). Gibson (1994, 405) erkennt einen Boom an Humorberatern und weist darauf hin, dass diese neue Berufsgruppe profundes Wissen über die Bedürfnisse von Managern, das Funktionieren von Organisationen genauso benötigt, wie Beobachtungsgabe von innerhalb und außerhalb der Organisationen und eine neue Theorie trotz einer sehr praxisnahen Herangehensweise vermitteln können muss.

Die Arbeit von Humorberatern setzt auf zwei Ebenen an: einerseits vermitteln sie Humor als eine Methode mit der Individuen Kontrolle gewinnen können; Kontrolle bei öffentlichen Reden, Kontrolle über MitarbeiterInnen und Untergebene, andererseits instruieren die Humorberater die Organisationen wie sie Humor als Möglichkeit für mehr Motivation der MitarbeiterInnen nutzen können, mit dem Nutzen von höherer Effizienz. Sie verkaufen Humor als ein Mittel gegen Stress, als Ankurbelung der Produktivität von Teams, von Kreativität und Flexibilität (vgl. Gibson 1994, 421). Erste Ergebnisse weisen auf einen Zusammenhang von Humor und verschiedenen Konflikt-Management-Strategien hin (vgl. Smith/Harrington/Neck 2000, 9) und legen weitere Forschungen in diesem Bereich nahe.

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Mit humorvollen Äußerungen lässt sich außerdem die Aufmerksamkeit und Aufnahmefähigkeit von ZuhörerInnen steigern. Was in der Arbeit mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen, die oft nur wenig Kapazität haben, sich zu konzentrieren, unterstützend wirkt (vgl. Heinen/Metke 2000, S 171), kann natürlich auch in der Arbeit mit nicht Behinderten hilfreich sein.

Vielleicht unterstützt die Tatsache, dass sich mit der Gelotologie (abgeleitet von griech. gelos = Lachen) eine Forschungsrichtung seriös mit Lachen und Humor auseinandersetzt, die Anerkennung auch in der Betriebswirtschaft. Ein Mitinitiator der als Gelotologie bezeichneten Forschungsrichtung ist Norman Cousins, der selbst an einer schmerzhaften Erkrankung der Gelenke und Wirbelsäure gelitten hat und dem als Wissenschaftsjournalist die unheilvollen Auswirkungen von negativen Gemütszuständen bekannt waren. Er versuchte den Umkehrschluss im Selbstversuch und bemühte sich systematisch, sich zum Lachen zu bringen und stellte fest, dass nach intensivem Lachen die Schmerzen deutlich nachließen. Er bezeichnet Humor als geheimnisvolles Placebo, dessen Wirkung – wie bei allen Placebos – abhängig ist von der Einstellung der Betroffenen dazu. „The placebo is the doctor who resides within“ (Cousins 1979, 69).

Zur Zeit sind die Veröffentlichungen, die Humor und Betriebswirtschaft in Zusammenhang bringen, vor allem im deutschsprachigen Raum schwer zu finden und bestehen meist weder wissenschaftlichem Anspruch noch umsetzungsorientierten Anforderungen.

“If you are too busy to laugh, you are too busy!” (Ohne Verfasser 2001b, 1).

2.8 Trainingsprogramme für mehr Humor

Bevor ich die Programme anführe, die mehr Humor im beruflichen und privaten Alltag versprechen, möchte ich in Frage stellen, ob es überhaupt möglich sein kann, Humor und Lachen zu lernen. Kann es möglich sein, mit Hilfe einer Gruppe, die sich trifft mit dem Ziel gemeinsam zu lachen, bei sich selbst echtes Lachen zu provozieren oder bleibt es gekünstelt und daher auch von den gewünschten Effekten wenig erfolgreich?

Aus den Erfahrungen meiner Clownarbeit kann ich bestätigen, dass es möglich ist, echtes Lachen auf Wunsch zu provozieren; wenn ich als Clown zu lachen beginne (ohne für mich als Person humorigen Anlass), komme ich kurzer Zeit in richtiges Lachen mit all den Symptomen meines echten Lachens. Dies gelingt mir nicht immer, aber meistens. Interessanterweise kann ich diesen Effekt beim Weinen nicht herstellen. Es ist also sehr wohl möglich, sich in eine

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bestimmte Stimmung zu versetzen, ich praktiziere das regelmäßig, wenn ich mich auf meine Clownvisiten vorbereite. Oft werde ich gefragt, wie ich als Clown arbeiten kann, wenn es mir einmal selbst nicht so gut geht. Für mich sind alle Probleme, die mich persönlich beschäftigen, nicht mehr präsent, wenn ich in das Gewand und die Schminke des Clowns geschlüpft bin.

So gekünstelt und unecht es klingt, wenn sich Menschen zum Lachen treffen (der bekannteste Vertreter dieser Bewegung ist Dr. Madan Kataria, Bombay (www.worldlaughtertour.com), habe ich doch selbst die Erfahrung gemacht, dass es etwas verändert. Dies wurde auch von einem CliniClown Kollegen bestätigt, der jeden Tag in der Früh sofort nach dem Aufstehen fünf Minuten lacht und sehr wohl Veränderungen bei sich wahrgenommen hat.

Wie gesagt, Belege für die Wirkung von Humor Lernprogrammen konnte ich keine finden, aber alleine die Tatsache, dass Lachen ansteckend ist (vgl. Provine 1992, 1) kann bei den Personen angenehm empfundene Veränderungen bewirken. Ich bezweifle aber, dass es mit den beschriebenen Methoden möglich ist, Humor zu lernen, da die Persönlichkeit des einzelnen und bisherige Lernerfahrungen der Trainierbarkeit von Humor naturgemäße Grenzen setzen (vgl. Hilger 1999, 5).

2.8.1 Beispiele für Humor – Lernprogramme

Rubinstein beschreibt in seinem GELOS-Programm das Erlernen der Lachfunktion durch „Atemreflexübungen und Grimassenschneiden vor dem Spiegel. Diese Übungen werden jeden Tag mehrere Male wiederholt, bis man einen Idealwert von täglich dreißig Minuten

Lachen erreicht. Diese dem Lachen gewidmete Zeit gewährleistet die Muskelgymnastik, die es für einen Organismus erfordert, und hat einen Entspannungseffekt, der den ganzen Tag

hinweg anhält und dem Schlaf förderlich

veränderlich. Gewöhnlich genügen aber zwei oder drei Gespräche mit einigen Wochen Abstand, damit der Patient die Behandlung selbst in die Hand nehmen kann.“ (Rubinstein 1985, 137ff). Diese Beschreibung liest sich nicht zufällig wie ein Medikamenten Beipacktext, Rubinstein ist Mediziner.

Die Dauer des Gelos-Programms ist

McGhee, ein Humorforscher, der sich auch im Bereich der Unternehmensberatung einen Namen gemacht hat, empfiehlt ein acht Schritte Programm für mehr Humor im Leben und stellt verbesserte Kommunikation, höhere Arbeitsmoral und Zufriedenheit mit der Arbeit in Aussicht (McGhee 1996, Vorwort):

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8-Step Humor Development Program von Paul E. McGhee

1. A: Bringen Sie mehr Humor in Ihr Leben B: Bestimmen Sie die Art Ihres Sinns von Humor

2. Eignen Sie sich eine spielerische Haltung an

3. A: Lachen Sie öfter und herzlich B: Beginnen Sie Witze und lustige Geschichten zu erzählen

4. Spielen Sie mit der Sprache

5. Finden Sie Humor im Alltag

6. Nehmen Sie sich nicht zu ernst, lachen Sie über sich selbst

7. Finden Sie Humor auch im Stress

8. Integrieren Sie die Schritte 1-7

Begleitet werden diese Anleitungen von einem Pre- und Post Test (vor und nach dem Programm).

Auf 52 Tipps (jede Woche einen) bringt es Weinstein mit ähnlichen Zielen wie McGhee: die Arbeitsmoral und Loyalität gegenüber dem Unternehmen sollen gehoben werden, das Wohlbefinden am Arbeitsplatz gesteigert, Teambildung und Kundenservice forciert werden (vgl. Weinstein 1996, 13):

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1. Hängen Sie Babyfotos auf

2. Schaffen Sie eine stressfreie Zone

3. Sammeln Sie Erinnerungsstücke

4. Horchen Sie auf die „Bewusstseinsklingel“

5. Zahlen Sie auch für den Wagen dahinter

6. Tun Sie etwas Unerwartetes

7. Dekorieren Sie eine Koje

8. Machen Sie einen Abstecher in einen Spielwarenladen

9. Machen Sie Feedback spürbar

10. Drücken Sie mit Ihrer Kleidung etwas aus

11. Stellen Sie ein Sammelsurium an ungewöhnlicher Bürodekoration zusammen

12. Geben Sie anonym und unerwartet Zeichen der Anerkennung

13. Spielen Sie auf der Telefontastatur Melodien

14. Senden Sie eine Mitternachtstorte

15. Organisieren Sie einen Papierflieger-Wettstreit

16. Verleihen Sie einen Blumenstrauß

17. Nehmen Sie Spaß mit auf die Geschäftsreise

18. Planen Sie ein Überraschungspicknick

19. Überraschen Sie einen Mitarbeiter mit einem Urlaubstag

20. Halten Sie das Foto aus Ihrem Schulalbum bereit

21. Begeben Sie sich in gute Gesellschaft

22. Sorgen Sie für Belohnung und Anerkennung aus den eigenen Reihen

23. Setzen Sie auf Stolz

24. Werden Sie ein Vielflieger

25. Rubbeln und gewinnen Sie

26. Danken Sie den Familienangehörigen

27. Hegen und pflegen Sie die menschliche Seite

28. Spielen Sie Kinderspiele

29. Verlassen Sie die Startlinie

30. Suchen Sie sich einen „geheimen“ Freund

31. Rechnen Sie mit Unerwartetem

32. Veranstalten Sie eine Wahl der hässlichsten Krawatte oder des hässlichsten Schuhs

33. Kein Tag ohne Lachen

34. Führen Sie die „Tage der Freizeitkleidung“ ein

35. Gehen Sie auf Fotosafari

36. Richten Sie eine Magic Hotline ein

37. Stellen Sie Stresshilfe-Sets zusammen

38. Organisieren Sie monatlich einen Ausflug

39. Suchen Sie das Kind im Manne/ in der Frau

40. Machen Sie einen Rollentausch

41. Gestalten Sie Artikel mit Ihrem Firmenlogo

42. Verteilen Sie Stofftiere

43. Führen Sie ein Willkommensritual ein

44. Führen Sie einen „Amtseid“ ein

45. Verschenken Sie kleine Geldbeträge

46. Bringen Sie den Austausch von Weihnachtsgeschenken in Schwung

47. Gestalten Sie ganz persönliche Glückskekse

48. Stoßen Sie auf Ihren Erfolg an

49. Verleihen Sie Ihren Weihnachtskarten eine persönliche Note

50. Tun Sie einfach öfter ein gutes Werk

51. Lassen Sie andere an Ihren Privilegien teilhaben

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Eine Gemeinsamkeit haben diese drei Anleitungen für mehr Humor: ich habe mich beim Lesen dieser Anleitungen bereits amüsiert und damit mehr Humor in mein Leben gebracht.

Andere Vorschläge für die Verbreitung von Humor:

- Metcalf & Felible (1993) beschreiben Humor als ein spezifisches Set von Fähigkeiten, die wie andere Fähigkeiten auch, entwickelt werden müssen. Eine Technik dafür bezeichnen sie als „Humoraerobics“, gemeint sind damit Grimassen schneiden, irgendwelche Geräusche von sich geben, komische Gesten machen. Diese Übungen regen dazu an, sich nicht der Norm gemäß zu verhalten, was die Angst vor Fehlern oder sich der Lächerlichkeit preiszugeben reduzieren soll. Andere Vorschläge der Autoren sind etwa „Humor Library“ oder Joy List“, in die man immer wieder Dinge einträgt, die Spaß machen oder zum Lachen anregen (vgl. Schatz 1998, 13ff).

- Sich jeden Tag drei Freuden gönnen (Bailey 1996, 119). Bailey bietet auch gleich eine Liste mit möglichen Freuden zur Auswahl. „Spaß bei der Arbeit ist notwendiger als irgendwo sonst!“ (Bailey 1996, 209). Die Autorin empfiehlt als Überprüfung des eigenen Spaßpegels bei der Arbeit die Frage: „Was wäre, wenn mein Gehalt dadurch bestimmt würde, wie viel Spaß mir meine Arbeit macht?“ (Bailey 1996, 210)

- Joel Goodman, ein anerkannter „Humor consultant“ beschreibt viele Ansätze für mehr Humor im Leben und in der Arbeit, die sich von den oben beschriebenen nicht sehr unterscheiden. Einen Tipp möchte ich hervorheben „To remind yourself to minimize perfectionism while you strive for excellence, occasionally take 30 seconds to draw a self- portrait with your least-favored hand.“ (Goodman 1995; zitiert nach Heath 1997, 7). Dieser Tipp ist mir ins Auge gestochen, weil er die selbe Strategie verfolgt wie die Empfehlungen von Keith Johnstone, dem Erfinder des Improvisationstheaters, der bei seinen Seminaren und in seinen Büchern immer wieder betont: „Geh auf die Bühne und versuche nicht dein Bestes zu geben!“ und „Mache Fehler - mit guter Laune“ (Johnstone 1999, 48). Johnstone versucht seine Theorien an sich selbst empirisch zu erforschen und hat begonnen, 5.000 Portraits zu malen. 5.000 deshalb, weil er meint, damit nicht dem Druck ausgeliefert zu sein, dass gleich die ersten Portraits gelingen müssen.

- Many Roads lead to Rome. Unbestritten der positiven Effekte, die Humor und Lachen hervorrufen, betont Mahony, dass Entspannung, veränderte Wahrnehmung und verbesserte Stimmung mit Meditation, Beten, Entspannungs- und Atemübungen, Musik und Kunst genauso erreicht werden können, wie mit einem guten Buch oder Film, einem interessanten Gespräch, dem Streicheln von Tieren oder dem Beobachten von Fischen. „Belief in benefit effects are associated with almost any program or activity, particulary those in which a person engages by choice.“ (Mahony 2000, 20)

Weitere Anregungen sind bei Buxman (2001) und Goodman (1995) beschrieben.

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Je detaillierter die Anleitung formuliert ist, desto mehr wird deutlich, dass Humor/ bzw. Sinn für Humor nicht durch Kochrezepte vermittelt werden kann. Die Fähigkeit Humor lässt sich fördern, aber nicht fordern (Hain 2001, 4). Mehr Humor zu verlangen wäre ein ähnliches Paradox wie die „sei spontan“ Aufforderung (vgl. Watzlawick/Beavin/Jackson 1969).

Wichtiger als rezeptartige Anleitungen zu geben finde ich Bedingungen zu schaffen, in denen Humor entstehen kann. In diese Richtung zielt das HA, HA, HA – Rezept von Kuhn (1997 71ff), das ich viel brauchbarer als die oben beschriebenen Anleitungen finde, weil Kuhn Haltungen und Möglichkeiten beschreibt, ohne genaue Anweisungen zu geben und sich damit wohltuend von Gerti Senger unterscheidet (siehe 1.):

1) Humor Attitude meint die innere Haltung, die Bereitschaft zu lachen. Diese

Bereitschaft bedeutet nicht, dass wir dauernd Witze erzählen müssen, sondern meint die Leichtigkeit und den Willen, spielerisch mit unseren Gedanken und uns selbst umzugehen.

2)

Humor Apitude meint die Steigerung der Möglichkeit, sich zu amüsieren und will

damit dem Schicksal, humorige Erfahrungen zu machen, nachhelfen.

3)

Humor Activity sucht nach Möglichkeiten, Humor zu erleben und wenn dies nicht

möglich ist, so zu tun, als ob. „Fake it till you make it“

Wieder drängt sich eine Verbindung zur Sexualberatung auf; mit dem Lachen ist es ähnlich wie mit dem Orgasmus: je mehr man sich darum bemüht, desto geringer ist die Chance, dass man es erreicht. Die Beschreibung von Titze/Eschenröder ließe sich mit wenigen Veränderungen für beide Themenbereiche adaptieren: „Vielleicht liegt es an der Komplexität dieses Phänomens, dass es so viele Theorien und so wenig gesicherte Erkenntnisse über den Humor gibt“ schreiben Titze/Eschenröder als Schlussfolgerung darauf, „ob ein Mensch in einer bestimmten Situation mit Lächeln oder Lachen reagiert, hängt von dem Zusammenwirken vieler Faktoren ab, zum Beispiel vom jeweiligen sozialen Kontext, den spezifischen Merkmalen der entsprechenden Reizkonstellation, den individuellen Einstellungen und der aktuellen Stimmungslage“ (Titze/Eschenröder 1998, 53ff).

2.9 Zusammenfassende Betrachtung über Humor

Humor bleibt also auch nach intensiver Beschäftigung mit dem Thema ein Phänomen, das nur schwer zu definieren ist. Auch die Abgrenzung zu verwandten Begriffen wird von vielen Autoren gar nicht oder mit unterschiedlichem Erfolg versucht. Die Einsatzmöglichkeiten und Auswirkungen von Humor auf Individuen und Gruppen scheinen breit gefächert, die

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Versuchung ist groß, den angebotenen Erklärungen und Beschreibungen zuzustimmen, obwohl oft empirische Überprüfungen fehlen bzw. diese nicht repräsentativ sind.

Der Nutzen von Humor wird im Kapitel über die Möglichkeit der Burnout Prävention ausführlich behandelt. Von der positiven Wirkung bin ich überzeugt, Belege dafür sind noch rar. Nicht einzelne Übungen für mehr Humor/ bzw. Lachen sind der geeignete Ansatz, um die positiven Effekte nutzen zu können, sondern es müssen Bedingungen geschaffen werden, die die Entwicklung von Humor ermöglichen und dafür sind vor allem das Wissen und das Bewusstsein um die Möglichkeiten von Humor wichtige Voraussetzungen. Auch die Achtsamkeit im Umgang mit anderen und vor allem mit sich selbst erhöhen die Chance auf ein Leben mit vielen humorigen Anteilen. Für viele Personen im Umkreis meiner früheren Tätigkeiten in der Sozialarbeit ist Humor in der Arbeit beinahe etwas Anrüchiges, da man doch mit riesigen Problemen zu tun hat und das sei mit Humor nicht vereinbar. Und je höher diese Personen die Karriereleiter emporgestiegen sind, desto mehr ist ihnen der Sinn für Humor abhanden gekommen. Bei manchen hatte ich Gelegenheit, sie auch in privatem Zusammenhang erleben zu können und als fröhliche Menschen wahrgenommen. Ich bin sicher, dass diese Personen ein zufriedeneres Leben führen würden, wenn sie sich mehr von diesen Momenten organisieren könnten; d.h., wenn sie ihre Fähigkeiten humorvoll zu kommunizieren und humoreske Situationen wahrzunehmen auch auf den beruflichen Alltag übertragen könnten.

Für meine Arbeitsbereiche war die Beschäftigung mit dem Thema bereits bereichernd. Speziell die Erklärung, die Humor als Reaktion auf etwas Unerwartetes definiert, bestätigt sich immer wieder; weniger als Clown, viel mehr bei meinen Trainings und Vorträgen. Dies liegt wahrscheinlich daran, dass man bei einem Clown eher auf Unerwartetes vorbereitet ist.

„Wer zuletzt lacht, hat schon eine Menge verpasst!“ (Hain 2001, 1).

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3

Burnout

3.1 Einleitung

Warum zeigt eine Klosterschwester in einem Heim für Kinder mit Behinderung keinerlei Anzeichen von Burnout, obwohl sie jede Nacht neben einem Kind in einem Fauteuil sitzend schläft, damit sie dem Buben die Hände halten kann, wenn er sich im Schlaf selbst zu schlagen beginnt? Warum zeigt ein Mitarbeiter, der zwar noch im sozialen Kontext tätig ist, aber schon lange nicht mehr dem angeblich so belastenden Klientenkontakt ausgesetzt ist, Symptome auf allen drei von Maslach & Leiter (2001) beschriebenen Ebenen? Warum vermittelt ein Therapeut Interesse und Freude an seinem Beruf mit allem was er sagt und tut, während ein anderer, der unter ähnlichen Bedingungen tätig ist, vor allem über die Belastungen jammert?

Diese und noch viel mehr Beispiele sind für mich Grund genug, das Thema Burnout zu erforschen. Der Fokus liegt auf der Beschreibung von Erklärungsmodellen des Burnout Syndroms in der Arbeitswelt. In der Literatur lassen sich die unterschiedlichen Sichtweisen nach ihrer mehr individuen- bzw. umweltzentrierten Sichtweise unterscheiden. Die vorliegende Arbeit folgt dieser Unterscheidung bei der Beschreibung der Erklärungsansätze ebenso wie bei der Suche nach Ursachen und den Bedingungen von Burnout. Die Beschreibung von Interventionsansätzen ist auch nach diesem Muster gegliedert.

Dass der Beruf im Leben vieler Menschen einen wichtigen Stellenwert hat, wird von Beck (1998, 221; zitiert nach Oechsler 2000, 627) folgendermaßen beschrieben: „Wieweit Arbeit und Beruf die eigene Person und unser Selbstverständnis prägen wird nirgendwo deutlicher als in der Situation in der zwei fremde Menschen aufeinander treffen und einander fragen:

Was sind Sie? Anstatt sich als Christ, Surfer oder Liebhaber der Malerei auszugeben, wird mit der allergrößten Selbstverständlichkeit der Beruf genannt. Jede andere Antwort wäre auf Befremden und Unverständnis gestoßen.“

Schätzungen über die Verbreitung von Burnout schwanken zwischen 10% und 30% der ArbeitnehmerInnen, der volkswirtschaftliche Verlust durch mangelnde Leistung, vermehrte Fehlzeiten und Berufswechsel wird alleine bei Lehrern in den USA mit 3,5 Mrd. Dollar jährlich beziffert (vgl. Ewald 1998, 2; vgl. Demerouti 1999, 2).

Die breite Diskussion über Burnout trägt zu einem hohen Bekanntheitsgrad des Phänomens bei, was einerseits für die Betroffenen Erleichterung bedeuten kann, da sie sich mit ihrem

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Problem nicht alleine wissen und darüber hinaus die positive Konnotation des Begriffes für die Betroffenen eine Umschreibung ihrer Probleme ermöglicht, die sozial eher akzeptiert ist und weniger stigmatisiert als z.B. Depression oder Stress (vgl. Perrar 1995, 1ff; Shirom 1989, 21ff; Demerouti 1999, 1). Allerdings ist die große Diskrepanz zwischen gesichertem Wissen und veröffentlichen Meinungen auffällig (vgl. Weber/Kraus 2000, 180).

Vor allem in den USA ist es Mode geworden, bei jeder Art von psychischer Missempfindung oder Unzufriedenheit von „burned-out“ zu sprechen (vgl. Perrar 1995, 1). Auch mir sind durch meine Tätigkeit als Sozialarbeiter KollegInnen begegnet, die die Diagnose Burnout förmlich auf einem Schild vor sich hergetragen und damit quasi als Märtyrer die unerträglichen Arbeitsbedingungen anprangerten, ohne Bereitschaft über Veränderungsmöglichkeiten bei sich selbst nachzudenken und ausschließlich den Dienstgeber für ihre Symptome verantwortlich machten. Wenig überraschend war die Reaktion dieser Personen auf die wachsende Thematisierung des Begriffes Mobbing. Plötzlich wurde beinahe jede Schwierigkeit, jede Auseinandersetzung oder Meinungsverschiedenheit als Mobbing- Versuch interpretiert und verurteilt.

„The current popularity of the concept is a major barrier to defining is, for it has become an appealing label for many different phenomena“ (Cherniss 1980, 13).

3.2 Die Geschichte eines Begriffs

Die Beziehungen von Personen zu ihrer Arbeit und die damit im Zusammenhang auftauchenden Schwierigkeiten sind als ein Phänomen des modernen Zeitalters bekannt (vgl. Maslach/Schaufeli/Leiter 2001, 398). Die meisten Autoren betonen, dass die Thematik des Burnout nichts Neues sei (vgl. Cherniss 1980, 9; vgl. Burisch 1994, 4), Theologen entdeckten das Thema Burnout bereits in der Bibel (vgl. Rook 1998, 66).

Der Psychoanalytiker Freudenberger (1974) wird überwiegend als derjenige erwähnt, der Burnout als erster beschrieben hat. Er verwendet diesen Begriff als Erklärung der Krise von MitarbeiterInnen von vor allem helfenden Berufen (vgl. Perrar 1995, 6). Freudenberger definiert Burnout als „Nachlassen oder Erschöpfung in Folge von Überanstrengung der eigenen Kräfte, Energie und Ressourcen“ (Freudenberger 1974, 159; zitiert nach Gusy 1995, 32), das sich gerade bei sehr engagierten MitarbeiterInnen in Form von Erschöpfung und Müdigkeit, Rückzug von den KlientInnen und in Reizbarkeit, Rigidität und Depressivität zeigt (vgl. Enzmann/Kleiber 1996, 21).

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Mittlerweile wurden Burnout Syndrome nicht nur bei anderen Berufsgruppen, sondern auch bei nicht (mehr) im Arbeitsprozess stehenden Personen erforscht. Im Zusammenhang mit Burnout untersuchte (Berufs) -gruppen sind:

Mitarbeiter in Beratungseinrichtungen, Psychotherapeuten, Bibliothekare, Ärzte/ Zahnärzte, Yuppies, Aids-Berater, Schalterangestellte, Mitarbeiter in Behinderteneinrichtungen, Lehrer, Sekretäre, Schulpsychologen, Telefonisten, Rechtsanwälte, Stewardessen, Manager, Sozialarbeiter, Fürsorger, Suchtberater, Ehepartner, Pfarrer, Bewährungshelfer, Software- Entwickler, Krankenpflegepersonal, Organisationsberater, Studentenberater, Sozialforscher, Hauswirtschaftsleiterinnen, Leiter von Kliniken und Rehabilitationseinrichtungen, Sprach- und Stimmtherapeuten, Eltern und Therapeuten autistischer Kinder, Erwachsenenbildner, Sporttrainer, Gefängnispersonal, Polizisten, Arbeitslose (vgl. Gusy 1995, 23ff; vgl. Burisch, 1994, 14).

Mit der steigenden Popularität des Begriffes Burnout stiegen die Forschungen und kontraversiellen Erklärungsansätze (vgl. Maslach/Schaufeli/Leiter 2001, 398). Burnout entstand zunächst als soziales und pragmatisches Problem und nicht als akademisches und theoretisches Konstrukt (vgl. Maslach/Schaufeli 1993, 2; Demerouti, 1999, 3). Die Kennzeichen der Pionier Phase in der Burnout Forschung waren, dass der Begriff Burnout von einem Forscher zum nächsten variierte und zwar der selbe Begriff verwendet, aber unterschiedliche Phänomene beschrieben wurden. Der Begriff wurde ausgedehnt, z.B. „midlife crisis burnout“, die Studien waren nur wenig empirisch überprüft (vgl. Maslach, Schaufeli 1993, 4).

Die meisten Untersuchungen in der Anfangsphase der Burnout Forschung waren klassische Stressforschungen (vgl. Enzmann/Kleiber 1996, 17). Viele Autoren folgten einem typischen Muster, in dem die stressvollen Arbeitsbedingungen einer bestimmten Berufsgruppe beschrieben, Arbeitsbelastungen und Stress in Zusammenhang mit Burnout gebracht und einige präventive Strategien aufgelistet wurden. Als Gründe für anfangs wenig aussagekräftigen Untersuchungen nennen Maslach & Jackson (1993, 5) das weitaus größere Interesse von Praktikern an Burnout, als von wissenschaftlichen Forschern.

Erst in den achtziger Jahren entstand die auch heute noch am meisten akzeptierte Definition von Burnout als mehrdimensionales Konstrukt, in dem die drei Aspekte “emotionale Erschöpfung“, „Depersonalisierung“ und „reduziertes Wirksamkeitserleben“ gleichermaßen wichtig sind (vgl. Enzmann/Kleiber 1996, 17ff). Christina Maslach stellte diese über die individuenzentrierte Sichtweise hinausgehende Beschreibung von Burnout vor und entwickelte das noch heute am Häufigsten verwendete Instrument zur Messung des Burnout, den Maslach-Burnout-Inventory (MBI) (vgl. Weber/Kraus, 2000, 180). Das Tabuthema, dass auch Professionelle sich unprofessionell verhalten können war damit öffentlich gemacht (vgl.

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Maslach 1993, 19) und löste riesiges Interesse von vor allem MitarbeiterInnen im psychosozialen Arbeitsbereich aus (vgl. Rook 1998, 62).

3.3 Der Begriff Burnout

Aus dem Englischen übersetzt lautet die Erklärung im PONS (vgl. Calderwood-Schnorr 1987,

139):

I: (fire, candle) ausbrennen, ausgehen; (fuse, dynamo etc.) durchbrennen ; (rocket) den Treibstoff verbraucht haben II: (candle, lamp) herunterbrennen (fire) ab- oder ausbrennen (fig inf) to ~ oneself ~ sich kaputt machen, sich völlig verausgaben

Burnout meint „das Abbrennen eines Hauses, das Durchbrennen von Sicherungen, den Stillstand eines Motors durch vollständigen Brennstoffverbrauch, das Ausbrennen einer Raketenstufe, die Überbelichtung eines Negatives oder die Erschöpfung der Bodenfruchtbarkeit. Weitere Bedeutungsmöglichkeiten sind aufhören aktiv zu sein, oder das Abschließen einer Entwicklung“ (Marx 1993, 5).

Für die Erklärung von Burnout im Arbeitsbereich werden oft bildhafte Übertragungen aus dem technischen Erfahrungsbereich, sowie aus dem Erfahrungsbereich „Feuer“ verwendet (vgl. Rook 1998, 100ff). Demerouti (1999, 1) bezeichnet Burnout als eine Metapher für den Zustand von Erschöpfung, der vergleichbar ist mit dem Ersticken von Feuer oder dem Löschen einer Kerze. Ausgebrannt sein kann ein Feuer, wenn kein Brennstoff nachgelegt wird, allerdings kann ein heruntergebranntes Feuer mit wenig Stroh und einem Funken wieder angezündet werden, was bei einem Ausgebrannten anzuzweifeln ist. Auch die Übersetzung von Burnout mit Durchbrennen vermittelt kein passendes Bild von Burnout, da das Durchbrennen von Sicherungen oder Stromleitungen plötzlich passiert und der Effekt sofortiger Stillstand ist, Burnout aber ein langsam schleichender Prozess ist. Die psychologisch-metaphorische Bedeutung von Burnout meint eine langdauernde zu hohe Energieabgabe für zu geringe Wirkung bei ungenügend Energienachschub (vgl. Burisch 1994, 5ff). Burisch vergleicht den Prozess des Burnout mit einer Autobatterie, die nicht mehr über die Lichtmaschine nachgeladen wird und dennoch Höchstleistungen abgeben soll.

Drei Begriffserklärungen hebt Rook als Beispiele für den Einzug des Begriffs in den deutschen Sprachraum hervor:

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Im Band der Arbeitspsychologie der Enzyklopädie der Psychologie wird Burnout von Schönpflug (1987) als Fachterminus bezeichnet, „der sich im Überschneidungsbereich von Klinischer Psychologie und Organisationspsychologie durchgesetzt hat“ (Schönpflug 1987 141; zitiert nach Rook 1998, 74). Schönpflug bezeichnet Ausgebrannt sein als Persönlichkeitsveränderung, die an den Symptomen physische Erschöpfung, Antriebslosigkeit, Desinteresse an der Umwelt, Emotionsarmut, Gefühle der Hilflosigkeit, Verlust des Selbstvertrauens, Enttäuschung über Privatleben und Arbeit, Feindseligkeit und Zynismus gegenüber Partnern sichtbar wird und bezieht sich dabei auf Arbeiten von Maslach, Freudenberger & Richelson, sowie Pines & Aronson (vgl. Rook, 1998, 74).

Im Psychologischen Wörterbuch von Dorsch ist Burnout in der 12. Auflage von 1994 aufgenommen: „Burnout (engl.) Ausbrennen. Syndrom, das bei professionellen Helfern als Folge von Überlastung auftritt, u.a. gekennzeichnet durch emotionale Erschöpfung, Dehumanisierung (zynisch abwertende Haltung gegenüber dem Hilfesuchenden) und das Gefühl, der beruflichen Aufgabe nicht mehr gewachsen zu sein. Es gibt einen standardisierten Fragebogen zur Erfassung des Syndroms: Maslach Burnout Inventory (MBI). (L) MASLACH 1882.“ (Dorsch 1994, 125; zitiert nach Rook 1998, 74)

Im Handbuch der Angewandten Psychologie (1993), Herausgeberin Schorr, wird Burnout als Schlüsselbegriff berücksichtigt und von Büssing, bezogen auf die Definitionen von Maslach & Jackson (1984), Cherniss (1980), Pines, Aronson & Kafry (1993), sowie Golombiewski & Munzenrieder (1983) eingeführt, der bezüglich der methodischen Vorgangsweise schreibt:

„für die Messung haben sich zwei Instrumente durchsetzen können“ (Büssing 1993, 111; zitiert nach Rook 1998, 74). Gemeint sind das Maslach Burnout Inventory (MBI) von Maslach und Jackson (1981, 1986), sowie das Tedium Measure (TM) von Pine/Aronson/Kafry (1987), die an anderer Stelle beschrieben sind.

Trotz vieler Definitions- und Beschreibungsversuche ist Burnout ein Begriff, der sehr weit von einer sinnlich direkt erfassbaren Realität steht. In diesem Punkt findet sich eine Gemeinsamkeit mit Humor. Je allgemeiner und vager die Vorstellungen über Begriffe oder Konstrukte sind, desto größer ist die Gefahr, komplexe Beschreibungen abzukürzen oder Begriffe zu ontologisieren, also den Konstrukten quasi eine reale Existenz zu verleihen (vgl. Rook 1998, 105). Die vereinfachte Verwendung des Begriffes ignoriert die Heterogenität und mangelnde Spezifität und lässt schnell den Eindruck entstehen, dass Burnout etwas sei, das man, wie eine Schwangerschaft, hat oder nicht hat (vgl. Burisch 1994, 12).

Wissenschaftliche Begriffe müssen, um sich von alltagssprachlichen Begriffen abzuheben, vor allem zwei Kriterien erfüllen: Präzision und Eindeutigkeit. „Präzision steht im Gegensatz zu Vagheit und Eindeutigkeit im Gegensatz zu Mehrdeutigkeit.“ (Rook 1998, 107).

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„Ein Begriff ist präzise, wenn alle Personen, die die Bedeutung des Begriffs kennen, bei jedem beliebigen Ereignis entscheiden können, ob es zu den Designata des Begriffes gehört oder nicht. Ein Begriff ist eindeutig, wenn alle Personen alle Ereignisse, bei denen sie eine Zuordnung für möglich halten, diese in gleicher Weise dem Begriff zuordnen.“ (vgl. Opp 1995, 129; zitiert nach Rook 1998, 107ff) Definitionen dienen vor allem der Festlegung des intensionalen 2 Aspekts in Unterscheidung vom extensionalen 3 Aspekt (vgl. Rook 1998, 107; vgl. Raffee 1974, 26).

3.4 Gegenteil von Burnout

Das Gegenteil von Burnout ist nicht ein neutraler Zustand, sondern ein definierter Status seelischer Gesundheit innerhalb der beruflichen Domäne. Während das Burnout Konzept ein Syndrom beschreibt, das aus Problemen mit der Arbeit entsteht, meint Engagement einen positiven Zustand von Erfüllung (vgl. Maslach/Leiter 1999, 352).

3.5 Erklärungsansätze

Der Begriff Burnout ist mehrdeutig, was von vielen Forschern beklagt wird; speziell der metaphorische Sprachgebrauch führt zu begrifflichen Unschärfen. (vgl. Rook 1998, 108). Die folgende Übersicht (Tabelle 2) der verschiedenen Burnoutdefinitionen, zusammengestellt von Rook (1998, 109ff), gibt einen Einblick in die Vielfalt der Bedeutungszuschreibungen:

2 intensional: Begriffsinhalt, also die Gesamtheit seiner Merkmale

3 extensional: Begriffsumfang, die Menge aller auffindbaren Elemente des Objektbereichs

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Autor, Jahr

Definition

Forschungsmethode, untersuchte Gruppe

Freudenberger

Burnout ist versagen, abnützen oder erschöpft werden durch außerordentliche Verausgabung an Energie, Kraft oder Ressourcen.

Ausbrennen bedeutet: sich entleeren.