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Gott und die Welt

Vor 200 Jahren ist Goethes »Faust« erschienen, der uralt, sehr modern und ganz aktuell ist. Ein Osterspaziergang VON ELISABETH VON

Plötzlich, wie über Nacht, ist der Frühling gekommen. Das will etwas heißen: Wenn das Eis endlich schmilzt, kann der Fluss die Stadt mit Waren versorgen, dann wird der stinkende Dreck aus den engen Straßen gespült, dann ist mehr Waschwasser da, die Mühlen nehmen ihren Betrieb wieder auf. Frisch gewaschen kann man sich näher kommen. Und wie aus dem getauten Boden geschossen sind Spaziergänger aller Art, Bettler, Handwerker, Bürger, Dienstmädchen, im Freien vor der Stadt unterwegs. Als Sehnsüchtige sind sie jetzt gleicher als sonst. Man hat frei, fühlt sich auch so, jedenfalls vom Eise befreit, es ist Ostern!

»Jeder sonnt sich heute so gern«, sagt da wie beseelt ein Spaziergänger zu seinem Begleiter, »Sie feiern die Auferstehung des Herrn, / Denn sie sind selber auferstanden, / Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern, / Aus Handwerks- und Gewerbes-Banden, / Aus dem Druck von Giebeln und Dächern, / Aus der Straßen quetschender Enge, / Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht / Sind sie alle an’s Licht gebracht.«

Frühling, Übergangszeit, Sattelzeit: So klingt das aufgeklärte Deutschland um 1800. Ans Licht! Auferstehung buchstabiert sich hier weltlich, die fällige Befreiung aus Dumpfheit, Enge, Druck und Dunkelheit bringt zwar keine politische Revolution, aber immerhin ein naturchristlicher Frühling; und Bildung plus etwas Liebe tun das Ihrige zur Freiheit dazu. Statt der französischen gewalttätigen Umstürze findet hier friedlich ein ständeübergreifender Osterspaziergang statt, nach deutscher, ziemlich protestantischer Art, kirchenfern, naturfromm, es wird lieber nicht politisiert, sondern stattdessen gewandert. Und ein gelehrter Interpret des Geschehens hat sich unter den Spaziergängern auch gefunden, der vertont also, den Pudel schon auf den Fersen, die Auferstehung neu.

Das ist der Faust. Goethes Faust, Doktor einiger Künste, der allerdings wenige Stunden vor diesem Osterspaziergang noch des Lebens so müde war, dass er das tödliche Gift schon an die Lippen gesetzt hatte. Bis plötzlich in tiefer Nacht ein Chor der Engel erklang, »Christ ist erstanden«, dessen heller Ton »mit Gewalt« den Lebensmüden am Selbstmord gehindert hat. Vom Tod zum Leben, wie es zur Osternacht passt: Das könnte den Leser oder Zuschauer christlich erbauen, läge diesem Faust ein bekennendes Christentum nicht ebenso fern wie Goethe, seinem Autor, das ist ja bis in alle Parodien bekannt: »Die Botschaft hör’ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.« Das kann einen etwas misstrauisch machen.

Warum also ist so viel Ostern um diesen Faust , der vor genau 200 Jahren erschien? Sein aufgeklärt naturgläubiger Autor hatte schon im Juli 1797 geschrieben, der Faust werde bald zu des Publikums »Verwunderung und

Entsetzen wie eine große Schwammfamilie aus der Erde wachsen«. Es hat länger gedauert, bis Ostern 1808, da erschien Faust. Eine Tragödie zur Buchmesse, als Band 8 der Werkausgabe bei Cotta. Und darin waren nun erstmals, anders als in Goethes sogenanntem Urfaust der 1770er Jahre, anders auch als in seinem Faust- Fragment von 1790, die wiederbelebende Osternacht , der Osterspaziergang und das österlich motivierte Auftauchen Mephistos enthalten.

Dies alles hatte Goethe sich etwa zehn Jahre nach der Französischen Revolution ausgedacht, wie überhaupt die metaphysische Einbettung der Handlung. Auch den Prolog im Himmel nebst Gott dem Herrn hat Goethe erst um 1800 ins Stück eingebaut; genauer gesagt, er hat Gott und den gefallenen Engel Mephisto vor Beginn des Stücks, bevor also die Gelehrten-Tragödie, dann die Gretchen-Tragödie ihren Lauf nehmen, im Himmel über den Faust debattieren lassen. Mephisto will es schaffen, den Gottesknecht Faust von seinem »Urquell« abzuziehen, das nennt er Wette. Die nimmt Gott zwar nicht an, aber er lässt den Mephisto zuversichtlich gewähren, als sei’s ein Spiel, das ein liberaler Vater gewährt.

Das biblische Buch Hiob liefert die Vorlage für diesen Prolog, der die existenzielle Frage nach der Zukunft der Menschlichkeit aufwirft, aber gegenüber dem Original an Unterhaltungswert kräftig gewinnt: Der Herr wird vom Autor zugleich verbürgerlicht und als Schöpfer, als allmächtiger Ursprung gewürdigt. Hier weist Goethe die Plätze an: Die Faust-Figur, zuerst Stoff eines deutschen Volksbuchs des 16. Jahrhunderts, wird jetzt sichtbar zum modernen Bühnenexempel gemacht. Der Übermensch Faust hängt von Anfang an als Puppe an den Fäden seiner Regisseure, des Autors zuallererst, aber eben auch Gottes.

So beginnt das Drama, das lange als das deutscheste galt, obwohl es doch das Gesicht der europäischen Moderne zeigt: die Tragödie des rastlosen männlichen Individuums, das sich grenzenlos selbst vergöttert und dabei nach und nach alles zerstört, Wissenschaft, Geliebte und eigenes Kind, dann die Natur, also die Zukunft. Weil heute jeder ein Kind dieser maßlosen Moderne ist, die seit gut 200 Jahren rücksichtslos die Lebensgrundlagen verschlingt, lässt einem dieses Stück keine Ruhe.

Warum aber derart viel Ostern in das Spiel hineinkam, das über Tausende von Versen so tödlich verläuft, lässt sich nicht kurzerhand sagen. Man muss einen Umweg nehmen. Der Faust ist nichts für Leser, die es eilig haben. Die Angelegenheit lässt sich aber auch bündig wiedergeben. Teil I: Ein Mann ist als Gelehrter von seinem Wissen tief enttäuscht, er lässt sich mit dem Teufel ein, verliebt sich rasend und hinterlässt dabei drei Tote und eine Wahnsinnige. Teil II:

Der Mann weitet mit dem Teufel sein rastloses Projekt aus zur Neuschöpfung der Zivilisation, jetzt umfasst die Handlung ein paar Tausend Jahre von der Antike bis in die Zukunft, und am Ende steht das Schlussbild einer natur- und menschheitsverschlingenden Moderne, einer Wüstenei des kapitalistischen Fortschritts. Der Glückssucher Faust ist zum Glück endlich tot. Zurück bleibt die Utopie des Ewigweiblichen, einer umfassenden Naturmütterlichkeit.

Dieser Epochenbefund kam auch nicht kurzum oder eines Tages zur Welt. Fast 60 Jahre hat Goethe am Faust gearbeitet, von etwa 1773 an, da war der Student 24 Jahre alt. Zur Ostermesse 1833, ein Jahr nachdem Goethe 82-jährig gestorben war, erschien der Faust II. Uraufgeführt wurde der erste Teil, wenngleich gekürzt und zensiert, erst 1829, der zweite Teil kam erst 1854 auf die Bühne, beide Teile zusammen 1876, da war der Urfaust nicht mal veröffentlicht. Der Faust ist unter anderem eine Jahrhundertaufgabe für Philologen gewesen.

Selbst das Erscheinungsdatum 1808 täuscht, denn fertiggestellt und abgeschickt hat Goethe das Manuskript bereits im April 1806, zu Ostern; der Druck hat sich nur wegen des napoleonischen Kriegs, der im Herbst 1806 auch nach Weimar kam wie später Napoleon selbst, um zwei Jahre verschoben. So tritt zu allem Komplizierten, das dieser Faust in sich hat, noch hinzu, dass er seinem Publikum erscheinen konnte wie eine deutsche titanische Antwort auf den Siegeszug des Titanen Napoleon. Dabei war, als die französische Version der Moderne über Weimar hereinbrach, der Faust ja längst fertig.

Aber was heißt bei diesem Stück fertig? »Einschüchterung durch Klassizität« hat Bertolt Brecht seine Anmerkungen zum unnahbaren Monument Faust überschrieben. Inzwischen aber, ein paar Entmythologisierungen später, kann einen die fortwährende Baustelle des Großunternehmens Faust eher anziehen als einschüchtern. Was für eine Hexenküche, in der Goethe da jahrzehntelang rührt, pfeffert und feuert! Wie eine Werkstatt steht das Werk heute jedem offen, der zusehen will, wie hier ein sehr skeptischer, sehr realistischer, sehr mütterlichkeitsgewisser Dichter und Naturforscher die europäische Moderne mit ihrem schwindelerregenden Welt- und Naturzerstörungsprogramm zu gestalten versucht. Das Werk verwandelt sich fortwährend, wie der Verwandlungsgott Proteus persönlich, und bleibt dabei doch ein Werk, ein Zusammenhang.

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Wer das Material dieser Textwerkstatt zeitsparend vereindeutigen will, scheitert. Goethe soll das Werk als »Kollektivwesen« bezeichnet haben, und das Wort trifft schon formal: Das Drama umfasst, gegen die Regeln der Tragödie, das gesamte kulturgeschichtliche Inventar an Reimen vom deutschen Knittelvers über den italienischen Madrigalvers und Shakespeares Blankvers bis zu den Freien Rhythmen und zudem fast alle Dramenformen der europäischen Theatergeschichte – vom Puppenspiel über die mittelalterlichen Mysterien- und Osterspiele bis zur antiken Tragödie, der Komödie und dem Bürgerlichen Trauerspiel steckt alles drin, alle Sorten, alle Epochen, alle Tonlagen. Auch für die Wissenschaftsgeschichte lässt sich das zeigen, von der Alchemie bis zu Wöhlers Harnstoff-Synthese hinterlässt alles Spuren im Faust, von Schellings Naturphilosophie bis zu Hufelands medizinischer Heilkunst. Von der Bibel noch ganz zu schweigen.

Und in einer weiteren Hinsicht ist diese Werkstatt sehr eigentümlich: Bis 1801 hat Goethe zwar den Faust I weitgehend in Form gebracht, aber auch schon viele der

Helena-Verse und Schlusspassagen des II. Teils, die erst 30 Jahre später erschienen. Er hat also dreierlei gleichzeitig im Kopf gehabt: erstens die Gegenwart seiner Arbeit; zweitens die fast drei Jahrzehnte zurückliegende Vergangenheit, in der er für den Urfaust das so erdenwirklich liebende Gretchen erfunden hatte; und drittens die Zukunft der virtuellen Idealfrau Helena. In der Gegenwart um 1800 lebte Goethe selbst gegen jede Konvention unverheiratet mit Christiane zusammen, der geliebten Mutter seiner fünf Kinder, die bis auf einen Jungen Jahr für Jahr starben.

Zugleich hat er noch Schellings Naturphilosophie aufgenommen und mit Schiller über zukünftige Kunst nachgedacht, doch während der Arbeit an der Endfassung des Faust 1805/06 hat Goethe besonders an einer Reihe von Physikalischen Vorträgen gesessen, die klingen, als handelten sie von Faust und Mephisto:

»Dualität der Erscheinung als Gegensatz. Wir und die Gegenstände. Licht und Finsternis. Leib und Seele. Zwei Seelen. Geist und Materie. Gott und die Welt«. Andere Faust- Partikel dieser Zeit hat Goethe vorbeugend selbst zensiert, moralisch zu anstößig. So ist manche Passage der Tragödie erst vor ein paar Jahren gedruckt worden: 2000 Seiten umfasst die von Albrecht Schöne edierte Frankfurter Ausgabe von 1994, die besteht aus einem Textband und einem schon heute klassischen, über tausendseitigen Kommentar. Und, verrückt, weniger als das sollte man zum Faust auch nicht lesen.

Eine »Schwammfamilie« sei dieser Faust, hat Goethe also zutreffend gesagt, aber was soll man mit solch einer Schwammfamilie anfangen? Und wie? Natürlich hilft Losblättern, irgendwo anfangen. Man liest dann ja von allein weiter, etwa von hier aus: »Hilf, Teufel, mir die Zeit der Angst verkürzen…« (Vers 3362), denn ein Experte für Angst ist heute fast jeder. Oder von hier: »Fluch sei der Hoffnung! Fluch dem Glauben / Und Fluch vor allen der Geduld…« (Vers 1605 f.), denn gejagt fühlen sich viele. Oder von hier, Margaretes irrer Klagegesang: »Meine Mutter hab’ ich umgebracht / Mein Kind hab’ ich ertränkt / War es nicht dir und mir geschenkt?« (Vers 4507 ff.). Gretchens klare Sprache des Wahnsinns kann jeder verstehen. »O weile!«, sagt die Kindsmörderin zu dem Geliebten, »Weil’ ich doch so gern wo du weilest«, und jagt gleich wieder hoch: »Geschwind! Geschwind! / Rette dein armes Kind.«

Es ist hier, als sei die Zeit selbst verrückt geworden, von einem Vers zum nächsten, als sei ein Maß für Ruhe und jagende Eile im Furor des Ungeduldigen für immer zerbrochen. Eine »Rastlosigkeitstragödie« hat der Faust- Experte Michael Jäger das Drama in seinem jüngsten Buch Global Player Faust oder Das Verschwinden der Gegenwart genannt.

Die Katastrophe des Fortschritts, die historisch neuartige Entwertung der Gegenwart, auf die sofort ein Neues, ein Besseres folgen soll, treibt Goethe in den Jahren um, in denen er den Faust wieder vornimmt, der seit 1790 in der Schublade lag. Es sind Jahre, in denen Goethe sich gegen die Unruhe stemmt und gegen die atemlose Erfahrung einer sich wissenschaftlich wie politisch überstürzenden

Moderne, die sich in das Zeichen des Fortschritts stellt. Im Juni 1797 schreibt Goethe an Schiller, er setze sich wieder an den Faust, »da es höchst nötig ist, daß ich mir, in meinem jetzigen unruhigen Zustande, etwas zu tun gebe«.

Das liegt nicht zuletzt daran, dass er jetzt Tag und Nacht in der empirischen Erforschung einer Natur steckt, die jedem Generalisten über den Kopf wachsen muss. Er schreibt nun in einem Brief, die Zeit überschlage sich »wie ein Stein vom Berg herunter und man weiß nicht, wo sie hinkommt und wo man ist«. Und über die Wissenschaftler und Philosophen um Humboldt oder Fichte im benachbarten Jena: »Unglaublich aber ist’s, was für ein Treiben die wissenschaftlichen Dinge herumpeitscht und mit welcher Schnelligkeit die jungen Leute das, was sich erwerben läßt, ergreifen.« Er versucht, alles nachzuvollziehen und möglichst viel selbst zu forschen.

Mit Schiller gemeinsam fängt Goethe an, gegen jeden Dilettantismus, jede Modeverliebtheit in Kunst und Wissenschaft zu polemisieren, die kommen ihnen unangemessen vor angesichts der Umstürze im Nachbarland, das Publikum soll sich wenigstens aus der Barbarei und halbgebildeten Oberflächlichkeit rausbewegen! Und zugleich dilettiert Goethe selbst, es geht ja nicht anders, wenn man alles im Blick haben will.

Seit der Französischen Revolution schon hat er seinen naturwissenschaftlichen Arbeiten eine Art »Asyl« vor der politischen Moderne gesucht, wie der Philosoph Walter Benjamin es nannte. Seither ist seine naturwissenschaftliche Arbeit zugleich Erkenntniskritik und Ästhetik. Jetzt denkt er nach über die »Disproportion unseres Verstandes zu der Natur der Dinge«, es entsteht der Begriff der »Naturlangsamkeit«, und gegen die Flüchtigkeit der geschichtlichen Gegenwart will Goethe nun Pflöcke einrammen: wissenschaftlich durch die Arbeit am alles durchziehenden Naturgesetz des Gegensatzes, der »Polarität«, erkenntnistheoretisch gegen Newton durch die Arbeit an seiner Wahrnehmungslehre, und dann durch eine Kunst, die wider die flüchtige Moderne etwas Besonderes kann. »Die Kunst gibt sich selbst Gesetze und gebietet der Zeit.« Sie kann das, weil sie nicht der rasenden Flüchtigkeit der Zeitgenossen zum Opfer fallen muss, sondern mit einer an der Natur geschulten ruhigen Aufmerksamkeit »das Vergangene im Gegenwärtigen sehen« kann. So will er das jedenfalls. So macht er das beim Faust .

Nicht als Naturimitat, sondern als frei soll sich die Kunst neu zeigen, als ernstes Spiel mit der Fiktion also, als Kunst auf der Höhe der Zeit. Und so verwandelt Goethe den Faust- Stoff nun in ein Spiel im Spiel im Spiele, wie Schöne es nennt, in dem das Faust- Geschehen sich immerfort bricht und spiegelt, von einem Gegensatz zum nächsten verändert, als ginge es darum, das Prinzip der Polarität ebenso ins Werk zu setzen wie das der Metamorphose als »Verwandlungslehre«. Kein Faust, der nicht in einem Wagner sein Gegenüber fände, kein Ostern, das sich nicht in ein Hauen und Stechen verwandelte, kein Gretchen ohne Frau Marthe.

Jedes Motiv verwandelt fortan seine Bedeutung, je nachdem, in welcher Polarität es auf der Bühne erscheint. In jeder Erscheinung kann man ihr Gegenteil, in jedem Gegenwärtigen ein Vergangenes wahrnehmen lernen. Selbst in den legendären Szenen stecken ja angeeignete »fremde Schätze«, wie Goethe gesagt hat, nicht nur die biblische Hiob-Geschichte, sondern in der Klage über die »zwei Seelen, ach« nebenbei auch ein Lustspiel von Wieland, im Fluch auf Glaube, Hoffnung und Geduld der neutestamentarische Korintherbrief, in Fausts Ringen um die Übersetzung des Johannesevangeliums einige verblüffend ähnliche Überlegungen des Philosophen Herder.

Es ist ein großes Versteck- und Verwandlungsspiel aus alldem geworden, ein Welttheater neuen Typs, enzyklopädisch in Form und Motiven. Das klingt nach Jahrmarkt. Aber worum es geht, ist nichts anderes als die Frage, ob »der Mensch zu retten ist«, wie der Germanist Gerhard Kaiser dargestellt hat. Das Thema des Spektakels ist das Überleben der Menschheit, die der blinde Mann Faust, der gegenwartslose Egomane mit seinem Weltsanierungsprojekt zur Strecke bringt. Zum Schluss wird dieser Faust sagen: »Ich bin nur durch die Welt gerannt.« Er kennt Goethes Demut gegenüber der Schöpfung nicht. Und, so kurios es heute klingt, auch Goethes naturkindliche Demut gegenüber dem Weiblichen, dem Mütterlichen, das gebären kann, ist diesem Faust unbekannt.

Frühling, Übergangszeit, Sattelzeit: Während Faust schon am Ende der ersten Szene mit der Welterkenntnis weitgehend am Ende ist und fortan nur noch an der Expansion seines Ichs interessiert, soll sich sein Leser und Zuschauer ruhig mit der Vergangenheit und Zukunft des Abendlandes im Drama befassen. Soll Faust sich verblendet zu Tode eilen, das Werk selbst braucht »Naturlangsamkeit«, notfalls lebenslang. Also Kunst, ohne die sich nicht wahrnehmen lässt, was hinter Mord und Totschlag wirklich geschieht.

Und Ostern? Dass Ostern etwas anderes ist als die langsame Metamorphose, hat der naturfromme und todesängstliche Goethe gewusst. »Erbarme dich und laß mich leben!«, wird die wahnsinnige Margarete den Faust am Ende flehentlich bitten, solches Erbarmen kennt der natürliche Kosmos aus Pflanzen, Knochen, Steinen und Wolken nicht, den Goethe gerne erkundet. Fast wundert man sich, dass Goethe in dieser letzten Szene des Faust dem Christentum sein Ureigenstes, das Erbarmen, entleiht. »Aneignung fremder Schätze«!

Denn das Ganze ist schließlich Kunst: dass das himmlische Zeichen an Ostern seinen polaren Gegensatz in den höllischen der Walpurgisnacht finden wird und eine späte Antwort im Ewigweiblichen; dass Mephisto als Negation von Ostern auf den Plan tritt, als Element von Gottes Schöpfungsplan zugleich und als ein anderer Motor des Lebens; dass ohne Ostern kein Frühling wäre, der die Leute so bühnen- und gefühlswirksam ins Offene treibt; dass Ostern zwar offenkundig Fausts Leben über den Tod siegen lässt, aber doch nicht verhindert, dass Faust alsbald töten wird; dass Ostern also gebraucht wird, damit das Drama mit seinen Widersprüchen in Gang kommen kann, auch damit man von der Polarität mehr versteht, aus der im

Goetheschen Denken Neues entsteht. Außerdem: Als Metapher der Übergangszeit, die um 1800 zwischen Ancien Régime und industrieller Revolution, individueller Moderne die wacklige Brücke bildet, ist Ostern auch nützlich.

Ostern, das Auferstehungsfest: Wie sinnvoll das somit für die Ästhetik der deutschen Klassik und für diese schöpfungsreligiöse Tragödie sein kann! Die gemeindet das Christentum in ihre Verse ein, um besser zeigen zu können, wer Faust ist. Als ließe sich das Offenbarungsgeschehen von Menschenhand irgendwo einbauen. Und so ist Ostern plötzlich in der Kunst als ein Gegensatz des Kunststücks zu sehen. Zu Ostern 1808, vor 200 Jahren, ist also Goethes Faust erschienen. Der Tragödie I. Teil.