Sie sind auf Seite 1von 12

Interview | Fatih Birol

»Die Sirenen schrillen«


Die Internationale Energieagentur (IEA) schlägt Alarm: Schneller als erwartet
könnte der Welt das Öl ausgehen – die Gefahr einer Versorgungskrise wächst

Energiehunger trifft Energieknappheit: Während die Nachfrage nach Öl


wächst, sinkt die Förderung – es drohen Lieferklemmen, eskalierende Preise,
Inflation. Im Gespräch mit der Energiepolitikerin Astrid Schneider fordert
der Chefökonom der IEA, Fatih Birol, die Mitgliedsstaaaten zu einem Politik-
wechsel auf. Sein Motto: Wir sollten das Öl verlassen, bevor es uns verlässt.

Astrid Schneider: Herr Birol, in Ihrem Indien und China ein stärker binnen-
im November 2007 veröffentlichten getriebenes Wirtschaftswachstum
„World Energy Outlook“ (WEO) warnt haben, während die hohen Ölpreise
die Internationale Energieagentur erst- die Wirtschaft im Mittleren Osten
mals davor, dass es zu einem Einbruch ankurbeln. Die Ölnachfrage wird
in der Ölförderung und eskalierenden daher stark bleiben.
Preisen kommen könnte, in der Zeit von
heute bis 2015. Als Grund geben Sie an, Schneider: Der zweite Grund …?
dass zu wenig in die Ölförderung inves- Birol: … ist, dass wir auf Seiten der
tiert wurde. Ölförderung ein steiles Absinken der
Fatih Birol: In der Tat. Es gibt drei Fördermengen aus den existierenden
Gründe, warum das so ist: Der erste Ölfeldern sehen, speziell in der Nord-
ist die sehr stark wachsende Nachfra- see, den USA und etlichen Nicht-
ge, hauptsächlich aus China, Indien OPEC-Ländern. Allein hier müsste
und den Mitteloststaaten selbst. Diese viel Geld investiert werden, um dieses
Länder sind die Hauptmotoren des Absinken zu verlangsamen. Der dritte
wachsenden Ölkonsums. Selbst wenn Grund, warum wir ein Risiko für die
es in den USA eine Rezession gibt, Gesamtförderung erwarten ist, dass
berührt das diese Länder weniger, da wir weltweit alle neuen Ölförderpro-

34 Die Neue Weltölordnung IP • April • 2008


Interview | Fatih Birol

���������������������������������������������������������������� �������

�����������������������������

��

��

��

��

��


����� ����� ����� ����� ����� ����

������� ���� ����� ������ �������������� ���������� ��������������������

��������������������������������������������

jekte angesehen haben: insgesamt bauen, um den Anstieg des Ölkon-


230, in Saudi-Arabien, Venezuela, der sums zu verlangsamen. Zweitens müs-
Nordsee, überall. Selbst wenn alle sen wir mehr alternative Treibstoffe
diese bereits finanzierten Projekte in im Verkehrssektor nutzen. Wenn man
den nächsten Jahren realisiert wer- sich jedoch ansieht, was die Regierun-
den, ist die Gesamtkapazität, die sie gen gesetzgeberisch im Bereich der
an neuer Ölförderung bringen kön- Effizienzsteigerung machen, bin ich
nen, zu gering. wenig hoffnungsvoll, dass es zu einem
solchen Politikwechsel kommt. Und
Schneider: Wie viel fehlt? drittens brauchen wir viele zusätz-
Birol: Genau 12,5 Millionen Barrel liche Ölförderprojekte, besonders in
pro Tag fehlen noch immer, rund 15 den Schlüsselländern der OPEC.
Prozent des Weltölbedarfs (der heuti-
ge Weltölverbrauch beträgt 84 Millio- Schneider: Sie schreiben, dass 5,4 Billi-
nen Barrel, Anm. d. Red.). Diese onen Dollar investiert werden müssten,
Lücke bedeutet, dass wir in den nächs- um den wachsenden Weltölbedarf zu
ten Jahren eine Lieferklemme und decken. In welchen Ländern sollte das
sehr hohe Preise erleben könnten. Geld genau investiert werden?
Birol: In den ölreichen Staaten des
Schneider: Ist das noch zu verhin- Mittleren Ostens – allerdings bin ich
dern? mir nicht sicher, dass diese Staaten
Birol: Um den Ausweg zu schaffen, und ihre Ölgesellschaften so viel in-
gibt es nur drei Wege: Erstens müssen vestieren werden, wie nötig wäre, da
wir die Energieeffizienz drastisch stei- sie möglicherweise denken, es liegt
gern und insbesondere sparsamere nicht in ihrem Interesse, die Produkti-
Autos, Lastwagen und Flugzeuge on stark zu erhöhen, damit die Preise

IP • April • 2008 Die Neue Weltölordnung 35


Interview | Fatih Birol

sein, in der wir unser Denken darüber


überprüfen und revidieren, wie viel
Öl und Gas auf den Markt kommt.
Dabei werden etliche Leute neue
Schlussfolgerungen ziehen.

Bild nur in Schneider: Eine der Aussagen des

Printausgabe
„World Energy Outlook 2007“ ist, dass
die gesamte erforderliche zusätzliche Öl-

verfügbar förderung aus den OPEC-Staaten und


speziell dem Mittleren Osten kommen
muss. Salem el-Badri, der Generalsekre-
tär der OPEC, hat im Februar auf einer
Konferenz zur Energiesicherheit in Lon-
don angekündigt, dass die OPEC bis
2012 200 Milliarden Dollar investieren
ASTRID hoch bleiben. Ein weiterer Teil der will, um fünf Millionen Barrel (mb) pro
SCHNEIDER, Investitionen müsste in die OECD- Tag neue Förderkapazität zu schaffen.
geb. 1965, ist
Sprecherin der Staaten gehen, die USA und die Nord- Diese Menge steht aber im scharfen
Bundesarbeitsge- see, um dort das Absinken der Ölför- Kontrast zum „WEO 2007“, dort heißt
meinschaft Energie derung zu vermindern. es, dass bis zum Jahr 2020 rund 24 mb
von Bündnis 90 /
pro Tag an neuer Kapazität notwendig
Die Grünen und
Mitglied im wissen- Schneider: Im WEO 2007 steht, dass sind, um den wachsenden Öl-Verbrauch
schaftlichen Beirat der steile Rückgang der Ölförderung zu decken. De facto kündigt Salem el-
der Energy Watch zwischen 3,7 und 4,2 Prozent pro Jahr Badri also an, dass die OPEC die Er-
Group. Zu ihren
Initiativen zählte betragen wird. Ist das richtig? wartungen nicht erfüllen wird. Bedeutet
u.a. das „solare Birol: Exakt. das nicht, dass wir ein ernstes Problem
Regierungsviertel“ bekommen?
in Berlin.
Schneider: Dieses Absinken ist ja sogar Birol: In der Tat, das ist auch der
steiler, als ihn die Energy Watch Group Grund, warum wir dieses Jahr zum
vorausgesagt hat! ersten Mal die Situation eines „Supply
Birol: Ich kann Ihnen bereits hier be- Crunch“, einer Versorgungskrise, dar-
kannt geben: In unserem „Weltenergie stellen. Zwischen der Höhe des Welt-
Ausblick 2008“, den wir Anfang No- marktbedarfs an Öl und dem, was
vember veröffentlichen, werden wir wirklich aus dieser Region auf den
uns intensiv mit den Aussichten der Markt gebracht werden wird / gebracht
Öl- und Gasförderung beschäftigen. werden kann, besteht eine Kluft. Wir
Wir werden die 350 wichtigsten Öl- sind der Ansicht, dass die Ölprodu-
und Gasfelder ansehen und untersu- zenten ihre Fördermenge bedeutend
chen, wie stark die Fördermengen ab- erhöhen müssten, wir sind uns aber
sinken und was das bedeutet. nicht sicher, dass sie es tun werden
© Friedhelm M. Leistner

oder können.
Schneider: Was meinen Sie?
Birol: Meines Wissens wird es die Schneider: Weil sie es nicht wollen?
erste umfassende öffentliche Studie Birol: Schauen wir auf die Zahlen bis

36 Die Neue Weltölordnung IP • April • 2008


Interview | Fatih Birol

2015, wird es eine Lücke geben zwi-


schen unseren Erwartungen und dem,
wie stark die Ölproduzenten Willens
oder in der Lage sind, ihre Kapazität
zu erhöhen. Diese Lücke zeigt das
ernste, reale Bild des Ölmarkts. Es
könnte einen „Supply Crunch“ und
Bild nur in
eskalierende Preise bedeuten. Printausgabe
Schneider: Was ich also im WEO sehe,
ist eher – wenn ich das so sagen darf –
verfügbar
eine Wunschliste?
Birol: Das kann man wohl so sagen.
Ich denke, dass wir uns in einer
neuen Weltölordnung bewegen. Die
neuen Akteure, die entscheiden wer- Problem bekam, weil sie nicht genü-
den, wie viel Öl auf den Markt kommt, gend Transparenz hatte. Die IEA würde Dr. FATIH BIROL,
sind hauptsächlich staatliche Ölge- daher gerne mehr Offenheit in Bezug geb. 1958 in
der Türkei, ist
sellschaften. Aus vielerlei Gründen auf die Ölreservedaten sehen – es mag Chefökonom und
wird es nicht mehr so einfach werden zwar das eigene nationale Gut der Staa- Leiter der Abteilung
wie zuvor. ten sein, aber der Rest der Welt, die Wirtschaftliche
Analyse der
anderen Ökonomien, das Gemeinwe- Internationalen
Schneider: Die Energy Watch Group sen aller hängt davon ab. Im Moment Energieagentur
hat in ihren Studien herausgearbeitet, fliegen wir fast blind und brauchen (IEA) in Paris. Er ist
verantwortlich für
dass die Ölreserven im Mittleren Osten dringend mehr Klarsicht!
den World Energy
wahrscheinlich um rund 50 Prozent zu Outlook, die
hoch eingeschätzt werden. Wenn Sie Schneider: Hilft Transparenz allein? wichtigste Publi-
heute die Staaten des Mittleren Ostens Birol: Selbst wenn die Ölreserven kation der IEA zu
Energiemärkten
bitten, mehr Produktionskapazität auf Saudi-Arabiens um 50 Prozent falsch und -ressourcen.
den Markt zu bringen, wie gut ist dann eingeschätzt sein sollten, könnten sie
Ihr Wissen über deren Ölreserven und ihre laufende Produktion von 12 mb
darüber, wie viel sie produzieren könn- pro Tag auf 18 mb erhöhen. Aber ich
ten, wenn sie wollten? glaube nicht, dass sie mit ihrer Förde-
Birol: Wir reden hier über ein wichti- rung in den nächsten 25 Jahren so
ges Thema, und eine Hauptaussage, stark anziehen. Das Hauptproblem ist
die ich vom WEO 2008 erwarte, ist also dreifacher Natur: Geologie, In-
mehr Transparenz in Bezug auf die vestitionen, Produktionspolitik der
Ölreserven, sowohl der staatlichen Öl- Hauptförderländer. Diese drei Aspek-
gesellschaften als auch der internatio- te zusammen führen dazu, dass die
nalen Ölgesellschaften. Zukunft des Öls äußerst schwierig
sein wird.
Schneider: Auf wen spielen Sie an?
Birol: Erinnern wir uns nur daran, dass Schneider: Wenn ich mir alle diese
auch eine äußerst bekannte internatio- Länder ansehe, gibt es große Probleme:
© IEA

nale Ölgesellschaft kürzlich ein großes Russland, mit seiner restriktiven Politik

IP • April • 2008 Die Neue Weltölordnung 37


Bild nur in
Printausgabe verfügbar

© UPI / laif
Riad, Saudi-Arabien: Irans Präsident Machmud Achmadinedschad bei der Eröffnungsfeier des OPEC-Gipfels
im November 2007. Der Iran ist das viertgrößte Öl-Förderland

gegen ausländische Ölkonzerne und Die zweite ist der Klimawandel. Und
gegen marktorientierte Ölkonzerne wie die dritte, und man muss eingestehen,
Yukos, der Iran und Irak sind internati- wir sprechen nicht viel darüber, ist
onale Krisenherde, Saudi-Arabien fährt die Verbindung zwischen Energie und
eine gewisse Politik der Zurückhaltung Armut, zum Beispiel in Afrika. Heute
und scheint für westliche Firmen nicht leben 40 Prozent der Weltbevölke-
sehr zugänglich zu sein … rung, das sind 1,6 Milliarden Men-
Birol: … in der Tat, aber das ist auch schen, ohne Zugang zu Strom.
legitim.
Schneider: Werden wir alle drei Her-
Schneider: … und nicht zuletzt Venezu- ausforderungen lösen können?
ela, das gerade die Ölexporte an den US- Birol: Wenn man sich die Dimension
Energiekonzern Exxon Mobil gestoppt ansieht, glaube ich nicht, dass die
hat. Diese Länder besitzen zusammen Märkte allein die Probleme lösen kön-
60 Prozent der Weltölreserven. Aber wir nen. Wir können ihnen nicht alles
haben de facto keinen Zugang zu ihnen, überlassen! Sowohl die nationalen Re-
weder politisch noch wirtschaftlich. gierungen als auch die internationa-
Birol: Das bedeutet großen Stress für len Institutionen müssen die Regeln
alle und für unsere Wirtschaftssyste- mit bestimmen und ihnen auch fol-
me. Wenn ich mir die Zukunft ansehe, gen. Dazu ist das Thema zu wichtig.
sehe ich im Energiesektor drei strate-
gische Herausforderungen: Die erste Schneider: Mit Ihrer Warnung vor
ist die Öl- und Gassicherheit. Gerade Engpässen auf dem Ölmarkt stehen Sie
erst hat Russland seine Gaszufuhr in nicht allein – auf dem Weltwirtschafts-
die Ukraine um 25 Prozent abgesenkt. gipfel in Davos räumte auch der Vor-

38 Die Neue Weltölordnung IP • April • 2008


Interview | Fatih Birol

standsvorsitzende von Shell, Jeroen van Öl, welches ich heute habe, sondern
der Veer, erstmals ein, dass konventio- lasse etwas für meine Kinder und
nelles Öl und Gas ab 2015 nicht mehr Großkinder übrig, so dass sie auch
ausreichen werden, um den steigenden noch Geld machen können. Und ich
Weltbedarf zu decken. Ergibt sich dar- habe Verständnis dafür. In vielen För-
aus nicht ein weiteres Absinken der derländern ist Öl die einzige oder zu-
Produktion? mindest Haupteinnahmequelle.
Birol: Mehrere Leute glauben jetzt,
dass die weltweite Öl- und Gaspro- Schneider: Wie lautet Ihre Schlussfol-
duktion schon bald in schwieriges gerung?
Fahrwasser geraten könnte, aber dies Birol: Ich wäre sehr überrascht, wenn
liegt nicht nur an der Erschöpfung die Ölförderung in den nächsten 20 bis
der Ressourcen. Mangelnde Investiti- 25 Jahren leicht, sagen wir auf 120 Mil-
onen sind ein anderes Problem, ein lionen Barrel pro Tag, problemlos an-
weiteres ist, dass manche Ölländer die steigen würde. Selbst wenn das Poten-
Produktion nicht erhöhen wollen. zial da sein sollte, werden wir dieses Öl
nicht auf den Markt bekommen. Die
Schneider: Was man ihnen nicht vor- Schlussfolgerung lautet, dass wir dar-
werfen kann, oder? auf gefasst sein sollten, in den nächsten
Birol: Nein. Bevor ich zur IEA kam, Jahren äußerst enge, turbulente und
war ich mehrere Jahre bei der OPEC hochpreisige Ölmärkte zu sehen – für
in Wien. Und jeder Ölmann hatte die- die Wirtschaft wird es nicht gut sein.
selbe Überlegung: Ich nutze nicht alles Schneider: Angenommen, die Ölpreise

Krisenerprobt
Die Internationale Energieagentur (IEA)

Die IEA wurde 1973 als Reaktion auf die Ölkrise gegründet; erst später
etablierte sie sich institutionell im Rahmen der OECD. Ihre 27 Mitglieds-
staaten setzen sich fast ausschließlich aus den ölverbrauchenden west-
lichen Industriestaaten zusammen, neben etlichen EU-Ländern die Tür-
kei, Norwegen, Kanada, USA, Australien, Neuseeland, Japan und Südko-
rea. Nicht-OECD-Mitglieder haben laut Statut keinen Zugang. Staaten
mit hohem Energieverbrauch wie China und Indien oder Produzenten-
länder wie die OPEC-Staaten und Russland gehören der IEA daher nicht
an, sie sollen jedoch künftig stärker in ihre Arbeit einbezogen werden.
Hauptaufgaben der IEA sind die Beobachtung des Ölmarkts und die
Entwicklung von Kriseninterventionsmechanismen. Um auf kurzfristige
Lieferunterbrechungen, etwa durch Naturkatastrophen, reagieren zu
können, bevorraten ihre Mitgliedsstaaten Ölreserven für drei Monate.
Bisher wurde die Voraussage der weltweiten Öl- und Ressourcenproduk-
tion von der IEA vor allem als Funktion der Nachfrage definiert. Im ver-
gangenen Jahr warnte sie jedoch erstmals öffentlich vor Engpässen und
Preissteigerungen bei der Ölförderung.

IP • April • 2008 Die Neue Weltölordnung 39


Interview | Fatih Birol

���������������������������������������������� �������

����������������������
���
�������������
�������������
����������������
���

�������������
�������������
�� ������������������

��

��

��


� ����� ����� ����� ����� ����� ����� ����� ����� ����� �����

������������������ ������������� �������������� ������������������

������� ���������� ���������� ���������������� �������� �����������������


����������������������������������������������������������������������������������������������������������

eskalieren – wen trifft es zuerst? zwischen dem, was da sein sollte und
Birol: Es wird darum gehen, wer sich dem, was da sein wird, besonders,
X-Dollar pro Barrel leisten kann und wenn wir nicht massive Anstrengun-
wer nicht. Die einen werden diejeni- gen in Angriff nehmen, um die Effizi-
gen sein, die das können, die anderen enz der Autos zu verbessern oder den
eben nicht. Die OECD-Staaten werden Wechsel von Autos zu anderen Syste-
zu den Glücklichen gehören, aber die men.Wenn wir keine Maßnahmen auf
Entwicklungsländer werden die … der Verbrauchsseite ergreifen, wächst
der Verbrauch so wie bisher. Und
Schneider: …Verlierer sein … wenn dann nicht genügend Investitio-
Birol: … Genau! nen in die Förderung getätigt werden,
geraten wir ins Schleudern.
Schneider: Wenn ich Sie eben richtig
verstanden habe, sagen Sie, dass die Öl- Schneider: Wenn man allerdings an
nachfrage global um rund drei Prozent den Lebenszyklus von Gütern denkt, an
pro Jahr wachsen könnte, während wir die langen Investitionszyklen von Moto-
von heute bis 2015 mit einem Absinken ren, Kraftwerken oder Klimaanlagen:
der Förderung um jährlich vier Prozent Glauben Sie, dass die Anpassung der
konfrontiert sein könnten. Das würde Verbrauchsseite an einen niedrigeren
sich in einem Jahr zu sieben Prozent Versorgungspfad so schnell erfolgen
summieren, die fehlen! kann?
Birol: Die Nachfrage wird vielleicht Birol: Nein, aber ich denke nicht, dass
ein wenig langsamer steigen. Aber es die Preise gleich sofort X-fach anstei-
könnte eine große Lücke bestehen gen. Wir könnten einen graduellen

40 Die Neue Weltölordnung IP • April • 2008


Interview | Fatih Birol

Anstieg sehen und das wird den Men- wird das die Volkswirtschaften schwer
schen etwas Zeit geben, sich anzupas- treffen – allerdings global sehr unter-
sen. Schauen wir langfristig, wird je- schiedlich. Die deutsche Wirtschaft
doch klar: Ob das Öl im Jahr 2030 zu wird viel weniger davon getroffen
Ende ist oder im Jahr 2040 oder 2050, werden als ein Land in der Sahel-
ändert daran nichts. Zone. Gleichwohl erwarten wir auch
für die OECD-Staaten, dass sich das
Schneider: Das sagen Sie? Wirtschaftswachstum abschwächt,
Birol: Ja, eines Tages wird es definitiv die Inflation ankurbelt und die Ar-
zu Ende sein! Und ich denke, wir soll- beitslosenzahlen steigen.
ten das Öl verlassen, bevor das Öl uns
verlässt. Das sollte unser Motto sein. Schneider: Und die armen Länder?
Also sollten wir uns auf diesen Tag Birol: In den armen Ländern, beson-
vorbereiten – durch Forschung und ders in Schwarzafrika, in Indien und
Entwicklung, wie wir Öl ersetzen ähnlichen Ländern, wird es deutlich
können, welche Lebensstandards wir schlimmere Auswirkungen haben. So
halten, welche Alternativen wir ent- haben wir zum Beispiel berechnet,
wickeln können. dass die Öl importierenden schwarz-
afrikanischen Länder in den letzten
Schneider: Wie wird die Weltwirt- drei Jahren durch den höheren Öl-
schaft auf eine neue Ölkrise reagieren? preis drei Prozent ihres Wirtschafts-
Birol: Kommt es zu einer großen Lücke wachstums verloren haben. Wir soll-
zwischen Angebot und Nachfrage, ten nicht vergessen, dass die Hälfte

Auswege gesucht
Die Energy Watch Group (EWG)

Die Energy Watch Group wurde 2006 auf Initiative des grünen Bundes-
tagsabgeordneten Hans-Josef Fell gegründet. Träger ist die Ludwig Böl-
kow Stiftung, die seit den achtziger Jahren großtechnische Lösungen für
eine umweltfreundlichere Energieerzeugung erforscht.
Unabhängig von Regierungs- und Unternehmensinteressen soll die
EWG wissenschaftliche Studien über die Verknappung fossiler und nuk-
learer Energieressourcen erstellen, Ausbauszenarien für regenerative
Energien entwerfen und daraus Strategien für eine langfristig sichere
Energieversorgung ableiten. Im Jahr 2007 publizierte die EWG Ressour-
censtudien zu den Vorräten und Förderaussichten von Kohle, Uran und
Öl, die von der Ludwig-Bölkow-Systemtechnik Gmbh ausgeführt wur-
den. Dabei erlangte die Ölstudie, die das Maximum der weltweiten Ölför-
derung, den so genannten Peak Oil, erstmals auf das Jahr 2006 datierte,
weltweite Aufmerksamkeit. Weniger bekannt wurden die Ergebnisse der
Kohle- und Uranstudie, die auch für diese fossilen Energieträger baldige
Begrenzungen der Fördermengen voraussagen und davor warnen, dass
sie das versiegende Öl nicht ersetzen können.

IP • April • 2008 Die Neue Weltölordnung 41


Interview | Fatih Birol

�������������������������������������������������������� �������

�����������������������������
����� �������������
�������������
����������������

�������������������������������
�������������
�������������
�����
������������������

�����

����

�������

� ����� ����� ����� ����� ����� �����

���� ������ ������� ������ ���������� �������������������� �


������������ �������� ������ ��������������� ���������������������������
�����������������������������������������������������

der Menschen in diesen Ländern un- chen, dass wir am Vorabend einer neuen
terhalb der Armutsgrenze von einem Weltenergieordnung stehen. Wer sind
Dollar pro Tag lebt. die neuen Player?
Birol: Auf der Verbraucherseite klar
Schneider: Sehen Sie die Gefahr von China und Indien. Sie waren einmal
kriegerischen Konflikten zwischen res- sehr kleine Marktteilnehmer und wir
sourcenreichen und ressourcenarmen haben sie in den Energiekrimis bisher
Ländern, verursacht durch die Span- nicht gesehen. Sie haben nur auf der
nungen auf den Weltmärkten? Straße teilgenommen, aber heute
Birol: In meinem professionellen wachsen sie mehr und mehr zu den
Mandat spreche ich nicht viel über großen Akteuren heran.
Krieg und ähnliches. Aber was ich
Ihnen sagen kann ist, dass Energie- Schneider: Und auf der Erzeugerseite?
fragen und Geopolitik zu sehr mit- Birol: Da sind es die Hauptölförder-
einander verwoben werden. Die En- länder: Saudi-Arabien, der Iran, Irak,
ergieversorgung wird weniger und Kuwait, die Vereinigten Arabischen
weniger ein Geschäft und mehr und Emirate und Russland. Alle diese Län-
mehr zu einem Geschäft plus Geopo- der haben eines gemeinsam: die Öl-
litik! Das ist keine gute Nachricht, und Gasproduktion wird durch staat-
ich schätze das überhaupt nicht. Was liche Ölgesellschaften bestimmt statt
wir brauchen, ist der Dialog zwi- von den Märkten selbst. Das verän-
schen den Produzenten und Konsu- dert das Spielszenario. Es gibt nicht
menten. nur neue Akteure, sondern eine neue
Schneider: Sie haben davon gespro- Situation. Die reichen OECD-Länder

42 Die Neue Weltölordnung IP • April • 2008


Interview | Fatih Birol

werden dagegen weniger und weniger Markt bringen. Das haben wir zum
relevant. Sie sind immer noch wichtig, Beispiel getan, als im Jahr 2005 in den
aber sie spielen eine geringere Rolle, USA der Hurrikan Katrina herein-
wenn wir in die Zukunft schauen. brach. Die zweite Aufgabe ist, wie Sie
sagten, „die Alarmglocke zu läuten“.
Schneider: Die gesamte Weltwirtschaft Das haben wir letztes Jahr getan.
ist also von einigen wenigen Ölförder-
ländern abhängig – und diese Länder, Schneider: Sie haben schon geläutet?
die Sie gerade aufgezählt haben, sind Wann?
nicht gerade demokratisch. Birol: Eben mit dem „World Energy
Birol: Jedes dieser Länder hat sein ei- Outlook 2007“. Er war ein deutliches
genes politisches System, welches es Signal an die Regierungen aller unse-
auch selbst wählen sollte. Was wir al- rer Mitgliedsstaaten. Sie nehmen die
lerdings gerne sehen würden, wäre Energie- und
eine größere Marktöffnung dieser Ö l s i c h e r h e i t »Wenn wir im Herbst den
Länder. Der freie Kapitalfluss wird nun sehr viel Weltenergiereport 2008
sehr wichtig sein, so dass jeder inves- ernster als vorstellen, könnten die
tieren kann, wie er will. Aber am zuvor. Und Sirenen noch lauter schrillen.«
Ende sind diese Länder frei, sie selbst wenn wir die-
entscheiden, welches Energie- und po- ses Jahr im November den „World
litische System sie wollen. Energy Outlook 2008“ vorstellen,
halte ich es für denkbar, dass die Sire-
Schneider: Was bedeutet das für uns? nen noch lauter schrillen könnten.
Birol: Zumindest sollten wir uns darü-
ber im Klaren sein, dass Öl und Gas Schneider: Aber gibt es denn keinen
künftig aus Ländern kommt, in denen Mechanismus, mit dem Sie die Staats-
die Entscheidungen darüber von staat- chefs oder Wirtschaftsminister zusam-
lichen Ölgesellschaften getroffen wer- menrufen können, um mit ihnen die
den. Das ist anders als in der Vergan- Ölversorgungskrise zu besprechen?
genheit, als mehr marktorientierte Ge- Birol: Doch, kommt es zu einer Versor-
sellschaften geliefert haben. Das ist gungskrise, haben wir alle Mechanis-
eine entscheidende Veränderung. men etabliert. Wir nennen es eine so
genannte Notfallsituation, so dass wir
Schneider: Die IEA hat einerseits die uns innerhalb von wenigen Stunden
Aufgabe, den Ölmarkt zu beobachten mit den Regierungen aller Mitglieds-
und andererseits, die OECD-Länder zu staaten austauschen können. Das haben
warnen, wenn sie Unterbrechungen und wir beim Hurrikan Katrina getan.
Probleme auf dem Weltölmarkt sieht.
Wie laut läuten denn inzwischen die Schneider: Sehen Sie da nicht einen Un-
Alarmglocken? terschied? Auf der einen Seite eine Krise,
Birol: Wir reden hier über zwei ver- ausgelöst durch eine Naturkatastrophe,
schiedene Funktionen. Eine davon ist, in deren Folge Ölplattformen zerstört
dass wir im Falle eines realen physi- werden, und auf der anderen Seite so
schen Ölproblems, wenn nicht genü- etwas wie einen „langfristigen Notfall“?
gend Öl im Markt ist, Vorräte auf den Birol: Doch – und das ist der Grund,

IP • April • 2008 Die Neue Weltölordnung 43


Interview | Fatih Birol

warum wir unsere Mitgliedsstaaten haben unseren indischen und chinesi-


gebeten haben, neue Politiken umzu- schen Kollegen erklärt, wie Energieef-
setzen. Gerade vor kurzem erst haben fizienz ihnen helfen, wie öffentlicher
etwa die USA und Japan neue Richt- Transport ihr Leben verändern kann
werte für Autos in Kraft gesetzt, um und wohin die Infrastrukturinvestiti-
den Energieverbrauch zu reduzieren. onen gehen sollten. Aber am Ende ist
Wir brauchen es Sache der Regierungen, wie ernst
»Es ist am Ende Sache der hierfür drin- sie unsere Warnungen und Mitteilun-
Regierungen, wie ernst sie gend neue Re- gen nehmen.
unsere Warnungen nehmen.« geln und Stan-
dards. Europa Schneider: Wäre es angesichts der dro-
versucht noch, dieselben Standards henden Versorgungskrise nicht an der
umzusetzen, aber ich weiß, dass eini- Zeit, dass die IEA eine Regierungskonfe-
ge Länder damit ihre Schwierigkeiten renz zur Energiekrise einberuft?
haben … Birol: Wir diskutieren und überprüfen
die Lage regelmäßig. Der nächste
Schneider: … Deutschland etwa. wichtige Schritt wird der WEO 2008
Birol: Sie scheuen sich noch, das um- sein, im Jahr 2009 laden wir zu einem
zusetzen, aber ich denke, sie bekom- Ministertreffen, und ich erwarte, dass
men von uns die Botschaft, es zu die Energiesicherheit zusammen mit
tun. All das sind Beispiele, wie wir der Klimafrage ganz oben auf der Ta-
gegenwärtig die Alarmglocken läu- gesordnung steht. Aber noch einmal:
ten, und wir läuten sie sehr laut. Ich Es hängt von den Regierungen ab,
kann Ihnen sagen, dass ich sehr er- Maßnahmen zu ergreifen. Wir haben
freut bin zu sehen, dass viele Minis- sie gewarnt.
ter sich nun in die richtige Richtung
bewegen – aber es reicht noch nicht. Schneider: Wir haben bisher nur über
Besonders, wenn man die getroffe- Öl gesprochen, da es den größten Anteil
nen Maßnahmen mit der Dimension im Weltenergiemix hat. Allerdings sagt
des Problems vergleicht, mit dem wir die Energy Watch Group, dass wir auch
konfrontiert sind. andere Ressourcen wie Uran oder Kohle
nicht einfach in doppelter Menge verfeu-
Schneider: Aber ist es nicht an der Zeit, ern können, sobald sich das Öl verrin-
ein klareres Signal zu geben? Zumal in gert. Von Klimafragen abgesehen, sind
den OECD-Staaten noch immer viel auch diese Energieträger nicht mehr in
Geld fehlinvestiert wird – etwa durch ausreichenden Mengen vorhanden. Was
den Bau neuer Flughäfen, obwohl es gar sagt die IEA zu diesem Dilemma?
nicht genügend Öl mehr gibt, um den Birol: Kohle und Uran sind unter-
Luftverkehr stetig auszuweiten? Und schiedlich. Kohle haben wir weltweit,
dass Geld besser in den öffentlichen Nah- wir haben riesige Vorkommen. Aber
verkehr gesteckt werden sollte, um den das Problem ist – sofern wir den Kli-
Autoverkehr zu reduzieren? mawandel einmal beiseite lassen –
Birol: Wir erzählen das ja nicht nur dass es immer schwieriger wird,
unseren Mitgliedsstaaten, sondern Kohle von den Minen zu den Zentren
auch in Peking oder Neu-Delhi. Wir des Konsums zu transportieren.

44 Die Neue Weltölordnung IP • April • 2008


Interview | Fatih Birol

Nachdem wir bereits über die Ölprei- zu liefern. Wie lautet Ihre Lösung?
se gesprochen haben, kann ich sagen, Birol: Um die Erwärmung auf zumin-
dass sich die Kohlepreise zwischen dest zwei Grad zu begrenzen, müssen
Anfang 2006 und heute mehr als ver- wir unser Energieerzeugungssystem
doppelt haben. Sie steigen ebenfalls ändern – und wir haben vier Möglich-
stark an, weil China nun ein wichti- keiten, das klimaneutral zu tun: Ener-
ger Importeur wird, während wir an- gieeffizienz, erneuerbare Energien,
dererseits keine wesentliche Auswei- CO2-Abscheidung und Atomkraft.
tung der Förderung sehen. Wenn man die notwendige CO2-Re-
duktion auf diese Techniken aufteilt,
Schneider: Wie schätzen Sie die Situa- müssten wir jedes Jahr weltweit 30
tion beim Uran ein? Heute kommen nur neue Atomkraftwerke bauen. Das ist
60 Prozent des laufenden Verbrauchs aber fast unmöglich, heute bauen wir
aus Minen, der Rest aus Lagerbestän- weltweit etwa 1,5 neue Atomkraft-
den, die bald verbraucht sein werden. werke pro Jahr.
Birol: Bei den Uranreserven sehen wir
keine Probleme für die Zeit nach 2015 Schneider: Also scheidet auch die
bis 2020, sofern Explorationsarbeiten Renaissance der Kernenergie aus?
in einigen Schlüsselregionen wie der Birol: Der Anteil der Atomkraft soll-
kaspischen Region, etwa Kasachstan, te zumindest bei den heutigen 15
Australien, Südafrika und anderswo Prozent des Strommix bleiben. Wenn
erfolgen. Ich denke nicht, dass die mich die Leute in meinem eigenen
Uranversorgung das Hauptproblem Land fragen, ob sie ein Atomkraft-
für die Atomwirtschaft ist, es ist mehr werk bauen sollen, nenne ich ihnen
die öffentliche Akzeptanz. die Vor- und Nachteile. Aber ich sage
ihnen auch, dass ein Atomkraftwerk
Schneider: Vor dem Hintergrund der nicht gegen den Willen der Men-
Knappheiten und Probleme von Öl, schen, die in der Umgebung leben,
Kohle und Gas haben wir in den letzten gebaut werden sollte. Es mag gut für
Jahren von der OECD, der IEA oder die Makroökonomie sein, gut für die
auch den Vereinten Nationen gehört, Energiesicherheit und gut für den
wir sollten mehr Atomkraftwerke bauen, Klimaschutz, aber wenn es für die
um den Klimawandel zu bekämpfen. Leute vor Ort ein Problem ist, sollten
Allerdings müsste sich die Anzahl der wir das bei der Planung unbedingt
Atomkraftwerke verdreifachen oder ver- mit berücksichtigen.
vierfachen, um überhaupt einen Beitrag

IP • April • 2008 Die Neue Weltölordnung 45