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Katharina Harder

Gesellschaftsbilder und Selbstverständnis


russlanddeutscher Aussiedler in der
Sowjetunion und in Deutschland

Diplomarbeit • Pädagogik
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Satzerstellung: Andreas Harder mit ConTEXt


Schrift: Linux Libertine 
Version vom: 28. Januar 2010
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Fachbereich Sozialwissenschaften, Medien und Sport
Institut für Erziehungswissenschaften

diplomarbeit in erziehungswissenschaft
studienrichtung: sozialpädagogik/sozialarbeit

Gesellschaftsbilder und Selbstverständnis


russlanddeutscher Aussiedler in der
Sowjetunion und in Deutschland

Katharina Harder

Erstgutachter: Prof. Dr. Franz Hamburger


Abgabetermin: 16.11.2009
Ich versichere, dass ich die vorliegende Arbeit selbstständig angefertigt
und keine anderen als die angegebenen Hilfsmittel benutzt habe.

Mainz, den 16.11.2009


Danksagung

An erster Stelle danke ich von ganzem Herzen meinem himmlischen Vater, der mich von Beginn bis zum
Abschluss dieses Werkes begleitet und getragen hat; mir Ideen, Gesundheit, innere Ruhe und Energie
geschenkt hat!

Ich danke meiner Familie, die neben der Unterstützung durch aufmunternde Worte und ihr Gebet mir
auch praktisch, durch die Vermittlung von Interviewpartnern, der Finanzierung eines neuen Notebooks, das
Bringen meiner Wintersachen und anderen Naturalien nach Mainz, geholfen hat.

Ein sehr herzliches Dankeschön geht an die direkten Helfer dieser Arbeit:

• Andreas Harder für das gute Aussehen (Formatierung) dieser Arbeit!


• Helene Harder für die Überprüfung von Interpunktion, Grammatik und Ausdruck!
• Nina Jann, für die Überprüfung der Stringenz und die damit verbundene Ermunterungen!
• Selma Haupt und Stephanie Rausch für das Korrekturlesen von Auszügen dieser Arbeit!
• Andrea Ochsenfeld, Josef Schall, Irina Borisowa und Anastasija Obukh für ihre Hilfe bei der Vermittlung
von (potentiellen) Interviewpartnern.

Dem Navigatoren-Hauskreis danke ich vielmals für die Nachfragen und Ermutigungen, vor allem aber für
ihr Gebet! Insbesondere danke ich Anne Eisenbürger; für das nahtlose Weiterschreiben-Können aufgrund
der Leihgabe ihres Notebooks sowie für die steten Anrufe und Ermunterungen! Ich danke Sabine, Jens und
Miriam Theden für ihre Wohnung, in der ich Sonne, Ruhe und Raum sowie Abwechslung zum Schreiben
hatte!

Danke WG; für die Rücksicht, die Anteilnahme und das leckere Essen, als ich keine Zeit hatte, selber zu
kochen!

Danke Simone Denkhaus, die mir Wegbegleiterin war und meine Sorgen und Nöte verstehen konnte; so
z. B. die allzu häufige Aussage: »Immer noch kaum weitergekommen …«!

Schließlich will ich mich auch bei den Mädels (und Jungs) der Bibliothek bedanken, die allein schon durch
ihre stete Präsenz in »einem Zuhause, das wir nie wollten« zu meinem Wohlbefinden beigetragen und der
sozialen Verkümmerung entgegengewirkt haben!

iii
Inhaltsverzeichnis

Einleitung 1

1.1 Aufbau der Arbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1

Geschichte und Lebenslagen 3

2.1 Aussiedler aus der Sowjetunion: Geschichte und Lebenslagen damals und heute . . . . . . . . . . . 3
2.1.1 Geschichtlicher Überblick ..................................................... 3
2.1.2 Soziale Lebenslage der Deutschen in der Sowjetunion in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts . . 4
2.1.3 Rechtliche Grundlagen der Aussiedleraufnahme und strukturelle Ausgangsbedingungen . . . . 4

Sozialisation, Selbstverständnis und Gesellschaftsbild 7

3.1 Sozialisation ............................................................... 7


3.1.1 Primäre Sozialisation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
3.1.2 Sekundäre Sozialisation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
3.2 Selbstverständnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8
3.3 Gesellschaftsbild . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8
3.4 Zusammenfassung und Zusammenhang zur eigenen empirischen Untersuchung . . . . . . . . . . 9

Empirische Untersuchung 11

4.1 Untersuchungsziele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
4.2 Qualitatives Verfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
4.3 Das Erhebungsverfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
4.4 Die Untersuchungsgruppe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
4.5 Die Auswertung der Interviews . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12
4.6 Typenbildung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12
4.7 Anonymität und Erklärungen zur Wortwahl . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12
4.8 Analysen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13
4.8.1 Hermann Decker . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13
4.8.1.1 Strukturelle inhaltliche Beschreibung von ausgewählten Segmenten aus der
Haupterzählung und dem Nachfrageteil . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13
Erzählstimulus und Eingangserzählung 13 ■ Auswanderungsentscheidung und Antragstel-
lung 13 ■ Erste prägende Erfahrung in Deutschland 14 ■ Sprachkurs und Arbeitsauf-
nahme 15 ■ Beruflicher Werdegang in Kasachstan 15 ■ Kennenlernen der Ehefrau 16 ■
4.8.1.2 Wissensanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17
»Unterdrückung« 17 ■ »Nix besonderes« 19 ■ Soziale Beziehungen 20 ■ Gesellschaft Ka-
sachstan-Deutschland 21 ■ Ethnische Gesellschaftsordnung 21 ■ Kommunistische Partei 21 ■
4.8.1.3 Selbstverständnis und Gesellschaftsbilder Hermann Deckers . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21
Selbstverständnis 21 ■ Gesellschaftsbilder 22 ■ Biographische Prozessstruktur 23 ■
4.8.2 Elvira Claus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23
4.8.2.1 Strukturelle inhaltliche Beschreibung von ausgewählten Segmenten aus der
Haupterzählung und dem Nachfrageteil . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23

v
vi Inhaltsverzeichnis

Erzählstimulus, Geburt und deren Umstände 23 ■ Leben in Tadschikistan 24 ■ Leben in


Kirgisien 24 ■ Auswanderung und Leben in Deutschland 25 ■ 20 Jahre in Deutschland 25 ■
Kennenlernen des Ehemanns 26 ■
4.8.2.2 Wissensanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26
Zwanzig Jahre im Flug 26 ■ Unfreiwillige Ausreise nach Deutschland 27 ■ Gemeinschaft 28 ■
Neuanfang und heute 28 ■ Optimismus 30 ■ »Bei jedem anders« 30 ■ Gesellschaft Kirgisien
– Deutschland 30 ■
4.8.2.3 Selbstverständnis und Gesellschaftsbilder Elvira Claus’ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32
Selbstverständnis 32 ■ Gesellschaftsbilder 33 ■ Biographische Prozessstruktur 34 ■
4.8.3 Jakob (und Lydia) Egert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34
4.8.3.1 Selbstverständnis und Gesellschaftsbilder Jakob (und Lydia) Egerts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34
Gesellschaftsbilder 37 ■ Biographische Prozessstruktur 38 ■
4.8.4 Irina Albert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38
4.8.4.1 Selbstverständnis und Gesellschaftsbilder Irina Alberts ............................. 39
Selbstverständnis 39 ■ Gesellschaftsbilder 41 ■ Biographische Prozessstruktur 42 ■
4.8.5 Peter Berndt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42
4.8.5.1 Selbstverständnis und Gesellschaftsbilder Peter Berndts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43
Selbstverständnis 43 ■ Gesellschaftsbilder 45 ■ Biographische Prozessstruktur 46 ■
4.9 Typen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46
4.9.1 Typus 1: Deutsche Identität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46
4.9.2 Typus 2: Soziale Identität; Deutschsein irrelevant . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46
4.9.2.1 Untertyp: Deutsche Identität und andere ........................................ 47
4.9.2.2 Untertyp: Identität Ehefrau und Mutter; Deutschsein annähernd irrelevant . . . . . . . . . . . . . . 47
4.9.2.3 Untertyp: Identität Arbeit und Freund; Deutschsein irrelevant . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48

Integration 49

5.1 Identität(en) und Integration . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49

Auswertung und Schlussbetrachtung 51

6.1 Auswertung des Typus 1: Deutsche Identität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51


6.1.1 Auswertung des Untertypen: Deutsche Identität und andere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51
6.1.2 Auswertung des Untertypen: Identität Ehefrau und Mutter; Deutschsein annähernd irrelevant 51
6.1.3 Auswertung des Untertypen: Identität Arbeit und Freund; Deutschsein irrelevant ........ 52
6.2 Auswertung des Typus 2: Soziale Identität; Deutschsein irrelevant . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52
6.3 Schlussbetrachtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52
Verzeichnis der Anhänge

Vorüberlegungen zum Gespräch und exmanente Fragen 59

Interviews und Gedächtnisprotokolle 61

B.1 Interviewprotokoll: Hermann Decker . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61


B.2 Interview: Hermann Decker . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61
B.3 Interviewprotokoll: Elvira Claus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69
B.4 Interview: Elvira Claus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70
B.5 Interviewprotokoll: Jakob (und Lydia) Egert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79
B.6 Interview: Jakob (und Lydia) Egert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80
B.7 Interviewprotokoll: Irina Albert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97
B.8 Interview: Irina Albert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98
B.9 Interviewprotokoll: Peter Berndt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120
B.10 Interview: Peter Berndt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120

vii
Kapitel 1

Einleitung

Als es nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion realistisch wjetunion sowie die Darstellung der rechtlichen Grundlagen
wurde nach Deutschland ausreisen zu können, verwirklichten der Aussiedleraufnahme und die daraus resultierenden struk-
viele Angehörige der in der Sowjetunion¹ lebenden deutschen turellen Ausgangsbedingungen. Sie dienen als Hintergrund-
Minderheit die seit langem ersehnte Aussiedlung Ende der information, um die Ausbildung der Gesellschaftsbilder und
80er und in den 90er Jahren. Rund zwanzig Jahre sind nun des Selbstverständnisses einschätzen zu können.
vergangen, seit die erste größere Anzahl von Aussiedlern in Kapitel 2 legt dar, wie Selbst³- und Gesellschaftsbilder ent-
die Bundesrepublik kam. stehen und was im Zusammenhang dieser Arbeit darunter
Wie war ihr Leben in der Sowjetunion? Was bewegte sie zur verstanden werden soll. Um diese verständlich zu machen, be-
Ausreise und wie geht es ihnen heute? Diese Fragen führten nötigt es zunächst der Darstellung »primärer und sekundärer
zur Fragestellung der vorliegenden Arbeit: Welches Selbstver- Sozialisation«.
ständnis und welches Gesellschaftsbild entwickelte die Nach- Das 3. Kapitel beschreibt die empirische Vorgehensweise.
kriegsgeneration in der Sowjetunion, in der sie 30 bis 40 Jahre In Kapitel 4 werden die Ergebnisse der Untersuchung in Form
ihres Lebens verbrachte? Und, welche Vorstellungen haben von fünf Interviewanalysen sowie die darauf aufbauende Ty-
diese Menschen nach 20 Jahren von der deutschen Gesell- pologie präsentiert. Bevor diese in Kapitel 6 im Hinblick auf
schaft entwickelt und wie betrachten sie sich selbst in dieser? Integration ausgewertet werden können und eine Schlussbe-
Konnten sie Wünsche und Erwartungen realisieren und wie trachtung der Ergebnisse erfolgt, wird zunächst in Kapitel 5
steht es um ihr heutiges Wohlbefinden? eine Begriffsbestimmung von »Integration« und damit zusam-
Ein qualitatives Studiendesign soll zur Beantwortung dieser menhängend auch von »Identität« vorgenommen.
Fragen führen. Mit diesem wird anhand der Interviewanalyse Die verhältnismäßig umfangreiche Darstellung der empiri-
von fünf untersuchten Personen der Zielgruppe eine Typolo- schen Ergebnisse ist der Tatsache geschuldet, dass die Selbst-
gie erstellt, die die Gemeinsamkeiten und Unterschiede bezüg- und Gesellschaftsbilder russlanddeutscher Aussiedler auf der
lich der relevanten Aspekte der Fragestellung darstellen soll Grundlage dieser herausgearbeitet wurden. Weiterhin ist ein
und mit Hilfe derer abschließend die Frage nach dem Wohl- Integrationbegriff gewählt worden, der das Individuum als Be-
befinden beantwortet wird. Die Erhebung der dazu notwen- zugsrahmen hat; die untersuchten Personen sind also die wich-
digen Informationen erfolgt in Form biographisch narrativer tigsten Informationsquellen bei der Beantwortung der Fra-
Interviews nach Fritz Schütze (1983, 1987). gestellung, sodass ihnen entsprechend viel Platz eingeräumt
wird. Außerdem würde der vorgegebene formale Rahmen die-
ser Arbeit gesprengt, wenn eine sinnvolle Erweiterung des
1.1 Aufbau der Arbeit konzeptionellen Anteils vorgenommen werden wollte.

In Kapitel 2 erfolgt ein geschichtlicher Überblick; dieser soll


den Begriff »Aussiedler«² aus der Vergangenheit heraus be- ¹ Weil sich das Augenmerk der Arbeit auf die Zeit richtet, als die Sowjetunion
leuchten und somit ein Erklärungsansatz zu der Frage sein, noch bestand, wird auch im Folgenden stets nur von der »Sowjetunion« die
Rede sein und nicht etwa der »früheren oder ehemaligen Sowjetunion«.
wer sie sind. Außerdem soll er zeigen, wie sie in der Geschichte ² Hier wie im Folgenden meint der Begriff »Aussiedler« beide Geschlechter.
(nachhaltig) geprägt wurden. Darin enthalten ist auch eine Der Lesbarkeit halber wird aber auf die weibliche Endung verzichtet.
allgemeine Beschreibung ihrer sozialen Lebenslage in der So- ³ Die Begriffe Selbstverständnis und Selbstbild werden synonym verwandt.

1
Kapitel 2

Geschichte und Lebenslagen

2.1 Aussiedler aus der Sowjetunion: Ge- Als sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts der nationale Ge-
schichte und Lebenslagen damals und danke in Europa ausbreitete, Frankreich, Italien und Deutsch-
heute land zu Nationalstaaten wurden, fühlte sich Russland bedroht
und führte neue Handelszölle zwischen Deutschland und Russ-
Ziel der vorliegenden Arbeit ist die Erarbeitung des Selbst- land ein, die die Beziehungen der Länder zusätzlich verschlech-
verständnisses und der Gesellschaftsbilder russlanddeutscher terte. Folglich wurden auch die Privilegien der deutschen Sied-
Aussiedler. Zunächst soll anhand eines geschichtlichen Über- ler nach und nach aufgehoben. Man versuchte ihnen Kauf oder
blicks aufgezeigt werden, wer sie sind und wie sie geprägt Pacht von Land zu untersagen und deutsche Schulen wurden
wurden. Danach folgt eine allgemeine Beschreibung ihrer so- zu russischen gemacht. Mit Ausbruch des ersten Weltkrieges
zialen Lebenslage in der Sowjetunion und schließlich eine Dar- spitzten sich die Restriktionen zu; es kam zu Plünderungen
stellung der rechtlichen Grundlagen der Aussiedleraufnahme und Enteignungen.
und die daraus resultierenden strukturellen Ausgangsbedin- So brachte die russische Revolution im Jahr 1917 den Deut-
gungen. All diese Aspekte haben das Leben der Russlanddeut- schen neue Freiheiten und wurde von ihnen begrüßt. Für alle
schen beeinflusst und bilden somit den Hintergrund, auf dem Bewohner des russischen Reiches galten nun einheitliche Bür-
die Ausbildung der Gesellschaftsbilder und des (deutschen) gerrechte und die Wolgaregion wurde sogar zur »Autonomen
Selbstverständnisses unter anderem (neben der individuellen Sozialistischen Republik« der Wolgadeutschen aufgewertet.
Anlage und dem unmittelbaren sozialen Umfeld) beruhen. War es ihnen zur Zeit des ersten Weltkriegs verboten in der
Öffentlichkeit Deutsch zu sprechen, konnten sie nun dank
2.1.1 Geschichtlicher Überblick der Gründung nationaler Verwaltungseinheiten Deutsch als
Unterrichts- und Geschäftssprache einführen. »Diese Status-
Der geschichtliche Überblick beginnt im 18. Jahrhundert. Als veränderung der deutschen Bevölkerung hat mit ihrer psy-
Katharina Ⅱ. 1762 bis 1796 Zarin von Russland war, begann chologischen Wirkung sicherlich viel zum Selbstverständnis
die Anwerbung und Ansiedlung deutscher Bauern und Hand- der deutschen Volksgruppe in der Sowjetunion beigetragen«
werker (aber auch einiger französischer, holländischer und (ebd., S. 54). Dies zeigt sich nicht zuletzt in der Eröffnung von
schwedischer Bauern), die sich überwiegend in der Region um Bildungs- und Kultureinrichtungen in deutscher Sprache (vgl.
Saratow, rechts und links der Wolga und in der Umgebung von Eisfeld 1992, S. 102 f.).
Petersburg niederließen. Die Zarin erhoffte sich so eine wirt- Zur Regierungszeit Stalins war eine erneute Verschlechte-
schaftliche Stärkung ihres Landes. Sie lockte die Deutschen rung der Situation der deutschen Bevölkerung auszumachen.
mit einer Reihe von Privilegien; Religionsfreiheit, Befreiung Kirchen wurden geschlossen und Religionsausübung unter
vom Militär, Steuerfreiheit bis zu 30 Jahren, Selbstverwaltung Strafe gestellt. Die Deutschen wurden ihres Landes besonders
und Unterstützung bei der Umsiedlung waren für diese eine schnell enteignet als die Kollektivierung 1928 einsetzte.
verheißungsvolle Aussicht. Außerdem bekamen sie ca. 30 ha Der Druck auf die deutsche Bevölkerung verstärkte sich
Land und Kredite für den Bau von Häusern und den Kauf von zunehmend nach der Machtübernahme der Nationalsozialis-
Vieh, die erst nach 10 Jahren zurückgezahlt werden sollten. ten in Deutschland. Da sich diese um das Wohlbefinden der
Handwerkern wurden die Handelszölle erlassen, wenn sie et- Auslandsdeutschen öffentlich besorgt zeigten, stellte die so-
was produzierten, das es in Russland noch nicht gab. Bis 1775 wjetische Regierung die Loyalität der deutschen Minderheit
siedelten etwa 31 000 Deutsche nach Russland aus. in Frage und setzte sie vermehrten Repressionen aus. Deutsch-
Die Besiedlung hatte nicht auf Anhieb den gewünschten sprachige Einrichtungen wurden geschlossen oder in russisch-
wirtschaftlichen Nutzen; die ersten Jahrzehnte der Neubesied- sprachige umgewandelt, deutsche Verwaltungsbezirke und
lung erwiesen sich als schwierig, da zunächst der Aufbau der Siedlungen wurden aufgelöst und ab 1939 ihre männlichen
Häuser und die Bearbeitung der Felder unter ungewohnten Bewohner systematisch deportiert.
klimatischen Bedingungen und ohne mitgebrachte Geräte er- Mit Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieges 1942 wur-
folgen musste. Nach der russischen Bauernbefreiung im Jahr den Häuser, Vieh und Einrichtungen der Deutschen von den
1861 erfuhr die Wirtschaft einen Aufschwung und damit ver- Behörden beschlagnahmt, die der Kollaboration kollektiv be-
bunden das Hineinwachsen der Deutschen in die russische Ge- schuldigte deutsche Bevölkerung mit Güterwagen Richtung
sellschaft. »Von den Einheimischen zwar als Fremde betrach- Osten transportiert und in die sogenannte Arbeitsarmee ab-
tet, bestanden dennoch keine offenen Feindseligkeiten, zumal berufen. Dort mussten sie im Straßen- und Bergbau, in der
dann nicht mehr, als die deutschen Siedler ab 1874 auch zum Forstwirtschaft sowie beim Bau von Kanälen und Industriean-
Militärdienst verpflichtet wurden« (Silbereisen/Lantermann/ lagen schwerste physische Arbeit verrichten. 1948 wurde die
Rodermund 1999, S. 53). 1897 wurden bei der ersten russischen Arbeitsarmee zwar aufgelöst, jedoch konnten die Deutschen
Volkszählung 1 790 489 Personen mit deutscher Muttersprache ihre dem Innenministerium unterstehenden Sondersiedlun-
erhoben. gen nicht verlassen. Erst mit einem aus deutsch-sowjetischen

3
4 kapitel 2 Geschichte und Lebenslagen

Verhandlungen hervorgegangenem Dekret durften sie diese blick in die Ausbildungs- und Berufsstruktur sowie in die all-
ab dem Jahr 1956 verlassen, aber nicht in ihre angestammten gemeine soziale Situation der russlanddeutschen Bevölkerung.
Dörfer zurückkehren. Deutsche Literatur durfte wieder verlegt So zeigt sich in der Studie von 1985/86, dass Russlanddeutsche
werden und Deutsch zu sprechen war wieder erlaubt. ein mit der sowjetischen Bevölkerung ähnliches Ausbildungs-
Daraufhin wanderte ein Teil der Deutschen aus Sibirien in niveau aufwiesen (Dietz 1988, S. 9) und dass das Bildungsni-
die klimatisch angenehmeren Regionen aus; häufig nach Ka- veau der Deutschen (Studie 1989) sogar etwas über dem des so-
sachstan, Kirgisien und Tadschikistan. Neue deutsche Gemein- wjetischen Durchschnitts lag. Da die Generation, die nach 1955
den entstanden und bald schon wurden Deutsche in lokale geboren wurde, relativ ungehinderten Zugang zu Bildungsein-
Sowjets gewählt. Ab 1957 war in Schulen mit vielen deutschen richtungen hatte, konnte bei dieser der höchste Bildungsstand
Kindern der Deutschunterricht gestattet, aber Lehrer konn- verzeichnet werden. Entsprechend der sowjetischen Beschäfti-
ten nur schwer gefunden werden. »Zusammen mit der Hal- gungsquote insgesamt, war auch die der Russlanddeutschen
tung vieler Eltern, die in der Aufrechterhaltung der deutschen hoch; 80–90 % der Befragten waren berufstätig. Dabei wa-
Sprache Hindernisse in der Angleichung ihrer Kinder sahen ren über die Hälfte als ArbeiterIn beschäftigt, etwas mehr als
und deshalb den Unterricht ablehnten, fand diese Entwick- ein Viertel waren Angestellte und knapp 20 % waren in der
lung nicht allzuviel Anklang« (Silbereisen/Lantermann/Ro- Landwirtschaft tätig. Die Berufs- und Branchenzugehörigkeit
dermund 1999, S. 55). Deutschsprachige Zeitungen und Rund- war sehr vielfältig, insgesamt überwogen aber die Arbeiter-
funksendungen konnten wieder verlegt bzw. ausgestrahlt wer- berufe (Dietz 1990, S. 18). Es ist also davon auszugehen, dass
den. Im Jahr 1964 nahm der Oberste Sowjet die Anschuldi- Russlanddeutsche im beruflichen Bereich nicht oder kaum dis-
gungen von 1941 zurück und erwirkte somit eine formale Re- kriminiert wurden und keinen (kaum) Einschränkungen un-
habilitierung der Deutschen. Ihr Versuch die Wolgarepublik terlagen. Sie besaßen außerdem einen vergleichsweise hohen
wieder herzustellen hatte jedoch keinen Erfolg; die sowjeti- Lebensstandard (eigenes Haus, landwirtschaftliche Nutzfläche,
sche Regierung lehnte diesen mit der Begründung ab, dass Konsumgüter wie Fernseher oder Auto) und wiesen im Zu-
die Arbeitskraft der Deutschen an ihrem derzeitigen Wohn- sammenhang damit eine hohe Zufriedenheit auf (vgl. Dietz/
ort gebraucht würde und dass das ehemals autonome Gebiet Hilkes 1993, S. 65 ff.).
nun von anderen Volksgruppen besiedelt sei. Im Folgenden
bemühte sich zum ersten Mal eine größere Gruppe von Deut- 2.1.3 Rechtliche Grundlagen der Aussiedleraufnahme
schen um die Auswanderung nach Deutschland. Denn auch und strukturelle Ausgangsbedingungen
weiterhin hatten sie mit Schwierigkeiten zu kämpfen; häufig
wurden sie als Kollaborateure und Faschisten geächtet und »Deutscher im Sinne dieses Grundgesetzes ist vorbehaltlich
von der angestammten sowjetischen Bevölkerung nicht aner- anderweitiger gesetzlicher Regelung, wer die deutsche Staats-
kannt. Die mit der Politik von Michail Gorbatschow einher- angehörigkeit besitzt oder als Flüchtling oder Vertriebener
gehende Öffnung der Grenzen seit dem Jahr 1987 erleichterte deutscher Volkszugehörigkeit oder als dessen Ehegatte oder
und beschleunigte die Ausreise vieler Russlanddeutscher, nach- Abkömmling in dem Gebiete des Deutschen Reiches nach
dem bis dahin nur Wenige und unter großen Einschränkungen dem Stande vom 31. Dezember 1937 Aufnahme gefunden hat«
ausgewandert waren. In den Jahren 1987 bis 1994 erreichte die (Grundgesetz Artikel 116 Absatz 1). Mit diesem Gesetz wurde
Zahl der Emigrierten ihren Höhepunkt. Von 1950 bis 2006 Aussiedlern⁴ ihr rechtlicher Status als Deutsche mit den sich
kamen insgesamt 2 341 960 Russlanddeutsche in die Bundes- daraus ergebenden Bürgerrechten und -pflichten anerkannt.
republik (Grobecker/Krack-Rohberg 2008, S. 17). Leibliche Kinder, Adoptiv- und (Ur-)Enkelkinder sowie nicht-
deutsche Ehepartner erhielten ebenfalls die deutsche Staatsan-
2.1.2 Soziale Lebenslage der Deutschen in der Sowjet- gehörigkeit. Mit den im Bundesvertriebenen- und Flüchtlings-
union in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts gesetz enthaltenen Regelungen, wurden Aussiedlern aufgrund
des erlittenen »Kriegsfolgenschicksals«⁵ Entschädigungsleis-
Durch den Einsatz der Russlanddeutschen während der Kriegs- tungen (in Form einer pauschalen Auszahlung von 4000 DM
zeit in der Arbeitsarmee, wo sie vielfach in der Industrie und an diejenigen, die vor dem 1. April 1956 geboren sind) sowie
im Bergbau eingespannt wurden, kam es zu einer sozialen Integrationsmaßnahmen zugestanden. Letztere bedeuteten
Umschichtung vom Land in die Stadt. »Lebten [sic!] im Jahr unter anderem die Auszahlung von Arbeitslosengeld über
1926 erst jeder Sechste Deutsche in Städten, so waren es im einen Zeitraum von 15 Monaten, dessen Höhe aus dem Ge-
Jahr 1979 etwa die Hälfte. […] Waren noch im Jahr 1926 neun haltsbetrag einer Berufstätigkeit ermittelt wurde, die dem
von zehn Deutschen Bauern, so hatte sich dies zu Gunsten im Heimatland zuletzt ausgeübten Beruf äquivalent war (vgl.
von Industrie und Dienstleistungsberufen verschoben« (Ingen- Ingenhorst 1997, S. 104). Des Weiteren wurden Fortbildungs-
horst 1997, S. 58 f.). Da nach dem Zweiten Weltkrieg geschlos- und Umschulungsmaßnahmen gefördert und Deutsch-Sprach-
sene deutsche Siedlungen kaum noch vorhanden waren und kurse von zwölfmonatiger Dauer angeboten.
viele Russlanddeutsche nun in der Stadt lebten, ging der Ge-
brauch deutscher Sprache zurück. Besonders die Generation ⁴ Die Ausführungen beziehen sich allein auf Aussiedler (die, so wie die Befrag-
der nach 1955 Geborenen gab der russischen Sprache die Rolle ten der Untersuchung, vor dem 01.01.1993 eingereist sind) und nicht etwa
der Muttersprache; weniger als die Hälfte gab im Jahr 1989 auf Spätaussiedler, deren rechtliche Bestimmungen von denen der Aussiedler
Deutsch als Muttersprache an (vgl. Westphal 1997, S. 90). zum Teil abweichen.
⁵ Gemeint sind hier die zu Kriegszeiten mit Vertreibung und Zwangsumsied-
Vom Osteuropainstitut durchgeführte Befragungsstudien lung verbundenen materiellen Verluste, Kontaktabbrüche zu Familienangehö-
aus den Jahren 1985/1986 (vgl. Dietz 1988, Dietz/Hilkes 1988) rigen, die erzwungene Aufgabe von sprachlichen, kulturellen und religiösen
und 1989 (vgl. Dietz 1990, Dietz/Hilkes 1992) geben einen Ein- Traditionen und sonstige Diskriminierungen.
Aussiedler aus der Sowjetunion: Geschichte und Lebenslagen damals und heute 5

Aus den Darstellungen der Geschichte, der sozialen Lebens- häufig von den direkt Betroffenen als »Trauma an die nächste
lage in der Sowjetunion sowie den rechtlichen Grundlagen Generation« (Bade 1994, S. 158) weitergegeben wurde. Ande-
der Aussiedleraufnahme und den sich daraus ergebenden Aus- rerseits beschreibt ihre soziale Lebenslage in der Sowjetunion
gangsbedingungen für die Gestaltung des neuen Lebensrau- – zumindest auf struktureller Ebene – eine zufriedenstellende
mes ist einerseits die von Deportation und Vertreibung ge- Lebenssituation. Schließlich sind auch die strukturellen Aus-
kennzeichnete schicksalsschwere Grunderfahrung festzuhal- gangsbedingungen für Aussiedler in Deutschland als positiv
ten, die auch die nachfolgenden Generationen geprägt hat und zu bewerten.
Kapitel 3

Sozialisation, Selbstverständnis und Gesellschaftsbild

Die Bedeutung der Begriffe Selbstverständnis und Gesell- zwischen objektiv zugewiesener und subjektiv angeeigneter
schaftsbild soll in ihren für den gegebenen Zusammenhang Identität« (ebd., S. 142).
relevanten Aspekten im Folgenden dargestellt werden. Grund- In der primären Sozialisation erwacht das Bewusstsein für
lage der Entwicklung eines Selbst- und Gesellschaftsbildes ist den »generalisierten Anderen« (Mead 1968), indem von den
die Sozialisation des Individuums, deren für den Kontext wich- signifikanten Anderen auf die Allgemeinheit der Anderen, die
tige Inhalte vorab erläutert seien. Gesellschaft erweitert wird; Rollen, Einstellungen und Nor-
men, die das Kind in seiner unmittelbaren sozialen Umgebung
kennengelernt hat, versteht es zunehmend als allgemein gültig
3.1 Sozialisation und internalisiert auch diese. Es kann sich nun entsprechend
mit der Allgemeinheit der Anderen identifizieren und somit
Dem Selbstbild voran geht die Auseinandersetzung des Indi- seine Identität festigen, da es sich jedem Anderen gegenüber
viduums mit sich selbst und seiner sozialen Umwelt. Dieser subjektiv als konsistent erlebt.
wechselseitige Prozess wird in der Sozialisation beschrieben, Die Sprache ist der wichtigste Inhalt und das wichtigste
die von Geulen und Hurrelmann folgendermaßen definiert Werkzeug der Sozialisation. Sie wird gesellschaftsübergreifend
ist: »Sozialisation ist die lebenslange Aneignung von Aus- in der primären Sozialisation internalisiert. Durch sie werden
einandersetzung mit den natürlichen Anlagen, insbesondere gesellschaftliche Begründungs- und Auslegungszusammen-
den körperlichen und psychischen Grundmerkmalen, die für hänge vermittelt und übernommen.
den Menschen die ›innere Realität‹ bilden, und der sozialen Da das Kind zu seinen signifikanten Anderen Vertrauen hat
und physikalischen Umwelt, die für den Menschen die ›äu- und auch ihrer Weltauslegung vertraut, ist seine Welt kompakt
ßere Realität‹ bilden« (Geulen/Hurrelmann 1980, S. 51). Die- und zweifellos wirklich. Erst in einem späteren Entwicklungs-
ser Entwicklungsverlauf kann in eine primäre und sekundäre stadium des Bewusstseins werden Zweifel möglich. Die in der
Phase aufgeteilt werden. Die folgenden Ausführungen sind primären Sozialisation internalisierte Welt ist »viel fester im
an die von Berger und Luckmann (1969) angelehnt, die den Bewusstsein verschanzt als Welten, die auf dem Wege sekun-
Terminus »Sozialisation« im üblichen Gebrauch der Sozialwis- därer Sozialisation internalisiert werden« (Berger/Luckmann
senschaften verstehen (wie oben definiert), ihn aber in ihren 1969, S. 145).
theoretischen Rahmen einpassen. Das Ende der primären Sozialisation ist erreicht, sobald
die Vorstellung des generalisierten Anderen im Bewusstsein
3.1.1 Primäre Sozialisation verankert ist und der Mensch damit »ein nützliches Mitglied
der Gesellschaft [geworden ist] und subjektiv im Besitz seines
Die primäre Sozialisation stellt durch die in dieser entwickel- Selbst und einer Welt« (ebd., S. 148). Allerdings ist Sozialisa-
ten Strukturen die Basis für die sekundäre Sozialisation dar tion »niemals total und niemals zu Ende« (ebd.).
und ist somit von grundlegender Bedeutung.
Wenn ein Mensch geboren wird umgibt ihn eine bereits vor- 3.1.2 Sekundäre Sozialisation
handene Gesellschaftsstruktur, innerhalb derer »signifikante
Andere« (Mead 1968) für seine Sozialisation besonders prä- Jede Gesellschaft in der es Arbeitsteiligkeit gibt, hat gesell-
gend sind. Diese stehen zu ihm in direkter Beziehung und er schaftlich verteiltes Wissen, sodass eine sekundäre Soziali-
kann ihnen nicht ausweichen. Sie vermitteln ihm die gesell- sation, die auf der primären aufbaut, notwendig ist. Diese
schaftliche Welt durch eine Auswahl von Aspekten, die »je bedeutet die Internalisierung einer partiellen (und dennoch
nach ihrem eigenen gesellschaftlichen Ort und ihren eigenen kohärenten) Wirklichkeit (im Gegensatz zur ganzen Wirklich-
biographisch begründeten Empfindlichkeiten« getroffen wird keit, die man in der primären Sozialisation erfasst), die sich
(Berger/Luckmann 1969, S. 141). Folglich nimmt ein Kind die aufgrund der Arbeitsteiligkeit durch spezifisches Wissen aus-
gesellschaftliche Welt aus der Perspektive des sozialen Stand- weist. Im Laufe der sekundären Sozialisation wird dieses, je
orts derer, die seine Primärsozialisation übernommen haben, nach Rolle des Individuums, in einem institutionalen Gebiet
wahr und überträgt (in Teilen) deren Weltsicht auf seine ei- notwendige Wissen erworben; ein diesem entsprechendes Vo-
gene. Dies geschieht (nur), wenn eine emotionale Bindung kabular wird sich zu eigen gemacht sowie über dieses auch
zu den signifikanten Anderen besteht; das Kind internalisiert ein dem Ort eigentümliches Verhalten internalisiert.
nur dann die Rollen und Einstellungen und macht sich diese Sekundäre Sozialisation unterscheidet sich von der primä-
zu eigen, wenn es sich mit seinen Bezugspersonen auch iden- ren darin, dass sie meist ohne emotionale Identifikation aus-
tifiziert. »Der Mensch wird, was seine signifikanten Anderen kommt; »sie braucht zu ihrem Erfolge nur eben so viel wech-
in ihn hineingelegt haben. Das ist jedoch kein einseitiger, me- selseitige Identifikation, wie sie zu jedem Austausch zwischen
chanischer Prozess. Er enthält vielmehr eine Dialektik zwi- Menschen gehört« (Berger/Luckmann 1969, S. 151). Außerdem
schen Identifizierung durch Andere und Selbstidentifikation, ist es dem Individuum möglich der Wirklichkeit sekundärer

7
8 kapitel 3 Sozialisation, Selbstverständnis und Gesellschaftsbild

Sozialisation auszuweichen, da es den Teil des Selbst mit der kunftsorientierung richtungweisend sein. Allerdings bestehen
dazugehörigen Wirklichkeit ablegen kann, sobald die rollen- die für die Lebensführung relevanten Selbstbilder nur in der
spezifische Situation nicht relevant ist. Gegenwart, von der aus sie sich aktualisieren. Im Hinblick auf
die narrativ geführten Interviews der in Kapitel 4 vorgestell-
ten Untersuchung kann es bedeuten, dass die Erzählungen, da
3.2 Selbstverständnis sie aus der Perspektive des gegenwärtigen Selbstbildes vorge-
nommen werden, auch die Vergangenheit so abbilden, dass sie
Als Ergebnis von im Laufe der Sozialisation entwickelten Ge- dem heutigen Selbstverständnis entspricht und nicht das da-
wohnheiten, Dispositionen, Erfahrungen usw., die das Indi- malige reproduziert. Andererseits ist es aufgrund der methodi-
viduum charakterisieren und ein Bewusstsein für sich und schen Herangehensweise möglich, dass »eine enge […] Verbin-
seine eigene Unverkennbarkeit hervorbringen, ist das ›impli- dung zwischen der aktuellen Kommunikation einerseits und
zite‹ Selbst zu verstehen. Es wird im Handeln sichtbar und dem damaligen Erleben und den damaligen Handlungsorien-
durch dieses gefestigt sowie verwirklicht. Das Individuum tierungen des Erzählers andererseits« (Küsters 2009, S. 23)
erfährt sich als kohärentes Selbst, das sich mit seinem Selbst- hergestellt werden kann und somit die Deutung der Vergan-
bild identisch glaubt. Jedoch ist das Selbstbild der Entwurf genheit im Rückblick tatsächlich auch der damaligen Deutung
seiner selbst, in dem er einen »Spielraum [hat], dessen Gren- entspricht.
zen durch Anlagestruktur und Mitweltstruktur bestimmt sind.
Das Bild, das er von sich selbst entwirft, hat insoweit gegen-
ständliche Gewißheit für ihn, als er sich nach ihm verhält, 3.3 Gesellschaftsbild
bleibt ihm selbst aber auch insoweit immer ungewiß, als er
sein eigenes Bild noch negieren kann« (Dreitzel 1962, S. 191). »Das Selbstbild [ist] vorzüglich verbunden mit dem Gesell-
Dieser Entwurf kann dem Individuum unbewusst sein und schaftsbild, dessen Ausfluss und Gegenentwurf es zugleich ist.
bleibt entsprechend implizit.⁶ Selbstbild und Gesellschaftsbild gehören untrennbar zusam-
Im Unterschied dazu bringt das »explizite« Selbst diesen men, weil beide sich auf eine Mitwelt beziehen, die allererst
zum Ausdruck, indem es ihn darstellt und kommuniziert. In menschliches Sein ermöglicht. Sie wird [durch das genera-
nicht elaborierten Formen des Alltags handelt es sich dabei um lisierte Andere] verinnerlicht und trägt gerade darum den
situative Selbstdarstellungen, die zwar noch dem ›gewohnten‹ Außenaspekt nach innen, wie andererseits über das Selbstbild
Handeln entspringen, jedoch gezielt auf das Selbst Bezug neh- die innere Welt veräußerlicht wird und dadurch der Mitwelt
men und es thematisieren, um es über die Situation hinaus zu einen Innenaspekt verleiht« (Dreitzel 1962, S. 193). Sprache ist
typisieren. So zum Beispiel in Aussagen wie: »Du kennst mich dabei die vermittelnde Instanz.
doch!« Oder auch umgekehrt: »Das ist mir nur so herausge- Als Gesellschaftsbilder »werden gewöhnlich Vorstellungen
rutscht. So bin ich sonst nicht!« (Hahn 2000, S. 100). Darüber über die gesellschaftliche Wirklichkeit bezeichnet, welche eine
hinaus und in einer nicht alltäglichen Form kann die Darstel- gewisse Kohärenz und Konsistenz aufweisen und über den
lung des Selbst auch in einer biographischen Selbstreflexion Bereich der unmittelbaren Erfahrung hinausreichen« (Sand-
erfolgen, wie es unter Anderem im biographischen Interview berger 1983, S. 112). Sie werden in der Sozialisation vermittelt;
der Fall ist. In diesem wird der Lebenslauf, der eine Gesamt- abhängig von der gesellschaftlichen Position und den Empfind-
heit von Ereignissen, Erfahrungen und Empfindungen dar- lichkeiten des Subjekts signifikanter Anderer (und in Zusam-
stellt, in einer Auswahl besagter Gesamtheit vergegenwärtigt, menwirkung, schließlich auch der eigenen) in der Primärsozia-
innerhalb welcher neue Zusammenhänge erstellt werden, die lisation als auch der Lage innerhalb einer partiellen Wirklich-
es vorher so nicht geben konnte. Das Individuum entwickelt keit (z. B. Milieu, sozialer Standort) sowie von den gemachten
also eine Vorstellung seines Lebenslaufs, welche, abhängig sozialen Erfahrungen und nationalen, politisch kulturellen
vom Augenmerk, Momente aus seiner Totalität selektiert und Einflüssen, betrachtet das Subjekt die Gesellschaft.
zu einem Bild nach eigener Logik zusammenfügt. Es erzeugt Gesellschaftsbilder können für das Individuum folgende
ein Selbstbild. Wenn nicht in expliziten Aussagen, die eine Funktionen übernehmen: Seiner unmittelbaren Erfahrung ei-
Selbstauszeichnung (»Ich bin …«) beinhalten, so macht es doch nen weiteren Horizont verleihen, indem es Vorstellungen von
durch die Zusammenfügung einer Auswahl von Momenten Sachverhalten entwickelt, die über seine partielle Wirklichkeit
des Lebenslaufs nach eigener Logik, sowie in dazugehören- hinausreichen und somit Deutungsmuster zur Orientierung
den Aussagen und Argumenten deutlich, wie es sich selbst in einer weiteren, komplexen Wirklichkeit bieten. Des Wei-
versteht bzw. verstanden wissen will. Auf dieser Basis stehen teren selektieren Gesellschaftsbilder die Wahrnehmung von
die in Kapitel 4 ausgeführten Analysen zum Selbstverständnis Informationen, indem den, mit schon vorhandenen Vorstellun-
der interviewten Zielgruppe. gen kompatiblen Informationen, Aufmerksamkeit geschenkt
»Manchmal allerdings übernimmt es auch Konzepte seiner wird, während widerstreitende Einflüsse (sofern die Diskre-
selbst, die von anderen entwickelt wurden. Es ist dann für panz zwischen Erfahrung und Vorstellung nicht zu groß ist)
sich selbst, was andere von ihm sagen« (ebd., S. 98). So zum nicht zugelassen werden. Schließlich kann auch davon ausge-
Beispiel, wenn einige Interviewte angeben, dass sie von der gangen werden, dass Gesellschaftsbilder eine Orientierung zu
Gesellschaft in der Sowjetunion als gut arbeitende und flei-
ßige Deutsche wahrgenommen wurden und dies auch in ihr
⁶ Selbstbild bzw. Selbstverständnis wird in den folgenden Kapiteln auch als
Selbstbild integrieren. Identität bezeichnet. Denn die Interviewerin kann als Außenstehende (erst
Gleichermaßen selbst- und fremdentwickelte Selbstbilder recht) nicht zwischen Selbst und Selbstbild differenzieren; es wird also ab-
können für die Deutung der Vergangenheit als auch die Zu- wechselnd von Identität, Selbstbild und Selbstverständnis die Rede sein.
Zusammenfassung und Zusammenhang zur eigenen empirischen Untersuchung 9

bewusstem Handeln liefern. entwickelt. Von diesem entwirft es ein Bild, das es mit dem
Sylvia Dietmaier-Jebara knüpft mit ihrer Studie an die ›eigentlichen Selbst‹ als deckungsgleich erlebt und entweder
Frage der Entstehung des Gesellschaftsbildes an und kommt implizit durch Handeln, in situativen (mehr oder weniger
zu dem Ergebnis, dass dieses in der alltäglichen Lebensfüh- impliziten) selbstauszeichnenden Aussagen nach außen trägt
rung aktiv entworfen wird. Es spiegelt wider, »welche An- oder explizit kommuniziert. Letzteres kann zum Beispiel in
sprüche und Bedürfnisse die Menschen an das Leben haben, biographischen Narrationen (im narrativen Interview) gesche-
wie sie diese unter den gegebenen Bedingungen umsetzen hen. Durch eine Auswahl von Momenten aus dem Lebenslauf,
und wie diese Alltagspraxis in Auseinandersetzung mit der die nach der Logik des aktuellen Selbstverständnisses neu
gesellschaftlich produzierten Ideologie, mit den Normen und zusammengefügt werden sowie dazugehörende Argumenta-
Leitbildern zu einem Bild über die Gesellschaft zusammenge- tionen und eventuelle Selbstauszeichnungen gibt das Indivi-
fügt wird« (Dietmaier-Jebara 2005, S. 331). Alltägliche Erfah-
duum dann zu verstehen, wie es sich selbst wahrnimmt. Dieser
rungen können mit Hilfe des Gesellschaftsbildes interpretiertKommunikation liegt aber nicht zwangsläufig zugrunde, dass
werden und es gibt Orientierung für soziales und politisches dem Individuum sein Selbstbild bewusst wäre; sie gibt viel-
Handeln, sowie in unbekannten Situationen. mehr auf besagte Weise sein vorbewusstes Selbstverständnis
Angesichts solcher weist es eine hohe Stabilität auf, weil es
preis, das erst durch die Interpretation der benannten Aspekte
in der alltäglichen Lebensführung gründet. Diese verändert zugänglich wird. Diese erfolgt in Kapitel 4 durch die Inter-
sich mit neuen gesellschaftlichen Lebensbedingungen (wie sie viewerin, die unter der Überschrift »Selbstverständnis« in
z. B. im Einwanderungsland vorgefunden werden) zwar in Worte kleidet, was die befragte Person so nicht ausdrücken
ihrer Form, jedoch nicht in ihrer Logik, wie Margit Weihrich konnte oder wollte, dem aber doch zustimmen kann (oder
aus ihrer Untersuchung der Konstruktion alltäglicher Lebens- könnte wenn nicht wollte), sofern das Interpretierte richtig
führung im Umbruch folgert: »Das etablierte Regelsystem, ist.
an dem sich der Aktor bei seinen Handlungsentscheidungen Ähnliches gilt für das Gesellschaftsbild, das mit dem Selbst-
orientiert, wird nicht so einfach außer Kraft gesetzt, nur weil
bild eng verknüpft ist. Dessen Interpretation basiert in der
sich die Rahmenbedingungen geändert haben« (Weihrich 1998, vorliegenden Untersuchung allerdings auf relativ vielen kon-
S. 486, 487). Dies lasse sich ähnlich, so Dietmaier-Jebara, auch
kreten gesellschaftsauszeichnenden Aussagen, die auf explizi-
auf das Gesellschaftsbild übertragen; Vorstellungsinhalte ver-
tes Nachfragen zustande gekommen sind, sodass die Vorstel-
änderten sich, die Grundstruktur bleibe jedoch erhalten, wel-lungen über Gesellschaft – sei es in der Sowjetunion oder in
che die Sichtweise der Gesellschaft, den ihr zugrunde liegen-Deutschland – spätestens im Moment der Frage ins Bewusst-
den sozialen Typus, den Gesellschaftsaufbau sowie die sozia- sein geholt und entsprechend formuliert wurden.
len Beziehungen zum Inhalt hat (vgl. Dietmaier-Jebara 2005, Für den Gegenstand der Untersuchung besonders interes-
S. 333). sant ist die Frage, inwiefern das Selbstbild, das sich über einen
relativ langen Zeitraum (etwa 30 Jahre) unter gesellschaftlich
wenig veränderten Bedingungen in der Sowjetunion entwi-
3.4 Zusammenfassung und Zusammenhang ckeln konnte, in der neuen Lebenswelt der Bundesrepublik
zur eigenen empirischen Untersuchung fortgeführt werden kann und inwiefern das damit im Zusam-
menhang stehende Bild von der deutschen Gesellschaft (das
Selbstverständnis und Gesellschaftsbild gehen aus der primä- in der Grundstruktur dem des Bildes von der sowjetischen
ren und sekundären Sozialisation hervor, in der das Indivi- Gesellschaft gleicht) der Integration bzw. dem Wohlbefinden
duum in Beziehung zur Gesellschaft ein kohärentes Selbst in Deutschland zuträglich ist.
Kapitel 4

Empirische Untersuchung

4.1 Untersuchungsziele taktaufnahme über die Freundin einer Freundin (Decker) und
einem über den Mitbewohner der Interviewerin (Egert). Alle
Ziel der empirischen Untersuchung ist die Darlegung des GesprächspartnerInnen waren der Interviewerin bis zum Zeit-
im Laufe der (Migrations-)Biographie von russlanddeutschen punkt des Gesprächs unbekannt, aber in vier von fünf Fällen
Aussiedlern entwickelten Selbstverständnisses sowie ihrer Ge- (Albert, Berndt, Claus und Egert) über die Verbindung der El-
sellschaftsbilder von der sowjetischen als auch von der deut- tern bzw. des Mitbewohners nicht völlig fremd. Die befragten
schen Gesellschaft. Des Weiteren soll der Zusammenhang Personen wussten alle, dass die Interviewerin selbst Aussied-
zwischen Selbstverständnis und Gesellschaftsbildern und der lerin ist und waren von diesem Wissen in ihrer Erzählung
Integration der Eingewanderten im Sinne eines personalen beeinflusst, da über die Gemeinsamkeit schneller Vertrauen
und relationalen Gleichgewichtszustands analysiert werden aufgebaut werden konnte. Allerdings kann diesbezüglich un-
(Dieses Begriffsverständnis von Integration wird in Kapitel 5 ter anderem die Tatsache, dass unterschiedliche Generationen
erläutert). interagierten, (in manchen Fällen) als störend bewertet wer-
den. Der Erstkontakt erfolgte stets telefonisch.
Als Erhebungsinstrument wurde das biographisch narra-
4.2 Qualitatives Verfahren tive Interview nach Fritz Schütze gewählt. Da nur eine Ein-
stiegsfrage von der Interviewerin gestellt wird, eröffnet es
Die Entscheidung für ein qualitatives Erhebungsverfahren dem/r Interviewten die Möglichkeit, nur darauf begrenzt die
ergibt sich aus dem Erkenntnisinteresse an komplexen Zu- Lebensgeschichte zu erzählen, die Themen innerhalb seiner
sammenhängen, die nur mit diesem erfasst werden können Erzählung frei zu bestimmen. Durch immanente Nachfragen
(vgl. Flick/Kardorff/Steinke 2000, S. 23). Das zu erforschende seitens der Interviewführenden können nicht thematisierte Le-
Selbstverständnis und die Gesellschaftsbilder stehen mit der bensbereiche oder Verständnisschwierigkeiten später erfragt
Biographie eines Menschen in enger Verbindung, sodass de- werden und mit Hilfe exmanenter Fragen nach der Erster-
ren vollständiger Verlauf und die darin enthaltenen objek- zählung auf für die Forschungsfrage relevante Themen, die
tive Prozesse sowie subjektive, bewusste und nicht bewusste bislang nicht wurden, eingegangen werden. Letztere wurden
Zusammenhänge, die der/die Befragte/n konstruiert, erfasst im Vorfeld formuliert; ebenso die Einstiegsfrage sowie einige
werden müssen. So kann nur ein qualitatives Verfahren ange- Punkte, von denen zu erwarten war, dass sie erwähnt wer-
wandt werden, das sich für die Exploration von Zusammen- den würden. Nach den Interviews wurden jeweils Interview-
hängen eignet. Mit einem quantitativen Verfahren, welches protokolle angefertigt, die Beobachtungen über das Zusam-
auf der Prüfung von Hypothesen basiert, könnten diese nicht mentreffen, Eindrücke und Gedanken sowie alles, was vor
ermittelt werden und eine Theoriegenerierung auf Grundlage Einschalten und nach Abschalten des Aufnahmegerätes ge-
der empirischen Daten, die mit dieser Arbeit anvisiert ist, tan oder gesprochen wurde, aus der Erinnerung wiedergeben.
wäre nicht möglich. Es geht schließlich auch nicht um die Diese können im Anhang unter dem Punkt A sowie B.1, B.3,
Erforschung statistischer Relationen vor dem Hintergrund ei- B.5, B.7 und B.9 eingesehen werden. Die Transkription der
ner Grundgesamtheit, sondern um das Herausarbeiten von Interviews erfolgte nach den von Küsters (Küsters 2009, S. 75)
typischen Profilen eines oder mehrerer Zusammenhänge und angegebenen Transkriptionsregeln.
somit um eine »theoretische Repräsentativität«, die von der
qualitativen Forschungslogik beabsichtigt wird (Hermanns
1992, S. 116). 4.4 Die Untersuchungsgruppe
Für die methodische Konzeption der Untersuchung leitend
ist eine subjektorientierte Perspektive, die das Individuum, Die empirische Grundlage der vorliegenden Untersuchung
seinen einzigartigen Lebenslauf sowie seine Sichtweise auf besteht aus fünf russlanddeutschen Aussiedlern, die in den
diesen in den Mittelpunkt der Anschauung stellt. Um also Jahren von 1948 bis 1956 in unterschiedlichen Republiken der
diese möglichst von eigenen Vorabvorstellungen unvoreinge- Sowjetunion geboren sind und bis zum Ende der 80er, An-
nommen zu erfassen, bietet sich das biographisch narrative fang der 90er Jahre in diesen gelebt haben. In dieser Zeit sind
Interview nach Fritz Schütze (Schütze 1983, 1987) an. sie nach Deutschland ausgewandert und leben somit zum
Zeitpunkt der Befragung seit ca. 20 Jahren hier. Nach diesen
gemeinsamen Merkmalen wurden die Interviewpartner aus-
4.3 Das Erhebungsverfahren gesucht. Das Alter und der Zeitpunkt der Ausreise sollten eine
hinreichend lange (primäre und ›gefestigte‹ sekundäre) Sozia-
Drei von den fünf befragten Personen (Albert, Berndt und lisation in der Sowjetunion sicherstellen, während durch ca.
Claus) wurden über die Eltern der Interviewerin kontaktiert; 20 Jahre Aufenthalt in Deutschland eine (mehr oder weniger)
sie sind Bekannte ihrer Eltern. In einem Fall erfolgte die Kon- abgeschlossene Eingewöhnung und das ›Kennen‹ (im Sinne

11
12 kapitel 4 Empirische Untersuchung

eines alltagstauglichen Verständnisses der Struktur und so- Typen bestehen, sollen damit aufgezeigt werden. Der Begriff
zialen Gegebenheiten) der Gesellschaft gewährleistet werden Typus bezeichnet eigentlich eine Teilgruppe innerhalb der ge-
sollte. Nicht zuletzt war auch die damit (meist) einhergehende samten Untersuchungsgruppe, die gemeinsame Eigenschaften
Sprachkompetenz für das narrative Interview von Bedeutung. aufweist und deren spezifische Konstellation charakterisiert
Unter den Befragten waren zwei Frauen und zwei Männer ist. Um das Charakteristische eines Typus möglichst klar her-
sowie ein Ehepaar, wobei in diesem Fall die Biographie des ausstellen zu können, ist eine hohe interne Homogenität wich-
Mannes erhoben wurde und die Aussagen seiner Ehefrau als tig. Zwischen den Typen sollte eine hohe externe Heterogeni-
Ergänzungen berücksichtigt wurden (eine Begründung erfolgt tät bestehen, sodass sie gut voneinander unterscheidbar sind
in Kapitel 4.8.3). und eine möglichst breite Vielfalt des Untersuchungsgegen-
Alle untersuchten Personen hatten den Bildungsabschluss standes sichtbar wird (vgl. Kluge 1999, S. 42).
Mittlere Reife und, bis auf eine (Arbeiterin in einer Fabrik), Da aber die Zahl der untersuchten Personen in der vorlie-
einen Ausbildungsberuf ergriffen, in dem sie bis zur Ausreise genden Arbeit sehr gering ist, besteht ein Typus aus nur einer
auch arbeiteten. In Deutschland arbeit(et)en sie meistens in Person und es werden insgesamt nur zwei maximal voneinan-
ähnlichen (dem Ausbildungsniveau entsprechenden) Positio- der kontrastierende Typen gebildet. Diesen werden Unterty-
nen. Alle leben in Dörfern oder Kleinstädten und vier von pen zugeordnet, die in einigen vergleichbaren Gesichtspunk-
ihnen in einem selbstgebauten Haus. ten die interne Homogenität zwischen Typus und Untertyp
verdichten und in anderen, unterscheidenden Merkmalen die
externe Heterogenität verdeutlichen und somit die denkbare
4.5 Die Auswertung der Interviews Vielfalt des Untersuchungsgegenstandes nur andeuten kön-
nen. Homogenität und Heterogenität werden also anhand
Die Interviews hatten eine Dauer von einer bis dreieinhalb einzelner Untersuchungselemente deutlich gemacht.
Stunden. Neben darin enthaltenen Erzählungen wiesen sie Typenbildung macht die Verallgemeinerung der Untersu-
auch viele Beschreibungen und Argumentationen auf (je- chungsergebnisse möglich. Bei dieser geht es nicht um das
weils im Sinne der Ausführungen von Przyborski/Wohlrab- quantitative Vorkommen eines Typus innerhalb eines sozialen
Sahr 2008, S. 224 ff). Folglich wurden die von Schütze (1983, Feldes, sondern vielmehr um die Identifizierung von Typen
S. 286 ff.) vorgeschlagenen Auswertungsschritte so modifiziert, und um die anschließende Erklärung fallinterner Merkmale
dass eine größtmögliche Gegenstandsangemessenheit gewähr- (vgl. Brüsemeister 2008, S. 29). Der Tatsache geschuldet, dass
leistet werden konnte. Um die verschiedenen Prozessstruktu- nur fünf untersuchte Fälle vorliegen, ist es nicht möglich die
ren des Lebenslaufs herauszuarbeiten, wurde zunächst eine vorgefundenen Typen durch eine größere Personengruppe mit
strukturelle inhaltliche Beschreibung vorgenommen. Anschlie- gemeinsamen Eigenschaften zu erhärten; sie müssen somit
ßend wurden in der Wissensanalyse Argumentationen und vage bleiben. Allerdings können anhand von Zusammenhän-
Beschreibung untersucht. Da diese häufig einen Großteil des gen, die bei jedem Typus vorliegen, generalisierende Aussagen
Interviews ausmachten, kam ihnen auch in der Auswertung getroffen werden.
viel Aufmerksamkeit zu. Hier wurden in Anknüpfung an die Die Untersuchung will den Zusammenhang zwischen dem
Methodologie der »Grounded Theory« von Glaser und Strauss Selbstverständnis und Gesellschaftsbildern russlanddeutscher
(1967) Kategorien erstellt, mit Hilfe derer die für die Frage- Aussiedler und Integration im Sinne eines personalen und rela-
stellung wichtigen Sichtweisen der Befragten systematisch tionalen Gleichgewichtszustands beleuchten. Folglich wurden
erfasst werden konnten. Am Ende einer jeden Interviewana- die Vergleichsdimensionen Selbstbild, insbesondere das Selbst-
lyse erfolgte eine Einordnung in die von Schüzte (1993, S. 286) verständnis in Bezug auf die deutsche Volksangehörigkeit, die
herausgearbeiteten biographischen Prozessstrukturen, die zu- Vorstellungen von der deutschen Gesellschaft sowie soziale
sammenfassend den Zusammenhang der Biographie und des Kontakte/Beziehungen zu Aussiedlern und Einheimischen als
(zentralen) Selbstbildes in Anbetracht des gelebten Lebens relevant erachtet und gegenübergestellt.
demonstrieren sollten. Nach der Interpretation der einzelnen
Interviews wurde ein systematischer Bezug zwischen den Fäl-
len hergestellt, indem sie miteinander kontrastiert wurden. 4.7 Anonymität und Erklärungen zur Wort-
Dabei wurden zwei voneinander maximal kontrastierende Ty- wahl
pen (siehe folgendes Kapitel zur Typenbildung) ausgemacht,
deren Analysen zur besseren Nachvollziehbarkeit in ausführ- Alle relevanten Informationen, die die Identifizierung der Be-
licher Form dargestellt werden. Bei den drei anderen Fällen, fragten ermöglichen könnten, wurden verändert. Vor- und
die sich zwischen den maximal kontrastierenden bewegen, Zuname sowie Angaben zum Wohnort wurden durch Pseud-
werden nur die zentralen Ergebnisse der Analysen zum Selbst- onyme ersetzt, jedoch zu den Originalen möglichst äquivalent
verständnis und Gesellschaftsbild präsentiert. transformiert, um so die Authentizität zu wahren.
Aus demselben Grund wurde bei den Analysen die Wort-
wahl mancher Begriffe von den Interviewten übernommen.
4.6 Typenbildung So wurden, trotz des Wissens um die offizielle Bezeichnung
»Kirgisistan« und »Republik Moldau«, in den Analysen die
Die Bildung von Typen soll den Untersuchungsgegenstand Bezeichnungen »Kirgisien« und »Moldawien« verwandt.
strukturieren und zentrale Untersuchungselemente nach Un- Von den Befragten gebrauchte Begriffe, die so in der deut-
terschieden und Gemeinsamkeiten ordnen. Inhaltliche Sinnzu- schen Sprache nicht vorkommen, deren Bedeutung aber aus
sammenhänge, die innerhalb eines Typus sowie zwischen den dem Kontext hervorgeht, wurden ebenfalls übernommen.
Analysen 13

4.8 Analysen Die Reaktion von D. auf die Erzählaufforderung zeigt, dass
es ihm unangenehm ist einen großen Redeanteil zu überneh-
4.8.1 Hermann Decker men und die Auswahl der konkreteren Themen selber vorneh-
men zu müssen. »Bin ich kein großer Erzähler…« könnte auch
Hermann Decker (im Folgenden nur noch mit D. abgekürzt) ist eine vorauseilende Entschuldigung für seine mangelnden Er-
1956 in Kirgisien geboren. Schon kurz darauf wandert sein Va- zählfertigkeiten sein. Er ratifiziert somit den Erzählstimulus
ter mit der ganzen Familie nach Kasachstan aus. Dort, in einer nicht, lässt sich aber auf die erneute Aufforderung der In-
etwa 30 000 Einwohner großen Stadt, die zu einem großen terviewerin – eher unfreiwillig – ein. Die daraus resultierte
Teil von Deutschen besiedelt ist, lebt er bis zu seiner Aus- Stegreiferzählung und D’s Redeanteil, in dem er die Thematik
reise nach Deutschland. Er macht eine Ausbildung an einem selber wählt, ist sehr kurz. Anschließend folgen Antworten
Technikum, die ihn dafür qualifiziert im technischen Bereich auf Fragen der Interviewerin.
eines landwirtschaftlichen Betriebes zu arbeiten. Nach zwei Die extrem kurze Erzählung von der Geburt bis zum Al-
Jahren Militärdienst, zu dem er nach Abschluss der Ausbil- ter von dreiunddreißig Jahren ist auffällig. Sie umreißt D’s
dung einberufen wird, heiratet er und nimmt die Arbeit in Position in der Geschwisterfolge und das Geburtsland, die Aus-
einem großen in der Stadt angesiedelten landwirtschaftlichen wanderung der Familie nach Kasachstan und deren Grund
Betrieb auf. In dieser Zeit kommen auch die zwei Kinder zur sowie die diesbezüglich relevanten politischen Begebenheiten
Welt. Einige Jahre später verpflichtet sich D. für fünf Jahre zu jener Zeit. Das Geburtsjahr wird nicht im Zusammenhang
bei der Armee. Im Alter von 33 Jahren wandert er mit sei- der Geburt sondern mit der Passausgabe und der damit ver-
ner Familie nach Deutschland aus. Nach kurzen Aufenthalten bundenen Ausreisemöglichkeit erwähnt. Biographische Anga-
in zwei Übergangslagern zieht die Familie zunächst in eine ben über die Familie, Schulzeit, Familiengründung, Erwerbs-
heruntergekommene Wohnung, dann in eine Sozialwohnung tätigkeit(en) bleiben vorerst aus. Diese erste Erzählung wird
und schließlich in das selbstgebaute Haus. D. und seine Frau damit geschlossen, dass D. und seine Familie bis zu seinem
erhalten einen Sprachkurs, welchen er aber schon nach einein- dreiunddreißigsten Lebensjahr in Kasachstan lebte, welches
halb Monaten abbricht um arbeiten zu gehen. Er fängt in der gleichzeitig das Jahr der Auswanderung nach Deutschland
nächstgelegenen Stadt als Straßenkehrer an und arbeitet – in ist. Im Anschluss bewertet er seine Geschichte als gewöhnlich
höherer Position – auch heute noch dort. Um das Haus finan- und unbedeutend. Diese Bewertung zeigt sich auch im wei-
zieren zu können, geht D. einem Nebenjob als Autoschlosser teren Gesprächsverlauf noch sehr häufig und schickt bereits
nach, in dem er an den Wochenenden schwarz arbeitet. Die- an dieser Stelle voraus, wie auch alles im Folgenden Gesagte
sen hat er vor einem Jahr aufgegeben um der Tochter beim zu beurteilen ist. Zwei Deutungsmöglichkeiten drängen sich
Bau des Eigenheims helfen zu können. diesbezüglich auf: Die unwichtige Geschichte verweist auf
die Unwichtigkeit ihres Protagonisten; diese Annahme würde
4.8.1.1 Strukturelle inhaltliche Beschreibung von aus- auch darin bestätigt, dass der Passausgabe mehr Bedeutung
gewählten Segmenten aus der Haupterzählung zukommt, als der eigenen Geburt. Im gesamten Interview
und dem Nachfrageteil redet D. wenig von sich und gebraucht selten die Ich-Form,
stattdessen sagt er häufig »du«, »man« oder erzählt in 1. Per-
Erzählstimulus und Eingangserzählung son Plural. Dem nicht widersprüchlich, aber doch eine andere
I: Also wie ja bereits angesprochen geht es um Ihre Le- mögliche Deutung dieser Aussage ist die, dass D. betonen will,
bensgeschichte, und zwar wie das Leben für Sie war in der dass er und seine Lebensgeschichte nicht herausstechen aus
Sowjetunion und wie es in Deutschland war und heute ist. dem, was als normal gilt und für jedermann plausibel ist. Er
Also Ihre ganze Lebensgeschichte und ähm, ja erzählen Sie will sich nicht als Jemand besonderes bzw. mit besonderer
einfach alles was äh, was Ihnen wichtig ist und was Ihnen Lebensgeschichte verstanden wissen, sondern sich einreihen
einfällt und, und ich werd Sie jetzt erzählen lassen und Sie in die vielen ähnlichen Lebensgeschichten anderer Menschen,
erstmal nicht unterbrechen und Ihnen einfach nur zuhören so wie er sich auch in die Geschwisterfolge als Vierten in die
und wenn ich ne Frage habe hab ich diesen Block hier und Schicksalsgemeinschaft der Familie einreiht und dort in die 1.
werd mir das notieren und werd Sie aber jetzt erstmal nur Person Plural eintaucht.
erzählen lassen und dann Indem er die Ausreise nach Kasachstan als »Freiwillig ohne
H. D.: ( ) bin ich kein großer Erzähler und deswegen mir gezwungen und so weiter« beschreibt, setzt er bereits im zwei-
wäre lieber wenn Fragen und Antworten. Aber ich ( ).. ten Satz die erste Markierung für eine Schlüsselkategorie, die
I: Fangen Sie einfach mal an und dann ähm.. gucken wir sich im ganzen Interview durchzieht. Immer wieder argumen-
H. D.: Ja gut, (der vierte) geboren bin ich in Kirgistan, Kir- tiert D. dass weder Deutsche seiner Generation in Russland,
gisien und nach paar Jahre sind wir ausgewandert nach noch russlanddeutsche Aussiedler in Deutschland irgendei-
Kasachstan. Freiwillig ohne gezwungen und so weiter, da- ner Art »Unterdrückung« oder Benachteiligung ausgesetzt
mals sechsundfünfzich fünfundfünfzich wurd das aufgeho- (gewesen) wären. Es ist ihm sehr wichtig zu betonen, dass sie
ben und dann haben die Leute Pässe gekriegt und dann keiner Sonderbehandlung im negativen Sinne unterstanden
durften sie ausreisen. Und deswegen sind wir nach Ka- bzw. unterstehen.
sachstan, hat Vater einfach andere Lebensraum gesucht
oder (lacht) Arbeitsraum gesucht, ist dann nach Kasachs- Auswanderungsentscheidung und Antragstellung
tan ausgewandert.. Dort sind wir, haben wir gelebt bis ich Auf die erste kurze Erzählung folgen einige temporal nicht
dreiunddreißich wurde ungefähr, ja.So ganz normale, keine verknüpfte Beschreibungen und Argumentationen, denen D.
große Geschichte (S.61, Z.1–23) sehr bald seine Aufforderung anknüpft das Thema zu kon-
14 kapitel 4 Empirische Untersuchung

kretisieren (Z. 74). Darauf geht die Interviewerin mit einer deutschen (an anderer Stelle wird dies explizit gesagt) verwei-
erzählgenerierenden Frage ein: sen auf eine starke Orientierung an der deutschen Nationalität
Dann, wie, ich mein wie kam es zur Entscheidung dann und damit einhergehend wahrscheinlich auch auf weitere Pra-
auszuwandern? xen deutscher Kultur, die sie an ihre Enkel weitergibt. Den
H. D.: Wie kam es zur Entscheidung zur auszuwandern, äh.. Traum der Großmutter in die Heimat Deutschland auszurei-
als erste unsere Großmutter, ja gut die Oma von die Mami sen, wiederholt D. drei Mal in stets demselben Wortlaut. Er
Seite, Mamas Mutter, die hat immer gesagt, die hat auch internalisiert den von der Großmutter unrealisierten Wunsch
kaum Russisch gesprochen, sie hat gesagt: »Irgendwann und lässt ihn, auch später als Erwachsener, unhinterfragt zum
fahren wir nach Hause.« Und nach Hause war immer nach eigenen werden. Dies bestätigt sich in der späteren Aussage:
Deutschland. Ja, und von daher schon von Kindheit waren »Aber trotzdem sag ich doch von Omas Zeiten noch wir fah-
wir schon so geprägt.. Also das war immer Omas Traum, ren nach Deutschland ( ), das war einfach drin, da hat keiner
klar die konnte damals nicht, und konnt das vergessen da- widersprochen oder so was« (Z. 564–566). Die Tatsache, dass
mals konntest du nicht auswandern. Und äh.. dann hat sie sie davon spricht »nach Hause« und nicht nach Deutschland
aber immer gesagt: »Irgendwann fahren wir nach Hause, ir- zu fahren offenbart, dass sie ihr Leben in Kasachstan als ein
gendwann fahren wir nach Hause nach Deutschland.« Und.. Verweilen in der Fremde wahrnimmt und damit als eine ge-
dann ist sie, dreiundsechzig glaub ich gestorben.. dann ist fühlte Heimatlosigkeit, die sie an die Enkel weitergibt. Die
andere Oma, von Vater seine Mutti praktisch, die ist zu uns Großmutter väterlicherseits führt dieses Vermächtnis fort und
gezogen und sie hat auch immer geträumt von Deutschland, wird, indem sie die tatsächlich ausreist, zum Vorbild. 1979
und dann Jahre.. oh achtundsiebzig oder so was ja, ist die oder 1980 schickt sie der in Kasachstan zurückgebliebenen Fa-
Oma nach Deutschland gezogen hier, nach DDR. milie die erste Einladung nach Deutschland. Daraufhin wird
I: Hm hm. der erste Antrag auf Ausreise gestellt, der aber sofort abge-
H. D.: Dann ist sie nach Deutschland gezogen und dann lehnt wird. Der vermutete Grund für die Ablehnung ist die
im Jahre… neunundsiebzich oder achtzich wir wollten landläufige Annahme, dass insbesondere Familien mit Söh-
auch nachziehen, also unsere Familie, ganze Familie nach nen die Ausreise verweigert wird. Ein solches »Hindernis«
Deutschland. Äh, die Oma hat uns Einladung geschickt ist aber auf keinem Wege zu beseitigen. D. wiederholt in die-
oder sowas, wir haben damals erste mal Antrag gestellt ser kurzen Passage viermal die Ablehnung des Antrags, zwei
und das wurde uns abgelehnt, gleich total, uff Aussprache mal davon bekräftigt er, dass »alles« und »total« abgelehnt
oder wie, auf jeden Fall auf abgelehnt und haben gesagt: wurde. Möglicherweise lassen ihn das unumgehbare »Hin-
»Nee, die Familien mit Mädchen« zum Beispiel »oder gar dernis« und die totale Zurückweisung seitens der Behörden
keine Kinder haben, die dürfen ausreisen, die Familien mit zunächst resignieren, denn der nächste Versuch erfolgt erst
viel Jungs dürfen nicht ausreisen.« War so ne unoffizielle sieben Jahre später. In dieser Zwischenzeit verpflichtet sich
Aussage ja, warum auch immer. Das hat man damals ge- D. auf fünf Jahre bei der Armee, fünf Jahre in denen er mit
sagt. Und damals wurde uns abgelehnt Antrag, achtzich Sicherheit nicht wird ausreisen können. Vielleicht ist nach der
einundachtzich haben wir Antrag gestellt ja zum ersten herben Enttäuschung der Traum erstmal aufgegeben und D.
Mal. Und da wurde alles abgelehnt total, und dann erst im konzentriert sich nun auf die Verbesserung der aktuellen Le-
achtundachtzich oder sowas hat die Oma dann schon über benslage durch den Eintritt in die Armee (bessere Bezahlung).
andere Wege und so weiter wieder Antrag geschickt und Darüber gibt er allerdings keinerlei Auskunft; er schließt dem
dann hat’s geklappt. Misserfolg sofort die erfolgreiche Antragstellung an. Dieser
I: Hm. hilft D. auf nicht ganz offiziellem Wege, durch das Nutzen
H. D.: Aber auch, was heißt geklappt ja auch.. hehe sagt seiner Beziehungen, nach. Der Erfolg wird nicht allein durch
man so (schwarze Gänger) bisschen beigeholfen, mal da Be- andere – die Zustimmung der Behörden – hervorgebracht, er
kannte mal da und so weiter, deswegen (7). (S.62, Z.74–112) kommt nicht passiv über die Familie, vielmehr nimmt D. sein
Der zitierte Abschnitt stellt die Auswanderungsentschei- Schicksal in die Hand und kann sich den positiven Ausgang
dung und die wiederholte Antragstellung bis zur Bewilligung letztlich ein Stück weit selber zuschreiben. Dies kommt darin
dar. zum Ausdruck, dass es nicht nur »geklappt« hat, sondern dass
Auf die Frage, wie es zur Entscheidung kam auszuwandern, er auch »bisschen beigeholfen« hat.
rekurriert D. auf den Wunsch seiner Großmutter – zunächst
mütterlicherseits. Er führt sie ein als »die Oma von die Mami Erste prägende Erfahrung in Deutschland
Seite, Mamas Mutter, (…), die hat auch kaum Russisch gespro- Nachdem D. die Umstände bei der Ausreise beschreibt; das
chen.« Die familiäre Bezeichnung »Oma« und »Mami« bzw. wenige Geld, das die Familie mitnehmen durfte, den vorausge-
»Mama« deutet auf ein warmes innerfamiliäres Klima und schickten Container mit Gebrauchsgegenständen, die strengen
eine gute Beziehung zu diesen Frauen seiner primären Sozia- Zollbedingungen und die zwei Stationen der Übergangslager,
lisation. Insbesondere die Großmutter, die bis zu ihrem Tod in denen die Familie insgesamt drei Wochen verbringt, erzählt
im Jahre 1963 bei der Familie lebt, hat auf das damals sechs- er von seiner Erfahrung in der ersten Wohnung in Deutsch-
jährige Kind einen stark prägenden Einfluss, was die Ausreise land.
nach Deutschland und vermutlich auch die Identität und das H. D.: Dann hat der Bruder hier Wohnung gemietet für
Gefühl der Zugehörigkeit zum deutschen Volk anbetrifft. D. uns. Und dann hat er uns abgeholt, sind wir nach Rülzheim
ist sich dieser Prägung bewusst: »Ja, und von daher schon von und dann nach einem Jahr nach Speyer gezogen. Als wir da
Kindheit waren wir schon so geprägt« (Z. 81–82). Ihre gerin- ankamen, haben wir eigentlich super angefangen, damals
gen Kenntnisse der russischen Sprache und der Gebrauch der war grad die Zeit äh sind viele eingereist, da war auch
Analysen 15

Schwierigkeiten mit der Wohnung sowieso. Und der Bruder strengung zu verdanken hat, getreu seiner Devise »wer was
hat in Rülzheim eine ältere Wohnung so gefunden, haben machen will, der macht was aus sich« (Z. 244). die er im Zu-
wir viel erlebt, als wir kamen natürlich haben wir, unsere sammenhang mit der Erfolgsgeschichte seiner Schwester auf-
Container mit der Bettwäsche und so weiter waren noch stellt. Er hat seine Lage gleich richtig einzuschätzen gewusst
nicht da, und dann haben wir vom Rathaus so paar Bette (als gute Ausgangslage, die verbessert werden kann und nicht
gekriegt und Matratzen, und Matratze ja, und haben wir die als solche, die nur bemitleidenswert und unveränderbar wäre),
Bette aber nicht aufgestellt weil das war altes Zeug aus dem ist entsprechend aktiv geworden und »so langsam langsam
Keller mit entsprechendem Geruch und Aussehen natürlich, hochgestiegen« (Z. 704). Ganz anders also als diejenigen, die
und sind wir einfach auf den Matratzen hingelegt und auf sich zunächst überschätzen, daraufhin ›absteigen‹ und folglich
dem Boden geschlafen. Da waren wir, ein Jahr haben wir »mosern« und unzufrieden sind (Z. 694–706). Die Geschichte
gelebt ja, circa ein Jahr haben wir gelebt in Rülzheim und vermittelt, dass sich D. durch widrige Umstände nicht unter-
da waren Ratten alles Mögliche, das war alte Wohnung kriegen lässt sondern diese vielmehr als Herausforderung und
mit Holzboden und als wir dann in einem Zimmer Boden Möglichkeit begreift sie durch aktives Handeln (harte Arbeit)
aufreißen, aufrissen da waren Rattennester. zu etwas Positivem zu wenden.
I: Ahh
H. D.: Das war eklich, ganz ehrlich. Meine Frau hat damals Sprachkurs und Arbeitsaufnahme
schon gesagt: »Hätten wir noch was in Russland gehabt, D. schildert dann den Start der Kinder in Schule und Kinder-
hätten wir hätte ich sofort zurückgefahren.« Also so was ek- garten sowie den Beginn der Sprachkurse für ihn und seine
liges weißt, dort eigentlich haben wir ganz gut gelebt, durch- Frau. Diesen bricht er nach kurzer Zeit ab, um arbeiten zu ge-
schnittlich oder überdurchschnittlich ein bisschen, haben hen: »War aber ein tappischer Lehrer, hat er nix beigebracht,
wir beide gearbeitet wie jeder andere, haben nicht schlecht deswegen war das verlorene Zeit, hab ich lieber Bewerbun-
verdient und war alles okay und hier in so ein Loch rein- gen geschrieben, hab ich Job gefunden, bin ich gleich arbeiten
zukommen das war schon ein bisschen hart. Aber okay gegangen, obwohl ich Deutsch, na die Sprache war noch natür-
wir haben dort Stricke abgeschnitten, Haus, Auto verkauft, lich ganz schlimm…« (Z. 180–184). So schnell es geht werden
alles verkauft, natürlich Geld haben wir da gelassen, was nun die Vorkehrungen getroffen, um sich aus der unerträgli-
willst damit anfangen? Da war noch die Verwandtschaft chen Situation zu befreien. Dabei steht der Erwerb finanziel-
von der Frau da, haben wir alles da gelassen. Wie gesagt ler Ressourcen vor dem Spracherwerb, wenngleich Ersteres
bloß mit vierzig Rubel dahergereist. Und äh.. ja… da haben mittels einer Arbeitsstelle erreicht wird, die allein Mittel zum
wir was erlebt in der Wohnung, aber ich finde das auch gut Zweck ist und die D. zumindest unangenehm ist, da er sich da-
so, das wir so angefangen haben, so schlecht. Wir haben uns für rechtfertigt: »Als Straßenkehrer (lacht verlegen) ja bin ich
langsam, dann sind wir ein Jahr da gewohnt in Rülzheim, gegangen, ja dat is mir egal was und so weiter, ich geh arbeiten
waren noch Schwiegereltern dabei.. (S.63, Z.140–174) ich kann das nicht mehr aushalten nix machen und so wei-
Diese Erzählung ist im gesamten Interview die einzige, die ter« (Z. 192–195). Für den Spracherwerb lohnt es sich offenbar
so detailliert wiedergegeben wird, sodass ihr eine gewisse Be- nicht, die Unannehmlichkeiten auf sich zu nehmen (den Leh-
deutung eingeräumt werden kann. Zu späterem Zeitpunkt rer zu ertragen, wie seine Frau es getan hat; vgl. Z. 608–611),
wird noch einmal in einer Argumentation darauf Bezug ge- sein Nutzen ist nicht so unmittelbar wie der der Arbeitsauf-
nommen (Z. 689–707). Es ist das erste prägende Erlebnis in der nahme. Vielleicht ist ihm auch das Lernen der Sprache im
lang ersehnten »Heimat« welches einen dramatischen Anfang Vergleich zur Arbeit als Straßenkehrer unverhältnismäßig
nimmt. Für D. und seine Familie ist es ein harter Schlag in schwerer gefallen. Ein Beleg dafür könnte sein, dass er an an-
einer alten Wohnung mit Ratten und auf Matratzen auf dem derer Stelle im Zusammenhang des Sprachelernens von seiner
Fußboden schlafend hausen zu müssen, nachdem sie einen Frau sagt: »… Deutsch konnte sie mehr als ich. Frauen sind
»überdurchschnittlich(en)« Lebensstandard in Kasachstan ge- sowieso schlauer« (Z. 611). Der Wert guter Sprachkenntnisse
nossen haben. Als sie die Rattennester entdecken erreicht die wird ihm wahrscheinlich später bewusst; während der Be-
bedrückende Wohnsituation ihren Höhepunkt, die in dem Aus- schreibung der Gegebenheiten am Arbeitsplatz (Z. 195–222)
ruf der Ehefrau, sofort die Rückreise antreten zu wollen, wenn thematisiert er größtenteils was in die Schlüsselkategorie »Un-
sie nur die Möglichkeit dazu hätte, dramatisch zugespitzt wird. terdrückung« gefasst werden kann, dabei zieht er auch eine
An dieser Stelle wird nicht deutlich, ob D. selber diese Mei- Verbindung zu guten Sprachfähigkeiten:
nung hundertprozentig teilt; er beschreibt nur pragmatisch die Und wegen der Aussprache natürlich klar, das hört man und
Unmöglichkeit ihrer Realisierung. Sicher ist wohl aber, dass Fehler sind da, die kann man nicht mehr beheben (lacht).
auch ihn die Situation hart trifft, die er in der Retrospektive Hoffen wir bloß das das bei den Kindern anders ist. Naja
verharmlost: »… und hier in so ein Loch reinzukommen das aber, siehst du ein bisschen fühlst du dich schon unterdrückt,
war schon ein bisschen hart«. Gleich zu Beginn der Erzählung du gewöhnst dich langsam daran, aber irgendwo ist doch
evaluiert er die folgenden Geschehnisse gleichermaßen iro- was.. weil solang du nix sagst vielleicht naja gut und (es
nisch und doch auch so gemeint, wie gesagt: »… haben wir sieht man auch), solang du nix sagst und wenn du Ro, Mund
eigentlich super angefangen…« Letzteres bestätigt sich in der aufmachst hörst das du nicht da geboren bist (lacht verle-
abschließenden Evaluation: »… aber ich finde das auch gut so, gen). (S.63, Z.212–220)
das wir so angefangen haben, so schlecht.« Diese ist das Ergeb-
nis seiner rückblickenden Betrachtung aus der heutigen Sicht. Beruflicher Werdegang in Kasachstan
Heute kann er so eine Erfolgsgeschichte ›von unten nach oben‹ Nach der Aufforderung etwas über seine Schulzeit zu erzählen
erzählen, als jemand der ›es geschafft‹ hat und es seiner An- und der Frage nach der Entscheidung für das Technikum, be-
16 kapitel 4 Empirische Untersuchung

schreibt D. sehr kurz seine Schulzeit und erzählt anschließend tische Gründe die ihn bei der Berufswahl leiten. Zwar bringt
von seinem beruflichen Werdegang in Kasachstan. er auch das Argument der Begabung und Vorliebe für Autos
I: Hm. Und wieviel Klassen haben Sie da gemacht? und Traktoren an; dies erscheint aber – betrachtet man die
H. D.: Ich hab acht Klassen gemacht und dann bin ich Satzkonstellation – eher unglaubwürdig: »… mein Vater hat
in Technikum gegangen. Noch vier Jahre in Technikum, immer in der Landwirtschaft Firma gearbeitet und irgendwie,
Landwirtschaft Technik da studiert oder gelernt. man konnte nix anderes, ich weiß nicht, war ich Technik be-
I: Hm. Und wie kam die Entscheidung das Technikum dann gabt, also mit Autos und Traktoren hab ich gern was gemacht
zu machen? …« Die Begabung steht jedoch unter dem vorausgeschickten
H. D.: Hmhmhm, das weiß ich nicht, wie die Entscheidung Zweifel »ich weiß nicht« und der Erklärung »man konnte nix
war, das war einfach so, mein Vater hat immer in der Land- anderes«, die erahnen lässt, dass andere Rahmenbedingungen
wirtschaft Firma gearbeitet und irgendwie, man konnte nix womöglich eine andere Begabung hervorgebracht hätten.
anderes, ich weiß nicht, war ich Technik begabt, also mit Eine andere Möglichkeit, die ihm zumindest theoretisch zur
Autos und Traktoren hab ich gern was gemacht und deswe- Verfügung stand, die seine Schwester auch wahrgenommen
gen sind so die Hände, Bruder war dort noch, und das hat hat – das Studium an einer Universität – schließt er mit den
mich auch hingezogen, wir haben in der Nähe so, in dem Worten: »Und studieren wollt ich nicht, weil so begeistert von
nächsten Dorf auch dem Technikum gehabt, war nicht so der Schule war ich auch wieder nicht (lacht)« aus. Er scheint
weit hier. Wahrscheinlich das alles zusammen. Und studie- es jedoch in Erwägung gezogen zu haben – wahrscheinlich
ren wollt ich nicht, weil so begeistert von der Schule war aufgrund des Vorbilds seiner Schwester – und meint sich für
ich auch wieder nicht (lacht). die Entscheidung gegen das Studium rechtfertigen zu müssen.
I: (lacht) Hm. D. versucht aber seine Ausbildung im Technikum, das er an
H. D.: Und deswegen, bin ich zu Technikum, und danach anderer Stelle als »Berufsschule oder so was oder (Hochschul)
wieder auch in der Firma wo der Vater gearbeitet hat, das oder wie« (Z. 31) übersetzt, dem Studium (der Schwester) an
war die größte Landwirtschaft Firma bei uns, waren noch der Universität gleichzusetzen oder zumindest anzunähern
paar, aber dort war unser Vater, das hat man jeden gekennt wenn er davon spricht im Technikum vier Jahre »studiert oder
und so weiter, dann bin ich auch dahin. Hab ich dort paar gelernt« zu haben.
Jahre gearbeitet und dann wie gesagt hab ich mich für fünf
Jahre verpflichtet in die Armee. Da war ich fünf Jahre da. Kennenlernen der Ehefrau
I: Und, Sie wurden aber einberufen oder In einem auffällig kurzen Absatz erzählt D. auf Nachfrage
H. D.: Nee, freiwillig. vom Kennenlernen der Ehefrau.
I: Sie haben aufgehört zu arbeiten und sind in die Armee? H. D.: Äh die Frau hab ich zufällig mal gesehen und dann,
H. D.: Ja. die wohnte im gleichen Dorf, in die gleiche Stadt hat sie
I: Und wie kam das? gelebt. Bloß, ich hab gedacht ich kenn jedem aber die hab
H. D.: ( ) Truppental, das Truppental war bei uns im Dorf ich später entdeckt.
praktisch, hab ich auch die Jungs gekennt, und da war grad I: (lacht) Hm.
so eine Stelle frei, mit meinem Beruf was ich (gern) mach H. D.: Na hab ich gesehen und dann, ja… unsere beide Fami-
und so weiter und was ich bei der Armee in Pflichtzeit lien waren in einer Stadt gelebt, hab ich zufällig getroffen..
gelernt hab, da war die Stelle frei und da hab ich mich haben wir geheiratet (lacht).
beworben. I: (lacht) Ihre Frau ist auch Deutsche?
I: Hm. H. D.: Ist auch Deutsche ja. Ja gut war auch, es kam auch nie
H. D.: Hab ich eigentlich, ja gut äh, man kennt sich in der in die Frage irgendwas anders bei zu heiraten oder sowas.
Stadt so, da bin ich eigentlich locker reingekommen. (S.65, (S.65, Z.488–498)
Z.393–430) Auch in diesem Lebensbereich scheint er nach einem ähn-
D. absolviert acht Klassen und erreicht damit den niedrigs- lich pragmatischen Auswahlprinzip vorzugehen wie bei der
ten Schulabschluss sowie die Voraussetzung für den Besuch Berufswahl. Die Frau, die er »zufällig« sieht, lebt in seiner
des Technikums, das auf landwirtschaftliche Technik speziali- geographischen Nähe und ist deutscher Abstammung, deren
siert ist. Die Entscheidung für diesen Werdegang wird nicht Wichtigkeit D. in der nachstehenden Argumentation deutlich
bewusst und nach Abwägung der Möglichkeiten getroffen, macht; eine russische oder kasachische Frau wäre ganz un-
was sich in D’s zögerlichen Antwort auf die Nachfrage zeigt: denkbar gewesen. Bei diesem eigentlich emotionalen Thema
»Hmhmhm, das weiß ich nicht, wie die Entscheidung war, das kommt D’s Erzählung ganz ohne emotionale Begrifflichkeiten
war einfach so… .« Vielmehr sind es die praktischen Umstände, aus. Vielleicht ist es D. unangenehm der Interviewerin von ei-
dass sein Vater und sein Bruder bereits in dem nahe gelegenen ner doch so persönlichen Erfahrung zu erzählen, sodass er sich
landwirtschaftlichen Betrieb arbeiteten und das Technikum im entsprechend kurz fasst und sich nur auf die aus seiner Sicht
nächsten Dorf liegt, die bei der Ausbildungswahl ausschlag- nötigsten Angaben beschränkt. Diese sind neben der örtlichen
gebend sind. Dieses Entscheidungsmuster setzt sich weiter und ethnischen Herkunft (letzteres nach Nachfrage), dass D.
fort, als er in demselben Betrieb anfängt, in dem auch sein seine heutige Ehefrau »zufällig mal gesehen« hat, daraufhin
Vater arbeitet und in dem »man jeden gekennt« hat. Ebenso die Feststellung macht, dass er, anders als gedacht, doch nicht
ist das Truppental praktisch nah, D. kennt dort bereits Leute alle im Dorf kennt, dass beide Familien in derselben Stadt
und es wird gerade eine Stelle frei, die das erfordert, was er leben und sie dann heiraten, nachdem er noch mal betont,
gelernt hat. Wahrscheinlich ist das Gehalt bei der Armee auch dass er sie »zufällig« getroffen hat. D. beschreibt dabei nur
höher, was aber D. nicht explizit erwähnt. Es sind also pragma- seine Perspektive; er sieht sie, er entdeckt sie, er trifft sie. Die
Analysen 17

Reaktion der »Frau«, wie er sie hier unpersönlich nennt und oder Tschechei dürfen wir nicht.
später mit »die« bezeichnet, wird nicht berichtet. Wiederholt I: Hm.
spricht er in diesem Zusammenhang von Zufall. D. könnte da- H. D.: Das war bei mir sogar persönlich passiert, ich war
mit ausdrücken wollen, dass er nicht gezielt auf Partnersuche in der Schule gut, in der Armee und aus Versehen wollten
war, sondern nur »zufällig« und unerwartet eine Frau trifft, die mich, also die Besten waren dann ausgewählt für Aus-
die ihm gefällt und seine Ansprüche erfüllt. Denkbar wäre land praktisch, also Tschechei und DDR, und dann haben
auch, dass er mit dieser Wiederholung seine Überraschung sie mich noch rechtzeitig gestoppt (lacht) (andere gehen
betont, auf eine Person aus seinem Dorf zu treffen, die er bis lassen). Da sind die Deutschen nicht rausgekommen, ich
dahin noch nicht kannte. Anders als bei der Findung seiner weiß nicht warum wie auch immer. Aber auf jeden Fall,
Arbeitsstellen, an die er über Beziehungen gelangt, lernt er das war einzigste Unterschied, sonst kein Problem. Und bei
seine Frau nicht über Bekannte, Freunde oder Familie kennen. die Kinder sowieso nicht, also, weil wir sind da geboren,
Aber ähnlich wie bei dieser scheinen es die »praktischen« Um- wir haben auch Sprache hundertprozentich gekannt klar, so
stände zu sein, die ihn zu der Entscheidung bewegen, die ihm wie deine Eltern wahrscheinlich auch. Und… ne, war alles
›über den Weg gelaufene‹ Frau zu ehelichen. okay… (S.62, Z.35–72)
D. orientiert sich bei der Auswahl der Themen fast aus-
4.8.1.2 Wissensanalyse schließlich an seiner Leitkategorie »Unterdrückung« bzw.
»Nicht-Unterdrückung«. Er belegt diese mit seinen Erfahrun-
»Unterdrückung« gen in Kasachstan aus unterschiedlichen Lebensbereichen; so
Das wohl zentralste Thema, das sich durch das gesamte In- waren in den Bereichen Bildung und Arbeit Deutsche kei-
terview zieht ist das der Unterdrückung. Obwohl seitens der nerlei Einschränkungen oder Benachteiligungen ausgesetzt,
Interviewerin in keinster Weise nach diesem Thema gefragt sogar in der Armee durfte er arbeiten. Hier wurde ihm aller-
wird und es auch in der Unterhaltung vor Beginn des Inter- dings der Auslandseinsatz aufgrund seiner ethnischen Zuge-
views unerwähnt bleibt, ist es für D. sehr relevant. Möglicher- hörigkeit verweigert, was D. als »einzigste[n] Unterschied«
weise glaubt er, dass dies die eigentliche Fragestellung hinter aber nicht als »Unterdrückung« deklariert. Auch das »Hetzen«
dem so allgemein gehaltenen Erzählstimulus ist. Da die Inter- »zwischen den Jungs«, das hier wohl als nicht ernst gemeintes
viewerin im Gesprächsverlauf die Thematik nicht fördert, D. Anstacheln zwischen Jugendlichen verstanden werden kann,
aber immer wieder von selber darauf zu sprechen kommt, ist ist in D’s Augen harmlos. Zuletzt bekräftigt er das Nichtvor-
sie eindeutig allein seiner Relevanzsetzung geschuldet. handensein von »Unterdrückung« mit seiner Logik eines kau-
Das Thema führt D. bereits in seinem zweiten Satz ein, als salen Zusammenhangs: ›Im Land geboren sein‹ sowie das Vor-
er die Freiwilligkeit der Ausreise des Vaters nach Kasachstan handensein ›hundertprozentiger Sprachkenntnisse‹ hat das
betont, darauf folgen nachstehende Aussagen, die alle aus Ausbleiben von »Unterdrückung« zur Folge.
dem kurzen Hauptteil stammen (und ihn fast komplett aus- Das nächste Mal kommt D. auf »Unterdrückung« im Zusam-
machen), dessen Thematik er, innerhalb der Vorgabe seine menhang der Beschreibung seiner Arbeitsstelle in Deutsch-
Lebensgeschichte zu erzählen, frei wählt: land zu sprechen:
[…] was besonders was, was als Deutsche in Kasachstan Und äh, hab ich angefangen ja erstmal, zwischen Arbeits-
oder so was als Unterdrückung oder so was, hat man prak- kollegen war, sag ich, keine Unterdrückung oder sowas,
tisch nix gemerkt, ja gut zwischen den Jungs bloß so hat weil als ich kam waren nur Einheimische in dem Betrieb,
man gehetzt ein bisschen, das du Deutsche warst oder bist. wir waren circa zwanzich Mann im Betrieb und äh waren
Aber sonst, (ist) eigentlich kein großer Unterschied, deswe- nur Einheimische. Und gelacht oder sowas hat keiner und…
gen sag ich auch die Schwester hat, manche sagen: »Wurde inzwischen bin ich ja bisschen gewachsen, bin ich in dem
man da unterdrückt, als Deutsche kannst du nicht studie- gleichen Betrieb schon seit zwanzich Jahre fast, na jetzt ist
ren«, oder sowas. Find ich alles Quatsch, weil Beispiel un- überhaupt kein Problem klar, aber gab’s auch keine Unter-
sere Familie die Schwester älteste, die war gut in die Schule, drückung. Natürlich.. was ich, was ich nicht mag, sagen
hat auch Studium gemacht ohne Probleme. wir egal was du machst oder bist, ja keine Unterdrückung
I: Hm. offene aber gegen Russe haben sie doch was, Russ bleibst
H. D.: Hm. Gearbeitet pff, Job, wegen Job auch kein Pro- du Russ, oder bist von Russland bist du Russe, die machen
blem war, also keine Unterdrückung als Deutscher oder keine Unterschiede große zwischen Russen und Aussiedler
sowas. Haben wir eigentlich ganz gut gelebt, wir waren in oder so, Deutschrussen und so weiter. Intelligente Leute
so einem Dorf oder Stadtmitte, so wie Kreisstadt ungefähr machen schon Unterschied, die wissen bescheid, die sagen
mit dreißich tausend Einwohner… hm, eigentlich ( )mein auch nicht was aber normale so Arbeiter manchmal kommt
Leben keine große Geschichte. Letzte Zeit hab ich sogar auch doch raus. Beim Streit oder sowas weißt du, und dann
bei der Armee da gearbeitet, als Deutscher war auch kein kommt doch raus das du aus Russland bist, vergessen tut
Problem. das Keiner. Und wegen der Aussprache natürlich klar, das
I: Hm. hört man und Fehler sind da, die kann man nicht mehr
H. D.: Als Einzigste, als ich in der Armee war, als Pflicht, beheben (lacht). Hoffen wir bloß das das bei den Kindern
Pflichtdienst, und dort dürfen die.. nicht, ich hab eigentlich anders ist. Naja aber, siehst du ein bisschen fühlst du dich
war ich in so eine Schule und dann wollten sie uns in Aus- schon unterdrückt, du gewöhnst dich langsam daran, aber
land, was heißt Ausland, damals war Tschechei DDR und irgendwo ist doch was.. weil solang du nix sagst vielleicht
so weiter, und wir als Deutsche dürfen nur direkt in Russ- naja gut und (es sieht man auch), solang du nix sagst und
land, Ukraine oder Kasachstan so, nach DDR zum Beispiel wenn du Ro, Mund aufmachst hörst das du nicht da geboren
18 kapitel 4 Empirische Untersuchung

bist (lacht verlegen). Also auch kein Nachteil, sagen wir mal so, komplette Unter-
I: (lacht) Hm. drückung oder so weiter. Wenn jemand was will das aus sich
H. D.: Aber so allgemein ist kein Problem… Eigentlich machen dann macht er auch« (Z. 261–265).
(lacht). (S.63, Z.195–222) An späterer Stelle kehrt D. – nach 15 Sekunden Stille – wie-
Hier geht D. stärker auf die zwischenmenschliche Ebene der zu dem Thema zurück, das ihn so sehr beschäftigt: »Aber
der »Unterdrückung« ein: Obwohl er der einzige Aussiedler so wie gesagt… hier sagen wir, das du unterdrückt warst, nee«
ist, und dazu noch mit sehr schlechten Sprachkenntnissen, la- (Z. 360), und bezieht sich dabei auf Kasachstan. Er zieht hier
chen sie ihn nicht aus. Diese offene Form der »Unterdrückung« einen Bogen von seiner Jugend bis zum Erwachsenenalter
hatte D. vielleicht erwartet, sie bleibt aber aus. Vielmehr sind kurz vor der Ausreise (vgl. Z. 360 ff) und bilanziert diese Zeit,
es die unterschwelligen Formen der »Unterdrückung« die D. also sein ganzes Leben in Kasachstan mit folgenden Worten:
schließlich doch einräumen muss. In welcher Art sich diese »Sag ich doch keine offizielle Unterdrückung oder so was, auf
äußern, erwähnt er nicht und kann sie wahrscheinlich in ihrer jeden Fall hab ich so was nicht gemerkt..« (Z. 377–378). Wenn
Unbestimmbarkeit auch nicht in Worte fassen; er beschreibt D. im oben gezeigten Zitat sagt: »hier sagen wir«, könnte dies
sie als Gefühl: »ein bisschen fühlst du dich schon unterdrückt, zweierlei bedeuten. Erstens wird die Beurteilung aus heuti-
du gewöhnst dich langsam daran, aber irgendwo ist doch ger Sicht (in Deutschland) in der Retrospektive beurteilt und
was.. .« Grund der »Unterdrückung«, der im Streit mit den zweitens besagt das »wir«, dass D. nicht alleine so denkt und
Kollegen (»normale so Arbeiter«) erkennbar wird, ist die Her- die Aussage womöglich das Ergebnis gemeinsamer (mit wem
kunft aus Russland und damit einhergehend die falsche Aus- bleibt unklar) Überlegungen ist. Beide Punkte beeinträchti-
sprache sowie grammatikalische Fehler. Sie verstehen D. als gen ihren Wahrheitsgehalt; D. könnte früher anders gedacht
Russen und »gegen Russe haben sie doch was«, ganz im Ge- haben als heute und würde vielleicht auch heute anders den-
genteil zu »intelligenten Leuten«, die den Unterschied zwi- ken, wenn er dabei von anderen Meinungen unbeeinflusst
schen Russen und russlanddeutschen Aussiedlern kennen und geblieben wäre.
somit wissen, dass D. als deutscher Staatsangehöriger keine Die folgende Passage ist für das Unterdrückungsthema zen-
Angriffsfläche für »Unterdrückung« bietet, so D’s Perspek- tral; sie zeigt den Wendepunkt der bisherigen Argumentati-
tive. In Deutschland gilt in D’s Verständnis nicht länger die onslinie – von »keine Unterdrückung« zum »schlimmste[n]
Formel: ›Im Land geboren sein‹ und das Vorhandensein ›hun- Heimatlose[n]«.
dertprozentiger Sprachkenntnisse‹ führt zum Ausbleiben von H. D.: Jaa, ich hab doch gesagt, nach außen merkst du
»Unterdrückung«, wie er sie für sein Leben in Kasachstan pos- nix, nach außen ja. Dir sagt direkt ins Gesicht nicht oder
tuliert. In der Bundesrepublik ist es die Zugehörigkeit zum wenn du in der, in die Verwaltung kommst, sagt dir keiner
deutschen Volk, die den Grund für das Ausbleiben von An- ins Gesicht: »Du bist ein scheiß Faschist oder sch ein Deut-
feindungen oder Benachteiligungen stellen soll (dies bestätigt scher.« Grob, grob, offiziell nicht, hinten rum ja. Und das
sich auch an einer später ausgeführten Stelle). Allerdings ist merkst du hier, auch hier in Deutschland du merkst, hier
dieser nicht für jedermann so leicht zugänglich und auf An- sagt ja auch keiner offiziell ins Gesicht: »Du bist Russ, du
hieb erkennbar wie zum Beispiel Sprachfertigkeiten, sodass kriegt das nicht oder du darfst das nicht«, oder sowas weißt
von ›nicht intelligenten‹ Leuten ebenfalls nicht auf Anhieb »Du bist aus Russland«, sagt keiner offiziell.. Aber irgendwo
erkennbare, latente »Unterdrückung« ausgeht. Sie beschränkt hängt das bei jedem. Irgendwie merkst du doch, weißt das
sich hauptsächlich auf die zwischenmenschliche Ebene und ist äh Abstand irgendwie halten oder.. das die Leute, ich weiß
so verhüllt, dass D. sie nur kurz erwähnt, um dann doch wie- nicht, wenn äh zum Beispiel für die Einheimische meiner
der zu dem zurückzukehren was er so gern glauben will und Meinung nach derTürk der hier geboren ist, ist näher als
auf struktureller Ebene wohl meistens auch zutrifft: »Aber so wir, komischerweise, für die Einheimische hehe. Der hier
allgemein ist kein Problem… Eigentlich (lacht).« geboren ist, der spricht deutsch, der ist zu dene näher als
In der anschließenden Passage bestärkt D. wieder das Nicht- wir, die Eingereiste…
vorhandensein von »Unterdrückung« auf struktureller Ebene I: Hm.
und stellt sogar den Vorteil von Aussiedlern heraus: H. D.: … Das irgendwie, es ist keine Unterdrückung, nein,
Und eigentlich von der Familie.. sind alle gut hier, ein Bru- aber irgendwie merkst du immer das das bleibt, das ist
der ist ja selbstständig, der hat Küchengeschäft.. der jüngste, auch immer da. Du merkst, also in sich merkst du das du,
ist gut ja. Zwei Brüder arbeiten auch.. handwerkliche Be- das du nicht vollständig dahergehörst. Wir sind eigentlich
rufe aber okay sind zufrieden. Also war kein Nachteil weil, schlimmste Heimatlose. Weil nee, das ist so, weil richtige
die, Aussiedler oder Deutsche sind manchmal doch hand- Heimatlose, weil dort haben wir, haben gesagt: »Hey du bist
werklich geschickter wie, sagen wir Einheimische hehe oder Faschist, fahr doch nach Hause! Du bist Deutsche fahr doch
die reine Russen so, sagen wir. Die Aussiedler können et- nach Hause, ja. Verschwinde!« Und hier fragen sie:»Warum
was handwerklich mehr, also sind geschickter, egal wo du bist du gekommen, du gehörst hier nicht her!« Hehe.
nimmst, egal ( ). (S.63, Z.223–230) I: Hehehe, ja, das ist wohl so.
In Bezug auf die Geschicklichkeit in handwerklicher Arbeit H. D.: Ja. Von Anfang hab ich noch Geschichte erzählt: »Wir
grenzt er Aussiedler gegenüber »Einheimischen« und »reine sind doch Deutsche, alle Verwandte sind Deutsche und so
Russen« sogar ab und stellt sie positiv heraus. weiter.« Und jetzt hab ich aufgehört. Bringt nix! (4) (S.66,
Auch am Beispiel seiner Schwester, die in Deutschland Kar- Z.526–554)
riere gemacht hat, demonstriert er, dass sie es als Aussiedlerin Nach erneuter Nachfrage seitens der Interviewerin wie es
›geschafft‹ hat: »hat sie sich hochgesteigert langsam in der zu der Ausreiseentscheidung kam, obwohl die Familie ihr Le-
Firma und dann haben sie sie als Direktorin dahin geschickt. ben in Kasachstan doch fest gegründet hatte, bricht es aus D.
Analysen 19

heraus. Um seiner bisherigen Argumentationslinie, in der er des Interviews). Auf diese Weise stellt er vermutlich Distanz
immer wieder betont, dass ihm bis auf wenige, unerhebliche zu sich her, was auf seine emotional starke Verwicklung am
Ausnahmen keine »Unterdrückung« widerfahren ist, nicht Thema verweist. Außerdem bezieht er die Interviewerin so
(komplett) zu widersprechen, hebt er zunächst hervor (auch stärker in seine Perspektive ein und wirbt um ihr Verständ-
am betonten Sprechen erkennbar), dass sie nicht »nach au- nis.
ßen« sichtbar ist und nicht »offiziell« vonstatten geht. Den- Nachdem D. durch die Beschreibung seiner wirtschaftlich
noch erlebt D. »Unterdrückung«; in einer Form, die äußerlich »überdurchschnittlichen« Situation in Kasachstan belegt, dass
nicht an Fakten festgemacht werden könnte, die er jedoch er nicht aus ökonomischen Gründen nach Deutschland aus-
innerlich ganz klar spüren kann, sowohl in Kasachstan als gewandert ist, trifft er folgende, das Thema »Unterdrückung«
auch in Deutschland. Sie ist in dieser Passage keine unwe- abschließende, Aussage: »Also von daher.. keinen Nachteil, ich
sentliche Ausnahme sondern letztlich auch ein entscheidender meine von vom Essen oder von der Arbeit her, bloß irgendwie
Grund für die Ausreise. Dennoch zögert er das geschilderte das innere Gefühl oder wie das war nicht okay« (Z. 590–592).
Erleben als »Unterdrückung« zu bezeichnen und findet doch Hier formuliert D. explizit, dass die »Unterdrückung« nicht
keinen passenden Begriff für sein Gefühl: »Das irgendwie, auf struktureller Ebene (wie z. B. gegenüber den Kasachen bei
es ist keine Unterdrückung, nein, aber irgendwie merkst du der Arbeitsplatzvergabe vgl. Z. 861–867), sondern vielmehr
immer das das bleibt, das ist auch immer da« (Z. 542–544). auf gefühlter, personeller Ebene stattgefunden hat. Diesmal
Er setzt das Relativpronomen »das« ein, ohne das Nomen nimmt er keine Verharmlosung vor und versucht das ungute
zuvor benannt zu haben, auf welches er sich dabei bezieht; innere Gefühl auch nicht als Ausnahmeerscheinung zu dekla-
es steht für das nicht in Worte fassbare Gefühl, das sich an rieren.
Fakten nicht festmachen lässt. Es ist das schmerzliche Gefühl,
das durch die Verweigerung der Zugehörigkeit sowohl zur »Nix besonderes«
kasachischen als auch zur deutschen Gesellschaft, ausgelöst Die nächste wichtige Kategorie, die sich in den verschiede-
wird und in der Feststellung »Wir sind eigentlich schlimmste nen Zusammenhängen des ganzen Interviews immer wieder
Heimatlose« gipfelt. Es ist somit auch die Verweigerung der bemerkbar macht, ist die des »normal seins« bzw. nicht »beson-
Anerkennung seiner Person und die »Unterdrückung« sei- ders seins«. Als D. auf den Erzählstimulus hin zunächst von
ner Menschenwürde wenn ihm aufgrund seiner Herkunft seiner Geburt erzählt, ist es seine Position in der Geschwister-
nicht dieselben Rechte und derselbe Wert zugestanden wer- folge, die er als erstes nennt und diese somit wichtiger erschei-
den. ›Du bist Russ, du kriegst das nicht oder du darfst das nen lässt als zum Beispiel das Geburtsjahr, von dem er auch
nicht‹ sagt ihm zwar keiner »offiziell ins Gesicht«, »aber ir- nur im Zusammenhang der Passausgabe berichtet. Dass dies
gendwo hängt das bei jedem. Irgendwie merkst du doch, weißt die Schlussfolgerung zulässt, dass D. seiner Person die hier
das äh Abstand irgendwie halten«. D. wird nicht offensicht- eigentlich angebrachte Wichtigkeit nicht zukommen lässt und
lich seiner Rechte beschnitten, aber indem ihm vorenthalten das Ereignis seiner Geburt in die der vielen Geburten seiner
wird, was anderen zusteht und Menschen auf Abstand zu ihm Geschwister einreiht und somit gewissermaßen untertaucht,
gehen, bekommt er einen minderen Wert seiner Person ver- wurde bereits in der Analyse des ersten Erzählsegments dis-
mittelt. Eine starke Kränkung empfindet D. auch darin, dass kutiert.
er nicht als Deutscher erkannt wird, der folglich das Recht Ebenso die in diesem eingelagerte Bewertung seiner Ge-
hat in Deutschland zu leben und den »Einheimischen« als schichte: »So ganz normale, keine große Geschichte« (Z. 22).
einer der ihren gelten müsste, ihnen somit auch »näher« sein Darauf beschreibt D. die damalige Familienkonstellation, den
müsste als zum Beispiel Türken. Diesen gegenüber erfüllt Schulbesuch aller Geschwister und deren Bildungsabschlüsse
sich die Logik, die er in Kasachstan für sich postulierte: ›Im (Schwester: Studium; Brüder: Technikum). Das zwischen die
Land geboren sein‹ und Vorhandensein ›hundertprozentiger Beschreibungen eingeschobene »Nix besonderes« könnte sich
Sprachkenntnisse‹ führt zum Ausbleiben von Unterdrückung auf beide beziehen; eine Familie wie jede andere und der Schul-
und in diesem Fall auch zu (mentaler) Nähe, die er aber auf besuch, wie bei allen anderen Kindern auch. Kurze Zeit später,
die Situation der Türken nicht überträgt, vielleicht deshalb nachdem D. kaum etwas aus seinem Leben erzählt hat, scheint
nicht, weil sich besagte Logik auch ihm gegenüber letztlich er seine Ausführungen bereits abschließen zu wollen mit den
nicht bewahrheitet hat. Er versteht nicht, dass »der Türk der leisen Worten: »mein Leben keine große Geschichte« (Z. 50).
hier geboren ist, ist näher als wir, komischerweise, für die Eine Geschichte, so »klein«, dass sie es nicht wert ist erzählt
Einheimische. Der hier geboren ist, der spricht deutsch, der zu werden, wäre eine Verständnismöglichkeit. Jedoch ist diese
ist zu dene näher als wir, die Eingereiste… .« Denn aus D’s nicht so überzeugend, lässt sich D. doch auf ein Gespräch über
Perspektive gilt in Deutschland doch die Regel (wie oben be- seine Lebensgeschichte ein. Plausibler erscheint, dass seine
reits ausgeführt), dass die ethnische Zugehörigkeit zum deut- Lebensgeschichte nicht »größer«, nicht herausragender ist als
schen Volk das Ausbleiben von »Unterdrückung« und Nähe die Lebensgeschichten anderer Menschen.
zur Folge haben. Verzweifelt muss er aber feststellen, dass D. fügt sich auch in die arbeitende und relativ gut verdie-
diese Legitimation (Deutsch sein) nicht die für ihn logische nende Bevölkerung Kasachstans ein, wenn er sagt: »haben wir
Folge nach sich zieht: »Von Anfang hab ich noch Geschichte beide gearbeitet wie jeder andere auch, haben nicht schlecht
erzählt: ›Wir sind doch Deutsche, alle Verwandte sind Deut- verdient und war alles okay«. (Z. 163–165)
sche und so weiter.‹ Und jetzt hab ich aufgehört. Bringt nix!« Mit dem folgenden Zitat identifiziert er sich mit allen
Im gesamten zitierten Passus spricht D. in der ersten Per- russlanddeutschen Familien, bei denen, wie er vermutet, die-
son Plural oder der zweiten Person Singular anstelle die Ich- selbe Sprachpraxis vorherrscht: »Wie in jede andere Fami-
Form zu verwenden (wie auch nicht selten an anderen Stellen lie wahrscheinlich auch – als die Oma noch lebte haben wir
20 kapitel 4 Empirische Untersuchung

Deutsch n bisschen gesprochen oder auf deutsch gehört, rus- Andersbehandlung doch nicht leugnen kann. Es ist also zu
sisch geantwortet«. (Z. 185–187) vermuten, dass D. nur über nüchterne Arbeitsbeziehungen zu
Auf die Aufforderung, etwas über die Schulzeit zu erzählen, seinen Kollegen verfügt.
ist D’s Reaktion folgende: »A ja gut Schulzeit, war eigentlich Aus der Antwort auf die Nachfrage nach dem Bild von der
nix besonders« (Z. 383). und etwas später »Hm, also, war ganz Gesellschaft Kasachstans wird unter anderem ersichtlich, wie
normale Schulzeit, wie bei jedem Kind natürlich« (Z. 387–388). D. über Freundschaft bzw. soziale Beziehungen denkt:
Hier wiederholt er, was er zu Beginn des Interviews schon […] war auch Freundschaft enger dort, weil dort sind die
gesagt hat, spricht an dieser Stelle aber aus, was weiter oben Leute mehr angewiesen auf die Hilfe von einem anderen.
noch Interpretation ist; genau wie bei jedem anderen Kind ist Nicht unbedingt das ist Geld. Das Geld hat zwar Rolle ge-
selbstverständlich auch seine Schulzeit verlaufen, als sei dieser spielt, aber nicht so große. Dort war wichtiger was für ein
Verlauf weltweit oder zumindest landesweit völlig homogen. Job hast du, wie kannst du dem anderen helfen oder wie
Das »natürlich« lässt anklingen, dass er diese Tatsache außer auch immer ( ). Und wie gesagt, Zusammenhalt war da
Frage gestellt wissen will. Genauso »natürlich« ist für D. die besser.. weil in Geschäfte ich sagte, zum Beispiel letzte Zeit
»nicht so böse gemeint[e]« Beschimpfung als Faschist seitens Butter oder sowas ja, kriegst du nicht so einfach, gehst hin
der Mitschüler (Z. 389–390). von der er im selben Satz berich- und kaufst, wenn du Geld hast. Da kann sein das du Geld
tet. Dieser Bericht und der, dass viele »deutsche Jungs« in der hast, wenn du keine Bekannte hast, dann kaufst du nix
Klasse waren sollen nicht besonders sein, aber erwähnenswert hehe, oder nicht das was du willst. (S.68, Z.748–758)
sind sie (vielleicht aufgrund des Zugzwangs der Erzählung) […] weil die Leute sind hier nicht angewiesen auf die Hilfe
offenbar trotzdem. Diese eigentlich nicht gewöhnlichen De- von den Anderen.. Mein ich mal so. Weil dort musst du
tails aus der Schulzeit, stuft D. aber als ›nicht besonders‹ und jemandem helfen, wenn du willst das jemand dir hilft. Hier
›normal‹ ein. Hier zeigt sich, wie groß sein Wunsch ist ganz muss das nicht unbedingt sein, wenn du n Job hast, ver-
›normal‹ zu sein und dazuzugehören; so groß, dass er den dienst Geld, du kannst alles kaufen, kannst Handwerker
Verstand umgeht. Betrieb bestellen, die machen dir alles und so weiter, wenn
In Argumentationen, die sich auf die Zeit in Deutschland du Geld hast dann brauchst praktisch keine Freundschaft,
beziehen, bleiben besagte Normalitätsbekundungen aus. Viel- wenn du so sagen willst. Dort geht es nicht, du bist auf-
leicht kann D. diesen Wunsch in der Gegenwart – während er einander angewiesen. Oder warst ja, mehr oder weniger…
noch spüren kann, dass ihm eine Andersbehandlung zukommt (S.68, Z.785–793)
– nicht länger als Realität ausgeben. (Enge) Freundschaft bedeutet für D. in erster Linie ein ge-
genseitiges Geben und Nehmen; eine Austauschbeziehung in
Soziale Beziehungen gegenseitiger Abhängigkeit und zu gegenseitigem Nutzen. Sie
Aus D’s Erzählungen erfährt man wenig über seine sozialen beruht nicht (zwangsläufig) auf Zuneigung, Vertrauen und
Beziehungen außerhalb der Familie. Jedoch geben Argumen- gegenseitiger Wertschätzung der Personen um ihrer selbst
tationen aus dem Nachfrageteil Aufschluss über sein Verständ- willen. Dieses in Kasachstan sozialisierte Konzept von Freund-
nis von Beziehungen. In den Erzählungen, die sich auf das schaft kann D. in Deutschland nicht fortführen, da hier die
Leben in Kasachstan beziehen, wird deutlich, dass man sich Bedürfnisse des täglichen Lebens mit finanziellen Mitteln so
im Dorf gegenseitig kennt. Weil D. und sein Bruder schon als weit befriedigt werden können, ohne dass dafür Freundschaft
Teenager/Jugendliche in dem dörflichen landwirtschaftlichen vonnöten wäre. Der Interviewauszug geht folgendermaßen
Betrieb mithelfen, in dem die meisten Anwohner beschäftigt weiter:
sind, sind sie dort bekannt. Über diese Beziehungen kommen Und deswegen war da einfacher, offener sag ich ähh was
beide später zu ihrer Arbeitsstelle in besagtem Betrieb. Auch ich, was mir zum Kotzen war hier zum (erste mal) äh wenn
die Arbeitsstelle bei der Armee und die Hilfe bei der Bewilli- dort, wenn du immer mit einem befreundet bist, dann bist
gung des Ausreiseantrags hat D. – zumindest partiell – seinen du befreundet, weißt. Du schwätzt nicht hinne rum über
Bekanntschaften zu verdanken. Als er erzählt, wie er seine dem Mann und so weiter, es ist einfach dein Freund, du
Frau kennenlernt, betont er, wie außergewöhnlich es war, dass nimmst ihn so wie es ist, alles offen, wenn was nicht gefällt,
er sie noch nicht kannte, glaubte er doch jeden im Dorf zu ken- sagst einfach offen. Hier ist es nicht, hier pappelt jeder hinne
nen. Diese Informationen erwecken den Eindruck von guten rum, wenn der Mann nicht da ist, dann ist er schuld weil
nachbarschaftlichen Beziehungen zu den Dorf- oder Klein- wenn es was passiert ist. Das hat mich erschreckt. (S. 68,
stadtbewohnern. D. erwähnt aber keine Freunde, spricht nicht Z.793–802)
von freundschaftlichen Beziehungen; es sind »Bekannte« oder Freundschaft war in Kasachstan »einfacher« und »offener«,
»Jungs« die er kennt, die ihm behilflich sind. somit klarer und leichter zu definieren. Sie war vielleicht weni-
Wie es in Deutschland um seine außerfamiliären Kontakte ger von komplizierten und zu Verwirrung führenden Gefühlen
steht, erfährt man kaum. Bloß in einem Satz, in dessen Kon- gekennzeichnet; war die Freundschaft (über gegenseitige Hil-
text es um die deutsche Sprachpraxis der Familie geht, merkt feleistung) einmal geschlossen, stand sie fest und konnte auch
er an: »und wir haben auch, damals auch, ja bis jetzt auch durch offene Kritik des Freundes nicht erschüttert werden, da
nit groß mit den Aussiedlern so mit Russen kein Kontakt ja auf keine Gefühle, die eventuell verletzt werden könnten,
gehabt praktisch, wir waren in dem Dorf sowieso in dem, ein- Rücksicht genommen werden musste. Mit der angesprochenen
zigste Familie« (Z. 637–640). Über die Beziehung zu seinen Beschreibung des »hinne rum schwätz[ens]« deutet D. das Ver-
Arbeitskollegen gibt D. die Auskunft, dass diese ihn wegen hältnis mit und zwischen den Arbeitskollegen an, was er auf
seiner anfänglichen Sprachschwierigkeiten zwar nicht ausge- Nachfrage auch bestätigt. Da er auf dieses in Verbindung mit
lacht haben, aber dass er eine latente »Unterdrückung« oder dem Thema Freundschaft zu sprechen kommt, bezeigt, dass D.
Analysen 21

vielleicht versucht hat zu seinen Kollegen eine freundschaftli- wirtschaft Firma mit Vieh umgehen da waren die Kasachen..
che Beziehung aufzubauen oder eine solche für ihn zumindest besser. Technik null, da waren die Deutsche wieder… Russen
theoretisch denkbar ist, jedoch aufgrund der beschriebenen dazwischen.. ja« (Z. 828–831). Auch die Aussiedler grenzt er
Unehrlichkeit nicht realisierbar. Dass für D. der Nutzen-Faktor als »ethnische Gruppe« gegenüber Einheimischen und Rus-
in einer Freundschaft sehr wichtig ist, zeigt sich auch in dem sen ab und spricht ihnen mehr handwerkliches Geschick zu:
Argument über den Briefaustausch seiner Tochter mit einer »Aussiedler oder Deutsche sind manchmal doch handwerklich
Freundin aus Kasachstan: »also da war eine Freundin, hat sie geschickter wie, sagen wir Einheimische hehe oder die reine
mit der Briefe ausgetauscht, hat sie das extra auch gemacht Russen so, sagen wir. Die Aussiedler können etwas handwerk-
weil das die die Sprache nicht vergisst« (Z. 674–676). lich mehr, also sind geschickter, egal wo du nimmst, egal ( )«
(Z. 227–230).
Gesellschaft Kasachstan-Deutschland
Auf die explizite Frage nach dem Bild der kasachischen Ge- Kommunistische Partei
sellschaft beschreibt D. diese im Vergleich zur deutschen. Das Auf die politischen Gegebenheiten in Kasachstan kommt D.
Leben dort sei »einfacher, nicht leichter sondern einfacher« während des Interviews von selber nicht zu sprechen. Erst
(Z. 742) gewesen. Diese Aussage macht er einerseits an dem auf die Frage nach politischer und gesellschaftlicher Aktivität
Beispiel fest, dass es unkomplizierter und selbstverständli- in der kasachischen Gesellschaft macht er Angaben über die
cher war Kontakte zu Nachbarn und Verwandtschaft zu pfle- kommunistische Partei. Auch hier schlüsselt er nach ethni-
gen, weil man sie ohne Terminabsprachen jederzeit besuchen scher Zugehörigkeit auf wer aus opportunistischen Gründen
konnte (vgl. Z. 741–750). Die so beschriebene Gesellschaft der Partei beitritt: »Aber Vorteile hast du. Deswegen sind viel
zeichnet sich demnach durch Offenheit aus, bei der die Privat- Kasachen, viel Russen auch in die Partei gegangen […] Bloß
sphäre der Kernfamilie keinen so hohen Stellenwert hat und von den Deutschen von uns war ganz selten war jemand«
nicht so exklusiv zu sein scheint wie in Deutschland. Ande- (Z. 898–904). Des Weiteren betont er, dass seit den 30er Jah-
rerseits erwähnt er in diesem Zusammenhang auch die ausge- ren niemand mehr an die Partei und ihre Richtigkeit glaube
prägte Hilfsbereitschaft und die Angewiesenheit auf die Hilfe und ihr aus Überzeugung beitreten würde. Sie sei Gewohn-
anderer, die unter dem Gesichtspunkt Freundschaft bereits dis- heit geworden; eine Rahmenbedingung des Lebens, die zwar
kutiert wurden. Auf Hilfe angewiesen zu sein ist in Kasachstan nicht gefällt aber auch nicht übermäßig stört, über die man
kein Zeichen von Demütigung sondern gründet in der Selbst- nicht mehr nachdenkt, so scheint es. Schließlich ist auch laute
verständlichkeit die empfangene Hilfeleistung zurückzugeben Kritikäußerung undenkbar, sodass man der Partei gegenüber
(vgl. Z. 760–787). Auch in Bezug auf Hilfsbereitschaft steht schicksalsergeben versucht das Beste aus seinem Leben zu
die Kernfamilie in keinem so großen Abstand zur restlichen machen.
Familie und Verwandtschaft oder außerfamiliären Kontakten.
Ganz anders sieht D. das Verhalten in Deutschland, das mit 4.8.1.3 Selbstverständnis und Gesellschaftsbilder Her-
der Zeit aber auch auf die eingereisten Aussiedler abfärbt: mann Deckers
H. D.: Du machst dich irgendwie geschlossener und dann
guckst du bloß das du deine Familie versorgst, weißt du.. Selbstverständnis
Schon jemandem zu helfen oder so, dem Bruder oder so- Hermann Decker sieht sich als den vierten Sohn einer »ganz
was, machst du’s, erste machst du aber nicht unbedingt so normalen« russlanddeutschen Familie. Als Kind ging er wie
freiwillig wie dort oder so viel wie dort. Du bist irgendwie jedes andere Kind zur Schule und verbrachte eine »ganz nor-
mehr… ich weiß nicht, geschlossen oder wie gesagt.. weiß male Schulzeit«. Da die im Elternhaus lebende und deutsch
nicht. (S.68, Z.772–777) sprechende Großmutter starken Einfluss auf die Enkel hat,
versteht sich D. als deutsches Kind, dessen sonstiger Umgang
Ethnische Gesellschaftsordnung aber russischsprachig- und kulturell ist, sodass er Russisch
Auf die Erkundigung nach »Gewinnern« und »Verlierern« in spricht und somit auch in der Bedeutungswelt dieser Sprache
der Gesellschaft Kasachstans kann D. zunächst keine eindeu- und Kultur beheimatet ist. Seine deutsche Identität und das
tige Antwort geben: Ȁh von vornherein pff kann man so nicht Bewusstsein in der Fremde zu leben, wird ihm nicht nur von
sagen« (Z. 821), kommt dann aber darauf zu sprechen, dass Eltern und Großeltern vermittelt, auch von seinen Mitschü-
»die Kasachen im eigenen Land waren unterdrückt en bisschen« lern bzw. der peer-group wird ihm dies gespiegelt, wenn sie
(Z. 822). In der gesamten folgenden Passage (Z. 822–874) orien- ihn »Faschist« nennen. Allerdings hat er auch deutsche Mit-
tiert sich D. an der ethnischen Zugehörigkeit, wie auch bereits schüler, die ein Stück weit ›deutsche Lebenswelt‹ bzw. das
an anderer Stelle zuvor (Z. 332–337), während er die Band- Leben als Deutsche in einer nichtdeutschen Umgebung mit
breite anderer Zugehörigkeiten (z. B. sozialer, generationaler, ihm teilen. Auch als Erwachsener bleibt D. bei seiner primär
geschlechtsspezifischer, regionaler Art) in keinster Weise in sozialisierten Identität als Deutscher; trotz russischen Freun-
Betracht zieht. Dass diese Kategorie diejenige ist, an der sich dinnen als Jugendlicher steht für ihn fest nur eine deutsche
D. hauptsächlich orientiert, zeigt sich sehr deutlich in seiner Frau zu heiraten zu können, ebenso sicher ist er darin, seinen
Nachfrage: »Hm, was in Bezug auf deutsch oder nicht deutsch, deutschen Namen nicht zu verändern oder sich mit russischem
oder?« (Z. 381) als die Interviewerin ihn zuvor auffordert über Namen vorzustellen, wie dies andere Deutsche zu seiner Zeit
seine Schulzeit zu erzählen. Dabei ordnet er der ethnischen getan haben (vgl. Z. 497–512).
Zugehörigkeit meistens eine Berufsgruppe oder zumindest Bei der Berufswahl zieht D. nicht Wünsche und Begabun-
ein besonderes Talent bzw. Geschick für eine bestimmte Tätig- gen und damit zusammenhängende Möglichkeiten als Aus-
keit zu: »Zum Beispiel wenn wirklich irgendwo in der Land- wahlkriterien in Erwägung, sondern die Tatsache dass Vater
22 kapitel 4 Empirische Untersuchung

und Bruder bereits in demselben Betrieb arbeiten und sowohl betont er auch in Bezug auf sein Leben in der Bundesrepublik,
dieser als auch das für diese Ausbildung notwendige Techni- dass er und seine Familie keinerlei Benachteiligung oder »Un-
kum praktisch nah sind. Möglicherweise ist dabei auch von terdrückung« auf struktureller Ebene erfahren. Jedoch muss er
Bedeutung, dass die Arbeit im technischen Bereich, eine ›ty- hier – in der lang ersehnten Heimat – auf der zwischenmensch-
pisch deutsche Arbeit‹ ist. Bei dem Arbeitsplatzwechsel in die lichen Ebene ebenfalls die leidvolle Erfahrung machen, dass er
Armee und bei der Auswahl seiner Ehefrau geht er ebenso als deutscher Mitbürger nicht anerkannt wird und damit das
nach dieser pragmatischen Handlungsorientierung vor. Gefühl der Zugehörigkeit nicht erleben kann. Unterschwellig
Ganz anders als bei der Entscheidung zur Auswanderung; oder direkt wird ihm, wohl vor allem seitens der Arbeitskolle-
hier sind es keine rationalen Gründe, die ihn dazu bewegen gen, vermittelt: »›Warum bist du gekommen, du gehörst hier
das »überdurchschnittliche« Leben in Kasachstan aufzugeben nicht her!‹« (Z. 549). Folglich begreift sich D. nicht nur als Deut-
um in der ungewissen ›Heimat‹ einen Neuanfang zu starten. schen sondern auch als Aussiedler in folgendem Sinne; eine
Es ist vielmehr die Erfüllung des von der Großmutter emp- Gemeinschaft, die sich gegenüber Einheimischen und Russen,
fangenen und verinnerlichten Traumes aus der Fremde in die mindestens in Bezug auf handwerkliches Geschick und »gute
Heimat zu fahren sowie das an seiner eigenen Person erfah- Arbeit« abgrenzt, und damit eine eigene »ethnische« Gruppe
rene, schmerzliche Gefühl der »Unterdrückung«, das darin darstellt. Diese Gruppe, der er sich zugehörig fühlt, hebt D.
zum Ausdruck kommt, dass ihm die gefühlte Zugehörigkeit positiv heraus; nachdem er seine »Normalität« in Deutschland
zur Gesellschaft verweigert wird und ihn somit zur Ausreise nicht länger aufrechterhalten kann, unterscheidet er sich auf
bewegt. diese Weise doch wenigstens im positiven Sinne. Allerdings
D. betrachtet sich und seine Lebensgeschichte (insbeson- pflegt er, bis auf die Verwandtschaft, keine Kontakte zu Aus-
dere in Kasachstan) als »normal«, er ist nicht anders als die siedlern, sodass diese Zugehörigkeit eine gefühlte aber keine
Menschen der ihn umgebenden Gesellschaft, er und seine Fa- real existente ist.
milie heben sich nicht von anderen Familien, Kindern, Schü- Von sonstigen guten Beziehungen in der Nachbarschaft, zu
lern oder Arbeitnehmern ab. Gleichzeitig sieht er sich aber Bekannten oder von Freundschaften erzählt D. nicht. Er macht
auch der deutschen Minderheit zugehörig und weiß somit (aus stattdessen deutlich, dass er in Deutschland nicht Geber und
der tradierten Vergangenheit), dass ihm als solchen in vielen Nehmer von Hilfe sein kann, folglich, nach dem aus Kasachs-
Lebensbereichen eine Sonderbehandlung (negativer Art) zu- tan mitgebrachten Verständnis von Freundschaft, auch nicht
kommt bzw. zukommen kann. Um das Bild der Nicht-Sonder- Freund sein kann bzw. ist. Denn hier beruht der Austausch
behandlung aufrecht zu erhalten, versucht er es mit der immer von Waren und Dienstleistungen nicht auf Freundschaft son-
wiederkehrenden Argumentation »keine Unterdrückung«, die dern auf finanziellen Mitteln.
er auf struktureller Ebene meistens auch belegen kann, zu
untermauern. Die gefühlte »Unterdrückung« seiner Person, Gesellschaftsbilder
die Diskriminierung und Ausgrenzung, die einen der Aus- D. betrachtet seine soziale Umwelt in Kasachstan als eine, die
reisegründe darstellen, kann er letztlich aber nicht leugnen. ihm äußerlich betrachtet ein »normales« Leben ermöglicht.
Obwohl er in Kasachstan geboren ist und über »hundertpro- Sie gibt ihm die Möglichkeit zur Teilhabe an gesellschaftlich
zentige« Sprachkenntnisse verfügt, kann er doch nicht in die wertvollen Gütern; sie erlaubt ihm den Zugang zu Bildung,
kasachische Gesellschaft ›eintauchen‹ und dazugehören, wozu Arbeit, ausreichend Wohnraum und Mobilität. D. kann einen
er eigentlich aufgrund der zwei genannten Voraussetzungen Beruf ausüben, den er frei wählt und welcher ihm zu »über-
legitimiert wäre. Dies macht ihm einerseits die Gesellschaft durchschnittlicher« Lebensqualität, was die Versorgung mit
unmöglich, die ihm auf die eine oder andere Weise zu ver- finanziellen Ressourcen angeht, verhilft (die berufstätige Ehe-
stehen gibt: »Hey du bist Faschist, fahr doch nach Hause! frau trägt ebenso dazu bei). Die mit finanziellen Mitteln allein
Du bist Deutsche fahr doch nach Hause, ja. Verschwinde!« nicht zu erreichenden Güter und Dienstleistungen kann er
(Z. 547–549). Andererseits kann er sich aufgrund seiner Prä- über gute Kontakte kompensieren.
gung und Überzeugung, seiner Identität als Deutscher nicht Innerhalb der sowjetischen Grenzen darf er sich frei bewe-
integrieren, ohne diese verleugnen zu müssen (z. B. durch Hei- gen. Seine Lebensqualität wird jedoch im kulturellen Bereich,
rat mit einer Russin/Kasachin, Ablegung bzw. Veränderung was sein Leben als Angehöriger der deutschen Minderheit
des deutschen Namens). angeht, eingeschränkt. D. persönlich, der so selbstverständ-
Im Rückblick auf sein Leben in Kasachstan sieht sich D. als lich mit der russischen Sprache groß geworden ist, empfindet
Teil einer Dorf- bzw. Kleinstadtgemeinschaft, in der man ihn das inoffizielle Verbot des deutschen Sprachgebrauchs wahr-
kennt und in der er (so gut wie) jeden kennt. Er pflegt gute scheinlich nicht bewusst als diskriminierend, jedoch wird ihm
Beziehungen zur Verwandtschaft, Nachbarschaft und sonsti- dieses Gefühl sicher über die Generation der Großeltern ver-
gen Bekannten, denen er ein Helfender ist (z. B. auf dem Bau) mittelt, die sich außerhalb des Hauses nicht frei fühlen konn-
sowie seinerseits Hilfe empfängt. Denn auf diese ist er und ten deutsch zu sprechen (Z. 339–345). Von klein auf lernt er
sind die anderen angewiesen, da so Waren und Dienstleistun- die deutsche Sprache nur in der Kommunikation mit der Groß-
gen ausgetauscht werden, die mit Geld nicht zu bekommen mutter und im Haus zu gebrauchen; auf der Straße ist ihre
bzw. zu teuer sind. Praxis undenkbar. Somit wird der Gebrauch deutscher Spra-
In Deutschland versteht sich D. als Deutschen, der aber auf- che, wenn auch in der Schule in minimalem Umfang (zwei
grund seiner Migration und nicht hundertprozentigen Sprach- mal pro Woche) als Unterrichtsfach gestattet, doch inoffiziell
beherrschung als solcher meistens (insbesondere von den nicht unterdrückt. Bewusst, wenn auch nicht in Worte fassbar, so
intelligenten Leuten) nicht erkannt wird und damit auch die doch als Gefühl sehr klar spürbar, empfindet D. die Diskri-
Legitimation seines Aufenthaltes nicht ratifiziert wird. Zwar minierung seiner Person als Angehöriger der deutschen Min-
Analysen 23

derheit seitens der kasachischen Gesellschaft. Sie projiziert 4.8.2 Elvira Claus
auf ihn aufgrund seiner ethnischen Zugehörigkeit das aus der
Kriegszeit bekannte Feindbild des Faschisten und gibt ihm zu Elvira Claus (im Folgenden nur noch mit C. abgekürzt) ist 1951
verstehen, dass er als solcher kein (vollwertiges) Mitglied der in Sibirien geboren. 1958, als sie sieben Jahre alt ist, wandert
Gesellschaft sein kann. die Familie, die aus der Mutter, den Großeltern, einer Tante
Ebenso betrachtet D. selbst die Gesellschaft nach ethnischer und den Geschwistern besteht, nach Tadschikistan aus. Dort
Zugehörigkeit und folgt damit vermutlich der allgemein ver- verbringt sie ihre Schulzeit und beendet die zehnte Klasse bis
breiteten Sichtweise seines sozialen Umfelds. Dabei sieht er die Familie 1968 beschließt nach Kirgisien zu ziehen. Hier be-
die Kasachen als die Unterdrückten im eigenen Land (Z. 822). ginnt sie mit 17 Jahren in einer Bekleidungsfabrik zu arbeiten
und schließt sich der vorherrschenden Meinung an, dass diese und heiratet 1970 ihren ebenfalls deutschstämmigen Mann. In
»n bisschen zurück..geblieben« seien und nur zum Umgang mit demselben Jahr kommt die erste Tochter zur Welt, zwei Jahre
dem Vieh tauglich. Die Russlanddeutschen hebt er als »Tech- später die zweite. Die Familie baut sich ein Haus. Als die Kin-
nikbegabte« positiv hervor und die Russen ordnet er irgendwo der schulpflichtig werden, wechselt C. ihren Arbeitsplatz von
»dazwischen« ein. der Fabrik ins nahe gelegene Rathaus. 1989, als viele Russland-
Abgesehen davon und im Vergleich zur deutschen Gesell- deutsche das Land verlassen, beschließt auch Familie C. die
schaft empfindet er die kasachische (in der Retrospektive) als Auswanderung nach Deutschland. Zunächst lebt sie sieben
einfacher, in der es nicht so sehr auf Formalitäten ankommt. Jahre in einer Wohnung in Koblenz, danach beginnt sie mit
So ist zum Beispiel wichtiger, ob jemand die Fähigkeiten für dem Bau des Eigenheimes. Kurz nach der Einreise besucht
eine gewisse Arbeit mitbringt, als eine entsprechende Ausbil- das Ehepaar gemeinsam mit der älteren Tochter Sprachkurse.
dung oder Urkunde vorweisen zu können (vgl. Z. 314–325), Dann absolviert C. einen Kurs, der sie zur Verkäuferin schult,
und der gegenseitige Besuch muss nicht zuvor über einen Ter- arbeitet aber nicht als solche. Sie fängt in einer Serviettenfa-
min vereinbart sein, sondern kann vielmehr spontan erfolgen. brik an und ist auch heute noch dort beschäftigt. C’s Ehemann
Freundschaften sind klarer über wechselseitige Hilfe definiert arbeitet ebenfalls in einer Fabrik.
und die Menschen sind offener und hilfsbereiter; der Blick
reicht über die Kernfamilie hinaus, zum Beispiel und insbe- 4.8.2.1 Strukturelle inhaltliche Beschreibung von aus-
sondere in Bezug auf gegenseitige Hilfe. Aus D’s Beschreibung gewählten Segmenten aus der Haupterzählung
lässt sich eine Gesellschaft mit kollektivistischen Wertmaßstä- und dem Nachfrageteil
ben vermuten.
Im Vergleich zu dieser sieht er die deutsche Gesellschaft Erzählstimulus, Geburt und deren Umstände
als eine individualistische, in der jeweils das Gegenteil der I: Also wie schon angesprochen interessiert mich Ihre Le-
zuletzt angebrachten Punkte gilt. Auch in Deutschland ordnet bensgeschichte, also wie das Leben für Sie so war in der
D. die Gesellschaft nach dem Gesichtspunkt »ethnischer« Zu- Sowjetunion und hier in Deutschland war und heute ist.
gehörigkeit; Einheimische und Aussiedler grenzt er in Bezug Und ähm, Ihre ganze Lebensgeschichte also, alles was Ihnen
auf Geschick und Tüchtigkeit bei der Arbeit voneinander ab einfällt, was interessant ist, was Ihnen wichtig ist, das ist
(Z. 227–230), den »Türk der hier geboren ist« (Z. 538) hinsicht- dann auch für mich interessant. Und ich möcht Sie bitten
lich der (mentalen) Nähe zu den Einheimischen gegenüber einfach zu erzählen und ich werd sie nicht unterbrechen
den Aussiedlern. erstmal, sondern erzählen lassen und Ihnen zuhören und
Wie bereits in Kasachstan ist ihm auch in Deutschland struk- wenn ich ne Frage habe, dann werd ich die notieren hier
turelle Partizipation möglich; Teilhabe an Bildung, Arbeit, und werd sie dann am Ende stellen, nachdem Sie fertig
ausreichend Wohnraum (selbstgebautes Haus) und Mobilität erzählt haben, fertig sind mit Ihrer Geschichte.
(Auto einer Marke mit Statussymbol) bleiben ihm nicht vorent- E. C.: Achso ich dachte Sie stellen Fragen, ja gut, ja was
halten. Aber auch die fehlende Anerkennung als Mensch/Per- soll ich denn anfangen, wie was wann?
son setzt sich fort, diesmal verweigert ihm die deutsche Gesell- I: Wie Sie meinen, das ist völlig Ihnen überlassen und, Ihre
schaft aus dem Grund des ›nicht im Land geboren seins‹ und Lebensgeschichte eben zu erzählen und, am Ende
des Nichtvorhandenseins ›hundertprozentiger Sprachkennt- E. C.: Ja was äh, geboren bin ich in Sibirien und.. weil
nisse‹ die Zugehörigkeit. unsere Großeltern und Eltern ja vor dem Krieg aus äh, aus
der Ukraine von Saratow-Gebiet ausgewiesen wurden äh
Biographische Prozessstruktur nach Sibirien, weil der Krieg angefangen hat und weil sie
In Anbetracht der gesamten Biographie erfährt D. sein Le- Deutsche waren und wurden die nach Sibirien, wie sagt
ben als planbar und seinerseits steuerbar. Seine berufliche man das denn, nicht umgesiedelt sondern verwiesen oder
Laufbahn, Familien- und Auswanderungsplanung sowie die wie weiß ich nicht.
Gestaltung des neuen Lebensraumes in Deutschland kann er I: Hm
beeinflussen und aktiv mitgestalten. Von unerwarteten Rück- E. C.: Ja, und da sind wir auch geboren, einundfünfzig bin
schlägen (erste Wohnung in Deutschland) kann er sich mit star- ich geboren und, damals war das in Russland nach dem
kem Willen und Initiative (»wer was machen will, der macht Krieg, die Deutschen die durften ja überhaupt nirgendwo-
was aus sich«; Z. 244). von »unten nach oben« (vgl. Z. 704) hin, äh ich meine die wohnten da im Dorf da so in diesem
kämpfen. Was er jedoch nicht ›in der Hand‹ hat, ist das Verhal- Gebiet, die durften nit auswandern oder in anderes Gebiet
ten seiner sozialen Umgebung ihm gegenüber. Er kann soziale fahren so und dann sechsundfünfzig war ja dieses Gesetz.
Anerkennung und Zugehörigkeit nicht einfordern und bleibt Gesetz vom, ich weiß nicht von, wer war da damals da,
somit in beiden Gesellschaften »schlimmster Heimatloser«. keine Ahnung, weiß ich nicht, wusst ich aber jetzt, die ha-
24 kapitel 4 Empirische Untersuchung

ben ja das Gesetz neunzehn hundert sechsundfünfzig, das »Plattdeutschen«, denen sie sich zugehörig fühlt, und »Hoch-
jetzt die Deutschen auch die jetzt alle aus ihrem Gebiet deutschen«, unter denen sie nun lebt. Da anzunehmen ist, dass
verwiesen wurden wegen Krieges, konnten jetzt auch frei, die Siedlung in Sibirien aus »Plattdeutschen« bestand (da sie
ja, da auswandern oder sich neues Wohngebiet suchen und gemeinsam aus dem Saratow-Gebiet der Ukraine verschleppt
so. (S.70, Z.1–34) wurden), stellt C. mit der Information nun unter »Hochdeut-
Auf die Erzählaufforderung reagiert C. überrascht. Sie hat schen« zu leben die neue Situation deskriptiv fest und macht
sich ein Frage-Antwort-Gespräch vorgestellt und ist somit zu- gleichzeitig die eigene Zuordnung als (Platt)Deutsche klar.
nächst irritiert. Nach der Erklärung der Interviewerin, dass es Anschließend schildert sie in einem sehr positiven Licht ihr
ihr vollkommen freigestellt ist, die Themen innerhalb ihrer Leben und das ihrer Familie in Tadschikistan; kurz berichtet
Lebensgeschichte nach Belieben zu wählen, lässt sie sich auf sie von der Arbeit ihrer Mutter, ihrer Tante, der eigenen Schul-
eine Erzählung ein, noch ehe die Erklärung zu Ende gespro- zeit und der Ausbildung ihrer Schwester und leitet schließlich
chen ist. Sie ratifiziert den Erzählstimulus und beginnt mit die Auswanderung nach Kirgisien ein. Nachdem die Großel-
der Erzählung ihrer Geburt und erklärt wie es dazu kam, dass tern gestorben sind und C’s Onkel nach Kirgisien ausgewan-
sie ausgerechnet in Sibirien geboren ist. Zunächst setzt sie dert ist, holt er die allein zurückgebliebene Schwester mit ihrer
dafür bei ihrer Familiengeschichte an; bei den Großeltern und Familie nach. Im Alter von 17 Jahren wandert C. nun nach
Eltern, die als Deutsche in Russland während der Kriegszeit Kirgisien aus.
nach Sibirien verschleppt wurden. Darauf erwähnt sie noch
einmal ihre als auch die Geburt ihrer Geschwister (implizit Leben in Kirgisien
durch erste Person Plural), nennt jetzt das Geburtsjahr und […] das war achtundsechzich sind wir aus Tadschikistan
berichtet von den Gegebenheiten dieser Zeit, die für Russland- nach Kirgisien umgewandert dann wieder, umgezogen, das
deutsche relevant waren. Somit beginnt C’s Lebensgeschichte war schon umgezogen dann.
– und hier ordnet sie sich auch ein – als Kind einer deutschen I: Hm
Familie, die unter besonderen Umständen lebte, deren Ursa- E. C.: Ja. Ist meine Mutter dann wieder zur Arbeit gegan-
che auf ihre ethnische Zugehörigkeit zurückzuführen sind. gen. Ich bin dann auch, ich war dann siebzehn, dann bin
Die Familie lebte unfreiwillig in der kalten Region und un- ich auch zur Arbeit gegangen, ich wollte nit mehr, hab ich
ter widrigen Lebensbedingungen bis 1956 ein Gesetz auch nix gemacht so mit Schule und Lernen. Mir kam das »wei
der deutschen Minderheit die freie Wahl des Wohnortes und fremde Stadt, alles so ganz anders wie in Tadschikistan und
somit die Ausreise ermöglichte. so« und dann, wir haben da ne große Fabrik gehabt und
Kurz schildert C. in diesem Zusammenhang die Familien- dann sind wir mit meinem Onkel dahin und dann hat er
situation zu dieser Zeit ihrer Kindheit in Sibirien: Ȁh wir mich da, ich, wie sagt man, vorgestellt und so und dann bin
haben zwar kein Vater gehabt, meine Mutter, wir waren drei ich dann da gelandet in der Fabrik da, aber da war schön,
Kinder und äh Oma Opa und ne Tante und meine Mutter« das waren sehr viele junge Mädels auch, dann haben wir,
(Z. 59–61). Die Tatsache, dass C. ohne Vater aufgewachsen ein halbes Jahr mussten wir da, wie man sagt, haben uns al-
ist, scheint für sie keine traurige oder negative Bedeutung zu les da beigebracht, jeden Nähmaschine, das war Fabrik wo
haben, was sich aus dem Wort »zwar« vermuten lässt. Denn sie Sportanzüge genäht haben und Verschiedenes und.. ja da
ein normalerweise darauf folgendes »aber«, das hier ausbleibt, hab ich dann gearbeitet, dann hab ich geheiratet, naja wie,
würde in diesem Satz etwas Positives ausdrücken. Dieser Ein- neunzehn hundert siebzich… und, ja da so lebten wir auch
druck bestätigt sich, wenn C. später auf Nachfrage nach ihrem in Kirgisien, die ganze Jahre bis neunundachtzich. (S. 71,
Vater sagt: »so behütete Familie waren wir, wir hat von kei- Z.126–145)
nem was, haben keine Scherereien dann mit Männer oder mit Diesmal beschreibt C. weder Klima, Vegetation noch die so-
was gehabt, nee. Wir haben nur zwei Männer gehabt (lacht), zialen Begebenheiten am neuen Ort. Sie kommt gleich auf die
unsern Opa und unsern Onkel« (Z. 523). finanzielle Versorgung der Familie zu sprechen; die Arbeits-
aufnahme der Mutter, die diesmal ohne Beschreibung ihrer Tä-
Leben in Tadschikistan tigkeit bleibt, und die eigene Arbeitsaufnahme, die mit mehr
Mit Möglichkeit der Ausreise folgt die Familie der Einladung Details in den Vordergrund rückt. An dieser Stelle zeichnet
einer Bekannten und wandert nach Tadschikistan aus als C. sich die Veränderung von der kindlichen auf die Perspektive
sieben Jahre alt ist. Dort lässt sie sich in einer deutschen Sied- einer Verantwortung übernehmenden Jugendlichen ab.
lung nieder: »Und da sind wir da zu diesen Leuten, das wa- Diese zeigt sich auch in der bewussteren Wahrnehmung der
ren auch Plattdeutsche auch wie wir, aber wir waren in eine neuen Situation, die nun vielmehr als beängstigend empfun-
Kolchose und da waren nur Hochdeutsche, da waren ein oder den wird, was in der Aussage: »Mir kam das ›wai fremde Stadt,
zwei Familien nur Russen, anders waren alle Deutsche« (Z. 82). alles so ganz anders wie in Tadschikistan und so‹« (Z. 133).
Nachdem C. die Vegetation und das Klima im neun Lebens- zum Ausdruck kommt. Vielleicht ist diese auch der Grund für
raum beschreibt, erwähnt sie auch die neue soziale Umge- die Ablehnung von »Schule und Lernen«. Angesichts der un-
bung. Die Tatsache unter Deutschen zu leben scheint dabei bekannten neuen Umgebung, in der C. sich erst noch zurecht-
von Bedeutung zu sein. Mit »zu diesen Leuten« meint sie finden muss, zieht sie es vor, mit einer angelernten Tätigkeit in
die Bekannten, die nach Tadschikistan eingeladen hatten und einer Fabrik ein Einkommen zu sichern, anstatt eine (Kosten
die als Anknüpfungspunkt für die Niederlassung im neuen verursachende) Ausbildung oder ein Studium zu beginnen. Ob-
Land dienen. So kommt es, dass die Familie in einer Siedlung wohl sie ihre Schulzeit als »schön« empfand (Z. 96, 600, 650)
von »Hochdeutschen« sesshaft wird. C. differenziert bei ihrer und die ältere Schwester, die eine Ausbildung absolviert hat,
Beschreibung innerhalb der Gruppe der Deutschen zwischen in dieser Hinsicht als Vorbild gedient haben könnte (C. zieht
Analysen 25

weiteres »Schule und Lernen« immerhin in Betracht, indem sie konnte, dass »mehrere fahren«, kam es für sie nicht in Frage
es erwähnt), beginnt C. in der nahe gelegenen Fabrik zu arbei- – »wir haben überhaupt keine Rede gehabt« – in ein sowohl
ten; möglicherweise aufgrund von mangelnden finanziellen geographisch als auch geistig so weit entferntes Land zu zie-
Ressourcen und/oder den ungewissen (Ausbildungs-)Bedin- hen. Zusammengefasst zeugt dieser Absatz vom allgemeinen
gungen am neuen Ort. Jedenfalls ist C. mit ihrer Entscheidung Wohlbefinden C’s und ihrer Familie in Kirgisien und der Un-
zufrieden: »Aber da war schön, das waren sehr viele junge freiwilligkeit der Ausreise. Denn erst als alle fahren, fassen
Mädels auch.« Grund dafür scheint in erster Linie die Tatsa- auch sie den hastigen Entschluss mitzufahren; dieser fußt viel
che des guten Miteinanders unter den Arbeitskolleginnen zu mehr auf der Entscheidung anderer (derer die ausreisen), als
sein. Hier deuten sich bereits zwei wichtige Kategorien an, die auf der eigenen. Sie sehen sich gedrängt, ‚auf den Zug mit
in der späteren Wissensanalyse näher betrachtet werden; C’s aufzuspringen’.
optimistische Weltbetrachtung und ihr Sinn für Gemeinschaft. Es folgt keine Erzählung oder Beschreibung der Ausreise
Nach der Arbeitsplatzbeschreibung erwähnt sie ihre Heirat; und des Neubeginns in Deutschland, stattdessen bilanziert C.
Arbeit und Heirat scheinen dabei in einer logischen Abfolge das Leben nach dieser mit folgenden Worten: »Jetzt sind wir
zu stehen: »ja da hab ich dann gearbeitet, dann hab ich gehei- schon zwanzich Jahre hier… Gut, haben wir Glück gehabt das
ratet.« Es ist so selbstverständlich, dass es keinerlei Beschrei- wir alle beide Arbeit haben, bis jetzt noch. Und, auch gute
bungen oder Hintergrundinformationen bedarf. Die Geburt Arbeit…« Die Tatsache, dass sie hier nur von Arbeit spricht,
ihrer Kinder, der Bau des Hauses und der Arbeitsplatzwech- zeigt ihre Erleichterung und Freude über das vorhandene Be-
sel ins Rathaus bleiben an dieser Stelle unerwähnt. C. macht schäftigungsverhältnis, nachdem sie in Deutschland zunächst
hier einen Sprung von 19 Jahren und fährt mit der Auswande- feststellen musste, dass es schwierig sein kann eine Arbeits-
rung nach Deutschland fort. Möglicherweise erzählt sie nichts stelle zu finden: »Und wir haben uns gar nit auch vorgestellt
weiter über ihr Leben in Kirgisien, weil eine so starke themati- damals das hier doch auch schwer mit der Arbeit oder so«
sche Verbindung zur nächsten Erzählung – der Ausreise in die (Z. 200). Insofern ist es ein zentraler Aspekt, den sie an dieser
Bundesrepublik – besteht, dass sie sich gedrängt fühlt diese Stelle hervorhebt (indem sie ausschließlich diesen erwähnt),
schnellstmöglich anzuschließen. der ihr somit wichtig ist, aber ihr Leben nicht vordergründig
bestimmt oder identitätsstiftend ist. Denn was ihre größte
Auswanderung und Leben in Deutschland Sorge in Anbetracht des Verbleibens in Kirgisien war – al-
Jahr neunundachtzich dann sind wir nach Deutschland um- leine zurückzubleiben – und schließlich zum schwer gefassten
gezogen, gewandert, umgezogen, ah haben wir vorher Entschluss der Ausreise führte, ist in der Bundesrepublik, wo
auch gar nit, gar nit gewusst und gewollt das wir, wir ha- sie wieder in der Gesellschaft von Verwandten und Freunden
ben überhaupt keine Rede gehabt, ja gut wir wussten das lebt, obsolet geworden und damit an dieser Stelle nicht er-
die, das mehrere fahren und von meinem Mann die Tante wähnenswert. Dieser für C. sehr wichtige Gesichtspunkt der
die war schon auch, zehn Jahre war die schon damals hier, Gemeinschaft wird in der späteren Wissensanalyse ausführli-
ich weiß nicht von den ersten ist die hierhin gekommen, cher behandelt.
aber uns kam das so unendlich weit und überhaupt wir Sie schließt die Haupterzählung mit einem Ausblick auf die
haben gar nit, Deutschland das kam uns so weit so.. Zukunft ihrer Erwerbsbiographie ab: »Ich hab noch jetzt zwei
I: Hm Jahre muss ich noch n bisschen weniger dann bin ich fertich
E. C.: und dann war alles Überraschung, schnell schnell mit dem Schaffen (lacht).« In ihrer Wortwahl bestätigt sich die
schnell, dann sind alle gefahren und wir mit (lacht).. (S.71, Vermutung, dass Arbeit zwar eine wichtige Notwendigkeit ist,
Z.145–156) jedoch nicht im Lebensmittelpunkt steht.
So plötzlich, schnell und überraschend wie die Ereignisse,
die C. und ihre Familie ereilen und schließlich zur Ausreise 20 Jahre in Deutschland
führen, so überschlagen sich auch die Sätze ihrer Erzählung. Auf die Aufforderung, mehr über das Leben in Deutschland
Gedanken werden abgebrochen, um neue zu formulieren, die mitzuteilen, kommt folgende Erzählung zustande:
wieder nicht zuende gebracht werden. Anders als bei der Aus- I: Sie sind ja jetzt, Sie haben gesagt zwanzich Jahre die
reise nach Tadschikistan und Kirgisien, wo das Ziel der Reise sie hier in Deutschland leben und, ja wie war das als Sie
durch die Bekannte bzw. den Bruder ein wenig vertraut war, dann herkamen und, von diesen zwanzich Jahren sozusagen
zumindest aber nicht völlige Ungewissheit bedeutete, sieht haben Sie noch nicht erzählt.
sich C. diesmal einer Situation ausgesetzt, in der ihr das Ziel E. C.: Ah eigentlich die sind so im Flug vorbeigegangen das
absolut fremd ist. Auch der Ausreisegrund ist ein anderer. War wir gar nit gemerkt haben, nur jetzt auf einmal, wo jetzt die
es das angenehmere Klima, die besseren Lebensbedingungen Krankheiten kommen, gekommen sind und so »Wie, was
und das Leben in der Nähe von Bekannten, die C’s Familie ist das jetzt schon«, weil die ganze Zeit, ja gut, bis äh die
nach Tadschikistan führten und Familienzusammenführung, Kinder auch, zwei Töchter, bis die dann, die haben geheira-
die sie nach Kirgisien auswandern ließ, so liegt diesmal die Ur- tet dann Kinder dann das dann das, wir haben gearbeitet
sache des Auswanderungsmotivs nicht im Zielland begründet. dann haben wir »Ja, wir müssen was eigenes vielleicht oder
Denn schließlich wissen C. und ihr Mann zu diesem Zeit- ne Wohnung kaufen«, haben wir uns entschieden für Haus
punkt praktisch nichts über dieses: »Deutschland das kam bauen. Dann haben wir Haus gebaut, dann haben wir im-
uns so weit so… .« Vielmehr ist es die Sorge in Kirgisien al- mer, mein Mann auch immer fast alles, na gut wir haben
leine zurückzubleiben, die dazu führt es den Wegfahrenden von Verwandten viel Hilfe gekriegt und so und, ja und so
gleichzutun. Obwohl die Tante von C’s Ehemann schon län- die Zeit ist in einem Flug vorbeigegangen. Wir sind zwar
ger in Deutschland lebte und Familie C. bereits beobachten auch in Urlaub gefahren und so und haben uns alles n biss-
26 kapitel 4 Empirische Untersuchung

chen so angeschaut und, und wenn wir zurückkamen nach I: Ah (lacht).


Deutschland haben wir uns immer gefreut: »Wie schön.«.. E. C.: Ja wir kennen uns von klein an und sind auch in
Ja, die Zeit ist äh, da kann man, ich weiß nit, gar nit so einem Krankenhaus geboren, alles. (S.75, Z.675–685)
viel wie, diese zwanzich Jahre hätt ich nie gedacht das Auf die Nachfrage, wie es zu der Entscheidung kam nach
die so schnell.. (S.72, Z.277–297) Kirgisien zu ziehen, erzählt C., nachdem sie kurz darauf ein-
Nachdem in der Haupterzählung 20 Jahre Leben in Deutsch- geht, wie es zur Heirat mit ihrem heutigen Ehemann kam.
land kaum mit Inhalt gefüllt werden (einziges Thema ist Ar- Diesen kennt sie schon seit ihrer Kindheit aus der Nachbar-
beit), erfolgt auf Nachfrage zunächst eine Antwort, die eben- schaft, die Wege verlaufen sich kurzzeitig und kreuzen sich in
falls wenig darüber aussagt: »Ah eigentlich die sind so im Flug Kirgisien wieder. Er ist auch ein guter Bekannter der Familie,
vorbeigegangen das wir gar nit gemerkt haben.« Es scheint, da sein Vater und C’s Onkel befreundet sind. Sie sucht und
als blicke C. zum ersten Mal auf ihr Leben in Deutschland findet einen Partner, der ihr aufgrund der genannten Punkte
zurück und müsse erstaunt feststellen, wie schnell die Zeit gut vertraut ist. Nachdem die zunächst neue und fremde Si-
vergangen ist. Als sei diese die treibende Kraft, die C. bis an tuation in Kirgisien nicht leicht für sie ist, orientiert sie sich
den heutigen Tag gebracht, ohne sie daran teilhaben zu las- hinsichtlich des Partners (den sie nach zwei Jahren in Kir-
sen. Denn sie hat »gar nit gemerkt« wie sie, ganz ohne ihr gisien heiratet) an dem was (alt)bekannt ist und somit eine
Zutun, einfach fortgeschritten ist; erst die Krankheiten lassen gewisse Sicherheit und Stabilität verspricht. Ihr Mann ist auch
sie die Zeit wieder bewusster wahrnehmen. 20 Jahre lang lebt Deutscher, was für den letztgenannten Punkt sicherlich eine
sie einen geschäftigen Alltag, der keine so einschneidenden Rolle spielt, aber an sich kein wichtiges Auswahlkriterium für
Ereignisse mit sich bringt, dass sie diese für wert befunden C. darstellt. Es besitzt zwar Wichtigkeit für ihre (Groß)Eltern
hätte an den Anfang ihrer Erzählung zu stellen. (vgl. Z. 1089), ist jedoch für sie und ihre Geschwister von kei-
Erst die bilanzierende Reflektion führt sie zu der weite- ner entscheidenden Bedeutung, was sich auch darin bestätigt,
ren Überlegung, in der sie dann zusammenfassend berichtet dass C’s Schwester und Bruder jeweils russische Ehepartner
womit sie ihre Zeit zugebracht hat; Kinder, Arbeit, Hausbau haben.
und Urlaub. Die zwei Töchter sind zur Zeit der Einreise der
elterlichen Verantwortung schon (fast) entwachsen und heira- 4.8.2.2 Wissensanalyse
ten bald darauf. Entsprechend wenig Aufmerksamkeit wird
ihnen in der Erzählung zuteil. Von der Arbeit sagt C. an die- Zwanzig Jahre im Flug
ser Stelle nur: »wir haben gearbeitet«; vielleicht erwähnt sie Da C. während des Gesprächs an verschiedenen Stellen ins-
dieses Detail auch nur, um damit zu erklären, dass die Voraus- gesamt fünf Mal betont, wie schnell die Zeit vergangen sei,
setzungen erfüllt waren, um eine eigene Wohnung bzw. den handelt es sich hierbei um einen Aspekt, der sie beschäftigt
Hausbau finanzieren zu können. Dies scheint ein etabliertes und entsprechend eine nähere Betrachtung erfahren soll.
Handlungsmuster zu sein, da das Vorgehen in Kirgisien, wie Das erste Mal antwortet C. auf die Aufforderung vom Le-
an späterer Stelle berichtet, dasselbe ist: »Ich hab gearbeitet,
ben in Deutschland zu erzählen, dass die Zeit »so im Flug
er hat gearbeitet, dann haben wir uns n Grundstück auch ge- vorbeigegangen« (Z. 281) ist und wiederholt die Aussage im
sucht und dann haben wir wieder gebaut« (Z. 687–690). Das selben Wortlaut kurz darauf, nachdem sie von den Kindern,
»wieder« ist, wenn auch chronologisch falsch, vermutlich auf Arbeit und Hausbau erzählt hat. Einen Satz später sagt sie
den Hausbau in Deutschland bezogen. Dauerhaft in Miete noch mal: »Ja, die Zeit ist äh, da kann man, ich weiß nit, gar
zu leben steht dabei außer Frage; die Entscheidung wird nur nit so viel wie, diese zwanzich Jahre hätt ich nie gedacht
zwischen Wohnung kaufen und Haus bauen getroffen. Dem das die so schnell..« (Z. 295–297). Auf eine Frage, die sie zwingt
Bau des Hauses schenkt sie schließlich etwas mehr Beachtung. über das Leben in Deutschland nachzudenken, ist ihr vorder-
Denn da Familie C. das Haus zu einem Großteil selber und gründigster Gedanke, die schnell vergangene Zeit; quasi die
mit Hilfe der Verwandtschaft baut, wird viel Zeit und Energie Überschrift für die letzten 20 Jahre. Folgende Bedeutungen
in diese Arbeit investiert und steht somit eine lange Zeit im können einer solchen Bilanz im vorliegenden Zusammenhang
Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Sie sind »zwar auch in Ur- zugrunde liegen: 20 Jahre waren von so überraschend kurzer
laub gefahren«, haben sich »alles n bisschen so angeschaut«, Dauer, dass C. es verpasst hat zu registrieren, wie sie vorange-
um dann nach Deutschland und vermutlich noch viel mehr zu schritten sind. Dies kann Zeichen für eine geschäftige als auch
dem selbst erbauten Heim zurückzukommen und sich daran gute und zufriedene Zeit sein, denn nach langer Untätigkeit
zu erfreuen. Dieses scheint das Zentrum des Wohlbefindens oder nach einer leidvollen, unangenehmen Zeit würde man
zu sein. diese kaum als »im Flug vergangen« bezeichnen. Aber auch
eine gewisse Wehmut nach der vergangenen Zeit bzw. dar-
Kennenlernen des Ehemanns über, dass sie schon zuende ist, kann in einer solchen Aussage
E. C.: .. Ja und dann ging schnell dann.. haben wir geheira- enthalten sein.
tet mit meinem Mann. Mein Mann hab ich geheiratet der, Auffallend ist, dass sie diese sowohl in dem betrachteten
mit dem haben wir da in Sibirien noch als Kinder haben Passus (Z. 281–297) als auch an zwei weiter unten angeführten
wir auch als Nachbarschaft gewohnt. Dann sind wir nach Stellen dann trifft, wenn sie unter Anderem vom Eigenheim
Tadschikistan ausgesiedelt und er ist dann später mit seinen redet. Vielleicht weil jenes sehr zentral im Zeitraum der 20
Eltern und mit, auch mit, mein Onkel und meinem Mann Jahre steht; es hat wegen des hohen Arbeitsaufwands viel
sein Vater das waren Freunde, und die sind auch nach Kir- Zeit in Anspruch genommen, die schnell vorbeiging und sich
gisien, dann kamen wir nach Kirgisien, haben wir uns da anschließend auch gelohnt hat. Denn Familie C. hat und hatte
wieder getroffen (lacht). eine gute und zufriedene Zeit darin. Anders als in Kirgisien,
Analysen 27

wo Arbeitsaufwand und die Freude an seinem Ergebnis auf- war richtich schlimm, auf einmal alle nacheinander da wie
grund des nur kurzen Wohnens im selbstgebauten Haus in immer so eine, äh ich meine mein Mann hat viele Cousens
einer schlechten Relation zueinander standen: »Wir haben so und Cousinen und so und wir waren immer so alle eng
ein schönes Haus gehabt und so, verkaufen und (wieviel ha- zusammen und die Freunde und so, und auf einmal waren
ben) und dann stand man da mit Geld und dacht: ‚Wie das ist so nach der kurzen Zeit, einer nach dem anderen weg, ja.
jetzt alles? Haben wir geschafft und gearbeitet und gemacht Oh dann haben wir uns so, weißt du das war ein so, so
und so und jetzt haben wir’« (Z. 190–194). C. beendet den ein Gefühl wie, wie jetzt sind all, wie, das war das war
Satz nicht, man könnte ihn aber mit »nichts« oder »Geld« tatsächlich schlimm. Ja und dann waren meinem Mann
ergänzen. Die Dramatik liegt darin, dass das Haus, welches seine Eltern ein halbes Jahr weg und dann haben die uns
einen hohen (emotionalen) Wert hatte, so schnell aufgegeben auch ein Visum gemacht, der kam auch schnell und dann ah
werden musste. und dann das Haus, wir haben so ein schönes Haus gehabt
Die beiden anderen Male, dass C. von den 20 Jahren »wie und so, verkaufen und (wieviel haben) und dann stand man
in einem Flug« (Z. 377) bzw. »wie ein Hauch« (Z. 483) spricht, da mit Geld und dacht: »Wie das ist jetzt alles? Haben wir
bringt sie auch das Thema des anfänglichen Eingewöhnens geschafft und gearbeitet und gemacht und so und jetzt ha-
und damit die Überlegung des Zurückwollens mit ein. In die- ben wir« wir haben das gar nit so kapiert, weißt du das war
sem Rückblick kann sie einen Prozess ausmachen; von einem so schlimm für uns, wie? Und wir wussten ja überhaupt
schwierigen Einleben und Sehnsucht nach der guten Zeit in auch nit wie das da jetzt in Deutschland sein wird, ja und
Kirgisien zur heutigen Zufriedenheit und der gefundenen Hei- wir haben nur gedacht: »Ach naja, wir sind noch, ja gut,
mat in Deutschland, die sich darin äußert, nicht mehr zurück wir sind noch jung und wir müssen ja noch arbeiten« und
zu wollen: wir haben uns gar nit auch vorgestellt damals das hier doch
Aber jetzt denken wir auch gar nit, naja schon lange aber auch schwer mit der Arbeit oder so, weil in Russland war
so das äh.. nee wir haben überhaupt nit das wir zurück in der Zeit ja noch genug Arbeit und so, das haben wir, das
wollten oder was, nein, aber musste doch ne bestimmte war für die Menschen so eine Beruhigung ja, das, die
Zeit bis wir uns da so eingewöhnt haben (S.74, Z.484–487) Arbeit, war waren, wir haben so ne Stadt gehabt, oi wieviel
[…] war, die erste ja gut, n bisschen wie man sagt ähm, ja waren da ( ) tausend, musst meinen Mann fragen der weiß
gut schwer nit, aber ja, am Anfang ja, bis man das alles da das ja, und äh, hat jeder Arbeit gehabt, da waren so viel
kapiert hat wie und was und (S.73, Z.374–376) Fabriken und für Frauen und äh Nähfabriken, Oberbeklei-
Gut wir haben uns ja, jetzt können wir uns das nicht mehr dung, da war Fabriken wo sie Bettwäsche genäht haben,
vorstellen, wir denken immer zurück: ›Ach‹, denken wir so wo sie Kleider genäht haben, wo sie Schuhfabriken wo sie
es war, aber zwanzich Jahre, da hat sich in Russland schon, Schuh, also Arbeit hat jeder gehabt.
zehn mal alles verändert. (S.73, Z.380–383) I: Hm hm.
Im letzten Zitat spricht C. an der Stelle »›Ach‹, denken wir E. C.: Und deswegen waren die Leute auch so, ich meine so
so es war« nicht aus; »schön« könnte man sinnvoll einsetzen. ausgeglichen und ruhig und äh, da hat jeder hat gearbeitet,
Aber da sie diese Sehnsucht nicht wieder wach werden lassen hat Geld verdient, konnte sich kaufen was er wollte. Wenn
will, wird sie rational und fixiert ihren Blick schnell auf die jemand (will, sagte) wir haben Haus gebaut, haben Haus
Gegenwart, in der »Russland« nicht mehr das ist, als was gehabt und auch bisschen im Garten angebaut, also war
es in ihrer schönen Erinnerung fortbesteht. Somit scheint der alles gut, war richtich schön.
Prozess auf emotionaler Ebene nicht ganz abgeschlossen, wird I: Hm hm.
aber mit rationaler Hilfe Richtung Abschluss gebracht. E. C.: Und das alles dann auf einmal: »Wie, warum fahren
die denn alle, wie!« Das war, das war für uns war das
Unfreiwillige Ausreise nach Deutschland schwer zum Beispiel, ich weiß nit. (S.71, Z.166–219)
Auf die Nachfrage wie es zur Auswanderungsentscheidung Als erstes führt C. ihre damalige Perspektive der Undenk-
kam, folgt eine Argumentation zu deren Begleitumständen barkeit einer Ausreise nach Deutschland an, die sie zunächst
aus denen deutlich wird, wie wohl sich Familie C. in Kirgisien mit der Unwissenheit über das Zielland begründet. Denn
fühlt und wie ungern sie dieses Land verlässt. diesbezügliche Informationsbeschaffung war einerseits sehr
E. C.: Ja, ich sag ja, wir haben uns gar nit wie, haben nie schwierig, wenn nicht unmöglich, andererseits war C’s Inter-
gedacht das wir überhaupt mal nach Deutschland kommen, esse daran auch sehr gering. Über die Briefe der Tante war es
weil früher war das auch so, wir haben ja überhaupt gar ihr möglich etwas mehr zu erfahren, so wusste sie auch »da
keine Information gehabt überhaupt, wir wussten ja über- ist gut«, was ihre Neugier aber nicht wecken konnte, denn
haupt nit wie das, wurde ja nirgendwo geschrieben, nir- »das war für uns so unendliche Weite«. Das Fremde und Unbe-
gendwo geschildert wie was wann, wir wussten überhaupt kannte übt keinerlei Reiz auf sie aus. Deutschland ist von dem,
gar nix. Ja gut die Tante die hat da, meine Schwiegermutter wer C. ist und was sie umgibt so weit entfernt, dass die Über-
hat die da Briefe geschrieben aber das war ja alles so geheim, legung dahin auszuwandern von ihr selbst gar nicht ausgehen
ja gut und da, da ist gut, aber das war für uns so unendliche kann. Dies legt den Schluss nahe, dass ihr weder durch ihre
Weite, wer weiß. Und haben wir dann auf einmal, sind alle Mutter oder Großeltern, noch durch ihre soziale Umgebung
nach und nach und nach sind alle weg und dann auf einmal in Kirgisien, die zu einem Großteil aus Deutschen bestand,
(Frau kommt ins Haus) »Hallo Lena« (spricht kurz auf Rus- der Wunsch vermittelt wurde nach Deutschland auszureisen.
sisch mit ihr). Ja und dann ja alle, alle, auf einmal war das Zwar besitzt die ethnische Zugehörigkeit zur deutschen Min-
so, das war überhaupt uns sehr so’n richtig äh ich meine derheit eine gewisse Relevanz für C., damit geht aber nicht
für uns und für mich und für meinen Mann und so, das der Wunsch einher deshalb auf deutschem Boden leben zu
28 kapitel 4 Empirische Untersuchung

müssen. Kirgisien ist ihre gefühlte Heimat; da wo sie und ihre Entscheidung noch mehr bei C’s Mutter, für die dieser As-
Familie im selbstgebauten Haus lebt, Arbeit hat, die ihr ein pekt aber vermutlich ebenso einen hohen Stellenwert besitzt
gut versorgtes Leben ermöglicht und Freunde und Verwandte, (vgl. Z. 666) und Deutschland bewirkt und in ihrem ganzen
zu denen sie enge Beziehungen pflegt. Als aber die deutschen Leben erkennbar ist. In der Beschreibung ihrer Schulzeit er-
und damit die meisten unter ihnen die Möglichkeit der Aus- wähnt C.: »Waren immer draußen mit den Freundinnen dann
reise Ende der 80er Jahre nutzen, fällt mit diesen der für C. immer pff, die meiste Zeit waren wir« (Z. 596). In Bezug auf
und ihren Mann gewichtigste Grund des Wohlbefindens in ihr Leben in Kirgisien betont sie die sehr guten Beziehungen
Kirgisien weg, der sie schließlich zur Ausreise in das für sie zu Cousins und Cousinen des Ehemanns als auch zu Freunden
so fremde Land ‚zwingt’. An späterer Stelle bringt sie es fol- (Z. 181–183). Des Weiteren schildert sie auch gemeinschaftliche
gendermaßen auf den Punkt: »Waren ja auch alle zusammen Aktivitäten mit den Kollegen am Arbeitsplatz (gemeinsames
immer, und dann als das anfing mit dem Auswandern, ja dann Frühstück Z. 746–752, Basareinkauf Z. 829–838).
klar, dann haben alle Hals über Kopf: ›Schnell schnell so, blei- C’s zentraler Lebensinhalt »Gemeinschaft« bleibt auch in
ben wir hier alleine und die Verwandte sind schon alle weg Deutschland erhalten:
und..‹« (Z. 997–1000). Dieses Zitat steht in dem Abschnitt, in […] und dann äh Wochenenden und dann (atmet aus), äh
dem C. auf die Frage eingeht, ob es besonders war als Deut- weil wir, wir haben viel Freunde, die ganze Freunde mit
sche in Kirgisien zu leben (Z. 983–1014). Ihre Antwort darauf denen wir da zusammen waren sind auch hier, aber nit alle
bringt Argumentationen hervor, die sie zu dem Thema der äh wohnen hier in userm, aber viele auch. Und dann mein
»unfreiwilligen Ausreise« führen. Zunächst sagt sie: Mann hat sechs Geschwister, mit meinem Mann sie sind zu
E. C.: Em, bei uns war das nit so schlimm, weißt, bei uns sechst und wir sind alle auch sehr nah (S.72, Z.299–304)
war, die haben das weil, ich sag ja, weil wir immer in so Dabei sind die Freunde dieselben geblieben, sodass die en-
Gebieten gewohnt haben wo viel Deutsche waren und dann, gen Kontakte mit ihnen fortbestehen. Unklar, aber denkbar
da haben wir das nit so gemerkt ja, wie einige erzählen: bleibt, dass diese durch weitere Kontakte mit Aussiedlern er-
»Ach das«, vielleicht war das auch so, ich weiß das nit, aber gänzt werden. »Wenn man ehrlich sagt, wir sind äh, auch
bei uns äh… eigentlich sogar die Russen und die Kirgisen selten mit so in so Gesellschaften äh, wir sind meistens unter
und so, die haben sogar immer: »Ah die Deutschen die uns. Gut äh, nee gut, auf der Arbeit und so, doch, aber… ei-
haben immer Ordnung, die haben immer«, weißt du so, ja gentlich ganz normal« (Z. 1109–1112). Mit »unter uns« meint C.
das war wahrscheinlich überall so. entweder den Freundes- und Verwandtschaftskreis oder Aus-
I: Hm. siedler im Allgemeinen. Diese Beziehungen führt sie zuerst
E. C.: Nein, uns hat da keiner nit wie, wir waren da auch ausschließlich an, besinnt sich dann aber noch auf die weite-
sehr glücklich.. (S.78, Z.985–996) ren Kontakte zu den Kollegen, zu denen sie auch ein gutes
Das »nit so schlimm« bezieht sich auf das vorher Gesagte, Verhältnis hat und um deren Verständnis für die Geschichte
wo C. vom Großvater ihres Mannes erzählt, der zu Kriegszei- russlanddeutscher Aussiedler sie bemüht ist (vgl. Z. 313–344).
ten im Gefängnis sterben musste, weil er Deutscher war. Für Nachdem C. die Gemeinschaft mit Verwandten und Freunden
sich kann sie jedoch keine negative Behandlung aufgrund ih- thematisiert, macht sie folgende Aussage: »Ja, so haben wir
rer Zugehörigkeit zur deutschen Minderheit ausmachen, was uns son bisschen so integriert, ja wie man sagt…« (Z. 313)
sie darauf zurückführt in einem Gebiet mit vielen Deutschen und beginnt daraufhin von ihrem guten Verhältnis zu den Ar-
gelebt zu haben. Im Gegenteil, ihr wird seitens der Russen und beitskollegen zu erzählen. C. fühlt sich unter anderem deshalb
Kirgisen sogar Anerkennung zuteil: »’Ah die Deutschen die integriert, weil sie das, was so zentral und identitätsstiftend
haben immer Ordnung’« und sie ist glücklich dort zu leben. für sie ist – Gemeinschaft – leben kann. Vielleicht schränkt
Anschließend untermalt sie das Glück mit der oben bereits sie ihre Integration auf »son bisschen« ein, da ihr Umgang
zitierten Gemeinschaft. Dieses zerbricht dann mit der Aus- mit den Kollegen zwar gut ist, aber doch nicht so warm wie
wanderung von Verwandten und Freunden und der Aussicht mit den Kollegen im Rathaus in Kirgisien:
alleine zurückbleiben zu müssen bzw. es ihnen gleich tun zu […] da waren wir so äh, mehr zusammen mit den Leuten,
müssen. ich meine äh zum Beispiel wenn, sogar zum Beispiel wenn
An dieser Stelle erwähnt C. auch davon gehört zu haben, morgens haben wir auch Frühstückspause gehabt und ha-
wie andere für eine Ausreiseerlaubnis »schon zehn Jahre ge- ben wir gefrühstückt, wir haben nit so gefrühstückt zum
kämpft« (Z. 1008) haben. Diese Leute gehören aber nicht zu Beispiel wie hier, jeder holt äh das Frühstück raus was du da
ihrem engeren Bekannten- und Freundeskreis; sie hat nur von gebracht hast, isst selber und das war’s. (S.76, Z.746–752)
ihnen vernommen und grenzt sich klar von ihnen ab: »Und
obwohl die Tante von meinem Mann da war schon zehn Jahre Neuanfang und heute
und wir haben, wir haben gar nix, gar nit, gedacht das wir Nachdem C. die Auswanderungsentscheidung dargelegt hat,
mal zu Besuch oder, für uns war das unendliche Weite und beschreibt sie, wie sie die erste Zeit in Deutschland erlebt und
wer weiß wo das war« (Z. 1010–1014). empfunden hat.
Ja und dann hier, ja hier haben wir uns gefühlt wie vom
Gemeinschaft Himmel gefallen, das stimmt. Und wir haben ja auch noch
Bereits mehrmals wurde diese Kategorie schon erfasst, die in äh.. wir dachten, wir kennen ja Deutsche, ist doch kein Pro-
C’s Leben eine so zentrale Bedeutung hat; die Gemeinschaft. blem, ja aber anscheinend war das nit so, das die Sprache
Das Leben in engen Beziehungen mit Verwandten und Freun- vor zweihundert Jahre von unsere Großeltern wie die um-
den, die in der Nähe wohnen, ist ihr sehr wichtig und eine gesiedelt sind, die sind ja auch freiwillig von Deutschland
treibende Kraft, die die Ausreise nach Kirgisien (hier liegt die nach Russland umgesiedelt, als der, der Peter der Zar der
Analysen 29

hat ja mit dem deutschen Kaiser hat er so verabgemacht, ja, ihr Fremdfühlen und den schwierigen Start verantwortlich.
weißt ja die Geschichte Im Gegenteil; sie weiß diesbezüglich nur Positives zu berich-
I: Ja, ja ten:
E. C.: und das sind ja unsere Urgroßeltern gewesen.. Ja und E. C.: und so überhaupt als wir ja.. alle die ganze Papiere
dann sind wir zurück, ja war, klar hier war alles aber wir gemacht haben als wir kamen und so und äh, wie immer so
haben uns schrecklich schrecklich fremd gefühlt, obwohl, die Behörden und wie die Leute immer, ich weiß nit, zu uns
ich weiß nit, wir haben ja auch mit deinen Eltern haben wir waren alle immer ganz normal, ja kann ich nit sagen das
Sprachkurs gemacht und wir haben so eine schöne Lehrerin jemand uns da äh ausgeschimpft nee nicht ausgeschimpft,
gehabt, schöne (lacht), gute. Und die war ja auch zu uns, überhaupt, jah ich versteh, ich weiß nit, haben immer er-
die hat uns alles so beigebracht und erklärt, klar war das, klärt, haben immer äh, eigentlich war, da kann ich nix sagen.
das war, ich sag immer zu meinem Mann: »Wenn wir es War immer alles gut und die haben sich auch so viel Mühe
da gewusst hätten, ähm wäre die Hälfte Russlandsdeutsche mit uns gegeben, weil wir auch mit unserer Sprache und
nit nach Deutschland gekommen.« mit unserem Verständnis, weißt selber wie wir da gespro-
I: Hm chen haben und die mussten dann auch rätseln was wir
E. C.: Wegen, ich meine wegen diese ähm.. diese, überhaupt gewollt oder gemeint haben.
Umstellung und diese seelische alles, weißt du, wir haben I: Hm.
hier auch, wir wurden versorgt ja im Lager da.. und äh wir E. C.: Also wir können uns nit beschweren, ich weiß nit,
haben auch zu Essen gehabt und alles das Notwendigste. war alles okay Gut das hat die, immer was und da gege-
Aber das alles, ja wie, ohne alles, ohne Wohnung, ohne ben, wir, vielleicht das und das aber im Grunde, im ganzen
alles standen wir da und uäh, und das ist noch gut das Grunde war ja alles gut. (6) (S.74, Z.499–515)
wir so viele Verwandte gehabt haben, die haben uns alle C. grenzt sich hier von den »Menschen die immer was zu
geholfen da, und Wohnung zu suchen und in der Zeit war meckern haben« (Z. 494) ab, indem sie sich als Optimistin be-
so schwer, neunundachtzich, weil so viel umgesiedelt sind schreibt (Z. 494f) und ihre »normalen« Erfahrungen bei den
und, aber. Ja, war(sch) mir klar, ich meine, diese ganze Behörden schildert bzw. deren Bemühen sogar lobend hervor-
Umstellung und ganze, anderes Land und andres, klar ist hebt. Einerseits um ihr Selbstbild (als Optimistin) zu wahren
das schwer. Das ist äh, das war ja auch selbstverständlich und andererseits um das positiv gezeichnete Bild nicht zu wi-
nur das wir nix gewusst haben. Anscheinend war das (oft) derlegen, bleibt sie bei dem Beispiel und führt keine weiteren
so. (S.71, Z.219–252) negativen an. Sie fühlt sich nicht in der Position überhaupt
C. beschreibt einen schweren Start in Deutschland; sie und Kritik üben zu dürfen (»wir können uns nit beschweren«)
ihr Mann fühlen sich »wie vom Himmel gefallen«. Damit und deutet nur an: »Gut das hat die, immer was und da gege-
führt sie bildhaft vor Augen, dass ihr im neuen Land nichts ben, wir, vielleicht das und das aber im Grunde, im ganzen
bekannt ist und sie somit auf kein bereits vorhandenes Hand- Grunde war ja alles gut.« Für C. scheinen diese Vorfälle nicht
lungs- oder Orientierungsmuster zurückgreifen kann, son- erwähnenswert zu sein; viel wichtiger ist, dass »alles gut« war.
dern – vielleicht wie ein Kind – alles neu lernen muss. Dies In diesem Sinne bewertet sie auch die persönliche Situation
stellt eine große Herausforderung dar, der sie – anders als heute:
die Großeltern, die »ja auch freiwillig von Deutschland nach […] ich meine im Ganzen ah, zusammen da so so, wir müs-
Russland umgesiedelt« sind, gezwungenermaßen begegnen sen uns äh, ich meine äh, ja glücklich, naja gut glücklich ja
muss. Die ernüchternde Feststellung mangelnder deutscher das ist ein anderes Wort aber, ja glücklich schätzen das wir
Sprachkompetenz trägt erheblich zum anfänglichen Unwohl- bis jetzt noch auch, ich meine Dach über’m Kopf, Essen und
befinden bei. Aber trotz des Sprachkurses mit einer guten so, weil ich meine das ist das Wichtigste und die Arbeit ja,
Lehrerin und damit sehr wahrscheinlich einhergehenden Fort- und dann kommt erst mal alles andere. (S.73, Z.433–438)
schritten der Deutschkenntnisse, als auch der Erkenntnis »klar Diese Aussage trifft sie nachdem sie die schwierige aktu-
hier war alles«, haben sich C. und ihr Mann »schrecklich elle Situation in Kirgisien beschrieben hat. Sie steht also im
schrecklich fremd gefühlt.« Dieses Gefühl der Unsicherheit Vergleich zu dieser. Insofern sieht sich C. in einer wesentlich
und Angst führt sie auf eine »seelische Umstellung« zurück, vorteilhafteren Lage, kann aber nicht überzeugt sagen, sie sei
die aus der Fremdheit des Landes und dem Fehlen jeglicher »glücklich« in Deutschland. Die Zustandsbeschreibung »glück-
Information (und damit einer möglichen Vorbereitung) dar- lich« erscheint ihr nicht zutreffend, als geeigneter empfindet
über resultieren. Hätte C. in Kirgisien gewusst was auf sie C. den Verb beinhaltenden Ausdruck »glücklich schätzen« um
zukommt, wäre sie und »die Hälfte Russlanddeutsche nit nach ihre momentane Lebenssituation zu beschreiben. Denn zum
Deutschland gekommen«, so denkt sie aus der Perspektive »glücklich schätzen« kann man aktiv und von sich aus etwas
kurz nach der Einreise. Die »seelische Umstellung« hat ihre beitragen, anders als zum »Glücklichsein«. In Anbetracht von
Ursache aber auch in der strukturellen Umstellung; denn die »Dach über’m Kopf, Essen« und »Arbeit« fühlen sie sich ge-
Versorgung mit dem Notwendigsten im Lager und das Da- zwungen, froh und dankbar zu sein (insbesondere im Ver-
stehen »ohne alles, ohne Wohnung, ohne alles« bedeutet gleich zu Kirgisien). Dieses Gefühl gründet unter Anderem
eine Verringerung des Sozialstatus und somit Verunsicherung. auf rationalen Überlegungen. »Glücklichsein« bewegt sich auf
Dessen Veränderung trägt schließlich einen Großteil zum rein emotionaler Ebene und ist somit schwer beeinflussbar;
Wohlbefinden bei: »Ja und so jetzt sind, ja, haben Haus ge- dieses kann C. nicht entschlossen für sich behaupten. Auch
baut und jetzt denken wir das musste so sein und sind auch, nach 20 Jahren und einer abgeschlossenen Eingewöhnung
ich meine.. froh darüber« (Z. 255–257). C. macht in keinster (vgl. Z. 484–487) ist das in Kirgisien erlebte Wohlbefinden in
Weise irgendein Fehlverhalten von hiesigen Deutschen für Deutschland nicht erreicht. Vielleicht ist es die Sehnsucht nach
30 kapitel 4 Empirische Untersuchung

dieser Zeit, die C. davor zurückhält überzeugt sagen zu kön- »Aber bei jedem anders weißt du, das kommt noch auf die
nen, sie sei in ihrer momentanen Situation glücklich. Denn im Menschen überhaupt wie die eingestellt sind und wie, wie
Rückblick auf die Zeit in Kirgisien spricht sie ohne Vorbehalte was, das jeder hat seine eigene Meinung dazu« (Z. 488–491).
aus: »Wir waren da auch sehr glücklich« (Z. 995). Auch wenn sie über ihr Leben in Kirgisien berichtet, über das
gute Miteinander und die Freundlichkeit, so hat sie doch auch
Optimismus von anderen Erlebnissen gehört und bringt diese indirekt zur
Wie im vorangegangenen Abschnitt bereits zum Vorschein Sprache: »Vielleicht war das bei jemand auch anders, ich sag
kam, sieht sich C. als optimistischen Menschen (Z. 494f). Im ja alles wer, bei einem so, bei einem, eine haben im Ort ge-
Folgenden soll diese Einschätzung anhand weiterer Aussa- wohnt, die andere haben in der Stadt gewohnt, da war ja auch
gen, die dem gesamten Interviews entnommen sind, beurteilt ganz anders in der Stadt« (Z. 846–849). Ebenso weiß C., dass
werden. Sehr häufig findet sich die Bewertung, dass etwas ihre Gründe für die Auswanderung nach Deutschland sich
»(richtig) schön war«. So in Bezug auf die neue Umgebung von denen vieler anderer Russlanddeutscher (z. T. erheblich)
in Tadschikistan (Z. 81), die Schulzeit dort (Z. 96), die Arbeit unterscheiden: »Ja jeder hat, jeder hat dann was anderes zu
in der Fabrik in Kirgisien (Z. 138), das Leben dort mit Ar- erzählen, weißt du« (Z. 1000). Ihr ist bewusst, dass – ganz im
beit, Haus und Garten (Z. 214), das Eigenheim in Deutschland Gegenteil zu ihr – andere seit langer Zeit auf die Möglichkeit
(Z. 295) und die Sprachlehrerin (Z. 233–234), bei der C. aber der Ausreise gewartet und dafür gekämpft haben.
von »schöne« auf »gute« korrigiert. Als »gut« bezeichnet sie C. weiß um ihre eingeschränkte Perspektive und bleibt bei
ihre Arbeit in Deutschland und das Verhältnis zu den Kolle- dem was sie persönlich weiß und erlebt hat ohne zu verallge-
gen sowie an anderer Stelle noch mal die Schulzeit und die meinern. Es stellt kein Problem für sie dar, mit ihrer Meinung
Tatsache, dass sie dort »von der zweiten Klasse an deutsch oder Sicht eventuell alleine zu stehen oder damit als allein ste-
[zu] lernen« konnte (Z. 604). Fast in jedem Lebensabschnitt hend gesehen zu werden. So wie sie die Andersbetrachtenden
ist eine positive Bewertung vorzufinden, ausgenommen der nicht verurteilt, braucht auch sie kein (negatives) Urteil ihrer
Zeit vor und nach der Ausreise, die sie »schlimm« (Z. 187) und Weltsicht zu befürchten.
»schwer« (Z. 250) empfindet. Somit beweist sich C’s Selbstein- Anhand der vielen Beispiele zeigt sich, dass C. die Vielfalt
schätzung als Optimistin und wirkt authentisch, da sie auch der Ansichten und Erfahrungen immer wieder hervorhebt,
unschöne Zeiten als solche erkennt und eingestehen kann. anstatt Verallgemeinerungen vorzunehmen, um ihre Weltsicht
Diese Lebenseinstellung hilft ihr bei der Bewältigung neuer zu rechtfertigen.
Situationen, die sie zunächst zwar als leidig wahrnimmt aber
dank positiven Denkens zu zufrieden stellendem inneren als Gesellschaft Kirgisien – Deutschland
auch äußeren Befinden wenden kann und damit der Integra- Im Rahmen ihrer Argumentation zur Auswanderungsent-
tion zuträglich ist. scheidung beschreibt C. auch wie sie die Gesellschaft in Kirgi-
sien wahrnimmt. Viele Fabriken ermöglichten den Menschen
»Bei jedem anders« eine Vollbeschäftigung, welche – so C’s Schlussfolgerung – fol-
C. betont immer wieder, dass das was sie zu berichten weiß, gende Auswirkungen hatte: »Und deswegen waren die Leute
ihre persönliche Sichtweise und ihr Erleben ist und mit dem auch so, ich meine so ausgeglichen und ruhig und äh, da hat
Anderer nicht übereinstimmen muss. Insofern betrachtet sie jeder gearbeitet, hat Geld verdient, konnte sich kaufen was
ihre (mit eingeschlossen ist immer auch der Ehemann, da sie er wollte« (Z. 210–212). Arbeit und die damit gewährleistete
in der Wir-Form spricht) Perspektive als individuell und als Versorgung des Lebensbedarfs gab den Menschen Sicherheit
eine von vielen möglichen. und wirkte sich positiv auf ihren Charakter aus; Ausgegli-
So leitet sie ihre Meinung »wir müssen uns […] glücklich chenheit und Ruhe beschreiben einen Zustand der Zufrieden-
schätzen« (Z. 435f) mit den Worten: »Und em die Leute, naja heit mit dem Gegebenen. Im Gegenteil zu dieser Beschrei-
klar, Leute sind, einer denkt so, einer denkt so« (Z. 431) ein. bung sieht sie die unsichere Lage auf dem Arbeitsmarkt in
Vielleicht will sie diese Aussage zunächst auf alle Aussiedler Deutschland, (von der sie kurz nach der Einreise persönlich
beziehen, begrenzt dann aber ihre Gültigkeit auf die eigene betroffen war: »Wir haben uns gar nit auch vorgestellt damals
Person (bzw. Familie). Auch hinsichtlich dessen, was ihr am das hier doch auch schwer mit der Arbeit« (Z. 198), sodass
Wichtigsten im Leben erscheint und in dem Streben nach einer auch ein konträres Bild von der deutschen Gesellschaft vermu-
besseren beruflichen Position differenziert sie ihre Sichtweise tet werden kann, welches sie aber nur implizit zum Ausdruck
von anderen und grenzt sich damit ab: »Wir denken so, viel- bringt.
leicht die haben, ja jeder, ich meine, jeder Mensch naja gut, ich Des Weiteren greift sie das Thema der Erziehung auf, de-
äh, wir denken so und die andere kommt drauf an wie, wie ren Praxis in Kirgisien und Deutschland klare Unterschiede
die Leute jetzt stehen […] aber für uns das alles, Hauptsache aufweist und die für C. sehr markant sind: »Weil da war ja
Gesundheit und so« (Z. 440–446). Ebenso von »Menschen die das ganz anders, die Kinder wurden anders erzogen und über-
immer was zu meckern haben« und zählt sich zu »Menschen haupt alles, wir haben auch auf unsere Eltern immer Sie gesagt,
die so positiv, die mehr positiv denken« (Z. 494–496). Als C. nicht du oder was, das war so oder auf ältere Leute oder auf
davon spricht, dass sie zur Eingewöhnung in Deutschland eine ältere Nachbarn oder was immer Sie und so« (Z. 353–357). C.
»bestimmte Zeit« brauchte, will sie diesen schwierigen Zeitab- bringt dieses Beispiel an, weil hier der Verhaltensunterschied
schnitt nicht nur aus ihrer alleinigen Perspektive so betrachtet sehr offensichtlich ist und ihr von anderen auch gespiegelt
wissen und sucht zunächst in den Eltern der Interviewerin wird: »Ha, was habt ihr immer mit diesem ›Sie‹?« (Z. 357). Sie
diesbezüglich Gleichgesinnte: »Ja deine Eltern genauso wis- nimmt aber viel mehr Unterschiede wahr, die sie nicht weiter
sen die auch« (Z. 487). Folgt dann aber doch ihrem Prinzip: konkretisiert, vielleicht auch nicht konkretisieren kann, weil
Analysen 31

sie schwer in Worten fassbar sind und resümiert: »Klar war das Wissen aus ihrer unmittelbaren Umgebung in Kirgisien;
das ganz anders, überhaupt alles ganz anders« (Z. 359). Kurz vom Arbeitsplatz im Rathaus führt sie ihre Betrachtungen
darauf geht sie zwar noch auf den unterschiedlichen Sprach- aus. Darüber hinaus kann und möchte sie keine Aussagen ma-
gebrauch ein (der Gebrauch englischer Umgangswörter, der chen. C. beginnt ihre Ausführungen mit »alle haben Familie
in Kirgisien nicht üblich war); aber auch dies ist nur ein wei- gehabt«, was darauf schließen lässt, dass die (Kern)Familie
teres augenscheinliches Beispiel, das für die Vielzahl der von weit verbreitet war und somit die »normale« Lebensform dar-
C. erlebten Differenzen steht. Das Exempel der andersartigen stellte. Danach ringt sie um die passenden Begrifflichkeiten
Erziehung, das die Achtung vor Respektpersonen (Eltern und zur Beschreibung der Menschen, die »irgendwie anders« sind
ältere Personen) beschreibt, wird an späterer Stelle in anderer als in Deutschland und drückt es dann so aus: »Da waren
Weise verdeutlicht. Als C. ihre Unwissenheit über den Vater wir so äh, mehr zusammen mit den Leuten.« Um dies zu ver-
erklärt, sagt sie: »Die Eltern haben, das war ja so die äh, nit so anschaulichen, schildert sie sehr ausführlich die gemeinsame
wie jetzt das die alles erzählen oder was, das war eben nit äh Frühstückspause am Arbeitsplatz, die für C. das Symbol der
und wenn die Mutter das nit erzählt hat dann haben wir auch herzlichen Gemeinschaft ist, welche sie sogar mit der einer
nit gefragt« (Z. 552–554). Hier wird die starke Autoriät der Familie vergleicht: »Wir waren immer so zusammen wie
Eltern deutlich, die C. in Kirgisien erlebt hat und wohl auch eine Familie.« Wie in einer solchen übernimmt jeder eine Auf-
allgemein verbreitet war. Das Verhältnis der Kinder zu den gabe und trägt so zum Gemeinwohl bei. Dem Bild der Familie
Eltern war nicht in dem Maße von Offenheit geprägt, wie es entgegengesetzt betrachtet sie die deutsche Gesellschaft, in
heute und in Deutschland der Fall ist (»nit so wie jetzt das die der jeder sein Frühstück nur für sich mitbringt und es alleine
alles erzählen«). Diese Aussagen über Erziehung legen einen einnimmt, wo der Blick also auf die persönlichen Bedürfnisse
tendenziell autoritären Erziehungsstil nahe, in dem der/die konzentriert ist und kein Sinn für Gemeinschaft besteht. Da
ErzieherIn alleine bestimmt und das Kind wenig in Entschei- für C. persönlich Gemeinschaft sehr wichtig ist, ist es auch
dungen eingebunden ist. Die Folge eines solchen Stils ist unter dieser Aspekt, den sie auf die Frage nach der Gesellschaft
Anderem ein hohes Maß an Sicherheit für das Kind. hervorhebt.
Auf die explizite Frage nach C’s Gesellschaftsbild und ihrer Des Weiteren beschreibt sie: »Die Leute waren, ich meine
Einschätzung dessen, was den Menschen in Kirgisien wichtig wie man sagt… naja anständig« und meint damit das Sorge
war, antwortet sie folgendes: tragen um die Familie im Sinne einer Förderung der Kinder
E. C.: Ach was kann ich sagen, eigentlich da im Rathaus in Schulangelegenheiten und ihre Erziehung zu Mithilfe im
als ich gearbeitet habe, wir waren da zehn Mann und alle Haus. Außerdem habe sich jeder »bemüht ähm.. immer was
haben Familie gehabt und äh, eigentlich die Leute waren zu machen.« C. rückt hier erneut die Familie in den Forder-
alle so, ich meine jeder hat dann äh.. ich meine, da waren grund; die Leute sind »anständig«, weil sie sich um die Familie
die Leute ähm irgendwie anders wie hier zum Beispiel, kümmern und sich um ihre Fortentwicklung (insbesondere
die waren, da waren wir so äh, mehr zusammen mit den die der Kinder) bemühen. Diese Aussagen beschränkt sie auf
Leuten, ich meine äh zum Beispiel wenn, sogar zum Beispiel die von ihr erlebte Zeit in Kirgisien und stellt keinen Vergleich
wenn morgens haben wir auch Frühstückspause gehabt und zur deutschen Gesellschaft her.
haben wir gefrühstückt, wir haben nit so gefrühstückt zum Danach schildert C., wie sie einige Kollegen aus dem Rat-
Beispiel wie hier, jeder holt äh das Frühstück raus was du haus in der deutschen Art der Verwertung eines geschlachte-
da gebracht hast, isst selber und das war’s. Damals war ten Schweins unterweist und formuliert folgendermaßen den
das, das war, ich meine wir haben, wir waren immer Aspekt, den sie mit diesem Beispiel untermalen wollte:
so zusammen wie eine Familie, wir haben, jeder hat was Eigentlich so, und jeder hat voneinander was gelernt, ach
mitgebracht, aha dann haben wir geguckt die Zeit, haben einer, und ich koch das und ich mach das, nicht nur von
wir äh Elektrokocher aufgestellt, dann haben wir alles auf Kochen meine ich und ähm, was ja bei den Russen so ist,
den Tisch gestellt, dat hat alles, ich hab zum Beispiel das, die sind sehr gastfreundlich und ähm, wenn du zu denen
ich hab Marmelade mitgebracht, die andere: »Ach ich geh zu Besuch kommst, dann geben die dir das letzte Stückchen
mal schnell Brot kaufen«, das war jetzt, haben wir hier in das, die verstecken das nicht im Kühlschrank für sich, dann
der Nähe, die andere hat Wurst mitgebracht, die andere hat kriegst du das, weil du zu Besuch gekommen bist. Ja, und..
Speck mitgebracht, die andere hat ein paar Eier mitgebracht. also, war schon, oder wenn zum Beispiel äh nach der Ar-
Wir haben dann alle immer zusammen, das gab es nit bei beit jemand auf den Basar gefahren ist oder zum Beispiel
uns so das einer selber isst. Wir haben, da war ja alles »Ah wir müssen jetzt pflanzen Paprikapflänzchen oder noch
Gemeinschaft, da haben wir alle zusammen gegessen dann was«, dann hat jeder, dann kam jeder dann: »Brauchst du
haben wir schnell alle zusammen abgeräumt und das war’s. welche, brauchst du welche?« »Ja.« »Wieviel soll ich mit-
I: Hm. bringen?« Dann hat, zum Beispiel, ich hab das dann nit nur
E. C.: Und die Leute waren, wie waren die Leute, die Leute, für mich gekauft, dann haben wir dann zusammengelegt
jeder hat äh äh, ja jetzt diese Zeit haben die Leute sich und dann hab ich anstatt zwanzich Pflänzchen hab ich dann
auch ganz verändert aber die Leute waren, ich meine wie hundert Stück gekauft, jedem dann, dann hat jeder abends
man sagt… naja anständig, ja wie, wie man sagt ja anstä, dann gepflanzt und so und dann waren alle glücklich (lacht).
ich meine anständig, jeder hat gesorgt für die Familie das, I: (lacht)
das die Kinder in die Schule, das besser das die zuhause E. C.: Doch, das war ne gute Zeit und eigentlich die Men-
helfen, weißt du jeder hat sich bemüht ähm.. immer was schen die waren auch und.. wenn du dann zum Beispiel äh,
zu machen (S.76, Z.742–773) das war ja auch nit so wie hier, das Brot oder Wasser ging
C. stützt sich bei ihrer Beschreibung der Gesellschaft auf man zum Nachbarn: »Ach hör mal, ich hab Besuch gekriegt,
32 kapitel 4 Empirische Untersuchung

kannst du mir dann ein Leib Brot leihen oder noch Wasser?« zu sein. Letzteres gilt insbesondere für Deutsche, denn ihnen
Also jeder war freundlich und das, kann man nit sagen, ich gegenüber war man an den Universitäten bzw. Berufsschulen
hab das nit erlebt, ich weiß nit. (S.76, Z.822–846) »nit so sehr freundlich« aber »so sehr gravierend war das auch
Das Voneinander Lernen unterstreicht die Vorstellung von nit« (Z. 928, Z. 927). Allerdings gilt nicht der Umkehrschluss;
einem freundschaftlichen Miteinander zum gegenseitigen Vor- diejenigen, die weder Ausbildung noch Studium absolviert
teil. C. unterscheidet hier die voneinander lernenden Parteien haben, sind aus C’s Perspektive nicht automatisch »Verlierer«.
nach ethnischer Zugehörigkeit; Russen lernen das Schweine- Schließlich gehört sie selber zu ihnen, macht aber an keiner
schlachten von Deutschen und diese die Gastfreundlichkeit Stelle deutlich, dass sie sich als solche fühlt oder jemals ge-
von Russen. Da sie in ihren bisherigen Ausführungen zur fühlt hat; im Gegenteil, betrachtet sie ihr Leben doch stets als
Gesellschaft in Kirgisien diesbezüglich keinerlei Unterschiede »schön« oder »gut«.
gemacht hat, bestätigt sich hier die etwas später so formulierte Auf die Frage nach den bedeutendsten Unterschieden zwi-
Weltsicht: »Aber wie man sagt ja, die Leute sind eigentlich alle schen der deutschen und der kirgisischen Gesellschaft, ant-
gleich. Deutsche, Russen, bei jedem – klar die Mentalität ist wortet C. zunächst, dass schon so viel Zeit vergangen sei, Sie
anders – bei jedem sind auch solche Leute auch solche Leute, erweckt damit den Eindruck, als könne sie sich nicht mehr erin-
weißt du, das ist bei jedem Volk so…« (Z. 1075–1078). So kann nern, benennt dann aber doch kurz die andersartige Erziehung,
man von den unterschiedlichen »Mentalitäten« und Kenntnis- die sehr prägend gewesen sei (vgl. Z. 1115–1120). Schließlich
sen, wie in den konkreten Beispielen angebracht, lernen und sagt sie wieder: »Und so, für uns ist das ja klar ganz anders.
profitieren; die ethnische Zugehörigkeit ist für C. aber kein Aber jetzt derzeit kann ich gar nix sagen warum, ich weiß nit..«
Kriterium, nach dem sie die Gesellschaft ordnet. Wenn sie von (Z. 1124–1126). Und noch einmal beteuert, sie wüsste es nicht
der Ausgeglichenheit der Leute, der Kindererziehung oder der (Z. 1128). Einerseits ist Ablenkung ein möglicher Grund da-
Vorrangstellung der Familie etc. spricht, so differenziert sie für, da ihr Ehemann zu diesem Zeitpunkt ins Zimmer kommt
nicht zwischen den Ethnien. Denn schließlich kann sie auch und den Fernseher anschaltet, andererseits könnte es für C.
»keine Inzidenten erzählen (weiß ich nit), die haben so viel Na- schwierig sein, konkrete Unterschiede zu bezeichnen, weil
tionalitäten und immer gut alle miteinander ausgekommen« das Leben in Deutschland kein Leben in der Fremde mehr
(Z. 1072–1073). In der im Interview abverlangten Reflektion ist, sondern vertraute Umgebung und vertrauter Alltag, wie
erkennt C. das gute Miteinander der »viel(en) Nationalitäten«, sie an anderer Stelle sagt: »Wir haben uns auch über Vie-
die sie in ihrem Alltag aber nicht differenziert wahrnimmt. les immer gewundert und so, aber jetzt wenn uns mal, jetzt
Das Beispiel des Pflanzenkaufs auf dem Basar, den C. oder wenn du mich fragst, ist alles normal« (Z. 351–353). Während
ein/e andere/r KollegIn für das gesamte Kollegium übernimmt, der Beschreibung der kirgisischen Gesellschaft kommt C. auf
zeugt von einem Denkmuster, das das Wohl des Kollektivs einzelne Punkte zu sprechen, die im Vergleich zur deutschen
als sehr wichtig einstuft. Es scheint selbstverständlich, dass C. Gesellschaft differieren, jedoch fällt es ihr schwer diese auch
»das dann nit nur für (sich) (ge)kauft«, wie sie es in Deutsch- aus dem umgekehrtem Blickwinkel zu sehen; sie kann aus
land wahrscheinlich tun würde, sondern die Kollegen bedenkt, der deutschen Gesellschaftsbeschreibung heraus keine Unter-
damit »alle glücklich« sind. schiede benennen. Vielleicht ist sie heute zu sehr Teil von
Weiterhin sagt sie: »Also jeder war freundlich« und bezieht dieser, als das sie in der Lage wäre die nötige Distanz herzu-
sich dabei auf die Selbstverständlichkeit der nachbarschaftli- stellen, um solche Aussagen treffen zu können; ein Zeichen
chen Hilfe, die sich darin äußert, dass mit Brot und Wasser von gefühlter Integration.
ausgeholfen wird, wenn jemand spontanen Besuch empfängt
und selber damit nicht dienen kann. Es ist selbstverständlich 4.8.2.3 Selbstverständnis und Gesellschaftsbilder El-
um Hilfe zu bitten und erfordert somit keine Überwindung vira Claus’
des Schamgefühls aufgrund einer Bedürftigkeit. Denn genauso
›normal‹ ist es Hilfe zu geben, sodass sie auf Gegenseitigkeit Selbstverständnis
beruht. Wenn C. sagt: »Wenn du dann zum Beispiel äh, das Elvira Claus sieht sich als Tochter einer Familie, die zur (platt-)
war ja auch nit so wie hier, das Brot oder Wasser ging man deutschen Minderheit gehört und als solche eine besondere
zum Nachbarn«, so könnte zweierlei gemeint sein. Erstens, Geschichte durchlebt hat, die dazu führt, dass C. in Sibirien
dass der Vorrat an Brot und Wasser im Haushalt in Kirgi- geboren wird und dort die ersten sieben Jahre ihres Lebens ver-
sien nicht jederzeit und so selbstredend gegeben war wie in bringt. Als Deutsche darf die Familie die unwohnliche Region
Deutschland oder zweitens, dass die nachbarschaftliche Hilfe bis 1956 nicht verlassen. Insofern wird C. davon geprägt, auf-
in Deutschland nicht (in dem Maße) gegeben ist wie in Kirgi- grund ihrer Zugehörigkeit zu einer deutschstämmigen Familie
sien. Es könnte aber auch beides gemeint sein. besonderen Umständen ausgesetzt zu sein. Folglich nimmt sie
C. nimmt die kirgisische Gesellschaft als eine wahr, in der sich als deutsches Kind wahr. Auch als die Familie nach Ta-
jeder einzelne ›seines Glückes Schmied‹ ist: »Meine Meinung dschikistan auswandert und dort in einer deutschen Siedlung
das das hing ja alles von zum Beispiel von dir ab, wenn du wohnt, macht C. ihre eigene Zuordnung als Plattdeutsche klar.
dich selber bemüht hast und äh Beruf gelernt hast, studiert Jedoch stellt diese Einordnung für C. keine Handlungsorientie-
hast […] wenn du gewollt hast und, ja dann hast du das auch rung dar; die Tatsache in eine deutsche Familie hineingeboren
gemacht.« (Z. 920–930). Mit dieser Aussage antwortet sie zu sein, wirkt sich zwar auf die Begleitumstände ihrer Ge-
auf die Frage nach den »Verlierern« und »Gewinnern« der burt und Kindheit aus, bringt deutsch-kulturelle Praxen mit
Gesellschaft, die anhand des Kriteriums der (Berufs)Bildung sich (deutsche Sprache, ›deutsches Schweineschlachten‹) und
erwogen werden. Wer also die Bildungsangebote wahrnimmt schließlich die Möglichkeit der Ausreise nach Deutschland,
und sich bemüht, der hat auch die Möglichkeit »Gewinner« aber beeinflusst sie weder in ihren Entscheidungen noch in ih-
Analysen 33

ren Beziehungen oder ihrem Alltag. Berufswahl, Partnerwahl sien) und wahrt damit ihr Selbstbild als Optimistin, obwohl
oder die Auswanderung nach Deutschland werden nicht von sie auf emotionaler Ebene nicht überzeugt sagen kann, glück-
ihrer Identität als Deutsche motiviert. lich zu sein (im Vergleich zum damals in Kirgisien erreichten
Auch in Deutschland legt C. keinen Wert darauf als Deut- Wohlbefinden). Vielleicht macht es die Sehnsucht nach der
sche anerkannt zu werden; so klärt sie zwar ihre Arbeitskol- glücklichen Zeit in Kirgisien unmöglich und/oder auch die
legen über Russlanddeutsche und ihre Geschichte sowie die Tatsache, in Deutschland nicht in jedem Lebensbereich das
Lebensbedingungen in Kirgisien auf, argumentiert dabei aber dort erlebte Ausmaß an Gemeinschaft leben zu können.
nicht für ihre Anerkennung als Angehörige des deutschen C. ist eine nach Stabilität und Sicherheit strebende Persön-
Volkes. Ihre Erklärungen haben rein informativen Charak- lichkeit; davon zeugt die Aufnahme der Arbeitsstelle in der Fa-
ter: »Dann hab ich das ihnen erzählt, wie das überhaupt, was brik in Kirgisien (und damit die Entscheidung gegen eine mit
ist das überhaupt Russlanddeutsche, wie sind die nach Russ- Unsicherheiten verbundene Ausbildung oder ein Studium),
land gekommen, (aber) warum die sich Deutsche nennen, weil die wiederholte Betonung (des Glücks) einen Arbeitsplatz zu
die sind da ja geboren und so« (Z. 330–333). C. schließt sich haben, die Wahl ihres Ehepartners, den sie (bzw. ihre Familie)
in diese Erklärung nicht direkt mit ein, sondern begründet seit langer Zeit und gut kennt, sowie der zweimalige Hausbau
nur, warum »die [Hervorhebung K. H.] sich Deutsche nen- und das Unbehagen in Anbetracht neuer Situationen. Mög-
nen«. Und so sieht sie sich auch nicht in der Lage Kritik licherweise ist letzteres auf den von C. erlebten autoritären
üben zu dürfen, was ihre Behandlung bei den Behörden an- und damit Sicherheit bietenden Erziehungsstil zurückzufüh-
betrifft, sondern hebt diese positiv hervor. C. tritt nicht mit ren, der es ihr schwer macht mit Unklarheiten in neuen Situa-
der Erwartungshaltung auf, als Deutsche entsprechend gut tionen umzugehen.
behandelt werden zu müssen, sondern erkennt die ihr entge- C. betont immer wieder, dass ihr Erleben und ihre Ansich-
gengebrachte Mühe als unverdient und somit lobenswert an ten nicht automatisch mit denen Anderer übereinstimmen,
(vgl. Z. 499–515). somit also individuell sind. Sie weiß, dass selbst Menschen in
In ihrem Selbstverständnis ist C. nicht vordergründig Deut- ähnlichen Situationen oder unter ähnlichen Bedingungen an-
sche sondern vielmehr Optimistin und Beziehungsmensch. dersartige Erfahrungen machen und unterschiedlich darüber
Ihre optimistische Grundhaltung offenbart sich in der posi- denken, sodass sie die eigene Position nur für sich allein bean-
tiven Bewertung fast jeder Lebensphase. Als schwierig und sprucht. Somit grenzt sie sich und ihre Lebensgeschichte von
nicht positiv bewertbar sind die Phasen von Ausreise und anderen ab und verleiht ihr damit gewisse Besonderheit. C. ist
Neubeginn. Schon als C. im Alter von 17 Jahren nach Kirgi- mit ihrer besonderen Lebensgeschichte und ihrer Perspektive
sien kommt, löst die neue Situation Unwohlsein in ihr aus; sie darauf im Einklang und bedarf somit nicht ihrer Rechtferti-
tut sich mit Veränderungen schwer. Umso mehr als sie sich gung durch Verallgemeinerungen.
gezwungen sieht die gewonnene Heimat nach 21 Jahren zu
verlassen, um in ein ihr völlig fremdes Land zu ziehen. Gesellschaftsbilder
Die Motivation, das glückliche Leben in Kirgisien hinter C. sieht sich in Kirgisien einer sozialen Umwelt gegenüber, die
sich zu lassen und die unerfreuliche Herausforderung auf sich ihr alle Möglichkeiten zum Glücklichsein bietet. Sie ermöglicht
zu nehmen, liegt in C’s nach Gemeinschaft strebender Iden- ihr den Ausdruck ihrer Identität, nämlich in Gemeinschaft zu
tität begründet. Denn in Kirgisien steht sie in engen freund- leben, sodass sich C. als vollwertig integriertes Mitglied der
schaftlichen Beziehungen, ist Kollegin in einem harmonischen Gesellschaft empfindet. Die Gesellschaft schränkt sie aufgrund
Kollegium und eine hilfsbereite Nachbarin. In all diesen Be- ihrer Zugehörigkeit zur deutschen Minderheit nicht ein oder
ziehungen kann sie ihrer Identität Ausdruck verleihen. Die grenzt sie gar aus, vielmehr schätzt sie die deutsche kulturelle
Tatsache unter vielen Nationalitäten (Deutsche, Russen, Kirgi- Praxis, so zum Beispiel die deutsche Ordnung (Z. 991) oder
sen, Türken, Z. 84) zu leben, die »immer gut alle miteinander die umfassende Verwertung eines geschlachteten Schweins
ausgekommen« (Z. 1073) sind, empfindet C. als Bereicherung. (Z. 807–809). C. kann von ihrer Zeit in Kirgisien »keine Inzi-
Als viele Menschen, zu denen C. in (enger) Beziehung steht, denten erzählen« (Z. 1072), die wegen ihrer Nationalität zu
ausreisen, ist es für sie eine schwere Erschütterung, die sie zur Benachteiligungen irgendwelcher Art geführt hätten. Die Bil-
eigenen Auswanderung bewegt. Nachdem aber die Gemein- dungswege Studium oder Berufsausbildung wären ihr – wenn
schaft in Deutschland wieder hergestellt ist und die Sicherhei- auch als Deutsche vielleicht mit etwas mehr Anstrengung ver-
ten Eigenheim und Arbeit erreicht sind, kann sie sich auch bunden – offen gestanden und hätten ihr somit auch die Chan-
hier »glücklich schätzen«. Jedoch sind die Beziehungen zu den cen eingeräumt »Gewinner« zu sein. Diese hat C. zwar nicht
Kollegen in Deutschland im Vergleich zu denen im Rathaus wahrgenommen, sie sieht sich dadurch aber keineswegs be-
in Kirgisien (»wie eine Familie«) nicht so herzlich und die nachteiligt. Schließlich war es ihr (und ihrem Mann) dennoch
nachbarschaftlichen Kontakte sowie die Selbstverständlichkeit möglich, durch das Erwerbseinkommen in der Fabrik bzw.
der gegenseitigen Hilfe sind weniger ausgeprägt. Insofern ist im Rathaus den Bau eines Eigenheimes zu finanzieren und
nicht jeder Lebensbereich in dem Maße von Gemeinschaft das für C’s Wohlbefinden so wichtige Gefühl der Sicherheit
geprägt, wie C. es in Kirgisien erlebt hat. zu gewinnen. Auch in der Bevölkerung nimmt sie Ruhe und
Die Entwicklung von der anfangs schweren Zeit über die Ausgeglichenheit wahr, die sie auf die durch viele ansässige
Eingewöhnung zum heutigen »glücklich schätzen« und Ge- Fabriken erlaubte Vollbeschäftigung zurückführt.
fühl der Integration ist zu einem Großteil C’s Optimismus C. erlebt eine Gesellschaft, in der die Autorität der Eltern
und der Möglichkeit Gemeinschaft zu leben geschuldet. Sie bzw. der Respekt vor älteren Leuten maßgeblich die Erziehung
macht sich rational bewusst, dass sie sich glücklich schätzen beeinflussen. Ein in der Tendenz autoritär ausgerichteter Erzie-
muss (im Vergleich zur heutigen prekären Situation in Kirgi- hungsstil prägt sie als Heranwachsende und gibt ihr auch als
34 kapitel 4 Empirische Untersuchung

Erwachsene den Orientierungsrahmen für Einstellungen und 4.8.3 Jakob (und Lydia) Egert
Handeln als auch das Muster zur Einordnung der Gesellschaft.
Die weit verbreitete Lebensform der (Kern)Familie be- Frau E. wohnt dem Interview die meiste Zeit bei und bringt
schreibt die Normalität in C’s sozialer Umgebung. Die Familie sich immer wieder in das Gespräch ein. Deshalb werden auch
bildet den Kern der Gesellschaft und ist darüber hinaus auch ihre Aussagen im Folgenden berücksichtigt; zumal das Ehe-
Sinnbild für das harmonische Miteinander und die Aufga- paar (meistens) einer Meinung zu sein scheint sich gegenseitig
benerfüllung innerhalb größerer sozialer Netzwerke. Entspre- ergänzt.
chend übernehmen die Eltern für ihre Familie Verantwortung Jakob Egert (im Folgenden mit E. abgekürzt) ist 1952 in Kras-
und erziehen ihre Kinder zu Verantwortungsbewusstsein und nojarsk (Sibirien) geboren. Dort lebt er mit seinen Großeltern,
Fortkommen in Schule und Beruf. Eltern und Geschwistern zunächst in einer Baracke. Sieben
Die deutsche Gesellschaft erscheint C. zunächst sehr fremd- oder acht Jahre später zieht die Familie in eine Dreizimmer-
artig. Dies liegt unter Anderem in der im Vergleich zu Kirgi- wohnung eines Plattenbauhauses. 1967 beendet E. nach acht
sien sehr unterschiedlichen Sozialisation und Sprachpraxis be- Klassen die Schule und tritt mit 15 Jahren in das Orchester
gründet. So ist zum Beispiel Erziehung in Deutschland durch einer Offiziersschule ein. Währenddessen geht er zur Abend-
weniger Autorität und Respekt und mehr Offenheit in der schule und erlangt auf diesem Wege die Mittlere Reife. Mit
Beziehung zwischen Eltern und Kindern ausgezeichnet. Die 19 Jahren besucht er für ein Jahr seine Tante in Tadschikistan,
neue soziale Umgebung in der Bundesrepublik erscheint C. wo er als Dreher in einer Fabrik arbeitet und Musikunterricht
von dem ihr bisher Bekannten »ganz anders« und erfordert an- erteilt sowie einen kleinen Chor dirigiert. 1972 bis 1974 wird
fänglich eine »seelische Umstellung« und Eingewöhnungszeit. E. in den Wehrdienst nach Tschita (Südostsibirien) einberufen.
Das in dieser Zeit empfundene Unbehagen führt C. in keins- Als er zurückkommt arbeitet er ein Jahr lang im musischen
ter Weise auf ihr entgegengebrachtes Fehlverhalten zurück, Bereich eines Kulturheims in Krasnojarsk. In dieser Zeit ver-
sondern hebt vielmehr die freundliche Aufnahme durch das nimmt er von den Auswanderungsplänen seines Onkels und
Personal der Behörden und die zuvorkommende Sprachlehre- zieht 1975 nach Moldawien; ein Land der Sowjetunion, von
rin hervor. Zusammen mit den strukturellen Möglichkeiten, dem es heißt, dass hier größere Chancen auf Auswanderung
Einkommen durch Arbeit zu sichern und ein Haus zu bauen, bestehen. Dort wohnt er zunächst bei seinem Onkel und arbei-
ergibt sich für C. ein Gesellschaftsbild (eines, das für sie persön-
tet als Schreiner in einer Sowchose. Bald lernt E. in der kirch-
lich relevant ist), in dem die Gegebenheiten für ein zufriedenes
lichen Jugendgruppe, die er besucht, seine spätere Ehefrau
Leben bereitgestellt sind. Auch das für sie so wichtige gute kennen. Sie heiraten 1981. 1982 kommt die erste Tochter zur
Miteinander kann sie im engen Verwandtschafts- und Freun- Welt, 1984 ein Sohn und 1987 wieder eine Tochter. Zunächst
deskreis leben und – wenngleich nicht in demselben Maße lebt das Ehepaar bei Frau E’s Eltern, danach bekommen sie
wie in Kirgisien – am Arbeitsplatz mit den Kollegen herstellen,über E’s Arbeitsstelle ein Zweizimmerapartment in einem
sodass sie ihre Eingewöhnung als abgeschlossen betrachtet Familienwohnheim gestellt. 1987, nach 12 Jahren Ausreisebe-
und sich integriert fühlt. Dies zeigt sich unter Anderem auch mühungen, erhält die Familie das lang ersehnte Visum.
darin, dass C. der Aufforderung, die deutsche Gesellschaft zu In der Bundesrepublik angekommen, sind sie zunächst für
beschreiben und aus diesem Blickwinkel die bedeutendsten eine Woche in einem Auffanglager in Friedland untergebracht.
Unterschiede zwischen den Gesellschaften zu nennen, nicht Da E’s Onkel und Schwägerin im Raum Wiesbaden wohnen,
nachkommen kann. Ihr fehlt die dafür nötige Distanz, da sie wünscht das Ehepaar auch die eigene Ansiedlung in dieser Re-
aus heutiger Sicht ihr gesellschaftliches Umfeld als »normal« gion. Das dieser zugeordnete Auffanglager hat nicht genügend
betrachtet. Aus dem Vergleich mit der Beschreibung der kirgi- Platz, sodass sie drei Monate in einem Hotel überbrücken müs-
sischen Gesellschaft lässt sich aber schließen, dass sie in dersen. Danach bekommen sie eine Sozialwohnung behördlich
hiesigen Gesellschaft eine individualistische Grundhaltung vermittelt. E. fängt bald darauf an als Schreiner zu arbeiten,
ausmacht und die Menschen (aufgrund von Unsicherheiten verdient aber nicht gut, sodass er 1988 zu Firma X wechselt,
auf dem Arbeitsmarkt) als weniger ausgeglichen wahrnimmt. wo er noch heute als Siebdruckschablonenfertiger angestellt
ist. In der Fabrik ist Schichtarbeit üblich, von der sich E. aber
Biographische Prozessstruktur nach zwei Jahren befreien kann, weil er in das Orchester der
In Anbetracht der gesamten Biographie erfährt C. ihr Leben Firma eintritt und ihm der Dirigent zu geregelten Arbeitszei-
als wenig planbar, kann aber die über sie hereinbrechenden Er- ten verhilft. 1992 kauft Familie E. ein Grundstück und baut
eignissen im Nachhinein nach eigenen Vorstellungen formen. darauf ein Haus.
So ist der Umzug nach Kirgisien von ihrer Familie entschie-
den, aber schon bald findet sie sich in der fremden Umgebung 4.8.3.1 Selbstverständnis und Gesellschaftsbilder Ja-
zurecht, weil sie ihre Potentiale gebraucht um ein ihrer Per- kob (und Lydia) Egerts
sönlichkeit entsprechendes Leben aufzubauen. Dank ihres Op-
timismus’ und Sinn für Gemeinschaft findet sie Arbeit, knüpft Jakob Egert begreift sich zuvorderst als Musiker und Ästheten,
Kontakte und baut schließlich mit ihrem Ehemann zusammen als Ehemann und Vater sowie als deutschen Volkszugehöri-
ein Haus. Ähnlich, aber drastischer, ist die Auswanderungs- gen.
welle der Russlanddeutschen, die C. und ihre Familie mitreißt. Als E. Schüler der vierten Klasse ist meldet ihn seine Mutter
Aber auch in Deutschland kann sie ihr Leben so gestalten, dass bei einer Musikschule an, wo sein musisches Talent entdeckt
sie aus heutiger Sicht auf zufriedene 20 Jahre zurückblicken wird. Von nun an spielt Musik in seinem ganzen weiteren
kann. Diese scheinen jedoch von der Übermacht zu schnell Lebenslauf eine entscheidende Rolle. Seine Schulzeit bilanziert
vergangener Zeit getrieben zu sein. er folgendermaßen:
Analysen 35

Gelernt hab ich so nicht schlecht, kann man sagen sprächsbeginn sagt er, dass sie die Frau sei, die er lange ge-
J. E.: aber Ingenieur bin ich nicht geworden, warum kann sucht (vgl. Gedächtnisprotokoll) hat und zeigt damit an (dies
ich dir auch sagen, ich habe mich mehr konzentriert in wird auch durch die mehrfach geschilderten Kennenlernge-
meine.. sagen wir so, hobbymäßig hat mir mehr Musik schichten deutlich), dass er den Status, den er anstrebte – die
gefallen. Ich wollte immer mehr musikalisch sowas machen Ehe und das Vatersein – erreicht hat. Die Kinder betreffende
ja, so irgendwo Aussagen seiner Frau, die sie aus ihrer Rolle als Mutter trifft,
I: Wie kam das? sieht E. entsprechend aus der Vaterperspektive und stimmt
J. E.: Ja so wie James Last wie heute ja, so Orchester ir- mit ihr überein. Relativ ausführlich beschreibt er die Geburt
gendwo, das wäre meine Welt, so Ziele. Ja, aber das hab seiner drei Kinder (Z. 221–247) und orientiert das lang er-
ich nicht erreicht, ja, leider noch nit (lacht). Aber wer weiß sehnte Ereignis der Möglichkeit zur Ausreise an dem Alter
ja. Alles isch.. ja (atmet aus) (S.85, Z.585–594) seiner jüngsten Tochter: »Sieben Monat war sie alt und da ha-
E. macht aber sein Hobby erstmal zum Beruf, als er mit ben wir bekommen unsere Visum nach Deutschland« (Z. 246).
15 Jahren ins Militärorchester eintritt. Sein Wunsch ist es – Als E. vom Bau des Hauses erzählt, legt er Wert darauf, seine
auf Empfehlung seines Dirigenten – die Dirigentenschule in Frau und Kinder in die Ausführungen mit einzubeziehen und
Moskau zu besuchen, um die nötige Ausbildung zum Mili- sie an diesem wichtigen Projekt seines Lebens zu beteiligen:
tärdirigenten zu absolvieren. Diesen kann er jedoch nicht […] und dann hab ich den Ausbau und alles, Fliesen, Tep-
realisieren, da ihm der Weg zur besagten Schule aufgrund pich und oben, Verkleidung alles, mit Holz, hab ich dann
seiner deutschen Nationalität verwehrt wird; ihm wird an- selbst mit meine Kinder, mit Abraham, Lydia, wer was
geboten russischer Staatsangehöriger zu werden, um aufge- kann hat mitgeholfen ja, deswegen schätzen sie auch das
nommen zu werden. Dies lehnt er aber zugunsten des größe- Haus bisschen (S.83, Z.330–334)
ren Wunsches, eines Tages nach Deutschland auszureisen, ab Als E. sein Leben in diesem Haus und in Deutschland bi-
(Z. 152–155). Dennoch setzt er seinen musikalischen Weg fort; lanziert, hat er zuvorderst seine Kinder vor Augen: »Ja fast
in Tadschikistan gibt er Musikunterricht und leitet einen Chor neunzehn Jahre wohnen wir hier. Ja, die Kinder, sind auch
und als er aus dem Wehrdienst zurückkehrt arbeitet E. in ei- froh natürlich… jetzt ziehen sie langsam aus wieder, wo sie
nem Kulturheim. In Moldawien geht er einer Erwerbstätigkeit erwachsen sind, die Hannah zieht nach Bayern, naja der Abra-
als Schreiner nach, führt aber die Musik als Hobby fort, indem ham studiert in Wiesbaden« (Z. 399–400). Dass diese auch in
er mit seinen Brüdern und Cousins auf Hochzeiten sowie in Zukunft versorgt sind, ist sein ausdrückliches Ziel: »Nächste
einer kirchlichen Jugendgruppe musiziert. Nach kurzer Zeit dritte Ziel haben wir auch, wir wollen auch für die Zukunft
in Deutschland tritt E. in das firmeneigene Orchester seiner dass unsere Kinder versorgt sind« (Z. 399–400). Der Anmer-
Arbeitsstelle ein und verankert auch hier die Musik als festen kung seiner Frau, dass der einzige bzw. wichtigste Grund der
Bestandteil seines Lebens. Diese wirkt sich auch positiv auf Ausreise nach Deutschland der sei, dass die »Kinder Deutsche
seinen Berufsalltag aus, da E. über die Beziehung zum Diri- bleiben« (Z. 440), pflichtet E. bei: »Ja das war auch der einzige,
genten geregelte Arbeitszeiten bekommt und nicht mehr im der wichtigste Grund sagen wir so« (Z. 443). Hier zeigt sich
Schichtdienst arbeiten muss. unter Anderem die aus seinem Selbstverständnis als Familien-
Nicht nur in der Musik lebt E. seinen Sinn für das Schöne, vater resultierende Handlungsmotivation, die das Wohl der
der ein wichtiger Teil seiner Identität ist, aus. In seinen Be- Kinder anstrebt.
schreibungen und Erzählungen wird immer wieder deutlich, Bis zu dem Zeitpunkt, da E. vor die Wahl gestellt wird
dass ihn das »Schöne« anspricht und leitet. So sind es durch- russischer Staatsbürger zu werden, um ins Konservatorium
weg »schöne Mädchen«, – ihre Schönheit hebt E. jedes mal eintreten zu dürfen, macht er keinerlei Angaben, die darauf
hervor – die sich in ihn verlieben bzw. er sich in sie (Z. 568f; hindeuten, dass er sich der deutschen Minderheit zugehörig
Z. 847; Z. 941). Eine dieser Begebenheiten schildert er geradezu fühlt. Erst mit der Entscheidung gegen die Änderung sei-
verzaubert: »Die Tochter war so hübsch ja und die spielt auch ner Nationalität erwähnt E. den Wunsch der Ausreise: »Aber
Klavier, kannst dir vorstellen!« (Z. 791). Diese junge Frau er- mir war auch Wunsch natürlich irgendwann ausreisen nach
weckt E’s Begeisterung aufgrund der Vereinigung von Musik Deutschland, oder auch irgendwann sehen unsere Vaterland,
und Schönheit in ihrer Person. Er lernt sie nur für zwei Stun- mal.. was das ist überhaupt, unsere geliebte Deutschland, wie
den kennen, in denen sie gemeinsam Klavier spielen, aber sie das aussieht und alles« (Z. 152–155). An dieser Stelle bleibt
hinterlässt einen bleibenden Eindruck in seiner Erinnerung. unklar, wie dieser Wunsch erwachsen ist, wer oder was ihn
Ebenso vermutet er auch seine positive Wirkung bei ihr, da also diesbezüglich geprägt hat; die Motive, die zu dem schein-
er in seiner Paradeuniform »schön angekleidet gewesen [ist]« bar selbstverständlichen Anliegen führen, werden hier nicht
(Z. 819). So erfreut er sich auch an den schönen Bällen zu seiner benannt. Da E. bis zu diesem Moment nichts erwähnt, das
Zeit im Militärorchester und den zu diesem Anlass getrage- darauf hindeutet, dass er sich als Deutschen begreift, wirkt
nen Uniformen, welche er ausführlich beschreibt (Z. 730–754), die Aussage überraschend. Mit dem Begriff »Vaterland« und
an der »so richtig schöne[n] Party zum neuen Jahr« (Z. 865), dem Ausdruck »geliebtes Deutschland« gebraucht er aber eine
wo das »Orchester so richtig schön« spielt (Z. 862) und »kann emotional besetzte Wortwahl, die auf sein Verständnis und
man essen kann man tanzen und so richtig schön sich amüsie- Gefühl als »Sohn« dieses Landes, also als Deutschen verweist.
ren« (Z. 867), oder auch an dem von ihm selbst gezimmerten E’s Onkel sowie angehende Liebesbeziehungen zu deutschen
schönem Kinderzimmer (Z. 1165). Frauen, die mit ihren Familien nach Deutschland ausreisen
Dass sich E. auch als Ehemann und Vater sieht, zeigt sich und somit einen Beziehungsabbruch bewirken, geben offen-
einerseits in der Tatsache, dass er seine Frau während des bar den äußerlich gewirkten Anstoß für den Ausreisewunsch
Interviews unbedingt in Anwesenheit wissen will. Vor Ge- (vgl. Z. 922–948). Vielleicht ist es auch der Onkel, der ihn in
36 kapitel 4 Empirische Untersuchung

seinem Selbstverständnis als Deutschen prägt, denn von die- überall wo Deutsche gewohnt haben waren Kolchosen Mil-
sem sagt er: »Ich hab immer gedacht, mir Gedanken gemacht lionäre. (S.96, Z.1989–1994)
warum mein Onkel ausreisen will und dann hab ich gedacht In der Haupterzählung macht E. zwei Aussagen, die Rück-
da steckt was drin mehr ja« (Z. 973–975). Da E’s Eltern auf die schluss auf sein Selbstbild in Bezug auf das Leben in Deutsch-
Weitergabe der deutschen Sprache an die Kinder wenig Wert land zulassen; er nimmt sich als zufriedenen Arbeitnehmer
legen und er diese zur Ausreise »bisschen antreiben« muss wahr: »Die Arbeit ist ganz gut bis jetzt ja und hoffen wir das
(Z. 955–957, vgl. Z. 970–972), lässt sich vermuten, dass sie es so bleibt, wir sind sehr zufrieden bis jetzt« (Z. 308–309)
keinen entscheidenden Einfluss auf sein Zugehörigkeitsgefühl und ist froh sein Ziel, in Deutschland leben zu können, im
zum deutschen Volk ausüben. Dennoch steht für ihn fest, dass eigenen Haus zu wohnen und die Kinder gut versorgt zu wis-
er weder die Nationalität wechselt (wenngleich er damit seine sen, erreicht zu haben: »Wir sind zufrieden, eigentlich sind
musikalische Identität zurückstellt) noch eine nichtdeutsche wir zufrieden das wir da sind in Deutschland und das wir
Frau heiratet. Letzteres sagt er zwar nicht explizit, macht es unsere Ziel erreicht haben« (Z. 382–384).
aber in seinen Erzählungen deutlich, da er gezielt nur Mäd- Auf die Nachfrage, wie E. die Einreise in die Bundesrepu-
chen kennenlernt, von denen er weiß, dass sie Deutsche sind blik erlebt hat, sagt er, dass es ein »Schock« war, aber auch
(vgl. Z. 704–715; Z. 922–936). schön (vgl. Z. 1221). Dies veranschaulicht er an einer Anek-
E. setzt sich nach der wiederholten Erfahrung abgebroche- dote wie er sie am Flughafen bei seiner Ankunft erlebt; sein
ner Beziehungen zu Frauen, die nach Deutschland ausreisen, Onkel bringt ihm eine Bierdose zum Empfang mit, E. weiß
das Ziel es ihnen gleichzutun und formuliert damit einherge- aber nicht wie man sie öffnet. Nachdem er es geschafft hat,
hend folgende Wünsche: »Uns was aufbauen in Deutschland genießt er das wohlschmeckende Bier (vgl. Z. 1221–1237). Das
ja, unsere Heimat sehen, Deutschland, Deutschland sehen Gefühl der Ahnungslosigkeit in Anbetracht der Bierdose be-
und das wir unsere ( ) wie Deutsche leben, was für Kul- schreibt sein Empfinden kurz nach der Einreise, in der er
tur, so deutsche Kultur, deutsche Musik, deutsche Schlager« Orientierungslosigkeit erlebt und sich ›durchboxen‹ muss
(Z. 957–961). Er bezeichnet Deutschland als seine »Heimat«, (Zeile 1267). E. erlebt sich als Kämpfer bei der Suche nach
die er sehen will und deren Kultur er kennenlernen will; ein geeignetem Wohnraum und Arbeit (vgl. ebd.) als auch bei
Ort also, von dem er nicht viel weiß und somit in keiner Be- der Einarbeitung (Erlernen der deutschen Fachbegriffe) am
ziehung zu ihm steht, außer der, dass er sich mit diesem als neuen Arbeitsplatz (vgl. Z. 1398–1418). Ebenso meint seine
Deutscher, der glaubt nur in Deutschland beheimatet sein zu Frau, sie müsse sich in Deutschland nach Möglichkeiten auf
können, verbunden fühlt. Wie bereits erwähnt, beabsichtigt dem Arbeitsmarkt »durchsetzen«, da ihr hier die Ausbildung
er mit der Auswanderung auch, dass die »Kinder Deutsche nicht anerkannt wird (vgl. Z. 1440–1441). Das Ehepaar nimmt
bleiben« (Z. 440) und ferner eine Verbesserung der Lebensum- sich (entsprechend) als zielstrebige Russlanddeutsche wahr:
stände für sich und seine Familie zu erreichen; in Deutschland »L. E: Wir Leute aus Russland wir sind mehr zielstrebiger.
ein Haus zu bauen (vgl. Z. 389–397; Z. 1890–1897) und von J. E: Ja. Wenn die Russlanddeutschen will ein Haus, dann
dem größeren Warenangebot, das sein Onkel in Briefen be- baut er ein Haus. L. E: Ja, wir sind zielstrebiger einfach«
schreibt, zu profitieren (vgl. Z. 973–987). (Z. 1866–1869).
E. sieht sich dazu berechtigt nach Deutschland einwandern Kampfgeist und Durchhaltevermögen müssen sie auch un-
zu dürfen, weil er Deutscher ist und mit einer deutschen Frau ter Beweis stellen, um von der autochthonen Bevölkerung
verheiratet ist. Denn als solcher pflegt er ›deutsche Tugenden‹, als Deutsche anerkannt zu werden. Denn die Selbstverständ-
durch die er sich von aus seiner Sicht nicht einwanderungsbe- lichkeit Deutsche zu sein, mit der sie ihr bisheriges Leben in
rechtigten Russen sehr klar abgrenzt: der Sowjetunion verbracht haben, wird ihnen in der »Hei-
[…] wir haben noch unsere deutsche so bisschen sagen wir mat« zunächst aberkannt; sie werden als »Russen« bezeichnet
so gehabtAkkuratnast so, nit klaue so, zurückhalte sich n (vgl. Z. 1342–1370). Heute finden sie einerseits vermehrt Ver-
bisschen ja, aber heute wird viel geklaut und, und das ma- ständnis für Aussiedler und ihre deutschen Wurzeln in der Be-
chen die ja meist die welche dann später gekommen sind völkerung vor, andererseits »kämpft« das Ehepaar aber auch
und.. a warum wird so viel aufgebrochen und die Autos um eine gute Sprachbeherrschung, indem es den Ratschlägen
kaputt gemacht und alles ja, und Gefängnisse sind sehr eines Nachbarn und der Lehrerin ihrer Tochter folgt, fortan
viel voll fast mit die Aussiedler, ich meine auch mit so mit nur noch deutsch zu sprechen (vgl. Z. 1366–1389) Diese verste-
Russen ja, welche das machen. (S.90, Z.1206–1213) hen sie als zentrales Moment, von dem ein gelingendes Leben
Als Deutscher ordnet er sich auch die (ihm in Russland/ abhängig ist: »Ja wichtig, die Sprache muss man natürlich
Moldawien gespiegelte) Tugend des ›fleißigen Arbeiters‹ zu erreichen, gut beherrschen, von der Sprache hängt auch vieles
und weiß sich von seinen Mitmenschen aufgrund dieser ge- ab, ganzes Leben« (Z. 1775–1777). Aus heutiger Perspektive
achtet: »Die sehen das du gut arbeitest, dann hast du auch bilanziert L. E.: »Aber wir haben’s geschafft, mittlerweile sag
Ansehen, die haben uns da sehr geschätzt« (Z. 1975–1976). Mit ich: ›mich können sie nennen wie sie wollen, Hauptsache ich
dieser ›deutschen Eigenschaft‹ meint er und seine Frau das fühl mich wohl in Deutschland‹« (Z. 1391–1393). Sie und ihr
Fundament des sowjetischen Systems gebildet zu haben, wie Mann sehen sich als Sieger aus dem Kampf um Sprachver-
L. E. formuliert: mögen und anderen Schwierigkeiten hervorgehen, sodass sie,
Das ist die Frage, warum die letzte zwanzich Jahre war so selbst wenn sie fälschlicherweise als Russen bezeichnet wer-
schwer den Deutschen ausreisen aus Sowjetunion, warum?.. den, davon nicht mehr so hart getroffen sind. Dabei hilfreich
Weil die welche an der Macht waren, wussten ganz genau ist ihr Bewusstsein für die ›natürlichen‹ Anfangsschwierigkei-
wo der Fundament ist.. wer hält das ganze System, das ten jedes Migranten: »Da muss man sich auch durchkämpfen
waren die Deutschen, die haben gearbeitet, geschuftet und ja, wie überall wenn man jetzt nach Japan fährt oder nach
Analysen 37

Australien, da muss man auch neu anfangen. Überall ja gibt’s wer hat gearbeitet? Die Deutschen haben gearbeitet. (S.96,
Schwierigkeiten, wie jeder Aussiedler oder Auswanderer ja« Z.1998–2003)
(Z. 1399–1402). Ebenso besteht das Bild von Russen, die mit den ›deut-
Das Ehepaar E. identifiziert sich in Deutschland als russ- schen Tugenden‹ entgegengesetzten Lastern behaftet sind; zu
landdeutsch und fühlt sich der Gruppe der Russlanddeutschen den folgenden oppositionelle Eigenschaften zeichnen sie aus:
verbunden. Dies äußert sich unter Anderem in der besonde- »Akkuratnast so, nit klaue so, zurückhalte sich n bisschen«
ren Sympathie zu »russlanddeutschen Hochzeiten«, dem Wis- (Z. 1207).
sen um Treffen von russlanddeutschen Gruppen (vielleicht Aufgrund ihres Deutschseins erfahrene Diskriminierung,
auch deren Besuch) sowie dem Lesen russlanddeutscher Zeit- die Beschimpfung als »Feinde des Volkes«, sind eher selten
schriften. Letzteres ist für sie von Interesse, weil dort »unsere und stellen Ausnahmeerscheinungen dar (vgl. Z. 1713–1725;
Talente« und »wenn jemand was erreicht hat« beschrieben 2011–2014). Allerdings ist Diskriminierung auf politischer
werden (vgl. Z. 1572–1575). Ebene verankert; als deutsche Volksangehörige werden E.
Sie fühlen sich als Russlanddeutsche von ihrer sozialen Um- und L. E. vom kommunistischen System benachteiligt, das
gebung weniger geschätzt: »Sagen wir so, Katharina wir sagen ihnen den Zugang zur Universität erschwert und Kar-
dir gleich, die versuchen immer uns halten für die Menschen riere (bis zur Besetzung eines Spitzenpostens) unmöglich
zweiter Sorte, verstehst du (was ich will sagen). Wenn man du macht, sofern die deutsche Nationalität beibehalten wird
aus Russland kommst, die denken: ›Naja, die sind nit Hiesige, (vgl. Z. 1633–1680; 1589–1615). Des Weiteren sehen sie die
die sind nit echte Deutsche‹« (Z. 1833–1837) und ringen für Politik in der Sowjetunion nicht nur für sich als Deutsche,
ein Selbstverständnis, in dem die Wertschätzung der eigenen sondern auch für alle gleichermaßen bedrohlich, die sich in
Person nicht abnimmt: »Aber wir dürfen sich nicht runter- irgendeiner Weise gegen diese auflehnen:
kriege, wir sind genauso Menschen wie andere ja, wir tun kei- […] die Leute haben Angst gehabt von Politik, da was gegen
nen Millimeter sich weniger schätzen wie die« (Z. 1850–1852). sagen. Das isch äh.. natürlich die haben protestiert wenn
Da sie im Anschluss an diese Aussage die Wichtigkeit von was falsch gelaufen isch oder was
Zielsetzung- und Erreichung betonen und die Zielstrebigkeit L. E.: und die wurden alle eingeschüchtert, die Leute haben
Russlanddeutscher hervorheben, ist zu vermuten, dass sie auf Angst gehabt.
diese Weise die fehlende Wertschätzung seitens der sozialen J. E.: Aber dann, dann haben die einige gefangen und einge-
Umwelt kompensieren. Die Perspektive »Wir sind alle gleich, sperrt ja, du hast gespielt mit deiner Freiheit, immer. (S.94,
ja, vom Menschen Natur, vom Grundsatz, wir sind von dem- Z.1691–1697)
selben gemacht, oder Amerikaner oder Japaner oder Franzose, Selbst Russen würden unter der Herrschaft der Kommunis-
wir sind Menschen, wir sind von Gott, wir sind Gottes Ge- ten unterdrückt, sie dürften ihre russische Kultur nicht aus-
schöpfe« (Z. 1802–1805) ist zur Stabilisierung des Selbstwert- leben und Menschen, die »nur bisschen von der Wahrheit
gefühls ebenfalls hilfreich. gesprochen haben« wurden staatlich verfolgt (Z. 1622).
Auf der kommunistischen Idee basiert auch die wirtschaft-
Gesellschaftsbilder liche Struktur in der Sowjetunion, die zu Diebstahl verleitet
E. sieht sich in der Sowjetunion einer Gesellschaft gegenüber, und somit eine unlautere Gesellschaft fördert; denn »die Fa-
deren politisches System ihm das Ausleben seiner Identität brik gehört dem Volk und wenn sie den Arbeitnehmer nicht
als Musiker (in Form der Wunscherfüllung als Militärdirigent bezahlt haben anständig, dann hat der Arbeitnehmer hat sich
zu arbeiten) aufgrund seiner bewussten Zugehörigkeit zur – das gehört dem Volk, dann gehört auch mir – dann hat er
deutschen Minderheit verwehrt und ihn in seinen Möglichkei- sich selbst bedient« (Z. 1488–1491). Und dies umso mehr, je hö-
ten eingrenzt. Aber er wird auch als eben solcher von seinem her die Position, während »wenn ein kleiner Mann erwischt
sozialen Umfeld in Moldawien geschätzt. E. und seine Frau [wird] dann, ja, kam er ins Gefängnis« (Z. 1496). Insofern
wissen ihre ›gute deutsche Arbeit‹ seitens der Mitmenschen betrachten E. und L. E. die sie umgebende Gesellschaft als
bemerkt und gewürdigt (vgl. Z. 1929–1945; 1975–1976). Die eine, in der Missstände und offenkundige Lüge als Normalität
Wichtigkeit der gut arbeitenden deutschen Minderheit stufen hingenommen werden und gegen die aus bereits erwähntem
sie so hoch ein, dass sie den Zusammenbruch der Sowjetunion Grund nicht protestiert wird, sondern in der man sich so gut es
auf die Auswanderung der Deutschen und damit das Wegbre- geht Selbsthilfe verschafft und sich so arrangiert, dass auch der
chen des tragenden Fundaments des Systems zurückführen eigene Vorteil bedacht wird. Diesem Grundsatz folgt auch E.,
(vgl. Z. 1989–1994). Sie entwickeln folglich das Bild einer Ge- der für die Renovierung seines Zweizimmerapartments mehr
sellschaft, die sie aufgrund ihrer Leistung, welche unmittelbar als nur Reste von Linoleum mitnimmt (vgl. Z. 1156–1162) und
mit ihrer ethnischen Zugehörigkeit verknüpft ist, honoriert wenn er ein Haus in Moldawien gebaut hätte, sagt: »Verstehst
und für die sie aus Sicht des politischen Systems unersetzlich du, ich hätte die Hälfte geklaut, sag ich dir offen und ehr-
sind. Andere in der Sowjetunion wohnhafte Ethnien nimmt lich« (Z. 1980). Die Motivation für den Diebstahl liegt aus E’s
L. E. – und hier schließt sie an das von Politikern angeblich Sicht in dem Wunsch der Menschen begründet, die Familie
gewusste und vermutlich allgemein verbreitete Bild an – in versorgen zu wollen, es aber nicht zu können, da sie manch-
ihrer Natur als den Deutschen entgegengesetzt wahr: mal monatelang keinen Lohn erhalten und unterbezahlt sind
Und das wussten sie.. ja, weil egal wo, warst du in Ta- (vgl. Z. 1470–1475).
dschikistan gelebt, Tadschiken lieben auch nicht arbeiten, In dieser Gesellschaft ist es entsprechend wichtig Beziehun-
Kasachstan.. (auch nein), ja. Die sind so Schafhüter und gen zu haben, die zu gesellschaftlich begehrten Gütern ver-
so ja, die wollen auch nicht arbeiten, Moldawien, ja die helfen, wie sich am Beispiel der Wohnungssuche von E. zeigt;
trinken gerne Wein, Russland Wodka.. das isch doch.. und um eine Wohnung zu bekommen hat er nicht genügend oder
38 kapitel 4 Empirische Untersuchung

die richtigen Beziehungen, aber für ein zweites Zimmer im Das Gefühl »Leute zweiter Sorte« zu sein begründet sich
Familienwohnheim reicht der gute Kontakt zu seinem Chef aber auch in der Versagung der beruflichen Anerkennung
aus (vgl. Z. 1134–1152). und dem damit verringerten Sozialstatus in Deutschland. L. E.
»Das ist eine Seite der Geschichte, aber […] die andere glaubt hier als Russlanddeutsche nur aus zweckdienlichen
Seite der Geschichte ist.. dort sind die Leute mehr wärmer« Gründen ›gemocht‹ zu werden: »Aber die Leute haben sie
(Z. 1498–1500). Mit diesen Worten leitet L. E. die Beschreibung auch gern weil sie wissen das die Leute [Aussiedler] ma-
der Gesellschaft ein, die – im Vergleich zu Deutschland – durch chen die Arbeit welche sie nie im Leben machen würden«
mehr Offenheit, Hilfsbereitschaft, Freundschaft und Gast- (Z. 1948–1950).
freundschaft gekennzeichnet ist. Letztere bedeutet eine aufrich-
tig gewünschte Einladung und die Selbstverständlichkeit dem Biographische Prozessstruktur
Gast nur das beste Essen bereitzustellen (vgl. Z. 1503–1515). In Anbetracht der gesamten Biographie zeigt sich E. als Pla-
Weiterhin zeigt sich die Wärme in der freudvollen Anteil- nender und Steuernder seines Lebens; von klein auf verfolgt er
nahme am Erfolg Anderer; zum Beispiel wenn L. E. ein neu sein musikalisches Interesse an den verschiedenen Stationen
gekauftes Kleid der Nachbarin vorführt oder E’s Vater ein seines Lebens und lässt sich von dem Rückschlag, in die Di-
Auto kauft und sich die Nachbarschaft eine Woche lang mit rigentenschule nicht aufgenommen werden zu können, nicht
ihm das Ereignis feiert (vgl. Z. 1522–1544). entmutigen. Sehr konsequent geht er auch dem Ziel der Fa-
In Deutschland erleben E. und L. E. entsprechend ein Weni- miliengründung mit einer deutschen Frau nach, die er »lange
ger der genannten Charaktereigenschaften, die sie der sowje- sucht« und schließlich findet. Er realisiert den seit langer Zeit
tischen Gesellschaft zuschreiben. So seien Einladungen nicht gehegten Plan nach Deutschland auszureisen, indem er sich
ehrlich gemeint (z. B. die Einladung der Nachbarn zum Pol- seinem Ziel durch die Auswanderung nach Moldawien ein
terabend, vgl. Z. 1832) und es mangelt an gegenseitiger Unter- Stück weit nähert und dann beharrlich Anträge auf Ausreiseer-
stützung; »hier bist du mehr so abgeschirmt, irgendwo stehst laubnis stellt. E. kann durch das Einbringen eigener Potentiale
du allein und du musst dich allein durchkämpfen ja, durch seine Wünsche – einst in Deutschland ein Haus zu bauen und
dem Leben, wie gesagt, wenn man nicht kämpft dann geht seine Kinder gut versorgt zu wissen – verwirklichen. Was er
man zugrunde ja, oder wirst du von anderem..« (Z. 1786–1789). jedoch nicht steuern kann, ist das Bild seiner sozialen Umge-
Nicht Solidarität, sondern Kampfgeist bestimme die deutsche bung von Russlanddeutschen als »Menschen zweiter Sorte«
Gesellschaft, denn ist dieser nicht entwickelt, »wird dich je- und die, damit einhergehend, geringere Wertschätzung und
der schleudern wo er will, ja, und machen mit dir was er Anerkennung seiner Person.
will« (Z. 1799). Die Menschen seien gestresst und konzentrier-
ten sich allein auf die eigenen Probleme und deren Lösung 4.8.4 Irina Albert
(vgl. Z. 1781–1784). Den Stress führt E. unter anderem auf die
erhöhte Belastung bei der Arbeit zurück, die in Deutschland Irina Albert (im Folgenden nur noch mit A. abgekürzt) ist 1955
sehr kontrolliert ablaufe und (deshalb) mindestens doppelt so als zweites von drei Kindern in Swerdlowsk geboren. Als 1956
schwer sei (vgl. Z. 414–435). Außerdem beherrsche Missgunst ein Gesetz in Kraft tritt, das auch Deutschen die freie Wahl des
das Verhältnis der Menschen untereinander; die Reaktion auf Wohnortes innerhalb der Sowjetunion ermöglicht, zieht die
ein neu gekauftes Kleid oder Auto eines Anderen sei nicht Familie nach Almata. Etwa zehn Jahre später erfolgt ein erneu-
Mitfreude, sondern Neid. Und selbst die Freude über eigene ter Umzug nach Dschambul, in den Süden Kasachstans. Die
erreichte Ziele, wie der Kauf eines teuren Autos, währt nur Familie siedelt sich in einem von Dschambul 60 km entfernten
kurz (vgl. Z. 1527–1542). Dorf an, wo A. zur Schule geht und im Nachbardorf eine Aus-
Ähnlich wie in Moldawien erlebt E. auch in der deutschen bildung zur Bibliothekarin absolviert. In dieser Zeit lernt sie
Gesellschaft – wenngleich er dies nicht explizit äußert – die ihren Ehemann kennen und bringt ihre erste Tochter zur Welt.
Bedeutung von guten Kontakten; so kann E. durch die Be- Kurz darauf zieht das Ehepaar mit Kind und Schwiegermutter
ziehung zum Dirigenten des firmeneigenen Orchesters von in die Stadt, wo es eine Wohnung kauft. Drei Jahre nach dem
Schichtarbeit zu normalen Arbeitszeiten übergehen und somit ersten Kind wird hier die zweite Tochter geboren. A. arbeitet
viel Lebensqualität gewinnen (vgl. Z. 275–285). in Dschambul zunächst bei einer Stadtbibliothek und wech-
Im Gegensatz zur sowjetischen Gesellschaft, von der sich selt später in eine Schulbibliothek. 1983 stirbt ihr Ehemann bei
E. und seine Frau als arbeitsame Deutsche geschätzt fühlen, einem Arbeitsunfall, woraufhin sie auf sich allein gestellt das
sehen sie sich von der deutschen Gesellschaft als »Menschen Leben mit zwei Kindern und Beruf organisieren muss. Die
zweiter Sorte« behandelt (Z. 1834). Den Grund dafür vermuten Schwiegermutter stirbt kurz vor ihrem Sohn und A’s Eltern
sie in ihrer Migrationsgeschichte; sie werden nicht als »echte leben zu weit weg, als dass sie ihr im Alltag helfen könnten.
Deutsche« anerkennt, weil sie aus Russland kommen. Dadurch Ihre Chefin nimmt aber Rücksicht und die Nachbarschaft gibt
verlieren sie als Menschen an Wert, sodass die Eheleute E. die auf die Kinder acht, wenn A. noch auf der Arbeit ist. 1992, als
sie umgebende Gesellschaft als eine ausmachen, für die Natio- der Bruder bereits ausgereist ist, wandert auch A. mit ihren
nalität bzw. Ethnie Kriterien zur Einordnung und Beurteilung Töchtern und Eltern nach Deutschland aus. Zunächst lebt die
von Menschen sind. Aber auch sie selber konstruieren ein Familie sehr beengt in einer Notwohnung in einem kleinen
Gesellschaftsbild nach diesen Kriterien, indem sie unter ande- Dorf bei Lübeck. A. schickt die jüngere Tochter zur Realschule,
rem den verschiedenen Ethnien der Sowjetunion bestimmte wo sie aber nicht mitkommt und schließlich auf ein Internat
Eigenschaften zuschreiben; jedoch sind diese nicht explizit wechselt, das (vermutlich) auf Kinder mit Migrationshinter-
wertend und (theoretisch) dem Grundsatz vorbehalten, dass grund spezialisiert ist. Diese macht später Fachabitur und eine
alle Menschen gleich sind, weil sie »Gottes Geschöpfe« sind. Ausbildung zur Floristin und lebt heute mit ihrem Mann und
Analysen 39

Kindern bei Düsseldorf. Die ältere Tochter beginnt ca. acht ball, Leichtathletik, Gymnastikturnen), in dem sie viel Zeit
Monate nach der Einreise einen Sprachkurs bei der Otto-Ben- und Energie für ihre Organisation investiert (die Aktivitäten
ecke Stiftung in Hamburg, holt das Abitur nach, studiert BWL selber sind kostenlos). In Deutschland sorgt sie für die best-
und lebt heute mit Ehemann und Kindern in Frankfurt. Kurz mögliche Ausbildung der Kinder; die jüngere Tochter geht
nachdem A. – etwa zu derselben Zeit wie die ältere Tochter trotz Schwierigkeiten zur Realschule und dann auf ein Inter-
– einen Sprachkurs beginnt, zieht ihr Bruder nach Koblenz; nat, aber soll keineswegs die Hauptschule besuchen: »Hab
in die Nähe von Verwandtschaft und mit mehr Aussicht auf ich gesagt: ›die geht nit auf die Hauptschule, die war dort in
Arbeit. A. folgt ihm bald in den Süden, wo sie den Sprach- der besten Schule in der Stadt, hier geht sie auch in die Real-
kurs fortsetzt. Sie absolviert ein dreimonatiges Praktikum in schule‹« (Z. 547–549). Sie erreicht das Fachabitur. Die ältere
einem Warenkaufhaus und findet dann einen Arbeitsplatz in Tochter besucht anstatt des von der Arbeitsagentur angebo-
einer Knopffabrik. In dieser Zeit lernt A. einen wesentlich äl- tenen Sprachkurses, einen qualitativ hochwertigeren bei der
teren Mann aus der Nachbarschaft kennen und zieht mit ihm Otto-Benecke Stiftung (vgl. Z. 575–582), der ihr schließlich zu
zusammen, nachdem sie zuerst beim Bruder gewohnt hatte. einem sehr guten Abitur verhilft und damit das Studieren er-
Nach fünf Jahren in der Knopffabrik geht diese Bankrott und möglicht. In erster Linie zur finanziellen Unterstützung dieser
A. wird arbeitslos. Sie macht wieder ein Praktikum, diesmal Ausbildungswege nimmt A. die Arbeit in der Knopffabrik an:
in der Altenpflege. Dieses wirkt zwar abschreckend auf sie, »So bin ich auf die Knopffabrik gegangen, bin ich zum Chef
aber nach intensiver Arbeitssuche nimmt sie doch eine Stelle gegangen, hab ich gesagt: ›Hier bin ich, ich hab zwei Kinder
in einem (anderen) Seniorenheim an und macht schließlich und ich muss arbeiten!‹ […] Ich hab gesagt: ›Ich muss arbei-
auch eine Ausbildung in diesem Bereich. Bis heute arbeitet A. ten, ich hab dat nie gemacht, aber ich muss arbeiten, ich
in derselben Einrichtung und lebt mit ihrem Lebensgefährten hab zwei Kinder!‹« (Z. 932–937). Die Ausbildung und Zukunft
in einem kleinen Dorf bei Koblenz. der Kinder ist unter Anderem auch ein entscheidender Grund
zur Ausreise nach Deutschland (Z. 1602–1611). A. beschließt
4.8.4.1 Selbstverständnis und Gesellschaftsbilder Irina eine Erzählsequenz mit den Worten: »Alles für die Kinder ge-
Alberts macht. Und jetzt kommen schon mit die Enkelkinder (lacht)..
jetzt weiter« (Z. 1833–1835). Hier bezeichnet sie die Kinder
Selbstverständnis ausdrücklich als den Mittelpunkt ihres Lebens und hebt damit
Irina Albert versteht sich in erster Linie als Mutter und Ehe- ihre Identität als Mutter und weiterhin auch als Großmutter
frau. Dies äußert sich unter anderem darin, dass A. den Le- hervor. Nach dem Gespräch überreicht A. der Interviewerin
bensgeschichten ihrer Töchter im Interview sehr viel Raum einen Kalender, in dem ihre ältere Tochter als eine von 12
zugesteht und diese in den Vordergrund stellt. Erst nach dem erfolgreichen MigrantInnen abgebildet ist, die ihre »berufli-
Tod ihres Ehemannes, also ab dem Zeitpunkt, in dem A. allein chen Entwicklungsträume« verwirklicht hat. A. ist eine stolze
für das Großziehen der Kinder verantwortlich wird, rücken Mutter, deren Mühe im Erfolg der Kinder belohnt wird.
die Kinder an die zentrale Stelle in ihrem Leben und ihre Des Weiteren versteht sie sich auch als Deutsche, jedoch
Rolle als Mutter wird zum vordergründigsten Merkmal ihrer ist diese Identifizierung nicht handlungsweisend. Vielmehr
Identität. Zuvor berichtet sie nur kurz, dass sie ihren Mann registriert A. nur ihre Zugehörigkeit zur deutschen Minder-
kennenlernt, heiratet, das erste Kind bekommt, sie dann ge- heit. Mit den der Erzählung ihrer Geburt einhergehenden
meinsam in eine Wohnung in die Stadt ziehen und dann die geschichtlichen Rahmenbedingungen verdeutlicht sie, dass sie
zweite Tochter zur Welt kommt, bevor der Ehemann bei einem Kind deutscher Eltern ist, die aufgrund ihres Deutschseins
Arbeitsunfall verstirbt. In diesem Bericht macht A. in keinster Verschleppung und Restriktionen erleiden mussten. Als die
Weise deutlich, dass es ihr sehnlichster Wunsch war Mutter Familie nach Almata zieht, lässt sie sich in einer deutschen
zu werden, sondern betont eher die damalige Normalität der Siedlung nieder, während sie in der nächsten Stadt Dscham-
Familiengründung: »Dann hab ich mein Mann kennengelernt bul, die einzige deutsche Familie in der Straße ist. Hier feiert
und geheiratet wie dat in Russland geht schon, ne. […] Ge- sie zwei Mal das Osterfest – jeweils nach deutscher und nach
heiratet und dann ein Kind gekriegt« (Z. 152–156). Nach dem russischer Tradition. Weiterhin berichtet A. von dem Versuch
schweren Schicksalsschlag jedoch wird die Sorge um die Kin- der Eltern mit den Kindern im Haus deutsch zu sprechen. Die
der zu ihrem Lebensinhalt, zumal A. damit das Erbe ihres zusammenfassende Betrachtung dieser Angaben zeigt, dass
Mannes realisiert. Er legte großen Wert auf die Ausbildung sie ein Bewusstsein dafür entwickelt haben muss Deutsche
und Förderung seiner Kinder, die ihm selbst zu seinem gro- zu sein und damit eine Besonderheit in ihrem Umfeld darzu-
ßen Bedauern verwehrt geblieben waren (vgl. Z. 278–281). stellen. Dieses scheint jedoch ihr Denken und Handeln nicht
A. übernimmt diesen Wunsch und verwirklicht nach Kräften, wesentlich zu beeinflussen. Zumal A. und ihre Geschwister
was ihrem Ehemann so wichtig war: »Haben versucht alles den Versuch der Eltern, durch die deutsche Sprachpraxis die
für die Kinder zu machen…« (Z. 274). Seinen Tod, der A. sehr Kultur aufrecht erhalten zu wollen, abwehren: »Ja, und wir
schwer getroffen hat und sie bis heute emotional stark mit- Kinder wollten net, ja wat heißt wollten net, sie haben uns
nimmt (A. weint oft während des Gesprächs, wenn sie über deutsch gesagt, und wir denne russisch geantwortet […] weil
ihren Mann spricht), verarbeitet sie durch die Bewahrung sei- man draußen redet anders da und dann will man ja ange-
nes Andenkens in der Erziehung der Kinder. Aber auch ihr nommen sein, ne« (Z. 117–129, ebenso vgl. Z. 404–408). Ihr
selbst ist es ein Anliegen »das die Kinder, eben was aus dene ist es viel wichtiger von ihrem Umfeld angenommen zu sein
wird« (Z. 1187), anders als die eigenen Eltern, die A. »vielleicht und nicht aufzufallen, als deutsche Kultur zu pflegen und sich
nit so gefördert« (Z. 1156) haben. In Kasachstan ermöglicht sie damit abzugrenzen. Somit ist auch für die weitere Lebensge-
ihnen diverse Aktivitäten außerhalb der Schule (Chor, Fuß- schichte die Tatsache deutsch zu sein für A. nicht relevant
40 kapitel 4 Empirische Untersuchung

und wird entsprechend nicht thematisiert. Auf die explizite auf die Straße nit so.. äh sonst hat sich ja jeder da, so guckt
Nachfrage, wie das Leben für Deutsche in Kasachstan war, ant- sich ja jeder um und dann ja noch mehr ja, die Klamotten
wortet A.: »Wir waren angenommen und nit ausgegrenzt […] dann noch sind so. (S.115, Z.2134–2146)
ich hab ja zwischen der ganzen Masse gelebt, da waren alle Andererseits sind es die deutschen Sprachkenntnisse, die A.
Nationalitäten« (Z. 2497–2501). Ihre soziale Umwelt gibt ihr nicht so leicht wie neue Kleider erwerben kann und die dazu
auch keinen Anlass ihrer ethnischen Zugehörigkeit mehr Be- führen, dass sie anfangs »als Russe abgestempelt« wird. In die-
deutung beizumessen. Schließlich »hat man sich da eingelebt, sem Zusammenhang sagt sie: »Und dann hat man schon sich
hat man sich da auch wohl gefühlt..« (Z. 427). so Gedanken gemacht, du fühlst dich als Deutsche und von an-
Erst im Zusammenhang der Ausreise besinnt sich A. wie- dere Seite bist ja irgendwie ausgegrenzt, weil du verstehst ja
der auf ihre deutschen Wurzeln: »Ich war nur da noch für die Sprache nit, das ist ja dat wichtigste, das man die Sprache,
mich so selber stolz dat ich dann nachher Deutsche war ja. wann man die Sprache nit beherrscht äh, kommt man auch nit
Später, wann ich dann schon konnte ein verstehen ein biss- weiter« (Z. 2527–2531). A. berichtet hier von der Zeit, als sie
chen von der Sprache mit Eltern und so. Dann hat dat alles in der Knopffabrik gearbeitet hat und noch schlecht deutsch
mit Deutschland angefangen und so weiter« (Z. 2509–2513). sprach; sie fühlt sich ausgegrenzt und nicht als Deutsche an-
An anderer Stelle sagt sie, ebenfalls im Kontext der Ausrei- erkannt, weil sie nicht in deutscher Sprache kommunizieren
seerzählung, dass es ihr gefallen hat mit der Mutter auf dem kann. Da sie sich aber das Defizit der mangelnden Sprach-
Markt deutsch sprechen zu können, um so besser zu verhan- kenntnisse selber zuschreibt, legitimiert sie damit auch ein
deln (vgl. Z. 412–419). Deutschsein wird für A. also zu dem Stück weit die Aberkennung ihres Deutschseins seitens der
Zeitpunkt wieder relevant, als sie mitbekommt wie Verwandte Kollegen. A’s Selbstverständnis als Deutsche steht und fällt
und andere Deutsche aus ihrem Umfeld ausreisen: »Und wir mit ihrer äußerlichen und sprachlichen Anpassung.
haben ja immer gedacht, wir sind ja Deutsche, wir müssen Sie gibt sich viel Mühe, um bessere Sprachkenntnisse und
dann nach nach Deutschland« (Z. 353–355). A. bringt hier die Integration zu erreichen und es sind gerade diese Charakterei-
Aussage ihrer Eltern an, die eine notwendige Ausreise nach genschaften – Fleiß und Kampfgeist – die in ihrem Selbstbild
Deutschland mit der Bibel rechtfertigen. Es scheint, als wird viel stärker im Vordergrund stehen als die Zugehörigkeit zur
besagte Rechtfertigung erst entwickelt, als die Möglichkeit zur deutschen Ethnie. Das letzteres nicht so entscheidend für sie
Auswanderung besteht und von vielen anderen Deutschen ist, zeigt sich auch in ihrer Wortwahl; des Öfteren bezeichnet
genutzt wird. Für A. sind aber andere Motive, die die Auswan- sie russlanddeutsche Aussiedler als Russen, so zum Beispiel
derung in die Bundesrepublik bewirken, ausschlaggebender wenn sie sagt: »Meine Tochter die jüngste die war alleine in
als der Wunsch als Deutsche unter Deutschen zu leben. Die die Schule Russin« (Z. 543) oder »Die Deutschen denken die
wohl höchste Priorität nimmt bei dieser Entscheidung die Zu- Russen sind alle hier bevorzugt ja, die kriegen alles, wie sagt
kunft der Kinder ein, denen sie eine bessere Zukunft bieten man, in den Hintern geschoben bekommen ja« (Z. 2563–2565).
will, indem sie ihnen eine gute Ausbildung bzw. ein Studium Hier zeigt sich auch, dass sich A. an dem Kriterium Fleiß von
ermöglicht. Dies wäre ihr in Kasachstan angesichts des starken (einheimischen) Deutschen distanziert. Am Beispiel ihrer Er-
Geldwertverlustes nicht möglich gewesen (vgl. Z. 1602–1611). fahrung in der Berufsschule hebt sie die eigene Strebsamkeit
Außerdem »hat man ja auch gesehen, von Westen sind bes- und Opferbereitschaft zwecks Erreichung des Ausbildungs-
sere Sachen gekommen. […] Und deswegen dann sind alle abschlusses und damit der Möglichkeit zu arbeiten hervor.
gegangen und dann hat man gedacht man wird – der Mensch Diese geht soweit, dass sie sogar ihre Familie vernachlässigt:
is ja so so immer wo es besser geht, man hat gut und will ja »Ich hab keine Wochenenden gehabt, kein nix, ich hab keine
noch besser« (Z. 1612–1622). Die Aussicht auf ein »vielleicht Familie, hab ich gesagt: ›Ich muss lernen!‹ Tag und Nacht
besseres Leben« (Z. 2234), in dem es nicht mehr nötig ist um nur gelernt! Ja, Besuch will kommen, ›nein, ich muss Arbeit
Güter (Kleider, Wurst, Bonbons) zu kämpfen, diese qualita- schreiben!‹« Im Gegensatz dazu steht eine Mitschülerin, die
tiv hochwertiger sind und die Tatsache, dass »alle fahren« A. ihren Erfolg neidet und von der sie vermutet: »Aber wann
(Z. 2238) sind ebenfalls wichtige Gründe, die zur Ausreise man als Deutsche aufgewachsen und sitzt man da und weiß
führen (vgl. Z. 2218–2238; Z. 1602–1626). es nicht um was es geht, und denkt man kommt ja durch
So wie A. als Kind in Kasachstan russisch spricht, um ange- weil man Deutsche is« (Z. 2555–2557). A. führt das fehlende
nommen zu sein und nicht aufzufallen, so sind es in Deutsch- Engagement der Mitschülerin darauf zurück, als Deutsche in
land dieselben Gründe, die den Wunsch als Deutsche aner- Deutschland aufgewachsen zu sein. Sie grenzt sich somit von
kannt zu werden begründen. Sie versucht möglichst wenig arbeitsscheuem Verhalten und damit offenbar einhergehen-
aufzufallen, indem sie sich einerseits äußerlich anpasst: dem Deutschsein ab.
[…] haben alles weg und haben beim Roten Kreuz Kla- Dies bedeutet jedoch keine Abgrenzung im Sinne eines feh-
motten geholt und angezogen, man wollte ja nicht auffal- lenden Integrationswunsches; A. ist sowohl an der eigenen
len. als auch der Integration der Kinder sehr gelegen, jedoch be-
I: Hm nötigt sie keine Selbstidentifikation als Deutsche um diese zu
I. A.: Weil die Klamotten waren ja anders da. Dort ha- erreichen. Sie realisiert diese durch ihre Offenheit zur Kon-
ben sie so ein Haufen Geld gekostet wat wir haben bezahlt. taktaufnahme:
Habe gesagt: »Kannst ja nicht nach Deutschland so fah- […] man wollte sich ja direkt dat Leben leben und nicht sich
ren, musst dich ja so fein anziehen«, und wat hast du da abgrenzen, ja un nix zu tun haben oder wie auch immer
angezogen.. musstest dann die ganze teure Sachen alles ja, haben wir uns nit so.. äh… wann man auch konnte nit
weg und hier den Mist vom Roten Kreuz nehmen anziehen so reden aber man is einfach gegangen ja, auf die Veran-
und hast dich wohl gefühlt, weil du warst dann, bist schon staltungen oder wat da was da gegeben (S.103, Z.622–626)
Analysen 41

Ihr Bestreben die Sprache zu lernen (sie absolviert mehrere Zeit find[et] [sie], vielleicht is et besser nach dene Termine«
Sprachkurse) und in ihrem Bemühen um einen Arbeitsplatz. (Z. 1864–1865).
Um diesen zu finden muss A. viele Hürden nehmen; diverse Im Unterschied zur deutschen Gesellschaft sieht A. den
absolvierte Praktika und Maßnahmen von der Arbeitsagentur Zusammenhalt der Familie in Kasachstan stärker ausgeprägt
bilanziert sie folgendermaßen: »Aber wie blöd dat klingt, aber (vgl. Z. 2589–2593); da ist nicht »jeder ja nur für sich« (Z. 1923),
ich hab dat alles mitgemacht« (Z. 1025–1026). Einer Arbeit wie sie es bei der Verwandtschaft ihres Lebensgefährten be-
nachzugehen und sich damit von der Gesellschaft gebraucht obachtet und nach vielen Jahren in Deutschland auch bei der
zu fühlen ist auch für ihr Selbstverständnis sehr zentral: »Ar- eigenen: »Langsam bei uns auch so.. das man sich auseinander
beitslos zu sein, ich, dat hat mich so gedrückt, das, ich hab lebt« (Z. 2593–2594). In diesen Zusammenhang stellt A. auch
mich so ä… nutzlos gefühlt« (Z. 1081–1082). »Dat [Arbeit] is die unterschiedlich entgegengebrachte Gastfreundlichkeit bei
wichtig das man muss sich fühlen dass die Gesellschaft dich Besuchen der Verwandtschaft, die sie als typisch für Russland
braucht und was du machst« (Z. 2607–2609). bzw. Deutschland ansieht:
[…] in Russland ist dat dann so, man stellt, wann jemand
Gesellschaftsbilder Gast kommt stellt man alles auf den Tisch. Was man selber,
A’s Bild ihrer sozialen Umgebung in Kasachstan ist überwie- man stellt alles zuerst in die Ecke wann jemand kommt, ja
gend von Zusammenhalt und Hilfsbereitschaft geprägt. So und dann du, ja. Und in Deutschland wann man zu dene
nimmt zum Beispiel ihre Chefin Rücksicht, als A. alleinerzie- kommt, da kriegst du nur Tasse Kaffee, nix mehr dabei,
hend wird und Berufstätigkeit und Muttersein kombinieren nur Tasse Kaffee… (S.114, Z.1929–1934)
muss (vgl. Z. 223–228; Z. 1851–1858). Des Weiteren helfen An diesem Beispiel demonstriert sie das aus ihrer Sicht un-
auch die Nachbarn, indem sie nach den Kindern schauen, terkühlte Verhältnis der deutschen (Groß-)Familie im Gegen-
wenn diese nachmittags alleine zuhause sind, während A. satz zum warmen, herzlichen Verhältnis der (Groß-)Familie in
arbeitet (vgl. Z. 1908–1913). Gegenseitige Krankenbesuche in- Russland, welches sie am Beispiel der eigenen (Klein-)Familie
nerhalb des Kollegiums scheinen eine Selbstverständlichkeit in Deutschland illustriert: »Und wann meine kommen, meis-
zu sein: »Da hat man schon besucht Menschen mehr, wann tens, wir sitzen dann fangen wir an wat hinzustellen, ›wir
wer krank war, die Arbeitskollegen haben immer besucht« trinken Tee‹ sagen wir dann ja. Und dann wird immer wat
(Z. 2471–2473), werden allerdings zentral – in diesem Fall von dabei gegessen ja« (Z. 1935–1938).
A. – organisiert, sodass die Freiwilligkeit der Besuche nicht In großer Diskrepanz zur beschriebenen Hilfsbereitschaft,
zweifelsfrei bleibt (vgl. Z. 2468–2471). Außerdem sorgt sie sich die A. in ihrem unmittelbaren sozialen Umfeld erlebt, steht
auch um weitere soziale Angelegenheiten am Arbeitsplatz; sie das Alleingelassensein vom Staat bzw. Betrieb, als ihr Ehe-
hilft bei der Beantragung von Rente und trifft Vorbereitun- mann bei einem Arbeitsunfall umkommt und sie alleine für
gen zu runden Geburtstagen, wenn eine Kollegin ein Kind zur die Versorgung ihrer Familie kämpfen muss: »Jeden Tag Acht-
Welt bringt oder sonstigen Veranstaltungen (vgl. Z. 1969–1977). Stunden-Job und zwei Kinder und alleine… (atmet schwer)
Die in der Nachbarschaft erlebte und am Arbeitsplatz arran- naja, aber in Russland hat man dat einfach hingenommen,
gierte soziale Fürsorge stellt für A. gesellschaftliche Alltags- dat war so und das war’s, ne. Hat man nicht erwartet irgend-
realität dar. Hilfsbereitschaft veranschaulicht sie ferner am welche, große Hilfe« (Z. 198–201). Insgesamt drei Mal muss
Beispiel ihrer Familie – sie hilft ihrem Bruder beim Dach de- A. vor Gericht ziehen, um eine Waisenrente für die Kinder zu
cken und er ihr beim Haus streichen – und verallgemeinert erkämpfen, die von Staat und Betrieb ausgezahlt wird.
dieses Prinzip auf die Gesellschaft in Kasachstan: Wie bereits oben ausgeführt, ist es A. sehr wichtig einer
Und, weil wir ganze Familie sind gekommen ja alle, un Arbeit nachzugehen und sich so gebraucht zu fühlen. Eine ent-
äh dass is ja und da is ja die Gesellschaft schon so ein sprechende Erziehung macht sie in der Gesellschaft Kasachs-
bisschen.. damals gewesen ja, das man hat schon einem tans aus, welche sie auch persönlich favorisiert: »In Russland
andere… so, mehr.. dat geholfen ja. Du hast dann auch denk ich mir die Kinder wurden mehr gelernt zu arbeiten als
zurück wat gegeben geholfen dene Leute ja, wann wat bei hier […] und dat is besser« (Z. 2612–2614). Es ist so selbst-
dene war. (S.113, Z.1887–1891) verständlich, dass junge Leute nach Schulabschluss (in die
Auf Hilfe angewiesen zu sein ist folglich kein Zeichen von Städte ziehen und) arbeiten gehen, sodass sich A. »geniert
Demütigung sondern gründet in der Selbstverständlichkeit die nach Hause zu fahren« (Z. 1288) als es ihr nicht möglich ist
empfangene Hilfeleistung zurückzugeben. »Eine Hand wäscht eine Ausbildung in einer Käsefabrik einer entlegenen Stadt
die andere« (Z. 1969) ist der diesbezüglich gültige Grundsatz zu beginnen (vgl. Z. 1274–1293).
in der Gesellschaft und resultiert unter anderem aus der Ge- Des Weiteren sieht sie auf die Frage nach den »Verlierern«
gebenheit einer gegenseitigen Abhängigkeit hinsichtlich des und »Gewinnern« der kasachischen Gesellschaft letztere un-
Bezugs von Gütern, die allgemein schwer zugänglich sind ter den Kasachen. Denn für diese war eine Prozent-Quote an
(vgl. Z. 1969–1977). Schulen, Berufsschulen und Hochschulen (und evt. weiteren
Weiterhin beschreibt A. die unkomplizierte Kontaktpflege Einrichtungen) vorgesehen. In diesem Zusammenhang schätzt
zu Nachbarn, die man spontan und ohne Termin jederzeit sie Angehörige der deutschen Minderheit als benachteiligt ein:
besuchen konnte. Es bestehen keine »Hemmungen« in die »Und die Deutschen, die mussten sich ja da ganz hinten an-
Privatsphäre bekannter Leute (Nachbarn) einzudringen; Ter- stellen. (Ou ne) da mussten sie schon ganz gute Noten haben
minabsprache erscheint in dieser von Offenheit gezeichne- oder wat wie auch immer« (Z. 2280–2283). Im Vorzug war
ten Gesellschaft eine zu formale und unpersönliche Methode auch, wer der kommunistischen Partei angehörte, denn der/
(vgl. Z. 1860–1864). Aus heutiger Perspektive jedoch betrachtet die »konnte auch besser dran an die Arbeit kommen äh.. und
A. spontane Besuche auch kritisch. Denn »jetzt mit nach der alles mögliche« (Z. 2301). Diejenigen unter ihnen, die »ein
42 kapitel 4 Empirische Untersuchung

Namen oder ein Posten« (Z. 2340). hatten und nicht »einfa- Leistung, Selbstständigkeit und Ordnung erzogen, stattdessen
che Arbeiter« (Z. 2319) waren, konnten ihre Kinder auf die führten sie ein sorgenloses, hedonistisches Leben, das von
besseren Schulen schicken und zu ihren Gunsten Einfluss auf Eltern und Sozialamt finanziell getragen und somit auch ak-
diese ausüben (vgl. Z. 2277–2359). zeptiert wird (vgl. Z. 2589–2643).
Wenn auch in Deutschland zunächst »alles.. is anders da
wat man sich erhofft hat« (Z. 398) und A. hier »bei die fremde Biographische Prozessstruktur
Leute [ist], weiß […] nicht wohin und was und so alles« In Anbetracht A’s gesamter Biographie lässt sich keine eindeu-
(Z. 1982–1983), sie also einer ihr unbekannten Gesellschaft tige einheitliche Prozessstruktur ausmachen. Bis zur Familien-
begegnet, in der sie neue Orientierungs- und Handlungsmus- gründung erfährt A. ihr Leben nach einem institutionellem
ter erlernen muss und erstmal den starken Wunsch verspürt, Ablaufschema; nach Schulabschluss »flieg[t] [sie] raus aus
die Rückreise anzutreten, so will und wollte sie doch nicht »in dem Nest, in die Städte und.. in die große Welt« (Z. 1290), um
dat Leben zurück so wie dat war« (Z. 1983). Denn schließlich eine Ausbildung in einer Käsefabrik zu beginnen. Als dieser
hat sie in Deutschland die Möglichkeit zu realisieren, was ihr Plan nicht aufgeht, nimmt sie es als persönliches Scheitern
am wichtigsten ist; den Kindern eine bessere Ausbildung und wahr, denn sie geniert sich zurück nach Hause zu fahren. Da-
Zukunft zu bieten. Die um diese zu erreichen notwendige Inte- nach wird sie von ihrer Mutter überzeugt eine Ausbildung
gration wird ihr durch Hilfsangebote vom sozialen Umfeld in zur Bibliothekarin zu absolvieren; eine Arbeit »für Frauen«
Norddeutschland erleichtert. Das ehrenamtliche Engagement (Z. 1308). In dieser Zeit lernt sie ihren späteren Ehemann
eines Schuldirektors, der russlanddeutschen Familien Sprach- kennen, heiratet und bekommt Kinder. Als ihr Mann bei ei-
unterricht erteilt, eine Frau vom Sportverein, die »dene Kinder nem Arbeitsunfall tödlich verunglückt, lähmt sie dieses über-
[hilft], das[s] sie sich integriere« (Z. 606), indem sie diese zum mächtige Ereignis nicht, sondern bewirkt die Entfaltung von
Tanz abholt und Spiel- und Bastelangebote der Kirche, die die wahrscheinlich vorher nicht gekannten Potentialen. Sie ver-
Kinder besuchen, zeichnen ein positives Bild der Gesellschaft, wirklicht was in erster Linie der Wunsch ihres Ehemannes
die von Hilfs- und Aufnahmebereitschaft geprägt ist: »Uns hat war, aber auch der eigene (geworden war); A. kann ihr un-
dat auch so geholfen ein bisschen« (Z. 637; vgl. Z. 592–638). gleich erschwertes Leben als Witwe so organisieren, dass sie
Aber A. erlebt auch Ablehnung aufgrund ihrer mangelnden ihren Kindern dennoch viel Förderung zuteil werden lässt. Für
Sprachfähigkeit; so bekommt sie von Kollegen in der Knopffa- die bessere Zukunft und Ausbildung der Kinder beschließt sie
brik zu hören: »Wat seid ihr für Deutsche, versteht ja nix!« die Auswanderung nach Deutschland und setzt auch hier alles
(Z. 2526) und wird, als sie in einem Kaufhaus ein Praktikum daran, diesen Plan zu realisieren – mit Erfolg. Auch in Bezug
macht, von einer Kundin, der sie behilflich sein will, verlacht. auf das eigene Leben hat sie den Eindruck, es ›in der Hand‹ zu
Diese spricht A. aufgrund ihrer fehlerhaften Aussprache auch haben. Um sich zu integrieren, geht sie mutig zu Veranstaltun-
die Kompetenz ab, helfen zu können (vgl. Z. 2516–2524). Da gen, während sie noch kaum deutsch redet (vgl. Z. 622–626),
sie derartige Zurückweisung nur im Zusammenhang ihrer an- besucht mehrere Sprachkurse aus demselben Grund (vgl. An-
fangs unzureichenden Deutschkenntnisse beschreibt, führt sie hang B.7) und nimmt jede Hürde und Mühe auf sich, um
jene auch allein auf diese Ursache zurück und nicht etwa auf Arbeit zu finden (diverse Praktika, Maßnahmen; »Gelbe Sei-
ihre Herkunft oder Person. Dieses Defizit kann A. mit Hilfe ten genommen, überall rumgefahren: ›Brauchen Sie, brauchen
mehrerer Sprachkurse, vielen Gelegenheiten sowie Notwen- Sie, brauchen Sie?‹«; Z. 1087–1088) – ebenfalls mit Erfolg. Für
digkeiten in deutscher Sprache zu kommunizieren, und nach A’s Leben nach dem Tod ihres Ehemannes, zeichnet sich die
einiger Zeit beheben, sodass sie in Bezug auf ihr jetziges Leben Prozessstruktur biographischer Handlungsschemata ab.
keinerlei Ausgrenzungserfahrungen benennen kann. Heute
steht sie in gutem Kontakt zur Nachbarschaft: »Ich rede schon 4.8.5 Peter Berndt
mit jedem und mit allen und er [Lebensgefährte] sagt: ›Du bist
ja schon hier bekannt, wie ein bunter Hund.‹ […] Ich bin eben Peter Berndt (im Folgenden nur noch mit B. abgekürzt) ist
so, ein bisschen offener zu den Leuten« (Z. 1954–1955, 1957) 1948 als zweites von fünf Kindern in Krasnoturinsk geboren.
und ist – wie der Passus zeigt – in die Dorfgemeinschaft gut Dort lebt er mit seiner Familie in einer Baracke. 1956 wird B.
integriert. eingeschult, nach acht Klassen beginnt er im Technikum eine
A. erlebt als Aussiedlerin Ausnutzung (unangemessene Be- Ausbildung zum Wärmetechniker, die er nach dreieinhalb Jah-
zahlung vom Bauern; vgl. Z. 833–843), Neid (»Deutschen den- ren beendet. 1968 wird er zum zweijährigen Militärdienst im
ken die Russen sind alle hier bevorzugt«; Z. 2563–2565) und Fernen Osten, in Chabarask einberufen. Als B. zurückkommt,
Betrug (als ihr Bruder ein Haus kauft, wird seine Unwissen- fängt er an bei einem Aluminiumbetrieb zu arbeiten und par-
heit ausgenutzt: »Weil das auch Anwalt is, kannst aber nich allel dazu Vorbereitungen für Prüfungen zum Eintritt in die
nachweisen, das du aus Russland kommst und bist bekloppt, Hochschule zu treffen. Diese besteht er nicht, wird aber kurz
kennst die Gesetze ja nit«; Z. 1800–1802). Die einzelnen ne- darauf von einem Freund überzeugt nach Chilabinsk zu kom-
gativen Erfahrungen überträgt A. zwar nicht auf die gesamte men, um gemeinsam an den dortigen Fakultäten Turbinenbau
Gesellschaft, aber ihr deutsches Gesellschaftsbild erscheint zu studieren. B. kündigt seine Arbeitsstelle und begibt sich
insgesamt dennoch in einem schlechteren Licht als das kasa- nach Chilabinsk, besteht aber auch hier die nötigen Prüfun-
chische. Denn hier ist der familiäre Zusammenhalt »verloren gen nicht, woraufhin er als Maschinist in der Elektrozentrale
gegangen« (Z. 1924), der für sie persönlich einen sehr hohen der Stadt Arbeit findet und über eine Art Fernstudium ver-
Stellenwert besitzt, und die Erziehung von Kindern, die A’s sucht sich weiter fortzubilden. Nach einem halben Jahr wird er
Hauptaufgabe als Mutter darstellt, ist aus ihrer Sicht falsch. zum Schichtführer befördert. Als er in dieser Zeit seine Eltern
Kinder und Jugendliche würden in Deutschland zu wenig zu besucht, stellt sich heraus, dass der Vater schwer krank im
Analysen 43

Krankenhaus liegt, infolgedessen B. erneut kündigt und nach Migrationsgeschichte seiner Eltern, Beschreibung der familiä-
Krasnoturinsk zurückkehrt, um die Mutter zu unterstützen. ren und Wohnverhältnisse sowie seiner Schulzeit, beginnt B.
Hier bewirbt er sich zunächst bei der Pipeline, lehnt aber das mit der Schilderung seines beruflichen Werdegangs. Sehr be-
Angebot ab, auf einer (Vergütungs-)Stufe unter seiner Quali- wusst und zielgerichtet entscheidet er sich für eine Ausbildung
fikation zu arbeiten. Schließlich findet er eine Anstellung als zum Wärmetechniker, die in intellektueller, finanzieller und
Lehrer in einer Berufsschule, die Montageschlosser, Stucka- zeitlicher Hinsicht aufwendiger ist als der Wille des Vaters, der
teure und Schweißer ausbildet und arbeitet dort zehn Jahre eine halbjährige Ausbildung zum Traktoristen befürwortet.
lang. In dieser Zeit lernt B. seine Frau kennen und heiratet Nach laangen Gesprächen mit den Eltern – das war, war ja
1977. Im selben Jahr wird sein Sohn geboren. 1981 folgt er so eine Zeit, komische – Vater wollte das ich ginge sofort zu
der Einladung eines Freundes nach Urengoi, um gegen gute Kursus, Kursus halbes Jahr so, und als Traktorist arbeite wei-
Bezahlung in der Gaswirtschaft zu arbeiten. Dort bleibt er ter. Und ich hab den doch überredet, wenn ich das schaffe,
für ein Jahr, in welchem er bei einem Freund und dessen die Eintrittsexamen abgeben, das er mir erlaubt und finan-
Familie in sehr beengten Verhältnissen wohnt und während- ziert die Lehre. Und ich hab das geschafft (S.121, Z.80–86)
dessen versucht, eine Wohnung für sich und seine Familie zu Bereits im Alter von etwa 16 Jahren weiß B. offenbar sehr
organisieren. Da die Wohnungsnachfrage sehr groß ist und genau welchen Beruf er erlernen möchte und folgt nicht dem
es ihm missglückt eine Wohnung zu finden, kehrt er nach Wunsch seines Vaters, sondern überzeugt ihn davon die Lehre
Krasnoturinsk zu seiner Familie und in eine von der Berufs- zu finanzieren. Er erläutert nicht die Beweggründe, die dazu
schule gestellte Wohnung zurück. Mit der Vermittlungshilfe führen, dass er ausgerechnet diesen Beruf wählt und sich ge-
seiner früheren Direktorin von der Berufsschule wird B. bei gen den Kurs zum Traktoristen entscheidet; jedoch wird hier
der Gaspipeline angestellt. Er fängt dort als Maschinist an, deutlich, wie wichtig es für B. ist diese Ausbildung zu machen.
wird nach drei Jahren Schichtführer und nach zwei Jahren Die Wertschätzung der absolvierten Lehre wird ihm auch im
»Oberdispetscher«; als solcher trägt er Verantwortung für 115 Laufe seines weiteren Berufslebens immer wieder vor Augen
Arbeitnehmer. 1986 schreibt B’s in Deutschland lebende Tante geführt, wenn er aufgrund dieser eingestellt oder befördert
einen Brief, in dem sie den Wunsch äußert, ihren Bruder (B’s wird.
Vater) in Sotschi (ein Urlaubsort) zu treffen. Sie treffen sich Als B. schon berufstätig ist, ist seine Ambition sich fort-
und vereinbaren, nachdem sich B’s Vater von einer Auswande- zubilden weiterhin groß; zwei mal bereitet er sich auf das
rung nicht überzeugen lässt, dass sie die Tante in Deutschland Eintrittsexamen vor, um zur Hochschule zugelassen zu wer-
zunächst nur besuchen kommen. Nach dem Besuch im Jahr den, besteht sie nicht, gibt aber nicht auf und plant eine Art
1988 lässt sich der Vater überzeugen, sodass die Eltern, B. undFernstudium. Da zu dieser Zeit sein Vater krank wird, kann
seine Familie, sowie zwei seiner Geschwister jeweils mit Fa- er dieses nicht absolvieren (vgl. Z. 248–315). Beim zweiten
milien in den Jahren 1989 und 1990 in die Bundesrepublik Versuch eine Hochschule zu besuchen, kündigt B. sogar seine
ausreisen. Hier leben sie die ersten zwei bis drei Wochen in Arbeitsstelle, um in die Stadt des Hochschulstandorts zu zie-
einem norddeutschen Auffanglager und ziehen dann in die hen. Anhand dieser Bestrebungen zeichnet sich B’s großer
Nähe der Eltern nach Koblenz, wo B. und seine Familie drei Ehrgeiz ab, über Weiterbildung den Weg zur Karriere einzu-
Monate bei seiner Cousine wohnen und dann eine Wohnung schlagen. An dieser Stelle führt ihn dieser Weg jedoch nicht
mieten. Das Ehepaar besucht einen Sprachkurs und B. hilft über die Zurückstellung seiner Familie; als sein Vater krank
beim Hausbau der Cousine. Nach sechs Monaten Sprachkurs, wird, bricht B. Arbeit und das Vorhaben des Fernstudiums
bemüht sich der Sprachkurslehrer um die Vermittlung seiner ab, um die Mutter in dieser Zeit zu unterstützen. Als ihn
Schüler für ein Praktikum; für B. und vier weitere Mitschüler aber ein Freund 1981 einlädt zum Arbeiten nach Urengoi zu
fragt er einen großen Betrieb für Weißblechherstellung an. kommen, wo das Gehalt um ein Vielfaches über dem Durch-
B. wird als einziger eingestellt, da er eine für die Ansprüche schnittsgehalt liegt, folgt er dieser Einladung und lässt seine
des Betriebs passende Ausbildung hat. Die Firma stellt ihn Ehefrau mit dem vierjährigen Sohn zurück. Diese finden in
fest an und er arbeitet in dieser bis zur Rente, in die er seitder gesamten Erzählung wie auch in diesem Zusammenhang
einem halben Jahr eingetreten ist. Die letzten drei Jahre seiner
und der damit verbundenen Entscheidungsfindung – wenn
Beschäftigungszeit arbeitet er in Altersteilzeit. 1996 nimmt überhaupt – nur marginale Erwähnung. Inmitten der Schil-
Familie B. einen Kredit auf, kauft ein Grundstück und fängt derung seiner Pläne nach Urengoi zu fahren, führt B. kurz
ein Jahr später an darauf ein Haus zu bauen. In dieses ziehen an: »Im Jahre siebenundsiebzich hab ich auch geheiratet im
zuerst B’s Eltern ein, kurz darauf folgt er mit seiner Familie.Januar (5) und dann, schon einundachtzich hab ich zugesagt
Heute wird das Haus von ihm und seiner Frau sowie seinem dem das ich komm auch nach Urengoi« (Z. 412–414). Einfluss
Sohn, dessen Frau und zwei Enkelinnen bewohnt. auf diese Entscheidung haben – B’s im Interview gemach-
ten Aussagen folgend – nur der Freund, der ihn einlädt und
4.8.5.1 Selbstverständnis und Gesellschaftsbilder Peter überzeugt sowie der ›traumhafte‹ Verdienst (vgl. Z. 410–415).
Berndts Grund für die Rückkehr nach Krasnoturinsk sind einerseits
die beengten Wohnverhältnisse und das Unbehagen, die auf-
Selbstverständnis nehmende Gastfamilie zu stören (vgl. Z. 457–461) sowie die
Die zentralste Bedeutung in Peter Berndts Selbstverständnis Tatsache, keine Wohnung für sich und seine Familie erste-
nehmen Beruf und Arbeit ein; die Erzählung seiner Lebens- hen zu können (vgl. Z. 441–444). An späterer Stelle und auf
geschichte besteht überwiegend aus seiner Arbeitsgeschichte, die Aufforderung diesen Lebensabschnitt noch einmal unter
sodass Arbeit das identitätsstiftende Moment in B’s Leben ist. Berücksichtigung dessen zu erzählen, dass B. zu diesem Zeit-
Nach einer kurzen Erzählung der Umstände seiner Geburt, der punkt verheiratet war, nennt er noch den weiteren Grund,
44 kapitel 4 Empirische Untersuchung

dass seine Frau während seiner Abwesenheit nach Krasno- kontaktfreudige, gesellige und anerkannte Person wahr, die
turinsk ziehen musste (vorher lebte sie mit ihrem Bruder in in vielerlei Beziehungsgeflechten lebt. In Deutschland nimmt
Chilabinsk, dieser drängte sie aber aus der Wohnung) und dieser Aspekt ab, denn obwohl die »Meiste aus naheliegende
in der neuen Stadt Niemanden kannte; er kommt also auch Freundschaftskreis, die sind alle hier«, sind sie »sehr stark ver-
zurück, damit sie nicht allein in der Stadt ist (vgl. Z. 1134–1139). streut […]. Ab und zu telefoniert man, aber wir haben schon
Dieses Motiv scheint jedoch nicht das ausschlaggebende zu weniger Zusammenhalt, die Themen haben sich geändert«
sein, sondern vielmehr die widrigen Bedingungen in Urengoi. (Z. 1216–1218).
Schließlich kann B. auch ohne zertifizierte Fortbildung noch Ebenso sieht sich B. als wichtiges Mitglied in der Gemein-
Karriere bei der Gaspipeline machen; hier wird er vom Ma- schaft seiner Familie, deren Zusammenhalt in Deutschland
schinisten nach drei Jahren zum Schichtführer und zwei Jahre nicht die gleiche Qualität aufweist, wie in Russland: »Aber
später zum »Oberdispetscher«, dem die Führung von 115 Ange- sehr sehr auch Zusammenhalt. Die ganze Familie hält bis
stellten anvertraut ist (vgl. Z. 480–489). Dass das in Russland heute bis heute noch, bisschen nicht so warm nicht, an-
gelernte Prinzip, Verbesserungsvorschläge am Arbeitsplatz zu ders. Hier anders. A dort haben wir bis zuletzt alles zusam-
machen, die gern gehört werden und zu Beförderung führen men gemacht, gefeiert, gearbeitet, alles war mehr zusammen«
(vgl. Z. 281–286), nicht funktioniert muss B. schmerzlich fest- (Z. 1008). In dieser nimmt B. eine verantwortungsvolle Posi-
stellen, als er sich in Deutschland damit »Feinde auf[…]baut« tion ein; er ist derjenige, der zurückkommt, um die Mutter
(Z. 710) und »gewaltiger, gnadenloser Mobbing« (Z. 717) er- zu unterstützen und für die jüngeren Geschwister zu sorgen
fährt. Infolgedessen strebt er hier keine Karriere mehr an: »Na (vgl. Z. 291–298) während der Vater krank ist, ohne ihn wollen
hat geklappt, mit die Arbeit hat es geklappt. Ich hab keine Kar- die Eltern nicht nach Sotschi fahren (»A Mutter sagt: ›Ohne
riere hier auch versucht zu machen. Verbesserungsvorschläge dich fahren wir nicht!‹«; Z. 512) und er ist es, der die Initiative
hab ich gemacht, aber die Verhältnisse waren auch… sehr trüb zur Ausreise nach Deutschland ergreift und den Vater von
(5)« (Z. 701–705). B. bleibt bis zuletzt bei demselben Betrieb diesem Vorhaben überzeugt (Z. 574). Es scheint als hätte B.
und beendet sein Arbeitsleben mit einem Altersteilzeitvertrag, die Perspektive der Eltern übernommen, so als stünde er mit
der es ihm ermöglicht früher in Rente zu gehen. Diese, für ihnen auf einer ähnlichen Stufe über den Geschwistern, was
eine Person, die sich über Arbeit definiert, untypische Entschei- auch in seiner Wortwahl zum Ausdruck kommt: »Dort sind
dung ist auf die schwer erträgliche Situation am Arbeitsplatz auch alle fünf Kinder von meiner Mutter geboren, ältester war
zurückzuführen. Nichtsdestotrotz distanziert sich B. von sei- vor dem Krieg, ich war kurz nach dem Krieg und dann noch
nem Selbstverständnis als Wärmetechniker nicht, da Arbeit drei Kinder kamen zur Welt« (Z. 56–58). Es sind die Kinder
nach wie vor den Kern seiner Erzählung bildet. seiner Mutter und nicht seine Geschwister.
Für B’s Selbstverständnis ebenfalls wichtig und in seine Die Tatsache, Angehöriger der deutschen Minderheit in
Arbeitsbiographie immer wieder eingeflochten sind die Be- Russland zu sein, ist für B’s Selbstverständnis wenig relevant
ziehungen zu guten Freunden. Auf die Frage, ob sich grund- und hat keinen Einfluss auf seine Handlungsorientierung. In
sätzliche Einstellungen oder Prinzipien im Laufe des Lebens der Hintergrunderzählung um seine Geburt erwähnt er le-
verändert haben, gibt er eine Antwort, die seine Vorstellun- diglich, dass sein Vater aus einer »wolgadeutschen Republik«
gen von Freundschaft und deren Stellenwert in seinem Leben (Z. 27) stammte, macht aber sonst keinerlei Angaben, die auf
wiedergibt: »›Einer für alle, alle für einen‹ [von Alexandre eine Besonderheit der Lebensumstände aufgrund seiner ethni-
Dumas]. Und das sind die Ideen welche trieben eigentlich das schen Zugehörigkeit hindeuten. Auf die Nachfrage, warum die
ganzes Leben« (Z. 1747–1751). Daraufhin liest B. ein russisches Familie in Baracken lebte, stellt sich jedoch heraus, dass dieser
Gedicht vor, in dem es um Vertrautheit und Vertrauen in ei- Umstand dem Sachverhalt geschuldet ist, dass es russlanddeut-
ner Freundschaft geht und nennt einen Freund, auf den die sche Familien sind, die in diesen wohnen. Obwohl Zwangsar-
Beschreibungen des Gedichts zutreffen, auf den er sich verlas- beit und Kommendatur das Leben seiner Eltern und die ersten
sen kann und mit dem er »Verhältnisse [hat].. hm, naja, ob- sieben Jahre seiner Kindheit prägen, die Familie in einer deut-
wohl das wird auch nicht ganz richtig sein, aber besser als mit schen Siedlung wohnt und B. bis zum fünften Lebensjahr nur
meine Verwandte.. Ich traue dem mehr als meine Verwandte« deutsch spricht und versteht, scheinen diese Umstände (die
(Z. 1779–1782). Er schätzt sich sehr glücklich diesen Freund zu er nur auf Nachfrage erzählt) keine Auswirkungen für sein
haben und sieht sich in der Rolle eines ebenso guten Freundes: weiteres Leben und Denken zu haben. Denn innerhalb seiner
»A die wissen das auch, dass ich bin immer dabei wenn es thematisch frei gewählten Lebenserzählung macht er an kei-
nötig ist, ich bin dabei, mein Schulter haben sie, können sie ner Stelle deutlich, dass das Deutsch-Sein irgendeine Relevanz
ruhig rechnen, das wissen sie auch« (Z. 1804–1807). Im Inter- für ihn besitzt. Selbst die Entscheidung zur Auswanderung
view berichtet B. wiederholt von Freunden, die mit Namen nach Deutschland wird in keinster Weise mit ethnischen Zu-
und (Kennenlern-)Geschichte eingeführt werden und seine gehörigkeitsgefühlen begründet, sondern damit, dass sich die
(Arbeits-)Biographie beeinflussen, indem sie ihn einladen (in politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten in Russland
ihrer Stadt) ein berufliches Ziel gemeinsam weiter zu verfol- verschlechtern (vgl. Z. 576–592). B. und seine Eltern haben bei
gen. Im Laufe des Gesprächs erwähnt er viele Freundschaften ihrem Besuch in Deutschland die besseren wirtschaftlichen
und Bekanntschaften; so zum Beispiel die Freunde, die B’s Verhältnisse gesehen und diese durch mitgebrachte »Kleidung,
Wiederkehr nach dem Militärdienst feiern (vgl. Z. 209–211) Spielzeug, Bonbons und alles mögliche« (Z. 570) auch den
und ihn bei der Ausreise nach Deutschland verabschieden Geschwistern vor Augen geführt. Mit diesen zwei Gründen
(vgl. Z. 607–613) sowie Bekannte, die ihm bei der Vermittlung überzeugt er seine Eltern sowie zwei Geschwister samt deren
zu einer Arbeitsstelle verhelfen (vgl. Z. 470–472) und vor Sank- Familien zur Ausreise. Erst auf die Frage, ob es irgendwie be-
tionen des KGB schützen (vgl. Z. 1402–1410). B. nimmt sich als sonders war als Deutscher in Russland zu leben, sagt er: »War
Analysen 45

immer besonders. Ich war schon sechsunddreißig Jahre alt.. schaft welche hat mich so rundum begleitet dieses Stück Le-
und mein Chef.. schon letzte Arbeit.. ich war schon, Oberdis- ben« (Z. 1201–1203) und bezieht sich damit auf die unterschied-
petscher war ich, der hat mir ins Gesicht gesagt: ›Du bist ein lichen Berufe, Schichtzugehörigkeiten und Lebensläufe seiner
Faschist. Und kennst du die Telefongesetze?‹« (Z. 1500–1503). Bekannten und Freunde in Russland (vgl. Z. 1204–1213). Er
Diese beinhalten das ungeschriebene Gesetz, dass ›störende‹ hat das Bild einer heterogenen Gesellschaft, in der jeder die
Arbeitnehmer durch telefonische Absprache innerhalb der Be- Chance hat, zu erreichen, wonach er strebt; hier sind beson-
triebsführung (oder dieser und der kommunistischen Partei- ders diejenigen im Vorteil, welche »kommunikabel [sind] und
führung; dies bleibt in B’s Ausführungen unklar) ohne Angabe ohne äh böse so.. Hintergrund, hätten nicht den bösen Hinter-
von Gründen entlassen werden können. Da es für Deutsche grund« (Z. 1339–1340). Wer also redegewandt, aufgeschlossen
verboten war eine Spitzenposition im Betrieb zu besetzen und kontaktfreudig ist – Eigenschaften, die auf B. selber zu-
und B’s Vorgesetzter um seine Machtposition bangt, droht treffen – von dem sagt er: »Ich schätze, dass sie haben doch
er B. und seinem deutschen Kollegen, mit welchem er »viel mehr, mehr von dem Leben gehabt und, ob sie immer den
Macht […] aufgebaut [hat] zwischen den Leuten« (Z. 1529), besseren Job hatten, nein das ist nicht wahr« (Z. 1340–1342);
mit diesem Gesetz (vgl. Z. 1500–1546). Somit sieht er sich in wenn auch nicht immer, so doch meistens, denn schließlich
seinen Karrieremöglichkeiten als Deutscher eingeschränkt. In versteht B. unter »mehr vom Leben«, seinem Selbstverständ-
der durch die Interviewerin erzwungenen Reflektion über das nis folgend, auch einen guten Arbeitsplatz zu haben.
Leben der Deutschen in Russland, versteht B. sich und seine Weiterhin beobachtet er eine nach Macht und Geld stre-
Generation, die »sich klein bisschen schon etabliert [hat] zwi-bende Gesellschaft; Ziele die über den Weg der Parteizugehö-
schen den Russen« (Z. 1548), in »ständiger ewiger […] Konkur- rigkeit erreicht werden konnten:
renz welche sagt, dass du bist akzeptabel, bist du besser oder Zwischen den Russen, aber Deutsche auch genauso, es gab
bist du schlechter« (Z. 1551–1554), bei der B. zufolge Russen ganze Menge Leute welche haben sich angestrebt an die
fast immer schlechter abschneiden (vgl. Z. 1554). Da dies aber Macht und klammerten sich an die Macht, das Macht das ist
offiziell nicht sein darf, bleiben Deutsche (bis auf wenige Aus- über alles. Es gab diejenige welche haben sehr stark verfolgt
nahmen) im Hintergrund, treten einen Schritt zurück (an die Geld, nichts außer Geld, alles Geld…
zweite Stelle), während sie wissen, dass sie die ›Besseren‹ sind I: Und Macht, nochmal kurze Zwischenfrage, in welcher
und die Entscheidungen ihrer Vorgesetzten vorbereiten und Form?
damit beeinflussen bzw. manipulieren (vgl. Z. 1561–1601) – ver- P. B.: Macht, zu die Macht, es gibt ja verschiedene Wege
mutlich ist es diese Rolle, in der sich B. auch persönlich sieht. zu die Macht zu kommen. Und der einfachster Weg dort
Auch in Deutschland scheint für B’s Selbstverständnis seine drüben war es, in die Partei reingehen.. (S.130, Z.1220–1229)
ethnische Zugehörigkeit bzw. die Besonderheit seiner Migra- Diese überwacht die Gesellschaft und schreibt den Men-
tionsgeschichte keine Relevanz zu besitzen; er macht keinerlei schen vor, was sie tun und denken dürfen und sanktioniert
Äußerungen, die den Rückschluss zulassen, dass er Wert dar- Andersdenkende bzw. Handelnde; die persönliche Freiheit des
auf legt als Deutscher anerkannt zu werden, oder dass er sich Individuums ist stark eingeschränkt:
als Aussiedler einer (negativen) Sonderbehandlung ausgesetzt Ja, man musste immer so einen halbumgedrehten Kopf
fühlt bzw. sich deshalb in besonderer Position sieht. Indem er haben, egal was du, das war schon so gewöhnt, lebst dich
den Begriff »Einheimische« gebraucht, grenzt er sich als ›Nicht- ein. Und das ist fast normaler Zustand, merkst es kaum,
Einheimischen‹ ab und stellt somit eine Trennlinie her. Diese sogar merkst du gar nicht das du das machst. Aber das
wird besonders deutlich wenn er sagt: »Wenn hier das ist die ist so, das war so. Und man musste immer sich umdrehen
glücklichste Gesellschaft ist, die Einheimische glauben daran wem was du erzählst. (S.132, Z.1438–1443)
nicht« (Z. 1675–1677). Insofern sieht sich B. als Zugewanderten, Wachsamkeit in allen Handlungen und Äußerungen, die
der sich von der hiesigen Bevölkerung unterscheidet, also kein gegenüber der Partei in irgendeiner Weise illoyal sein könnten,
Teil von dieser ist und somit eine Außenperspektive auf sie stellt in Russland notwendige Alltagsnormalität dar. Als B.
hat. Davon zeugt auch die Übernahme der Perspektive seines einen Witz über Breschnev erzählt, wird er am folgenden
neidischen einheimischen Arbeitskollegen, in der er sich als Tag vom KGB verhört und als er deutsche Fachwörterbücher
Russen sieht, dem unverdientermaßen alles geschenkt wird: für die Arbeit bestellt, taucht dieser ebenfalls bei ihm auf
»Bei dem klappt das nicht, aber bei mir oder bei dem anderen und erfragt die Gründe für das Interesse an ausländischer
Russe da, da hat er auch gebaut« (Z. 1646–1648). Diese Tren- Literatur.
nung, die B. selber vornimmt, stellt er zu keinem Zeitpunkt In Deutschland trifft B. auf eine Gesellschaft, die ihm die
als problematisch dar. Strukturen bietet, schon sehr bald nach der Einreise einer
Arbeit nachgehen zu können, die seiner Qualifikation ent-
Gesellschaftsbilder spricht und ihm ermöglicht ein Haus für sich und seine Fami-
B. findet in Russland eine Gesellschaft vor, in der die Struktu- lie zu bauen. Jedoch gilt hier ein anderes Verhaltensprinzip für
ren gegeben sind, die ihm das Ausleben seiner Berufsidentität Aufstiegswillige als das bisher gekannte. Indem B. Verbesse-
zu einem Großteil ermöglichen. Er kann eine Lehre machen, rungsvorschläge macht, macht er sich unbeliebt und wird zum
findet immer wieder (leicht) eine Anstellung und kann Kar- Opfer von Mobbing am Arbeitsplatz. Aus dieser Erfahrung
riere machen; allerdings nicht bis zum höchsten Posten. Denn heraus resultiert seine Gesellschaftsbeschreibung. Die Frage
dieser bleibt ihm verwehrt, weil er Deutscher ist (es bleibt nach seinem Gesellschaftsbild in Deutschland beantwortet B.
unklar, ob B. einen solchen jemals angestrebt hat). mit folgendem Satz: »Ich wusste auch früher das die Neid
Sein soziales Umfeld beschreibt er mit: »Die Gesellschaft, eine starke Kraft ist. Hier muss ich mit Bedauern sagen das
Strauß, ein richtig bunter Strauß Blumen, das ist die Gesell- es gewaltige Kraft hat, Neid« (Z. 1608–1610). Diesen habe
46 kapitel 4 Empirische Untersuchung

er in der Nachbarschaft vorgefunden, die ihm die offenbar satz zur strukturellen) nicht aufrecht erhalten; als Deutscher
erfolgreichen Bemühungen an Haus und Garten missgönnt kommt ihm die gewünschte Anerkennung und Wertschätzung
(vgl. Z. 1611–1620). Weiterhin sei aber Neid auch in der gan- seiner Person in der Gesellschaft Kasachstans nicht zu.
zen Gesellschaft sehr weit verbreitet (vgl. Z. 1674) und in Diese – so seine Perspektive bei der Auswanderung – hofft
Deutschland »wesentlich gefährlicher« als in Russland; mit er in Deutschland, als Deutscher unter Deutschen lebend, zu
schlimmeren Folgen und ungewissem Ausgang (Z. 1623–1624). erlangen. Aber auch hier wird ihm diese verwehrt; diesmal
Dies veranschaulicht er an Beispielen aus seinen Erfahrungen weil er aufgrund seiner Migration und nicht 100-prozentigen
im Arbeitsleben (vgl. Z. 1632–1662, 1705–1725). So auch die Be- Sprachkenntnisse nicht als Deutscher anerkannt wird. Seine
schreibung der deutschen Gesellschaft als einen »Maskenball« Vorstellung, als deutscher Volksangehöriger (unbeachtet des-
(Z. 1694), in der zwar ein »sehr höfliches und sehr freundli- sen, wo er geboren und aufgewachsen ist) von der deutschen
ches Gesicht« (Z. 1714) gezeigt würde, aber böse Absichten Gesellschaft auch anerkannt und integriert sein zu müssen, fin-
dahinter stünden; anders als in Russland, wo Konflikte offen det in der Realität keine Verifikation. Seine deutsche Identität,
und unmittelbar ausgetragen würden (vgl. Z. 1701–1704). B’s die er in Kasachstan unter Einschränkungen und »Unterdrü-
Charakterisierung der Gesellschaft erfolgt fast ausschließlich ckung« aufrecht erhalten hat, um in Deutschland einst dafür
aus seinem Blickwinkel als Arbeitnehmer und fällt entspre- ›belohnt‹ zu werden, indem er als solcher Wertschätzung und
chend seiner Erfahrung als solcher sehr negativ aus. Gleichbehandlung erfährt, kann er nicht erfolgreich fortfüh-
ren. Folglich versteht er sich der Gruppe russlanddeutscher
Biographische Prozessstruktur Aussiedler zugehörig, die er durch handwerkliches Geschick
In Anbetracht der gesamten Biographie erfährt B. sein Leben und gute Arbeit kennzeichnet; Merkmale, die auch seinem
als planbar und seinerseits steuerbar. Insbesondere seine be- Selbstbild entsprechen. Allerdings ist diese Zugehörigkeit nur
rufliche Laufbahn kann er in Russland durch das Einbringen gefühlt und nicht durch Beziehungen zu anderen (außerhalb
seiner Potentiale aktiv gestalten. Dies ist ihm in Deutschland der Familie) Aussiedlern real existent.
in dem Maße nicht mehr möglich, da er mit den hiesigen Hand- Seine Identifikation als guter und handwerklich geschick-
lungsmustern nicht vertraut ist bzw. sich ihnen nicht anpasst ter Arbeiter ist in Deutschland allerdings keine Ressource für
oder anpassen will. In Bezug auf die Auswanderung sowie sozialen Anschluss. Das in Kasachstan (durch die gesellschaft-
die Gestaltung des neuen Lebensraumes in Deutschland (z. B. lichen Bedingungen der Güter- bzw. Dienstleistungsknapp-
Hausbau, das Finden einer Arbeitsstelle) hat B. jeweils den heit) entwickeltes Selbstverständnis als Geber und Nehmer
Eindruck es ›in der Hand‹ zu haben. von Hilfe und darunter verstandene Freundschaft kann D. in
Deutschland nicht fortführen. Er entfaltet ein entsprechend –
auch im Gegensatz zu Kasachstan – negatives Bild der deut-
4.9 Typen schen Gesellschaft hinsichtlich ihrer sozialen Merkmale (ge-
ringe Ausprägung von Hilfsbereitschaft, Freundschaft etc.).
4.9.1 Typus 1: Deutsche Identität
4.9.2 Typus 2: Soziale Identität; Deutschsein irrelevant
Dieser Typus stellt einen von zwei maximal kontrastierenden
Fällen dar. Er basiert auf der Biographie Hermann Deckers. Dieser Typus stellt den von Typus 1 maximal kontrastierenden
In diesem Fall ist die deutsche Volksangehörigkeit das zen- Fall dar. Er basiert auf der Biographie von Elvira Claus.
trale Element der Identität, das in großem Abstand zu ande- Bei diesem stellt der Sinn für Gemeinschaft und dessen
ren (möglichen) Identifikationen steht und maßgeblich das Ausleben in sozialen Beziehungen das zentrale Moment der
Denken und Handeln des Individuums beeinflusst. Die der Identität dar, das Denken und Handeln steuert. Weiterhin
eigenen ethnischen Zugehörigkeit beigemessene Bedeutung sind die Charaktereigenschaften Optimismus und Sicherheits-
wirkt sich auf das Gesellschaftsbild aus, das ebenfalls nach bestreben für das Individuum kennzeichnend. Alle Merkmale
ethnischer Zugehörigkeit geordnet wird. Da aber in der Gesell- können sowohl in Kirgisien als auch in Deutschland gelebt
schaft Kasachstans die Gruppe der deutschen Minderheit im werden. Die Gesellschaften beider Länder bieten die dazu not-
Allgemeinen als »Faschisten« (Volksfeinde) rezipiert wird, ist wendigen Strukturen. Allerdings weist die kommunistisch
es schwierig ein positiv besetztes Selbstbild zu entwickeln bzw. geprägte Gesellschaft Kirgisiens mit ihren tendenziell kollek-
aufrecht zu erhalten. Im Fall Hermann Deckers wird das Selbst- tivistischen Wertmaßstäben und der staatlich geplanten Wirt-
verständnis als Deutscher bereits in der primären Sozialisation schaft in stärkerem Ausmaß die Bedingungen für sozialen
ausgebildet und in der sekundären Sozialisation fortgeführt, Zusammenhalt und (wirtschaftliche) Sicherheit auf. Dieses
es ist also gefestigt und nicht (leicht) veränderbar. Um bei Bild ergibt sich auch aus Cs Gesellschaftsbeschreibung, in der
der Identität als Deutscher zu bleiben ohne als solcher in der sie glücklich ist, weil sie ihre Identität voll entfalten kann.
kasachischen Gesellschaft ausgegrenzt zu sein bzw. sich auch Obwohl auch hier eine Identifikation als deutsche Volksange-
positiv betrachten zu können, konstruiert er das Selbstbild hörige vorliegt, so ist diese doch nicht handlungsweisend und
seiner ›Normalität‹ in Zusammenhang mit einem Bild der Ge- besitzt für die alltägliche Lebensführung keine Relevanz. So
sellschaft, in dem ihm aufgrund seiner deutschen Nationalität wird auch die soziale Umgebung, im Gegensatz zu Typus 1,
keine Sonderbehandlung oder gar Unterdrückung zuteil wird nicht nach ethnischer Zugehörigkeit geordnet und beurteilt,
und in dem er sich – der aus seiner Sicht positiv konnotierten sondern nach sozialen Gesichtspunkten bewertet.
Gruppe der technikbegabten Deutschen zurechnend – vorteil- Auch in Deutschland kann also das Ausleben besagter Iden-
haft verorten kann. Die Vorstellung der ›Nicht-Unterdrückung‹ titätsmerkmale fortgeführt werden, jedoch in abgeschwächter
kann er aber auf der zwischenmenschliche Ebene (im Gegen- Form. Hier können die bereits in Kirgisien hergestellten Be-
Typen 47

ziehungen gleichermaßen weitergelebt werden, zumal auch und Durchhaltevermögen um Wertschätzung; orientiert sich
der Freundes- und Verwandtschaftskreis in geographischer also weiterhin an der hiesigen Bevölkerung, von der er Aner-
Nähe angesiedelt ist. Allerdings sind weitere Kontakte zu Ein- kennung wünscht und somit auch in diesem Sinne Integration
heimischen in Quantität und Qualität nicht so ausgeprägt anstrebt. Die Möglichkeit des Auslebens seiner Identität als
wie in Kirgisien, sodass das dort erreichte Wohlbefinden in Musiker und Familienmensch relativiert die beschriebene ne-
Deutschland nicht in demselben Maße erlangt werden kann. gative Erfahrung. Dennoch ist das Gesellschaftsbild der deut-
Das Gesellschaftsbild ist von einer individualistischen Grund- schen Gesellschaft an der versagt gebliebenen Anerkennung
haltung geprägt. Dennoch fühlt sich C. heute integriert, was als Volksangehöriger orientiert; in diesem Bild sind Ethnie und
nicht zuletzt ihrem Optimismus geschuldet ist, und schätzt Herkunft die Kriterien, um Menschen beurteilen. In Bezug auf
sich glücklich, weil Eigenheim und Arbeit Sicherheit bieten. soziale Merkmale (Hilfsbereitschaft, Freundschaft etc.) besteht
Da es ihr Selbstbild nicht erfordert als Deutsche anerkannt zu die Vorstellung einer individualistisch geprägten Gesellschaft.
werden und sie ihre Wertschätzung durch andere über das vor- Sofern aus dem Interview und den Gesprächen davor und
handene Beziehungsgeflecht schöpft, kann sie dieses positiv danach rekonstruierbar, pflegt das Ehepaar gute Beziehun-
besetzen und ein zwar etwas distanziertes aber freundliches gen zu Aussiedlern (Verwandtschafts- und Freundeskreis) und
Bild von der deutschen Gesellschaft entwickeln. steht durch die Einbindung auf der Arbeit (im Orchester) und
in der Nachbarschaft in Kontakt zu Einheimischen. Die Qua-
4.9.2.1 Untertyp: Deutsche Identität und andere lität dieser Kontakte lässt sich aus dem gegebenen Material
schwer beurteilen. Jedoch kann aufgrund der Vorstellungen
Dieser Fall wird als Untertyp vom Typus 1 dargestellt. Er über die deutsche Gesellschaft vermutet werden, dass es zu-
basiert auf der Biographie von Jakob (und Lydia⁷) Egert. mindest keine engen Kontakte oder Beziehungen zu Einhei-
Bei diesem Untertyp handelt es sich um eine Identität, für mischen gibt.
die drei Identifikationen von zentraler Bedeutung sind; ne-
ben der deutschen Volksangehörigkeit, auch die als Musiker/ 4.9.2.2 Untertyp: Identität Ehefrau und Mutter;
Ästhet und Ehemann/Familienvater. Das Selbstverständnis Deutschsein annähernd irrelevant
als Deutscher scheint erst dann relevant zu werden, wo es in
Konkurrenz mit der Entfaltung der musischen Identität tritt. In diesem Fall bewegt sich der Untertyp zwischen dem Typus
Letztere wird darauf hin zurückgestuft und erstere entwickelt, 1 und Typus 2, ist aber dem letzterem näher. Seine Grundlage
umso mehr als das Ausleben der Identität als Ehemann und ist die Biographie von Irina Albert.
Familienvater hinzukommt. Die Identifikation als Deutscher Dieser Untertyp identifiziert sich zuallererst als Ehefrau
bestimmt das Handeln hinsichtlich Familiengründung, der und Mutter und damit in Zusammenhang stehend als ›kämp-
Sorge um die Kinder (die »Deutsche bleiben« sollen), sozia- fende‹ Persönlichkeit. Denken und Handeln werden davon
ler Kontakte und nicht zuletzt des Ausreisewunsches. Dieses, bestimmt die Kinder zu fördern und ihnen eine gute Zukunft
scheinbar erst in sekundärer Sozialisation ausgebildete Selbst- zu ermöglichen. Um dies zu realisieren muss A. viele Hürden
bild als Deutscher, vermag E., trotz vereinzelten Fällen von nehmen, sodass sie sich als eine um ihre Ziele ringende Person
Diskriminierung seitens des sozialen Umfeldes und auf poli- wahrnimmt. Damit verknüpft ist ihr Bestreben zu arbeiten
tischer Ebene institutionalisiert, positiv zu besetzen. Denn er und Leistung zu erbringen; auf diese Weise befriedigt sie das
fühlt sich als solcher von der Gesellschaft nicht ausgegrenzt Bedürfnis von der Gesellschaft gebraucht zu sein. Aus die-
und bedarf somit keiner Konstruktion seiner ›Normalität‹, ver- sem Selbstverständnis heraus wird das Bild der kasachischen
bunden mit einem Gesellschaftsbild, in dem er als Deutscher Gesellschaft (aber auch der deutschen, nur mit umgekehrtem
nicht unterdrückt wird – im Gegensatz zum Typus »Deutsche Inhalt) konstruiert, in dem ein starker Zusammenhalt und
Identität«. Vielmehr sieht er sich von seinem sozialen Umfeld ein herzliches Verhältnis innerhalb der Familie besteht und
als ›gut arbeitender Deutscher‹ geschätzt und geachtet; also ei- Kinder verstärkt zu Leistung, Selbstständigkeit und Ordnung
ner Gruppe zugehörig, die die moldawische bzw. sowjetische erzogen werden. Außerdem besteht in ihrem sozialen Umfeld
Gesellschaft aufgrund der ›deutschen Tugenden‹ honoriert. ein hohes Maß an Hilfsbereitschaft, sodass A. bei der Bewälti-
Entsprechend der dem Selbstbild als deutscher Volksangehöri- gung ihrer Aufgaben als berufstätige Mutter Unterstützung
ger beigemessenen Bedeutung entwirft auch dieser Untertyp erfährt. Dazu im Gegensatz stehen staatliche Institutionen,
ein Gesellschaftsbild, das nach Gesichtspunkten ethnischer bei denen sie um (finanzielle) Hilfe schwer kämpfen muss.
Zugehörigkeit geordnet ist. Die Identifikation als deutsche Volksangehörige ist für diesen
In Deutschland kann der musikalischen Identität und der Untertyp nahezu irrelevant. A. registriert diese Zugehörigkeit,
des Familienvaters und Ehemannes weiterhin Ausdruck ver- lässt sich aber in ihrem Empfinden und ihrer Handlungsori-
liehen werden. Problematischer ist hier jedoch – und das auch entierung von ihr kaum beeinflussen. Sie erlangt nur in dem
im Vergleich zu Moldawien – das Selbstverständnis als Deut- Moment Bedeutsamkeit als sich A. in ihrer Kindheit gegen
scher. Denn, so wie beim ersten Typus, wird auch diesem das den Wunsch der Eltern, die deutsche Kultur (Sprache) an die
Deutschsein (anfangs) nicht anerkannt und damit verbunden Kinder weiterzugeben, durchsetzt, um sich nicht von anderen
geglaubte Wertschätzung wird ihm von der einheimischen Kindern abzugrenzen und angenommen zu sein. Als die Aus-
Bevölkerung nicht entgegengebracht. E. empfindet sich in ih- wanderung bevorsteht konnotiert sie ihr Deutschsein positiv
ren Augen als »Menschen zweiter Sorte«, weil er »nit echter und führt dieses unter anderem als Ausreisegrund an. Viel zen-
Deutscher« ist. Diesem Gefühl zuträglich ist die Versagung
der beruflichen Anerkennung. Er identifiziert sich (folglich) ⁷ Der Lesbarkeit halber wird von E. nur im Singular gesprochen, es ist aber an
als zielstrebigen Russlanddeutschen und wirbt mit Kampfgeist allen E. nicht allein betreffenden Stellen auch der Plural mit gemeint.
48 kapitel 4 Empirische Untersuchung

traler ist hier aber der Wunsch, den Kindern in Deutschland Zusätzlich besteht auch die Identifikation als guter Freund.
eine bessere Zukunft bieten zu wollen. Diese Selbstbilder bestimmen hauptsächlich Bs Denken und
In Deutschland kann A. ihr Selbstverständnis als Mutter er- Handeln sowie seine Vorstellung von der russischen Gesell-
folgreich fortsetzen, indem sie die Ziele, ihre Kinder zu fördern schaft. Diese nimmt er als sehr heterogen wahr und sieht für
und ihnen eine bessere Zukunft zu ermöglichen, realisieren jeden die potentielle Möglichkeit zu erreichen, wonach er/sie
kann. Mit viel Initiative und Durchhaltevermögen findet sie strebt; kommunikative Menschen – so wie B. – sind dabei
auch eine Arbeitsstelle, wo sie bis heute tätig ist. Der Wunsch, im Vorteil. Allerdings lässt es das kommunistische politische
als Deutsche anerkannt zu werden steht nur in dem Zusam- System nicht zu, dass Deutsche den höchsten Posten inner-
menhang – wie in umgekehrter Weise in ihrer Kindheit – nicht halb eines Betriebes einnehmen können. Davon ist B. poten-
auffallen zu wollen und als Person angenommen zu sein. Inso- tiell persönlich betroffen, sofern er einen solchen angestrebt
fern liegt es in ihrer Hand die nötige Anpassungsleistung (in hat. Dies bleibt aber im Interview unklar. Obwohl sich B. als
Form angepasster Kleidung und Sprache) zu leisten und sich Deutschen ausmacht, ist diese Zugehörigkeit für sein Selbst-
somit akzeptiert zu fühlen, auch ohne die deutsche Volksange- verständnis nicht signifikant und für seine Handlungsorientie-
hörigkeit zuerkannt bekommen zu müssen. Sie distanziert sich rung somit irrelevant (So wie bei Typus 2). Die Auswanderung
sich sogar anhand des Kriteriums Fleiß von Deutschen, die in nach Deutschland ist von der Aussicht auf Verschlechterung
Deutschland aufgewachsen sind und deshalb, so A., glauben der politischen und wirtschaftlichen Bedingungen in Russland
keine Leistung erbringen zu müssen. Diese Abgrenzung ist sowie der guten wirtschaftlichen Verhältnisse in Deutschland
jedoch keine im Sinne eines fehlenden Integrationswunsches, motiviert.
an der A. sehr gelegen ist. Vielmehr bezeigt sie damit, dass In Deutschland kann B. seine im Beruf gegründete Identi-
sie die Anerkennung als deutsche Volksangehörige nicht be- tät zwar fortführen, jedoch nicht in zufriedenstellender Weise.
nötigt, um sich integriert zu fühlen. Als Migrantin erlebt sie Schon kurz nach der Einreise kann er einer Arbeit nachge-
sowohl eine aufnahmebereite Gesellschaft, die ihr die Inte- hen, die seiner Qualifikation entspricht. Doch gilt hier nicht
gration erleichtern will, als auch eine, die ihre Situation der das in Russland bewährte Prinzip für Aufstieg, sodass sich B.
anfänglichen Unwissenheit ausnutzt. So fällt auch ihr Gesell- mit dessen Anwendung in eine unbefriedigende berufliche
schaftsbild diesbezüglich entsprechend differenziert aus. Wie Situation manövriert. Aus dieser Perspektive entwickelt er ein
im oberen Abschnitt bereits angedeutet, entwickelt sie ihre Bild von der deutschen Gesellschaft, das vor allem von Neid
Vorstellungen über die Gesellschaft vielmehr in den Katego- und Falschheit gekennzeichnet ist. In seiner problematischen
rien Familie, Erziehung und Hilfsbereitschaft und beurteilt Situation sucht B. die Begründung aber nicht etwa in der ver-
hier die deutsche im Vergleich zur kasachischen negativer. weigerten Anerkennung seiner deutschen Volksangehörigkeit.
A. lebt in einer Lebenspartnerschaft mit einem einheimi- Deutscher mit einem Migrationshintergrund zu sein, hat für
schen Mann und hat guten Kontakt zur hiesigen Nachbar- ihn keine weitere Bedeutung, außer der, dass er in Bezug auf
schaft. Wie es um Kontakte und Beziehungen zu Aussiedlern die deutsche Gesellschaft eine Außenperspektive einnehmen
außerhalb des Familien- und Verwandtschaftskreises bestellt kann. Er stellt eine Trennung zwischen ›Einheimischen‹ und
ist, geht weder aus dem Interview, noch aus dem Vorgespräch ›Nicht-Einheimischen‹ her; bleibt damit aber auf einer deskrip-
hervor; allerdings ist A. eine Bekannte der Eltern der Inter- tiven Ebene und problematisiert diese nicht oder versucht sie
viewerin und steht somit mindestens in einer Verbindung zu gar aufzuheben.
Aussiedlern. Es kann vermutet werden, dass die Beziehungen (Gute) Freunde und Bekannte, die B. im Interview anführt
sowohl zu Einheimischen als auch zu Aussiedlern in einem und die (verstreut) in Deutschland leben, sind Aussiedler, die
ausgeglichenem Verhältnis stehen. er (wohl zu einem Großteil) noch aus Russland kennt. Der
Kontakt zur hiesigen Nachbarschaft ist distanziert, da B. von
4.9.2.3 Untertyp: Identität Arbeit und Freund; dieser sagt, dass sie ihm neidvoll gegenüber steht. Dasselbe
Deutschsein irrelevant gilt für die Arbeitskollegen, von denen er schikaniert wird.
Ob er auch freund(schaft)liche Beziehungen zu Einheimischen
Dieser Untertyp liegt ebenfalls zwischen dem Typus 1 und 2. pflegt, benennt er nicht es bleibt somit ungewiss. Dies ist
Er basiert auf der Biographie Peter Berndts. aber aufgrund des negativen Gesellschaftsbildes nicht anzu-
In diesem Fall wird Identität stark über Arbeit definiert. nehmen.
Kapitel 5

Integration

Integration ist ein schillernder Begriff. Eine allgemeine und zen (vgl. Kaufmann 1982, S. 67 f.), so kann die Handlungsori-
umfassende Begriffsdefinition ist in Anbetracht der vielen entierung von den Normen und Werten der aufnehmenden
Aspekte, die berücksichtigt werden müssten nicht möglich. Gesellschaft abweichen, bzw. an der Herkunftsgesellschaft aus-
Folglich soll hier ein ausgewähltes Integrationsmodell ent- gerichtet sein oder gar an beiden und dennoch Inklusion zur
wickelt werden, das für die Fragestellung der vorliegenden Folge haben. Rückt man dabei die Person des Einwanderers
Arbeit relevant ist und ihr zugrunde gelegt werden soll. in den Mittelpunkt der Betrachtung, muss die Frage nach der
»In der Allgemeinen Soziologie bezieht sich der Begriff Befriedigung seiner Bedürfnisse nach Wertschätzung und An-
auf abgrenzbare soziale Einheiten und bezeichnet die (Wie- erkennung gestellt werden, um so dessen Sichtweise auf die
der-)Herstellung eines einheitlichen Ganzen« (Strobl/Kühnel eigene Inklusion und damit zusammenhängendes psychisches
2000, S. 41). Darunter kann die spezielle Form der Sozialinte- Wohlbefinden herauszufinden. »Da die Sicherung der physi-
gration gefasst werden, die als »mehr oder minder umfassende schen Existenz und der wichtigsten materiellen Bedürfnisse
Einbindung von Personen in relativ dauerhafte Kommunikati- in modernen westlichen Gesellschaften in der Regel gewähr-
ons- bzw. Handlungszusammenhänge über die Orientierung leistet sind, geht es in diesem Zusammenhang in erster Linie
an deren zentralen Werten und Normen« verstanden werden um soziale Wertschätzung und Anerkennung, ohne die eine
soll (ebd., S. 42). Sozialintegration weist unterschiedliche Di- Person kein Selbstwertgefühl und kein positives Selbstbild
mensionen auf. Sie kann als Orientierung des Handelns an aufbauen kann« (Strobl/Kühnel 2000, S. 57). Der Aufbau ei-
der normativen Struktur eines sozialen Systems (Assimilati- nes positiven Selbstbildes ist dem möglich, der seiner Identität
onskonzept) betrachtet werden; hierbei kann es problematisch Ausdruck verleihen kann, und in diesem Wertschätzung und
sein, wenn der Aufnahmegesellschaft ein Konsens über zen- Anerkennung seitens seines sozialen Umfeldes erlangt. Die
trale Werte und Normen unterstellt wird, die den unhinterfrag- Ausbildung der Identität ist wiederum ein Stück weit diesem
ten Bezugsrahmen bilden. Weiterhin erfolgt die Einbindung zu verdanken (vgl. Krappmann 1975, S. 35).
von Personen in die aufnehmende Gesellschaft unter dem Ge-
sichtspunkt sozialer Teilhabe; der gleichberechtigte Zugang
zu Arbeitsplätzen, Bildung, politischer Macht etc. ist demnach 5.1 Identität(en) und Integration
die Voraussetzung für kulturelle Assimilation.
Schließlich ist auch die Dimension der Integration als perso- Im Fall der untersuchten Personen wurde ihre Identität in
naler und relationaler Gleichgewichtszustand zu nennen, die der sowjetischen Gesellschaft geprägt und weist somit im Ver-
für die gegebene Fragestellung maßgeblich relevant ist. Die- gleich zur Bundesrepublik andere kulturelle Merkmale auf.
ses von Esser entwickelte Konzept setzt das Individuum als Die Frage nach dem psychischen Wohlbefinden in Deutsch-
Referenzrahmen der Betrachtung. Die Bewertung der Integra- land wirft also die Frage nach der Anschlussfähigkeit der in
tion wird vom Bezugspunkt der Gesellschaft abgekoppelt und der Sowjetunion ausgeprägten Identität(en) im kulturell ab-
zu einer Frage des psychischen Wohlbefindens oder Selbst- weichenden Kontext der Bundesrepublik auf; kann sie hier
wertgefühls, damit einhergehender Zufriedenheit sowie der erfolgreich fortgeführt und ein positiv besetztes Selbstbild er-
Quantität und Qualität interethnischer Kontakte. »Der Aspekt reicht werden? Anerkennung und Wertschätzung kann dabei
des Gleichgewichts umfasse dabei ebenfalls unterschiedliche – je nach persönlicher Ausrichtung – sowohl in der Aufnah-
Dimensionen: das individuelle Gleichgewicht, die gleichge- megesellschaft als auch (hier wird Essers Konzept erweitert)
wichtige Verflechtung einer Person in relationale Bezüge und in den sozialen Kontakten zu Mitgliedern der in Deutschland
das Gleichgewicht eines Makrosystems als spannungsarmes, lebenden Herkunftsgesellschaft gesucht und gefunden werden
funktionales Verhältnis der Subeinheiten zueinander« (Esser (vgl. Strobl/Kühnel 2000, S. 57).
1980, S. 23). Im Zusammenhang der Untersuchung bildet diese Die spezifisch deutsche soziokulturelle Identifikation der
Betrachtungsweise von Integration den Bezugsrahmen, weil Aussiedler ist im vorliegenden Zusammenhang besonders re-
vor dem Hintergrund unterschiedlicher Selbstbilder auch un- levant, da anzunehmen ist, dass sie für den Erfolg der Inte-
terschiedliche persönliche Erwartungen und Ziele bestehen, gration eine besondere Rolle spielt und die Ausprägung der
die hier zum Maßstab einer erfolgreichen Integration gemacht Identifikation als Deutsche/r ihren Verlauf beeinflusst. Der
werden sollen. »kulturellen Identität« kommt also eine besondere Aufmerk-
Gute Chancen sozialer Teilhabe sind möglich, ohne dass samkeit zu; sie bedeutet, »daß soziale wie personale Identitä-
notwendigerweise auch eine Handlungsorientierung an der ten sich im Medium kultureller Symbolisierungen ausbilden
normativen Struktur der Aufnahmegesellschaft vorliegen und objektivieren. Ferner ist die Selbstzuschreibung der Zu-
muss. Besteht also zu einem gewissen Grad die Möglichkeit gehörigkeit zu einer kulturell definierten und abgegrenzten
sozialer Teilhabe in Form eines angemessenen rechtlichen Gruppe wichtiger Bestandteil der sozialen Identität« (Ass-
Status, ökonomischen Ressourcen, Gelegenheiten in der ma- mann 1994, Bausinger 1978, 1986, Krewer 1992, Weiß 1991
teriellen und sozialen Umwelt sowie individueller Kompeten- zit. nach Silbereisen/Lantermann/Rodermund 1999, S. 204).

49
50 kapitel 5 Integration

»Personale Identität« bezieht sich dabei auf die individuelle pen, gruppentypischen Wertorientierungen und Lebensfor-
Verarbeitung sozialer Identifikationszumutungen oder -op- men bzw. die Abgrenzung von anderen Gruppen« (ebd.) so-
tionen (Goffman 1967, Jacobson-Widding 1983, Krappmann wie die Dimension der oben beschriebenen personalen Iden-
1971 vgl. ebd.). In Abgrenzung zur »kulturellen Identität« be- tität.
deutet »Identität« im Allgemeinen die Dimension der »so- Auf der Basis dieser Ausführungen werden im nächsten
ziale[n] Identität als Selbstzuordnung zu bestimmten Grup- Kapitel die empirischen Ergebnisse diskutiert.
Kapitel 6

Auswertung und Schlussbetrachtung

Die Ausgangsfrage dieser Arbeit hatte zum Ziel die Gesell- Potential zur Fortführung hätten, nicht ausgeprägt sind oder
schaftsbilder und das Selbstverständnis russlanddeutscher nicht bestehen, kann psychisches Wohlbefinden nicht erreicht
Aussiedler vor und nach ihrer Ausreise aus der Sowjetunion werden und Integration in diesem Sinne ist misslungen. Dies
zu ergründen. Anhand der Analyse von fünf narrativ geführ- bestätigt sich in den wenigen oder nicht vorhandenen sozia-
ten Interviews wurde im einzelnen dargelegt, wie diese Indi- len Kontakten zur Aufnahmegesellschaft als auch zu anderen
viduen mit den gemeinsamen Merkmalen hinsichtlich ihrer Aussiedlern. Zu letzteren besteht zwar ein Gefühl der Zuge-
Alterskohorte, der 30 bis 40 Jahre dauernden Sozialisation hörigkeit, dieses findet aber keinen Ausdruck in Beziehungen.
in der sowjetischen Gesellschaft und Zugehörigkeit zur deut- Zusätzlich dominiert ein negativ konnotierten Bild von der
schen Minderheit, ihrer Migrationsgeschichte und dem Leben deutschen Gesellschaft.
in Deutschland seit rund 20 Jahren, sich selbst und ihre soziale
Umwelt wahrnehmen. Daraus gewonnene Erkenntnisse führ- 6.1.1 Auswertung des Untertypen: Deutsche Identität
ten zu der Frage, wie sich das Selbstverständnis und die Ge- und andere
sellschaftsbilder auf die Integration der Individuen im Sinne
eines personalen und relationalen Gleichgewichtszustandes Dieser Untertyp kommt Typus 1 am nächsten. Auch hier ist
auswirken. Auf der Grundlage der Ergebnisse wurden Typen die deutsche kulturelle Identität im Herkunftsland ausgeprägt,
gebildet, deren Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Bezug allerdings wird sie hauptsächlich in der sekundären Sozialisa-
auf die in der Sowjetunion ausgebildeten Identität(en) und die tion ausgebildet und, aus Sicht des Betrachters, von der sowje-
Möglichkeit ihrer Fortführung in Deutschland untersucht wur- tischen Gesellschaft überwiegend geschätzt (in Verbindung
den. Besonderes Augenmerk lag dabei auf der Identität bzw. mit ›deutschen Tugenden‹). Auf der ethnischen Zugehörigkeit
Identifikation als deutsche/r Volksangehörige/r. Die Anschluss- basierende Diskriminierung wird nur vereinzelt registriert, ist
fähigkeit dieser Identität(en) im neuen kulturellen Kontext der aber für das Selbstverständnis als Deutscher nicht bedrohend.
Bundesrepublik kann – so meine These – Aufschluss über die Neben der deutschen Identifikation bestehen zwei weitere
Integration der Individuen im besagten Sinne geben. Um den handlungsweisende Identitäten; Musiker/Ästhet sowie Ehe-
personalen und relationalen Gleichgewichtszustand, also das mann und Familienvater.
psychische Wohlbefinden einer Person zu beurteilen und so- Die deutsche kulturelle Identität erfährt – wie beim Typus 1
mit eine Aussage treffen zu können, werden im Folgenden – in der deutschen Gesellschaft keine Anerkennung, sodass
das jeweilige Gesellschaftsbild (der deutschen Gesellschaft) diesbezüglich keine Zufriedenheit erlangt werden kann. Je-
und Selbstbild sowie die sozialen Kontakte und Beziehungen doch können die letztgenannten Identitäten fortgeführt und er-
herangezogen. folgreich ausgelebt werden. Dadurch kann die Frustration der
erstgenannten im Hinblick auf das allgemeine Wohlbefinden
kompensiert werden. Die Identifikation als Aussiedler und be-
6.1 Auswertung des Typus 1: Deutsche Iden- stehende Kontakte du diesen können den Frust über die ›Nicht-
tität Anerkennung‹ als Deutsche/r in der hiesigen Gesellschaft ein
Stück weit ausgleichen und somit das Selbstwertgefühl heben.
Typus 1 beschreibt den Fall einer ausgeprägten kulturellen Die negativ konnotierte Vorstellung von der deutschen Ge-
Identität. Die Identifikation als Angehöriger der deutschen sellschaft zeigt aber das Unbehagen in dieser. Somit kann die
Minderheit ist im Herkunftsland stark ausgeprägt, während Integration dieses Untertypen wohl am ehesten als ›geteilt‹
andere für das Individuum (so stark) handlungsweisende Iden- bezeichnet werden; in Bezug auf die Identitäten Musiker und
titäten nicht ausgemacht werden können. Das Selbstverständ- Vater besteht Wertschätzung und Wohlbefinden, während die
nis als Deutsche/r ist bereits in der primären Sozialisation Identität als deutscher Volksangehöriger in der Aufnahmege-
entwickelt worden und folglich »viel fester im Bewusstsein sellschaft zu Frustration führt aber durch die Identifikation
verschanzt« als wenn es in der sekundären Sozialisation aus- als Aussiedler und die soziale Einbettung in diesen Kontext
gebildet wird (Berger/Luckmann 1969, S. 145). Insofern kann aufgewogen werden kann.
es in der Sowjetunion aufrecht erhalten werden, obwohl die
dortige Gesellschaft dieses nicht mit Anerkennung und Wert- 6.1.2 Auswertung des Untertypen: Identität Ehefrau
schätzung bestätigt. Des Weiteren ist diese Möglichkeit aber und Mutter; Deutschsein annähernd irrelevant
auch dem Umstand geschuldet, dass die (engeren) sozialen
Kontakte überwiegend zu Deutschen bestehen. Für diesen Untertypen wird die Zugehörigkeit zur deutschen
Da das Ausleben der kulturellen Identität in Deutschland Minderheit im Wesentlichen nur dann relevant und wird ent-
aufgrund der Nicht-Anerkennung als solcher von der deut- sprechend wichtig oder negiert, wenn es darum geht, sich in
schen Gesellschaft nicht möglich ist, die Wertschätzung von der jeweiligen Gesellschaft dazugehörig fühlen zu können.
dieser Identität also nicht erfolgt und andere Identitäten, die Ansonsten ist sie aber für das Denken und Handeln nicht

51
52 kapitel 6 Auswertung und Schlussbetrachtung

bedeutsam. Vielmehr ist die Identität als Mutter und damit Es wird lediglich registriert, dass diese besteht. Dagegen stel-
zusammenhängend das Selbstbild einer fleißigen Person hand- len die Identifikationen als Person mit Sinn für Gemeinschaft
lungsweisend. sowie dem Bedürfnis nach Sicherheit wichtige Handlungsori-
Diese Identitäten können in Deutschland erfolgreich fort- entierungen dar und können im Herkunftsland unter sehr
gesetzt werden und führen zu psychischem Wohlbefinden. guten Bedingungen ausgelebt werden.
Außerdem wird Eingliederung durch Kontaktsuche zur Auf- In der Bundesrepublik können diese Identitäten Anschluss
nahmegesellschaft gezielt angestrebt, was nicht zuletzt darauf finden. Wenn auch nicht in eben demselben Ausmaß. Die Be-
zurückzuführen ist, den aus der Mutter-Identität resultieren- ziehungen zu den einheimischen Arbeitskollegen sowie zur
den Wusch zu realisieren, den Kindern eine gute Zukunft zu Nachbarschaft sind zwar gut, erreichen aber nicht den Grad
ermöglichen. Die Anerkennung als Deutsche steht (kurz nach der Wärme und Herzlichkeit wie diese im Herkunftsland er-
der Einreise) nur in dem Zusammenhang sich als Person an- lebt wurde. Wertschätzung und Anerkennung werden haupt-
genommen fühlen zu können. Dies gelingt schließlich auch; sächlich aus den engen Kontakten im großen Freundes- und
Wertschätzung kann erfahren, ohne dafür zwangsläufig als Verwandtschaftskreis, der aus anderen Aussiedlern besteht,
Deutsche bestätigt zu werden. Anerkennung als Deutsche und bezogen. Da das Ausleben aller Identitäten möglich ist und
als Person bedingen sich bei diesem Untertypen – im Gegen- die Identifikation als Deutsche folgenlos ist, besteht in hohem
satz zum Typus 1 – nicht. Wie die ausgeglichenen Kontakte Maße psychisches Wohlbefinden und Integration in diesem
und Beziehungen zu Einheimischen als auch zu Aussiedlern Sinne ist in jedem Lebensbereich (jeder Identität) erreicht.
bestätigen, kann Integration im Sinne eines personalen und re- Dies bestätigt auch die positive Vorstellung von der deutschen
lationalen Gleichgewichtszustandes erreicht werden. Das Bild Gesellschaft.
von der deutschen Gesellschaft fällt differenziert aus; wenn-
gleich das recht spezifische Thema Erziehung in der deutschen
Gesellschaft eher negativ konnotiert wird, so ist es doch kein 6.3 Schlussbetrachtung
Hinweis dafür, die bilanzierte Integration anzufechten.
Die in der Untersuchung vorgefundenen Fälle weisen bezüg-
6.1.3 Auswertung des Untertypen: Identität Arbeit lich ihrer Identitäten eine hohe Heterogenität auf. Folglich
und Freund; Deutschsein irrelevant sind fünf verschiedene (Unter)Typen entstanden, die keine
Verifikation durch eine höhere Anzahl an gleichen oder ähn-
Bei diesem Fall stellt die Zugehörigkeit zur deutschen Min- lichen Typen aufweisen könnten. Dennoch kann bereits in
derheit keine Handlungsorientierung dar. Vielmehr geben die diesem kleinen Rahmen demonstriert werden, wie differen-
über Arbeit definierte Identität und das Selbstverständnis als ziert russlanddeutsche Aussiedler, die die oben beschriebenen
guter Freund die Richtung für sein Denken und Handeln vor. Gemeinsamkeiten aufweisen, die Gesellschaft betrachten und
Die auf der deutschen Volksangehörigkeit beruhende Unmög- höchst unterschiedliche Selbstbilder entwerfen. Daraus kann
lichkeit den höchsten Posten innerhalb des Betriebes einzuneh- das erste Ergebnis gefolgert werden, Aussiedler in der For-
men, wirkt sich weder positiv noch negativ auf ein potentielles schung wie im Alltag in ihrer Individualität wahrzunehmen.
Selbstbild als Deutscher aus. Dennoch konnten auch Gemeinsamkeiten in den Betrach-
Insofern besteht auch in Deutschland keinerlei Ambition als tungen zu beiden Gesellschaft festgestellt werden. Alle Be-
solcher anerkannt zu werden. Er nimmt zwar eine Trennung fragten betonten die im Vergleich zu Deutschland ausgepräg-
zwischen Einheimischen und Aussiedlern vor; diese bleibt teren sozialen Merkmale in der sowjetischen Gesellschaft;
aber auf deskriptiver Ebene und wird nicht als Eingliederungs- wenn auch in verschiedenen Zusammenhängen und unter-
problem thematisiert. Da die über Arbeit definierte Identität schiedlicher Intensität, so wurde doch von jedem das größere
aber nicht erfolgreich Anschluss findet und damit sonst ein- Maß an Hilfsbereitschaft, (Familien-)Zusammenhalt, Gast-
hergehende Wertschätzung seitens der sozialen Umwelt am freundschaft und Offenheit erwähnt. Diese Eigenschaften
Arbeitsplatz versagt bleibt, hat dieser Untertyp eine sehr ne- seien, so konstatierten Einige, nach der langen Aufenthalts-
gative Sicht auf die deutsche Gesellschaft. Entsprechend be- zeit in Deutschland bei ihnen selber abnehmend, sodass sie
stehen keine (engen) Kontakte zu Einheimischen. Jedoch er- sich diesbezüglich – zu ihrem Bedauern – als der deutschen
möglichen die guten Beziehungen zu anderen Aussiedlern das Gesellschaft anpassend erleben.
Ausleben seines Selbstverständnisses als guter Freund und da- Das zentrale Ergebnis der vorliegenden Arbeit besteht in
mit Anerkennung als Person. Folglich kann in diesem Bereich dem vorgefundenen Zusammenhang von den in der Sowjet-
psychisches Wohlbefinden hergestellt werden, indessen die union entwickelten Selbstbildern und Integration im Sinne
Betrachtung der arbeitsdefinierten Identität auf keine erfolg- eines personalen und relationalen Gleichgewichtszustands.
reiche Integration schließen lässt. Die Situation ist mit dem Angesichts der privilegierten Immigration von Aussiedlern,
Untertypen »Deutsche Identität und andere« unter Austausch die unter besonderen rechtlichen und politischen Gegeben-
der handlungsweisenden Identitäten vergleichbar. heiten erfolgt ist, bestehen gute Chancen sozialer Teilhabe,
die in den untersuchten Fällen zum Großteil auch realisiert
wurden (Im Fall Lydia Egert konnte keine zufriedenstellende
6.2 Auswertung des Typus 2: Soziale Identi- berufliche Position erreicht werden, da ihre Ausbildung nicht
tät; Deutschsein irrelevant anerkannt wurde. Im Fall Hermann Decker wurde ebenfalls
eine Arbeit ergriffen, unter der in Kasachstan erworbenen
Die Identifikation als Volksangehörige der deutschen Minder- Qualifikation liegt; hier bleibt aber unklar ob eine Anerken-
heit ist bei diesem Typus für Denken und Handeln irrelevant. nung der Ausbildung versucht wurde). Folglich war die Frage
Schlussbetrachtung 53

nach Integration in dem besagten Sinne interessant; besteht Bevölkerung gegenüber (russlanddeutschen) Aussiedlern zeigt
in der untersuchten Gruppe, die auf struktureller Ebene in- einerseits die fehlende Sensibilität gegenüber dieser Gruppe
tegriert ist, darüber hinaus auch psychisches Wohlbefinden von MigrantInnen auf, andererseits aber auch eine verengte
und Zufriedenheit? Es hat sich herausgestellt, dass diejenigen, Sichtweise auf Nationalität bzw. Ethnizität, die offenbar häu-
die alle in der Sowjetunion entfalteten Identitäten auch in der fig ein Kriterium für die Beurteilung von Menschen darstellt,
Bundesrepublik erfolgreich fortführen konnten, diese also an- welches gegenüber allen MigrantInnen Anwendung findet.
schlussfähig waren, auch einen entsprechend hohen Grad an Die Ursache für solche Denkmuster liegt aus meiner Sicht zu
Integration aufwiesen. Bei der gelungenen Anschlussfähigkeit einem Großteil in der medialen Meinungsbildung sowie in
einzelner Identitäten, während andere nicht ausgelebt werden (z. T. daraus resultierenden) festgefahrenen Denkweisen, die
konnten, war auch die persönliche Zufriedenheit nur in dem sich an Nationalität bzw. Ethnizität orientieren und an diese
Lebensbereich vorhanden, in dem die Identität fortgesetzt Bewertungen und Möglichkeiten der Zugehörigkeit knüpfen,
wurde. Wenn das in der Sowjetunion ausgebildete Selbstver- begründet. Die Gegenwart von MigrantInnen kann die eigene
ständnis (in der Untersuchung ist es der Fall der deutschen Person bzw. die Selbstverständlichkeit der Gesellschaft, in die
Identität, die in dem Zusammenhang der Integration eine Be- sie eingebettet ist, in Frage stellen (vgl. Mecheril 2004, S. 42
sonderheit darstellt) in Deutschland keinen Anschluss findet, ff.), sodass aus meist unbestimmten Ängsten häufig eine Ab-
kann persönliche Zufriedenheit (trotz sozialer Teilhabe) nicht wertung der Zugereisten erfolgt. Um besagten Denkmustern
erreicht werden. und Bewertungen vorzubeugen eignet sich unter anderem die
Es hat sich gezeigt, dass ein ausgeprägtes Selbstverständnis Erziehungsinstitution Schule. Dort könnte der Sinn für Tole-
als deutsche/r Volksangehörige/r in keinem der vorliegenden ranz, Solidarität und Gleichberechtigung sowie Anerkennung
Fälle anschlussfähig war. Die Fortführung dieser Identität ist und Gerechtigkeit »als Grundlage des Zusammenlebens von
besonders problematisch, weil russlanddeutsche Aussiedler kulturell (und anders) verschiedenen Personen« (Hamburger
von der autochthonen Gesellschaft nicht als Deutsche wahrge- 2002, S. 36) ›geschult‹ und Reflexivität über (sonst fixe) Vorstel-
nommen werden und dieses Selbstbild somit nicht bestätigt lungen von Nationalität bzw. Ethnizität und Kultur gefördert
wird. Mit der Verweigerung der Anerkennung als Deutsche werden. Dies sollte allerdings nicht institutionalisiert werden,
fühlen sich diejenigen, die ihre Identität darin gegründet ha- sondern situativ erfolgen (vgl. ebd., S. 31 f.).
ben, auch als Personen nicht anerkannt und wertgeschätzt Schließlich sei noch festgehalten, dass die Ausbildung meh-
und können folglich diesbezüglich kein positives Selbstwert- rerer handlungsweisender Identitäten im Leben von Migran-
gefühl entwickeln. Wenn aber gute Beziehungen und Kontakte tInnen, die in einem relativ hohem Alter ihren Lebensmittel-
zu anderen Aussiedlern bestehen, so kann die durch die au- punkt in einen fremdkulturellen Kontext verlagern, von Vor-
tochthone Gesellschaft erfahrene Frustration ein Stück weit teil ist. Denn so stehen im Fall der ›Nicht-Anschlussfähigkeit‹
relativiert werden. einer Identität Alternativen bereit und es kann zumindest
Die beschriebene Verweigerungshaltung der autochthonen partiell Zufriedenheit erlangt werden.
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Anhang

Vorüberlegungen zum Gespräch und exmanente Fragen 59

Interviews und Gedächtnisprotokolle 61

B.1 Interviewprotokoll: Hermann Decker . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61


B.2 Interview: Hermann Decker . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61
B.3 Interviewprotokoll: Elvira Claus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69
B.4 Interview: Elvira Claus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70
B.5 Interviewprotokoll: Jakob (und Lydia) Egert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79
B.6 Interview: Jakob (und Lydia) Egert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80
B.7 Interviewprotokoll: Irina Albert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97
B.8 Interview: Irina Albert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98
B.9 Interviewprotokoll: Peter Berndt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120
B.10 Interview: Peter Berndt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120

57
Anhang A

Vorüberlegungen zum Gespräch und exmanente Fragen

Erzählstimulus War es den Menschen in der Sowjetunion möglich/wichtig,


politisch oder sozial/gesellschaftlich aktiv zu sein? (in welcher
Wie ja schon angesprochen, interessiert mich Ihre Lebensge- Form?)
schichte; also wie das Leben für Sie in der Sowjetunion war Wie war das Leben für die Deutschen in der Gesellschaft …?
und wie es für Sie hier in Deutschland war und heute ist. Mich
interessiert also ihre ganze Lebensgeschichte; erzählen Sie al- Fragen zum Selbstbild in der Sowjetunion
les was Ihnen einfällt und wichtig ist; das ist auch für mich
interessant. Lassen Sie sich dabei Zeit! Wo glauben Sie, war Ihr Platz in der Gesellschaft? Was war
Ich werde Sie nicht unterbrechen und wenn ich ’ne Frage Ihnen wichtig bei Ihrer Lebensgestaltung? Was (welche Ziele)
habe, werde ich mir die aufschreiben und dann im Anschluss war Ihnen wichtig zu erreichen?
an ihre Geschichte fragen. Ich höre Ihnen jetzt erstmal einfach Hatte die Tatsache, dass Sie Deutsche sind, Auswirkungen
nur zu. auf Ihren Ihr Leben in …?

Forschungsleitendes Interesse Fragen nach dem Gesellschaftsbild in Deutschland

• Verständnis, Vorstellung von der Gesellschaft in der So- Sie leben ja schon eine ganze Weile in Deutschland; was den-
wjetunion (das jeweilige Land): Aufbau, Möglichkeiten, ken Sie über die deutsche Gesellschaft? Was ist den Menschen
Leitbilder, Kultur, Werte … wichtig? Was ist ihnen wichtig zu erreichen?
• Evt. Perspektive auf die eigene deutsche Minderheitenge- Was glauben Sie, nach welchen Regeln/Prinzipien die Men-
sellschaft (als Teil davon): Aufbau, Möglichkeiten, Leitbil- schen hier leben und handeln?
der, Kultur, Werte … Wer sind hier die »Gewinner« und wer die »Verlierer« in
• Selbstbild (als Angehöriger der deutschen Minderheit), der Gesellschaft?
Verortung in der Gesellschaft, Handlungsorientierung Ist es besonders als Aussiedler in Deutschland zu leben?
• Sicht auf Deutschland, deutsche Kultur noch in der Sowjet-
union lebend Fragen zum Selbstbild in Deutschland
• Verständnis, Vorstellung von der deutschen Gesellschaft:
Aufbau, Möglichkeiten, Leitbilder, Kultur, Werte … Wo glauben Sie, ist Ihr Platz in der Gesellschaft? Was ist Ihnen
• eigene Verortung darin als Person, evt. als Aussiedler; wichtig bei Ihrer Lebensgestaltung? Was (welche Ziele) sind
Handlungsorientierung Ihnen wichtig?
Wie wichtig ist es für Sie hier in Deutschland politisch oder
Mögliche Themenbereiche der biographischen Erzäh- sozial/gesellschaftlich aktiv zu sein?
lung Hat die Tatsache, dass Sie Russlanddeutscher/Aussiedler
sind, Auswirkungen auf Ihr (tägliches) Leben hier?
• Geburt • Ausreise
• Schulzeit • Erste Zeit in Deutschland Zusammenfassende Fragen
• Ausbildung, Berufsergrei- (Wohnraum, Arbeit, Bil-
fung dung der Kinder) Was sind für Sie bedeutende Unterschiede zwischen der Ge-
• Familiengründung • Situation heute sellschaft in Deutschland und der Gesellschaft in … (jeweiliger
Staat der Sowjetunion)?
Fragen nach dem Gesellschaftsbild in der Sowjetunion Wenn Sie nochmal auf ihr ganzes Leben zurückblicken;
könnten Sie sagen, ob sich grundsätzliche Einstellungen oder
Wenn Sie sich nochmal zurückerinnern an Ihr Leben in … Prinzipien im Laufe Ihres Leben verändert haben? (Welches
(entsprechender Staat der Sowjetunion) und die dortige Ge- Ereignis führte dazu?)
sellschaft denken; was für ein Bild haben Sie von dieser Ge-
sellschaft? Was war den Menschen wichtig? Was war wichtig, Soziodemographische Daten
es zu erreichen?
Was glauben Sie, nach welchen Regeln/Prinzipien die Men- • Geburtsort- und Jahr • Berufliche Situation
schen gelebt und gehandelt haben? • Bildungsabschluss • Jahr der Ausreise
Wer waren die »Gewinner« und wer die »Verlierer« in der • Familienstand • Länge des Aufenthalts im
Gesellschaft? • Bildungsabschluss Auffanglager

59
Anhang B

Interviews und Gedächtnisprotokolle

B.1 Interviewprotokoll: Hermann Decker pflegt, man war auch mehr darauf angewiesen, das man sich
gegenseitig hilft (eine Hand wäscht die andere). Hier verdient
Um 18:30 Uhr holt mich Herr D. mit dem Auto vom Bahnhof man das Geld und kann sich kaufen was man will – braucht
ab und wir fahren ca. 10 Minuten zum seinem Haus. Das Auto Freundschaften nicht zu pflegen.
ist ein sehr sauberer und gepflegter BMW und Herr D. fährst Er fragt mich, was die anderen Befragten erzählt haben und
sehr vorsichtig. Ich erzähle ihm von meiner stressigen Anfahrt ob sie Unterdrückung erlebt haben.
und er mir von einem sehr unangenehmes Erlebnis mit der Andere Leute anderer Nationalitäten werden in Deutsch-
Bahn, das er mal hatte. Er fragt mich nach dem Studium und land besser behandelt, denen geht es besser als den eigenen
in welchem Beruf ich mal damit arbeiten werde … Leuten (Russlanddeutschen).
Am Haus angekommen bemerke ich den schönen Apriko- Er will und wollte nicht zurück nach Kasachstan, weil er
senbaum. Daraufhin sammelt Herr D. die reifen Aprikosen nicht jemand ist, der etwas anfängt und dann aufhört/aufgibt.
vom Boden um sie mir anzubieten. Das Haus erstrahlt in Sau- Will auch nicht zu Besuch dorthin, weil er nicht nochmal mit
berkeit! Er bietet mir Kaffee an; als er sich auch selber einen der Geheimpolizei in Kontakt kommen möchte (Angst).
macht, nehme ich das Angebot an. Dazu stellt er gezuckerte Er ist froh, dass es so schlecht angefangen hat, so konnte es
Kondensmilch (in Russland und bei Aussiedlern sehr verbrei- nur noch ›nach oben‹ gehen und besser werden. Bei anderen
tet) auf den Tisch. Als ich die russische Bezeichnung dafür läuft es andersrum…
sage, stellt er fest, dass auch ich Aussiedlerin bin. Er fragt Er hat bis vor kurzem noch auch an Wochenenden schwarz
wo ich geboren bin, wo meine Eltern jetzt leben und ob die gearbeitet (Automechanik) um »das alles« (Haus, vielleicht
ganze Verwandtschaft in Deutschland ist. Dann informiere auch Auto) zu bezahlen. Jetzt baut die Tochter am Eigenheim
ich ihn über die Tonbandaufnahme, welcher er ohne Weiteres und er hilft dort an den Wochenenden auf dem Bau aus.
zustimmt. Kurz äußert er den Zweifel, ob er der Richtige für Er braucht ein eigenes Haus, weil es sonst langweilig ist,
mein Vorhaben sei, da er nur eine »ganz normale« und keine wenn man nicht an irgendwas rumwerkeln kann.
spannende Geschichte hat; wohl mit der vieler russlanddeut- Der Sohn kommt jedes zweite Wochenende aus München
scher Aussiedler vergleichbar. über das Wochenende nach Hause. Er fragt mich, wie oft ich
Herr D. scheint in guter körperlicher als auch psychischer nach Hause zu meinen Eltern fahre.
Verfassung. Herr D. begleitet mich bis zum Gleis und wartet mit mir bis
Nach dem Abschalten der Tonbandaufnahme scheint Herr der Zug kommt. Ich bedanke mich mehrmals zum Abschied,
D. erleichtert zu sein. Wir reden weiter über die Geschichte er sagt, dass wenn ich mal wieder in die Stadt komme, ich
der Aussiedler im Allgemeinen und die persönliche. doch zu Besuch vorbei kommen sollte.
Als er mich wieder zum Bahnhof bringt, macht er noch
folgende Aussagen, die ich mir später im Zug notiere; sie
seien hier stichpunktartig und sinngemäß genannt: B.2 Interview: Hermann Decker
Seine Generation unter den Aussiedlern ist die Verlierer-
generation; die Alten haben gute Renten bekommen und die I: Also wie ja bereits angesprochen geht es um Ihre Lebens-
jungen Leute haben hier die besseren Zukunftsperspektiven. geschichte, und zwar wie das Leben für Sie war in der So-
Seine Generation hat verloren, weil deren Berufe oft nicht wjetunion und wie es in Deutschland war und heute ist. Also
anerkannt werden (oder man muss sehr darum kämpfen) und Ihre ganze Lebensgeschichte und ähm, ja erzählen Sie einfach
die Sprache nicht mehr in dem Maße beherrscht werden kann, alles was äh, was Ihnen wichtig ist und was Ihnen einfällt 5

sodass sie immer als »Russen« erkannt werden. und, und ich werd Sie jetzt erzählen lassen und Sie erstmal
Die Motivation nach Deutschland auszureisen war nicht nicht unterbrechen und Ihnen einfach nur zuhören und wenn
materieller Art (dies wird den Aussiedlern vorgeworfen), es ich ne Frage habe hab ich diesen Block hier und werd mir das
ging ihm und seiner Familie sogar überdurchschnittlich gut notieren und werd Sie aber jetzt erstmal nur erzählen lassen
in Kasachstan. Mann konnte die Deutschen an den gepflegten und dann 10

Häusern und Grundstücken erkennen. Ebenso die Russen und H. D.: ( ) bin ich kein großer Erzähler und deswegen mir
die Kasachen (jeweils im negativen Sinne absteigend). wäre lieber wenn Fragen und Antworten. Aber ich ( )..
Er hat wenig Kontakte zu anderen Aussiedlern und redet I: Fangen Sie einfach mal an und dann ähm.. gucken wir
nicht über die gemeinsamen Erlebnisse (dort wie hier). H. D.: Ja gut, (der vierte) geboren bin ich in Kirgistan, Kirgi-
Sechs Leute von der Arbeit sind auch Russlanddeutsche sien und nach paar Jahre sind wir ausgewandert nach Kasachs- 15

(diese sind die handwerklich begabteren). Es leben wenig Aus- tan. Freiwillig ohne gezwungen und so weiter, damals sechs-
siedler in seiner Kleinstadt. undfünfzich fünfundfünfzich wurd das aufgehoben und dann
In Kasachstan waren die Menschen offener, freundlicher, haben die Leute Pässe gekriegt und dann durften sie ausreisen.
ehrlicher/authentischer. Man hat mehr Freundschaften ge- Und deswegen sind wir nach Kasachstan, hat Vater einfach

61
62 anhang b Interviews und Gedächtnisprotokolle

20 andere Lebensraum gesucht oder (lacht) Arbeitsraum gesucht, nach Hause.« Und nach Hause war immer nach Deutschland. 80

ist dann nach Kasachstan ausgewandert.. Dort sind wir, haben Ja, und von daher schon von Kindheit waren wir schon so
wir gelebt bis ich dreiunddreißich wurde ungefähr, ja.So ganz geprägt.. Also das war immer Omas Traum, klar die konnte
normale, keine große Geschichte, waren Familie, Vater Mutter, damals nicht, und konnt das vergessen damals konntest du
Oma war bei uns, noch fünf Geschwister, Schwester und zwei nicht auswandern. Und äh.. dann hat sie aber immer gesagt:
25 äh vier Brüder waren wir.. Nix besonderes, jeder ist in die »Irgendwann fahren wir nach Hause, irgendwann fahren wir 85

Schule gegangen und dann (lacht), alle haben eigentlich, die nach Hause nach Deutschland.« Und.. dann ist sie, dreiund-
Schwester hat dann in Hochschule gegangen, hat studiert prak- sechzig glaub ich gestorben.. dann ist andere Oma, von Vater
tisch, hat auch gut in der Schule gelernt dann, Goldmedaillen seine Mutti praktisch, die ist zu uns gezogen und sie hat auch
gekriegt, die Goldmedaillen, ( ) Abitur gemacht, dann hat sie immer geträumt von Deutschland, und dann Jahre.. oh acht-
30 studiert, die Brüder haben alle auch gelernt im Technikum, ich undsiebzig oder so was ja, ist die Oma nach Deutschland 90

weiß nicht wie das heißt jetzt hier genau,Berufsschule oder gezogen hier, nach DDR.
sowas oder (Hochschul) oder wie I: Hm hm.
I: Ja ja. Hm. H. D.: Dann ist sie nach Deutschland gezogen und dann im
H. D.: Und alle verheiratet glücklich, leben alle hier ganze Jahre… neunundsiebzich oder achtzich wir wollten auch nach-
35 Familie und.. was besonders was, was als Deutsche in Ka- ziehen, also unsere Familie, ganze Familie nach Deutschland. 95

sachstan oder so was als Unterdrückung oder so was, hat man Äh, die Oma hat uns Einladung geschickt oder sowas, wir
praktisch nix gemerkt, ja gut zwischen den Jungs bloß so hat haben damals erste mal Antrag gestellt und das wurde uns
man gehetzt ein bisschen, das du Deutsche warst oder bist. abgelehnt, gleich total, uff Aussprache oder wie, auf jeden
Aber sonst, (ist) eigentlich kein großer Unterschied, deswegen Fall auf abgelehnt und haben gesagt: »Nee, die Familien mit
40 sag ich auch die Schwester hat, manche sagen: »Wurde man Mädchen« zum Beispiel »oder gar keine Kinder haben, die 100

da unterdrückt, als Deutsche kannst du nicht studieren«, oder dürfen ausreisen, die Familien mit viel Jungs dürfen nicht
sowas. Find ich alles Quatsch, weil Beispiel unsere Familie die ausreisen.« War so ne unoffizielle Aussage ja, warum auch
Schwester älteste, die war gut in die Schule, hat auch Studium immer. Das hat man damals gesagt. Und damals wurde uns
gemacht ohne Probleme. abgelehnt Antrag, achtzich einundachtzich haben wir Antrag
45 I: Hm. gestellt ja zum ersten Mal. Und da wurde alles abgelehnt total, 105

H. D.: Hm. Gearbeitet pff, Job, wegen Job auch kein Problem und dann erst im achtundachtzich oder sowas hat die Oma
war, also keine Unterdrückung als Deutscher oder sowas. Ha- dann schon über andere Wege und so weiter wieder Antrag
ben wir eigentlich ganz gut gelebt, wir waren in so einem geschickt und dann hat’s geklappt.
Dorf oder Stadtmitte, so wie Kreisstadt ungefähr mit dreißich I: Hm.
50 tausend Einwohner… hm, eigentlich ( )mein Leben keine H. D.: Aber auch, was heißt geklappt ja auch.. hehe sagt man 110

große Geschichte. Letzte Zeit hab ich sogar bei der Armee da so (schwarze Gänger) bisschen beigeholfen, mal da Bekannte
gearbeitet, als Deutscher war auch kein Problem. mal da und so weiter, deswegen (7). Sonst, bei der Ausreise ja
I: Hm. gut, Zoll und als wir unterwegs waren, wir dürfen von Geld
H. D.: Als Einzigste, als ich in der Armee war, als Pflicht, hier nix mitnehmen, neunzich Rubel waren damals glaub ich,
55 Pflichtdienst, und dort dürfen die.. nicht, ich hab eigentlich waren noch eins zu drei, ein Rubel hat damals drei Mark 115

war ich in so eine Schule und dann wollten sie uns in Ausland, gekostet. Und wir dürfen bloß pro Person neunzich Rubel
was heißt Ausland, damals war Tschechei DDR und so weiter, mitnehmen, nix mehr, ja. Neunzich Rubel, wir dürfen aber
und wir als Deutsche dürfen nur direkt in Russland, Ukraine noch vorher so ne Container abschicken, das haben wir auch
oder Kasachstan so, nach DDR zum Beispiel oder Tschechei gemacht, wir haben zwei Container abgeschickt mit Geschirr,
60 dürfen wir nicht. verschiedene Sachen.. Kleider, Bettwäsche und so Zeug, und 120

I: Hm. Klavier haben wir auch mitgenommen, das dürfen wir. Bloß
H. D.: Das war bei mir sogar persönlich passiert, ich war am Zoll war streng klar, haben sie alles durch gecheckt das
in der Schule gut, in der Armee und aus Versehen wollten am Zoll wenn du die Container abgibst, dass nix Verkehrtes,
die mich, also die Besten waren dann ausgewählt für Aus- keine Fotos von der Armee und so weiter dürfen dabei sein,
65 land praktisch, also Tschechei und DDR, und dann haben sie ja. Waren da paar Tage auf dem Zoll haben wir geguckt was 125

mich noch rechtzeitig gestoppt (lacht) (andere gehen lassen). man darf, was man darf nicht.
Da sind die Deutschen nicht rausgekommen, ich weiß nicht I: Meine Güte.
warum wie auch immer. Aber auf jeden Fall, das war ein- H. D.: Hm, warum auch immer. Hm, aber bei der Einreise
zigste Unterschied, sonst kein Problem. Und bei die Kinder sag ich, wir haben bloß Koffer gehabt, das Nötigste und neun-
70 sowieso nicht, also, weil wir sind da geboren, wir haben auch zich Rubel pro Person. Dann sind wir gekommen, waren wir 130

Sprache hundertprozentich gekannt klar, so wie deine Eltern im Übergangslager in Wallenhorst, ungefähr eine Woche bis
wahrscheinlich auch. Und… ne, war alles okay… In welche wir alle Papiere so gemacht haben und so weiter, und dann
Richtung schreiben Sie, allgemeine? zwei Wochen Durchgangslager, die haben uns von Wallen-
I: Dann, wie, ich mein wie kam es zur Entscheidung dann horst weggefahren nach Pfalz eigentlich sollten wir, und dann
75 auszuwandern? war hier kein Platz und dann sie uns im Hartz von zwei Wo- 135

H. D.: Wie kam es zur Entscheidung zur auszuwandern, äh.. chen gehalten, bis, wir durften aus dem Lager nicht raus bis
als erste unsere Großmutter, ja gut die Oma von die Mami wir irgendwo nicht beweisen können das wir eine Wohnung
Seite, Mamas Mutter, die hat immer gesagt, die hat auch kaum haben oder sowas.
Russisch gesprochen, sie hat gesagt: »Irgendwann fahren wir I: Hm.
Interview: Hermann Decker 63

140 H. D.: Dann hat der Bruder hier Wohnung gemietet für uns. keiner und… inzwischen bin ich ja bisschen gewachsen, bin 200

Und dann hat er uns abgeholt, sind wir nach Rülzheim und ich in dem gleichen Betrieb schon seit zwanzich Jahre fast, na
dann nach einem Jahr nach Speyer gezogen. Als wir da anka- jetzt ist überhaupt kein Problem klar, aber gab’s auch keine
men, haben wir eigentlich super angefangen, damals war grad Unterdrückung. Natürlich.. was ich, was ich nicht mag, sagen
die Zeit äh sind viele eingereist, da war auch Schwierigkeiten wir egal was du machst oder bist, ja keine Unterdrückung
145 mit der Wohnung sowieso. Und der Bruder hat in Rülzheim offene aber gegen Russe haben sie doch was, Russ bleibst du 205

eine ältere Wohnung so gefunden, haben wir viel erlebt, als Russ, oder bist von Russland bist du Russe, die machen keine
wir kamen natürlich haben wir, unsere Container mit der Bett- Unterschiede große zwischen Russen und Aussiedler oder so,
wäsche und so weiter waren noch nicht da, und dann haben Deutschrussen und so weiter. Intelligente Leute machen schon
wir vom Rathaus so paar Bette gekriegt und Matratzen, und Unterschied, die wissen bescheid, die sagen auch nicht was
150 Matratze ja, und haben wir die Bette aber nicht aufgestellt aber normale so Arbeiter manchmal kommt auch doch raus. 210

weil das war altes Zeug aus dem Keller mit entsprechendem Beim Streit oder sowas weißt du, und dann kommt doch raus
Geruch und Aussehen natürlich, und sind wir einfach auf den das du aus Russland bist, vergessen tut das Keiner. Und wegen
Matratzen hingelegt und auf dem Boden geschlafen. Da wa- der Aussprache natürlich klar, das hört man und Fehler sind
ren wir, ein Jahr haben wir gelebt ja, circa ein Jahr haben wir da, die kann man nicht mehr beheben (lacht). Hoffen wir bloß
155 gelebt in Rülzheim und da waren Ratten alles Mögliche, das das das bei den Kindern anders ist. Naja aber, siehst du ein 215

war alte Wohnung mit Holzboden und als wir dann in einem bisschen fühlst du dich schon unterdrückt, du gewöhnst dich
Zimmer Boden aufreißen, aufrissen da waren Rattennester. langsam daran, aber irgendwo ist doch was.. weil solang du
I: Ahh nix sagst vielleicht naja gut und (es sieht man auch), solang
H. D.: Das war eklich, ganz ehrlich. Meine Frau hat damals du nix sagst und wenn du Ro, Mund aufmachst hörst das du
160 schon gesagt: »Hätten wir noch was in Russland gehabt, hätten nicht da geboren bist (lacht verlegen). 220

wir hätte ich sofort zurückgefahren.« Also so was ekliges I: (lacht) Hm.
weißt, dort eigentlich haben wir ganz gut gelebt, durchschnitt- H. D.: Aber so allgemein ist kein Problem… Eigentlich (lacht).
lich oder überdurchschnittlich ein bisschen, haben wir beide Und eigentlich von der Familie.. sind alle gut hier, ein Bru-
gearbeitet wie jeder andere, haben nicht schlecht verdient und der ist ja selbstständig, der hat Küchengeschäft.. der jüngste,
165 war alles okay und hier in so ein Loch reinzukommen das ist gut ja. Zwei Brüder arbeiten auch.. handwerkliche Berufe 225

war schon ein bisschen hart. Aber okay wir haben dort Stricke aber okay sind zufrieden. Also war kein Nachteil weil, die,
abgeschnitten, Haus, Auto verkauft, alles verkauft, natürlich Aussiedler oder Deutsche sind manchmal doch handwerklich
Geld haben wir da gelassen, was willst damit anfangen? Da geschickter wie, sagen wir Einheimische hehe oder die reine
war noch die Verwandtschaft von der Frau da, haben wir alles Russen so, sagen wir. Die Aussiedler können etwas handwerk-
170 da gelassen. Wie gesagt bloß mit vierzig Rubel dahergereist. lich mehr, also sind geschickter, egal wo du nimmst, egal ( ). 230

Und äh.. ja… da haben wir was erlebt in der Wohnung, aber I: (lacht) Hm (erstaunt).
ich finde das auch gut so, das wir so angefangen haben, so H. D.: Ne das merkst du. Wir haben inzwischen auch in unse-
schlecht. Wir haben uns langsam, dann sind wir ein Jahr da rem Betrieb so fünf sechs auch Aussiedler, die arbeiten auch
gewohnt in Rülzheim, waren noch Schwiegereltern dabei.. Ja, gut.
175 die Tochter ist gleich in die Schule gegangen, Sohn in Kin- I: Aha 235

dergarten, im September sind wir reingekommen, dann wa- H. D.: Nee das merkst du, in handwerklichen Betrieben
ren wir Monat oder sowas waren wir frei, dann haben wir merkst du das, das die Leute geschickter sind. Und arbeiten
Sprachkurse gekriegt, sechs Monat haben sie uns Sprachkurse auch viel gerner als Andere. Ich sag nicht das die Einheimi-
gegeben, ich war dann eineinhalb Monate oder ein Monat auf sche faul sind oder sowas, nee, aber wenn äh so zwanzich und
180 Sprachkurse bin ich gegangen.. War aber ein tappischer Lehrer, zwanzich nimmst, zwanzich von dene zwanzich von dene, 240

hat er nix beigebracht, deswegen war das verlorene Zeit, hab unsere Leute sind doch, stabiler ha
ich lieber Bewerbungen geschrieben, hab ich Job gefunden, I: Hehehe
bin ich gleich arbeiten gegangen, obwohl ich Deutsch, na die H. D.: Geschichte (ja).. Nun äh, die Schwester die war da gut
Sprache war noch natürlich ganz schlimm, als noch Oma lebte und hier ist sie auch, wer was machen will, der macht was
185 – wie in jede andere Familie wahrscheinlich auch – als die aus sich, die hat auch hier super Job gefunden, erstmal auf 245

Oma noch lebte haben wir Deutsch n bisschen gesprochen vierhundert Euro da Beihilfe als Teilzeit und so weiter und
oder auf deutsch gehört, russisch geantwortet. Und dann als dann hat ein Betrieb sie übernommen und dann war sie letzte
Oma starb eine, da war fertig mit Deutsch. fünf Jahre praktisch in Russland, von hier dahin geschickt
I: Hm. und dort hat sie ein Betrieb aufgemacht und war zuständig
190 H. D.: Nach so viele Jahre klar, kannst dich nicht so erinnern praktisch für bestimmte Sachen zu verkaufen von Geräte im 250

und noch dazu die Sprachkurse ( ) Bekloppter. A gut, gab’s Ostblock. Bis die Wirtschaftskrise kam ja, jetzt ( ) zumachen
auf der Arbeit hier, als ich angefangen hab… als Straßenkehrer weil jetzt kauft keiner solche Sachen wegen Wirtschaftskrise,
(lacht verlegen) ja bin ich gegangen, ja dat is mir egal was und aber die ganze Zeit ist super gelaufen.. Also die hat auch
so weiter, ich geh arbeiten ich kann das nicht mehr aushalten Karriere hier gemacht praktisch.
195 nix machen und so weiter. Und äh, hab ich angefangen ja erst- I: Hm. 255

mal, zwischen Arbeitskollegen war, sag ich, keine Unterdrü- H. D.: Na gut der Vorteil, die hat Deutsch auch in der Schule
ckung oder sowas, weil als ich kam waren nur Einheimische und im Institut in der Hochschule gelernt und Englisch lernte
in dem Betrieb, wir waren circa zwanzich Mann im Betrieb sie. Englisch, Russisch, Deutsch und hat sie jetzt auch Überset-
und äh waren nur Einheimische. Und gelacht oder sowas hat zung gemacht in der Firma, von Betriebsanleitung (von die
64 anhang b Interviews und Gedächtnisprotokolle

260 Geräte) und so weiter, und dann haben die sie übernommen. Diplom oder sowas, wenn du die Arbeit packst, machst das. 320

Erstmal war sie hier, hat sich hochgesteigert langsam in der Wenn die meinen du packst du Arbeit, die stellen dich ein,
Firma und dann haben sie sie als Direktorin dahin geschickt. zahlen die gleiche Lohn was dazu gehört und du machst die
Also, auch kein Nachteil, sagen wir mal so, komplette Unter- Arbeit, ohne Diplom oder sowas.
drückung oder so weiter. Wenn jemand was will das aus sich I: Hm hm.
265 machen dann macht er auch. H. D.: Es ist etwas lockerer wie hier, wenn du hier zum 325

I: Ja… Ja, also mal zu Ihrem Leben dort in.. Kirgisien Beispiel.. die Ausbildung nicht hast.. wenn zum Beispiel du
H. D.: Kasachstan. hast hier keine Schweißerprüfung, darfst auch nix besonders
I: Kasachstan. Es war von Kirgisistan ist nach Kasachstan Ihr schweißen, schweißen kannst du natürlich, aber nicht tra-
Vater ausgewandert. Und warum? gende Teile oder sowas. Und da in Russland war das etwas
270 H. D.: … Um einfach sag ich mal, so der wollte entweder je- lockerer. Also gab’s keine TÜV, weniger nicht so streng. Gab’s 330

mand hat gesacht in Kasachstan ist besser oder irgendwie, weil TÜV auch natürlich aber das war alles weniger, nicht so streng,
er, viele Familien waren doch, die waren da alle Wolgadeutsch- wenn du machen kannst, dann machst das. Und wie gesagt
land oder wir waren aus Wolgadeutsche, Wolgadeutsche und unsere Aussiedler, dort Deutsche waren geschickter als die
von dort von Wolga haben sie unsere Eltern praktisch.. ausein- Russen, die Kasachen sowieso. Die waren hauptsächlich in
275 ander geschickt vorm Krieg noch, und viele Familien waren, Handwerker Betrieb oder so. Als Mechaniker, so Mittelange- 335

Teil Tadschikistan, Usbekistan, Kirgistan, Kasachstan und zu stellter, nicht ganz wie ( ) aber Mittelangestellter gab’s auch
irgendwelche Bekannte wollt er dahin fahren. Früher darf er viel Deutsche.
nicht, und da hat er sich mit jemand Briefe geschrieben und I: Hm. Und äh haben die Deutschen dort deutsch gesprochen?
so weiter und dann hat er gehört das da etwas besser ist, und H. D.: Äh draußen nicht, also die Ältere ja, gab’s auch wenn
280 deswegen hat er dahin, weil vor neunzehn hundert fünfund- man die Nachbarn, die Ältere Leute, die haben deutsch gespro- 340

vierzig durfte er nicht wegfahren, weil gabs auch, Deutsche chen. Auf die Straße auch, sagen wir nit so frei aber daheim
haben auch keine Pässe gehabt und so weiter, darfst du nicht oder wenn sie sich treffen, haben sie deutsch gesprochen. Wir
rausfahren. Und dann wurde frei fünfundfünfzich glaub ich in die Familie wie gesagt, als die Oma noch da war die haben
dat, haben die Pässe gekriegt, dann dürfen die ausreisen und deutsch gesprochen zu uns und wir haben als junge natür-
285 dann ist er gleich losgezogen. lich russisch geantwortet, das war uns leichter. Haben wir 345

I: Ah, und wohin da? alles verstanden ja okay Aber geantwortet haben wir doch
H. D.: In Kasachstan? auf russisch weil es irgendwie leichter war, weil wir haben
I: Hm. immer, auf der Straße oder egal wo du hast russisch gespro-
H. D.: Äh bei, das war Hauptstadt Almata und von Al- chen. Und zwar Kasachstan aber trotzdem ( ) war auf die
290 mata Richtung China zweihundertfünfzich Kilometer, das war Straße Hauptsprache war russisch… 350

(Pauldikurgan). I: Hm. Und Sie hatten auch keinen deutschen Unterricht?


I: Eine große, kleine, mittlere Stadt? H. D.: Doch, dann Deutschunterricht ab fünfte Klasse in der
H. D.: Ja gut, wir waren in Karagulak, so wie hier eine Kreis- Schule war, du konntest wählen, Auslandssprache, du konn-
stadt sagen wir so. Und dreißich tausen Einwohner ungefähr. test wählen bei uns zum Beispiel Englisch oder Deutsch. Und
295 Damals heißt das Passölak Garadskowa Tipano. So wie Rülz- die war zwei Stunden in die Woche a fünfundvierzig Minuten, 355

heim das war keine große Stadt, keine kleine Stadt, das war so Stunden, zwei mal in die Woche war Deutschunterricht.
auch so ungefähr. Wer wollte der konnte Deutsch lernen oder, ich war tappisch,
I: Ja, und ähm die Stadt war, lebten da viele Deutsche oder ich dacht deutsch kann ich sprechen, ich geh mal Englisch
H. D.: Da lebten viele Deutsche ja, lebten viele Deutsche und lernen. Hab ich Englisch ausgewählt und zum Schluss war
300 Kasachen. Kasachen und Deutsche, Russen waren auch viel nix. (15)Aber so wie gesagt… hier sagen wir, das du unter- 360

aber etwas weniger. Un äh, wie dort war auch, hauptsächlich drückt warst, nee. Hat man, sag ich doch, zwischen Jungs oder
in jedem Betrieb oder in äh.. Verwaltung nimmst, Kasachen sowas äh und ich war dann später in der Armee, als Erwach-
und Russen waren da hauptsächlich, später waren auch Deut- sener schon, nach der Armee hab ich in der Landwirtschaft
sche, aber ganz ganz ganz selten, das war ganz selten. Und Firma gearbeitet und dann hab ich mich noch für fünf Jahre
305 die Deutsche unseren, die haben immer ( ) hauptsächlich in verpflichtet 365

der Landwirtschaft oder so irgendwelche Betriebe, wie gesagt, I: Hm


handwerklich hauptsächlich. Ganz (auch) andere, mein Bru- H. D.: ging’s auch natürlich, natürlich waren die Leute etwas
der zum Beispiel, der hat Technikum äh… Technikum hat er überrascht wenn du, Name hab ich dann nicht geändert, also
gemacht ja, und danach hat er als Ingenieur gearbeitet in Land- mein Name und Vorname, wenn ich das gesagt hab war klar,
310 wirtschaft Firma. Gings auch. Es kommt drauf an, weil dort deutsch, rein deutsch. 370

im Dorf wir haben da als junge schon gearbeitet in der Land- I: Achso, hm hm.
wirtschaft hier und so weiter und jeder hat uns gekennt und H. D.: Waren schon Überraschung wenn ich in der Uniform
so weiter. Als er nach der Armee als äh, ja, nach dem Pflicht- komme und normal sprichst und so weiter und wenn sich
dienst zurückgekommen ist, haben sie gleich eingeladen, als vorstellst mit Namen, haben schon n bisschen blöd geguckt,
315 Ingenieur eingestellt.. Weil.. uns kannten die Leute einfach, aber war okay 375

da muss nicht unbedingt, das es Unterschied zu hier, du musst I: Hm hm.


hier zum Beispiel unbedingt Ausbildung haben. Dort war das H. D.: Sag ich doch keine offizielle Unterdrückung oder sowas,
nicht so wichtig, das war das wichtiger das was du kannst. auf jeden Fall hab ich sowas nicht gemerkt..
Musst nicht unbedingt die bestimmte Ausbildung haben oder I: Hm hm.. Und über Ihre Schulzeit haben Sie noch nicht so
Interview: Hermann Decker 65

380 viel erzählt, wie, wie war das? I: Hm. 440

H. D.: Hm, was in Bezug auf deutsch oder nicht deutsch, oder? H. D.: Gleich nach Technikum, hab ich gar nicht gearbeitet,
I: Nee, einfach.. das.. naja sofort ( ) in die Armee, zwei Jahre..
H. D.: A ja gut Schulzeit, war eigentlich nix besonders (5). I: Und dann haben Sie aber gearbeitet und dann sich nochmal
Schulzeit okay, wir hatten waren in der Klasse also, waren H. D.: Dann hab ich in der Landwirtschaft Firma gearbeitet
385 viel deutsche Jungs dabei, auch bei uns in der Klasse, ich hab und dann hab ich mich freiwillig verpflichtet, für fünf Jahre, 445

bis jetzt noch jede Kontakt, sind auch Klassenkameraden hier das war mindest, nach fünf Jahren konntest du weitermachen
in Deutschland.. Hm, also, war ganz normale Schulzeit, wie oder aufhören, das war bis neunzehn hundert achtundacht-
bei jedem Kind natürlich, natürlich gab’s manchmal als, wenn zich oder sogar neunundachtzich, dann hab ich aufgehört weil
die Jungs, bei denen ist sowieso nicht so böse gemeint, aber ich wollte schon eigentlich weg von da irgendwie (lacht), na
390 manchmal sagen die: »Oh du bist Faschist«, und so weiter und und dann hab ich wieder in der Privatfirma so e bisschen ge- 450

dann haben sie eine auf’n Deckel gekriegt und Ruhe war’s arbeitet und dann hab ich Antrag gestellt, wurde blöd das ich
(lacht). von der Armee gleich Antrag auf Auslandsausreise. Weil äh,
I: Hm. Und wieviel Klassen haben Sie da gemacht? da warst du doch äh, sagen wir Geheimdienst macht da seine
H. D.: Ich hab acht Klassen gemacht und dann bin ich in Arbeit wie auch hier wahrscheinlich, anständig. Ich wurde
395 Technikum gegangen. Noch vier Jahre in Technikum, Land- auch da mehrmals angesprochen, weil die wussten schon Ge- 455

wirtschaft Technik da studiert oder gelernt. heimdienst das meine Verwandten hier in Bundesrepublik
I: Hm. Und wie kam die Entscheidung das Technikum dann sind.
zu machen? I: Achso, achso, aha. Und Sie wurden vom Geheimdienst
H. D.: Hmhmhm, das weiß ich nicht, wie die Entscheidung angesprochen auf was?
400 war, das war einfach so, mein Vater hat immer in der Land- H. D.: Befragt ja. Ja ob ich Kontakte hab, oder ob ich mich 460

wirtschaft Firma gearbeitet und irgendwie, man konnte nix treffe mit dene oder wie auch immer, was die hier machen
anderes, ich weiß nicht, war ich Technik begabt, also mit Au- und ja so allgemeine Fragen.
tos und Traktoren hab ich gern was gemacht und deswegen I: Hm. (6) Und Sie haben da in den fünf Jahren haben Sie,
sind so die Hände, Bruder war dort noch, und das hat mich haben Sie auch dieselbe Arbeit gemacht, die Sie auch in der
405 auch hingezogen, wir haben in der Nähe so, in dem nächs- Firma gemacht haben, war die selbe Arbeit, oder? 465

ten Dorf auch dem Technikum gehabt, war nicht so weit hier. H. D.: Äh nicht gleich. Na gut, das war auch so ein automa-
Wahrscheinlich das alles zusammen. Und studieren wollt ich tisierter Trupp, wir sind viel rumgefahren, was mit Autos ja
nicht, weil so begeistert von der Schule war ich auch wieder und ich war praktisch auch Fahrlehrer, hab ich die Jungs, die
nicht (lacht). Soldaten als Busfahrer ausgebildet.
410 I: (lacht) Hm. I: Hm. Hm. Und zu der Zeit hatten Sie dann schon Familie? 470

H. D.: Und deswegen, bin ich zu Technikum, und danach H. D.: Ja ja, klar. Geheiratet hab ich gleich nach der Pflichtzeit,
wieder auch in der Firma wo der Vater gearbeitet hat, das war Pflichtjahre als ich in der Landwirtschaft wieder gearbeitet
die größte Landwirtschaft Firma bei uns, waren noch paar, hab, hab ich schon geheiratet ja. Kinder waren schon beide
aber dort war unser Vater, das hat man jeden gekennt und Kinder, hab ich zwei Kinder hab ich gehabt ja. Das war Pflicht,
415 so weiter, dann bin ich auch dahin. Hab ich dort paar Jahre hat ich mich verpflichtet das war, war so wie Arbeit weil 475

gearbeitet und dann wie gesagt hab ich mich für fünf Jahre der Truppental war bei uns im Dorf, wenn grad kein Dienst
verpflichtet in die Armee. Da war ich fünf Jahre da. hat dann warst du daheim. Also übernachtet hab ich öfters
I: Und, Sie wurden aber einberufen oder daheim.
H. D.: Nee, freiwillig. I: A aha.
420 I: Sie haben aufgehört zu arbeiten und sind in die Armee? H. D.: Das war nicht weit von zuhause, also in einer Stadt 480

H. D.: Ja. praktisch, das war kein Problem. Bloß natürlich wenn Dienst-
I: Und wie kam das? reise dann warst du paar Monate nicht da, aber dann bist
H. D.: ( ) Truppental, das Truppental war bei uns im Dorf später wieder nach Hause gekommen und daheim übernach-
praktisch, hab ich auch die Jungs gekennt, und da war grad so tet, mit Familie hehe. Es war so wie Arbeit ja, mehr oder
425 eine Stelle frei, mit meinem Beruf was ich (gern) mach und so weniger, normale Arbeit. 485

weiter und was ich bei der Armee in Pflichtzeit gelernt hab, I: Hm… Und woher kam Ihre Frau? Und woher kannten Sie
da war die Stelle frei und da hab ich mich beworben. sich?
I: Hm. H. D.: Äh die Frau hab ich zufällig mal gesehen und dann, die
H. D.: Hab ich eigentlich, ja gut äh, man kennt sich in der wohnte im gleichen Dorf, in die gleiche Stadt hat sie gelebt.
430 Stadt so, da bin ich eigentlich locker reingekommen. Bloß, ich hab gedacht ich kenn jedem aber die hab ich später 490

I: Hm hm. Und diese Pflichtzeit haben Sie vor dem Technikum entdeckt.
gemacht? I: (lacht) Hm.
H. D.: Die Pflichtzeit nach dem Technikum. Naja, ich war fer- H. D.: Na hab ich gesehen und dann, ja… unsere beide Fa-
tig mit Technikum, ich war neunzehn Jahre alt und Pflicht ist milien waren in einer Stadt gelebt, hab ich zufällig getroffen..
435 ab achtzehn, aber wenn du schon in Technikum zum Beispiel haben wir geheiratet (lacht). 495

bist und hast schon zwei Jahre durch, dann schicken sie dich I: (lacht) Ihre Frau ist auch Deutsche?
nicht in die Armee sonst, die warten bis du fertig bist. Wenn H. D.: Ist auch Deutsche ja. Ja gut war auch, es kam auch nie in
du fertig bist, musst aber. Und deswegen wurd ich angerufen die Frage irgendwas anders bei zu heiraten oder sowas. Jeder
nach Technikum. von uns, wir haben uns nicht versteckt das wir Deutsche sind,
66 anhang b Interviews und Gedächtnisprotokolle

500 haben wir auch die Namen nicht geändert und nicht anders I: herzukommen. 560

vorgestellt oder sowas. Eigentlich von der ganzen Familie H. D.: Weil dort da war, wir sind, manche sagen: »Oh wir
haben wir nur deutsche Namen, also fahren nach Deutschland, da ist besser oder so was«, klar ir-
I: Hm hm. gendwas war da besser in Deutschland, hat man gehört oder
H. D.: Manche heiraten, dann nehmen extra heiraten Russin, so was, ja klar. Aber trotzdem sag ich doch von Omas Zeiten
505 nehmen russische Frau, es gab’s auch sowas. Wir haben auch noch wir fahren nach Deutschland ( ), das war einfach drin, 565

solche Leute gekennt dann.. bei uns war das nicht der Fall, da hat keiner widersprochen oder sowas. Ich sagte in Russ-
bei uns war der Fall dass sehr, haben wir gleich, von Anfang land, wir sind noch weggefahren, wahrscheinlich dein Eltern
wie gesagt, von der Oma Zeit gesprochen das wir irgendwann auch, in diese Zeit war noch nix, das war alles hundertpro-
ausreisen. Und der Vater und die Mutti und so weiter, alle ha- zentig, war alles okay in Russland. Wenn du gute Arbeitsplat
510 ben gesagt müssen wir in die eigene Schlitten bleiben (lacht). Arbeitsplatz hast, war alles okay Hast Auto gehabt, du hast 570

Also kam nicht in die Frage Kasachin oder Russin oder noch ir- gut verdient, auf dem Tisch war auch alles. Ich war in der
gendwas. Also, ganze Familie ist nur deutscher Abstammung. Armee, das das war jeden Tag auf den Tisch, Sguschonka (ge-
Und alle Verwandte auch… Das war auch irgendwie bei uns zuckerte Kondensmilch), das hat nicht jeder gehabt, Butter hat
im Blut, wir haben auch nicht gesucht zwischen Russin oder nicht jeder auf dem Tisch gehabt letzte Zeit, bei uns war das
515 sowas. Ja gut, als Junge gab’s Freundinnen oder sowas.. aber alles, weil wir waren gut versorgt.. Durch die Armee die letzte 575

zum Heiraten oder sowas, es kam nicht in die Frage. Sag ich fünf Jahre, früher in der Landwirtschaft Firma, also Fleisch
auch, alle Verwandte sind deutscher Abstammung. oder Lebensmittel so das war, gab’s kein Problem… War bei
I: Hm… Und, Sie haben gesagt das die Großmutter und El- uns eine riesige Landwirtschaftsfirma, du kannst dort zum
tern auch ein Stück weit, die hatten so diesen Wunsch nach Einkaufspreis alles holen. Fleisch oder jeder hat Vieh daheim
520 Deutschland auszureisen. Sie hatten zu der Zeit ja schon Fa- gehabt, brauchst Futter, konntest auch einkaufen da. Alles gut 580

milie und da, so wie ich das heraushöre, n Leben, etabliert und wie gesagt, die ganze Familie war, überdurchschnittlich
irgendwie schon was aufgebaut, und äh gelebt also
H. D.: Und trotzdem I: Hm.
I: und trotzdem, ja wie wie, das kann ich noch nicht ganz H. D.: Manche haben Häuser, manche haben Wohnung ge-
525 nachvollziehen. Hat man da nicht Bedenken das man.. habt. Die Schwester hat Haus gehabt, zwei Brüder haben Häu- 585

H. D.: Jaa, ich hab doch gesagt, nach außen merkst du ser gehabt, ich hab Haus nur gekauft und dann hab ich ihn
nix, nach außen ja. Dir sagt direkt ins Gesicht nicht oder verkauft, weil da war da ein neues Haus gebaut, haben wir
wenn du in der, in die Verwaltung kommst, sagt dir keiner ins Haus verkauft, haben wir Wohnung genommen. Weil irgend-
Gesicht: »Du bist ein scheiß Faschist oder sch ein Deutscher.« wie besser war, bequemer für uns, na braucht man auch nicht
530 Grob, grob, offiziell nicht, hinten rum ja. Und das merkst heizen, ist alles da. Also von daher.. keinen Nachteil, ich meine 590

du hier, auch hier in Deutschland du merkst, hier sagt ja auch von vom Essen oder von der Arbeit her, bloß irgendwie das
keiner offiziell ins Gesicht: »Du bist Russ, du kriegt das nicht innere Gefühl oder wie das war nicht okay
oder du darfst das nicht«, oder sowas weißt »Du bist aus I: Hm, hm.
Russland«, sagt keiner offiziell.. Aber irgendwo hängt das H. D.: Aber nicht gesagt das wir wegen nem Stück Brot oder
535 bei jedem. Irgendwie merkst du doch, weißt das äh Abstand sowas gefahren sind, nein. Nein. Jeder von uns, jede Familie 595

irgendwie halten oder.. das die Leute, ich weiß nicht, wenn hat Auto gehabt, weil Auto ist wichtiger, hat nicht, nicht so
äh zum Beispiel für die Einheimische meiner Meinung nach wie hier ist Auto unwichtig, dort war Auto schon wichtig, hat
derTürk der hier geboren ist, ist näher als wir, komischerweise, dort nicht jeder gehabt. Wie gesagt..
für die Einheimische hehe. Der hier geboren ist, der spricht I: Hm. Wo hat Ihre Frau gearbeitet dort?
540 deutsch, der ist zu dene näher als wir, die Eingereiste… H. D.: Die Frau hat in Verwaltung gearbeitet. 600

I: Hm. I: Hm, als Deutsche?


H. D.: … Das irgendwie, es ist keine Unterdrückung, nein, H. D.: Ja. Ne sag ich doch, manchmal, gab’s nicht oft, aber
aber irgendwie merkst du immer das das bleibt, das ist auch gab’s.
immer da. Du merkst, also in sich merkst du das du, das du I: Ausnahmefälle.
545 nicht vollständig dahergehörst. Wir sind eigentlich schlimmste H. D.: Ja, in Personalabteilung hat sie gearbeitet in der Ver- 605

Heimatlose. Weil nee, das ist so, weil richtige Heimatlose, waltung. Und das war schon bisschen hehe
weil dort haben wir, haben gesagt: »Hey du bist Faschist, fahr I: Hm. Und was macht sie hier?
doch nach Hause! Du bist Deutsche fahr doch nach Hause, ja. H. D.: Hier als Buchhalterin… Die hat hier auch als wir kamen
Verschwinde!« Und hier fragen sie:»Warum bist du gekommen, hat die auch Sprachkurse gemacht sechs Monate, gut die hat
550 du gehörst hier nicht her!« Hehe. auch in die Schule dort Deutsch gelernt. Und daher mehr 610

I: Hehehe, ja, das ist wohl so. gesprochen, Deutsch konnte sie mehr als ich. Frauen sind
H. D.: Ja. Von Anfang hab ich noch Geschichte erzählt: »Wir sowieso schlauer.
sind doch Deutsche, alle Verwandte sind Deutsche und so I: (lacht)
weiter.« Und jetzt hab ich aufgehört. Bringt nix! (4) H. D.: (lacht) Und äh, ja dann hat sie hier Sprachkurse ge-
555 I: Hm. Naja, und das war letztendlich Grund genug Haus und macht, dann hat sie auch Umschulung gemacht, als Büro- 615

alles da zu lassen, Familie zu packen und kauffrau, und dann hat sie die Stelle gefunden in eine Steuer-
H. D.: Ja berater Firma, als Steuerberaterin ist sie, is okay Schon auch
I: und her seit fünfzehn Jahren. Wie lang, Jahr nach der Umschulung
H. D.: Ja hat sie gleich n Job gefunden, ist auch, die gleiche Stelle…
Interview: Hermann Decker 67

620 Bei den Kindern, als die in Russland, die haben noch kein, paar Jahre hier konnte überhaupt nicht, null. Wenn wir nur, 680

sagen wir noch kein Deutsch gesprochen, der Junge sowieso zuhause wenn du was sprichst dann versteht er’s ja, aber
der war sechs Jahre alt, der kleine, und als wir daher kamen, hast von dem kein Wort auf russisch gehört. Bis er seine
der hat überhaupt kein Wort gesprochen, der ist gleich aber Freundin irgendwo getroffen hat und dann hat er angefangen
in Kindergarten un äh, nach paar Tagen hat er angefangen, zu sprechen, n bisschen jetzt spricht er mittlerweile, kann
625 gab’s kein Problem. Sogar später nach paar Jahre, oder nach sogar lesen wie gesagt. 685

einem Jahr sagen wir, der, wir haben extra in der Familie hier I: … Und Sie hatten in dieser schrecklichen Wohnung in Rülz-
in Deutschland auch so wie wir können so haben wir gespro- heim gelebt und dann sind Sie gleich hierher gezogen, oder
chen, Deutsch aber, die Schwiegereltern waren im Haus und wie war das?
die sprechen Deutsch gut und wir haben im Haus nur deutsch H. D.: Dann hab ich doch da hier in Speyer Arbeit gekriegt
630 gesprochen prinzipiell das die Kinder besser alles mitkriegen und dann hab ich mich umgeguckt nach der Wohnung, haben 690

oder mitkommen. Und sagen wir mal nach ein paar Jahre, ein eine Wohnung gemietet hier in Speyer dann, und dann sind
zwei Jahre, hat der Kleine schon russische Sprach vergessen. wir von der Wohnung.. Das war, deswegen sag ich doch, hab
Und dann später wollte er nix mehr hören, von Russland oder ich gesagt das gut, mir gefällt das wir so angefangen haben.
von russische Sprache paar Jahre später. Manche kommen rein und äh, kenn ich viel Familien, die neh-
635 I: Wie alt war er damals? men gleich super Wohnung, rechnen damit gar nicht, nicht aus 695

H. D.: Sechs. Mit sechs (sind wir) reingekommen. Und sag was das kostet und so weiter.. und dann können sie die Woh-
ich nach paar Jahre, und wir haben auch, damals auch, ja bis nung nicht behalten weil es im Endeffekt zu teuer ist, fangen
jetzt auch nit groß mit den Aussiedlern so mit Russen kein an irgendwo zu arbeiten, kriegen nicht so viel Geld wie die
Kontakt gehabt praktisch, wir waren in dem Dorf sowieso in vorstellen und dann wird die Wohnung zu teuer, dann geben
640 dem, einzigste Familie. Wir haben keine Möglichkeit russisch sie die Wohnung auf und gehen sie in eine schlechteste Woh- 700

zu sprechen gehabt. Bloß mit Verwandten wenn man sich nung rein und dann fangen sie an zu mosern, dann kommt
trifft und so. Und damals bin ich gleich arbeiten gegangen, Unzufriedenheit. Wenn du von Schönem weg absteigst, was
war in der Firma wie gesagt auch alle Einheimische, hab ich verlierst und das ist nicht gut, bei uns es war umgekehrt, wir
nicht russisch gesprochen, nicht viel. Und mit den Kindern sind in Deutschland praktischso langsam langsam hochgestie-
645 wie gesagt daheim dann Deutsch und nach paar Jahre hat er gen, ganz schlechte Wohnung so wie gesagt waren Ratten 705

Russisch vergessen, wollt er nix mehr mit Russland zu tun. rumgelaufen im Haus. Das war (ekliges) Haus ja klar, aber
Jetzt steht er schon, jetzt ist äh, fängt, ja gut sagen wir so nach das haben wir alles erlebt. Und äh, dann sind wir, haben wir
fünfzehn sechzehn Jahre in Deutschland, hat er angefangen eine andere Wohnung genommen, schon etwas besseres, so
mit russischer Sprache, hat er mal Freundin kennengelernt Sozialbau aber trotzdem, war schon, die Wohnung war okay
650 aus Russland und der sprach russisch mehr und mehr, und Und danach, da waren Nachbarn n bisschen komisch und hab 710

dann hat er angefangen, also daheim später hat man natür- ich gesagt: »Nee auf die Dauer geht das so nicht, weil«, es
lich auch mit der Frau russisch gesprochen, verstehen kann war für mich sowieso langweilig, als Handwerker nach Hause
er, er hat angefangen zu verstehen ja wieder, und dann hat zu kommen und nix machen und in Dreizimmerwohnung zu
er auch wieder angefangen zu sprechen. Hm, fangt jetzt an, sitzen, das kann nicht jeder aushalten, das muss man noch
655 jetzt spricht er mittlerweile, hört man Akzent natürlich to- können. 715

tal, komisch, kannst dich totlachen wie von mir wenn ich (da I: (lacht) Hm.
sprech). A jetzt hat er sogar angefangen lesen zu lernen, kann H. D.: Und deswegen haben wir was gesucht.. Äh, dann hab
er schon russisch lesen ja. Die Tochter okay, bei der ist andere ich, haben wir hier angefangen zu bauen. Hab ich damals
Geschichte, die ist gekommen, die ist die war in dritte Klasse schon, ich habe gleich eigentlich ganz von Anfang an erst mal
660 und, wie lang eigentlich, ein Monat hat sie kein Ton gesagt, ist schwarz gearbeitet n bisschen, dann hab ich noch gleich Ne- 720

immer nach Hause gekommen, die ist sowieso ruhig, kein Ton benjob gemacht, also vor einem Jahr hab ich aufgehört, sonst
gesagt. Nach Monat oder zwei hat sie angefangen Deutsch bis jetzt hab ich kein, praktisch keine Wochenende gehabt.
rauszulegen ohne Akzent ohne gar nix. Seit wir in Deutschland sind hab ich noch kein Wochenende
I: Hm. gehabt weil ich hab noch Nebenjob gehabt ja, jedes Wochen-
665 H. D.: Nee is super. Und die hat da Schule und dann hat sie ende, also fünf Tag in dem Betrieb und ein zwei Tage noch 725

Abitur gemacht mit eins Komma zwei glaub ich zum Schluss. oder nachts wo anders, als Schlosser, Autoschlosser.. Ja gut,
I: Hui.. Die studiert jetzt auch in Frankfurt oder wie ist das? das hat auch viel geholfen, deswegen können wir uns das
H. D.: Ja, bisschen hinter Frankfurt, ja. Die hat auch Berufs- leisten.
akademie, Berufsakademie das ist Hochschule ja, hat sie ge- I: Hm… Und Sie arbeiten jetzt aber noch in dem äh
670 macht.. nee is.. kein.. Sag ich doch sie hat auch super Abitur H. D.: Ja, ich hab bloß den Nebenjob aufgegeben. Nee weil die 730

gemacht, also die is gleich nachgezogen dann und die hat aber Tochter gebaut hat und ich hab das, beides ziehen wir nicht
auch russische Sprache behalten. Weil die hat noch Freundin durch, das geht nicht. Am Wochenende musst du hinfahren,
gehabt in Kasachstan, hat sie noch Briefe geschrieben, hat Tochter was helfen, willst du auch, und deswegen hab ich
Freundin dort gelassen, also da war eine Freundin, hat sie mit Nebenjob aufgegeben.
675 der Briefe ausgetauscht, hat sie das extra auch gemacht weil I: Hm hm. (8) Ja.. Wenn Sie sich nochmal an Kasachstan 735

das die die Sprache nicht vergisst. zurückerinnern und an die Gesellschaft dort ähm denken und
I: Hm hm. Die kann auch noch ( )? sich das nochmal so vor Augen malen, was kommt Ihnen da
H. D.: Die kann auch noch sprechen und schreiben kann sie für n Bild in den Kopf, was war den Menschen wichtig, was
russisch ja, nix verloren gegangen. Aber Sohn wie gesagt nach galt es zu erreichen, was könnten Sie sagen, was sozusagen
68 anhang b Interviews und Gedächtnisprotokolle

740 erstrebenswert war? nicht, hier pappelt jeder hinne rum, wenn der Mann nicht da 800

H. D.: (5) Weiß nicht was, was da erstrebenswert… was (je- ist, dann ist er schuld weil wenn es was passiert ist. Das hat
mand wie) einfach Leben war da leichter, irgendwie,einfacher, mich erschreckt. Ich hab gedacht, ach Gott in Russland äh in
nicht leichter sondern einfacher… Was als wir herkamen, das Kasachstan da machen bloß die Frauen, weißt so ( ) und
mit den Terminen und so weiter ja, wenn du jetzt jemanden pappeln
745 besuchen willst, du rufst erstmal an oder machst ein Termin I: (lacht) 805

vorher aus. Das hat man dort nicht gekannt, bist einfach hin- H. D.: Hier machen auch die Männer das. Das war erschre-
gegangen egal wann du willst, (gehst) zu den Nachbarn oder ckend, (ein bisschen) und so, das gefällt mir hier nicht. Sag ich
gehst zur Verwandtschaft und äh was noch mehr war, war immer: »Wenn du was sagst, wenn du was hast, sag’s mir ins
auch Freundschaft enger dort, weil dort sind die Leute mehr Gesicht, kann man darüber reden.«
750 angewiesen auf die Hilfe von einem anderen. Nicht unbedingt I: Haben Sie auf der Arbeit so erlebt oder was? 810

das ist Geld. Das Geld hat zwar Rolle gespielt, aber nicht so H. D.: Jaa ständig. Ständig ja ja. Inzwischen bin ich da total
große. Dort war wichtiger was für ein Job hast du, wie kannst in dam Betrieb drin, also kenn ich jeden und jedes Eck und so
du dem anderen helfen oder wie auch immer ( ). Und wie weiter und das gefällt mir bis jetzt nicht das die Leute hinne
gesagt, Zusammenhalt war da besser.. weil in Geschäfte ich rum, mehr sagen wie ins Gesicht.
755 sagte, zum Beispiel letzte Zeit Butter oder sowas ja, kriegst I: Hm. Ja. (6) Hm.. Wer, wenn Sie, nochmal so ne Gesellschafts- 815

du nicht so einfach, gehst hin und kaufst, wenn du Geld hast. frage hehe, wer war in Anführungszeichen Gewinner und wer
Da kann sein das du Geld hast, wenn du keine Bekannte hast, waren die Verlierer in der Gesellschaft da in Ihrer Umgebung
dann kaufst du nix hehe, oder nicht das was du willst. in Kasachstan wo Sie aufgewachsen sind, also sprich, wer war
I: Hm. vielleicht von vornherein ähm besser gestellt und jemand von
760 H. D.: Hast du aber trotzdem alles gehabt, weil du hast Be- vornherein schlechter gestellt? 820

kannte gehabt irgendwo und der.. du hast Bekannte zum Bei- H. D.: …Äh von vornherein pff kann man so nicht sagen,
spiel in dem einen Geschäft, in einem Lebensmittelgeschäft also die, was mich gewundert hat die Kasachen im eigenen
und der Andere hat Bekanntschaft in dem Klamottengeschäft Land waren unterdrückt en bisschen. Weil die hat man für n
und dann hat man einander geholfen. Oder wie zum Beispiel bisschen zurück.. geblieben gehalten ja, man sagt die Kasachen
765 wenn du daheim was machst, beim Bau oder sowas, da kommt die haben bloß, können bloß mit Vieh sich umgehen und so 825

die ganze Verwandtschaft und die Nachbarn und so weiter, weiter und deswegen, von vornheraus zurückgestellt wenn
was hier seltener ist. Und auch wir als, als dort jetzt her, die zum Beispiel einen anstellst zur Arbeit und dann musst du
Aussiedler.. wer reinkommt.. der ist noch so hilfsbereit und so gucken schon äh wer für was. Zum Beispiel wenn wirklich
weiter, mehr, wenn die Leute schon länger hier in Deutsch- irgendwo in der Landwirtschaft Firma mit Vieh umgehen
770 land leben, dann ändern sich auch. da waren die Kasachen.. besser. Technik null, da waren die 830

I: Hm. Hm. Deutsche wieder… Russen dazwischen.. ja.


H. D.: Du machst dich irgendwie geschlossener und dann I: Hm. Und von wo kam das äh oder wer sagte das die Kasa-
guckst du bloß das du deine Familie versorgst, weißt du.. chen
Schon jemandem zu helfen oder so, dem Bruder oder sowas, H. D.: Das war einfach so (lacht). Das war, du kannst in jeden
775 machst du’s, erste machst du aber nicht unbedingt so freiwillig Kolchos in Deutschland, fast in jeden erleben das der Direktor 835

wie dort oder so viel wie dort. Du bist irgendwie mehr… ich war Kasach, sein Vertreter war Russ – wie normal ja – in die
weiß nicht, geschlossen oder wie gesagt.. weiß nicht. Aber es Technik war in die Garage wo Autos und Traktoren, war Me-
ändert, Menschen ändern sich hier in Deutschland, weil du chaniker da war so ein Job, das war ein Deutscher und äh bei
kannst die Leute nicht vergleichen die rein rübergekommen dem Vieh waren Kasachen, das war so. Also meistens. Gab
780 sind, erste paar Jahre sind sie total freundlich und noch lustig es auch natürlich alles, gab es auch Deutsche als Viehtreiber. 840

und so weiter und dann später irgendwie, schließen sie sich Auch gut, ja. Aber hauptsächlich sag ich, größtenteils war das
zu oder ich weiß nicht. so.
I: Hm… Haben Sie eine Idee womit das zusammenhängt? I: Hm. (4)
H. D.: Hmm, das weiß ich nicht. Ich sag doch deswegen, mein H. D.: Wenn zu dir ein Kasach kommt und sagt der will ein
785 ich, weil die Leute sind hier nicht angewiesen auf die Hilfe Fahrer oder Traktorfahrer sein oder arbeiten, guckst schon 845

von den Anderen.. Mein ich mal so. Weil dort musst du je- komisch.
mandem helfen, wenn du willst das jemand dir hilft. Hier I: Hm. (6) Die wollten auch nicht, oder?
muss das nicht unbedingt sein, wenn du n Job hast, verdienst H. D.: Hmm ja gut, manche wollten schon aber, ich weiß
Geld, du kannst alles kaufen, kannst Handwerker Betrieb be- es nicht warum, aber es ist bei jedem Volk wahrscheinlich
790 stellen, die machen dir alles und so weiter, wenn du Geld hast seine Begabung eigentlich. Also gab’s natürlich auch Kasachen 850

dann brauchst praktisch keine Freundschaft, wenn du so sa- Fahrer, gab’s natürlich Traktorfahrer aber im größten Teil so
gen willst. Dort geht es nicht, du bist aufeinander angewiesen. (6) Ich sag nur (dir) wenn du, wenn die sich sich bewerbst und
Oder warst ja, mehr oder weniger… Und deswegen war da da steht ein Kasach zum Beispiel, du wählst als Mechaniker
einfacher, offener sag ich ähh was ich, was mir zum Kotzen ein Kasach und ein Deutscher, der (hät) den dann Deutschen
795 war hier zum (erste mal) äh wenn dort, wenn du immer mit genommen, weil es doch geschickter in dem Fall war. Sag ich 855

einem befreundet bist, dann bist du befreundet, weißt. Du doch, es kommt drauf an für was, was für Arbeit du oder was
schwätzt nicht hinne rum über dem Mann und so weiter, es für Richtung und so weiter hast.
ist einfach dein Freund, du nimmst ihn so wie es ist, alles I: Ja. Aber keine generell ne Gruppe wo man sagt das ist, die
offen, wenn was nicht gefällt, sagst einfach offen. Hier ist es schaffen’s nie oder andere, da ist von vornherein klar ähm die
Interviewprotokoll: Elvira Claus 69

860 werden n super Job haben und was auch immer, Ansehen? Partei richtig ist und gab’s nix besseres.. das war schon rum 920

H. D.: Nee… nee kein großer.. Hab ich zumi, könnt ich nicht in der Zeit…
sagen das bestimmte Gruppen werden unterdrückt, nee. Sag I: Und hat man das auch mal geäußert, hat man sich irgendwie
ich doch, in die bestimmte Richtung, aber, bestimmte Richtung gewährt?
ja sag ich doch, wenn du als Deutscher, als Mechaniker Arbeit H. D.: Nee, natürlich nicht, nee nee. Auf keinen Fall, so laut
865 finden willst dann findest du und dich stellen schneller ein als sowas aussprechen, hast nicht gemacht, hat auch keiner ge- 925

Kasachen, technische Sachen weißt. Es war einfach so das die macht. So zwischen Freunde und sowat oder so… Ich war
irgendwie.. Nach der Erfahrung her mein ich. sogar in die Pflicht, wenn ich die zwei Jahre Dienst Pflicht
I: Ja. gemacht hab, wir wurden mal eingesperrt (lacht) von Chef,
H. D.: Offiziell natürlich war keine Unterdrückung oder Ver- ja was heißt eingesperrt, im Zimmer eingeschlossen zwölf
870 teilung oder sowas, nee. Aber in Kasachstan zum Beispiel in Mann, wir waren so Führungsteam sozusagen ein bisschen, 930

der Verwaltung.. war immer erste Kasach weil das Kasachstan und hat er gesagt: »Ich geh raus, ich komm zurück und sind
ist, in die Partei zum Beispiel ja, erste Kasach, sein Vertreter zwölf Bewerbungen da in die Partei.« Das war modern das in
Russ.. Das war so ein wie Muss. Und sonst keine nationale der Armee viele eingetreten sind in die Partei ja. Der wurde
Trennung oder so sowas ( ). gelobt, der hat so viel Leute beworben ( ). Und dann hat
875 I: Der erste war Kasache und der zweite war Russe aber, wer er uns eingesperrt da, wir saßen zwei drei Stunden, ich weiß 935

hatte mehr zu sagen? nicht, ist er zurückgekommen waren bloß zwei Bewerbungen.
H. D.: Äh wer hatte mehr zu sagen. Ei gut in der allgemein I: Hm. Und dann hatten die die sich nicht beworben hatten n
so Verwaltung Kasach. Ja gut sagen wir alles wurde gesteuert Nachteil?
damals noch von die Partei und die Partei war Zentrale in H. D.: Nee, nee nee. Damals nicht, nein. (5) Nee, sag ich doch,
880 Moskau, die Russen haben schon mehr was zu sagen. deswegen sag ich, von Überzeugung her, ich war da, zwischen 940

I: Ja. Ja. dene zwölf war ich ein Deutscher, alle anderen waren Russen,
H. D.: Deswegen war doch in Kasachstan Aufstand und so Ukrainer und trotzdem ist keiner, hat keiner nachgegeben. Sag
weiter gegen Russland. Das war eigentlich in jede Republik ja, ich doch, für was⁈ (jagt mit der Fliegenklatsche eine Fliege,
dann als wir wegfuhren war in Usbekistan was, Unruhe, des- die um uns herumfliegt)
885 wegen ja.. weil die Russen haben doch Macht überall gehabt, I: Hm… Naja, dann danke ich für das Gespräch, wenn Sie 945

deswegen war auch überall russische Sprache, war kasachi- keine Ergänzungen mehr haben, dann.
sche Sprache aber keine offizielle. In Kasachstan, kasachische
Sprache, wir haben bloß in der Schule zwei mal in der Wo-
che auch so wie Deutsch, war bei uns zwei mal Kasachisch, B.3 Interviewprotokoll: Elvira Claus
890 zwei mal in die Woche zwei Stunden Deutsch zwei Stunden
Kasachisch. Alles anders auf russisch, war offizielle Sprache Pünktlich um 10:30 Uhr klingel ich an Frau C’s Tür. Ihr Mann
Russisch… öffnet sie. Frau C. führt mich in das geräumige Wohnzimmer,
I: Ja… Und war das ähm den Menschen in Kasachstan, in der wo wir an einem Tisch Platz nehmen. Ich erkundige mich nach
Sowjetunion, war es denen wichtig irgendwie politisch, sozial, ihrer Gesundheit (aus den vorausgegangenen Telefongesprä-
895 gesellschaftlich aktiv zu sein? chen weiß ich, dass sie krankgeschrieben ist und beim Arzt
H. D.: .. Ähh, sagen wir, wenn du in der Partei bist, bist du war), kommentiere die schöne Umgebung, in der die Famile
vorgezogen. Ja, wenn du in die kommunistische Partei warst, wohnt … Frau C. geht nicht darauf ein; mir scheint, sie möchte
hast schon Vorteile, klar, unoffizielle. Aber Vorteile hast du. sofort mit dem Gespräch beginnen und ich frage sie, ob wir
Deswegen sind viel Kasachen, viel Russen auch in die Partei anfangen sollen. Dem stimmt sie ohne weiteres zu.
900 gegangen, extra das die, wenn was, wenn irgendwo sagen wir Abgesehen von ihrem dauerhaft angeschlagenem Gesund-
äh was angestellt haben wird immer Auge zugedrückt bei der heitszustand (Lungenleiden) scheint sie in guter physischer
Polizei oder überall wenn du in der Partei bist. Vorteile hast wie psychischer Verfassung zu sein.
du gehabt, unoffizielle. Bloß von den Deutschen von uns war Zu Beginn des Gesprächs ist ihr Blick meistens Richtung
ganz selten war jemand Fenster gerichtet, während ich den Augenkontakt zu ihr suche.
905 I: Weil? Später erwidert sie diesen häufiger.
H. D.: Weiß ich nicht. Weil, es war lächerlich hehe, also nach Während des Gesprächs werden wir mehrmals durch da-
meiner Sicht. Das war weil, zwischen normale Volk, so unterm zukommende Personen (Herr C. und eine Verwandte) gestört.
Volk hat auch geheißen, wenn du in die Partei bist, bist extra Frau C. geht immer kurz auf sie ein. Zu den letzten etwa zehn
reingegangen das du bloß Vorteile kassierst oder so. Weißt Minuten des Gesprächs kommt Herr C. in das Wohnzimmer
910 du, aus Überzeugung kannst vergessen, die Überzeugung war (vorher war er im Schlafzimmer) und schaltet den Fernseher
nicht mehr, das war vielleicht in dreißiger Jahre oder vor’m an. Ich empfinde das als sehr störend und auch als Hinweis,
Krieg. das Gespräch bald zu beenden. Als ich das Tonaufnahmegerät
I: Hm… In den sechziger Jahre war niemand mehr überzeugt? ausschalte, bietet mir Frau C. ein Glas Wasser an und bittet
H. D.: Ja gut, in den sechziger Jahren kann ich nicht beurteilen, ihren Mann, dies zu holen. Dann fragt sie mich nach meinem
915 ich bin erst geboren zwischen fünfzich und sechziger Jahre. Studium und nach meiner Familie. Wir unterhalten uns noch
I: Ja, dann waren siebziger Jahre wahrscheinlich ihre Zeit so. etwa 15 Minuten bis mich Frau C. schließlich zur Tür begleitet.
H. D.: Nee, von Überzeugung nee, keine Spur. Das die Partei
okay ist, das die alles richtig macht, nein. Das war schon
eigentlich Gewohnheit, das war so, aber überzeugt das die
70 anhang b Interviews und Gedächtnisprotokolle

B.4 Interview: Elvira Claus Frau: »Ja wollt ihr da (dann) sind wir alle zusammen.« Äh wir
haben zwar kein Vater gehabt, meine Mutter, die waren drei 60

I: Also wie schon angesprochen interessiert mich Ihre Lebens- Kinder und äh Oma Opa und ne Tante und meine Mutter die
geschichte, also wie das Leben für Sie so war in der Sowjet- war auch im Arbeitslager während des Krieges, sie hat äh, vor
union und hier in Deutschland war und heute ist. Und ähm, dem Krieg war die, hat die äh – ich war ja zwei Jahre – hat
Ihre ganze Lebensgeschichte also, alles was Ihnen einfällt, was die schon Ausbildung äh als Krankenschwester gemacht und
5 interessant ist, was Ihnen wichtig ist, das ist dann auch für dann fing der Krieg an und dann musste sie in Arbeitslager. 65

mich interessant. Und ich möcht Sie bitten einfach zu erzählen I: Hm


und ich werd sie nicht unterbrechen erstmal, sondern erzäh- E. C.: Und das war auch in Sibirien und da mussten die..
len lassen und Ihnen zuhören und wenn ich ne Frage habe, äh die Bäume fällen. So im Schnee vierzich Grad, fünfzich
dann werd ich die notieren hier und werd sie dann am Ende Grad. Und meine Tante die war auch, meine Tante die hat,
10 stellen, nachdem Sie fertig erzählt haben, fertig sind mit Ihrer die war Lehrerin, etwas älter wie meine Mutter und die hat 70

Geschichte. das schon vor dem Krieg geschafft das die jetzt hät den Ab-
E. C.: Achso ich dachte Sie stellen Fragen, ja gut, ja was soll schluss gemacht hat, die war Lehrerin, aber die war auch im
ich denn anfangen, wie was wann? Arbeitslager, und die war irgendwo in… in Kasachstan.. wo
I: Wie Sie meinen, das ist völlig Ihnen überlassen und, Ihre sie Kohle abgebaut haben. Ja und jetzt nach dem Krieg wa-
15 Lebensgeschichte eben zu erzählen und, am Ende ren ja alle zusammen wieder, jetzt in Sibirien da wo meine 75

E. C.: Ja was äh, geboren bin ich in Sibirien und.. weil un- Großeltern waren und dann sind wir dann alle nach Tadschi-
sere Großeltern und Eltern ja vor dem Krieg aus äh, aus der kistan ausgewandert und ich war damals sieben Jahre. Das
Ukraine von Saratow-Gebiet ausgewiesen wurden äh nach war, weiß ich noch, im März Monat und da kamen wir an und
Sibirien, weil der Krieg angefangen hat und weil sie Deutsche da war tatsächlich so sehr warm. Da haben wir uns, da hat
20 waren und wurden die nach Sibirien, wie sagt man das denn, Opa ein kleines Häuschen gekauft und, ja klar war das schön 80

nicht umgesiedelt sondern verwiesen oder wie weiß ich nicht. äh Weintrauben und Pfirsiche so richtig richtig große und war
I: Hm schön. Aber heiß. Und da sind wir da zu diesen Leuten, das
E. C.: Ja, und da sind wir auch geboren, einundfünfzig bin waren auch Plattdeutsche auch wie wir, aber wir waren in
ich geboren und, damals war das in Russland nach dem Krieg, eine Kolchose und da waren nur Hochdeutsche, da waren ein
25 die Deutschen die durften ja überhaupt nirgendwohin, äh oder zwei Familien nur Russen, anders waren alle Deutsche. 85

ich meine die wohnten da im Dorf da so in diesem Gebiet, I: Aha


die durften nit auswandern oder in anderes Gebiet fahren so E. C.: Und, ja und so sind wir da umgezogen von Sibirien
und dann sechsundfünfzig war ja dieses Gesetz. Gesetz vom, da nach Tadschikistan. Ja meine Mutter hat gearbeitet in eine
ich weiß nicht von, wer war da damals da, keine Ahnung, Kolchose auch in eine, so ne in Garten oder wie haben die da
30 weiß ich nicht, wusst ich aber jetzt, die haben ja das Gesetz Garten gepflegt und Bäume und das Obst gepflückt und da 90

neunzehn hundert sechsundfünfzig, das jetzt die Deutschen so. Meine Tante war nit lange bei uns, dann is sie in einen
auch die jetzt alle aus ihrem Gebiet verwiesen wurden wegen anderen Ort gefahren und, weil die hat ja auch gelernt und hat
Krieges, konnten jetzt auch frei, ja, da auswandern oder sich sich dann da.. wie hieß das früher in einem Kontor gearbeitet
neues Wohngebiet suchen und so. wie ne Buchhalterin und (atmet ein und aus). Ja, wir waren
35 I: Hm dann zehn Jahre in Tadschikistan, zehn Jahre sind wir zur 95

E. C.: und dann, wir haben auch ne bekannte Frau gehabt, Schule gegangen da, ja, war schön. Äh ja, das einzige war das
die war nit verwandt sondern bekannt, die wohnte auch in wir, als Kinder das war damals so, im September den ersten
diesem Dorf und die hat n Bruder gehabt, zwei Brüder oder haben wir angefangen zu lernen und bis Ende September und
drei sogar, und die waren schon äh.. nit vor dem Krieg noch dann sind wir äh mussten wir Baumwolle rupfen, da wuchs
40 früher, das war, das war wahrscheinlich so in den zwanziger ja Baumwolle, und dann sind wir dann Ende September und 100

Jahren em haben die, das war ja auch äh, das hat ja auch für dann Oktober November, ja bis Ende November haben wir
die Russen gegolten und für Deutsche die em etwas besser äh, da, mussten wir, aber uns wurde das auch so bezahlt, genauso
ich meine reicher waren als die andere oder wie man sagt ja. wie den Erwachsenen, und wir haben uns damit immer ver-
I: Hm dient Geld für, für Schulkleider da für alles Mögliche. Ja, und
45 E. C.: Die waren ja, die haben die, ich weiß nicht wie das auf dann sind unsere Großeltern gestorben und dann, und dann 105

Deutsch, ausgewiesen, ja raskulatschiwali, ausgewiesen zum meine Mutter, die hat n Bruder gehabt, der ist mit uns nach
Beispiel: »Ah du bist, du hast das, du bist reich und du so und Tadschikistan ausgewandert, der ist n paar Monate später, ha-
so!« Und da haben die, diese Leute haben die in so Gebiete ben die dann auch mit äh, mit äh Verwandten da, Bekannten,
geschickt, da ähm.. also da wo noch quasi nix war, ja. Und die ist auch einer gefahren auch nach Kirgisien, hat auch die Ge-
50 kamen, ich weiß nicht, die wohnten auch wahrscheinlich da gend angeschaut so und ihm hat das da auch sehr gefallen 110

irgendwo Ukraine oder Saratow und dann wurden die nach und sind die auch mit zehn zwanzich oder wieviel da Fami-
Mittelasien, Tadschikistan, und das äh haben die gewohnt. lien sind die ausgewandert nach Kirgisien und dann ist mein,
Aber die durften da ja auch nirgendwohin, da haben die auch, mein Onkel da nach Kirgisien. Und dann als die Großeltern
und da hat die immer gesagt äh immer erzählt, die haben gestorben waren dann, ja meine Mutter war ja allein mit uns
55 sich dann em geschrieben einander und »ja, wenn das mal und äh ich hab auch zehn Jahre, hab ich zehn Klassen ge ge- 115

geht, wenn sie das mal erlauben nach dem Krieg, das wir schafft gelernt und gemacht. Und meine Schwester die älteste
zusammen, dann kommt her nach Tadschikistan, hier ist so die hat in Duschanbe hat die dann, hat die dann ein Beruf
warm, hier ist so schön« und so. Und dann hat die gesagt, die gemacht als technische Zeichnerin, so was. Und dann sind wir,
Interview: Elvira Claus 71

hat äh (Ehemann kommt rein) »Alex was rennst du rum?« sehr so’n richtig äh ich meine für uns und für mich und für
120 »(Was soll ich denn jetzt machen?)« und dann sind wir »Alex meinen Mann und so, das war richtich schlimm, auf einmal 180

nu geh doch weg, was willst du? Guckst mich an (aber) du alle nacheinander da wie immer so eine, äh ich meine mein
weißt diese Geschichte!« »Dann geh ich ins Schlafzimmer« Mann hat viele Cousens und Cousinen und so und wir waren
»Okay, ins Schlafzimmer.« Dann sind wir, ist der Onkel dann immer so alle eng zusammen und die Freunde und so, und
gekommen aus Kirgisien, hat uns ähm.. hat uns abgeholt dann, auf einmal waren so nach der kurzen Zeit, einer nach dem an-
125 mit der ganzen Familie und äh, das war… achtundfünfzich deren weg, ja. Oh dann haben wir uns so, weißt du das war 185

sind wir dahin und sind, das war achtundsechzich sind wir ein so, so ein Gefühl wie, wie jetzt sind all, wie, das war
aus Tadschikistan nach Kirgisien umgewandert dann wieder, das war tatsächlich schlimm. Ja und dann waren meinem
umgezogen, das war schon umgezogen dann. Mann seine Eltern ein halbes Jahr weg und dann haben die
I: Hm uns auch ein Visum gemacht, der kam auch schnell und dann
130 E. C.: Ja. Ist meine Mutter dann wieder zur Arbeit gegangen. ah und dann das Haus, wir haben so ein schönes Haus gehabt 190

Ich bin dann auch, ich war dann siebzehn, dann bin ich auch und so, verkaufen und (wieviel haben) und dann stand man
zur Arbeit gegangen, ich wollte nit mehr, hab ich nix gemacht da mit Geld und dacht: »Wie das ist jetzt alles? Haben wir
so mit Schule und Lernen. Mir kam das »wei fremde Stadt, geschafft und gearbeitet und gemacht und so und jetzt haben
alles so ganz anders wie in Tadschikistan und so« und dann, wir« wir haben das gar nit so kapiert, weißt du das war so
135 wir haben da ne große Fabrik gehabt und dann sind wir mit schlimm für uns, wie? Und wir wussten ja überhaupt auch nit 195

meinem Onkel dahin und dann hat er mich da, ich, wie sagt wie das da jetzt in Deutschland sein wird, ja und wir haben
man, vorgestellt und so und dann bin ich dann da gelandet in nur gedacht: »Ach naja, wir sind noch, ja gut, wir sind noch
der Fabrik da, aber da war schön, das waren sehr viele junge jung und wir müssen ja noch arbeiten« und wir haben uns gar
Mädels auch, dann haben wir, ein halbes Jahr mussten wir nit auch vorgestellt damals das hier doch auch schwer mit der
140 da, wie man sagt, haben uns alles da beigebracht, jeden Näh- Arbeit oder so, weil in Russland war in der Zeit ja noch genug 200

maschine, das war Fabrik wo sie Sportanzüge genäht haben Arbeit und so, das haben wir, das war für die Menschen so
und Verschiedenes und.. ja da hab ich dann gearbeitet, dann eine Beruhigung ja, das, die Arbeit, war waren, wir haben so
hab ich geheiratet, naja wie, neunzehn hundert siebzich… ne Stadt gehabt, oi wieviel waren da ( ) tausend, musst meinen
und, ja da so lebten wir auch in Kirgisien, die ganze Jahre bis Mann fragen der weiß das ja, und äh, hat jeder Arbeit gehabt,
145 neunundachtzich. Jahr neunundachtzich dann sind wir nach da waren so viel Fabriken und für Frauen und äh Nähfabriken, 205

Deutschland umgezogen, gewandert, umgezogen, ah haben Oberbekleidung, da war Fabriken wo sie Bettwäsche genäht
wir vorher auch gar nit, gar nit gewusst und gewollt das wir, haben, wo sie Kleider genäht haben, wo sie Schuhfabriken wo
wir haben überhaupt keine Rede gehabt, ja gut wir wussten sie Schuh, also Arbeit hat jeder gehabt.
das die, das mehrere fahren und von meinem Mann die Tante I: Hm hm.
150 die war schon auch, zehn Jahre war die schon damals hier, ich E. C.: Und deswegen waren die Leute auch so, ich meine so 210

weiß nicht von den ersten ist die hierhin gekommen, aber uns ausgeglichen und ruhig und äh, da hat jeder hat gearbeitet, hat
kam das so unendlich weit und überhaupt wir haben gar nit, Geld verdient, konnte sich kaufen was er wollte. Wenn jemand
Deutschland das kam uns so weit so.. (will, sagte) wir haben Haus gebaut, haben Haus gehabt und
I: Hm auch bisschen im Garten angebaut, also war alles gut, war
155 E. C.: und dann war alles Überraschung, schnell schnell richtich schön. 215

schnell, dann sind alle gefahren und wir mit (lacht).. Jetzt I: Hm hm.
sind wir schon zwanzich Jahre hier… Gut, haben wir Glück E. C.: Und das alles dann auf einmal: »Wie, warum fahren
gehabt das wir alle beide Arbeit haben, bis jetzt noch. Und, die denn alle, wie!« Das war, das war für uns war das schwer
auch gute Arbeit… (räuspert sich) Bis jetzt das ging jetzt noch zum Beispiel, ich weiß nit. Ja und dann hier, ja hier haben wir
160 alles, die zwanzich Jahre wer weiß. Ich hab noch jetzt zwei uns gefühlt wie vom Himmel gefallen, das stimmt. Und wir 220

Jahre muss ich noch n bisschen weniger und dann bin ich haben ja auch noch äh.. wir dachten, wir kennen ja Deutsche,
fertich mit dem Schaffen (lacht). ist doch kein Problem, ja aber anscheinend war das nit so, das
I: Hm. (8) Wie war das da mit der Entscheidung em nach die Sprache vor zweihundert Jahre von unsere Großeltern wie
Deutschland zu fahren und wie war das dann als Sie dann die umgesiedelt sind, die sind ja auch freiwillig von Deutsch-
165 hier angekommen sind? land nach Russland umgesiedelt, als der, der Peter der Zar der 225

E. C.: Ja, ich sag ja, wir haben uns gar nit wie, haben nie hat ja mit dem deutschen Kaiser hat er so verabgemacht, ja,
gedacht das wir überhaupt mal nach Deutschland kommen, weißt ja die Geschichte
weil früher war das auch so, wir haben ja überhaupt gar keine I: Ja, ja
Information gehabt überhaupt, wir wussten ja überhaupt nit E. C.: und das sind ja unsere Urgroßeltern gewesen.. Ja und
170 wie das, wurde ja nirgendwo geschrieben, nirgendwo geschil- dann sind wir zurück, ja war, klar hier war alles aber wir ha- 230

dert wie was wann, wir wussten überhaupt gar nix. Ja gut die ben uns schrecklich schrecklich fremd gefühlt, obwohl, ich
Tante die hat da, meine Schwiegermutter hat die da Briefe ge- weiß nit, wir haben ja auch mit deinen Eltern haben wir
schrieben aber das war ja alles so geheim, ja gut und da, da ist Sprachkurs gemacht und wir haben so eine schöne Lehrerin
gut, aber das war für uns so unendliche Weite, wer weiß. Und gehabt, schöne (lacht), gute. Und die war ja auch zu uns, die
175 haben wir dann auf einmal, sind alle nach und nach und nach hat uns alles so beigebracht und erklärt, klar war das, das 235

sind alle weg und dann auf einmal (Frau kommt ins Haus) war, ich sag immer zu meinem Mann: »Wenn wir es da ge-
»Hallo Lena« (spricht kurz auf Russisch mit ihr). Ja und dann wusst hätten, ähm wäre die Hälfte Russlandsdeutsche nit nach
ja alle, alle, auf einmal war das so, das war überhaupt uns Deutschland gekommen.«
72 anhang b Interviews und Gedächtnisprotokolle

I: Hm das und das und dann Arbeit und dann äh Wochenenden und
240 E. C.: Wegen, ich meine wegen diese ähm.. diese, überhaupt dann (atmet aus), äh weil wir, wir haben viel Freunde, die 300

Umstellung und diese seelische alles, weißt du, wir haben ganze Freunde mit denen wir da zusammen waren sind auch
hier auch, wir wurden versorgt ja im Lager da.. und äh wir hier, aber nit alle äh wohnen hier in userm, aber viele auch.
haben auch zu Essen gehabt und alles das Notwendigste. Aber Und dann mein Mann hat sechs Geschwister, mit meinem
das alles, ja wie, ohne alles, ohne Wohnung, ohne alles Mann sie sind zu sechst und wir sind alle auch sehr nah zu
245 standen wir da und uäh, und das ist noch gut das wir so und dann hoa gut immer dann, wenn was ist, dann Feier oder 305

viele Verwandte gehabt haben, die haben uns alle geholfen was und Kinder und alle, wir sind, eigentlich mein Mann hat
da, und Wohnung zu suchen und in der Zeit war so schwer, so ne Familie die sind immer zusammen. Mein Bruder hat
neunundachtzich, weil so viel umgesiedelt sind und, aber. Ja, auch als äh, das war jetzt die Schwägerin (bezieht sich auf
war(sch) mir klar, ich meine, diese ganze Umstellung und die Frau, die kurz reingekommen war), mein Bruder hat die
250 ganze, anderes Land und andres, klar ist das schwer. Das ist Schwester auch von meinem Mann geheiratet. 310

äh, das war ja auch selbstverständlich nur das wir nix gewusst I: Ach (lacht)
haben. Anscheinend war das (oft) so. E. C.: Ja, und, also dann sind wir ja auch viel immer zusam-
I: (lacht) Hm. men und (räuspert sich).. ja, so haben wir uns son bisschen
E. C.: .. Das war ich meine für jeden, obwohl jeder war ir- so integriert, ja wie man sagt… mit äh ja, auf die Arbeit so
255 gendwie anders geprägt oder wie man sagt ja, aber klar.. Ja äh ist eigentlich auch gut, ich habe gute Arbeitskollegen äh 315

und so jetzt sind, ja, haben Haus gebaut und jetzt denken wir Frauen und so und, em ja die sind jünger und waren auch n
das musste so sein und sind auch, ich meine.. froh darüber, bisschen auch paar Jahre älter und einige, ich bin jetzt fast
weil das hat sich in Russland auch alles geändert und ist auch achtzehn Jahre auf die Firma. Und äh, sind gute Arbeitsko,
da sehr schwer. Gestern ist mein Cousen, von meinem Mann überhaupt das ganze Klima, ja das ändert sich immer ein biss-
260 der Cousen gekommen, der war da eine Woche zu Besuch, hat chen aber so, ich meine, war alles gut und so und wir haben 320

äh, die haben da noch n Freund gehabt n russischen, der ist dann auch erzählt die wussten ja überhaupt nit, die dachten
gestorben und wie der das jetzt erzählt das die Leute da so was heißt Russen oder Russlandsdeutsche, die Leute haben
sch, so wohnen so.. Haben gestern Fotos angeguckt, ganz äh, ja überhaupt, überhaupt keine Ahnung, weil die haben
die sind em.. die sind so arm und ohne jede Hoffnung und genau wie wir keine Informationen gehabt, überhaupt
265 äh das ganze überhaupt System und wer irgendwas äh, jeder wie das, was heißt Russlandsdeutsche, was heißt Russen, 325

wie wer etwas Geld verdienen und die ganze Fabriken und wieso ist das so, wieso, die die haben ja das auch, na hab ich
alles die die da gehabt haben. Jetzt ist nix im Betrieb mehr ja, auch immer, ich bin so überhaupt, ich les viel Bücher und so
jetzt steht alles still und die Leute die, jeder muss dat wissen und ich mag das ja auch dann erzählen, wenn die was gesagt
wie er zurecht kommt, ohne Arbeit ohne, das eigentlich sehr haben oder was ist das, ich sag: »Warum fragt ihr nicht?« Das
270 schlimm! Ich dacht, ich wusste das das schlimm, aber das das ist ja dann, dann hab ich das ihnen erzählt, wie das überhaupt, 330

so schlimm ist.. was ist das überhaupt Russlandsdeutsche, wie sind die nach
I: Hm Russland gekommen, (aber) warum die sich Deutsche nennen,
E. C.: Ja klar dann, wir sind wir sind auch so froh das wir weil die sind da ja geboren sind und so. Dann, und jetzt äh,
hier sind und so aber, weil das war ja so wie zwei Welten, als die wissen schon alles, die kennen ja dann, dann lachen die
275 wir noch weg sind war noch alles gut da und, und war überall schon: »Aha, ihr seid Russlandsdeutsche, ihr seid Russen dann, 335

Ordnung, und jetzt.. jah (9) Russen dann wenn die Ehen, gemischte Ehen sind« und oder
I: Sie sind ja jetzt, Sie haben gesagt zwanzich Jahre die sie so. Überhaupt dann haben die gedacht: »Ja von wo wissen
hier in Deutschland leben und, ja wie war das als Sie dann wir, du erzählst das war da warm, ihr habt Bauwolle geropft,
herkamen und, von diesen zwanzich Jahren sozusagen haben wie kann man da Baumwole ropfen, da ist ja kalt!« Ich sag:
280 Sie noch nicht erzählt. »Ja, wie wie kennt ihr auch so, ihr denkt auch Russland«, ich 340

E. C.: Ah eigentlich die sind so im Flug vorbeigegangen das sag: »Jedes Land hat ja Norden und Süden und so auch (wo
wir gar nit gemerkt haben, nur jetzt auf einmal, wo jetzt die wir wohnten).« (lacht)
Krankheiten kommen, gekommen sind und so »Wie, was ist I: Ja, ja (lacht)
das jetzt schon«, weil die ganze Zeit, ja gut, bis äh die Kinder E. C.: Ja, schon, nee wir haben gutes Verhältnis überhaupt
285 auch, zwei Töchter, bis die dann, die haben geheiratet dann auf der Arbeit und ist gut (6). Ja da, ich weiß nit so, klar ist das 345

Kinder dann das dann das, wir haben gearbeitet dann haben hier, hier war ja ganz überhaupt ganz anders und die Leute die,
wir »Ja, wir müssen was eigenes vielleicht oder ne Wohnung das war bestimmt gut.. im Vergleich hier mit damals als wir
kaufen«, haben wir uns entschieden für Haus bauen. Dann kamen bestimmt hundert Jahre, nu nicht hundert, ich meine
haben wir Haus gebaut, dann haben wir immer, mein Mann Unterschied.
290 auch immer fast alles, na gut wir haben von Verwandten viel I: Achso achso, hm hm 350

Hilfe gekriegt und so und, ja und so die Zeit ist in einem E. C.: Wir haben uns auch über Vieles immer gewundert und
Flug vorbeigegangen. Wir sind zwar auch in Urlaub gefahren so, aber jetzt wenn uns mal, jetzt wenn du mich fragst, ist alles
und so und haben uns alles n bisschen so angeschaut und, normal. Ja gut, weil da war ja das ganz anders, die Kinder
und wenn wir zurückkamen nach Deutschland haben wir uns wurden anders erzogen und überhaupt alles, wir haben auch
295 immer gefreut: »Wie schön.«.. Ja, die Zeit ist äh, da kann man, auf unsere Eltern immer Sie gesagt, nicht du oder was, das 355

ich weiß nit, gar nit so viel wie, diese zwanzich Jahre hätt war so oder auf ältere Leute oder auf ältere Nachbarn oder
ich nie gedacht das die so schnell.. weil wir immer was am, was immer Sie und so. Und dann: »Ha, was habt ihr immer
am machen waren und äh das machen muss man noch und mit diesem ›Sie‹?« Wir sind eben so erzogen worden und
Interview: Elvira Claus 73

wie wie, ich weiß nit. Das war so, klar war das ganz anders, dert, ich sag die Leute ähh, nach zwanzich Jahren, ich sag,
360 überhaupt alles ganz anders. Und die Sprache.. hier sind ja (ihr müss) ja das ist, das hat, das war eben so, das ist eben 420

so viel, da waren ja so viel Umgangswörter und alles, die eine Geschichte, wir haben, wir kennen die Geschichte nur
auch vom Englischen waren und so und wir haben ja da keine aus aus ähm Schulbüchern zum Beispiel als wir in die Schule
Ahnung gehabt was das ist. Ich hab auch ein – wir haben gingen oder wenn wir Bücher lesen überhaupt Geschichte von
Sprachkurs gemacht ein ganzes Jahr und dann hab ich noch da, von Krieg und von so und das ist genauso die Geschichte,
365 ein Jahr gemacht wie in äh das hieß DAA, deutsche vom von diese Umsiedlung wieder zurück nach Deutschland ( ) so 425

deutsche Akademie irgendwas, so’n Kurs hab ich gemacht ein und so, das war, wann war das dann als der Zar, der Peter der
Jahr das war so wie Verkäuferin so äh so’n Trainingsverkauf Erste, das war.. tausend siebenhundert achtzich
Kurs oder was, dann hab ich hier bei uns in Koblenz auf der I: dreiundsechzich mein ich.
Mittelstraße das äh Kaufhaus Karstadt hab ich auch ein ganzes E. C.: Oder so, irgendwo da ja, ich weiß es nit genau, gucke
370 Jahr und dann haben wir auch so ein Monat gearbeitet und mal wieviel Zeit schon vorbei ist Geschichte und das ist genau 430

dann ein Monat haben wir Unterricht gehabt, dann war ich die Geschichte, nur die geschieht jetzt mit uns, weißt du. Und
drei Monate noch in der Berufsschule auf dem Heddesdorfer em die Leute, naja klar, Leute sind, einer denkt so, einer denkt
Berg, da haben wir Examen gemacht und.. Ja war interessant, so, einer, aber im, ich meine im Ganzen ah, zusammen da
war, die erste ja gut, n bisschen wie man sagt ähm, ja gut so so, wir müssen uns äh, ich meine äh, ja glücklich, naja
375 schwer nit, aber ja, am Anfang ja, bis man das alles da kapiert gut glücklich ja das ist ein anderes Wort aber, ja glücklich 435

hat wie und was und , ja.. ja und die zwanzich Jahre sind so schätzen das wir bis jetzt noch auch, ich meine Dach über’m
schnell vorbei wie, ich sag ja wie in einem Flug, da kann man, Kopf, Essen und so, weil ich meine das ist das Wichtigste und
wenn wir haben mit meinem Mann wenn wir so ( ), zwanzich die Arbeit ja, und dann kommt erst mal alles andere.
Jahre ja, das Haus haben wir jetzt schon, zwölf Jahre wohnen I: Hm
380 wir hier im Haus.. und so geht die Zeit.. Gut wir haben uns ja, E. C.: Ich weiß nicht, wir denken so, vielleicht die haben, 440

jetzt können wir uns das nicht mehr vorstellen, wir denken ja jeder, ich meine, jeder Mensch naja gut, ich äh, wir denken
immer zurück: ›Ach‹, denken wir so es war, aber zwanzich so und die andere kommt drauf an wie, wie die Leute jetzt
Jahre, da hat sich in Russland schon, zehn mal alles verändert. stehen, jetzt sind ja auch Leute die ein bisschen besser stehen,
I: Ja. Ja. was heißt besser, die vielleicht bessere Arbeit gehabt haben
385 E. C.: Und nicht zum Besseren.. Deswegen so ein.. geht sehr und besser, aber so wie ich meine, aber für uns reicht das alles, 445

schlimm den Leuten da. Das zeigen die nur in den Filmen Hauptsache Gesundheit und so. Ich meine besseren Stand
das die, die Reichen dann oder was, ja das sind ja das ist ein haben oder wie oder.. jah (seufzend)
Prozent oder wieviel und die andere Leute wie die wohnen, I: Hm. (9)
das das weiß ja keiner. E. C.: Wir haben auch ein sehr schönes Dorf hier. Ich sag ja
390 I: Ja. nur der einzige Nachteil, es kann ja auch nit alles äh, das wir 450

E. C.: Und deswegen wenn jemand jetzt, jetzt dann die wie fahren müssen aber och wir haben uns schon dran gewöhnt
du jetzt auch fragst, klar wir sind, ich meine wir sind glü, wir und, ja…
müssen uns, wir müssen uns und sind auch glücklich das wir I: Hm… Sind Sie denn gleich nach Koblenz gekommen?
so wohnen, wie der Cousin gestern erzählt hat wie schlimm E. C.: Ja wir sind nach Koblenz her gekommen und äh haben
395 und Fotos gezeigt wie unordentlich und alles das ist schlimm! wir da sieben Jahre, haben wir ne Wohnung gehabt 455

I: Hm hm. I: In der Stadt?


E. C.: Das ist richtig schlimm! Und wir, das Banale das wir E. C.: Hm, in der Stadt und dann haben wir gebaut, wir haben
ins Bad morgens gehen, in die Dusche und den Hahn aufma- auch überall gesucht, da in der Zeit war so schlimm mit den
chen und duschen mit warmen Wasser, du denkst nie daran Wohnungen und überhaupt und wir haben geguckt, und mein
400 aber gucke mal wie, der Cousin hat gesagt, ja ich wollte mich Mann hat gesagt, vielleicht kaufen wir uns schon ein älteres 460

da duschen und erstens, jetzt ist Sommer, ist kein Wasser in Haus, wie deine Eltern zum Beispiel, aber ich weiß nicht so
den Leitungen. Ja, dann haben die da draußen so’n Behälter haben wir geguckt, hat uns so eigentlich nix gefallen. Erstens
gemacht äh und ja gut so, wie n kleines Häuschen, vier Seiten wollten wir überhaupt nit aus der Stadt raus. Und dann haben
mit Brettern zugemacht oder mit Paneelen so und dann von wir geguckt und dann war da in der Stadt sowieso alles teuer
405 der Sonne wird das Wasser warm – wir haben das auch, im und so und dann haben wir das Grundstück hier gefunden 465

Sommer haben wir so eine Dusche auch im Garten gehabt, so und, wir haben angefangen zu bauen mein Mann war schon
ich sag ja, aber dann im Winter, naja im Winter, die haben fünfzich.
sich jetzt auch ein Bad im eigenen Haus gemacht und so, aber I: Hm, hm.
so wenn, in der Stadt okay, da ist ja die Versorgung besser, E. C.: Ja, fünfzich. Sagt er: »Wenn wir das jetzt nit machen
410 aber in eigenem Haus musst du ja alles selber machen, musst dann schaffen wir das nit mehr.« Mit fünfzich (lacht). Und 470

du im Winter ja selber heizen dann und so und, als ich weiß dann haben wir Grundstück gekauft, haben wir angefangen
nit. Klar, das gibt auch hier Schwierigkeiten und so, aber ich zu bauen.
meine dieses Soziale jetzt dieses und so, dieses Ganze.. Und I: Hm. (8)
äh, Gott sei Dank, ich meine zu Essen haben wir ja auch ja, E. C.: Ja klar war das schwer, Arbeit und Bau und wir wollten
415 jeden Morgen wir gucken: »Ach, ich ess heute das esse das ja auch mehr selber machen, das man weniger Geld brauch 475

und oder.« Und da sind die ja, besonders die ältere Leute, wei und gemauert, das kann mein Mann alles, gemauert und hat
die haben ja, (flüstert) die haben gar nix ( ), schlimm. Und auch mein Bruder geholfen und seine Brüder und gemauert
dann denkt man schon, ich sag das die Zeit hat sich verän- haben wir selber, das Dach haben wir auch selber gemacht.
74 anhang b Interviews und Gedächtnisprotokolle

Ja gut, verputzt, so verputzen konnten wir ja nit und so die Das war so eine richtig schwierige Zeit, dann ich hab auch
480 Fliesen gelegt das haben wir alles selber gemacht, aber mit von so Tanten, das waren alles Cousinen von meiner Mutter 540

Hilfe von unseren Verwandten. äh, die haben auch alle keine Männer gehabt. Weil derzeit,
I: Hm. Hm das war genau so die Zeit wo keine Männer da waren, die
E. C.: … Ja zwanzich Jahre sind wie ein Hauch, sie sind so junge Männer, die wie meine Mutter alt waren, die waren ja
schnell vorbei.. Aber jetzt denken wir auch gar nit, naja schon auch im Arbeitslager, da waren ja sehr viele auch vor Hunger
485 lange aber so das äh.. nee wir haben überhaupt nit das wir zu- umgekommen und so, ja. 545

rück wollten oder was, nein, aber musste doch ne bestimmte I: Hm hm.
Zeit bis wir uns da so eingewöhnt haben, ja deine Eltern E. C.: Und derzeit waren überhaupt sehr wenig Männer, und
genauso wissen die auch, aber bei jedem anders weißt du, so. Weißt du das war so, ich kann das nit, das, das war da so
das kommt noch an auf die Menschen überhaupt wie die ein- die Zeit damals so.. Meine Tante die war auch nit verheiratet
490 gestellt sind und wie, wie was, das jeder hat seine eigene und meine Mutter hat auch und keine.. kein Mann gehabt.. 550

Meinung dazu. wir sind drei Kinder. Oder wie, ich weiß nit da, wie das damals
I: Hm. Die Menschen, wie wer eingestellt ist meinen Sie? war, die Eltern haben, das war ja so die äh, nit so wie jetzt das
E. C.: Ah eingestellt meine ich, wie du selber, zum Beispiel die alles erzählen oder was, das war eben nit äh und wenn die
sind ja Menschen die immer was zu meckern haben: »Aha Mutter das nit erzählt hat dann haben wir auch nit gefragt.
495 das gefällt mir nit, das gefällt mir« und sind ja Menschen die I: Hm. Hm 555

so positiv, die mehr positiv denken: »Ja«, ich weiß nicht, wir E. C.: .. Klar haben wir n Vater gehabt.. ja.. Ja so sind auch
sind mehr optimistisch und so ich war meine Mutter, die war auch immer krank weil die haben sich
I: Hm hm. Sich selber meinen Sie? ja da so erkältet, die war immer krank und die ist mit ein-
E. C.: und so überhaupt als wir ja.. alle die ganze Papiere undfünfzich gestorben und dann ist meine Tante gestorben
500 gemacht haben als wir kamen und so und äh, wie immer und die anderen Tanten die auch da in diesem Arbeitslager 560

so die Behörden und wie die Leute immer, ich weiß nit, zu waren, die sind alle sehr sehr früh gestorben, weil die alle
uns waren alle immer ganz normal, ja kann ich nit sagen krank waren.
das jemand uns da äh ausgeschimpft nee nicht ausgeschimpft, I: Hm. Im Arbeitslager in Tadschikistan?
überhaupt, jah ich versteh, ich weiß nit, haben immer erklärt, E. C.: Nee nee, Arbeitslager war in Sibirien, ja das war in
505 haben immer äh, eigentlich war, da kann ich nix sagen. War Sibirien… 565

immer alles gut und die haben sich auch so viel Mühe mit uns I: Und in Tadschikistan äh
gegeben, weil wir auch mit unserer Sprache und mit unserem E. C.: Da waren wir schon, das war schon dann Kriegende
Verständnis, weißt selber wie wir da gesprochen haben und und dann, da war schon.
die mussten dann auch rätseln was wir gewollt oder gemeint I: Wo haben Sie da gelebt, in der Hauptstadt?
510 haben. E. C.: Nein, wir waren da nit, wir haben in eine Kolchose da 570

I: Hm. gelebt. Hauptstadt war von uns – ich weiß nicht – achtzich
E. C.: Also wir können uns nit beschweren, ich weiß nit, war Kilometer Duschanbe…
alles okay Gut das hat die, immer was und da gegeben, wir, I: Weil in Duschanbe haben Sie gesagt, haben Sie gelernt?
vielleicht das und das aber im Grunde, im ganzen Grunde war E. C.: Nee, meine Schwester. Ich hab nur zehn Klassen ge-
515 ja alles gut. (6) macht und meine Schwester die hat, die ist vier Jahre älter 575

I: Em, Sie haben gesagt Ihre Mutter war mit ihnen alleine? als ich, die hat zehn Klassen gemacht und dann ist sie nach
E. C.: Ja. Duschanbe und hat da ein Beruf gelernt noch.
I: Und ab wann und was war mit dem Vater? I: Hm. Hm.
E. C.: Wir haben kein Vater gehabt. Ja gut, ich habe n Vater E. C.: Und mein Bruder der ist vier Jahre oder fünf Jahre noch
520 gehabt, aber… Unsere Mutter hat uns – das war ja früher so – jünger wie ich. Der wohnt jetzt auch hier in Vallendar und 580

gar nichts erzählt. Und wir wissen auch gar nit, gar nix. Und meine Schwester wohnt in Andernach.
jetzt derzeit will ich auch nix mehr wissen.. Wir haben immer I: Hm, alle beisammen.. Also sind Sie, in Tadschikistan haben
mit Großeltern zusammengewohnt eigentlich so.. so weißt du, Sie an diesem Ort wo die Kolchose war gelebt, die zehn Jahre
so behütete Familie waren wir, wir hat von keinem was, haben auch? Und snd da zur Schule gegangen?
525 keine Scherereien dann mit Männer oder mit was gehabt, nee. E. C.: Hm. Ja ja, war auch sehr schön.. Ja gut, wir als Kinder… 585

Wir haben nur zwei Männer gehabt (lacht), unsern Opa und I: Können Sie noch etwas über die Schulzeit erzählen?
unsern Onkel, dann, der wohnt jetzt auch hier in Lemgo bei E. C.: Schulzeit? I: Ja.
Bielefeld. E. C.: (6) Ja was, Schulzeit war eigentlich ganz gut, ich war
I: Hm, hm. faul zwar, konnte gut lernen, aber immer keine Zeit, weil ich
530 E. C.: Ja was heißt, weißt du, als dann, als diese unsere äh, bin immer auch zuhause, ja gut, zuhause müssen wir Mutter 590

meine Mutter und die alle andere dann meine Tante, die schon immer helfen nach der Schule dann, die Mutter war auf der
vom Krieg, vor dem Krieg verheiratet waren, da war ja gut, Arbeit, sie war auch krank und dann kamen wir von der Schule
dann sind die, mussten die dann nach Sibirien, aber mit der alles, mussten wir auch, ich hab auch so früh kochen gelernt
Familie ja. Ja gut, einige Männer sind auch die, kommt drauf und alles. Und, ach gut dann sind wir dann abends dann wie
535 an, aber diese junge Mädels die dann in diese Zwangsarbeit, immer rumgesprungen, dann waren wir auf dem Sportplatz 595

dann diesen Arbeitslagern waren. Die kamen dann zurück, dann dann.. äh, waren immer draußen mit den Freundinnen
nach dem Krieg und ähm, Männer in so einem Alter wo jetzt dann immer pff, die meiste Zeit waren wir – wir haben ja
diese Mädels waren, waren ja keine da, die waren ja nit da. damals kein Fernsehen gehabt, nix.
Interview: Elvira Claus 75

I: Hm. I: Hm, war schön.. Und wie kam die Entscheidung nach Kir-
600 E. C.: A war schön die Schulzeit, schon in der Schule haben wir gisien zu ziehen? Ihr Bruder 660

auch zweimal ähm äh, überhaupt die Kinder, das hab ich so E. C.: Nee, der Onkel von meinem Ma, der Bruder von mei-
gut gefunden, überhaupt trotz dem wir deutsch waren haben nem, von meinem. Ja weil äh, ja klar die Mutter war alleine ja
die, weil wir fast äh alles Deutsche waren, haben die äh, haben und das, das hat er auch gesagt: »So weit von der Hauptstadt
die uns, das Ministerium hat erlaubt diesen Kindern von der ihr wohnt, die Kinder vielleicht lernen, müssen dann auch
605 zweiten Klasse an deutsch zu lernen. Und wir haben richtig noch«, obwohl meine Schwester ja schon in Duschanbe war 665

dann Grammatik, wir haben zwei Bücher gehabt, Grammatik und äh, und so das meine Mutter nit so alleine da, sagt er:
und äh diese Geschichte haben wir gelernt. Und äh, weil äh »Hier sind die ganzen Verwandten und so.« Und dann sind
die Deutschen und dann die, die anderen haben auch Deutsch wir, ist er gekommen und haben wir gepackt und sind dann
gehabt einmal oder zweimal in die Woche, die haben nur, – früher war das ja nit so kompliziert wie jetzt alles ja – und
610 so weißt du, wie Fremde, oberflächlich so, aber die deutsche dann sind wir nach Kirgisien gefahren.. 670

Kinder die, die konnten, die mussten dann, Deutsch lernen I: Ihre Schwester auch?
richtich. Haben wir dann auch ganz anders gelernt wie die E. C.: A die hat, die kam dann nach, die hat ja noch gelernt,
andere weil wir sind Muttersprache dann. die kam nach.
I: Hm hm.. War eine deutsche Siedlung? Oder gemischt? I: Achso, die kam später. Hm.
615 E. C.: Ja, das war gemischt aber ganz wenig, russische Fami- E. C.: .. Ja und dann ging schnell dann.. haben wir geheiratet 675

lien haben wir ganz wenig gehabt. Das waren alles Deutsche, mit meinem Mann. Mein Mann hab ich geheiratet der, mit
alles Hochdeutsche und dann, dann paar Familien Plattdeut- dem haben wir da in Sibirien noch als Kinder haben wir auch
sche wie wir sind. als Nachbarschaft gewohnt. Dann sind wir nach Tadschikistan
I: Hm. Und wurde auch Deutsch gesprochen dann? ausgesiedelt und er ist dann später mit seinen Eltern und mit,
620 E. C.: Überhaupt klar. auch mit, mein Onkel und meinem Mann sein Vater das waren 680

I: Immer? Freunde, und die sind auch nach Kirgisien, dann kamen wir
E. C.: Ja. Nur draußen, draußen wenn wir ins Kino gegangen nach Kirgisien, haben wir uns da wieder getroffen (lacht).
sind oder draußen da wo haben wir russisch gesprochen, weil I: Ah (lacht).
wir auch Russisch in der Schule gehabt haben so und dann äh, E. C.: Ja wir kennen uns von klein an und sind auch in einem
625 ich war noch paar Monate im Kindergarten und so, da haben Krankenhaus geboren, alles. 685

im Kindergarten haben die Frauen, die Kindergärtnerinnen I: (lacht) Und über Umwege dann wiedergetroffen.
alle mit den Kindern alles immer deutsch gesprochen. Die E. C.: Ja… Ja, dann geheiratet dann, ja was dann wieder, ja
tadschikische Kinder, die Tadschiken waren damals noch ganz müssen doch wo leben dann, ich hab gearbeitet, er hat gear-
zurückgezogen, die wohnten etwas weiter als das, als diese beitet, dann haben wir uns n Grundstück auch gesucht und
630 Deutschen, die haben eigenes Dorf immer gehabt da weil die dann haben wir wieder gebaut und ah.. 690

unter sich immer waren, und.. Dann da waren, damals derzeit I: Und Ihr Mann ist auch Deutscher?
waren ja selten, da waren ja keine, selten mal eine Familie viel- E. C.: Ja, hm. Auch Plattdeutscher.
leicht die ihr Kind in Kindergarten, aber so nit, die haben ihre I: Hm. Und Sie haben in der Nähfabrik gearbeitet? Und Ihr
Kinder selber erzogen. Und haben auch Deutsch gekonnt. Und Mann?
635 ne Zeit lang haben wir sogar Tadschikisch gehabt bisschen E. C.: Ja. Ah mein Mann der hat äh, der hat zwar n Beruf 695

Unterricht, aber dann.. Ja, das war, ich hab das gut gefunden gemacht als äh, als diese Landwirtschaft und Landwirtschaft
das wir in der Schule so viel Deutsch gehabt haben und so Maschinen da hat er ein Beruf gemacht. Ja ich weiß gar nit,
dann.. Ja, ( ) die Schul ja, wie immer, wie alle Kinder, das war drei Jahre oder wieviel, und äh, ja dann, gut der hat auch n
auch damals so, wir mussten zwar viel lesen, viel Geschichte, bisschen gearbeitet und dann wurde er in Militärdienst ein-
640 viel auswendig lernen, viel Aufsätze haben wir geschrieben gezogen, das war damals dreiundhalb Jahre, und als er dann 700

und ähm, das Programm war überhaupt sehr, wie man sagt so, zurückkam, dann hat er, dann hat – ich weiß nicht – nee,
richtig dicht aneinander alles weil, weil wir diese Zeit, diese als er den Beruf gemacht hat dann hat er schon den Führer-
zwei Monate diese Baumwolle ja geropft haben. schein gemacht, und dann hat er, ist er, Reisebus gefahren,
I: Hm hm. nach Taschkent, nach Isikul, Almata überall da, hat n Reise-
645 E. C.: Und dann mussten wir alles nachholen, und dann haben bus und so is er, der hat ja auch im, im da in Russland waren 705

wir von der vierten Klasse an dann haben wir jedes, wenn so Arbeitsbücher, da hat er nur, ich meine nur eine Eintra-
zum Beispiel das Schuljahr zu ende ging, dann haben wir gung, dann und dann ist er gekommen, dann und dann (lacht)
immer Examen gemacht. Weil das wir tatsächlich diesen Stoff neunundachtzich hat er, ist er entlassen worden. Aber sonst
dann begriffen haben und alles da, das war bei uns so. War hat er immer da gearbeitet. Hat auch gut verdient, nur der
650 eigentlich, die Schule war gut. Ja derzeit noch, weißt du das einzige Nachteil, der war sehr selten zuhause, vielleicht zwei 710

wir dann immer Weihnachten hat ähm von der Kolchose von drei mal die Woche.
der Schule dann, haben wir ein großen Sportsaal gehabt da I: Hm. Hm.
in der Schule, dann haben wir ne riesig Tannenbaum und E. C.: Der war immer unterwegs. Hat gut Geld verdient aber,
dann hat, hat ja noch diese, die Schule und die Kolchose, dann ja… Haben uns auch ein großes Haus gebaut, haben wir so
655 haben die für die Kinder, da waren Leute zuständig für die richtig schöne Möbel gehabt und so, (naja) wie so junge Leute 715

Kinder dann, umsonst ohne was zu bezahlen haben die allen so, weißt du wenn man, ach das braucht man, das braucht
so Tüten gemacht, mit Süßigkeiten, mit Äpfel da alles, das man und hier (lacht) jetzt haben wir alles, jetzt brauchen wir
war.. nix, nur Gesundheit.. naja
76 anhang b Interviews und Gedächtnisprotokolle

I: .. Wo haben Sie dann in Kirgisien gelebt, was war das? ausgelassen, dann haben wir Griebenschmalz gemacht, dann
720 E. C.: Da haben wir auch, da haben wir in, da waren wir haben wir Hackfleisch gemacht, Frikadellen gemacht, dann 780

Hauptstadt und äh.. vielleicht äh, wie so, das hieß bei uns Dorf haben wir das gemacht, dann, alles verarbeitet so. Als wir
aber wir waren so, wie das hier in Deutschland heißt Stadtteil nach Kirgisien kamen und die Russen die haben eine ganz an-
von Frunse da, wir haben, ich hab auch in der Stadt gearbeitet, dere Mentalität, die haben das ganz anders, dann haben wir,
mein Mann auch und wir haben auch diese Stadtbusse, sind von Anfang an war – ich war ja noch ein junges Mädel, (mir
725 bei uns da. Und dann die letzte Zeit acht Jahre hab ich da im kam das auch vor) – äh Schwein geschlachtet. A wir haben 785

Rathaus gearbeitet. heute auch n Schwein geschlachtet und dann haben wir schon
I: Hm. Und das war wieder eine deutsche Siedlung dann, wo Fleisch so, ich dachte: » Oh, wie kann man so schnell Schwein
Sie dann schlachten?« Bei uns hat das ein ganzen Tag gedauert. Ja ich
E. C.: Nein, da war schon dann, da waren auch viel Deutsche, sag: »Wie habt ihr denn?« »A ja wie, wir haben das Schwein
730 besonders auch Plattdeutsche unsere dann viel und Hochdeut- geschlachtet und haben wir das aufgehangen in äh«, die haben 790

sche waren auch und Russen und Kirgisen und Türken, da so Scheunen gehabt aber zu mit. Ich sag: »Wie aufgehangen?«
war schon sehr viel auch… Aber eigentlich, ich weiß nicht, wir Haben die das Fleisch abgehangen, ja. Nicht aufgehangen, ab-
haben, sind alle so gut miteinander ausgekommen. Jeder hat gehangen so das Fleisch das Schwein. Und dann wenn sie das
zwar zuhause die Sprache gehabt, die äh wie man sagt die Fleisch – ja der Schwein wurde ja immer im Winter, zum
735 Mentalität, aber so auf der Arbeit und so und in der Schule Winter geschlachtet – ja das Fleisch gefroren, dann wenn die 795

waren wir immer… jah (18) Fleisch gebraucht haben sind die einfach, haben sich n Stück
I: Wenn Sie sich die Gesellschaft dort, in, die meiste Zeit abgeschnitten. Bei uns, ich hab mich immer gewundert und
haben Sie in Kirgisien gelebt, noch mal so vor Augen halten dann die Mädels und dann hab ich, wenn wir Schwein – ich
und.. ja, was für ein Bild von dieser Gesellschaft haben Sie, war die, nee wir waren zwei Deutsche da im Rathaus – und
740 was kommt Ihnen hoch em, was war’s wichtig den Menschen, dann haben und ich sag: »Ah und wir schlachten dann Wo- 800

was war ihnen wichtig vielleicht zu erreichen oder chenende Schw«, wir haben immer Wochenende geschlachtet,
E. C.: Ach was kann ich sagen, eigentlich da im Rathaus als Samstag: »Ah Olga wann«, dann haben wir alles gemacht und
ich gearbeitet habe, wir waren da zehn Mann und alle haben haben wir Wurst gemacht und Leberwurst gemacht und in
Familie gehabt und äh, eigentlich die Leute waren alle so, ich den Gläsern haben wir Fleisch gemacht und alles haben wir
745 meine jeder hat dann äh.. ich meine, da waren die Leute ähm dann Frikade, und dann hab ich Montag immer auf die Arbeit 805

irgendwie anders wie hier zum Beispiel, die waren, da waren alles gebracht, dann haben wir gegessen, dann haben die sich
wir so äh, mehr zusammen mit den Leuten, ich meine äh zum gefreut und dann haben die gesagt: »Und so jetzt, wenn wir
Beispiel wenn, sogar zum Beispiel wenn morgens haben wir nächstes Mal schlachten, dann kommst du und dann zeigst du
auch Frühstückspause gehabt und haben wir gefrühstückt, wir uns das alles.« Dann sind wir gekommen, äh wir haben – ich
750 haben nit so gefrühstückt zum Beispiel wie hier, jeder holt hab auch ne Freundin gehabt die ist auch Deutsche und ihr 810

äh das Frühstück raus was du da gebracht hast, isst selber Mann ist meinem Mann sein Cousin und wir waren ja alle
und das war’s. Damals war das, das war, ich meine wir da befreundet und so und dann kamen wir, dann haben wir
haben, wir waren immer so zusammen wie eine Familie, gezeigt, dann haben wir die Därm mussten wir die, den Darm
wir haben, jeder hat was mitgebracht, aha dann haben wir vom Schwein mussten wir ja sauber erstmal machen um zu,
755 geguckt die Zeit, haben wir äh Elektrokocher aufgestellt, dann und so und dann haben wir alles, und eigentlich waren die 815

haben wir alles auf den Tisch gestellt, dat hat alles, ich hab Frauen uns sehr dankbar das, sagt sie: »Siehst du, wir haben
zum Beispiel das, ich hab Marmelade mitgebracht, die andere: das immer so gemacht und ihr habt das ganz was anderes
»Ach ich geh mal schnell Brot kaufen«, das war jetzt, haben gemacht, ihr habt alles alles verwertet«, ja, das man das nach-
wir hier in der Nähe, die andere hat Wurst mitgebracht, die her, zum Beispiel Schmalz ausgelassen, dann in Gläser, dann
760 andere hat Speck mitgebracht, die andere hat ein paar Eier haben wir die mit Deckel zugemacht und das konnte ja dann 820

mitgebracht. Wir haben dann alle immer zusammen, das gab n ganzes Jahr stehen, sogar länger und das ist ja nit schlecht
es nit bei uns so das einer selber isst. Wir haben, da war ja geworden. Eigentlich so, und jeder hat voneinander was ge-
alles Gemeinschaft, da haben wir alle zusammen gegessen lernt, ach einer, und ich koch das und ich mach das, nicht nur
dann haben wir schnell alle zusammen abgeräumt und das von Kochen meine ich und ähm, was ja bei den Russen so ist,
765 war’s. die sind sehr gastfreundlich und ähm, wenn du zu denen zu 825

I: Hm. Besuch kommst, dann geben die dir das letzte Stückchen das,
E. C.: Und die Leute waren, wie waren die Leute, die Leute, die verstecken das nicht im Kühlschrank für sich, dann kriegst
jeder hat äh äh, ja jetzt diese Zeit haben die Leute sich auch du das, weil du zu Besuch gekommen bist. Ja, und.. also, war
ganz verändert aber die Leute waren, ich meine wie man schon, oder wenn zum Beispiel äh nach der Arbeit jemand
770 sagt… naja anständig, ja wie, wie man sagt ja anstä, ich meine auf den Basar gefahren ist oder zum Beispiel »Ah wir müssen 830

anständig, jeder hat gesorgt für die Familie das, das die Kin- jetzt pflanzen Paprikapflänzchen oder noch was«, dann hat
der in die Schule, das besser das die zuhause helfen, weißt jeder, dann kam jeder dann: »Brauchst du welche, brauchst
du jeder hat sich bemüht ähm.. immer was zu machen, jeder du welche?« »Ja.« »Wieviel soll ich mitbringen?« Dann hat,
hat, einer hat von den anderen ab, ah was machst du, zum zum Beispiel, ich hab das dann nit nur für mich gekauft, dann
775 Beispiel wir Deutsche wir haben das von klein an gelernt zu haben wir dann zusammengelegt und dann hab ich anstatt 835

( ), zum Beispiel wenn wir Schwein geschlachtet haben, dann zwanzich Pflänzchen hab ich dann hundert Stück gekauft, je-
hat Opa das, dann haben wir alles vorbereitet, alles gemacht, dem dann, dann hat jeder abends dann gepflanzt und so und
dann hat Opa Schwein geschlachtet dann haben wir Schmalz dann waren alle glücklich (lacht).
Interview: Elvira Claus 77

I: (lacht) zusammen.
840 E. C.: Doch, das war ne gute Zeit und eigentlich die Menschen I: Hm (lacht). 900

die waren auch und.. wenn du dann zum Beispiel äh, das war E. C.: Weil das war ja damals die Zeit so da haben die noch
ja auch nit so wie hier, das Brot oder Wasser ging man zum Arbeit gehabt und ja bis jetzt ist, sind die noch dran. Mein
Nachbarn: »Ach hör mal, ich hab Besuch gekriegt, kannst du Mann ist jetzt, der wird jetzt im September zweiundsechzich,
mir dann ein Leib Brot leihen oder noch Wasser?« Also jeder wer weiß, ja gut bis fünfundsechzich muss man aber das ist
845 war freundlich und das, kann man nit sagen, ich hab das nit ja jetzt schon, ich meine für ihn kein Problem wenn er auch 905

erlebt, ich weiß nit. Vielleicht war das bei jemand auch anders, jetzt, die haben voriges mal, (Jahr) bei denen dreißig Leute
ich sag ja alles wer, bei einem so, bei einem, eine haben im entlassen, aber er ist ja geblieben und wenn er auch entlassen
Ort gewohnt, die andere haben in der Stadt gewohnt, da war wird dann, das ist ja jetzt, der ist ja schon zweiundsechzich.
ja auch ganz anders in der Stadt. Das wird keine Tragödie sein, deswegen sag ich ja mit der
850 I: Hm. Arbeit. Aber bis jetzt sagt er: »Ja, vielleicht mach ich noch ein 910

E. C.: Ich weiß das nit, aber bei uns hier war schon Jahr bis dreiundsechzich, was die sagen dann«, sagt er: »Jetzt
I: Gearbeitet haben Sie in der Stadt? ich kann ja noch arbeiten und bin ja noch«, mein Mann kann
E. C.: Ja früher als ich noch ja, und dann hab ich, ja gut auch nit ohne Arbeit und.. Ja
als die Kinder dann zur Schule gingen, dann hab ich ja da I: (lacht) Hm (5). Nochmal zurück zur äh.. Gesellschaftsort äh
855 umgewechselt in Rathaus. Rathaus war von unserm Haus also in Kirgisien dann, wie war das, könnten Sie sagen wer 915

fünf Minuten musst ich nur zu Fuß gehen. Und dann hab ich war da in Anführungszeichen Verlierer, wer war Gewinner in
in unserem Ort wo wir gewohnt haben dann im Stadtteil da Anführungszeichen auch in dieser Gesellschaft, wer hat, wer
war das Rathaus und da hab ich gearbeitet. A war interessant hatte von vornherein vielleicht auch die besseren Chancen im
da mit Leuten zu arbeiten, da kamen ja die ganze Einwohner Leben?
860 die da im Stadtteil wohnten, und einer braucht das, wir haben E. C.: Hm, ja ich meine, meine Meinung das das hing ja alles 920

ja da alles, wir haben da diesen Steuer berechnet und alles von zum Beispiel von dir ab, wenn du dich selber bemüht hast
und die haben da das Geld gezahlt für was da für Gebäude, und äh Beruf gelernt hast, studiert hast, ja, aber ja, das war
für Haus, für Grundstück. Dann haben wir Abteilung gehabt früher ein bisschen ähm.. von meine Zeit kann ich nit sagen,
wo man die Geburtsurkunde, Sterbeurkunde, Heiratsurkunde weil ich hab nit studiert und ich hab das auch nit probiert,
865 gemacht hat, dann haben wir ne Abteilung gehabt da haben vielleicht, aber viele die, aber ja, ja gut wenn man, wenn man 925

wir die Anmeldung Abmeldung gemacht, dann haben wir ne Studium, dann haben die schon geguckt oder n Beruf, einige
Abteilung gemacht äh, das war wo sich zum Beispiel die Jungs waren ja auch nit so sehr freundlich dann haben die geguckt:
zum Militär anmelden mussten da ja, nu Verschiedenes haben »Ach Deutsche, ja!« okay, ja gut, aber.. so sehr gravierend war
wir da, das haben wir alles da im Rathaus gemacht. Da war das auch nit, wenn du gewollt hast und, ja dann hast du das
870 eigentlich, das war interessante Arbeit, haben wir sehr viel auch gemacht. Und waren viele von unsere Deutsche die, aber 930

mit Leuten zu tun gehabt… klar, wenig. Genauso wie jetzt hier als wir nach Deutschland
I: Hm.. Ja von Ihren Kindern haben Sie erzählt, aber wann kamen hat sich ja auch fast keiner nit getraut und so ja auch,
sind die geboren und das waren auch Schwierigkeiten mit der Sprache und so. Aber
E. C.: Kinder. Ja ich hab zwei Töchter, eine ist äh neunzehn jetzt gucke mal von unseren Bekannten, von euch, gucke mal,
875 hundert siebzich geboren, die wohnt bei uns im Haus hier, ja ihr Kinder und so, wieviel studiert schon! Das ist ja wenn 935

die hat als wir nach Deutschland kamen war die neunzehn, man hört: »Das ist ja wenn man hört, die studiert, die, die.«
die hat auch zehn Klassen gemacht und dann hat die ein Jahr Das haben wir ja früher, die erste Zeit haben wir das gar nit
da gearbeitet, auch in einem Büro, und dann kamen wir nach gehört. Guck mal wie das, und das war auch, ja gut in, das war
Deutschland und dann haben wir Sprachkurs gemacht, die ja, aber in unsere Zeit konnte man schon wenigstens Beruf
880 war ja auch mit Mama Papa, wir waren ja alle zusammen und so, konnte man machen und haben auch viele gemacht. Deine 940

dann hat die als Köchin gelernt in der, bei uns hier in Koblenz Eltern haben ja auch, Mama hat ja Krankenschwester, Papa
in der Friedrichstraße oder wo das war und äh, ja gut die hat hat ja auch gemacht, ja.
nur Praktikum gemacht so nach der Ar, nach der, und dann I: Hm.
äh hat sie sich mit nem Mann bekannt gemacht und und äh, E. C.: Ich hab das nit gemacht. Mein Mann hat ja auch wenigs-
885 ja ist schwanger geworden und.. hat auch quasi in dem Beruf tens Beruf dann, haben die Leute ja mein, meine Schwester 945

gar nit so gearbeitet, weißt du. die hat n russischen Mann, der hat auch n Beruf und meine
I: Hm hm. Schwester auch und äh, ja. Kommt drauf an wie du, überhaupt
E. C.: Und jetzt sind die Kinder ja schon dreizehn und vier- das hängt ja alles auch noch, gut vom Menschen auch ab. I:
zehn. Und, ihr Mann (ihr) der war auch Koch, der hat auch als Hm hm.
890 Koch gelernt, der ist n hiesiger Deutscher ihr Mann, und jetzt E. C.: .. Ja gut, aber die, die Deutschen sowieso, besonders 950

arbeitet er mit meinem Mann auf der Firma Bauer in Koblenz, die Eltern so, wir haben uns sowieso wie die zweite Sorte von
weil als Koch.. verdienen die gar nix, ehrlich zu sagen gar nix. Menschen gefühlt. Äh.. ja das war ja, das war ja alles immer,
Nur wenn du dein eigenes Geschäft hast, aber so, und das das war ja immer dazwischen stand ja der Krieg. Obwohl
ist auch ne sehr schwere Arbeit aber, und eine Tochter war die Russlanddeutschen nix damit zu tun gehabt haben. Aber
895 siebzehn, die hat auch, die war hier in der Berufsschule in weil die Deutschen ja äh.. Russland überfallen haben. Die 955

Koblenz, ja, ist auch verheiratet aber hat keine Kinder und haben ja angefangen.. Ja klar, und wir Deutschen dann mitten
ist jetzt auch in Koblenz und arbeitet in Metternich und ihr in Russland ja. Klar, das hätte ja, jedes Land mein ich hätte
Mann, der arbeitet auch bei meinem Mann, die arbeiten alle das so gemacht dann ja, äh Hass auf die Deutschen. Das ist
78 anhang b Interviews und Gedächtnisprotokolle

selbstverständlich.. Ich meine das so ja, das wenn man sich E. C.: (4) Ja äh, ja bestimmt irgendwo, ich weiß nit, ich war
960 auf der, dann sind auf einmal, kamen Deutsche und haben da ja nit so mit de.. sozial, ähm wat meinst du jetzt sozial das, 1020

angefangen die Leute zu äh erschießen und so ja, »Was wollt das die sich so eingesetzt alle haben oder was? (4) I: Also äh
ihr denn im fremden Land?«, da kann man ja auch so logisch E. C.: .. Ich weiß nicht, das war zwar da, ich hab zum Beispiel
denken. Aber das ist auch Geschichte, das ist alles Geschichte. im Rathaus gearbeitet und äh, zum Beispiel da waren ja auch
Da kann man nix machen, das ist Geschichte.. Klar früher, ich Leute die zum Beispiel, jeder hat n bestimmtes äh.. bei uns
965 kann das nit erzählen weil das war ja, du hättest, weißt du, die war das immer so Straßen oder was gehabt, ja. Du bist dann 1025

etwas älter sind ähm, die konnten dann erzählen wie schwer verantwortlich, wenn diese zum Beispiel die Leute dann mit
die das gehabt haben, siebenunddreißig neununddreißig wo den Nachbarn Konflikte haben oder so, dann kommen die im
die die ganzen Männer abgeholt wurden und dann sind die Rathaus, dann musst du bist zuständich für den Quartal, Quar-
verschwunden auf Niemehrsehen. Ich weiß nit, wir haben ja tal hieß das bei uns, und du musst dann das alles regeln, und
970 das nit erlebt. das die sich nicht streiten und das, weißt du so. Doch, warum 1030

I: Hm. nit, das war so, das war ja sogar, das war ja unsere Arbeit auch,
E. C.: Den Großvater von meinem Mann haben die auch da im Rathaus, das äh, wenn du da gewählt wurdest und das
siebenunddreißig eingezogen und der wurde, und der war hieß da im Rathaus so, und dann haben die auch und dann,
auch, der ist da im Gefängnis gestorben, für was, wozu, hat oder jetzt ist das ja ich weiß nit, aber früher dann zum Bei-
975 hier keiner gewusst. Und das war ja so. Deswegen sag ich ja, spiel waren ja auch so, die getrunken haben Männer und (die 1035

deswegen haben die Leute, die Deutsche – wir sind dann ja nit), aber gearbeitet haben fast alle. Dann kamen die, dann
schon die Nachkömmlinge – aber die haben ja auch von alles sind die nach Hause gegangen zu denen und gefragt: »Warum
dann Angst gehabt, die Deutschen ja, nur in kein Konflikt, arbeitest du nit?« und so. Und dann sind die mit ihm auf ne
kein nix, nix sagen, nix, ja das, aber ich meine das war ja Firma gefahren und haben gesagt: »Ja, Sie müssen den Leuten
980 überall so, während des Krieges, vor dem Krieg und so. helfen.« Die Firma hat die sofort eingestellt und haben gear- 1040

I: Hm (7). (Der Ehemann kommt rein) beitet, dann sind diese Verantwortliche sind dann nach Monat
E. C.: Was ist (lacht)? oder sind die dahin gefahren, haben gefragt: »Kommt der zur
I: … Also war’s äh, ja in gewisser Weise war es schon beson- Arbeit, was macht der, wie führt er sich auf, was macht?« Ja
ders irgendwie auch als Deutscher dort zu leben? das äh, naja gut, das war alles im Laufe der Arbeit so, weißt
985 E. C.: Em, bei uns war das nit so schlimm, weißt, bei uns war, du. 1045

die haben das weil, ich sag ja, weil wir immer in so Gebieten I: Hm. Die Verantwortlichen, wer waren das?
gewohnt haben wo viel Deutsche waren und dann, da haben E. C.: Ja die Arbeiter die da im Rathaus gearbeitet haben. Die
wir das nit so gemerkt ja, wie einige erzählen: »Ach das«, haben ja auch so ( ), ich war nit bei dene in dem drinnen
vielleicht war das auch so, ich weiß das nit, aber bei uns äh… weil, und sie waren ja, dann waren viele dann ähm, da haben
990 eigentlich sogar die Russen und die Kirgisen und so, die haben auf unserem, auf unserem Territorium waren ja auch Firmen. 1050

sogar immer: »Ah die Deutschen die haben immer Ordnung, Diese Firmen, die bei uns auf diesem Territorium, die waren,
die haben immer«, weißt du so, ja das war wahrscheinlich die kamen ja auch immer alle zusammen zu Sitzungen und
überall so. alles, und jede Firma hat dann Aufgaben gehabt, ja das und
I: Hm. das und das, da das zum Beispiel wenn auf der Straße da, das
995 E. C.: Nein, uns hat da keiner nit wie, wir waren da auch ist ja nit so wie hier, da ist äh, da liegt n Haufen Schutt und da 1055

sehr glücklich.. Bis da jetzt alles da umgestellt wurde und so. und da und dann, wenn dann Frühling dann, aja müssen wir
Waren ja auch alle zusammen immer, und dann als das anfing dann wieder die Straße entlanggehen dann sagen dem und
mit dem Auswandern, ja dann klar, dann haben alle Hals dem was da, das sie alles aufräumen, weißt du, so war das so.
über Kopf: »Schnell schnell so, bleiben wir hier alleine und I: Hm. Hm.
1000 die Verwandte sind schon alle weg und..« Ja jeder hat, jeder E. C.: Das war schon auch ne Aufgabe für, für die Leute und 1060

hat dann was anderes zu erzählen, weißt du. Einer wollte dann, die gewählt wurden oder wie das da war, und dann
schon ein paar Jahre vor dann fahren, hat sich da schon alles, haben die das auch das alles einigermaßen in Ordnung ist
der andere hat, zum Beispiel wir haben uns überhaupt nie was und die Straßen aussehen, dann haben die geguckt, da war ja,
gedacht. Und das kam so plötzlich zu uns und dann waren wir die Straßen waren ja nit Asphalt oder mit Steine belegt oder
1005 so, war, ja gut wir dachten: » Ach, die andere fahren, ach, das so, da musste man schon selber sorgen für das Ordnung oder, 1065

ist ja, ach«, ja, und dann auf einmal sind alle weg, ja dann.. dann ein Nachbar bringt ein Sack und schüttet das auf die
aber waren ja Leute die schon, so wie wir gehört haben, die Straße und die andere dann noch n Haufen und noch, dann
haben schon zehn Jahre gekämpft und soo das die raus, und kann kein Auto vorbei, weißt du so. So Ordnung und so, klar,
das war ja nit so einfach früher, die Grenzen waren ja alle zu, da haben die immer gemacht.
1010 und die wollten und so, und dann haben wir das auch (nit) pff.. I: Hm, hm. 1070

Und obwohl die Tante von meinem Mann da war schon zehn E. C.: … Doch ich kann nix von unserer Zeit kann ich keine
Jahre und wir haben, wir haben gar nix, gar nit, gedacht das Inzidenten erzählen (weiß ich nit), die haben so viel Nationa-
wir mal zu Besuch oder, für uns war das unendliche Weite litäten und immer gut alle miteinander ausgekommen (7).
und wer weiß wo das war. (Enkeltochter kommt rein) »Hallo.« I: Hm
1015 »Hallo mein Schatz. Willst du wieder (reiten) Jeanette?« »Nein, E. C.: Aber wie man sagt ja, die Leute sind eigentlich alle 1075

ich geh zuhause.« (geht wieder) gleich. Deutsche, Russen, bei jedem – klar die Mentalität ist
I: Und war es den Menschen da wichtig irgendwie politisch, anders – bei jedem sind auch solche Leute auch solche Leute,
sozial, gesellschaftlich aktiv zu sein? weißt du, das ist bei jedem Volk so…
Interviewprotokoll: Jakob (und Lydia) Egert 79

I: .. Wie wurden bei in Ihrem Leben wichtigen Angelegenhei- nett und keine ( ), kein, weiß ich nit.
1080 ten die Entscheidungen getroffen? I: Gut das.. soweit äh.. wenn Sie nicht noch irgendwas zu 1140

E. C.: Was meinst du jetzt wichtige (Sachen)? ergänzen haben..


I: Naja, oder mehr oder minder wichtige.. Umzüge, Arbeits- E. C.: Nein.
stelle, Schule der Kinder und.. Heirat. I: Hab ich keine weiteren Fragen mehr und bedanke mich für
E. C.: So wie, ach das war ja, selbstverständlich so die Schule das Gespräch.
1085 war eine, wir haben im Dorf zwei Schulen gehabt, zwei große,
meine Kinder sind in die Schule, die war bei uns direkt ge-
genüber, sind die da zur Schule gegangen da, das war ja kein B.5 Interviewprotokoll: Jakob (und Lydia)
Problem… Das hat man alles gemacht wie, ja gut.. klar haben Egert
unsere Eltern zu uns auch immer gesagt: »Mädels, wenn ihr
1090 heiratet, heiratet Deutsche, keine Russen!« Das war der Spruch Bei der telefonischen Anfrage für einen Gesprächstermin ist
allen Eltern. Die russischen Eltern haben gesagt: »Jungs, hei- Herr E. gern zu einem Gespräch bereit; er ist sehr offen und
ratet nur nit deutsche Mädels!« zuvorkommend und meint dass es ein interessantes Gespräch
I: Hm (lacht). werden würde. Schon während des Telefonats fragt er auch
E. C.: (lacht) Aber keiner hat darauf gehört und deswegen nach meiner Herkunft und erkundigt sich nach meinen Eltern;
1095 waren auch so viel Mischehen und… Das hat schon jeder, kei- wo sie herkommen, wie alt sie sind, wo sie arbeiten…
ner hört auf die Eltern, jeder hat seine Entscheidung getroffen, Wir vereinbaren einen Mittwoch als Termin für das Ge-
meine Schwester zum Beispiel hat n russischen Mann gehei- spräch. Da die Verkehrsanbindung mit öffentlichen Verkehrs-
ratet, ich hab ja n Deutschen, mein Bruder auch und.. Ja, was mitteln nach Friesenheim ungünstig ist, schlägt Herr E. mir
Entscheidungen, wir haben immer zusammen mit meinem vor, mich nach der Arbeit mitzunehmen. Wir machen einen
1100 Mann, ja das machen wir und, klar haben wir immer zusam- Treffpunkt im Zug aus, der etwa eine halbe Stunde bis zum
men. Weil alleine, was kannst du alleine schaffen oder was, nächstgelegenen Bahnhof fährt. Dort steigen wir ins Auto
nein das muss man ja alles immer bereden und besprechen und fahren nochmal fünfzehn Minuten nach Friesenheim zum
und wie und was, is nit so einfach. Haus von Familie E.
I: Hm (10). Jetzt Sie ja, wie gesagt zwanzich Jahre schon hier Im Zug erkennen wir uns auf Anhieb (nach einer kurzen Be-
1105 und haben ja die Gesellschaft hier nochmal kennengelernt. schreibung am Telefon). Herr E. sagt, er habe mich aufgrund
Und Sie haben schon angedeutet das es große Unterschiede seiner Intuition erkannt; er würde sehen, dass ich eine Aus-
gibt oder gab und wie würden Sie die Gesellschaft hier be- siedlerin bin, da ich ihm zugelächelt hatte und damit Offenheit
schreiben? gezeigt habe. Das sei für »unsere Leute« typisch. Wir unter-
E. C.: Wenn man ehrlich sagt, wir sind äh, auch selten mit so halten uns über Herrn E’s. Arbeitsweg mit Zug und Auto.
1110 in so Gesellschaften äh, wir sind meistens unter uns. Gut äh, Dann fordert er mich auf, etwas über mich zu erzählen. Ich
nee gut, auf der Arbeit und so, doch, aber… eigentlich ganz erzähle ihm von meinem Studium und er fragt mich nach
normal. den Berufsmöglichkeiten, die ich ihm ziemlich breit darlege.
I: Naja vielleicht, könnten Sie die bedeutenden Unterschiede Daraufhin stellt er fest, dass ich beruflich viel mit Menschen
zwischen den verschiedenen, hier in Deutschland und dort? zu tun haben werde und sagt, er habe da etwas für mich, das
1115 E. C.: Naja, jetzt so viel Zeit ist schon vorbei, ich weiß gar mich interessieren könnte; er würde es mir aber erst zu Hause
nit… Ja klar, wir haben ja ganz andere, ich meine, haben ge- erzählen (neben uns sitzt im Zug auch ein Arbeitskollege von
habt vorher, früher auch äh, weil wir ja anders erzogen sind Herrn E.). Damit könnte ich auch »unseren Leuten« etwas
(Ehemann kommt ins Zimmer und schaltet den Fernseher an) Gutes tun. Während der Autofahrt reden wir u.a. über über
Wir, und das bleibt ja in einem drin, weißt du diese dieses äh, eine Fernsehsendung, die Herr E. gelegentlich anschaut und
1120 das prägt ja einem wie zum Beispiel unsere Kinder oder Enkel- in der Familien gezeigt werden, die auswandern. Er erzählt
kinder die sind ja auch ganz, die sind ja schon hier integriert, von einer Familie, die nach Australien und einer Familie die
die Enkelkinder die, genauso wie ihr schon. nach Paraguay ausgewandert ist. Beide haben dort gut Fuß
I: Hm gefasst und sehr schöne Häuser gebaut.
E. C.: Und so, für uns ist das ja klar ganz anders. Aber jetzt Als wir ankommen sagt er kurz vor der Haustür, dass ich
1125 derzeit kann ich gar nix sagen warum, ich weiß nit.. eigentlich jetzt auch seine Frau kennenlernen würde; er habe lange nach
(Fernseher wird lauter gestellt) (20) ihr gesucht (hat mit 29 Jahren geheiratet) und die Beste gefun-
I: Also wenn Sie da nicht, nichts weiter zu sagen den.
E. C.: Ah nee, ich weiß ja gar nit, naja gut du stell dann, Als wir reinkommen, begrüßt uns Frau E. sehr freundlich.
keine Ahnung, ich weiß das nit. Sie bietet mir etwas zu trinken an und stellt mir Fragen zum
1130 I: Nee, ist ja auch okay, ist ja auch ne schwierige Frage. Kennenlernen, während Herr E. sich umzieht. Sie hat Lasa-
E. C.: Weil ich sag ja, wir sind äh, wir haben sehr viel Ver- gne gemacht, die sie nun auftischt; ich bin satt, aber esse ein
wandte und sehr viel Freunde und äh, sind auch meistens Stückchen mit, wozu ich sehr gedrängt werde. Das Ehepaar
immer zusammen. Und ja gut, wenn wir was feiern oder was bietet mir (auch schon beim Telefonat mit Herrn E.) das Du
oder so, wir laden ja, sind ja auch hiesige Deutsche immer an, worüber wir uns noch eine Weile beim Essen unterhalten
1135 dabei, weil wir ja auch n Schwiegersohn haben und so, kein (Frau E.: Früher hat man auch die Eltern gesiezt, was sie der
Problem und laden auch von der Arbeit ein oder so oder zum Mutter gegenüber bis heute noch macht – »so hat man das
Beispiel vom Sprachkurs diese Lehrerin als ich fünfzich war gelernt.« Sie hatte mit ihrer Mutter mal darüber gesprochen,
haben wir auch eingeladen und so. Ganz normal.. alle auch sie zu duzen, aber diese habe mit den folgenden Worten ab-
80 anhang b Interviews und Gedächtnisprotokolle

gelehnt: »Ich hab doch nicht mit dir zusammen die Schweine zigster Juni neunzehn hundert zweiundfünfzich im damalige
gehütet, dass du mich jetzt duzt.«). Das Du ist ihnen viel lieber,
Sowjetunion, in die Stadt Krasnojarsk. Schöne, wunderschöne
weil es auch wärmer und näher ist. Stadt, auch eine Brücke, Marmorbrücke über Jenissei, da gibt’
Nach dem Essen beginnen wir mit dem Interview. Herr E. so Fluss Jenissei.. und am Abend das ist so wunderschöne Aus-
holt dazu einige Unterlagen von der Rentenkasse hervor, um sicht über den Fluss. Ja, und wie gesagt die Marmorbrücke die 30

sich scheinbar daran zu orientieren. Dort ist aufgelistet, wel-war was besonders schönes gewesen, wir sind viel spazieren
cher Beitrag ihm von den jeweils verschiedenen Arbeitsstellen gegangen, an einem Ufer am Fluss, am anderen ( ), die Stadt
für die Rente zuerkannt wurde. Daraus kann er ableiten, wann hat sich auf zwei Teile aufgeteilt, ähm lewi Bereg, prawi Bereg
er wo gearbeitet hat. Er konzentriert sich so sehr darauf, dassja.
ihm grobe Fehler unterlaufen. Ich habe den Eindruck das diese I: Hm. Links und rechts. 35

Unterlagen ihn sehr ablenken und ihn auch an einer Erzäh- J. E.: Links und rechts, so haben sie gesagt und so haben sie
lung hindern. Herr E. versteckt sich hinter den Unterlagen, auch genannt ja. Ja und wir haben auf der rechten Seite gelebt
die ihm offensichtlich zum Abbau von Nervosität dienen. vom Fluss. Ja, nicht weit.. Ja das ist so eine russische Siedlung
Während des Gesprächs sitzen wir am Esszimmertisch. Zu- gewesen damals, Saton hat geheißen, ja und da wohnen meine
nächst sitzt Frau E. dabei und wirft hier und da etwas ein, Eltern noch, da is so in Baracken haben sie dann gewohnt, ja 40

dann setzt sie sich im selben Raum auf ein Sofa, das um die mit dem Großvater, meine Eltern und dann haben sie auch
Ecke steht. Später setzt sie sich wieder zu uns an den Tisch uns bekommen, die Kinder, das war
und steht wieder etc. Nach einer Weile kommt die Tochter L. E.: Moment mal, war das russische Siedlung oder deutsche
von der Arbeit und geht ein paar mal rein und raus. Frau E. Siedlung in Russland?
geht mit ihr eine Weile aus dem Raum, kommt dann aber J. E.: Na das ist deutsche ja ich mein, russlanddeutsche russ- 45

wieder, setzt sich erneut zu uns und schaltet sich dann stärkerlanddeutsche, ja russische kann man sagen, das heißt russ-
ins Gespräch ein. landsdeutsche Siedlung.
Das lange Sitzen, der intensive unangenehme Geruch des I: Hm.
Hundes (der zu meinen Füßen liegt), die beschriebene un- J. E.: Ja, die Deutsche wie hier dort gewohnt haben. Ja und.. in
ruhige Atmosphäre und das Gefühl, dass Herr E. leicht ab- diese Baracke haben wir gewohnt mit den, wie gesagt, mit den 50

schweift und für das Thema mir nicht relevant erscheinende Großeltern, den Eltern zusammen. Ja, und dort, mit Kinder
Geschichten erzählt, machen mich ungeduldig. Folglich unter- alle zusammen und Geschwister, ich hab drei Brüder und eine
breche ich ihn hin und wieder und stelle die nächste Frage. Schwester, ja sind jünger wie ich, muss man die Jahrgänge
Er fühlt sich aber offensichtlich auch wohler, wenn ich ihm auch?
konkrete Fragen stelle, wenngleich er das zunächst nicht so I: Sagen Sie einfach was 55

thematisiert. L. E.: (flüstert ihrem Mann etwas zu)


J. E.: Ich meine mit mir drei sind wir. (zur Frau: Stör du mich
nit doch) So, ja ich hab noch zwei Brüder Abraham Egert,
B.6 Interview: Jakob (und Lydia) Egert Weriand Egert und Hannah Egert, das ist meine Schwester,
ja die jüngste… So, der Weriand ist in vierundfünfziger Jahr 60

I: Em also wie schon angesprochen interessiert mich Ihre geboren, Abraham achtundfünfzich und die Hannah einund-
Lebensgeschichte, und zwar wie das Leben für Sie war in der sechzich. Ja.. so sind wir aufgewachsen in dem Barack ja, und
Sowjetunion und wie es war in Deutschland für Sie hier und dann sind in die Schule gegange.. und später hat der Vater
wie es auch heute ist und Ihre ganze Lebensgeschichte, also bekommen eine Wohnung, das war dann schon in Platten-
5 alles was Ihnen einfällt und äh was Ihnen wichtig ist, das haus kann man sagen ja. Mit Betonwände so zusammen ( ) 65

ist für mich auch dann interessant, und ich werde äh Ihnen stehen heut in DDR auch so Plattenhäuser. Stehen leere auch
einfach nur zuhören und erstmal ähm Sie auch nichts weiter viel. In so einem Haus haben wir gewohnt auch. Haben wir
fragen und Sie ausreden lassen und wenn ich ne Frage haben Dreizimmerwohnung gehabt.. ja, und da haben wir dann die
sollte dann werde ich sie mir aufschreiben und sie dann em Schul angefangen. Ha, das war um.. Schulausbildung vierund-
10 stellen, wenn Sie fertig sind mit Ihrer Geschichte. Lassen Sie zwanzigsten sechsten neunundsechzig hab ich angefangen 70

sich Zeit. bis dreiundzwanzigster sechster einundsiebzig das war mein


J. E.: Ja okay Kann man Pause machen, kurz? Schulausbildung.
I: Ja klar. Was äh L. E.: Wann hast neunundsechzig angefangen?
J. E.: Ich wollte meinen, ich hab das alles aufgeschrieben J. E.: Steht druf ja. Zweiundfünfzich bin ich geboren ja. Bring
15 (steht auf und holt Unterlagen von der Rentenversicherung). mich nicht durcheinander Lydia. 75

Schon auch lange Zeit ( ) und für was, wo ich war und L. E.: Zweiundfünfzich plus sieben ist neunundfünfzich.
wann J. E.: Ah warte mal, ja stimmt ja.
I: Aber es geht darum das was Sie erinnern können, es geht L. E.: (lacht)
nicht J. E.: Ja neunundfünfzich war das, neunundfünfzich dann hab
20 J. E.: Ja ja, schon klar ich angefangen ja… Jedenfalls da steht bis einundsiebzig hab 80

I: Sie müssen da jetzt nicht, was Ihnen nicht einfällt, fällt ich die Schulausbildung gemacht, das heißt ich hab, ich sag
Ihnen nicht ein ma ähm acht Klassen zuerst gemacht, normal in der Schule,
L. E.: Eben. Eben. und dann war ich in so eine Abendschule, hab ich noch, nach
I: das ist nicht weiter tragisch. achte Klasse bin ich gleich in die elfte.
25 J. E.: Ja ich heiße Jakob Egert, ich bin geboren fünfundzwan- I: Hm. 85
Interview: Jakob (und Lydia) Egert 81

J. E.: Ich war in diese Zeit grad im Militär, Orchester hab ich J. E.: Das isch so gewesen damals wenn ich, haben sie mir
angefangen, mit fünfzehn Jahre, das war so, das wir, in Kras- gesagt, auch im Duschanbe hab ich wollt ich eintreten, ja, und
nojarsk das war so eine Militär na Offizierschule, sagen wir so, die haben mir gesagt: »Wenn du wechselst die Nation, Na-
wo die Offiziere ausgebildet haben. Und die Offizierschule die tionalität russische dich einschreibst, kein Deutscher, das du
90 hat da so Militärorchester gehabt, und die haben genommen deutsche wegmachst, das du sich wie russische ( ) einschreibst, 150

so junge Leute, ja mit fünfzehn Jahre kann man da eintreten, ja bist du Russ, dann können wir dich aufnehmen.« So un-
im Orchester, die haben da ausgebildet. Und da war ich noch gefähr ja. Aber mir war auch Wunsch natürlich irgendwann
zwei Jahre bevor ich noch in meine Wehrdienst eingetrete ausreisen nach Deutschland, oder auch irgendwann sehen un-
bin, war ich schon in dem Orchester und hab ich schon Musik sere Vaterland, mal.. was das ist überhaupt, unsere geliebte
95 gemacht, gespielt, ja mit fünfzehn bis siebzehn Jahre so un- Deutschland, wie das aussieht und alles. Ja, und dann hab 155

gefähr ja. Dann hab ich ein Jahr war ich zuhause, zwei Jahre, ich… hab ich natürlich mir gekämpft zwölf Jahre, ja habe wir
einundsiebzich hab ich die Schule geendet ja, Schulausbildung jedes Jahr Visum müssen wir machen und zwölf Jahre hat’s
gemacht und so zweiundsiebzich hab ich im Militär, hab ich gedauert bis wir die Visum bekommen haben, das wir ausreise
schon äh Wehrdienst gemacht, schon dann richtig. War ich dürfen ja, nach Deutschland. Aber bis dorthin, was war da
100 dann, wie gerufen schon zum Militär ja. Ja im Mai Monat noch so, Militär waren wir schon ja, ja bis vierundsiebzich war 160

zweiundsiebzich bis Mai bis Mai Monat vierundsiebzich war ich im Militär in Russland, dann bin ich nach Hause gekom-
ich dann ich Tschitaa, das war im Norden ja, ist ( ) Ural men, ja und grad von dem Militär von dem, zweiundsiebzich
ja.. See Baikal vielleicht sagt das was, das liegt ganz hinten, war ich ein Jahr, einundsiebzich bis zweiundsiebzich war ich
Tschitaa und dann, dort hab ich, nit weit von Tschitaa hab ich in Duschanbe, diese Zeit, in Mittelasien.
105 meine Militär, vierundzwanzig Monate war ich dort im Mili- I: Hm. 165

tärdienst, zusätzlich. Zwei Jahre war ich früher, von siebzehn J. E.: Ja, das isch grad die Zeit wo ich ein Jahr dort gearbeitet
bis neunzehn, und da dann von neunzehn dann bis einund- hab, das war auch so ein Scholkawi Kombinat, wie heißt das
zwanzich war ich dann im Militärdienst nochmal zwei Jahre. Lydia, das isch so wie Textilfabrik oder so. Dort hab ich ja
Insgesamt war ich vier Jahre im Militär, im Orchester ( ), in gearbeitet Dreher auch ein Jahr und hab gewohnt bei meine
110 Parade und so mitgespielt, das war auch sehr schöne Zeit.. ich Tante ja… Haben wir auch ähm, hab ich Musik auch weiter- 170

kann mich ganz gut erinnern, wir mussten immer spielen an gemacht, ich hab meine so Schüler gehabt und dann Chor
so Weihnachtsfesten oder so, wenn die großen Paraden sind so bisschen im Kulturheim hab ich so bisschen musikalisch
ja, dann muss man immer so laufen ( ), und die Militär- mich arrangiert mit junge Leute, dann haben sie gesungen so
orchester isch auch eine besondere Sache gewesen, da musst im Chor, ja. Kleiner Chor war das ja und haben Musik auch
115 man auch laufen so wie Militär, so wie Offiziere, marschieren gemacht. Ja und dann zweiundsiebzich bis vierundsiebzich 175

und Musik spielen. Und dann mussten wir dreißig Marsch wie gesagt war ich beim Militär und dann vierundsiebzich im
auswendig kennen und das haben wir auswendig gelernt und Mai Monat bin ich dann zurückgekommen nach Hause.. ja
Prüfung gemacht, für jeden Marsch müssen wir beim Dirigent und da waren schon.. ja.. nach Hause ja, zu meinen Eltern in
unsere Partitur, was wir spielen sollen, müssen wir ihm das Krasnojarsk. Hab ich überhaupt gesagt das ich in Krasnojarsk
120 vorspielen und er hat das kontrolliert ob man das richtig spie- geboren bin? 180

len kann. Das war (ne schwere und alles laufen). Das war sehr I: Ja ja.
interessante Zeit auch und lustige ja, natürlich wir haben bis J. E.: Krasnojarsk ja, da bin ich wieder zu meinen Eltern ge-
Mittag, von morgens früh, von neun Uhr bis ein Uhr haben kommen und dann haben wir gehört schon das unsere Onkel
wir Musik gemacht, ( ) Musikorchester und Probe gehabt, der wollte ausreisen nach Deutschland.. Ja, der isch auch frü-
125 wir waren dann die welche schon im Militär haben sich so, her ausgereist nach Deutschland. Ja und dann hab ich dann 185

nach dem Militär noch sind sie geblieben, so wie Berufssolda- noch, nach dem Militär hab ich mich noch so auch im Kultur-
ten ja, die haben dort gearbeitet, haben da auch ganz gutes heim äh gespielt, Musik gemacht.
Geld verdient und Musik gemacht auch. L. E.: Dann bischt du nach Moldawien gezogen.
I: Hm hm. J. E.: Tanzmusik hab ich gemacht, dann war ich, in Molda-
130 J. E.: Und das wäre auch mein Weg vielleicht (schön). Unser wien sind wir umgezogen. Das war auch (5) was war das 190

Dirigent damals der wollte sehr gerne das ich auch die… ja in fünfundsiebzich.. nee Kamarad hab ich gearbeitet doch
die Dirigentenschule in Moskau eintrete und das ich das auch L. E.: Das isch doch Moldawien, Kamarad.
werde. Später auch ( ) Militärdirigent ja. Des isch auch sehr J. E.: Das isch Kamarad, ja stimmt.
schöner Beruf, damals in Russland das war einer von intelli- I: Fünfundsiebzig sind Sie nach Moldawien?
135 genteste im Militär, zuerst gut du verdienst ja, isch klar die J. E.: Ja da sind wir dann nach Moldawien hergezogen da, 195

verdienen fast doppelt wie normal ja, Sarah kommt (Tochter nach dem Militär, ja bin ich zu meinem Onkel gezogen, stimmt,
kommt von der Arbeit nach Hause), ja, und wenn die Offiziere fünfundsiebzich. Und da hab ich angefangen arbeiten, da hab
ja (Tochter kommt ins Zimmer, unterhält sich kurz mit uns).. ich angefangen zu arbeiten in Moldawien, in Kriekau, ja heißt
Ja mit dem Militärorchester das war auch irgendwie auch eine das Dorf Kriekau. Kriekauer Champagner machen sie da auch,
140 so Ziel, etwas in Musik in diese Richtung machen, Dirigent verkaufen sie in Deutschland, sehr guter auch. Ja und da hab 200

werden oder so, im großem Orchester spielen ( ). Ich hab ich gearbeitet dann Schreiner, in einem Sowchose ja, sagen wir
versucht, drei mal hab ich probiert im Konservatorium eintre- so. Mehrere Schreiner waren dreißich Leute, Tischler, Schrei-
ten ja.. aber.. es wird doch nit weitergegeben oder (lacht), isch ner waren wir alles zusammen, haben wir Möbel gemacht,
nur doch für dich Aufnahme? Fenster, Türen, alles so, produziert ja (22). Da passt was nit,
145 I: Ja ja a ja, und ist anonym und sowieso, ja. ich glaube das war noch vor dem Militär, fünfundsiebzich war 205
82 anhang b Interviews und Gedächtnisprotokolle

ich schon in Deutschland. J. E.: Ja, und dann bin ich zu Firma X mit achtundachtzig
L. E.: Nein du warst in Moldawien. Oktober Monat bin eingetreten zu Firma X in Wiesbaden. Ja,
J. E.: Ja gucke ma, da steht schon D-Mark hab ich bekommen, da hab ich die erste zwei Jahre hab ich schichtweise gearbeitet
kann nit sein… Achso das kann sein das sie schon übersetzt für ( ).. und dann hab ich mich bekannt gemacht auch in
210 haben. diese Zeit das gibt es auch Orchester in Firma X in Wiesbaden, 270

I: Ja ja. und die haben mich eingeladen und dann haben sie auch
J. E.: Die haben übersetzt das ja in D-Mark, das könnte sein, gesehen das ich spielen kann und, mehrere Instrumente kann
ja. Stimmt, wir sind doch achtundsiebzich sind wir nach ich spielen auch, Saxophon, Klarinette, Akkordeon, Keyboard
Deutschland gekommen ja. I: Hm, ach ja, ganze Palette
215 L. E.: Siebenundachtzich. Eu Jakob. J. E.: Ja isch meine Hobbies kann man sagen ja. Ja, und die 275

J. E.: Siebenundachtzich stimmt. haben das entdeckt und dann haben sie mich angeboten bei
I: (lacht) ihnen zu spielen ja. Angefangen zu spielen und dann mein
J. E.: okay Ja, hab ich dort gearbeitet, dann einundachtzich Lebensstil hat sich ganz auch geändert. Von meine Arbeitszeit
hab ich geheiratet, meine Frau, Lydia Egert. durch Bekannte, durch den Dirigent haben sie mir beschaffen
220 I: In Moldawien dann? dann normale Schicht arbeiten auch, so das ich auch immer 280

J. E.: In Moldawien ja.. Dann, in zweiundachtzich schon die frei bekomme wenn wir spielen irgendwo in die Stadt isch
Sarah auf die Welt gekommen, unsere erste Tochter, .. ja… leichter mit normale Schicht, wie so von der Schicht is sehr
dann, vierundachtzich war der Abraham auf die Welt gekom- schwer dann rauskommen. Aber so wenn man normal Schicht
men, unsrer Sohn, da haben wir uns natürlich gefreut sehr, macht dann, haben sie mehr sagen wir so Kontakte gehabt,
225 auch die Sarah natürlich. Sarah war überhaupt besonders, das mehr Beziehungen, kann man besser freistellen mich. Und bis 285

erste Kind, das kann ich auch nicht vergesse, war in dem Kran- heute dann stellen sie mich frei wenn ich irgendwo spiele in
kenhaus da abholen meine Frau und meine Tochter und dann Wiesbaden oder in X-Hof oder, anderes mal können wir dich
die Hebamme gibt mir das Mädchen in die Hand, und dann auch einladen wenn du Interesse hast uns zu hören. Wir sind
gibt sie mir die Sarah in die Hand ja und die hat so geweint auch sehr beliebt in der Stadt, machen auch, in X-Halle spielen
230 ja, auf einmal hat sie auf mich geguckt hat sie angefangen zu wir, X-Hof, X-Schloß. Lydia war auch dort, geht sie auch gerne 290

lachen ja. wenn sie Zeit hat. Ja, wo sind wir stehen geblieben? Bei
I: Ohh. I: X-Firma haben Sie angefangen zu arbeiten und äh sind
J. E.: Sag: »Gucke mal wie goldig, die hat mich gleich erkannt, dann ins Orchester eingetreten
ihre Papa.« (lacht) J. E.: Ja und seitdem, wo ich eingetreten bin dann mach ich
235 I: (lacht). jetzt normale Dienst, jetzt bin ich Siebdruckschablonfertiger, 295

J. E.: Das Mädchen ja, hat sie gleich angefangen zu lachen. heißt das Beruf.. ist ganz langes Wort, aber es heißt so ja, wir
Das war so komisch, damals erstes Kind, das ist was besonde- machen die Schablonen ja, für den Siebdruck, ja.. willst das
res ja. auch wisse oder, brauchst du das?
I: Ja. I: (lacht)
240 J. E.: Ja, und dann wie gesagt, vierundachtzich war der Abra- L. E.: Nein das ist nicht Sinn der Sache. 300

ham gekommen ja, und dann die Hannah, wann isch die Han- J. E.: Na gut, okay Auf jeden Fall isch auch nicht schlechte Ar-
nah gekommen Lydia? Drei Jahre später ja, oder zwei? beit und bisschen leichter sagen wir so, nit so schwere Arbeit
L. E.: Jakob (vorwurfsvoll), siebenundachtzich. aber muss man bisschen sich anstrengen und kontrollieren
J. E.: Siebenundachtzich ja, stimmt siebenundachtzich und und nachgucken und (Ablass) schaffe ja, ( ) die Schablone
245 die war, ja, und da fängt’s an. Wenn die Hannah schon sie- dann die ganze Serie ist abhängig, wenn irgendwelche fehlt 305

ben Monat alt gewesen war,sieben Monat war sie alt und da die Schablone dann muss man neu machen ja. Das isch so ein
haben wir bekommen unsere Visum nach Deutschland. Da Prozess wo muss man n bisschen achten und akkurat machen.
sind wir ausgereist nach Deutschland. Ja.. das war auch ganz Aber is.. die Arbeit ist ganz gut bis jetzt ja und hoffen wir das
neue Abschnitt, für uns natürlich.. neue Überraschungen.. wie es so bleibt, wir sind sehr zufrieden bis jetzt.
250 damals auch mit neunzich Rubel ja, haben sie uns für jeden L. E.: Seit wann lebst du in Friesenheim. 310

gegeben, und dann können wir hier umtauschen und alles J. E.: Seit dreiundneunzich.
und so, haben sie umgetauscht noch drüben in Russland. Und L. E.: Ja warum lebst du in Friesenheim?
das war damals eins zu eins, das war neunzig D-Mark ja, Kin- J. E.: Wie warum leb ich in Friesenheim?
der haben sie noch was gegeben ( ). Aber gut, wir haben L. E.: Na warum?
255 gewohnt äh gelebt erste Zeit im Hotel, in Schierstein Wiesba- J. E.: Na wir haben gebaut ein Haus. 315

den, aber das war so ganz alter Hotel und oben im Dach Stuhl L. E.: Das musst du erwähnen.
kann man sagen, ein Zimmer mit drei Kinder ja. Ja (5) und J. E.: Wir haben zweiundachtzich, naja gut, ich komm schon
nach zwei Monate haben wir Wohnung bekommen, Dreizim- zu ( ), lass mich doch einfach sprechen, tust mich immer
merwohnung auf dem Sonnenberg, und dann sind wir schon stören.
260 eingezogen in die Wohnung, ich habe Arbeit bekommen. Ich L. E.: (lacht) 320

habe angefangen auch Tischler Schreiner dort.. Wiesbaden J. E.: Ich will was anderes sagen aber muss, muss immer hö-
Sonnenberg, aber da hab ich nit lang gearbeitet, das war nicht ren auf die Frau (lacht).
so tolle Bezahlung, so wenig (wie mehr) so provisorisch das I: Sagen Sie was Sie meinen.
ich bisschen bekommen hab. J. E.: Gut, okay Ja, jetzt hascht du mich rausgebracht, jetzt
265 I: Hm. hascht du gewonnen (lacht). Und zweiundachtzich ja haben 325
Interview: Jakob (und Lydia) Egert 83

wir das Grundstück gefunden hier in Friesenheim und hätt ich jetzt mit meinen Freunden äh jemand Nachbarn
L. E.: Zweiundachtzich? gesprochen in Russland und gefragt dem oder sagen wir so
J. E.: Zweiundneunzich, ja zweiundneunzich haben wir hier gesagt dem, dass ich wollte irgendwann nach Deutschland
das Grundstück gekauft. Ja und dann haben wir mit der Firma fahren, ja, und dort ein Haus bauen.. (Da werden mir wahr-
330 Rohbau aufgebaut und dann hab ich den Ausbau und alles, scheinlich die anderen da stehen in Russland) ( ): »Der isch 390

Fliesen, Teppich und oben, Verkleidung alles, mit Holz, hab n Dummer.« Der isch noch hier in Russland aber er will schon
ich dann selbst mit meine Kinder, mit Abraham, Lydia, wer nach Deutschland und dort ein Haus bauen, ja. Und das war,
was kann hat mitgeholfen ja, deswegen schätzen sie auch das das sind meine Ziel, und das, ich hab die Ziele immer verfolgt,
Haus bisschen, wissen sie ( ) erste Ziel war nach Deutschland zu kommen, das hat gedau-
335 L. E.: Der Abraham hat das Haus ausgebaut ( ) ert zwölf Jahre, aber wir haben das geschafft, zweite Ziel das 395

J. E.: Ja du hast auch geholfen, hast vergesse? Haus zu bauen, haben wir auch Ziel gestellt, das haben wir
L. E.: Ja aber (lacht) der Abraham hat meistens gemacht. auch geschafft, ja.
J. E.: Ich hab doch gesagt das der Abraham hat, Abraham und I: Hm.
alle zusammen, ich will doch niemanden ausschließen oder J. E.: Nächste dritte Ziel haben wir auch, wir wollen auch für
340 beleidigen. Wenn ich jetzt nix gesagt hätte über sie, dann wird die Zukunft das unsere Kinder versorgt sind, das wir natürlich 400

sie sagen: »A warum sagst du nicht.« auch versorgt sind das das Leben bisschen besser für uns ist
L. E.: Für dich war wahrscheinlich wichtig, was für Erwartun- und wird. Natürlich wir versuchen auch noch nebenbei was
gen hatten wir gehabt als wir nach Deutschland gekommen machen ja, arbeiten… Und da haben wir dann entdeckt ein
sind, ja? sehr gutes, lukratives Geschäft, ja ganz tolles, was ich grad
345 I: Mir war wichtig das es erstmal ähm erzählen wollte dir, oder sollen wir das später? 405

J. E.: Lass du mich aussprechen, sie holt sich raus was sie I: Das äh, das erzählen Sie mir später besser vielleicht.
braucht. J. E.: Gut. Ja.. wie gesagt, naja, wir sind sehr zufrieden das
I: Das ist richtig ja. Sonst frag ich nach wie gesagt. wir die Ziele erreicht haben, das wir in Deutschland sind aber
J. E.: Sehr gut, aus. Ja, ja… Jetzt bleib ruhig.. Ich war schon es gibt auch Vorteile und Nachteile ja, in Deutschland. Das
350 dreimal ( ) das Haus gebaut (lacht). Zweiundneunzich ha- weißt du auch ja, bestimmt. Is nit alles so wie man denkt 410

ben wir das gebaut ja, wie gesagt, und so langsam nach drei manchmal ja, denkt man so
Monate, wie das Rohbau abgeschlossen war, dann sind wir I: Werden Sie konkreter.
dann, haben wir da unten tapeziert und die ganzen Sachen J. E.: Naja wie wir so daher gefahren sind ja, da hat man ge-
nach oben gebracht und sind wir praktisch eingezogen in das dacht: »Naja, fahren wir nach Deutschland, da braucht man
355 Rohbau. Und so ein Zimmer nach dem anderen haben wir nit viel tun und da ( ) alles von sich selbst.« Ja, ich meine 415

dann fertig gemacht, das ist auch Geldfrage gewesen, Woh- arbeiten sollt man schon, aber so wie man das immer drübe
nung bezahlen und Haus bezahlen, das war für uns doppelte gearbeitet hat, das hat man bisschen lockerer genommen die
Belastung gewesen. Wir können das nit ( ) machen, wenn wir Arbeit, das war nit so Kontrolle sagen wir so ja, drübe waren
schon, wie gesagt das Ziel gehabt haben ein Haus, dann woll- sie bisschen.. freier auf der Arbeit ja, da hat der Chef gesagt,
360 ten wir auch schneller rein in das Haus ja, isch klar. Deswegen morgens früh isch gekommen: »Ja okay, mach mal das, mach 420

sind wir auch reingezogen und dann so langsam langsam, eins mal«, dann isch er weg. Naja dann guckt man wie man das
nach dem anderen haben wir das ausgebaut. Bis jetzt haben macht, ob man Material hat oder, ja haben wir nix gehabt, da
wir noch Baustellen.. gibt’s immer Arbeit. Im Haus das hört haben wir nix gemacht. Und dann über die ( ) am Ende Mo-
niemals auf. nat muss man auch bezahlen ja die Leute. Und wenn wir was
365 I: Ja. gehabt haben dann haben wir geschafft, gearbeitet ja, und ob 425

J. E.: Auch wenn das Haus fertig ist, wird wo anders kaputt einem das gefällt oder das, isch klar was in Russland war, war
gehen, dann muss man wieder von vorne anfangen. Ist der ( ) Defizite was, das kann man nit mit Deutschland verglei-
Nachteil. Aber, Haus isch, so sage, sagen wir so, du bischt n chen ja. Und hier gibt’s so viel in Deutschland, da kann man
bisschen freier wie in die Wohnung ja, du hast bisschen Luxus alles kaufen alles, und, aber dann muss man auch arbeiten ja.
370 dann. Diese Arbeit, aber der Luxus kostet natürlich Kraft und Da muss man sich so vorstelle, wie in Russland ( ) arbeitet, da 430

Geld. So sieht alles gut aus, freut man sich ja, aber muss man muss man hier zwei drei mal .. schwerer arbeiten ja. Natürlich
auch natürlich nit vergessen das muss man arbeiten und was du hast auch Geld ja, isch klar das ist nicht umsonst aber du,
machen für das ja. Wenn man was erreichen will, dann muss der Mensch der wird von der Arbeit und von dem Stress wird
man was tun. So ist das im Haus und überall so denk ich. er mehr belastet hier in Deutschland wie zum Beispiel damals,
375 I: Hm. in Russland ja.. 435

J. E.: Ja (5) was kann man noch sage. Ja und seitdem, seit L. E.: Das kann man auch nicht vergleichen, das sind ganz
dreiundneunzig jetzt, was haben wir jetzt schon zweitausend andere Bräuche, andere Sitten ja, Russland und Deutschland.
neun, ja fast neunzehn Jahre wohnen wir hier. Ja, die Kinder, J. E.: Ja das sind
sind auch froh natürlich… jetzt ziehen sie langsam aus wieder, L. E.: Wir hatten nur dort so eine Einstellung, wir wollen nach
380 wo sie erwachsen sind, die Hannah zieht nach Bayern, naja Deutschland das unsereKinder Deutsche bleiben. Ja drum sind 440

der Abraham studiert in Wiesbaden und die, ja was kann man wir nach Deutschland gekommen.
noch sagen.. Wir sind zufrieden, eigentlich sind wir zufrieden I. Hm.
das wir da sind in Deutschland und das wir unsere Ziel er- J. E.: Ja das war auch der einzige, der wichtigste Grund sagen
reicht haben, ja, und wenn ich jetzt das so andersrum drehen wir so.
385 werde ja, und stelle ich mir vor das ich noch in Russland wäre L. E.: Das war der Grund, wir lebten auch dort sehr gut. Uns 445
84 anhang b Interviews und Gedächtnisprotokolle

fehlte an nix ja, uns fehlte in Moldawien an nix. I: Wie war das Leben da in der Siedlung, wie lang haben Sie
J. E.: Ja gut ich hab dort viele Bekannte gehabt, ich hab gear- da gelebt, wie alt waren Sie als Sie da weg sind?
beitet beim (Chef) bei einem zuhause ja. J. E.: Achso, wie alt war ich. Ja das war, da war klein Kind ja
L. E.: ( ) Wahrscheinlich deine Eltern in Tadschikistan auch und die erste Schuljahre war ich, hab ich dort gewohnt, in dem
450 ja. Weil wir waren alle Arbeitstiere Deutsche, wo Deutsche Barack und dann später wie gesagt haben wir die Wohnung 510

gearbeitet haben, sie hatten auch immer was gehabt. bekommen, ich weiß jetzt nicht genau wann wir die Wohnung
J. E.: Wir haben drüben auch gearbeitet ja. Ich war damals I: Ja, das ist nicht genau
Schreiner und hab bei dem selbst Direktor zuhause gearbeitet, J. E.: aber das isch auch wahrscheinlich sieben acht Jahre spä-
so die Schränke gemacht, die Türen verkleidet alles mit Leder ter.
455 mit allem, das kann man hier gar nicht bezahlen ja. Aber I: Aber die Wohnung war in derselben Siedlung? Das war n 515

so richtig bei intelligent großen Leuten musst ich da sowas bisschen weiter, das war n bisschen raus von diesem.. ja, aber
machen ja. da sind auch dann dazu gezogen wieder, die haben wahrschein-
I: Hm hm. lich die Wohnungen gegeben ja, mein Vater war Chauffeur,
J. E.: Dann Schränke und Terrasse, Balkonen und alles so äh Lastwagenfahrer, Holz hat er gefahren und dann Beton und so
460 umgebaut oder verglasert ja so wie.. sind so Lodgia und dann im Baustellenbereich, aus dem Wald auch Holz rausgefahren, 520

wollen sie das mit Glas zumachen und dann haben wir Rah- so Stämme große. Natürlich hat er auch verdient n bisschen
men gemacht und Glas zugeschnitten, alles selbst gemacht ja, mehr wie andere ja, war immer viel unterwegs. War auch
und dann haben wir Boden gemacht, Bodenverkleidung, alles manchmal Monat weg so in dem Kolchose, wenn so Erntezeit
was.. In Russland gibt es keine (Intellekte) so zum Beispiel wie war mussten sie viel wegfahren, Weizen und Getreide, aber
465 hier Tischler und dann fertig oder Schreiner und fertig. Dort die haben dann auch gut verdient die Zeit ja. Ja und dann 525

bist du Tischler, Schreiner ja du machst alles. Ja und Glaser ja, entsprechend haben sie die belohnt, am Ende der Zeit haben
Glas zuschneiden für die Fenster, Boden mach ich und auf die sie auch bisschen bekommen was von dem Getreide und ja
Baustelle muss man Beschallung machen irgendwo ja, haben von Honig und so, hat der Vater so große Alufässer Honig
wir alles selbst gemacht, ist alles unsere, du bist, sagen wir mal mitgebracht, und wir sind natürlich alle zu viert, meine Brü-
470 so, mehr flexibel gewesen ja. Isch einer Beruf aber du kannst der und die Schwester mit Löffel hinter’m Honig (lacht). Das 530

vier fünf Stück in einem verbinde ja. Ich kann Glas schneiden, war so Maihonig ja, so aromatisch, wenn er aufgemacht hat
ich kann Boden legen, ich kann Paneelen legen und alles ja, duftet das ganze Zimmer. So richtig große Fässer, kannst dir
ich kann alles theoretisch machen, alles (im Kosmos ) (lacht). vorstellen kleine Kinder, so große Löffel jeder und esse, er hat
I: (lacht) Hm. sich gefreut natürlich ja, hat seine Kinder gesehen und wir
475 J. E.: Ja, wenn man jetzt übersetzt mich, was ich alles machen haben nur den Honig gesehen. Ja und die Mama hat, meine 535

kann ja, dann muss man sagen elektromusikalischer Schreiner Mutter hat gearbeitet im.. im wo Brot backen.
(lacht). Und jetzt noch Siebdruckschablonfertiger dazu.. alles I: Bäckerei.
zusammen ist (lacht). J. E.: Ja, Bäckerei kann man sagen, kleine. Die haben so Ge-
I: Ja, und trotzdem hat man noch nicht alles damit. schäft gehabt und die haben dann verkauft, die haben wahr-
480 J. E.: Ja. Ja. Und trotzdem der Mensch kann niemals alles wis- scheinlich irgendwo bekommen das und die haben noch dazu 540

sen, der Mensch lernt immer weiter und bildet sich immer gebacken, da Sträußchen und alles ja, ich weiß es nicht genau,
weiter.. und das isch auch gut so ja, wir können immer was die haben verkauft mehr, so wie Cafeteria so.. wie sagt man
dazulernen und immer was neues machen und probieren und zu sowas?
manchmal ist gar nicht so schlecht wenn man sich weiterbildet I: Bäckerei mit Stehcafé.
485 und entwickelt, das haben wir auch verstanden ja und deswe- J. E.: Ja so ähnliches so. Ja und dort hat sie gearbeitet ja. Na- 545

gen machen wir das auch. Versuchen wir halt so bisschen was türlich hat sie dort auch Schokolade gehabt und alles. Und
machen und.. ja (atmet aus). dann haben sie geliefert und wir haben auch Kontakte gehabt
I: In der Siedlung in der Sie geboren sind, das war gleich ne mit dem Chauffeur welche das geliefert haben und dann ha-
deutsche Siedlung, hab ich das richtig verstanden? ben sie das abgesprochen und auf einmal haben wir zuhause
490 J. E.: Ja das sind russlandsdeutsche. so’n Stück Schokolad, so Backschokolade so dicke, bis heute 550

I: Naja aber Deutsche haben da gelebt? esse ich die gern, wahrscheinlich aus der Kindheit noch…
J. E.: Ja ja, unsere Deutsche ja, Russlanddeutsche ja, die haben I: Hm. Und deutsche Siedlung hat dann auch bedeutet das
dort gelebt ja. es auch Schule und viele Einrichtungen in deutscher Sprache
I: Aber war ne russische Stadt? waren?
495 J. E.: Das isch ne richtige russische Stadt, Krasnojarsk ja, sau- J. E.: Nein, das war schon russisch. 555

ber russische Stadt. Aber dort haben Deutsche gelebt ja, die wa- I: Oder zuhause was hat man gesprochen?
ren damals ausgewandert ja, meine Eltern waren ausgewan- J. E.: Zuhause hat man deutsch gesprochen ja, mit die Eltern
dert, sind sie verschleppt gewesen ja nach Sibirien, mein Vater haben wir auch versucht deutsch, unser deutsch ist dann (er-
kommt aus Selz meine Mutter aus Kutschigan, das isch nit halten) ( ), nur in der Schule mussten wir dann russisch lerne
500 weit von Odessa, vom Schwarzem Meer.. da kommen meine und ja wie gesagt, dort isch nur russische Sprache vorgezogen 560

Eltern her. Ja, die Häuser, da steht jetzt nix mehr dort, alles gewesen.
schon kaputt gemacht, früher haben sie große Bauernhöfe I: Kein Deutschunterricht oder sowas?
gehabt auch. Mein Opa der hat früher noch im Bahnhof die J. E.: Doch, ab fünfte sechste Klasse haben wir dann Deutsch-
Kamine gebaut, ja die großen, richtig das das nur geheizt wird unterricht einmal oder zweimal in der Woche.
505 mit Kohle und so.. I: Wie war die Schulzeit? 565
Interview: Jakob (und Lydia) Egert 85

J. E.: Die Schulzeit? Ja die Schulzeit die war interessant.. Von Sohn. Und das war schon ein richtig großer schöner Konzer-
erste Klasse bis vierte Klasse war ich so in eine Grundschule… takkordeon, das war so mit vierzehn Register, das war richtig
und da waren sozwei hübsche Mädels gewesen in der Schule so wie hier Mercedes ja. Und den Akkordeon wollte er für sein
und die haben sich verliebt in mich Sohn, aber Sohn wollte nicht lernen Akkordeon, und dann,
570 I: (lacht) Hm. die haben da gesprochen, mein Vater und mit dem und der 630

J. E.: beide (lacht). Weiß noch eine ( ) war, Petrowa.. Julia Onkel hat gesehen das ich hab Interesse und ich spiel schon
Petrowa, eine war Ärztin geworden später, weiß ich, dann gut, na dann hat er vorgeschlagen meinem Vater: »Wenn du
gab’s noch eine Artichowa Natascha, die war auch in, Mutter willst, dann kauf den Akkordeon für dein Sohn, zahlst du mir
war Ärztin und die, »Na du musst jetzt alles hören jetzt was bisschen weniger, schon gebraucht«, das isch ihre Sache wie
575 ich erzähle. Da isch sie dabei.« (lacht) Ja und die Natascha die die da gesprochen haben, jedenfall hab ich den Akkordeon 635

war auch die, die haben gewusst das ich Deutscher bin in der bekommen. Da war ganz happy, da so schönes Instrument,
Klasse ja und die, wahrscheinlich haben sie auch, irgendwie, das ist zweites schon Akkordeon gewesen ja.
ich weiß nicht warum a I: Hm.
I: Und die anderen Kinder waren mehr russische Kinder? J. E.: Ja und dann, hab ich mit dem auch wahrscheinlich zehn
580 J. E.: Ja, mehr russische waren ja. Waren so paar Familien da fünfzehn Jahre gespielt, Musikschule, überall, das war schon 640

I: Die Schule war nicht in der deutschen Siedlung? schwer Akkordeon ja. Und das isch so damals, die Schüler
J. E.: Nein das war so russisch mehr, aber wir müssen da müssen kommen in die Schule, in Musikschule müssen mit ei-
irgendwo in die Schule gehen. Ja und ich glaube ich war auch genem Instrument kommen und ich bin damals Kind gewesen
allein in der Klasse damals. Ja und dann, was kann ich sagen?.. ja, da vierte fünfte Klasse, so schepsich so ja, und meine Mutter
585 Gelernt hab ich so nicht schlecht, kann man sagen musste immer mit mir gehen und wegen dem Akkordeon ( ) 645

J. E.: aber Ingenieur bin ich nicht geworden, warum kann ich schleppen.
dir auch sagen, ich habe mich mehr konzentriert in meine.. I: Achso.
sagen wir so, hobbymäßig hat mir mehr Musik gefallen. Ich J. E.: Und die hat den getragen ja jedes mal, bis heute bin ich
wollte immer mehr musikalisch sowas machen ja, so irgendwo dankbar ja. Das sie das immer mitgemacht hat obwohl das
590 I: Wie kam das? war wirklich hier, heute setzt man sich ins Auto und fährt man 650

J. E.: Ja so wie James Last wie heute ja, so Orchester irgendwo, ja wo man will und dort musst sie dann mit der Straßenbahn
das wäre meine Welt, so Ziele. Ja, aber das hab ich nicht fahren ja, zur Musikschule, sieben acht Stelle und dann noch
erreicht, ja, leider noch nit (lacht). Aber wer weiß ja. Alles zwei drei Kilometer laufe ja bis die Musikschule und dann hat
isch.. ja (atmet aus) sie getragen das alles ja selbst. Die Frau ja, die Mutter ja. Und
595 I: Wie kam diese Beschäftigung mit der Musik, oder wie bis heute ja, wenn ich mir das vorstelle, was das für Kräfte 655

kamen Sie zur Musik? müssen sein bei dieser Frau ja, das sie das geschleppt hat zwei
J. E.: Achso. Ja, das isch auch so Sache, mit ähh.. mit vierte drei Kilometer hin und dann zurück ja. Nur das ich lerne, kann
Klasse hat mich meine Mutter abgegeben, was heißt abgege- studieren dann ja. Aber ich hab auch gelernt gut und war guter
ben, in die Schul, wir haben in der Schule so ( ) Prüfung Schüler auch, in Musik mein ich. Lehrer war sehr zufrieden
600 müssen bestehen, jedes Kind muss irgendwo Prüfung zuerst mit mir, wir haben dort auch im Fernsehen Auftritte dann, 660

machen ja in Musikschule. Das heißt du musst gutes Gehör schon die Kinder haben sie im Akkordeonorchester, haben wir
haben, dann klopfst du (klopft auf den Tisch) und du musst einmal ein Auftritt gehabt, ich bin ganz aufgeregt gewesen,
wiederholen, oder genau singen a a a und dann musst du das ja haben sie uns gebracht mit Wolga, damals die erste Wolga
auch so wiederholen genau, ja und die Töne treffen und alles waren noch die Autos. Kennst du die?
605 so, ja die sind da erste Stufe wo, und so haben sie uns geprüft I: Ah ja ja. 665

in der Musikschule. Dann haben sie festgestellt das ich bin J. E.: Und das war so hell, so Salatfarbe das Auto ja, hat mein
geeignet. Lehrer gekauft, ganz nagelneu. Und dann hat er uns genom-
I: Hm. men, zu dritt von unsere Schule, von ihm seine Klasse und
J. E.: Hehe, haben sie mich genommen, hab ich dann Akkor- dann noch von andere ja und dann sind ( ) Orchester mit
610 deon angefangen zu studieren, zu lernen. Und isch auch so dem Direktor Schule, waren schon so fünfundzwanzig dreißig 670

Geschichte in Russland Akkordeon zu kaufen das war sehr mit Akkordeon zusammen und haben wir Auftritt gemacht,
schwer. Muss man große (Blatt) weißt du Beziehungen haben. was heißt, eingeladen uns Fernseher, und haben wir Konzert,
Und ich wollte immer ein gute, deutsche oder was ja. Deut- sollen wir spielen. Aber wir waren so aufgeregt, und haben
sche war sehr schwer zu bekommen und mein Onkel, Bruder sie uns schon in die Studio rein eingeladen, haben sie alles
615 von meinem Vater, der hat für sein Sohn gekauft tschechi- vorausgesagt und wir gucken so, erste mal das die Kinder in 675

sche Akkordeon. Zuerst hab ich so auch kleine gehabt, hab ich ein, gucken, schauen hin und her und es ist so interessant, die
angefangen zwei Oktav, ja so mit kleine Akkordeon hab ich an- Kamera steht vorne oder Bild und da siehst du schon im Fern-
gefangen zu lernen, aber es hat schon ausgereicht für die erste seher dich, siehst du gleich Aufnahme ist interessant. Naja und
Zeit ja. Hab ich angefangen und dann, haben sie festgestellt, wir haben geguckt und ich hab vergessen am Akkordeon ja
620 mein Lehrer, das ich hab doch bisschen mehr Talent, haben wenn man anfängt zu spielen muss man immer da aufmachen 680

sie mit meinen Eltern gesprochen und beraten was kann man oben so zwei Riemen, aufmachen dann geht er auseinander
machen das ich bisschen größere bessere Instrument kriege. so das man spielen kann ja. Und das hab ich vergessen, oben
Naja und dann, der Bruder von meinem Vater der isch na- hab ich aufgemacht a unten isch noch zu gewesen he, und da
türlich noch mehr Beziehungen gehabt, und der hat durch auf einmal isch das rotes Licht gekommen, ich spiele ja und
625 Bekanntschaft dem tschechische Akkordeon gekauft für sein geht’s los hehe, aja haben sie angefangen zu spielen und ich 685
86 anhang b Interviews und Gedächtnisprotokolle

fang zu spielen und mein Akkordeon geht nicht und ich wusst ja, warst du mehr so. Ja, und wir haben sehr schöne Form.
nit was, peinlich war das, und dann hab ich, irgendwie hab Hier gibt’s manchmal, einmal im Jahr das ganze Militäror-
ich doch gedreht unten dann ( ) aufgemacht und chester (öffnet sich so) ja, auch aus Deutschland, Frankreich,
dann weitergespielt, musst du gucken auf die Note das nix, Russland und dann manchmal sieht man sowas ja, das isch
690 damals hab ich nit so viel Ahnung wie heute gehabt… auch sehr interessant, so was zu sehen, das isch wie Festival, 750

I: Hm. Haben Ihre Geschwister auch Musik gemacht oder das dauert den ganzen Tag und da tut sich immer abwechseln
irgendwas? das Orchester. Dann guck ich auch sehr gern zuhause, ( )
J. E.: Ja der, mein Bruder, mit meine Brüder habe ich auch Jugend auch, das isch schöne Erinnerung ja. Die spielen auch
später auf Hochzeiten haben wir gespielt und dann Schlagzeug wunderschön ja.
695 gespielt. I: Und was hat Sie dann nochmal nach Tadschikistan ge- 755

I: Die waren auch in der Musikschule dann? bracht?


J. E.: Nee, die haben so dann sich selbst beigebracht n bisschen J. E.: Ja und dann (lacht), ich hab doch Pause gehabt, zwi-
ja. schen neunzehn und… achtzehn musst ich gehen aber ich bin
I: Achso. irgendwo mit neunzehn gegangen, war ein Jahr zwischendrin,
700 J. E.: Einer hat so Schlagzeug bisschen Trommel gespielt ja wo ich zuhause konnte bleiben ja, bis ich da.. achso, ich hab 760

und dann (boben), andere hat Gita gepielt und genau meine Schule gemacht diese Zeit ja, stimmt
Cousins haben so auch gespielt, so bisschen mit Gitarre, ge- I: Abendschule
sungen haben wir, und so schöne Zeit, sehr schöne Zeit so. J. E.: Abendschule hab ich gemacht doch, nach achte Klasse
Wir haben unsere Gruppe gehabt, unsere Deutschrussen, deut- hab ich gleich elfte Klasse gemacht doch, ja, ist grad damals
705 sche so Jugend, Jugend ja so dreißich vierzich Leute haben in den zwei wo ich Jahre, Musik wo ich angefangen hab mit 765

sich zusammen getroffen, einmal auch in die Kirche waren dene fünfzehn Jahre, fünfzehn Jahre bis siebzehn ja und diese
wir auch zusammen, allerdings in die Kirche haben wir sich Zeit hab ich die Abendschule noch gemacht.
so bekannt gemacht mehr, waren auch viele dort von unsere I: Also so das Sie dann am Ende zehn Klassen gemacht haben,
Leute. Allerdings dort kann man sich am meisten so treffen oder?
710 mit Russlanddeutsche, so weißt du nicht wo, wer isch da Russ- J. E.: Ja hab ich die elf Klassen, das ist schon elfte Klasse 770

landdeutscher wer isch da Russe ja und so in die Kirche da gewesen, hab ich Testat bekommen mein, das ich auch, wie
hast schon gewusst, aha die kommen daher also.. am meisten heißt das, mittlere Reife oder
von Prozent sind schon Deutsche ja. Und so haben wir sich I: Hm. Ja, ich glaub schon.
bekannt gemacht, mit Mädchen und Mädchen mit Jungs ja, J. E.: So ein ( ) ja, heißt das… Das steht alles drin ja, muss
715 und so haben wir unsere Jugend Freundschaft gewesen. man suchen. 775

I: Kirche da in der Siedlung oder in dem Stadtteil? I: Ja, es muss ( ) nicht sein.
J. E.: In dem Stadtteil da ja. J. E.: Ja, okay Und dann hab ich grad das Jahr gehabt vor mei-
I: Hm. Und da gingen nur die Deutschen hin, in die Kirche? nem Eintritt in den Wehrdienst ja, neunzehn Jahre ja, muss
J. E.: Die Kirche, nein das war so deutsch und polnisch, eine ich dann noch zwei Jahre, und dann inzwischen hab ich dort
720 Messe polnisch anderes mal deutsch ja, waren auch viele Polen das Jahr gehabt, dann bin ich runtergefahren zu meiner Tante 780

da in dem Kischinau. nach Duschanbe. Ja und wollte dort bisschen was arbeiten
L. E.: Das war schon in Moldawien. und, was sehen so, die Tante hat mich eingeladen
J. E.: Moldawien, das war schon in Moldawien. I: Sie da besuchen?
I: Ja und.. zwischendurch waren Sie auch in Duschanbe in J. E.: und schauen an.
725 Tadschikistan? Und wann war das und warum waren Sie da? L. E.: Mädchen (zu gucken) 785

J. E.: In Duschanbe? Ja das war grad vor dem Militär, grad J. E.: Ja Mädchen vielleicht auch (lacht). Meine Tante die war
wo ich, ich war doch mit fünfzehn Jahre bis neunzehn war auch so, die wollte mich immer bekannt machen, aber die hat
ich, Militärmusik hab ich angefangen ja. In der Offiziersschule mich so bekannt gemacht das ich bis heute vergessen nicht
mit eigenem Orchester, ja und die haben uns ausgebildet, dort kann ja. Das war so, das war ein Mädchen ja, hat sie mich zu
730 haben wir gespielt auch. Das waren so schöne Bälle auch, ihre Freundin gebracht persönlich (lacht), die Freundin hat ne 790

Katharina so was hübsches, hast du gesehen wie die Marine Tochter gehabt unddie Tochter war so hübsch ja und die spielt
wenn sie ausgebildet werden? Hast noch nie gesehen? auch Klavier, kannst dir vorstellen!
I: Hm, nee. I: (lacht) Aha, hm.
J. E.: So schöne Uniformen, so dunkelgrüne so marinefarbe J. E.: Die setzt sich an Klavier, fängt an zu spielen und.. pro-
735 haben wir so Sakko gehabt und dann dunkelbraune Hose ge- bierst dir mal so ein Bild zu malen, sie spielt am Klavier und 795

habt, aber schick tip top so. Wir dürfen kein Foto mitnehmen, mir gefällt das Mädchen, ich setz mich neben ihr und spie-
hätte ich dir gern gezeigt alles. Aber durch Grenze damals darf len wir zusammen, und das war mit irgendwo mit neunzehn
man nicht vom Militär das mitnehmen, wegen der Sicherheit Jahre und die ( ) siebzehn Jahre so war, in dem Alter ja. Isch
oder ( ) darf man das nicht. Schade natürlich, ich hab so grad die Zeit wo die erste Gefühle kommen ja und naja
740 schöne Bilder gehabt, wie die ( ) so Kette so weiße ja L. E.: War sie nicht fünfzehn Jakob? 800

und weiße Handschuhe gehabt, haben wir gespielt, und dann J. E.: Nein, dat isch, des isch andere (lacht)
natürlich schön Streifen und dann da haben wir Verdienste L. E.: (lacht)
und alles ja, Metall und so verschiedene Auszeichnungen ja. I: (lacht) Aha.
Schön war das ja irgendwo, dat Jugend damals ja, das so das J. E.: Das war, die Rosa war das. Wie heißt die, ich weiß gar
745 isch nit so jetzt in Krieg aber, so Auszeichnung wie n Musiker nit wie die geheißt hat, Irma glaub ich. Schöne Frau war das, 805
Interview: Jakob (und Lydia) Egert 87

Junge hat sich bestimmt verliebt jeder wer hat die gesehen neuen Jahr. Und dann spielt Orchester und dann wird Essen
damals. Das war so ja irgendwo, und das sind meine erste vorbereitet von allen Seiten,kann man essen kann man tanzen
auch Gefühle irgendwo gewesen, ich hab das Mädchen zwei und so richtig schön sich amüsieren ja. Naja, das war auch ein-
Stunden gesehen und bis heute ist sie geblieben bei mir ja, in mal so, das ich bin gekommen, ich habe Glück gehabt ja, ich
810 Erinnerung ja. Das wir damals gespielt haben, das isch so, wie habe eingeladen die Paulina und die hat ja gesagt, die geht mit 870

Titanic sagen wir so, hast gesehen Titanic? mir zu diesem Ball. Naja gut.. ich hab wieder Nachteil, wenn
I: Ja ja. ich zu so einem Ball gehe, ich muss dort spielen ja. Ich hab Mu-
J. E.: So ungefähr war das. sik gemacht und die hat sich amüsiert und da hat sie bisschen
I: Sie haben Sie aber nicht wiedergesehen oder? mehr getrunken als normalerweise ja, junge Mädchen, hat sie
815 J. E.: Nee, seitdem hab ich sie auch nicht gesehen. Und ich hab gelacht so wie du, so hübsch war und alles, ja… aber die hat 875

ihr noch gesagt, und nächste Tag, die Tante isch auch so schlau, schon ziemlich viel getrunken muss man sagen (lacht) ja, auch
hat sie mich grad bekannt gemacht und nächste Tag musst ich einmal ist sie verschwunden ja, und dann, ich gucke wo ist
zurückfliegen, wieder in Militär bin ich da in Offiziersschule. sie die Paulina? Und ich hab doch die Eltern, vom Elternhaus
Und natürlich bin ichschön angekleidet gewesen, noch Militär ich hab sie abgeholt und die Eltern sagen: »Ja, du bringst sie
820 so schöne paradni Uniform, und das Mädchen natürlich hat nach Hause.« »Ja natürlich bring ich sie nach Hause, ( ) Gent- 880

sich auch verliebt irgendwo n bisschen, was heißt verliebt, leman.« Ich musst sie nach Hause bringen ja. Und da wart ich,
hat’s gefallen oder nit, weiß ich nit. Wir haben sich zwei ich hab schon zu Ende und abgespielt schon alles, schon Ende
Stunden gesehen ja, und ich hab gesagt: »Kommst du zum ja die Musik, (muss man) schon nach Hause gehen, Paulina
Flughafen, ich flieg morgen, muss morgen weg.« Ja, und die is nit da. Wo ist die Paulina geblieben, muss ich sie suchen
825 isch auch nicht gekommen. Ich hab sie nicht gesehen. irgendwo. Und die hat sich dort mit einem Freund getroffen ja 885

I: Hm. aus aus Moldawien, aber das war kein Russlanddeutscher, das
J. E.: Naja.. So isch das Leben (lacht). war von dort ja, aus Moldawien, Moldawan kann man sagen
I: Und ähm.. dieser Gedanke nach Deutschland auszureisen, ja. Ja und die hat mit ihm gesprochen und getrunken was mit
woher kam der? Der war schon lange da, so hatte ich den ihm ja. Und ich hab gedacht das so, bei mir isch Eifersucht ja,
830 Eindruck aus Ihrer Erzählung. ein bisschen so rausgekommen, die hat mir so weh getan ja, 890

J. E.: Ja das kommt, ich sag dir von wo das kommt. Ich habe den ganzen Abend spielen, Musik machen, die Leute lustig
dann im ( ) Geschäft eine Freundin gehabt. machen und dann ( ) mein Mädchen lauft dann mit jemand
I: Wo? ja und auf einmal kommt sie besoffen, kannst dir vorstellen
J. E.: Im Kamarad, das isch auch in Moldawien. so’n bisschen ja, und ich muss sie nach Hause bringen, ich
835 I: Ja gut, aber Sie sind ja, okay dann vielleicht ein Schritt hab versprochen dene Eltern. Ja, gut, ich hab sie gefunden am 895

zurück, wie sind Sie auf die Idee gekommen nach Moldawien Schluss, bring sie nach Hause und die lacht, kann sich nicht
zu fahren? halten, ich sag okay, a bei mir kommen die Träne raus, ich
J. E.: Ja, aus Sibirien wir haben gehört das in Moldawien ähm, sag: »So, du hast mir so weh getan«, ja »das gibt’s doch gar
kann man ausreisen nach Deutschland. Das war damals die nit, alle wissen das ich hab ein Mädchen gebracht und hab
840 Grenze wo sie bisschen haben aufgemacht, sind viele Deutsche gedacht du wirst dich ein bisschen dran halten oder ( ) nit 900

raus, weggefahren. weit sein von mir«, ja, aber ( ) verspotten und dann sich
I: Wer hat gehört, Sie und Ihre Familie? Also, Sie waren zu dort weiß nit was.
der Zeit ja noch nicht verheiratet? I: Hm hm.
J. E.: Nee… zu der Zeit waren wir noch nit verheiratet, aber J. E.: Getanzt und bisschen getrunken was ja, und dann biss-
845 ich hab schon vorgehabt so irgendwann wenn jemand wird.. chen bisschen und dann irgendwann sich ganz gut zu, was 905

Und jetzt kommt der Punkt, ich hab das Mädchen kennenge- heißt zu, ich hab sie nach Hause gebracht (die isch), ja, und,
lernt, Paulina, und das war auchsehr hübsches Mädchen ja, zuhause natürlich die Eltern haben uns gesehen ( ) ja, die
die war auch ganz schlau, die hat mit uns drei Brüdern hat haben natürlich gedacht ich hab sie jetzt besoffen gemacht,
sie sich gleichzeitig getroffen (lacht) (das heißt) ich bin da nicht schuldig, und die lachte ja die kann
850 I: (lacht) nit sprechen ja, die wollte erst kommen ja, ich hab sie gebracht 910

J. E.: niemand hat gewusst, ( ) auf die Nase getreten und und dann ( ), die Eltern natürlich auf sie: »Wo warst du und
niemand hat gewusst ja. Ich habe Tanze gespielt, das ist so was haben die gemacht?« Kommen gleich (andere) Gedanken
Samstag und Mittwoch müssen wir Tanze spiele ja, wenn ich ja. Ich steh da wie ich weiß nicht was ich sagen soll: »Ja ich
Tanze gespielt hab, hat sie mit dem Abraham oder Weriand hab, ich hab Musik gemacht.« (lacht) »Wo sie war, weiß ich
855 getanzt ja und dann am Schluss isch sie gegangen mit jemand nit.« Naja nächster Tag, die Eltern haben erzählt auch, das 915

anderem nach Hause. ( ) nur nach Hause gebracht, isch war ja ganz schlimm ( ). Aber die war auch eine Lustige,
nicht so das was passiert war, aber so hat sie rumgespielt mit lustige Mädchen.
uns ja. Aber gefallen hat sie uns ja, allen drei. Ja natürlich I: Und das war noch in Sibirien oder war das in Moldawien?
hat jeder versucht damals mit ihr, nu, nach Hause bringen J. E.: Das isch in Moldawien…
860 und alles. Ja, aber es war auch ganz interessante Erinnerung. I: Aber wir waren da stehen geblieben wie der Gedanke nach 920

Das war einmal.. neue Jahr, die machen so großer Ball, feiern Deutschland auszuwandern kam.
zusammen, mitOrchester so richtig schön so. Ich weiß nicht J. E.: Ja.. Ja und dann hab ich, ich hab gemerkt das die Paulina
ob du das kennst von Russland? die hat Erlaubnis bekommen mit die Eltern, ausreisen, nach
I: Nein. Deutschland. Natürlich bei mir hat dann die ganze Stimmung
865 J. E.: In jedem Fall die machenso richtig schöne Party ja, zum ist runter gegangen bei mir ja, ich versuch da mit ihr Kontakt, 925
88 anhang b Interviews und Gedächtnisprotokolle

wollte ( ), die war auch hübsches Mädel und alles, ich hab ich so ein Brief von meinem Onkel aus Deutschland, ich weiß
gedacht ja, vielleicht wird was ja, das wir irgendwann zusam- nicht wer die gezählt hat zweiundzwanzig Sorten (lacht)
menkommen ja. Aber isch nix geworden, die is ausgereist I: (lacht)
nach Deutschland, die isch weg, ich bin geblieben. Ja, dann J. E.: Zweiundzwanzig Sorten Wurst gibt’s, ich hab gedacht,
930 hab ich anderes Mädel getroffen ja.. das war auch so, die isch wie gibt’s wie kann man so viel Wurst machen? Die kann man 990

auch ausgereist nach Deutschland ja… das war in Kuban, das doch gar nit alle mit Namen nennen ja oder wie. Weißt du
war am Schwarzen Meer, das isch so auch Siedlung wo die damals, weißt du wenn du siehst ein Kugelschreiber ja und
Deutschen gewohnt haben. Und die – wir haben sich auch denkst naja das ist der Kugelschreiber, und der bleibt auch
bekannt gemacht durch meine Verwandte – ein Bruder von hundert Jahre Kugelschreiber ja, so so (Farbe) wird er auch so
935 meinem Vater hat immer gesagt: »Jakob, das isch das Mädchen bleibe ja, ( ) nach fünfzich Jahre wird er vielleicht rote Kappe 995

für dich.« Wollte immer das ich sie kennenlerne. Dann bin ich kriegen oder andere was äh Form, aber am meistens so wenn
hingefahren einmal und hab sie kennengelernt, Ola hat sie Axt oder Schaufel, ja ich hab noch russische Schaufel zuhause
geheißen.. Das Mädchen hat sich verliebt in mich gleich, ja ja und die – allerdings ist n Defizit ja – hier kriegt man solche
I: (schmunzelt) gar nit in Deutschland, so spitzige ja, der isch nit so grad, wenn
940 J. E.: Nein das isch wirklich so, das war ( ) sauberes man jetzt im Garten schafft der isch so richtig schön spitzig ja, 1000

( )hübsches auch.. aber später hat sie auch Er- und da eine mitgebracht und ( ) so im Garten schaffe,
laubnis bekommen, isch sie weggefahren, schon zweite. Nu grabt sich ganz leicht ja und viel leichter arbeiten, gibt auch
langsam hab ich mich Gedanken angefangen zu machen. Alle Vorteile ja, und einige Sachen haben sie auch gut gemacht
fahren weg, ja und, dann hab ich gesagt: »Nee, musst was ja, auch Instrumenten gibt’s verschiedene gute ja oder.. zum
945 machen, musst irgendwo.« Ich wollte auch irgendwie, ich hab Beispiel Geige ja, das gibt’s sowas gute Instrumente ja, das 1005

Gedanken gemacht warum fahren sie alle raus ja. Ja und dann hier verkaufen sie für sehr viel Geld ja. Es gibt schon schöne,
wollte ich auch die deutsche Sprache kennenlernen, Deutsche gute Sachen ja, was sie gemacht haben, auch die Uhren, die
kennenlernen russische Uhren die sind auch hier viel wertvoll noch bis heute.
I: Aber Sie haben deutsch gesprochen schon in der Familie Natürlich sind sie auch echte Mechanismus, die sind keine
950 oder? mit Batterien oder was noch, aber richtig echte Mechanismus 1010

J. E.: In Familie haben wir gesprochen ja, aber so bisschen, so welche du aufziehen kannst und (die Schrauben), ich hab auch
bisschen ja so noch eine russische Uhr, die hab ich dem Abraham gegeben,
I: Also im Alltag haben Sie mehr russisch gesprochen oder ich weiß nicht wo er die hingelegt hat, aber ich hab noch
wie? russische Uhr, muss man ihn fragen.. für diese Uhr hab ich
955 J. E.: Ja, ja, mehr russisch gesprochen wie deutsch ja. Deutsch ganzen Monatsverdienst bezahlt.. das war damals.. das war 1015

ist so wie hier wenn ich zwei drei Worte Englisch spreche, nit nit wenig Geld, ja und ( ) Was wolltest du noch wissen?
viel ja. Ja.. und dann hab ich Ziel gelegt natürlich uns was I: Ja der Onkel hat dann den Brief geschrieben und wie der
aufbauen in Deutschland ja, unsere Heimat sehen, Deutsch- Wunsch gewachsen ist auszureisen (lacht).
land, Deutschland sehen und das wir unsere ( ) wie Deut- J. E.: Genau, nach Deutschland ja (lacht), stimmt ja. Naja,
960 sche leben, was für Kultur, so deutsche Kultur, deutsche Mu- dann haben wir gedacht wir müssen Visum machen, probieren 1020

sik, deutsche Schlager, mir hat sehr gefallen ich hab auch viel wir’s aus ja. Meine Frau hat von ihre Seite von Verwandtschaft
deutsche Schlager gespielt, auf Hochzeiten alle so mitgemacht ähm, ihre Schwester isch ausgereist zuerst ja und dann haben
früher, und bis heute mach ich auch gern ja, wenn einladen wir durch sie auch Visum bekommen. Ja.. und dann haben
wenn wir doch spielen dann mach ich das auch gern. Ja, und wir auch probiert, ausreisen. Das hat zwölf Jahre gedauert bis
965 dann so hat sich entwickelt ähm, die neue Ziel das irgendwo wir bekommen haben Erlaubnis.. ja 1025

auswandern, ja das wir wollen auch nach Deutschland kom- I: Zwölf Jahre in Moldawien oder zwölf Jahre in Sibirien?
men.. ja J. E.: In Moldawien schon. Moldawien, ja.
I: Und das hat sich bei Ihnen so entwickelt oder waren das I: okay Und nach Moldawien sind Sie gefahren weil?
auch die Eltern? J. E.: .. Wir dachten aus Moldawien war damals so das man
970 J. E.: Ja die Eltern auch ja, die wollen auch natürlich. Aber darf ausreisen, aus Sibirien das war noch verboten alles ja. 1030

die Eltern waren so mehr ruhiger, dene war schon ziemlich, I: Also diese Visumsanträge haben aus Moldawien erst ge-
das heißt die musst man schon bisschen antreiben ja zu dem.. stellt, oder schon vorher auch?
ich hab immer gedacht, mir Gedanken gemacht warum mein J. E.: Nein aus Moldawien ja, aus Moldawien, da hat’s ange-
Onkel ausreisen will und dann hab ich gedacht da steckt was fangen ja.. Unsere Verwandte erste sind ausgereist, und meine
975 drin mehr ja, und dann hat er mir geschrieben – er war ja Frau wie gesagt, die Eltern ja, und die ältere Schwester von 1035

schon früher ausgereist wie wir – hat er mir geschrieben in meine Frau und dann haben wir durch die und mit ihre Mutter,
Deutschland gibt es zweiundzwanzig Sorten Wurst. Kannst sind wir dann ausgereist nach Deutschland.
dir vorstellen was das für Schlag war? In Deutschland war I: Hm. Und Ihre Frau haben Sie in Moldawien kennengelernt?
eine Sorte, Sasiski ja, kennst du die Würstchen? J. E.: Moldawien ja, in Kischinau.
980 I: Hm. Ich glaub ja. I: Und da hat’s dann geklappt letztendlich? 1040

J. E.: Stehst du ein zwei Stunden ja wenn du ein Kilo kriegst, J. E.: Ja da haben sich kennengelernt und hab ich gedacht jetzt
wenn keine da sind, kriegst du nix. Genauso anderes so, gab’s is schon die wollt ich jetzt nit das sie weg, ausreist, wollt ich
auch verschiedene (Tsatiki) verschiedene Wurste aber isch sie nit weglassen allein. Was heißt allein, wir haben sich fünf
ganz selten ja, das muss man viel Geld bezahlen oder mit Jahre kennengelernt, wir haben sich gekannt fünf Jahre, in die
985 Beziehungen so was ja, kann man das kriegen. Und jetzt krieg Kirche schon, von unsere Gruppe, deutsche Gruppe ja. Wir 1045
Interview: Jakob (und Lydia) Egert 89

sind dort deutsch gewesen, deutsche Gruppe so, so Jugend wie Kirche?
du ja, so ähnlich zwanzig fünfundzwanzig bis dreißich so, wir J. E.: Ja. Ja.
haben getanzt und Musik gemacht und waren wir immer so, I: Und haben Sie dann noch, einundachtzich haben Sie gehei-
früh im Mai haben wir Zelte aufgestellt und im Wald so richtig ratet und siebenundachtzich – sechs Jahre – haben Sie dann
1050 schön gesungen, gespielt, Gitarre gespielt, Feuer gemacht, das noch ne Wohnung gehabt oder n Haus oder wo haben Sie 1110

war sowas was man nie vergessen, hier kann man das nicht dann gewohnt?
kaufen, für kein Geld, das war wirklich schöne Jugend ja, J. E.: Naja, in diese Zeit hab ich ähm, zuerst haben wir ge-
deswegen ich sag dir ich kann dir erzählen, du musst mir nur wohnt bei den Schwiegereltern, und dann wo die Kinder ge-
Anhaltspunkte geben was du willst wissen. Dann kommt bei kommen sind, die Sarah, Hannah äh Sarah und Abraham,
1055 mir so langsam ja, alles. Und, das war wirklich schöne Zeit ja, Hannah isch dann später gekommen, wir haben schon un- 1115

wunderschöne Zeit war! Wir haben so Feuer gemacht, halbes sere, zuerst neue Wohnung haben wir bekommen so wie im
Zimmer da so große Feuer haben wir gemacht dort im Wald Heim so, wie kann man sagen, nit Heim, Abschidschitia, wie
und da hat niemand geschrien niemand ja, und da waren übersetzt man das? I: Ähh.. Wohngemeinschaft.
keine Besoffene ja, da war auch kein Wein oder.. wenn wir J. E.: Ja so richtig, Wohngemeinschaft genau, für Familien.
1060 Wodka getrunken haben, aber klein Gläschen so getrunken Dann haben sie mir so ein Zimmer gegeben, uns mit meine 1120

und fertig ja, das waren nit so besoffene Jugend oder was, das Frau
man da die Nasen sich geschlagen haben oder was. Das war I: Wer hat gegeben?
alles richtig schön, schöne so Gruppe ja. J. E.: Von meiner Arbeit, das isch so eine Kriekauer Schacht so
I: Hm, hm. Und da in Moldawien haben Sie zuerst mit Ihren heißt das, so Bergwerk, da haben sie die Steine rausgeschnitten
1065 Eltern da gewohnt oder auch mit der ganzen Familie, ihre für die Häuser zum Bauen, Kalksandstein so weißen haben 1125

Geschwister ihre Eltern alle sind dann nach Moldawien aus- sie rausgeschnitten. Aber ich war dort Schreiner und Tischler,
gereist? musste die Arbeit machen, die Baustelle und so mehr, Fenster
J. E.: Ja, wir sind nach Moldawien ausgereist, richtig, das reinstellen und Türen und Beschallung machen ja.
stimmt, dann hab ich bei ihre, bei meinen Schwiegereltern I: Also in dieser Wohnung von der Arbeit haben Sie die ganze
1070 gewohnt, die haben ein Haus gehabt, dort in Kriekauer haben Zeit gelebt? 1130

sie Haus gehabt und meine Frau dort, die war die Tochter die J. E.: In dieser Wohnung ja, in dene Häuser da, aber Wohnung
waren auch vier, zwei Schwester und zwei Brüder hat sie, vier, habe ich keine bekommen da, ich habe mich schon eingetra-
zu viert sind sie. Ja, und der Bruder, der wohnt auch hier nit gen da damals, war ich schon eingetragen das ich Wohnung
weit, Andreas, ja und der hat meine Cousine geheiratet und bekommen sollte ja, und diese Zeit, das dauert lange Zeit bis
1075 ich hab geheiratet seine Schwester (lacht) so kommt das. Ja, man dort so ne Wohnung bekommt ja, da stehen dort hun- 1135

und damals waren wir Jugend so richtig schön, das war, das derte Leute ja, muss zuerst immer der Erste dann wieviel
war (wirklich) ganz toll. Beziehung haben die verschieden ( ) und du stehst und
I: Und wann haben Sie geheiratet nochmal, in welchem Jahr? stehst und wartest fünf sechs Jahr ja und hast nit, aber ich
J. E.: Im einundachtzich. Einundachtzich. habe zweites Zimmer noch bekommen in dem Familienheim
1080 I: Achso. Und I: Hm. Aber eine Wohnung haben Sie nie bekommen dann? 1140

J. E.: Und dreiundachtzich hab ich Führerschein gemacht und J. E.: Nein. Ich habe so Sektie gehabt, das isch so ein Zimmer
Zähne meine reingestellt. Das war auch so Geschichte, wir so mit kleiner Küche, Küche war wahrscheinlich ein Viertel
haben sich getraut in die Kirche, dann hab ich meine Frau von dieser Küche, das war so ein Meter einhalb, so Küche war
gesagt: »Tschuldigung, ich muss zurückfahren« (lacht), an ihre das. Und dann war so ein Zimmer, das war so getrennt, ein
1085 Elternhaus das sind hundert Kilometer ja, bin ich immer zu Zimmer und dann so ein kleines ja. Das war unser ganzer 1145

ihr gefahren Bereich.


I: Ah doch so lange. I: Zuletzt habt ihr zu fünft da drin gelebt?
J. E.: Ja, das ist (andere Dorf schon Siedlung), aber die hundert J. E.: Ja, dann ist die Hannah noch geboren, und das war un-
Kilometer sind drei Stunden muss ich mit dem Auto, mit dem seres Zimmer ja, da sind wir gut bedient gewesen ja. Und ich
1090 Bus fahren, gab’s kein Auto, hab kein Auto gehabt, gar nix. hab noch den Luxus das ich hab den gut den Chef gekannt, ich 1150

A Bus ist zwei mal am Tag gefahren zu ihr. Das kannst dich hab immer bei ihm zuhause gearbeitet und dann hat er mir
vorstellen am Samstag bin ich früh raus und hab gewunken das gemacht, das ich das Zimmer dazu kriege ja. Da war ein Al-
ja das Bus anhält wenn vorbeifährt, das er mich mitnimmt koholiker gewohnt und der isch dann, isch er rausgeschmissen,
ja nach Kischinau. Und dann bin ich gefahren ja und bin zu und dann haben, das ich in diese Sektie gewohnt hab, dann
1095 meinem Mädchen gefahren, zu Lydia.. Und Samstag bin ich haben sie mir gegeben das andere auch dazu.. Dann haben 1155

dort gewesen, ja bei ihr und die hat noch gearbeitet ja und natürlich schön gemacht, rausgerissen und schönen Lenolium
(10) so Laborant war sie mit Wasser und alles so, muss sie so richtig so aus (Tschechien) oder wo, damals muss man für
Analisis machen und so, hat sie dat Arbeit gehabt. Nu wenn die reichen Leute auch was machen und dann hab ich gespro-
die Schicht gehabt hat bin ich gekommen und bin mit ihr auf chen mit dem Chef, darf ich mal paar Dinger da für mich für
1100 die Arbeit gegangen, die Zeit nit verlieren ja, was heißt nit die Wohnung nehmen? Ja, wenn Reste bleiben, nimmst nimm, 1160

verlieren, uns zu sehen auch. Und dann bin ich mit ihr auf die okay Ich hab die Reste, so gemacht das die Reste geblieben
Arbeit gegangen, Salz musst ich ihr da helfen bringen und in sind ja (lacht), so ( ) hab ich sie mitgenommen und dann
den Kessel da rein schütten, haben sie ins Wasser Salz dazu ins Zimmer gelegt und schön gemacht so alles. War tip top
gegeben ja.. dann die Wohnung, die haben alle geguckt, die wollten alle
1105 I: A Sie kannten sich aus dieser Jugendgruppe ja, von der dann später rein.Ich hab Kinderzimmer Kinderbett gemacht ja, 1165
90 anhang b Interviews und Gedächtnisprotokolle

isch auch sowas Möbel so Politur, so richtig schön Holz so hab jetzt und du weißt gar nit ( ), »Das isch Bier,
ich gemacht ja so richtig schön, und dann haben wir gedreht mach’s auf und trink!« sagt er, das du in Deutschland bist. Ich
so Schraube aus Messing, selbst gemacht, ich war auch Dreher, sage: »Wie macht man das auf? Das isch doch eisernes Ding!
hab ich gedreht so aus Messing dann wie Goldstücke ja, so Ich hab doch kein Schraubenzieher!« (sagt etwas auf Russisch)
1170 verschiedene Köpfchen und so, so Bettchen hab ich gemacht weißt, du hast noch keine Ahnung ja, du kommst von andere 1230

für meine, zweistöckiges Bettchen und dann, die Kleine war Welt ja, isch wie aus die Afrika kommst du, in eine Stadt ja
noch in dem Wägelchen ja, sieben Monate ( ) dann so ungefähr. Ja dann hat er mir gezeigt wie das aufgeht, dann
haben wir sie rausgeholt, bei uns hat sie geschlafen im Bett. hab ich verstanden, einmal siehst, dann weißt du. Aber so,
A die zwei die haben schon in dem Bettchen geschlafen die wie soll ich das Ding da aufmachen (lacht), ja hab ich gar nicht
1175 beide ja, wie schön. Das Bettchen natürlich haben sie mir mit gedacht, das ziehst das Ding da auf und kannst trinken. Naja, 1235

Kusshand abgenommen ( ) und ganze Möbel alles dann haben wir probiert: »Oh das schmeckt gut.« Das ist was
da, wir haben keine Probleme gehabt das alles rausgeschenkt anderes ja. Ja… das hat uns gefallen ja, ja sehr gefallen. Mein
abgegeben und sind wir weg… Onkel hat da Haus gebaut in Biebrich, Wiesbaden Biebrich,
I: Und äh, aber da haben Sie schon gelebt immer mit dem großes Haus, zweistöckiges Haus, hat da auch Kinder, dort
1180 Ziel ganz nah vor Augen da schon wegzufahren wieder, oder.. haben gewohnt am Anfang, jetzt haben auch Kinder Häuser… 1240

wie? I: Am Anfang haben Sie bei dem Onkel gewohnt?


J. E.: Ja, ja. Wir wollen da schon raus ja. Wir haben schon des, J. E.: Ja, haben wir bei dem Onkel gewohnt ja. Zuerst in Fried-
die Jahre schon angefangen schon, die zwölf Jahre gedauert land haben wir eine Woche verbracht (wenn das brauchst) und
haben ja, bis wir rauskommen. dann haben sie uns geschickt nach Wiesbaden, weil da isch
1185 I: Und da haben Sie jedes Jahr oder ich weiß nicht wie oft so ihre Schwester meiner Frau, die hat hier gewohnt in Dotzheim, 1245

einen Antrag da gestellt? und dann haben sie uns gefragt wohin wollen wir, und dann
J. E.: Jedes Jahr muss man neue Antrag stellen, und das geht Frau hat gesagt ja die Schwester isch da und in Wiesbaden
durch KGB, durch ganze Ministerien ja und dann geht das Biebrich war mein Onkel, »Naja, nehmen wir Wiesbaden ja«,
durch die ganze Botschaften und das muss so sind wir in Wiesbaden gelandet ja (5).
1190 I: Und jedes Mal haben sie abgesagt, bis auf’s letzte Mal? I: Hm. Und wann äh im Hotel haben Sie auch noch gelebt, 1250

J. E.: Ja, haben sie abgesagt. Und dann unter Gorbatschow haben Sie gesagt?
der äh hat das aufgemacht. So, ja isch gekommen die Zeit das J. E.: Ja und dann, haben wir unsere Papiere, müssen wir das
er hat gesagt hat verstanden: »Warum sollen wir die halten alles äh… eintrage ja, müssen wir unsere Papiere machen,
die Russlanddeutschen, wenn sie wollen sollen sie doch fah- übersetzen alles ja, Registrierschein und alles, weißt du, und
1195 ren.« Der hat das bisschen lockerer gemacht. Und dann haben haben wir das alles gemacht und dann irgendwann müssen 1255

wir bekommen die Zusage das wir dürfen raus ja. Der isch wir, haben wir Gedanken gemacht wo wir wohnen werden,
einer der intelligentesten gewesen welcher unsere Probleme und dann hat (mein Onkel) auch uns gesagt, gibt’s so Leute
zu, aber der war zu intelligent, der hat uns rausgelassen und auch welche können helfen, die können uns die Papiere ma-
dann später hätte sollte bisschen das korrigieren ja, und dann chen besser als wir da wissen, und ja wir haben gefunden
1200 sind auch, nach uns sind auch die so Mischlingsfamilien ge- so Leute dann die uns übersetzt haben alles und dann haben 1260

kommen und dann später auch Russe angefangen ja, richtig wir auch, sind wir gegangen haben angemeldet sich für die
auch so, ja die haben versucht Partner finden so ja Bekannte Wohnung mit einem Mal und gleich Antrag gestellt. Aber das
oder wie oder was und heute gibt’s auch viel Russe welche isch so, wenn du keine Arbeit hast kriegst du keine Wohnung
auch rübergefahren sind dann, auch andere Nationalitäten. ja. Und Wohnung genauso ja, wenn du keine Wohnung hast
1205 Ja, und das natürlich isch nit so gut ja von eine Seite, von kriegst keine Arbeit, so ungefähr, wenn du nit eingeschrieben 1265

unsere jetzt, unsere Lage, verstehst du, wir haben noch unsere bist, dann wer will dich einstellen ja. Isch alles so Sache so, so
deutsche so bisschen sagen wir so gehabtAkkuratnast so, nit war als bisschen mehr in die Luft ja,aber langsam haben wir
klaue so, zurückhalte sich n bisschen ja, aber heute wird viel sich so durchgeboxt, ja mit dem Onkel, mit dem Bekannte ja
geklaut und, und das machen die ja meist die welche dann spä- und dem seine Bekannte und wo wir hingehen und so, einer
1210 ter gekommen sind und.. a warum wird so viel aufgebrochen oder anderer hat hat so bisschen so beraten. Und so sind wir 1270

und die Autos kaputt gemacht und alles ja, und Gefängnisse immer weiter ja, gekommen. Und ja, dann haben wir uns,
sind sehr viel voll fast mit die Aussiedler, ich meine auch mit nach drei Monate haben wir bekommen Wohnung, drei Mo-
so mit Russen ja, welche das machen. Aber okay du, sag ich nate haben wir im Hotel gewohnt, wie gesagt in Wiesbaden
doch, ich weiß nit was du willst wissen ja, ich erzähl dir sowas, Schierstein, da haben wir so über drei tausend sechshundert
1215 ungefähr was mir jetzt reinkommt ja D-Mark im Monat müssen wir zahlen zurück. Kannst dir vor- 1275

I: Ja stellen? Aber
J. E.: Deswegen musst mich immer frage, ich versuche dir I: Achso, an das Hotel?
dann Antwort geben ja. J. E.: Ja, aber die haben uns ein Teil ver… sagen wir so, ge-
I: Ja. Ja, und wie war das dann als Sie hier angekommen sind, schenkt, aber ein Teil, die Hälfte müssen wir dann – wenn ich
1220 in Deutschland? angefangen hab zu arbeiten – muss ich teilweise zurückzahlen 1280

J. E.: Ja, das war schon Schock, was heißt Schock, das war ja.
schön von erste Seite. Bin erste mal ausgestiegen in Flughafen I: Aber wie sind Sie zu dem Hotel gekommen?
in Frankfurt, mein Onkel hat mir so eine Dose Bier gegeben L. E.: (In Osthofen) war geschlossen
in die Hand, ich hab so geguckt hab ich gesagt: »Was ist denn J. E.: Die ganzen Lager war voll.
1225 das?« Weißt du, erste mal siehst du, du stehst wie ein Affe I: Achso okay, die Behörden haben Sie dahin geschickt? 1285
Interview: Jakob (und Lydia) Egert 91

L. E.: Ja, die Behörden. den als Faschisten genannt. Ja, zu dem Zeitpunkt. Und zum
I: Aber dann sollten Sie die Hotelrechnung zahlen? Beispiel, bei mir in der Familie war so, ich war als Deutsche
L. E.: Nit die ganze. Wahrscheinlich was über die Sozialleis- erzogen, ja meine Oma und Opa haben mit uns nur deutsch ge-
tung geht. sprochen und, ja, ich hab als kleines Kind immer gesagt: »Ich
1290 J. E.: Wir haben doch Arbeitslose bekommen ja und dann bin ein deutsches Mädel«, ja. Tja und mit diese Einstellung 1350

haben sie das so ausgerechnet ja, und die haben auch bezahlt sind wir nach Deutschland gekommen. Als wir nach Deutsch-
erste Zeit wie gesagt auch, aber wo ich dann nach die drei land kamen da war die kalte Dusche gleich, wir wurden als
Monate die vorbei sind, ( ) mit dreitausend Russen genannt, ja. Und da, das zu verkraften das war schwer..
sechshundert Mark jeden Monat zahlen, wie soll man da leben I: Und das war, war das bei Ihnen auch so, ich mein?
1295 ja, und da haben wir sich Gedanken gemacht: »Wie kommen J. E.: Naja, das war schon n bisschen komisch ja, drüben wa- 1355

wir da schneller raus, von diesem Hotel?« Irgendwo muss ren wir Deutsche ja, haben sie immer Deutsche zu uns gesagt
man wohnen ja. L. E.: Wir hatten deutsche Namen und alles, und hier, ja klar
L. E.: Das war so, im Hotel durften wir nix kochen (lacht)
J. E.: Und kochen darf man nit J. E.: Und hier sind wir rübergekommen und sind Russe, ja
1300 L. E.: und wir hatten drei kleine Kinder gehabt wir kommen aus Russland und sind wir Russe, hat nit jeder 1360

J. E.: und die Kinder waren klein noch verstanden ja. Das isch genauso
L. E.: ja, und immer bei ihnen, also Vollpension, können wir L. E.: Zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht ja. Jetzt wissen
auch nicht zahlen. Frühstück haben wir schon bekommen für sie deutsche Russen oder wie werden wir genannt ja.
sieben D-Mark damals, Frühstück ja, aber dann, hab ich so ein J. E.: Jetzt wissen sie, einige, das Aussiedler gibt’s
1305 kleiner Herd gehabt und so versteckt, ganz schnell Kartoffel- L. E.: oder Russlanddeutsche ja, Russlanddeutsche werden 1365

brei eingerührt oder noch, Zimmermädchen wusste davon ja, wir genannt, bei Deutschen. Das war schon etwas bisschen
aber sie hat uns nicht verraten. Weil das war ja gefährlich, ja Schlag aber wieder die Nachbarn, der Mann zum Beispiel hat
könnte Brand entstehen oder noch wie so gesagt, er hat gesagt: »Frau Egert, Sie zählen sich doch zu
J. E.: waren auf dem Dach noch ja, isch schon gefährlich alles. Deutsche?« Ich hab gesagt: »Ja.« Er hat gesagt: »Wissen Sie
1310 I: Hm. Und dann von dem Hotel sind Sie wohin dann? was, sprechen Sie nicht mehr russisch.« 1370

J. E.: In die Wohnung in Wiesbaden auf dem Sonnenberg. I: Hm.


L. E.: Da haben wir ganz schnell Sozialwohnung bekommen. L. E.: »Sprechen Sie nicht mehr russisch, dass Sie schnell
J. E.: Da haben wir Sozialwohnung bekommen. Aja das war schneller die Grenze (überschwung) bekommen, dass Sie
Interesse auch schneller besser deutsch sprechen können.« Ich hab, wir ha-
1315 L. E.: für den Staat war auch das interessant, das wir schneller ben deutsch ja gesprochen ja, aber trotzdem, auch heutzutage 1375

rauskommen. merkt man von wo wir kommen. Aber tja, damals war es so.
J. E.: ( ) so ein Haufen bezahlen, dann lieber haben sie Und die Schullehrerin, die Kinder sind in X-Schule in Wiesba-
uns Wohnung angeboten wie statt zu viel zahlen ja, das muss den gegangen, das ist eine private Schule von der katholischen
de Arbeitsamt alles übernehmen dann. Ja und dann haben sie Kirche, und die Lehrerin, Sarah ist gleich in die erste Klasse,
1320 uns gegeben die Wohnung, dann haben wir das renoviert so wollten wir aber sie haben sie nicht angenommen weil waren 1380

schnell wie möglich eingezogen, die Tapeten waren noch alles noch Sprachschwierigkeiten , sie war in der Vorschule und
alt und haben gesagt: »Komm geh raus (lacht), machen das dann kam sie in die erste Klasse nach einem Jahr und die
schnell.« Lehrerin, Frau Runkel, sie hat mir gesagt: »Wissen Sie was
L. E.: Dann haben wir eins nach dem anderen renoviert Frau Egert, sprechen Sie mit Kinder nur deutsch zuhause, das
1325 J. E.: Ja und dann haben wir auch eins nach dem anderen der Sarah es leichter geht zu lernen. Aber in der Mathematik 1385

renoviert und Zimmer sich gemacht und so, haben sich dann helfen Ihrem Kind nicht, weil Sie dort haben andere Weise
aufgebaut n bisschen. Und wenn ich die Wohnung gehabt hab gelernt das und wir lernen hier etwas anderes und Ihr Kind
L. E.: Wir sind eingezogen in die Wohnung da war der Strom nicht stören dann«, naja dann hab ich umgelernt auf deutsch,
abgeschaltet weil eine haben sie abgemeldet, und wir waren mit meinem Kind zusammen.
1330 noch nicht angemeldet und wir haben eine tolle Nachbar ge- I: Hm. Deutsch rechnen. 1390

habt, besonders die Nachbarin, die kamen aus Ostberlin. Ja, L. E.: Aber wir haben’s geschafft, mittlerweile sag ich: »Mich
und die Frau hat sich gleich als so, für uns eingesetzt. Ich können sie nennen wie sie wollen, hauptsache ich fühl mich
hab gesagt: »Das ist ja Schweinerei! Drei kleine Kinder und wohl in Deutschland.«
wir können kein Glas Tee kochen.« Er hat gleich uns Kekse J. E.: Als wir
1335 gebracht, hat gleich beim EWR angerufen, hat die Lage ge- L. E.: Ja.. ja, und meine Kinder fühlen sich wohl, jeder konnte 1395

schildert und ruck zuck in paar Stunden hatten wir Strom die Ausbildung machen was er wollte, fertich.. ja.
gehabt. I: Hm. Was meinen Sie?
J. E.: Haben wir Strom bekommen und alles.. J. E.: Ich meine in Deutschland ja, das isch wunderschöner
I: Und waren die Erwartungen dann erfüllt als Sie hier in Staat und da muss man sich auch durchkämpfen ja, wie über-
1340 Deutschland waren? all wenn man jetzt nach Japan fährt oder nach Australien, da 1400

J. E.: Naja das ist, wie gesagt das ist muss man auch neu anfangen. Überall ja gibt’s Schwierigkei-
L. E.: Das war so, wir haben uns dort für Deutsche, wir sind ten, wie jeder Aussiedler oder Auswanderer ja. Wenn man
Deutsche ja, wir hatten in Schulzeit sogar, wurden unsere jetzt guckt im Fernsehen wie viel Leute, einige haben Glück,
Schulranzen – deine Eltern könnten davon auch sprechen – die finden Arbeit, die haben, die Sprache können sie beherr-
1345 so, Nazikreuz jemand gezeichnet oder noch wie ja, wir wur- schen gut, oder Spanisch oder Englisch oder was ja, aber muss 1405
92 anhang b Interviews und Gedächtnisprotokolle

man auch die Arbeit und die ganze, die Arbeitsverhältnisse wichtig, was galt es vielleicht zu erreichen? Oder ja, was war
oder sagen wir so, die Instrumente auf der Arbeit musst könne so zentral in dieser Gesellschaft?
auch, wie das heißt auf Englisch oder was. Das isch nit nur J. E.: Sie meinen drüben oder hier?
spreche: »Ich geh nach Hause«, oder, muss schon wissen was I: Drüben, Sowjetunion.
1410 ich will ja, oder »Gib mir den Schlüssel« musst auf Englisch J. E.: Ja… Ja, ich denke die Leute die haben auch ihre Wün- 1470

sagen, oder was du brauchst dort ja. Und äh genauso müssen sche gehabt, auch ihre Familie versorgen in jedem Fall, aber es
wir unsere Barriere auch wieder hier nehmen, das war für war ganz andere Situation in dem Moment drüben. Zuerst ha-
mich nicht so einfach.. Damals war ich Schreiner in Russland, ben die Leute unterbezahlt alle, die haben nit bekommen das
ich weiß was Malatok, das isch Hammer ja und Säge und Ho- was sie bekommen sollen, manchmal drei vier Monate haben
1415 bel ja, das waren unsere Instrumente drei Stück. Aber hier sie überhaupt kein Geld bekommen, ja, und dann natürlich 1475

da Fräsmaschine und hier Papiermaschine und verschiedene, kommt andere Interesse dann: »Für was arbeiten wir?« Und
wer weiß da alles gibt ja. Ja, und da musst du alles wissen wie dann versuchen sie durch die Kolchose was, was nit so fest
das heißt. kriegt, mitnehmen ja, das heißt es klauen. Drum sagt man:
L. E.: Und da zum Beispiel die Ausbildung dort, und hier es »Die (Kühe) die Russland das wäre viel reicheres Land, wenn
1420 wird ja nix anerkannt. Ja, zum Beispiel ich hab dort gearbeitet sie nit geklaut hätten und nit getrunken hätten, so stark.« ( ) 1480

in Gesundheitsamt, bei Gesundheitsministerium und hier bin wenn sie trinken, wenn sie haben Wein, machen sie im Herbst
ich nix, wurde überhaupt nicht anerkannt. Hier haben gesagt: Wein, wenn sie anfangen die trinken das aus, bis leer ist, egal
»Sie können gehen und als Krankenschwester wieder eine wieviel tausend Liter, zweitausend Liter, die werden jeden
Ausbildung machen.« Ja Tag trinken bis es leer wird. Es gibt keine Pause zwischen, das
1425 I: Hm hm. isch selten wenn du findest so eine anständige Familie das sie 1485

L. E.: ich war viel, viel größer ausgebildet als hier die Kran- sich bisschen, nicht ganz so schaffen ja. Aber da.. isch
kenschwester, ich hatte breitere Ausbildung gehabt, aber hier L. E.: Das ist im Grunde so, das war so, alles gehört dem Volk..
machen sie so eine Ausbildung aber gehen sie in die Tiefe ja, ja die Fabrik gehört dem Volk und wenn sie den Arbeitnehmer
hier spezialisieren sie sich nur auf einem, und wir waren weit nicht bezahlt haben anständig, dann hat der Arbeitnehmer
1430 spezialisiert… hat sich – das gehört dem Volk, dann gehört auch mir – dann 1490

J. E.: Du bist flexibel drüben gewesen ja. hat er sich selbst bedient. Er hat sich bedient dort wo er ge-
L. E.: Wenn ich dort irgendwo auf einem ( ) so wie Friesen- arbeitet hat ja, dann hat er nach Hause das mitgenommen.
heim, wo kein Arzt ist, der ist, da ist der Fältscher, Fältscher Hier isch andere Gesellschaft, hier ist alles privatisiert, zum
ist übersetzt Unterarzt. Ja, es waren früher in Deutschland im Beispiel die Firma X gehört einem Menschen, und wehe wenn
1435 zweiten Weltkrieg auch solche Berufe, aber dann waren sie was dort nimmst, dann verlierst du deine Arbeit.. und dort.. 1495

abgeschafft. Ja dann ist geblieben Krankenschwester, Arzthel- je größer waren die Bosse desto mehr haben sie geklaut,wenn
ferin, Arzt. Ich würde sagen so ähnlich wie hier Medizintech- ein kleiner Mann erwischt wurde dann, ja, kam er ins Gefäng-
nische Assistentin würd man sagen dann ja. nis. Das ist eine Seite der Geschichte, aber was ich will noch
I: Haben Sie damals gemacht? sagen, die andere Seite der Geschichte ist.. dort sind die Leute
1440 L. E.: Ja, ich hab Labor und alles gemacht, hier kann ich nix.. mehr wärmer 1500

hier muss ich mich so durchsetzen wie ich es kann, fertich. J. E.: mehr offener
I: Hm.. L. E.: mehr offener
L. E.: So (ähnlich), oder wenn dort eine Ärztin war, sie kann J. E.: mehr Hilfsbereitschaft, mehr Freundschaft, Gastfreund-
hier nicht mehr anfangen wie eine Krankenschwester… ja, schaft bei dene isch ( ), wenn kommt Gast, das
1445 erste Zeit, dann muss sie zwei drei Jahre kostenlos arbeiten muss man so verstehen ja, er stellt alles raus was er hat ja 1505

im Krankenhaus, dann vielleicht wird ihr Beruf anerkannt.. L. E.: und wenn er dich eingeladen hat, dann meint er es
und die muss dann von Anfang anfangen ja. ehrlich
J. E.: Aja hier isch ganz andere Ausbildung, das muss man J. E.: ja der Mann der ehrlich ja, du bist Gast bei ihm, ja er
schon gibt dir alles Beste
1450 L. E.: Ja ja, aber damit muss man rechnen wenn man in an- L. E.: und hier weiß man nicht wo man ist 1510

deres Land kommt, ist ganz normal. Drum haben, also wir J. E.: aber hier weiß man nit ja, da denkt man: »Naja, gibt
haben unser alle Mögliche gemacht das die Kinder ihre Weg man dem das, oder vielleicht andere mal zurück.« Aber dort
finden ja.. ihre Ausbildung gibt’s nicht ja, dort bist du Gast fertich ja, der stellt den besten
J. E.: das sie ihre Ausbildung machen Wein raus ja, bestes Fleisch wenn er hat, beste Fisch oder was,
1455 L. E.: ja deine Eltern bestimmt auch so.. ja, haben bestimmt in aber es steht alles auf dem Tisch und ja 1515

der Schulzeit schon gesagt: »Lerne bitte, dass du was wirst!«.. L. E.: Meine Mutter zum Beispiel, heute noch, sie kann Torte
Ja, so ist es. hinstellen und Hering, verstehst du? Und Frikadellen und alles
J. E.: Ja. was sie hat wenn jemand kommt. Dann stellt sie alles alles
I: Hm. Gut, ähm, noch ein paar speziellere Fragen. alles alles
1460 J. E.: Ja bitte schön! J. E.: Die denkt immer noch so, die Hungerphase weißt du 1520

I: Wenn Sie, naja Sie haben.. die Gesellschaft in Sibirien Russ- was sie selbst erlebt haben damals, ja
land kennengelernt, Moldawien, Sowjetunion sagen wir mal L. E.: Das kommt aber von Herzlichkeit ja. Oder zum Beispiel,
um’s allgemein zu fassen. Ähm, wenn sie nochmal, ja an die ich hab ein Kleid gekauft und freue mich, dann geh ich zu
Gesellschaft dort denken, wie, was für’n Bild kommt Ihnen da meine Nachbarin und zeige ihr ja, das Kleid, sie freut sich mit
1465 von dieser Gesellschaft in den Kopf, äh was war den Leuten mir 1525
Interview: Jakob (und Lydia) Egert 93

I: Hm. meine Cousine ihre Tochter.


L. E.: Ja, und hier wenn du was neues anziehst, da wird dir L. E.: Ja ist gut.
gar nix gesagt, weil sie auch das haben wollen, zum Beispiel. J. E.: Wenn du das brauchst, ja.
J. E.: ( ) so Eifersucht so gleich ja. I: (lacht) Em, wer waren da in Anführungszeichen die Ver-
1530 L. E.: Ja, oder zum Beispiel ein Nachbar kauft sich Mercedes, lierer und in Anführungszeichen die Gewinner, verstehen Sie 1590

der andere muss auch ihn kaufen, obwohl er nix auf dem was ich meine? Wer hat vielleicht, ob’s Gruppen gab, wie auch
Konto hat ja, er er er musste auch sowas haben oder noch immer definiert, die von vornherein die besseren Chancen
besser, am besten besser. hatten im Leben, sei es jetzt für Job oder für sonst irgendwas?
J. E.: ( ) zu Mercedes sagen ja, hier kaufst du Mercedes ja, L. E.: Kommunisten
1535 morgen hat er schon vergessen das er neue Auto hat, das (reibt) J. E.: Ja drüben haben die Kommunisten bessere Chancen 1595

sich schnell weg. Früher, wenn du so Lada kaufst, mein Vater gehabt.
hat Lada gekauft, das isch, ja ich geb Beispiel, eine Wochen L. E.: Um eine Karriere zu machen musstest du unbedingt in
waren wir alle besoffen, im ganzen Dorf, der Vater hat Auto die kommunistische Partei eintreten.
gekauft. Verstehst, eine Woche war fast das ganze Dorf, na da I: Hm.
1540 die Straße wo wir gewohnt haben, waren alle besoffen. J. E.: Dann hast du mehrere Türen offen. 1600

I: Weil die gefeiert haben? L. E.: Aber das war gegen unseren Glauben, wir haben das
J. E.: Ganze Woche haben wir Auto gefeiert! Kannst dir nicht gemacht.
vorstellen hier, da hier macht doch keiner eine ( ) Pause J. E.: Wir wollten doch immer raus aus Russland.
oder was L. E.: Nee, überhaupt, wir haben das nicht gemacht. Meinem
1545 L. E.: oder eine Hochzeit dort, zwei drei Tage! Vater wurde auch angeboten in die Partei, er war Leiter von 1605

J. E.: Oder Hochzeiten, weißt du wie schöne Hochzeiten? einer großen Abteilung in der Möbelfabrik, ihm wurde das
Warst du schon auf russlanddeutsche Hochzeiten? angeboten aber meine Mutter hat nicht erlaubt (lacht), der ist
I: Nee. als Leiter dann auch nur geblieben von dieser Abteilung. Aber
J. E.: Weniger. Ich muss dich mal einladen. Direktor war auch Deutscher, der musste Kommunist sein. Ja,
1550 I: (lacht). der musste Kommunist sein. Oder ein Schuldirektor musste 1610

L. E.: Wenn das eine echte russlanddeutsche, wenn beide Part- unbedingt Kommunist sein, überall waren Kommunisten ja,
ner kommen aus Russland, sehr schöne Hochzeiten und das wer in die Partei war der hat auch die Karriere gemacht. Oft
wird geführt von ( ), da ist so schöne Musik wurden sie genannt Kommunisten Karrieristen, ja, weil sie
J. E.: Da ist schöne Musik und schöne richtig auch wie führt nicht aus ihrer Überzeugung in der Partei waren, das war nur
1555 sich das, die ganze Tradition und alles wie das war, das war eine Hülle. Weil ich kannte auch andere Leute aus KGB ja.. 1615

richtig schön, ja. Das musst du einmal erleben, da kannst du und sie sprachen damals nicht Leningrad, sie haben gesagt
schreiben. St. Petersburg.. Ja, also das waren wirkliche tiefste russische
I: (lacht) Leute, intelligente Leute mit tiefste russische Kultur, aber die
L. E.: Meine Hannah war auf so einer Hochzeit in Nürnberg dürfen das nicht leben. Verstehst du, die dürfen das nicht
1560 ja, sie hat gesagt: »So möcht ich auch heiraten!« Jetzt hat sie öffentlich leben. Wieviel wunderbare Schriftsteller wurden 1620

ein Freund aus Bayern.. so geht nicht ja. Die werden bestimmt im Gefängnis einfach so umgebracht, ja, wenn sie nur, oder
nach bayrischer Tradition heiraten. Schauspieler wenn sienur bisschen von der Wahrheit gespro-
J. E.: Na meinst du das isch schlecht? Weißt du wie in Bayern chen haben.
die feiern? J. E.: Ja, wieviel waren im Gefängnis gelandet, für nix.
1565 L. E.: Ja, aber das ist was anderes wieder. L. E.: Für nix und wieder nix. Können deine Eltern, deine Opa 1625

J. E.: Ja natürlich is anders. Wir waren auch da in Nürnberg und Oma wenn sie gelebt hätten, erzählen. Für ein falsches
auf der Hochzeit, da waren mehrere schon, war sehr schön. Wort kamen die Leute ins Gefängnis und wurden verschleppt
Richtig so deutsche Musik ja, russlanddeutsche, es gibt auch und bis heute weiß man nicht wo sie sind.
Gruppen, es gibt Treffen hier auch, Russlanddeutsche, weißt I: Genau, aber mehr zu Großelternzeit auch oder, zu Ihrer
1570 du? Zeit schon nicht mehr, oder? 1630

I: Hm. L. E.: Auch in fünfziger Jahre schon, neunzehn hundert fünf-


J. E.: Gibt’s auch Zeitschrift »Volk auf dem Weg«, da kannst zich bis der Stalin noch da war. Ja, und er war bis dreiundfünf-
du vieles rausfinden auch, da stehen auch die ganze, welche zig vierundfünfzig an der Macht.. In unserer Zeit war auch
Talente und alles, gibt’s auch unsere Talente viele, Lehrer und nicht so einfach, du konntest zum Beispiel nicht in Uni gehen
1575 Musiklehrer und studieren. 1635

L. E.: Na überhauptwenn jemand was erreicht hat, wird auch I: Nicht?


dort geschrieben. L. E.: Nein. Oder musste du das bezahlen..
J. E.: Und unsere Jelena war auch drin, hast schon gesehen I: Warum konnte man nicht? Also Sie hätten nicht studieren
den (zeigt auf ein Bild im Kalender an der Wand, auf dem dürfen?
1580 eine bekannte Schlagersängerin, die mit Fam. E. verwandt ist, L. E.: Nein. Als Deutsche nicht. 1640

abgebildet ist), ja die hat schon Erfolg. Die kriegt für einem J. E.: Als Deutsche nit. Wenn Russe werden dann können wir
Auftritt ja, wenn sie jetzt heute in Köln ist, morgen in Bayern die Chancen..
oder was, fliegt sie mit Flugzeug. L. E.: Hm. Als Deutsche oder kein Kommunist nicht.. Du
I: Und noch mal zu der.. wieder eine Gesellschaftsfrage hattest zwei Wahlen, oder du wirst ein Russe oder du wirst
1585 J. E.: Allerdings das kannst auch reinschreiben, das isch von ein Kommunist, dann kannst du.. 1645
94 anhang b Interviews und Gedächtnisprotokolle

I: Hm. Hm. ben, dann wurden wir nochmal gefragt ob wir raus wollen
L. E.: Ja… Das war hart schon. fahren. Naja wir haben lockerer unterschrieben, aber mein Va-
J. E.: Und die welche studiert haben die müssen auch unter- ter – ich vergess das nicht – er hat so gezittert, der Mann hat
schreiben das sie nix gesehen haben und nix wissen ja. Die so gezittert, er konnte kaum sein Name aufschreiben, weil
1650 welche studiert haben, mein Bruder oder meine Cousins die er sein ganzes Leben so eingeschüchtert war, wir waren ja 1710

haben in Krasnojarsk studiert in Uni, aber die dürfen bis heute Feinde des Volkes.
nit reinschreiben wo sie studiert haben, wo sie gearbeitet ha- I: Hm. Als Deutsche?
ben das war so… äh wie heißt das, wie Garnison so abge- L. E.: Als Deutsche, wir waren Feinde des Volkes. Wir saßen
schützt ja im Flughafen – ich erzähl dir nur ja das, für ihre Unterla-
1655 L. E.: Eine geschlossene Zone war das gen oder für ihr Gedächtnis – aber, zum Beispiel, wir waren 1715

J. E.: Waenni Zone, wie Militärzone mit drei kleine Kinder, in jedem Flughafen gibt’s Zimmer für
I: Während sie studiert haben, haben sie da gearbeitet oder Mutter und Kind, richtig?.. Die Hannah war sieben Monate
wie? alt, da musst man sie noch wickeln und dann noch was, ich bin
J. E.: Die haben dort gelernt ja, und gearbeitet ja. in das Zimmer gegangen mit meine drei Kinder, Mutter und
1660 L. E.: Ja, im Militär hast du noch Chance gehabt aber so nor- Kind, sie haben mich gefragt: »Wohin fahren Sie?« Ich hab 1720

male Uni besuchen konntest du nicht. gesagt so ganz stolz, so endlich komm ich raus: »Nach Bun-
I: Hm. Hm. Und so Berufsausbildung? desrepublik Deutschland.« »In DDR oder Bundesrepublik?«
L. E.: Oder die Eltern müssen dann dem wurde ich nochmal gefragt. Ich hab gesagt: »Ja klar, in Bun-
J. E.: Na warum, die Institute haben sie doch geendet. Nur desrepublik.« »In Urlaub oder für immer?« Ich hab gesagt:
1665 die können nit schaffe hier, das wird nit anerkannt, so richtig. »Klar für immer.« »Für Sie gibt’s hier kein Platz mehr.« 1725

Beide, der Weriand und der Wanja und der Jura die haben I: Wer hat das gesagt?
(alle) studiert, aber die, niemand schafft hier wie Ingenieur L. E.: Die von dem..
oder was, die haben alle bei Opel angefangen, ganz normale I: Von diesem Zimmer?
(Arbeit). L. E.: von diesem Zimmer, die Dame. Sie hat gesagt: »Für Sie
1670 I: Die haben da an der Uni in Moldwien oder wo haben sie gibt’s hier kein Platz mehr. Sie sind ja die Feinde des Volkes.« 1730

studiert I: Hm. Hat sie so gesagt?


J. E.: In Krasnojarsk in Sibirien.. mein Bruder auch, Weriand, L. E.: Hat sie so gesagt… Und später saßen wir im Flugzeug
der hat dann im Institut (gearbeitet) und ich hab der Sarah, schon jetzt gesagt: »Sarah, ich war froh
L. E.: In Kasachstan konnten wir nicht. Weil das wir mit Lufthansa geflogen sind und nicht mit (Araport).«
1675 J. E.: In Sibirien haben sie damals noch lerne, aber, aber nit Weil das Mädchen hat das gesehen, die war fast sechs Jahre 1735

überall auch ja. alt ja, die hat schon was verstanden mitgekriegt, und dann
L. E.: In Kasachstan, wenn Eltern haben bezahlt für das Kind, saßen wir im Flugzeug und, wir sitzen so, neben uns saß ein
dann durfte es studieren. Ja, das war noch eine Möglichkeit, Mann, das war, das hat man gesehen das das einer von KGB
wer Geld gehabt hat, hat bezahlt. Dann durftest studieren. war
1680 Wir kommen aus verschiedenen Richtungen ja und I: Hm 1740

J. E.: Naja gut, Katharina wollte wahrscheinlich anderes wis- L. E.: (schlaue) Blicke ja, also durchdringende und meine Sa-
sen.. oder isch das okay? rah setzt sich hin und sagt, auf russisch: »Gott sei Dank, jetzt
I: Doch doch, es geht schon in die Richtung. sind wir aus diese verfluchte Russland raus!« (lacht)
J. E.: … Du musst deine Arbeit ganz gut schreiben jetzt. I: (lacht)
1685 I: (lacht). Und ähm… und war’s den Menschen in der So- L. E.: (Ich musst lachen noch) aber er konnte nichts machen, 1745

wjetunion, äh inwiefern war möglich und wichtig em sozial wir waren auf dem deutschen Boden, verstehst du schon.
gesellschaftlich politisch aktiv zu sein? L. E.: Er hat gesagt: »Wart mal ab Mädchen, du wirst auf die
L. E.: Politisch Knie beten, dass du zurückgenommen wirst, aber du wirst
J. E.: Politisch nicht zurückgenommen.«
1690 L. E.: gar nicht I: Aha. 1750

J. E.: Das kannst du gleich, die Leute haben Angst gehabt von J. E.: Naja er muss sich verteidigen, isch klar.
Politik, da was gegen sagen. Das isch äh.. natürlich die haben L. E.: (lacht) Aber das war krass ja, wenn wir im russischen
protestiert wenn was falsch gelaufen isch oder was Flugzeug gesessen hätten, die hätten uns gleich raus und fertig,
L. E.: und die wurden alle eingeschüchtert, die Leute haben da hätten wir Deutschland für immer vergessen (lacht)… Das
1695 Angst gehabt. nur so paar Beispiele das du klar hast 1755

J. E.: Aber dann, dann haben die einige gefangen und einge- J. E.: Das du schon den feinen Unterschied merkst ja.
sperrt ja, du hast gespielt mit deiner Freiheit, immer. Isch nit L. E.: das du.. bisschen Vorstellung hast, in diese Zeit wie es
wie hier frei, kannst du schreien und jedem sagen auf dem war, heutzutage ist anders ja, aber damals in diese Zeit war
direkt: »Du Esel.« (lacht) oder noch was, da darfst du sowas es ganz krass. Oder zum Beispiel meine Mama hat immer
1700 nit machen ja. Rosenkranz dabei.. äh Rosenkranz das ist so eine Kette mit 1760

I: Hm. einem Kreuz


J. E.: ( ) Direktor ist, der im Bergwerk ist ( ) direkt I: Ja, ich kenne das.
zu ihm gehen und klopfen an die Tür, hast du Respekt. L. E.: und dann, wir wurden ja durchgelichtet und die hatten
L. E.: Ich weiß bevor wir aus Moskau rausgefahren sind, wir Angst gehabt das das Gold ist oder so ja, und dann sagen sie:
1705 waren in der russischen Botschaft da müssen wir unterschrei- »Was ist das?« Sagt sie: »Raschanez, Rosenkranz.« Einer hat 1765
Interview: Jakob (und Lydia) Egert 95

ge: »Pusti Babku, pusti jedit«, ja, aber alles, (ach will ich gar I: Na im Haus dann wahrscheinlich oder?
nit sagen), keine Fotos, nix dürfen wir mitnehmen weil etwas L. E.: Ja, aber hier ist jetzt nix, das ist in Bellheim.
(neutral) war. (lacht) J. E.: Die wohnen da gegenüber, normal muss doch Krach
I: Genau, und dann nochmal dieselbe Frage der Gewinner schon sein. Das Geschirr fliegen, aber hört man nix.
1770 und Verlierer in Anführungszeichen in äh in der deutschen L. E.: Das ist auch so ja 1830

Gesellschaft.. Oder was äh, was sehen Sie als zentral, was ist I: Was meinen Sie ist auch so?
wichtig hier in der Gesellschaft, was ist wichtig hier in der L. E.: So, eine Einladung aber nit ehrlich gemeint, ja.
Gesellschaft, was ist wichtig den Menschen es zu erreichen J. E.: Sagen wir so, Katharina wir sagen dir gleich, die versu-
oder wie, wie sieht sie aus? chen immer uns halten für dieMenschen zweiter Sorte, ver-
1775 J. E.: Ja wichtig, die Sprache muss man natürlich erreichen, stehst du (was ich will sagen). Wenn man du aus Russland 1835

gut beherrschen, von der Sprache hängt auch vieles ab, ganzes kommst, die denken: »Naja, die sind nit Hiesige, die sind nit
Leben echte Deutsche«
I: Tschuldigung, nur die Gesellschaft im Allgemeinen mein I: Bekommt man zu spüren oder?
ich, nicht nur was die Aussiedler betrifft oder so, so über das L. E.: Das bekommt man zu spüren.
1780 was Sie beobachten, was Sie mitbekommen. J. E.: Ja, das spürt man das ja. 1840

J. E.: Hm… Ja, die Leute die sind, sagen wir so mehr.. im Stress L. E.: Du wirst das auch noch bekommen..
kann man sagen ja, und die haben ihre eigene Probleme und J. E.: Das kommt irgendwann mal
die versuchen sich so mehr oder weniger allein durch das alles L. E.: Wir kennen einen Priester, ja, ( ) der ist mit zwei
kämpfen, ja. Und drübe da isch n bisschen anders gewesen, da Jahren nach Deutschland gekommen, im Zweiten Weltkrieg,
1785 hat man mehr Unterstützung bekommen auch einer von dem er ist jetzt auf die Rente, aber er hat gesagt, sein gaanzes Le- 1845

anderen, ja, und hier bist du mehr so abgeschirmt, irgendwo ben.. als er gearbeitet hat, wurde ihm, also zu spüren gegeben
stehst du allein und du musst dich allein durchkämpfen ja, von wo er kommt.
durch dem Leben, wie gesagt, wenn man nicht kämpft dann J. E.: Verstehst du, ganzes Leben, mit zwei Jahren ist er ge-
geht man zugrunde ja, oder wirst du von anderem.. ähm.. kommen nach Deutschland, isch ein Baby ja. Verstehst du… Ja,
1790 das isch wie kleines.. Hinkel ja, wenn das Hinkel nit gegen und das spürt man ja, aber wir dürfen sich nicht runterkriege, 1850

was unternimmt und wehrt sich, dann wird es von anderen wir sind genauso Menschen wie andere ja, wir tun sich keinen
Hähnchen immer gepickt. Millimeter sich weniger schätzen wie die
I: Achso achso, das Küken? L. E.: Musst das erreichen was du
J. E.: Küken ja, oder Hähnchen ja. Und hier musst du richtig J. E.: umgekehrt
1795 ein starker Natur, so (Hörner) haben und kämpfen, Kampf- L. E.: vorstellst, was du von deinem Leben vorstellst, musst 1855

natur sagen wir so, durch das Leben gehen, wenn du willst das erreichen und noch mehr. Und das ist so, wenn du in
was erreichen ja, wenn natürlich die Hände runterlässt und deinem Leben was erreichen willst und du hast ein Ziel,
nix machst dann wirst du auch so wie eine Lappe in Gesell- aber du musst ein festes Ziel haben, wirst du dazu kom-
schaft, ja dannwird dich jeder schleudern wo er will, ja, und men. Wenn bei dir Ziel schwankt ab vielleicht ja vielleicht
1800 machen mit dir was er will, die anderen. Aber, ich seh das nein, wirst du nie dazu kommen.. Das ist so ungeschriebenes 1860

so, jedem Mensch isch gegeben dieselbe, egal wo er wohnt, in Gesetz.


welchem Land, wir sind alle gleich, ja, vom Menschen Natur, J. E.: Das ist so Gesetz, das Leben isch
vom Grundsatz, wir sind von demselben gemacht, oder Ame- L. E.: So ist es.
rikaner oder Japaner oder Franzose, wir sind Menschen, wir J. E.: Wenn man Ziele hat, das isch genauso wenn man in
1805 sind von Gott, wir sind Gottes Geschöpfe ja, Gottes Werkzeug Zug einsteigt, ja, und du hast dann auch 1865

wenn man so nimmt. ( ) lieber Gott, er hat nit umsonst L. E.: Wir Leute aus Russland wir sind mehr zielstrebiger.
uns, auch nit umsonst jetzt dich oder mich zur Welt, sagen J. E.: Ja. Wenn die Russlanddeutschen will ein Haus, dann
wir so, gebracht zu diese Situation, auch zu hier zusammen ja, baut er ein Haus.
das isch alles ihm sein Wille gewesen, wenn man so nimmt, L. E.: Ja, wir sind zielstrebiger einfach
1810 stimmt? I: Muss vielleicht auch sein? 1870

I: Ja J. E.: Er überlegt sich nit wo das Kind kommt


J. E.: Das könnte sein das wir heute gar nit getroffen hätten, L. E.: Ja. Weil zum Beispiel unsere Eltern sie sind durch Was-
und noch in Deutschland ja, allerdings wir müssen, du bist ser und Feuer gegangen.. und, das prägt… das prägt einfach…
aus Duschanbe, ich bin aus Sibirien, weißt du wo Krasnojarsk J. E.: und Ziel das isch sehr gute Sache. Wenn man Ziel gehabt
1815 liegt, das isch im Norden, wenn man den Globus so hält ja, hat dann hat man (wenigstens) erreicht. Und die Ziele muss 1875

unsere deutsche Karte gibt’s da gar nit so Platz, das musst du man immer haben.
von der anderen Seite schon gucken. L. E.: Immer setzen, zuerst kleinere dann größere, aber Ziel
L. E.: (kommt wieder) Das isch in Bellheim der Polterabend. muss man sich setzen. Hab eine große Ziel, wenn auch in
J. E.: Achso. Unsere Nachbarn machen Polterabend. Weite, musst du jetzt schon haben.
1820 L. E.: Das ist auch so, vor zwei Wochen wurde uns gesagt das J. E.: Ja, wenn du werden willst wirklich.. oder was (du willst) 1880

sie machen Polterabend am neunzehnten. Aber wo wurde nix L. E.: Ja, musst du heute schon haben. Und dann zu diesem
gesagt. großen Ziel, immer sich kleinere Ziele setzen und probieren
J. E.: Aber eingeladen haben sie uns. Aber wo sie werden zu erreichen, dann kommst du auch zu großem Ziel.
hingehen J. E.: Dann kommst du schon irgendwann (an diese große
1825 L. E.: Ja Ziel) 1885
96 anhang b Interviews und Gedächtnisprotokolle

L. E.: So ist es… L. E.: Aber


I: (schmunzelt) So ist es… J. E.: Aber du darfst dich niemals ( )
L. E.: Auch wenn die Ziel ganz verrückt ist.. für die anderen, L. E.: Aber die Leute haben sie auch gern weil sie wissen das
aber nicht für dich… die Leute machen die Arbeit welche sie nie im Leben machen
1890 J. E.: Ich hab dir gesagt, wenn mir jemand, wenn ich jetzt zu- würden. 1950

rückgedreht hätte und hätte gesagt in Russland schon jemand, J. E.: Verstehst du?
dass ich fahr nach Deutschland und baue ein Haus. I: Dort oder hier?
L. E.: Aber du hast damals dort gesagt. In Moldawien schon J. E.: Hier. Die kriegen hier ihre Jobs nicht, ja so wie Leh-
hast du gesagt. rer oder was, Krankenschwester die müssen hier Putzfrau
1895 J. E.: Ja gut, ich mein. schaffen. Auch ich war, ich war als Musiklehrer oder so Sänge- 1955

L. E.: Er hat sogar mir das gesagt, ich hab gesagt: »Bist du rin oder was, die putzen müssen im Restaurant oder waschen
verrückt? Du bist noch nicht in Deutschland.« (lacht) die Teller, das sie überleben können ja. Und drüben die die
J. E.: Auch wenn ich das gesagt habe ja, aber wie hast du da waren Ärzte oder oder richtig ja, bei uns war meine Cousine
geguckt auf mich ja. die war Kinderkrankenschwester ja, der ganze Rajon
1900 L. E.: Ja. L. E.: Nein, die war keine Krankenschwester, die war Ärztin, 1960

J. E.: Und so isch das im Leben ja. Das isch manchmal lachend Oberarzt in Kinderklinik
die Leute aus ja und denken: »Naja, der hat n Vogel, vielleicht.« J. E.: Oberarzt sogar in Kinderklinik, und hier hat sie keine
A normalerweise die Leute die streben sich nach etwas ja, und Stelle bekommen sogar. Kannst dir vorstellen, das tut schon
die versuchen was zu machen, und dann erreichen sie das auch. bisschen weh oder.
1905 Meinst du Reiche, von wo kommt Reichtum, der tut sich auch I: Ja klar. 1965

irgendwo, der tut sich fleißig das anarbeiten, er macht was J. E.: Stell dir mal vor, du lernst lernst lernst und fährst jetzt
L. E.: In Amerika gibt’s so viele Beispiele, von mit einem nach Amerika, und dort sagen sie: »Putz du mal irgendwo den
Doller haben sie ihren Reichtum zum Beispiel gemacht, sind Boden und fertich, und sei zufrieden.« Würd dir auch weh
Multimillionäre geworden, von nix und wieder nix, sie haben tun, oder? Bestimmt.
1910 an die Sache einfach geglaubt. I: Klar. 1970

J. E.: Ja… musst immer an dein Ziel glauben und nach vorne J. E.: So isch des. Und.. ja, wie hast du die Frage gestellt, ich
gehen, und niemals sich runterkriegen lassen.. Du bist genauso hab jetzt
viel wert wie andere, egal (wer steht hinter dir) I: Wie das war als Deutsche dort zu leben, in der Sowjetunion.
L. E.: Noch viel werter J. E.: Achso. Ja und, aber wenn du sich gut stellst, hinstellst
1915 J. E.: Noch viel werter, weil du bist noch jung und hast bessere ja und die sehen das du gut arbeitest, dann hast du auch 1975

Chancen Ansehen, die haben uns da sehr geschätzt, die, wir haben
I: (lacht) auch gut, kann man sagen, wenn wir nicht die Ziel gehabt
J. E.: Ja, das isch so im Leben, glaub mir! hätten nach Deutschland zu fahren, wir hätten auch dort Haus
L. E.: Jeder Mensch ist wertvoll. gebaut, ich bin hundert Prozent sicher. Vielleicht noch leichter
1920 I: Davon bin ich überzeugt, ja. und ich hätte heute keine Schulden.Verstehst du, ich hätte die 1980

J. E.: Ja, und jeder Mensch isch denselben Wert. Hälfte geklaut, sag ich dir offen und ehrlich, weil die klauen
L. E.: Und jeder Mensch hat was Gutes und was nicht so mit Autos
Gutes. Aber das Gute muss man fordern (5). Hast du genug L. E.: Genommen (lacht)
Material bekommen? J. E.: Ja, genommen und, und, und hätt ich auch gebaut ja.
1925 I: Ja ich.. Sie hatten das schon angeschnitten, aber eine letzte Und ich hätte keine Schulden heute, kein einzigen Pfennig. 1985

Frage nochmal das äh… Wie das Leben als Deutsche für Sie Und ich hätte wahrscheinlich noch besser gelebt, ich meine
war in der Sowjetunion, wie es war dort als Deutsche zu frei von Schulden ja. Aber, muss man auch alles verdiene ja,
leben? da musst du
J. E.: Als Deutsche. Das kommt wieder auch drauf an wie du L. E.: Das ist die Frage, warum die letzte zwanzich Jahre war
1930 sich hinstellst, wie du sich ähm.. zeigst in Deutschland äh in so schwer den Deutschen ausreisen aus Sowjetunion, warum?.. 1990

Russland ja. Ich hab auch gute Erlebnisse und gute Freunde Weil die welche an der Macht waren, wussten ganz genau
gehabt weil ich hab.. zuerst hab mich selbst gut angestrengt, wo der Fundament ist.. wer hält das ganze System, das waren
die haben gemerkt das ich gut arbeite und gut kann was ma- die Deutschen, die haben gearbeitet, geschuftet und überall
chen und dann gewinnst du natürlich auch gute Freunde, ja, wo Deutsche gewohnt haben waren Kolchosen Millionäre. Ja.
1935 welche sehen von dir, du bist doch (anders drauf). Drüben J. E.: Ja, und die Beste alles geliefert ja 1995

haben sie gesagt zu uns Deutsche, warum haben sie Deutsche L. E.: Ja, sie haben gearbeitet. Und was ist passiert mit Sowjet-
gesagt, weil die wissen das Deutsche arbeiten ja, die machen union wenn die Deutsche ausgereist sind? Die ist zusammen-
alles, und wenn sie machen dann machen sie gut, sauber, in- gebrochen. Und das wussten sie.. ja, weil egal wo, warst du in
telligent, die beste (Lösung) können die Deutschen machen, Tadschikistan gelebt, Tadschiken lieben auch nicht arbeiten,
1940 heute tun sie noch, vielleicht sind sie, tut dene leid das sie so Kasachstan.. (auch nein), ja. Die sind so Schafhüter und so 2000

viel Deutsche rausgelassen haben.. verstehst du, die sind fast ja, die wollen auch nicht arbeiten, Moldawien, ja die trinken
alle abgehauen. Die sind fast alle abgehauen, verstehst! ( ) gerne Wein, Russland Wodka.. das isch doch.. und wer hat
deine Antwort auf diese Frage, weil dort waren wir Deutsche, gearbeitet? Die Deutschen haben gearbeitet. Und wenn ein
das heißt fleißig schön gut, und hier sind wir die Leute zweiter Deutscher irgendwo an eine höhere Stelle gestanden ist, da
1945 Sorte, wenn man jetzt so ganz (krass).. verstehst. hat er das auch geführt.. verstehst du, dann hat er den Betrieb 2005
Interviewprotokoll: Irina Albert 97

auch geführt und der Betrieb wuchs ja, wann er irgendwo Besagtes an. Sie lehnt freundlich ab, versichert mir aber, sie
in der Leitung war, wein Deutscher. Da wussten sie das gut würde sich bedienen, sobald ihr danach ist. Daraufhin fragt
gehen wird. Das ist eben so gewesen dort ja. Und wie der sie mich nach meinem Studiengang und danach, wann ich
Jakob gesagt hat, wenn man sich gut angestrengt hat, mit an- fertig sein werde. Ich informiere Frau A. über die notwendige
2010 deren Leuten gut war dann waren die Leute auch zu dir gut.. Tonaufnahme – Sie hat keinerlei Einwände. Die Unterhal-
Es waren paar Dumme, welche waren im zweiten Weltkrieg, tung dauert nicht länger als fünf Minuten, dann beginnt das
welche nicht verzeihen können, ja die haben dann über die etwa dreieinhalbstündige Interview. Da Frau A. noch zu einer
Deutschen schlecht gesprochen und so weiter aber.. aber auch Fortbildung muss, verweist sie kurz vor Ende des Gesprächs
die waren auch nicht, weil zum Beispiel ich.. bin mit zwanzig darauf, dass sie bald aufbrechen muss. Ich bitte noch um wei-
2015 nach Moldawien gekommen, ich stand einmal an einer Bushal- tere zehn Minuten, die sie mir gewährt. Allerdings fühle ich
testelle und mit mir hat ein Alter aus Moldawien gesprochen, mich nicht mehr frei, alle Fragen zu stellen und reduziere auf
er wusste das ich eine Deutsche bin. Er hat gesagt: »Weißt die wichtigsten. Frau A. bietet mir aber an, sie bei weiteren
du meine Liebe, nicht die Deutschen haben den Unsinn hier Fragen anzurufen.
gemacht, sonst unsere Leute.« Ja, unsere Leute, welche waren Beim Hinausgehen sagt sie, sie habe noch etwas Interes-
2020 gegen Kommunisten, die waren, die haben viel viel mehr ihre santes für mich. Aus dem Kofferraum ihres Autos holt Frau
eigene Leute umgebracht als die Deutsche selbst. A. stolz einen Kalender: (2008) »Pro Qualifizierung« (inter-
I: Welche gegen die Kommunisten waren? kultureller Jahreskalender) hervor, in dem ihre ältere Tochter
L. E.: Hm. Guck.. vor dem Zweiten Weltkrieg (stöhnt) war als eine von 12 erfolgreichen MigrantInnen abgebildet ist, die
auch Bürgerkrieg in Russland, nach der großen Revolution ihre »beruflichen Entwicklungsträume« verwirklicht hat. Sie
2025 und da waren Leute welche waren für Kommunisten und wa- überlässt ihn mir (nur leihweise) und bricht auf.
ren Leute welche waren gegen Kommunisten, die Kommunis- Frau A. scheint in guter körperlicher und seelischer Ver-
ten haben gewonnen, die welche waren gegen Kommunisten fassung, als ich sie empfange. Sobald sie auf den Tod ihres
die haben sich zurückgezogen. Dann im Zweiten Weltkrieg Mannes oder ihr hartes Leben als Witwe zu sprechen kommt,
wenn die Deutschen kamen, warum kamen Deutsche nach muss sie weinen, z. T. verschlägt es ihr die Sprache. In meinen
2030 Russland? Warum ist der Krieg passiert überhaupt, weißt du? Nachfragen versuche ich, soweit wie möglich, dieses Thema
I: Na die wollten mehr Land. zu umgehen.
L. E.: Nicht nur das, sie wollten ihr Volk frei machen (von) Um 21 Uhr desselben Tages ruft mich Frau A. nochmal an,
Kommunisten. Und dann kamen die, welche – die Kommunis- um auf das Gespräch vom Morgen zurückzukommen. Diesen
ten wurden die Roten genannt und andere waren die Weißen – kündigt sie allerdings nicht als solchen an und fängt gleich
2035 dann die Weißen kamen zum Vorschein, die sind zu Deutschen an, Ergänzungen zu dem bereits Gesagten zu machen. Ich bin
gegangen und haben gesagt sie wollen der deutschen Macht irritiert und frage, ob sie einen Nachtrag machen machen will,
dienen, die Deutschen haben ihnen die Macht gegeben und die was sie bejaht. Sie sagt, dass sie nach dem staatlichen Sprach-
haben dann gewirtschaftet und ihre eigene Leute umgebracht. kurs, weitere Sprachkurse an der Volkshochschule (6 Monate)
An SS geliefert und so weiter. Verstehst du, die haben viel vielund über einen Fernkurs (6 Monate) absolviert hat. Diese hat
2040 mehr Leute umgebracht, als die Deutsche selbst… Und wer sie in der Zeit ihrer Arbeitslosigkeit (nach der Knopffabrik)
weiß davon? Keiner weiß davon! Ja, weil Deutsche den Krieg besucht. Damit will sie nachdrücklich betonen, dass sie hart
verloren haben, drum müssen sie jetzt (büßen). gekämpft hat. In diesem Zusammenhang sagt sie, dass Fortbil-
J. E.: Ja gut jetzt. Katharina will dung und sich zu engagieren ihr immer wichtig waren: »Von
L. E.: Ja das ist so eben, ja das ist so gewesen. nix kommt nix«. Zum Schluss des Telefongesprächs erklärt
2045 J. E.: Ja, das sind die traurigen Geschichten… sie nochmal den Zweck ihres Anrufs; wie wichtig es sei, sich
I: Gut, dann danke ich für das Gespräch. immer zu bemühen und zu kämpfen. Und dass man nicht
Hilfe vom Staat erwarten solle – so wie viele junge Leute dies
heute in Deutschland tun würden – in der Sowjetunion habe
B.7 Interviewprotokoll: Irina Albert es so etwas auch nicht gegeben.
Ich frage sie nochmal nach dem Praktikum im AWO-Se-
Frau A. kommt nach einem Arzttermin pünktlich um 9 Uhr zu niorenheim, welches sie als sehr unangenehm erlebt und be-
meinem Elternhaus, wo das Gespräch stattfinden soll (nach schrieben hatte (in Verwunderung darüber, dass sie ja jetzt
ausdrücklichem Wunsch von Frau A. bei der telefonischen in einem Altenheim arbeitet). Dieses war es so grauenvoll,
Terminabsprache). Ich mache ihr die Tür auf, bevor sie noch weil die Menschen dort sehr bösartige Wunden hatten und
klingeln kann reiche ihr die Hand und stelle mich vor, obwohl der Alltag nur daraus bestand, Leute zu waschen. Dies ist an
Frau A. mich (über meine Mutter) bereits kennt. Sie fragt, ob ihrem aktuellen Arbeitsplatz ganz anders; er ist vielfältiger
es mir lieber wäre, das Gespräch bei ihr zu Hause zu führen und der Umgang mit den Menschen ist angenehmer, da mit
(ich hatte am Telefon mehrmals betont, dass ich auch gern diesen Heimbewohnern auch Unternehmungen möglich sind.
bereit bin, zu ihr zu kommen). Ich versichere ihr aber, dass es Außerdem hat sie wohl auch die Verzweiflung während der
mir recht ist bei dem gewählten Ort zu bleiben. Mein Vater Arbeitslosigkeit dazu getrieben, es noch einmal mit diesem
kommt kurz dazu und begrüßt die Bekannte. Frau A. fragt ihn, Beruf zu versuchen. Sie konnte dann sehen, dass die Arbeit
(leicht auffordernd) ob er nicht zum Gespräch dazu kommen in verschiedenen Seniorenheimen sehr unterschiedlich sein
möchte. Er verneint und ich bitte Frau A. ins Wohnzimmer. kann (das aktuelle ist auch kleiner und wohl auch dadurch
Dort ist der Tisch mit Kaffee, Kuchen, Plätzchen und kal- besser).
ten Getränken gedeckt. Frau A. nimmt Platz und ich biete ihr Als Frau A. anruft, hat sie einen gedämpften Ton und
98 anhang b Interviews und Gedächtnisprotokolle

spricht leise; vielleicht ist sie niedergeschlagen. Mir scheint, sie noch da, ja
möchte weiter erzählen bzw. moralisierende Ausführungen I: Hm
machen (»die jungen Leute heute und hier«, »man muss kämp- I. A.: da haben ja aber ja alle andere Menschen drin gelebt 50

fen« …). Trotz längerer Pausen macht sie keinen Anstand, das und das nix… ja.. weißt du kann man ja (nit so kommen wie’s
Gespräch zu beenden. Diesen mache aber ich wiederholt (ich is) dat mein Haus ( )
bin gesprächsmüde und es gibt mir zu denken, dass sie noch- I: Hm, hm
mal extra anruft; unser Gespräch muss sie aufgewühlt haben I. A.: und dann war dat ja nit erlaubt dahinzufahren. Aber, ab
bzw. auch ihr zu denken gegeben haben); erst beim dritten sechsunfufzich konnten sie wegfahren aus Sibirien.. und dann 55

Anlauf beende ich das Gespräch. sind sie ein nach dem anderen – so wie wir nach Deutschland
sind gekommen ein nach dem anderen – sind sie wieder ins
Warme gezogen, nach Almata..
B.8 Interview: Irina Albert I: Hm
I. A.: weil.. äh… die wollten im Warmen leben.. ä.. und da 60

I: Em, also, wie ja schon angesprochen intressiert mich ihre in Sibirien war ja kalt.. und kein Sommer. und dat alles, ja..
Lebensgeschichte.., und zwar wie das Leben für sie in der sind sie dann ein nach dem andern sind sie dann umjezogen…
Sowjetunion war.., und wie es hier in Deutschland war und und haben sich da wieder so Sid, Sid, Siedlingen gebildet mit
heute ist, und.. ja einfach ihre ganze Lebensgeschichte, also Deutschen weiter.
5 erzählen sie mir alles was ihnen einfällt und was ihnen wichtig I: Hm 65

ist. Und ich werd. das ist dann auch für mich intressant und I. A.: weil meine Eltern waren ja Deutsche beide… ja, und
ich werd sie erstmal nicht unterbrechen, also ich lass sie ja, so… aber dann.. wann, welchen… fünfundsechzich.. ja, ja,
einfach erzählen und em.. ich hör ihnen zu und wenn ich ne ungefähr.. oder siebenunsechzich so. sind wir umgezogen nach
Frage habe – deswegen der Block hier – eh, werd ich sie mir Tschambul, in andere Stadt
10 kurz notiern, aber ich werd sie nicht unterbrechen und ich hör I: Hm 70

ihnen erstmal nur zu. I. A.: in Kasachstan


I. A.: Achso, nit ungefähr paar Fragen, was genau, ne? I: Hm
I: Ne, ne ne, erstmal em, intressiert mich einfach alles, was, I. A.: … ja, wat weiß ich, was da für Gründe sind, für meine
was sie erzählen und, genau, wie es is Eltern. war. da hat ein Onkel gelebt, und wat weiß ich.
15 I. A.: Em, am zweite fünfte, nein, zweite sechste fünfunfünzich I: Hm 75

geboren. aber in Swetlowsk.. weißt du, wo Ural. Sagt dir was, I. A.: Und da haben wir dann gelebt.. äh, bis ich da.. war
ne? ich aber schon, erste Klasse hab ich noch in Almata gemacht
I: Ne und dann sind wir umgezogen.. und dann.. haben wir. ä. wir
I. A.: Dat is in.. sind ja drei Geschwister – noch ein älterer Bruder, ich und
20 I: In Russland ein junger, jünger als ich.. ja, dann da zur Schule gegangen 80

I. A.: Ja, in Russland, aber dat is äh… nicht (wie) in Sibirien, – alles, wie bei jedem, ja. Wir waren aber auf der Straße,
aber da, de Ural, die Berge da oben in Tschambul, haben wir, waren wir die einzige deutsche
I: Hm, hm Familie
I. A.: Weil meine Eltern waren dahin.. vertrieben worden. I: Hm
25 von.. äh, Kaukasus. Meine Eltern haben im Kaukasus gelebt. I. A.: einzige ( ) 85

und dann.. aber die waren noch nit verheiratet, und dann hat I: Hm
der Krieg angefangen und dann mussten sie ja da raus. I. A.: so. außer.. waren mehr Deutsche, aber wir waren auf
I: Hm der Straße eine. Wir haben immer zwei mal Ostern gehabt,
I. A.: Und dann wurden sie ja dahin verschleppt, erst nach wann die Russen haben gehabt Ostern und wann wir (lacht),
30 Kasachstan, nach Kowtschitach oder wat?.. und dann, von da wann wir haben 90

weiter sind sie nach Swerlowsk umgezogen.. I: (lacht)


I: Hm I. A.: Ostern gehabt, haben wir dann verteilt, Mutter immer
I. A.: Ich weiß nit, wie dat jetzt in Russland heißt.. der Stadt- ( ), haben wir wieder alles Ostern gehabt
staat ( )… und dann.. da, die dürfe ja da noch nicht weg.. sie I: Hm
35 waren, sie waren ja, sie müsse sich jeden Monat anmelden bei I. A.: es war so… weil auf der Straße war alles russische 95

der Polizei. (War wie) eine Trudarmee – heißt das (hustet)… Sprache… zwar Kasachisch war Pflicht in der Schule zehn
und dann haben meine Eltern da gelebt, und sich Jahre, aber hat man dat nit ernst genommen. und. hat man
I: Hm auch nicht gelernt.
I. A.: kennengelernt und geheiratet und dann kam ich da zur I: Hm, hm
40 Welt (lacht) I. A.: Auch die Lehrer selber haben dat irgendwie nit so ernst 100

I: Hm genommen mit der. äh. mit der Sprache, ging ja alles russisch
I. A.: zuerst mein Bruder und dann ich. und dann, ab sechs- I: Ja (lacht)
unfünfzich, wenn da is, äh, neues Gesetz gekommen – man I. A.: Naja.. auch vielleicht für die Kasachen is ( ) geworden,
durfte da ausreisen, vorher ja nicht, ja. vorher durfte sie ja ja, da will ihre Sprache auch so, habe da… wollten auch nit
45 nit ausreisen.. und sie durften nit ausreisen in, in… da wo sie reden, haben sie auch alles russisch geredet.. 105

früher habe gewohnt, da war ja dat verboten. Weil die haben I: Hm


ja die Häuser verlassen und alles und die.. äh, das stand ja I. A.: Aber wir zuhause.. die Eltern haben versucht einbiss-
Interview: Irina Albert 99

chen Deutsch zu – zwischen sich haben sie ja deutsch geredet, I. A.: damals noch mehr, ne
ja I: Ja, ja
110 I: Hm, hm I. A.: und sind wir dahingezogen, dann ist zweite Tochter 170

I. A.: aber mit dem Gebrochenen und mit dem Akzent, wie zur Welt gekommen (5) nachher äh (4) dreiunachtzich is mein
sie, von früher, von den Eltern dat gelernt haben Mann verstorben, Arbeitsunfall… ach wie dat Schicksal is (23)
I: Hm (weint) is egal wie (23) (weint) is egal wieviel Jahre, ja (26)
I. A.: a. Mutter war vier Jahre zur Schule gegangen, aber in (weint) naja, weißt du (4) Arbeitsunfall, musst ich ja auch
115 deutsche Schule, alles deutsch, und Vater drei. kämpfen 175

I: Hm I: Hm
I. A.: Und dann is ja Krieg und so weiter und dann.. ja, und I. A.: (8) (weint) meint, die wollten ja nit anerkennen
wir Kinder wollten net, ja wat heißt wollten net, sie haben I: Hm
uns deutsch gesagt, und wir denne russisch geantwortet, wir I. A.: … (dann wollten die nit) bezahlen und so weiter, ja,
120 habe da ja zwar verstanden, aber reden – in dem Sinne – und dreimal war Gericht (5) und andere Seite is Arbeitsunfall, 180

das war ja nur hausgebrauchte Wörter, was man da so gelernt Arbeitsunfall hat ja ihn keiner dahin.. geschoben
hat von den dann, ne.. un ä.. wat is dann.. die Eltern haben I: Hm
sich ja bemüht, die deutsche Sprache… die deutsche Sprache I. A.: ja, wo es passiert, aber is eben… haben nicht nachgedacht
zu. das sie dat behalten. aber Kinder wollten nicht (lacht) I: Hm hm
125 I: Hm (lacht) I. A.: die Arbeit zu machen wie sie hatten die gemacht.. naja 185

I. A.: Genauso jetzt wie hier in Deutschland, ja. Manche wol- (7) und dann hab ich da mit die Kinder alleine in de Stadt
len das die Kinder russisch sprechen und die Kinder wollen – meine Eltern waren sechzich Kilometer weg (7) hab ich
nit so, weil man draußen redet anders da und dann will man weiter gelebt ( ) war noch Schwiegermutter, a zuerst is,
ja angenommen sein, ne zuerst war noch meine Schwiegermutter verstorben und dann,
130 I: Ja, ja ja halbes Jahr später mein Mann 190

I. A.: und dann… naja (5) (atmet laut aus) (4) meine Mutter I: Hm
hat mit Akzent immer geredet haben alle gesagt das ist keine I. A.: ja aber, ich hab gearbeitet in der Schule, deswegen war
Russin weil sie hat so ein deutschen Akzent gehabt, ja biila das für mich ein bisschen so.. a. leichter .. weil ich konnte
und so hat sie gesprochen, die konnte nicht sagen bilá, hat ja immer wissen, wie die Kinder zur Schule, ja, und was da
135 gesagt biila passiert hab ich unter Kontrolle gehabt 195

I: Hm (lacht) I: Hm
I. A.: die konnte nich so reden, Vater hat besser gesprochen, I. A.: und das.. deswegen hab ich mich auch da dran gehalten,
aber Mutter die hat so mit dem Akzent auch immer (4) naja weil dat war… jeden Tag achtstunden Job und zwei Kinder
war ich da… zur Schule und dann.. hab ich äh.. war ich… nach und alleine… (atmet schwer) naja, aber in Russland hat man
140 der Schule musste man ja wat machen.. und dann hab ich die dat einfach hingenommen, dat war so und das war’s, ne. Hat 200

Ausbildung als Bibliothekarin.. gemacht man nicht erwartet irgendwelche, große Hilfe
I: Hm I: Hm
I. A.: aber äh.. das war so eine Schule.. Fernschule. Dat hat I. A.: dat einzige, bei den Eltern Wochenende gefahren und
dat hier in Deutschland Fernschule dann da die Zeit verbracht und die haben ja so, bisschen was
145 I: Hm hm aus dem Garten gegeben 205

I. A.: nur da musste, die haben dir geschickt Unterlage, hab I: Hm hm


ich die alles gelernt und den, dene Arbeiten mitgeschickt und I. A.: (schnäuzt sich) aber dann (schnäuzt sich) nachdem die
dann zweimal im Jahr war so Monat, wo man musst dahin Gerichte, das, deswegen war ja das, dann hab ich schon eine
fahren, und dann war Unterricht da, ja Rente für die Kinder bekommen, da war ja nit Rente für die
150 I: Hm Frau… da war ja nur Rente für die Kinder (weinerlich) 210

I. A.: so, ja, gelernt wie Bibliothekarin. und dann hab ich auf I: Hm
einem Dorf, als Bibliothekarin gearbeitet, dann hab ich mein I. A.: ja, und weil die Kinder ä, da musste, musste dat der
Mann kennengelernt und geheiratet wie dat in Russland. geht Betrieb, musst er bissen, musst er noch zuzahlen, ja, dat war
schon, ne ä nicht nur die Rente vom Staat sogesagt, da waren noch
155 I: Hm vom Betrieb, deswegen war das ja die alles, die wollten ja nit 215

I. A.: geheiratet. und dann ein Kind gekriegt auf de. noch ha- anerkennen
ben wir im Dorf gelebt, aber dann kurze Zeit haben wir dann I: Hm hm
eine Wohnung, weil er hat gearbeitet in der Stadt Tschambul I. A.: Äh, naja aber dann hat et doch wat.. weil dat war, dat
und dann sind wir dahin gezogen weil wir da eine Wohnung. war einfach so, ja.. musste man da bisschen gucken, wat man
160 bekommen haben, da waren doch die ä in mehrfamilien, in gemacht hat, aber… hm dadurch hab ich schon ein bisschen 220

mehretagen hohe solche Blockhäuser und dann haben wir da mehr Geld gehabt und dat hat mir auch gut geholfen, ja
Wohnung gekriegt, waren natürlich ganz glücklich mit warm I: Hm
Wasser I. A.: und dann (4) die.. Schuldirektorin, ja die Chefin hat, hat
I: Hm (lacht) darauf Rücksicht genommen, hat mir erlaubt mein Arbeitstag
165 I. A.: mit Toilette und so weiter, dat hat ja einem gut gefallen, so gestalten das ich besser zurechtkam, zum Beispiel äh… nit 225

ja morgens direkt weil ich musste eine, zuerst eine in Kindergar-


I: Hm ten bringen, weil die war noch Kinderga und die andere in
100 anhang b Interviews und Gedächtnisprotokolle

die Schule I. A.: und dat reicht, wie andere alle auf dem Dorf, ja
I: Hm I: Hm
230 I. A.: dann hab ich angefangen ein bisschen äh ab neun Uhr I. A.: aber, bei ihm war mehr drin… und dann hat er auch 290

hab ich die in Bus gesetzt, gesteckt die To die Tochter die is versucht noch, wann wir schon zusammen waren und Kind,
gefahren zu Schule und ich hab dann mit die in Kindergarten hat er auch dann Abendschule wollt er auch noch weiterma-
und bin dann nach, weil sie musste sieben Bushaltestellen chen, hat aber nit geklappt weil der Stoff is ja schon.. ah, es
fahren mit dem Bus.. und dann bin ich zum Beispiel abends war ein bisschen zu schwer nach der Arbeit dann noch kom-
235 nach der Schule is die Tochter geblieben dort. äh, so wie Hort men und lernen und dann musste man auch noch noch so viel 295

jetzt hier nachholen


I: Hm, hm I: Hm
I. A.: äh und dann hab ich sie ja immer, so konnt ich alles das, I. A.: hat er dat nit geschafft, hat er angefangen, hat aber
war sie dort im Hort und dann abends sind wir zusammen dann aufgehört… und deswegen. hab ich dann (4) (schnäuzt
240 nach Hause, haben die Kleine geholt und sind dann zusam- sich) für die Kinder wie wie ich konnte.. sie auch wat.. na so 300

men nach Hause gefahren, dann hat sie schon Hausaufgaben verschiedene ah wo man konnte, die Kleine hat zwar nit viel
gemacht und so weiter gemacht, nur gesungen (lacht)
I: Hm, hm I: (lacht)
I. A.: und dann wenn die Kleine is in die Schule gegangen I. A.: bisschen im Chor was. aber die Große, die hat äh, die hat
245 dann hab ich angefangen acht Uhr arbeiten, weil das war alles mitgemacht, die hat Fußbo ball gespielt in Mannschaft 305

dann günstig für mich, hab ich direkt.. zwei mitgenommen und Leichtathletik gemacht und war sie Gymnastikturnen ja,
acht Uhr. und dann nur bis fünf, das äh war, da musste in ner und dann brauchte man ja auch immer dann Zeit, ja, zwar
Stunde Mittagpause machen.. und sonst is der Tag dann zu zahlen musste man für das nicht in Russland, da war das ehm..
lang wie.. das war ja da umsonst, nur man musste ja dat alles dahin
250 I: Hm bringen und dann musste man ja Zeit alles haben, ja 310

I. A.: dann hab ich nur bis fünf, aber trotzdem bis wir dann I: Ja ja, hm
zuhause waren, war niemand wer da kocht, nur selber da was I. A.: und das alleine.. is ja nit. ja.. war manchmal so schwierig
jekocht. aber, ging auch aber.. weil weil wo ich hab gearbeitet , hab ich im Zentrum
I: Hm in der Stadt gearbeitet, dat war eine von besten Schulen , die
255 I. A.: ging auch (4) ja (5) ach dann, die Kinder… waren ja, war mit Englisch äh Schwerpunkt, ja, da haben die Kinder 315

wie auch alle… jelernt, mit alles was dazu kommt.. meine von zweite Klasse schon Englisch gelernt, früher überall in
jüngste Tochter war noch immer so krank.. dann erst hier in Russland ab fünfte, und in der Schule ab zweite
Deutschland mit achtzehn hat sich dat rausgestellt dat sie hat I: Hm
Rheuma I. A.: un äh.. und deswegen da, habe hat man schon ein biss-
260 I: Hm chen mehr dene Kinder geboten und .. das wird so.. und da, 320

I. A.: aber die hat dat bestimmt schon… wann die mir hat weil mitten in der Stadt haben wir gewohnt und da, gearbeitet
mir gesagt erkältet, erkältet, Lungenentzündung, Spritze hab ich ja da , die anderen Veranstaltungen der Stadion und
und dies und jenes und Penizillin dauernd, ja und dann so dat war alles in der Nähe, nit so weit
in Deutschland habe sie dann erst festgestellt das sie hat dat I: Hm
265 Rheuma.. ja, und so hat sie dat jetzt immer unter die sowas, I. A.: und dann natürlich hab ich gemacht wegen meine Ar- 325

Rheuma is ja soviel. Sorten, dreitausend Sorten beitszeit, weggelaufen schnell sie hingebracht.. ahh. hoffent-
I: Hm lich sieht nit die Cheffin das ich bin weg (lacht)
I. A.: die hat so eine, das is gegen eigene Immunsystem und I: (lacht)
da kann man ja nix machen, kann man ja nur ein bisschen I. A.: dat war eben so dort.. schnell zurück, und dann, nach
270 stoppen und verlängern, aber heilen is da noch nix, können der Arbeit bin ich gefahren hab sie abgeholt, hab ich schon 330

noch nich so, ein bisschen, und dann wann sie später konnten selber,
I: Hm dann eben selber dann zurückgekommen, weil ich hab dann
I. A.: naja wie gesagt… haben da gelebt, wie auch an- schon in Gymnastik, hat sie früher, hat sie schon mit fünf
derehaben versucht alles für die Kinder zu machen… (wei- angefangen.. ah konnte sie ja noch nicht alleine, nachher wann
275 nerlich) Musikschule und wat ich konnte (12) (weint) blöd, ne sie schon zur Schule ging, dann konnte sie alleine.. gehn dann 335

(lacht) I: Hm hm
I: (is ok) I. A.: aber dann nachher wann mein Mann is verstorben,
I. A.: (12) weil mein Mann hat auch viel Wert gelegt auf die hat grad die erste Klasse war sie fertig, dat war im Juni
die Ausbildung… ah.. er konnte selber.. nicht aus reichen, ja und die Kleine war noch im Kindergarten. und dann diesen
280 Mutter war arm, auf dem Dorf, konnt ihn nit wegschicken zur Sommer war sie bei der Oma, ganze Sommer, da sind ja drei 340

Schule Monate Ferien… war sie bei der Oma, und is ein bisschen dick
I: Hm geworden (lacht)
I. A.: und er konnte gut ma (schluchzt), konnte gut malen… I: (lacht)
und.. die haben gesagt schick ihn doch dahin, aus dem wird I. A.: war sie auf Oma ihre Kost
285 was, und sie, aus dem Dorf, äh, wie sagt man das.. hat gesagt I: (lacht) 345

ajaa wird ein Traktorist, Traktorist heißt ein Traktorfahrer, ja I. A.: ja, und dann ähh… hat sie auch angefangen. klappt
I: Hm dat nit sooo und dies und jenes und hat mit dem aufgehört,
Interview: Irina Albert 101

wat dann hat sie, hat sie Musik äh gemacht, Klavier hab ich sieht, ja
gekauft, hat sie dann, in Musikschule is sie gegangen, hat sie I: Hm hm
350 dann… un andere Sachen so, Sport was sie da hat gemacht… I. A.: wollte man ja sein wie alle andere 410

so hat man da gelebt eben (lacht).. und dann auf einmal ging I: Hm hm
dat, heißt das alle gehen nach Deutschland, Verwandtschaft, I. A.: aber später, weil ich hab schon, dann konnte ich dat
und dann hat man erzählt so un so und wir haben ja immer gut, hat mir auch gut gefallen, bin auf den Markt mit der
gedacht , wir sind ja Deutsche, wir müssen dann nach nach Mutter gegangen und dann wollten wir wat kaufen (lacht)
355 Deutschland und meine Eltern sowieso, die haben da in der dann hab ich mit ihr deutsch geha sie ( ), dann konnte die 415

Bibel steht geschrieben dass wir müssen zurück in eigene andere nich verstehen, weil sie handeln woll, da muss man
Volk, haben sie so erzählt ja immer handeln in Russland, da war ja dat Handeln, da
I: Hm kriegt ja nit so, hier hast du den, auf dem Markt musst ja da
I. A.: ja, aus welche Gründe wie auch immer, die haben dat immer handeln
360 so gesagt, das alle müssen äh.. zurück wieder gehen.. und I: Hm hm 420

da habe hat man dann daran geglaubt, weil wir Deutsche I. A.: … un.. aber so das man, meine Familie so ist da irgend-
von der Wurzel waren, dann müssen wir auch zurück nach wie.. äh… (5) gejagt oder oder wie die da sagen, ja, dat weiß
Deutschland… und.. dann äh… (lacht) so zuerst is mein Bruder ich nicht, nur man hat ja überall wann wat war dann hat man
rübergekommen, zuerst die andere Verwandtschaft äh.. so gesagt die Faschisten, die Faschisten
365 vom Vater, vom Vater seine Brüder die Kinder und so weiter, I: Hm 425

und dann auch so ein nach dem Anderer hat man die Papiere I. A.: so das (5) hat man da gelebt, hat man sich da eingelebt,
eingereicht und. zu Familienzusammenhang wie heißt dat hat man sich da auch wohl gefühlt.. un (5) man man man hat
I: Hm hm sich auch nit so vorgestellt was da noch, da hat man auch nicht
I. A.: sind dann zusammegekommen… sind dann… rüberge- viel. äh. so. Information bekommen vom Westen, ja, was hier
370 kommen mit, bin ich dann mit dene zwei Kindern und mit so war 430

meine Eltern, weil mein Bruder is früher und ich bin dann I: Hm, hm hm
mit meine Eltern und mit meinen Kindern (schnäuzt sich) I. A.: zwar äh eine Verwandtschaft von meinem Mann war
nach Deutschland gekommen, ja (lacht) in Russland wann schon früher hier, weiß nicht nach dem Krieg oder wat, weiß
mir wurde gesagt, wohin fährst du, hast du keine Angst, ich nit, nur er hat mir ja erzählt, das, die haben damals schon
375 du kennst doch die Sprache nit – ich bin doch Deutsche Paket bekommen, von hier von Deutschland und hier is je- 435

I: (lacht) mand, ja, aber ich weiß von nix, weil dann. die haben auch
I. A.: ja, ich war damals so äh hat man überhaupt dat nit kein Kontakt gehabt nur den Kontakt über noch andere äh..
äh.. nichts verstanden und auch net wahrgenommen das du Verwandtschaft, waren noch in der andere Stadt da in Russ-
kannst doch überhaupt nichts reden und und dass die Sprache land haben sie gelebt, und die haben Kontakt mit direkt mit
380 und so, weil meine Brüder zwei, die haben Deutsch gelernt in Deutschen gehabt 440

der Schule, ab fünfte Klasse, aber das war auch so… sie haben I: Hm
gelernt, und ich nicht, Englisch I. A.: ja, und er nur so, über’s Hören von denen, ja und deswe-
I: Hm gen, aber dann is die Schwiegermutter gestorben und er und
I. A.: war ich ja. nit so äh. gute Schülerin (lacht), hab da dann is, hat sich alles verloren, weiß man dann nit wie un
385 Blödsinn gemacht mit dem Englischlehrer, nichts gelernt, nur was (5) so is meine Lebensgeschichte (lacht) nix besonderes 445

Blödsinn gemacht. naja.. wat die Mutter konnte die Zeitung, aber…
haben wir bekommen, weil äh, für die Geschwister, weil die I: Naja, und wie war das dann für sie in Deutschland hier,
müssen ja haben übersetzen in der Schule Artikel oder wat also wenn sie soweit..
I: Hm I. A.: Ja. erste Zeit war. äh. mir persönlich, weil ich hab da
390 I. A.: Meine Mutter konnte nichts übersetzen, weil das waren Dreizimmerwohnung gehabt richtigen großer Balkon von acht 450

alles solche Wörter, die die Eltern die haben dat überhaupt nit Meter so, Lodgia heißt dat, ja so lang am ganzen Haus entlang,
verstanden, die könnte dat nit, das war nur wat sie zuhause hat… Badewanne warmes Wasser, hat Telefon gehabt. äh.. es
reden ja war, was man sich erarbeitet hat, dat hat man zum Beispiel
I: Hm hm ein Schrank gekauft und dann war für’s Leben
395 I. A.: und das hat nit ausgereicht da.. aja nach Deutschland I: (lacht) 455

gekommen, hat man gesagt ah hier, sind doch Deutsche und I. A.: oder sind wir dann beim Umzug umgezogen erste mal
dann hat man erst gemerkt (lacht)… das. kannst. nit. sprechen wenn verheiratet ä geheiratet haben dann sind wir in die Stadt
und. undalles.. is anders da wat man sich erhofft hat gezogen, haben wir mitgenommen, Kühlschrank. Fernseher.
I: Hm Waschmaschine.. und Geschirr und Bettwäsche… nix, wir ha-
400 I. A.: (6) wars von früher, von früher genug oder was noch ben ein Sack Mehl, haben wir solche Säcke gehabt, da war 460

dir erzählen von früher ja so füfzich Kilo Sack, war immer Mehl hat man so gekauft
I: Em, wie sie meinen also.. hat man nit Kilo gekauft, immer Sack, haben wir Sack Mehl
I. A.: ja ich wei ( ), wir habe ja, äh wie gesagt früher hat gestellt in in in die Küche un ein Koffer drauf das war unser
man sich ja.. äh bei mir war dat so.. äh.. irgendwann hab ich Tisch
405 verstanden das sich die Deutsche, als Kind hat man ja dat I: (lacht) 465

noch ein bisschen so. gesagt. wollte man dat nit. irgendwie. I. A.: schlafen auf dem Boden, nix, nur die, grobe Sachen, die
weißt du aus welchem Grund äh nit so immer das man dat so Elektro haben wir mitgenommen, weil das andere war so alles
102 anhang b Interviews und Gedächtnisprotokolle

altes von unsrer Oma, haben wir gesagt, ne machen wir nit, geld… dat war ja mir alles, ich wusste nit, ich hab alles nach
lassen dat Zeug hier und kaufen wir uns neues aber, das war Hühner gerechnet (lacht), hab ich gesagt guck mal ein Huhn
470 ja da so, schwer wat zu kaufen. hat damals gekostet äh drei Euro oder wat ja, drei Mark, hab 530

I: Hm hm ich gesagt guck mal, wann drei Mark kauf ein Huhn, kann ich
I. A.: … ah dann hat man einmal gekauft ein Tisch und zwei die ganze Familie versorgen mit dem Lebensmittel, sogar für
Stühle, war man froh in der Küche ja, weil war so äh. hell satt essen, kochen Suppe und so
blaue Farbe oben, Tisch und zwei Stühle, weil im Geschäft I: (lacht) Hm hm
475 waren nur zwei blaue und der andere war ja rot, hat ja, ich I. A.: und dann natürlich konnte man sich nix erlauben da, 535

will ja jetzt nit blau und rot, wollte ja schon ein bisschen, wat.. wat anderes wat teure Sachen, weil man musste ja so
dann haben wir zwei gekauft, wir waren aber zu dritt, drei viel da doch alles da haben, man man hat ja nix gehabt ne…
Erwachsene, zwei sitzen einer muss immer stehen (lacht) Kinder in die Schule wat hat man geguckt was der Ranzen
I: (lacht) kostet und alles, dat is man ja schon, ja äh aber musste ja die
480 I. A.: ja, das hat dann gedauert, aber, und dann hat man.. eben. Kinder in die Schule schicken… aber ah.. oben waren ja viel 540

Bett gekauft un so wie wir konnten dat im Geschäft kriegen äh so wenig Russlandsdeutsche, da waren ja überhaupt keine
sag ich mal so, weil da war wirklich, ich weiß es nit das war I: Hm
alles so schwierig zu bekommen I. A.: und die,meine Tochter die jüngste die war alleine in die
I: Hm Schule Russin, alleine, die Einzige, weil ich hab sie direkt in
485 I. A.: .. und deswegen, aber ehm.. bevor ich nach Deutschland die Realschule rein, weil ich hab gesagt die hat da, die war da 545

bin gegangen, hab ich schon.. ich sage mal für die Verhältnisse in der guten Schule und hier muss sie auch, ich weiß es nich,
ganz normal, hab ich ganze Möbel gehabt, hab ich sogar Kla- ich hab dat so gemacht, hab ich gesagt: »die geht nit auf die
vier gekauft für die Tochter un und so Fernseher farb alles Hauptschule, die war dort in der besten Schule in der Stadt,
haben wir so gehabt, nich hier geht sie auch in die Realschule« (lacht), un da war sie die
490 I: Hm Einzige 550

I. A.: und dann nach Deutschland gekommen und sind in in I: Hm hm


Notwohnung im ein Zimmer gelandet, ja I. A.: un darum hat dat nit so… is sie zur Schule gefahren
I: Hm natürlich.. hat ä mit der Sprache ja, die hat Englisch gelernt,
I. A.: … hat uns niemand, wir sind nach nach Norddeutsch- aber dat Englisch war auch nit ausreichend, die war siebte
495 land gekommen, bei Lübeck da, Meldorf, Meldorf und neben Klasse die Jüngste und dann ä natürlich gab es da Probleme in 555

dann war da so’n kleiner Dorf Wolmersdorf, Wolmersdorf dat der Schule ja, Mathematik hat sie sehr gut und sie war auch
war.. dat war ja für mich Katastrophe alle in einem Zimmer sehr schon direkt drin, in der Mathematik, konnte sie auch äh..
und alles da so pff ja.. eigene Sachen ja natürlich nicht da war so war gut, nur die andere natürlich, dat äh die andere
hast du dann schon dir Gedanken gemacht, dort hast du für’n Fächer, dat muss man ja alles
500 Appel und ein Ei sogesagt abgegeben die Wohnung, Dreizim- I: Ja, ja 560

merwohnung so I. A.: mit der Sprache, dat war ja schwer. und dann haben sie
I: Hm von der Schule, haben sie dat veranstaltet und haben sie im
I. A.: und jetzt hängst du hier im ein Zimmerchen, weißt Internat, in russische Internat ä für so weiß ich nit Ausländer-
nicht.. kommst mit de Sprache nich zurecht, musst du dir jetzt kinder oder, weil da waren mehr äh russlanddeutsche Kinder,
505 alles.. ja.. organisieren, alles war ja irgendwie so. total anders Internat, dat war äh bei Bielefeld 565

da, von andere Seite hat man sich gefreut wann man is in Ge- I: Hm
schäft gegangen und hat man ja tausend Sachen, Lebensmittel I. A.: und die da von der Schule weil sie war siebte Klasse,
dat gesehen, da hat man ja solche Augen gemacht, ja haben sie gesagt hier geht dat nicht mit mit der, mit der Schule,
I: Ja ja, und dann haben sie sie da nach Bielefeld, von der Schule
510 I. A.: weil da muss man ja auch um den um die ein Kilo Wurst hier haben sie dat gemacht und ja ich hab da zugegeben ja 570

muss man ja da kämpfen, erst mal drei Stunden stehen in der I: Hm


Schlange bis man dat Kilo Wurst hat bekommen, ja I. A.: un ä meine älteste Tochter die war ja schon da mit der
I: Ja ja Schule fertig, zehn Klassen
I. A.: oder oder Zucker oder Bonbons war ja alles noch so äh.. I: Ah, aha
515 hat man ja bekommen jede Familie hat dann. bekommen so.. I. A.: .. un äh.. weil sie war da fertig, dann hat sie hier Otto- 575

da hat man gesagt Talons Benecke gemacht, Sprachkurs Otto-Benecke Hamburg.. weil
I: Ah, hm mein Bruder hat gesagt ja musst du unbedingt Otto-Benecke
I. A.: und dann hat man bekommen für den Monat jeder machen weil anderes, wann sie geht jetzt nur in Arbeitsamt
soviel un soviel Kilo Zucker oder Öl oder äh so, ja.. oder wann Sprachkurs… dann heißt das wieder, kriegt weiter äh.. dat is
520 man da Wurst, oh da gibt’s Wurst muss man erst mal zwei keine richtige Ausbildung, da sitzen nur alle zusammen ähh 580

drei Stunden stehen.. un wann Glück hast bekommst du noch un dat is nur äh Buchstabe lernen un ein bisschen Sprache,
wann nit vor dir wird sie all, ja dat blieb nit viel
I: Hm I: Hm hm
I. A.: sonst bist umsonst gestanden.. und dann hat ja natürlich I. A.: deswegen haben sie gesagt, seh zu das dat sie kommt in
525 in Deutschland uns gefallen, ja. nur. wie gesagt dat Geld direkt Otto-Benecke, Otto-Benecke Stiftung in Hamburg.. und dann 585

war ja nicht da, dann Arbeitslosengeld und dann äh haben sie haben wir da dat alles eingeleitet un natürlich dat war auch
aber Eingliederungsgeld war das am Anfang, Eingliederungs- ganze (lacht) ganze.. war nit so einfach. äh. da in dem Dorf
Interview: Irina Albert 103

wo wir haben gewohnt, da waren wir äh drei Familien, da Tochter musst ich schicken zu.. ah hier in Süddeutschland wie
war so ne Gaststätte früher und die haben dann so gemacht heißt dat jetzt die Stadt da.. jetzt hab ich ja vergessen wie die
590 wie Notwohnung für die Russlandsdeutschen Stadt heißt, wo die alle sind da zusammen ä Studentenstadt 650

I: Hm I: In Rheinland-Pfalz?
I. A.: .. und da waren wir drei Familien und dann der die der I. A.: Nein…
äh Schuldirektor von dem von der… Schule, Grundschule war I: Münster
da ah der hat dat von sich selber, hat er gemacht, hat er gesagt I. A.: Runter runter runter im Süden
595 das die Zeit nit verlieren weil Sprachkurs haben sie noch nit I: Runter von hier? Stuttgart? 655

gegeben, man hat da nur so zuhause rumgesessen und das I. A.: Nein Got, wie heißt dat, wie heißt dat…
das wir äh.. die Zeit nit, hat er uns dann einmal in die Woche I: Frankfurt Wiesbaden
Stunde selber Unterricht gegeben, haben wir so gesprochen I. A.: Nein nein, noch weiter runter
da und erzählt und ein bisschen mal wat gelernt ja, und so I: Freiburg? Ist ganz im Süden
600 alles. und da sind wir dahin gegangen, hat er dann gemacht, I. A.: Nein nein Freiburg nein 660

weil eine Familie vor uns war… und er hat angefangen schon I: Offenburg
dene dat beibringen äh da deutsch ein bisschen Unterricht I. A.: Nein… naja vielleicht kommt dann äh ja musste sie
machen und dann sind wir dazugekommen, hab ich gefragt dahin, da war so äh wat weiß ich wie dat damals hieß weiß
geht dat auch, ja dann sind wir auch, (war ja da) auch schon ich nicht, das da alle Studenten zusammen kommen
605 ein bisschen.. und da war ein vom Sportverein, war auch eine I: Heidelberg 665

Frau immer gekommen und die hat geholfen ähdene Kinder, I. A.: Nein
das sie sich integriere ja I: (lacht) Naja egal
I: Hm I. A.: .. hab ich jetzt vergessen.. und da musste sie dahin,
I. A.: die habe angefangen in die Kirche gehen was in Russland zuerst dat alles was da war dort dat Otto-Benecke Zentrum
610 haben wir nie gemacht, wir waren da nie zur Kirche gegangen oder wat weiß ich, das da musste man dahin.. und dann hab 670

weil die Kirche war.. äh.. man konnte gar nit öffentlich in die ich ja so eine Angst gehabt, wie schick ich dann, die kann kein
Kirche Deutsch, wie schick ich dat Kind alleine und ich hab kein Geld,
I: Hm wie schick ich dat Kind alleine so weit
I. A.: ich hab ja dene Kinder in der Schule erzählt es gibt I: Hm
615 kein Gott und man dies und jenes ja.. und jetzt sind hier die I. A.: .. und die wat mit uns haben gewohnt die haben ein 675

Kinder in die Kirche gegangen.. ah und dann waren dort so.. Jung gehabt und er war auch in so eine Situation, war mit die
von der Gemeinde, wo die können sich da treffen, die haben Schule fertig, und ich hab dann immer gesagt, wollt ihr hier
da gebastelt und so wat ja jetzt vergammeln komm wir schicken die Kinder das sie
I: Hm weiter lernen und so weiter
620 I. A.: natürlich dann haben meine gezeigt was die können I: Hm 680

und die andere und dann war dat schon, so, auch ein bisschen, I. A.: nein, macht hier Arbeitsamt Sprachkurs, dat reicht,
man wollte sich ja direkt dat Leben leben und nicht sich da hab ich gesagt seid ihr blöd, dat bringt nix, die müssten andere
abgrenzen, ja un nix zu tun haben oder wie auch immer ja, Weg gehen.. nit hier äh weißt du.. ja. und dann hab ich die
haben wir uns nit so.. äh… wann man auch konnte nit so reden doch hingekriegt, auf letzte Drücker so gesagt, das sie sind zu
625 aber man is einfach gegangen ja, auf die Veranstaltungen zweit gefahren, das sie wenigstens nicht alleine war 685

oder wat da was da gegeben, und vom Sportverein ist die I: Hm


Frau immer gekommen, hat sie dann mitgenommen die zum, I. A.: der Weg wurde ihr dann bezahlt, Fahrkarte wurde ja
die Kinder, und meine älteste Tochter hatte dann äh so haben dann bezahlt, und die sind dann für drei Tage äh drei drei
sie getanzt äh die, mit so nem Tracht oder Tracht, die Frauen ja drei Tage waren sie hier ä mit dem Zug runter gefahren
630 von Norddeutschland ja und. war.. ich war wie wie dat.. naja dat war irgendwie so. 690

I: Ah, ok ja Veranstaltung, weiß ich nit wie dat jetzt alles heißt
I. A.: und in so eine hatte sie dann mitgenommen, da hat I: Hm
sie dann mitgemacht dann, is sie dann mitgegangen, hat da I. A.: und dann waren sie dort und dann sind sie zurückgekom-
mitgetanzt und haben sie da.. äh dat hat man ja dadurch auch men und wann sie dort waren, ja erstmal.. auf den Zug gesetzt
635 die Sprache gelernt auch dat andere ja dat Kind ja, weggeschickt, weißt nit wohin, kein Telefon kein 695

I: Hm Handy kein nix (lautes einatmen)


I. A.: und dat find ich auch, dat war schonuns hat dat auch I: Oh man
so geholfen ein bisschen, sonst sitzt man da zuhause, kein I. A.: die Kinder, dat Kind in die Welt geschickt, ja
Sprachkurs keine Schule, meine älteste sitzt man da zuhause I: Hm
640 und und nur alles, ja, dat äh… und so hat man gemacht was I. A.: (4) man hat riskiert.. aber weil sie schon zu zweit waren.. 700

man konnte, ja bin ich beim Arzt, ich brauch Baldrian (lacht)
I: Hm I: (lacht)
I. A.: und bis, weil die Zeit bis dat Otto-Benecke, und dann äh, I. A.: Arzt warum, meine Tochter is weg, ja und wat ist dat da,
weil wir sind gekommen im Dezember und Otto-Benecke ist ich sag ja meine Tochter ist weg, ja die kommt doch wieder,
645 erst im August oder September hat angefangen.. ( ) die Zeit zu ja ja natürlich (lacht).. für eine andere ist dat ganz einfach 705

überbrücken ja… oder wat früher Otto-Benecke ja irgendwie ja, wat is dann da dabei, die Tochter is weg, die is achtzehn
so.. ah… und zum das zu, alles zu organisieren musst ich ja die ja.. ja.. naja, dann Gott sei Dank is sie gekommen nach drei
104 anhang b Interviews und Gedächtnisprotokolle

Tage, haben dat alles, haben dat alles äh wie wohin müssen I: Hm hm
sie weiter dat alles anleiten, weiter dat machen mit dem Otto- I. A.: und so hat sie da diie.. äh die Ausbildung äh is sie, war
710 Benecke ja sie auch mit dem zusammen mit dem äh jungen Mann da und 770

I: Hm dann is sie nach Alzey.. weiter dat Abitur nachzumachen un


I. A.: … und dann is sie gegangen nach Hamburch.. äh wieder dann hat sich dat, haben sich auseinander gelebt, war dann
hat mein Bruder sie genommen, haben wir gepackt was wir alles, un hier in Alzey hat sie dann gemacht Abitur nachgeholt,
konnten, Geschirr ein bisschen un und Decke und so (lacht) und dann hat sie studiert in Frankfurt BWL, glaube BWL, hat
715 und Kissen und so alles was man konnte geben, mitgegeben sie studiert in Frankfurt weil damals haben noch alle gesagt, 775

und dann mein Bruder hat sie gefahren nach Hamburg, die (ach) das BWL dat äh dat is ja
hat, Adresse hat man ja gehabt in Otto-Benecke, un dann is I: Wasser?
sie dort gekommen in ä.. war auch so eine Wohngemeinschaft I. A.: Ja ja bitte
wie wat weiß ich, und da Studenten haben so gelebt I. A.: das, aber die hat dat is, hat sie sich dat so ausgesucht
720 I: Hm hm (Wasser eingießen) na.. dann hat sie studiert… die hat auch 780

I. A.: und dann is sie da zum Sprachkurs gegangen… ich gute Noten gehabt bei Abitur nach nachzuholen hat sie alles
wusste nicht wo, ich wusste nicht wohin, ich wusste von nix.. mit ei 1,2 bestanden, die haben ja manche Fächer haben sie
Kind weg, nur dat einzige hab ich immer Samstag gewartet das genommen aus Russischen, ja
sie kommt, ( ) äh wir haben gewohnt in Wolmersdorf und in I: Ah, aha
725 Meldorf war der Zug und das war.. ich weiß nich genau wieviel I. A.: aus den, und manche Fächer von hier und die äh dann 785

Kilometer, paar Kilometer, und dann bin ich mit dem Fahrrad hat sie auch gute Durchschnitt.. und.. waren wir äh da und
hingefahren, schon morgens, hab den Fahrrad abgestellt – hat dann, dann hat sie weiter studiert und dann war sie fertig
hat Bruder uns gegeben zwei alte Fahrräder, hab dat Fahrrad mit dem Studium und… hat hat aber schon Kind gehabt
abgestellt – weil ich hab ja Zeit gehabt, war ja zuhause – am I: Hm
730 Bahnhof, und dann is sie gekommen, auf dem Fahrrad, weil I. A.: Äh.. die hat gedacht jetzt noch ein bisschen, em wieviel 790

die Tasche war ja, dann konnte sie nach Hause kommen, und Monate ist da geblieben wird sie fertig, vielleicht so wie du
ich bin ja dann den ganzen Weg zu Fuß gegangen nach Hause jetzt ja
weil ich, Geld für Bus haben wir ja nit gehabt, das war uns I: Hm
alles zu teuer I. A.: dann hat sie hat sie aber schon mit dem, hat sie da Jung
735 I: Hm kennengelernt und haben sie, sind sie zusammengezogen, ha- 795

I. A.: … hm und dann so… dat war nur mein Glück das ich hab ben zusammen gelebt, er hat auch studiert und sie hat studiert,
da äh.. das ich sie da bekommen, telefonieren konnte man, wir beide Studenten. aja dann waren sie schon sechs sieben Jahre
haben kein Telefon gehabt, nur die Telefonzelle, wat draußen zusammen und dann hat ( ) heiraten wir, wenn sie fertich
auf der Straße aber, sie hatte auch kein Telefon gehabt wo sie is heiratet (wir), und dann hat sie die Pille abgesetzt, hat sie
740 konnte telefonieren, und deswegen war ja da ganze Woche gesacht dat wird dauern, haben geplant schon die Hochzeit, 800

kein Kontakt, hat man ja nur gewartet das sie Wochenende geplant das sie dann, alle so ja und zack sie ist im ersten Monat
kommt, wann sie eines Tages wurde nit kommen ich weiß nit direkt schwanger geworden
wat wo soll ich sie fahren suchen I: Hm
I: Hm, hm I. A.: und dann war alles Stress… Studium.. nicht fertig, zwei
745 I. A.: dat dat war schon… aber Gluck gehabt alles gut, hat glaub ich hat sie äh nicht geschafft, war schon Kind da.. Hoch- 805

sie da äh gemacht den Sprachkurs und dann hat sie dort ein zeit gemacht, ja war sie auch schon schwanger weißt, musste
jungen Mann kennengelernt aus Afghanistan man aber alles Stress ja, wollte sie machen, haben wir gemacht
I: Hm und dann. äh.. acht Tage war dat Kind is sie weiter Prüfung
I. A.: und das weil das war ja so hier hm… damals wann wir gemacht (lacht) acht Tage, a waren schon die (Lektr) die hat
750 aus Russland weggefahren dann war grad mit dem Afgha- ja alles vorbereitet, alles war ja soweit fertig, nur musste sie 810

nistan so, und die was da waren unsere Soldaten und so das dahin gehen, ja dann Schwiegermutter dat Baby auf den Arm
waren alles Helden ja dahin, und hat sie so dat geschafft, Studium, ja wie gesagt hat
I: Hm hm sie gesagt, ach dat dauert bis sie schwanger wird, ja
I. A.: damals waren das so alles Helden äh was da gefallen I: Hm
755 sind die Soldaten im Afghanistan so alles ja.. und deswegen I. A.: … dann dann is et so schnell gekommen (lacht) ( ) 815

hat hier den den jungen Mann da kennengelernt und war wie et is ne
natürlich.. im ganze andere Welt da, äh hat sie dat anders I: Ja
gesehn, was die da durchmachen den Krieg und so weiter ja, I. A.: und die Kleine die hat dann äh in Bielefeld war sie dann.
dat war.. naja war sie da ein bisschen äh, hat sie da gearbeitet achso dann wann wir nach Deutschland sind gekommen und
760 im Sommer weil sie hat keine Zeit ä nach der Schule, dann das hab ich dann angefangen Sprachkurs, im August haben 820

ware ja drei Monate bis bis dat weiter.. die haben gesagt nach wir angefangen Sprachkurs zu machen, die die Zeit was wir
dem äh Sprachkurs musst sie nach Alzey, Alzey die Stadt, und da.. haben gelebt, muss man ja irgendwie verbringen, und
da in Alzey musste sie Abitur nachholen, ja Geld war ja zu wenig, was wo wir wat konnten da, in de
I: Hm Norden da is noch schlechter ja was mit der Arbeit und so,
765 I. A.: und deswegen um die drei Monate Zeit nicht zu verlie- und wer nimmt dich wann du. da auf dem Dorf da war nix, 825

ren, hat sie dort gearbeitet schon im Schlecker als Verkäuferin, fahren konnt ich nit, hab ich kein, Führerschein hab ich aber
so im Sommer äh Job hat sie sich da ich kann ja nicht fahren, hat ja kein Auto und ich konnt auch
Interview: Irina Albert 105

nich fahren un äh.. mit dem Fahrrad.. wie gesagt ja, dann der Rheuma, und jetzt is dat hat sie ja auch jetzt schon zwei
haben wir mal so beim Bauern auf dem Feld gearbeitet die Kinder, äh aber arbeiten in dem Job kann sie nicht, jetzt will sie
830 ganze Familie, da war so Rü die Süßrüben oder wie heißen wat anderes, versuchen wat anderes noch andere Ausbildung 890

sie, Süßdinger auf den Feldern dat Unkraut machen solang sie noch jung is
I: Ja ja ich weiß was sie meinen, Zuckerrüben I: Hm hm
I. A.: ja Zuckerrüben, ja ja Zuckerrüben, und dann dat war I. A.: Die Älteste is ja jetzt dreiunddreißich und die Jüngste
alles mit Unkraut und mussten wir dat Unkraut zupfen da. is jetzt dreißich, einunddreißich wird sie
835 dann sind wir alle, Vater, ich, mein Bruder, alle Familie haben I: Hm 895

wir so ein Feld genommen (haben dann so) dat Feld wenn I. A.: (5) un achso, ich hab ja hier ein Mann kennengelernt,
ihr fertig habt is äh hundert Mark wert, wieviel Leute waren wann wir sind nach Deutschland gekommen, wann ich hier
wir da äh haben wir schon (zwar und) die Arbeit gemacht, nach Koblenz bin umgezogen.. äh dann haben wir äh in der
am Ende is dat rausgekommen noch keine fünf Mark auf die Nachbarschaft.. war ein Mann.. is viel älter als ich achtzehn
840 Stunde aber uns war dat egal, hauptsache das ä wir waren Jahre, aber is war verwitwet, Frau is verstorben 900

bisschen beschäftigt und haben uns en bisschen wat ne, Bauer I: Hm


hat zwar uns ausgenutzt, aber. wir haben alles mitgenommen I. A.: vor drei Jahre so is die Frau verstorben und war drei
was was. was man konnte ja Jahre alleine, und dann in Nachbarschaft haben wir uns so
I: Hm kennengelernt… wie dat is im Leben ja, hab ich gedacht naja,
845 I. A.: .. und die Jüngste is ja dann äh auch ab nächstes Schul- hab keine Kinder, un äh. keine Frau keine Kinder.. un. wat 905

jahr is sie gegangen nach Bielefeld, in Internat. Und die älteste erwartet mich hier. und wir haben uns so kennengelernt.. ihm
Tochter is ja nach Hamburch, und dann war ich ja alleine, und hat ja dat ja gefallen, junge Frau ja
dann hat Sprachkurs angefangen und dann is mein Bruder I: (lacht)
umgezogen nach Koblenz, weil hier hat, weil dort äh. war mit I. A.: (lacht) un. und so äh (trinkt) meine Kinder haben auch
850 der Arbeit nit so gut, hat er gesagt ja wat sind wir hier im gesagt wat sollst du rumhängen immer alleine.. Bruder hat 910

Norden, sind keine Verwandtschaft da, alle sind weiter und Familie der andere, alle haben Familie und du immer dazwi-
so un un dann, weil mein Bruder is gekommen em.. wie sagt schen, Auto fahren konnt ich nit weil, ich hab zwar Führer-
man dann.. is abgehauen aus Russland ja schein gehabt aber fahren konnt ich nit, ich hab in Russland
I: Hm gemacht Führerschein aber dort macht man ja ganz anders,
855 I. A.: er hat Papiere gehabt zum Urlaub in Urlaub zu kommen, damals hat man so gemacht, so’n großer riesiger Platz, da 915

is hier rüber gekommen und hat gesagt so ich bleibe jetzt hier Straßen und da steht paar Schilden und da fährt man und
ich fahr nit mehr zurück, damals konnte man dat so machen, da macht man Führerschein, natürlich da kommt dir keiner
ja, sind viele in Urlaub gefahren und dann nich mehr zurück, entgegen, da hast du keine Angst, da passiert nix, ja
so hat er dat gemacht und deswegen haben sie ihm geschickt I: Hm (lacht)
860 nach Norden dahin, wir haben da niemand gehabt, keine Ver- I. A.: sogar musste man da so auf die Bühne drauf fahren, 920

wandtschaft nix, haben sie ihn dahin geschickt und deswegen hab ich alles wunderbar gemacht, bin ich auf die Bühne drauf-
musste man äh so den Weg gehen, ja gefahren, ja, hat alles geklappt, aber wann ich auf die Straße
I: Hm bin da hab ich schon geschrien wann Auto entgegengekom-
I. A.: wann wir sind gekommen, die nächste Verwandtschaft men, hab ich gesagt »ich fahr nicht, Auto kommt entgegen!«
865 war ja der Bruder, die Eltern und der Sohn, und deswegen (lacht) 925

mussten wir alle, weil ich zusammen mit Eltern war muss- I: (lacht)
ten wir dahin.. ja deswegen mussten wir dahin.. und dann I. A.: Weil, so eine Angst vor den ja… äh und dann hab ich
schon sind wir äh nach Koblenz gezogen, weil der Bruder is zuerst bin ich dann äh ja mit dem Fahrrad äh gefahren auf die
umgezogen zuerst, und dann ich auch nach Arbeit, hab ich dann sechs Monate Sprachkurs gehabt hier und
870 I: Hm dann hab ich in der Zeitung gelesen Fabrik Knopffabrik sucht 930

I. A.: und dann hab ich hier den Sprachkurs weiter gemacht, äh Mitarbeiter, hab ich gesagt: »Is egal, ich hab zwei Kinder
hab ich insgesamt noch sechs Monate den Sprachkurs gehabt. ich muss arbeiten!« So bin ich auf die Knopffabrik gegangen,
äh.. und dann arbeiten gegangen. und die Tochter hat da in bin ich zum Chef, hab ich gesagt: »Hier bin ich, ich hab zwei
Bielefeld äh bis. ja zehnte hat sie da gemacht. und dann is Kinder und ich muss arbeiten!« So hab ich dem gesagt ja.
875 sie nach Düsseldorf gekommen in andere Internat und hat I: Hm 935

sie Fachabitur gemacht.. in Düsseldorf.. (weiß ich wieder da). I. A.: Ich hab gesagt: »Ich muss arbeiten, ich hab dat nie
dort hat sie den Fachabitur gemacht.. und dann.. im Internat gemacht, aber ich muss arbeiten, ich hab zwei Kinder!« Hat
noch.. und dann äh. wann sie schon in die Lehre is gegangen er geguckt
dann musste sie schon raus aus Internat, dann hat sie da ein I: (lacht)
880 Jung kennengelernt und hat da sich Wohnung geholt, sind sie I. A.: mit große Augen (lacht), »Na komm probieren wie 940

zusammengezogen, und hat da äh dann weiter Ausbildung dat alles klappt oder nit.«. Dann natürlich äh, die haben so
gemacht als Floristin eine Maschine da stehen gehabt, da wurden so Musterknöpfe
I: Hm gemacht, eine Abteilung für Musterknöpfe. Da musste man
I. A.: un hat sie die Ausbildung fertig gemacht, die Jüngste und solche Dinger so wie beim äh… so so so runde äh wie wie eine
885 dann, bis jetzt lebt sie dort noch in der Wohnung (lacht) und Calciumtablette, so dicke, Rondellen heißen die Dinger. Da 945

ist mit dem Mann.. dat haben sie hat sie ja später geheiratet mussten sie so, musste man die so reinstellen in die Maschine
ihn un so dat.. aber arbeiten als Floristin kann sie nicht wegen und dann wurden sie von Hand äh ein Muster gemacht, mit
106 anhang b Interviews und Gedächtnisprotokolle

der Hand.. so wie dat, so eine Maschine war da.. Und dann hat und die könne nit schlucken, hab ich gedacht: »Die verschlu-
musste man hat hat er da »Probieren Sie mal ob dat klappt!« cken sich alle bei dir.« Dat war mir ja so, oh total, hab gesagt:
950 und oder äh hab ich dat probiert, hat einigermaßen geklappt, »Ne, den Job kannst du nit machen! Den Job kannst du nit 1010

da musste man so mit der linke Hand einlegen, mit der rechten, machen!«
unten so drücken, mit der, da geht dat auf, mit der linke Hand, I: Hm
dat war so ja, so ein Dinge, wann ich da rein leg da macht dat I. A.: Zuerst hab ich noch probiert im.. im Kaufhof äh.. in der
so und dann musst ich mit der rechte Hand ( ) wieder so, mit äh.. unten wann in Kaufhof, war damals untere Abteilung wo
955 Späne so’n Muster gemacht in Knopf, so eine, ich weiß nit wie CDs waren und Bücher waren unten 1015

deutsch, Takarnaja Takarnaja Maschina (russisch), wie heißt I: Hm


dat? Ja dat macht man auch mit Holz, wenn man will zum I. A.: da hab ich noch Praktikum gemacht. Natürlich was
Beispiel Holz so.. Relief so machen mit Holz, so, so Dinge mit konnte ich von deutsche Bücher! Oder von deutsche Musik!
Holz machen, ja, dat hat man ja auch so gemacht, dat is so Dat war ja ganz fremde Welt für mich.
960 eine Maschine, dreht sich und dann. dat is ein bisschen anders I: (lacht) 1020

da. naja. Hab ich gesagt: »Ich komm morgens früh, ich übe.« I. A.: .. Ja die Charts da muss man da hinhängen, dat hat mir
I: (lacht) überhaupt nix gesagt ja, und wat dat alles soll.
I. A.: Bin ich sechs Uhr da, die haben schon sechs Uhr ange- I: Ja
fangen, acht Uhr Schule, ich sechs Uhr schon dahin. Geübt bis I. A.: Ne, hat dat nit geklappt mit dem Kaufhof, Verkäuferin.
965 acht Uhr, jah eigentlich, und dann, ja es geht. Haben sie mich Aber, aber wie blöd dat klingt, aber ich hab dat alles mitge- 1025

genommen drei Monate als Praktikantin, macht. Hab (lacht) jetzt kann ich ja darüber lachen, damals
I: Hm (aber nicht).. der Chef, vorne am Eingang, war immer so ein
I. A.: hab ich da drei Monate als Praktikantin das gemacht bisschen aufgebaut und da wurde jede Woche wat neues äh
und dann haben sie mich übernommen. Dann hab ich da fünf verkauft.
970 Jahre gearbeitet und dann haben sie Bankrott gemacht. Dann I: Hm hm 1030

haben sie hier dat alles verkauft, sind nach Osten gegangen, I. A.: Eine Woche waren da alles Besteck, die andere Woche
weil da im Osten war noch eine Knopffabrik. da Geschirr, dann noch immer wat neues, weißt du und so.
I: Hm Und da musste man immer da vorne stehen, immer aufpas-
I. A.: Und äh, und da waren ja die ( ) und so weiter, sen, un äh da wann die Leute da wat intressiert sind, da wollt
975 nach der Wende, nach dem allem, und dann haben sie hier – wat kaufen, da waren so Angebote ja. Aber immer so vorne, 1035

die Knopffabrik ist jetzt noch hier – aber die Produktion, die wann man reingeht direkt hier vorne… Und ich steh vor die
Maschinen hat er sich hier alles abgebaut. Alle nach Osten, Tür und jeden Tag: »Guten Morgen, guten Tag, guten Mor«
I: Hm oh ne. (lacht) Was… ich hab noch dat gehört, ich soll dazu
I. A.: sogar noch manche Mitarbeiter mitgenommen da, wel- ja.. steh da un un… un dann äh, nach drei Monate natürlich
980 che von Osten kamen, haben sie mich dann nit übernommen und dann.. hab ich die 1040

I: Achso Knopffabrik da gefunden und dann bin ich auf die Knopffa-
I. A.: waren paar.. und hier Leute entlassen. Dann stand ich brik.
auf einmal auf der Straße.. Nach fünf Jahre hab ich gesagt: I: Hm
»Naja, dat war schon mal gut, hab ich gearbeitet, alles lief so I. A.: Äh.. einmal hab ich da einer em.. einer Frau hab ich
985 wie et sich,« Kinder sind Wochenende gekommen.. zu mir, dann gesagt, die hat da Besteck geguckt und so un, dat war 1045

aber ich hab schon den Mann kennengelernt. Nach einem Jahr mir so und dann hab ich gesagt: »Kann ich Ihnen helfen?«
- haben wir ja da in der Nachbarschaft gelebt und dann, hat und sie guckt so auf mich »Sie, mir, helfen⁉« (lacht) Dat war
er Zaun gestrichen, dann haben wir mal ein bisschen geredet für sie, weißt du, die hat ja gehört meine Aussprache, das
und so weiter und dann, naja.. haben Kinder gesagt: »Wat ich überhaupt kein Deutsch und nix und auf einmal will ich
990 solls, hängst allein, is doch egal.« Und er hat auch gearbeitet der helfen! (lacht) Aber äh ja, wie gesagt (5) (lacht) unter die 1050

un naja. Dann bin ich zu ihm gezogen. Über den Zaun (lacht) Tränen
I: (lacht) I: Hm
I. A.: war ja nicht weit. Er hat aber in Miete gewohnt ja, in I. A.: Naja und dann äh is hab ich die, wo war ich dann, mit
Miete hat er gewohnt. Sind wir da über den Zaun äh.. und der Knopffabrik gearbeitet, dann arbeitslos geworden, dann
995 dann sind Kinder Wochenende gekommen nach Hause und die AWO gemacht, dann wieder zuhause gewesen, wieder 1055

und dann so weiter… Die haben ihren Schule un gemacht un zuhause gewesen, dann Maßnahme gemacht vom Arbeitsamt
so äh.. ihren Weg gegangen und so.. Aber is ja nix zum Umschulen, wat sollen sie mir
I: Hm umschulen ja
I. A.: un nach fünf Jahren wann ich dann arbeitslos bin gewor- I: Hm
1000 den, dat war, hab ich ja gedacht: »Bist wahnsinnig.« Arbeit I. A.: Is ja nix Gescheites da, überhaupt wat könnten sie bieten 1060

findet man nit, is schwer, keine Ausbildung, nix, was willst und wat konnte ich, weil ich konnte nicht schreiben, ich konnte
du machen! Dann haben sie gesagt: »Altenpflege«, hab ich lesen aber sehr schlecht, weil in sechs Monate kannst du nit
gesagt: »Ne, ne«, dann hab ich Praktikum gemacht bei AWO lernen.
in Koblenz, da hab ich gesehen solche Fälle, solche ähh Deku- I: Hm, klar
1005 bitus heißt dat ja, solche Löcher bei de Leute, an der Schulter I. A.: Wat konnte man da ja… Und vielleicht bin ich auch noch 1065

oder am Becken.. ich konnte dat nit sehen, und mir war dat nit so begabt.. wie die anderen, das ich das so, nicht so äh..
so schlecht, dat hab ich gesehen dene Leute Essen anreichen hab ich gedacht: »Ach, reden kannst du ein bisschen.« Wann
Interview: Irina Albert 107

ich bin dann auf die Knopffabrik gegangen, reden konnt ich I: Hm
bisschen schon besser, ja so, konnte man sich verständigen und I. A.: .. Weil ich weiß nit warum, da war keine wo man das
1070 da musste man nit viel reden, weil man hat nur gearbeitet Bibliothekarin auch am Tag hat gemacht, so immer. Ich weiß 1130

mit der Maschine. Und dann.. ja, aber dann hab ich ja schon et nit, das hab ich dann direkt gearbeitet, in Dorf un äh, und
Fritz kennengelernt und dann haben wir ja zuhause, musst ich dann die Schule so gemacht.
ja dann mehr deutsch sprechen, aber er war ja ganze Woche I: Hm. Sind Sie gern zur Schule gegangen?
unterwegs I. A.: Och äh… nicht so immer sag ich mal, ich viel Blödsinn
1075 I: Hm in der Schule gemacht, äh war nicht so braves das Kind ja. Äh, 1135

I. A.: er hat ja, war ja, immer auf Montage, is ja nur Wochen- hab schon immer wat angestellt, äh mit dem Englischlehrer
ende nach Hause gekommen… War auch nit so viel, aber, mit wat ich hab da ( ) gemacht äh ja. Er, er konnte mir nix, er hat
der deutschen Sprache.. un äh.. bin dann arbeitslos geworden, gesagt, meine Mutter hat gearbeitet - geputzt in der Schule
wieder dann dat machen dat machen dat machen, nix in Sicht. - da wusst sie auch alles bescheid. Und er hat dann gesagt,
1080 Dann hab ich hier in Rengsdorf, hab ich einfach Gelbe Seiten schon neunte Klasse, hat er gesagt, ich hab gesagt: »Ja, jetzt 1140

genommen, weil ich wollte nit mehr arbeitslos sein, ich, dat gehen Sie schon wieder zu meiner Mutter!« »Nein, ich geh
hat mich so gedrückt, das, ich hab mich so ä… nutzlos gefühlt nicht zu deiner Mutter.« »Ja, Sie können ja nur zu meiner
und und dat alles, hab gedacht: »Dat war nichts!« weil ich hab Mutter immer gehen!«
immer gearbeitet ja. I: (lacht)
1085 I: Hm I. A.: .. Er war jung… äh.. in ( ) hab ich die Bücher zuhause 1145

I. A.: .. Ich konnte nit da zuhause sitzen und äh. dat war gelassen und hab in die Schultasche äh hab ich Cornflakes
nix für mich.. Gelbe Seiten genommen, überall rumgefahren so ne Packung, hab ich allen Cornflakes verteilt und dat hat,
»Brauchen Sie, brauchen Sie, brauchen Sie?« und dann haben wenn man isst krumst ja so, ja
die in Rengsdorf gehabt äh, gesagt ja Praktikum, zuerst so I: Ja ja
1090 zur Probe und dann Praktikum drei Monate und dann zum I. A.: Da hat ja nur Krach gemacht. Und solche Dinge hab ich 1150

Umschulung machen als Altenpflegerin. mit dem gemacht… In die andere Fächer nicht nicht so, nur in
I: Hm Englisch, deswegen ist mir das auch später (lacht) so, für die
I. A.: Ich wollte doch, Ausbildung haben. Nicht einfach so, ich besser lernen Englisch ( )
wollte mit der Ausbildung. War ich ja schon dreiundvierzich, I: Hm hm
1095 dann hab ich angefangen der Ausbildung, drei Monate zuerst I. A.: Ja, in der Schule, so Sport gemacht, nit so besonders viel, 1155

so, dann gearbeitet bis August und dann äh Ausbildung als ein bisschen Volleyball gespielt so… da hat man auchvielleicht
Altenpflegerin. Drei Jahre dann gelernt, ja wie dat hier die nit so gefördert oder die Eltern auch nicht, mal auf dem Weg
Schule ist, zwanzichjährige, da war ja ganz normale Klasse, das man da, ja, da musste man, nach der Schule musst ich der
da waren alle drin ja.. Wir waren paar Aus Aussiedler waren Mutter helfen putzen.
1100 paar äh wieviel waren wir, drei.. Aussiedler waren. I: Hm, auch in der Schule 1160

I: Hm I. A.: In der Schule. Ja, weil weil sie hat dann geputzt da, da
I. A.: Aber, die waren noch ein bisschen jünger als ich, ich war ja äh.. so eine Schulbank war zusammen Tisch und dann
war ja die Älteste.. und Ausbildung gemacht und dann hier war auch die Bank direkt dadrüber, da waren solche Teile. Und
geblieben, haben sie mich übernommen und dann bis jetzt da war ja so viel Dreck, da war ja so viel Dreck, da musste
1105 arbeite ich hier. Schon auch zehn Jahre rum.. man sie alle auf die Seite, und unten wo die Füße so drauf 1165

I: Hm, wow stehen ja, da war alles übermatscht, so Klumpen un un alles,


I. A.: Ja mit dreiundvierzich hab ich angefangen und mit der und dann hab ich da vorher gekehrt und sie hat dann geputzt
Schule und jetzt ist schon, bin ich vierundfünfzich schon jetzt, oder ich musste die Dinger da abwischen. Da waren nit Sport
die Zeit läuft ja. gefördert (lacht), oder noch wat zeigen was du kannst, ja..
1110 I: Hm I: Hm 1170

I. A.: (6) So is et (6) I. A.: … Deswegen, man musst dat alles mithelfen und so, man
I. A.: Was intressiert dich noch? natürlich alles im Garten zuhause.. Und die Schule… ich weiß
I: Em… wenn Sie soweit abgeschlossen haben komm ich noch- et nit, is dat nur bei uns in der Familie oder, Mutter konnte
mal auf Fragen zurück, die mir gekommen sind. Sie haben mich nich kontrollieren, uns, weil sie selber dat nicht äh hat ja
1115 von ihrer Schulzeit nur vier Klassen (die) in Deutsch, sie hat dat von allem nicht 1175

I. A.: nix erzählt, ja verstanden, Vater auch äh, wat wir haben den erzählt, dat
I: nicht so viel, ja. Das würd mich nochmal intressiern. habe sie uns geglaubt, ja. Un äh.. wir haben dat nit, nit so gut
I. A.: Ah.. ja… Da war nit so aufregend das war normale gelernt in der Schule, mein Bruder, ein Buch, unten Lehrbuch
Schule, bin ich zur Schule gegangen, ich war nich die beste und oben ein Roman oder was ( ), und Mutter kommt: »Die
1120 Schülerin, ah hab immer so, fünf war ja bei uns die beste Note, lesen, alles klar«, aber was sie lesen, ja. 1180

hab immer so vier gehabt und dreier hab ich geahabt, drei I: Achso, hm hm (lacht)
und vier, so war ich Mittel, immer in die Mitte gewesen… I. A.: Ich hab aber nit so viel gelesen als Kind, hab ich nit so..
deswegen war da nix wat besonderes nit so viel gelesen, uns wurde ja auch nit so viel vorgelesen,
I: Wie wie lange waren sie? wie jetzt machen meine Kinder mit ihre Kinder, ja. Von mein
1125 I. A.: Zehn Klassen. Zehn Schuljahre waren da. Damals hab Mann, wir haben äh angefangen schon immer dene Kinder 1185

ich zehn Schuljahre gemacht und dann die Ausbildung als vorlesen abends vor dem Schlafengehen, und hat er viel Wert
Bibliothekarin. gelegt auchdas die Kinder, eben was aus dene wird, ja. Un äh
108 anhang b Interviews und Gedächtnisprotokolle

haben wir damals schon, hab ich schon angefangen zu lesen, I. A.: Ja ja ja, so eine Schule ja. Sind wir dahingegangen
dene Kinder vorlesen. Und dann wann sie Fragen haben ge- I: Berufsschule
1190 stellt, heute hat sie die Frage gestellt, hast noch keine Antwort, I. A.: Berufsschule. Und da wurde da Adressen da, wo man 1250

morgen hat sie schon andere Frage ja (lacht), eben Kinder so da äh.. sind wir dahin. Nix, die Stadt nicht, niemand da, ganz
ja. Meine Tochter hat sich damals mit der Sonne interessiert Fremde. Wir sind zu zweit, sind wir hingefahren. Eltern sind
und wat alles, bis man hat dann rausgefunden wat sie wollte, nit mitgefahren, die Eltern haben kein Geld gehabt uns dat
hat erklärt (lacht), is schon wieder wat anderes. Un ich, weil zuu.. helfen oder wie auch immer ja. Dat war Almata, dat war
1195 ich hab gearbeitet in der Bücherei und dann hab ich schon ziemlich weit von uns.. sind wir dahin, Papiere abgegeben, so 1255

äh.. viel Bücher haben wir zuhause.. weil das war, das war dann haben da draußen gesessen am am Bahnhof, haben so
dat einzige wo ich so dran konnte kommen, weil ich konnte Frauen gesessen, alte, und die haben da verkauft Kleinigkeiten
kaufen was die anderen nicht konnten, weil ich hab Kontakte I: Hm
mit den (Chefs) so gehabt ja, und dann haben wir sehr viele I. A.: So äh an der Straße ja. Und dann haben wir gefragt:
1200 Bücher zuhause gehabt, und die Kinder viel gelesen, wir ha- »Wissen Sie vielleicht wer kann hier äh… in Miete man neh- 1260

ben auch sehr viel Bücher nach Deutschland gebracht, hab men?« ja, zum Übernachten. Wir sind gekommen, wir haben
ich da eingepackt, dat war mein einziges, weil wir haben da hier niemand und wir wissen nit wo sollen wir übernachten.
immer so zum Beispiel Gogol oder Dostojewski oder is noch Ja.. das nicht äh jedes Kind konnte, die Eltern mitgefahren,
die ganze, alles von ihm ja, die ganze.. zwölf meine nicht ja. Und bei der auch, die hat nur Mutter ge-
1205 I: Hm hm, die ganze Reihe habt, kein Vater, sind wir weg. Ja dat haben uns da ah alte 1265

I. A.: Ganze Reihe, so und dann.. ich konnte dat da so kaufen Frauen: »Aja, die lebt alleine, die hat da Zimmer frei. Fragt
und dann hab ich versucht dat zu kaufen, weil ich dat denk ich mal, vielleicht könnt ihr bei der da übernachten.« Und so sind
mir, wann ich dat nit für mich dann für Kinder alles besorgen wir dahin, bei der Frau angeklopft, gefragt: »Ja gut, kommt
ja. Un äh viel von Kunst, weil mein Mann hat Kunst so geliebt rein, fünf Rubel kostet, ok«, unsre Eltern haben da Geld ein
1210 äh dat hat ihm gut gefallen, die Malerei und so alles. Haben bisschen mitgegeben. Un so sind wir da, sind wir zur Schule 1270

wir da Bücher viel gehabt zuhause. Wann man selber da nicht gegangen… dann nach gewisse Zeit – zwei Wochen oder wie
so genau alles aber, und ich hab dann immer besorgt, wann lang – musste da so Vorstellunggespräch sein.
dat wusste, hab immer besorgt die Bücher und selber nit viel I: Hm
gelesen (lacht). I. A.: … Un meine Freundin, da musste man ja erzählen
1215 I: Hm hm warum man den Beruf will und so weiter.. Ich weiß nit aus 1275

I. A.: Wann sie wat brauchten äh (5) hab meine Schulzeit.. welchem Grund, auf einmal wollte ich den Beruf, weil wir
wat.. nix aus der Reihe so, nix wat besonderes. Auch nicht so haben eine Käsefabrik gehabt bei uns große, und ich hab ge-
ganz schlecht das ich mal da war äh so.. überhaupt nit wollte, sagt: »Ja, dat is ja mal wat handwerkliches zu machen und so
manchmal nit so zu jeder Stunde nit so viel Lust. Wann mit weiter«, und dat wollt ich dann machen. Sind wir hin, äh und
1220 manche Lehrer da ein bisschen dann.. (lacht) wie dat is dann die haben sie nicht genommen, meine Freundin, die haben 1280

Pubertät, dann hat man sowieso andere, anderes im Kopf als.. gesagt: »Wir nehmen sie aber Ihre Freundin nicht.« Hab ich
nich so strebig war ich in der Schule, ne… gesagt: »Dann bleib ich nit. Ich nicht, alleine hier, nein!«
I: Und äh, was hat Ihr Vater nochmal beruflich gemacht? I: Hm
I. A.: Vater hat ja keine Ausbildung gehabt, hat auf dem Bau I. A.: Und dann hat et mir dat nit gepasst, dass sie.. wollten
1225 gearbeitet. Bauarbeiter. Hat sich aber auch so hochgearbeitet, mich nicht nehmen ja, a mich nehmen und sie nicht… Und und 1285

war Vorarbeiter sag ich mal so ja. Hat sich so.. nicht von äh.. dann bin ich da weggefahren. Dann bin ich zu meiner Tante
schulische aber so im ( ) war er dann später Vorarbeiter auf da nit weit, is meine Tante hat da gelebt, bin ich zu meine
der Arbeit da, hat er, hat er sich alles selber beigebracht.. wie Tante weil ich hab mich sogeniert nach Hause zu fahren, so
dat, da und da.. geschämt: »Wie fährst du jetzt nach Hause!«.. Ja, in Russland
1230 I: Und wie haben Sie die Entscheidung getroffen Bibliotheka- hat dat so, Schule fertich undalle fliegen raus aus dem Nest, 1290

rin zu werden, Sie haben gesagt Sie haben die Ausbildung da in die Städte und.. in die große Welt ja. Und du kommst jetzt
gemacht, aber wie kam’s dazu? zurück, hast nix, kommst zurück, wat machst du, ja. Ne, bin
I. A.: Ja, weil damals meine Mutter zuerst hat in der Schule ich zu meine Tante gefahren, meine Patentante.. und dann
gearbeitet und dann hat sie.. in der Bibliothek hat sie geputzt. hab ich da auf eine Fabrik.. gearbeitet paar Monate. Hab ich da
1235 Und dadurch, durch die Mutter bin ich gekommen zu diesem gearbeitet auf irgendwelchen, auch so was, mit dene Bohrer da, 1295

Beruf. da haben sie die Bohrer gemacht zum in die Erde, zum Bohren,
I: Hm zum.. wat da rauszuholen. Und da hab ich auch gearbeitet,
I. A.: .. Weil äm äh.. zuerst hab ich noch probiert, ich wollte.. haben sie da angelernt.
nach der Schule äh, hat mir so gefallen, wollte ich Käse machen, I: Hm
1240 in so eine Käsefabrik gehen, zum Käse machen ja. I. A.: Hab ich da paar Monate gearbeitet, dann meine Mutter 1300

I: Hm immer Briefe geschrieben, das war ja schon Sibirien, das war


I. A.: Da bin ich gefahren mit meiner Freundin, ganz alleine, der Stadt wo ich geboren bin. »Da is so kalt und komm doch
ohne Eltern ohne nix, im Zug, wir zu zweit, andere Stadt. Und zurück und dies und jenes!« und so weiter und dann irgend-
da wussten wir von Niemandem in der andere Stadt, sind wann bin ich dann.. zurück, nach Hause. Und dann.. musste
1245 wir einfach einfach gegangen äh.. Utschilischi das ist wie, ja ja die Zeit bis wieder ab August fängt de Schuljahr an, und 1305

wie heißt dat jetzt Utschilischi.. dann hat meine Mutter gesagt: »Komm, mach doch das, is
I: Äh, Auszubildende, oder? doch gut.« Un ich, eigentlich wollt ich nit so. Und dann meine
Interview: Irina Albert 109

Mutter: »Ja, is ja nit schwer Arbeit, is watfür Frauen« und tet? Was
dies und jenes. »Na gut, komm mach ich« und dann hab ich, I. A.: Nachher in der Stadt hab ich gearbeitet in der Büche-
1310 muss ich da, muss man da Prüfung machen und so bis man rei… äh und dann.. in der Schule war auch Bücherei, direkt 1370

da alles.. so bin ich Bibliothekarin geworden. in der Schule. Und dann hab ich hab ich gewechselt, von der
I: Hm, das war in dem Dorf, wo Sie auch aufgewachsen sind? normale Bücherei, der Stadtbücherei, hab ich gewechselt in
Die Ausbildung? die Schulbücherei.
I. A.: Nein nein nein, die war in der Stadt, da war sechzich I: Hm
1315 Kilometer weg. Das war in die Stadt, im Dorf war ja nit. Die I. A.: In der Stadtbücherei waren wir vier Mann, war so Bü- 1375

Schule war ja dann da und da musst ich da hin fahren. cherei, waren wir vier Mann da. Äh.. und hier in der Schulbü-
I: Jeden Tag? cherei war ich alleine. Und heißt das wie Leiterin, weil ich war
I. A.: Nein nein, zwei mal im Jahr. Ein Monat zwei mal im da alleine. Und ich hab da zum Lesen Bücher gehabt, alles was
Jahr musste man hinfahren, da war so äh.. Schule war da ja. die Kinder so brauchen äh nebenbei zum Lesen und dann noch
1320 I: Achso Fernschule war das ja die später die ganze, für die Schule die Bücher waren auch da, 1380

I. A.: ( ) und zwei mal im Jahr war ja das nur, muss man weil später hat man die nit gekauft, hat man umsonst gekriegt
dann hinfahren. So, für Monat da war Unterricht dann. vom Staat die Bücher später, un alle vier Jahre hat man neue
I: Sonst haben Sie weiter gelebt in dem Dorf bei Ihren Eltern? gehabt, vier Jahre mussten die halten die Bücher. Zum Beispiel
I. A.: Nein, da bin ich, war ich ja schon mit meinem Mann.. habe sie da Geographie oder Mathematik, Geschichte musst
1325 zusammen. ich alles geben wieviel dir, da war doch so ein, für jede Schule, 1385

I: Achso, als Sie hier (Ausbildung) war da auch so zuständich Reino heißt das, ja die, in der Stadt
I. A.: Ja, bin zur Sch, weil da im August hab ich gemacht die… sind ja mehrere Schulen, wir haben ja große Stadt gehabt, da
Prüfung gemacht und wurde da übernommen ja, zur Schule waren bestimmt achtzehn oder zwanzich Schulen, so große
gehen, zur Bibliothekarin. Und im selben Zeitpunkt hat mich Stadt war das ja. Oder noch mehr, ich weiß nit genau, aber
1330 schon der Chef, durch meine Mutter, haben sie mich eingestellt waren viele Schulen. 1390

im ein Dorf, weiter Dorf, meine Eltern haben gelebt so, sag ich I: Hm
mal hm.. wie Oberhonnefeld, und ich dann bin weitergezogen I. A.: Und in jede Schule war ja eine Bücherei und war ja eine
wie Ellingen (Anm. d. A. ca. 5 bis 10 km), in so kleiner Kaff, so Leiterin und dann musste man ja abgeben da wieviel Kinder
ganz kleiner Dorf, und dort haben sie aufgemacht neu.. dort wir haben, wieviel dies und dies brauchen und so weiter und
1335 war Schule, drei Schulklassen waren da, Grundschule nur. Und dann haben sie uns geschickt so viel und so viel Bücher. Und 1395

dann neben der Grundschule war son kleiner, da waren ja nit alle vier Jahre is dann neues Schulbuch gekommen.
viel, da war ja nur Grundschule, zwei Klassen waren da… Und I: Und bei wem haben Sie die Bücher dann bestellt?
dann war de Buchhalter, wie heißt dat jetzt Buchhalter?… Ja I. A.: Ja, das war ja so, noch so eine äh in der große Stadt, da
einer wat hat den Arbeitern den Dorf gemacht den Lohn da. is ja Schuldirektor ja, und dann war ja, in jeder Schule is ja so
1340 I: Ah ja ja, Buchhalter. ein Direktor, und dann is ja noch so dat Haupt da, zusammen. 1400

I. A.: Buchhalter ja. Und da war son Raum und da hat man Wie heißt dat?
angefangen, da hat man eine Bücherei aufgemacht, und da I: Son Bildungsamt oder so was, wahrscheinlich.
wurde ich direkt eingestellt, ich hab angefangen lernen und I. A.: Ja ja ja, die haben dann alles, die haben die haben auch
direkt angefangen zu arbeiten.. Gleichzeitig. Und da hab ich unsere Finanzen, wir haben auch von dene Geld gekriegt, ja.
1345 gewohnt in dem Ort, bei eine Frau in Miete, hab ich da gelebt. Weil wurden ja alle bei dene da eingestellt, nicht in der Schule 1405

Un äh.. dat war Anfang von der Bücherei ja, dat war am I: Nicht von der Schule sondern von diesen
Anfang nicht viel Bücher, aber, und ich konnte ja auch noch I. A.: da ja, von diesem Amt. Und von da ist dat alles auch
nix, wie dat alles geht. Hab ich da nach meinem, wie dat is.. gekommen, von diesem Amt ist dann so alles. Und mit denen
ein bisschen beigebracht wie man die Bücher stellt und ein musst ich dann immer regeln wieviel Bücher, welche und
1350 bisschen alles.. hat man da solche.. äh Impfungen bisschen wann und wie und alles so weiter ja. Wann dann is neues Buch 1410

bekommen von dene wie man wat macht und hat man ja da rausgekommen, nächstes Jahr wieder wat neues, dann musste
gesehen von den große Bücherein äh wo ich hab gewohnt man die entsorgen und dene Kinder verteilen, dann musst ich
früher. Wie man wat macht ja, dekorieren oder die ganze die ganze da, (Bretter), musste die Kinder unterschreiben wat
da, auslegen die Bücher und so weiter und dann hab ich da sie bekommen haben un, dene rausgeben und dann am Ende
1355 angefangen zu arbeiten, da hab ich da gearbeitet. Und dann des Jahres sammeln und wieder die Bücher anderen Kindern 1415

hab ich auch dort in dem Dorf mein Mann kennengelernt, und geben und so, das war noch ja. Und das war aber noch nur…
dann hab ich da geheiratet, haben wir aber in, meine Tochter dat war ja so im Sommer die Arbeit mit den Schulbüchern
is geboren und dann halbes Jahr später sind wir schon in die und ganzes Jahr war ja dann allgemeine, wat sie da brauchen
Stadt gezogen. für Literatur für weiter, in der Schule gibt’s ja mehres was
1360 I: Ah, ok man da, zu Vorträge halten oder wat 1420

I. A.: Und dann in der Stadt, war ich schon hab ich schon auch I: Hm hm, und das haben Sie dann auch besorgt und
äh.. weiter in die Bücherei bin ich da schon gegangen, war ich I. A.: Ja ja, hab ich dann besorgt und bestellt, musste man
schon fertig mit der Schule, mit dem Ausbildung, und dann da so Bestellung, da war son, woher die Bücher von ( ),
hab ich da schon weiter in der Bücherei gearbeitet. da kommen sie alle hin. Und die haben dann Liste wat sie
1365 I: In der Stadt dann? bekommen, und dann haben sie uns gegeben und wieviel, 1425

I. A.: In der Stadt ja, in der großen Stadt. und dann haben sie uns verteilt. Welche Schule wieviel kriegt,
I: Ah, und, Sie haben gesagt Sie haben in der Schule gearbei- dann haben sie auch geguckt wieviel Kinder man hat gehabt
110 anhang b Interviews und Gedächtnisprotokolle

in der Schule, wir haben da so zweihundert gehabt leben, er wollte immer wat machen das et einfach geht. Das
I: Hm et leichter geht – im Dorf haben sie ihm überall gerufen, äh
1430 I. A.: So die Zahl war da. Und dann haben sie geguckt ob Fernseher kaputt kommen sie ihn rufen, Kühlschrank kaputt 1490

man hat da so viel Bücher zum Lesen. Weil manchmal.. ( ) kommen sie ihn rufen, da funktioniert wat nit kommen sie ihn
oder wat war da, auf einmal die ganze Klasse will dat haben, rufen, ja so.. er konnte von allen konnte er da sowat machen
weil sie jetzt dat grad durchnehmen, das Thema, und dann ja.
will das jedes Kind haben ja, zum Lesen. I: Hm
1435 I: Ja, ja ja. Also Sie haben auch so Verwaltung der Bibliothek I. A.: Hat er, immer hat er sich wat ausgedacht, wat neues, und 1495

gemacht? dann hat er auch von der Arbeit viel so äh.. wie sagt man das,
I. A.: Ja ja, weil ich war da alleine, ich musste dat alles ma- hat er sich wat ausgedacht und dat wird dann übernommen.
chen, musste Veranstaltungen machen mit den mit dene Kin- Patent ja.
der noch. Oder teilnehmen an den Veranstaltungen was da I: Hm.. entwickelt
1440 gemacht wurden in der Schule. Hab ich auch gemacht I. A.: Ja so so, dat hat er immer sowat sich, hab ich gesagt: 1500

I: Was für Veranstaltungen? »Komm«, früher war ja kein Mixer zum Beispiel, und ich hab
I. A.: Ja mit dene Bücher da ähh, gelesen oder irgendwelche gesagt: »Komm, du musst die Eier schlagen, wir wollen Ku-
Feiertag Veranstaltung, die Gedichte da lernen, und so weiter chen backen.« Dat muss man ja stundenlang mit dem Dinger,
ja. Dat alles gehörte dazu, das war die Arbeit so ganz zusam- und da war das noch nicht, da hat man ja so Dinger noch nicht
1445 men, so eng miteinander verbunden mit der Schule ja, was gehabt, hat man da mit den Löffeln geschlagen. 1505

sie da haben wat gemacht. I: Hm


I: Hm I. A.: Dann hat er ahh, dann hat er immer gedacht gedacht,
I. A.: … Zu.. zu irgendwelche Feiertag immer so Aufstellung wat er kann machen.. das et geht schneller und leichter ja…
von Bücher dazu, was man konnte dazu lesen, wat Thema ja, Dann hat er die Bohrmaschine (lacht) gebracht und hat sich
1450 oder ja, da war dat so. da wat gebastelt und hat sich da wat so, ja. Ah zum Beispiel 1510

I: Aber mussten Sie Bücher auch selber gelesen haben, die sie im Dorf, wann ich bin zu ihnen gezogen, da hat er doch mit
da angeschafft haben? Mutter gelebt in ganz arme Verhältnisse, aber hat äh, er hat
I. A.: Natürlich musste man, aber wie willst du dat schaffen? sich gemacht, Wasser im Haus hat er gehabt, keiner im Dorf
Ähm, soviel zu lesen, meistens hatte man nur groben Über- hat das gehabt und er hat gehabt. Er hat Wasser gepumpt mit
1455 blick gehabt, weil da war ja, da war ja tausende dem Motor aufs Dach, auf den Dach hat er Fass hingestellt 1515

I: Ja ja großes, und dann runter und dann hat er son, Waschbecken


I. A.: Das ist ja unmöglich. Natürlich is ja gut wann man über normaler konnte man damals schon kaufen, so aus so… Eisen,
jedes Buch weiß bescheid, weil man will dem empfehlen, ja. aber glasiert so. Also konnte man Waschbecken kaufen, hat
Oder einer kommt und sagt dir, ja, er macht das oder das.. er sich gekauft Waschbecken in die Küche und da war im-
1460 und bis ihm empfehlen, da musst du schon wissen wohin mer Wasser, konnte sich immer Hände waschen. Und Abfluss 1520

man greift, ja. Oder wo man soll sowat suchen. Äh die ganze, gemacht, natürlich in Garten, da war kein äh so…
die haben ja auch ihre Ordnung, in der Bücherei die Bücher. I: Auffangbecken
Technik ist da oder über Sozialpsychologie is da oder wie auch I. A.: Ja… und dann hat er gemacht für die Kuh eine Was-
immer ja, dat musste man auch noch alles wissen und alles serstelle dat die da konnten trinken. Und dann verschiedene
1465 richtig hinstellen un lernen weil in jedem Buch is ja so, codiert Kleinigkeiten, hat er sich immer wat so entwickelt. Auch auf 1525

is ja jedes Buch, und dann kann man da so sehen wohin dat der Arbeit viel. Und dann immer war er äh.. er war auch da
gehört und so weiter ja. Da stellt man ja auch hin äh hat man Vorarbeiter und hat äh, zum Beispiel hat er letztes gearbeitet
schon. Aber meistens hab ich selber von Anfang bis Ende, hab wo die ganze Ernte wurde zusammengefahren, von ganzen
ich nit so Romane oder wat gelesen, hab ich nicht. Dörfern wurde die ganze Ernte zusammengefahren und dann
1470 I: Hm wird sie verarbeitet und gelagert ja. Da war ja nit so das jeder 1530

I. A.: Nur das allgemeine Wissen über dat Buch, über was dat für sich oder wat weiß ich, da hat man so gemacht, alle haben
geht ja. zusammengefahren ein großes riesiges… und da haben sie
I: Un em, Sie warn dann, hab ich das richtig verstanden, an dann verarbeitet den Weizen und so weiter, ja. Gemahlen und
der selben Schule wie ihre Töchter dann? Das war die gleiche so weiter und wat da alles mit dem gemacht. Dat zu bauen,
1475 Schule? er hat gearbeitet das bauen, so ein Werk ja. 1535

I. A.: Ja ja. Deswegen hab ich sie dann auch zu mir genom- I: Hm
men in die Schule, und dann hat mir das auch später dann I. A.: Da waren manchmal Kabels, da waren um die hundert
mein Leben erleichtert, ja. Äh, das war dann schon äh.. Ich Kabels drin. Und dann musste man ja jeden anschließen ( ),
hab da aber dann schon früher gewechselt, mein Mann hat am Ende waren ja so viel Maschinen angeschlossen.. und so, er
1480 noch gelebt. Äh, ein Jahr später is et passiert, ich hab schon hat immer die feine Arbeit gemacht. Anschließen und dies so. 1540

gearbeitet und meine Kleine is da schon zur Schule gegangen.. Er konnte gut Zeichnung, in der Zeichnung für Elektro konnt
äh. und dann is et passiert ein Jahr später, weil die war schon er gut dat alles lesen.. was anschließen, dat hat er gemacht
erste Klasse äh, wann et passiert is mit meinem Mann meistens.. dat hat er auch sich selber beigebracht. Äh.. und
I: Ja. Und was hat er beruflich gemacht? er hat, ich auch noch zuhause so eine Figur, hat er geschnitzt.
1485 I. A.: Er war ähh Elektromechaniker, aber er war so äh so, wie Hat er so eine Figur gemacht aus dem Holz, hab ich jetzt noch.. 1545

sag ich dann dir… so begabt ja, er konnte schon viel, äh er hat mitgebracht. Dat hat paar Monate ihm seine Arbeit, hat er
sich auch immer wat ausgedacht und er wollte nit so einfach aber da gemacht.. nur mit einem Messer hat er so… äh ja, vom
Interview: Irina Albert 111

Bild her. Weil er war einmal in Moskau in dem Eremitage, im dat war grad die so Zeit. Und dann.. hab ich gedacht: »Ja,
Museum und dat hat ihm gut gefallen und dann hat er das wann meine Kinder gehen jetzt studieren dort, ich kann denen
1550 einfach aus einem Holzstück gemacht ja. Hat er aber da so, das kein Studium bezahlen«, von dem Geld wat ich damals hab 1610

musst äh… kann nit jeder, einfach so grades Holz und dann verdient, das konnt ich nicht, das konnt ich nicht. Und dann
auf einmal äh dann sind zwei Personen, Mann und Frau und äh, hat man ja auch gesehen, von Westen sind bessere Sachen
er umarmt sie so und dann ein Stein, das so raus zu machen gekommen, bessere Klamotten äh was heißt bessere, damals..
ja. ja un äh… was dat Lebensmittel is so langsam, hat man schon
1555 I: Hm gesehen was da in Deutschland kommt ja, da musst man ja 1615

I. A.: Da muss man schon ein bisschen.. mehr haben wat wer weiß wie lang stehen und irgendwo über die Ecken immer
I: Ja, ja, kreativ sein, begabt die Bonbons kriegen und so weiter ja, dat war ja schlimm, dat
I. A.: Und auch dat auch sehen ja… was.. er hat dat hinge- schon.. äh
kriegt und ich hab dat auch mitgenommen als Erinnerung… I: Ja, hm
1560 Deswegen, er konnte mehr aus ihm sein, aber Schwieger- I. A.: … Und deswegen dann sind alle gegangen und dann hat 1620

mutter hat… damals nit gemacht. Nicht gekonnt, wie auch man gedacht man wird – der Mensch is ja so so immer wo es
immer ja.. besser geht, man hat gut und will ja noch besser
I: Em, Sie haben gesagt drei Erwachsene haben sie zusammen I: Hm
gewohnt, also Sie und Ihr Mann und die Schwiegermutter oder I. A.: Ja. Ja natürlich ich konnte da nit bezahlen dene Ausbil-
1565 wer hat da noch? dung und deswegen bin ich froh das sie hier dat alles geschafft 1625

I. A.: Ja ja, ich, mein Mann und die Schwiegermutter. haben, so so ja.
I: Das war noch auf dem Dorf oder in der Stadt? I: Und ihre Tochter war ja auch schon fertig dort mit der
I. A.: Nein dat war in der Stadt. Auch im Dorf war dat, haben Schule
wir, ich bin ja zu ihnen gezogen. War ich zuerst in Miete bei I. A.: Ja ja, grad is fertig geworden.
1570 einer Frau aus dem Dorf, dann bin ich zu ihnen gezogen. Aber I: Achso, grad fertich und dann sind sie weg oder hat sie da 1630

das war Haus, zwei Zimmer, ein Zimmer, zwei Zimmer. Da noch was angefangen?
war Küche, da hat Schwiegermutter geschlafen, da war Ofen, I. A.: Nein nein, sie hat da nix angefangen
da stand neben Bett. I: Achso
I: In der Küche hat sie geschlafen? I. A.: hat sie da nix gemacht. Un äh (5) da war et alles so
1575 I. A.: In der Küche hat sie geschlafen. Da war nicht mehr, da schwierig mit dem alles, konnte man nix so, so mit dem mit 1635

war ( ). Dat war zweite Zimmer, da haben wir Bett gehabt, dem Kaufen da hat dat angefangen nur alles ah… wie sagt
auf der andere Seite Couch.. und Schrank. Dat war die ganze man dann.. Spekulanten ja, alles (nur über die Spekulanten),
Möbel, und Fernseher in der Ecke und Tisch. Und in der Küche alles konnte man nur auf dem Markt. Und dann äh.. war dat
war Tisch, Mutter ihr Bett, Kühlschrank später gekauft und Leben.. ich weiß nit, war immer so.. das war dann so immer
1580 Waschbecken, das wars. Da hat man auch nit äh.. nit so viel schwierig. Und ich alleine, ohne Mann, ich konnte ich nit den 1640

gehabt. Meine Eltern haben besser gelebt. Ich komm aus, ein so viel äh.. verdienen un weil weil, ich konnte dat nit, woher,
bisschen ähh.. dem seine Mutter war alleine, war arm ja, die ich hab, in der Schule da war ni so gut bezahlt ja
konnte ihm nicht viel bieten. Meine Eltern ( ) auch habe, I: Hm, hm
einfache Arbeiter ja, Putzfrau und auf Bau arbeiten. Aber sie I. A.: Das war zwar gut, ich hab immer Überblick gehabt und
1585 haben zuhause Vieh gehalten und Garten und dann.. immer die Kinder waren bei mir und so weiter, Kontrolle über die 1645

gearbeitet Tag und Nacht, wat verkauft auf dem Markt, das und so weiter, aber mit der Bezahlung hab ich schon ziemlich
sie konnten mehr wat bieten ja. wenig Geld verdient ja.
I: Ja, ja I: Hm hm
I. A.: Und die haben dann auch schon im größeren.. so äh. so I. A.: Un dadurch konnte man da nit so viel leisten, da war ja
1590 wie Rengsdorf ja, wat größerem gelebt. Meine Eltern waren.. man froh wann man dann.. ein paar Schuhe oder wat gekauft 1650

die haben schon Auto gehabt, mein Vater hat schon Auto hat… Aber hat man aber auch doch gelebt. War nit nackich
gehabt und so, zwar kleines aber trotzdem so wie Trabbi. War rumgelaufen ja. Vielleicht noch besser angezogen hat man
damals.. hat auch nit jeder gehabt und so ja. sich auch manchmal, einmal im Jahr, aber maßgeschneidertes
I: Hm hm Kleid geleistet. Und einem der da hat genäht auf deine Figur
1595 I. A.: Und sie haben.. er war so aus arme Verhältnisse sag ich ne. 1655

mal… I: Hm
I: Und.. als Sie überlegten auszureisen, Sie haben gesagt alle I. A.: … Äh… weil die Schwägerin hat im Geschäft gearbeitet,
sind schon nach Deutschland gefahren und dann kam auch dann hat sie von dort ein bisschen wat Sachen gebracht uns
bei Ihnen die Überlegung, und haben auch gesagt das Sie sich das man konnte sich.. man hat sich trotzdem immer schön
1600 wohlgefühlt haben aber, da in der Stadt, haben Sie erwähnt, angezogen. Für die Verhältnisse ja. Und Vater hat da gearbeitet 1660

ich weiß nicht em, wie war das, hatten Sie auf dem Bau, aber er hat auch Kontakte gehabt zu, zum Chef
I. A.: Ja, ja schon hat man sich da eigentlich, aber da war und dat ganze Dinge, der hat dann auch manchmal schöne
ja schon so weit mit der Zukunft, ja. Und dene Kinder wat Sachen gebracht, zum Anziehen für mich oder Teppiche für
weiter zu bieten… ich konnte die Schule nit bezahlen… die.. die zuhause. Dat war ja sehr teuer
1605 Kinder haben ja zum äh. da war grad, dat hat grad angefangen I: Hm 1665

die Zeit wo man, alles wurde privatisiert mehr ja, alles wurde I. A.: und dann musste man alles. Vater hat dat schon gebracht
verkauft und und Geld hat kein Wert gehabt alles, alles wie, un.. damals hat man die ja nur auf die Wand gehängt (lacht)
112 anhang b Interviews und Gedächtnisprotokolle

I: (lacht) I. A.: Ja ja. Hier hat man ja keine, ne hier war ja ok. Er ist
I. A.: Dat einzige äh.. da in Russland bin ich viel auf Konzerte dann, war ja hier Verwandtschaft, hat er gesagt: »Was soll ich
1670 gegangen, auf Musik wat war bei uns, Theater, was weil ich da?« Er hat da gelebt, aber mit der Arbeit nit so gut und so 1730

hab ja da gearbeitet. Und dann konnt ich auch an die Karten und alleine. Und dann sind sie, is er runtergezogen hier zur
besser dran zu kommen. Und das war schon äh, wann ich Verwandtschaft und wir hinterher. Das das ging alles so, heir
konnte hab ich immer, wann war und ich konnte und dat war waren keine Probleme. Habe ja da dat ein Zimmer Notwoh-
auch nicht so ziemlich teuer, finde ich, ja. Das konnte man nung aufgeben, dat war ja nit so Problem. Da musste man
1675 verkraften, das.. un wir sind oft dahingegangen. Wann wat ja nicht Nachmieter oder wat haben. Aber wir sind auch, zu- 1735

war in der Stadt und ich konnte die Tickets bekommen, dann erst ist der Bruder und dann bin ich und meine Eltern und
sind wir immer hingegangen und hier in Deutschland ja nicht. mein jüngster Bruder is noch dazugekommen später. Mein
I: Hm jüngster Bruder, wir sind gekommen äh… im Dezember, un
I. A.: Erstens is das schweineteuer. Ich war einmal äh… ja, bei im März zweiundneunzich is gekommen mein Bruder, mein
1680 Xaviar Naidoo. jüngster Bruder is gekommen aus Russland. Wir haben ihn 1740

I: Aja zu uns geholt, haben aber schon vorher in dem Dorf wo wir
I. A.: Es is aber ja, ziemlich teuer. Wann man einmal hin- haben gelebt eine Wohnung besorgt für ihn, haben wir schon
geht sind ja sechzich Euro ja. Und wann man da, und wir sind da Leute bisschen kennengelernt und so und die haben uns
immer gegangen, wir haben auch früh angefangen Kinder mit- geholfen, haben gesagt: »Ja hier is Wohnung frei, kann er da
1685 nehmen, da konnte man mitnehmen, da hat man Kind auf den einziehen mit zwei Kinder.« So kleine Wohnung, aber war 1745

Schoß genommen, dat war da so. Haben wir auf die Konzerte möbliert alles ja. Und dann is er da, wann er is gekommen, is
auch schon früh unsere Kinder angefangen mitnehmen und er direkt zu uns und direkt in die Wohnung, der hat leichter
es… dadurch, weiß ich nich, so wie jetzt meine älteste Tochter, gehabt ja. Er is gekommen und direkt schon die fertige Woh-
die arbeitet jetzt ehrenamtlich mit Jeroslawen, Jeroslawen und nung sogesagt. Wir haben noch in Notwohnung gelebt und
1690 Haunau sind die Städte… äh er direkt in der Wohnung. War zwei Zimmer, zwei Zimmer, 1750

I: Sind Partnerstädte? sogar noch kleine Küche so war. Aber war in Ordnung. Und
I. A.: Ja ja. Und sie arbeitet jetzt dort ehrenamtlich, die macht dann, sind wir hier rüber nach Koblenz, zuerst mein ältester
das. Wann die kommen hierher macht sie mit ihnen hier und Bruder und dann ich zu ihm, mein ältester Bruder hat sich
sie fährt dahin und so, die Kontakte da mit Jeroslawen. Wat sie aber direkt Haus gekauft.
1695 da alles machen, und sie macht jetzt so gerne schon paar Jahre, I: Mit Familie war er oder? 1755

jetzt will sie im August wieder eine Woche nach Jeroslawen I. A.: Ja ja, war mit Familie. Aber äh… ja, wat weiß ich wie
fahren. Und da übersetzt sie ihnen und wat sie da alles mit dat sagen, er hat auch damals nix kapiert von dem ganzen
denen da macht. Deutschland ja, und hat fünftausend Euro gesammelt bei der
I: Hm Verwandtschaft, weil er ist zu einem hierher gekommen, der
1700 I. A.: Kulturmäßig ja. Und ihre Kinder, die erzieht sie auch hat schon eigene Haus gehabt, Verwandtschaft, der war schon 1760

äh.. Kinder sind sehr beschäftigt, Ballett und Gymnastik und paar Jahre länger hier und hat schon eigene Haus gehabt ja.
Judo und wat alles, so das die Kinder nit so, Langeweile haben Und der hat den angestiftet: »Komm, Haus kaufen, so und
un… auch so aktiv sind, die nimmt sie überall mit und sind, so und wat in Miete leben, Geld ausgeben!« und so weiter
sind voll beschäftigt. Wie sie auch früher war ja (15) und so weiter. Und dann hat er fünftausend Euro genommen
1705 I: Und, Sie haben gesagt das Sie nach Norddeutschland kamen bei der Verwandtschaft, überall gesammelt, hat sich dat Haus 1765

weil Ihr Bruder schon dort war. Wie hat sich das entschieden gekauft in Feldkirchen
das er dahin gekommen ist? I: Hm
I. A.: Wann man kommt nach Deutschland kommt man ja I. A.: für hundertzwanzich tausend D-Mark, alte Bruchbude,
alles in so große… und dann war das noch ein Fachwerkhaus… Und er wusste
1710 I: In diese Auffanglager nich das das is ein Fachwerkhaus ja. Und dadurch äh.. ja, 1770

I. A.: Ja, ja. Und da, haben sie ihn einfach geschickt dahin. Ja, haben sie ihm betrogen, haben sie ihm betrogen. Die haben
da wurde dat entschieden das er kommt dahin. Aus welchem gewusst das er kapiert nicht und vom Gesetz kapiert nicht
Grund auch immer weiß ich nit, weil er is ja gekommen, er is und haben ihm ein Fachwerkhaus verkauft. Und er konnte da
ja gekommen zu Besuch. ja nix ändern, er musste ja so lassen wie dat is und alles nur
1715 I: Achso hm so machen wie dat is für Fach, und das kostet ja wieviel Geld 1775

I. A.: Er hat aber schon Visum gehabt, da war auch schon I: Ja, ja
Visum drin das er kann hier bleiben für immer. Aber am I. A.: Und so is er reingefallen mit dem Haus. Und ich bin
Anfang an, un er is ja dann noch so, nach der Regel das er dann, wann ich dann bin, bin ich auch zu ihm gezogen in dat
is zu Besuch gekommen ja. Und äh, deswegen haben sie ihn Haus. Und dann haben wir da zusammen gelebt, halbes Jahr,
1720 dahin geschickt. Un weil wir da, da sind ja bisschen andere wie lang war ich da, und dann hab ich Fritz kennengelernt 1780

Verhältnisse als hier, im Norden, das is ein bisschen nicht so und bin zum Fritz gezogen und er hat dat blöde Haus bis jetzt
dicht besiedelt wie hier ja und wird dat nit los. Weil dat kauft ja keiner.
I: Ja, ja ja I: Hm
I. A.: und deswegen da, is schon, das wir da dahin gekommen I. A.: Und da kannst ja nix verändern. Er hat ja die kleine
1725 sind, da war grad frei oder was. Fensterchen weg, große gemacht, »oh wirst du zahlen so viel 1785

I: Achso, ok. Aber dann war Ihr Bruder frei hierher nach und so viel Strafe«, wieder rein, muss ja allet so machen, wie
Koblenz zu kommen. Er is jetzt, also das war ihm freigestellt? dat früher war, kannst da nix verändern an dem Haus. Dat is
Interview: Irina Albert 113

dat blödeste. Aber die haben, haben sie nit gefragt, die haben vor Augen haben. Was äh, wie würden Sie die beschreiben,
mündlich gefragt: »Is dat Fachwerk?« »Ne ne ne ne« Und die was war den Menschen wichtig, was war wichtig es ihnen zu
1790 Leute was haben verkauft, dat war Anwalt. Und, die haben erreichen? 1850

dat gehabt, als Kneipe war das früher. Und sie haben dat ihm I. A.: (atmet aus) die Hilfsbereitschaft der Nachbarschaft für
verkauft, betrogen, betrogen. mich.
I: Er hat das Haus gar nicht gesehen gehabt oder was? I: Hm
I. A.: Er hat dat gesehen, aber er hat doch kein Ahnung dat I. A.: Ja, weil ich bin alleine geblieben ohne Mann.. die Nach-
1795 sowat gibt! Und in de Papiere wann et nit steht das ist kein barn, dat dat war alles ein bisschen so en Zusammenhalt, ja. 1855

Fach, is dat nich, das so is, und dann gekauft, fertich. Und Da hat jeder jedem so, is Kleinigkeit, aber trotzdem. Dat war
dann, man darf da nichts machen, verputzen, dat kostet schon so, auf der Arbeit ja, is is egal, die Chefin is mir entgegenge-
tausende von tausend wat man da muss extra Putz nehmen. kommen ja, wegen meinem.. ja
Wat man da machen, muss man alles so, teuer bezahlen. Aber I: Hm hm
1800 die sind dat los geworden. Weil das auch Anwalt is, kannst I. A.: Ah.. oder die Nachbar waren bisschen so äh, hat man 1860

aber nich nachweisen, das du aus Russland kommst und bist so besser, hat man keine so Termine und Hemmungen gehabt
bekloppt, kennst die Gesetze nit, ja. Ist aber so passiert. bei Nachbar zu gehen oder oder wat ja. Oder ein zum andern
I: Und Fritz is, oder Ihr Partner is äh hiesiger?..also gleich, is man ganz einfach gegangen, geht man ohne irgendwelche
auf deutsch (lacht) Termine. Und andere Seite, jetzt mit nach der Zeit find ich,
1805 I. A.: Ja, aber er hat erste Zeit immer nur auf Montage gelebt, vielleicht is et besser nach dene Termine, so dann kriegst du 1865

war ich dann nur, nur Wochenende nach Hause gekommen. Besuch und so und so und so. Und da auf einmal standen sie
Er hat mir dann später auch viel natürlich geholfen, ähm.. hat vor der Tür ja. Dat passiert mir jetzt auch noch manchmal,
er gesagt, Miete am Anfang, er hat gut verdient, er hat.. war Samstag ich hier mit dem Mülleimer grad hier alles aufräu-
immer auf Montage, hat sehr gut verdient ja. Hat er gesagt: men, steht Besuch vor der Tür morgens Samstag schon zehn
1810 »Brauchst nicht bezahlen, gib dene Kinder.« Die Kinder, die Uhr ja, mit vier Mann und die fragen nit äh wat hast du da 1870

waren in de Schule in Alzey ja, dann brauchte man überall grade vor, ja auf einmal stehen sie vor der Tür.. in Russland
Geld ja. Die Tochter in Alzey musste man auch die Zimmer war ja dat so ja
einrichten wann sie is dahin gekommen, Zimmer, zwölf Qua- I: Und was is das dann für Besuch, auch der ursprünglich aus
dratmeter Zimmer hat sie in Alzey gehabt. Wat haben wir Russland kommt?
1815 zuhause gehabt, da stand Doppelbett, Zwei-Etagen-Bett war I. A.: Ja natürlich. Natürlich. Mit Fritz seine Verwandtschaft 1875

da, Tisch stand da.. haben wir solche Kissen genommen, un- is ja das nicht so das, da geht ja alles nach äh Termine sogesagt
ter das Bett geschmissen und solche Sitzecke da gemacht, ja äh und meistens die Familie trifft sich nur bei große Feiern. Bei
war zwölf Quadratmeter. Musste man alles einrichten und uns is ja dat schon mehr, dass Familie öfters zusammengeht,
irgendwie wollte man auch noch leben ja, die hat kein Bafög nicht nur bei große Feiern
1820 gekriegt. Am Anfang wann sie noch ging zur Schule in Alzey, I: Hm, hm 1880

da hat sie noch Bafög gekriegt, aber wann sie hat studiert I. A.: Und einem anderen wird doch geholfen ja. Hab ich
dann hat sie kein Bafög genommen. Haus gestrichen hat mein Bruder mir geholfen, wann er wat
I: Hm zu machen hat helfen wir ihm, so ja, wenn was so ansteht.
I. A.: Hab ich der immer geholfen. Fritz hat gesagt: »Helf dene Er hat Dach gedeckt, sind wir mit alle Mann, alle Kinder
1825 Kinder, und lass und so.« Und dann hab ich schon dene immer, gekommen. Und einer gibt dem anderen, zack is dat oben 1885

die haben zwei studiert, ich hab denen die Wohnung bezahlt dat Dingen ja. A versuch mal du mit zwei Mann die Arbeit
ja, so weil ich bin ja arbeiten gegangen und hat man so dene zu machen. Und, weil wir ganze Familie sind gekommen ja
Kinder muss man irgendwie helfen. alle, un äh dass is ja und da is ja die Gesellschaft schon so
I: Hm ein bisschen.. damals gewesen ja, das man hat schon einem
1830 I. A.: Die hat zwar immer studiert und gearbeitet abends… andere… so, mehr.. dat geholfen ja. Du hast dann auch zurück 1890

Abends hat sie so ein bisschen bei gearbeitet, hat sie in der wat gegeben geholfen dene Leute ja, wann wat bei dene war.
Apotheke Medikamente so verteilt. Hat sie immer dat abends Da kann ich mir so vorstellen ganz alleine in die Stadt und
dann gemacht (5). Ja dann, so weiter gelebt ja… ( ) alles für die niemand Verwandtschaft da, hundertsechzich Kilomenter, ich
Kinder macht. Und jetzt kommen schon mit die Enkelkinder hab kein Auto, dann kann ich nur hinfahren einmal in der
1835 (lacht).. jetzt weiter Woche. Wann Wochenende war bin ich dahin gefahren. Muss 1895

I: Weiter geht’s, ja ich aber dahin Stunde fahren und zurück Stunde fahren. Äh..
I. A.: … Ja em.. soviel zu Ihrer Geschichte erst mal meine das war schon… ja, hat man die ganze Woche keine Oma und
Fragen, ich denke ich hab’s jetzt nachvollziehen können alles, nix gehabt!
hab’s ja nochmal (erfragt) I: Hm, hm
1840 I. A.: Ja, ich bin dann emotional ein bisschen, alles geht das I. A.: Und du musst dann dein Leben mit dene Kinder und mit 1900

mir dann, so normal denkt man ja nicht täglich daran allem wat sie da machen in de Schule und so weiter, musst du
I: Ja ja, das is klar auch irgendwie dat alles, ja. Und ach ufpassen das mit dene
I. A.: wann man dann so kommt dann (lacht)… auch nix passiert, das sie auch nicht auf die schiefe Bahn kom-
I: Hm. Und dann hätt noch n paar.. Fragen sozusagen ex- men, ne. Ist doch so. Manchmal äh, dene Kinder Schlüssel
1845 tra. Und zwar wenn Sie sich jetzt nochmal an das Leben in einfach auf den Hals und die sind draußen rumgelaufen, ge- 1905

Kasachstan zurückerinnern, an die Gesellschaft in Kasachs- spielt draußen ja. Und ich bin dann gekommen später, wann
tan denken und sich ein Bild von dieser Gesellschaft malen, sie dann schon Hort äh, war ja nur bis vierte Klasse war Hort
114 anhang b Interviews und Gedächtnisprotokolle

ja, dann nicht mehr ja, und dann waren sie Nachmittag al- alles reinfrisst dann… (ich meine) dat is… aber in Russland die
leine zuhause. Dann sind sie, haben sie schon mit, wieviele Gesellschaft da war alles so ah, eine Hand wäscht die andere
1910 Jahre waren sie da, da haben sie mir schon wat gekocht bis ja, hat man da so gesagt… Da, wer hat gearbeitet wo er was 1970

ich abends bin gekommen. Wann dat auch halbgebrannte Kar- konnte wat kriegen und dene andere geben, dat war schon
toffeln waren ja, manchmal… Und da is man schon das der ( ) helfen ja.
Nachbar ein bisschen mitguckt ja, un nit so äh.. zwar in der I: Hm hm
Stadt war dat schon ein bisschen äh, ja sag ich mal so, hier I. A.: Uh der gibt mir dat, der gibt mir dat, der gibt mir das.
1915 is ein Flur, kommt man rein und auf jeder Etage waren zwei Das war so, weil das war alles so schwer zu bekommen ja. 1975

Wohnungen, da waren fünf Etagen. Da hat man sich schon Un äh, und da war man so ein bisschen angewiesen dann
ein bisschen, so im Flur zusammen. A was schon in dem an- auf andere vielleicht, ja. Un.. da hat man sich dann… aber
deren Haus war, achtundvierzig Wohnungen insgesamt, hat äh zum Beispiel äh tauschen jetzt dat oder so verrückt, am
man schon nit so mitgekriegt was da bei den Nachbarn oder Anfang war ich ja sehr verrückt zurück zu nach Hause weil,
1920 von draußen schon Kinder, aber schon nit so enger Kontakt ich wollte nicht zurück, ich wollte aber dat haben was ich 1980

gehabt. da gehabt hab ja. Die Wohnung so, dat hat man ja schon
I: Hm hm vermisst. Hier bist du bei die fremde Leute, weißt nicht wohin
I. A.: Un hier in Deutschland is ja so,jeder ja nur für sich. und was und so alles ja.Aber in dat Leben zurück so wie dat
Is ja, ich denke mir dat is deneverloren gegangen. Und zwar, war so, dat wollt ich nicht und wollt ich nie. Und ich war auch
1925 die Verwandtschaft von meinem Mann, die halten auch ein niemals da zu Besuch zurück. Niemals, nein. Weil ich hab da 1985

bisschen.. aber schon äh, die sind jetzt alle älter, sind alle schon auch keine Verwandtschaft mehr außer das dat Grab is von
über siebzich bald achtzich.. wir fahren auch zu dene ohne meinem Mann, das pflegt jetzt meine Freundin. Aber das ich
Termin, ja. Nur bei dene ist ein bisschen.. man kommt, man da, so wie manche haben dann so schreckliches Heimweh, dat
kann auch dahin kommen, dat is kein Problem äh, in Russland hab ich nicht. Ja, da zurückzugehen ja. Vielleicht weil ich war
1930 ist dat dann so, man stellt, wann jemand Gast kommt stellt in dieser Zeit weg aus Russland, waren so Zeiten, schwierig 1990

man alles auf den Tisch. Was man selber, man stellt alles weg zu kommen von dort. Da war zum Beispiel in Moskau die
zuerst in die Ecke wann jemand kommt, ja und dann du, ja. ganzen Banden da, die waren hinterher hinter den Deutschen,
Und in Deutschland wann man zu dene kommt, da kriegst die wussten das sie fahren, dat habe sie da verschiedenes in
du nur Tasse Kaffee, nix mehr dabei, nur Tasse Kaffee… den Bus, da waren so große Busse gefahren, am Flughafen
1935 Aber ich akzeptiere den ihre Leben un, sie, meine, und wann zum Beispiel. Da haben den Bussen die Reifen durch und 1995

meine kommen, meistens, wir sitzen dann fangen wir an wat haben sie Geld kassiert und da verschiedene so, da hat man
hinzustellen, »wir trinken Tee« sagen wir dann ja. Und dann schon mit viel Angst zu tun gehabt ja.
wird immer wat dabei gegessen ja. Weil das is bei uns so un in I: Hm hm
Deutschland, im Dorf versuchen sie ja auch hier in Rengsdorf, I. A.: Und ich bin grad in der Zeit so gefahren. Und dann
1940 versuchen sie auch so die Nachbarschaftshilfe und so auch äh alleine, hinter meinem Rücken die Kinder und Eltern. Da 2000

beibehalten. Dat seh ich ja von den Nachbarschaft, die sind war für mich ja keine.. un dat war schwierich von Moskau
schon alle so auf Nachbarschaft ja. Nur mein Fritz, er will nit. wegzukommen (zitternde Stimme). Dat war so äh, wann wir
Der will nicht von dene nix haben und selber nix geben. waren weg häh… dat Visum zu machen, da musste man Tage
I: Aha lang Tag und Nacht stehen in der Schlange bis du dran kommst
1945 I. A.: Er hat gesagt, besser nit so Kontakt, dann hast deine bei dat Visum zu machen, dat Stempel zu bekommen ja. Bin 2005

Ruhe, gibt’s auch keine Dorfgespräche. Er is so einer Meinung ich vorher gefahren mit meiner Tochter, weil Mutter hat mich
ja. Weil er hat immer auf Montage gelebt, er war nit zuhause, nicht alleine gelassen, hat gesagt: » Nimmst das (du) zu zweit.«
immer nur Wochenende un jetzt ja is.. Ich würde ja mehr Kon- A was konnte das Kind, siebzehn Jahre, konnte mich schützen.
takt mit der Nachbarschaft oder wat haben, aber er will dat nit. Aber war noch eine dabei. I: Ja, ja ja
1950 Er will ne, besser kein, er will dat nit haben. Mit Verwandt- I. A.: Is egal, war eine dabei. Un, dann hat die Tochter mit mir 2010

schaft hat er Kontakt und so äh, aber sehr zurückgehalten. Visum machen, gefahren nach Moskau. Ja, mit Ach und Krach
I: Hm. Und Sie halten sich dann auch zurück aus der Nach- da dat Visum gekriegt und dann hab ich schon, wann mein
barschaft ( )? Bruder weg war, bin ich hingefahren mit ihm äh bis da, ja bis
I. A.: Ja, ich rede schon mit jedem und mit allen und er sagt: sie sind weggeflogen ja. Und hab ich mir schon aufgeschrieben,
1955 »Du bist ja schon hier bekannt, wie ein bunter Hund.« (lacht) die ganze Instanz wohin muss ich dann gehen (lacht), wat ich 2015

I: (lacht) dann zu machen hab dat ich dat bekomm. Und so weiter, alles
I. A.: Ich bin eben so, ein bisschen offener zu den Leuten und mir aufgeschrieben, da war so eine äh… wo die Deutsche sind
wat weiß ich, un er immer, ja das äh, wie sagt man immer.. er hingekommen und dann haben sie da übernachtet, da waren
will dat nit für sich so… er gibt nicht alles preis aus irgendwel- so kleine Zimmerchen, vollgesteckt mit Betten
1960 chen Gründen, er gibt nicht alles preis aus der Familie oder so I: Hier in Deutschland? 2020

ja. Und mir war wichtich in Russland, hat mir weh getan, ich I. A.: Nein in Moskau.
erzähl allen.. und dat wird viel besser ja. Weil ich äh.. und der I: Achso, achso
andere alles verschlossen, aber dat vielleicht von dem Mensch I. A.: Voll mit Betten, Zweistock-Betten waren, und da hat
zu Mensch der andere is, ob dat Russland oder wer is, der man so übernachtet. Da war alles nur Betten Betten und nur
1965 is einfach so ja. Der redet nix und dann.. und ich, ich rede Koffer Koffer ja. Weil hat man ja Ticket gekriegt umsonst ja, 2025

darüber und dann wenn ich wat hab dann red ich (lacht) und un äh.. das wo man da, dat Hotel wo man hat übernachtet.
dann weiß ich wo ich dran bin oder ja. Aber wenn man in sich Manche haben ja privat, wer konnte sich außen, wer Geld hat
Interview: Irina Albert 115

gehabt ja. Aber dat war ja schon von Deutschland und dann weiß nit wohin sie mich fahren nachts. Und da hat man so
sind äh sind gefahren an Flughafen ja, mit dene große Busse. vieles gehört, was sie haben so angestellt ja. Ausgeraubt und
2030 In der Zeit wann ich gefahren bin, da war grad so Mafiazeit. dann, weißt du sowat, denk ich dann, weißt. 2090

Ich ich weiß nit, dat war einfach so. Dann zum Beispiel sind I: Hm
wir dann, haben übernachtet da.. ich mit meine, zuerst wann I. A.: Weil ich war dat in der Familie, alles is ja , war wat ich
wir noch gekommen sind mit dem Flugzeug aus Kasachstan hab gesagt, mussten die eben machen. Die wussten überhaupt
nach Moskau, sind wir ausgestiegen, dat war drei Uhr mor- von nix. Dann sind wir schnell auf dem, in Zug rein, dann
2035 gens war dat, sind wir ausgestiegen und stehen, ja natürlich haben sie uns laufen lassen, weißt. Und gehen wir so, die 2095

sieht man, wir alle so angezogen, aufgeputscht aufge was wir Taschen, die schweren noch, bekloppt warn wir noch, hat man
da uns, neue Kleidung ja, wat alles, und Koffer Koffer ohne so viel genommen, hat man, was weiß ich. Schleppen, und der
Ende, sind wir ausgestiegen und die Mafiosi direkt kommen nimmt dir grad so aus der Hand dein Koffer und sagt: »Ich
bei und sagen sie: »Wohin fahren Sie, nach Deutschland?« Hab helfe, ich helfe. Und ich so: Ich brauch keine Hilfe!« Und er:
2040 ich gesagt: »Nein.« »So jetzt fahren Sie mit uns, wir fahren »Komm komm!« und der zieht dir den Koffer aus der Hand 2100

euch dahin… und sie bezahlen uns so viel und so viel Geld«, (atmet laut ein) owei owei. Naja, sind wir in Zug gekommen
tausend Geld, wat weiß ich I: Mit den Koffern?
I: Wohin? I. A.: Ja mit den Koffern ja, und.. dann sind wir weiter ge-
I. A.: Sie fahren uns dahin, in die äh fahren und sind dann dahin gekommen. Da übernachtet dort.
2045 I: In diese Lager da oder was? Und dann war wieder dat ganze morgens wie man die, an 2105

I. A.: Nein nein, nit Lager, in den Hotel, in dat Hotel. an Flughafen kommt. Zuerst haben sich hingestellt Taxi, von
I: Achso. dene Mafiosi, dann die Busse, und die haben gesagt: »Bis die
I. A.: Hab ich gesagt: »Nein wir fahren nirgendwo hin und Autos vorne nit voll sind, fährt kein Bus weg und keiner steigt
wir fahren nicht nach Deutschland«, ja. Und sie sagt: »Doch in Bus ein.« So, jetzt laufen alle, die Nerven sind auf hundert-
2050 Sie fahren nach Deutschland und Sie fahren mit uns, sonst achtzich ja. Die lassen dich nit in Bus bis sie nich die Autos 2110

kommen Sie hier aus dem Flughafen nit raus.« Und ich sag: voll machen da, was dene die Leute bezahlen, ja. Und wann
»Nein wir fahren nicht nach Deutschland, und nirgendwo.« du verpasst den Flug in Deutschland weißt du auch nit ja wie,
Und stehen wir am Flughafen so, mitten drin so, wat heißt wie willst du dann da weiter alles machen ja. Weißt ja nit, mit
mittendrin.. stehen wir so meine Familie, Vater, Mutter, die so viel, mit so viel Angst mit so viel Angst.
2055 zwei Kinder und noch zwei Begleiter waren da und ich. Und I: Ja ja 2115

die Mafiosi so rum um uns. Sagen: »Sie kommen hier nit I. A.: Und dann, wie auch immer sind die voll geworden, die
raus, wenn sie dat nit bezahlen und fahren mit uns.« Und Autos, sind die weggefahren. Wir in die Busse rein, haben sie
ich hab gesagt: »Nein wir fahren nicht nach Deutschland.« dann Bus, durfte man rein und dann nach Deutschland sind
Hab ich gesagt: »So jetzt verhalten wir uns ganz ruhich, und gefahren. Und deswegen hab ich so eine Angst zurückfahren,
2060 wir müssen die loswerden.« Da stehen so paar Mann, weißt, von dem ganzen, was da mir so is passiert ja. 2120

und laufen so rum un ja, du kannst nicht Polizei rufen oder I: Hm


was, du hast einfach Angst, ja, mitten in der Nacht.. Hab ich I. A.: Dat war.. die haben einfach dene großen Bussen Reife
gesagt: »So, bleiben wir ruhich«, un wir stehen hier rum so un zerstochen und dann sind sie in Bus rein, da musste sie allen
hin und her und gucken hin un da und so weiter. Und dann erstmal abkassieren, und die Leute haben Häuser verkauft,
2065 ab sechs Uhr, wusst ich ja schon vorher, da nit weit is, Zug Autos verkauft, wir haben drei Häuser verkauft, drei Häu- 2125

fährt, mit dem Zug konnte man fahren dahin in dat Hotel, dat ser. Mein Vater, meine Brüder beide ja, und meine Wohnung.
wusst ich ja.. Weil ich war ja schon vorher, hab mir dat ja alles Und ja, dann natürlich wat gekauft, Gold oder wat, sowat
aufgeschrieben. Und dann haben wir gewartet un wir sind da gekauft was man sich früher würde nie im Leben kaufen. Und
gestanden, wir sind nit vom Fleck weg, einfach uns so, und da musste man äh, dat haben ja alle so gemacht ja. Wer wem
2070 hin und her so, (weißt du), in die Mitte. Und die, immer um uns konnte jemandem hinterlassen und Verwandtschaft verteilt, 2130

rund und rund und so, rum gelaufen weißt du.. dat war, dat oder abgegeben dat ganze. Äh, wie man konnte ja.. Und dann
war, dat war mit so viel Angst verbunden, vielleicht deswegen gekauft für Deutschland zu fahren so, so teure Sachen, dann
bin ich ja auch so ja. Weil ich an das, an die Zeit dat denke, nach Deutschland gekommen und die Kinder wollten dat über-
dat war oah total scheiße (gepresste Stimme). Is.. und dann haupt nit anziehen, haben alles weg und haben beim Roten
2075 sechs Uhr, hab ich jetzt gesagt: »So, jetzt müssen wir laufen!« Kreuz Klamotten geholt und angezogen, man wollte ja nicht 2135

aber wie, alle.. hinterher schnell und die haben dann schon auffallen.
nachgelassen auf uns, so, weil immer sind ja Flüge gekommen, I: Hm
und die haben dann gemerkt das is bei uns is nichts zu holen I. A.: Weil die Klamotten waren ja anders da. Dort haben
oder was ja. Ich würde, ich würde ja dat Geld Geld vielleicht sie so ein Haufen Geld gekostet wat wir haben bezahlt. Habe
2080 gerne bezahlen aber ich wusste nich, is ja nacht, wohin sie gesagt: »Kannst ja nicht nach Deutschland so fahren, musst 2140

mich fahren, weiß ich ja nit, wat sie mit uns machen weiß dich ja so fein anziehen«, und wat hast du angezogen.. muss-
ich nit, weißt du. Dann hat man Angst gehabt die nehmen test dann die ganze teure Sachen alles weg und hier den Mist
die dat letzte ab und dann stehst du überhaupt da, ja. vom Roten Kreuz nehmen anziehen und hast dich wohl ge-
I: Hm fühlt, weil du warst dann, bist schon auf die Straße nit so.. äh
2085 I. A.: Und dann hab ich gesagt: »Ne, ich nicht, ich fahr nit.« sonst hat sich ja jeder da, so guckt sich ja jeder um und dann 2145

Manche die waren ein bisschen anders, die sind wat weiß ich, ja noch mehr ja, die Klamotten dann noch sind so. Damals
mit in Taxi eingestiegen und gefahren und so. Ich aber, ich waren ja die Jeansröcke da so genähte und so und alles, oder
116 anhang b Interviews und Gedächtnisprotokolle

die Stiefel für die Kinder da solche. (atmet laut aus) Dat war kaufen ja. Aber damals war ich froh das ich dat losgeworden
schon.. aber bin rübergekommen mit so Schwierigkeiten da bin, dat schwere Teil wohin.. Dat würde schon eine schöne
2150 im Moskau. Erinnerung ja, dat Belarus, dat waren noch die gute Klaviers 2210

I: Hm hm un..
I. A.: Manche haben privat da gelebt und die haben dat über- I: Hm
haupt so nit mitgekriegt ja. Oder haben sie, sind sie vielleicht I. A.: Aja un.. dann hat man da so gelebt aber… die Gesell-
andere Zeit gefahren ja. Und in der Zeit, wann wir sind ge- schaft hat auch dort in Russland so verändert letzte Zeit ja,
2155 fahren dann war dat so… Dann haben wir noch ein bisschen alles alles wurde so schwierig 2215

äh man konnte damals bei uns, konnte man in Taschkent, in I: Also zu Ihrer Zeit, als Sie noch dort waren?
Taschkent konnte man abgeben äh.. so Kiste gemacht wurden, I. A.: Ja ja, ja ja, wie jetzt is weiß ich nit, ich war ja nit mehr
in so und so Maßen, man konnte wat in die Kisten machen dort. Ich meine dat war dann so, hat man vom Westen wat
und nach Deutschland rüberschicken, ja. Weil wir habe ja drei gehört, dann sind die Leute in Urlaub gefahren, in ja, da war
2160 Häuser verkauft un un Autos, drei Autos, dat war schon auch ja dat nit so Urlaub oder was, was man da hat gesehen vom 2220

eine Menge Geld. Bin auf den Markt gegangen, so viel Geld Westen die guten Sachen ja, hat man von irgendwann ein
war bei mir in der Tasche, so viel Geld war, dat hat aber, dat bisschen paar Bonbons gekriegt, Kitekat oder noch wat. Da
war aber nix. Dann konnt ich nix kaufen für dat Geld. Aber weiß ich noch, mein Vater war einmal in Kur, hat er Mann
dat war ja unser Leben, wollten doch nit alles wegschmeißen, kennengelernt aus Deutschland, hat dann gebracht die kleine
2165 dat hat man ja gesammelt Jahre lang, ja. Mein Mann und Bifi-Salami, hat er gebracht, und dann die Bounty und Kitekat 2225

ich, haben wir gesammelt damals fünftausend Rubel, wollten und noch da solche wat. Und dann haben wir die geteilt, jeder
Auto grad kaufe von ihm sein Tod und er hat grad angefangen wollt ja probieren, haben wir ja die Wurst geteilt auf zehn
Führerschein zu machen, und dann is et passiert. Und er hat Leute oder wieviel (lacht) das jeder so ein Stückchen bekam,
gesagt noch vor dem Tod.. so, einfach hat er gesagt: »Will ich wie dat schmeckt. Und natürlich hat ja dat so geschmeckt als,
2170 schon nicht mehr schwarz immer arbeiten«, jeden Samstag ha- wat weiß ich und die ganze Bonbons, dat war ja, dat war ja 2230

ben wir noch mit dem schwarz gearbeitet, mit meinem Mann nicht ja.
ja da, Wochenende, Geld zu verdienen das man Auto sich I: Hm hm
konnte kaufen. Wat heißt schwarz, ja hat man noch nebenbei I. A.: Und dann hat man gesagt, ja wat halten wir uns hier
hat man gearbeitet. fest, weil da erwartet dichvielleicht besseres Leben ja. Und
2175 I: Hm der Mensch is so, man will ja äh, und dann hat man noch, die 2235

I. A.: Und er hat dat so gesagt: »Ich will dat nit mehr. Ge- Eltern haben dann noch immer gesagt: »Wir sind ja Deutsche.
nug. Ich leg dat Geld aufs Buch, dat reicht für die Kinder Wir sind ja Deutsche.« Dann hat man gesagt: »Ja, muss man
für Ausbildung zu machen.« Stell dir vor, so viel Wert war hin, wannalle fahren.«
das damals, die fünftausend, das man konnte dann die Aus- I: Hm. Und in der Gesellschaft, wenn Sie nochmal darüber
2180 bildung machen für dat Geld. Und nachher, wann dat is mit nachdenken, wer würden Sie sagen, wer waren so die in An- 2240

meinem Mann passiert, hab ich gesagt: »Er wollte dat Geld führungszeichen Verlierer, wer waren die Gewinner in.. Ver-
für die Ausbildung. Lass ich.« Hab ich auf Sparbuch angelegt, stehen Sie was ich meine?
dass wenn die Kinder groß sind, dann können sie dat Geld I. A.: In in
vom Vater für Ausbildung. Wat war dann nachher war dat I: In Kasachstan damals so… Naja, es gibt in der Gesellschaft
2185 siebenunhalbtausend (weinerlich) und für das Geld, für die immer, wo man sagt, ok das sind die, die haben’s nicht so gut 2245

siebenunhalbtausend konnte ich – da war anderthalbtausend oder denen geht’s von vornherein irgendwie.. schlecht und es
hat so eine Jacke gekostet gibt welche die
I: Ach I. A.: Aber die Deutsche haben sich immer aufgerappelt…
I. A.: Ja, stell dir vor, Wert von damals und Wert von.. un I: Allgemein mein ich jetzt, also die ganze Gesellschaft dort,
2190 ich hab dat hingelegt, hab gedacht ich mach wat Gutes dene nicht nur die Deutschen. 2250

Kinder, Ausbildung oder heiraten oder wat, würde damals I. A.: Allgemein? Ja äh, da waren ja, achso, damals war ja
reichen dat Geld für äh.. und dat, nachher hat dat Geld ja so so, das die Deu die da, die Gesellschaft hat sich ja gefühlt
schnell Wert verloren ja. Und für die Häuser, für unsere haben als Gewinner, ja. Die waren ja starker und alles die ganzen
sie ja auch nix gegeben ja. Un ja, dann war dat so. Aber man Bomben und wat alles da, Raketen und so weiter.. Die haben
2195 hat ja da dat ganze Leben so gesagt aufgegeben, ja ich hab sich ja nit da, gefühlt als Verlierer. Wir haben ein Nachbarn 2255

gebracht rüber viel Bücher. Viel Bücher hab ich gebracht.. paar gehabt, Russe war er, und war im Krieg und so weiter ja…
Teppiche haben wir gebracht, Geschirr haben wir gebracht, und nachher wann et hat angefangen alle nach Deutschland
Bettdecken und Kissen, sowat haben wir, so Haushalt ja. Und zu fahren und so, und jetzt hat ihm seine Tochter geheiratet
dat hat uns auch schon gut geholfen, wenn wir dat, dann ein Deutschen und is rüber gekommen. Und dann hat er auch
2200 sind die Container gekommen und un ich hab noch Klavier schon damals gesagt ja, das damals schon in Deutschland wa- 2260

gebracht, Klavier konnt ich noch einpacken, aber das Klavier ren schon Lebensmittel viel bessere im Krieg, unsere Soldaten,
beim Umzug is kaputt gegangen. die Russen Soldaten, wann sie haben wat abgekriegt von Deut-
I: Oh, schade schen, da wat habe sie eingenommen, Konserven oder wat,
I. A.: Ja, is kaputt gegangen und dann, und dann in Notwoh- dat war alles, weißt du. Und die wurden auch besser verpflegt,
2205 nung wohin mit dem Klavier. Dann war kaputt und dann hat die deutschen Soldaten als die russische Soldaten. Die haben 2265

eine Lehrerin mir dat abgekauft da oben. Von andere Seite war da schon, aber
ich froh das, aber jetzt zum Beispiel würd ich dat nit mehr ver- I: Ich glaub em..
Interview: Irina Albert 117

I. A.: Falsch ja gefragt, mussten sie ein bisschen Buchstaben und so, und dann
I: Ne ne, nicht falsch aber vielleicht, mein ich, ich mein noch- äh, hat man dat Kind genommen oder nicht in die Schule, in
2270 mal, vielleicht noch’n besseres Beispiel, zum Beispiel, also die erste Klasse. 2330

sozial gedacht I: Achso.


I. A.: Ja I. A.: Ja ja, musst man schon machen in der ersten Klasse son
I: Wer sind die Verlierer, wer sind die Gewinner in der Ge- Test… un äh, die Kinder was haben in der Nähe gewohnt, die
sellschaft. Wer bekommt die besseren Arbeitsplätze oder Aus- musste man schon nehmen ja. Aber meistens sind Kinder von
2275 bildungsplätze, wer kommt an die bessere Wohnung und so außerhalb gekommen, da waren schon ausgewählte Kinder, 2335

weiter, wer hat’s da eher schwer, wem (gelingt’s) leichter? da waren ja meist nit so ausgewählte Kinder wie ausgewählte
I. A.: Aja, dat war ja, dat war ja von vorne von vornerein dat Eltern ja.
die Kasachen haben am besten alles gekriegt. Die Kasachen I: Hm
die haben ja, soviel und soviel Prozent mussten sie in der I. A.: Wann die Eltern sind gekommen von Partei wat weiß ich,
2280 Hochschule Kasachen aufnehmen.. Ja, dat war so, und die habenein Namen oder ein Posten, die wurden auch genommen 2340

Deutschen, die mussten sich ja da ganz hinten anstellen. (Ou ja. Weil äh die Eltern haben da auch sehr viel Einfluss auf die
ne) da mussten sie schon ganz gute Noten haben oder wat wie Schule gehabt. Auf die Gelder von der Schule, weil da musste
auch immer.. Mit der mit dem Schul, mit dem, dat war schon man die Schule selber renovieren und so weiter ja. Da musste
und die Arbeitsplätze ja, da waren ja im Abkom, dat heißt wie man sehen, de Schuldirektor, woher die Farbe kommt, woher
2285 in der Regierung da, da war ja auch in Kasachstan, da haben dat ganze kommt.. oder die Stühle oder dat alles ja. Und da 2345

ja auch die Kasachen, die sind überall besser drangekommen. durch die Eltern von wo anders da, nicht nur, zusätzlich ja,
I: Hm hat er ja dann da ja auch andere Gelder bekommen und was
I. A.: Und die Deutsche, die mussten sich dat alles erarbeiten. von den anderen Betrieben, weißt du. Lackierfabrik oder was,
Oder ja äh, sind alles wieder Kommunisten geworden. Wann wat wurde dene wenn die zehn Eimer Farbe geben da, so
2290 du warst nicht Kommunist, konntest du dich auch nicht weiter ja, der Schule wat Gutes. Aber dat Kind lernt ja da, in diese 2350

äh.. Schule, verstehst. Und dadurch war ja so ein bisschen die


I: weiterkommen ganze Gesellschaft in der Schule, die ganze Eltern die waren
I. A.: ja weiterkommen. Nur wann du bist dann Kommunist schon ein bisschen alle… Leute was in der Stadt ein bisschen..
geworden, dann konntest du wat erreichen. In dem Sinne I: Die haben sich dann auch da engagiert, die Eltern?
2295 wenn du schon weiter in die Regierung und so weiter gehst, I. A.: Ja, ja ja. (Die auch) so, dat war dann schon wat besseres 2355

dann musst du äh.. Und wer war da, die haben da bessere, wer ja.
hat dat mitgemacht – und da brauchte man nit viel – Schein I: Und haben die dann auch Entscheidungen beeinflusst?
ausfüllen und dahin gehen regelmäßig ja, da warst du drin.. I. A.: Äh.. ja, kommt drauf an welche. Ja in den Noten..
I: in der Partei oder was? vielleicht äh hat man da mehr äh mehr geachtet auf dem Kind.
2300 I. A.: in der Partei ja. Und wer in der Partei war, der hat dat ja Da bei den Russen war so, wer schlecht is, dem hat man immer 2360

da überall bessere äh..konnte auch besser dran an die Arbeit gegeben den äh Nach äh Unterricht oder so, nach der Schule
kommen äh.. und alles mögliche ja.. Ich muss auf Toilette. und so. Vielleicht hat in dieses sich ein bisschen ä mitgeholfen
Mach dat Ding aus. oder was ja. Aber äh, oder auch die Kinder sind schon, wann
I. A.: Äh Kasachen und andere Nationalitäten, da durfte man sie schon aus so eine Familie kommen, dann sind sie schon
2305 ja nix.. äh hat man ja auch so, das man zusammen, pabratime auch motiviert anders da, ja, die Kinder. Als wo alles läuft 2365

hat man gesagt, alle Nationalitäten alle zusammen, da hat wie et is, so ja, wenn nit heute dann morgen. Dat is ja alles
man auch nit so.. öffentlich ausgegrenzt jemand ja. irgendwie so zusammen ja.
I: Hm I: Ja, das stimmt.
I. A.: Dat durft man ja auch nit machen, öffentlich hat man I. A.: Dat war aber so in der Schule wo ich hab gearbeitet…
2310 ja dat auch nit gemacht. Nur da waren solchen Vorschriften, Und die Kinder auch solche ja, das… die müssen dann auch 2370

soviel und soviel, ja.. das mit der Schule, mit dene Ausbildung, mehr leisten als die anderen in den anderen Schulen ja.
das war ja schon, die wurden bevorzugt, überall wurden sie I: Achso, man hat auch mehr gefordert.
bevorzugt. Is egal, in den Schulen musste man soviel und so- I. A.: Ja ja, man hat auch mehr gefordert ja. Waren auch noch
viel von dene nehmen und dann, ja… Und ich hab ja gearbeitet so andere wat mehr mussten lernen, nicht nur Englisch, auch
2315 in der Schule, bei uns waren von die ganze Stadt Kinder ge- Mathematik und so wat anderes… 2375

kommen ja. Weil dat war Schule von zweite Klasse, wo man I: Em… und war’s den Menschen in Kasachstan.. was schätzen
hat Englisch von zweite Klasse. Deswegen dat war die beste Sie ein oder wie wichtig war denen, irgendwie politisch sozial
Schule in die ganze Stadt. Und zu uns sind gekommen Kinder oder gesellschaftlich aktiv zu sein? Haben Sie ja schon ein
am meisten äh… da waren schon Eltern wat… nicht soeinfache bisschen angesprochen.. aber vielleicht nochmal… so
2320 Arbeiter sag ich mal. Äh Schule ging ja da nach Region ja, und I. A.: Direkt mit der Politik, hab ich ja da nit so viel zu tun 2380

bei uns sind sie gegangen von der ganzen Stadt sind Kinder gehabt, ich weiß et nit wie.. ja is man da zur Wahl gegangen,
gekommen ja. aber (5) die Wahl, die war ja auch so komisch.
I: Achso ja. War nicht nach Region aufgeteilt. I: (lacht)
I. A.: Ja ja nicht nach Region. Da haben sie die Kinder in die I. A.: Ja, die Wahl, die war ja so komisch. Da hat man nit viel
2325 erste Klasse nit einfach so genommen alles was kommt. Die gehabt zum auszuwählen, das wurde gesagt und dat musste 2385

Kinder mussten kommen und mussten so ein Wettbewerb man wählen, hat man die Urne genommen – hab ja da son
machen. So, dann wurden sie erst genommen. Wurden sie bisschen mitgeholfen – is man dahin gefahren abends, wer da
118 anhang b Interviews und Gedächtnisprotokolle

hat nit gewählt ja. Is man zu dene nach Hause gefahren mit der I: Hm
Urne, einfach dat Dinge rein geschmissen und das war’s, ja… I. A.: Dann sind sie alle zu mir gekommen, eine hat zum
2390 Da war ja nit viel Parteien was man da, ja.. das war ja nur für Beispiel geboren, dann bringt mir jeder da zwei Rubel oder 2450

abzuhaken. Ich hab damals dat so verstanden.. Da war ja nit wat sammeln wir und kaufen wat. Dat hat sich alles bei mir
so ein Parteikampf wie hier jetzt zum Beispiel (un ein bisschen abgespielt ja.
so öffentlich), dat war ja damals nit so. Jetzt is ja da auch ein I: Ah ok, Sie waren die Sammelstelle.
bisschen anders da, aber trotzdem… Ich weiß noch mit der I. A.: Ja ja, ich war da so für die ganze Sachen, für Rente, für
2395 Urne is man gegangen bei de (lacht), wer is nicht gekommen, die Kranken oder noch so wat ja. Hat man sich da bei mir wie 2455

und dann hier rein, »Werf rein!«, das war’s, das sind alte Information, war.. und dann, ja, dat war auch ehrenamtlich
Menschen die.. ja… Eigentlich dat muss man schon sich, ein ja. Hat man ja nit… hat man dann so gemacht.
bisschen selber auseinandersetzen dat mit ganze Parteien da.. I: Hm. Die Leute kamen zu Ihnen, auf Sie zu wenn sie Fragen
wer was, muss man schon beobachten und jahrelang daa was hatten und em Sie haben ihnen irgendwie geholfen oder hat
2400 wer wat macht, ja. Sonst.. is ja das schwierig ziemlich (lacht). sich da eine ganze Gruppe getroffen und 2460

I: Ja, ja ja. Und em, Sie haben zum Beispiel erzählt Ihre Tochter I. A.: Ja äh, manche ab und zu haben so sag ich mal, dat war
macht jetzt ehrenamtlich diese Städtepartnerschaft da. Gab es ja extra in der Schule, zwischen den Lehrern da wurde, einmal
auch irgendwas in die, oder nich nich unbedingt was Richtung im Jahr wird ja gesagt der is für das und das und das verant-
Kultur aber halt allgemein son Ehrenamt äh, wo man, dann wortlich, da wird ja schon so aufgeteilt ja. Und dann wussten
2405 früher in Kasachstan, gab es solche Sachen auch wo man sich sie alle so, ich war ja immer da drin, und dann war ja dat 2465

irgendwie außerhalb noch so, haben wir uns getroffen was man machen kann oder was
I. A.: ehrenamtlich konnte was machen? steht vor, irgendwelche so Veranstaltungen und dann so bei
I: Ja so irgendwie. Kleinigkeiten dann äh hat die Sekretärin gesagt: »Die is krank«
I. A.: Ich da da war äh… so genau ehrenamtlich, ich glaube und so, weil ich hab engen Kontakt mit der Direktorin gehabt,
2410 hier mehr, machen die ehrenamtlich als dort, ja. Oder oder mit der Sekretärin, dat war ja dann schon.. so, muss man mal 2470

hat man dat damals so nit verstanden.. hm da hat man ja auch die besuchen dann naja ne. Da hat man schon besucht Men-
gemacht mit den anderen Städten sowat ja schen mehr, wann wer krank war, die Arbeitskollegen haben
I: Hm immer besucht.
I. A.: Aber ich genau, wer dat alles organisiert so, ob dat ehren- I: Hm
2415 amtlich war oder wat, aber man hat doch die so Partnerschaft I. A.: Dat war so, dat war so.. Hat man schon so… 2475

mit anderen Städten gehabt. I: Und diese Aufgaben von denen Sie grad gesprochen haben,
I: Hm, ja ich mein jetzt nicht nur Partnerschaft, hier gibt’s die aufgeteilt wurden, waren das Aufgaben vom Beruf oder
ja sehr viele auch Organisationen die irgendwie was machen der Arbeit oder waren das Aufgaben, nochmal
und.. zum Beispiel I. A.: Dat is doch privat.
2420 I. A.: Nein nein, da waren die nicht, ich ich weiß et nit.. Zum I: Also es waren private Aufgaben. 2480

Beispiel hier, wieviel is hier mit Behinderte oder so wat ja. I. A.: Ja, wann jemand krank is, hat doch mit Beruf nix zu
Äh, da da hat man dat überhaupt so nit gesehen, das da so tun
viel Behinderte, da hat man überhaupt.. ich weiß nit, da hat I: Ne ne, klar
ma dat noch nit nicht so gehesen… So un… viele machen ja.. I. A.: oder wann jemand hat Kind gekriegt ja, oder oder sind
2425 Verschiedenes ehrenamtlich hier… ich weiß et nit… ich weiß wir dann auf eine Hochzeit, einer hat geheiratet, sind wir 2485

et nit alle dahin, sind eingeladen, dann musste man ja dat Geld
I: Gut, haben Sie nicht so mitbekommen. sammeln. Das waren auch private Sachen ja, das war ja dann
I. A.: Ja, wat ich hab äh, oder hab ich nit mitbekommen oder, nit beruflich.
wat ich hab zum Beispiel.. wat heißt ehrenamtlich, hab ich in I: Em.. ich bin bald fertig..
2430 der Schule, hab ich da gearbeitet, hab ich gemacht zum Bei- I. A.: Ja ja, ich muss auch gehen, wir haben Fortbildung, muss 2490

spiel wann jemand in Rente geht ja, musst ich dene Papiere ich gehen auf der Arbeit, um ein Uhr muss ich gehen.
– da war so bei uns – hab ich die Papiere dene alles gemacht. I: Em noch, wie war das Leben als Deutsche, oder wie war
Dahin und so geregelt und wie und was, manche von uns, das Leben für die Deutschen dort? Können Sie dazu vielleicht
Lehrer sind in Rente gegangen oder Putzfrau oder wat, und noch kurz was
2435 ich hab die Papiere genommen, hab die ( ) und hab dat da I. A.: Ja weil, weil äh wo ich hab gelebt und ich, sag ich schon 2495

so gemacht. Dat war da so. Das war aber, alles musst ich alles wir waren ja eine Familie auf der Straße Deutsche ja.. und da
ehrenamtlich machen. Oder, eine hat Kind geboren, musst ich war man nit so, wir waren angenommen und nit ausgegrenzt
mich um das kümmern, sie besuchen und so weiter, wat kau- auf der, und wann ich dann in der Stadt war da, (weil wir)
fen. Oder eine ist krank, musst ich mich dadran kümmern, so ja in der Stadt gelebt, da hab ich dat Gefühl nicht wat.. ich
2440 die is ja krank, schon im Krankenhaus besuchen und so weiter. hab ja zwischen der ganzen Masse gelebt, da waren alle Na- 2500

Dat hab ich auch ehrenamtlich dat gemacht, ja. Oder noch tionalitäten waren da und ich hab so in so’ner Wohnsiedlung
irgendwelche da so Veranstaltungen, jemand hat da runde Da- wo da… so Hochhäuser waren, da war alles, alle Nationalitä-
tum Geburtstag, haben wir wat gemacht. Und ich hab dann, ten waren da. Und dann hab ich, kann ich dat jetzt nicht so
ich war so’n bisschen, Bibliotheker waren so, die Bücherei so genau, vielleicht wo Deutsche haben so Dörfer gelebt, waren
2445 ein bisschen wie ein Zentrum, ja. Und dann wurde da auch nur Deutsche und so, dat kann man vielleicht wat anderes 2505

so, manchmal so.. wat so kleine Sachen, aber da wurd sich sagen, aber wo ich hab gelebt, ich hab dat.. dat hat man so nit
getroffen und da so wat gemacht ja. gemerkt.
Interview: Irina Albert 119

I: Ok, es war nicht relevant. und Nacht nur gelernt! Ja, Besuch will kommen, »Nein, ich
I. A.: Ja, nein nein, dat war, für mich dat war nit. Ich war nur muss Arbeit schreiben!«
2510 da noch für mich so selber stolz dat ich dann nachher Deutsche I: Hm 2570

war ja. Später, wann ich dann schon konnte ein verstehen ein I. A.: Un so hab ich durchgehalten die drei Jahre, wann ich
bisschen von der Sprache mit Eltern und so. Dann hat dat alles dat würde nit machen.. äh.. ne… Aber, naja ( ) die Sprache
mit Deutschland angefangen und so weiter. Aber hat schon Vieles in sich. Wann man die will gut beherrschen
I: Hm, und wie is das umgekehrt dann hier als Aussiedler zu dann gibt man auch, vielleicht deswegen haben wir auch dort
2515 leben in Deutschland, wie war oder ist das? auch nit deutsch sprechen wollen damals ja, weil wir wollten 2575

I. A.: Ja, am Anfang an auf der Knopffabrik hat mich schon.. ja auch nit auffallen und wollten auch nit mit Akzent sprechen
dat äh oft äh geärgert und beschäftigt ja, weil man wurde wie meine Mutter, wollten ja auch richtig sprechen russisch,
ja als Russe abgestempelt. Man hat ja nit gesagt ja, dat war das man nit merkt das du äh kein Russe bist ja.
ja alles Russen und so weiter und ich hab ja immer gedacht, I: Hm hm
2520 ich bin ja keine Russin. Und zum Beispiel, wir haben eine I. A.: .. Naja 2580

gehabt äh die, junges Mädchen auf der Arbeit die war aus I: Em, noch ne letzte abschließende Frage. Was sind, Sie haben
Tunesien, aber is als Kind adoptiert worden. Natürlich konnte eine Gesellschaft in Kasachstan kennengelernt und hier in
sie perfekt deutsch sprechen und konnte reden ja, und ich saß Deutschland, was sind für Sie die bedeutenden, die wichtigen
ja da manchmal äh.. war schon schwierig ja. Unterschiede und was bedeutet das für Sie persönlich?
2525 I: Hm I. A.: … Ach weiß ich nit, schwierige Frage 2585

I. A.: .. Ja,»Wat seit ihr für Deutsche, versteht ja nix!« ja. I: Das stimmt, ja.
Und dann hat man schon sich so Gedanken gemacht, du fühlst I. A.: .. die ganze Gesellschaft beurteilen
dich als Deutsche und von andere Seite bist ja irgendwie aus- I: Naja aus Ihrer Sicht natürlich.
gegrenzt, weil du verstehst ja die Sprache nit, das ist ja dat I. A.: Ja ja… Bei den Deutschen ist viel verloren gegangen,
2530 wichtigste, das man die Sprache, wann man die Sprache nit meine ich äh.. die haben den Zusammenhalt nicht mehr ja, 2590

beherrscht äh, kommt man auch nit weiter. Und aber äh meine für die, die sagen zwar das dene bedeutet die Familie viel,
Familie und meine Kinder haben dat so, haben direkt angefan- aber äh.. da merkt man manchmal nit viel ja.. aber dat kann
gen Deutsch zu sprechen und.. sich nit so.. abgeknabbelt wie auch in jeder Gesellschaft… dat kommt langsam bei uns auch
manche dat machen ja, äh und deswegen hat man da so nit so.. das man sich auseinander lebt, weil man is ja auch nit so
2535 so, keine, keine so massive Probleme sag ich mal so. Aber äh zusammen, und wann man da jahrelang nit so Kontakt hat 2595

is schon schwierig wenn man sich nicht so ausdrücken kann dann lebt man sich auch auseinander und dann wird dat auch
wie man will manchmal ja. anders da ja.. Und das die.. wat mich hier, das in Deutschland
I: Hm, ja wird viel dene Kinder äh, achtzehn Jahre die können schon
I. A.: Oder man versteht nicht wieso wat du sagen willst ja Wohnung haben und so und so und die müssen selbstständig
2540 und wirst ja einfach abgestempelt. Die Russen die kapieren ja sein.. Aber dadurch denk ich mir nit das sie besser werden. 2600

nit.. so allet, dat is schon ein bisschen frustrierend ab und zu ja. Die muss man zuerst erarbeiten lassen das und dann kön-
In der Schule war bei uns so äh, war eine, die war ein bisschen nen sie sich dat alles leisten. Und nicht sagen so – weil ich
noch älter.. und die hat scheinbar nix gemacht zuhause und nix kenn zum Beispiel hier welche, achtzehn Jahre, dies und je-
gelernt und die hat sich immer gewundert warum wir haben nes, nicht zurecht, von Eltern alleinständich alles kriegen sie
2545 trotzdem eine drei gekriegt und sie immer eine sechs und vom Sozialamt, Möbel Wohnung und so weiter und so weiter, 2605

fünf ja! aber dadurch würden sie nich besser. Dadurch würden sie nit
I: Wo, in welcher Schule? besser, die lernen nicht arbeiten! Und dat is wichtig. Dat is
I. A.: Ja hier, wo ich die Altenpflege hab gemacht. wichtig das man muss sich fühlen das die Gesellschaft dich
I: Ah, ok. braucht und was du machst, (wenn dat auch so viel is).
2550 I. A.: Weißt du dat, hat sie sich schon ein bisschen immer.. I: Hm 2610

»Die haben wieder schon drei!« ja. Un un un sie wieder I. A.: Ja, aber das wird gebraucht. Und das zählt, ja. Und und
ein sechs oder fünf ja. Aja weil wir haben gelernt, is egal äh.. in Russland denk ich mir die Kinder wurden mehr gelernt
ob auswendich oder wie auch immer wie wir konnten, aber zu arbeiten als hier… Ich weiß nit, das is jetzt so mein (Urteil).
wir haben dat (gelernt) und die Lehrer haben dat gesehen dat Das is so, ich denke mir dat is mehr und dat is besser. Weil die
2555 wir wussten um was dat geht. Aber wann man als Deutsche Kinder, manchmal, vor lauter Übermut, vor lauter was sie sich 2615

aufgewachsen und sitzt man da und weiß es nicht um was es erlauben können wenn sie Kinder sind oder Heranwachsende
geht, und denkt man kommt ja durch weil man Deutsche is.. ja, wie man dat sagt, das sie da sich, wat sie dat so leisten
ja.. dat is.. manchmal, weißt du.. em… aber die, die haben ja können, dat früher hat man gesagt: »Hier, solang du deine
auch gesehen in der Schule zum Beispiel unser Fleiß ja, wie Füße unter meinem Tisch sind, muckst du hier nit auf!«
2560 wir da fleißich waren ja… aber sch, na dat is alles so eine I: Hm 2620

(lacht), einer denkt der andere is immer im Vorzug äh, dat I. A.: Und mit dem, das führt ein bisschen jeden Menschen zu
is in die Menschheit so ja vielleicht, und ja, man denkt das Ordnung, und Ordnung is dat auch alles im Leben. Wann du
der andere is immer, die Deutschen denken die Russen sind selbst kannst dein Leben nicht ordnen, du musst aufstehen bei
alle hier bevorzugt ja, die kriegen alles, wie sagt man, in den Zeiten, dies und dies machen nach Plan nach Terminen, und
2565 Hintern geschoben bekommen ja. In die Wirklichkeit muss wann du dat nich lernst als Kind, dat lernst du mit achtzehn 2625

man (gar), ich hab keine Wochenenden gehabt, kein nix, ich wann du selbstständige Wohnung nimmst, lernst du das auch
hab keine Familie, hab ich gesagt: »Ich muss lernen!«, Tag nicht.
120 anhang b Interviews und Gedächtnisprotokolle

I: Hm Haustür und unterhalten uns weiter über weitere potentielle


I. A.: Deshalb muss man schon früh angefangen für Selbst- Gesprächspartner, während Herr B. die lang ersehnte Ziga-
2630 ständigkeit damit (für dene) Kinder äh, das es sich entwickelt rette raucht.
ja. Und hier denk ich mir wird dat zu lang weiter rausge- Er sagt mir, dass ich ihn bei Nachfragen gerne anrufen
schoben.. un raus… und alles, er kann nicht er dies er jenes, könnte.
zwanzich Jahre is noch nix noch nix noch nix. Wir haben
schon Kinder gehabt mit zwanzich Jahren. Und die können
2635 noch keine Waschmaschine anstellen oder was, weißt. Und B.10 Interview: Peter Berndt
dat wird noch.. das ist vielleicht auch der äh, ich weiß nit. Dat
muss man schon fördern früher… das man sich nicht nur für I: Ja gut also, wie Sie ja schon wissen oder wie schon ange-
gute Zeiten interessiert, Karnaval und Kirmes und wat alles sprochen interessiert mich Ihre Lebensgeschichte. Und zwar
ja, das man auch, sich dat zuerst erarbeiten muss, bevor man das Leben, wie das für Sie war in der Sowjetunion und hier
2640 dat dann genießen kann. Das wenn man immer kriegt, alles in Deutschland war und heute ist. Und, einfach Ihre ganze
bekommen Oma Opa hier und da, auf sechs Erwachsene ein Lebensgeschichte und alles was für Sie intressant ist und was 5

Kind, dat Kind weiß nit überhaupt welche Ansprüche soll Ihnen einfällt ist für mich auch intressant. Und äh ich werd Sie
stellen ja. jetzt erstmal nicht unterbrechen und Sie erzählen lassen und
I: (lacht) einfach nur zuhören und wenn ich ne Frage hab dann schreib
2645 I. A.: Is so,is so. Wird behütet bis wat weiß ich wohin ja. ich das hier auf und werd sie Ihnen nach der Geschichte stellen,
Und dann, wat is aus dem dann, auch nix!Ich.. is meine Mei- nachdem Sie fertig erzählt haben. 10

nung. Kinder werden ja immer weniger in Deutschland, und P. B.: Weißt du was, weil die Themen können so stark ab-
ja, Lärm darf man nicht machen, das darf man nicht machen, weichen von dem von der Erzählung. Deswegen müsste man
aber wie sollen Kinder aufwachsen?.. Andererseits, wann nur irgendwie einen Kern, so eine Kernrichtung rausfinden: Ar-
2650 brav sitzt, die Kinder müssen ja auch wat selber experimen- beitsgeschichten äh, Emotionelles, Familiäres oder egal was?
tieren und machen und wat anstellen ja, alles natürlich im I: Ne, also es interessiert mich alles, ja alles was Ihnen wichtig 15

Rahmen, wat man (meint) als Eltern ja. Äh sonst entwickelt ist und Ihnen jetzt einfällt das ehm… intressiert mich. Wenn’s
sich ja dat ja nit, wenn nur brav in der Ecke sitzt und sagt nur zu sehr irgendwie weit wegkommen sollte dann werde ich Sie
wat du machst entwickelt sich auch nicht ja, da muss gewisse unterbrechen und sagen: »Hier (lacht), bitte konzentrieren Sie
2655 Grenze sein ja. Dat is vielleicht auch schwierig einzubehalten, sich mehr auf Ihre Lebensgeschichte! aber ich denke das wird
die Grenze ja. Wie wie weit man wat erlaubt seinem Kind nicht der Fall sein«. 20

oder zutraut P. B.: Na vorwärts dann!


I: Hm hm I: Ja (lacht)
I. A.: wat früher zu machen.. naja… P. B.: (hustet) Geboren bin ich erster Dezember neunzehn-
2660 I: Gut, dann dank ich Ihnen. hundertachtundvierzich in eine Baracke, in eine kleine Stadt
Krasnoturinsk, die war noch ganz klein in diese Zeit noch. 25

Weil der Vater war dort hinausgesiedelt, aus Saratow-Gebiet,


B.9 Interviewprotokoll: Peter Berndt auswolgadeutschen Republik im September einundvierzich,
und dorthin kam auch meine Mutter, die kam aus Tjumen.
Pünktlich um 15 Uhr betätige ich die Klingel von Herrn B’s Die war mit meinem ältesten Bruder dort in Tjumen, in einer
Haustür. Er lässt mich ein, erklärt, dass er gerade renoviert, Kolchose und hat sie dort mehr als Melkerin gearbeitet. Gelebt 30

zeigt mir das Zimmer, das renoviert wird und fragt mich ziem- haben wir in einer Baracke und die war einfach riese offene
lich bald, wo wir Platz nehmen wollen. Schließlich führt er Gebäude, so etwa fünfzich sechzich Meter lang, breit, und die
mich in ein kleines Arbeitszimmer (Schreibtisch mit Computer sogenannte Zimmer waren getrennt einer von die andere mit
und Bürostuhl, Bücherregale und eine Couch). Wir nehmen so einem Bettlaken.
beide auf der Couch Platz. Das Aufnahmegerät liegt auf ei- I: Hm 35

nem Buch auf dem Bürostuhl vor uns. Herr B. stellt nichts zu P. B.: Das.. Meine Mutter hat im Krieg, hat sie noch gefunden
Trinken (es ist ein warmer Tag) bereit bzw. bietet mir auch seine Schwester, die jüngste Schwester.. sie war sieben Jahre
nichts an. alt und vor dem dem als die Mutter sie fand, sie war zwei Jahre
Er ist in guter physischer und psychischer Verfassung, redet ohne Mutter, die war gestorben, und die hat sie gefunden in
überlegt und sehr deutlich. einem Dorf, weil die war zwei Jahre schon als Bettlerin. 40

Als ich das Gespräch nach gut drei Stunden beende, scheint I: Hm hm
er fast darüber enttäuscht zu sein, dass ich keine Fragen mehr P. B.: Na und, der Vater war nicht sehr zufrieden das sie hat
habe; mir scheint, er hätte gern noch weiter erzählt. Er fragt auch dieses diesen Kleinen mitgebracht, aber konnte nichts
mich, wie ich mit dem aufgezeichneten Gespräch weiter ver- machen und dann haben wir so gelebt in so eine Familie.
fahren werde. Wir kommen aber darüber auf ein anderes Danach, bisschen später, ein zwei Jahre später haben sie uns, 45

Thema (Diktiergerät und weitere Gesprächspartner) und er haben sie uns gegeben eine Wohnung, auch eine Baracke, aber
fragt auch nicht weiter nach. Als wir aufstehen (ich zuerst) dort war schon eine feste getrennte Wände. Baracke, Baracke
führt mich Herr B. ins Wohn/Esszimmer, wo er mir ein sehr Nummer dreiundsechzich… Die Wohnung bestand aus eine
großes Gemälde zeigt, das der Vater eines Freundes in den Küche, wenn du reinkommst dann steht ein riesen Ofen, mit
50er Jahren gemalt hat und welches er sich (aufwendig) hat Holz gefeuert, rechts stand ein Tisch, ein Esstisch – Vater 50

nach Deutschland bringen lassen. Danach gehen wir vor die hat ihn selber gemacht, dann ging… eine Öffnung war, stand
Interview: Peter Berndt 121

keine Tür normale so wie, normal versteht man Tür, aber das bierten rauszufinden wohin fahren sie uns
war keine Tür, das war ein Öffnung, und das war die zweite I: Hm
Zimmer.. und dort haben wir gelebt. P. B.: das war so angenommen, das war immer geheim und
55 I: Hm da durfte keiner was sagen. So hat mir das auch, aber wir 115

P. B.: Dort sind auch alle fünf Kinder von meiner Mutter haben langsam verstanden das wir fahren Richtung… Osten.
geboren, ältester war vor dem Krieg, ich war kurz nach dem Weil ging Tjumen vorbei, Kurgan, Nowosibirsk, Baikal und
Krieg und dann noch drei Kinder kamen zur Welt, die Tante immer weiter und immer weiter. Neun Tage waren wir in
und die Eltern, alle da gelebt, in diesen Räumen… Im Jahre diese Waggons eingeschlossen, nicht raus, Essen – zwischen
60 sechsundfünfzich ging ich in die Schule… Hab angefangen diese Waggons stand so eine Esseinrichtung – nur, die haben 120

dort bis zur dritte Klasse, Anfang hab ich noch dort gemacht, dort nur gefertichtes Essen. Und dann zwei von uns müssen
nicht weit von der Baracke stand auch die Schule. Dann hat gehen Suppe holen, zwei das Zweites, Kompott oder Tee oder
Vater, war es erlaubt, das war schon Jahre achtundfünfzich noch etwas, gingen noch zwei, immer mit Begleitung von ei-
neunundfünfzich schon, weil umgezogen sind wir schon im nem.. Gewehrmann. Dann, nach neun Tagen haben sie uns
65 neunundfünfzich.. fuhren wir nach nach Gebiet zweiundvier- in die Stadt Swabodni rausgesetzt, in eine Einrichtung, Ar- 125

zigster Quartal von der Stadt Krasnoturinsk, so hieß dieser meeeinrichtung, Einheit war da, haben sie uns angezogen…
kleiner Ort, bis zur Mitte der Stadt waren es fünf Kilometer. Ich hab einen großen, nach hier diesen Verhältnissen das ist
Dort war auch eine Schule, ging ich dort hin, hab ich dort vier siebenundvierziger muss ich tragen
Klassen geendet, und ab fünfte Klasse haben wir angefangen I: Aha (lacht) Schuhe
70 in der Stadt schon, mussten wir in die Stadt weil dort gab es P. B.: Dort ist es sechsundvierziger. Dann haben sie mich 130

keine Schule mehr in der Nähe. Und diese fünf Kilometer – nicht gefunden die Stiefel. Alle waren angezogen und ich war
egal was war, Regen, Schnee oder Hitze – meist gingen wir zu ohne Stiefel. Einer von uns, welcher kam mit uns in andere
Fuß, man konnte auch mit dem Bus fahren, aber wir waren Waggons, dem konnten sie nicht Kittel finden. Kittel, das ist
so alle arm das meiste gingen zu Fuß, das diese fünf Kopeik Anzug, Pidschak
75 welche eine Richtung kostete die Fahrt, konnten wir eine… I: Aja, ja 135

Weißkohlteigtasche so eine kaufen. P. B.: die Gymnastörka die haben sie ihm gefunden noch, aber
I: Hm hm (lacht) den Kittel konnten sie nicht, der konnte ihn nicht zuknöpfen.
P. B.: Und deswegen, haben wir das gespart und gingen zu Der ist ein Kopf kleiner wie ich, aber breit so, das war wie ein
Fuß diese fünf Kilometer bis zur Schul. Dort hab ich auch Stück Klotz gebauter Mann, sehr kräftiger starker Mann, nicht
80 bis zur achten Klass die äh die Schule geendet.. Nach laangen so das er fettich war, nein, so eine Statur hat er gehabt. Und 140

Gesprächen mit den Eltern – das war, war ja so eine Zeit, dann wir zu zweit, dann haben sie uns wieder »eins zwei die
komische – Vater wollte das ich ginge sofort zu Kursus, Kursus da, die da«, dieser in diesen Waggon, dieser in diesen Waggon.
halbes Jahr so, und als Traktorist arbeite weiter. Und ich hab Dann fuhren sie uns nächsten Tag nach Chabarask, Garafka
den doch überredet, wenn ich das schaffe, die Eintrittsexamen zwei, das ist eine Einrichtung von Flughafen, militärischer
85 abgeben, das er mir erlaubt und finanziert die Lehre. Und ich Flughafen Einheit. Und dort sind wir zwei Monate.. Quaran- 145

hab das geschafft, wir waren sieben Mann pro eine Stelle, so täne sogenannte durchgekommen, mit Lehre, mit allem drum
eine Konkurs war bei uns, und ich hab es geschafft das ich und dran, mit weiß der Kuckuck alles was (lacht), naja.
war angenommen im Technikum. I: Hm
I: Hm P. B.: Und danach haben sie, weil ich hab so eine, na ich hab
90 P. B.: Heutzutage heißt dat Lyzee, KIT – Krasnoturinski in- da nicht alleine, weil ich war einberufen mit den Jungs auch 150

dustrialni Technikum KIT, dreieinhalb habe ich dort gelernt welche waren alle aus unserem Technikum. Alle dreizehn, wel-
als Wärmetechniker.. Hab ich die gut zuendegebracht. Nach che waren an diesem Tag aus unserem Gebiet genommen. Wir
der Entlassung aus dem Technikum, habe ich fünf Tage gear- waren alle aus Technikum und alle waren Wärmetechniker.
beitet und dann einberufen in die russische Armee. Es war I: Hm
95 Mai achtundsechzich, haben sie uns nackt rasiert, alle ins Bus P. B.: Und dann haben sie uns alle, die waren auch bis zu- 155

reingesteckt (lacht) aus der Stadt und fuhren wir weg, nach letzt, in Quarantäne kamen wir auch alle zusammen. Dann
Igorschina, Igorschina das ist eine Sammelstelle in die Swer- haben sie uns jedem so eine Militäreinheit-Nummer, sieben
lowsk-Gebiet. Es gibt eine Sammelstelle von alle Rekruten, acht sechs vier fünf war meine und jeder hat seine gekriegt.
von die ganzen Gebiet. Gigantische Anlage war’s. Aus unsere Dann müssen wir.. und das waren, alle dreizehn kamen zu den
100 Augen, heute vielleicht sieht das bisschen anders aus. Aber Einrichtungen wo wurden die Kasernen gebaut neue. Und wir 160

für uns damals war das: »Mensch das gibt’s doch nit!« und mussten diese Sanitäranlage, Wärmeanlage bauen. Die haben
alle gleichartige Jungs, achtzehn neunzehnjährige alles Jungs das gar nicht kapiert, die haben bestellt Wärmetechniker aber
und alle, einer braver braver als der andere (lacht). das was sie bräuchten war Sanitärtechniker Wärmetechniker
I: (lacht) (lacht) das ist
105 P. B.: Naja gut. Zwei Tage waren wir dort, danach haben I: Achso 165

sie uns reingesteckt in die Waggons, Personenwaggons, lange P. B.: Als ich dem Major, war bei uns der Oberst: » Wie
Fahrt, das dort konnte man schlafen. Dreiundachtzich Mann kennst du das nicht⁈«
in einem Waggon, zwei Begleiter mit Maschinenpistolen, das I: (lacht)
wir nicht wegrennen. Und so etwa sechzehn siebzehn Wag- P. B.: Ich hab das nie gemacht, aber gut ich probiere es zu
110 gons waren damals zusammengebastelt und fuhren wir weg, machen, aber das bedeutet nicht das ich weiß es, das ich et- 170

welche Richtung hat keiner uns gesagt. So wie auch wir pro- was kenne. »Wissen Sie was es Turbinen bedeuten, was es
122 anhang b Interviews und Gedächtnisprotokolle

Turbinen überhaupt ist?« »Mein Bruder arbeitet damit… naja hier, bis zuletzt alles. Das war im Jahre fünfundvierzich ausge-
das ist..« Achso ach.. Der hat da geschimpft und getobt das baut hier irgendwo in Deutschland, dort hingebracht und dort
die Arschlöcher ihm hatten falsch verstanden. Die haben dem aufgebaut. So wie sie waren, so haben sie auch sie aufgebaut.
175 gechickt welche die, na gut dann machen wir das so wie es Das war ein Aluminiumbetrieb, in die Zeiten war das eine 235

ist. Naja gut, haben wir (wirklich) gebaut diese Kaserne neue, von die besten Anlagen von Russland. Aber heutzutage ist
weil die alte Kaserne war schon sehr alt, war so sechsunddrei- das schon vorbei, da ist nichts mehr. Weil, muss man investie-
ßig siebenunddreißig war sie gebaut… Ja und dann hab ich ren, die waren zu gierig. Na dann hab ich probiert so, nach
einfach so, Dienst weiter gemacht. (5) Kam ich heim das war, die Pleite bei den Pipeliner hab ich probiert in den Betrieb
180 vierzehnter Mai.. haben sie mich entlassen. Aber wir haben reinzukommen, Aluminiumbetrieb, na dort haben sie mich 240

noch sehr viel Glück und Geschicklichkeit gezeigt. Zweiein- angenommen. Auch als Aufpasser auf die Gaspipeline wel-
halb Monate vor dem hat mich der gerufen der Major, dann che kommen von die Pipeline, Pipeline ist von Uringoi bis
fragt er mich, ob er so einen Dembels-Arbeit, Demobilisati- zu Deutschland, bis zu Europa, so lang sind die Pipeline. Da
onsarbeit annehmen, und wenn wir schnell und qualitativ das war ich Aufpasser über die Dichtungen da und über die Leute
185 machen die Arbeit dann können wir auch früher gehen. das sie alles richtig machen, ist ja sehr explosive Sache, sehr 245

I: Hm gefährlich.
P. B.: Wir müssen so von Munitionslager neu aufbauen, weil I: Hm
das war auch in so einem Zustand, bald kippt er zusammen. P. B.: Naja, parallel im Herbst hab ich angefangen so in eine
Und dort laden wir Gewähre und Munition und alles mögliche. Hochschule probieren zu, wollt in Institut gehen zu lernen,
190 Na und wir haben das geschafft, vier Mann, haben sie uns weiterlernen. Hab ich so eine, zu den Examen war ich zu spät, 250

entlassen. Fuhren wir heim, achtundzwanzich Rubel in die kam ich nicht zurecht dann da, die zwei Jahre hab ich ja kein
Hand reingedrückt, Ticket von Chabarask bis Jekaterinenburg, Buch gelesen, gar nichts. Man muss ja schon bisschen erfri-
nu bis nach Hause. Die Jungs, welche haben mit mir gearbeitet, schen ( ), ging ich zu Erfrischungen so. Und dann hat mich
die waren weiter als Mittelrussland, Ivanava, Resan äh und mein Freund, oh ich hab damals von Jahre einundsechzich
195 aus diese Region waren die Jungs. Und dann, sieben Tage bin ich befreundet mit dem bis heute, der wohnt hier in Mon- 255

haben wir mit der Gitarre Lieder gesungen das uns jemand tabauer. Wir waren zusammen in einem Pionierlager, dort
da Essen gibt. haben wir uns bekannt gemacht, drei Jahre nicht gesehen ei-
I: (lacht) ner dem anderen, aber danach als ich kam zum Technikum
P. B.: Weil mit diesem Geld konnte man das nicht, das war un- und dann auf einmal waren wir in einer Gruppe. Seitdem
200 möglich in den Waggons wie im Restaurant einmal, zweimal sind wir ungetrennt die ganze Jahre, na immer in der Nähe, 260

Essen und dann hast du nichts mehr. Na dann mussten wir das nicht so das wir ganz, immer in der Nähe… Und dann, der,
irgendwie verdienen und so haben wir das verdient. Na wir der hat das schon vor mir gemacht und war in Chilabinsk
waren jung. (Wann was war) egal, wir haben für den Waggon umgezogen, hat er mich angrufen: »Komm mal, komm mal,
gesungen und gelacht und Witze erzählt (lacht) und.. kamen komm mal! Wir wollen lernen hier, weil hier is es bisschen
205 Omas und Opas, einfach junge Leute kamen und haben uns einfacher reinzukommen.« Dorthin und die Einrichtung, die 265

etwas immer, und war was zu trinken u